Skip to main content

Full text of "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to copyright or whose legal copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the files We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's system: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we can't offer guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the full text of this book on the web 

at http : //books . google . com/| 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



HANDBUCH 

DER 

GESAMTEN SEXUALWISSENSCHAFT 

IN 

EINZELDARSTELLUNOEN 
BAND III 



Digitized by VjOOQIC 



HANDBUCH DER 

GESAMTEN SEXUALWISSENSCHAFT 

IN EINZELDARSTELLUNOEN 

HERAUSGEBER: Dr. med. IWAN BLOCH 



BAND III 

Die Homosexualitat 

des Mannes und des Weibes 



BERLIN SW. 61 

LOUIS MARCUS VERLAOSBUCHHANDLUNO 

1914 



Digitized by VjOOQIC 



Die 

Homosexualitat 

des 

Mannes und des Weibes 

Von 

Dr. med. Magnus Hirschfeld 

Arzt fur nervose und psychische Leiden in Berlin 



Mit einem Namen-, Lander-, Orts- und 
Sachregister 



BERLIN SW. 61 

LOUIS MARCUS VERLAOSBUCHHANDLUNO 

1914 



Digitized by VjOOQIC 



AUe Rechte vorbehalten. 

Copyright 1913 by 

Louis Marcus Veriagsbuchhandlung 

Berlin. 



Digitized by VjOOQIC 



Vorwort und Einleitung. 



Es konnte zuaachst liberfiiissig erscheinen, den auflerordent- 

lich zahlreichen Arbeiten, die in den letzten 50 Jahren liber 

die Homosexualitat ver<5ffentKcht sind, ein weiteres nmfang- 

reiches Buch hinzuzufllgen. Sind doch allein in dem einen 

Jahrzehnt von 1898 bis 1908 in Deutschland und Osterreidi 

liber 1000 groBere und kleinere Originalaufsatze, Broschiiren 

und Monographien tiber diesen Gegenstand gedruckt worden. 

Ich habe mich difeser Rieseiiproduktion gegeniiber nicht leidht 

dazu bereit gefunden, den vorliegenden Band zu verfassen, und es 

bedurf te wiederholter eindringlicher Aufforderungen des Heraus- 

gebers dieses Handbuchs, des KoUegen Iwan Bloch, bis ich 

mich davon iiberzeugen lieiJ, daB es meincj Aufgabe und Pflioht 

sei, das groBe Material, das ich in ISjahriger Beschaftigung 

mit diesem Geblete kennen gelernt habe, zusammenfassend 

nach alien in Betracht kommenden Gesichtspunkten zu bearbeiten. 

Vor alien Dingen lieB sich nicht verkennen, daB gerade 

die Unmenge der Neuerscheinungen, die Fiille neuer Beobach)- 

tungen und Erkenntnisse den Wunsch nahe legen muBte, ein 

Buch zu besitzen, in dem das ganze Problem eine einheiti- 

liche Behandlung und Schilderung erfuhr. Es war klar, daB 

f ftr diesen Zweck das „H andbuch der gesamtenSexual- 

wissenschaft in Einzeldarstellungen** der gegebene 

Ort war, ebenso aber auch, daB ein so groBziigiges Unternehmen 

unvoUstandig sein wtirde, wenn es nicht in den Kreis seiner 

Betrachtung eine Erscheinung einreihen wtirde, die sich eeit 

unvordenklichen Zeiten bis in unsere Tage wie ein roter Faden 

^.^ durch das Sexualleben der Menschheit zieht, zwar sehr ver^ 

^ schieden beurteilt und bewertet, aber doch immer vorhanden, 

^ wenn auch bald mehr auf, bald mehr unter der Oberflache. 

£^ Es kam hinzu, daB wichtige Seiten der Frage, wie die nach der 

S Entstehung, Erkennung, Verbreitun^ und Therapie der Homo- 

W# sexualitfit trotz vieler Publikationen immer noch kcine allgemein 

O^^bX^ 551307 ^ , 



VI 

anerkannte Losung gefunden haben, ja, daB man sich mit der 
einen Halfte des ganzen Stoffes, der Homosexualitat des 
W e i b e s , aus verschiedenen Grtinden verbal tnismaBig nur sebr 
man^elhaft beschaftigt hatte. 

Dieses Buch sebopft aus der Quelle des Lebens. Es sind 
an 10000 homosexuelle Manner und Frauen, die ich im Laufe 
der Jahre in stets steigender Zahl sah, Homosexuelle aller 
Stande und Klassen, aller Volker und Nationen, Menschfen, 
die auBer der gleidben sexuellen Veranlagung oft nichts Ge- 
meinsames batten; ich lernte sie in ihrer unendlicben indie 
viduellen Mannigfaltigkeit kennen von den virilsten bis zu den 
femininsten Typen, von Gesundheit strotzende Homosexuelle 
in voUkommener Zufriedenbeit und seelisch Gebrocbene am 
Rande der Verzweiflung ; ich sah unter ihnen Jugendliche und 
Greise, deren Erinnerungen bis in die Tage Alexander von 
Humboldts zurttckreichten, sprach beimfltichtige und boden»- 
standige, edle und solcbe, deren Charakter und Gesinnungen 
unlauter waren oder geworden waren. Meine Tatigkeit jals 
Arzt und Forscher, als SachverstSndiger vor Gericht und Vor- 
sitzender des Wissenschaftlich-humanitaren Komitees zeigte sie 
mir in alien Situationen; ich besuchte sie in den Gefangnissen 
und stand an ihren Sterbebetten ; viele Hunderte sah ich in 
Erpresserhanden, sehr viele auf Anklagebanken, viele auch, bevor 
sie ihrem Leben selbst ein Ende bereiteten, uber nicht minder 
zahlreiche erblickte ich auch in freundlicheren Lebenslagen, 
bei ihren abendlichen Zusammenktinften, wenn sie die Maske des 
Tages beiseitelegten, in zahllosen Gesprachen uber ihr Leben, 
Lieben, Leiden und Handeln, bei ihren geselligen Veranstaltungen 
und Festen. So baten jnich ktirzlich zwei altere homosexuelle 
Frauen aus dem Volke, der kleinen bescheidenen Feier beizu*- 
wohnen, die sie gelegentlich des 25 jahrigen Bestandes ihrer Zu- 
sajnmengehorigkeit in ihrer gemeinschaftlichen Wohnung be- 
gingen. Ich sprach mit besorgten Miittern Homosexueller, welche 
die Kindheit und Entwickelung urnischer Sohne und Tochter 
tiberwacht batten, mit verstandigen und unverstandigen Vatern, 
sprach mit vielen ihrer Verwandten, Bekannten und Arzte, die in 
homosexuellen Konflikten der ihnen nahe stehenden oder anver- 
trauten Personen meinen Rat einholten, oft genug auch mit den 
Ehehalften homosexueller Manner und Frauen, denen isich 
allmahlich das ftir eie so folgenschwere Geheimnis entschleiert 
hatte, und in zahllosen Fallen auch mit ihren Freunden und 
Freundinnen, mit solchen von groBer Treue und Anhanglichkeit 
und mit solchen, die zu Chanteuren geworden waren oder, wie 
der Trierer Breuer, den Tod ihres Opfers verschuldet hatten. 



Digitized by VjOOQIC 



VII 

Nicht nur in Deutschland, in Berlin, Paris und London sah ich 
Tausende von Homosexuellen, sondern auch in fast alien Landern 
Europas, im Orient, in Amerika, Afrika und Asien, von denen 
ich Teile besuchte, um sie in ihrer heimatlichen Umwelt kennen 
zu lernen ; aus Landern aber, in die mein Weg mich nicht f tihrte, 
erhielt ich, wie etwa aus Japan, China, Slidamerika und Austra- 
lien, von mir bekannten daselbst lebenden Gewahrsmannern aus- 
fiihrlich mlindliche und schriftliche Berichte iiber die ein- 
scJilagigen Verhaltnisse und Zustande. 

Es scheint mir notig, dafi jeSer, der liber die Homosexualitiat 
in ihrer betrachtlichen Vielgestaltigkeit selbstandige Ansichten 
auflert, klarlegt, auf welche Beobachtungen und Erfahrungen 
sich seine Folgerungen stiitzen. 

Der homosexuelle Teil der Menschheit bildet in der groBen Welt 
eine Welt fiir sich, klein im Verhaltnis zu der iibrigen, aber groB 
genug an Ausdehnung und Bedeutung, um auf das eingehendste er- 
forscht zu werden. Wer diese terra incognita richtig erkennen und 
beurteilen will, muB wie ein Forsohungsreisender aus- 
Ziehen, um das fremde Gebiet von Grund aus zu studieren. Vor 
allem darf das Material, aus dem er als Forscher seine Schliisse zieht, 
kein Zufallsprodukt sein. Dazu ist die Anzahl homosexueller 
Manner und Frauen und vor allem ihre Verschiedenheit zu betrachtlich. 
Zufallig ist aber jedes Homosexuellen- Konglome rat, das dem Arzt 
in der Sprechstunde, dem Richter vor Gericht, dem Priester in der 
Beichte „zufallt". 

Manche Autoren, die, wenn sie ein oder zwei Dutzend homo- 
sexueller Manner und Frauen kennen lernten, allgemeine Schliisse 
Ziehen, gleichen jenem oft angefiihrten Reisenden, von dem berichtet 
^•ird, er babe, als er wahrend eines kurzen Aufenthaltes auf dem Bahn- 
hofe von einem rothaarigen und stotternden Bahnhofskellner bedient 
wurde, in sein Tagebuch geschrieben: „Die Einwohner dieser Stadt 
stottem und haben rote Haare". Beispielsweise gilt dies fiir von 
Notthafft, wenn er „als begiinstigendes Moment der Homosexualitat 
eine hervorragende HaBlichkeit" anfiihrt, „die das Gewinnen des 
anderen Geschleohtes unmoglich macht.***i) Aber auch viele andere, 
selbst homosexuelle Manner und Frauen, begehen nicht selten den 
Fehler, sich ihr Urteil — das deshalb oft ein Fehlurteil ist — auf 
Grund einiger Homosexueller zu bilden, die sie in einem einseitigen 
Milieu, etwa in Lokalen oder auf der StraBe kennen lernten, ohne zu 
bedenken, daB es sich hier stets nur um einen kleinen, und nicht 
immer gerade den besten Ausschnitt aus der groBen Zahl handelt. 
Besonders merkwiirdig ist es auch, daB manche Psychiater iiber 
IXrsachen, Wesen und Behandlimg der Homosexualitat TJrteile abgeben, 
noch dazu sehr apodiktische, die nur psychopathische Homosexuelle, 
und vor allem nur die eine Halfte der Erscheinung, die mannliche, 
nicht aber die andere, febenso grundlegende, namlich die weibliche 
Homosexualitat, kennen gelernt haben. Es ist demgegeniiber ein ent- 
schiedenes Verdienst von Nacke, immer wieder in seinen Icritischen 
AuBenmgen darauf hinge wiesen zu haben, daB „wer nicht wenigstens 
Hunderte sah und kennen lernte, sich in dieser schwierigen Materie 



^)Cf. Kossmann und WeiB, Mann und Weib, ihre Be- 
ziehungen zueinander und zum Kulturleben der Gegenwart, Stuttgart, 
Berlin, Leipzig 1908, II. Band, p. 548. 



Digitized by VjOOQIC 



VIII 

kejnerlei Urteil anmalien darf^)." In der Besprechung eiiies Artikels 
von P 1 e i s c h m a n n 3Y der aus einem Beobachtungsmaterial von 
30 Homosexuellen der Miinchener psychiatrischen Klinik die weitest- 
geJienden Schlusse zog, sogt zutreffend Numa Pratorius*): „Wurde man 
es denn fiir zulassig halten, aus der Degeneration der Heterosexuellen 
in den Kliniken Sclililsse ^uf die Entstehung des normalen Triebes 
a 1 1 e r Heterosexuellen zu Ziehen ?*' 

N a c k e selbst und viele Fachleute auf psychiatrischiem 
oder sexualwissenfichaftlichem Gebiet haben ihre frtiheren An- 
sichten liber diesen Gegenstand wesentlich geandert, nachdem 
ibnen umfangreichere Kreise Hojnosexueller zuganglich geworden 
waren. Selbst v. Krafft-Ebing stand nicht an, in seiner 
letzten Arbeit liber diesen G-egenstand, die ein Vierteljahrhundert 
nach seiner beruhmten „P6ychopatlxia sexualis" auf Grund 
un^emein vermehrter Erfahrungen erschien, seine urspriinglichen 
Anschauungen in wichtigen Einzelfragen zu berichtigen. 
Wahrend er beispielsweise 1879 noch streng zwischen an- 
geborenen und erworbenen Fallen unterschied, liefl er' allmahlich 
diese Unterscheidung mehr und mehr fallen und brachte 
1901^) zum Ausdruck, dafl die kontrare Sexual-Empfinldung 
s t e t s auf einer „eingeborenen Storung der Evolution" 
beruhe. Wahrend er ferner in seiner ersten groflen Publikation 
die Homosexualitat als eine Krankheit ansah, erklarte er ein 
Menschenalter spater, dafl er „den Begriff der Krankheit nicht 
mehr festhalten konne** ; nach allem, was er in dieser langen Zeit 
gesehen, ,,dtirfte die kontrare Sexual-Empfindung an und fiir 
sich nicht als psychische Entartung oder gar Krankheit be^ 
trachtet werden.*' 

Haben wir es also als das erste Erfordernis anzusehen, 
dafl, wer in diesen Dingen allgemeine Urteile abgibt, auch in 
der Lage ist, den weitschichtigen Stoff nach alien Richtungen 
zu [iiberschauen, nicht nur in Segmenten, — eine Forde- 
rung, die um so berechtigter ist, als die Besdiaffung 
eines ausreichenden lebenden Materials fiir den gewissenhaften 



2) Nacke in GroB' Archiv 1912. Kleinere Mitteilungen p. 176. 

3) Fleischmann, Rudolf: „Beitrage zur Lehre von der kon- 
traren Sexualempfindung". In der Zeitschrift fiir die gesamte Neu- 
roiogie und Psychiatrie. Originalien: 7. Band, 1911, p. 262 — 317. 

*) Vierteljahrsberichte des Wissenschaftlich-hvimanitaren Komitees, 
Jahrg. IV, Heft I, p. 97, sowie: „Die Diagnose der Homosexualitat". 
in dem Neurologischen Zentralblatt 1908 Nr. 8. — „Probleme auf dem 
Gebiete der Homosexualitat". In der Allgemeinen Zeitschrift fiir 
Psychiatrie und psychiatrisch-gerichtliche Medizin, 69. Bd., 6. Heft, 
besprochen im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen, Jahrg. V, Bd. 2, 
p. 1003. 

*) V. Krafft-Ebing: Neue Studien auf dem Gebiete der Homo- 
sexualitat. Im Jahrbuch f. sex. Zwischenstufen, Jahrg. Ill, pag. 6ff. 



Digitized by VjOOQIC 



IX 

Forscher heute kaum noch auf Schwierigkeiten stoflt, -— so 
wiirdeD wir der gestellten Aufgabe doch nur zum Teil gerecht 
werden konnen, wenn wir nicht neben den Quellen der 
Gegenwart die Quellen der Geschiclite zu Hilf e 
nehmen wtirden. 

Erst aus dem Studium der literarisch oft sehr verbbrgen 
liegenden Cberliefefungen erfahren wir, dafl es sich hier nicht 
um Erscheinungen von heute und gestern handelt, sondern um 
solehe, die so weit zurlickreichen, als uns tiberhaupt Urkunden 
zur Verf iigung stehen : erst durch die historische Arbeitsmethbde 
werden wir gewahr, dafl wir es mit einem Phanomen zu tun 
haben, das sich allerorts nachweisen laflt, wo Menschen in 
ihren Lebensgewohnheiten erforscht wurden; erst auf diesem 
Wege konnen wir ermitteln, wie ungemein verschieden die ganz 
gleichen Empfindungen und Handlungen beurteilt und behandelt 
wurden, bald sich unbehindert entfaltend, bald mit Todesstrafe 
belegt. 1st doch die alteste Quelle, auf die wir in dem Kapitel 
„6eschichte der Homosexualitat'* Bezug nehmen, ein agyptischer 
Papyrus, seit dessen Abfassung viertausendfiinfhundert Jahre 
verflossen sind^). 

Unser Buch will im wesentlichen ein enzyklopadisches sein, 
Einzelfakten und Einzeldaten sammeln und sichten und durch 
Wirklichkeit wirken. Auch besteht unser Ehrgeiz nicht 
darin, absolut Neues sagen zu wollen; das meiste, was wir 
bringen, ist schon irgendwo einmal ausgesprochen worden, teils 
von andern, teils auch von mir selbst. Eine libersichtliche Ord- 
nung, erschopfende Durchdringung und planmaflige Darstellung 
des Stoffes schien mir ein hoheres Ziel. Dieses Bestreben setzte 
Beschrankung voraus. Vielfach lag die Verlockung nahe, Seiten- 
pfade zu betreten, die zu dem breiteren Parallelstrom des hetero- 
sexuellen Sexuallebens und der allgemeinen Sexualwissenschaft 
fuhren, jedoch der Umfang dessen, was unmittelbar zur Sache 
gehorte, erforderte alles fortzulassen, wajs nicht mit dem Gegen- 
stande im direktesten Zusammenhange stand. 

Aus diesem Grunde habe ich auch von der Wiedergabe f o r t - 
laufender Biographien, wie sie sich in f riiheren monographischeji 
Arbeiten iiber dieses Thema so zahlreich finden, Abstand nehmen zu 
miissen geglaubt. Da ich weit iiber tausend ausfiihrliche Lebens- 
sohilderungen homosexueller Manner und Frauen besitze, ware es ein 
leichtes gewesen, mit einem Teil von ihnen ein dickleibiges Buch zu 
fullen. & erschien mir aber richtiger, mein Massenmaterial nach be- 
stimmten Gesichtspunkten, wenn angangig, auch statistisch zu ver- 
arbeiten und das Gefundene organisch zu verbinden. Noch auf ein 
anderes Fundament habe ich verzichtet. Das sind Zeitungs nach- 
lichten. Zweifellos sind in ihnen oft wichtige Hinweise enthalten. Di(^ 

^) Siehe unten p. 738. 

Digitized by VjOOQIC 



Erfahrung hat aber gezeigt, dafl sie, nor selten von Sachkundigen 
verfafit, haufig Irrtiimer enthalten, ziim mindesten oft recht ungenau 
sind. Icli haS) daher nur solche Mitteilungen der Presse benutzt, 
deren Inhalt ich zu verifizieren in der Lage war. 

Konnte ich mich in den rein deskriptiven Teilen meiner 
Arbeit, beispielsweise bei Bssprechung der Diagnose der Homo- 
sexualitat, ihrer Einteilung und Verbreitung, den Lebensaufle- 
rungen und Lebensschieksalen homosexueller Manner und 
Frauen, fast aussehliefllich auf selbstandige Ermittelungen 
stiitzen, standen mir ftir die historischen Kapitel eine 
Flille wertvoller Quellenschriften zur Verftigung, so bin ich 
in den mehr theoretischen Partien, wo es sich also etwa um 
die Entstehung der Homosexualitat, ihre Bedeutung oder Hei- 
lung handelt, bemliht gewesen, auch von den meinigen abweichen- 
den Anschauungen gerecht zu werden. Vor alien Dingen hielt 
ich es ftir wichliig, sorgsam die Grtinde und Voraussetizungen 
zu prtifen, auf welche die Gegner ihre Ansicht^n aufbaoiten; 
denn auch ihre Meinungen sind^ ja ebenso wenig willktirlich vom 
Zaune gebrochen, wie die meini^n, sondern ursachlich be- 
dingt; erweisen sie sich nicht als stichhaltig, so liegt es meist 
weniger an den gezogenen Konsequenzen als an fehlerhaften 
Pramissen, r 

Viele Meinungsverschiedenheiten erklaren sich aus der Be- 
sonderheit der jeweils gesehenen Flllle. Wer mehr feminine 
Urninge untersuchte, wird das fur sie Zutreffende bei virilen 
nichfc bestatigt finden, ebensowenig wie ein Forscher, der nur 
virile Urninden kennen iernte, seine Befunde verallgemeinern 
darf. Wir diirfen nie auCer acht lassen, daB zwischen zwei 
extremen Seitengr uppen stets eine betracht- 
lichere Mittelgruppe vorhanden ist. Setzen wir einmal 
den iFall — ich komme weiter unten auf diese Erklarung 
zurlick — , die Homosexualitat des Mannes beruhe auf Ein- 
sprengseln von Eierstocksgewebe im Korper des Mannes, die des 
Weibes auf eingesprengfcem Hodengewebe, so isit es ja ohne 
weiteres klar, daU die absolute Quantitat solcher organischen 
Grundlagen und der von ihr abhangigen inneren Sekretion in 
weiten Mengen variieren kann. 

Jedenfalls schien mir in alien in Frage kommenden Ab- 
schnitten eine recht sachliche Darstellungsweise ohne Affekfc- 
aufierungen das erste Gebot zu sein ; so objektiv wie moglich, so 
abwagend wie moglich, aber auch in jeder Hinsicht so voraus- 
setzungs- und vorurteilslos wie moglich. 

Ich habe dieses Werk in zwei Hauptteile zerlegt. 'Der 
erste Teil behandelt den homosexuellen Mann und die homo- 



Digitized by VjOOQIC 



XI 

sexuelle Frau alsEinzelerscheinung. Es werden nach der 
Begrif f sbestimmung (Kap. 1) zunachst ausftihrlich die 
Zeichen der Homosexualitat besprochen: Diagnose und Dif- 
ferentialdiagnose (Kap. 2 — 12). Dann folgt eine Einteilung 
der Homosexuellen nach den verschiedensten Gesichtspunkten 
(Kap. 13 — 16). Hieran schlieBt sich eine kritische t)bersicht liber 
die Erklarungsversuche (Kap. 17 — 20) und die Be- 
handlungsmethoden (Kap. 21 — 23) der Homosexualitat. 

Der zweite Hauptteil schildert die Homosexualitat ides 
Mannes und des Weibes als Massenei^sch'einu ng. Hier 
untersuchen wir zunachst eingehend die Verbreitung* 
(Kap. 24 — 29), dann die Vergesellschaftung der Homo- 
sexuellen (Kap. 30 — 32), um schlieUlich in groBen Umrissen ein 
Bild ihrer wechselreichen Geschichte zu geben, das sich von 
den Anfangen der Kultur bis auf die Gegenwart erstreckt 
(Kap. 33-39). 

Um diesen Stoff in ein em Bande abhandeln zu konnen, 
war es erforderlich, daB wir uns in starkerem MaBe, als essonst 
im allgemeinen liblich ist, des Kleindruckes bedienten. Es ware 
aber ein bedauerlicher Irrtum, woUte der Leser aus der GroBe 
der Buchstaben die groBere oder g^ringere Wichtigkeit kle^ 
Inhalte folgern. Vielmehr sind es oft ftir das Verstandnis des 
folgenden unentbehrliche Statistiken, Belege und Befunde, |die 
aus technischen Grtinden „Petit** geisetzt werden muBten. 

Ich kann diese Vorrede ;iicht schlieBen, ohne alien denen 
meinen Dank ausgesprochen zu haben, die mir bei der Herstel- 
lung dieses Kompendiums ihre freundlidhe Unterstiitzung und 
Forderung zuteil werden lieBen. In erster Linie habe ich hier 
drei Mediziner, drei Juristen und zwei Philologen zu nennen: 
Dr. Iwan Bloch, den verdienten Herausgeber dieses Hand^- 
buchs, Dr. Ernst Bur chard und Dr. Arthur Weil; von 
Juristen Dr» Pratorius, Dr. S a s s e n unid insbesondere 
Dr. Dettmering. Unter den Philologen waren es die beiden aus- 
gezeichneten Kenner der Homosexualitat im klassischen Altertum 
Hermann Michaelis und Dr. Hans Licht, die mir wert- 
voUe Materialien zur Verfligung stellten. Bei den uberaus miih- 
seligen statistischen Ausztigen und Berechnungen stand mir in 
erster Linie Herr Eugenio Kunicke zur Seite. WertvoUe Bei^ 
trage liber die homosexuellen Verhaltnisse im Ausland erhielt ich 
u. a. von Herrn J. Schedel in Peking, dem Herrn Chef der 
Polizei in Buenos Aires, Herrn Dr. SpieB aus Algier, 
Herrn L. Strehlow aus Chile und Bolivia, Herrn Staatsanwalt 
Wetterhoff aus Finnland, den Herren KoUegen Dr. med. 
v. T h u n aus Danemark und Dr. med. Amundson aus 



Digitized by VjOOQIC 



XII 

Schweden, Herrn J. L. Pa via aus London, Herrn J oh. 
Fischer aus Madrid und den Herren Dr. med. Rogge und 
Brascamp aus Niederlandisch-Indien. 

Hier habe ich auch den Gesandtschaften und Konsular- 
behorden zu danken, die mir auf meine Anf ragen f reundliche Aus- 
kiinfte und Hinweise erteilten. Es sind dies die Gesandtschaften 
f iir Abessinien (Adis Abebak), Persicn (Teheran) undSiam (Bang- 
kok) ; die General- Konsulate fiir Argentinien (Buenos Aires), 
Australien (Sydney), Britisch-Indien und Ceylon (Simla), Bri- 
tisch-Siid-Afrika (Kapstadt), Chile (Valparaiso), Griechenland, 
Montenegro, Norwegen, Zurich mit Glarus, Unterwalden und 
Schwyz, die Minister-Residenturen fiir Haiti, und San Domingo 
(Port au Prince), Kolumbia (Bogota), sowie die Konsulate fiir 
Algerien (Alger), Bern (Bern), Bulgarien (Sofia), franz. 
Cochinchina (Saigon), belg. Congo und franz. Aquatorial-Afrika 
(Boma), Costa Rica und Nicaragua^ (San Jose de Costa Rica), 
Guatemala (Guatemala), Honduras (Tegucigalpa), Hongkong 
(Hongkong), Kanada (Montreal), Madagascar (Tamatave), Natal 
(Durban), Neuseeland (Auckland), Paraguay (Asuncion), Ru- 
mUnien (Bukarest), Salvador (San Salvador), Slid- Australien 
(Adelaide), Tunis (Tunis), West- Australien (Fremantle). 

Des weiteren gebtlhrt mein Dank den drei Dezernenten fiir 
homosexuelle und Erpresser - Angelegenheiten am Berliner 
Polizei-Prasidium, dem verstorbenen Polizeidirektor v. Meer- 
scheidt-Htillessem, sowie den Herren Kriminalinspektor 
Hans v. Tresckow I und Kriminalkommissar Dr. H. K o p p , 
die meine Arbeiten und Bestrebungen stets mit freundlichWtem 
Interesse begleiteten. ttber die HomosexuaUtat im Tierreich 
erhielt ich wertvoUe Informationen von den Herren Rudolf 
v. Beulwitz und Dr. Otto Heinroth, dem Direktor 
unseres Aquariums. Perner ftihle ich mich fiir Mitteilungen, 
Ratschlfige und Hilf e zu Dank verpflichtet den Herren E d u a r d 
Bertz, Georg Baenisch, Wilhelm Cremer, E. Eick- 
hoff, Peter Hamecher, Professor des Strafrechts Dr. J. A. 
van H a m e 1 , Dr. Adolf Helbig, Professor Dr. K. F. Jor- 
dan, Eduard Oberg, Georg Plock, Christian 
Pulch, Marcel M. Schnitzer, R. Stelter, Horst 
Witte. 

Endlich will ich aber auch den zahlreidhen Herren und 
Damen danken, die rlickhaltlos und vertrauensvoll ihr innerstes 
Seelenleben vor mir ausbreiteten und es mir, wie wohl selten 
einem Menschen, vergdnnten, Homosexuelle in ihren geheimsten 
Regungen zu erschauen. Wenn neuerdings ein Autor wieder 
den Selbstbekenntnissen der Urninge jeden Wert abepricht, „weil 



Digitized by VjOOQIC 



XIII 

jedweder Mensch in geschlechtlichen Dingen lligt, zum min- 

desten unbewuBt, gemeinhin aber auch vol! bewufit**^), so weise 

ich flir die von mir beobachteten homosexuellen Manner und 

Frauen, deren Lebensschicksale ich zum grofien Tail durch 15 

und mehr Jahre verfolgen konnte, diesen verallgemeinernden 

Vorwurf als g&nzlidi unberechtigt zurtick. 

Noch im vorigen Jahrhundert pflegten sich vielfach selbst Arzte, 
wenn sie uber die Homosexualitat schrieben, in der Einleitung ihrer 
Arbeiten zu entschuldigen, daB sie einen solchen Gegenstand iiber- 
haupt zu beriihren wagten. „Que ne puis-je §viter de salir ma plume 
de rinf&me turpitude des p6d6rastes" ruft der Pariser Gerichtsarzt 
T a r d i e u *). einen anderen Autor zitierend, aus, und selbst Casper, 
den iriricns mit Recht den Trefflichen nennt, schreibt, als er in 
seinem Handbuch der jgerichtlichen Medizin^) auf dieses Kapitel kommt : 
„Der heilige Zwecfe der Wissenschaft wiirde es rechtfertigen, wenn ich 
Selbsterfahrenes auch hier schilderte, aber iiber dem lieiligen Zweck 
der Wissenschaft steht der heiligere der Sittlichkeit, der ein weiteres 
Eingehen auf diese Dinge verbietet." Der Jurist Rosshirt er- 
klart in seinem Lehrbuch des Eriminalrechts (§ 129) bei Besprechung 
der einzelnen Delikte, daB er iiber das Gebiet der widernatiirlichen 
Dnzucht als ein „zu schmutziges" hinfortgehe. Selbst als so vor- 
xirteilslose Manner wie Gustav Jager in Deutschland und E m i 1 e 
Zola in Frankreich ausfiihrliche Biographien homosexueller Menschen 
zugesohickt erhielten, fanden sie nicht den Mut, das groBe Schweigen 
zu brechen; sie waren, wie sie schrieben, wohl auf a tiefste erschuttcrt, 
verwahrten aber die Manuskripte tief in ihren Schranken, bis Jahr- 
zehnte spater Arzte die Herausgabe ubemahmen. 

Diese Scheu vor der wiseenschaftlichen Erorterung des 

homosexuellen Problems ist heute im Zeitalter der Sexual- 

forschung ein liberwundener Standpunkt. Mit Becht auBert 

sich Wilhelm Ostwa,ld liber sie bei Besprechung^^) des 

ereten Bandes dieses Handbuches : „Wir haben es hier, wie auch 

in der Ethik, die ja mit dem Sexualproblem in engster iBeziehung 

steht, mit einer letzten Stufe der Ver wissenschaf t- 

lichung zu tun^ durch welche nacheinander aUe leinzelnen 

Disziplinen des menschlichen Denkens und Handelns der Ver- 

waltung durch die Priester entzogen und der Verwaltung durch 

die Wissenschaft libergeben werden." Wenn es noch eines Be- 

weises bedurft hfttte, daU die Zeiten endgultig vorliber sind, 

in denen in Fragen des menschlichen Sexuallebenjs fast allein 

Theologen und Juristen das groBe Wort f iihrten, so ist er durch 

die im Januar 1913 gegrtindete „Arztliche Gesellschaft 



') Dr. J. Sadger in einem Artikel der „Umschau** vom 20. Sep- 
tember 1913, betitelt: „Der Wert von selbstverfaBten Lebensbesohrei- 
bungen geschlechtlich Verirrter." — Eine Widerlegung der Sadgerschen 
Behauptungen von Iwan Bloch findet sich in der „Umschau" vom 
15. November 1913. Naheres iiber diesen Punkt siehe imten p. 163 ff. 

*)A. Tardieu, Etude m6dico-16gale sur les attentats aux 
moeors. Paris 1867, p. 184 f. 

») Berlin 1881. p. 180. 

10) In „Daa Monistische Jahrhundert", 1913, p. 902. 



Digitized by VjOOQIC 



XIV 

ftir SexualwiBsenschaft** erbracht, der unter dem Vorsitz 
des Geh. Medizinalrats Professor Dr. Albert Eulenburg, des 
hochverehrten Seniors deutscher Sexualforscher, zahlreiche her- 
vorragende A r z t e und Akademiker angehoren, die auf der 
einzig mfiglichen naturgegebenen biologisch-anthropo- 
logisehen Grundlage ein Gebiet nach alien Riehtungen, be- 
sonders aber auch psychologisch und soziologisch zu 
erforschen im Begriffe stehen, das, wenn je eines, menschliohen 
Erkennens wert und wtirdig ist. 

DaB die Homosexualitat des Mannes und des Weibes unter 
den vielen Teilgebieten der Sexualwissenschaft nicht 
das geringste ist, wird dem Leser nach der Lekttire dieses 
Buches nicht mehr zweifelhaft sein konnen. 

Berlin NW., den 15. Dezember 1913. 
In den Zelteu 19. 

Dr. Magnus Htrschfeld. 



Digitized by VjOOQIC 



Inhalts-Verzeichnis. 



Seite 
Vorrede nnd Einleitang V 

Erster Hauptteil. 

Homosexuelle Mftnner and Frauen als 

biologische Erscheinung. 

Erstes Kapitel. Name und B e g r i f f der mannlicheii und weib- 

lichen Homosexualitat 3 

ZweiteB Kapitel. Die Diagnose der Homosexualitat des Maanes 
und des Weibes : Das Verhalten homosexueller Manner 
und Frauen gegeniiber dem eigenen Geschlecht JO 

Drittes Kapitel. Die Diagnose der Homosexualitat des Mannes und 
des Weibes : Das Verhalten homosexueller Manner und 
Frauen gegeniiber dem anderen Geschlecht . . 80 

Viertes Kapitel. Kindheit und Reifezeit urnischer Knaben und 

Madchen. Friihdiagnose der Homosexualitat 108 

Fttnftes Kapitel. Die Diagnose der mannlichen und weiblichen 
Homosexualitat : Sexuelle Inkongruenzen: 
a) Andersgeschlechtliche Einschlage auf korperlichem 
Gebiete 125 

Sechstes Kapitel. Die Diagnose der mannlichen und weiblichen 
Homosexualitat : Sexuelle Inkongruenzen : 
P) Andersgeschlechtliche Einschlage auf dem Gebiete des 
Nerven- und Seelenlebens 148 

Siebentes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Freundschaft 

imd gleichgeschlechtlicher Liebe 179 

Achtes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat und 

Pseudo-Homosexualitat 187 

Neantes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat 

und Bisexualitat 197 

Zehntes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat 

und heterosexuellem Horror 216 

Elftes Kapitel. Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat und 
den drei iibrigen Gruppen der Geschlechtsiibergange : 
Hermaphroditismus, Gynandromorphie imd 
Transvestitismus 222 

Zwdlftes Kapitel. Untersuchungsmethode homosexueller 

Manner und Frauen 237 



Digitized by VjOOQIC 



XVI 

Sent 

Dreizehntes Kapitel. Einteilung der mannlichen und weib- 

lichen Homosexualitat : A 1 1 g e m e i n e Gesichtspunkte . . . 264 

Vierzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexuellen nach ihrer 

personlichen Eigenart 271 

FQnfzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexuellen nach ihrer 
Geschmacksrichtung und den Be tatigu ngs - 
form en 2*^^ 

Sechzehntes Kapitel. Einteilung der Homosexualitat nach Ent- 

stehung und Begleiterscheinungen 296 

Slebzehntes Kapitel. Ursachen und Erklarung der mann- 
lichen und weiblichen Homosexualitat: Griinde fiir das 
Angeborensein der Homosexualitat 308 

Achtzehntes Kapitel. Griinde g e g e a das Angeborensein der Homo- 
sexualitat 325 

Neanzehntes Kapitel. Die menschliche Doppelgeschlech- 
tigkeit als Grundlage der mannlichen und weiblichen 
Homosexualitat (Zwischenstufentheorie) 348 

Zwanzigstes Kapitel. 1st Homosexualitat Entartung, Krank- 

heit Oder Varietat? 370 

Einundzwanzigstes Kapitel. Behandlung und Prognose der 
mannlichen und weiblichen Homosexualitat. Behandlung 

durch heterosexuellen Verkehr (Ehetherapie) 396 

Zweiundzwanzigstes Kapitel. Uber medikamentose, hygie- 
nische, operative und psychische Behandlung der 

mannlichen xind weiblichen Homosexualitat 415 

Dreiandzwanzigstes Kapitel. Adaptionsbehandlung (An- 

passungstherapie) der Homosexualitat 439 

Zweiter Hauptteil. 

Die Homosexnalit&t des Mannes nnd des Weibes 

als soziologische Erscheinang. 

Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Verbreitung der mannlichen 
und weiblichen Homosexualitat. Statistische Unter- 
lagen 466 

Ffinf undzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in den v e r - 

schiedenen Bevolkerungsschichten 494 

Sechsnndzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in den germa- 
n i s c h e n \md angelsachsischen Landern und deren 
Kolonien 626 

Siebennndzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in den roma- 

n i s c h e n Landern und deren Kolonien 561 

Aclitundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat in Osteuropa 

und Asien 690 • 

Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Homosexualitat im Tierreich 629 

DreiOigstes Kapitel. Die R o 1 1 e homosexueller Manner und 
Frauen innerhalb der menschlichen Gesellschaft. S y m - 
h i o s e der Homosexuellen 636 



Digitized by VjOOQIC 



XVII 

Seite 
EiniuidclreiBigsteB Kapitel. Gruppenleben and S a m m e 1 - 

s t a 1 1 e n homosexueller Manner und Frauen 675 

Zweimiddreifiigstes Kapitel. Bundnisformen homosexueller 

Manner und Frauen 700 

Dreiuuddreifiigstes Kapitel. Die Geschichte der Homosexual! - 

tat. Die Homosexualltat im klassischen Altertum 737 
Viemnddreifiigstes Kapitel. Die Verfolgung homosexueller 

Manner und Frauen durch G e s e t z und Gesellschaft 810 

Die einsohlagigen G e s e t z e der Erde 842 

FfinfunddreiBigstes Kapitel. Die Verfolgung der Homosexuellen 

durch Erpresser und Chanteure 873 

Sechsnnddreifiigstes Kapitel. Die Folgen der Verfolgung . 899 
Siebenanddreifiigstes Kapitel. Die z i v i 1 - und strafrecht- 
liche Begutachtung homosexueller Manner und 

Frauen 918 

AchtonddreiBigstes Kapitel. Die Rehabilitierung homo- 
sexueller Manner und Frauen. Vorlaufer des Be- 
freiungskampfes von Goethe bis Krafft- 

Eblng 942 

Neminiiddreifiigstes Kapitel. Die organ isierte Bewegung 
gegen die Verfolgung der Homosexuellen. Die gei- 

stigen Forderer des Bef reiungskampfes 973 

Namenregister 1027 

Lfinder- ond Ortsregister 1044 

Saduregister 1050 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Erster Hauptteil. 

Homosexuelle Manner und Frauen 
als biologische Erscheinung. 



Hirschfeld, HomosexualitSt. 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



ERSTES KAPITEL. 

Name und Begriff der mSnnlichen und weiblichen 
Homosexualit&t 

Unter Homosexualitat verstehen wir die geschlechtlidie 
N e i g u n g von Mannern zu mannlichen und von Frauen zu 
weiblichen Personen. Das Wort findet sich zuerst in einer 
1869 ersehienenen Broscliurei) eines anonymen Verfassers. Der 
Autor dieser Schrift, die, nachdem sie tiber 30 Jahre ver- 
griffen und fast vergessen war, im Jahre 1905 von uns neu 
herauflgegeben wurde, definiert das, was er mit dem Ausdruck 
,,hcmosexueir* bezeichnet, in folgender Weise^) : „. • • • neben 
dem normalsexualen Triebe der gesamten Menschheit und 
doa Tierreiches scheint die Natur in ihrer souveranen Laune bei 
Mann wie Weib auch den homosexualen Trieb gewissen 
mSnnlichen oder weiblichen Individuen bei der Geburt mit- 
gegeben, ihnen eine geschlechtliche Gebundenheit verliehen 
zu haben, welche die damit Behafteten sowohl physisch als 
geistig unfahig macht, auch bei bestem Willen, zur normal- 
sexualen Erektion zu gelangen, also einen direkten Horror vor 
dem' Gegengeschlechtlichen voraussetzt, und es den mit 
dieser Leidenschaft Behafteten ebenso unmog- 
lich macht, sich dem Eindrucke zu entziehen, 
welchen einzelne Individuen des gleichen Ge- 
schlechtes auf sie ausliben." 

Diese Behauptung schrankt der Autor an einer spateren Stelle 
(p. 46) seiner Arbeit wesentlich ein. Er meint, daU, wenn er anfangs 



^) „§ 143 des preuBischen Strafgesetzbuehes vom 14. April 1851 
und seine Aufrechterhaltung als § 152 im Entwurfe eines Strafgesetz- 
buches fur den norddeutschen Bund. Offene, fachwissenschaftliche 
Zuschrif t an Seine Excellenz Herrn Dr. Leonhardt, konigl. preu- 
Biscben Staats- imd Justizminister" ; neugedruckt im Jabrbuch fiir 
sezuelle Zwiscbenstufen, Jabrg. VII, 1. pag. I — IV und 3 — 66. 

«) A. a. O. pag. 36 f. 

1* 



Digitized by VjOOQIC 



behauptet hatte, ,.der Homosexuale sei gar nicht erektionsfahig durch 
gegengeschlechtliches", dies im Widerspruch stehe zu der Tatsache, 
daB auf der historischen Liste der Homosexualen einige Namen stan- 
den, „deren Trager notorisch verheiratet, ja sogar Vater oft mehrerer 
Kinder waren". Diese, sagt er, batten aber entweder „aus konven- 
tionellen Ursachen" Ehen gesehlossen oder sie seien „v611ig im Un- 
klaren iiber die Natur ihres Dranges gewesen, den zu befriedigen sie 
keine Gelegenheit batten", und wenn aucb im Anfange „ibre Potenz 
mecbaniscb dem Anreiz unterliege, so batten sie docb „keinen 
GenuD im gegengescblecbtlicben Verkebr", xind ibre Eben seien da- 
ber „im Durcbscbnitt ungliicklicb". AuCer diesen gabe es aber 
„Naturen, welcbe in sicb beide Triebe zugleicb, den zum Weiblicben mid 
Mannlicben baben". Er verweist auf Horaz, der dieses von sicb selbst 
in der zweiten Satire, Z. 116 — 118, erzablt. 

Nebeu dem Eigenscbaftswort bomosexual findet sicb in der Scbrift 
,,§143" aucb bereits die jetzt gebraucblicbe Form bomosexuell; als Sub- 
stantive gebraucbt der Verfasser die Worte Hcmosexualitat und Homo- 
sexualismus, wahrend die gleicbgescblecbtlicb empfindenden Manner 
und Frauen von ibm nicbt, wie es jetzt meist gescbiebt, als. Homo- 
sexuelle, sondern als „Homosexualisten" und „Homosexualistinnen" 
bezeicbnet werden. 

Als Verfasser dieser Broscbiire, der wobl scbwerlicb abnte, welcbe 
weite internationale Verbreitung das von ibm gepragte Wort einst 
gewinnen wiirde, ist der im Jabre 1820 geborene ungariscbe A r z t 
Karl Maria B e n k e r t anzusehen. Dieser batte sicb, die Silben seines 
Namens imistellend, das Pseudonym Kertbeny beigelegt, unter dem 
er eine Reibe kleiner Scbriften — bauptsacblich Erinnerungen an be- 
rubmte Zeitgenossen — veroffentlicht batte. DaB von Kertbeny die 
Bildung des Wortes bomosexuell herriibrte, wird von Karl Hein- 
ricb Ulricbs bezeugt, der vom Jabre 1864 ab unter einem Pseudo- 
nym, das er spater liiftete — er nannte sicb zunachst Numa 
Numantius — , eiiie Reibe von Scbriften iiber „das Ratsel der 
mannmannlicben Liebe" batte erscbeinen lassen. Ulricbs schrieb 
im Jabre 1884 an den mir nocb personlicb bekannten Scbriftsteller 
Karl Egells,3) daB Kertbeny, den er 1864 oder 1865 als einen 
der ersten „Genossen" kennen gelernt babe, der Verfasser des „§ 143" 
sei, er babe „aus Eifersucbt" seine — Ulricbs — Ausdriicke nicbt 
gebraucben wollen, sondern eigene erfunden. 

In seinen Broscbiiren erwabnt Ulricbs Kertbeny iibrigens 
nur ein einziges Mai, namlicb in „Formatrix", seiner vierten Scbrift, 
in deren Vorbericbt er mitteilt, daB er die erste Erwahnung seiner 
Tbeorien in einer Druckscbrift gefunden babe, die den Titel fiibrt: 
„Erinnerungen an Cbarles Sealsfield" von Kertbeny.*) Hier sei 
gescbildert, „wie Sealsfield, dieser gebeimnisvolle Mann, seinen 
von zwei Welten widerballenden Rubm in stiller Kammer einsam ge- 
scbliirft babe. Maskiert sei er aucb gestorben." Kertbeny forscbte 
nun nacb den Ursacben dieser Maskierung und scbrieb: „Den Boden 
unseres europaiscben Lebens iiberzieben die Scblinggewacbse alter Vor- 
urteile, neben sicb nicbts besteben lassend, was nicbt von gleicber 
Farbe ist. Docb das gebort ins Gebiet der Entwicklung unserer Be- 

friffe von Sitte und Sittlicbkeit und Numa Numantiu s'scber 
besen." 

Nicht nur Biicher, aucb Worte baben ibre Schicksale. Das 

gilt so recht fiir Kertbenys Scbrift und Wort. Die Karriere 

seines Ausdrucks „homosexueir* ist um so verwunderlicher, als 



^) Vgl. J. f. sex. Zw. VII, Vorbemerkung von Dr. M. H i r s c li - 
feld p. If. 

♦) Leipzig 1864, p. 74. 



Digitized by VjOOQIC 



die beiden in demselben Jahrzehnt entstandenen Synonyma, 
die er verdrangte, nicht nur an viel sichtlieherer Stelle standen, 
sondern auch sprachlich und inhaltlich der schlieBlich im Publi- 
kum obsiegenden Bezeichnung gegentiber entschiedene Vorztige 
anfzuweisen batten. Die eine dieser Bezeiehnungen — kontraje 
Sexualempfindung — stammt aus demselben Jahre 1869 wie 
der Name Homoeexualitat und rtihrt von dera hervorragenden 
Berliner Psychiater Professor Carl Westphal her, die andere 
Wortbildung hatte U 1 r i c h s zum Urheber ; sie lautete ,»Ura- 
nismus*' und war bereits 5 Jahre zuvor (1864) an die Offent- 
lichkeit getreten. 

Westphal hatte 1869 im Archiv fiir Psychiatrie *) unter der 
Cberschrift „Kontrare Sexualempfindung" die eingehende Lebens- 
geschichte zweier von ihm selbst beobachteter Personen, einer homo- 
sexuellen Frau und eines Mannes, den wir heute als „Transvestiten" 
bezeichnen wiirden, veroffentlicht. Er nimmt in diesem Aufsatz wieder- 
holt Bezug auf die ,,Anthropologischen Studien", die U 1 r i c h s nicht 
lange zuvor unter dem Titel „Inclusa" publiziert hatte, und gelangt 
zu folgendem SchluBsatz: „Immerhin mogen die geschilderten Seelen- 
zustande haufiger sein, als man weiU. Es ist Pflicht, die Aufmerksam- 
keit diesem Gegenstande zuzuwenden . . . Kommt es einmal zur 
Aufhebung des preuB. § 143, tritt demnach nicht mehr das Gespenst 
des Gefangnisses drohend vor das Bekenntnis der perversen Neigung, 
dann werden diese Falle gewiB eher zur Kognition der Arzte ge- 
langen, in deren Gebiet sie gehore n." 

Cber den Titel seiner Arbeit sagt er selbst folgendes : ^) Die Be- 
zeichnung kontrare Sexualempfindung habe ich nach dem Vorschlage 
eines verehrten, auf dem Gebiete der Philologie und Altertumswissen- 
schaft ausgezeichneten Kollegen gewahlt, als uns die Bildung kiir- 
zerer und z utreffenderer Bezeiehnungen nicht gelingeu wollte. Es soil 
damit ausgedriickt sein, daB es sich nicht immer gleichzeitig urn 
den Geschlechtstrieb als solchen handle, sondern auch bloB 
um die Empfindung, dem ganzen inneren Wesen nach 
dem eigenen Geschlechte entfremdet zu sein, gleich- 
sam eine unentwickelte Stufe des pathologischen Phanomens. 

Trotzdem Krafft-Ebing'^) und nach ihm Schrenck- 
NotzingS), MolP), Havelock Ellisio) u. a.") die West- 



*) p. 73—108. 

«) L. c. p. 107. 

') Psychopathia sexualis mit besonderer Beriicksichtigung der 
kontraren Sexualempfindu ng. Eine medizinisch-gericht- 
liche Studie fiir Arzte und Juristen von Dr. R. v. Krafft-Ebing, 
o. o. Prof, der Psychiatrie und der Nervenkrankheiten in Graz. Erste 
Auflage, Stuttgart 1877. Von demselben: Zur Lebre von der kon- 
traren Sexualempfindung. Irrenfreund 1884 I, sowie Der KontrJir- 
sexuelle vor dem Strafrichter. De sodomia ratione sexus punienda. 
De lege lata et de lege ferenda. Eine Denkschrift. Leipzig und Wien 
1895. 

8) Die Suggestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des 
Geschlechtssinnes mit besonderer Beriicksichtigung der kontraren 
Sexualempfindung von Dr. A. Freiherrn von Schrenck-Notzi ng, 
in Miinchen. Stuttgart 1892. 



Digitized by VjOOQIC 



phalsche Bezeichnung „kontrare Sexualempfindung" auf 
das Titelblatt ihrer vielgelesenen Werke setzten, auch das Eigen- 
schaftswort kontrarsexuell, sowie die Substantiva Kontrarsexu- 
eller und Kontrarsexualismus in der Pachliteratur Anwendung 
fanden und von den Psychiatern langere Zeii fast ausschlieU- 
lich gebraucht warden, konnte sich dieses ziemlioh gut ge- 
bildetc Wort gegeniiber dem gleiches meinenden Ausdruck Homo- 
sexualitat auf die Dauer nicht behaupten. Ebenso verdrangte 
allmahlich das Wort Homosexualitat auch das U 1 r i c h s ' sche 
Uranism us. 

Bereits in den vier Briefen, die U 1 r i c h 8 1862 als 38 jahriger an seine 
Verwandten schrieb, ^^) bezeichnet er sich selbst als einen „reinen 
unvermischten Uranier", schreibt von seinen „urnischen Neigungen", 
die gerade so gut ein Werk Gottes seien, „wie sein Arm oder Bein, 
nur daB sie ein geistiges Stuck des Menschen seien, das Bein aber 
ein korperliches" und behauptet: „Uranismus ist eine Spezies von 
Hermaphroditismus" ; er meint, die Moralvorschrift in Komer I, auf 
die sein Onkel ihn verwiesen hatte, konne sich unmoglich auf ihn 
als einen „urnischen Hermaphroditen" beziehen, da er seine Natur 
nicht „verlassen" hatte. Nur gegen diese aber wende sich der Apostel 
Paulus. 

In seinen spateren Schriften hat Ulrichs die sich urspriinglich 
an das Lateinische anlehnenden Wortbildungen Uranier und Uranis- 
mus mit deutschen Endungen versehen und spricht dementsprechend 
von Urningen, Urninginnen und Urningtum; statt uranisch sagt er 
urnisch. In dem ersten Paragraphen der ersten Schrift Vindex gibt 
er folgendo Erklarung: 

„§ 1. Tatsache ist es, daB es unter den Menschen Individuen 
gibt, deren Korper mannlich gebaut ist, welche gleichwohl aber ge- 
schlechtliche Liebe zu Mannern und geschlechtlichen Horror 
vor korperlicher Beriihrung mit Weibern empfinden. § 2. Diese Indi- 
viduen nenne ich nachstehend „Urninge", wahrend ich „Dioninge" 
diejenigen Individuen nenne, welche man schlechtweg als Manner zu 
bezeichnen pflegt, d. h. diejenigen, deren Korper mannlich gebaut ist, 
und welche geschlechtliche Liebe zu Weibern, geschlechtlichen Horror 

^) Die kontrare Sexualempf indung von Dr. med. Albert Moll 
in Berlin. Mit einem Vorwort von v. Krafft-Ebing. Erste Auf- 
lage, Berlin 1891. 

10) Das kontrare Geschlechtsgefiihl von Havelock Ellis und 
I. A. S y m o n d s. Deutsche Original- Ausgabe von Dr. Hans Kurella. 
Leipzig 1896. 

Von anderen Arbeiten, die sich der Bezeichnung „kontrare Sexual- 
empfindung" bedienen, seien angefiihrt: 

Z. B. : Servaes, Zur Kenntnis von der kontraren Sexual- 
empfindung. Archiv f. Psychiatric, 1876 Bd. VL p. 484; Stark, 
Uber kontrare Sexualempfindung. Allgemeine Zeitschrift fiir Psycho- 
logic 1877. Bd. XXXIX. p. 209; Sterz, Beitrage zur Lehre von der 
kontraren Sexualempfindung. Jhrb. f. Psych. Bd. 3. Heft 3. p. 221. 

Westphal, Die kontrare Sexualempfindung. Archiv f. Psy- 
chiatrie 1870. Bd. II. p. 73 und Westphal, Zur kontraren Sexual- 
empfindung. Archiv f. Psych. 1873, Bd. III. p. 225. 

^^) Der Kontrarsexualismus in bezug auf die Ehe und Frauen- 
frage. 1895. Leipzig. 

") Veroffentlicht im Jahrb. f. sex. Zw. Bd. I. p. 36 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



vor Mannem empfinden. Die Liebe der Urninge nenne ich nach- 
stehend urnisohe oder mannmannliche Liebe, die der Dioninge 
dionisoh e." 

Die Stellen, auf Grund derer der gelehrte Ulrichs seine selt- 
samen Ansdrticke bildete, befinden sich im 8. und 9. Kapitel 
von Platons Symposion, jenem bertihmten Dialog, in dem 
die Teilnehmer am Gastmahl die Liebe von den verschiedensten 
Gesichtepunkten erortern, um sich schliefilich in einer Lob- 
preisung ihres Meisters Sokrates zn vereinigen. 

Hier fiihrt einer der Diskussionsredner mit Namen Pausanias 
aus, daB es nicbt nur e i n e n Eros eabe, sondern zwei, und dement- 
sprechend auch zwei Aphroditen, also zwei Liebesgotter und zwei 
Liebesgottinnen ; die altere Aphrodite sei ohne Mutter als eine Tochter 
des Uranos erschaffen, sie fiihre daher den Beinamen „Urania" (Venus 
Urania); die jiingere hingegen sei eine Tochter des Zeus imd der 
Dione und werde pandemos „die allgemeine Aphrodite" (Venus vul- 
giva^a) genannt. Es heiBt dann weiter, daB, wahrend die von Eros 
pandemos Ergriffenen in ihrer Liebe zwischen den Geschlechtern keinen 
tlnterschied machten, weil die zu ihnen gehorige Aphrodite, als sie 
gezeugt ward, am mannlichen ebenso teil hatte, wie am weiblichen, 
die vou dem Eros der Gottin Urania Angewehten sich ausschlieBlich 
zum mannlichen Geschlecht hingezogen fiihlten (ov fiezexovarjg &i]keog; 
dU' Sg^og fiovov). Und dies sei dann der naldwv ^ocog. Die von ihm 
Erfullten liebten das von Natur Starkere und an Vernunft Reichere; 
S^ev dif ijii TO dg^ev xghtoyxai ol ix tovtov xov egoixog ejturvoi, to (pvaet 
eg^cjfieviareQov xai vofjv fidXXor l^jjov dyandivTeg. 

Diese aber der jiaideQaaria ergebenen Manner, fahrt der Redner 
dann an der auch fiir die urspriingliche Bedeutung des Wortes Pad- 
erastie wichtigen Stelle fort, liebten nicht etwa Kinder, sondern Jiing- 
iinge, die schon selbstandig zu denken beginnen, dies trafe mit der 
Zeit des ersten Bartflaumes nahe zusammen (xai tig dv yvolrj xal h avrfj 
xfj natdegaaxlq, zovg elXixgtv&g vno tovtov tov egoDTog wgfitjfievovg ' ov yag igcbai 
siaidcov, aXX^ ijisidav rjdrj agxoiVTai vovv XoxsiV toVto de JiXrjotd^si T<pyevetdox€iv}, 
Der Standpimkt, den P 1 a t o n hinsichtlich der jtaidsgaoTla vertritt, 
kommt in folgendem Satze ziun Ausdruck: „. . . . Die Sittlichkeit 
jeder Handlung liege in der Art ihrer Ausfuhrung, tadelnswert sei 
daher jene Liebe, die nur den Korper liebt imd treulos von einer 
Sinnenlust zur anderen eile, loblich sei dagegen die der Sinnlichkeit 
zwar ebenfalls nicht vdllig entbehrende, aber durch geistige Bande 
geadelte Liebe, wobei der Liebhaber sittlich bildend auf den Ge- 
liebten einzuwirken suche, wofur dann der Liebling dem Liebhaber 
gelegentlich wohl zu Willen sein durfe"i»). 

Es ist gewiJJ begreiflich, daB bei der Auffassung der Pftd- 
erastie in Platons Gastmahl von jeher alien, die sich ernster 
und tiefer mit den Problemen der gleichgeschlechtliohen Liebe 
beschfiitigten, diese Schrift als ein unversiegbarer Born der 
Belehriing, den Homosexuellen selbst aber als ein Quell des 
Trostes tind der Erhebung erschienen ist. So erklart es sich, dafl 
Ulrichs, als er das miUdeutete Wort Paderastie durch ein 
neues zu ersetzen suchte, auf Platons Symposion zurilckgriff , 



18) Cit, nach^iefer, Platos Stellung zur Homosexualitat, Jahr- 



bnch f. sex. Zw. Bd. VII, p. 122. 



Digitized by VjOOQIC 



nicht als der erste und nicht als letzter, denn ganz ahnlich tat 
es schon sein Vorganger Heinrich Hossli, als er 1836 in 
Glarus ein zweibandiges Werk mit der Aufschrift erscheinen ! 
lieD, ,,Eros, die Mannerliebe der Griechen, ihre Beziehungen zur 
Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten" , 
mit dem bemcrkenswerten Untertitel : ,,Die Unzuverlassigkeit * 
der aufleren Kennzeichen im Geschleclitsleben des Leibes und 
der Seele oder liber platonische Liebe, ihre Wlirdigung und Ent- 
wijrdigung ftir Sitten-, Natur- und Volkerkunde." Und ebenso , 
nahni auf die platonischen Stellen einer der neuesten Bearbeiter 
des Gegenstandes Bezug, als er sein grofles, der Frage gewidmetes i 
Werk ,,Die Renaissance des Eros Uranios** nannte^^). 

U 1 r i c h s machte sich aus der Platonischen Fiktion der beiden 
Liebesgottinnen eine ganze komplizierte Nomenklatur zurecht. Er 
unterschied nicht nur die Menschen in Urninge und Dioninge, ihr 
Empfinden in urnisches und dionisches, die Erscheinung selbst in 
Uranismus und Dionaismus, gelcgentlich auch Urningtum und Dioning- 
tum, — von de Joux^^) Urningismus genannt, vvahiend Frei- 
m a r k *^) den der urnischen Empfindung zu Grunde liegenden Zu- 
stand als „Uranitat" bezeichnet, — sondern sprach aucn von Urano- 
dioningcn und Uranodionaismus, womit er dasselbe meinte, was spater 
Bisexuelle und Bisexualitat genannt wurde. 

In seiner IV. Schrift „Formatrix", wo er diesen' Ausdruck 
das erste Mai gebraucht, erklart er ihn im § 81 mit den Worten: „So 
kann ich mich nicht langer gegen die mir sich aufdrangende Uber- 
zeugung versperren, daU es Doppelnaturen gibt, welche f iir 
Manner wie fiir Weiber Liebe empfinden". Die weibliche Homosexuelle, 
die ilmi anfangs voUkommen entgangen war, bezeichnet er in spateren 
Schriften mit Urningin, wofiir spater de Joux^^) U r n i n d e sagte ; unter 
Urningszwitter, die er in Vindicta ^^) und Memnon i') erwalmt, ver- 
steht er korperliche Hermaphroditen, die „mit dem Urning gemein 
den weiblichen, auf Manner gerichteten" Liebestrieb habeo. Eine 
besonders merkwiirdige Wortschopfung ist Uraniaster. So nennt 
Ulrichs bereits in seiner II. Schrift „Inclusa" Individuen, die, ohne 
urnisch veranlagt zu sein, doch gleichgeschlechtlich verkehren. Es 
liandelt sich bei ihnen um eine „U r a n i s i e rung", die aber, wie 
er in ^Memnon ^o) ausfiihrlich klarlegt, stets nur temporar sei. 

Im § 81 des Memnon heiBt es: „Der uranisierte Mann, der Ura- 
niaster, ist und bleibt Mann. Seine Mannesnatur ist nur zeitweilig 
in den Hintergrund gedrangt. Seine mannliche Liebesempfanglichkeit 
fiir Weiber hort nie auf. Nie empfindet er bei geschlechtlicher Be- 
riihrung mit weiblichem Korper den urnischen Horror. Bei jeder sich 
darbietenden Gelegenheit bricht die Weiberliebe wieder hervor .... 
So geschah es auch bei den uranisierten Soldaten der franzosischen 



^*) Die Renaissance des Eros Uranios. Die physiologische Freund- 
schaft, ein normaler Grundtrieb des Menschen und eine Frage der 
mannlichen Gesellungsfreilieit in naturwissenschaftlicher, naturrecht- 
licher, kulturgeschichtlicher und sittenkritischer Beleuchtung von 
Benedict Friedlander, Schmargendorf-Berlin 1904. 

15) Die Enterbten des Liebesgliickes. Ein Beitrag zur Seelenkunde. 
Von Otto de Joux, Leipzig p. 215. 

16) Frcimark, Der Sinn des Uranismus. Leipzig, p. 6. 

17) Z. B. 1. c. p. 32. — 18) Vindicta p. 38. — i^) §§ 43 und 101. 
20) p. 118 und 145. 



Digitized by VjOOQIC 



Freradenlegion, als sie aus der einsamen Wiiste nach der Stadt Algier 
zuriickkehrten, wo sie Weiberumgang faiiden." 

In spateren Schriften, Argonauticus ^i), der neunten und Prome- 
theus 22). der zehnten, gelangt U 1 r i c h s dann noch zu einer letzten 
Wortschopfung: Uranide fiir Urning, in einem Gedichte: Hybla und 
Enna23) sagt er am SchluC: 

,,Harre eine kleine Weile, harre gleich wie Ennas Thai 
Uranide I Uranide I auch dein Friihling kommt einmal." 

Es findet sich dieses Gedicht in der 10. von U 1 r i c h s* Schriften, 
die anfangs als erste Nummer einer monatlichen Zeitschrift geplant 
war, die ebenfalls den Titel „Uranus" fiihren soUte. Dieser Lieblings- 
plan U 1 r i c h s' kam jedoch nicht zur Ausfiihrung. Woran er schei- 
terte, wissen wir nicht. Es liegt uns nur ein Schreiben der Verlags- 
buchhandlung vor, die erklart, daC sie vor der Hand von der I&e 
einer Zeitschrift Abstand nehmen miisse, jedoch spater bestimmt 
ihre Absicht auszufiihren hoffe, ferner der von U 1 r i c h s verfaCte 
Prospekt des Unternehmens, welcher mit den Worteu schlieBt: „So 
beschreite denn, Uranus, deine Bahn: ein Entschleierer verhiillter 
Natur, ein Freiheitsstreiter fiir Unterdriickte, ein Verfechter von 
3fenschenwiirde und Menschenrecht'*, sowie endlich die Inhaltsangaben 
der Hefte fiir Februar und Marz 1870, die interessant genug sind, um 
hier wiedergegeben zu werden: 1. Naturwissenschaftliches Material iiber 
Urninginnen und deren Mannahnlichkeit. 2. Nachlese zu Argonau- 
ticus: Krankhafte Gemiitsaffektionen, die mit dem Geschlechtstriebe 
verwachseu sind. 3. Nachlese zum Fall Zastrow. 4. Urnische Taiges- 
chronik : Chicago : Versuchte Lynchung eines Urnings ; Hannover : Tot- 
schlag des Urnings Dangers durch seinen Geliebten, den Unteroffizier 
Freudenreich ; Konstantinopel : die urnische Prostitution, die Bader 
und die Polizei. 5. Rupf erchronik : Rupferei in Berlin, Rupferei in 
Bern, Rupferei in Miinchen, Rupferei in Petersburg, Rupferbrief. 
6. Wortlaut des Eisenacher Urteils, welches „Gladius furens" und 
„Memnon*' von der Konfiskation befreit, 7. Kleine Mitteilungen aus 
der Urningwelt: Ein Urning, der aus Liebessehnsucht zu einem jun- 

fen Mannc Magd ward ; 9 jahriger Urning und 17 jahriger Seiltanzer. 
. Historische Urninge: Wilhelm III., Konig von England; Prince de 
Conde; Prinz Heinricn von PreuBen; Winckelmann, der Kunstforscher ; 
Moretus ; William Shakespeare. 9. Historische Urninginnen : die Fecht- 
meisterin Maupin geboren 1673; Catharina Howard, Heinrichs VIII. 
von England fiinfte Gemahlin, wahrscheinlich ihres Uranismus wegen 
enthauptet. 

Es sind Einleitungen getroffen, um in einem zu eroffnenden 
Feuilleton des „Uranus einen urnischen Roman mitzuteilen. Nach- 
schrift: 5,Soeben wird dem Herausgeber ein franzosischer Urninginnen- 
Romaii (yoUstandig) in Aussicht gestellt, dessen Anfang, aber nur der 
Anfang, jiingst im Feuilleton einer Pariser Zeitung erschien. Der In- 
halt soil auf einer wahren Begebenheit beruhen." 

Man kann es bei dem intensivon Eintreten fiir seine Wort- 
bildungen verstehen, dalJ es Ulrichs schmerzlidi beriihren 
miiBte, als er merkte, daB sie weder in juristischen noch medizi- 
nischen Fachkreisen, noch bei seinen Schicksalsgenossen Beifall 



21) L. c. p. 89. 

22) L. c. p. 92. 

23) Hybla und Enna sind Taler in Sizilien, von denen das erstere 
wegen seiner sonnigeren Lage bedeutend eher im Friihlingsschmucke 
prangt als letzterea. 



Digitized by VjOOQIC 



10 

und Widerhall fanden. Erst kurz vor seinem Tode, als er sein 
Interesse in den Abruzzen langst ganz anderen Gegenstanden 
zugewandt hatte, fand sein Ansdruck ein wenig Eingang in die 
Literatur ; in erhohtem MaBe geschah dies aber erst nach seinem 
Verscheiden, als das homosexuelle Problem aus versehiedenen 
Grttnden die Offentlichkeit viel starker als zu seinen Lebzeiten 
beschaftigte. Aber aueh heute, trotzdem inzwischen selbst aus- 
landische Literaturerzeugnisse^*) das Wort akzeptierten, kann 
man nicht behaupten, daQ der Timing sich im Sprachschatz ein- 
geblirgert oder gar Volkstiimlichkeit erlangt hat. Namentlich 
bei den Urningen selbst stieC er auf innere Widerstande. Viele, 
die mehr ftir Sinnesassoziationen eingestellt waren, empfanden 
ihn in Anlehnung an die „himmlische** Venus zu hochtrabend; 
anderen, den fiir K 1 a n g assoziationen Empfanglicheren, er- 
schien er im Gegenteil als eine sie herabziehende Bezeichnung. 
Die meisten Fachschriftsteller ignorierten ihn in ihrem Voka- 
bularium voUkommen. Einige suchten ihn allerdings noch zu 
libertrumpfen, wie Hessen^^), der statt Uranier Polyhymnier 
vorschl&gt, weil nicht Urania, sondern Polyhymnia „die Muse 
der irdischen Knabenliebe" gewesen sei. Jedenfalls war es aueh 
bei Benkert mehr wirkliche Abneigung als, wie Ulrichs 
glaubte, Eifersucht, die ihn veranlaflte, ein neues Wort zu 
bilden. Heute besteht kein Zweifel, dali von den drei Bezeich- 
nungen, die in den sechziger Jahren fast gleiehzeitig aufkamen, 
der Ausdruck Homosexualitat trotz seiner offensichtlichen 
Mangel sowohl liber Westphals „kontrare Sexualempfindung" 
als iiber Ulrichs ,,Uranismus** die Oberhand gewonnen hat. 

Auf einige dieser Mangel soil noch kurz eingegangen werden. 
Hit Hecht ist getadelt worden, daB das Wort, zusammengesetzt aus 
Sfiog (griech.) und sexus (lat.), eine Bastardbildung teils griechischer, 
teils lateinischer Abstammung ist. Man hat es daher zu verbessem ge- 
sucht, indem man teils an seiner ersten, teils an der zweiten Haute 
Anderungen vornahm. Edward Carpenter 2«) hat vorgeschlacen, 
sexus durch das griechische ysvoi - Geschlecht zu ersetzen. Er selbst 
hat dementsprechend eine seiner ausgezeichneten Schriften liber den 
Gegenstand „Homogenic love"") genannt. Im Deutschen diirfte sich 
diese „homogene** Zusammenstellung schon deshalb schwer einfuhren, 
weil das Wort homogen bereits in der Bedeutung von gleichartig ein- 
heitlich gebraucht wird, aueh mit der von Bergfeld, dem tJber- 
setzer Carpenters, voigeschlagenen deutschen Endung homo- 
genisch diirfte er kaum durchdringen, ebensowenig wie das dafiir ge- 

**) Z. B. Uranisme et unisexualit^ par M. A. Raffalovich. 
Paris 1896. Het uranisch gezin von Dr. L. S. A. M. von Romer. 
Amsterdam 1905. 

2*) Hessen, Sieben Todfeinde der Menschheit. Munchea 1911. 

^«) Zuletzt in dem Buche Middlesex p. 39. 

") Carpenter, Die homogene Liebe uad dereu B^eutuue 
in der freien Gesellschaft. 



Digitized by VjOOQIC 



11 

setzte homoerotisch. Einige gebildete deutsche Homosexuelle 
pflegeu statt homogen i s o g e n im Sinne von gleichgeschlechtlich zu 
gebrauchen, ohne jedoch in weiteren Kreisen damit Anklang ge- 
funden zu haben. Von anderen Modifikationen der ersten WortnaLfte 
seieu nocli genannt : der von Xavier Mayne in „The intersexes" 
gebrauchte Ausdnick „8 i m i 1 i sexuell", das im Franzosischen nament- 
lich von Raffalovich und Pratorius angewandte „uni8exuell", , 
das von Robert Hessen^s) gebildete parisexuell, sowie vor allem 
homoiosexuell *^) und homoioerotisch, davon ausgehend, daB „gleich" 
im Griechischen uberhaupt nicht S^o^, sondem Sfioiog lieiBt. Wie 
sich iibrigens die Worte Allopathie und allopathisch erst bildeten, 
nacbdem die Gegensatze Homoopathie und homoopathisch entstanden 
waren, so kam die Bezeichnung h e t e r o sexuell, von izegog anders, 
erst lEngere Zeit n a c h homosexuell auf. Professor Robert Som- 
mer^o) gebraucht dafur das Wort „allosexuell", von &lXog anders. 
Als drittes gesellte sich dann die Bisexualitat, gelegentlich auch Ambi- 
sexualitat **; genannt, hinzu, nachdem das Bedurfnis vorlag, auch fiir 
diejenigen einen analogen Namen zu finden, die sich zu oeiden Ge- 
schlechtem hingezogen fiihlen. Vielfach wird die erste Halfte des 
Wortes homosexuell infolge seiner fehlerhaften Schreibweise iiberhaupt 
miUverstanden, viele glauben sie statt auf das griechische S/iog oder 
Sftoiix; = gleich, auf lateinisch homo = der Mensch, zuiiickfiihren zu 
miissen. Fiir diese falsche Auffassung ist beispielsweise bezeichnend, 
daB man anlafllich der deutschen Skandalprozesse in den Jahren 
1907 und 1908 „homosexuell" in italienischen Zeitungen vielfach mit 
„Uomo sessuale" iibersetzt fand, was soviel bedeutet, wie „geschlecht- 
licher Mensch", und zwar, wie man mir auf Befragen erlauterte, in 
dem Nebensinne „eines Menschen, der ganz von dem Geschlechts- 
leben beherrscht wurde". DaB es auch weibliohe Homosexuelle gibt, 
schien den meisten ganzlich unbekannt zu sein. Mehr etymologisches 
Verstandnis zeigte ein Wortspiel, mit dem ein Schriftsteller jener 
Tage seine eigene Stellung zu der Frage in dem Satze ausdriickte: 
„Homo sexualis sum, non homosexualis". Allen MiBverstandnissen 
die Krone setzte der spanische Professor Max Bembo auf, der in 
seinem Werke „La mala vida en Barcelona" die Heterosexuellen im 
Gegensatze zu den mannliebenden Homo sexuellen „F e m i n o sexuelle" 
nennt. 

VerhangnisvoUer als der sprachliche Irrtum ist der Um- 
stand, dafl woW unter dem Eindruck der Endung sexuell das 
Wort vielfach nicht im' Sinne geschlechtlicher Artung oder Nei- 
gung, sondern in dem einer sexuellen Handlung erfalJt und 
gebraucht wird, vonLaien oft sogar im Sinne einer bestimmten 
und zwar, wie wir spelter sehen werden, unter Homosexuellen 
verhallnismaflig nicht einmal haufigen Form der Betatigung. 
Dem Worte droht hier ein ahnliches Schicksal wie den Aus- 



M) Loc. cit. 144 ff. 

**) Homoiosexuell besonders in einem Aufsatz fiber die Schutzalter- 
frage im Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. XII. Heft 1. p. 12 ff. 

*<>) In seinem Werke: „Kriminalpsychologie und strafrechtliche 
Psychopathologie auf naturwissenschaftlicher Grundlage". 

«') Cf. S. Ferenczi, tJber die Rolle der Homosexualitat in der 
Patbogenese der Paranoia. In Jahrbuch fiir Psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen. Herausgegeben von Bleuler und 
Freud. III. Band, I. Halfte. p. 119. Anm. 1. Leipzig und Wien 
1911 



Digitized by VjOOQIC 



12 

drucken Paderast und Paderastie, die von ^oli(; und ^qglv her- 
geleitet anfangs auch nur die Liebe zu Jtinglingen als solche 
in sich begriffen, bis sie allmahlich, und zwar vermutlich schon 
infolge der Verspottung antiker Komodienschreiber, die Be- 
zeichnung fiir die ihnen etymologisch fern liegende immissio 
in anum geworden sind. Diese Bedeutung behielten die Worter 
auch in der wissenschaftlicben Welt bei, trotzdem schon 
Johann Ludwig C-a^s^xer 1852 in seiner Arbeit „tlber Not- 
zucht und Paderastie und deren Ermittelung seitens des Ge- 
richtsarztes"32)^ wohl der ersten medizinischen Abhandlung liber 
den Gegenstand, an der Hand mehrerer trefflicher Beobach- 
tungen ausgefiihrt hatte, daU die Paderasten in der weitaus 
grolJen Oberzahl der Falle iiberhaupt nicht die ihnen im Volks- 
glauben zugeschriebenen Akte vollflihrt'en, und daB auch die 
iibliche tJbersetzung von „Paderastie" mit Knabenliebe oder 
Knabenschandung nidht zutreffend sei, da fast alle teils Jting- 
linge, teils Manner, jedenfalls nicht unreife Knaben liebten. 
Diese weitverbreiteten MilJverstandnisse waren schlielJlich auch 
der Grund, weshalb Ulrichs, wie er im § 2 seiner ersten 
Schrift „Vindex*' berichtet, ,,zur Schaffung neuer Ausdriicke 
schreiten zu mtissen glaubte." Sie bezogen sich wie bei Plato, 
dem sie entnommen waren, zunachst nur auf mannliche Homo- 
sexuelle. Von weiblichen Homosexuellen schien Ulrichs an- 
fanglich noch nichts oder wenig zu wissen. Als dann spater das 
Ersatzwort homosexuell aufkam, iibertrugen viele die Auffas- 
sung, die sie von der gleichgeschlechtlichen Betatigungsart 
hatten, auf das neue Wort. Selbst Homosexuelle, welche die 
Literatur nicht kennen und wenig Verkehr mit anderen Homo- 
sexuellen haben, konnen solchen Irrtlimern unterliegen ; sie 
halten sich nicht fiir Homosexuelle, geschweige denn flir Pad- 
era-sten, verachten diese sogar, well sie denken, diese Worte 
beziehen sich nur auf den analen Akt, den sie selbst perhor- 
reszieren. 

Erst vor kurzem war ich in Siiddeutschland Sachverstandiger Id 
einem MeineidsprozeB, in dem ich durch Klarlegung dieses Sachver- 
halts, dessen Richtigkeit der Mitgutachter Kriminalkommissar Dr. 
K o p p bestatigte, den Freispruch des Angeklagten erzielte. Es han- 
delte sich um einen angesehenen Patrizier, der als Zeuge beschworen 
hatte, nicht homosexuell zu sein und auch keine unziichtigen Hand- 
lungeii mit Mannern vorgenommen zu haben. Man vermutete falsch- 
lich, dali er bestohlen sei, weil man seinen Namen im Notizbuch 
eines Diebes gefunden hatte, dessen Spezialitat es war, an reichen 
Homosexuellen Eigentumsverbrechen zu begehen in der Annahme, dafi 
diese aus Scheu, mit den Gerichten etwas zu tun zu bekommen, vod 



32) In der Vierteljahrsschrift fiir gerichtliche und offentliche Medi- 
£in, I. Band. 1852. 



Digitized by VjOOQIC 



13 

Anzeigen Abstand nehmen wiirden. Wahrscheinlich hatte der Dieb 
dui'ch einen friiheren Diener des Herrn von dessen homosexuellen Nei- 
guiigen erfahren. Es fiigte sich nun, daU etwa ein Jahr nacL der 
Eidesleistung ein Gartner denselben Herrn wegen tiitlicher Beleidi- 
gung anzeigte, weil er von ihm in unziichtiger Weise beriihrt wordeu 
sei. Darauf leitete die Stsiatsanwaltschait ein Ermittlungsverfahren 
ein, in dem sich ergab, dafi R. objektiv falsch geschworen hatte. Die 
„Zartlichkeiten", die er sowohl seinem mannlichen Dienstpersonal, 
als zahlreichen Mitgliedern eines von ihm gegriindeten Rudervereins 
gegeniiber sich hatte zuschulden kommen lassen, stellten dies auBer 
ZweifeL Er wurde in Haft genommen und zunachst wegen wissent- 
lichen, dann wegen fahrlassigen Meineids angeklagt. Das von mir 
iiber den Fall erforderte Gutachten gebe ich in den Hauptstellen wie- 
der, weil es die praktische Wichtigkeit der in Rede stehenden Begriffs- 
unterscheidungen zeigt. 

Es lautete: Der Psychiater hat im vorliegenden Falle dreierlei 
zu untersuchen. E r s t e n s : bestehen sexuelle Neigungen zu Per- 
sonen des eignen Geschlechts, die man als homosexuelle zu bezeichnen 
ptlegt, ist der Angeklagte also, wie er gefragt wurde: homosexuell, oder 
wie er geschworen hatte : nicht homosexuell. Zweitens: ist der 
Angeklagte, falls er homosexuell ist, sich seines Zustandes, sowie sich 
der von ihm vorgenommenen Handlungen als unziichtig bewuBt ge- 
wesen. Drittens: Befand er sich bei Begehung der strafbaren 
Handlung in einem krankhaften Zustande der Geistestatigkeit, die 
seine freie Willensbestimmung im Sinne des § 51 RStrGB. ausschloB. 

Zu Punkt 1 kann ich mich kurz fassen. Die dem Angeklagten 
nachgewiesenen Handlungen sind typisch homosexuell. Es ist zwar 
in keinem der von den Zeugen angegebenen Eiille zu einer eja- 
culatio seminis gekommen, auch keine der krasseren homosexuellen 
Akte, wie immissio in anum, in os oder inter femora, sind bekundet 
worden, dagegen zahlreiche Liebkosungen, Betastungen und Manipu- 
lationeu an den Genitalien der Zeugen, wie sie schon W e s t p li a 1 
als fiir die kontrare Sexualempfindung bezeichnend beschrieben hat. 
Auch im iibrigen finden sich die Erscheinungen vor, die bei der auf 
konstitutioneller Basis beruhenden Homosexualitat vorhanden zu sein 
pflegen. Dem unwillkiirlichen Angezogenwerden durch mannliche Per- 
sonen entsprach als Revers das negative Verhalten gegeniiber dem 
Weibe. Er hat sich zwar freundschaftlich zu Frauen hingezogen ge- 
fiihlt, sich sogar, wie er schreibt, in Gesellschaft alter Damen be- 
sonders wohl gefiihlt, aber nicht, weil sie ihn geschlechtlich fes- 
selten, sondern weil er sich, unbewuBt, als zu ihnen gehorig fiihlte. 
R. hatte, wie er heute in seiner Aussage bekundete, die Absicht zu 
heimteu, aber, wie er charakteristisch hinzufiigte, „nur ein edles 
Weib suchte er, das ihm seine Mutter ersetzen konn e." 

Noch viele andere Erscheinungen, die bei Homosexuellen haufig 
beobachtet werden, sind bei ihm vorliegend, Eigenschaften, die im 
einzelnen zwar unwesentlich, als Ganzes aber doch typisch sind. Als 
ich gestern seine Wohnung besichtigte, die wie die einer eleganten 
Lebedame eingerichtet ist — in seinen vier Salons strotzt alles von 
gelber und roter Seide — zeigte er mir die Stickereien, die er selbst ange- 
I'ertigt hatte. Mit Vorliebe zog er sich als Kind die Schleppkleider 
seiner Mutter an. Wie der Zeuge A. bekundete, der mit ihm die Schule 
besuchte, hatten ihm die Kameraden den Spitznamen „Thekla" ge- 
geben. Besonders gewandt ist er in der Kochkunst. Als einmal bei 
einer Gesellschaft, die seine Mutter gab, die Koch in ausblieb, be- 
reitete er alle Speisen selbst. Seine Ilauptinteressen sind Blumen 
und Vogel, seine Hauptliebhabereien Schmucksachen und SiiBigkeiten. 
Auf der anderen Seite besteht eine ausgesprochene Abneigung gegen 
mannliche iJeschaftigungen und Interessen. Er liest keine Zeitun- 
gen, verfoigt nicht die Politik, verabscheut die Jagd. Er gehort 



Digitized by VjOOQIC 



14 

zwar mehreren Sportsvereinen an, aber nur solchen, die ihm die 
Gesellschaft jugendlich mannlicher Personen vermitteln. Endlich liegen 
deutliche Anzeichen jener neuropathischen Konstitution vor, aufderen 
Grundlage die Homosexualitat oft erwachst. Er ist das einzige Kind 
aus der zweiten Ehe seines Vaters, drei Briider aus der ersten Ehe 
starben ziemlich jung. Beide Eltern waren bei seiner Geburt iiber 
40 Jahre alt. Sie sollen recht nervos gewesen sein. Als Kind litt 
er oft an Kopfweh, weinte viel, war sehr schreckhaft und an^stlich, 
so daB er noch mit 20 Jahren im Zimmer seiner Mutter schlief. Ich 
habe die Briefe gelesen, die ihm seine Eltern schrieben, als er be- 
reits in England in Stellung war. Sie sind nicht wie Briefe an 
einen Erwachsenen, sondern wie an ein verzarteltes Sorgenkind. Einer 
seiner Lehrer bekundete heute, daB er in der Schule „zimperlich nnd 
mimosenhaft** gewesen sei. Er lernte schwer. Gut war er nur in Zeich- 
nen und Religion. Die nervosen Beschwerden nahmen mit den Jahren 
zu. Er litt an Schlaflosigkeit, Beklemmung, haufiger Schwermut, 
besonders, wie einer seiner Arzte mitteilt, an nervosem Asthma. Es 
bestand ein starker Stimmungswechsel. Er war iiberempfindlich, sehr 
exaltiert und exzentrisch. Nach dem Tode seiner 73 jahrigen Mutter 
ging er nicht nur zwei Jahre lang taglich zweimal zum Friedhofe, son- 
dern lieB sich auch schwarzseidene Trauerwasche anfertigen. Seine 
Wohnung, von deren extravs^anter Einrichtung ich schon berich- 
tete, beleuchtete er in dieser Zeit mit 120 Kerzen. Alles das brachte 
ihn in den Ruf eines wunderlichen Heiligen. In England nannte man 
ihn ein „Enigma". In Deutschland meinten die Nachbarn, er hatte 
den „englischen Spleen". Objektiv ist bei dem Angeklagten eine ge- 
steigerte Reflexerregbarkeit, namentlich der GefaBnerven, nachweisbar. 

Es fragt sich zunachst, ob auf Grund dieser Beschaffenheit des 
Angeklagten anzunehmen ist, daB er wuBte, was der ihn befragende 
Untersuchungsrichter unter Homosexualitat sowie unter unziichtigen 
Handlungen verstand. Das Wort Homosexualitat kommt zum ersten 
Male im Jahre 1869 in einer Denkschrift an den preuBischen Justiz- 
minister Leonhard vor. Wie die ungefahr aus derselben Zeit stam- 
mende Bezeichnung Westphals „Kontrare Sexualempfindung" meinte 
es nur die sich auf dasselbe Geschlecht beziehende Gefiihls r i c h - 
t u n g und wurde in diesem Sinne auch meist bis heute in der Fach- 
wissenschaft verwendet. Im groBen Publikimi wird dies Wort aller- 
dings vielfach falsch aufgefaBt. Es werden bestimmte Handlungen 
darunter verstanden. Es geht dem Ausdruck ahnlich wie dem Worte 
Paderastie, das auch urspriinglich nur Jiinglingsliebe bedeutete, nach- 
her aber fast allgemein fiir gewisse sexuelle Betatigungsarten ver- 
wandt wurde. 

Unzweifelhaft ist ferner, daB es Falle unbewuBter Homo- 
sexualitat gibt; zum Beweise will ich nur anfiihren, daB ich haufig 
von Personen aufgesucht wurde mit dem Ersuchen, ein Urteil abzu- 
geben, ob sie homosexuell seien, sie wiiBten es selbst nicht genau, 
ferner, daB eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen exi- 
stieren, in denen genau die subtile Frage behandelt wird, ob jemand 
homosexuell war. Ich lege als Beispiel nierfiir die Studie von B e r t z 
iiber Walt Whitmann vor. Die Diagnose der Homosexualitat 
ist aber durchaus nicht leicht. Es kommt vor, daB sich jemand fiir 
homosexuell halt, ohne es zu sein, es kommt aber noch haufiger 
vor, daB jemand sich fiir nicht homosexuell ansieht und es dennoch 
ist. Es gibt Falle, in denen die ganze Umgebung jemanden fiir 
homosexuell halt, nur er selbst nicht. Die Betreffenden suchen nam- 
lich oft unwillkiirlich ihre subjektiven Empfindungen zu objekti- 
vieren, ihre Instinkte und Gefiihle, die das primare sind, mit Ver- 
standsgriinden zu motivieren. So fiihrte der Angeklagte seine Ab- 
neigung gegen das Weib einerseits auf angebliche objektive Mangel 
der Frauen zuriick, andrerseits auf seine besondere Sittsamkeit. Wegen 



Digitized by VjOOQIC 



15 

seiner hoflichen Zuruckhaltung gegenuber den Frauen gait er als 
ein „vollendeter Kavalier", den man, wie wir von einem Zeu^en 
horten, in England sogar als einen „Lady's man** bezeichnete. Seine 
Zuneigung zum Manne erklarte er als Freundschafts- und Anlehniings- 
bediirfnis. Manche der vorgenonmienen Handlungen, wie das SchlaJen 
im Bette der Diener fiihrte er auf den Wunsch sich zu „erwarmen" 
zurijck, Oder auf die bei ihm trotz aller Miihe noch nicht verschwun- 
dene Neigung zu Jugendverirrungen. Es sei ihm dies als „harmlos", 
als „gar nichts Besonderes" erschienen. 

Die Erfabrung zeigt, daB sich eine Selbsterkenntnis selbst bei 
gebildeten Homosexuellen oft erst in der Mitte der Zwanziger ein- 
stellt, haufig erst nach aufklarender Lekture, oder im Anscnlufi an 
aufsehenerregende Zeitereignisse. Bei unintelligenten Menschen tritt 
ein deutliches BewuBtsein ihrer Eigenart spater, bei manchen sogar 
nie ein. Es hangt das teilweise auch von der Starke und dem Se- 
tatigungsdrang des sexuellen Triebes ab, die in vorliegendem Falle 
nicht grofl gewesen zu sein scheinen. Auffallend ist, wenn auch 
keiueswegs ausschlaggebend, daB der Angeklagte keinem der zahl- 
reichen Arzte, die er wegen seiner nervosen Beschwerden konsul- 
tierte, trotzdem sie, wie er wuBte, an das Berufsgeheimnis gebunden 
waren, etwas von seiner Homosexualitat anvertraute. Schwieriger 
wie hinsichtlich der geleugneten Homosexualitat ist die Entscheidung, 
ob sich der Angeklagte auch iiber den Begriff der Unziichtigkeit bei 
seinem Eide unklar war. Immerhin handelt es sich hier um einen 
abstrakten Begriff, und zwar um einen schwankenden, wie bei- 
spielsweise die reichsgerichtlichen Entscheidungen erweisen, die den 
Be^iff der Unzuchtigkeit ziemlich oft verandert und erweitert haben. 
Ware der Angeklagte nach einer konkreten Handlung gefragt worden, 
etwa so: Haben Sie Ihre Diener oder andere junge Manner an den 
Geschlechtsteilen beriihrt, so hatte er nicht verneinend antworten 
diirfen. Bei der abstrakten Fragestellung ist jedoch zu bedenken, 
daB R. aus seiner Triebrichtung heraus die Handlungen, zu denen 
es ihn instinktiv drangte, anders auffaBte als ein Heterosexueller. Be- 
reits Krafft-Ebing wies in der Schrif t „Der Kontrarsexuelle vor 
dem Strafrichter" darauf hin, daB dem Homosexuellen Gegenvorstel- 
lungen fehlen, die dem Normal sexuellen eine Handlung als imziichtig 
erscheinen lassen. Der Angeklagte selbst gibt nun an, dafl, als der 
Richter ihn nach unziichtigen Handlungen fraete, er nur an solche 
unzuchtige Handlungen dachte, die das Gericht angingen, also an 
strafbaxe. Gleichwohl wird man der Meinung sein, daB ein ruhig 
abwagender und iiberlegender Mensch auf die Fraee nach unziichtigen 
Handlungen, an die ihm hier heute so zahlreich bewiesenen hatte 
denken miissen, auch wenn sie ihm objektiv nicht als unziichtig er- 
schienen. Ein so ruhig abwagender Mensch war aber der Angeklagte 
im Moment der Eidesleistung nicht . . . Und damit komme ich zu 
der letzten Frage, zur Frage der Geistesbeschaffenheit und freien 
Willensbestimmung wahrend der inkriminierten Handlung. Der An- 
geklagte war, als er den in Haft befindlichen Verbrechern ge^en- 
libergestellt wurde, auf die Frage nach seiner Homosexualitat nicht 
vorbereitet. Sie traf ihn vollig iiberraschend. Er schrieb mir 
aus dem Gefangnis: „Ich war in dem Moment, als die Frage plotz- 
lich an mich gerichtet wurde, wie vom Schlage geriihrt, ich konnte 
fiir einige Sekunden kein Glied riihren, mein Geist war wie gelahmt." 
Wir horten nun zwar heute von dem Untersiichungsrichter, er sei bei 
Beantwortung der vorgelegten Frage vollig ruhig gewesen. Es ist 
aber sehr gut moglioh, daB diese auBerliche Ruhe und scheinbare 
Beherrschtheit mit einer heftigen inneren Erregung zusammenfieL 
Jedenfalls halte ich es nach dem eingehenden Studium des Ange- 
klagteu und ahnlicher Fiille fiir wohl moglich, daB diese Fragen den 
veraiigstigten neuropathischen Menschen momentan so verwirrten, daB 



Digitized by VjOOQIC 



16 

er einer VoUig deutlichen Erfassung der abstraktea Begriffe nicht 
fahig war. Daher meine ich, da6 die Frage, ob der Angeklagte zur 
Zeit der Straftat im Besitz seiner freien Willensbestimmung war, nicht 
mit der vom Reichsgericht erforderten Sicherheit bejaht werden kann. 
Der Gerichtshof schloB sich diesem Gutachten an und sprach 
den Angeklagten frei. 

Immerhin ist es befremdiich, daB es heute noch gebildete 
Menschen wie diesen Angeklagten gibt, denen der Begrlff der 
Homosexualitat so fremd geblieben ist, nachdem er jahrelang so 
lebhaft erortert worden ist; es erseheint weniger seltsam, wenn 
man gelegentlicli auch auf Richter stoBt, die den Ausdruck voUig 
mifiverstandlich gebrauchen. So war ich noch 1911 bei einem 
Prozefi in Berlin als Sachverstandiger zugezogen, in dem gegen 
einen vollig normalsexuellen Zuhalter wegen rauberischer Er- 
pressung verhandelt wurde. Er hatte einen durchreisenden homo- 
sexuellen Russen am Bahnhof FriedrichstraBe angelockt und aus- 
geraubt. Bei der Urteilsverktindung sagte der Vorsitzende : diese 
homosexuellen Erpresser — nicht etwa diese Erpresser Homo- 
sexueller — konnen nicht schwer genug bestraft werden. Ist 
das Wort in ahnlicher Weise auch vielfach falschen Interpreta- 
tioneii ausgesetzt, so hat doch allein schon seine intensive inter- 
nationale Anwendung anlafilich sensationeller Vorkommnisse ge- 
niigt, es so fest einzuflihren, dafl kaum noch die Moglichkeit b^- 
steht, es durch ein besseres zu ersetzen. Man wird sich schon 
zufrieden geben mtissen, wenn es gelingen soUte, seine fehler- 
hafte Auslegung zu eliminieren. 

Fast aussichtslos erschienen bisher analoge Bemiihungen 
bei dem nun bereits seit vielen Jahrhunderten ebenso unbe- 
grundet in MiBkredit geratenen Worte P ii d e r a s t i e. Es hat 
nicht an Versuchen gofehlt, es in seiner eigentlichen Bedeutung 
zu restaurieren und seines liblen Beigeschmacks zu entkleiden. 

Namentlich hat K a r s c h sich Miihe gegeben, es wieder zu Ehren 
zu bringen. In dem Artikel „Uranismus oder Paderastie und Tribadie 
bei den Naturvolkern'* ^3) gjbt er folgende Abgrenzung der Begriffe 
Paderastie und Tribadie: ,,. . . jede Erregung geschlechtlicher Natur, 
in welchc ein miinnliches Wesen durch ein anderes mannliches Wesen 
seiner Art versetzt wird, fallt unter den Begriff Paderastie ; jede Auf- 
wallung der GcschlechtstiLtigkeit, in welchc ein woibliches Wesen 
durch ein anderos wcibliches Wesen seiner Art gerat, fallt unter 
den Bogrift Tribadie." Friedlander hat neuerdings in sei- 
ner „Eenaissance dcs Eros Uranios" vorgeschlagen, die Men- 
schen in PJiderasten, Gynakerasten und Ambierasten einzuteilen, 
entsprechend der Dreiteilung in Ilomosexuelle, Heterosexuelle und 
Bisexuelle, fiigt dem *allerdings hinzu: ,,. . . Freilich wUrde 
das wieder bei der Klassifizierung der Weiber liapern. Wenn man fiir 
solche, welclie sowohl Weiber, als auch Jiinglinge zu lieben imstande 
sind, einen Kunst^usdruck nicht entbehrcn zu konnen glaubt, so 



3^) Jahrbuch f. sexuelle Zwischenstufen, JaJirg. Ill, pag. 72. 



Digitized by VjOOQIC 



17 

koDDte roan sie auch „Biamanten" nennen, da sie in zwiefacher 
Kichtung lieben." 

Wurden die Homosexuellen sich selbst wieder Paderasten nennen, 
was freilich bei ihrer Eigenart kaum zu erwarten steht, so wiirden sie 
damit einen Vorgang wiederholen, der in der Greschichte der Sprache 
nicbt vereinzelt dasteht, denn es ist mehr als einmal vorgekommen, 
daB urspriingliche Ehrennamen zu Scheltnamen, Schimpfnamen, dann 
aber auch wieder zu Ehrennamen wurden. In gewisser Beziehung 
hat sich iibrigens der Charakter des Wortes Paiderastie neuerdings 
schon wieder etwas zu seinen Guns ten verandert. So bedienen sich 
die Polizeibehorden der Ausdriicke „Paderastenli8te", „Paderasten- 
patrouille" in genauer Kenntnis, daB bei den von ihr nach alter Ge- 
wohnheit als Paderasten bezeichneten Personen keineswegs immissio 
in anum die gewohnliche Betatigungform ist; man kann fast sagen, 
sie gebrauchen das Wort Paderast eigentlich ganz im Sinne der 
Karschschen Definition als Bezeichnung fiir ein mannliches Wesen, 
das durch ein anderes mannliches, gleichviel auf welche Weise, in 
sexuelle Erregung versetzt wird. 

Wir woUen hier bei der Bespfechung des klassischen Aus- 
drucks Paderastie noch etwas naher auf die antike Nomen- 
k 1 a t u r gleichgesohleehtlicher Verh^ltnisse eingehen ; bietet diese 
Terminologie doch in mehr als einer Hinsicht bemerkenswerte 
Einblicke in das Wesen der uns beschaftigenden Erseheinung. 

Urspriinglich scheinen fiir homosexuelle Beziehungen keine 
anderen Ausdriicke als fiir heterosexuelle im Gebrauch gewesen zu sein. 
So findet sich in einer der altesten griechischen Inschriften, der aus 
dem Vfl. Jahrhundert vor Ohr. stammenden Felsinschrift der von 
Sparta aus kolonisierten Insel Thera fiir das Eingehen mannmannlicher 
Bundnisse, das spater ungebrauchliche oifpo), das mit „6:ivi(o" ehelichen 
zusammenhangt und futuere bedeutet. Spater wandte man durch 
Kompositi-on neugebildete Ausdriicke an: wie AgSevofii^ia , dggevo- 
xotTTjg, ddgevoxoiTeoD (aQgrjv mannlich, filyvvfiai sich mischen, xoixri das 
Bett), sowie ^aideQaaxla xmdjtaideQaoTtjg zusammengesetzt aus jtatg (Stamm 
natd-j und dem Stamm ega- (igdcoj. Letzterer bezeichnet die sexuelle 
Liebe. Das Alter des TtaTg zeigt das folgende G^dicht der AnthoL 
Pal. (XII. 4) 

*Axfifj dcodexhovg ejtiTsgno^ai' ioii dk xovzov 

XUi rgiaxaidexeTrjg jiovlv jzo&etvtkegog' 
X0> xa dig ijtxQvifjKoy, yXvxegcoxegov dy{^og 'Egcoxcov 

xegsivoxegog S' 6 XQixtjg jmvxddog dgxdfievog' 
i^ejiixaiSexaxov ds d'ewv exog' Sfidofiaxov 6e 

xai dixaxov ^tjxeXv ovx ifiov dXXd Aidg. 
El 8'ijii Jigeafivxigovg xig exei ^d&ov, ovxSxi JtaiCsi, 

dXi' fjSrj tv^sT „x6v d^djtafieipSfievog". 

Zwai* ergotz ich mich gem an des zwolfjahrigen Schonheit; 

Aber im dreizehnten Lenz lieblicher ist da der KnabI 
SiiBer dunkt mich die Bliite der Lieb* im vierzehnten Jahre ; 

Wenn das funf zehnte Jahr eben der Knabe begann, 
Ist er reizender noch. Das sechzehnte ist das der Gotter. 

Aber das siebzehnte Jahr? Zeus gebiihrt es, nicht mir. 
Hast du auf altere Lust? Jetzt ist es kein kindliches Spiel mehr 

Und der Junge begehrt schon: „wie du mir, so ich dir". 

Plato sagt im Gastmahl (181 D): ov ydg igojai jtaiScov, dXX 
ijrttSdy tjdt} dgrcovxat vov ioxbiv . xovto Sk jtXrjOid^ei xq> yevstdaxsiv. denn 
sie (sc. di^ Paderasten). lieben keine Knaben, sondern solche, di^ 
Htrscllfeld, Homosexualitflt. o 



Digitized by VjOOQIC 



18 

schon anfangen, Charakter zu haben; das geschieht aber etwa am die 
Zeit, wo sie Bai*t bekommen. Chaussard^s) unterscheidet : Pais bis zu 
-vierzehn Jahren, Mellephebos mit 16 Jahren, Ephebos mlt 16 Jahren 
und Exephebos mit 17 Jahren. Nach anderen Quellen wurde in Athen 
der Pais mit 18 Jahren Ephebos, doch geht ans dem vielfaltigen Ge- 
brauche des Wortes Paiderastie hervor, daB die Bezeichnung Pais 
nicht selten noch weit iiber dieses Alter hinaus Anwendung fand. 

Auch das lateinische puer ist mit Knabe in der jetzigen Bedeutung 
nicht entsprechend libersetzt. Die geliebten pueri bei Tibull una 
Martial haben oft selbst schon eine Geliebte. Martial gibt 
das Alter eines puer mit 20 Jahren an. Auch Vergil nennt bei den 
sicilischen Spielen (Aeli. V., 548) die bereits reisige und waffenfahige 
Troerjugend puerileagmen. 

Wenn daher Paderastie im Deutschen oft mit „Knabenliebe" 
wiedergegeben wird, so muB man sich gegenwartig halten, daO Knabe 
hier, ahnlich wie seine Nebenf orm K n a p p e , in der friiheren Auf- 
fassung im Sinne eines jiingeren, aber doch vollig erwachsenen Mannes 
angewandt wird, so wie Luther 36) den Ausdruck vielfach gebraucht 
una aucii noch Goethe in der Braut von Korinth sagt: „Bleibe schones 
Madchen, ruft der Knabe" oder im Haideroslein : yy^ah* ein Knab' ein 
Roslein steh'n" und an vielen anderen Stellen. 

Im DreiBigjahrigen Krieg und noch lange nachher findet sich 
iibrigens im deutschen Sprachgebrauch fiir homosexuellen Verkehr auch 
das Zeitwort „buben". 

Der geliebte Knabe hieB igwfievog (der geliebte) oder Jiaidixd 
(plural neutrius generis von jtatSixog). Gewohnlicn ist der eQaazrjg alter 
als der egw^eog, doch finden sich auch Liebesverhaltnisse unter gleich- 
altrigen. So das des Kritobulos zu Kleinias, von denen Xenophon er- 
zahlt, sie seien gleichaltrig und Mitschiiler gewesen. Xen. Gast- 
mahl IV, 23: Ovx ^Q^Qt S3gt Sokrates, Sxi zoviq) fisv natpa ta wxa dgri 
ToiO.og xa^egjiet, KXeiviq. Sk jiQog to Sjiiadev rjdri avafiaivei ; ovxog ovv avfi<poird)v els 
ravra didaoxaXeta sxeivq) tore iaxvQcog Jiq^ogexav^tj. Siehst du denn nicht, daB 
diesem (dem Kritobulos) bei den Ohren schon der Flaum herabkriecht, 
dem Kleinias aber er vom Kinn zu den Ohren hinauf steigt ? Der nun 
(Kritobulos) entbrannte damals schon, als er mit jenem zusammen in 
die Schule ging, heftig fiir ihn. 

In Sparta hieB der Liebhaber eigjiv/jXag, der geliebte dhag. ElgjivrjXag 
kommt von etgjivioi einhauchen. Die alten Lexika berichten, dies 
Wort habe bei den Spartanern die Bedeutung von sqclko gehabt. Be the 
meint nun, an die Inschriften in Thera erinnernd, das „einhauchen" 
— natiirlich der a^eri; — sei nach dorischer Anschauung ^ben durch 
deu geschlechtlichen Akt, das ot(p£iv erfolgt; es ware also eigjivetv 
mit oitpeiv etwa synonym. Dieser SchluB ist unwahrscheinlich, zum 
mindesten kiihn. Wahrscheinlich ist, daB slgnveTv hier etwa soviel 
wie lehren bedeutet, eigjrvetv sc. dgeri^v = Tugend einfloBen. Diese An- 
schauung wird erhartet durch die Bezeichnung des Geliebten mit 
dnag von dtco horen (nicht, wie die Alten meinten, von atj/Ltt wehen), 
das hier dann etwa die Bedeutung „lemen" hatte (vergl. ijiaico etwas 
verstehen, dxovsiv einem Redner oder Lehrer zuhoren, axoveiv ix fiifiXcp 
lernen, axovaz/jg der Zuhorer, dxovafiatixog der Schiiler) ; dann ware 
das Liebesverhaltnis in Sparta nach seiner padagogischen Bedeutung 
genannt; in Kreta dagegen nach seiner militarischen ; dort heiBt der 
Liebhaber naoaotdi^g der Nebenmann, der Geliebte, xlrjvog == der 
Ausgezeichnete. DaB das Verhaltnis tatsachlich ein sexuelles 

35) Chaussard, F6tes et courtisanes de la Grece. Suppl6ment 
aux voyages d'Anacharsis et d'Antenor. Quatri(^me 6dition. Tome 
troisi^me. Paris 1821. 

36) 1. Mos. 18,7; 22,3; Richter 7,11; 9,54; 19,3; 1. Sam. 9,3; 
14,1; 16,17; 2. Sam. 13,28; 1. Rom. 20,14—19; Ev. Luc. 7,7 u. a. 



Digitized by VjOOQIC 



19 

wax, geht aus mancherlei spater zu Erorterndem hervor; bier sei 
noch einmal an die Inschrift in Thera erinnert, die insofern be- 
weisend fiir Sparta ist, als Thera von Sparta aus kolonisiert war, 
also spartanische Sitten ubernommen hatte. Das hier benutzte Ver- 
bum ot(po> hangt mit dnvim ehelichen zusammen; es braucht also 
oiq)ci) hier so wenig einen obszonen Sinn zu habeli wie es dnvlw 
hatte; das eingegangene Freundschaftsverhaltnis wird eben aufgefaBt 
als eino Art iBhe, Dazu stimmt der dorische, fiir Kreta und wohl 
auch fiir Korinth bezeugte, Branch, den geliebten Knaben zu rau- 
ben — meist ist es ein Scheinraub — ganz ahnlich der uralten 
Form der EheschlieBung durch Brautraub. verboten war der sexuelle 
Verkehr unter Freunden nicht, sondern nur die jtogveia, das sich 
um Geld zur Unzucht Hergeben; das durfte ein anst&ndiger junger 
Mann ebensowenig wie ein Madchen. In diesem Sinne stand dem 
Paderasten der xtvaiSog gegeniiber. 

Dies Wort ist etymologisch nicht erklart; die antiken Erklarun- 
gen sind f olgende : xivaidog = (dcekyTJg) fiaXax6g (liistern weichlich); ftakaxoi 
odei /laX^axolhieQen die Kinaden vielfach ; man wurde es wohl am besten 
mit unserm „warm" wiedergeben. Andere Deutungen sind xivaiSog = 
xevog aldovg (schamlos) = xtvaiv trjv aidw (alSwg = aidota [II. II 
262]). Hier bedeutet aid(6g offenbar den Hinteren. So nennt sich der 
Kiniide bei Petron 23, 3 clune agili: mit riihrigem Hintern; vergl. 
carm. Priap. 83 puer . . ., qui verset mobilem natem: der den beweg- 
lichen Hintem hin und her wendet. Sollte aldwg hier die gewohn- 
lichero Bedeutung = aldoTa Geschlechtsteile haben, so wiirde xivaidog 
erklart als der, welcher eines andern Geschlechtsteile erregt (vergl. 
Petron 23, 6 auBer inguina mea diu multumque frusca moluit lange 
und viel mahlte er uber meinen Geschlechtsteilen). Weitere Ei*- 
klarungen sind = xivdjv t^v ^dovrjv WoUusterreger, ferner = 6 xiv<bv 
kavxt^ aid(o xal alaxvyrjy der sich Schimpf und Schande erregt, Auch 
mit xviCeiv jucken {xviSrf Brennessel) hat man den Kinaden zu- 
sammengebracht. Vermutlich aber diirften alle diese Etymologien 
unrichtig sein und ein Fremdwort vorliegen, das aus dem Orien- 
talischen stammt, in deren Kulten die mannlichen Prostituierten, 
beispielsweise die yoJlAot der Kybele am Ida damals eine groBe Rolle 
spielten. Die Griechen und Romer verstanden also unter den Kinaden 
emen erwachsenen femininen Mann, der sich zur Unzucht um Geld 
hergibt (S ze not&v xai 6 :rdaxa>v, also aktiv wie passiv). Sein weibi- 
scher Habitus, der ihm das Beiwort /iaXaxog (mollis) einbringt, wird 
beschrieben bei Phadrus V, 1: 

„Von Salbe triefend und mit flutendem Gewande 
Kommt er (Menander), gezierten, schlaffen Schrittes. Und sobald 
Ihn der Tyrann erblickt ganz hinten in dem Zuge, 
Ruft er: Wer ist dort der Kinade, der es wagt, 
Mir vor das Angesicht zu kommen?" usw. 
Das Treiben der Kinaden schildem u. a. Petron 29 und Juv. sat. IX. 
Dem StraBenleben des alien Rom gab der Kinade die gleiche Note 
wie modernen Weltstadten. Die romischen Schriftsteller nennen feie 
auch spintrii (was von sphincter der AfterschlieBmuskel herkommen 
soil) Oder sellaurii (sella = Sessel). Wegen ihrer Vorliebe fiir iippiges 
Kopfhaar hieBen sie capillati, weil sie sich den iibrigen Korper gem 
enthaarten, aber auch depilati. 

Die grofle Rolle, welche die Homosexualitat in der 
griechischen Literatur spielte, vor allem aber die fast einzig 
dastehende Tatsache ihrer sozialen Fruktifizierung in Hellas, 
waren mehr als ilire absolute Verbreitung — von der es noch 
keineswegs erwiesen ist, ob sie wirklich so viel groBer war 



Digitized by V:iOOQIC 



20 

als an anderen Orten und zu anderen Zeiten — der Grund, ^wes- 

halb die gleichgeschlechtliche Liebe bis in die Gegenwart iinge- 

mein haufig als hellenische und griechische Liebe be- 

zeichnet wurde. Schon Cornelius Nepos sagt in der Lebens- 

beschreibung des Alcibiades, daU dieser in seiner Jugend viel 

amore Graecorum begehrt wurde. Und noeh*in demselben 

Sinne nannte Napoleon I. in Warschau Alexander I. 

„den schonsten und schlauesten Griechen", als er von der leiden- 

schaftlichen Liebe des russisehen Herrschers zu einem jungen 

franzosischen Offizier erfuhr. Sexuelle Besonderheiten nach 

fremden Orten und Landern zu benennen, ist eine alte Gewohn- 

heii, die sich in der Neuzeit ebenso findet wie im Mittelalter 

und Altertum, wie es scheint, eine Art Malice, mit der ein Volk 

gem ein anderes traktiert, ein Branch tibrigens, der mehr durch 

zufallige Vorkommnisse als durch ein nachgewiesenermaflen 

starkeres Vorkommen bedingt zu sein pflegt. Es erstreckt sich 

diese Sitte, oder richtiger Unsitte, nicht etwa nur auf die Homo- 

sexualitat, es geniigt — um nur ein beliebiges Beispiel heraus^ 

zugreifen — zu erinnern, dafl bestimmte Formen sexueller Be- 

tatigung mit Vorliebe als franzosisch, andere oft als amerikanisch 

bezeichnet werden. Wir haben kein Recht, uns liber den Aus- 

druck vice allemand zu erregen, solange die in Deutschland in 

der gleichen Weise wie in Frankreich verbreitete orale Sexual- 

betatigung (cunnilinctio und penilincto) im heterosexuellen wie 

im homosexuellen Verkehr fast allgemein als „ifranzosische Art" 

bezeichnet wird. 

Die Griechea nannten diese Verkehrsweise die phonizische ((poivi- 
xiCetv), Was den gleichgeschlechtlichea Verkehr selbst anlangt, so spra- 
chen die Athener von XaxojvtCeiv und xQtjri^siv, um anzudeuten, daB dieser 
in Lacedamon und Kreta besonders beliebt sei. Nach Hesephius be- 
deutete auch ;jfaA;<<^iC«iv soviel wie pedizieren, da bei den Bewohneru 
der Stadt C h a 1 k i s auf Euboa „die mannliche Venus weit verbreitet 
war"; ahnlich wurde aiqvidi^Eiv, abgeleitet von der Insel Siphnos im 
Agaischen Meere, gebraucht und nach Suidas auch (pixidaCeiv nach 
dem Nameu einer uns unbekanntea Stadt. Genau so findet sich im 
Mittelalter das Verbum „florenzen" — so im Ziiricher Rat- und Richt- 
buch vom Jahre 1422 — davon ausgehend, daB Florenz ein Haupt- 
sitz homosexueller Betatigung sei, wahrend die Florentiner wiedermn 
in diesem Sinne von „neapolitanischer Liebe" sprachen. Auch der 
ebenfalls im Mittelalter fiir homosexuelle Betatigung gebriiuchliche 
Ausdruck „walsche Hochzeit halten" — in einem Klageliede aus 
dem Jahre 1546 heiBt es: „der walschen Hochzeit grausam Schand" 
— gehort. in das Gebiet dieser hamischen Bezeichnungen der Homo- 
sexualitat. Ebenso die im Mittelalter weit verbreitete Bezeichnung 
mal d*orieat, orientalisches Laster, die, wie wir in dem Kapitel iiber 
Verbreitung der Homosexualitat sehen werden, genau so wie die 
anderen ortlichen Spezialnamen einer eigentlichen Berechtigung ent- 
behrte. Der Gleichklang von os, oris mit Orient verleitete mittel- 
alterlichc Satiriker zu dem Scherz, den coitus oralis als „Reise nach 
dem Orient" zu hezeichnen. Noch heute sagen die Balkanvolker, be- 



Digitized by VjOOQIC 



21 

sonders die Rumanen, von jemandem, den sie als homosexuell cha- 
rakterisieren wollen, er ist ein Tiirke. 

Die Orientalen aber machten die Perser und diese wiederum 
die Bewohner der Provinz Chorosan fiir die Homosexualitat verant- 
wortlich. 87) Denn genau so wie in Europa sehen wir in Asien die 
fast kindliche Gewohniheit, dafi ein Volk immer einem anderen die 
Schuld an der Homosexualitat beimiBt. Selbst die Japaner behaupten, 
wie Iwaya^^) mitteilt, daB die Jiinglingsliebe bei ihnen von China aus 
und zwar mit dem Buddhismus eingeschleppt sei. Und in dasselbe 
Gebiet der Volkerpsychologie gehort es, wenn Balz die angeblicjjie 
Tatsache, daB das „unnatiirliche Laster" im nordlichen China weiter 
verbreitet sei als im siidlichen, darauf zuriickfiihrt, „daB in den 
Adeni der Siidchinesen mehr malaiisches Blut roUt". Die Siid- 
amerikaner, besonders die Argentinier nennen die Homosexuellen : Bra- 
silianer (Brasileros) und in Nordamerika schiebt man bald den Chi- 
nesen, bald den Italienem, bald irgend einem andern Volksstamm 
die Einfiihrung gleichgesohlechtlicher Praktiken zu. 

Hochstwahrscheinlich gehort auch der bei Herodot ausfiihrlich 
besprochene Ausdruck S c y t h e n kranklheit fiir effeminierte Manner 
zu den Benennungen einer allgemeinen Erscheinung nach einem Volke, 
bei dem der Urheber des Wortes sie zuerst oder starker als anderswo, 
bemerkte. Dasselbe ist zu sagen, wenn im Talmud 3^) die Tribadie 
als „Tun Agyptens" bezeichnet wird. 

Sogar bei den Naturvolkern ist der heuchlerische Brauch nach- 
weisbar, eine im eigenen Lande genau so wie im fremden verbreitete 
Neigung nach diesem zu benennen. So bezeichnen die Fidji-Insu- 
laner Homosexualitat als „Treiben des weiBen Mannes" mit derselben 
Uberhebung, mit der sie in den Chroniken des europaischen Mittel- 
alters als diejenige Siinde bezeichnet wird, die wohl unter Heiden 
vorkommt, unter Christen aber nicht einmal mit Namen genannt 
werden kann. „Peccatum illud horribile inter Christianos non nomi- 
nandum." 

.Im iibri^en warf das mittelalterliche Christentum die Be- 
griffe Heidentum, Ketzerei und Homosexualitat best^ndig zu- 
sammen. so spricht das Landbuch*^) von Uri in der Schweiz im 
§ 32 von Ketzerei, „sei es in Glaubenssachen oder fleischlichen 
Siinden'*, und das franzosische Wort Heretique bedeutete bald 
einen Ketzer, bald einen Homosexuellen. Auch als Bulgaren 
sollen urspriinglich nur die Mitglieder einer ketzerischen reli- 
gicsen Sekte bezeichnet worden sein, die aus Bulgarien stamlnten. 
Spater aber wurde der Ausdruck Bulgaren, franzosisch bougres, 
englisch bugger — noch jetzt heiflt im englischen Gesetz die 
Paderastie „buggery*' — einer der gebrauchlichsten Namen fiir 
Homosexuelle. 



87) Vgl. V. Kremer, Kulturgeschichte des Orients II, pag. 129f. 
and B 1 o c h , I. Band dieses Handbuchs, pag. 800. 

»8) Iwaya, 1. c. (IV. 266.) 

*^) Cf. P r e u fl , Prostitution und sexuelle Perversitaten nach 
Bibel und Talmud. Monatshefte fiir praktische Dermatologie. 4.3. Bd. 
1906. 

*<^) Zit. nach M i c h a e 1 i s , Homosexualitat in Sitte und Recht 
1907. Berlin, p. 55. 



Digitized by VjOOQIC 



22 

An den Hofen Ludwigs XIII. und XIV. wurden die Bougres h§,ufi- 
per Bardaches genannt, nach dem spanischen bardaxa (italienisch bar- 
dascia;, das eine Ummodelung des arabischen bardag, Sklave, Lust- 
knabe sein soil. Bevor die Franzosen die Horn osexuali tat als „deut- 
sches" Laster bezeichneten, nannten sie es ein italienisches. Als 
man Ludwig XIV. die Geliiste und Maskeraden seines Bruders Orleans, 
seines Sohnes Vermandois, des Kardinals Bouillon, des Prinzen Conti 
und anderer Herren der Hofgesellschaft hinterbrachte, rief er aus: 
„La France devenue italiennel" Der in Frankreich seit 
einigen Jahren wieder viel angewandte Ausdruck „vice allemand" ist 
nicht, wie meist angenommen wurde, neueren Datums, sondern findet 
sich bereits in franzosischen Schriften im letzten Drittel des 18. Jahr- 
hunderts, beispielsweise bei Mirabeau ^^a). Der Ausdruck scheint zur 
Zeit Friedrichs des GroBen aufgekommen zu sein, vor allem durch 
die Schuld Voltaires, und war zugleich eine Revanche dafiir, daB die 
Deutschen die gyphilis als Franzosenkrankheit — morbus gallicus — 
bezeichneten. Dagegen scheint das in Italien als Synonym fiir homo- 
sexuell gebrauchte Wort „Berlinese" erst durch die groBen deutschen 
Sensationsprozesse unserer Zeit aufgekommen zu sein. Im krassen 
Gegensatz zu dem spater iiblichen vice allemand stand ein spanischer 
Spruch, der zur Zeit Heinrichs III. von Frankreich wahrend der Herr- 
scbaft der Mignons durch die Lander ging: 

„En Espana, los caballeros; en Francia, los grandes; 
En Alemania, pocos ; en Italia, todos." 
(„In Spanien, die Bitter; in Frankreich, die GroBen; 
In Deutschland, wenige; in Italien, alle.") 

Ein Analogon zu dem vice allemand stellt die Bezeichnung „ger- 
man custom** dar, womit die auf englischen colleges, namentlich auBer- 
halb GroBbritanniens (beispielsweise in Japan) lebenden Schiiler homo- 
sexuellen Verkehr meinen. 

Unter den mit der Nomtenklatur der Homosexualitat ver- 
kniipften Pllitzen verdienen endlich noch zwei, die ortlich i^cht 
so weit wie kulturell voneinander getrennt sind, erw8.hnt zu 
werden : Lesbos und Sodom. 

Wie Sie Griechen die mannmannliche Geschlechtsbetatigung 
nach der Insel Kreta vielfach xQtjriCeiv nannten, so be- 
zeichneten sie die analogen Beziehungen der Frauen nach der 
Insel Lesbos als keo^iCnv. Namentlich die Romer sahen in 
der auf Lesbos lebenden Dichterin Sappho die Begrtinderin der 
Tribadie, wahrend umgekehrt wiederum die spateren Griechen 
der RSmerin Philaenis die gleiche RoUe zuerteilten, jener 
von der Martial (VIL 67) berichtet, daB „sie von wilderer 
Lust als Manner entflammt elf Madchen an einem Tage um- 
schlang**. Die Benennungen lesbische Liebe, amor lesbicus, 
Lesbismus, Lesbierin, haben sich bis in unsere Tage erhalten, 
wenngleich in etwas verschiedenem Sinne angewandt. Haufig 



*0a) Mirabeau, Ma conversion par M. D. R. C. D. M. F. (= Mon- 
sieur De Riquetti Comte De Mirabeau Fils) London, 1783: „Alors je 
me retourne, et je lui pr6sente bien humblement ce que Berlin revere, 
et. que Tltalien encense." 



Digitized by VjOOQIC 



23 

wird unter lesbischer Liebe die weibliche Homosexualitat ganz 
im allgemeinen verstanden — beispielsweise von Dr. Philos*^) 
in der Schrift „Die lesbische Liebe*' — ; andere wie Bohleder^-) 
sehen in der „lesbischLen oder sapphiscKen Liebe** nur eine be- 
sondere Bet&tigungsform der homosexuellen Frauenliebe, charak- 
terisiert durch den lambitus der Genitalien, eine dritte Gruppe 
endlich unterscheidet sagar Lesbierinnen als von Geburt an ver- 
anlagte Frauenfreundinnen und Sapphos, die sich nur faute de 
mieux gleichgeschlechtlicli betatigen. Etymologisch oder gar 
historisch begriindet sind diese feineren terminologischen Unter- 
scheidungen nicht, es handelt sicb vielmehr dabei lediglich 
um willklirliche Nomenklaturen. 

Auch die Bezeichnung Sodomie oder Sodomiterei, die von der 
einen der sprichwortlich gewordenen Schwesterstadte Sodom und Go- 
morrha ihren Namen herleitet, findet sich in der Literatur in drei ver- 
schiedenen Auffassungen vor. Meist verstand man darunter gleich- 
geschlechtliche Betatigung, indem man Bezug nahm auf jene bekannte 
Erzahlung der Bibel, (1. Mos. 19, 5), in der die Leute der Stadt Sodom 
zu Lot sprechen: „Wo sind die Manner, die zu dir kommen sind 
diese Nacht? Fiihre sie hinaus zu uns, dafi wir sie erkennen." (3^^ 
Lot erwidert darauf: (Vers 8) Siehe, ich habe zwo Tochter, die 
haben noch keinen Mann erkannt, die will ich herausgeben unter euch, 
und tut mit ihnen was euch gefallt; alleiA diesen Mannern tut nichts, 
denn darum sind sie unter den Schatten meines Hauses eingegangen." 
An anderen Stellen wird Sodoms „Missetat" als „Hochmut , Hart- 
herzigkeit, als „Siinde wider Nachstenliebe und Menschlichkeit" als 
„turpitudo" und „ignominia" bezeichnet, so Hesekiel 10,49—50: „Sielie 
die Missetat Sodomas, deiner Schwester, war Stolz ; gesattigt von des 
Brotes Uberflufl reichten sie bei ihrer und ihrer Tochter MiiBiggang 
dem Diirftigen und Armen ihre Hand nicht und wurden iibermiitig und 
taten Greuel vor mir; und ich raffte sie hinweg, wie du gesehen/* Id 
der Arbeit „Homosexualitat und Bibel" von einem katholischen Geist- 
lichen im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen Bd. IV, p. 199 ff. 
und in der Schrift des protestantischen Theologen Caspar Wirz 
M. D. V. (Leipzig 1904) „Der Uranier vor Kirche und Schrift" suchen 
die geistlichen Verfasser ausfiihrlich klarzulegen, daB die Ursache der 
Vemichtung Sodoms und Gomorrhas und die „Siinden Sodoms" nicht 
der gleichgeschlechtliche Verkehr, sondern die allgemeine Verworfen- 
heit und Frivolitat der Sodomiter gewesen seien, wie aus dem Bibel- 
text deutlich hervorgehe. 

Das Wort „Sodomie" wird aber auch haufig, insonderheit in 
Deutschland, wie Bestialitat, zur Bezeichnung der fleischlichen Ver- 
mischung mit Tieren gebraucht, so von Heinrich Heine in seiner 
„SchloBlegende". Endlich spricht man in alteren Schriftwerken von 
Sodomie auch dort, wo jemand mit dem anderen Geschlecht auBer- 
halb der diesem Zwecke dienenden Stelle — ultra vas debitum — ver- 
kehrt. So wird in einer venetianischen Urkunde aus dem Jahre 1470 
ein Weib, das sich gewerbsmaBig der pedicatio hingegeben hatte, 



*i) Dr. P h i 1 o s, Die lesbische Liebe. Ein Beitrag zur Sitten- 
geschichte unserer Zeit. Berlin. 

**) Dr. H. R o h 1 e d e r , Paragraph 250, der Ersatz des Paragraph 
175, in seinen eventuellen Folgen fiir das weibliche Geschlecht. Im 
Reichs-Medizinal-Anzeiger vom 3. Februar 1911. 



Digitized by VjOOQIC 



24 

als meretrix sodomita erwahnt. Das Russische Gesetz versteht und 
bestraft audi jetzt noch als Sodomie die mit einem Weibe vorge- 
nowmene Pedikation, und das Kaiserliche Generalkonsulat fiir Chile 
in Valparaiso schrieb mir im Mai 1913 wortlich: „Nach § 365 des 
chilenischen Strafgesetzbuches wird Sodomie, gleichviel, ob sie 
svwischen Mannern oder Frauen veriibt wird, mit Freiheitsstrafe 
belegt." Ja Johann Samuel Fried rich von B 5 h m e r , der be- 
riihmteste preuBische Rechtslehrer des 18. Jahrhunderts, tritt in den 
,,Elcmenten der Kriminalrechtswissenschaft" (3. A. 1743 sect. II. 
C. 28.) ausdriicklich dafiir ein, daC man den natiirlichen Beischlaf 
zwischen Personen verschiedener Konfessionen nicht mehr als So- 
domie auffassen solle. Liguori sagt in seiner ,,Moralthoologie" 
(nacli von Hoensbroech „Das Papsttum", II. S. 126) folgendes: Es 
ist eine groBe Streitfrage, worin die Sodomie eigentlich besteht. Einige 
sagen sie bestehe im unnatiirlichen Beischlaf (concubitus ad indebi- 
tum vas) zwischen zwei Personen verschiedenen, andere zwisclien 
zwei Personen gleichen Geschlechts. Beide Ansichten sind probabel, 
und bei beiden Ansichten kommt das MiCverhaltnis zum Ausdruck, 
das die Sodomie zur Natur hat, die fiir den Zeugungsakt ein Doppeltes 
verlangt: Die Verschiedenheit der Geschlechter und die richtige Art 
des Beischlafes. Die zweite Ansicht, welche das Wesen der Sodomie 
in der fleischlichen Vereinigung zweier Personen gleichen Geschlechts 
bestehen laBt, ist probabeler. Wahre Sodomie ist also der Beischlaf 
zwischen zwei Frauen, obwohl einige Theologen diesen Beischlaf, auch 
wenn er im After vollzogen wird, unechte Sodomie nennen, da ein wirk- 
licher Beischlaf zwischen Frauen nicht stattfinden kann. Wahre So- 
domie ist ferner jede fleischliche Vermischung zwischen zwei Per- 
sonen des gleichen Geschlechts sei es, daB sie im After (in vase 
praepostero) oder sonst wo stattfindet." 

Im iibrigen hat sich bei vielen Volkern der Ausdruck Sodomiter 
oft sogar in kaum noch den Ursprung wiedergebenden Abkiirzangen, 
wie englisch „sod", hollandisch „mietje", zu einem bloBen Schimpf- 
wort verfliichtigt, iiber dessen eigentliche Bedeutung man sich kaum 
noch klar ist ; wird es doch oft fast mehr mit freundlichem als 
feindlichem Beiklang ausgesprochen. So konnte ich in Holland horen, 
wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kinde, das sich schmutzig gemacht 
hatte, sagte : Du bist ein kleines Sodomiterchen. 

Es scheint auch nicht ganz so btise gemeint gewesen zu 
sein, wie es den Anschein hat, wenn die Italiener im Mittelalter 
einen ihrer groBten Maler — Giovan Antonio Bazzi — 
den Beinamen il Sodoma beilegten. K u p f f e r^^) schreibt dar- 
liber: „,I1 Sodoma* nennt man ihn, und er selbst, in stolzer Be- 
wuBtheii seines urspriinglichen Empfindens und vol! souveraner 
Verachtung gegen eine beschrankte Welt- und Naturkenntnis, 
fiihrte diesen Namen selbst zum Trotze*'. Es ist das librigens 
wohl das einzige Beispiel, daB die Nachrede homosexueller Nei- 
gungen so offensichtlich auf die Person libertragen wurde, so 
daB der wirkliche Name dariiber fast in Vergessenheit geriet, 
wahrend der umgekehrte Vorgang, der Gebrauch von Personen- 
namen als Ausdruck homosexueller Empfindungen und Hand- 
lungen, viel haufiger ist. Diese Art der Benennun^ erstreckt 

*3) Elisar v. Kupffer. Giovan Antonio il Sodoma, der Maler 
der Schonheit, aus Jahrbuch f. sex. Zwischenst., Bd. IX, pag. 76. 



Digitized by VjOOQIC 



25 

sich auch keineswegs auf die Homosexualitat. Sie beginnt rait der 
platonischen Liebe, — beilaufig bemerkt, beziehen sich Platos 
Ausfiihrungen liber den Begriff dessen, was man lieute ,,plato- 
nifiche Liebe** nennt, zunachst auch nur auf die paiderastia — , 
setzt sich fort in dem Wort Onanie, die von dem biblischen Onan 
stammt (1. Mos. 38, 7 — 10), der allerdings nicht der Onanie, 
sondern dem coitus interruptus frohnte, und endet in vielen 
modernen terminis, zu denen u. a. Narcissus und Pygmalion, die 
Sunamitin aus dem Buche der Konige, wie Marquis de Sade, 
Retifdela Bretonne und Sacher-Masoch ihren Namen 
hergeben muBten (Narcissmus, Pygmalionismus, Sunamitismus, 
Sadismus, Retifismus, Masochismus usw.). In diese recht ge- 
mischte Gesallschaft mythologischer und historischer Personlich- 
keitei: treten als Vertreter der Homosexualitat Sappho und 
Sokrates. ^ 

So behandelt Voltaire in seinem „Dictioniiaire philosophique" 
die Homosexualitat unter der Signatur „amour socratique". Auch ich 
selbst setzte meiner ersten Arbeit iiber den Gegenstand die Namen der 
beiden griechischen GroBen als Titel voran.**) Man hat vielfach 
behauptet, dafi die „sokratische" und „sapphiscne" Liebe zu Unrecht 
ihren Namen fiihren. Um von den philologischen Verteidigern, die 
sich beider annahmen, nur je einen zu nennen, seien Johann 
Matthias GeBner und Friedrich Gottlieb Welker er- 
wahnt. Aber weder GeBner in seiner Schrift „ Socrates sanctus paede- 
rasta** (Trajecti ad Rhenum 1768) noch Welker in „Sappho vou 
einem herrschenden Vorurteil befreit" (Gottingen 1816) ist es ge- 
lungen, den strikten Beweis ihrer Meinungen zu erbringen, geschweige 
denn die fest eingebiirgerten Bezeichnungen : ^okratische und sap- 
phische Liebe zum Verschwinden zu bringen. Worauf sich die An- 
nahme stiitzt, daB der groBte Philosoph und die bedeutendste Dich- 
terin der alten Welt homosexuell waren, ist in dem spateren Kapitel 
uber beruhmte Homosexuelle nachzusehen. 

Nicht von sokratischer, sondern von sotadischer Liebe spricht 
der englische Schriftsteller Richard Burton (Cbersetzer von 1001 Nacht) 
in Anlehnung an einen von Martial erwahnten griechischen Dichter 
S o t a d e 8 , dessen Verse, von riickwarts gelesen, einen indezenten 
Sinn gegeben haben soUen. 

Auch der biblische Lot hat auf Grund der oben zitierten Stellen 
aus dem I. Buche Mosis (Kap. 19, V. 4) seinen Namen fiir weitver- 
breitete Bezeichnungen homosexueller Betatigungen hergeben miissen. 
Von Lut der arabischen Form des Namens Lot leitet sich ab lata = 
he committed the act of the people of Lot.*^) „lutijjun und law- 
watun** = one who is addicted to the crime of the people of Lot, 
womit der Paderast bezeichnet wird. Die Bemerkung bei Lane 
„botli used in the present day, but perhaps postclassical" ist, wie 
mir der Arabist Dr. Adolph H. Heloig mitteilt, nicht zutreffend. 



^) M. Hirschfeld, Sappho und Sokrates. Wie erklart sich 
die Liebo der Manner und Frauen zu Personen des eigenen Ge- 
schlechts? Leipzig 1896. 

**) Die lexikalischen Exzerpte sind aus Lane: Arabic English , 
lexicon 8 vol. London. 1863—93 sowie Freytag, Lexicon arabico- tl 
iatinum 4 tom. Halis 1830—37, 1,^" 



;<! 



Digitized by VjOOQIC 



26 

da bereits im Kitabal-Agani, dem klassischen Uberlieferungswerk iiber 
die Dichter und die Khalifen, als eine nahere Charakterisierung des 
ommajadischen Khalifen al-Walid b. al. Jazid lutijjun, also „er 
war ein Knabenschander" vorkommt, mithin ist es klassisch. Vod 
dem Verbum lata heiBt die dritte Form, die im Arabischen gewohn- 
lich das gegenseitige Vornehmen einer Handlung ausdriickt: lawata 
— mit einem Paderastie treiben. Ein weiteres Derivat von Lut ist 
lutijjatun, lutijje the crime of the people of Lut, wofiir im modernen 
Arabisch die Formen liiwat, liwat, lawat vorkommen (je nach den ver- 
schiedenen Provinzen variieren die Vokale, so in Agypten, Syrien, 
Palastina und Algier). 

Neben dieser dauernden Verkniipfung von Personennamen mit 
der Homosexualitat kann man beobachten, daB temporal nach 
Sensationsereiffnissen und Skandalprozessen haufig Wortbildungen auf- 
tauchen, die sich von homosexuellen Personen herleiten, die beidiesen 
Vorkommnissen die Hauptrolle spielten. So kam Ende der sechziger 
Jahre in Berlin der Ausdruck „zastrieren" fiir das Begehen homo- 
sexueller Gewalttaten auf, wohl in bewufiter oder unbewuBter Anleh- 
nung an das Wort kastrieren, daneben fiir homosexuellen Verkehr im 
allgemeinen das Wort zastroen ; beide Worte entstanden im AnschluB 
an eineu ProzeC, der im Jahre I860 das groBte Aufsehen erregte. Der 
SproB eines angesehenen preuBischen Geschlechts, derer von Z a - 
s t r o w , Sohn eines hervorragenden Generals, als femininer Urning 
der Behorde bekannt, war beschuldigt — Ulrichs meint falsch- 
lich — den 15jahrigen Biickerlehrling Corny 1867 verstiimmelt und 
getotet zu haben, ferner 1869 den Knaben Hanke auf einen 
Boden geschleppt, dort gebissen, gewiirgt und der Testikel beraubt 
zu haben. In „Argonauticus" *6) (p. 87^ findet sich eine Zuschrift 
aus Berlin, die recht anschaulich zeigt, wie solche Volksausdriicke sich 
bildeu und verbreiten. „Im Lokal bei Liebenow saBen kiirzlich an 
einem Tisch einige Herren, Dioninge. An einen andren Tisch setzten 
sich zwei Herren, darunter der eine ein Jiingling, der durch scherz- 
haftes Kokettieren und Affektieren bald ihre Aufmerksamkeit auf 
sich zog. Sie witterten in ihm einen Urning und begannen Stiche- 
leien. Endlich redete einer ihn an: „Horen Sie mal, junger Mann, 
Sie sehen aus wie Zastrows Bruder." Junger Mann: „So, das mag 
wohl sein. Als Zastrows intimer Freund miissen Sie das ja wissen." 
Dioning 1 : „Woraus schlieCen Sie denn, daB ich Zastrows intimer 
Freund bin?" Junger Mann: „Sonst wiirden Sie ja solche Ahnlich- 
keiten nicht entdecken." Dioning 2 zu Dioning 1 : „H6r mal, laB 
uns lieber gehen. Die Zastrows wollen uns sonst am Ende noch 
zastrowen." Die anwesenden Gaste lachten. Nach einigem ferneren Ge- 
plankel fiihlten sich die Herren Dioninge jedoch geschlagen, schwie- 
gen und entfernten sich." In Deutschland wurde vor kurzem ein 
Mann wegen Beleidigung verurteilt, der in ahnlichem Sinne jemand 
einen „Eulenburg** gonannt hatte. In England wurde langere Zeit 
nach dem Prozesse Oscar Wildes (1895) ein Homosexueller ein „Oscar" 
und immissio in anum „to oscar" genannt, Ausdriicke, die nach 
Pavia*^) auch jetzt noch nicht auBer Gebrauch pekommen sind. Ein 
deutscher Diener, der in vornehmen englischen Familien beschaftigt 
war, schrieb mir erst kiirzlich, daB er wegen seines femininen Wesens 
von den ihm nachstellenden Hausmadchen oft die Redensart: „that 
is an oscar" hore. Es mag an diesen Beispielen, die sich leicht 
verraehren lieBen, sein Bewenden haben. Nur zwei biblische Eigen- 
namen seien noch erwahnt, die wir ^eichfalls mit der Homosexualitat 
in Verbindung gebracht finden. In Frankreich nannte man im XVII. 
Jahrhundert die Homosexuellen Benjamitter und die Homo- 



*^) Ulrichs, IX. Argonauticus p. 87. 

*") Vierteljahrsberichte des W.-h. Komitees, Jhrg. II, Heft 1, p. 40. 



Digitized by VjOOQIC 



2V 

semalitat Benjamittertum ; mit Vorliebe bediente sich die Herzogin 
von Orleans, selbst Gemahlin eines Umings, dieses Ausdrucks, wenn 
sie von den homos exuellen Hoflingen sprach, die ihren scharf hetero- 
sexuellen Schwager Louis quatorze umgaben. Eine andere Bezeich- 
nung, der man noch jetzt gelegentlich im franzosischen Schrifttum 
begegncn kann, ist besonders merkwiirdig. Petit- J 6 s u s heifit mar 
die jungen Burschen, die, auffallend durch ihr stutzerhaftes Be- 
nehmen, ihr madchenhaftes Gesicht, trippelnd nach Art antiker Kina- 
den, auf den Pariser Boulevards eine nicht seltene Erscheinung waren 
und sind. Coffignon unterscheidet neben den petits-j^sus, deren 
Laufbahn meist mit dem 20. Lebensjahr ende, die eigentlichen j6sus, 
die er in drei Klassen teilt: die „filles galantes", die alteren Chan- 
teurs und Souteneurs, den „rupins", als Juockvogel dienen, die „filles 
pierreuses", die selbstandig der mannlichen Prostitution obliegen, und 
die „filles domestiques", die sich bei reichen Homosexuellen eine Stelle 
als Diener suchen, um sich ihnen selbst hinzugeben oder petits- 
J68US zu besorgen. 

Vom „A n t i n o u s", dessen Name ebenfalls ein Begriff geworden. 
unterscheiden sich die Jesusse durch die Dirnenhaftigkeit, wahrend 
der im englischen Slang fiir homosexuelle Manner vorkommende Eigen- 
name Mary-Ann wiederum einen ganz anderen Typus trif ft, nam- 
lich altere Urninge von weiblicher Beschaffenheit. Dagegen entsprach 
im alten Rom der Name des Jupiterlieblings Ganymedes, nament- 
lich in der verstiimmeltfen Form canamitus als Gattungsbezeich- 
nung dem franzosischen j^sus. 

In Frankreich ist im iibrijgen seit Beginn der achtziger 
Jahre des vorigen Jahrhunderts der frliher verbreitetste Aus- 
drnck Sodomie — ganz ahnlich wie in Deutschland das Wort 
Paderastie durch Homosexualitat — durch einen wissenschaft- 
lichen Terminus ., Inversion" verdrangt worden. Es ist ein 
Verdienst von Charcot und Magnan^^) und vor allem von 
Julian Chevalier^*^), diesen verhaltnismaUig bezeichnenden 
Ausdruck in die Fachliteratur eingeflihrt zu haben. 

Wahrend der Begriff der Inversion bei ihnen mit dem der Homo- 
sexualitat zusammenfallt, und die Homosexuellen selbst les invertis 
heiBen, will M o 1 1 5^) den Worten Inversion imd Invertierte eine 
engere Bedeutung geben. Er unterscheidet zwischen Inversion und 
Homosexualitat in d e r Weise, daB die erstere nur solche Falle um- 
faBt, „wo eine voile Umkehrung des Geschlechtstriebes stattfindet, 
das helBt, wo der Mann wie ein Weib empfindet" und wie diesesr auch 
nur voUentwickelte Manner liebt, „wahrend in den anderen Fallen, 
wo jungere Individuen bevorzugt werden, zwar Homosexualitat und 
Perversion, aber keine Inversion vorliegt." Er fiihrt aber diese Unter- 
scbeldung in seinem Buche selbst nicht durch, und sie ist auch nicht 
durch zufiihren, da sowohl die Abstufungen der Geschmacksrichtung 

*») Charcot und M a g n a n , Inversion du sens g6nital et autres 
perversions sexuelles. Archives de Neurologic, Sme et 4nie Tome. 
Paris 1882. 

*o)J. Chevalier, De I'inversion de I'instinct sexuel 
aa point de vue m6dico-l^gal. Paris 1885, und De I'inversion 
sexuelle aux points de vue cliniq[ue, anthropologique et m6dico-16gal. 
Archives de 1 anthropqlogie criminelle et des sciences penales, Paris- 
Lyon. 5me Tome 1890 et Gme Tome 1891. Ferner: Chevalier, 
L' i n V e r s i o n sexuelle. Paris-Lyon 1893. 

w) A. Moll, Die kontrare Sexualempfindung, p. 33. 



Digitized by VjOOQIC 



28 

al8 der eigenen Femininitat viel zu sehr durcheinander und inein- 
ander iibergehen. Dieser Einwand gilt auch fiir Ferenczi, der 
neuerdin^s vorgeschlagen hat, Invertierte und Objekthomo- 
s e X u e n e als zwei voneinander gesonderte Gruppen zu unterscheidea^*). 

Die franzosischen Psychiater hatten das Wort Inversion 
wohl iiberlegt an Stelle von Perversion gesetzt, diesem von 
Krafft-Ebing im' Gegensatz zu Perversitat in die Sexualwissen- 
schaf t eingeftiihrten Begriff . Der beriihmte Verf asser der Psycho- 
pathia sexualis gab in dem Kapitel: „Allgemeine Neuro- und 
Psychopathologie des Sexuallebens'* folgende Definition des 
Wortefl pervers^^) : „Als per vers muB — bei gebotener Ge- 
legenheit zu naturgemillJer geschlechtlicher Befriedigung — jede 
AuBerung des Geschlechtstriebes erklart werden, die nicht den 
Zwecker. der Natur, i. e. der Fortpflanzung entspricht/* Diese 
perversen Handlungen beruhen auf Perversion, wenn sie aus 
einem von Nat'ur perversen Geschleehtstrieb hervorgehen, andern- 
falls sind es Perversitaten, die „nicht durch psychopathologische 
Bedingungen hervorgerufen'* sind. Kra.fft-Ebing sagt^^): 
„Um zwischen Kranfcheit (Perversion) und Laster (Perversitat) 
unterscheiden zu konnen, muB auf die Gesamtpersonlichkeit 
des Handelnden und auf die Triebfeder seines perversen Han- 
delns zurUckgegangen werden." An und fiir sich erscheint es 
befremdlich, wie dies auch Kind^*) in seinen „Beinerkungen 
zur Nomenklatur der Sexualwissenschaft" anftihrt, in eine ein- 
fache Wort en dung ein so durchgreifendes Untersch)eid,ung8- 
naerkmal hineinzulegen. Gleichwohl fand Krafft-Ebings 
Vorgehen viel Anklang, auch auBerhalb Deutschlands, so in 
Frankreich bei Dr. M. L a u p t s , der sein 1896 zu Paris er- 
schienenes Werk, zu dem Zola eine Vorrede geschrieben hat, 
„Perversions et Perversites sexuelles** nannte. Dieser Erfolg 
riihrte offenbar davon her, daB die Begriffsbestimmung, wenn 
auch sprachlich nicht sehr pragnant durchgefiihrt, sachlich 
einem tatsachlichen Bedtirfnis entsprach, namlich dem, echte 
Homosexualitat und Handlungen echter Homosexueller^ von 
denen zu unterscheiden, die vorlibergehend von Heterosexuellen 
aus irgendwelchen Motiven vorgenommen werden. 



*2)v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, pag. 64. 

W) Loc. cit. pag. 64. 

**S In der „Zeitschrift fiir Sexualwissenschaft", 1908, pag. 37. 

W) Von ahnlichen Erwagungen ausgehend macht Hammer einen 
Unterschied zwischen den sonst stets synonym gebrauchten Aus- 
driickeu Homosexualitat und Uranismus. Homosexualitat ist fiir ihn 
der gleichgeschlechtliche Verkehr im allgemeinen, wahrend Ura- 
nismus ein ein^eboren psychologischer Komplex ist, zu dessen Sym- 
ptomen auch die Homosexualitat gehort. Es ist also nach ihm jeder 
Uranier homoaexuell, aber nicht jeder Homosexuelle ein Uranier. 



li*-* 



Digitized by VjOOQIC 



29 

Im Grunde genommen entspricht so die Trennung von Perversion 
iind Perversitat, schon der spater von B 1 o c h vorgeschlagenen in 
Horn osexuali tat und Pseudohomosexualitat ; nur deckt sich pervers nicht 
mit homosexuell, wie manche Autoren und Laien zu glauben scheinen, 
vielmehr subsummiert der Ausdruck nach Krafft-Ebingscher Definition 
a 1 1 e nicht der Fortpf lanzung dienenden Geschlechtsakte. Daher 
kommt es, daB das Wort pervers als z u v a g e gefaBt aus der Fach- 
literatur mit fortschreitender Erkenntnis mehr und mehr verschwindet, 
um durch enger gefaBte Termini ersetzt zu werden. Ziehen^*) 
hat neuerdings fiir die qualitativen Aberrationen des Sexualtriebs, 
die Krafft-Ebing Perversionen nannte, den Ausdruck P a r h e - 
d o n i e n eingefuhrt, wahrend sich schon friiher fur denselben Be- 
griff in Eulenburgs sexueller Neuropathic das Wort „Parerosie" 
findet und bei Krafft-Ebing selbst die Bezeichnung „sexuelle 
Parasthesien" (Psychopathia sexualis, p. 64), alles Ternlini technici, 
die sich als entbehrlich nicht recht in der Wissenschaft eingebiirgert 
haben. 

Nicht so weitgehend wie der Begriff der Perversitat, wenn 
auch umfassender als der der Homosexualitat, ist das eben- 
falls haufige Synonym ,,drittes Geschlecht** (franz. 
troisieme sexe, engl. third sex oder bei Carpenter 
middlesex). Ich selbst habe in kleinen Schriften^^), in denen 
ich mich gegen die Homosexuellenverfolgung wandte, diesen Aus- 
druck auch angewandt, weil er einen erfahrungsgemaU ilir das 
Volksurteil wesentlichen Tatbestand gut trifft, namlich den, daB 
sich die homosexuelle Geschlechtsnatur von der voUmannlichen 
und voUweiblichen e n d o g e n unterscheidet. 

Schon U 1 r i c h s schreibt in dem ersten der von mir veroffent- 
lichten Briefe an seine Verwandten: „Wir sind gar nicht Manner 
im eewohnlichen Begriff. Wir bilden ein drittes Ge- 
schlecht." In Wirklichkeit ist aber dieser Gedanke und sein 
Ausdruck viel alter, er findet sich schon bei antiken Schriftstellern. 
So erwidert in P 1 a t o s Gastmahl Aristophanes, dem P a u - 
sanias auf seine oben zitierte Rede iiber die jtaideQaoxia: „Im An- 
fang gab es unter den Menschen drei Geschlechter, nicht wie jetzt 
nux zwei, das mannliche und das weibliche, sondern n o c h ein 
drittes Geschlecht dazu, welches das gemeinschaftliche war 
von diesen beiden: Das androgyne, namlich dessen Gestalt und 
Kame sich aus jenen beiden zusammensetzt, dem mannlichen und dem 
weiblichen; jetzt aber ist dieser Name nur noch als Beschimpfung 
vorhanden.** (jiq<7jtov fikv yao rgia rjv rot ycV;; xa twv dv&gwjzojv, ovx, ojojicq 
vvv SvOf d^oeVf xai Ofjlv, alXa xai xqIxov :iqoo7iv xotvov ov dfi<foxiQ(ov xovxmv, 
ov vvv Svofia XoiJiov, avxo de tjq:(ivtoxai. dvSgoyvvov ydg iv xoxs fikv ijv xai etdog 
xai Svofia, i^ dfi<poxsQcov xoivov xov xe aggevog xai &tjleog ' vvv S'ovx eaxiv dXX' rj 
iv ^eidet ovofia xsijLiEvov. Plat, eonviv. XIV^, 189. D-E. Ed. Stephani). Die 
Ansicht Ludwig von Schefflers,^^) ^q^q Alexander Seve- 

^«) T h. Ziehen, Zur Lehre von den psychopathischen JKon- 
stitutionen. In den Charit^-Annalen (redigiert von Prof. Dr. Scheibe). 
XXXIV. (Jubilaums-) Jahrgang. Berlin, 1910, p. 272 ff. 

") Was soil das Volk vom dritten Geschlecht wis- 
sen? Eine Aufklarungsschrift uber gleichgeschlechtlich (homosexuell) 
empfindende Menschen. 34.— 50. Tausend. .Mit Ilhistrationen. 

Berlins drittes Geschlecht von Dr. Magnus Hirschfeld. 
Grolistadt-Dokumente. Bd. 3, herausgegeben von Hans Ost- 
wald. 2. Auflage, Berlin und Leipzig. 

M) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. II, p. 261. 



Digitized by VjOOQIC 



30 

r u s mit Bezug auf Heliogabal and dessen Umgebung z a e r s t 
vom „tertium genus hominum" gesprochen habe, ist hiernach als 
irrtiimlich anzusehen. 

Iin iibrigen wird auch dieser Ausdruck wieder verschieden ge- 
braucht, so von E. v. W o 1 z o g e n in einer vielgelesenen Novelle^^a) 
als Bezeichnung fiir emanzipierte Frauen. Fiir mich selbst ist der 
Begriff „drittes Geschlecht" gleichbedeutend mit dem der sexuellen 
Zwischenstufen oder Geschlechtsiibergange, dem englischen „inter- 
sexes** ; ich verstehe darunter alle vom absoluten Geschlechtstypus 
starker abweichenden Zwischenformen, die ich in vier Hauptgruppen 
einteile: die Hermaphroditen, Androgynen, Homosexuellen und Trans- 
vestiteu, je nachdem die Abweichung die eigentlichen Geschlechts- 
organe, die iibrigen korperlichen Geschlechtscharaktere, den Ge- 
schlechtstrieb una die sonstigen seelischen Geschlechtsunterschiede 
betrifft. Friiher wurden diese Erscheinungsformen vielfach zusammen- 
geworfen. So sieht Krafft-Ebing^^) sowohl in der Androgynie 
und Gynandrie als auch vor allem in der Effemination und Viraginitat 
nur „Entwickelungsstufen der eingeborenen homosexuellen Empfin- 
dung*', heute wissen wir aber auf Grund genauerer Materialkenntnis, 
daB bier ein fundamentaler Irrtimi vorlag, indem zwar die verscbiede- 
nen Zwischenformen gemischt vorkommen konnen, es aber d u r c h - 
aus nicht immer zutrifft, dali Ef feminierte und Viragines, Weib- 
manner und Mannweiber, geschweige denn Androgyne, homosexuell 
sind, so wenig wie die Homosexuellen stets effeminiert oder die homo- 
sexuellen Frauen virilisiert sein brauchen. Deshalb sind auch viele Bei- 
worte, mit denen man die Homosexuellen nach allerlei femininen Eigen- 
schaften in alter und neuer Zeit belegte — de Joux«o) nennt beispiels- 
weise die Urninge: „Evas6hne", die Urninden Adamstochter" — nicht 
als ganz zutreffend anzusehen. Das im ganzen spanischen Sprach- 
gebiet fiir Uminge sehr gebrauchliche Wort maricon (eine Nebenform 
lautet maricu), bedeutet ebenfalls weibischer Mann. Wie zahlreiche 
spanische Worter ist es aus dem Arabischen deriviert und zwar von 
marikun, das gleichzeitig E 1 s t e r , Weibling imd Kinade bedeutet. 
Vergl. damit, daB in Berlin von alters her Strichjungen vielfach „Raben- 
iungen" oder „K a b e n" genannt wurden. Merkwiirdig ist, daB dieser 
Vogel auch schon im klassischen Altertum in der Nomenklatur der 
Homosexualitat eine Rolle spielte. Der Historiker Timaios von Tauro- 
menion (352 — 256) berichtet namlich, daB der sikilische Tyrann Aga- 
thokles, der, aus niederem Stande emporgestiegen, lange Zeit (317 — 275) 
gegen die Karthager gekampft hatte, „in seiner friihesten Jugend 
ein offentlicher Bube" gewesen sei, der sich als „schamlose D o h 1 e" 
,.jedem zur Verfiigung gestellt habe, der ihm in den Weg kam". Poly- 
bios (XII, 15J bezeichnete diese Vorwiirfe allerdings spater als stark 
iibertrieben^Oa). 

Den andersgeschlechtlichen Eindruck vielcr homosexueller Man- 
ner und Frauen spiegeln namentlich auch die in der Volkssprache be- 
sonders unter den Homosexuellen selbst weit verbreiteten Spottnamen 
wieder, die bezeichnenderweise von den virileren Homosexuellen meist 
als fiir sie unpassend sehr perhorresziert werdcn, wie das Wort „Tante", 
in Deutschland, „Schwester" in Osterreich, „Nichte" in Holland, „veuve" 
und „tante** in Frankreich, ,,aunt" in England ; — in Spanien fand ich 
unter den Handzeichnungen Goyas im Prado-Museum das Bild eines 
„Maricon'* mit der Beischrif t : la tia Ha (tia = Xante) — fiir die Urnin- 
den sind entsprechende Ausdriicke „Onker*, „Vater" im Deutschen, 

^*a) Ernst von Wolzogen, Dels dritte Geschlecht. Mit Buch- 
schmuck von W. Caspari. 1. — 20. Tausend. Berlin. 

w) V. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, p. 240 f. 

SO) de Joux: die Enterbten des Liebesgliicks p. 191. 
«oa) Vgl. Petron. Satyr. 27 und 63; Martial, III. 58, II. 57. 



Digitized by VjOOQIC 



31 

„Tom** im Englischen. Auch die Gewohnheit, den Namen andersgeschlecht- 
liche Endigungen anzuhangen, den Artikel zu andern, „der** in „die", 
ebenso „er in „sie", gehort hierher, sowie der Gebrauch weiblicher 
Spitznamen fur Manner und umgekehrt. „De vlamsche Marie" in 
Amsterdam, „die polnische Paula" in Berlin, „the queen of Eastend" 
in London, „la reine d'Angleterre" in Paris, „la casta Susanna" in 
Madrid haben Analogien in den Sprachen und Typen aller Lander 
der Welt. 

Die veraltete Auff assung Krafft-Ebings, der ftir seine 
Zeit die Lehre von der HomosexualitiLt so bahnbrechend beein- 
fluBt hat, ifit auch. heute noch nicht liberwunden. So leidet auch 
das groBe, mit BienenfleiB zusammengetragene Werk K a r s c h s ^ 
tiber das gleichgeschlechtliche Leben der Naturvolker^^) sehr 
darunter, daB die verschiedenen Formen der Geschlechtsiiber- 
gauge uicht scharf voneinander getrennt sind, woran er allerdings 
weniger Schuld tragt, als die Forschungsreisenden, aus deren 
Schilderung ihnen begegnender Zwischenstufen klar hervorgeht, 
daB sie, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, jeder detail- 
lierten Naturkenntnis ermangelten. Ohne diese, verbunden mit 
eingehender Exploration und Untersuchun^, ist aber eine Unter- 
scheidung kauni moglich. 

Zunachst ist zu beriicksichtigen, daB alle diese Geschlechts- 
ubergange sowohl beim mannlichen als beim weiblichen Geschlecht 
vorkommen, daB beispielsweise ein als Weib verkleideter Mann und 
ein aJs Mann lebendes Weib, ein Transvestit also und eine Trans- 
vestitin, sich oft zum Verwechseln ahnlich sehen. Hinzu kommt, 
daB es in alien Gruppen echte und unechte Formen, wie Hermaphro- 
dit^n und Pseudohermaphroditen, Homosexuelle und Pseudohomo- 
sexuelle gibt ; es ist also nicht jeder, von dem man erfahrt, daB er 
sich homosexuell betatigt, homosexuell, nicht jeder, der in der Klei- 
dung des andern *Geschlechts erscheint, Transvestit, nicht jeder an- 
scheineud Weibbrustige ein Gynakomast; es kann sich statt imi 
Drusengewebe um Unterhautfettgewebe handeln. Weiterhin gibt es 
Lnnerh^b jeder Gruppe noch sehr viele weitere Abstufungen, t o t a 1 e 
und partielle Bildungsanomalien, und der Teil oder die Eigenschaft, 
auf welche sich die partielle Zwischenstufen-Formation erstreckt, kann 
sehr verschieden sein; so sprechen wir auf dem Gebiet der Gymmdro- 
morphie nicht nur von Androgynie (Mannweiblichkeit) und G y - 
n a u d r i e (Weibmannlichkeit), sondern von Gynakomastie, wenn 
Manner weibliche Briiste, und von Andromastie, wenn Frauen 
mannliche Briiste haben, von Gynosphysie und Androsphysie 
bei Mannem mit weiblichem und Frauen mit mannlichem Becxen, von 
Gynoglottie und Androglottie bei einer weiblichen Kehl- 
kopfbildung am Manne oder einer mannlichen der Frau, von Andro- 
trichie /und Gynotrichie bei Bartfrauen oder Mannern mit 
femininem Haartypus usw. usw. 

Hinsichtlich der Erscheiuungen, zu denen der Uranismus 
gehort, habe ich dem Gesagten nur noch einiges tiber den Begriff 
der Z witter hinzuzufiigen. Das gute alte deutsche Wort 



fii)F. Karsch-Haack, Das gleichgeschlechtliche Leben der 
-Xatur>olker, Miinchen 1911. 



Digitized by VjOOQIC 



32 

Z witter ist erst neuerdings wieder durch die Zwischenstufen- 
lehre etwas mehr in Ansehen gebracht worden, nachdem es, 
wie so manches auf sexuellem Gebiet, durch asketischen Unver- 
stand und Widerstand lange recht sehr herabgewilrdigt war. Wie 
sehr dieser affektbetonte Kontrainstinkt auch heute noch immer 
wieder hervorbricht, zeigt unter anderem ein Satz, der sich vor 
nicht langer Zeit in einer deutsehen Tageszeitung^^) fand, 
lantend: „Das dritte Geschlecht ist die Erfindung verpesteter 
Gehirnc und perverser Herzen'*. 

Ahnliche Stellen, oft mit starken Ausfallen gegen die wissenschaf t- 
liche Erforschung dieses Gebiets, konnte ich, namentlich aus Ant- 
wortschreiben von Geistlichen, an die sich Homosexuelle hilfesuchend 
wandten, eine ganze Anzahl anfiihren. 

Was nun den Ausdruck Zwitter betrifft, so sehen wir ihn genau 
so wie den entsprechenden Ausdruck Hermaphroditen in d r e i e r - 
lei Weise gebraucht. Einige woUen das Wort Zwitter wie in der 
Botanik und Zoologie nur fiir solche Wesen reservieren, die manhliche 
UDd weibliche Keimstocke zugleich besitzen. Einige, und dazu zahlt 
vor alien das groBe Publikum, dehnen den Begriff auch auf die von 
den Anatomen als Scheinzwittertum geschilderten Falle aus. Eine 
dritte Gruppe endlich erweitert den Sinn des Wortes noch mehr und 
identifiziert Zwitter mit sexuellen Zwischenstufen, unterscheidet deba- 
nach Leibeszwitter und Seelenzwitter — EdUard von Hart- 
ma n n ^') spricht auch von „Liebeszwittern" — oder den korperlichen 
und psychischen Hermaphroditismus. Unter letzterem versteht 
Krafft-Ebing nun wieder nur Falle, in denen „bei vorwaltend 
homosexueller Geschlechtsempfindung Spuren heterosexueller bestehen", 
wahrend wir zum seelischen Zwittertum sowohl die Homo- 
sexualitat als die Bisexualitat rechnen und auch den Trans vestitiamus, 
also alle Formen von psychischem Hermaphroditismus im Gegensatz 
zum korperlichen, zu dem der Hermaphroditismus sensu strictiori, 
der Pseudohermaphroditismus und alle androgynen Formationen ge- 
horen. 

Einigea nun noch tiber die der Homosexualitat unterge- 
ordneten Namen und Begriffe. In der Hauptsache mlissen wir 
hier auf das Kapitel liber die Einteilung der Homosexualitat 
verweisen. Nur auf die Terminologie gewisser homosexueller Be- 
tatigungsformen soil hier noch eingegangen werden, weil auch 
hier wiederum ein Tummelplatz ungenauer und unrichtiger Be- 
griffsbestimmungen ist. Wir setzten bereits auseinander, daB 
die haufigsten der in Frage kommenden Bezeichnungen, wie 
Homosexualitat, Paderastie, kontrare Sexualempfindung, Per- 
version und Inversion, entweder nur die bestimmte Triebrich- 
tung oder die sexualpsychologische Eigenart ausdriicken sollen, 
nicht aber, wie so oft irrtiimlich angenommen wird, irgendeinen 
Geschlechts a k t. Es kann also jemand, der niemals einen homo- 



*') Vgl- M. Hirschfeld, Geschlechtsuberpjange, Vorwort pag. 4. 
^3) E. V. H a r t m a n n , Philosophic des Schonen, zweiter syste- 
matischer Teil der Asthetik. Berlin 1887. pag. 237 f. 



Digitized by VjOOQIC 



fiexuellen Geschleclitsverkehr gehabt hat, homosexuell sein, wenn 
er sich nur in seelisch-sinnlicher Liebe zu Personen des gleichen 
Geschlechts hingezogen ftihlt ; auf der anderen Seite kann jemand 
Aktc ausgetibt haben, die fiir den homosexuellen Verkehr als 
spezifisch angesehen werden, ohne daU damit der Beweis seiner 
Homosexualitat erbracht ifet. Trotz dieser voUig klaren Urn- 
grenzung wird mit den Worten Paderastie, Homosexualitat, 
Perversion immer wieder die Vorstellung von Akten verbunden, 
und zwar meist sogar von den in Wirkliehkeit verba ItnismaBi^ 
seltenen Akten, wie der immissio in anum. Es erscheint dieser 
Mangel an Prazision um so weniger angezeigt, als sowohl fiir 
diese als die meisten anderen Formen sexueller und homo- 
sexueller Betatigung seit altersher bestimmt normierte Aus- 
driicke existieren. 

Fiii* die rein seelische Betatigung trifft dieser allerdings nicht 
zu, es sei denn, daC wir den Ausdruck „platonische Liebe" in seiner 
urspriinglichen auf die „paiderastia*' sich beziehenden Bedeutung ge- 
brauchen. Auch die weitaus am meisten gepflegte korperliche Be- 
tatiguDg homosexueller Manner und Frauen, die mit der Hand, ent- 
behrt einer eigenen Terminologie ; man begniigt sich, den Worten 
Onanie oder Masturbation (zusammengezogen aus Manustupration von 
manus Hand und stuprum, Schandung) das Attribut mutuell, wechsel- 
seitig, vorzusetzen. In Wirkliehkeit ist aber die Ahnlichkeit zwischen 
dem solitaren und mutuellen Gebrauch der Hand rein auCerlich ; denn 
die am eigenen Korper vorgenommenen Erregungen, die man als 
onanistische zu bezeichnen pflegt, und die manuell von oder an einem 
anderen im homosexuellen Verkehr ausgelosten unterscheiden sich 
genau so, wie im normalsexuellen Verkehr die Autoonanie von der 
Kohabitation. Es klafft hier entschieden eine Liicke in der sonst so 
iiberladenen Sexualterminologie. Brauchbar ware das Wort Mani- 
pulatio, wenn es nicht bereits in anderem Sinne verwaudt wiirde. 

Fiir homosexuelle Frauen, die frictiones vulvae mit der Hand 
mutuell vornehmen, meist auch digitum in vaginam immittunt, und 
zwar, wie Rohleder richtig anfiihrt, gewohnlich indicem, seltener digi- 
tum medium, den Martial impudicum nannte, findet sich in der fran- 
zosischen Literatur, u. a. bei Bran tome, die Bezeichnung frica- 
relies. 6^*) 

Diesc Fricarelles sind nicht zu vervvechseln mit den frictrices oder 
fricatrices der Romer, die den griechischen Tribaden (toi/iddsc) eut- 
sprechen und ihren Namen ebenlalls von dem Worte reiben herleiten, 
das lateinisch fricare, griechisch Toipeir, franzosisch frotter heifit. Bei 
diesen findet das Reiben nicht ausschlieClich mit den Handen statt, 
es handelt sich vielmehr in der Hauptsache um eine frictio mutua 
genitalium eo modo, ut una femina vulvam ad vulvam alterius fricet. 

Gar zu sehr ins Spezielle gehende Nomenklatoren unterscheiden 
hier noch den Tribadismus externus von dem Tribadismus internus 
der Klitoriskohabitation, bei dem mit der frictio mutua vulvarum una 
femina clitoridem in vaginam alterius immittit vel immittere experitur; 
wortir die Franzosen noch die Bezeichnung clitorisme haben. 
Martial schildert diese Betatigungsvveise, wie folgt: „Inter se gemi- 
nos audent committere cunnos meutiturque virum prodigiosa Venus**. 



«*) Vgl. Iwan Bloch, Band II dieses Handbuchs S. 218. 
Hirschfeld, HomosexualitSt g 



Digitized by V:iOOQIC 



34 

Das Wort Tribadie hat genau den entgegengesetzten Ent- 
wicklungsgang gcnommen wie das Wort Paderastie. Wahrend 
dieses urspriinglich die seelische Jtinglingsliebe in sich begriff, 
schlieBlieh aber nur einen bestimmten Akt bedeutete, driickte 
Tribadie anfangs nur die von rgi^eiv sich herleitende Verkehrs- 
art aus, um schlieBlieh ein Haupftwort ftir die homosexuelle 
Frauenliebe im allgemeinen zu werden^^). 

Daf) es innerhalb der mannlichen Homosexualitat eine der Tribadie 
eutsprechende Bezeichnung nicht gibt, hangfc mit dem anatomischen 
Bail der mannlichen Genitalien zusammen, die einer frictio genitalium 
miitua erschwerend, wenngleich sie keineswegs vollig ausschlieBend ent- 
gegeiisteht ; am meisten diirfte dem Akte der fricatrices der coitus 
inter crura oder femora entsprecben, fiir den die Franzosen den Aus- 
druck eufesser haben, der nach Tarnowsky^e) aus ., inter faeces 
coire** zusammengezogen ist. Die im etymologischen Zusammenhang 
hier nocli zu nennenden „Frotteurs" stellen keine homosexuelle Be- 
sonderheit dar. Diese Personen, die sich in der Weise betatigen, dai3 
sie, oft ohne daB der Partner es merkt, im Gedrange ihre meist be- 
kleideten Genitalien am Korper sie sexuell erregender Gestalten reibcn, 
finden sich sowohl innerhalb der heterosexuellen als der homosexuel- 
len Bevolkerung. 

Nebcn der Hand spielen sowohl in der korperlichen Bstiitigung 
der homosexuellen Weiber als der homosexuellen Manner os and lingua 
die Hauptrolle. Hier tritt uns eine Fiille von Spezialausdriicken, da- 
nebcn aber auch eine ziemlich reichliche Sprachverwirrung entgegen. 
Die Alten hatten fiir die immissio und susceptio membri in os die 
auch jetzt noch in der Fachliteratur gebrauchlichen Ausdriicke : fellatio 
und irrumatio. Die ausiibenden Personen hiefien dementsprechend 
fellator und irrumator. Fellatio kommt von fellare saugen, das in 
diescni Sinnc u. a. Martial und V a r r o anwenden ; irrumare hangt 
mit in und ruma, der Schlund, zusammen, bedeutet also immittere in 
rumam vel os. Beim Verkehr der Frau mit der Frau kommt uatur- 
gemiiB nur der dem Fellatorismus eutsprechende Akt vor, und zwar 
haufiger als im mannmannlichen Verkehr als Fellatio mutua. Manche 
Autoren wie R o h 1 e d e r und M o r a g 1 i a haben fiir die Befriedigung 
lambendo speziell die Bezeichnung Lesbismus und Sapphismus reser- 
viert im Gcgensatz zu der fricando genitalia vorgenommenen Tribadie, 
nennen deshalb Lesbierinnen auch ziemlich unmotiviert nur die fella- 
trices, wahrend andere, wie die eben erwahnten Karsch und 
Hammer die Ausdriicke Tribadie und lesbische Liebe ganz gleich- 
bedeutend gebrauchen. 

K o h 1 e d e r unterscheidet auch die Fellatio des homosexuellen 
Manncs von dem „homosexuellen mannlichen Cunnilingus" ^'*) der darin 
besteht, daC membrum virile non in os immittitur, sed solum extrinsecus 
(von auCen) lingua lambitur. Diese UnterscheiduUg ist in der Tat nicht 

65) Vgl. die Schriften von Karsch, Paderastie und Tribadie bei 
den Tieren. Leipzig 1900. Jahrb. f. sex. Zw. II. Ferner Uranismus 
oder Paderastie und Tribadie bei den Naturvolkern. Leipzig 1901. 
Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. III. Dr. med.. W ilhelm Hammer, Die 
Tribadie Berlins. Zehn Fiille weibweiblicher Geschlechtsliebe, akten- 
niaCig dargestellt, nebst zehn Abhandlungen iiber die gleichgeschlecht- 
liche Frauenliebe. 2. Auflage. Berlin und Leipzig. 

*'6) B. Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen des Ge- 
schlechtssinnes. Eine forensisch-psychiatrische Studie. Berlin 1880. 

«') K o h 1 e d e r , loc. cit. pag. 282. 



Digitized by VjOOQIC 



35 

ohne Bedeutung, weil die immissio in os als Einfiihrung in einen Korper- 
teil bzw. als „beischlafahnliche Handlimg" strafbar ist, die bloB auCere 
Beriihrung der Glieder mit dem Muiide oder der Ziinge (das bloBe 
lambere, lecken im Gegensatz zum sugere, saagen) dagegen niclit als 
j.widernatiirliche Unzucht" angesehen wird. Es ist daher auch eine 
gaiiz gewohnliche Angabe der wegen Fellatio angeklagten Homo- 
sexuelJen, die oft, wenn auch keineswegs immer nur eine Ausrede ist, 
sie batten das membrum des Partners nur von auBen beriihrt, es „ge- 
kul3t*\ Die sich an diesen Punkt zwischen (lerichtshof, Staatsanwalt- 
schaft und Verteidigung anschliefiendeu Erlauterungen und Erorte- 
rungeii wirken nicht selten geradezu grotesk. So berechtigt es sein 
mag, die Akte terminologisch zu trennen, so widersinnig ist es, von 
einem homosexuellen mannlichen Cunnilingus zu reden, da doch cunnus 
ausschlieBlich den weiblichen Geschlechtsteil bedeutet. Sogar den Aus- 
druck cunnilingus analis fand K i n d ^8) in der Fachliteratur. tJber- 
haupt ist die gewohnliche Anwendung des Wortes cunnilingus eine 
solche. (laU mit Recht Prof. Bruno M e y e r ^9) von ihr meinte, sie 
sei „schauderhaft und barbarisch, so daB sich einem Menschen mit 
leidlich gebildetem Sprachgefiihl die Haare vor Entsetzen straubten", 

Es wird namlich das Wort cunnilingus fast allgemein fiir eine 
Handlung, namlich fiir die actio cunni lingendi gebraucht — auch 
Moll spricht davon (loc. cit. p. 485), wie enorm haufig von Mannern 
der sogenannten guten Gesellschaf t heute der cunnilingus beim 
Weibe ausgeiibt wird — , wahrend es doch offenbar nach seiner Bil- 
dung nur eine Person, namlich den cunnum lingentem, bcdeuten kann. 
In diesem Sinne findet es sich auch nur in romischen Schriftwerken 
vor. • Die femina lambens heiBt dort cunnilinga. Fiir die Akte dagegen 
konnte nur, wie Br. M e y e r "^o) richtig ausfiihrt, cunnilinctio oder 
cunnilinctus in Frage kommen, dementsprechend auch penilinctio und 
anilinctio. 

Was endlich den seit Jahrhunderten falschlich mit Paderastie 
identifizierten coitus in anum betrifft, die verhaltnismaBig seltenste 
Betatigungsweise der „Paderasten", so findet sich bei den Alten dafiir 
das verbum paedicare ; die Handlung wird als paedicatio, der Aus- 
iibende als paedicator bezeichnet. Vielleicht hat der Gleichklang der 
Worte Paderastie und Padicatio und die Annahme, beides hinge mit 
-Tor^ Knabe zusammen, AnlaB gegeben, beides begrifflich zusammen- 
zuwerfen. In Wirklichkeit hangt aber das Wort Padicatio iiberhaupt 
nicht mit naXg zusammen, sondern mit pedex oder podex, dem la- 
teinischen Wort fur GesaB. Daher findet man in den lateinischen 
Klassikern und Lexicis neben der Schreibweise Padication auch Pedi- 
cation und Podication. Auch in der modernen Sexualliteratur finden 
sich alle drei Schreibarten. DaB die urspriingliche Schreibweise 
p e dicare war, scheint mir aus dem LXVII. der priapischen Gedichte 
hervorzugehen, in dem es heiBt: 

Nimm von Penelope dir die erste Silbe und fiige 
Jeweils die erste von Dido, von Cadmus und Remus daran; 
Was so entsteht, damit leiste, du Gartendieb, mir Geniige, 
AVeil deine Schuld nur durch diese Strafe getilgt werden kann. 

Wahrend U 1 r i c h s und Krafft-Ebing Padication und Padi- 
kant drucken lassen, schreibt Schouten Pedication und K a r s c h 
Podication, Podicator und Podicant. DaB das Wort nicht mit naXg - 
zusammenhangt, wird nebst anderem dadurch bewiesen, daB haufiger 

«8) Dr. Alfred Kind, Bemerkungen zur Nomenklatur der 
Sexual wissenschaft. In d. Zeitschr. f. Sexualwiss., pag. 35. 

**9) G r o B' Archiv, Bd. 44, p. 286. 

70) B r u n o Meyer, Homosexualitat und Strafrecht. In dem 
Archiv von GroB Bd. 44, p. 255. 

3* 



Digitized by V:iOOQIC 



36 

audi vou einer paedicatio mulieris die Rede i8t, so bei Apulejus, 
metamorph. Ill, 20, bei Ausonius, 79. Epigr., p. 341 (Peiper) und 
Martial IX. 67 und XI. 104, woselbst der Ehemann zur Gattin 
spricht : 

Du verweigerst mir das, was Cornelia dem Gracchus gewahrte, 

Julia ihrem Pompej*, und Brutus Portia bot. 

Ehe den siiBen Pokal gemischt der dardonische Mundschenk, 

Diente anstatt Ganymed Juno dem Jupiter oft. 
Im „Hermaphroditus" des Antonius Panormita findet sich 
t'olgende Definition : „Paedicare est opus peragere mentula culo s i v e 
maris sive feminae inmissa. Qui paedicat dicitur paedicator, 
paedico, draucus, — qui paedicatur pathicus, cinaedus, catamitus, 
mollis, delicatus". 

Ob das Wort Padikation sich auch auf anale Akte bezieht, die 
eine Frau an einer anderen oder an einem Manne vornimmt, ist nicht 
sicher, sicher dagegen, daB beides vorkommt, naturgemaB nur mittelst 
membrum artificiale. Vor einiger Zeit wurde ich einmal von einem 
Manne angefragt, ob es strafbar ware, sich von einer Frau mit lun- 
geschnalltem penis succedaneus padizieren zu lassen, was zu ver- 
neinen war, da in den jetzigen Gesetzbiichern nur von Akten zwischen 
Personen gleichen Geschlechts die Rede ist. Auch in einem Ehe- 
scheidungsfalle hatte ich iiber einen solchen Fall ein Gutachten ab- 
zugeben. Immerhin handelt es sich hier um Raritaten, wahrend die 
paedicatio mulierum, wie Krafft-Ebing (loc. cit. p. 421) aus- 
fiihrt und ich aus meiner Sachverstandigenpraxis bestatigen kann, 
selbst uxorum durchaus nicht zu den Seltenheiten gehort. Von weib- 
lichen Prostituierten sollen nach Pouillet (L*Onanisme chez 
PHomme) 80 Proz. pedikatorisch gebraucht werden. DaC dieser Akt 
nicht im Gesetz als „widernatiirlich*' angesehen wird, veranlaBte einen 
so erfahrenen Kriminalisten wie v. Meerscheidt-Hiillessem sich einmal 
gegen die Bestrafung der immissio in anum viri mit den Worten zu 
wenden: „ich sehe nicht ein, weshalb der Anus der Frau einen Frei- 
brief haben soil." 

Die von virilen Frauen gelegentlich, wenn auch verbal tnismaCig 
selten gebrauchten Gliedimitationen hieBen bei den Alten phallus, 
fascinum, bambon und vor allem olisbos. Man kann besonders im 
Britischen und Neapler Museum antike Vasen sehen, auf denen Hetaren 
derartige Instrumente in der Hand halten; sie wurden aus Elfenbein, 
Gold, Glas, Geweben von Seide und Leinen und vor allem aus Leder 
fabriziert. Es gab sogar eine harte Backware, die den Namen und die 
Form des Olisbos hatte. Bei den Franzosen wurde dieser Apparat 
bienfaiteur und besonders godmich6 genannt, was aus dem lateinischen 
gaude mihi zusammengezogen sein soil. Die Italiener bezeichneten 
ihn als passatempo oder diletto, woraus das englische dildo ent- 
standen jst. Fiir die kiinstlichen weiblichen Geschlechtsteile, den 
cunnus succedaneus, welcher in England merkin heiBt, gibt es in 
anderen Landern analoge Bezeichnungen kaum. 

Im deutschen Rotwalsch (Verbrechersprache) bedienen sich die 
femininen mannlichen Prostituierten, welche sich kiinstliche weibliche 
Geschlechtsteile vorbinden, um „auf dem Strich" Manner anzulocken, 
die sie fiir echte Frauen halten sollen, fiir den von ihnen angewaadten 
Apparat des Ausdruckes „Kaldaunen". Im Berliner Kriminalmuseum 
befindet sich ein Exemplar davon aufbewahrt. Aus zuverlassiger 
Quelli! hore ich, dafi es in Berlin etwa 30 Manner gibt, die sich durch 
diese Vorspiegelung falscher Tatsachen ihren Lebensunterhalt ver- 
dienen. : i ; ' 

Fur die paedicatio homosexualis findet sich noch der Spezial- 
ausdruck Pygismus beispielsweise in Gustav Jagers „Entdeckung der 
Seele", hei*geleitet vom griechischen Jivyrj der Hintere — man erinnere 



Digitized by VjOOQIC 



37 

sich der Venus Kallipygos. Auch von aktiven und passiven „Pygisten" 
ist die Rede. Das in Betracht kommende Verb lautet griech. nvyi^eiv, 
das neben jigcopcuCeiv gebraucht wird. 

Mit den zahlreichen iiber Name und Begriff der Homosexualitat 
hier zusammengestellten Ausdriicken ist die Terminologie zwar im 
hauptsachlichsten, aber keineswegs vollkommen erschopft. Vor allem 
ist die recht umfangreiche folkloristische Nomenklatur fast ganz auBer 
acht gelassen. Auf einige besonders charakteristische Volksausdriicke 
wird spater zuruckzukommen sein. Auch konnten nur die uns nachst- 
liegenden Kultursprachen, von den alten die griechische und latei- 
nische, von den modernen die deutsche, englische und franzosische 
berucksichtigt werden. Unter den Naturvolkern und Volkern der Halb- 
kultur gibt es namentlich fiir die feminineren Typen iiberall besondere 
Nam en, die, im Gegensatz zu denen der Kulturvolker, meist kein Wert- 
urteil enthalten, sondem sich mit einfachen Konstatierungen begnugen. 
So findet sich in der Suaheli-Sprache fiir homosexuelle Manner der 
Ausdruck mke-simume, der wortlich „Weib, kein Mann" bedeutet. 

Einige dieser fremdsprachlichen Ausdriicke, wie die durch Ham- 
mo n d s ^i) Aufsatz iiber „the disease of the Scythians" bekannter 
gewordenen mexikanischen ,,Mujerado8" und der aus dem Spanischen 
stammende „puto", begriff lich und vielleicht auch sprachlich das- 
selbe wie pathicus, haben sich iiber ihr Ursprungsland hinaus ver- 
breitet. 

Bei der Ftille vorhandener Namen muB es auf den ersten 
Blick hochflt verwunderlich erscheinen, wenn bei mandien 
Vclkern des Mittelalters die Homosexualitat als „nameless 
crime**, als eine unter Christen unaussprechliche Handlung, be- 
zeichnet wird. In England wird noch heute die Pedicatio viel- 
fach, vor Gericht wie im Mittelalter, allgemein durch die Formel : 
peccatum illud horribile inter christianos non nominandum um- 
schrieben. Es ist das freilich nicht verwunderlich in einem 
Lande, in dem die Richter fiir penis the person, fiir Schwanger- 
schaft a certain condition sagen. Auch in anderen Landern 
finden wir alle moglichen Umschreibungen angewandt, nur um 
die Sache nicht beim richtigen Namen zu nennen. Diese groBe 
Scheu entspringt einem inneren Widerstand, der weniger in ver- 
standesmafligen Motiven als in Affekthemmungen wurzelt, einem 
nicht leicht zu analysierenden Empfindungskomplex, der teil- 
weise vielleicht auf einem HaB gegen die eigene, iml Laufe der 
Entwicklung bis auf ein Rudiment latent gewordene homo- 
soxuelle Komponente beruht. 

Um nur einige dieser Umschreibungen zu erwahnen, so finden 
wir in alten Codices die Homosexualitat oft nur als crimen nefandum 
Oder damnatissima libido bezeichnet, als das „unnat\irliche oder verab- 
scbeuungswiirdige Laster", als „die scheuBliche Entartung", „flagitium 
contra naturam", in Schriften spanischer Jesuiten als diabolico 6 ne- 

^1) Hammond, William A. : The disease of the Scythians (Mor- 
bus feminarum) and certain analogous conditions. In: The American 
Journal of Neurology and Psychiatry edited by P. A. Mc. Bride, 
London, Carter Gray, Edward C. Spitzka, M. D., Vol. L, No. 3, August 
1882, p. 339—355. 



Digitized by VjOOQIC 



38 

fando acto de Sodoma, als maldita usanza, la abominacion, die 
Schmach oder el pecado, die Siinde an sich. 

Die Pariser Polizei nannte noch im 18. Jahrhimdert die Homo- 
sexuellen einfach les infames^^)^ wohl in Anlehnung an die corpore 
infames des Tacitus, von denen es aber, wie wir im historischen Teil 
sehen werden, noch keineswegs erwiesen ist, daU gerade die Gleich- 
geschlechtlichen damit gemeint waren. 

Bedeutend wohlwollender war eine andere Umschreibung, die man 
in Frankreich im 18. Jahrhundert vielfach gebrauchte, um gleich- 
geschlechtliche Neigungen zu kennzeichnen. Man sprach von dem 
„petit defaut", was, wie Numa Pratorius^^^ mi^ Recht hervor- 
hebt, um so verwunderlicher erscheint, wenn man beriicksichtigt, 
daB damals noch die schwersten Strafen auf die Betatigung dieser Nei- 
gung ruhten. 

Auch der in nordischen und altgermanischen Sagen ^*) fur femi- 
nine Homosexuelle gebrauchliche Ausdruck „argr" und .,ragr", der 
sich noch in den jiingeren Eddaliedern aus dem 10. Jahrhundert 
findet, bedeutet so viel wie der Arge, der Bose. So befiirchtet T h o r 
als er sich mit L o k i zu dem Riesen T h r y m begibt, um den ihm von 
jenem geraubten Hammer Miolnir wiederzuholen, dafi, wenn er weib- 
liche Gewandung anlege, man ihn fur einen argr halten werde. 

Wir finden, daB man schlieBlich nicht nur den Namen der Bul- 
garen-Sekte auf die Homosexuellen iibertrug, sondern daB die Katho- 
liken ganz allgemein Worte fiir verachtete ^Menschen, wie Ketzer, 
Heiden, Freimaurer mit dem Nebensinn, es ist ein Homosexueller, ge- 
brauchten. Ob man mit diesen vollig sinnlosen Obertragungen wohl 
etwas vorsichtiger umgegangen ware, wenn man gewuBt hatte, daB 
auch in Rom die ersten Christen verachtlich als „tertium genus" titu- 
liert wurden? 

Das Schlimmste war, daB diese Priiderie, das auszusprechen, 
was man eigentlich meinte, auch dorthin iiberging, wo scharfste 
Prazision am Platze gewesen ware: in die Gesetzbiicher. Hatte 
man statt; „widernaturliche Unzucht** klar und deutlich im 
Strafparagraphen gesagt: „die immissio et susceptio penis in 
anum*' oder „die aktive und passive Padikation unter Personen 
mannlichen Geschlechts ist strafbar**, so waren den Eichtern 
sicherlich viele peinliche, oft geradezu spitzfindige Feststel- 
lungen, Auslegungen und Unterscheidungen und vor allem den 
Homosexuellen viele Voruntersuchungen und Strafen erspart ge- 
blieben, die ursprunglich gar nicht im Sinne'der Gesetzgeber 
gelegen waren. 

Wir werden uns in diesem Buche in erster 
Linie des Wortes homosexuell in der gegebenen 
Begriffsbestimmung bedienen, daneben der Aus- 
driicke kontrare Sexualempfindung und Uranis- 



'2) Cf. Dubois-Desaulle : Les inf§,mes. Pr^tres et moines non 
conformistes en amour. (M^moires secrets de la Lieutenance Gen4rale 
de Police). (Paris, Editions de la Raison 1902.) 

•3) Vierteljahrsberichte Jahrg. IV. Heft 1, p. 26. 

'*) Spuren von Kontrarsexualitiit bei den alten Skandinaviem. 
Mitteilungen eines norwegischen Gelehrten. Im Jahrb. f. sex. Zw. 
Jahrg. IV, pag. 214 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



39 

mus, alle drei mit ihren zahlreichen Ableitungen. 
Trotzdem wir uns bewniJt sind, daB diese Ausdriicke, unter die 
etymologische Lupe genommen, mancherlei zu wtinschen tibrig 
lassen, haben wir von neuen sprachlich richtigeren Wortbil- 
dungen Abstand nehmen zu miissen geglaubt. Im Wettbewerb 
der um die Volksgunst ringenden Worte siegt meist nicht das 
begrifflich klarste und systematisch. am voUendetsten gebildete, 
sondern das mundgerechteste oder das aus irgendeinem Zu- 
fall zum „Schlagwort*' gewordene. Diesem tJbergewicht leben- 
diger Sprachentwieklung wird wohl oder libel schlieBlich auch 
dor noch so kritische Forseher Folge leisten miissen. 



Digitized by VjOOQIC 



ZWEITES KAPITEL. 

Die Diagnose der HomosexualitSLt des Mannes 
und des Weibes. 

Das Yerhalten homosexaeller M&nner and Fraaen 
gegenflber dem eigenen Oeschlecht. 

Dio Erkenntnis der Homosexualitat ist keineswegs in alien 

Fallen eine leichte. Das gilt sowohl fiir die Beurteilung des 

eigenen Zustandes als ftir das Erkennen des Homosexuellen 

durch einen anderen als auch nicht zum wenigsten ftir den Arzt, 

der sich in einem konkreten Fall vor die Entscheidung gestellt 

sieht, ob wirklich Homosexualitat vorliegt oder nicht. MaC- 

gebend ftir die Diagnose ist der Nachweis einer homosexuellen 

Psyche, einer seelischen Triebrichtung, die sich von dem 

als Liebe bezeichneten Geftihlskomplex, der den Mann zum 

Weibe und das Weib zum Manne zieht, nur dadurch iintei-^ 

scheidet, daB sie sich Personen zuwendet, die dem gleichen Ge- 

schlecht angehoren. 

Wenn der Satiriker Lukian^) einmal bemerkt, „man konne eher 
fiinf Elefanten als einen einzigen Kynaden uater der Achsel verbergen", 
so gilt dies doch nur fiir eiae sehr eng begrenzte Gruppe extrem lemi- 
niner, sich mehr oder weniger absichtlich recht auffaliig gebardender 
Homosexueller ; ebensowenig ist es begriindet, wenn Homosexuelle er- 
klaren, sie konnten jeden Homosexuellen leicht herauserkennen ; so 
sagt de Joux in den „Enterbten" (p. 60): „Die Natur hat alien 
Uraniden irgend ein Geburtszeichea aufgednickt, woran sie ein- 
ander auf den ersten Blick erkennen, welches aber dem 
normalen Mensohen durchaus verborgen bleibt und immer unerkenn- 
bar ist. Man stelle den Evasohn vor ein gauzes Heer gleichuniformier- 
ter Soldaten in gleich stranuner Haltung und Disziplin — er wird mit 
untriiglicher Sicherheit alle Uranier herausfinden. Das trifft nicht 
zu. Es unterliegt keinem Zweifel, daB die Urninge oft jemanden fiir 
gleichempfindend halten, der es nicht ist, und haufig jahrelang mit 
lemandem verkehren, ohne von dessen Anlage eiue Ahnung zu haben. 
Ich kenne homosexuelle Geschwisterpaare, die nicht wenig iiberrascht 

1) Lukians Werke. Ubersetzt von August Pauly, 11 Band- 
cben. Stuttgart 1830, pag. 1432. 



Digitized by VjOOQIC 



41 

waren, als sie erst mit 30 oder 40 Jahren durch einen Zufall von ihrem 
gememsamen Lebensschicksal erfuhren. 

So hatte einmal ein Urning von 43 Jahren, Geschaftsfiihrer eines 
Hotels, einen 20jahrigen Burschen mit sich genommen. Als dieser sich 
in dem Zimmer des Homosexuellen umsah, blieb sein Blick auf einem 
Bilde haften, das auf dem Schreibtisch stand. „Bei diesem Herrn 
bin ich auch schon gewesen," bemerkte er. „Das ist ein Irrtum," 
erwiderte der andere, „der verkehrt nur mit Frauen". Sie stritten 
bin iind her; stutzig wurde der Herr, als der Bursche die Wohnung 
des von ihm wiedererkannten Mannes angab. „Dann woUen wir also 
morgen zusammen zu ihm gehen", meinte er, „es ist mein Bruder". 
Sie tateu es, und nicht gering war das beiderseitige Erstaunen, als 
auf diese Weise das so lange angstlioh vor einander behiitete Geheim- 
nis offenbar wurde. Noch ein zweites Beispiel. Ein homosexueller 
Pfarrer aus dem Staate Newyork befand sich auf einer Reise nach 
seiner stiddeutschen Heimat. Auf dem gleichen Schiffe wie er fuhr 
ein ihm gut bekannter Geistlicher. Nach langen inneren Eampfen be- 
schloB er, sich ihm anzuvertrauen. Er hielt ihn zwar fur vollig 
heterosexuell, jedoch fur wissenschaftlich und ethisch so gebildet, 
daB er ein Verstandnis fur seine Lage voraussetzte. Zogernd begann 
er: „Lieber Amtsbruder, Sie wissen vielleicht, daB es Manner gibt, 
die sich von dem geschlechtlichen Umgang mit dem Weibe abgestoBen 
fuhlen.** „Just like me, gerade so ist es bei mir," entgegnete der 
Amtsbruder." „Diese werden dann nicht selten mehr von Freunden 
angezoeen,** fuhr der andere fort, und wieder lautete die Antwort: 
„Just like me." „Bei manchen auBert sich diese Freundschaft wie 
richtige Liebe." Als immer wieder die lakonische Entgegnung lau- 
tete: „Genau so wie bei mir," hatten sich die RoUen allmahlich so 
vertauscht, daB der Pfarrer, der in das Vertrauen gezogen werden 
sollte, sich eher als gleichempfindend eroffnet hatte, als der, welcher 
urspninglich das Bediirfnis hatte, sich anzuvertrauen. 

Besonders haufig wird eine irrtiimliche Annahme, jemand sei 
homosexuell, bei Frauen durch mannliche Alliiren, bei Mannern durch 
ein weibliches Gehaben hervorgerufen. Wir werden es in dem Ab- 
schnitt „Differentialdiagnose" an Beispielen erharten, dajJ dieser Um- 
staud a 1 1 e i n niemals ausschlaggebend sein kann. Eine Zeitlang war 
es in manchen Kreisen fast Kegel, Frauen mit kurzgeschnittenen 
Haaren (Tituskopfen) oder Manner, die als Damenimitatoren auftraten, 
kurzerhand als homosexuell anzusehen. So einfach liegt die Sache 
denn doch nicht. Wer allerdings mit den verschiedenen Formen 
und Nuancen der Geschlechtsiibergange wohl vertraut ist, wird uber- 
all vielen zwischen dem mannlichen und weiblichen Geschlecht stehen- 
den Typen begegnen; ich selbst sehe beispielsweise durch die jahre- 
lange uoung auf der StraBe ganz unwillkiirlich tatsachlich nicht zwei, 
sondern drei Geschlechter, aber zu welcher der vier Hauptgruppen 
der Zwischenstufen die Betreffenden gehoren, ob zu den Hermaphro- 
diten, Androgynen, Transvestiten oder Homosexuellen, oder ob Misch- 
formen vorlie^en, dies zu sagen diirfte ohne eingehende Nachforschung 
unmoglich sein. 

Der Nachweifi einer homosexuellen Handlung spricht 
ebensowenig mit Sicherheit f ti r das Vorhandensein echter Homo- 
sexualitat, wie die Auslibung eines heterosexuellen Aktes seitens 
einer Frau oder eines Mannes mit Bestimmtheit dagegen 
spricht. Das, worauf es bei der Diagnose ankommt, ist die auf 
dasselbe Geschlecht gerichtete „kontrar€ Sexual empfindu n g", 
die, wenn auch zunachst meist unbewuiit, mit dem Er- 



Digitized by VjOOQIC 



42 

wachen des Geschlechtetriebis einsetzt und bis zu dessen Er- 
Icschen anhalt. Dieser spontanen Attraktion entspricht als 
Revers die sexuelle Repulsion vom anderen Geschlecht in ganz 
der gleichen Weise, wie eich bei der reinen Heterosexualitat 
die Anziehung durch das andere und die Abstofiung durch das 
eigene Geschlecht verbinden. 1st dieses Negativ der Homo- 
sexualitat nicht vorhanden, besteht also neben der Zuneigung 
zum cigenen keine sexuelle Abneigung gegen das andere Ge- 
schlecht, Ziehen also Personen beiderlei Geschlechts an, so 
sprechen wir von Bisexualitat, innerhalb derer die homo- 
sexuelle oder heterosoxuelle Komponente das Ubergewicht haben 
kann. 

Die in der Hauptsache *sich auf das Verbal ten gegen- 
iiber beiden Geschleohtern stlitzende Diagnose wird durch zwei 
weitere Momente untersttitzt, die so haufig sind, dafi man 
annehmen kann, daU sie dort, wo sie nicht vorhanden zu sein 
scheioen, wegen ihrer relativen Geringfiigigkeit oder aus anderen 
Griinden ^icht nachgewiesen werden konnten: das eine sind 
sexuelle Inkongruenzen, d. h. mit dem Geschlechts- 
charakter der Genitalien nicht in Ubereinstinimung stehende 
psychische und korperliche Geschlechtszeichen, das andere ist 
eine neuropathische Disposition nicht im Sinne 
direkter Entartung als in dem einer fast stets auch bei anderen 
Pamilienmitgliedem vorhandenen relativ starkeren Labilitat und 
Affizierbarkeit des Zentralnervensystems. 

Es sei voraus bemerkt, daU von diesen vier Punkten der 
S3''mptomatologie der e r s t e , das Verhalten zum gleichen 
Geschlecht, ftir die Diagnose der Homosexualitat bei weitem 
die groBte Wichtigkeit beansprucht; der zweite Punkt, 
das Verhalten zum anderen Geschlecht, zeigt ein fast ebenso 
typisches symptomatisches Bild; dem drit ten Punkt, der 
sexuellen Inkongruenz, wohnt nicht die gleiche diagnostische 
Bedeutung inne, immerhin fallt er bei der Entscheidung, ob 
angeborene Homosexualitftt vorliegt, schwerwiegend in die Wag- 
schale; nahezu dasselbe gilt von der Familiendisposition, die, 
wenn sie ausgesprochen vorhanden ist, als weiteres diajgnostisches 
Merkmal angesehen werden kann. 

Wenden wir uns der genauen Betrachtung der Einzel- 
erscheinungen dieses Symptomenkomplexes zu, so zeigt sich, daB 
sich in alien Fallen echter Homosexualitat die Betreffenden 
lange Zeit, bevor es zu einem homosexuellen Akt gekommen 
ist, seelisch heftig zu bestimmten Personen desselben Geschlechts 
hingezogen gefuhlt haben. Diese unfreiwillige, lustbetonte Fixie- 



Digitized by VjOOQIC 



43 

rung des Sensoriums und der Psyche ist viel fruher vorhanden, 
als ihr sexueller Charakter als solcher ins BewuBtsein tritt. 
Wir wollen aus einer iiberreichlichen Kasuistik mlindlicher und 
schriftlicher Berichte, die uns hinsiehtlich der einzelnen 
Symptome der Homosexualitat zur Verfiigung stehen, einige 
Stellen wiedergeben die in unmittelbarer Lebendigkeit am 
klarsten das spezifische Bild veranschaulichen. 

Zunachst Mitteilungen zweier sehr zuriickgezogen lebender homo- 
sexueller Damen von hoher Intelligenz, die ich bereits seit mehr als 
15 Jahren beobachte. Die eine schreibt: „Auf dem Lande geboren, 
wo meiu Vater einen groBen Landbesitz hatte, bin ich bis zu meinem 
14. Jahre dort erzogen. Ich war die Jungste von meinen Geschwistern. 
Mein al tester Bnider hatte etwas Madchenhaftes und war mehr der 
Liebling meiner Mutter und wenig nach dem Sinn des Vaters, dessen 
Liebling wieder meine alteste Schwester war. Ich bin das gauze 
Ebenbild meines Vaters in alien Charaktereigenschaften sowohl, als 
in meiner sinnlichen Veranlagung. In spateren Jahren hat mein 
Vater oft gesagt : „Bei dir und Ludwig (unserm altesten Bruder) 
hat die Natur sich geirrt. Du hattest ein Junge werden miissen 
und Ludwig ein Madchen." Dabei bin ich gewiS, daB mein Vater 
von Homosexualitat keine Ahnung hatte, und daB auch mein Bruder 
nicht homosexuell war. Bei mir zeigte sich meine Veranlagung schon 
als Kind, denn mein sehnsiichtiger Wunsch war es, ein Junge zu 
sein. Ich zog mir als zwei- oder dreijahriges Kind die Westen 
meines Vaters an, setzte mir dessen Miitze aur, nahm einen Spazier- 
stock und stolzierte so auf dem Hof herum. Mit Puppen spiefie ich 
selten, hatte auch absolut keine Ne^ung Mr weibliche Handarbeiten 
und ebensowenig fiir die Kiiche. Dagegen trieb ich mich in den 
Stallen herum zwischen den Knechten, verstand die Pferde anzu- 
schirren und beaufsichtigte gem die Landarbeiter, so daB ich der 
kleine Inspektor hieB. Meine erste Schwarmerei gait einer Erzieherin 
auf einem benachbarten Gute; die hatte dunkle Haare und groBe, 
graue Augen, ein Typ, der stets meine Geschmacksrich- 
tung geblieben ist. Fiir sie hatte ich mir fast den Hals 
gebrochen, da ich, um ihr zuerst den Wagenschlag zu offnen, ein- 
mal von einem in voller Fahrt befindlichen Wagen sprang. Ich war 
etwa 12 Jahre alt, als ich diese Schwarmerei hatte. Als ich 14 Jahre 
alt war, zogen meine Eltern in die Stadt; ich sah daS Theater, und 
da waren es zwei Damen vom Theater, die ich anbetete und denen 
ich taglich Fensterpromenaden machte oder stundenlang nachlief, wenn 
ich sie sah. Dann kamen die Jahre, wo die Herren der Schopfung an- 
fingen, mir den Hof zu machen; das machte mir zwar SpaB, aber ich 
selbst empfand nichts dabei. Von der gleichgeschlechtlichen Liebe 
hatte ich keine Ahnung, und wenn ich diese oder jene Dame an- 
schwarmte, so hielt ich das fiir ein sehr lebhaftes Freundschafts- 
gefiihl. Allerdinffs hatte ich mir die Haare abgeschnitten und ging 
gem in Mannerkleidem durch die StraBen oder zu bekannten Damen, 
die ich dann gern abkiiBte, aber Liebesbeziehungen, die hielt ich nur 
zwischen Mann und Frau fiir moglich, denn ich wuBte es damals nicht 
anders.** 

Auch der folgende Bericht einer weiblichen Homosexuellen, 
die ebenso wie die vorige einem alten Adelsgeschlecht ent- 
stammt, zeigt deutlich das erste Erwachen homosexueller Nei- 
gungen. 



Digitized by VjOOQIC 



44 

„Obwohl ich sehr leidenschaftlich veranlagt bin, kam ich erst 
mit 20 Jahren zu sexueller Betatigung. Das erste schwarme- 
r i e h e Gefiihl fiir ein weibliches Wesen entsinne ich mich deut- 
lich mit 9 Jahren gehabt zu haben. Es bezog sich auf ein sehr hub- 
aches jungea Madchen von 17 Jahren. Dooh war ich der reine 
Toggenburg. Ea geniigte mir voUig, die Angeschwarmtc anzusehen, 
ihr von weitem zu folgen; ich habe nie ein Wort mit ihr ge- 
aprochen und verlangte auch gar nicht danach. Mit 13V9 Jahren 
Icxun ich in ein UrauEnerinnen-Kloster, wo ich zwei Jahre blieb. Ich 
war bia zu meinem 14. Jahre eine fanatische Eatholikin, da kamen 
die eraten Glaubenazweifel, die mich derartig seeliach in Aaapruch 
nahmen und qualten, daB ich^ die die Kirche doch ao leidenschaft- 
lich celiebt hatte, fiir das aexuelle Problem absolut keinen Sinn und 
kein Interesse hatte ; ea kam iiberhaupt nicht in den iCreis 
meiner Gedanken. Ich arbeitete aehr fleiBig, apiirte in der 
Geachichte und in der Naturgeschichte nach Belegen fur meine Glau- 
benazweifel und suchte mich in den Sprachen zu vervollkommnen, wozu 
das Eloster die beste Gelegenheit bot, da wir dort stets franzosisch 
sprachen. Ich schwarmte nacheinander und gleichzeitig fur eineKeihe 
von Nonnen, aogenannte weltliche Lehrerinnen und altere Pensiona-" 
rinnen. So intenaiv diese Schwarmereien auch in einigen Fallen waren, 
gingen aie doch nicht hinaua iiber das Verlangen, den Angebeteten 
die Hande zu kuasen, auch die Wangen; ein KuB auf den Mund 
kam mir gai* nicht in den Sinn. Ich muB hier einfiigen, daB ich 
meine Mutter abgdttiach liebte und aie mein Orakel una Evangelium 
war; aie hatte una von friih an gesagt, „man" kizBte nicht auf den 
Mund, das taten nur Mann und Frau, sonst kiiBte man nur auf die 
Backe. Das saB in mir fest, und das Eussen auf den Mund schien 
mir unanstandig und widerlich. Erst aehr viel apater kam ich zu 
einer anderen Anaicht. Ein Bedurfnia war ea mir aber, meinen 
„Flammen** Ritterdienate zu leisten, ihnen Sachen zu tragen, die Tiiren 
aufzureiBen u. dgl. ; in den Stunden, die eine Nonne oder Lehrerin 
hatte, die ich anschwarmte, gab ich mir ganz besondere Miihe und 
war in heller Emporung, wenn aie von einer Mitschiilerin geargert 
wurde. Meine hocnate Wonne war es, wenn meine Flamme mir ein- 
mal einen sanften EuB auf die Wange hauchte, und ich habe spater 
in den leidenschaftlichsten Liebesstunden kaimi je eine groBere Selig- 
keit verspiirt, als einmal im Eloster, als eine altere Mitpensionaxin, 
die ich leidenschaftlich verehrte, und lange gebeten hatte, mir einen 
EuB zu geben, eines Tages ganz plotzlich meinen Eopf in jhre Hande 
nahm und mich nach der im Eloster iiblichen franzosischen Sitte 
auf beide Backen herzlich kuBte. Ich weiB es noch, als ware es gestern 
gewesen, wie ich ganz von Gliick betaubt dastand, es kaum glauben 
konnte und nur den Namen der Geliebten stammelte. Ich bin froh, 
daB meine erste Jugend ao rein war: die eigentlichen Liebesgeniisse 
kommen noch immer fruh genug, und wenn man sie vorwegnimmt, 
beraubt man sich dieser entziickend zarten, poetischen Freuden, die 
einem zwar spater nicht mehr geniigen, in jenem Zustand der 
Unschuld und Unwissenheit aber uns mit uberschwanglicher Selig- 
keit erfullen und in der Erinnerung jener Zeit einen zarten Duft und 
Schmelz verleihen, dem n i c h t s gleichkommt, was man auch sp§,ter 
genieBen moge." 

VCllig analog den Kindheitserinnerungen weiblicher sind 
die der m&nnlichen Homosexuellen. Sehr charakteristisch heiOt 
es in einer der vielen Schilderungen : 

„Die ersten noch unbewuBten Regungen des homosexuellen Lebens 
fallen etwa ins 10. und 11. Jahr. Wir hatten einen Eutscher, einen 
achonen und kraftig gebauten Menschen mit dunklem, langem Schnurr- 



Digitized by VjOOQIC 



46 

bart. Es machte mir stets Vergnugen, um ihn zu sein und ihn io 
seinen hohen Stiefeln, Lederhosen und Livreerock oder Winters in 
seinem russischen Schafpelz zu betrachten. Ich hatte schlieBlich 
das unwiderstehliche Verlangen, ihn zu umarmen, da das aber schwer 
anging, so schlich ich mich ofters, wenn ich ihn bei der Arbeit wuUte, 
in seine Wohnung, schliipfte in seine riesigen Stiefel, hing seinen 
Rock Oder Pelz um mich, und hatte ein Getuhl des seligsten Wohl- 
behagens. Ich driickte die Kleidungsstiicke fest und krampfhaft an 
mich, und der Geruch der Lederstiefel und der ledernen Hosen, welche 
ich auf meinem SchoB hielt und ofters an mich driickte, verbunden 
mit dem Gedanken an den schonen groBgebauten Kutscher, den ich 
mir dachte, indem ich die Kleidungsstiicke an meinem Eorper be- 
Mhlte, verursachtjen mir heftige Erektionen, iiber die ich jedesmal, 
ohne mir bewuBt zu sein, infolge wovon sie entstanden, entsetzt war, 
da ich sie flir eine krankhafte Erscheinung hielt. — Eines Tages 
nach reiflichem Hin- und Herdenken wuBte ich mit Hilfe meiner Eame- 
raden, Knaben, die mit mir erzogen wurden, eine Szene ins Werk 
zu setzen, bei welcher der Kutscher veranlaBt wurde, mich zu sich 
emporzuheben. Diese Gelegenheit benutzte ich nun, da meine Kame- 
' raden mich ihm entreiBen wollten, meine Wange an sein bartiges 
Kinn zu legen, meinen Arm imi seinen Nacken zu schlingen imd meine 
Beine fest an seinen Korper zu pressen. Ich schloB die Augen und 
verspiirte ein Gefiihl schwindelnder Wonne. 

Ein anderes Erlebnis steht lebhaft in meiner Erinnerung. Es 
ist ein wolkenloser, sonnig klarer Herbsttag. Das Getreide ist ge- 
schnitten und liegt in schimmernden Garben auf dem Stop|>elfelde. 
Das Laub der Baimie in den Alleen schimmert gelblich, rotlich und 
in der Feme, vom dunkelsten Griin bis in die heUsten Schattienmgen 
des Blau, dem Himmel gleich, sich verlierend, die endlosen Walder 
meiner Heimat. Wir Jungens sind auf der Jagd nach Feldmausen, die 
wir unter den Getreidehaufen hervorscheuchen. Da ein heller schal- 
lender Ton, der mich aufhorchen macht — und in der Richtung, wo 
es herkommt, da blitzt und glitzert es. Die Musik wird lauter — 
und das Blitzen und Funkeln, das auf der LandstraBe naher und 
naher kommt, ist ein Trupp Soldaten mit blinkenden Sabeln und 
Flinten. Jetzt biegen sie von der StraBe ab imd marschieren iiber die 
Wiese, die sich langs dem Felde hinzieht, auf dem wir uns befinden. 
Den Soldaten voran marschiert ein Offizier, der erste, den ich in 
meinem Leben gesehen. — Er ist groB und kraftig, mit blondem 
Schnurrbart und blauen, froh leuchtenden Augen. Jede Bewegung 
an ihm ist Kraft und Leben und Freude — mir ist, als ware er 
die lustige Militarmusik, die ich horte, als ware er der klare wolken- 
lose Himmel und die reine kostliche Herbstluft, die mich umgab. Es 
iiberkommt mich ein Gefiihl groBer endloser Freude, ein Gefiihl edler 
Taten- und Schaffensfreudigkeit, und zugleich eines schrecklichen, 
mich erstickenden Sehnens, so daB ich unwiUkiirlich die Hande empor- 
streckte, — und dann zu weinen beginne — mir selber nicht bewuBt, 
warum. — Die anderen Knaben waren den davon marschierenden 
Soldaten nachgelaufen, so war ich unbeachtet geblieben. — Zu Hause 
an^ekommen, erfuhr ich, daB der Offizier unser Gast war. — Aus 
welcher Veranlassung damals sich der kleine Trupp Soldaten inunsere 
weltentlegene Waldeinsamkeit verirrt hatte, vermag ich heute nicht 
zu sagen. — Im Vorhause entdeckte ich den Sabel und Mantel des 
Offiziers. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Sabel 
zu befiihlen, und meinen Kopf in den Mantel zu stecken, wobei mir, 
mit den peinlichsten Erektionen verbunden, deutlich die Szene auf 
dem Felde vor Augen stand. — Bei Tisch, wo ich kaum meine Augen 
zu erheben wa^te, fesselten die strammen Beine unseres Gastes meine 
Aufmerksamkeit. . . . Ich hatte diese Beine, in der kleidsamen Uni- 
form sitzend, umarmen und driicken mogen. Beim Abschiede hangte 



Digitized by VjOOQIC 



46 

mir der Offizier ein goldenes Kreuzchen, an einer braunseidenen 
55chnur, urn den Hals. Ich war damals, wie wenigstens meine alteren 
(jJescliwister behaupten, ein ausnehmend hiibscher Junge. — Das Ge- 
scLenk machte mich selig. Man stelle sich daher meinen Schmerz 
und meine Wut vor, wie meine streng orthodoxe, evangelisch-luthe- 
rische Mutter mir verbot, das Kreuz zu tragen, well es ein nach grie- 
chisch-katbolischem Muster geformtes war, und es mir einfach fort- 
nahm. Icb beulte, aber was half es ! Noch Jahre ist der Besitz dieses 
Kreuzes das hochste Ziel meiner Wiinsche gewesen, ja ich ging 
sogar einmal mit dem Gedanken um, den Schreibtisch meiner Mutter 
zu erbrechen, um mich so in den Besitz des Heiligtums zu bringen. 
Aber die Jahre vergingen, und das Kreuz ist in Vergessenheit ge- 
raten.*' 

Ein weiteres Beispiel sei hinzugeftigt, das zugleich das 

durchau8 nicht seltene Vorkommnis belegt, da6 die erste un- 

bewuBt sexuelle Neigung liber die im spateren Sexualleben so be- 

deutsame Inzestschranke hinweg nahe Verwandte, wie 

Eltern und Geschwister zum Gegenstand hat: 

„Ich haCte Knaben und Knabenspiele; meine Schwester war 
mein alter ego, wahrend mein 13 Jahre alterer Bruder, ein sehr schoner 
Maun, mein kindliches, reines, unschuldiges Herz furchtbar verwirrte. 
Ich habe ihn weit mehr seiner Schonheit als seiner guten Eigen- 
schaften wegen angebetet. Dabei wurde ich auUerlich immer schroffer 
gegen ihn. Ich erinnere mich genau, dafi im 6. oder 7. Jahr voriiber- 
gehend meines Bruders Schonheit mir wie ein geoffenbartes Mysterium 
ciurch Mark und Bein zitterte. Mit 10 Jahren weinte ich eine ganze 
Nacht, als ich mich in seiner mir schaurig-siiCen Gegenwart zur 
Ruhe habe begeben miissen. Ich empfand ein Schamgefiihl, wie ich 
es in Mutters und Schwesters Gegenwart nicht kannte. Klar und 
bewuBt, naturlich als tiefstes Geheimnis zumal vor ihm, habe ich ihn 
voDi 10. — 15. Jahre vergottert, am hcichsten stand diese Verehrung 
vom 10. — 12. Jahre, als er sich verheiratete. Ich war totunglucklich, 
dafi er uns dadurch ferner riickte, und empfand es als ctwas Entsetz- 
liches, daB er, wie ich glaubte, nun seine Jungfriiulichkeit einbiiBte." 

Man wird hier einwenden, dafi solche gleichgeschlechtliche 
Schwarmereien, auch. bei Kindern, die spater scharf heterosexuell 
werden, vor, innerhalb, oft sogar noch einige Jahre nach der 
Pubertat nichts Ungewohnliches, dafi sie namentlich in Schnlenj 
Pensionaten und Internaten ungemein haufig sind, so Jiaufig, 
da6 man i,hr Vorkommen in der Indifferenzperiode des Ge- 
schlechtstriebcs geradezu als einen physiologischen Zustand be- 
zeiehnet hat^). Gleichwohl unterscheiden sich die urnisohen 



-) Aus der 2iemlich umfangreichen Literatur, welche sich teils 
wissenschaftlich, teils kunstlerisch mit Liebesverlialtnissen zwischen 
alteren und jiingcren Schiilern befaBt, seien genannt: 

Hoc he, Xeurologisches Zentralblatt, Bd. 15 (1896), p. 66. — 

Rohleder, Die IMasturbation (1899), p. Ill, welcher unter 
audercn hierfiir Rousseau, Salzmann, Chevalier, Four- 
nier, Blasemann und F ii r b r i n g e r zitiert. 

Max Dessoir, Zur Ps ychologie der vita sexualis. In der 
AUgenieinen Zeitschrift f. Psych, und .Md., 50. Band, p. 2. — 

Ausfiihrliche Fillle iibor homosexuellen Verkohr in Tnternateu 
und fSchulen rcferieren Moll, Untersuchuugen iiber die Libido sexu- 



Digitized by VjOOQIC 



47 

von den nioht urnischen Kindern nicht nur in ihren noch zu 
besprechenden Charaktereigensohaften, sondern auch in ihren 
erotisch gefarbten Freundsohaften wesentlich. Einerseits sind 
sie in der unklaren Empfindung, daO den von ihnen vorgenom- 
menen Zartlichkeiten eine tiefere Bedeutung zukommt, als der 
gewohnlichen Sehiileronanie, befangener, zuriickhaltender, wahle- 
rischer, anderseits inniger, bestandiger als die heterosexuellen 
Kameraden. Es ist sehr bezeichnend, wenn eine der oben- 
erwahnten homosexuellen Frauen mitteilt, dafi sie sich im Kloster 
an den sexuellen Beziehnngen der Madchen, von denen sie 
spater zu ihrem Erstaunen horte, iiberhaupt nicht beteiligt 
habe. Haufig sind allerdings gerade die homosexuellen Kinder 
cin mit Vorliebe gesuchter Zielpunkt der sexuellen Anwand- 
lungen ihrer Mitschliler und Mitschlilerinnen, weil diese in- 
stinktiv das Feminine im urnischen Knaben, den virilen Ein- 
schlag im urnischen Madchen herausftihlen. Vor allem aber trjigt 
die homosexuelle Betatigung der heterosexuellen Schiiler einen 
mehr episodischen Charakter ; sie tritt bald nach der Eeife gegen- 

alis, I. Band, II. Teil p. 450—162, Hirschfeld, Der Urnische 
Mensch, iu Jahrbuch f. sexuelle Zwischenstufea, Bd. V 1, p. 61 f. 
und p. 62 f. H. Ellis: sexual inversion, Anhang. 

Ferner sind zu nennen : Dr. Ludwig Gurlitt, Knabenfreund- 
scliaften. In „Sexual-Problemen*' von Max Marcuse. Oktoberheft 1909. 

Hans Joachim von Eeitzenstein, Ein Schiilerselbst- 
mord, in der Zeitschrift „Pan*' vom 30. Mai 1912. — C. Lino-Fer- 
r i a n i , Minderjahrige Verbrecher (deutsch von Alfred Kuliemann). 

Walter Unus, Schiilertagebuch. 

Achilla Essebac, Dede (Paris 1901. Deutsch von Georg 
Herbert. Leipzig 1903). Hermann Hesse, Untcrm Had, B i 11 
F o r s t e r , Anders als die andern. Roman. (1909, Berlin.) Louis 
d'Herdy, L'homme-sirene (Paris 1900). — Paul Bourget, Un 
crime d'amour. — Fried rich Perzynski, Weltstadtseelen („Zwei 
Welten**) (Miinchen 1901). — J o li a n n e s W i 1 d a , Aus der Knaben- 
zeit, in „Die Woche", Berlin, (Xr. 21. 1912). — E. Irenaeus Prime 
Stevenson, Left to themselves, or the fortunes of Philip -and 
Gerald (Newyork, Philips and Hunders.,) A great patience (Scribner's 
Magazine Newyork 1899). — A. W. Clarke, Jasper Tristram. — 
Hans Ryner, La f illemanquee (Paris 1903). Ferri-Pisani, 
Les pervertis (Paris 1905). Jean Rodes, Adolescents. Moeurs col- 
legiennes (Paris Mercure dc France 1901). — L. van Dyssel, De 
kleine Republiek. (Hollandisch.) 

Liebesverhaltnisse zwischen Madchen behandeln unter anderen: 
C liar les M on fort, Le journal d'une Saphiste (Paris 1902). — 
Francis Lepage, Les fausses vierges. Roman. (I^aris 1902.) Do- 
lorosa, Fraulein Don Juan (Die Chore des Lebens I. Band.) (Ber- 
lin 1903.) — Vergl. dazu die Bemerkungcn in der Bibliographic der 
Jahrbiicher fiir sexuelle Zwischenstufen von Priitorius Bd. II, p. 397 ; 
Bd. II 324; Bd. V. 2, p. 1011; Bd. VL p. 619 p. G3j Bd. VIL 2., p. 867 ; 
Bd. VII, 2, p. 839, 891. Bd. IX, p. 611 usw. Ferner Cfr. Die VicrteL- 
jahrsberichte II. Jahrgang p. 324, ebenfalls vergleiche die Bemer- 
kungen von J. L. P a v i a , London, Vierteljahrsberichte III. Jahr- 
gang p. 310 und 315. 



Digitized by VjOOQIC 



48 

ijber der imtoer starker erwachenden Liebe zum anderen Ce- 
schlecht ganz zuriick, w&lirend sie um dieselbe Zeit sich bei 
den von Hause homosexuellen Kindern erst recht vertieft und 
sicli dann ebenso sehnsuchtsvoU auf das eigene Geschlecht richtet, 
wie die der heterosexuellen Jtinglinge und Jungfrauen anf das 
andere. Immerhin ist flir die Diagnose der Homosexualitat 
beim K i n d e und i n den Entwicklungsjahren die eigen- 
tiimliche Artung der Personlichkeit wichtiger als die vom 
Erwachen des Gescblechtstriebes an auf das gleiche Geschlecht 
zielende Bichtung. Denn bei der Ftille ungeklarter Sexual- 
antriebe und Phantasievorstellungen erscheint letztere oft nur 
als ein Teil der noch nicht entwirrten infantilen Sexualitat, 
wahrend die mit ihr verbundenen Eigenarten der kindlichen 
Individualitat meist eindeutiger und deutlicher erkennbar sind. 

Icli will das Gesagte durch einen Bericht — ein Beispiel fiir 
. viele — belegen, der aus einem katholischen Waisenhause fur Knaben 
stammt. Ich verdanke die Mitteilung einem sehr zuverlassigen Be- 
obachter, der dort 10 Jahre lang uuter 120 Mitschiilern erzogen 
wurde. „Ich war 8 Jahre alt", schreibt er, „als ich in das Institut 
kam. Da ich schon friiher gerne mit Knaben zusammen war, hatte 
ich nur die ersten Tage etwas Heimweh und fiihlte mich sehr bald 
wohl unter den 120 Knaben im Alter bis zu 14 Jahren, nur wenige 
waren 15 oder 16 Jahre alt. Der freundschaftliche Verkehr unter 
diesen Knaben war ein so inniger, daB man glauben muBte, lauter 
Urningc vom reinsten Wasser vor sich zu haben. Fast alle von den 
alteren suchten sich unter den jiingeren Knaben einen Freund, den sie 
alsdann hegten und schiitzten. Dieses war fiir den jiingeren Teil 
nicht gerade unangenehm, denn unter soviel Knaben haben die 
kleineren gewohnlich manchen StoP auszuhalten, hatte er aber einen 
alteren zum Freunde, so durfte keiner es wagen, ihn hart anzufassen, 
beide ijberboten sich gegenseitig in Erweisungen von Zartlichkeiten. 
AJs ich selbst 9 Jahr alt war, geschah es, daB zwei altere auf einmal 
um micli warben und keiner dem andern weichen wollte. Es wurde 
dann durch einen Kampf unter den beiden entschieden, die anderen 
stellten sich herum, damit die Warter nichts sehen sollten, und 
schauten zu, bis einer kampfunfahig wurde; der Sieger hatte als- 
dann ein offentliches Anrecht auf mich. Dieser war mein Freund 
fast ein ganzes Jahr lang, bis er bei seinem 14. Jahre aus der An- 
stalt entlassen wurde. An seine Freundschaft erinnert mich noch 
heute ein ziemlich groBer Buchstabe, der An fangs buchstabe seines 
Namens, den wir uns gegenseitig damals mit chinesischer Tusche 
und einer Nadel in den Oberarm tatowierten; wie gliicklich war ich 
damals, fiir meinen Freund diese Nadelstiche ertragen zu diirfen. 
Dieser Junge war von einer solchen Liebe zu mir beseelt, daB er mir 
alles tat, was er an meinen Augen absehen konnte. Da er ver- 
mogend war und seine Familie in der Nahe wohnte, bekam er jede 
Woche einmal Besuch und wurde dann mit allem moglichen beschenkt; 
hatte er diesen Besuch empfangen, so versaumte er nie, abends an 
mein Bett zu kommen und seine Schatze vor mir auszubreiten, und 
oft hatte ich Miihe, ihn zu bewegen, daB er selbst auch etwas davon 
behielt. Er unterlieB es auch me, wenn wir abends in den Schlaf- 
saal gefiihrt warden, einen giinstigen Moment abzuwarten, um mich 
zu kiissen. 



Digitized by VjOOQIC 



40 

Hatte man einen Jungen gefunden, der einem besonders gefiel, 
so warb man um ihn, man verfolgte ihn auf Schritt und Tritt und 
suchte sich ihm iiberall angenehm zu machen, man machte ihm Ge- 
schenke oder bat einen Kameraden, den Vermittler zu spielen. Ein 
eigenartiges Mittel wandte einmal ein Junge mir gegeniiber an, den 
icli auch lange schon im Stillen gem hatte, der aber so hiibsch war, 
daB ich eine Erwiderung fiir ausgeschlossen hielt. Ich hielt micb 
von ihm fern, weil ich mich keiner Demiitigung aussetzen wollte, denn 
einen Korb zu bekommen, gait als sehr schimpflich. An einem 
Abend nun kam er wahrend der Vorlesung neben mich und wir setzten 
zu zweien auf seine Anregung ein Spiel in Szene, wobei man auf die 
Hand des anderen einen Schlag zu versetzen sucht, der andere muB 
dabei sehr auf der Hut sein, da die Schlage sehr empfindlich sind, 
und mufi deshalb seine Hand schnell fortziehen. Nachdem er nun an 
die Keihe kam, hieb er nur ganz leise und lassig zu, und als ich ihn 
nacli dem Grunde fragte, sagte er mir, er konne mir nicht wehe tun, 
er hatle mich zu lieb. Ich war gliicklich; wir kiiBten uns und er- 
zahlten uns, wie wir uns schon so lange gern gehabt. Solche Freimde 
tauschten dann mittags bei Tisch ihre Teller und ihr Besteck, weil 
es ihnen ein besonderes Wohlgefiihl war, aus Gegenstanden zu essen, 
die der Freund friiher benutzt hatte. Derjenige, der das Amt hatte, 
bei Tisch zu bedienen, muBte sich deshalb immer auf dem Laufenden 
erhalten und war von jedem neuen Freundschaftsverhaltnis genau 
unterrichtet und sorgte gewissenhaft, daB jeder die Gegenstande seines 
Freundes bekam, ebenso wuBte er, wenn ein Verhaltnis sich loste, 
er gab alsdann jedem sein richtiges Besteck wieder, das aber alsdann 
selten wieder benutzt wurde, die Teller zerbrach man gewohnlich und 
das Besteck warf man in den Miillkasten und kaufte neue. Ebenso 
hatte ieder Knabe im Winter seinen bestimmten Shawl, man trug aber 
stets den des Freundes, da derselbe in so enger Beriihrung mit dessen 
bloBem Halse gewesen. Das Tatowieren der Arme mit den Anfangs- 
buchstaben des Freundes war an der Tagesordnung, doch muBte 
man bei dem alien sehr vorsichtig sein, damit die Lehrer nichts 
merkten. 

Sahen diese von zweien eine besondere zartliche Freundschaft, 
so wurde ihnen strenge verboten, weiter miteinander zu verkehren, 
doch tat man es alsdann um so lieber, und bekam man Strafe, so 
war man gliicklich, fiir den anderen leiden zu konnen. Hatte einer 
einen Streich gespielt, so geschah es oft, daB der Freund die Tat auf 
sich nahm, der andere dies aber nicht litt und der Lehrer alsdann 
zwei Missetater vor sich stehen sah und nicht wuBte, wer der eigent- 
liche war. Bekam der Freimd Priigel, so ging das dem anderen so nahe, 
daB er mitweinte. Diese kleinen Einzelheiten zeigen, wie der Freund 
einem alles war, welche Innigkeit in dieser Freundschaft lag. DaB 
dabei der geschlechtliche Verkehr nicht ausblieb, ist wohl selbst- 
verstandlich. Ich war 9 Jahre alt, als ich die Onanie kennen lernte, 
manche noch jiinger. Besonders bot der Winter viel Gelegenheit zum 
gescblechtlichen Verkehr, man ging abends unter dem Vorgeben, aus- 
treten zu miissen, hinaus, der Freund folgte einige Minuten spater, 
und drauBen war man dann ungestort; wenn dies auch zunachst ge- 
schah, um sich nur kiissen und umarmen zu konnen, in der Er- 
regung biieb dann das andere nicht aus. Dann fand der Verkehr 
auch nachts viel in den Betten statt. Ich glaube aber bestimmt, daB 
dabei nur Onanie getrieben wurde. Kam ein neuer in die Anstalt, 
so wurde sofort darauf geachtet, ob er hiibsch war, und es dauerte auch 
nicht lange, so hatte sich der oder jener mit ihm angefreundet, wo- 
bei es oft nicht ohne heftige Eifersuchtsszenen abging. Es wiirde 
zu weit fiihren, noch mehr Einzelheiten anzugeberu Man findet ja 
in alien Instituten, daB die Knaben geschlechtlich miteinander ver- 
kehren, aber wohl selten so allgemein. Wenn man von einem An- 
Hirtchfeld, HomosexuiUtit. 4 



Digitized by V:iOOQIC 



60 

erziehen der Homosexualitat sprechen konnte, so hatte sich das hier 
bewahrbeiten miissen, besonders da die meisten wenigstens 3 — 4 Jahre, 
einige bis zu 8 Jahren in der Aastalt verblieben und so lange diesem 
Einflusse ausgesetzt waren. Wie mir genau bekannt ist, ver- 
kehren aber alle meine Mitschiiler jetzt sehr reee 
mit dem Weibe. Besonders will ich zwei Knaben erwahnen, der 
eino war 16, er kam als 1 jahriges Kind dorthin, der andere 9 Jahre 
in der Anstalt, beide hat ten damals sehr stark fiir den Freund ge- 
t'iihlt und sehr viel mit ihm geschlechtlich verkehrt und fiihlen heute 
nur fiir das Weib. Ich selbst interessierte mich schon vor meinem 
8. Lebens jahre, also be vor ich in dieses Institut kam, geschlechtlich 
fiir Manner, und ich bin auch nachher nicht anders geworden. Dafi 
gerade diese Anstalt einen so starken Freundschaftsverkehr aufwies, 
fiihre ich darauf zuriick, daB die Knaben auBer der Schulzeit und 
den Stunden, die nicht durch Gebet — es wurde viel gebetet — aus- 
gefiillt waren, zuviel auf sich selbst angewiesen waren. Die An- 
stalt war streng katholisch imd man glaubte, durch vieles Beten die 
Knaben erziehen zu konnen, doch wir langweilten uns nur bei dem 
ewigen Einerlei des Rosenkranzes und benutzten die Zeit, um ge- 
schlechtlichen Gedanken nachzuhangen. Fiir Sport und Turnen war 
kein Interesse vorhanden, sogar im Stundenplan war kein Turnen an- 
gesetzt. Baden gait fiir unsittlich; man furchtete die Kinder dadurcb 
auf unsaubere Gedanken zu bringen. Von der Aufienwelt war man voll- 
standig abgetrennt. Das Haus lag vor der Stadt und war mit hohen 
Mauern umgeben, nur Sonnta^s wurde man einige Stunden ins Freie ge- 
fiihrt. Die Biicher waren emer strengen Zen^ur unterworfen, es ^e- 
niigte schon eine kleine unschuldige Liebesgeschichte, um uns die- 
selben zu verbieten." 

Den leidenschaftlichen Charakter mancher dieser gleichgeschlecht- 
lichen Neigimgen zeigt anschaulich ein Beispiel, das Carpenter 8) 
von einem Lenrer, der an einer indischen Schule tatig war, erzahlt 
wurde : „Zwei etwa IGjahrige Burschen besuchten dieselbe Schule 
imd waren unzertrennliche Freunde. Aber eines Tages kam fiir sie 
die Stunde der Trennung. Den einen holten seine Eltern ab, um 
mit ihm nach einem entfernten Orte des Landes zu reisen. Der 
andere war untrostlich. Als ihm sein Kamerad entrissen wurde, 
ging er still an einen Brunnen im Schulbereiche, stiirzte sich hinein 
und ertrank. Diese Nachricht wurde mit dem Drahte weitergesandt 
and erreichte den Freund noch unterwegs. Er sagte nur wenig, aber. 
auf einer Station verlieB er den Zug und verschwand. Der Zug fuhr 
weiter; nach kurzer Entfernung lief der Knabe aus dem Gebiisch auf 
die Strecke, warf sich auf die Schienen und fand hier auch seinen 
Tod." 

Die ersten oft sehr leisen Erscheinungen gleiehgeschlechth 
lich'en Empfindens bleiben in ihrer Bedeutung oft vollig un- 
erkannt; so berichtet mir ein Uranier, ,,dalJ schon in frtihester 
Jugcnd, wenn er zwei Preunde Arm in Arm gehen sah, ihn ein 
Geftihl tiefer Ergriffenheit und Einsamkeit iiberkam, wenn er 
auf dem Eise zwei junge Manner Hand in Hand Schlittschuh 
laufen sah, wurde er haufig zu Tranen gertihrt. Er konnte 
sich diese Geftihle, deren er sich schamte, nicht deuten, jetzt 
seien sie ihm klar." Ganz ahnlich wie wir bei den Hetero- 
sexuellen zwischen 16 und 20 nicht selten homosexuelle Schwar- 



^) Carpenter, Mittelgeschlecht, a. a. O. p. 149. 



Digitized by VjOOQIC 



51 

mereien finden, die ganz den Eindruck maehen konnten, als 
handle es sich um Affekte echter Homosexueller, kommen bei 
Homosexuellen in diesem pubischen Alter heterosexuelle Epi- 
soden vor, die nicht allein auf der libermachtigen Suggestion 
zu bernhen scheinen, die das Beispiel der Erwachsenen und die 
Liebesliteratur, welche fast ausschlieBlich die Liebe zwischen 
Mann und Weib preisen, ausiiben. Es ist eben die Zeit unab- 
geschlossener Entwicklung, in der, ebenso wie die scharfe korper- 
Jiche Differenzierung noch nicht durchgefiihrt ist, beispiels- 
weisc Bart und Briiste noch nicht die definitive geschlechtliche 
Akzentuierung aufweisen, auch der Geschlechtstrieb noch un- 
sicher tastend, bald nach der einen, bald nach der anderen Seite 
schwankt, suchend, pendelnd, bis er sich entweder aus dem 
Unklaren, Unbestimmten, Unbewuflten heraus allmahlich auf das 
adequate Geschlechtsziel einstellt, oder sich durch eine groBe 
Liebesleidenschaft plotzlich, fast mochte man sagen „mit hor- 
barem Ruck", fixiert. Die folgende Schilderung einer homo- 
sexuellen Dame gibt ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel: 

„Da kam auch die Stunde, in der ich mich in einen Mann ver- 
liebte, dei* freilich sehr madchenhaft aussah und war, so daiJ 
er einmal sogar in Damenkleidern auf einen Ball gegangen war, ohne 
als Mann erkannt zu warden. Diese Liebe hatte mich ziemlich un- 
glucklich gemacht, weil wir uns nur kurze Zeit sahen und spater nur 
in Brief wechsel standen. Ich war der Meinung, daC jene Liebe mich 
vollkommen absorbierte, bis ich eine Schauspielerin in einer Manner- 
rolle sah, und man mir plotzlich erzahlte, ,,sie liebe Frauen". — — 
Zuerst sah ich bei der Nachricht die Sprecherin verstandnislos an, 
dann aber wuBte ich genau, daU ich jene Schauspielerin liebte, liebte 
bis zur Narrheit, und auf einmal war mir iiberhaupt klar, daU ich mich 
fiir Prauen und nicht fiir Manner interessiere. Von meiner soge- 
nannteu imgliicklichen Liebe fiir jenen Mann war ich plotzlich ge- 
heilt. Ich unterhielt mich sehr gern mit Mannern, aber nur solange 
sie mir nicht den Hof machten, und ich von ihnen lernen konnte ; 
es langweilte mich namlich schrecklich, wenn in Damengesellschaft 
nichts als iiber Putz und Klatsch gesprochen wurde. Sobald mir 
aber ein Mann den Hof machte, kam ich in graBlichste Verlegenheit 
und wuBte gar nicht, wie ich mich benehmen sollte." 

Es ist ungefahr das 18. Lebensjahr, bei manchen etwas 
eher, bei anderen etwas spater, in dem bei homosexuellen Man- 
nern und Frauen genau so wie bei Heterosexuellen jener ideale 
Erotismufi ausbricht, der sich in liberschwanglichen Verehrungen, 
Fensterpromenaden, Dienstleistungen aller Art, Liebesbriefen 
unVl Liebesgedichten erschopft, mit dem einzigen Unterschiede, 
daU der Gegenstand dieser ^,Verhimmelung*' nicht dem anderen, 
sondern dem gleichen Geschlechtc angehcirt. Horen wir eine 
homosexuelle Frau und einen homosexuellen Mann, beide aus den 
gebildeten Standen, selbst schildern, was sie mit 18 Jahren 
empfanden. Die Homosexuelle berichtet: 



Digitized by V:iOOQIC 



62 

„DaB ich zuerst b e w u 1} t sinnlich, wenn auch uoch nicht ge- 
schlechtlich fiir eine Frau fiihlte, war mit 18 Jahren, und auch da 
kam ich nur ganz alhnahlich zur Erkenntnis, daB dieses sinnliche 
Gefiihle sein miiBten. Es handelte sich um eine blendend schone 
Frau — — sie wurde allgemeiii „die schone Frau von So und So" 

genannt die iibrigens meine Mutter hatte sein konnen- Sie stand 

im Hochsommer ihrer Schonheit und war wie eine vollerschlossene 
Kose. Kie werde ich den Augenblick vergessen, da ich sie zum ersten 
Male sah. Ich war so vollkommen liberwaltigt von ihrem Anblick, 
dafi ich ihre mir entgegengestreckte Hand • ganz iibersah und sie 
fassungs- und wortlos anstarrte. Sie nahm mir diese Unhoflichkeit 
auch weiter nicht iibel, denn die Bewunderung ihrer bestrickenden 
Schonheit stand wohl in Riesenlettern auf meinem Gesichte ge- 
schrieben, da jede Beherrschung und Verstellung mir bei meiner 
Ahnungslosigkeit fehlte. Spater horte ich denn auch, daB ein Herr 
gesagt hatte, es ware ja „widerlich", wie ich diese Frau mit meinen 
Blicken verschlange. An jenem ersten Nachmittag brachte ich es 
nicht fertig den Blick auch nur eine Minute von ihr loszureiUen. Id 
diese heiTliche Frau, die auBer ihrer Schonheit auch noch mit den 
reichsten kiinstlerischen Gaben ausgestattet war, verliebte ich mich 
immer leidenschaftlicher, verzehrte mich vor Sehnsucht, wenn ich 
sie nicht sah und war iiberselig und doch auch voller Qual in ihrer 
Gegenwart. Sie war sehr liebevoU zu mir und duldete lachelnd meine 
iiberschwangliche Anbetung; da sie aber durchaus normal und Mutter 
mehrerer Kinder, die in meinem Alter waren, konnte von irgendwelcher 
Gegenliebe natiirlich keine Rede sein, das hatte ich auch nie zu er- 
warten und zu hoffen gewagt. Ich betete sie an wie ein junger Bitter 
seine Konigin. In ihrer Gegenwart bemerkte ich nun zuerst an mir 
eine Erregung, die mir bis dahin unbekannt geblieben war. Ich bekam 
rasendes Herzklopfen, wenn ich sie sah, zitterte am ganzen Korper, 
wenn ich sie beriihrte, und bekam einen gliihenden Kopf und eisige 
Hande, wenn ich langer mit ihr zusammen war. Und dann cmpfand ich 
eine so. unbestimmte Qual und Sehnsucht, die ich mir absolut nicht 
zu erklaren wuBte, soviel ich auch dariiber griibelte. Wie oft fragte 
ich mich: Was ist das nur? Was willst du eigentlich? DaB dieses 
nicht mehr eine „rein seelische Anschwarmerei" war, m u B t e ich mir 
eingestehen, aber daB ich als Frau fiir eine andere Frau sinn- 
liche Gefiihle hatte, war mir ganz und gar unbegreiflich. Sie 
merkte allmahlich selbst, daB ich regelrecht in sie verliebt war, viel- 
leicht noch eher, als ich selbst mir dariiber klar wurde, denn ich 
weiB noch, wie es mich frappierte, als sie eines Abends, da ich sie, 
ganz berauscht von ihrer Schonheit, bat, mir einen KuB zu geben, 
sagte: „Ach, du verliebter Katerl" Sie gab mir dann aber einen 
sanften KuB, iiber den ich fast den Verstand verier vor Wonne. Ihre 
Worte aber hielten mich noch lange wach, als ich an jenem Abend 
im Bett lag und iiber meine Gefiihle nachgriibelte. 

Spater verliebte ich mich in ihre alteste Tochter, die in meinem 
Alter war, die Mutter betete ich aber auch da noch weiter an. Das 
Verhaltni^ zu der Tochter war anfangs ein rein freundschaftliches 
und wurde erst allmahlich das, was die Franzosen eine „amitie amou- 
reuse" nennen. Wir waren leidenschaftlich zartlich miteinander und 
konnten uns nie genug tun in Kiissen und Liebkosungen ; ihr gegen- 
iiber fiel ja auch die Schiichternheit, die naturgemaB ich der Mutter 
gegeniiber empfa*nd, fort und so wagte ich schlieBlich auch sinn- 
licne Liebkosungen, streichelte und kiiBte ihren Hals, ihre Arme, ihre 
Schultem und ihre Brust, — aber weiter ging es nicht, da wir beide 
zu unschuldig und zu unwissend dazu waren. 

Ich weiB, daB ich sie manchmal an mich preBte und sagte r 
„Ich habe solche Sehnsucht nach dir," und wenn sie dann sagte, „aber 
ich bin ja bei dir," antwortete ich: „Ja ja, aber das ist es nicht, icl> 



Digitized by VjOOQIC 



53 

mochte etwas anderes, aber ich weiB selbst nicht was." Unsere 
Briefe waren die leidenschaftlichsten Liebesergiisse und aufierdem 
fuhrte ich ein Tagebuch, in dem ich j e d e n Abend in unendlichen 
Variationen niederschrieb, ob sie lieb gewesen, oder mich gequalt 
hatte, wie siiB sie wieder ausgesehen una wie ich sie liebte. Leider 
babe ich das Tagebuch spater verbrannt, es ware mir interessant, 
es jetzt wieder zu lesen, da ich es doch in einem Zustand ge- 
schrieben habe, der weit vom klaren Bewufitsein meiner Veranla^ung 
entfernfc war, sozusagen in einem Zustand der „Tumbheit". Ubrigens 
war unser Verhaltnis, das nie ein Verhaltnis wurde, durchaus nicht 
ausschlieBlich sinnlich, im Gegenteil ich liebte sie mit meinem panzen 
Herzen, hielt sie fiir die Erganzung meiner Natur und wiinschte "nichts 
sehnlicher als fiir das ganze Leben mit ihr vereint zu bleiben. Ich 
flehte sic an, nicht zu heiraten, sondern immer nur mir zu gehoren. 
Sie versprach das auch, hat es aber leider nicht gehalten. Sie 
ist der bestc Beweis dafiir, daB die eigentliche Natur des Menschen 
sich alien Einfliissen zum Trotz doch Bahn bricht, und daB kein 
Meusch dauernd homosexuell wird, der es nicht von Natur ist. Ich 
hatte seinerzeit einen so starken EinfluB iiber sie, daB sie a 1 1 e 
meine Ansichten bedingungslos annahm, sie war nur noch mein Echo, 
was ich fiir vollkommene tJbereinstimmung hielt, sie bildete sich ein, 
gleich mir die Manner zu hassen, nie einen Mann lieben zu konnen, 
meine Gefiihle ganz zu erwidem. Das dauerte ja nun wirklich mehrere 
Jahre und sie fiihlte tatsachlich nicht nur Freundschaft fiir mich: 
der Unterschied war aber, daB ich sie als W e i b liebte, sie in mir 
aber, ihr und mir unbewuBt, den M a n n I Sie hatte verschiedene 
Heiratsantrage ausgeschlagen, so stand sie in meinem Bann. Das 
dauerte so lange, wie sie unter meinem unmittelbaren EinfluB war, 
dann verlegte meine Mutter ihren Wohnsitz nach Miinchen und von 
dem Augenblick an, wo wir getrennt wurden, lieB mein EinfluB 
nach. Jetzt ist sie eine sehr gliicklich verheiratete Frau, ^ch stehe 
in keiner Verbindung mehr mit ihr, da ich es nicht verwinden kann, 
dieses siiBe Geschopf, das mir so unendlich lieb und teuer war, an 
einen Mann verloren zu haben." 

Ein homosexuelles Bauernmadchen schreibt mir: 

„ Man wollte mir das Stricken eines Strumpfes beibringen, aber 

obne Erfolg — denn ich warf den Strumpf beiseite und rannte hinter 
dem Knecht her, um mitfahren zu konnen und die Leine fiihren zu 
diirfen, oder in den Kuhstall. Es war vergebens, mich fiir weibliche 
Arbeiten zu interessieren, und noch heute bore ich die traurige 
Stimme, mit der meine Xante oft sagte: „Was soil aus dir werden, 
wenn das deine Mutter selig wiiBte !" Oder ich bestieg ein Brett und 
fuhr den FluB entlang und deuchte mir ein Kapitan, der sein Schiff 
durch Sturm und Wetter in den sicheren Hafen fiihrt, imd neben 
mir in meiner Phantasie stand dann mein Weib ; ich sah ihren be- 
wundernden Blick iiber meine mannliche Kraft -und Energie. Ich ging 
gern in Mannerstiefeln, sogenannten Stulpenstiefeln ; je schwerer sie 
waren, je mehr imponierten sie mir; ich half auch gern bcim Dreschen, 
sogar beim Mistauf- und -abladen, was mir sehr streng verboten war ; 
ich tat es aber heimlich doch. Mein Onkel nannte mich immer 
„Dicker** und zum Arger meiner Xante lieB er mich oft allein mit Pferd 
und Wagen fahren, mit der AuBerung, daB ich dies besser konne als die 
Knechte. Fiir Peitschen- hatte ich eine groBe Vorliebe, ebenso wie 
noch heute fiir Spazierstocke. Heimlich nahm ich oft aus der Ecke 
meines Onkels derben Knotenstock und ging dabei mit einem unsag- 
baren, gliicklichen Gefiihl, mich dabei als Mann fiihlend, heimlich 
iiber die Felder, tiichtig ausschreitond. Hatto ich Gelegenhoit, mit einer 
Freundin allein in einem Wald zu soin, so erfiillte mich der Gedanke 
mit einem stolzen Empfinden, wenn sie angstlich war, mich als ihren 



Digitized by VjOOQIC 



54 

Beschutzer zu fuhlen, und ich war gliicklich, wenn sie es empfand 
und meinen Mut lobte. 

Bestimmend fur mein Leben wurde foleende Begebenheit, die 
ich heute noch nach Jahren nicht iiberwinden Kann : Als ich 19 Jahre 
zahlte, lernte ich ein Madchen von 16 Jahren kennen. Sie war sehr 
gut erzogen, ihr ;Vater war Lehrer im Dorf. Sie war ein Gretchen 
mit bis an die Erde reichenden Zopfen von echt madchenhafter Lieb- 
lichkeit. Ich empfand zum erstenmal eine echte groi3e Leidenschaft. 
Wo es sein konnte, zeigte ich mich galant und aufmorksam. Ich 
brachte ihr kleine Geschenke und hungerte, um sie bezahlen zu konnen. 
Ich war gliicklich, bot sich mir die Gelegenheit, ihr Aufmerksamkeiten 
zu erweisen, ihr Jackett oder ihren Schirm tragen zu diirfen. Die Liebe 
zu ihr erfiillte mein ganzes Sinnen, und ich war ihr auch nicht gleich- 
giiltig. Sie litt es, daB ich sie kiifite, sie mein Lieb nannte, und ich 
schenkte ihr einen Ring mit der Inschrift: „Sei treul" Sie schrieb 
mir einen Brief, daB sie jetzt immer Liebeslieder singe und schenkte 
mir auch einen Ring. Wir lebten eine selige Zeit — es war die schonste 
meines Lebens. — Da eines Tages kam sie traurig zu mir und erzahlte, 
daB ihre Eltern ihr den Verkehr mit mir untersagt hatten. Jedenfalls 
hatte man einen meiner Briefe gefunden, und was wir noch nicht 
wuBten, das ahnten die Eltern. Als gut erzogener Mensch wollte ich 
den Wunsch ihrer Eltern respektieren, wenn ich auch wuBte, daB ich 
es nicht ertragen wiirde ; aber sie wollte nicht von mir lassen. So 
trafen wir uns heimlich. Unsere Liebe wurde in dieser Zeit gliihen- 
der — ich wurde mannlicher und mein Verstand scharfer. Eines Tages 
hatten wir eine Eifersuchtsszene, es kam zu einer Aussprache ; dann 
kamen die inhaltsschweren Worte: „Du willst, daB ich dich liebe, 
wic ich nur einen Mann lieben kann, aber du bist doch gar keiner." 
Diese Worte trafen mich wie Keulenhiebe — und ich sank vernichtet 
in mich zusammen. Als ich ihr die Hande zum Abschied reichte, 
hielt sie mich zuriick, — ich riB mich aber los, schloB mich ein, 
zertrat den Ring und warf ihn ihr am nachsten Tag vor die FiiBe. 
Ich war kein Mann — ein Mann muBte ich sein, damit sie mich lieben 
konnte ! In mein Gehirn und in meine Gedanken kam keine Ruhe 
mehr — warum war ich kein Mann?" 

Auch der folgende Bericht uber das erste Erwachen seiner 

Liebe — er rlihrt von einem Studenten her, der sich noch nie 

sexuell betatigt hat — bestatigt den Satz, daB sich der homo- 

sexuelle Trieb wohl in seiner Richtung, nicht aber in seiner 

Naturwiichsigkeit von der normalsexuellen Liebe unter- 

scheidet : 

„Ich bin in Berlin aufgewachsen, habe mit vielen gleichaltrigen 
Kameraden eine offentliche Schxile besucht, bin sogar in einer Pension 
gewesen, wo es sicher .nicht sehr zart herging, und habe mir trotz- 
dem gerade in sexueller Beziehung merkwiirdig lange meine Kindlich- 
keit bewahrt. Ich habe nie wie andere Kinder Vergniigen daran ge- 
funden, dariiber zu reden und zu griibeln, „woher die Kinder kom- 
men," ich hatte sogar eine merkwiirdige Scheu, deren Ursachen mir 
ietzt noch unerklarlich sind, iiber solche Dinge reden zu horen. So 
gait ich noch mit 15 Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen 
Kameraden fiir „unschuldig" ; an den Klapperstorch glaubte ich ja 
gerade nicht mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen 
des Unterschieds der Geschlechter und von irgendwelchen sexuellen 
Beziehungen. Natiirlich verstand ich auch nichts von den bekannten 
Witzen, die iiber dieses Thema gemacht wurden, was am meisten 
dazu beitrug, den Ruf meiner „Unschuld" zu verbreiten. In dieser 
Zeit, ich war 17 Jahre, faBte ich eine eigenartige Zuneigung zu einem 



Digitized by VjOOQIC 



56 

meiner Mitschiiler, dem Primus der K^asse. Es war so herrlich schon, 
sich vorzustellen, wenn wir beide so recht sehr befreundet waren, 
immer zusammen sein konnten, die Schularbeiten gemeinsam machton 
und uns nie zu trennen brauchten. Und wenn ich dann abends inj 
Bett lag, malte ich mir alle moglichen Ereignisse aus, die eintreten 
miiBten, damit wir recht eng befreundet werden konnten ; da konnte 
doch z. B. sein Haus abbrennen, und dann wiirde er keine Wohnung 
haben, und ich wiirde ihn auffordern, bei uns zu wohnen ; und dann 
wiirde er sogar bei mir im Bett schlafen, so dafl ich ihn sorecht 
fest umarmen und an mich driicken konnte, um ihm zu zeigen, 
wie lieb ich ihn habe. 

Wohlgemerkt, diese Gedanken kamen mir und erfiillten mich mit 
gi'ofiter Seligkeit, ohne daB ich eine Ahnung von den sexuellen Be- 
ziehungen der Geschlechter hatte. Mein Gemiit war vollstandig rein 
und unverdorben durch unsaubere und schmutzige Geschichton, wie 
sie andero GroBstadtkinder oft allzu friih zu horen bekommen. Und 
dennocii kamen mir diese „unsittlichen, unzdchtigen" VorsteUungen *? 
Ncin, es lag nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, und 
diese Tatsachen, die ich an mir selbst erlebt habe, die ich gefiihlt und 
gedacht habe mit meinem 'innersten Herzen, sind mir der sicherste 
und unumstoBlichste Beweis dafiir, daB in der Homosexualitat an sich 
keine Spui- von dem enthalten ist, was Unwissenheit und* Unkenntnis 
hineinlegen wollen. Es sei denn, daB man das Geschlechtliche iiber- ■ 
haupt als etwas Unsittliches ansieht, daB man die natiirliche Welt- 
ordnung anzutasten versucht, indem man das Heiligste im Menschen- 
leben in den Schmutz zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche 
Liebe gleich mit verdammen. — Jetzt weiB ich, daB das, was sich 
damals abspielte, nichts anderes war, als das erste Erwachen der 
Liebe, in emem noch kindlichen Gemiite, das nicht wuBte, was in 
ihin vorging, und doch von dieser neuen Herrlichkeit ganzlich er- 
fiillt wai". 

Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner Liebe 
ein mannliches Wesen war, so ist es bei mir bisher geblieben. Wenn 
andere „normale" Manner auf der StraBe ein hiibsches Madchen sehen, 
so blickeu sie sich unwillkiirlich danach um ; mir ergeht es ge- 
nau so mit schonen Jiinglingen, denen ich ebenso 
nachsehe. Trete ich in eine Gesellschaft, komme ich auf einen 
Ball usw., so geschieht es oft, daB mir ganz unbewuBt einer der 
jung-eu Leute, die ich nicht kenne, auffallt, und ich ertappe mich 
nachher dabei, daB ich fortwahrend darauf geachtet 
habe, was der Betreffende tut, mit wem er tanzt usw. usw. 

Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelost durch eine 

andere grofiere Leidenschaft, die mich zu einem anderen Mitschiiler 

ergriff, der zwar ein ganzes Jahr alter war als ich, aber in einer 

tieferen Klasse saB. Ich kann mich darauf besinnen, wie ganz all- 

mahlich die ersten Zeichen dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich 

jede mogliche Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein; auf 

dem Schulhofe, auf der StraBe, bei den Turnspielen u. s. a. Und dabei 

war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr reger werden zu 

la^sen ; nicht nur, daB er in einer anderen Klasse war, sondern es 

gab auch eigentlich gar keine gemeinsamen Interessen zwischen uns, 

wir batten keine gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise 

meiner nachsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffalliger 

muDte es sein, wenn ich mich mit ihm naher befreundete, und icb 

suchte die verschiedensten Vorwande, diese Annaherung zu erklaren, 

nicht nur vor anderen, sondern besonders vor mir selbst, der ich noch 

imnier nicht ahnte, was in mir vorging. Aber gerade in dieser Zeit, 

icii V7 SkT 18 Jahre, ging mir schlieBlich doch das Licht iiber die 

wahre Uedeutung der Sache auf, in dieser Zeit, wo ich den Moment 

abpaBte, ^m ihm „zufallig" zu begegnen, und an nichts anderes dachte 



Digitized by VjOOQIC 



56 

als ail ihn. Ja, ich wuBte bald, daB ich ihn wirklich und regelrecht 
liebt^, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich nicht den Mut, ja, 
ich gab mir lange sogar noch Miihe, es ihn nicht merken zu lassen. 
Am Ende wurde aber das Gefiihl, das mich zu ihm hinzog, so iiber- 
machtig, und ich wurde der Heuchelei vor ihm und mir selbst so 
miide, oaB ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer zusammcD 
arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Kiissen iiberschiittete, imd ihm 
alles beichtete. Er nahm diesen Ausbruch etwas verwundert, aber 
doch ganz ruhig hin, ohne zunachst zu begreifen, um was es sicb 
eigentlich handelte. 

Die nun folgenden Wochen waren die schonsten meines Lebens: 
fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm bei alien seinen 
Schularbeiten, und wenn wir damit fertig waren, safien wir eng anein- 
ander jgeschmiegt und sprachen uber alles und nichts. Doch es 
waren ISider nur wenige Wochen ; denn genau zu derselben Zeit stellte 
sich auch bei meinem K. die Liebe ein — aber nicht zu mir, sondem 
zu einem kleinen Madchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu ihm 
kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzahlen, als von 
i h r , und auf dem Schulwege sprach er mit mir von i h r , und abends 
ging ich mit ihm dahin, wo er s i e tref fen wollte, wartete mit ihm, 
bis sie kam, sprach ein paar Worte mit ihr, und verabschiedete mich 
dann, um die beiden allein zu lassen — ich war ja uberfliissig. Es 
floB wohl auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freimdin 
uber, da sie es ja war, die ihn gliicklich machte. Aber das Herz 
blutete mir doch, wenn er mir seine Tagebiicher gab, in denen nur 
von ihr stand, was sie tat und sagte und dachte, und ich kaum mit 
einem Worte erwahnt wurde. Am meisten jedoch schmerzte mich. 
daB er sich energisch weigerte, meine Kiisse imd Zartlichkeiten weiter 
zu dulden, denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, dafi meine 
Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien und ich ihn mit alien 
Mitteln, die mir zu Gebote standen, iiberzeugt hatte, daB meine Liebe 
zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie die zwischen Mann und Weib, ge- 
rade darum behauptete er, ihr untreu zu werden, wenn er sich noch 
ferner von mir kiissen lieBe. „Freunde konnen wir ja bleiben," 
sagte er, „denn ich habe dich ganz gem, aber nicht anders wie andere 
Freunde wollen wir sein." 

Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahro lang, und ich 
schmeichle mir, einen recht guten EinfluB auf ihn ausgeiibt zu haben; 
nicht nur, daB ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondem ich ver- 
suchte auch, ihm etwas hohere Interessen beizubringen, aJs er sie 
leider besaB, ihn zu veranlassen, sich auch mit wissenschaftlichen, 
politischen usw. Fragen zu beschaftigen, auf die ihn die Erziehung, 
die er gehabt hatte, das Milieu, in dem er lebte, und seine eigene 
Interesselosigkeit bisher nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu 
ihm blieb lange Zeit mit unverminderter Starke bestehen, und noch 
heuto bin ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt. 

Im Laufe dieser Jahre wurde mir meine Veranla^ung auch nach 
der negativen Seite hin klar. Als meine Mitschiiler anfingen, von 
ihren Liebsten zu erzahlen, deren Namen in die Schulbanke einzu- 
kratzen, bei jeder Gelegenheif- ihnen Ansichtskarten zu schreiben, 
dachte ich anfangs, besondert, da ich immer einer der Jungsten 
in der Klasse war, das wiirde mit der Zeit bei mir auch noch kommen. 
Dabei ahnte ich nicht, daC die Zuneigung zu meinem K. nichts anderes 
als wirkliche, wahrhaftige Liebe war, starker vielleicht und tiefer, 
ais sie die meisten anderen zu ihren Madels empfanden. Erst durcli 
Analogien, die mir auffielen, kam mir eine Ahnung des wahren Sach.- 
verhalts. Wie jeder richtig Verliebte ging ich taglich, so oft wie 
moglich, und wenn es die groBten Umwege kostete, an seinem Hause 
vorbei und war gliicklich, wenn er einmal am Fenster stand. So 
dammerte es 'u mir auf, und einmal aufmerksam geworden, unwil3- 



Digitized by VjOOQIC 



67 

kiiiiicL weitere Anhaltspunkte suchend, kam ich bald zur GewiBheit 
uber micb. Ich entsinne mich z. B. nocb genau, welch tiefen Ein- 
druck es auf mich machte, als meine Mutter einmal scherzend zu 
mil* sagte: „Paul, Paul, wer immer so allein spazieren geht, der ist 
verliebt ;*' ich hatte ja tatsachlich meinen Bruder nur darum nicht 
mitnehmen wollen, um, wenn ich i h n treffen soUte, allein mit ihm 
zu sein." 

Deutlich tritt in diesen Wiedergaben homosexueller Empfin- 
dungen eines der untriiglichsten Zeiehen echter Liebe: die 
Eifersucht zutage. Die mannlichen und weiblichen Homo- 
sexuellen sind diesem unlustbetonten Affekte genau so wie die 
Heterosexuellen unterworfen. In vielen Fallen erstrecken sich 
die eifersuchtigen Regungen nur auf Mitbewerber, die d e m - 
8 e lb en Geschlecht wie die Liebenden angehoren, also auf 
andere Homosexuelle, in sehr vielen Fallen sind homosexuelle 
Frauen aber auf heterosexuelle Manner, homosexuelle Manner 
auf Frauen eiferstichtig. 

Zwei Beispiele fiir viele. Eine Homosexuelle erteilt mir folgende 
Auskunft : 

„Icli bin jetzt seit mehreren Jahren mit einer Frau sozusagen 
„verheiratet**. Sie liebt nichts auf der Welt als mich und ich liebe 
sie von Herzen wieder, bin ihr aber schon oft untreu geworden, wes- 
wegen es schon oft zum Bruch gekommen ist, doch konnen wir aui 
die Dauer nicht voneinander lassen und ich fiihle mich genau so ge- 
bunden, als wenn ich staatlich oder kirchlich mit ihr getraut ware. 
Ich wiirde mich unter keinen Umstiinden berechtigt fiihlen, sie 
zu verlassen, selbst dann nicht, wenn ich eine andere Frau mehr 
liebte als sie. Das einzige was uns trenncn konnte, ware eine Un- 
treue ihrerseits, denn ich verlange aljsolute Treue und konnte 
eine Untreue n i e m a 1 s verzeihen. 

Das mag seltsam erscheinen, ist aber wohlbogriindet. Sie ist eine 
Frau, die nicht ausschliefilich mit den S i n n e n untreu werden konnte, 
ihr H e r z ware mitbeteiligt, sie ware mir also viel untreu er, als 
ich es ihr in den weitaus meisten Fallen bin. AuBerdem verlange ich 
von der Frau, der ich mich fiirs Leben verbinde, daB ich „Allein- 
herrscher aller ReuBen" bin, wenn ich mit jemand t e i 1 e n solJ, so 
danke ich bestens. Sie ist alter als ich, ich bin nicht nur ihre 
einzige, sondern audi ihre e r s t e Liebe, sonst hatte ein Biindnis 
fiirs Leben fiir mich auch nicht in Frage kommen konnen ; eine .,Ver- 
gangenheit", den Gedanken, daO dieselhen Gefiihle und Liebesbezeu- 
gungen vor mir schon jemand anders empfan«:en hatte, konnte ich 
nicht ertragen. „Meine Frau," wie ich sie oft ncnne, ist mir ein 
sexuelles Ratsel. Sie ist ca. 30 Jahre alt geworden, ohne sich jcmals 
verliebt zu haben, w e d e r in einen Mann noch in eine Frau. Sie 
hat zum SpaB mit Mannern kokettiert, um sich nachher iiber sie lustig 
zu machen. Dann lernte sie mich kcnnen, und ich verliebto micli 
in sie, glaubte aber, daB es lediglich eine Episode wie andere blcibcn 
wiirde. Sie aber faBte eine heiue tiefe Liebe zu mir, und licC mich 
nioht wieder los ; auch seitdem hat sie sich nie fiir einen anderen 
Menschen interessiert. Zum tragischen Bruch zwischen uns kam es 
wegen einer schonen Frau, in die ich mich so abgottisch verliebte, 
daB ich glaubte, das Leben ohne ihre rJofjenliebe nicht ertragen zu 
konnen. Sie konnte sie mir niclit scheuken, da sie ,, normal" ver- 
aplagt ist. Ich machte einon Selbstmordversuch, an dcm iibrigens 
ein durch Uberarbeitung und Nikotinvergiftung zerriittotes Nerven- 



Digitized by VjOOQIC 



68 

system wohl im Grunde die Hauptschuld trug. Zum Gliick miBlang 
er, da ich aus anatomischer Unkenntnis fehlerhaft schofi. Heute 
begreifo ich nicht mehr, wie ich mich so hinreiBen lassen konnte, 
und gabe viel danim, wenn ich diesen Dummeiijungenstreich un- 
geschehen machen konnte. Jene schone Frau ist mir aber immer nocb 
gefahrlich und ich vermeide sie soviel ich kann." 

Ein homosexueller Arbeiter F., den ich vor dem Schoffengericht 
in Neukolln zu begutachten hatte, gibt das folgende anschauliche Bild 
seiner Eifersuchtsregxingen. Er war wegen tatlicher Beleidigung an- 
geklagt, weil er einen Lehrling, den er von der Werkstatt heimbeglei- 
tete, auf der Treppe gekiifit hatte. Eine Hausbewohnerin hatte den 
Vorgang gesehen und inn dem Vormund des Jungen gemeldet, der dar- 
aufhin Strafantrag wegen Beleidigung stellte. In F.'s schlichter Lebens- 
beschreibung lautet eine Stelle: 

„Nicht lange darauf sollte mir ein herrlicher Freund erstehen, 
fiir den ich mir eine Kugel durch die Brust ^geschossen habe, so un- 
aussprechlich habe ich ihn geliebt, leider traf sie mich nicht tod- 
lich. Acht Jahre in treuer Liebe war ich mit ihm verbunden. Wir 
lebten wie Mann und Frau. Wie unzahlige Male sagte er nicht zu 
mir, wenn wir uns beide selig umarmt hielten: Max, mache was du 
wilist mit mir; ^ch glaube, er ware fiir mich gestorben, so wie ich 
fiir ihn. Als Lehrling lemte ich ihn kennen und zwar in einer 
Druckerei, wo ich auch annahernd sieben Jahre beschaftigt war. 
Sein freundliches Wesen und sein siiBes Gesicht zogen mich mit solcher 
Gewalt zu ihm hin, daB ich mich nicht halten konnte, und ihm sagte, 
daB ich ihn so sehr gem habe ; darauf sagte er mir : „Das ist so wie 
ein Liebesgestandnis, und er gestand mir, daC er mich auch gen) 
hat. Er gab sich mir ganz hin, wie er war, mit Leib und Seele, 
wir hatten uns beide gesucht und gefunden. Er fiihrte mich bei 
seinen Eltern und Geschwistern ein, wo ich sehr gern gesehen wurde ; 
es hatte niemand etwas dagegen, dafi ich mit meinem einzigen Lieb- 
ling verkehrte, es nahm niemand Anstofi, daB ich alter war als er. 
Und ich war so gliicklich, endlich ein Wesen gefunden zu haben. 
Mit Madchen hatte er sich die ganzen Jahre nicht abgegeben. Icb 
sagte ihm immer wieder, ich lasse nicht mehr von dir, eher lasse 
ich mich in Stiicke reiBen, ich kann ohne dich nicht mehr leben, 
so liebe ich dich. Aber mit einem Male geschah es, ich konnte da- 
gegen kampfen, wie ich wollte, alles umsonst, er war verloren fiir 
mich, fiir immer. Es zog ihn plotzlich mit machtiger Gewalt zum 
weiblichen Geschlecht hin und gleich dermaBen, daB er sich von einer 
Liebschaft in die andere stiirzte, bis die eine kam, die mir mein 
einziges Gliick, was ich auf der Welt hatte, meinen einzigen Lieb- 
ling raubte. Ich haBte dieses Madchen und basse sie auch jetzt noch, 
wo sie schon mehrere Monate mit ihm verheiratet ist. Dieser Schick- 
salsschlag traf mich damals so tief, daB ich glaubte, ihn niemals tiber- 
winden zu konnen. So ging ich, um meinem traurigen Dasein ein 
gewaltsames Ende zu machen, in den Grunewald, nahe dem Selbst- 
morderfriedhof, wo ich mir nach tagelangem Herumirren eine Kugel 
durcli die Brust schoB. Der SchuB hatte leider das Herz nicht ge- 
troffen, er ging durch die Brust und kam hinten am Riicken wieder 
heraus. Dann lag ich 7 Wochen schwer verletzt im Krankenhaus. 
Von da aus kam ich noch 6 Wochen in eine Heilstatte. Und er, 
um den ich hatte sterben wollen, zeigte sich wieder als treuer Freund- 
Er besuchte mich standig; noch einmal war ich selig, wie in vfer- 
gangenen Zeiten. Dann zog ihn das ewig Weibliche doch zu sehr 
an, und er heiratete. Ich wiinsche ihm alles Gute, ich werde ihn 
nie vergessen. Meine einzige Sehnsucht ist Sterben." 

Wie in diesem Falle sind alle moglichen Affekthand- 

luiig en infolge unglticklicher Liebe bei Homosexuellen haufig 



Digitized by VjOOQIC 



59 

vorgekomlneii nnd beobachtet worden: Morde, Selbstmorde, die 
mit den im zweiten Teil unter den ,,Folgen der Verfolgung** 
Homosexueller zu besprechenden Selbsttotungen nichts zu tun 
haben, Doppelselbstmorde und Morde mit Selbstmorden. Diese 
Gewalttaten sprechen sehr viel flir die Echtheit und Starke 
des seelischen Affekts, denn wenn es sich nur um ^ie Ausf lihrung 
eines Geschlechtsakts, um eine „Kaliberfrage'* handeln wiirde, 
wie einmal ein Autor in einer durch Sachkenntnis ungetriibten 
Erorterung des Problems meinte, wtirden schwerlich von Homo- 
sexuellen aus unglticklicher Liebe so furchtbare, folgenschwere 
Delikte begangen werden. 

Ein solcher Mord aus Eifersucht war es gewesen, der im vorigen 
Jahrhundert die wissenschaftliche Behandlung des homosexuellen Pro- 
blems inangurierte, indem er Heinrich HoBli in Glarus zur Ab- 
fassung seines „Eros" Anlafi bot. Am 30. September 1817 war zu 
Aarwangen in der Schweiz durch Schwert und Rad sein Landsmann, 
der 323ahrige Doktor der Rechte Franz Desgouttes hingerichtet 
word«en. Desgouttes hatte am 29. Juli desselben Jahres den 
22 jabrigen Daniel Hemmeler ermordet, der seit mebreren Jahren 
in seiner Schreibstube beschaftigt war, um den Advokatenberuf zu 
erlernen. MaBloser Schmerz iiber die Gleichgiiltigkeit des von ihm 
iiber alles geliebten Freundes, die furchtbare Angst ihn zu verlieren, 
Eifersucht auf Viktoria Dennler, bei der er trotz aller Be- 
schworungen und Vorstellungen immer wieder „nocturnirte" (wie es 
in seinem Tagebuche heiflt), hatten ihm den Mordstahl in die Hand 
gedriickt. 

In dem Tagebuch Desgouttes, das Prof. K a r s c h *) vor 

einigen Jahren im Bemer Staatsarchiv bei den ProzeBakten ausfindig 

macnte, spiegeln sich die Eifersuchtsqualen wieder, die der Ungliick- 

liche um den Geliebten litt. Wir geben einige Proben aus diesen 

ps3''choIogisch bemerkenswerten Aufzeichnungen, die sich fast aus- 

schlie£]ich mit der Person des Freundes besohaftigen, wieder. Etwa 

ein halbes Jahr vor der Katastrophe heifit es: Wenn ich ihn be- 

trachte, seitdem der unselige Geschlechtstrieb in ihm erwacht ist, 

so muB ich diesen verwiinschen ; denn mioh vergiBt er und denkt nur 

an das Vergniigen, Ball, Madchen und Wein ohne doch ein Saufer oder 

Wustling zu sein. Bedenke ich meine traurigen Umstande, meine ent- 

setzliche Lage und den Undank des Daniel, so nimmt's mich Wunder, 

daJS nicht die voUste Verzweifelung mich ergreift. Doch Glauben an 

Gott, Philosophie, Hoffnung — — das halt mich emporl" 

Kurze Zeit darauf findet sich folgende Auf zeichnung : Ach, guter 
Daniel, hab' ich auch gegen dich gefehlt, so verzeihe; denn dein kalt 
verwerfendes Wesen konnte mich verzweifeln machen. 

Und am Neuiahrstage : „Warum fehlte da Daniel? Warum betrug 
er sicli schon am Morgen kalt? Warum blieb er aus, da er doch wuBte, 
wie seiiT ich daran hing, ihn auch am Abendessen bei mir zu sehen? 
Waram mnfite ich selbst ihn holen? O, das war fiir mich ein Todes- 
stich ! Ich sah nun, daB er mich gar nicht, andere iiber alles liebt. 
O Gott, welch marternde, verzweifelnde Empfindungl Dies betaubte 



4) VgL im iibrigen iiber Desgouttes vor alien: Quellenmaterial 
zur Bettrteilung angeblicher und wirklicher Uranier. Zusammengestellt 
von F- K a r 8 c h , Dr. phil., Privatdozent in Berlin. 5. Franz Des- 
eouttes C^'^^^ — 1817). In „Jahrbuch fiir sex. Zwischenstufen", 5. Jahr- 
|ang Bd. I P- 657 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



60 

mich furchterlich, brachte mich halb zur Wut. Ach, die grimmige 
Empfindung folgte mir nach. Ich trank immer mehr iind mehr." 

Im Beginn des Monats, an dessen Ende es zu der schrecklichen 
Katastrophe kommt, schreibt der ungliickselige Advokat: 

„ Daniel Hemmeler nokturniert bei Viktoria Dennler, wie auch 
ecbon am 3. Juli. — 6. Juli: Einsam sitz ich hier, kein Daniel, der 
mich trostet, mich aufrecht halt und mir beisteht, wenn schwache, 
melancholische Stunden mich umdiistern. Welch* ein MenschI Wo 
ist, wo bleibt die Freundschaft, die er so hoch preist? Wo sein inniges 
hohes Gefuhl fiir mich? Wo sind die seligen Zeiten, da er nur in 
mir und durch mich lebte? Wo die Verhaltnisse, die ihn allein an mich 

banden? Wo die Reize, die er einzig in meinem Umgange fand? 

Ach, von allem dem ist nichts mehr vorhanden, als das traurige An- 
denken, das mir nur schmerzhafte Erinnerungen gibt. Und nun, was 
ist zu tun?" 

Und am 26. Juli, 4 Tage vor der Untat: „Daniel, — ich rufe wie 
einst Gott unser Herr: Saul, Saul, was verfolgest du mich?" Uber 
den Mord selbst nach K a r s c h folgendes : 

„Nach festem Schlafe wachte Desgouttes in der Morgen- 
dammerung gegen 3 Uhr mit wehmutigen Empfindungen auf, erhob 
sich, ergriff eine kleine Flasche Likor, die auf dem Ofen stand, und 
trank in Hast da von; da fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf: 
„Wie, wenn du ihn jetzt totetest?" Und dann wieder: „Wenn du seiner 
vorher noch genieBen wiirdest?" So stand er im bloBen Hemde in 
seinem Schlafzimmer am Ofen. Schnell trank er, wie um sich Mut 
zu holen, die Flasche fast bis auf den Grund leer und geriet, ein zum 
Morde geeignetes Instrument suchend und ein Taschentuch ergreifend, 
in entsetzliche Wildheit. Er ergriff ein frisch geschliffenes Messer; 
dieses in der rechten Hand hStend, stiirzte er in Hemmelers 
Schlafzimmer. Hier lag der Schutzlose mit unbedeckter Brust auf 
dem Rdcken im Bett, seine linke Seite dem Trunkenen zugewendet. 
Dieser suchte mit der linken Hand die Herzgegend und versetzte ihm 
mit dem Messer einen Stich dahin. Mit der Frage: „Was soil das?" 
flchlug Hemmeler die Augen auf, schrie zweimal laut und warf 
sterbend einen wehmiitigen Blick auf seinen ungliicklichen Morder. 
Die groBe Menge des aus der Wunde des Verblutenden hervorspru- 
delnden warmen Blutes versetzte den verstorten Morder in Schrecken 
und Grausen und er rannte in sein Zimmer, von wirren Gefuhlen be- 
stui-mt; so war ihm noch nie gewesen. Auf einmal wachte, wie wenn 
dem Drama der SchluBakt fehlte, seine WoUust auf und ging schnell 
in Satyriasis iiber ; er eilte in das Zimmer des Hemmeler zuriick 
und deckte den verblutenden Korper bloB; allein der Anblick des Er- 
starrenden erfiillte ihn mit psychischem Abscheu gegen Befriedigung 
seiner Sinnenlust. Nachdem er ein Flaschchen Scheidewasser auf die 
Geschlechtsteile seines Opfers gegossen hatte, ergriff er, wie zum Ab- 
schied, des Geliebten Hand und zo^ die Decke liber den Leib des 
Sterbenden bis an den Hals ; sein Entsetzen ging in Wehmut und. 
voUiee Abspannung iiber und so driickte er dem, den er iiber alles 
gelieot hatte, die Augen zu. Dann packte ihn die Angst vor Ent- 
deckung, die Furcht vor der Schande, welche er seiner Familie be- 
reitet, und er kroch auf alien Vieren durch das Mittelzimmer, dessen 
Fenster nicht verschleiert waren, in sein Schlafgemach, kleidete sicb 
an und verlieB das Haus ohne Plan und ohne klare Besinnung." 

Heinrich Zschokke widmet in seinem „Gesprach uber d.ie 
Liebe** *) Desgouttes folgenden Nachruf : „In Griechenland wajre 
er vielleicht ein groBer Kiinstler, der Weisen oder Vaterlandsheldon 
einer geworden, durch die Freundschaft der Seelen, bei uns ward er 
dadurcli Morder und die Gesetze fiihrten ihn zum Rabenstein. Sein 

*) P- 270. 



Digitized by VjOOQIC 



61 

fanzes Lreben voller Widerspruch und Verirrung, sein Allesopfem fur 
en Geliebten; sein ewiges Bemiihen, diesen zum vollkommensten, 
tugendhaftesten, edelsten Mann zu bilden; sein Kampf mit sich und 
einer Leidenschaft, die ihn irre an sich selbst machte; seine An- 
strengungen Zerstreuungen zu finden; sein geflissentliches Streben, 
sich selbst mit geistigen Getranken zu betauben, seine wiederholten 
Entschlusse zum Selbstmord; endlich die Ennordung des Freundes — 
alles erklart sich aus seiner nicht anerkannten Seelenberechtigung." 
In Kiel spielte sich vor einigen Jahren eine ahnliche, allerdings 
bei weitem nicht von so tiefgehenden Folgen begleitete Eifersuchts- 
tragodie auf homosexueller Grundlage ab, deren Opfer ich spater 
selbst zu behandeln Gelegenheit hatte. Es war der ISjahrige Hand- 
lungsgehilfe H., der, als er eines Morgens in sein Geschaft gehen 
woUte, im Begriff sich von seiner Mutter zu verabschieden, aus dem 
Hinterhalt einen SchuB in die Schlafe erhielt. Er sank von der 
pugel getroffen, vor den Augen seiner Mutter zu Boden. Ein 
zweit^r SchuB folgte, und hinter dem Busch fand man einen Mann, 
welcher sich durch einen SchuB in die Schlafe entleibt hatte. Die 
sofort alarmierte Polizei lieB den noch lebenden H. in die chirurgische 
Klinik schaffen, wahrend der Fremde als Leiche ins Schauhaus ge- 
bracht wurde. Aus einem hinterlassenen Briefe, welcher von der 
Polizei beschlagnahmt wurde, ging hervor, daB es sich um einen rus- 
sischer. Baron C. v. Ch. handelte. Nach diesem hat der junge Mensch 
zweifellos zu dem Baron in homosexuellen Beziehungen gestanden. An 
einer Stelle des Briefes heiBt es u. a. : „Ich liebte ihn wahnsinnig 
und aufrichtig. Da er meine Liebe verschmahte und seine Neieung 
einem andem gonnte, ist es besser, wir beide sind nicht mehr.*^ 

Ebenfalls um einen homosexuellen Eifersuchtsmord und Selbst- 
mord handelte es sich in einem Falle, der sich am 26. September 
1910 auf dem Lido von Venedie zutrug. Dort totete ein geistig hoch- 
stehender Mann von etwa 40 Jahren, Edoardo Brazzoduro, 
Richter am Gericht der kleinen Stadt Pordenone den 23 jahrigen V e r- 
gilio Bilban, zu dem er eine „unermeBliche Liebe" gefaBt hatte. ^) 
Vergilio war ein jimger Mann von schiichternem Wesen, mit sehr 
f einen, gleichsam weiblichen Gesichtsziigen („un giovane di carattere 
timido dei lineament! finissimi e quasi femminei ). Brazzoduro 
hatte von seinen Eltem — .der Vater war ein kleiner pensionierter 
Beanater — die Erlaubnis erbeten und erhalten, ihren talentierten 
Sohii zu sich zu nehmen und fiir seine Ausbildung zu sorgen. Der 
Sohn hatto den sehnlichsten Wunsch, Musik zu studieren; da dies 
in dem kleinen Stadtchen, in dem der Richter amtierte, nicht gut 
moglicb war, wollte er nach Venedig zuriickkehren. Von heftiger Sehn- 
suciit getrieben, folgte ihm der Richter; vergebens versuchte er ihn 
zur Riickkehr zu bewegen. Der Widerstand des Jiinglings verse tzte 
ihn in groBte Erregung, die sich wiederholt in Tranenergiissen auf- 
loste. Eines Tages trat das Zimmermadchen des Speisehauses, in 
dem er wohnte, in der Annahme, daB er abwesend sei, in sein Zimmer, 
um das IBett zu machen; sie iiberraschte ihn in einem Zustande, der 
sic • erschiitterte. Er weinte und klagte mit stammelnden Worten 



«) Dr. M. Hirschfeld, Morde an Homosexuellen. (Prozesse 
gegeu Breuer, Kragujevics usw.) In „Vierteliahrsberichte des 
W.-h. Komitees", Jahrg. Ill, Heft 2. pag. 169 ff. 

Uber den Mord des Pariser Millionars Remy durch den fiinfzig- 
^rigeu Oberdiener Renard, der nach der Anklage durch die heftige 
Leidenschaft Renards zu dem Neffen Remys, mit dem er sexuell ver- 
kehrt liatte, verursacht wurde, vgl. N. Pratorius: „Homosexuelle Er- 
eignisse in Frankreich und Italien aus den Jahren 1908 und 1909" 
in den Vierteljahrsberichten des W.-h. K. Jahrg. I, Heft 2, S. 179 ff. 



Digitized by 



Google 



62 

und schien ganz aus dem Gleichgewicht gebracht. Das Madchen ver- 
suchte ihn zu trosten, und Brazzoduro fiihlte das Bediirfnis der 
Mitteilung. Er sagte ihr, wie er leide, well er einen jungen Mann 
nicht bei sich haben konne, den er mehr liebe als einen Sohn (che 
a^mava pid di un figliuolo). Kurze Zeit darauf, an einem Sonntag nach- 
mittag, machte er mit Vergilio einen Jagdausflug. Als mit Herein- 
brucb der Nacht beide nicht heimkehrten, wurden die Eltern unruhig, 
stellten mit Freunden Nachforschungen an und fanden schlieBlicn 
zu ihrem Entsetzen Vergilio und Brazzoduro tot am Ufer 
des Kanals. Der junge Mann hatte zwei Schiisse in der rechten Schlafe 
und am Hinterkopf, der Richter, dessen Hand noch den Revolver um- 
klammert hielt, hatte sich erst einen SchuB in die Schlafe und, als 
dieser ihn nicht totete, noch einen HerzschuB beigebracht. Die be- 
schlagnahmten Briefe lieBen keinen Zweifel, daB zwischen bsiden ein 
homosexuelles Liebesverhaltnis bestand. Wie stark die Eifersucht des 
alteren Freundes war, bewies besonders das Zeugnis des Musik- 
professors Gottfredo Giarda, welcher sich zweimal wochentlich 
zur Erteilung des Unterrichts von Venedig nach Pordenone begab. 
Brazzoduro ging eines Tages mit dem jungen Mann und seinem 
Lehrer in den StraBen von Pordenone spazieren, und Vergilio 
lieB sich auf dem Spaziergang iiber ein junges Madchen den Ausdruck 
der Bewunderung entschliipfen : „Welch' schones junges Madchen!" 
Brazzoduro wurde zornig, und sein Zorn ging so weit, daB er 
den jungen B i 1 b a n schlug. Darauf geschah es, daB Giarda dem 
Brazzoduro Vorhaltungen machte, da der junge Mann ihm sich 
bereits vorher anvertraut und allerlei Klagen und Beschwerden vorge- 
bracht hatte. „Geben Sie ihm mehr Freiheit; schlieBlich ist er ein 
junger Mann von 22 Jahren und muB das Leben kennen lernen", rief 
Prof. Giarda. Brazzoduro entgegnete : „Frei ist er, sogar in 
dem MaBe, daB die Rollen vertauscht sind, so daB ich nicht von 
Hause fortgehe, nicht einen Brief schreibe und iiberhaupt nichts 
tue, wenn er es nicht gebilligt hat." „Wenn er ein Madchen be- 
wundert, ist das doch nichts Sesonderes", meinte der andere; darauf 
Brazzoduro: „Ach was! Ich bin in mein Alter gekommen, ohne 
mich je einem Weibe genahert zu haben. Es ist nicht notig, das 
Feuer sich ausbreiten zu lassen." Brazzoduro hatte schon vor 
seiner Abreise von Pordenone dem verzweifelten Vorsatz schriftlich 
Ausdruck gegeben, er wiirde, wenn sein Vergilio nicht zuriick- 
kame, der Qual ein Ende machen. Auf seinen auigezeichneten Wunsch 
wurden die beiden Leichen in zwei benachbarten Grabern auf dem 
Kirchhof des Lido beerdigt. 

Auch F o r e n) hatte einen 19jahrigen jungen Mann zu begut- 
achten, der auf der StraBe mehrere Schiisse auf einen Freund abgab, 
welcher nichts mehr von ihm wissen wollte. Nach der Tat schoB 
er sich selbst in die Brust. Er wurde, ebenso wie der Freund, wieder- 
hergestellt. Auf F o r e 1 s Gutachten, der kontrare Sexualempfindung 
und Hysteric mit phantastischer Schwarmerei, beides auf Grundlage 
schwerer hereditarer Belastung, annahm, wurde das Strafverfahren ein- 
gestellt. 

Ein ahnliches Attentat beging in Amerika ein homosexuelles 
Weib, Alice M. Sie hatte sich leidenschaftlich in eine Frau verliebt, 
mit der sie sich zu verheiraten wiinschte. Da diese ihr widerstrebte, 
totete die junge, intelligente, in guter sozialer Lage sich befindende 
Alice M. eines Tages die Freundin auf offener StraBe durch einen 
Schnitt in den Hals. Nach dem Morde zeigte sie zwar tiefe Trauer 

■') August Forel, Zwei kriminalpsychologische Falle. Ein 
Beitrag zur Kenntnis der Cbergangszustande zwischen Verbrechen und 
Irrsinn. Separatabdruck aus der Zeitschrift fiir Schweizer Strafrecht. 
2. Jahrg., 1. Heft. Bern 1889, pag. 21. 



Digitized by VjOOQIC 



63 

liber den Tod der Geliebten, aber keine Reue. Auch in diesem Falle 
nahm der Gerichtshof an, daB die Angeklagte bei Begehung der Tat 
geisleskrank gewesen sei und iiberwies sie eincr Irrenanstalt. 8) In 
dem Briefo einer Urninde an ihre Freundin heiBt es: v^^^ diirstete 
nach deinem Leib. Auf deinen Viktor war ich eifersiichtig wie der 
Rivale auf den anderen. Ich litt alle Hollenqualen der Eifersucht. 
Ich haBte diesen Menschen und hatte ihn gem getotet." 

In Wien erregte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts 
der Fall der Fabrikarbeiterin Johanna Buchbinder Aufsehen, die „wie 
ein Mann lebte, zechte, rauchte und Allotria mit Weibern trieb", und 
die man den „schlimmen Pepi" nannte. Sie spielte sogar in sozialdemo- 
kratischen Veranstaltungen eine nicht mibedeutende RoUe, in denen sie 
durch ihre flammende Beredsamkeit die Zuhorer fortriC. Zuletzt hatte 
siij einen gemeinsamen Haushalt mit einem jungen schonen Madchen; 
audi an einem Kinde fehlte es ihnen nicht, dem natiirlichen Sohne 
ihrer Konkubine. Fines Tages kehrte der Vater dieses Kindes zuriick, 
und es kam zu stiirmischen Auseinandersetzungen, in denen erst 
Johanna Buclibinder, dann ihr Rivale das Messer zogen. Schwer ver- 
wundet wurde sie in das Inquisitenspital gebracht, wo man erst fest- 
stellte, dalj sie eine Frau war. 

Ich kenne mehrere Falle, in denen sich die Eifersucht Homo- 
sexueller sogar gegen die eigene Mutter richtete ; sie gerieten in 
heftige Erregung, wenn sie die von ihnen geliebten Personen mit 
ihren Miittern im vertraulichen Gesprache fanden. Noch groCer ist 
namentlich die Eifersucht homosexueller Frauen auf die MUtter der 
von ihnen geliebten Madchen. Mehr als ein Beispiel ist mir bekannt, 
in denen sich zwischen Mutter und Freundin die heftigsten Eifer- 
suchtsszenen abspielten. 

Tjrehoren so extreme Falle verzweiflungsvollen Verlangens, 
wie die gekennzeichneten, immerhin zu den groBen Seltenheiten, 
so zeigen sie doch zur Evidenz, daB Sehnsucht und Eifersucht 
f lir die homosexuelle Liebe ebenso symptomatisch sind wie 
ftir die heterosexuelle. Als das Geschick Biilow von Platen 
trennte, schrieb der Dichter in sein Tagebuch : ,,Ich schlang 
die Arme um einen Baum, legte meine Wange an die harte Rinde 
und weinte die bittersten, heiflesten Zahren meines Lebens." 

Allein nicht nur das ,,zu Tode betrtibt", sondern auch das 
„himmelhochjauchzend**, nicht nur die negativen, sondern auch 
die positiven. Gefuhlstone sind unabhangig von eigentlichen Ge- 
schleehtsakten sowohl an mannlichen als weiblichen Homo- 
sexuellen in groBer Fiille nachweisbar. Wie die u n g 1 ii c k - 
1 i c h e Liebe die Lebensfreudigkeit und Leistungsfahigkeit erheb- 
lich herabsetzt, so steigern sie lustbetonte Eindriicke und Erleb- 
nisse in hohem MaBe. Dieses Wachsen liber sich hinaus, das 
sowohl in der eigenen Gllicksempfindung als in dem Bestreben 
zutage tritt, den andern ,,glucklich zu machen**, tritt dem Er- 
forseher und Kenner der Homosexualitat auf Schritt und Tritt 



8) Cf. das Referat iiber: „Sim, The caste of Alice M." von 
Ct e o r g c H. R o h e in Annual universal medical sciences, edited by 
Saioua and seventy associate editors. Vol. II. 1893. Philadelphia 
D. 21. 



Digitized by VjOOQIC 



64 

entgegen. Ich habe oft beobachten konnen, wie sich das Benehmen 
und Auss^hen vergramter und verbitterter Homosexueller vollig 
veranderte, wenn sie in Gesellschaft ilinen sexuell sympathischer 
Personeri weilten. Schweigsame wurden gesprachig, langsame 
beweglich, die dtisteren Mienen ii^llten sich auf, das Auge 
strahlte, das ganze Gesicht verklarte sich. Eine homosexuelle 
Dame, die viel an Prakordialangst litt — ich kenne sie seit mehr 
als zehn Jahren — , berichtet, dafl es sich wie ein Alp von 
ihrer Brnst lost, wenn sie die Stimme ihrer nicht sehr treuen, 
gleichwohl aber leidenschaftlich geliebten Freundin am Tde- 
phon hort. 

Schon Westphal hob bei der ersten von ihm 1864 in der 
Charit6 beobachteten Kontrarsexuellen hervor, wie sich ihr Gesichts- 
ausdruck veranderte, wenn sie von den Vorziigen des von ihr ge- 
liebten Madchens sprach. Besonders lebhaft, fahrt er fort, ^o) schwebt 
ihr das Bild des jungen Madchens, die seit langem an einem ent- 
fernten Ort lebt, zur Zeit der Periode, und auch in ihren Traumen vor." 
Sehr bezeichnend sind die Ausdriicke, mit denen Homosexuelle 
die subjektiven Empfindungen beschreiben, welche sie im ungeschlecht- 
licben Zusammensein mit Menschen fiihlen, die sie erotisch anziehen : 
es „durchrieselt", „durchdringt'*, „durchschauert*', „durchzuckt" ihren 
Korper ein unbekanntes Etwas, es „geht ihnen durch und durch", „e3 
iiberlauft sie so eigentumlich", „sie fiihlen sich wie elektrisiert", wie 
„gebannt", „fieberhaft erregt**, „enthusiasmiert", „ihr ganzes Wesen 
revoltiert*'. U 1 r i c h s i^) spricht von der „magnetischen Durchstro- 
mung, die der Urning in der korperlichen Beriihrung mit einem bliihen- 
den, jungen Manne empfindet und gleichsam schmeck;t", wir fiihlen, 
wie eine „nervenstarkende, wunderbare Lebenskraft" uns durchrinnt, 
und unter Berufung auf Lukian fiigt er hinzu: „Schon die geringste 
Einzelberiihrung wirkt ahnlich". Ein andrer Homosexueller bemerkt: 
„Beim Anblick meines Falles gerat mein Blut in Wallung, das Herz 
schlagt rascher und die innere Bewegung wiirgt so an der Kehle, 
daB ich kaum sprechen kann, zuerst kann ich mich auf nichts be- 
sinnen von dem, was ich vorher sagen woUte, ich bin wie gelahmr. 
und erst ganz allmahlich lost sich dieser Bann und geht iiber in 
eine intensive Lebensfreude, die auch meine intellektuellen Fahigkeiteu 
verstarkt und mich iiber das gewohnliche MaC meines Lebens hin- 
aushebt." Und eine Urninde ^2) schreibt iiber sich: „bei der fliichtig- 
sten Beriihrung von Frauen vibrierte mein ganzes Nervensystem." 
Solche AuBerungen einer im Grunde — und das ist das Beachtens- 
werte — spontanen vom Wollen unabhangigen Reizbarkeit konnte ich 
verdutzendiachen. Bei sensitiven Homosexuellen geniigen oft m i n i m e 
Reize fiir maxime Reaktionen. 

Ich kannte einen Homosexuellen, den es voUkommen befriedigte, 
wenn er sich von Jiinglingen, zu denen er gravitierte, bedienen lieB. 
Er machte mit Vorliebe Friseurliiden ausfindig, in denen blonde Ge- 
hilfen, die „seinem Fall" entsprachen, beschaftigt waren, lieB sich 



10) Archiv fiir Psychiatric und Nervenkrankheiten. Herausgegeben 
von Gudden, Leyden, Meyer und Westphal, 2. Bd. Berlin 
1870. 

pag. 80. „Die kontrare Sexualempfindung, Symptom eines neuro- 
pathischen (psychopathischen) Zustandes." Von Prof. C. Westphal. 

11) Inclusa. V, p. 36. 

12) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. III. p. 34. 



Digitized by VjOOQIC 



66 

yon ilineh rasieren, frisieren und vor allem shamponieren. Das ener- 
gische iReiben der Kopfhaut und der Haupthaare fiihrte bei dem 
iiberempfindlichen Homosexuellen nicht selten zu einer Ejakulatiou, 
von welcher der auslosende Partner nichts geahnt haben wiirde, hatte 
der dankbare Urning es nicht fiir seine Pflicht gehalten, ihn durch 
ein Trinkgeld von mehreren Makrk zu belohnen. Ein Seitenstiick zu 
diesem Fall bildet ein Berliner Homorse"xueller, desseil Befriedjgun^ 
darin bestand, am Spandauer Schiffahrtskanal intensiv die Schiffer 
anzustarren, welche die schweren Ladungen bin und her schleppten ; 
Oder er nahm Maurer aufs Korn, die in inrer bestaiibten Arbeitstracht 
die Steine auf und ab trugen. Ihre Bewegungen, ihre Kleidung, ibr 
eigentiimliches Stohnen unter der Last versetzte ihn in eine mehr 
und mehr ,sich steigemde Erregung, auf deren Hohe er schliefllich 
hinter einem Gebiisch oder Verschlag unbemerkt masturbierte, fest den 
Blick auf die Schiffer oder Maurer geheftet, mit denen er so ganz 
ohne deren Wissen und Zutun verkehrte. Ein urnischer Gutsbesitzer 
aus Polen berichtet: ,,Die erotischen Traume zeigten mir vielfach FluB- 
landschaften mit badenden Burschen. In friiheren Jahren unternahm 
ich oft weite Wege auf der LandstraBe, indem ich hoffte, einen mir 
zusagenden Burschen vom Lande anzutreffen, von dem ich unter dem 
Vorwande, ich sei fremd, mir den Weg zeigen lieB. Das be- 
friedigte mich sexuell vollkommen." 

Wir werden noch eingehender auf die homosexuellen Be- 
ta tignngsf or men zurtickkommen, hier handelt es sich nicht 
sowohl um den Ausdruck homosexueller Empfindungen, 
als um den Eindruck, die Wesensveranderungj welche 
Personen desselben Geschlechts im Homosexuellen bewirken. 
Dieser geht nicht nur von der lebenden Person aus, sondern iiber- 
tragt aich bis zu einem gewissen Grade auch auf ktinstliche, 
und zwar nicht etwa nur ktxnstlerische Nachbildungen und 
Darstellungen des menschlichen Korpers, oft so, daU die Be- 
treffenden lange Zeit fiir ein rein asthetisches Interesse halten, 
was in Wirklichkeit bereits ein erotisches ist. 

Wenn Goethe einmal zur Erklarung der paderas-tischen 
Ueigungen Winckelmanns ausfiihrt, ,,daB die asthetische 
Bewunderung bei ihm zur sinnlichen Leidenschaft jgeworden 
ist**, so ist auch der groBe Weimaraner hier dem so haufigen 
Tmgschlusse unterlegen, in dem was Ursache ist, die Wirkung 
zu eehen. Es wird hier eben wie so oft im Liebesleben S u b - 
jektives unbewuBt objektiviert. Eher darf man annehmen, 
daB Winckelmanns urnisches Empfinden mitsprach, wenn er 
die antiken J iinglingsstatuen eines Antinous und Hermes so viel 
hoher stellte als die einer Artemis und Aphrodite. Ein urnischer 
Kammerdiener schrieb mir einmal : „In einem Palais, wo ich 
diente, streichelte ich oft ungesehen tiber die Schamgegend am 
belvederischen ApoU.** 

Die Art, wie die Homosexuellen ihre Umgebung gestalten, 
Ihat fur die Besonderheit ihrer sexuellen Eigenart und Ge- 
cschmacksrichtung oft etwas ungeinein Charakteristisches. 

Hirschfeld, HomosexualitSi. g 



Digitized by VjOOQIC 



66 

Abgesehen davon, daB Zimmereinrichtung und Wandschmuck be- 
senders bei femininen Urningen oft das Zarte, Weichliche, bisweilen 
audi das Exzentrische ihrer Personlichkeit verraten, sind es die glei- 
chen, sicli haufig wiederholenden Kunstwerke, denen wir in den Woh- 
nungeu von Homosexuellen vielfeich begegnen. Zu solchen bevor- 
zugten Kunstwerken gehoren von Bildern unter anderen: der heilige 
Sebastian in den verschiedensten Darstellungen der italienischen Bliite- 
zeit, der „blue boy" von Gainsborou g h , van Dycks Knaben- 
gestalten, der Karton „Badende Soldaten" von Michelangelo, 
Tiroler Bnrschen von Defregger, und die zur Schwemme reiten- 
den Offiziere eines schwedischen Malers; von Skulpturen: der Dorn- 
zieher, der Adorant, der Hermes des Praxiteles, Michelange- 
los Jiinglings- und Mannergestalten, wie seine „Sklaven", der Speer- 
werfer des rolyklet, von neueren M e u n i e r und R o d i n s Ar- 
beitertypen und manche andere. Es ist natiirlich nicht zulassig, aus 
vereinzelten Kunstwerken dieser Art Schliisse Ziehen zu wollen; nur 
wenn sich zahlreiche Darstellungen ahnlichen Genres haufen, wenn 
man nach der intimen Art der Placierung rein dekorative Absichten 
Oder den bloBen Zweck des Sammelns von Kunstgegenstanden mog- 
lichst ausschliefien kann, gewinnt im Zusammenhang mit an- 
deren Momenten diese Erscheinung eine diagnostische Bedeutung. 

Oft finden wir auch Abbildungen zeitgenossischer Beriihmtheiten, 
wenn dieselben dem Sexualgeschmack der betreffenden Homosexuellen 
entsprechen, in auffallender Anzahl in ihre'n Wohnraumen. Viele 
sammeln Ansichtskarten, Modebilder, Illustrationen aus Zeitungen; so 
befinden sich bestimmte Titelblatter der Jugend in den Handen sehr 
vieler Homosexueller. 

Ich gebe die Schilderung eines gerontophilen Homosexuellen, der 
sich etwas ausfiihrlicher iiber diesen Punkt aufiert: „Bis zu meinem 
25. Lebensjahre fiihlte ich mich zu Mannern im Alter von 40 bis 
50 Jahren hingezogen. Je alter ich wurde, um so gleichgiiltiger wurden 
mir relativ viel unter 50 Jahren stehende Manner. Vom Jahre 
1899 an bis vor kurzer Zeit war ich in einen kiirzlich verstorbenen 
20 Jahre alteren Herrn verliebt — ich bin 44 — dessen intime Be- 
kanntschaft ich auBerst gern gemacht hatte. Wahrend einiger Jahre 
hatte ich den Stundenplan meines angebeteten Lieblings genau im 
Kopfe, so daB ich zum Zeitpunkte, wo der Mann seine Lehrstunden 
verlieB, stets ihn zu begegnen oder, wenn ich im Bureau saB, voa 
meinem Schreibpultplatze aus seiner ansichtig zu werden suchte. Der 
Mann war hoherer Gymnasiallehrer und hatte mit seinen diversen. 
Nebengeschaften ein Einkommen von ca. 10 000 Fr., so daB ihn auBere 
Elegauz von vielen seiner Kollegen, welche gemeinhin nur bis 6000 Fr. 
houoriert sind, vorteilhaft auszeichnete. Der Typus war mittelgroli, 
kraftig und mittelkorpulent (alles Magere bezw. Hagere ist mir gleich- 
giiltig) uud hatte — fiir mich eine great attraction — einen schonen 
weiBen Vollbart. Ich liebe nur Typen mit schonen regelmaBigen 
Gesichtern, am meisten jedoch solche mit weiBen Vollbarten unci 
gewisser Distinktion. Ich habe mir aus illustrierten Zeit- 
schriften eine ganze Kollektion Bildnisse sozial 
hochstehender und beriihmter alterer Manner, wie 
z. B. Konig Eduard von England, Konig Oskar von Schwe- 
d e n , Maler B o c k 1 i n , Lord Salisbury, Marquis Beresford, 
Violinvirtuose Joseph Joachim, Marquis d e V o g u 6 (alio mit 
weiBem Vollbart) usw. herausgeschnitten und, um meine 
Manie zu verheimlichen, in ein Konversationslexi- 
kon an die diese Manner betreffenden Stellen ge- 
legt. Auch habe ich diverse Bromsilberbilder be- 
riihmter antiker Skulpturen, unter denen mich das 
Bild von Ercole (von Lichas) aus dem Museo Tor- 
Ionia in Rom ganz besonders fesselt, gesammelt. 



Digitized by VjOOQIC 



67 

Das einzige, was ich an diesem Bilde als Kunstwerk sowie auch aus 
dem Grunde, well ich das Nackte am liebsten sehe, zu tadeln habe, 
ist, daC das ominose Feigenblatt die Geschlechtlichkeit verhiillt, da- 
gegeu floBt mir das ebenfalls weitberuhmte Biid „L'Aretino** aus den 
Uffizien in Florenz trotz unverhiillter Geschlechtlichkeit, der gemeinen, 
zuriicktretenden Stirne, der groCen Hiinde uad FiiBe, wie auch des bart- 
losen Gesichtes wegen, einen wahren Widerwillen ein, wahrend- 
dem mir wiederum das Mannerbildnis „I1 crepusculo" 
von dem !Monumente des Lorenzo di Medici in Flo- 
renz entziickend schon erscheint. Einen solchen Korper 
mochte ich umarmen und kiissen, um dabei all meine seelische Qual 
und den ewigen Jammer, fiir den ich geboren bin, zu vergessen. Gegen- 
wartig fiihle ich mich wieder hingezogen zu einem ca. TO — 72 Jahre 
zahlenden Arzte, den ich anlaClich eines Vortrages vor einem Jahre zum 
ersten Male sah. Wie oft spazierte ich nicht schon an dessen Woh- 
nung vorbei, in der Iloffnung, denselben nur von weitem zu sehen. Be- 
gegno ich demselben, was leider erst zweimal im Stadtinnerii ge- 
schah^ so iiberkommt es mich wie ein elektrisches Fluidum, und sogar 
meine doch sonst so feste Gangart bekommt eine sonderbare Unbe- 
standigkeit mit Knickebeinattacken. Der Herr ist in meiner GroBe, 
(mittelgroB), hat distinguiertes AuCere und tragt weiBen Bart k la 
Kaiser Franz Joseph. — Fiir meine Frau, mit welcher ich nun schon 
17 Jahre verbunden bin, ohne je nur einen Versuch zu einer sinnlichen, 
gescbweige denn zu einer wirklichen ehelichen Umarmung gemacht 
zu habeu, verbindet mich nur pures Freundschafts- und Achtungs- 
gefiihl. Ich glaubte durch Verbindung mit einem reinen, weiblichen 
Wesen, welches sich durch Schonheit, Talent und hausliche Tugen- 
den in hohem Grade auszeichnet, wie dies bei meiner Gattin def Fall 
ist, allmahlich meine mir selbst unsinnig vorkommende Liebe zum 
eigenen Geschlecht zu verlieren. Nach so langer Erfahrung bin ich 
in meiner Zuversicht leider nicht nur arg enttauscht worden, sondern 
zu der Cberzeugung gelangt, daC meine Neigung bis zu dem alles er- 
losenden Tode andauern wird." 

Ein auderer, der den tiefen Eindruck hervorhebt, den ein Bild 
auf ihn machte, und zwar lange, ehe er sich iiber seine geschlecht- 
liche Triebrichtung klar war, schreibt: 

„SoweiL ich mich zuriickerinnern kann, habe ich immer so ge- 
fiihlt, d. h. ich hatte nie ein Gefiihl der sinnlichen Liebe fiir Frauen 
iibrig. Ich erinnere mich noch lebhaft an ein Erlebnis zwischen 
meinem 9. und 10. Jahre. Ich sah in irgend einer Zeitschrift 
einmal ein Bild, welches einen im Schlaf vom Feuer iiberraschten Mann 
darstellte, wie er, ein Kind im Arrae, im Hemde iiber eine Leiter sich 
aus dem brennenden Hause fliichtete. Das Bild erregte mich 
derart, daB ich es wie wahnsinnig kiiBte; ja ich ging 
sogar in der Folge ofter an einen unbelauschtenOrt, 
um es mir, mit mir bisher noch ganz unbekannten 
Gefiihlen zu betrachten." 

Und wieder ein anderer schickt in sehr charakteristischer Weise 
das Bild, das den ihn anziehenden Typus wiedergibt, mit folgenden 
Begleitworten : „Beigehend das Bild meines Falles, d. h. des Typus, 
der mich im meisten reizt. In alien meinen Traumen von Liebe 
ist der Held wie dieser von kraftvoller strotzender Mannlichkeit, mit 
treuherzigem Blick 'des Auges. Man betrachte diesen Arm, dieses 
Bein!" 

Es gibt unter den homosexuellen Mannern und Frauen sehr 
viele, die bildliche Darstellungen des von ihnen geliebten Typus 
bei sich fiihren, vor allem natiirlich 'Bilder von Personen, 
deren Originale ihnen personlieh bekannt sind oder nahe stehen. 



Digitized by V:iOOQIC 



68 

Brief taschen homosexueller Manner und Frauen, die keine Ab- 
bilder der ihnen anziehend erscheinenden Personen enthalten, 
geharen zu den Seltenheiten. Vor einiger Zeit hatte ich einen 
aus § 175 angeklagten Menschen zu begutachten, dessen straf- 
barer Verkehr von einem erpresserischen Wirt dureh ein in die 
Tiir gebohrtes Loch bsobachtet war. Wahrend der Verhandlung 
fielen mir seine Manschettenknopfe auf. Als ich sie naher 
betrachtete, waren es auf kleinen Porzellantafelchen angefertigte 
Photographien seines mitangeklagten Freundes. 

Besonders ftir Selbstanfertigvng von Photographien in alien 
mcglichen Stellungen besitzen viele Homosexuelle eine wahre 
Leidenschaft, bei einigen erstreckt sich diese Neigung namentlieh 
auf Herstellung von Aktphotographien ; andere begniigen sich 
init deren Besitz. Die von einigen italienischen und deutschen 
Firmen, deren Eigentlimer meist selbst homosexuell sind, an- 
gefertigten tnannlichen Akte befinden sich in tausenden Exem- 
plaren in den Handen von Homosexuellen aller Erdteile. Dabei 
ist zu bedenken, daU, so sehr der Besitz solcher KoUektionen 
fiir homosexuelle Neigungen spricht — absolut beweisend ist er 
naturiich nicht — , keineswegs durch ihn festgestellt wird, dafl 
der Inhaber sich seiner Homosexualitat bewuBt gewesen ist 
oder gar homosexuelle Akte ausgeftihrt hat. Ich hebe das hervor, 
weil wiederholt die Beschlagnahme solcher Bilder in 'liesem 
Sinnc gedeutet wurde^^). 

Andererseits kann der Besitz solcher Bilder gerade in foren- 
siscber Beziehung von differentialdiagnostischer Bedeutung sein. So 
war vor einigen Jahren ein friiherer Jockey wegen versuchter Leiclien- 
tledderei angeklagt, der auf einem Berliner Balinhof von einem Stations- 
beamten dabei betroffen wurdc, wie er sich an den Hosen eines 
schlai'enden Matrosen zu schaffen machte. Er bestritt die Absicht 
einer Beraubung des tief Schlafenden, der in der Tasche des Bein- 
kleids sein Portemonnaie getragen hatte, indem er behauptete, er be- 
saBe eine Schwilche fiir die biauen weiten Matrosenhosen, er babe 
nicht stehlen, sondern sich durch die Beriihrung und „Liebkosung" 
der Hosen geschlechtlich erregen wollen. Das Gericht hielt diese 
Angabe fiir eine Ausrede, doch konnte entlastend angefiihrt werden, 
dai3 die Haussuchung in der Wohnung des Vcrhafteten Dutzende von 
Matrosenbildern zutage forderte. 

In der Leidenschaft mancher Homosexueller fiir Bilder und Skulp- 
turen liegen iibrigens die Wurzeln zum Pygmalionismus, auf 
den wir bei Besprechung der Vergesellschaftung der Homosexualitat 
mit anderen Triebanomalien gelegentlich zuriickkonimen werden. 

Es liegt nahe, daB ktinstlerisch angelegte Homosexuelle 
sich nicht mit Photographien und Illustrationen begniigen, son- 
dern selbstschopferisch ihr Ideal zu malcn oder zu formen ge- 



^2) Cf. Triumph der Liebe, Aus den Papieren eines Geachtetcn. 
Herausgegeben von Pugnator. Leipzig 1902. p. 23. 



Digitized by VjOOQIC 



69 

neigt sind. Bei vielen Kindern kann man lange vor dem Er- 

wachen des Geschlechtstriebes beobaditen, wie sie in meist un- 

beholfener Weise die Uinen sympathischen Figuren zu zeichnen 

verfeuchen. Die meisten geben dieses Bemtihen bald wieder auf, 

wenn sic der Schwierigkeiten der Darstellung inne geworden 

sind; Befahigtere setzen es fort und entwickeln es wetter, ohne 

daU ihnen die erotisdie Unterstromung ihrer Liebhaberei ins 

OberbewuBtsein dringt. 

So suchte mich einmal ein sehr vortrefflicher Maler auf, der 
von der Mutter eines iungen Magyaren, der ihm jahrelang als itodell 
gedient hatte, mit Scnmahbriefen bedacht wurde, in denen sie ihn 
einer homosexuellen Leidenschaft fiir ihren Sohn beschuldigte. Er 
hatte dem jungen Manne und seiner Familie erst ganz spontan, dann 
in Erfiillung ihrer Wiinsche groBe Wohltaten erwiesen. Als er ihren 
Bitten und Anspruchen nicht mehr genii^en konnte, kam es zum Zwist 
und zu diesen Beschuldigungen. Dieser Maler hatte eine groBe Freude 
an Jiinglingsbildern, die ihm ganz mcisterhaft gelangen. Die Ori- 

finaJe seiner Bilder, denen er ein Freund in des Wortes bestem 
inne war, verehrten ihn schwarmerisch. Er selbst hatte, trotzdem 
er schon die DreiBig liberschritten, etwas sehr Jungenhaftes, zugleich 
in seiner zarten Schonheit und Weichheit auch viel Weibliches. Als 
ihm nun die Magyarin seine Homosexualitat mit bosen Schimpfworten 
ins Gesicht schleuderte, war er aufs auBerste betroffen, dann sehr 
entrustet, imi so mehr, als er, der sexuell voUig abstinent lebte, der 
tJberzeugung war, durohaus nicht homosexuell zu sein. Anfangs 
entschlossen, die Frau zu verklagen, nahm er jedoch davon Abstand, 
als er durch die Lektiire der ihm bis dahin vollig unbekannten Lite- 
ratur seinu seelische Bisexualitat mit starkem tjberwiegen der homo- 
sexuellen Komponente erkannte. 

tJber Michelangelos ProduJction als Projektion seiner 
umischen Psyche auBert sich Carpenter ^^a) einmal f olgendermaBen : 
,,rn Michelangelo haben wir einen Kiinstler, der mit dem Pinsel und 
MelBel buchstablich tausende menschlicher Gestalten nachbildete, aber 
mit der Besonderheit, daB, wahrend ganze Reihen seiner mannlichen 
Fig^uren offenbar von einer romantischen Empfindung iibergossen und 
eiijgegebeu sind, dasselbe kaum von einer seiner weiblichen Gestalten 

fesagt werden kann. Letztere bringen das Weib meistens in seiner 
loUe als Mutter, Dulderin, Prophetin oder Dichterin, als Greisin oder 
in irgendeiner Veranschaulichung von Kraft oder Zartheit, mit A u s - 
n a h m e der jenigen, welche sich mit der leidenschaftlichen Liebe 
verbindet, zur Darstellung." „Dennoch," schlieBt Carpenter, „sind die 
Reinlieit und die Wiirde von Michelangelos Mannergestalten unanfecht- 
bar und legen ein beredtes Zeugnis ab fiir jenen ihm innewohnendeu 
Adel der Empfindung, welchen wir schon in seinen Sonetten sich haben 
kujid^eben sehen." 

Ganz thnlich wie zu bildlichen Darstellungen verhalten 
sich die Homosexuellen auch zu dichterischen Beschrei- 
bungen der sie erotisch fesselnden Typen. Das Lustgeftihl iiber- 
trdgt sich hier von der Wahrnehmung auf die durch die Lek- 
tiire liervorgerufene Vorstellung. 

Oha.rakteristisch ist folgendes Bekenntnis einer homosexuellen 
Frau: „Pann las ich „Idylle Sapphique" von Liane de Pougy und 

isa^ „Die homogene Liebe" p. 10 f. 



Digitized by VjOOQIC 



70 

verliebte mich so heftig in die groBe Kurtisane Annine de Lys, daU 
ich lange brauchte, bis ich meine innere Ruhe wiederfand. Das 
Bild der Liane de Pougy steht seitdem immer vor mir auf dem 
Schreibtisch, weil ich glaube, dafl sie sich selbst in Annine de Lys 
geschildert hat. Ich kann mich iiberhaupt nach einem Buche genau 
so stark in eine Frau verlieben, als ob ich sie w i r k 1 i-c h kenne, 
und ich finde, dafi die Verliebtheit in eine solche Phantasiegestalt die 
allerqualendste ist, denn sie ist vollig losgelost von der Alltaglichkeit 
und man kann ihr andichten, was man will, und dadurch wird sie 
immer begehrenswerter, und man glaubt schlieBlich, dafl man bei ihr 
so unerborte Wonnen und Seligkeiten finden wiirde, wie man sie 
in der Wirklichkeit noch nie gefunden hat, denn in der Wirklichkeit 
ist ja bekanntlich „die Wollust aller Kreatur gemengt mit Bitter- 
keit**, in der Phantasie sieht man aber n u r die Wonnen." 

Namentlich lyrische Gedichte homosexuellen Charakters werden 
mit groBer Begeisterung empfunden, vorgetragen und, wenn moglich, 
selbst gedichtet. Unter den Aufzeichnungen Homosexueller, die ich 
im Laufe der Zeit erhielt, befinden sich viele Hunderte solcher 
Poeme und Novellen, deren Kunstwert allerdings zumeist ein sehr ge- 
ringer ist. Es liegt durchaus in der menschlichen Natur, etwas, das 
den Ausgangspunkt und die Quelle starker Gliicksempfindungen bildet, 
riihmend zu schildern. Diesen rein biologischen Faktor iibersieht 
Hans GroB, wenn er den Homosexuellen zwar die sexuelle Betati- 
gung als straflos verstatten will, dagegen wiinscht, daB gegen die 
homosexuelle belletristische Literatur so scharf als moglich vorge- 
gangen wird. „Dieser Literatur gegeniiber wiinsche man sich die 
scharf ste Lex Heinze." ^*) 

Es interessiert uns an dieser Stella das Verhaltnis Homo- 
sexueller zu homosexuellen Dichtwerken nur vom diagno- 
stischen Gesichtspunkt aus, auf den Standpunkt ihrer Zu- 
lassigkeit werden wir an anderer Stelle zuriickzukommen haben. 
Die diagnostische Bedeutung des Lesens und Verfassens von 
Dichtungen, die in so bestimmter Weise eharakterisiert sind, 
namentlich wenn, wie bei Platen, Walt Whitman oder 
Sappho, das gleiche Geschlecht fast ausschlieBlich dichte- 
risch verherrlicht wird^ ist insofern von Wert, weil es sich 
hier um AuBenprojektionen innerer oft sogar unbewuBter 
Empfindungskomplexe handelt, um Phantasieprodukte, die nicht 
selten sogar eine gewisse Verwandtschaf t mit Tagtraumen 
aufweisen. 

Damit soil nun allerdings nicht gesagt sein, daB aus den 
Typen, die ein Kiinstler mit Vorliebe schildert, ohne weiteres 
ein SchluB auf sein subjektives Empfinden gezogen werden 
kann. Gerade der Kiinstler, der, gleichviel ob homosexuell oder 

1*) Vergl. GroB, Besprechung des Jahrbuchs f. s. Zw. Band 3, 
in der Zeitschrift f. Kriminalanthropologie und Kriminalistik. Bd. 7, 
1. und 2. Heft, p. 184 ff. und dazu die ausfiihrliche Besprechung von 
Numa Pratorius, Jahrb. f. s. Zw. Bd. 4, p. 858 ff., ferner die 
Vorbemerkung des Herausgebers GroB zu dem Aufsatz von Bruno 
Meyer, „Homosexualitat und Strafrecht" in dem Archiv f. Krimi- 
nalanthropologie und Kriminalistik. Bd. 44, p. 219 ff. Am eingehendsten 
widerlegt Pratorius den Standpunkt von GroB im Jahrb. V. p. 980 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



71 

lieterosexuell, meist das rezeptive unci produktive, aktive und 
passive Element starker vermischt in sich beherbergt, als der 
einseitig virile oder feminine Typ, besitzt die Gabe des E i n - 
flihlens in alien moglichen Geftihlsnuancen oft in besonders 
hohem MaJJe. 

G o e t h e s Lied „An den Mond" („Selig, wer sich vor der Welt 
ohne Hal3 verschlieBt, einen Freund am Busen halt und mit ihm ge- 
nieCt"), sein „Erlk6nig" C,Ich liebe dich, mich reizt deine schone 
Gestalt"), sein Epigramm („Knaben liebt ich wohl auch, doch lieber 
sind mir die Madchen") lassen noch keinen SchluB auf homosexuelles 
Empf inden zu, so wenig man dieses ohne weiteres aus Shake*- 
8 p e a r e s Sonnetten f olgern kann. Wie Leo B e r g i^) gegenuber 
dieser Annahme mit Recht betont, hat Shakespeare „auBer den Son- 
netten denn doch auch die typischste h e t e r o sexuelle Liebestrago- 
die der Weltliteratur („Romeo und Julia"), die gewaltigste hetero- 
sexuelle Jlifersuchtstragodie („Othello"), das groflte heterosexuelle Deka- 
denzdrama der Welt („Antonius und Kleopatra") und die bitterste 
Liebessatire („Troilus und Kressida") geschrieben". 

Auch neuere Dichtwerke, in denen gleichgeschlechtliche Empfin- 
dungen wiedergegeben werden wie ^ etwa E e k h o u d s Escal Vigor, 
Wedekinds Fil d'Ecosse, oder Der Tod in Venedig von Tho- 
mas Mann als Beweisstiicke fiir die Homosexualitat ihrer Ver- 
fasser zu erachten, scheint mir unzulassig. 

Besonders augenfallig macht sich das unbe'wuBte Weben der 
homosexuellen Psyche in den Nachttraumen gel tend. Wie 
eng Tagesphantasien und Traume bei Homosexuellen zusammen- 
hlLngen, moge die folgende Schilderung eines Urnings aus seiner 
Jugendzeit illustrieren : 

„Im Sommer pflegten wir ein Haus am Strande zu beziehen. 

Dicht an der Veranda, zwischen Haus und Meer, fiihrte eine StraBe 

vorbei, auf welcher zu gewissen Stunden die Strandgendarmen vor- 

bei patrouillierten. Ich fiihlte mich sofort zu den strammen Kerlen 

mit der straffen Uniform und den gebraunten Gesichtern hingezogen. 

Bald konzentrierte sich all mein Denken auf sie. Abends im Bett, 

vor dem Einschlafen, malte ich mir Szenen wie folgende aus: Es 

klopft ans Fenster, ich offne neugierig, da langt plotzlich eine braune 

Hand, ein Arm herein, an dessen Armel ich die militarischen Auf- 

schlage und Knopfe wahrnehme. Ehe ich mich umsehe, werde ich 

hinausgezogen. Unter dem militarischen Mantel geborgen, an der 

Brust eines Mannes liegend, den ich fest umklammere, so dafl ich mein 

und sein Herz zusammen schlagen hore, werde ich eilenden Schrittes 

davongetragen. Dazu hore ich den Sabel klirren, empfinde den festeD 

Tritt der derben Stiefel und den Ledergeruch, den sie ausstromen. 

In eine Hutte tief im Walde bringt mich der Gendarm, legt mich in 

sein Bett, kiiBt mich und legt sich dann mir zur Seite, ich klammere 

mich fest an ihn und bin endlos gliicklich, selig. Resultat dieser 

Phantasien waren die Traume, in denen sie fortge- 

sponnen wurden, wobei ich zum ersten Male Pollu- 

tionen hatte, bei denen ich stets erwachte und entsetzt war 

uber die merkwiirdige Erscheinung, die ich fiir eine Krankheit hielt. 

SchlieBlich verspiirte ich ein riesiges Verlangen, diese Phan- 
tasien zu verwirklichen. — Abends wenn es bereits dammerte, ver- 

-^) Vergl. „Ge8chlechter" von Leo Berg, Kulturprobleme der 
Gegenwart, zweite Serie, Band 2. Berlin 1906. p. 164 und 165. 



Digitized by VjOOQIC 



72 

steckte ich mich im Walde hinter einen Busch an der StraBe, auf 
welcher der Gendarm vorbei kommeii mufite. Wie klopfte mein Herz, 
wenn ich seine Schritte horte. Oft ging er so nahe vorbei, daO ich 
nur meine Hand hatte auss tree ken zu brauchen, um seine FiiBe zu 
beriihren — aber ich tat nichts dergleichen — in einer Art Starr- 
krampf lag ich da, mit geschlossenen Augen, in der Hoffnung, er 
wiirde mich entdecken, unter seinen Mantel stecken und mit mir 
davongehen — wie im Tramn. Meinen Angehorigen teilte ich nie 
etwas von meinen Gedanken und Gefuhlen mit — nicht, weil ichetwas 
Unrechtes zu tun glaubte, aber doch wohl, weil ich mir schon damals 
uuwillkiirlich werde bewuBt gewesen sein, etwas zu empfinden, das 
mir nur selber verstandlich war. — — — " 

Bei der Diagnostik der echten Homosexualitfit legt 
N a c k e 1^) mit voUem Rechte besonders Wert auf den Nach- 
weis, dafl, ebenso wie der Heterosexuelle heterosexuell traumt, 
das Traumleben des Homosexuellen von seiner Triebrichtung 
beberrschi wird. Wie eine sehr grofle Anzahl von Einzelermitte- 
lungen zeigt, ist dies tatsachlich auch fast durchgangig der 
Fall. Dabei erscheint es beaehtenswert, daB die anf^enehmen 
Traume der Urninge, wie gerade das letzte Beispiel lehrt, auch 
schon vor Eintritt der Reife von geschlechtlichen Vorstellungen 
erfiillt sind, sowie dafi Traume qualvoUer Art durchaus nicht 
selten durch normale Kohabitationsversuche hervorgerufene Be- 
angstigungen zum Inhalt haben. Ein Urning gibt an: „Tch 
tr&ume oft; ich bin verlobt oder verheiratet. Dabei habe ich 
das Gef iihl f urchtbarer Beklommbnheit und einer undefinierbaren 
Angst.'* Eine Urninde schreibt: „Einmal schlug ich meine 
liebstc Preundin im Traume, nachdem ich ihr aufgelauert und 
den Verdacht eines Betruges bestsltigt zu finden glaubte." Eine 
andere, die in Mannerkleidern lebt, berichtet: „Ich traumte 
wiederholt, dafi ich wieder in Mannerkleidern ging, aus diesen 
Traumen wachte ich stets vor Entsetzen in SchweiO gebadet auf." 

Ahnlich wie im Tramn fiihlen und benehmen sich homosexuelle 
Manner im Trancezustand vielfach weiblich, homosexuelle Frauen mann- 



i«) N a c k e : Kritisches zum Kapitel der normalen und patho- 
logischen Sexualitat. Archiv f . Psych. Bd. 32. Heft 1. 1899. N a c k e : 
Die forensische Bedeutimg der Traume. Archiv f. Kriminalanthr. 1900, 
Bd. 3. N a c k e : Probleme auf dem Gebiete der Homosexualitat in der 
H. L a e h r schen Zeitschrift f. Psychiatrie usw. 69. Bd. p. 812, 813 
und 825. N a c k e : „Die diagnostische und prognostische Brauchbar- 
keit der sexuellen Traume", in der arztlichen Sachverstandigenzeitung 
Nr. 2. 1911, besprochen in den Vierteljahrsberichten des W.-h.-K. 
Januar 1913 von Pratorius. N a c k e: „t}ber Kontrasttraumo und speziell 
sexuelle Kontrasttraume" in dem Archiv fiir Kriminalanthropologie von 
H. GroB, Bd. 28. Heft 1 und 2 (besprochen von Pratorius Jhb. IX. 
S. 516). Sodann die friihere Arbeit „Der Traum als feinstes Rea^eus 
fur die Art des sexuellen Empfindens" in der Monatsschrift fiir Krimi- 
nalpsychologic und Strafrechtsreform 2. Jahrg. 1905. (Besprochen von 
Pnitcrius im Jhb. VI IL S. 792.) 



Digitized by VjOOQIC 



73 

lich'^a). F re i mark berichtet von einer Dame, die in ihren seltenen 
mediumistischen Phasen, deren Eintritt sie zu verhindern bestrebt 
war, eine rabiate cynische Individualitat mit durchaus mannlichen 
Alluren, mannlicher Stimme etc. offenbarte. 

N a c k e war iibrigens nicht der erste, der auf die Bedeutung 
homosexueller Traume hingewiesen hat ; schon U 1 r i c h s hob in dem 
ersten seiner Verwandtenbriefe diesen Punkt als bedeutsam hervor. 
Er schreibt: „Fragt jeden Uranier: er wird genau zu erzahlen wissen, 
daB bei nachtlichen Pollutionen der Traum ihm etets 
mannliche, niemals weibliche Bilder vorgegaukelt 
h a b e." Wenn U 1 r i c h s hier „stets" schrieb, 80 ging er, wie ihm 
eine groBere Erfahrung gezeigt hat, zu weit. Er selbst erwahnt spater, 
so in Memnon^'), Falle von Uraniern, denen der „Nachtlichkeits- 
traum weibliche Gestalten zeigte". In einem dieser Falle bemerkt er, 
dai3 dieser Umstand auf „Uranodionai8mus", wie wir jetzt sagen 
wiirdeu, auf Bisexualitat schlieBen laflt. Auch Krafft-Ebing^^) 
schreibt bereits: „Wie tief die angeboreije kontrare Sexualempfindung 
wurzelt, geht auch aus der Tatsache hervor, daO der woliiistige Traum 
des mannlichen Urnings mannliche, der des Weib liebenden Weibes 
weibliche Individuen, bezw. Situationen mit solchen zum Inhalt hat." 

Von 100 Homosexuellen, denen ich die Frage vorlegte: „Bezogen 
sich die Liebestraume auf Personen desselben oder anderen Ge- 
schlechts? antworteten 87 Prozent ausschlieUlich auf Personen mann- 
lichen Geschlechts." Von dem Rest hat ten die meisten k e i n e ero- 
tischen Traume oder konnten sich nicht an solche erinnern. 

Im wesentlichen kann man die Traume homosexueller 
Manner und Frauen in zwei Hauptgruppen teilen: in solche, 
die sich auf die Andersgeschlechtlichkeit der eigenen Person 
beziehen — so trllumen Urninge nicht selten, sie stillten Kinder, 
Urninden, sie waren Soldat — , sowie zweitens in solche, die 
sexuellen Verkehr, meist Umarmungen und Liebkosungen von 
Personen desselben Geschlechts zum Gegenstand haben. 

Wir geben hier noch einige Beispiele homosexueller Traume. So 
berichtet ein durch Intelligenz und Selbstbeobachtung sich aus- 
zeichnender Urning: 

„Bemerkenswert ist ein Traum aus meiner Primanerzeit, der ganz 
homosexueller Natur war, obwohl ich damals von gleichgeschlechtlicher 
Liebe noch nicht die geringste Ahnung hatte. Dieser Traum ist fiir 
micli der untriiglichste Beweis, dafl mein Urningtum unverschuldet 
ist: Einer meiner Lehrer, ein hiibscher, unverheirateter Herr, war mein 
Ideal. Bei ihm hatten wir Geographic und Geschichte. Um ihm zu 
gefallen, bereitete ich mich fiir seine Stunden mit der groBten Sorg- 
lalt vor und blieb selten eine Frage schuldig. Von ihm traumte ich 
nun, und zwar so lebhaft, daB ich noch beim Aufwachen das deut- 
liche Gefiihl davon hatte, er liige bei mir im Bett. Der Traum war 
ungeheuer wolliistig und bewirkte eine Ejakulation. Ich mufite sehr 
oft daran denken, sprach aber zu niemandem davon, weil ich mich 
scbamte. Als ich bei ihm, nach dem Abiturienten-Examen, meine 
pflichtschuldige Visite machte, kiiiite er mich gluckwiinschend und 
abschiednehmend auf die Stirn. Dieser Kufl erregte mich so stark, 
dafi ich an mich halten muBte, ihm nicht um den Hals zu fallen. 



*••) Freimark, Der Sinn des Uranismus p. 33. 
") Memnon. p. 151 ff. § 105. 
") Psych, sex. 7. A. p. 228. 



Digitized by VjOOQIC 



74 

Heute bedaure ich, es nicht getan zu haben; ich glaube er hatte mir 
meine Dreistigkeit verziehen. 

Einen oft wiederkehrenden urnischen Traum, der auch mir oft 
ahnlich berichtet wurde, schildert Krafft-Ebing^^) wie f olgt : 
„Somniat se esse ipsum partem passivam, activam partem, virum 
16 — 20 annorum se amplecti, osculari conjunctionem membrormn con- 
ficere- Tum celeriter fit ejaculatio seminis." 

Wie die Traume homosexueller Manner den Verkehr mit Mannern, 
so haben die mit sexuellen Erregungen verkniipften Traume homo- 
sexueller Frauen den Verkehr mit Frauen zum Inhalt. Einige traumen, 
sie seien Manner, andere wiederum, sie schmiegten sich als Frauen 
an von ihnen geliebte Weiber. 

Schon im ersten vorchristlichen Jahrhundert schildert der grie- 
chische Dichter Meleagros f olgenden Traum : 
„Fiihrte in siiBem Traum das Bild eines holden Epheben . . . 
Eros ins Lager mir heut. Ich preBte den wonnigen Korper 
Fest ihn umschlingend ans Herz, pfliickte das eitele Gliick. 
In der Erinnerung qualt mich nun die Sehnsucht, derm immer 
, Schwebt mir vor Augen der Traimi, ruft die Erscheinung zuruck. — 
Ungliickseliges Herz, laB ab, an den Bildern der Schonheit 
Nachtlich zu schwelgen im Traum, wenn die Wirklichkeit fehlt." 

• ' Finer der haufigsten Traume homosexueller Frauen ist, daB sie 
von einem geliebten Weibe ein Kind empfangen haben, eine Vor- 
stellung, die auch sonst in ihren Phantasien und Tagtraimien eine 
Rolle spielt. 

Westphal berichtet von seiner Patientin: „sie erklart mit groBer 
Entschiedenheit, sie wiirde ohne jede Erregung unter Mannern wohnen 
und schlafen konnen .... In ihren wolliistigen Traumen erschien sie 
sich stets in der Situation des Mannes ; oft horte sie dabei schone 
Melodieen." 

Der diagnostische Wert sexueller Traume wird nicht unwesent- 
lich durch libidinose Traume beeintrachtigt, die der gewohnlichen 
Geschlechtsempfindung des Traiunenden entgegengesetzt sind. Man 
nennt sie Kontrasttraume, und diirfte die Erklarung N a c k e s*o), 
der sie auf die urspriingliche bisexuelle Anlage des Menschen zuriick- 
fiihrt, vvohl die zutreffende sein. Nicht ohne eine gewisse Berech- 
tigung schreibt auch Leo Berg in seinem Buche „Geschlechter** 
p. 108: „Es ist verkehrt, all ein aus dem Traumleben des 
Menschen seine Liebesbeanlagung schlieBen zu wollen, da oft gerade 
das Umgekehrte richtig ist; denn im Traume lebt nicht der ganze 
Mensch, und seine wildesten Triebe sind oft in Ketten gelegt, so 
daB sich nur ein gewisses Unterhalb und Nebenher seiner Seele, ein 
gleichgiiltig unbewachtes Teil seiner Selbst hier entfaltet." Ein be- 
donders leurreiches Beispiel bringt N. Praetorius^i): 

„Ein heterosexueller Kaufmann, Mitte der DreiBiger, der regel- 
maBig heterosexuellen normalen Verkehr pflegt und von dem Wesen 
der Homosexualitat keine Ahnung hat, traum te, er fiihre sein Glied 
in anum eines Freundes und erwachte im Moment der Ejakulation. Der 
im Traume passive Freund ist allerdings ein Homosexueller, der sich 
aber seinem heterosexuellen Freund nicht entdeckt hat, doch waren 
Geriichte liber seine Homosexualitat im Umlauf, die zweifellos auch 
zu dem Traumenden gelangt waren. DaB der Heterosexuelle gleich 

1^) Krafft-Ebing, Der Contrarsexuelle vor dem Strafrichter, 
Leipzig und Wien, 1895. p. 42. 

20) Dr. P. N a c k e , Ober Kontrasttraume und speziell sexuelle 
Kontrasttraume. (In dem Archiv fiir Kriminalistik und Kriminal- 
anthropologie. Bd. 28, Heft 1/2.) 

21) Jahrb. f. sex. Zwischenstuf. Jahrg. IX, pag. 617. 



Digitized by VjOOQIC 



76 

an Pedikation gedacht, ist, wie Numa Pratorius riohtig be- 
merkt, verstandlich, da er das Wesen der Homosexualitat nicht kannte 
und im landlaufigen Vorurteil befangen, Homosexualitat mit Pedi- 
kation identifiziert." 

Von entscheidender Bedeutung sind sexuelle Traume oft in 
Fallen von Pseudohermaphroditi^mus, in denen die Geschlechts- 
zugehorigkeit noch nicht festsieht. In diesen sprechen auf das 
weibliche Geschlecht gerichtete Traume sehr ftir die Existenz 
von Testes, auf das mannliche Geschlecht sich beziehende Lust- 
traume fiir das Vorhandensein von Ovarien, doch darf auch 
hier nicht die, wenn auch nicht gerade sehr wahrscheinliche 
Mcglichkeit auBer acht gelassen werden, daB auch unter Pseudo- 
hermaphroditen Homosexuelle vorkommen konnen, also weib- 
liebende trotz innerer Ovarien und mannliebende trotz mann- 
lichem Keimgewebe, so in dem Winterschen Falle, in dem eine 
Braut, die sich durch innefen Testes-Befund als Mann erwies, 
nicht von ihrem Brautigam, den sie innigst liebte, lassen woUte. 
Allerdings muB dabei bisweilen auch die starke Beeinflussung 
der Psyche durch die Erziehung und durch die Gewohnung 
an die Empfindungsweise des aufoktroyierten Ge- 
schlechts in Betracht gezogen werden. 

Sehr Beachtenswertes iiber das Traumleben Homosexueller findet 
sich auch in der kleinen Schrift des Petersburger Arztes Tar- 
no w s k y , die in Sachen der Homosexualitat einige ganz ausge- 
zeichnete Beobachtungen neben vielem Phantastisch-spekulativen ent- 
halt : 22) 

„Das Kind mit angeborener sexueller Perversitat, sagt er, ent- 
wickelt sich und wachst anscheinend in jeder Hinsicht regelmafiig 
auf. . . . . Die erste AuBerung des Schamgefiihls findet 
nicht hinsichtlich Madchen oder Frauen statt, son- 
dern erwachsenen Mannern gegeniiber. Der Knabe 
z. B. schamt sich mehr, sich vor einem fremden Manne 
zu entkleiden, als vor einem Weibe. ... Endlich stellt 
sich die Pubertat ein; in der Nacht kommen heftige Erregungen mit 
Samenentleerung vor. Die Pollutionen sind von Traumen 
begleitet, zuerst von undeutlichen, leicht verge B- 
baren; doch sie werden mit jedem Male deutlicher, 
bestimmter und frappieren ha u fig den Jiingling 
selbst durch ihre Sonderbarkeit. Im Traum er- 
scheinen ihm nicht weibliche Liebkosungen, nicht 
Begegnungen mit Frauen, sondern er reproduziert 
den Handedruck, den KuB erwachsener Manner, vor- 
ziiglich korperlich gut entwickelter. Die auBersto 
mit SamenerguB endende sexuelle Erregung wird im 
Traum nicht durch eine Frauengestalt in verfiihre- 
rischen Posen und Bewegungen herbeigefiihrt, son- 
dern durch Umarmungen, Liebkosungen und Kiisse 
von Manner n." 



M) Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen des Ge- 
schlechts. Berlin 1886, p. 11 f. 



Digitized by VjOOQIC 



76 

Tarnowsky erwahnt hier auch mit Recht die Besonder- 
heit des bomosexuellen Schamgefuhls. In der Tat ist dieses 
ein weiteres wichtiges diagnostisches Merkmal. Gewohnlich er- 
6treckt sich die Scham eines Mensehen auf das Geschlecht, zu 
dem er sich hingezogen fiihlt. Ganz besonders ist dies beim 
Weibe der Fall. Bei dem aggressiven Mann ist das Schamgef iihl 
gegenliber dem Weibe, das er gewinnen will, weniger stark aus- 
gepragt. Es kommen aber gerade auf diesem Gebiet auch unter 
ganz heteroaexuellen Mannern und Frauen sehr groBe Ver- 
fichiedenheiten vor, und die Zahl der Frauen, die sich ebenso 
vor Frauen wie vor Mannern genieren, ohne homosexuell zu 
sein, ist sicherlich recht betrachtlich, ebenso wie viele ganz 
normalsexuelle Manner auch Mannern gegenliber ein starkes 
Schamgef iihl besitzen. Im allgemeinen verhalt sich der homo- 
sexuellc Mann in dieser Hinsicht ahnlich wie ein Weib, die 
homosexuelle Frau mehr wie ein Mann. Die Schamhaftigkeit 
mancher Urninge Mannern gegenliber ist ungemein grofl. Es 
gibt Homosexuelle, denen es blutsauer wird, sich zwecks Unter- 
suchung vor dem Arzt zu entkleiden, die bei der militarischen 
Genitalvisitation wahre HoUenqualen ausstehen, die in Anwesen- 
heit anderer Manner auBerstande sind zu urinieren ; im Berliner 
Volk hat man flir diese auch sonst ziemlich weit verbreitete 
Erscheinung den bezeichnenden Ausdruck „Harnstottern** — . 

Ein femininer Timing berichtet, dafl schon vor der Pubertat 
das MaBnehmen des Schneiders ein Vorgang war, der eT)enso 
stark Lust- wie Schamgeflihl in ihm wachrief. 

Nameutlich in der Pubertatszeit schamen sich oft homosexuelle 
Jiinglinge und Jungfrauen der auftretenden Zeichen ihrer Reife, der 
Scljamhaare, des Stimmwechsels, der „Junglingspicker', urnische 
Madchen besonders der Periode und des Wachstums der Briiste. 

Sehr instruktiv ist folgende Schilderung eines Homosexuellen, 
der von Beruf katholischer Geistlicher ist: 

„Ich habe mein Leben lang ein so zartes Schamgefiihl besessen, 
wio es nur wenigen Mensehen eigeu zu sein pflegt. Dieses Scham- 
gefiihl auJJerte sich spontan und unwillkiirlich immer nur allein dem 
Biafinlichen Geschlechte gegenliber. Madchen gegenliber befliU ich 
mich awar gleichfalls eines zlichtigen Benehmens, aber ich b e f 1 i B 
Okich dbsselben eben, ich folgte einem Gebote der Sitte, es war nicht 
9111 naturlicher Instinkt, von dem ich mich angetrieben fiihlte. Noch 
erinnero ich mich lebhaft daran, wie einst, als eine Blatternepidemie 
ausgebroohen war, der Arzt erschien um in der Schule zu impfem 
Die Knaben muBten die Rocke ausziehen und die Hemdarmel zuriick- 
schlagen. Darliber war ich nun vollig emport und ich woUte heimlich 
davonschleichen. Ich gab meinen Unwillen und meiner Befangen- 
heit in so deutlicher Weise kund, daB ich dem Lehrer auffiel. von 
ihm befragt, iiuBerte ich, daB ich mich vor den andern Knaben nicht 
mit entbloBten Armen sehen lassen woUte. Es nutzte freilich nichts, 
ich moBte. Aber als ich an die Reihe kam, brannte das Gesicht mir 
heifi vor Scham und das Herz pochte mir horbar vor Aufregung. 



Digitized by VjOOQIC 



77 

Hatte ich mit den Madchen zusammen mich ^ntbloBen mussen, es WM*e 
mir vollstandig eleichgiiltig gewesen. Ich hatte nicht die leiseste Spnr 
irgend eines Geiuhls der Unlust oder der Scham in mir wahrgenommen. 
So aber ging ich nach beendeter Impfung gekrankt und in meinem 
kindlichen Gemiite aufs tiefste verletzt von dannen. — — Ich hatte 
nm alles in der Welt niemals mit anderen Knaben zusammen gebadet 
Oder mich nur im Hemd vor ihnen gezeigt. Ich hatte deshalb viel 
von meineij Kameraden zu leiden und wurde oft bis zur Unertraglich- 
keit geneckt. Auch am Gymnasium ging es mir nicht viel besser. Als 
einst der Religionslehrer vom heiligen Aloysius erzahlte und erwahnte, 
dafi dieser es nicht einmal iiber sich gebracht habe, barfuB vor 
irgend jemand sich sehen zu lassen, da ging ein kicherndes Gemurmel 
durch die Klasse, aus dem deutlich mein Name herauszuhoren war, 
und von den verschiedensten Seiten richteten sich die Blicke auf 
an mich heran und apostrophierten mich: „Heiliger Aloysius, bitt* 
fur uns !" — — Als einst in die Wand zwischen dem Abort unserer 
Klasse und dem einea andem Kurses der Unterhaltung wegen ein 
Loch gebohrt worden war, wagte ich zwar nicht Anzeige zu erstatten, 
da icli dabei verlacht zu weraen fiirchtete, aber ich nahm nun stets, 
was fiir ein Bediirfnis ich auch zu befriedigen haben mochte, ein 
Blatt Papier und eine Stecknadel mit mir, so lange, bis das Loch 
vom Schuldiener bemerkt und Abhilfe geschaffen war. Als ich zum 
ersten Male — ich war etwa 16 Jahre alt — von den Sitten 'und 
Gebrauchen der Kaseme erzahlen horte, war ich dariiber so entriistet, 
daB mich ein voUiger HaB gegen den ganzen Militarismus erfaBte. 
Ich erblickte in ihm eine Negation meiner Natur und meines Emp- 
findens, einen Hohn auf meine Gefiihle. . . . Der Tag an dem ich 
mich selber stellen muBte — ich war nur einmal dazu ^notigt — let 
mir einer der qualvollsten meines Lebens eewesen. Dagegen emp- 
finde ich, wie gesagt, dem weiblichen Geschlecht gegeniiber nichts, 
was iiber ein bloBes Anstandsgefiihl hinausginge. Ein eigentliches 
Schamgefnhl dem Weib gegeniiber kenne ich nicht. Es ist mir voll- 
kommeu fremd." 

Die homosexuelle Frau ist, von verdrangter libido, un- 
behindert, dem Manne gegeniiber viel ungenierter, unbefangener 
und offener als das heterosexuelle Weib. Ungeschlechtlich und 
kameradachaftlich fuhlt sie sich oft zu ihm hingezogen; um 
so peinlicher bertihrt zieht sie sich aber in sich zuiiick, wenn 
sie sich von seiner Seite als Geschlechtsobjekt angesehen wahnt. 
Alles das ist meist mehr instinktiv als bewufit. Beispielsweise 
kostet es der homosexuellen Frau im Gegensatz zu der lietero- 
sexuellen meist keine Cberwindung, sich vor dem Arzt zu 
entkleiden. Besonders frei fiihlt sie sich in Gesellschaft des 
homosexuellen Mannes, in der sie sich nicht nur vor sexueller 
Begehrlichkeit sicher weiB, sondern voraussetzt, daU er ihrer 
Personlichkeit Verstandnis und wohlwollende Unparteilichkeit 
entgegenbringt. Diese sexuelle Uninteressiertheit hat homo- 
sexuellen Mannern und Frauen nicht seiten den Gedanken nahe 
gelegt, miteinander eine Scheinehe zu schlieBen. Wir werdeti 
aber spater sehen, daB, wie die Erfahrung gelehrt hat, dieser 
Ausweg kein gliicklicher ist. 

Viel verschamter wie deiu Mann verhalt sich die homosexuelle 
Frau anderen homosexu-^Uen Frauen gegeniiber. namentlich geniert 



Digitized by VjOOQIC 



78 

sich die femininere Homosexuelle oft sehr vor der virileren Homo- 
sexuellen. 

Ich kenne ein langjahriges Verbal tnis zwischen zwei h.-s. Frauen, 
von denen mir die virilere berichtete, daB ihre weibliche „Halfte" 
so schamhaft sei, daB sie sie noch niemals an den Genitalien beruhrt 
habe, und daher iiberhaupt nicht wiiBte, ob sie ebenso, oder anders 
gebaut sei, als sie selbst. Wie mir erfahrene h.-s. Frauen versichem, 
soil eine ahnliche Zuriickhaltung nicht selten sein. 

Geht aus alien angeftihrten Symptomen deutlich der see- 
lische Charakter der homosexuellen Liebe hervor, so sind die 
enorme Geschmacksdifferenzierung, „der homosexuelle Elektivis- 
mus**, die Individualisierung, die in keiner Weise der hetero- 
sexuellen Liebe nachsteht, die oft beachtete Bestandigkeit einer 
glucklichen, die Dauerhaftigkeit einer ungliicklichen Liebe, Iiber- 
haupt der absolute Parallelismus des homo- und heterosexuellen 
Greschlechtstriebes in alien seinen Stadien und Einzelerschei- 
nungen, weitere Anzeichen, die die psychische Wurzel der Homo- 
sexualitat aufier Zweifel stellen. 

Diesem seelischen Komplexe gegeniiber kommt dem Nach- 
weise, dafi tatsachlich homosexuelle A k t e , selbst anale, statt- 
gefunden haben, nur eine untergeordnete diagnostische Be- 
deutung, zu. Was wir darliber bei alteren Arzten lesen, — und 
noch heute drucken Lehrbticher flir gerichtliche Medizin diese 
„Zeichen** immer wieder gewissenhaft nach — mutet uns 
geradezu 'vorsintflutlich an. 

So heiBt es in Kaans lateinisch geschriebener „Ps ychopathia 
sexualis***^). pag. 44: 

„Paederastia est ratio nisum sexualem amplendi cum pueris im- 
maturis. — S i g n a sunt rubor, dolor ardens ad anum, vestigia sangu- 
inis effusi, tenesmus, difficultaa incedendi, condylomata, haemorr- 
hoides, inflammatio ani et intestini recti, ruptura perinaei, fistula, 
prolapsus intestini recti, atonia ejus et vesicae urinariae.** Es scheint 
uns heute kaum noch glaublich, dafl noch vor einigen Jahrzehnten 
der franzosische Arzt T a r d i e u bei Erorterung der Frage, woran 
man Menschen mit gleichgeschlechtlichen Empfindungen crkennen 
konne, meinte, daB fiir sie, wenn nicht immer, so doch oft, einiger- 
maBen charakteristisch ein Glied sei — das sich nach der Eichel 
mehr und mehr verdiinne und um sich selbst gewunden sei, so daB 
der Urinstrahl nach rechts und links geht, was wiederiun von der 
schraubenformigen Immission herriihre, die beim Widerstand des 
sphincter ani erforderlich ware. (Vergl. C a s p e r s Handbuch der 
gerichtlichen Medizin, Berlin 1881, Bd. 1. p. 187. Anm.) 

Auch Deformitaten der weiblichen Genitalien infolge homosexuel- 
len Verkehrs sind beschrieben worden, namentlich von franzosischen 
Autoren wie Martineau und von Garnier, sogar angebliche 
Erkenuungszeichen an den Lippen und der Zunge der Fellatrix. Schon 
Martial fabelte davon. Allen diesen Merkmalen kommt fur die 
Diagnose der Homosexualitat selbst gar kein Wert zu, einigen hoch- 
stens ein ganz selomdarer. 



*') Henricus Kaan, Psychopathia sexualis, Lipsiae 1844. 



Digitized by VjOOQIC 



79 

Viel bedeutsamer als der Nachweis absichtlich herbeigefiihrter Akte 
Bind fur die Diagnosestellung des Arztes unwillkiirliche Sexual- 
erregungen. So muB es sehr zu denken geben, wenn ein Weib mit- 
teilt, „sie verliere, wenn sie an ein ischones Weib denkt, etwas Schleim", 
Oder wenn jemand berichtet, daB er von Erektionen und Ejakulationen 
— oft sind es die ersten — „\iberrascht" wurde, als er d i c h t neben 
einem Kameraden oder Alteren saB, „fiir den er bis dahin eine ganz 
reine Verehrung zu haben glaubte". Dabei ist zu bemerken, daB 
ebensowenig wie „gleichgeschlechtliche Akte kontrare Sexualempfin- 
dung" beweisen, ihr ganzliches Fehlen kontrare Sexualempfindung aus- 
schlieBt; im Gegenteil kann ihr scheinbarer Mangel ein Zeichen beson- 
ders starker homosexueller Reizbarkeit sein. Ich fiihrte bereits Beispiele 
an, in denen die bloBe, langere Zeit fortgesetzte Beobachtung anziehen- 
der Personen zum Orgasmus fiihrte. Bei anderen ersetzen Traumvor- 
stellungen voUkommen die Wahmehmungen. Mir sind Falle bekannt, 
wo ea bei Homosexuellen, welche die Beriihrung der Genitalien ver- 
ab^cheuten, lediglich durch intensives Kiissen zur Ejakt^ation kam ; 
andercj die „fertig wurden", wenn sie, anscheinend spielerisch, die 
von ihnen geliebte Person- auf den SchoB najhrnen oder sich mit ihr 
balgten, ohne daB der Partner iiberhaupt gewahr wurde, daB er zum 
Geschlechtsverkehr diente. Manche Urninge geben an, daB es ihnen 
schon ein eigentiimliches Wohlbehagen bereitet, wenn sie Worte wie 
Jiingling, Bursche, Mann, Held oder gewisse mannliche Vornamen 
lesen oder horen; Uminden berichten in ahnlicher Weise, daB ihnen 
Ausdrucke wie Maid, Madchen, Weib, Freundin und ebenso Frauen- 
namen besonders wohllautend lerscheinen. 

Aus allem geht hervor, daB Dr. Capellmann, der Ver- 
fasser der Pastoralmedizin^*), von dessen Anschauungen uns im 
tibrigen eine Welt trennt, recht hat, wenn er schreibt: „Fur 
die kontrare Sexualempfindung eprechen nicht perverse Akte, 
sondern nur perverse Empf indungen.*' Krafft-Ebing 
driickt dies so aus: ,,GleichgescIileclitliche Akte beweisen nicht 
kontrare Sexualempfindung. Diese ist nur bedingt 
durch Angezogenwerden durch die physischen 
und psychischen sekundaren Gesch lechtscha- 
raktere einer Person des eigenen Geschlechts.*' 

**) Dr. C. Capellmann, Pastoralmedizin. 16. A. Aachen 1910. 
p. 143. 



Digitized by VjOOQIC 



DRITTES KAPITEL. 

Da$ Verhalten homosexuelier MSnner und Frauen 
gegenliber dem anderen Geschlecht 

Fiir die Diagnose der Homosexualitat beanspnicht das 
negative Verhalten gegenliber dem anderen Geschlecht die- 
selbe Wichtigkeit wie das positive gegenliber dem eigenen. 1st 
letzteres lustbetont, so ist ersteres teils indif- 
ferent, teils unlustbetont. Vielfach, namentlich bei 
homosexuellen Frauen, ist es dieser Revers der Empfindung, 
der sic sich liberhaupt erst ihrer Homosexualitat bewuBt werden 
lalJt. Mir sind viele Frauen bekannt, die, bis sie eine "Ehe ein- 
gingen und fzum Verkehr mit dem Manne gelangten, uber- 
reugt waren, daB die innige Zuneigung, die sie zu einer 
Freundin hatten, nur ein bei ihnen iibermaflig stark ehtwickelter 
Freundschaftsenthusiasmus ware. Erst aus dem Unbehagen bei 
der Umarmung des Mannes, als sie versptirten, dafl diese so ganz 
das Gegenteil von dem in ihnen ausloste, was sie beim KuB der 
Frau empfanden, merkten sie plotzlich oder allmahlich, daB ihre 
sexuellc Triebrichtung sie vom Manne ab zum Weibe drangte. 
Audi der homosexuelle Mann gewinnt die voile Klarheit iiber 
sich oft erst im Verkehr mit dem Weibe. Hier tritt als ein 
haufiger und wichtiger, wenn schon fiir die Diagnose der 
Homosexualitat nicht ausschlaggebender Umstand die korper- 
liche Impotentia coeundi hinzu, die physische Unmoglich- 
keit, von der bei der homosexuellen Frau im allgemeinen nicht 
die Rede sein kann. Manche Manner deliken, wenn sie bis zu 
den Kohabitationsversuchen mit dem Weibe von einer ausge- 
sprochenen Inklination zu einer Person ihres Geschlechts noch 
nicht ergriffen waren, zunachst, daB sie einfach impotent seien, 
und werden sich ihrer Homosexualitat erst nach und nach be- 
wuflt, vielfach allerdings stellen bereits vor den Koitusversuchen 
homosexuelle Erlebnisse die Triebrichtung auBer Zweifel. 



Digitized by VjOOQIC 



81 

Wir werden uns auch hiei* liber da» Verhalten der Homosexuellen 
(iem a n d e r e n Geschlecht gegenuber am besten ein klares Bild 
macbeu konnen, wenn wir zuverlassige Personen, die gleich- 
geachlechtlich empfinden, selbst reden lassen. In sehr bemerkens- 
werter Weise scbildert beispielsweise der folgende Homosexuelle die 
Versucbe, welche von ihm nach heterosexueller Richtung vor- 
genommen wurden: 

„Es war vor etwa 24 Jahren, — ich befand mich Ausgangs der 

Zwanziger — als ich einigen vertrauten Freunden in einer Zeit seeli- 

scher Bedrangnis meine homosexuelle Natur offenbart hatte. Sie be- 

wahrten mir, trotzdem sie ausgesprochen heterosexuell waren, ihre bis- 

herige Zuneigung und Achtung. Aber der eine von ihnen konnte 

und wollte nicht an meine Homosexualitat glauben. Er hielt sie 

damals nicht fiir eine physiologisch-psychologische Sondererscheinung 

inuerhalb des Naturganzen, sondern betrachtete sie als eine A b - 

i r r u n g von der Natur, die er nur Wiistlingen oder Geisteskranken 

zutraute ; und fiir beides konnte er mich bei unserer jahrelangen Be- 

kanntschaft nicht halten. Also nahm er an — und sagte mir das 

auch — daC ich nur aus Schiichternheit und iibertriebenen sittlichen 

Bedenken mich bisher nicht an das Weib herangewagt hatte 

und somit zu einer falschen Beurteilung meiner selbst gelangt ware. 

Er riet mir, ernstlich den Versuch zu machen, mich mit einem Weibe 

geschJechtlich einzulassen; dann wiirde ich — so meinte er — meine 

eingebildete Homosexualitllt fahren lassen und gleich ihm und alien 

ganzen Mannern mich in meiner Neigung und meinem Verkehre 'dauernd 

dem weiblichen Geschlecht zuwenden. Bevor ich diesen Versuch nicht 

ausgefuhrt hatte, und derselbe — was er fiir ausgeschlossen hielt — 

erfolglos verlaufen ware, wollte er meine homosexuelle Natur als 

etwas Angeborenes und Unausrottbares nicht anerkennen. Seinem 

' wiederholten Drangen, das vor allem einem herzlichen Interesse fiir 

meine Person entsprang, ^ab ich schlieBlich nach. Ich begab mich 

eines Tases abends spat in ein Caf^, um mir eine Prostituierte zu 

fluchen ; doch ich ging nicht allein : ein anderer der Freunde, die ich 

iiber mich aufgeklart hatte, hatte sich auf meine Bitte bereit erklart, 

mich zu begleiten. Merkwiirdig: Einem jungen Manne gegeniiber hatte 

ich in den damals noch wenigen Fallen, in denen ich geschlecht- 

liclien Verkehr gesucht und gefunden hatte, niemals Beklommenheit 

gefuhlt, und hier wo es sich um den normalen Geschlechtsumgang 

handelu sollte, war ich befangen, ja, angstlich — nicht vor irgend- 

welchen unangenehmen Eventualitaten, sondern vor dem Akt selbst, 

vor der Situation, der ich entgegen ging, die mir 

peinlich erschien, well ich mich ihr nicht gewach- 

sen fiihlte. Wir entdeckten bald ein leidlich hiibsches Madchen, 

das durch ein Matrosenkleid, das sie trug, ihre schlichte Haarfrisur 

und ihren frischen, etwas herben Gesichtsausdruck einen mehrkuaben- 

haften, als iippig weiblichen Eindruck machte. 

AJs sich das Madchen entkleidet hatte, wurde mir ihre Erschei- 
nung mit jedem fallenden Stiick uninteressanter. Im Unterrock und 
Korsett war sie mir bereits recht unangenehn^ und als sie gar in 
ihren Frauenhosen und dem Hemd, das den Busen freilieB, vor mir 
stand, erfaUte mich ein gelinder Ekel, der sich noch 
steig; e T te , als sie die letzten sparlichen Hiillen ent- 
f e rn t e und nun auch ihr weiblicher Korperduf t auf mich eindrang. 
Hatte der Duft von Jiinglingen mich mehr oder minder berauscht, so 
fiihlte ich mich von diesem hier beengt und belastigt und es bedurfte 
einiger Uberwindung mich zu ihr, die sich ins Bett gelegt hatte, auf 
den Bett rand zu setzen. Sie gab nun ihrer Verwunderung daruber 
Ausdruck, daC ich noch angekleidet war; ich vertrostete sie. Sie 
beriihrte mich, es zeigten sich keinerlei Anzeichen einer 
Erregung. Ich- erklarte ihr dies durch starken BiergenuB — was 
Hirschfeld, HomosexiuUitSt 6 



Digitized by VjOOQIC 



62 

eine falsche Ausrede war. Da ich aber einmal ein Weib vor mir hatte, 
wollte ich wenigstens etwas profitieren, namlich die Einrichtung der 
weiblichen Geschlechtsorgane, die ich bisher nur aus Abbildungen 
kanute, in natura in Augenschein zu nehmen. Ich untersuchte dalier 
mit dem Finger die Labien und die Vagina — nicht anders als 
wenn ich ein totes naturwissenschaftliches Prapa- 
rat vor mir gehabt hatte. Ihr behagte das iibrigens nicht 
und so lieC ich davon ab, bezahlte sie und ging davon, innerlich froh, 
der ganzen Sachlage entronnen zu sein. 

Als ich nun meinem ersten Freunde von meinem MiUerfolge Mit- 
teilung machte, war er noch keineswegs iiberzeugt, sondem meinte, 
dieser ware darauf zuriickzufiihren, dafi das Madchen eine Prostituierte 
gewesen ware. Meinem feineren Empfinden ware der Umstand — 
zumal beim ersten Male — abstofiend erschienen, xmd er verlangte, 
ich solle mich einem anstandigen Madchen nahern. Die Gelegenheit 
bot sich einige Zeit spater. Ich befand mich auf dem Geburtstags- 
feste eines mir befreundeten verheirateten Herrn, bei dem es frohlich 
herging. Wein wurde getrunken, Champagner, wir gerieten in eine 
animierte Stimmung. ifnter den Anwesenden war eine ungefahr 20- 
jahrige Seminaristin, frisch, aufgeweckt, etwas keck, eher mager als 
iippig, dabei hiibsch; Haare blond, nicht in iibermaBiger Fiille und 
knapp frisiert. Auch sie trug ein Kleid mit Matrosenkragen (icb 
liebe, nebenbei gesagt, das Matrosenkostiim sehr) und machte im 
ganzen wieaerum einen etwas knabenhaften Ein- 
d r u c k. Mir f iel die Forderung meines Freundes ein, ich f ing an die 
junge Dame interessierter zu beobachten, ihr auch einmal verstohlen 
die Hand zu driicken, was sie erwiderte. Der Zufall kam mir entgegen 
— Oder war es Fiigung — indem mich der Hausherr bat, die Dame, 
die allein war, nachts nach Hause zu begleiten. 

Als wii* das Fest verlassen hatten, bestiegen wir eine Droschke 
und ich legte ohne viele Umschweife meinen Arm um ihren Nacken. 
Sie sank hingebend an meine Brust; wir kiifiten uns. Nun beriihrte 
ich ihren Busen, welcher hart und fest vor Erregung wurde; alles 
dies vermochte ich zu tun, da ich unter der suggestiven 
Forderung meines Freundes stand und da es in der 
Droschke dunkel war, so daB ich, zumal unter der Nachwir- 
kung des W eines die Vorstellung haben konnte, dafi neben mir 
statt eines Weibes ein Junge safie. Ich ging weiter. Plotzlich aber, als 
ich ihre Finger umklammert hielt, kam es mir zum klaren BewuBtsein, 
besser gesagt, ich hatte die bewuBte Empfindung, dafi ein weibliches 
Wesen neben mir saC (nebenbei gesagt, war bei mir von irgend einer 
Erektion nicht die Rede). Mich erfaflte, als ob ich eine Krote be- 
rubrt hatte, Ekel und zugleich Reue. Von einem Sturm von 
Gefiihlen durchtobt, stiefi ich ihre Hand zuriick und fiel weinend 
zu ihren Fiifien, sie bittend, mir zu verzeihen und noch 
mehr mich anklagend, dafi ich mich gegen meine innerste Natur ver- 
siindigt hatte. Sie war im hochsten Grade erschrocken, verstand mich 
nicht und suchte mich zu trosten, indem sie ein iiber das andere Mai 
sagte, „dafi das Ganze ja nicht so schlimm gewesen ware und dafi 
sie ebensoviel Schuld hatte wie ich." 

Vor ihrem Hause angelangt, verliefi ich sie und ging, innerlich 
zerrisseu und zerschlagen nach Hause. Nach einigen Tagen erhielt 
ich einen Brief von ihr, in dem sie iiber das „Droschkenabenteuer" 
scborzto und mich um ein Rendezvous bat. Ich antwortete nicht, 
Darauf schickte sie mir einen emst \md innig gehaltenen Liebesbrief, 
in dem sie mir auseinandersetzte, dafi sie mich infolge meines Schwei- 
gens auf ihren ersten Brief erst wahrhaft in meiner Tiefe und 
moralischen Gesinnung erkannt hatte, mich bat, das Vorgefallene 
zu vergessen und mich ihr in Liebe zuzuwenden, um auch sie von 
dem Leichtsinn, der in ihr lebte, zu befreien. Sie wollte mir, den 



Digitized by VjOOQIC 



83 

sie liebte und verehrte, auf immer in unverbruchlicher Treue ange- 
horen. I c h antwortete nicht. Sie schrieb noch einmal — unge- 
mein schmerzlich; und als ich wieder nicht antwortete (ich zwang 
mich dazu, um ihr alle Hoffnung, der ich ja doch keine Nahrung 
geben konnte, zu nehmen), unterlieB sie die weitere Korrespondenz. 
Ich aber habe mich nie wieder mit weiblichen Wesen in 
ahnliche Si,tuationen e ingelasse n." 

Diese aus dem Leben gegriffene Schilderung mogen noch einige 
kurze typische Angaben erganzen. 

Eiu 31jahriger Landwirt schreibt: „Der Gedanke, zu heiraten, 
existiert fiir mich nicht, weil er mir schauererregend ist. Geschlechts- 
verkehr mit dem Weibe ist mir ganz unmoglich, ich fiihle mich von 
Ekel erfullt, wenn ich nur an die Moglichkeit denke. Versuche, den 
normalen Akt auszuiiben, habe ich nie augestellt, und, werde es vor- 
aussichtlich, weil der Widerwille zu groB ist, niemals' konnen. Weil 
mir junge Damen unheimlich waren, nahm ich schon keine Tanz- 
stunde. ich besuchte keine Balle und meide moglichst Gesellschaften, 
zu denen junge Damen herangezogen werden. Meine Unbehilflichkeit 
jungeren Madchen gegeniiber scheint man, ohne Argwohn zu schopfen, 
bemerkt zu haben, denn es ist mir neuerdings angenehm aufgefallen, 
daC man mich zwischen bejahrte Damen setzt, mit denen ich mich 
zwanglos, gem und rege unterhalte." 

Ein Franzose von 38 Jahren gibt an: „Ich habe nie mit einem 
Weibe zu tun gehabt und konnte es nicht um alles in der Welt. 
Hubsche Gesichtsziige bewundere ich so voriibergehend bei einem 
Weibe, wie man ein hiibsches Bild betrachtet, sollte ich aber das- 
selbe Weib nackt vor mir sehen, o, mon dieu, ich wiirde die Flucht 
ergreifen." Ahnlich erzahlt ein Schweizer: „Vor dem intimeren Ver- 
kehr mit weiblichen Personen empfinde ich einen uniiberwindlichen 
Abscheu und habe daher nie ein Weib beruhrt. Der Umgang mit 
Dameu ist freundlich, so lange sie keine wanneren Gefiihle fiir mich 
zeigen, geschieht dies, so erwacht ein Unlustgefiihl und ich ziehe mich 
so bald wie moglich zuriick." 

Diesen mehr oder weniger vollig impotenten Homo- 

sexuelleD stehen solohe gegeniiber, denen es unter Unlust- 

gefiihlen jnoglicih ist, mit dem Weibe zu verkehriBn. Auch 

hior einige Beispiele: 

Ein Fabrikant auCert sich: „Hatte ich vorher die iiber die 
Homosexualitat aufklarende Lektiire gekannt, ich hatte nicht das Un- 
gluck der Ehe iiber mich hereingebracht. Es war gewissermafien 
ein Yerzweiflungsakt in dem torichten Wahn, ich konnte mich doch 
vielleicht andem; ich habe mich aber nur doppelt unglucklich ge- 
macht und leider dazu noch eine gute Frau, die ein anderes Gliick 
verdient hatte, als einen Urning zum Manne zu haben. Der Akt ist 
moglich, ich bringe es zur Ejakulation, aber ganz ohne Wonne- 
gefmil und bin nachher sehr angegriffen. Mir bei dem mir wider- 
sprechenden Verkehr eine edle Jiinglingsgestalt vorzustellen, bringe ich 
nicht fertig." Ein Offizier teilt mit: „Ich habe viele Bordelle besucht, 
und mit Erfolg, d. h. ich blamierte mich nicht. Ich sagte den Damen 
immer, daB sie bald wieder einen ordentlichen Lebenswandel fiihren 
soJlten und sie versicherten mir, noch nie einen so braven Herrn 
gesehen zu haben. Vor dem Beginn habe ich meistens gezittert, 
aber es gait meinen guten Ruf zu erhalten und nachher triumphierte 
ich wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht." Ein Arbeiter, der 
Frau und Kinder hat, gibt folgende Schilderung: „Ich fiihre den Bei- 
schlaf aus, aber mit groBtem Widerwillen und fiihle mich dabei zum 
Sterben ungliicklich ; am liebsten mochte ich unmittelbar danach den 
Akt mit einem Manne aus fiihren konnen." 



6* 

Digitized by VjOOQIC 



84 

Mindestens ebenso sehr wie homosexuelle Manner leiden 
homosexuelle Frauen unter dem heterosexuellen Geschlechtsver- 
kehr. Ich habe bei verheirateten Urninden wiederholt schwere 
hysierischc Zustande beobachtet, namentlich Herzneurosen und 
hochgradige nervose Dyspepsien, voUige Schlaflosigkeit und lioch- 
gradige Schwache, die langen Sanatoriumskuren * trotzten und 
erst wiehen, wenn es zu einer Trennung der Eheleute, zum 
mindesten einer Trennung der Schlafraume kam. Auch hier 
Belege : 

Ich kannte eine urnische Dame, die mit 17 Jahren „eine sehr 
gute Partie machte", well man ihr allgemein ziiredete, und sie sich 
wohl selbst durch den Antrag des angesehenen Mannes geschmeichelt 
fiiblte. Ala sie sich nach der Hochzeit den sexuellen Annaherun^en 
des Mannes aufs energischste widersetzte, lieB der Gatte schlieChch 
die Schwiegermutter kommen, damit diese ihre Tochter iiber die „ehe- 
liche Pflicht" aufklarte. Die junge Frau erwiderte darauf der Mutter: 
„Wenn das meine eheliche Pflicht ist, dann ware es eure elterliche 
Pflicht gewesen, mir das vorher zu sagen, denn wenn ich das gewuBt 
hatte, hatte ich nie und nimmer geheiratet." Die Dame blieb fest und 
8 Jahro setzte der Mann mit immer langeren Unterbrechungen die Ver- 
suche fort — er liebte seine Frau sehr — bis er schlieBlich in die 
Trennung willigte. Die Frau lebt jetzt seit mehreren Jahren mit einer 
FreundiD zusammen, der Mann ist unverheiratet geblieben. 

de Joux erzahlt von einer „3ungen allbeneideten Braut, welche 
die Eltern gezwungen hatten, einem sie auf rich tig liebenden, braven 
und schonen Manne Gattin zu werden", folgendes: „Sie betet zu Gott, 
der allein ihre namenlose Angst vor der Beriihruug eines Mannes kennt, 
um Starkung bei ihrem Martyrium; die triigerische Hoffnung, sie werde 
ihren entsetzlichen, tmnaturlichen Ekel vor der Umarmung des Gatten 
siegreich iiberwinden, halt sie aufrecht. Doch der Himimel ist ihren 
Bitten verschlossen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach- 
Sie kann sich gegen ihre innerste Natur nicht auflehnen imd wahlt 
zwischen Brautbett und Selbstvernichtung das kleinere tJbel, die 
Myrthe wird zum Totenkranze." Sie nahm Gift. 

Eine andere Urninde gibt iiber ihre eheliche Gemeinschaft fol- 
genden Bericht: „Mein Gatte ist ein Ehrenmann, ich schatze ihn lun 
seiner vorziiglichen Charaktereigenschaften willen, aber 1 i e b e n , nein 
1 i e b e n kann ich ihn nicht. Er ist ein prachtiger Mann und hatte 
wahrlich ein besseres Los verdient, denn er liebt mich wirklich- 
Nun denn, ich lieC ihn wenigstens niemals merken, welche fiirchter- 
liche Qualen mir seine Liebkosungen verursachten, wie namenlos elend 
ich mich fiihlte, wenn ich ihn am Gipfel seiner Wiinsche sah. Ein- 
mai schiitzte ich Migrane, ein andermal heftige Zahnschmerzen vor, um 
mich seiner eliihenden Zartlichkeit entziehen zu konnen. Ach, wie 
gerne hiitte ich mir taglich einen gesunden Zahn re i Ben lassen, und wie 
Berenike, meine Locken geopfert, um mich loszukaufen I Von einem 
wahrhaft schrecklichen Zorne, der beinahe an Tobsucht grenzte, wurde 
ich erfiillt, als sich die ersten Zeichen von Schwangerschaft ein- 
stellten. Mir d a s I . . . Ich turnte und focht f leiBig, nahm eiskalte 
Bader und ignorierte absichtlich meinen skandalosen Zustand. Ich 
haBte das Ungeborene wahrhaftig, und schniirte mich, so stark, bis 
mir toteniibel wurde. Endlich geschah eine Fehlgeburt. Als ich 
genas, war es meine erste Sorge, ein iippiges, gesundes Bauernmadchen 
in das Haus zu nehmen, um meinen Mann wenigstens einigermaBen 
schadlos zu halten. Lange harrte ich vergeblich ; endlich, als ich 
mich entschloB, zur Kur in ein bdhmisches Bad zu reisen, gelang meiae 



Digitized by VjOOQIC 



85 

List und mein Gatte ging in die liebenswiirdige Falle. Wer war gluck- 
licher als ich. Das Madchen, ein gutherziges unwissendes Ding, 
brachte mich nur ein einziges Mai selbst in Verwirrung, als ich sie 
halb entkleidet iiberraschte. AUein ich widerstand der Versuchung. 
Hanni ist in meinen Gatten iiber alle MaBen verliebt, sie kuCt seine 
Hande unaufhorlich und kann nur in seiner Nahe Schlaf finden. 
Ich bat meinen Herrn deshalb, sein Bett in ihrer Stube aufzuschlagen. 
Das half. Schon fiinfmal stellte sich der Storch bei ihr ein und 
jedesmal mit einem zappelnden Biiblein, zur Freude und Lust des 
Vatcrs. Die Knaben ^edeihen prachtig und die zwei altesten lernen 
schon bei mir, die sie sehr lieb haben, lesen und schreiben. Ich 
bin iiber die erfreuliche Wendung der Dinge, iiber die jauchzende 
Lust, die nun auf unserem SchloBchen herrscht, umso glUcklicher, 
als ich in Franzensbad eine herrliche Frau kennen gelernt, die 
A., welehe von ihrem Gemahl geschieden, ebensowenig Weib ist als 
ich, und fiir mich eine iiberaus heftige Leidenschaft gefaBt hat. Ich 
konntc mich von ihr nicht mehr trennen. Mein Gatte war nachsichtig 
genug, einzuwilligen, daB mein Idol sich in unserer nachsten Nahe 
ansiedelte. Unsere Liebe wird nur mit dem Tode erloschen. — Ich 
schwore ihnen, daB dies alles strenge auf Wahrheit beruht." 

Ein unverheiratetes umisches Madchen bemerkt: „Ich liabe bis 
vor dem Erkennen der erotischen Annaherung eines Mannes Gleich- 
ffiiltigkeit, nachher geradezu Ekel schon im bloBen Gedanken einer 
vereinigung empfunden. Mit der gleichen Berechtigun^ konnte man 
mich mit einem Hund schlafen gehen heiBen. Es ist mir vollkommen 
unverstandlich, wie man mit so wenig ausgeglichenen, groben und 
unzarten Wesen in ein intimeres Zartlichkeitsverhaltnis kommen kann. 
Diese groBen Hande, die rauhe Haut, die tiefe Stimme — alles Dinge, 
die doch geradezu abstoBen: als Kamerad ist mir der Mann beinahe 
lieber als das Weib, weil seine geistigen Eigenschaften wertvoUer 
und durchdringender sind. Jedoch muB ein Slensch, mit dem ich 
mich gut verstehen soil, in keiner Weise den „Mann", den Herrn der 
Schoplung herauskehren ; ich finde das genau so liicherlich, als tate 
er es in Gesellschaft seiner Geschlechtsgenossen. Er wird mir dann 
sofort zuwider — sehr zum Bedauern meines Verstandes, der gewohn- 
licli einen ganz lieben Partner hergeben muB. Z. B. war mir ein wirk- 
lich guter Frexmd sofort fremd, als er bei einer Ballheimfahrt mir 
im Auto eine Liebeserklarung machte und damit wie gewohnlich nur 
das libliche Langeweile-Gefiihl weckte. Ich besah mir den Menschen 
neben mir mit Neugier geradezu, nahm mich furchtbar zusammen, urn 
nicht loszulachen imd fand die ganze Situation hochst komisch und 
befremdlich. Ich hatte den guten Kerl wirklich gem, und um ihm nicht 
'well zu tun, versuchte ich es mit der „miitterlichen" Note. Das half. 
— Einem Madchen an seiner Stelle ware ich auch nicht eine Sekunde 
ausgewichen. " 

Sehr merkwiirdig sind die Mittel, welche von manchen 
homosexuellen Mannern im Verkehr mit Frauen angewandt 
werden, um eine Potenz herbeizufiihren. Bei vielen ireniigen 
PhaDtasievorstellungen, andere bedienen sich eigenartiger Kunst- 
griffe und Kniffe. 

Ein Kaufmann berichtet: „Ich kann mit Frauen den Verkehr aus- 
dben, aber nur durch den Gedanken an den, der vor mir das Weib 
besessen hat." Ein junger Berliner Arbeiter erzahlt: „Als ich 
17 Jahre alt war und sich alle gleichaltrigen Kollegen Verhaltnisse und 
liraute anschafften, nahm ich mir auch mein Miidchen. Da ich mir 
meines eigenartigen Wesens nicht bewuBt war, war es mir seibstver- 
QtaiidUch, daB ich mir spater auch als Mann eine Frau anschaffen 



Digitized by VjOOQIC 



86 

muBte. Beim Geschlechtsakt mufite der sinnliche Reiz stets durch 
Vorstellung einer mannlichen Person herbeigefiihrt werden. Nachher 
war icli durch die groCe Anstrengung senr abgespannt, und ich 
schwur mir, mich nie wieder auf derartiges einzulassen. Ich fiihlte 
mich damals zu einem Verwaudten sehr hingezogen. Ich als 
der Altera uad bei den Weibern Einflufireichere mufite fiir ihn immer 
die Madchen beschwatzen und so haben wir oft nacheinander deo 
Akt vollf iihrt. Die Beobachtung seines heifien Tempe- 
raments reizte mich bis zum auliersten und war dann die Aus- 
fiihrung des Verkehrens ein leichtes." Ein Hotelier aus einer mittel- 
deutschen Residenz berichtete ganz ahnlich, daC er, wenn er mit 
seiner Frau verkehren wolle, zuvor seinen Oberkellner „abkiissen" 
miisse. Dies verschaffe ihm die geschlechtliche Erregung, mit der er 
so rasch wie moglich zu seiner Frau, deren Bett sich im Nebenzimmer 
befande, eile. 

Vor etwa 6 Jahren suchte mich ein h.-s. Jurist mit der Frage auf, 
ob er heiraten diirfe. Ich riet ihm nach eingehender Exploration mit 
aller Entschiedenheit ab. Zwei Jahre spater tat er es dennoch. Seine 
Frau war ein Muster an Frische, Gesundheit und Tiichtigkeit. Der 
Geschlechtsverkehr stellte sich fiir den Mann als vollkommen unaus- 
fiihrbar heraus. Beide waren tief ungliicklich. Die Frau wiinschte 
sich sehi* ein Kind. Sie glaubte, wenn sie nur von ihm ein einziges 
Kind besaBe, wiirde sie sich mit seiner Unfahigkeit fiir immer abfinden 
konnen. Der Mann lieB nichts unversucht. Medikamentose Kuren, Ein- 
spritzungen von Sperminum Poehl, Liebestranke aus alter und neuer 
Zeit wurden gebraucht, er unterzog sich einer hypnotischen Behand- 
lung, einer langwierigen Psychoanalyse nach Freud, und lieB sich 
operieren, mn eine Phimose zu beseitigen. Nichts fruchtete. SchlieB- 
lich verfiel er auf Folgendes: Sobald sich seine Frau zu Bett begeben, 
ging er in sein Studierzimmer und besichtigte dort Aktstudien und 
obszone Photographien ihn sexuell erregender mannlicher Personen. 
Nachdem er sich so „g e 1 a d e n" — dieser Ausdruck stammt von ihm 
selbst — eilt er zu der Frau, die von dieser Praparation nichts 
wuBte und war einige Male imstandc, den erwiinschten Akt zu vollziehcn. 
Doch auch dies gelang nur kurze Zeit. Jetzt sind beide iiberein- 
gekommen, eine kiinstliche Befruchtung der Frau mit dem mastur- 
batorisch gewonnenen Sperma des Mannes vornehmen zu lassen. Wenn 
auch dieses Mittel erfolglos bleibt, soil die Scheidung in die Wege ge- 
leitet werden. 

Ich will diese Paradigmata aus dem Leben mit den Angaben eines 
Patienten schlieBen, der mich wegen sexueller Hyperasthesie kon- 
sultierte, die so stark war, daB er beim Oberschreiten der Berliner 
SchloBbriicke angesichts der Jiinglingsstatuen Erektionen bekam. Es 
war ein Kaufmann von 42 Jahren. Um die potentia coeundi zu er- 
langen. geniigte es nicht, an einen ihm sympathischen Mann zu denken, 
sondern er muBte von ihm sprechen, etwa so: „Erinnerst du dich an 
den Diener des Graf en, der Vormittag die Waren abholte, hat er dir 
ge fallen'.' Ein sauberer Bursche, nicht wahr? Seine Livree schien nea 
zu sein? Fandest du nicht, daB sie ihm etwas eng saB? Fiir wie aJt 
haltst du ihn?'* Nur wenn er solche Gespriiche mit seiner Frau fiihrte, 
deren Absicht zu verdecken groBes Geschick erforderte, gelang es ihm, 
zu ejakulieren und — Kinder zu zeugen, deren er drei besaB. 

DaB auch hinsichtlich der Geschlechts-Substituierung die Frau 
dem ]Mann nicht nachstoht, lehrt schon der alte Ehrenberg^), indem 
er anfiihrt, daB oft „die Beweglichkeit der weiblichen Phantasie der 
Freundin hcimlich den (Jeliebten unterschiebt, dem dann in der Tat 

1) Fried r. Eh renberg: Euphranor, Cber die Liebe. Ein Buch 
fiir die Freunde eines schonen, gebildeten und gliicklichen Lebens. 
1. Teil, 2. Auflage. Elberfeld und Leipzig 1809, S. 114 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



87 

die Warme der Umannung gilt." Das klassischste Beispiel solcher 
Illusionen bietet Goethe in den Wahlverwandtschaften durch die 
Schilderung janer Liel>esnacht, in der sich „Abwesendes und Gegen- 
wartiges reizend und wonnevoll durcheinander webte," in dem Charlotte 
statt des Gat ten den Hauptmann, Eduard sein Idol, Ottilien liebend 
zu empfangen glaubt. Ein Berliner Ehepaar, bei dem, wie es nicht selten 
vorkommt. beide Gatten urnisch waren, variirte, wie es selbst sagte, 
die Goethe sche Szene, indem Eduard den Hauptmann und Char- 
lotte Ottilie substituierte, anfangs in der Phantasie, spater aber auch 
in Wirklichkeit. 

Haufig liegt auch dem Verkehr zu dritt, dem sogenannten 
Triolismus, verkappte Homosexualitslt zugrunde. Sie ist den 
Veranlassern des Verkehrs keineswegs immer bewuBt, und auch 
fiir den Sexualforscher ist es nicht ganz leicht zu erkennen, 
durch welchen der miteinander verkehrenden Partner bei dem 
Voyeur die oft zu spontaner Entspannung ftihrende Erregung 
ausgelost wird, zumal da in diesen seltsamen Fallen die al>- 
wcichendc Triebrichtung oft mit larviertem Masochismus oder 
Sadismus vergesellschaftet ist. 

Folgender Fall zur Illustration des Gesagten: 

Vor einiger Zeit konsultierte mich eine Dame aus einer rheinischen 
GroBstadt. Sie sei seit sechzehn Jahren verheiratet. Bald nach der 
EheachlieBung sei der Mann mit folgendem Ansinnen an sie heran- 
getreten, dem sie auf sein heftiges Bitten und Betteln nach langem 
Strauben nachgegeben hatte: Ihr Mann lade einen seiner auswartigen 
GescLaftsfreimde zum Abendessen ein. Sie miisse diesen in leichtem 
verfiihrerischen Gewand empfangen und ihren Mann entschuldigen, 
er sei durch ein dringendes Telegramm nach auBerhalb abberufen." 
Nach reichlichem Mahl, bei dem auf guten alten Rhein- und Mosel- 
wein besonderer Nachdruck gelegt wiirde, spiele sie dem Gast etwas 
auf dem Klavier vor und mache ihm dann „Avancen". Alles dies 
3chriebe ihr der Gemahl im einzelnen vor, der in Wirklichkeit nicht 
verreist sei, sondern aus einem dunklen Nebenzimmer durch 
eine in der Tiirritze geschickt angebrachte Spalte die ganze Szene 
gemau verfolge. Die Hauptsache sei, daB der Fremde nicht die 
geringste Ahnung davon haben diirfe. Allmahlich wurden beide Teile 
zartlich und schlieBlich kame es auf einem vor dem geheimen Beob- 
achtungsposten des Gatten stehenden Divan zum Koitus. Unmittel- 
bar darauf miisse dann die anscheinead beunruhigte Frau den Gast 
bitten, jetzt aber sofort zu gehen, es sei spat geworden, und mog- 
lichei'weise konne ihr Mann doch noch heimkommen. Kaum ist die 
Haustiir hinter dem Geschaftsfreund ins SchloB gefallen, so stiirzt 
der Mann aus dem Versteck hervor, um nun selbst in leidenschaft- 
lichster Zartlichkeit mit seiner Frau den Verkehr zu voUziehen. Aus 
dieser Ehe ist ein 15jahriger Sohn hervorgegangen. Lasse sie sich 
auf d as von ihrem Mann gef orderte Verfahren ein, erzahlt die Dame, 
so sei ihr Gatte — ein wohlhabender Geschaftsmann — „der beste 
Mann von der Welt", tate sie es nicht, hatte sie „die HoUe auf Erden". 
Die Frau. die seelisch sehr leidet, wollte von mir wissen, ob das Vor- 
gebei. ihres Mannes, hinter dessen Rucken sie zu mir kame, wohl auf 
Krankheit beruhe, und ob es wahr sei, daB, wenn es zur Scheidung 
kame — die allerdings fiir sie als fromme Katholikin kaum moglich 
sei — , 8 i e als Ehebrecherin fiir den schuldigen Teil erklart werden 
wiirde. Die erstere Frage muBte bejaht, die letztere konnte verneint 
werden. 



Digitized by VjOOQIC 



88 

Wi3 weitgehende Gedankentibertragungen hier sowohl nach 
der positiven als nach der negativen Seite vorkommen konnen, 
mogen noch zwei weitere Mitteilungen aus der Praxis zeigen: 

Ein aJterer Schauspieler ist in einen Jiingeren, den er hatte aus- 
bildeu lassen, sehr heftig verliebt. Dieser ist ihm sehr ergeben, lehnt 
aber alles Sexuelle ab, um, wie er sagt, die ideale Freundschaft nicht 
herabzuziehen. Seit dieser groBen Liebe stellt sich nun bei dem Urning, 
der in sechsjahriger Ehe bis dahin auCerstande war mit dem Weibe 
zu verkehren, nach jedesmaligem Zusammensein mit dem Freunde die 
zum Sexualverkehr mit der Ehefrau erforderliche Potenz ein. Anderer- 
seits berichtete mir einmal ein mit starker Phantasie begabter Homo- 
sexueller, dafi er, um ihm lastige Erektionen zum Verschwinden zu 
bringen. nur notig habe, sich den normalsexuellen Coitus vorzustellen. 

Fasse ich die Essenz der so zahlreieh von mir beobachteten 
Falle zusammen, so unterscheiden sich die horaosexuellen Manner 
und Frauen von den heterosexuellen in ihrem sexuellen Ver- 
halten in dreifacher Hinsicht: in ihrem Empfinden und Wesen 
vor, wahrend und nach dem Akt. 

A. Vor dem Akte fehlt bei den Homosexuellen die eigent- 
liche Lust zum Akte, wie im Akte die voile Lust am Akte. 
Die meisten voUziehen den Koitus nicht aus gefuhlsm&fligem 
Drange oder gar Zwange, sondern aus irgendwelchen ver- 
standesmafligen Griinden, etwa um ihre Potenz zu priifen 
oder um dem andern Teile zu Gefallen zu sein oder in Erftillung 
ehelicher Pflicht^n. Von 500 Homosexuellen waren 417:=84o/o 
unverheiratet, 83 = 16o/o verheiratet. Auf die Frage nach dem 
Grunde ihrer Verheiratung erhielt ich folgende Antworten: 
.in der Hoffnung, von der h.-s. Leidenschaft loszukommen, 
in der Annahme, die Liebe zur Frau wlirde sich von 
selbst finden, andere sagten, sie hatten sich ,,aus Unkenntpis" 
verehelicht, oder „auf Zureden*' „auf Wunsch der Eltern** oder 
„um dem Gerede der Verwandten und Bekannten ein Ende zu 
machen", einer schrieb „aus^schwesterlicher Zuneigung zu seiner 
seine Perversion kennenden und ifin deshalb doppelt liebenden 
Frau" ; mehrere antworten, „um ein Heim zu haben*', einige 
„wegen der Mitgift**, viele schreiben: ,,auf den Rat des Arztes", 
ebenso viele ,,aus G^schaftsrlicksichten**. Aus den 83 Ehen 
stammten 112 Kinder, liber deren Beschaffenheit spater noch 
einiges zu sagen sein wird. 

Homosexuelle Frauen heiraten aus ahnlichen ,,'Beweg- 
griinden" ; einige fiihren an, ,,um unabhangig zu sein** ; eine 
schreibt, ^,um mein eigener Herr zu sein*' ; von mehreren weiB 
ich, daB sie Ehen eingingen, um in den Besitz eines Vermogens 
zu gel an gen, das ihnen nur im Falle ihrer Verheiratung aus- 
gezahlt werden soUte. 



Digitized by VjOOQIC 



89 

Es ist fur das Vorhandensein und die StSrke der sexuellen 

Triebrichtung von diagnostischer Bedeutung, ob eine Erregung 

erst bei Bertihrung der Genitalien oder bereits bei den Liebes- 

Praliminarien beim Ktissen, beim Umarmen, bei dem bloflen 

Gedanken an die geliebte Person, bei ihrem Anblick, beiin 

Horen ihrer Stimme erfolgt, ob dem Akte ein sich in kurzer Zeit 

steigern der Drang vorangeht oder ob Vorstellungen, Mittel irgend- 

welcher Art zu Hilfe genommen werden mull ten. Der Akt, 

der eine Folge passiver peripherischer Reizungen war, !mu6 

anders bewertet werden, als der, welcher aus spontanem Sehnen 

hervorging. Wird bei einem Ehevertrag, den zwei Menschen 

aus Vernunftsgriinden schlieBen, von seiten der Zuredenden das 

Argument ins Feld gefiihrt: „Die Liebe wird sich schon mit 

der Zeit einstellen**, so spricht das nicht fiir die sexuellei 

Alfinitat der Betreffenden. Allerdings kann die allmahliche 

Gewohnung fiir die Moglichkeit des Verkehrs ein wich tiger 

Faktor sein. 

Unter meinem Beobachtungsmaterial befindet sich ein Lehrer, der 
vor 10 Jahren — damals 25 Jahre alt — zu mir kam ; er hatte noch 
nie mit einem Weibe verkehrt, liebte in exaltierter Weise dazu noch 
masochistisch altere Manner und besaB nicht nur in psychischer, 
sondern auch in korperlicher Hinsicht viele feminine Stigmata ; be- 
sonders auffallend war seine weibliche Stimme. Ich sah ihn zwei 
Jahre lang wiederholt, verier ihn dann aber aus dem Auge, bis er mich 
vor einem Jahre aufsuchte, um sich „nach einem moglichst unschad- 
lichen Mittel zur Verhiitung der Empfangnis" zu erkundigen. Ich 
erfuhr, daU er nicht nur verheiratet, sondern bereits Vater zvveier 
Kinder sei. In einer Familie, in welclier er verkehrte, habe er ein 
schon etwas altliches Madchen kennen gelernt, die sich seiner sehr 
liebevoll angenommen ; da sie auch ein kleines Vermogen habe, hatte 
er sich auf Zureden von seinen und ihren Verwandten entschlossen, 
mit ihr die Ehe einzugehen. Drei Jahre habe er mit seiner Frau das 
Lager geteilt, ohne daC es zu einem yerkehre gekommen ware. Nach 
einem Familienfeste, bei welchem beide ziemlich viel alkoholische Ge- 
tranke zu sich genommen hatten, habe er infolge intensiver Be- 
riihrungen seiner Frau zum ersten Male eine Erektion verspiirt, welche 
ihm den Koitus ermoglichte, den er seitdem durchschnittlich einmal 
in der Woche vollziehen konne. 

Diese Anpassung und Gewohnung ist aber nur ein Aus- 

nahmefall. Ich kenne Falle, in denen Homosexuelle Jahrzehnte 

verheiratet sind, ohne daU sie jemals mit ihrer Frau geschlecht- 

lich zusammenkamen. 

Vor kurzem schrieb mir ein Gymnasiallehrer : „Meine Gattin, an 
der ich auf der Hochzeitsreise einen Versuch machte, der miBgliickte, 
da ich aus Widerwillen abbrach, ahnt nichts von meinem Zustand. 
Sie ist heldenhaft in ihrer Liebe zu mir, wir sind im zehnten Jahre 
verheiratet und sie ist noch Jungfrau, so rein, wie vor ihrer 
Ehe. Die Summe der Qualen, die beiderseitig in diesen Worten liegt, 
schildere ich nicht." Und ganz ahnlich ein aus besten Kreisen 
stammender Herr: ,,Als die Meinen in mich drangen, mich zu ver- 
heiraten, entschlofi ich mich zu diesem Schritt, frug um die Hand 



Digitized by VjOOQIC 



90 

einer jungen, S3rmpathischen Dame aus bester Familie, die mich schon 
vielfacli ausgezeicnnet hatte, und erhielt ihr Jawort. Wir verlobten 
uns, heirateten nach einigen Monaten, anscheinend einer gliicklichen 
Zukunft entgegensehend, die jedoch mehr oder weniger durch meinc 
Scbuld zur Holle fiir uns warden soUte. — Icb batte micb grenzen- 
los getauscbt iibcr die Macbt der mir offenbar angeborenen Triebe. 
Trotz Aufbietung meiner ganzen Willenskraft konnte icb den Horror, 
den icb stets gegen den gescblecbtlicben Verkebr mit dem Weibe 
empfunden, aucb der mir angetrauten, lieblicben Gattin gegeniiber nicht 
iiberwinden; die Hocbzeitsreise nacb dem sonnigen 
Italien wurde zu einer seeliscben Marter fiir una 
b c i d e , imd tief verstimmt und einander entfremdet kehrten wir 
zuriick in unser Heim, das, von treuer Eltern- und Gescbwisterliebe 
reizend ausgeschmiickt, unser wartete. 

Seitber sind lange 15 Jabre vergangen; meine Fran und icb 
leben neben-, aber nicbt fiireinander und fuhren in den Augen der 
Welt eine musterbafte Ebel Uber den scbweren, delikaten Punkt 
baben wir nie mebr gesprocben, seitdem icb ibr Trennung anbot, 
damit sic an der Seite eines ibr wiirdigeren Mannes ein gliicklicberes 
Dasein finden konne. Sie, die von meinem Zustand keine Abnung 
hat und meint, es liege demselben ein organiscber Febler bei mir 
zugrunde, erklarte mir, micb nicbt verlassen zu wollen, da sie mich 
trotz allem liebe. Wie sebr icb unter dem ScbuldbewuBtsein leide, 
ein so edles weibliches Wesen an mein elendes Schicksal gekebtet 
zu baben, kann icb nicht beschreibeni Mein Dasein ist eine end- 
lose Kette geheimer Angstigungen ; icb lebe immer in Furcht, meine 
Leidenschaft konne offenkundig werden, namentlicb seit dem Skan- 
dalprozefi, der sich vor wenigen Monaten in den biesigen Mauern 
abspielte und in welcbem durch eine Bande schrecklicher Erpresser 
mehrere Herren aus der besten Gesellschaft offentlich blofigestcllt 
und unmoglich gemacbt worden sind." 

Die Abneigung verheirateter liomosexueller Manner und 
Frauen gegen ihre Ehehalften ist mebr eine gefuhls- als ver- 
standesmSfiige; oft mit einem Bedauern verbunden, daU dem 
anderen Teil, den sie wohl achten und ehren, aber nicht lieben 
kcnnen, kein besseres Los beschieden war. Bezeichnend sind 
die Worte, die der homosexuelle Bruder Friedrichs des 
G r fi e n , Prinz Heinrich, seiner Gattin widmete, die er 
mebr als 30 Jabre tiberhaupt nicht zu Gesicht bekam; er 
sehreibt: „ich hege kein Geftihl des Hasses gegen die Prinzessin, 
meine Gemahlin; die Vemunft und ftir mich traurige Verhalt- 
nisse baben mich genotigt, von ihr entfernt zu leben. Ich 
verbanne jede unangenehme Erinnerung, indem ich ihr Rube und 
den GenuJJ aller moglichen Gliter wiinsche, deren sie sich in 
ihrem Alter noch erfreuen kann.*' 

Eine Urninde schrieb: „Wir sind Kontrebande und kommen unter 
falscher Etikette zur Welt. Webe dem Manne, der uns auf dem Ebe- 
markte erstehtl Wir l>etrugen ihn um sein Lebensgliick, selbst obne 
es zu woflen". Es liegt nabe, dafi viele Ehen, die homosexuelle Manner 
Oder Frauen mit heterosexuellen Frauen oder Mannern eingegangen sind, 
nach kiirzerer oder langerer Zeit wieder geschieden werden. Daibei wird 
baufig, ungerechterweise, der Heterosexuelle wegen Ebebruchs fiir den 
scbuldigen Teil erklart, wahrend es in Wirklichkeit der urnische Partner 



Digitized by VjOOQIC 



91 

ist, dessen Verhalten erst fiir den anderen die Veranlassung war, 
sich anderweit schadlos zu halten. Besonders typisch sind fiir Ehen mit 
Homosexuellen „Trennungen im Guten". Sehr bezeichnead ist fol- 
gendes Abschiedsgedicht, welches ein Urning am Tage der Trennnng 
seiner verflossenen Gattin iibersandte. Es heifit in ihm: 

jjWas wir erlitten und erduldet 

Dnrch meine Fehler, deine Schwachen, 

Was ich geirrt, was du verschuldet, 

Wir wollen nicht dariiber sprechen. 

Ich weifi nnr eins, nur eines fiihle 

Im Herzen ich, dem trauervollen : 

Wir hatten in dem Weltgewiihle 

Uns nie und nimmer finden solleni 

Und weil wir dennoch iins gefunden, 

So laB uns ziirnen nicht und klagen 

Ob air den Schmerzen und den Wunden, 

Die eins dem andern wir geschlagen. 

Nicht boser Wille ist's gewesen, 

Der uns gebracht so herbe Leiden, 

Uns trennet unser tiefstes Wesen, 

Der Gott im Innern heifit uns scheiden." 

Selbstmorde vor oder kurz nach der Hochzeit beruhen haufig auf 
Homosexualitat, allerdings nicht immer, da nicht selten auch auf 
anderen Griinden beruhende wirkliche und fast ebensooft vermeint- 
liche Impotenz zu diesem Schritte fiihrt. 

Oft kommt es vor, daB homosexuelle Manner und Frauen Ver- 
lobungen eingehen, diese aber auf Grand psychischen Unbehagens bei 
naheren Beriihrungen zuriickgehen lassen. 

Ein Homosexueller meiner Kasuistik hatte sich nicht weniger als 
V i e r m a 1 verlobt, um immer wieder unter allerlei Ausfliichten das 
Biindnis zu losen. Das vierte Mai war er aber an eine sehr energische 
Braut geraten, die ihn fast gewaltsam zum Traualtar schleppte, trotz- 
dem ich selbst ihr schlieBlich auf seinen Wunsch dringend abgeraten 
hatte. Vier Wochen nach der Hochzeit rief man mich. Er hatte sich 
im Keller erhangt. 

Ich begegnete einmal einem mir bekannten Homosexuellen aus 
Osterreich in Luzern. Nach der BegriiBung sagte er: „Ich befinde 
mich auf meiner Hochzeitsreise, aber all ein." Wie sich ergab, hatte 
er die Verlobiing mit einer reichen Witwe am Tage vor der angesetzten 
Verehelichiing aufgehoben, alien geladenen Gasten abdepeschiert und 
ohne Frau die mit ihr projektierte Schweizer Reise angetreten. 

Auch homosexuelle Braute fiihlen sich durch die Lieb^ 
kosuDffen ihres Brautigams oft so angewidert, daB es zur Losung 
des Verlobnisses kommt. Eine sehr schone urnische Kiinstlerin 
erzahltc mir, daB sie dreimal Werbungen von Mannern ange- 
nommen hatte. Trotz groBter Miihe, die Zartlichkeiten zu er- 
tragen, sei aber die Cbelkeit, welche die mannlichen Ktisse und 
Umarmungen in ihr auslosten, so „unbeschreiblich** gewesen, daB 
sie in keinem Falle den Gang zum Standesamt riskieren konnte. 

Ein Brautigam, selbst Arzt, lieB die Verlobung zuriickgehen, weil 
ihm seine Braut erklarte: wenn er sie auf den Mund kiisse, fiihle sie 
nur eineu Druck auf den Lippen, wenn aber ihre schwedische Freun- 
din sie kusse, sei es ihr, als ob sie in einem rosenroten Abgrund ver- 
sinke. Eine urnische Opemsangerin von groBer Schonheit teilte mir 
mit, daB sie viermal verlobt war, das eine Mai mit einem Millionar, 



Digitized by VjOOQIC 



92 

immer wieder hoffte sie die ihr entgegengebrachte Liebe orwidern zu 
konnen, es war ihr nicht moglich, im Gegenteil verursachten ihr die 
Liebkosungen der Manner so starkes Unbenagen, daB sie zum Stannen 
und Kummer ihrer Verwandten stets wieder das Verlobnis nach eini- 
gcn Wochen loste. 

Fast jedpr Urning hat Episoden ahnlicher Art erlebt, wie sie 
ein urnischer Off izier in lebensvoUer Anschaulichkeit wie f olgt schildert : 

„. . . . Ungeachtet meiner 29 Jahre war dies das erste Weib, 
das in meinen Armen lag, das mich mit einer schier versengendeo 
Glut umschlang, und nach meinen Kiissen beinahe verschmachtete. 
Und ich Unglucklicher empfand nichts als furchtbares Grauen, es 
war mir als legte eine ungeheure, eiskalte Eidechse ihre Arme um 
mich, als ware ein Leichnam aus dem Grabe emporgestiegen, mich in 
namenloses Entsetzen zu hiillen. Ich rang mich los, stiirzte zu 
meinem Sabel, meinem Mantel. „Verzeihung, ich muB fort," keuchte 
ich miihsam hervor. Sie starrte mich an. Und nun folgte etwas, 
was ich nicht fiir moglich gehalten hatte. Sie sprang auf, stiirzte 
zur Tiire, verriegelte sie, und stand nun hochaufgerichtet, am ganzeD 
Leibe bebend, vor mir. „Du willst fort — j e t z 1 1 Nachdeni ich 
mich dir vor die FiiBe geworfen, jetzt, nachdem du weiBt, daB ich 
aus Liebe zu dir beinahe gestorben bin, jetzt, da du mich zu lieben 
vorgabst!" „Da8 tat ich nicht, Elise. Ich beschwore Sie, fordern 
Sie keine ErklSlrung von mir. Ich k a n n nicht, ich d a r f nicht 
sprechen." „Al80 liebst du eine andere I" schrie sie wild auf. „Nein, 
ich liebe keine andere . . . Ich bitte um den Schliissel. Ich 
muB fort, sogleichl" „Ah, das ist ja kein Mensch, das ist ein fiihl- 
loses Ungeheuer, ein Vampyr, der mir das Herzblut aussaugt!" . . . 
Sie brach in ein herzzerreiBendes Schluchzen aus. „Um Gottes AVillen, 
Elise, beruhigen Sie sich. Ich wollte Ihnen nicht wehe tun, ich 
aohte und liebe Sie wie eine Sch wester. Konnten Sie doch in mein 
Herz sehen, wie es vor Mitleid fur Sie blutet. Ich leide unsaglich." 
„ Aber warum 1 e i d e n ? Bin ich denn so haBlich, so verabscheuens- 
wiirdip, um von einem Manne so gedemiitigt zu werden?" „Nein, 
Sie sind schon und liebenswert^ Elise; gesegnet ist der Mann, den 
Sie mit Ihrer Liebe begliicken I Warum muBte es denn gerade ich 
seiu, den Sie erw§<hlt! Ich beschwore Sie noch einmal, geben Sie 
mir den SchlCLssell" Sie sprang auf, erhob ihren Arm und versetzte 
mir mit dem Schliissel einen so heftigen Schlag ins Gesicht, daB 
ich aus dem Munde zu bluten begann. „Da, nimm ihn, elender, feiger 
Bube!" Mil diesen im auBersten Paroxismus hervorgellenden Worten 
fiel sie wie eine Ra,sende mit dem Gesicht zur Erde und grub ihre 
Na^el, von Krampfen geschiittelt, in den Teppich. Ich schloB auf 
und stiirzte hinaus. Ich kam nach Hause, warf mich auf mein Bett 
und meine bis zum ZerreiBen angespannten Nerven losten sich end- 
lioh in Tr&nen auf. Seit zwolf Jahren, seit meines unvergeBlichen 
Vaters Tode hatte ich nicht mehr geweint. Es waren die bittersten 
Zahren, die ich jemals vergoB. Aber nur Gott allein sah mein grenzen- 
los schweres Urningselend. Am nachsten Morgen sandte ich Elisen 
Krafft-Ebings Buch, aber sie nahm es nicht an." 

Ubrigens spiiren viele normalsexuelle Frauen im Zusammensein 
mit Urningen nicht selten instinktiv, ohne zu wissen, imi was es 
sich eigentlich handelt, das refraktare, ebenso wie auch normale 
Manner die erotische Unnahbarkeit urnischer Frauen oft „im Ge- 
fiihl" haben. 

Von reinen Homosexuellen sind nach meinem Material tiber 
50<Vb dauernd impotent, bei den ubrigen besteht zeitweise 
Potenz, meist ermoglicht durch mechanische Reizungen oder 
Phantasievorstellungen. Die Starke des psychischen horror 



Digitized by VjOOQIC 



93 

feminac beim homosexuellen Manne ist ebenso wie der Orad 
des horror viri bei der homosexuellen Frau nicht allein fur 
die Ausfuhrbarkeit des Aktes aussehlaggebend. 53o/o der Urninge 
haben iiberhaupt niemals Versuche gemacht, mit dem Weibe 
Geschlechtsverkehr auszuiiben, darunter ^befinden sich sogar, 
wenii auch sehr vereinzelt, Verheiratete. Die Verhaltniszahl 
homosexueller Frauen, die alien Versuchungen, mit dem Manne 
zu verkehren, dauernd Wideretand entgegensetzten, dilrfte 
noch hcher eein. Virgines intactae, die ich nach dem dreiUigsten 
Jahre zu untereuchen Gelegenheit hatte, waren fast ausnahmslos 
selbst homosexuell oder hatten homosexuelle Manner. 

Wie fehlerhaft auch hier Schliisse gezogen werden, lehrt der 
folgende Fall, den mir ein Kollege mitteilte: Eine virile Homo- 
sexuelle von etwa 40 Jahren hatte ein Madchen von etwa 18 Jah- 
ren ihrer Mutter entzogen. Auf ihr Betreiben war beantragt wor- 
den, der nach ihren Behauptungen leichtsinnigen Mutter die elter- 
liche Gewalt abzuerkennen ; sie selbst wollte Vormunderin ihrer sehr 
wohlhabenden Geliebten werden. Der Verteidiger der Mutter wies auf 
die Homosexualitat der Lehrerin hin. Darauf antwortete der alte 
Vormundschaftsrichter : „Lassen Sie mich mit diesen mddernen Cochon- 
nerien in Ruhe. Die Dame hat mir das Attest eines Arztes gebracht, 
daC sie virgo intacta ist, da kann von dergleichen wohl keine Rede 
sein." 

B. let der Geschlechtsakt moglich, so tritt beim Urning eehr 
haufig als ein auf den ersten Blick ziemlich paradoxes Symptom 
Ejaculatio praecox ein, in der wir aber nur eine Abart der 
Impotenz zu erblicken haben; paradox nenne ich diesen plotz- 
lichen ErguB mit Erschlaffung deshalb, weil er von weniger Er- 
fahrenen als Zeichen gesteigerter Libido aufgefaUt werden 
konnte. 

In einem Ehescheidungsgutachten, das ich gemeinsam mit Dr. 
Otto Adler, dem bekannten Verfasser der „mangelhaften Ge- 
schlechtsempfindung des Weibes***) iiber einen Fall abzugeben hatte, 
in dem die Ehefrau Homosexualitat ihres Mannes behauptete, heiBt 
es hieriiber: 

„Ermangelt somit die Hypo these der Ehefrau, ihr Mann sei homo- 
sexuell, der wissenschaftlich erforderlichen positiven Unterlagen, so 
muU doch zugegeben und erwahnt werden, daB gerade die Impotenz, 
an welcher der Mann leidet — die nS,mlich, bei der etwaige iljakula- 
tionen ohne beischlafartige Bewegungen ganz plotzlich und fast ge- 
fuhllos vor sich gehen — gerade die Form ist, welche sich verhaltnis- 
mafiig haufig bei Homosexuellen findet, woraus allerdings noch keines- 
wegs Homosexualitat gefolgert werden kann, da ebendieselbe Form 
der Impotenz auch bei nicht homosexuell Gearteten vorkommt." 

Der normalsexuelle Mann, der mit einer homosexuellen Frau 
verkehri, ist im Eintritt und in der Starke seines Orgasmus 
bei weitem nicht so abhangig von der libido und dem Orgasmus 

*) Dr. Otto Adler, Die mangelhafte Geschlechtsempf indung 
des Weibes. Berlin 1911. p. 215. 



Digitized by VjOOQIC 



94 

der Partnerin wie die heterosexuelle Frau von der Ejaculatio 
praecox oder ante portas des Mannes. Sehr mit Recht sagt 
daher A d 1 e r in unserm zitierten Gutachten^) : „6erade die 
Fehlversuche der vorlie^enden relativen dironischen Impotenz 
(Ejaculatio praecox) mnJJten auf die Ehefrau viel abstoBender 
wirken als die voile Unfahigkeit eines absolut Impotenten.*' 
Selbst wenn dem homosexuellen Manne der Koitus mit dem 
Weibe gelingt, ist sein Verlauf selten qualitativ so geartet und 
fur die Frau so "befriedigend, wie die Kohabitation des hetero- 
sexuellen Mannes. Sie fuhlt das auch meist instinktiv, wenn 
auch oft nur so unbestimmt, wie der folgende charakteristische 
Bericht zeigt: 

Es handelt sich bier um die Frau eines Landpfarrers, der wegen 
homosexueller Betatigung in Untersuchungshaft gekommen war, sie 
scbreibt mir u. a.: „Meine Verwandten und Bekaonten konnen es 
nicbt begreifen, daB icb nocb zu ibm balte, ich kann aber nicbt 
anders, weil ich ibn zu genau kenne. Als er mich beiratete, 
war er 32 Jabre, er boffte wobl, in der Ebe von der ibn peinigenden 
Leidenscbaf t loszukommen. Nacb dem Verkebr , der nacb meinem 
Glauben normal war, batte er immer Kreuzscbmerzen und 
rieb sicb dann den Riicken mit Franzbranntwein ein. 
Ebelicbe Gemeinscbaft pflegten wir wabrend der 15 Jabre unserer 
kinderlosen Ebe obne grofl^ Unterbrecbungen, und docb kann icb 
den Glauben nicbt los werden, er tat es obne GenuB, mebr um seine 
Neigung zu iiberwinden und sicb an das Natiirlicbe zu gewobnen. Das, 
was ibn bei den anderen reizte, die Telle zu seben oder 
zu betasten, lockte ibn bier nie, im Gegenteil, er vermied 
angstlicb, mit den Handen oder sonstwie in deren Nabe zu kommen. 
Er bing mit groBer Liebe an seiner Mutter und seinen Scbwestern. 
Das bat mir in den ersten Jabren unserer Ebe oft recbt web getan 
und oft babe icb ibm gesagt, erst kame in seinem Herzen Muttcben, 
dann die Scbwestern, dann seine Freunde, dann die Dorfjungen und 
dann erst icb. Seine Liebe zu mir unterscbied sicb in 
nicbts von der Art der Liebe, die er fiir seine Ange- 
borigen empfand, sie war anders als die der anderen Manner 
zu ibren Frauen, mebr vaterlicb, mit der Zeit aber wurde ich sein 
vertrautester Freund. Seine Freude an dem Umgang mit den Jungen 
war mir, da icb von der Existenz solcber Neigungen bei den Menschen 
iiberbaupt nicbts wuBte, unbegreiflicb ; und als er so oft die Abende 
in Gesellscbaftsspielen mit ibnen verbrachte, wo er docb gar keine 
Anregung batte, sondern immer nur der Ausgebende war, versuchte 
icb in den ersten Jabren mit guten und bosen Worten es ibm abzu- 
gewobnen, es half nicbts; er sab dann so gequalt und traurig aus, 
klagte und weinte sogar, wenn icb dariiber scbalt, so daB icb scblieB- 
licb nicbts mebr sagte, sondern mich meist, und zwar innerlicb 
schweren Herzens, auBerlicb mich zu einem freundlicben Gesichte 
zwingend, an den Spielen beteiligte. Die Freundscbaft und die dank- 
bare Liebe der Jungen zu meinem Manne selbst, bis in spate Jabre, 
und daB sie fast alle ordentliche Menschen wurden, lieBen mich auch 
in dem Glauben, daB er einen guten, veredelnden EinfluB auf sie 
ausiibte. Zu anderen wagte ich nicbt zu klagen, weil ich mich 
immer wieder mit dem Gedanken plagte, es miisse 
docb an mir liegen, ich verstande es vielleicbt nicbt, es ibm 

») Loc. cit. p. 212. 



Digitized by VjOOQIC 



96 

behaglich zu machen. Vielleicht lage es auch daran, daB wir keine 
Kinder hat ten, oder dafi ich nicht die rechte Frau fiir ihn sei. Ich 
bill 10 Jabre jiinger als mein Mann, gab mir die groBte Miihe, meinen 
Platz ausfuUen zu lernen und an seinen Interessen Geschmack zu 
finden. Daber war er auch immer giitig und zartlich zu mir, hatte es 
nicht gem, wenn ich langer als einen Tag verreiste und lieB mich von 
Jahr zu Jahr mehr an seinem geistigen Leben teibiehmen. Ich babe 
ihn von Jahr zu Jahr lieber gewonnen und ich glaube, er mich auch. 
Auf seine Unruhe und Erregbfiu-keit nahm ich Riicksicht, da ich alhnah- 
lich wohl einsah, dafi sie wohl krankhaft war. Ich babe ihn so 
hocli gestellt, weil er nie iiberhebend, immer so bescheiden und nick- 
sichtsvoll gegen jeden war, der mit ihm zu tun hatte, so schonend 
fiir Leid und Kimimer der anderen und so vielen in seiner guten auf- 
richtigen Weise zurecht geholfen hat. Er genoB bei Vornehm und 
Gering groBes Vertrauen und verdiente es auch, denn er dachte, 
wo es etwas aufzurichten gab, nie an sich oder etwaige Miihe und 
Unbequemlichkeit, er litt und fiihlte mit jeder armen Seele. Als 
dann das furchtbare Ungliick iiber uns hereinbrach, 
war mir mit einem Schlage vieles so klar. Wie vie] 
mehr ist mein Mann zu beklagen, als ich, wie stark mufi diese 
krankhafte Neigung sein, die solche Willens-, Cha- 
rakter- und Herz ens s tirke zu iiberwinden imstande 
i s t." 

Krafft-Ebing beschreibt *) die Geschichte einer 28 Jahre 
alten Dame, die sich in eine jiingere verliebt. Sie wohnten zusammen. 
Ihre Gemeinschaft wahrte vier Jahre, bis sie infolge der Heirat 
der jiingeren abgebrochen wurde. Die altere verfiel oarauf in eine 
furchtbare Gemiitsstimmung, in der sie sich entschloB, selbst zu 
heiraten, obgleich sie keine wahre Lust dazu fiihlte. Nun aber ver- 
schlimmerte sich ihr Seelenzustand immer mehr. Zuletzt erkrankte 
sie emstlich. Die herbeigerufenen Arzte erklarten, daB Besserung 
eintreten werde, sobald sie nur ein Kind hatte. Der Gatte, der sein 
Weib aufrichtig liebte, konnte ihr ratselhaftes Benehmen nicht be- 
greifen. Sie war gegen ihn freundlich, duldete seine Zartlichkeiten, 
aber blieb „tagelang danach verstimmt, erschopft, gequalt vonRiicken- 
marksbeschwerden, und nervos". Da fand gelegentlich einer Reise 
des Ehepaares ein Wiedersehen mit der ehemaligen Freundin statt, 
die nun seit drei Jahren verheiratet war, ebenfalls unglucklich. Beide 
Damen zitterten vor Freude und Aufregung, als sie einander in die 
Arme fielen, und blieben seitdem unzertrennlich. Die Manner aber 
beeilten sich abzureisen." 

t)brigens h5rt man oft von Homosexuellen, daB es ihnen 
eher mdglich sei, ein Weib zu koitieren, als es zu kiissen, auch 
daB ihnen die manuelle Berlihrung der Geuitaliexi eine gifpBere 
Oberwindung koste, als der eigentliche Akt. 

Auch sich beriihren zu lassen, ist vielen sehr zuwider. Schon 
Liselotte von der Pfalz schreibt in ihren Briefen, „daB Monsieur" 
— damit meinte sie ihren Gatten, Philipp von Orleans, den Bruder 
Ludwj^s XIV. — „der an nichts denkt, als was seiner Buben Bestes 
ist, sich von ihr. nicht anfassen lasse." U 1 r i c h s ^) schildert das 
negative Verhalten dem anderen Geschlechte gegeniiber wie folgt: 
„In korperlicher Beriihrung mit einem Weibe, selbst mit dem bliihend- 
sten, fuhlen wir von magnetischer Durchstromung nichts. Im Gegen- 
teil, sobald diese Beriihrung irgendwie geschlechtlichen Charakter an- 

*) Psychopathia sexualis, 7. Aufl., p. 276. 
») Ulrichs, Inclusa, pag. 38. 



Digitized by VjOOQIC 



96 

zunehmen beginnt, empfinden wir ein gewisses imangenehmes Ge- 
fuhl, welches schwer naher zu beschreiben ist, und welches uns 
gebieterisch befiehlt, der Beriihrung zu entfliehen." Andere Homo- 
sexuelle bezeichnen den Orgasmus als ein schwaches kurzes Kitzel- 

fefiihl, 68 sei mit dem Lustgefiihl nicht zu vergleichen, das sie im Ver- 
ehr mit einer ihrem Triebe entsprechenden Person empfanden, manche 
sagen, es ware nur ein leises Kribbeln, etwa wie in eingeschlafenen 
Fufien. Bei homosexuellen Frauen ist die Frigiditat und Anasthesie, 
wahrend der Mann mit ihnen den Akt voUzieht, oft eine vollkommene. 
So wie mir einmal ein homosexueller Lehrer erzahlte, daB er mit Vor- 
liebe wahrend des Aktes, den seine Frau von ihm fordere, mathe- 
matische Aufgaben lose, genau so sind die homosexuellen Frauen mit 
ihren Gedanken, wahrend der Mann den Beischlaf mit ihnen voUzieht, 
meist ganz wo anders, bei ihrer Wirtschaft oder ihrem Beruf, manche 
unterbrechen den Mann mit gleichgiiltigen Fragen oder Bemerkungen 
wie jene Frigida, die zu ihrem Gatten im Moment, als bei ihm der 
Orgasmus eintrat, plotzlich sagte: ,jDu, Mann, ich glaube, ich habe 
heute im Warenhaus meinen Schirm stehen gelassen." 

Troiz dieser „mangelhaften Geschlechtsempfindung** sind 

aber sowohl der homosexuelle Mann als die homosexuelle Frau 

— fast mochte man vom eugenischen Standpunkt hinzufiigen: 

„leider** — zeugungsfahig. t)ber die Qualitat dieser Nachkom- 

menschaft wird spater noch einiges zu sagen sein. 

Vor einiger Zeit konsultierte mich einmal der homosexuelle Ka.m« 
merdiener eines Grafen. Er war in einen alteren Diener verliebt und 
litt sehr, mit ihm das Schlafzimmer teilen zu miissen. Infolge der 
Erregungen, die er den vollig heterosexuellen Kollegen nicht merken 
lassen woUte, war er schlaflos und sehr elend. Ihm selbst stellte 
eine Kammerzofe seiner Herrschaft nach, die von dem alteren Diener, 
der sie seinerseits zu verfiihren suchte, nichts wissen wollte. Schliefl- 
lich verkehrte der homosexuelle Diener einmal mit diesem Kammer- 
madchen, es gelang ihm auch der Koitus, doch fiihlte er sich danach so 
angegriffen, dafi er sich sogleich, ohnehin stark durch die ungliick- 
liche, ganzlich unerwiderte Liebe mitgenommen, krank meldete und 
die Stellung aufgab. Damals suchte er mich auf. Wer beschreibt 
das Erstaunen des jungen Homosexuellen, als er etwa zehn Monate 
nacli diesem Vorfall vom Amtsgericht eine Benachrichtigun^ erhielt, 
daB er der Vater des Kindes der Kammerzofe sei, die er nie wieder 
gesehen hatte. 

C. Ganz besonders wichtig ftir die Beurteilung, ob ein Ge- 
schlechtsakt seinen Ursprung in dem eigentlichen Geschlechts- 
trieb hatte, ist bei beiden Geschlechtern das Verbal tnis nach 
dem Verkehr. Entsprach derselbe der wirklichen Geschmacks- 
richtung nicht, so stellt sich danach Ekel, Abneigung, ja 
HaB ein. 

Ein 26 jahriger Arbeiter berichtet : „ Als ich, 17 Jahre alt, ein- 
mal von einem alteren Freunde verleitet wurde, mit einem Weibe ge- 
schlechtlichen Umgang zu pflegen — ich wuBte damals noch nichts 
von meiner urnischen Natur — empfand ich eine derartige t?belkeit, 
daB ich Erbrechen bekam. Seitdem hatte ich eine heilige Scheu vor 
der Beriihrung mit dem Weibe, bis ich vor wenigen Wochen, zur 
Verzwei flung getrieben, mit meiner Natur zu brechen suchte. Es 
war vergebens, weder eine richtige Erektion noch Ejakidation trat 



Digitized by VjOOQIC 



97 

ein, dagegen habe ich mir infolge der vergeblichen Anstrengung eine 
Gliedentzundunfi: zugezogen." 

Ein Kaufmann aus Bayern: „Die Folgen des wiederholten Ver- 
kehrs mit dem Weibe waren schwere Nervenstoningen, starkes Un- 
wohlseio mit Erbrechen und tagelange Migrane. Der Geruoh, welchen 
das Weib ausstromt, verursaoht mir das groflte Unbehagen, ich bin 
ietzt Tinfahig, ein Weib zu befriedigen, wogegen die Umarmung eines 
Soldateu mir ein unaussprechliclies Wonnegeiiihl verschafft und mich 
kraftigt und starkt." 

Ein Homosexueller teilte mir mit, dafi er zwar mit einem Weibe 
^inz eut verkehren konne, nach dem Akt aber solche Wut gegen die 
Frail liabe, dafi er einmaJ hinterher vor einer ausgespien hatte; um 
das nicht wieder zu tun, laufe er jetzt immer unmittelbar nach der 
Ejakulation so rasch wie moglich aus dem Zimmer. 

Bis zu welcher Hohe sich solche Aversion stei^ern kann, zeigt 
der Fall des homosexuellen Herzogs von Praslin-Choiseul, 
der 1864 in Paris seine junge Gattin, die Tochter des Generals 
Sebastiani post coitum erdrosselte. Es mag hier hinzu^efiigt 
werden, dafi die Mehrzahl der sadistischen Frauen, die masochistischen 
Mannem auf deren Wunsch die schwersten korperlichen und geistigen 
MiBhandlungen verabreichen, in Wirklichkeit homosexuelle Frauen sind, 
die eine sexuelle Abneigung gegen Manner haben. Professor Albert 
Eulenburg sagte mir, daB die angeblichen Sadistinnen, die er 
kennen gelernt hat, Sich samtlich als homosexuell herausgestellt hatten. 
Auch ich kenne unter zwolf Sadistinnen nur drei, die Homosexualitat 
in Abrede stellen. 

Die dem Trieb nicht entspreehende Handlung ist sehr haufig 
aueli dadurch charakterisiert, daB sie die sexuelle Begierde 
nicht stillt, sondern im Gegenteil erregt. Normalsexuelle mann- 
liche Prostituierte konnen nach dem Zusammensein mit ihren 
homosexuellen Geldgebern oft nicht eilends genug zu ihren 
Madchen kommen. In ganz analoger Weise werden innerhalb der 
Ehe homosexuelle Manner und Frauen nicht selten durch den 
Verkehr mit ihren normalsexuellen Ehehalften zu gleich- 
geschlechtlichen Akten angestachelt. Wie anders, wenn der Akt 
aus dem Geschlechtstrieb entsprang. Es besteht dann ein Gef (ihl 
der Ruhe, Eraftigung, Erleichterung und Freudigkeit. Alles 
dies fehlt, wenn das Objekt der gleichgeschlechtlichen Handlung 
nicht das Objekt des geschlechtlichen Triebes war. 

Namentlich homosexuelle Frauen werden mit der Zeit durch 
di3 ihnen wider ihren Willen auferlegte Erflillung ehelicher 
Pflichten sehr nervos und leiden, abgesehen von Angstzustanden 
und Schlaflosigkeit, an schweren Depressionen. 

Auch abgesehen von dem eigentlichen Geschlechltsverkehr 
bietet das Verhalten der Homosexuellen gegentlber dem anderen 
G^schlecht mancherlei Bemerkenswertes. Besteht bei einigen nur 
ein Mangel jeglicher Attraktion, so macht sich bei anderen 
eine aiisgesprochene Misogynie und Androphobie bemerk- 
bar. Homosexuelle Manner geben oft an, sie bemerkten auf 

Hirtchfeld, Homosexualitit 7 



Digitized by V:iOOQIC 



98 

der StraUe, in Lokalen und anderen Samtnelplatzen die Frauen 
iiberhaupt nicht; wenn sie beispielsweise Tanzende beobachteten, 
achteten sie unwillktirlich nur auf die Bewegungen der Manner. 
Ganz analog berichten homosexuelle Frauen; auf der Biihne 
lenkie sich ihre Aufmerksamkeit immer nur auf die Frauen, 
die Manner erschienen ihnen „als Staffage**. Homosexuelle 
Kiinstler (allerdings nicht nur diese) setzen auseinander, daiJ 
doch „objektiv** der weibliche Korper „niit seinen Ausbuch- 
iungen*' viel unschdner sei als der mannliche, wahrend homo- 
sexuelle Frauen versichern, der bebartete, rauhbeinige, iiefstim- 
mige Mann erinnere viel starker an das Tier als der Korper 
der Frau. Ein homosexueller Russe — noch dazu ein Maler — 
sagtc mir einmal: „Ich kann die Gesichter der Frauen so wenig 
wie die der Chinesen voneinander unterscheiden, schon scheinen 
sie ja zu sein, aber sie sind alle so ahnlich, so ausdruckslos." 

Bei hochgestellten homosexuellen Damen, Chefinnen usw. ist as 
oft sebr auffallend, wie viel unfreundlicher sie die mannlichen An- 
gestellten, Diener usw. behandeln als das weibliche Personal. Es 
gibt homosexuelle Manner, die jede weibliche Bedienung perhorres- 
zieren, „prinzipieH" deshalb nicht in Restaurants, in denen Kellnerinnen 
serviereu, gehen. Umgekehrt gibt es homosexuelle Frauen, die aus 
ahnlichen Empfindungen heraus Geschafte mit mannlichem Per- 
sonal moglichst meiden. Ohne zu wissen weshalb, empfinden es homo- 
sexuelle Madchen schon friih als iiberfliissig und lastig, sich von Herren 
„nacii Hause begleiten" zu lassen. Vielen llrningen und Urninden ver- 
ursacht es schon ein physisches Unbehagen, sich von einer Person des 
anderen Geschlechtes auch nur den Paletot anhelfen zu lassen. Es sind 
mir einige homosexuelle Arzte von iibergroDer Sensitivitat bekannt, bei 
denen die Abneigung gegen die weiblichen Sexualcharaktere eine so 
hochgradige ist, daB korperliche Untersuchungen von Frauen, speziell 
von deren Geschlechtsteilen und Briisten fiir sie mit lebhaften Un- 
lustempfindungen verbunden sind, die sich bis zu der Unmoglichkeit, 
die Untersuchung vorzunehmen, steigern konnen. Es spricht sehr fiir 
Grilljiarzers, wenn auch sublimierte. Homosexual! tat, daB er be- 
merkte, es sei ihm sogar der Gedanke unertraglich, zu wissen, daB 
K a t h i sich in seiner Nahe wasche, daB das heriibertonende Ge- 
platscher des Wassers allein schon ihm peinliches Unbehagen be- 
reite. 

Die Mutter eines 20 jahrigen homosexuellen Madchens erzahlte mir, 
daB ihre Tochter vor einer Gesellschaft einmal zu ihr bittend gesagt 
hiitte: „Kann ich denn nicht eine Tischdame bekommen?" 

In Charlottenburg kannte ich einen Homosexuellen, der sich 
riihmte, daB niemals ein weibliches Wesen seine Wohnung, die er 
seit mehr als 20 Jahren innehatte, betreten habe. Zimmerreinigung, 
Kiiche, alles Wirtschaftliche besorgte er sich selbst. Dieser Fall 
ist nicht vereinzelt. Anderseits muB schon hier betont werden, daB 
nicht etwa jeder Weiberfeind und jede Milnnerfeindin homosexuell 
sind. Das trifft ebensowenig zu wie etwa die Voraussetzung, daB 
alle homosexuellen Manner ausgesprochene Misogynen oder ixlle homo- 
sexuellen Frauen Androphoben sind. 

Vie]e Homosexuelle neigen dazu, ihr durch Erkenntnis und 
Wissen unbeeintrachtigt'es Geflihl zu objektivieren. Sie eifern 
deshalb gegen heterosexuelle Liebesbeziehungen, die sie fur un- 



Digitized by VjOOQIC 



99 

zuchtig halten, wahrend sie die ihren fiir harmlos ansehcn. 
So berichtet Hammer^): „Eine den gebildeten Kreisen an- 
gehcrende Uranierin machte ihrer Schwester, der eine solche 
Gefiihlsriehtung abging, die bittersten Vorwiirfe, well sie sich 
so wegwurfe, mit einem Manne zu verkehren. Wenn sie mit 
ihrer Schwester ausging, konnte sie nur mit Mtihe davon zu- 
riickgehalten werden, einen Herrn wegcn eines Blickes, den sie 
fiir beleidigend hielt, energisch zur Rede zu stellen. Die Dame 
selbst verkehrte aber seit friihester Jugend gesehleehtlich mit 
Frauen; das hielt sie fiir entschuldbar. Doch Mannerverkehr 
sei unsittlich.** 

Im strikten Gegensatz zu dem auf bewuBter oder unbe- 
wuBter Sexualablehnung beruhenden Negativismus gegeniiber 
dem anderen Geschlecht steht das kameradsehaftliche Gefiihl 
der Zugehorigkeit und Zusammengehorigkeit, sobaid das 
sexuelle Moment in Fortfall kommt. Das tritt zunachst ganz 
deutlich und vollig instinktiv in der mehr asexuellen Kindheit 
hervor, in der sich stets das urnische Madchen unter gleich,- 
altrigen Knaben, der urnische Junge unter Madchen wohler und 
behaglicher f tihlt als unter den Kindern seines Geschlechts, unter 
denen ihn ein eigentumliches Fremdheitsgefiihl beherrscht, das 
in seiner Erinnerung oft noch in spaten Jahren fortlebt. Nicht 
fiir alle, aber fiir die meisten urnischen Kinder ist diesQ 
Erscheinung, die mit auffallender Uebereinstimmung angegeben 
wird, typisch. 

Wenn v. Notthafft^) solchen Schilderungen gegeniiber 
meint, es seien „frei nachempfundene Kopien der Kranken- 
geschichten von Krafft-Ebing und Moll**, so ist das eine 
Icere, durch keine auch nur einigermaUen gewissenhafte Nach- 
priifung gestiitzte Behauptung. Wir geben als Pendants zwei 
Schilderungen aus den Selbstbiographien eines Urnings und 
einer Kontrarsexuellen. Ein sich durch gute Selbstbeobachtung 
auszeichnender homosexueller Klinstler schreibt: 

„Meine erste Jugend verlebte ich auf dem Lande. Auch meine 
ersten zwei Schuljahre liefien mich meine Eltern in die Dorfschulo 
geben, wo Koedukation herrachte. Dort nun waren mir die Knaben 
stets zu wild, und ich suclite mir die nettesten und saubersten kleinen 
Bauernmadchen als Freundinnen. Meine Eltern erzahlen, daB ich „oft 
an jedem Arme drei Madclien hjingen hatte", wenn ich aus der Scliulc 
kam. Dann spielten wir Bail, Ringelreihen, Blindckuh, bauten im 
Sand und bepflanzten den Garten. Im Winter spielten wir auch 
„Kaufladen**. Meine Leidenschaft war aber das Kasperltheater ; da 
gab ich ganze Vorstellungen und meine jungen und alten Zuhorer 

^) W. Hammer, Die Tribadie Berlins. GroBstadt-Dokumente, 
Bd. 20. Berlin und Leipzig, pa^. 12. 

^) Bei K o B m a n n una W e i B , Mann und Weib, Stuttgart, Bd. II, 
pag. 536. 

r 



Digitized by V:iOOQIC 



100 

muBten geduldig ausharren und zuhoren. Auch hatte ich eine be- 
sonders „gute Preundin", mit der ich oft stundenlang durch die 
Felder streifte und Blumen pfliickte. Ganz anders war mein Ver- 
haltnis zu den Knaben. Kann ich mich der Madchen, die mit mir 
zur Schule gingen, kaum mehr entsinnen, so waren bei den Sym- 
pathien oder Antipathien, die ich meinen Mitschiilern geffenuber emp- 
Sfand, schon gleiich AuBerlichkeiten mai3gebend, so dafl icn mich noch 
heute einzelner Knaben, die mir besonders gefielen oder auffielen, er- 
innere. Naher verkehrt habe ich nur mit einem. Das war mein erster 
„Freund" und mir, damals schon, ein ganz anderer „Freund**, als 
die Madchen mir „Freundinnen*' waren. Diese Verhaltnisse anderten 
sich, als ich mit 8V2 Jahren auf das Gymnasium kam. UnbewuBt 
fuhlten sowohl ich als meine Kameraden, daB ich anders war als sie. 
Als Ursache vermutete man wohl den Umstand, daI3 ich „Klassen- 
primus" war. Still, empfindsam, zart, verschlossen, und schweig- 
sam konnte ich nicht so recht „mitmachen", wie andere „frische 
Jungens". Dagegen reizte meine Erscheinung und Art, andere — 
meist recht groBe und iibermutige Knaben — mich zu necken, was 
ich stets sehr schmerzlich empfand, besonders wenn es — wie oft — 
diejenigen waren, die ich besonders liebte. Lange vermutete ich 
hinter alledem den Neid meiner Kameraden auf meine Schulleistungen. 
Jetzt glaube ich, daB meine Art zu erroten und mich mit ihnen nicht 
in Streii einzulassen, sie dazu reizte. Ich konnte weder einen anderen 
schlagen, noch ihm ein boses Wort sagen. Ich nahm das viel schwerer, 
wie andere Knaben, die einen GenuB darin fanden, andere zu verpriigeln, 
weil eben die Kameraden eine viel zu groBe Rolle in meinem Gefiihls- 
leben spielten. Bezeichnend ist, was ich im Alter von 13 Jahren 
in mein Tagebuch schrieb. Bei Erwahnung zweier Personen, 
von denen ich glaubte, daB sie mir nicht besonders wohlgesinnt und 
iiberhaupt keine guten Charaktere seien, schreibe ich: „. • • • trotzdem 
habe ich beide gem ; ich bin so liebebediirftig ohne schmeicheln zu 
konnen. Ich kann nie ein rechter Junge (in meiner Heimat sagt man, 
so'n „echter Bub") sein. Vielleicht habe ich etwas Madchen- 
h a f t e s. Und dann habe ich alle in der Klasse so lieb. Deshalb 
bin ich auch in den Konflikten mit .... nicht tatkraftig genug 
aufgetreten. Also mit 13 Jahren fiihlte ich anders zu sein, als meine 
Kameraden, und glaubte etwas Madchenhaftes zu haben." 

Auch ein Professor bemerkte, ich sei etwas madchenhaft. Auf- 
fallend war auch, daB alle Spitz- und Kosenamen, die mir die engste 
Familie gab, weiblich waren. 

Nicht minder instruktiv ist der folgende Bericht eines 
homosexuellen Weibes, den es in einem Artikel der Jahrbiicher, 
betitelt „Die Wahrheit iiber mich", veroff entlichte : 

„Meine Jugend ging hin wie die aller — Knaben, welche den 
heiTlichen Vorzug genieBen, zugleich die Freiheiten des Landlebcns 
mit den Annehmlichkeiten der GroBstadt verbinden zu konnen, was 
wohl nur eine kleine Residenz gewahrt. Wenn ich sage, ich lebte 
wie die Knaben, so bediene ich mich absichtlich dieses Ausdrucks ; 
schon damals fiihlte ich mich vollkommen als „Bube". O wie be- 
dauerte ich die armen Madchen, welche „ehrbar und sittsam", die 
Biichertasche unter dem Arme, die Notenmappe an der Hand, dahin- 
schreiten muBten, wahrend ich mich mit meinen tollen Kameraden 
herumbalgte und -jagte, daB die Wangen gliihten und die Haare wild 
im Winde flatterten. 

Aus unserem Spiel „Ilauber und Gendarme" war mit der Zeit 
eine ganze Rauber- und Zigeunerbande entstanden. Ich wurde zum 
Hauptmanne erwahlt und ein zarter blonder Spielgenosse war die 
„K6chin" des Trupps, „weil er so herrlich Spatzen braten konnte." 



Digitized by VjOOQIC 



101 

Das SchieUen der Sperlinge besorgten wir mit sogenannten Plitz- 
bogen. Wir besaBen eine gehorige Cbung darin und lachten uns bei 
einem Fehlschusse gegenseitig aus. Mitten auf dem Felde hatten wir 
einige Zelte aufgeschlagen und in dem einen derselben einen steinernen 
Herd errichtet. Das Holz stahlen wir — Zigeimer miissen atehlen — 
von einem benachbarten Bauplatze. Wartenbergs Karl hatte eine Brat- 
pfanne, eine Schachtel „Schweden" und nach und nach ein ganzes 
Schock Eier aus der heimatlichen Kuche nebst einem groBen Stiick 
Speck, Butter und einer Tiite Salz herbeigeschleppt. Aus den um- 
liegenden Peldem wurden Kartoffeln, Riiben und dergleichen aufge- 
hoben. Und so litten wir, wenn wir von der Jagd oder anderen 
wilden Streifzii^en zuriickkehrten, keine Not; denn unsere „famose 
Kochin** hatte in der Zwischenzeit alles wohl zubereitet und sogar 
die Sperlinge ausgenommen und gerupft. 

Aber die Sache sollte ein Ende mit Schrecken nehmen, als wir 
uns daran machten, in einem ziemlich entfernten Dorfe einem Bauern 
ein Huhn zu stehlen. Der Alte wollte unsere Erlauterung, daB wir 
Zigeuner waren, nicht verstehen und erklarte sich erst c£,zu bereit, 
von einer Anzeige abzustehen, nachdem wir unsere ganze Barschaft 
zusammengeschossen und ihm dieselbe als Ersatz fiir den beinahe 
gehabten Verlust zuriickgelassen hatten. Ich fiihlte mich gedrangt, 
als Hauptmann der Bande ein strenges Gericht iiber die un- 
wiirdigen Mitglieder zu halten, welche so dumm sein konnten, sich 
abfassen zu lassen. Auf einen Wink von mir wurden die Bosewichter 
von den Kameraden mit Taschentiichern und Bindfaden, die wir zum 
Zwecke des „Drachensteigenlassens" gewohnlich bei uns trugen, ge- 
fesselt und in den nahen Wald geschleppt. Ich stieg auf einen Baum 
— klettem konnte ich aus dem „ff". War damals auch leider noch 
nicht die bequeme Mode eingefiihrt, ein „Radfahrkostiim", d. h. eine 
festgeschlossene „Pumphose" unter dem Frauenrock zu tragen, so 
konnte ich es doch durch eine sehr praktische Methode den Knaben 
in alien Leibesiibimgen, Welleschlagen, Kopfstehen, auf den Handen 
gehen usw. gleichtun. Ich trug namlich bestandig eine groBe „Sicher- 
heitsnadel" oei mir. Mit derselben befestigte ich das hintere Ende 
meines Rockes, indem ich es durchzog, an den vorderen Teil des 
Kleides. So hatte ich die mir leider versagte Hose. Ich muB ge- 
stehen, daB ich fast bis zu meiner Universitatszeit den Glauben hegte, 
der ganze Unterschied zwischen den „Jungens" und mir bestande 
einzig und allein in der Kleidung, und ich war zuweilen recht unzu- 
friedeu dariiber, daB man mich von Anfang an durch den Anzug zum 
Madchen gestempelt hatte. — 

Nachdem ich zur Bestrafung der tJbeltater meinen erhohten Sitz 
einffenommen hatte, fielen auf meinen Wink die Fosseln und ich 
hieit strenges Gericht. Die Hauptmissetater, d. h. die Diimmsten emp- 
fingen den niederschmetternden Urteilsspruch, daB sie dem „Hann- 
chen" — so nannten wir unsere Kochin, wahrend man mir den 
Namen „Hans" beigelegt hatte, — im Haushalte helfen sollten, indessen 
wir auf einen frischen, frohlichen Kriegszug ausgehen wiirden. 

Als wir aber ausgezogen waren und Hannchen den einen bat, 
die Biiben „zu schaben**, den anderen die Kartoffeln „zu schalen'*, 
brachen Unwille und Revolte aus. „Wir sind keine Madchen, wir 
konnen und werden nicht kocheni" Hannchen versuchte sie zu be- 
ruhigen. Umsonst. Kurt ergriff einen brennenden Holzspahn und 
ziindete das Zelt an. Da ein kraftiger Wind blies, so sprang die 
Flamme lustig weiter und das Feuer flackerte hell empor. Es hatte 
ein Ungliick geben konnen ; denn ein groBer Bauplatz mit vielem 
Holzc lag ganz in der Nahe. Aber die dort beschaftigten Arbeiter 
hatten den Brand sofort bemerkt. Sie eilten herbei und es gliickte 
ihnen ihn in kurzer Zeit zu loschen. 



Digitized by VjOOQIC 



102 

Natiirlich wiirde die Geschichte in der Stadt bekannt. Und es war 
wohl keiner von iinserer ganzen Zigeunerbande, der ohne Schlage da- 
von kam. Was indessen noch schlimmer war, man deckte die meisten 
unserer Streiche auf. So erzahlte man sich s^. B. daB wir im Nachbar- 
dorfe ein Schweinchen „gemopst" batten. 

Wie viel an der Sache wahr ist, will icb, meiner Kameraden wegen, 
nicht verraten, auch nicht, ob wir wirklich die Fenster der SchloB- 
kircbe eingeworfen haben, wie man behauptete. Genug, daB man 
uns dessen fur fahig bielt. Gegen jeden von uns wurden, da so 
etwas „denn docb iiber die Hutschnur ging", gebieterische MaBregeln 
ergriffen, und mir untersagte man ein fur allemal, mit den Jungen 
zu spielen. Nun, das war nicht so schlimm. Icb hatte genug ge- 
spielt, — daB ich mich mit Madchenumgang entschadigen konnte, 
der Gedanke i^ mir nie gekommen — jetzt nahm ich meine Zuflucht 
zu den Biichem. Ich ging in des Vaters Bibliothek und las alles, 
was mir in die Hande fiel, besonders Kriegsgeschichten und See- 
abenteuftr. 0, weshalb konnte ich nicht Soldat, wes- 
halb nicht Matrose werden? — — — " 

Wie schon als Kind, so gibt sich auch als Erwachsene das 
homosexuelle Weib dem Manne viel unbefangener als das hetero- 
sexuelle ; sie f uhlt sich ihm gleichberechtijgt-er und gleich- 
gearteter; in seiner Gesellschaft, die sie aus geistigen Interessen 
fiucht, bewegt sie sich viel freier und ungenierter; nur wenn 
sie merkt, daB der Mann in ihr das Geschlechtsobjekt wittert, 
hat sic eine peinliche Empfindung, wird kiihl und reserviert. 
Auch homosexuelle Manner lieben vielfach das Zusammensein 
und die Unterhaltung mit Frauen, mit denen sie viele gemein- 
same Baziehungen verbinden. Namentlich altere Frauen sind 
Homosexuellen sehr sympathisch^). 

Meisners®) Bemerkung: ,, Gegen altere Damen und die 
haufig von der Mannerwelt verspotteten alten Jungfern ist der 
Urning voll Artigkeit und Hoflichkeit, weshalb ihn diese auch 
besonders gem haben**, trifft voUig zu. 

Nur wenn in den Frauen erotische Gefiihle zu dem jiingeren 
Homosexuellen zutage treten, was erfahrungsgemaB nicht selten der 
Fall ist, gerat der ifrning in eine unbehagliche Lage. Ich kenne einen 
Fall, in dem sich eine etwa GOjahrige Grafin in einen 26jahrigen homo- 
sexuellen Schriftsteller verliebte, dem sie Hunderttausende schenkte. 
Trotz der ansehnlichen auBeren Vorteile, die der Homosexuelle aus 
diesem Verhaltnis zog — beide durchreisten die Welt im elegantesten 
Stil — , geriet er durch die Verliebtheit der alten Dame in einen liber- 
aufl nervosen Zustand; er meinte, es ware ihm, als befande er sich in 
einem goldenen Kafig. Dritten Personen tauschen diese Verbindungeii 
zwischen homosexuellen und heterosexuellen Mannern und Frauen oft 
Liebe vor, ein Eindruck, der von den Homosexuellen selbst, um der 
Welt Sand in die Augen zu streuen, oft absichtlich noch sehr ge- 
fordert wird. 

Manchc Homosexuelle halten sich „Renommierweibe r". XJr- 
nische Juristen der Berliner Gesellschaft pflegten die Damen, in deren 



^) M e i s n e r , Der Uranismus, p. 18. 



Digitized by VjOOQIC 



103 

Begleitung sie sich auf Rennen, boi Premioren und sonst in der Offcnt- 
lichkeit zeigten, untereinander ihre ,,A 1 i b i b e w e i s e" zu neiinen. 
„Seit ich wissend bin**, schreibt ein hoher Staatsbeamter, „kJeido ieh die 
Freuiidschaft zu meiuer Frau in das (Jewand der Tiiehe und die Liebe 
zu meineii Lieblingen in das Gewand der Freundschaft, und so schroite 
ich mit einer Tauschun<; meiner Umgebung — urspriinglich selbst 
getauscht — weiter durcli das Lebon.** 

Der Unterschied zwischen den unerotischen Bezieliungen 
iiomosexueller Manner und Frauen zum a n d e r e n und den e r o t i - 
s c h e n zum e i g e n e n Geschlecht will ich an zwei historischen Bei- 
spielen des naheren ausfuhren. Michelangelos Freundschaft zur 
Marchesa Vittoria Colonna ist oft als erotisches Verhaltnis er- 
klart worden. G o 1 1 i 9) geht sogar so weit, zu behaupten, die an mann- 
liche Personen gerichteten Liebesbriefe des groBen Kiinstlors seion 
in Wirklichkeit fiir die ("olonna bestimmt gewesen, die Namen dor 
Freunde hatten nur die Bedeutung von De(*ka<lrossen und Mittels- 
personen. Auch die vertrauten Freundschaften Christines von 
Schweden mit so vielen beriihniten M a n n e r n ihrer Zeit gaben 
der Mitwelt AnlaC zu Pampldeten. Wer aber nur einigernial3en mit 
den psychologischen Unterschieden von Freundschaft und Liebe ver- 
traut ist, wird allein aus den hinterlassenen Briel'en der Konigin, 
von denen Archenholz 4 Biinde gesammelt hat, und den er- 
haltenen Gedichten Michelangelos leicht feststellen konnen, 
wie ganz anders die Gefiilde gewesen sein miissen, die Christine 
fiir die Gelehrten und Kiinstler empfand, mit denen sie in fiinf 
Sprachen korrespondierte, als die fiir ihr Hoffraulein Grafin E b b a 
Si)arre, die sie mit Satzen schloB wie: „ Adieu, Belle, adieu. Je 
vous embrasse un million de fois" oder „Adieu, vivez heureuse et 
souvenez vous de moi. Je vous embrasse un million de fois et vous 
prie, d'etre assuree, que je vous aime de tout mon coeur." Wie ver- 
scbieden die Briefe und Verse Michelangelos an Vittoria 
Colonna, die, wie Scheffler^^) bemerkt, bereits einc fromme 
Matrone mit „kaltem platonischen Lacheln** war, als der Siebenund- 
funfzigjahrige sie kennen lernte, dabei die einzige Frau, die in seinem 
Lcben eine RoUe spielte, und die seinen Freunden geweihten (iedichte, 
die liebestrunkenen, uberschwanglichen Sonette an Tom mas o C a- 
valieri, mit dem ihn ein 32 jahriges fcstes Freundschaftsverhaltnis 
verband ; die Briefe an den gleich empfindenden R i c c i o , auf dessen 
Liebling, den im 17. Lebensjahre verstorbenen Cecchino Bracci er 
riihrende Epitaphien verfaBt, die Liebeslieder an Febo di Poggio, 
von denen eines beginnt: 

„Vor Deiner Augen Pracht 

Sinkt jeder Blick, der Trotz ist iiberwundenl 

Wenn einer je den Freudentod gefunden, 

Geschieht's in solchen Stunden, 

Wo Schonheit unterliegt der Liebe Macht." 

Vergebens hat sich ein Groi3neffe Michelangelos bemiiht, 
den Text der Sonette einer ,, Revision** zu unterziehen, indem er den 
„Si^or** in eine ., Donna*' verwandelto. Die erst im Laufe des 
vorigen Jahrhunderts veroffentlichten Briefe Michelangelos ^^) haben 
den frommen Betrug der Neffen, der nioht vereinzolt in der Literatur- 



9) Gotti, Vita di M. A., Firenze 1875. 

i<i) Jahrb. f. sex. Zw. 11. Jahrg. pag. 257 8. 

") Wie Numa Pratorius erwahnt. ist ein groBer Teil der 
an M. - A. gerichteten Briefe noch nicht veroffentlicht. Wahrscheinlich 
liegt der Grund dieser Saumnis in dem allzu deutlichen Charakter 
dieser Korrespondenz. Jahrb. f. sex. Zw. XL Bd. pag. 25G. 



Digitized by VjOOQIC 



104 

feschichte steht, zur Evidenz aufgedeckt. i*) Heute kann es keinem 
weifel mehr unterliegen, daB das, was Michelangelo fiir die C o 1 o n n a 
fiihlte, Freundschaft, und das, was er fiir Cavalieri empfand, 
Liebe war. Und ebenso daB Christine, die ebenso wie er un- 
vermahlt blieb, und die einst Oxenstierna i'), als er ihr ein 
Eheprojeki unterbreitete, antwortete: „Non sit alterius, qui suus esse 
potest**, fiir Manner Freundschaft, fiir Frauen Liebe 
empfand. Sehr fein charakterisiert der groBe Historiker Leo- 
pold von Ranke, der ihr in seinem Werke „Die romischen Papste 
in den letzten vier Jahrhunderten" ein besonderes Kapitel gewichnet 
hat, ihre Mannerfreundschaften in folgendem Satze: „Sie hatte deo 
Ehrgeiz, beriihmte Leute an sich zu ziehen, ihres Unterrichts zu 
genieBen — sie bemachtigte sich in kurzem der wichtigsten alten 
Autoren, und selbst die fiirchenvater blieben ihr nicht tremd. Im 
Jahre 1650 erschien Salmasius, endlich ward auch Cartesius 
bewogen, sich zu ihr zu begeben; alle Morgen um 6 Uhr hatte er die 
Ehre, sie in ihrer Bibliothek zu sehen; man behauptet, sie habe seine 
Ideen, ihm selbst zur Verwundening, aus dem Plato abzuleiten ge- 
wuBt. Es ifit gewiB, daB sie in ihren Konferenzen mit den Gelehrten, 
wie in ihren Besprechungen mit dem Senat die tJberlegenheit des gliick- 
lichen Gedachtnisses und einer kiihlen Auffassung und Penetration 
zeigt: „ihr Geist ist hochst auBerordentlich", ruft Naud&us mit 
Erstaunen aus. „Sie hat alles gesehen, alles gelesen, sie weiB alles." 

Zu einem Weibe allerdings ftLhlt sich der Homosexuelle 
in einer ganz besonderen Liebe hingezogen: zu seiner Mutter, 
und auch hier fehlt nicht die Analogic, die uns oft ein besonders 
inniges Verhaltnis zwischen der urnischen T o c h t e r und ihrem 
Vater zeigt. Das Attachement des Homosexuellen an seine 
Mutter ist so typisch, dafl die Freudsche Schule in diesem 
„Mutterkomplex" eine Ursache der Homosexualitat tat er- 
blicken wollen. Ich halte diese Folgerung fur einen 
Trug scblufi. Der Homosexuelle entwickelt sich nicht zum 
Uming, weil er sich schon als Kind zu der Mutter so stark 
hingezogen fiihlt, sondern friiher ahnend als wissend lehnt er 
sich in dem unbestimmten Geftihl seiner Schwache und Sonderart 
an die Mutter an, die ihrerseits, ebenfalls instinktiv^ ihn oft 
zu ihrem Lieblingskinde macht. 

Auch hier mogen einige Beispiele das eigenartige Verhaltnis illu- 
strieren. Zunachst eine Schilderung, die ich den Aufzeichnungen 
eines Homosexuellen entnehme, den ich zu begutachten hatte. Er 

^2) Vergl. Ludwig von Scheffler: M.-A. Eine Renaissance- 
studie. Altenburg 1892. — M.-A. Buonarotti; Epistolario pubb- 
licato da G. Milanesi 1888 und M.-A. Buonarotti di F. Par- 
lagroco. Napoli 1888. — Wilhelm Lang, Die Gedichte M.-A.'s. 
PreuB. Jahrbiicher 70. Bd. 4. Heft 1892. — Arch, di Psichiatr. XL 
3 — 4, 1890 und Cesare Lombroso: Entartung und Genie. Neue 
Studien. Deutsch von Kurella. Leipzig 1894. p. 24. — Anton 
Springer: Raffael und M.-A. 2. Bd. 3. Aufl. Leipzig 1896. 
p. 301. — Hermann Grimm: Leben M. -A.'s. 2. Bd. f. Aufl. 
Berlin 1894. p. 348 f. — Dr. Numa Pratorius: M. -A.*s Urning- 
tum. Jahrb. f. sex. Zw. IL Bd. p. 254 ff. 

13) Vergl. Dr. R. S c h u 1 z e , Das Pro jekt der Vermahlung Fried- 
rich Wilhelros von Brandenburg mit Cl^ristin^ vpn Scfeweden. 



Digitized by VjOOQIC 



105 

hatte leichtfertige Handlungen begangen, die ihn mit dem Gesetz 
in KoDflikt brachten ; indem er diese auf den bedriickten Zustand 
zuruckfiihrt, in den er durch den Tod seiner Mutter versetzt war, 
schreibt. er: 

„ileine Mutter war mein Alles, sie war mein bester Freund, sie 
war das alpha und omega meines Lebens. Fiir sie hatte ich viele 
schone Plane geschmiedet, um ihr Alter zu verschonern . . . Da er- 
eignete sich die Katastrophe, die fast die Vernichtung meines Lebens 
bedeutete, der Tod entriB mir meine so innigst geliebte Mutter. Die 
Nachricht ihrer Erkrankung, die mich das Schlimmste befiirchten 
lieB, traf mich im Norden von Irland, und die Qualen, die ich in 
den zwei Tagen und zwei Nachten auf der Reise nach Deutschland 
ausstand, konnen keine Worte beschreiben. Leute verlieBen mein 
Coup^ in der Bahn, weil sie fiirchteten, ich konne wahnsinnig werden. 
. . . Ich pflegte meine Mutter Tag und Nacht drei Wochen lang, da 
entriB sie mir Gott, und ich blieo als einsamer Wanderer, an Leib 
und Seele gebrochen, zuruck. Dies war ein Schlag, von dem ich mich 
nie wieder erholen konnte. Ich kehrte des Vergessens wegen in 
meine alte Tatigkeit nach England zuriick, aber alles war umsonst. 
Vergessenheit gab es fiir mich nicht, der Schmerz nagte Tag und 
Nacht an meiner Seele und meinem Korper. Ich hatte alle Wider- 
standsfahigkeit verloren. So ging ich wieder nach meiner Heimat 
in das alte Familienhaus, wo meine Familie schon 100 Jahre gelebt 
hatte. Oft war ich dem Wahnsinne nahe und fiihlte mich nur etwas 
ruhiger auf dem Friedhofe an den Grabern meiner El tern. Da ich keine 
Ruhe fand, reiste ich. In alien Kirchen und Kathedralen der Stadte 
und alien Kapellen der Dorfer habe ich Gott fiir die Seele meiner 

feliebten Mutter angefleht. Der ewig qualende Schmerz iiber den 
od meiner geliebten Mutter hatte meine Nerven sehr angegriffen 

Durch diese heftigen Gemiitsbewegungen fiihlte ich mich wie gelahmt, 
mein Denkvermogen war wie paralysiert, ich verfiel in Triibsinn und 
Melancholie, obgleich ich mich oft anstrengte, mich aufzuraffen. Ich 
gab alien Briefwechsel auf, da niemand mich zu trosten vermochte. 
Als die Welt, die zwischen meiner Mutter und mir herrschte, erlosch, 
hatte das Leben kein Interesse mehr fiir mich." 

Bei dem Heterosexuellen, der das, was ihm die Eltern waren, 
auf die Kinder 'tibertragt, werden wir solchen Gefiihlsliber- 
schwang nur selten finden, bei dem Urning ist eine so starke 
Fixierung an die Mutter haufig. Wie zwanglos sie sich erklart, 
ohne dali wir notig haben, zu Inzesthypothesen unsere Zuflucht 
zu nebmen, moge das folgende Beispiel zeigen, das der Schrift- 
steller M. S., dem Leben foljgend, entworfen hat. 

„Der kleine muntere Jiinge, der gerne mit den kleinen gleich- 
altrigen Madchen spielte, mit ihnen sang und tanzte, aber die der- 
beren Knabenspiele scheute, wurde deswegen viel gehanselt. Er konnte 
so anmutig sein, daU ihn die Dienstmadchen oft in Miidchenkleider 
steckten, und wenn man ihm bei den Kindervorstellungen die Miidchen- 
roUen zuteilte, war er vollig in seinem Element. Der Vatcr ver- 
achtete ihn deswegen ein wenig, ihm war der jiingere Sohn in seiner 
flotten Knabenhaftigkeit lieber. Vor dem Zorn des Vaters fliichtete 
er zur Mutter, die ihn oft mit ihrem Leibe vor den Schlagen des 
Vaters schutzte. Der kleine Junge fUrchtete den Vater schon, wenn 
dieser ihn nur unzufrieden anblickte, seine Hiinde zittcrten und scino 
Seele bebte. Alles das sah die Mutter mit steigender Sorge. Oft saB 
der Jungo tiefbekiimmert da, er traumte offenen Auges und die 
Trauen flossert die Wangen herab. Tnmitten seines Kummers fuhlte 



Digitized by VjOOQIC 



106 

er sich plotzlich umarmt, gekuBt, die Mutter hielt ihn fest um- 
schlungen; sie zog sein kleines Gesicht an das ihrige, und ihre Tranen 
flossen zusammen, bis sie ihn getrostet hatte, und seine Augen wieder 
lachten. Das waren unvergefiliche Momente im Leben des homo- 
sexuellen Kindes. Er spiirte, daB sein treuester Freund die Mutter 
war, und sein dankbares Herz malte sich aus, wie er sie beschenken 
und ehren werde, wenn er einmal groB sein wiirde; wie sie strahlen 
sollte neben ;ainderen Miittern. Sein ganzes Wiinschen und Hoffen 
drehte sich um sie. Ihretwegen machte er seine Schulaufgaben, ihret- 
wegen hxitete er sich, den Vater zu erziirnen; sie sollte nicht seinet- 
weffen gescholten werden. Sie zufrieden zu sehen, war sein Lebens- 
ziel. DaB sie es nicht war, fiihlte er, ebenso wie daB auch er daran 
mitschuldig flei, und mit verdoppelter Zartlichkeit hing er an ihr, 
der stillen Dulderin. 

Inzwischen ward er 16 Jahre, es reifte in ihm das Geschlecht, 
und eine verwirrende Unruhe erfaBte ihn. Die Kameraden erzahlten 
ihm gaJante Abenteuer. Nichts von allem, was sie gliicklich machte, 
verspiirte er. Er fiihlte sich vielmehr tief ungliicklich, als sein bester 
Freund ihn mit einem Madchen „verriet". Er fing an, sich iiber sich 
selbst klarer zu werden, und die erschreckende Erkenntnis, daB er 
sic]i seiner verirrten Gefiihle zu schamen hatte, machte ihn erbeben. 
Er wollte alles daran setzen, in die rechte Bahn zu kommen. Aber 
hier zu Hause konnte er mit seinem Geheimnis nicht leben; seiner 
Mutter, die er iiber alles liebte, wollte er das Herz nicht erschweren; 
er muBtc fort; so verlieB er das Elternhaus, ging in die Fremde, um 
sein Geschlechtsleben zu reparieren. In der Feme erhielt er die 
zartlichen Briefe seiner Mutter, an die er wie an eine Geliebte schrieb. 
Nach zweijahriger Abwesenheit kehrte er in die Heimat zuriick. Sein 
Leben entwickelte sich fortab unter den Augen der Mutter, in der 
er den Inbegriff aller Weiblichkeit sah. Seine Liaisons mit Frauen 
waren keuscn. Er verehrte sie und hatte das Verlangen, ihnen zu 
dienen. Friih ward er ihr Vertrauter, denn seine weibliche Seele 
machte ihn zu ihrem natiirlichen Genossen. Dennoch war er tief un- 

glucklich, da seine Gefiihle fiir sie sich nie in Sinnlichkeit umsetzten — 
ie geschlechtliche Anziehung blieb aus. Erst leise 
und immer lauter meldete sich die Sehnsucht zu sterben. Er war also 
nicht „geheilt", die arztlichen Beriihmtheiten mit all' ihrer Wissen- 
schaft hatten ihm nicht geholfen. Das wurde ihm GewiBheit, als 
ihn eines Tages heftige Leidenschaft, unzweideutige Liebe zu einem 
seiner Freunde erfaBte. Vergeblich suchte er dieses Gefuhls Herr zu 
werden, igegen das sich sein Sozialgefiihl straubte. Denn diese Nei- 

fung war verfemt. Und er brachte seine Liebe abermals zum Weibe. 
Tmsonst, er liebte das Weib nur platonisch, konnte es nicht 
anders lieben. Der aufreibende Kampf mit sich und dem Vorurteil 
der Welt, die ihn entehren wiirde, hatte sie die Wahrheit auch nur 
geahnt, machte ihn nervenkrank. Immer war es die Mutter, welch.e 
mit alien erdenklichen Mitteln ihn der Lebensfreude wiederzugeben 
suchte. Noch wuBte sie nichts. Sie war so diskret, offnete keinen 
seiner Briefe, drangte sich nicht in sein Geheimnis. Sie sah mit 
stummem Schmerz das Drama ihres Kindes und bewahrte es als tiefes 
Geheimnis selbst vor dem Gatten. Des Nachts, wenn sie den Solin 
schlafend jglaubte, wahrend ihr Mutterherz wachte, erhob sie sicli 
vom schlaflosen Lager, offnete leise die Tiire zu seinem Gemaclx, 
trat leise an sein Bett, das von einem Lichtstrahl der StraBenlaternen 
beschienen war, schaute ihm ins Gesicht, hauchte einen KuB a.uf 
seine miide Stirn, und ging dann an das Fenster, um mit gefalteten 
Handen ein stummes Gebet zum Sternenhimmel zu senden. Uann ent- 
fernte sie sich, wie sie gekommen war. Der Sohn hatte unter zittem- 
den Wimpem alles gesehen, er hielt an sich, um nicht in TrsLnen 
auszubrechen. 



Digitized by VjOOQIC 



107 

Nach langem Kampfe hatte der Sohn der Stimme der Natur 
gehorcht — seiner Natur. Er hatte sich dem Freund anvertraut, 
den er inbriinstig liebte. Er zog ihn in das Haus seiner Eltern. Der 
Vater fiihlte sich vom Freunde seines Sohnes instinktiv abgestoBen. 
Er sail es nicht gerne, daB sein Sohn so groBen Wert auf dessen 
Naho legte, daB er ihm ein durch die Heirat seines Bruders frei- 
gewordenes Zimmer als Wohnraum einrichtete. Wieder war es die 
Mutter, die alles in Ordnung brachte. Sie kannte ihren Sohn, sie 
wuBte, daB ihr Kind keinen schlechten Instinkten folgte; sie ver- 
traute seinen Motiven, auch wenn sie die Handlung nicht begriff. — 
Eines Tages waren die beiden Freunde im Zimmer des Sonnes in 
der innigen Umarmung eines Abschieds versunken. Sie bemerkten 
nicht, daC jemand die Tiire offnete. Der Sohn erkannte noch den 
Schatteu seiner Mutter, als sie sich rasch zuriickzog, einen Schimmer 
ihrer feinen Seele, die er immer anbeten muBte, je mehr er die Zart- 
heit ihrer schmerzensreichen Liebe erkannte. — 

Die Mutter starb. Die Tage und Nachte, die ihrem schnellen 
Sterben vorangingen, fanden den Sohn ununterbrochen an ihrem 
Krankenbette. Er zitterte um dieses einzige Herz, das ihn verstatid, 
ohne je ein Wort dariiber zu sprechen. Wie erstarrt sah er den un- 
aufhaltsamen Verfall dieses kostbaren Lebens. Seine Augen waren 
fest auf sie gerichtet, wie um das enteilende Bild fiir immer fest- 
zuhalten; sie aber schaute mit unendlicher Giite auf ihn, dessen 
Hand sie festhielt, um sie mit Kiissen zu bedecken. Einen Augen- 
blick blieben sie allein. Da erhob die Sterbende sich von den 
Eissen, blicktc um sich, ob sie auch niemand anders horen konnte, 
und dann sagte sie zum Ohr des Sohnes geneigt : „GriiBe mir 
deinen Freund, sage ihm, daB ich ihn segne." Dann 
fiel sie in die Kissen zuriick. Es war das erste Mai, da5 sie es aus- 
spracb, wie tief sie in die Seele ihres Kindes geblickt hatte. 



Digitized by VjOOQIC 



VIERTES KAPITEL 

Kindheit und Relfezeit urnischer Knaben und MSdchen. 

Frahdiagnose der Homosexaalit&t. 

Dfiis Zufiammengehorigkeitsgefilhl homosexueller Knaben zu 
heterosexuellen Madchen und homosexueller Madchen zu hetero- 
sexuellen Knaben, diese anfangs noch so unbestimmte Empfin- 
dung, „anders als die andern" zu sein, ist nichts lauSerlich 
Aufgesetztea, sondem der unmittelbare AusflulJ der femininen 
oder virilen Komponente im urnischen Kinde. Es ist ein 
Fehler vieler Forscher auf diesem Q^biete, dali sie das Ge- 
schlccliteleben vielfach als Erscheinung fiir sich, losgelost von 
der Pers5nlichkeit, untersuchen, mit der es in Wirklichkeit ganz 
untrennbar verbunden ist. Sciion in einer meiner ersten Arbeiten 
iiber diesen Gegenstand, in dem Leitartikel der Jahrblicher ftir 
sexuelle Zwischenstufen, schrieb ich: „Der homosexuelle Mensch 
darf nicht allein in seiner Sexualitat, er muli in seiner gesamten 
Individualitfit aufgefalit und erforscht werden. Seine geschlecht- 
lichen Neigungen und Abneigungen sind nur Symptome, se- 
kundM.re Folgeerscheinungen, das Primare ist seine 
Psyche und sein Habitus in ihrer Gesamtheit." 

Man hat demgegeniiber geltend gemacht, dafi den mannlichcD 
und weiblichen Einschlagen, auf die man bei der Beschreibung urni- 
scher Individualitaten den Hauptwert gelegt hat, ein so hoher dia- 
gnosiischei* AVert nicht beigemessen werden konne, da sich die meisten 
dieser Merkmale gelegentlich auch bei Nichturningen finden und an- 
dererseits Urninge sie nicht selten vermissen lassen. An der Tat- 
sache an sich, dafl namlich auch bei heterosexuellen Mannern dann 
und wann feminine Stigmata, etwa hohe Stimme oder Bartlosigkeit, 
und ebenso bei heterosexuellen Frauen virile Zeichen, wie Bartwuchs 
oder Mannerbecken, vorkommen, ist an sich nicht zu zweifeln, nur 
iibersieht man, daB es bei samtlichen Geschlechtscharakteren auch 
unter vollig normal sexuellen Verhaltnissen stets nur auf das durch- 
schnittliche MaB ankommt, daB der Begrif f der Norm hier mehr 
noch wie sonst nur ein relativer, also mit dem Begriff der 



1) J. f. sex. Zw., Jahrg. I, pag. 4ff. : Die objektive Diagnose der 
Homosexualitat. 



Digitized by VjOOQIC 



109 

Mehrheit zusaznmenfallender ist. Daa ist begrundet in der sexuellen 
Variabilitat iiberhaupt, die ihrerseits allerdings eine absolute ist, 
da es zwei gleiche Sexualindividualitaten iiberhaupt nicht gibt. Vollig 
irrtiiinlich ist es, aus den Abweichungen von der Kegel einen SchluB 
auf die Ungiiltigkeit der Kegel iiberhaupt zu Ziehen. Nehmen wir 
ein Paradigpa: In den anatomischen Lehrbiichern heiBt es, daB die 
mittlere GroBe des Mannes 167, die des Weibes 156 cm betragt. Wie 
auBerordentlich haufig kommt es nun aber vor, daB bei einem Ehe- 
paare der Gatte kleiner ist als die Frau. Es scheint fast, als ob 
kleine, zierlich gebaute Manner sich morphotaktisch oft gerade von 
groB und stark gewachsenen Frauen angezogen fiihlen. Trotzdem 
ware es natiirlich toricht zu behaupten, der anatomische Satz: „der 
Mann ist groBer als das Weib" sei unrichtig. Die Kegel bezieht sich 
eben nur auf das Gewohnlichere und Haufigere. 

Jedenfalls erleichtern gynandrische Zeichen die Diagnose 
der Homosexualitat wesentlich. Dali meist nur einige Abwei- 
chungen vom Sexualtypufi vorhanden sind, kann den Arzt um 
80 weniger verwundern, als, wie wir wissen, niemals weder im 
BereicJi des Pathologisehen noch innerhalb der Breite des Physio- 
logificheu a lie Symptome einer Erscheinung vorhanden sind. 
G>3heii diejenigen zu weit, die aus dem Schwanken alterosexueller 
Mtrkniale, dem gelegentlichen Fehlen einzelner oder scheinbar 
aller ihre diagnostische Bedeutungslosigkeit folgern, so gehen 
nach der anderen Seite auch diejenigen in ein Extrem, die 
diesen Zeichen eine allzu spezifische Bedeutung zuschreiben, 
etwa meinen, je ausschlieBlicher eine f'rau homosexuell sei, 
um so viriler mtisse sie sein; mit der Homosexualitat einer 
Frau, der man nichts anmerke, konne es „nicht weit her" sein, 
oder die wie Ulrichs glauben, ein Homosexueller, der viele 
ieminine Zeichen hat, ftihle sich nicht zu jungen bartlosen; 
Leuten hingezogen, sondern nur zu reiferen, alteren Mannern. 
Alle diese mehr theoretischen Konklusionen halten gegeniiber 
einer ausgiebigeren praktischen Erfahrung nicht stand. Nur 
zeigt sJch bei gewissenhaf tester Priifung und Untersuchung der 
Homosexuellen, bei langerer Beschaftigung mit ihrem Zustand, 
daB die homosexuelle Frau in ihrem Gesamtstatus, namentlich 
dem psychischen, niemals den voU weiblichen Frauen gleicht, 
dafJ sie zwar wesentlich femininer als die viril 
homosexuelle Frau, aber nicht so feminin wie 
ein Weib ist, und daB es ganz ahnlich mit den homosexuellen 
Mfinnern ist. Auch hier gibt es viele, denen man auBerlich 
nichts anmerkt. BewuBt und unbewuBt erstreben die oneisten 
dies auch ; fast taglich richtet unter den Homosexuellen, die 
mich aufsuchen, der eine oder andere die Frage an mich, ob 
man ihm wohl „etwas ansehen** konne. Sehr oft ist dies zu 
verueinen, denn viele machen in der Tat zunachst einen ganz 
mftimlichen Eindruck. Siets wird aber auch bei ihnen der 



Digitized by VjOOQIC 



110 

sorgsame Expert nach und nach zum mindesten psychische 
Zeithen finden, welche die tJbergangsstufe charakterisieren. Ich 
kenne hier keine Ausnahme. 

Ulrichs Angabe ist in diesem Punkte um so bemerkenswerter, 
als er, wie mir viele, die ihn personlich kannten, beispielsweise Mar- 
chese Persichetti, versicherten, keineswegs feminin wirkte. In 
„Inclusa"*) schreibt er: „Abge9ondert von der weiblichen Richtung 
unseres geschlechtlichen Liebestriebes tragen wir Urninge noch ein 
a n d e r e 8 weibliches Element in uns, welches, wie mir scheint, den 
positiven Beweis liefert, dafi die Natur in uns korperlich 
den mannlichen Keim entwickelte, g e i s t i g aber den weib- 
lichen. Dieses andere weibliche Element tragen wir in uns von 
unserer ersten Kindheit an. Unser Charakter, die Art wie wir 
fiihlen, unsere ganze Gemiitsart ist nicht mannlich, sie ist ent- 
schieden weiblich. Dieses innere weibliche Element ist auCerlich an 
uns erkennbar durch ein auBerlich hervortretendes weibliches Wesen. 
Nur insofern ist unser auBeres Wesen mannlich: als Erziehung, die 
stete Umgebung in der man uns aufwachsen lieB, und die soziale 
Stellung, die man uns gab, mannliche Manieren uns kunstlich aner- 
zogen haben." 

Wie die seelischen In- und Deklinationen sich bereits in 
friiher Jugend verraten — Westphal meinte, daU ihre ersten 
Anzeichen im a c h t e n Lebensjahr in die Erscheinung treten — , 
so ist auch der sexuelle Eigenstatus, namentlich in seinen 
psychischen Ztieen, meist lan^e vor der Pubertat bemerkbar. Er 
iat fur die Friihdiagnose sogar oft bezeiclinender als die Zu- 
und Abneigungen. Je mehr unsere Kenntnis der urnischen 
Natur sich erweitert, um so frtihzeitiger wird hier eine Er- 
kenntnis moglich sein. Es erscheint nicht ausgeschlossen — 
wenn schon es wohl vorlaufig noch gute Weile haben wird — , 
daU wir einmal dahin gelangen werden, an dem verschieden- 
artieren Plus oder Minus der Evolution bereits bei der Geburt 
die Angehorigen des dritten Geschlechts wie die der beiden 
anderen bestimmen zu konnen. Jedenfalls ware aber ein Ver- 
setzen des Ursprungs der ETomosexualitat in das achte Lebens- 
jahr ebensowenig gerechtf ertigt, wie ' ihre Zurtickf uhrung auf 
das fiinfte Jahr. — Magnan^) schrieb: ,,Die Verkehrung des 
geschlechtlichen Empfindens (inversion du sens genital) laacht 
sich schon in friiher Jugend, zuweilen vom ftinften Jahre 
an geltend, also bevor fehlerhafte Erziehung oder lasterhafte 
Gewohnheit den Menschen verderben konnen", — oder wie es 
einigo Autoren der Freudschen Schule tun auf das viert« 
Lebensjahr. 



2J K. H. Ulrichs, Inclusa, p. 26 f. 

*) Mag nan, Psychiatrische Vorlesungen, II./III. Heft iibersetst 
von Mobius, Leipzig 1892; II. aus dem Jahre 1887 stammende Vor- 
lesung S. 26. 



Digitized by VjOOQIC 



Ill 

Ebenso scharfsinnig wie zutreffend bemerkte schon vor mehr 
als 20 Jahren von Schrenck-Notzing*): „Sehr wichtig 
fur die originare Anlage zur kontraren Sexualempfindung ist 
derNachweis, dali sich der weibliche Typus im mannlichen Kinde 
schon vor der Zeit der ersten sexuellen Regungen (vor der 
Pubertat) charakterologisch entwickelt hat, und daiJ 
aufl diesem weiblichen Charakter, als eine folgerichtige Teil- 
erscheinung, weibliches Geschlechtsgefiihl entstand ohne einen 
Zwang der auBeren Verkaltnisse**. v. Schrenck hielt, als er dies 
schrieb, diesen Nachweis nicht erbracht, heute scheint es mir 
sicher zu stehen, daU der Uranier von vornherein den Stempel 
seiner korperlichen und geistigen Eigenttimlichkeit tragt. Seine 
Besonderheit ist von frtihester Jugend vorhanden, wahrend sie 
bei anderen, trotz gleicher Erziehung und gleichem Milieu, fehlt. 
Jedcr Homosexuelle erinnert sich, daU er anders geartet war als 
die gewohnlichen Knaben. Sehr oft war ihm die Tatsache, 
wenn auch nicht die U r s a c h e , schon wahrend der Schulzeit 
klar. Weniger von ihm selbst, als von seinen Angehorigen und 
Pernstehenden wird in dieser Eigenart das Madchenhafte er- 
kannt. 

Wir geben einige Urteile der Umgebung wieder, die uns in groBter 
Mannigfaltigkeit vorliegen. Ein homosexueller Schriftsteller scnreibt: 
„Das Wort : ,Du warst besser ein Madchen geworden*, habe ich unend- 
lich oft horen. miissen. Als fiinf jahriger Junge nahm ich oft ein Tuch 
und schlug es um, so daU es schleppte, und sagte: nun bin ich ein 
Madchen; das war mein groBtes Vergniigen." Ein urnischer Chemiker 
berichtet: „Ich war als Kind sehr artig und habe im Gegensatz zu 
meinen Briidern von meinen Eltern nie Priigel bekommen. Onanie blieb 
mir bis heute unbekannt. Die wilden Knabenspiele waren mir zuwider, 
ich schloB mich mit Vorliebe an Madchen an und hatte deswegen v i e 1 
Neckerei und Spott zu erdulden; das war mir sehr un- 
angenehm, doch konnte ich nicht dagegen an. Ich liebte zu nahen, 
zu stricken, beim Eochen und Backen zu helfen und mich mit Bandern 
wie ein kleines Madchen zu schmiicken. Es ist mir noch jetzt sehr 
peinlich, wenn diese Jugenderinnerungen von Verwandten ausgekramt 
werden." Andere Mitteilungen von Urningen lauten: „Im Kadetten- 
korps hiefi ich die keusche Jungfrau." „In der Schule nannte man 
mich allgemein Fraulein." „Als ich 13 Jahre alt war, sagte unser 
Hausarzt, ich sei kein Kerl, sondern ein hysterisches Frauenzimmer." 
„Mein Vater rief mich immer Wilhelmine". „In der Tanzstunde 
uannten mich die Damen: Willy mit den Madchenaugen". ,, Schon 
zu Hause, wie spater in der vornehmen Gesellschaft fiihrte ich den 
Spitznamen: Baronesse". „Wenn ich einen Stein in die Luft warf, 
sagten die Jugendgespielen : ,Da Widdigs Jong wirft grad wie ein 
Madchen*." „Meine Mutter sagte von mir, ,er ist meine kleine Tochter*.** 
.,Von mir und meiner altesten Schwester hieB es stets, wir seien ver- 
wechselt worden". „Man meinte stets, meine Schwester hatte der 
Junge und ich das Madel werden sollen". „Als Kind hieB ich schon 
Mademoiselle". Urnische Damen berichten: „So lange ich denken 
kann, wurdc ich boy genannt". Eine andere: „Schon als Kind trug 

*; A. a. O. S. 194. Aus dem Jahre 1892. 

Digitized by VjOOQIC 



112 

ich mit Vorliebe Miitze und Rock meines Vaters, kletterte auf die 
hoohsten Baume und wurde immer Junge gerufen". Eine Dritte: „Ich 
nierkte bereits im 6. Lebensjahr, daB ich anders war. Es wurde haufig 
gesagt: ,,an dir ist ein Junge verdorben". Eine andere: ,Jch zog 
Jungenspiele vor, besaB Bleisoldaten und einen Spazierstock. Beim 
Spielen war ich immer der Vater. Ich zog mich von der Schulzeit an von 
den Altersgenossinnen zuriick." Bemerkungen wurden gemacht: „Sie 
ist der reine Junge." Madchen fand ich entsetzlich dumm und laiig- 
weilig. Weibliche Kinderspiele verachtete ich. Die Knaben betrach- 
teten mich als zu ihnen gehorig. Man nannte mich bis zu meinem 
12. Jahre immer ,Willi*." Und noch eine andere teilt mit: 

„Ich zog heimlich die Kleider meines jiingsten Bruders an, schnitt 
kiihn entschlossen mein wundervolles Haar stb, nahm Cberzieher und 
Stock und musterte mich vor dem Spiegel, — die Mannertracht stand 
mir vortrefflich. Mein Kopf war so kostlich leicht und frei ohne die 
schweren Flechten, meine Muskeln fuhlten sich stahlhart an, und 
mit dem lastigen Mieder fiel jeder unertragliche Weiberzwang von mir 
ab. Ich fiihlte mich zum ersten Male ganz als Mann — es war ein 
Hochgefiihl ohne gleichen." 

Charakteristisch durch ihr weibliches oder mannliches Greprage 
sind oft die Kinderphotographieen der homosexuellen Manner 
und Frauen. 

Oft untersttitzen die Angehorigen die Veranlagung urnischer 

Kinder und beschaftigen sie dementsprechend. Die Vater fiihlen 

sich zu urnischen Tochtern besonders hingezogen — die Mutter 

verwenden hingegen ikre urnischen Sohne gern zu allerlei haus- 

lichen Beschaftigungen. Man glaube jedoch nicht, daB erst 

durch die Erziehung diese femininen oder virilen Eigenschaften 

hervorgerufen werden, bei einem nicht urnischen Knaben wiirde 

die Mutter tiberhaupt nicht seiche Verwendung versuchen. Wenn 

Krafft-Ebing in seiner Epikrise des Falles der Grafin 

Sarolta Vay schreibt: „eine Marotte des Vaters war es unter 

anderen, dali er S. ganz als Knaben erzog, sie reiten, kutschierea, 

jagen lieli, ihre Energie als Mann bewunderte, sie Sander nannte. 

Dagegen lieli dieser narrische Vater seinen zweiten Sehn in 

W^jiberkleidung gehen und als Madchen erziehen", so darf man 

zugunsten des Vaters annehmen, dali er vermutlich nur der 

ausgesprochenen Neigung und dem starken Drangen der Kinder 

all zu willfahrig entgegenkam. 

Auch Oskar Wilde soil, wie S h e r a r d berichtet, von seiner 
Mutter, die iibrigens viele virile Ziige aufwies, noch als groBerer Kna1:>e 
oft in Madchenkleidern gesteckt worden sein. Mir haben die Mutter 
von Urningen wiederholt oerichtet, wie ungliicklich ihre Kleinen waren, 
als sie „die ersten Hosen" erhielten, wie so nichts von Stolz in ihnen 
war, mit dem diese Umkleidimg echte Jungen erfiillt. 

Ulrichs*) erzahlt von sich selbst: „Sehr schmerzte es micli, 
als ich zuerst „Jungenszeug" anziehen muBte. Oft habe ich in jener 
meiner ersten Kindheit, wie man mir spater erzahlt hat, klagend und 
protestierend gesagt: ,Nein, ich will ein Madchen sein*. Ich bin cLa- 

*) U., Memnon, pag. 113/14. 

Digi^tized by VjOOQIC 



113 

niaia nooli so idein gewesen, daB ich das Wort yMadchen' noch nicht 
einznal auszusprechen yermocht« und dafiir ,Madzeii' gesagt habe." 

Auch hier einige Beispiele elterlichen Nachlebens. 

£in junger Leutnant erzahlt: „Sobald ich dem Schul- 
zimmer entflohen war, elite ich zu meinen Freundiimen. Meine 
Mutter liebte es, mich zu ihren Greschalts^angen mitzunehmen 
udd fragte mich dann bei Einkaufen: wie mir dieses oder jenes 
gefiele. Bei jedem neuen Hute, den sich meine Mutter kaufte, wurde 
ich als ModeU verwandt, das heifit, mir wurden die verschiedenen 
Damenhiite auf den Kopf gesetzt und der mich am besten kleidete, 
den erkor meine Mutter fiir sich. „Du siehst wie ein kleines Madchen 
aus, sagte mir meine Mutter haufig bei der Hutprobe, schade, daB 
du keiu Madel geworden bist." Derselbe Gewahrsmann gibt noch 
folgende sehr bezeichnende Schilderung: „Mein Vater war Offizier 
und seinem Willen gemaB soUten seine drei Sohne auch Offiziere 
werden. Ich stand im 13. Lebensjahre, als ich zum Kadettenkorps ein- 
berufen wurde. Von meinen Vorgesetzten habe ich nur Gutes er- 
fahren, da ich selbst ein recht braver Schiiler war und zum Tadeln 
wenig Veranlassung bot. An den wilden Jugendspielen beteiligte ich 
mich wenig und nur auf hoheren Befehl, mein liebstes .waren Plauder- 
stiindchen mit gleichgesinnten Eameraden, die wilden mied ich, eines 
Tages aber konnte ich die Erfahrung machen, daB ein solch wilder 
Bursche eine besondere Zuneigung zu mir faBte, mich ofters mit 
Eleinigkeiten beschenkte und mir half, wo er helfen konnte, dabei 
bemerCte er, ich besaBe ein so „atherisches Wesen", das gefiele ihm 
so, er behauptete, ich duftete inmier nach Vanille. Im Singen war ich 
die Saule des Soprans, wie der Lehrer sich ausdriickte, una als in der 
Literaturstunde SchiUers Jungfrau von Orleans mit verteilten Rollen 
gelesen werden sollte, und es sich um die Besetzung der Jeanne d'Arc 
nandelte, da war mein Lehrer keinen Augenblick im Zweifel und 
iibertrug dieselbe mir unter allgemeiner Akklamation der Kameraden. 
Von da ab behielt ich im Korps den Titel: „Jungfrau von Orleans" 
Oder auch „Fraulein Johanna 1" Die Vorliebe der normalsexuellen fiir 
den umischen Mitschiiler, dessen weibliche Grundnatur sie instinktiv 
herausfuhlen, ist sehr charakteristisch ; so berichtet ein anderer Offi- 
zier, der aujt einer Ritterakademie erzogen wurde, daB, als er 13 Jahre 
alt war. fast alle alteren Knaben in ihn verliebt waren. 

In den Jugenderinnerungen einer homosexuellen Kiinstlerin heiBt 
ea: Von klein an habe ich nie Geschmack an den liblicben Puppen- 
spielen, am Kochen oder Mutter- und Kinderspielen gefunden. Icb 
kletterte lieber auf jede nur erreichbare Leiter, kroch in alle Korbe 
und versetzte durch mein „Schliddern" auf dem glatten FuBboden 
die Madchen in Schrecken. DaB ich haufig dabei tiichtig hinschlug 
und mehr als einmal blutende Hande und Kase davon trug, tat dem 
Vergnugen keinen Eintrag. Meine Puppen behandelte ich iuBerst non- 
cliamnt, sie lagen in alien Ecken und wurden selten hervorgeholt. Da- 
gegen bereitete mir ein kleiner Spazierstock, den man mir einmal 
schenkte, unglaubliche Freude. Ich war vielleicht vier Jahr alt; mit 
meinen kurzen Hosen und dem Enabenpaletot machte ich den Ein- 
druck eines kleinen Dandy, den Spazierstock am Arm, die rechte Hand 
in der Tasche meiner Matrosenkleider (die ich bis zu meinem 15. Jahr 
bevorzugte) ; ich werde nie vergessen, welches „Hochgef\ihl" sich mei- 
ner kleinen Eitelkeit bemachtigte, wenn ich auf diese Art ausgehen 
durfte. — 

Mit fiint Jahren schenkte mir auf unablassiges Bitten eine Kochin 
ein Gewehr. Ich riihrte von alien Geburtstagsgeschenken nichts an, 
stolzierte den ganzen Tag mit „Gewehr iiber" und konnte mich auch 
abends von dem Liebling nicht trennen. Auch spaterhin, bis in diese 
Tage hinein, spielten Waffen eine groBe Rolle in meinen Traumen ; ich 
Hirschfeld, Homosexualitlt. g 



Digitized by V:iOOQIC 



lU 

geriet spater haufig sehr heftig mit meinem jiingeren Bruder zusammeti, 
der sich das Wegnehmea seiner Pistolen, Sabel und sonstigen Armie- 
ruiigen nicht gefallen lassen woUte. . . . Gem setzte ich mir die 
Hiite meiues Vaters auf und machte ,,Papa" nach. . . . Bei Reisen 
an die See lieB ich mich in die Strandburgen als Mitglied eintragen, 
die von Einheimischen und Kurgasten gebaut und verteidigt wiirden. 
Ich kaufte mir einen kleinen holzernen Sabel, setzte meinen Siid- 
. wester nacb Art der Siidwestafrika-Kampfer auf und war bei all^ 
Geschrei und Getiimmel am lautesten. Meine Unbeliebtheit bei den im 
Umkreise unserer Tatenlust befindlichen Badegasten erhohte nur mei- 
nen Stolz. Ich veranstaltete auch oft Wettrennen, wobei es nicht 
ohue wilde Balgerei abging. — Mit 13 Jahren faBte ich den Plan, 
Zoologie zu studieren. Ein Onkel schenkte mir ein Werk — und nun 
begann ich lateinische Namen auswendig zu lemen, kannte jedes 
Tier, jede Gattung und fand ein groBes Vergniigen in der Vergleichung 
dieser und jener Arten und in der Erorterung von allerlei Kreuzungs- 
moglichkeiten. Ich legte mir auch eine Schmetterlingssammlung an 
und fing und praparierte die einzelnen Exemplare selbst. Die so- 
genannte Backfischliteratur fand ich langweilig und ich entsinne 
mich, daC ich einmal bitterlich weinte, als die Heldin ihrem von mir 
so bewunderten Herrengeist entgegen sich am Ende doch ihrem Helden 
ergab. Lieber las ich „Lederstrumpf", „Buffalo Bill" u. a. — Die Eolge 
dieser Lektiire war, daB wir unsere Zimmer in Rauberhohlen verwandel- 
ten und (Tberfalle inszenierten, wobei meine groBe Puppe die geraubte 
Jungfrau darstellte. Meine schonste Kindheitserinnerung ist ein Ferien- 
aufenthalt im Riesengebirge, wo ich im Knabenhemd und Hose die 
Berge durchstreifte. — Es ist eine eigene Sache um Kinderspiele, in 
ihnen liegt oft ein Orakel fiir das zukiinftige Leben." 

Von manchen Seiten, besonders von Tarnowsky, ist 
vorgeechlagen, Knaben, welche zu weiblichen Beschaftigungen 
neigen, recht zu vcrspotten, um so der Entwicklunghomosexueller 
Trie'be vorzubeugen. Es heiiJt die Macht der Erzielbiing weit 
iiberschatzen, wenn man annimmt, dafl dadurch eine so tief 
iu der Personlichkeit wurzelnde Triebkr af t nennenswert beeinf luflt 
wcrden konnte. Wir halten diese prophylaktischen Maflnahmen 
nicht nur fur wirkungslos, sondern auch fiir verhangnisvoll, weil 
si3 geeignet sind, das ohnehin schtichterne, empfindsame urnische 
Kind noch zaghafter und scheuer zu machen. Diese Kleinen 
epliren es instinktiv, dafl sie eigentlich weder zu den Knaben, 
noch zu den Madchen gehoren, ihr Selbstvertrauen leidet unter 
diesem Zwiespalte, sie nehmen alles tiefer und ernster als die 
glcichaltrigen Kameraden. Unter den jugendlichen Selbstmordern, 
die sich wegen gekrankten Ehrgeizes ein Leid an tun, befinden 
sich relativ viel urnische Knaben. Eine wohlbedachte Erziehung 
soil das psycholof^ische Erfassen der Kindesseele zur Grund- 
lagc haben, sie sollte individualisieren, indem sie die vorhandenen 
guten Keime in die rechten Bahnen leitet, die schlechten Anlagen 
liebevoU hemmt. Statt dessen werden in voUiger Unkenntnis 
der urnischen Kindesseele, welche sich schon deutlich von der 
Knabenseele durch eine grciflere Eezeptivitat, von der Madchen* 
seele durch starkere Produktivitat unterscheidet, viele Kcime^ 



Digitized by VjOOQIC 



115 

dereu sorgsame Pf lege sich auBerordentlich verlohnen wlirde, mit 

einer das kindliche Zentralnervensystem oft schwer affizierenden 

Gewalt unterdrtickt. 

Die oft in hohem Grade vorhandene geistige Begabung bei 

urnischen Knaben wird durch eine gewisse Unsicherheit und 

Vertraumtheit, oft auch durch Zerstreutheit infolge allzii reger 

Phantasie beeintrachtigt, doch kommen die meisten reclit gut in 

der Schulo mit ; viele sind Primi ; eine besondere Vorliebe besteht 

f tir fichongeistige Facher, namentlich f iir Literatur, iGe- 

schichte und Geographie, auch fiir Musik und Zeichnen, etwas 

weniger fiir Sprachen, dagegen zeigen sich von 100 urnischen 

Kindorn 90 ungewdhnlich schwach fiir Mathematik veranlagt. 

Merkwiirdig erscheint es demgegenliber, dafl von den iibrig- 

bleibenden lOo/o jedoch 4 eine weit iiber dem Durchschnitt 

stehende mathematische Bef ahigung auf weisen. 

So schreibt ein urnischer Ingenieur: „Ich darf ohne Oberhebung 
sagcn, dafi ich als Knabe das DurchschnittsmaB sicherlich erheblich 
iiberragte. Ich war vor alien Dingen als guter Rechner und Mathe- 
matiker bekannt, und von den Kameraden war meine Hilfe bei ihren 
Arbeiten stark gesucht. Vokabein lernte ich spielend lejcht. Zu 
Hause zu arbeiten hatte ich nicht notig, ich lernte alles bei der ersten 
Durchnahme in der Schule. Das sogenannte Praparieren und Repe- 
tieren kannte ich nicht, ich extemporierte stets, ob es sich um 
lateinische, griechische, franzosische oder englische Klassiker haudelte. 
In Mathematik iiberraschte ich meine Lehrer haufig durch rasche 
elegante Losung der Konstruktionsaufgaben und fand ein groBes Ver- 

fnugen daran, meine Lehrer selbst gelegentlich „hineinzulegen". Den 
rimusplatz hatte ich bis in die oberen Klassen inne." 

Was die iibrigen Facher anlangt, so besteht um die Reife- 
zeit herum bei urnischen Knaben oft eine starke religiose 
Schwarmerei, zum Turnen mangelt es vielen an Muskelkraft und 
Mut, 4och wird dieser Ausfall oft durch Geschicklichkeit und 
astheiisches Wohlgef alien an den korperlichen tlbungen der 
Mitwirkenden und Eifer es ihnen nachzutun, ausgeglichen. Das 
Intercssc fiir den Unterrichtsgegenstand steht bei vielen im 
engsten Zusammenhange mit der Person des Lehrers. Wie sehr 
auch als Schulkind das urnische Madchen ein Pendant des 
urnischen Knaben darstellt, moge der folgende Bericht einer 
homosexuellen Frau veranschaulichen, die sich selbst als Privat- 
-gelehrte bezeichnet: 

„Ich will nicht behaupten, daC ich besonders gern lernte. Ich 
bewaitigte mein Pensum hauptsachlich aus Ehrgeiz. Das Arbeiten 
wurde mir leicht. Etwas einmal hciren oder einmal durchlesen, und 
die Sacho saB und blieb haften. Die schriftlichen Aufgaben schiittelte 
ich mir, sozusagen, aus dem Armel. Aber es ware oft auch das ein- 
malige Durchlesen unterblieben, wenn ich es iiber mich gewonnen 
hatte, in der Klasse einen anderen, als den ersten Platz inne zu 
haben. 

8* 



Digitized by VjOOQIC 



116 

Wir hatten in unserem Stadtchen eine kleine Privatschule fur 
Knaben. Da dieselbe hauptsachlich auf besonderen Wunsch meines 
Vaters eingerichtet worden war, so wurde mir die Erlaubnis erteilt, 
an samtlicnen Unterrichtsfachern teilzunehmen. Das war etwas fiir 
mich. Natiirlich bestarkte mich das noch mehr in dem Glauben, daU 
ich „eigentlich" ein Knabe und kein Madchen sei. Nebenbei hatte ich 
Handarbeitsstunden, Eonversation in den neueren Sprachen usw. Es 
war indessen merkwiirdig, eine so gute Schiilerin ich in den Au^en 
meiner Lehrer war, eine ebenso unausstehliche, trotzige, eigensinnige 
gegeniiber den Lehrerinnen, fiir die ich nicht „8chwarmen" konnte. 
Und zu diesem Gefiihl rifi mich nur die 20jahrige Franzosin fort, weil 
— sie so wunderbar groBe blaue Augen, so herrliches schwarzes Haar 
hatte, iiberhaupt so schon war. Ich erfuhr bald, dafi die Offiziere 
der Residenz meinen Geschmack teilten, worauf ich nicht wenig stolz 
war. Als indessen einer derselben meine Angebetete als Gattin heim- 
fiihrte, hatte ich diesen am liebsten gefordert. Nichts konnte mich 
bewegen, zu der Hochzeitsfeierlichkeit, zu welcher ich geladen war, 
zu gehen. Ich schlofi mich den halben Tag iiber in mein Arbeitszimmer 
ein und stampfte von Zeit zu Zeit heftig auf den Boden. Damals war 
ich 14 Jahre alt. 

Im nachsten Monat soUte unser Elassenunterricht ein Ende haben. 
Die Knaben, meist alter als ich, hatten ihr Einjahrigen-Zeugnis ,4n 
der Tasche", und bezogen das Gymnasium einer groBeren Stadt. Und 
ich, die ich das beste Examen gemacht hatte? Ich wurde nicht auf- 

genommen, weil ich ein Madchen war. Das war die erste wirk- 

liche Enttauschung meines Lebens. Weinen las nicht in meiner 
Natur. Ich mufite handeln, trotzen. Ich wollte dennoch meine Abi- 
turientenpriifung bestehen, und noch friiher als meine Freunde. So 
verschaffte ich mir den Lehrplan des betreffenden Gymnasiums und 
arbeitete mit Hilfe meines Vaters nach demselben. 'Nebenbei trieb 
ich Musik, in welcher ich es jedoch nie zur VoUkommenheit gebracht. 
Fines Tages horte ich, dafi die ganze Stadt in Aufregung war, weil eine 
Dame aus der Gesellschaft, die mir sehr wohl bekannt, in dem jugend- 
lichen Alter von 18 Jahren ihr Lehrerinnenexamen gemacht habe. 
„Wenn es weiter nichts isti" dachte ich, ging zu der Vorsteherin der 
betreffenden Bildungsanstalt und lieB mien von dieser zunachst 
privatim priifen. Mir wurde der Bescheid, daB ich wohl die notigen 
Kenntnisse, aber nicht das vorgeschriebene Alter habe. Was tun? 
Warten hieB die Losung I Ich hatte mir nun einmal vorgenommen, auch 
dieses Examen zu bestehen. DaB man mir auBerdem, gleichfalls wieder 
privatim, die Abiturientenprufung abnahm — noch bevor meine 
fiiiheren Spielkameraden fertig waren — wurde mit vieler Miihe durch- 
gesetzt. Nun ging es in die Schweiz, um mich fiir das Universitats- 
studium zu immatrikulieren." 

ttber ihr Studentenleben fiigt diese Urninde dann nochi 
spater hinzu: 

„Wie ich das Studentenleben zugebracht? Nun, wie alle. In der 
ersten Zeit gebummelt, gekneipt, gespielt, die Freiheit in vollen Zugen 
ausgekostet, auf die Berge geklettert usw. 1 Ich bin eine enthusi- 
astische Naturschwarmerin, und eine schone Landschaft kann mich 
bis zur Trunkenheit begeistern. Der zweite Teil meines Universitats- 
programms hieB jedoch arbeiten. Ich hatte neben Astronomie und 
alten Sprachen die Medizin als Hauptstudienfach ergriffen und wollt-e 
auch hier meinen mannlichen Herren KoUegen nicht im Wissen und 
Konnen nachstehen. So machte ich denn ein recht gutes Examen 
und lieB mich als „Privatgelehrte" in einer der idyllischsten Gegenden 
rueines Vaterlandes nieder. wo ich vereint mit „Ihr*' noch heute ein 



Digitized by VjOOQIC 



117 

Leben fuhre, wie es im Eden nicht himmlischer, nicht seliger sein 
kann." 

Um noch einmal kurz auf die Kinderspiele zuriickzu- 
kommen, so halte ich ihre Beschaffenheit fiir die Diagnostik 
sexueller Zwischenstufen von fast ebenso hohem Wert wie die 
Traume, wobei allerdings in Betracht gezogen werden mnB, 
dali manche Kinder zu Spielen neigen, die weder ein mannliches 
noch weibliches Geprage tragen, und daU es auch solche gibt, 
die tiberhaupt Spielen abhold sind. Ich mochte die Rasuistik 
dieses wichtigen Absohnitts noch mit Mitteilungen aus dem 
Leben zweier bekannter Urninge schlieBen, der Schilderung der 
Kinderspiele von U 1 r i c h s , den ich f tir den feinsten, klarsten 
nnd gewissenhaftesten Selbstbeobachter seiner eigenen urnischen 
Psyche halte, und der von Louise Michel, auf Grund deren 
Aufzeichnungen uns Karl v. Levetzow in den Jahrbiichern 
eine vortreffliche Charakterstudie geliefert hat. 

Ulrichs schreibt*): 

„Der Uming zeigt als Kind ganz unverkennbaren Hang zu mad- 
chenhaften Beschaftigtingen, zum IJmgang mit Madchen, zum Spielen 
mit Madchenspielzeug, namentlioh mit Puppen. Wie sehr beklagt 
ein solches Kind, dafi es nicht Knabensitte ist, mit Puppen zu spielen, 
daB der Weihnachtsmann nicht auch ihm Puppen bringt, und daB man 
ihm mit den Puppen seiner Schwester zu spielen verbietetl Solches 
Kind zeigt Wohlgefallen am Nahen, Stricken, Hakeln, an den weich 
und sanft anzufiBilenden Kleidern der Madchen, die es am liebsten 
selbst tragen mochte, an farbigen seidenen Bandern und Tiichern, 
von deneix es sich geme einzelne Stucke aufbewahrt. Den Umgang 
mit Knaben, deren Beschaftigimgen, deren Spiele, scheut es. Das 
Steckenpferd ist ihm gleichgiiltig. Am Soldatenspielen, dem liebsten 
Zeitvertreib der Knaben, hat es keinen Gefallen. Es flieht der Knaben 
Raufcreien, deren Schneeballwerfen. Am BaJlspiel findet es wohl 
Gefallen, aber nur mit Madchen. Auch wirft es den Ball mit der 
zarten und schwachlichen Armstellung der Madchen, nicht mit dem 
kraftigen Armgriff der Knaben. Jeder, welcher einen Urning als 
Knaben beobachten konnte und mit einiger Aufmerksamkeit wirklich 
beobachtete, wifd dies bestatigen oder doch ganz ahnliches. SoUte 
das alles Verstellun^ sein? Die geschilderten Eigentumlichkeiten habe 
ich an mir personlich schon langst nicht nur gekannt, sondem sie 
sind mir auch stets auffallend gewesen, ohne daB ich jedoch gerade 
etwas Weibliches in ihnen erkannt hatte. Im Jahre 1854 teilte ich 
dieselben auch einem meiner Verwandten mit, als etwas mir Auf- 
fallendes. was wohl mit meiner geschlechtlichen Natur zusammen- 
hanpen moge. Weil dieser jedoch mir diesen Gedanken ausredete, 
so fieB ich ihn fallen. Erst 1862 habe ich ihn wieder aufgegriffen ; 
weil mir namlich Gelegenheifc ward, auch andere Urninge zu beobachten, 
und ich den weiblichen Habitus merkwiirdigerweise bei alien sich 
wiederholen sah, wenn auch variierend in den einzelnen Ziigen. Auch 
bei den Weibem variiert ja der weibliche Habitus in den einzelnen 
Zi3gen. TTber mich selbst, als Kind von 10—12 Jahren, folgendes. 
Wie oft seufzte meine gute Mutter: „Karl, du bist nicht so, wie 
andere JungenI" Wie oft sagte sie wamend: „Wenn du nicht anders 



«) Ulrichs, Inclusa, pag. 27 ff. 

Digitized by VjOOQIC 



118 

wirst, wirst. du ein Sonderling." Das KnabenmaBige, das einmal nicht 
in mir war, brachte alles Wamen, aller Zwan^, alles Animieren zur 
Teilnahme am Sohneeballwerfen usw. nicht m mich hinein. Ich 
war eben scbon ein Sonderling, namlich von Natur. — Als konnte 
durch kunstliche Gewohnung an Schneeballwerfen usw. das Knaben- 
maBige erzeugt werdeni und als ware nicht vielmehr die Antipathie 
gegen das Schneeballwerfen nur das Symptom einer anderen Indi- 
vidualitat. Dieses meines weiblichen Wesens wegen bin ich schon 
als Knabe mancher Demiitigung unverschuldet ausgesetzt gewesen. 
Als ich im Jahre 1844, I8V2 Jahre alt, das Gymnasium verliefi, mn zur 
Universitat abzugehen, sagte mir ■ beim Abschiede eine wohlmeinende 
altere Freundin: „Karl, werden Sie recht mannlichl" und ein Geist- 
IJcher: „Erhalten Sie sich Ihren kindlichen Sinnl" Mannlichkeit 
also haben beide in meinem damaligen Wesen nicht wahrgenommen. 
Als ich im November 1862 einzelne Ziige meines Wesens aufzeichnete, 
sie damals ausdriicklich als weiblichen Habitus bezeichnete, und die 
Aufzeichnung mehreren meiner Verwandten vorlegte, schrieb einer der- 
selben an den Rand hinzu: „Einen solchen weiblichen Habitus glaube 
ich an Earl allerdings stets wahrgenommen zu haben." 

Vergleichen wir nun damit, waa uns v. Levetzow aus Louise 
M i c h e 1 8 Kinderzeit berichtet '') : 

„In den Kinderspielen zeigte es sich schon. Keine Lieblings- 
puppe, keine Kuchengerate, kein Mutter- und Hausfrauenspiel, wie bei 
anderen kleinen Madchen. Sie ist ein rechter Wildfang und wenn 
nicht ein Buch oder GroBvaters Erzahlungen von der ersten Revo- 
lution das friihreife kleine Wesen an den Stuhl, in die Stube fesseln, 
tollt es durch Garten und Stalle oder zieht sich von einem Trofi 
gezahmter Tiere umgeben in die alte Turmstube des Hauses zuruck, 
wo es den Stiirmen und Gewittern lauscht und allerhand Buben- 
streiche ausheckt: so z. B. alle Taschen mit Kroten und Wasser- 
froschen anzufullen und sie unliebsamen Leuten zwischen die FiiBe 
zu werfen. Dann sind es wieder mit dem Cousin Jules Kletterpartien 
von Ast zu Ast in den hohen Baumen, die schlieBlich in einer 
wiisten Prugelei enden, weil Jules mit richtigem Instinkt heraus- 
gefiihlt hat, daB Louise „une anomalie" ist, und es ihr sa^. Eine 
beliebte Unterhaltung ist auch das Jagdspiel: Die Hausschweine stell- 
ten die Eber vor, und wir, mit brennenden Besen als Fackeln, gallop- 
pierten mit den Hunden hinterdrein und machten dabei einen Hollen- 
larm mit Schafertuten, die wir Waldhorner nannten. Meist endete 
es ,mit einem zwangsweisen Zuriicktreiben der Schweine in ihreu 
Stall; manchmal aber auch damit, daB sie in das Wasserloch des 
Kuchengartens plumpsten; sie grunzten verzweifelt, bia man sie wieder 
herauszog, und das war nicht immer leicht. Es muBten Leute mit 
Stricken dazu geholt werden, die dann auf uns schimpften. Ich 

fenoB ganz besonders den Ruf, „wie ein wildes Foh- 
en" zuspielen, berichtet Louise. Ihre Spielkameradschaft mit 
Jules entspricht genau dem Verhalten der Knaben in der vorpubischen 
Lebensperiode : „Vom Madchen reifit sich stolz der Knabe". Die em- 
steren Unterhaltungen, von denen uns Louise erzahlt, waren drama- 
tische Darbietungen : Die Ereignisse von 1793 oder die Verbrennung 
von Johannes HuB oder andere ahnliche Episoden gaben der Ge- 
schichto den Vorwurf ab. Louise spielte darin vorzugsweise „Manner- 
rollen". 

Auch die weibliche Eitelkeit fehlt ihr ganz. Sie lauft zerrissen 
herum, wie ein toller Junge, und es macht ihr Freude. „Meine Mutter 
war damals eine Blondine mit blauen, freundlichen, sanften Augen 
und langem, lockigen Haar, so frisch und hiibsch, daB ihre Freun- 
dinnen lachend behaupteten: „Es ist nicht moglich, daB das ha&- 

') Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. VII, 1, pag. 345 ff. 

Digitized by VjOOQIC 



119 

Jiche Kind von Ihnen ist." Ich fiir meine Person, groB, mager, zer- 
zaust, wild und wagemutig, wie ich war, sonnenverbrannt, und oft 
mit Rissen und Lochem in den Kleidern, die mit Nadeln zusammen- 
gesteckt waren, wurde mir vollstandig gerecht und es machte mir 
SpaB, daB man mich haBlich fand. Meine arme Mutter kriinkte sich 
oft dariiber." 

Gauz ahnlich ist die folgende Schilderung, die Anne v. den 
E k e n ■) von der Kindheit einer ihr bekannten Urninde gibt : 

„Sie ist als jiingste Tochter einer sehr strengen, aber ,,schrullen- 
haften** Mutter erzogen. Letztere beschaftigte sich viel lieber mit 
wissenschaftlichen Werken, als mit ihren Kindern und dem Haus- 
wesen. Die altere Tochter ist sehr weiblich und vollkommen normal. 
Die Jiingste hatte keinerlei Interesse fiir Puppen oder Madchen- 
spiele, sic sammelte Kafer, Eidechsen, Schlangen und alle raogliohen 
anderen Dinge, imi die sich sonst nur Knaben kiimmern. Sie stahl 
ihren bereits erwachsenen Briidern Zigarren, rauchte aber am lieb- 
sten eine Pfeife, die sie, in Ermangelung von Tabak, — mit ge- 
trockneten NuBblattern stopfte. Weibliche Handarbeiten waren ihr 
zu wider. Sie verschaffte sich ein vollstandiges Schreinerwerkzeug und 
verfertigtc allerhand Mobelstiicke. Mit Vorliebe strich sie auch Mauern 
und Gartenzaune an, und zwar volli^ kunstgerecht. . Als erwachsenes 
Madchen machte sie ganz allein weite FuBtouren durch die Walder, 
iibemachtete in Kohlerhiitten, Schafstallen oder Heustadeln, ohne jede 
Furcht. Als die gedachte junge Dame erwachsen war, hatte sie 
einen sehr mannlich gebauten Korper, starke Knochen, schmale Hiif- 
ten, flache Brust, br^ite Schultern und sehr groBe Hande und FiiBe. 
Das ProfiJ des Kopfes war sehr mannlich und energisch, das Organ 
auffallend tief. Niemals hat sie einen Mann geliebt, trotzdem sie 
nun schon 40 Jahre alt ist. Sie besitzt absolut keine weibliche 
Eitelkeit, Toilettenfragen sind ihr ein Greuel. Am liebsten ginge 
sie in Mannerkleidern. Sie hangt mit groBer Zartlichkeit an einer 
sehr weiblich veranlagten Dame, mit der sie nun schon seit Jahren 
zusammen wohnt und die sie vollstandig beherrscht — wie manche 
Manner ihre Frauen." 

Treffend wird in diesen Berichten die mangelnde Eitelkeit urni- 
scher Madchen hervorgehoben. Nicht ohne Grund sagt ein feiner 
Eenner der umischen Psyche: „Auf ein junges Madchen, welches bei 
einem Spiegel achtlos, ohne hineinzusehen, vorubergehen kann, wenn 
es sich ankleidet, auf einen Knaben, der mit groBem Vergniigen 
immer wieder zu demselben zuriickkehrt, muB man achthaben, denn 
beide verraten oft hierdurch friihzeitig ihre urnische Natur." 

In der Reifezeit zeigen sich bei urnischen Knaben und 

Madchen allerlsi von der Norm abweichende Erscheinungen. Der 

Stimmwechsel tritt oft tiberhaupt nicht ein, manehmal 

eiBtreckt er sich liber eine lange Zeit, nicht selten macht er 

sich verhaltnismaBig spat, mit 19 oder 20 Jahren, bemerkbar; 

sehr vielo haben nach der Mutation noch die Neigung, Sopran 

oder Fistelstimlne zu singen, andere, die nicht mutiert haben, 

sind imstande, durch methodische tlbungen ihr Organ wesent- 

lich zu vertiefen. 

So berichtet ein hervorragender urnischer Baritonsanger: „ Meine 
Stimmc hat nie einen merklichen Umschwung oder Obergang gehabt, 
mit 23 Jahren konnte ich Sopran singen und kann es noch heute 



») A. V. den Eken, 1. c. p. 18. 



Digitized by VjOOQIC 



120 

(30 Jahre), tiefere Sprech- und Singtone habe ich erst durch Schule 
uud Dbung erlangt. Wahrend die VergroBerung der Stimmbander 
ausblieb, vergroBerten sich in diesem Fall wahrend der Reife um 
80 mehr die Briiste, die, wie ich mich durch Inspektion nnd Pal- 
pation Gberzeugte, tatsaohlich einen weiblichen Charakter tragen. Oft 
werdeii junge Urninge wegen ihrer hohen hellen Stimme geneckt, 
80 echreibt ein urnischer Arbeiter: „Meine Stimme ist nicht ge- 
brochen, man nannte mich in Arbeiterkreisen mit 19 Jahren wegen 
meiner hellen Stimme: „Gretchen". Bei vielen bleibt die Stimme 
ohne mannliche Kraft. Wie Ulrichs in Memnon mitteilt, begegnete er 
einst in Miinchen einem 32jahrigen Urning^a) „von vorwiegend weib- 
lioher Erscheinung, die nur ein starker Bartwuchs virilisierte. Ihm ist 
die Luftrohre, soweit auBerlioh sichtlich, durchaus weiblich gebaut. 
Vom Adamsapfel ist, wenigstens auBerlich, keine Spur vorhanden." 
Dieser sagte ihm: „Bis zum 18. Jahre hatte ich eine sehr schone 
Mezzosopranstimme und sang oft und gern. Dann trat die Mutation 
ein, sehr schwierig, langer als zwei Jahre dauernd, wona-ch die 
Stimme beim Sprechen zwar tief, aber etwas 'belegt ward, wahrend 
die Singstimme ganz ausblieb. Allein sang ich seitdem oft „in 
der Fistel." Urnische Madchen bekommen zur Zeit der Pubertat 
oft eine tiefere Stimmlage. loh kenne einen derartigen Fall, wo 
ein Spezialarzt fiir Halskrankheiten, weil er einen Kehlkopfkatarrb 
annahm, mehrere Monate die Stimmbander pinselte. Eine urnische, 
jetzt 25iahrige Journalistin berichtet: „In der Reifezeit trat der 
Adamsapfel starker bei mir hervor. Ich bekam eine Singstimme, die 
sich nur bis zum zwischen der dritten und vierten Linie er- 
streckt, dagegen das tiefe des Basses lunfaUt. Ich pflege Lieder 
und anderes stets in einer tieferen Oktave des Soprans, auso im Tenor 
zu singen. Man sagt allgemein, ich hatte auch einen Tenorklang." 
Der Bartwuchs stellt sich bei urnischen Junglingen oft sehr spat, 
oft auch recht sparlich und ungleich ein. Dagegen ist hie und da 
bei urnischen Knaben ein mit Schmerzhaftigkeit verkniipftes An- 
schwellen der Bruste zur Reifezeit zu beobaohten. 

In Krafft-Ebings Psychopathia sexualis (S. 269) findet sich 
die Autobiographie eines urnischen Arztes, welcher vom 13. — 16. Jahr 
Milch in den Briisten hatte, die ihm ein Freund aussaugte, wahrend 
hingegen urnische Madchen haufig recht mangelhafte Brustentwicke- 
lung darbieten. Bei urnischen Knaben kommt nicht selten ein be- 
sonders iippiger, an das Weib erinnemder Wuchs des Haupt- 
h a a r e s vor, hingegen weist die Korperbehaarung urnischer 
Madchen oft virile Anklange auf. Von pathologischen Storungen 
findet man bei urnischen Jiinglingen verhaltnismaBig haufig M i g r a n e 
und Chi prose, zwei Krankheiten, von denen sonst mehr das weib- 
liche Gesohlecht heimgesucht wird. Bei urnischen Madchen findet 
man im Gegensatz hierzu die Pubertatsanamie auBerst selten, jedoch 
tritt : nicht selten die Menstruation bei ihnen verhaltnismaBig spat 
ein. vor allem bei den virileren homosexuellen Frauen. So berichtet 
N a c k e ^) von einer 32 jahrigen Zahnarztin : 

„Sie war schon zweimal verlobt gewesen, im letzten Augenblicke 
aber dem Brautigam entlaufen. Manner geliebt hatte sie nie, nur 
Frauen. Mit 17 Jahren bekam sie zuerst die Regel und 
seitdem hat sie diese nur einmal im Jahre. Wie die 
Arzte festgestellt haben soUen, ware der eine Eierstock atrophisch.** 
Auch von der Sarolta Vay berichtet Krafft-Ebing: „Die 

■a) Ulrichs, Memnon pag. 124. 

^) N a c k e (kriminologische und sexologische Studien. Zum Kapi- 
tel der Transvestiten nebst Bemerkungen zur weiblichen Homosexusui- 
tat. pag. 262). 



Digitized by VjOOQIC 



121 

Menses stellten sich erst mit 17 Jahren ein, verliefen immer schwach 
und ohne Beschwerden." 

Man wendet auch hier ein, dafl alle diese Abweichungen 
vom Sexualtypus in der Kinder- und Reifezeit noch keinen 
fiicheren Schlufl auf Homosexualitat zulassen, daU diese Lebens- 
periode ohnehin in geschlechtlicher Hinsicht indifferenziert ist, 
dalJ flicherlich oft Knaben und Madchen, Jtinglinge und Jung- 
frauen vorkommen, die trotz starker Androgynie und sexueller 
Inkongruenzen spater voUig heterosexuell werden. Namentlich 
diirften die der Homosexualitat verwandten Cbergangsformen 
in der Kindheit oft ahnliche Vorstadien wie die Homo- 
sexualitat aufweisen; so zeigen auch der Transvestit und die 
Transvestitin oft schon in friiher Jugend ihrem Geschlecht 
nicht entsprechende Ziige, und sicherlich werden auch manche 
Passivisten, Succubiaten, Masochisten echon als Knaben nicht 
sehr mannlich, weibliche Aktivisten, Incubisten, Sadisten in 
ihrer Madchenzeit nicht sehr weiblich gewesen sein, wiewohl 
sie nachher das andere Geschlecht lieben, also heterosexuell 
geartet sind. In solchen Fallen pflegt dann aber das Verhalten 
zu den beiden Geschlechtern anders zu sein als beim urnischen 
Kinde. 

EiDS kann jedenfalls als sicher gelten. 1st ein Kind urnisch, 
so entwickelt sich aus ihm ein homosexueller Mensch, und 
zwar mit derselben unabanderlichen Notwendigkeit, mit der 
sich aus dem „Normalkinde" ein heterosexueller Mensch ent- 
wickelt. So steigt die urnische Personlichkeit als ein Ganzes 
elementar aus der Tiefe der Individualitat empor. Waren die 
gleichgeschlechtlich en^findenden Menschen nur in der Jlich- 
tung des Geschleohtstriebs und sonst korperlich und seelisch 
in nichts von dem Durchschnitt der heterosexuellen Menschen 
unterschieden, waren die urnischen Manner ebenso von Mann- 
lichkeit erflillt wie die heterosexuellen Manner und Frauen, 
dann waren sie in der Tat die monstrosen Erscheinungen, als 
welche sie heute noch so vielfach gelten. Da dies aber nicht der 
Fall, haben wir alien Grund, eine mit aidh selbst in so weit- 
gehender tJbereinstimmung stehende Erscheinung als eine 
Variante des genus homo sapiens, als eine tJbergangsstufe anzu- 
sehen, wi:5 solche in der Natur nirgends fehlen. Freilich diirfen 
wir uns hier bei der Beurteilung der Personlichkeit als einer 
Einheit nicht an einen einzigen Teil halten, der, wenn er auch 
der Geschledhtsteil ist, doch immer nur ein Teil bleibt. 

Andererseits ist hinsichtlich des Pubertatsverlaufs kontrarsexuel- 
ler Personen allerdings nicht auCer acht zu lassen, daC ohnehin bis 
in die zwanziger Jahre hinein psychisch und physisch die Jiinglinge 



Digitized by VjOOQIC 



122 

eine sichtlich weibliche, die Madchen eine puerile Beimischung zeigen: 
erstere tritt beispielsweise in der Bartlosigkeit, der noch nicht stark 
entwickelten Muskulatur dem sehr empfanglichen und oft ausge- 
sprochen sanften Gemiite des Junglings zutage, wahrend die virile 
Note beim Madchen (im Backfischalter) in den noch schwach ent- 
wickelten Briisten und Hiiften, der fehlenden Fettbildung, sowie einer 
stark eren Agilitat und Aktivitat des Charakters und Geistes zum 
Ausdruck kommt. Es ist wohl denkbar, daiJ mit dieser gleichzeitigen 
Bisexualitat des Korpers, Geistes und Geschlechtstriebes die Natur 
ausdriicken wollte, daC der Jiingling und die Jungfrau in dieser, 
fiir die Ausbildun^ und Vervollkommnung ihrer eigenen Individualitat 
so eminent wichtigen Lebensperiode sich noch nicht in den Dienst 
der Zeugung stellen soUten, daB ihnen vielmehr auch die Moglichkeit 
gegeben ist, durch Anlehnung an eine sie liebende und leitende Person 
desselben Geschlechtes geistig empfangend ihre indifferente Ge- 
schlechtssehnsucht zu befriedigen. Ich kann mir wohl vorstellen, 
daB spatero Zeiten, in denen die gleichgeschlechtlich liebenden Men- 
schen von der Verkennung, Verachtung, Verfolgung und dem Vorwurf 
der Verfiihrung befreit sind, unter denen sie jetzt noch schwer zu 
leiden haben, ahnliche Probleme aufwerfen und in den Kreis ihrer 
Erorterungen Ziehen werden, Zeiten, in denen man dem Ausspruche 
Nietzsches mehr Rechnung tragen wird, der lautet : „Bs ist mehr 
Vernunft in deinem Leibe, als in dei^er letzten Weisheit." 

Jedenfalls soUten wir eine Naturerscheinung nicht deshalb als 
„wider die Natur" proklamieren, weil sie sich anscheinend nicht in 
das Weltbild hineinfiigt, das wir nun gerade fiir das natiirliche halten. 
Mit der Vorstellung, dafi die Homosexualitat etwas Naturwidriges 
Oder Widernatiirliches sei, hangt nun aber auch die Auffassung zu- 
sammen, die selbst unter Fachgelehrten noch weit verbreitet ist, daC 
der Geschlechtstrieb aus dem Stadium relativer Indifferenziertheit, 
die ihn bis in die ersten Jahre nach der Reife charakterisiert, 
durch auBere Einwirkungen nach der homosexuellen Richtung ab- 
gelenkt werden konnte, oder dafi es sogar regelmafiig auBere 
Einwirkungen dieser Altersperiode sind, die hierfiir entscheidend sind. 
Trafe das wirklich zu, dann wiirde der Geschlechtstrieb eine Aus- 
nahmestellung unter den iibrigen Geschlechtscharakteren einnehmen. 
Entwickeln sich doch alle, von den eigentlichen Genitalien bis zu 
den Briisten der Frau und dem Barte des Mannes aus der bisexuellen 
Anlage durch ein indifferenziertes Stadium hindurch endogen, mjig 
diese Prazisierung nun in das intrauterine Leben oder erst in die 
Jahre der Pubertat fallen. 

Ware eine • solche Ausnahmestellung des Geschlechts t r i e b e s 
an sich schon unwahrscheinlich, so sprecnen auch die Tatsachen, die 
sich dem Beobachter natiirlich nur aus der Erfahrung des Lebens 
und der FuUe des Materials erschlieBen konnen, entschieden da- 
gegen. Es kann an sich nicht bestritten werden, daB es auch fiir den 
Geschlechtstrieb ein Stadium der Indifferenziertheit gibt, wenn auch 
schon in diesem Stadium die der Personlichkeit adaquate Triebrich- 
tung deutlich fiir den tiefer dringenden zum Ausdruck kommt. DaB 
diese sich durch auBere Eindriicke in ihrer Entwickelung nicht auf- 
halten oder ablenken laBt, das beweisen die zahllosen Falle, in 
denen bei normalgeschlechtlichen Jiinglingen und jungen Madchen, 
die jahrelang, sei es aus eigenniitzigen Motiven oder aus selbstloser 
Freundschaft, Anhanglichkeit, Verehrung, Dankbarkeit — a u s - 
schlieBlich homosexuellen Geschlechtsverkehr unterhalten haben, 
mit dem Zeitpunkte der abgeschlossenen Entwickelung der praformierte 
heterosexuelle Trieb unwiderstehlich zum Durchbrucn kommt, der sie 
nicht sei ten aus den Armen des Freundes und der Freundin in die 
der Gattin und des Gatten treibt. 



Digitized by VjOOQIC 



123 

Umgekehrt verkehren viele jugendliche Homosexuelle viele 
Jahre lang in Unkenntnis ihrer eigentlichen Veranlagung ausschlieC- 
lich nonnalgeschlechtlich, bis auch bei ihnen die eigentliche Trieb- 
richtung mit elementarer Gewalt diirchbricht. Die auslosende 
Ursache ist meist die Begegnung mit einem adaquaten Sexualobjekt, 
niemala aber kann diese selbst den eigentlichen G r u n d der homo- 
sexuellen Triebrichtung bilden. Wirken doch wahrend der Entwicke- 
lung jedes einzelnen so mannigfache sexuell^ Anreize auf ihn ein, 
daU der Sexualitat reichlich Gelegenheit geboten ist, auf die ihr ada- 
quaten zu reagieren. 

Der oberflachliche Beobachter ist leicht geneigt, von dem 
Zeitpunkt an, in dem im Subjekt diese Reaktion auf ein ein- 
drucksfahiges Objekt eintritt, die Homosexualitat zu datieren, 
indem er die Wirkung als die Ursache nimmt. Tatsachlich -aber 
kann der adaquate AuBenreiz nur dort wirken, wo er in einem 
Menschen eine adaquate Aufnahmestelle trifft. Der inadaquate 
Roiz hingegen gleitet reaktionslos ab. 

Das Gesagte zusammenfassend geben /wir folgende t)ber- 
sicht der Wahrscheinlichkeitsdiagnose des urni- 
schen Kindes. 



I. Eigenstatus: 



Urnischer Knabe: 
Er bevorzugt Madchen- 
spiele, meidet ausge- 
sprochene Knabenspiele, 
hat viel Madchenhaftes 
ipi Charakter und Be- 
nehmen, haufig auch 
im Aussehen (Beraer- 
kungen der Uragebung: 
„er ist das reine Mad- 
chen"). 

II. Verhalten Er befindet sich lieber 
gegeniiber dem in Gesellschaft vonMad- 
andern Ge- chen. 
schlecht. Seelische Fixierung an 

die Mutter. 



m. Verhalten 
gegeniiber dem 
eigenen Ge- 
schlecht (unbe- 
wu6t erotisch ge- 
farbt). 



Instinktive Zuriickhal- 
tung^und Schamhaftig- 
keit gegeniiber Knaben. 
Oft sch warmerischeVer- 
ehrung eines Lehrers 
oder Mitschiilers. 



Urnisches Madchen 
Sie bevorzugt Knaben- 
spiele, hat Abneigung 
gegen weibliche Hand- 
arbeiten, Naschereien 
usw., viel „Knabenhaf- 
tes" in Wesen, Be- 
wegungen, oft auch im 
Aussehen (Beraerkun- 
gen: „sie ist wie ein 
Junge"). 

Sie tummelt sich lier 
ber mit Knaben. 
Innigeres Verhaltnis 
zum Vater. 



Die Schamhaftigkeit ist 

gegeniiber Madchen 

groBer. 

Haufig Schwarmerei f ilr 

eine Lehrerin, Mitschii- 

lerin oder eine andere 

weibliche Person. 



Digitized by VjOOQIC 



124 

Jedes dieser Symptome beweist flir sich noch keine Homo- 
flexualitSt; finden sich aber bei einem heranwachsenden Knaben 
Oder Madchen alle Punkte gemeinsam vor, so kann man init 
einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit annehmen, 
daD es sich um einen Uming oder eine Urninde handelt. 



Digitized by 



Google 



FCNFTES KAPITEK 

Die Diagnose der mMnnlichen und weiblichen Homosexualitit 

Sexaelle Inkongraenzen. 

a) Andersgeschlechtliche Einschiage auf kOrperlichem Gebiete. 

a. Genitalapparat. 

Wenden wir uns nun der Erorterun^ der Frage zu, ob 
und inwieweit die Geschlechtscharaktere erwachsener mann- 
licher und weiblicher Homosexueller von dem heterosexuellen 
Durchsclmittstypus abWeichen, so empfiehlt es sich, mit den 
markantesten Geschlechtsunterschieden beginnend, allmahlich auf 
die weniger scharf differenzierten iibergehend, ein Sttick nach 
dem andern zu untersuchen. Wir gehen dabei von der Grund- 
ansehauung aus, daB ein Wesen, das mannliche Keime und 
Keimstocke : — Samen und Hoden — besitzt, als ein mannliches, 
jedes, das weibliche Keimzellen, Eier und Eierstocke, Ovarien Ihat, 
als weibliches anzusehen isjb, woUen aber hier gleich auf den 
extremsten Fall hinweisen, daB bei einer auBerlich voUig weib- 
lichen Person, die, well sie nur Frauen liebte^ als homosexuell 
gait, Spermasekretion aus der Harnrohre ermittelt wurde, ein 
Fall, auf den wir bei der Differentialdiagnose von Homosexuali- 
tat und Hermaphroditismus noch zuruckkommen werden. Der 
erste Abschnitt, mit dessen Beschaffenheit bei Homosexuellen 
wir uns zu beschaftigen haben, ist der Genitalapparat. 

Er zeigt bei urnischen Mannern und Frauen keinerlei 
nennenswerte Abweichungen von der Norm. Testes, prostata 
und penis sind bei Umingen nach Form und GroBe genau so be- 
schaffen, wie bei Heterosexuellen. Die Mitteilung von Havelock 
Ellis, daB die Geschlechtsorgane Homosexueller bei beiden Ge- 
schlechtern zuweilen ubermaBig, haufiger noch ge ringer ent- 
wickelt seien als in der Norm „mit einer leichten Annaherung 
an den Typus des Kindes", konnte ich auf Grund nieiner Be- 
obachtungen nicht bestatigen. Regelwidrigkeiten wie Kryptor- 



Digitized by VjOOQIC 



126 

ohismus und Phimose kommen gelegentlich vor, anscheinend aber 
nicht haufiger als bei Heterosexuellen. Phimose ist vielleicht 
ein wenig mehr verbreitet. Eine Reihe von Fallen kenne ich, 
in denen Homosexuelle sie beseitigen lieBen, in der Annahme, 
durch den Eingriff beim Weibe potent zu werden. Doch hatte 
das keinen EinflulJ. Azoospermie und Aspermie scheint sehr 
selten zu sein. 

Bernhardi, 1) der den Samen von vier passiven Homosexuellen 
zu untersuchen Gelegenheit hatte, woUte gefunden haben, dafi „nicht 
nur durchaus jede Spur von Spermatozoen fehlte, es mangelte auch 
das Sekret der Samenblaschen, was durch das Nichtvorhandensein 
der Spennakristalle klar erwiesen war. Die entleerte Fliissigkeit, der 
der Name Same in keinem Falle zukam, war hellweifi, fast durchsichtig, 
wenig schleimig und gelatinierte selbst nach langerer Zeit nicht voll- 
kommen." Anderweitig ist diese Angabe jedoch nicht bestatigt. 

In einieen Fallen besteht Aspermie; in den „Geschlechts- 
iibergaugen" nabe ich das Bild eines Gynakomasten gebracht, der trotz 
starker libido auf den Vollmanntypus im Orgasmus noch nie eine 
Ejakulation hatte. Im 28. Jahre stehend hatte er bisher n\ir drei- 
mal eine geringe Schleimabsonderung, und zwar stets im Schlaf. 
Ich kenne noch zwei weitere Falle von alteren Urningen, bei denen 
niemals eine Ejakulation — trotz libido und Orgasmus — statt- 
gefunden hat. 

Auch unter dem Mikroskop unterscheiden sich die Sperma- 
tozoen Homosexueller nicht von denen Heterosexueller, ni5glich, 
da6 eiumal eine weitere Verbesserung optischer oder sonstiger 
Hilfsmittel qualitative Differenzen erkennen laflt. Bisher sind 
solche jedenfalls an den Keimzellen selbst nicht nachweisbar. 
Epispadia sah ich in keinem Fall. Hypospadie ist auBerordent- 
lich selten, ich fand sie relativ haufiger bei Heterosexuellen 
als bei Homosexuellen. VoUkommen falsch sind die Angaben 
der alteren Literatur tiber eine besondere Beschaffenheit des 
Penis bei Homosexuellen. 

Sie stiitzen sich besonders auf Tardieu,*) der auf Grund von 
133 Beobachtungen den Penis der Homosexuellen wie folgt beschreibt: 
„nach vom zugespitzt, hundepenisartig, hinten dick, vorn diinner 
werdend : iiberhaupt ist er im groBen und ganzen bei aktiven Paderasten 
schwach, bisweilen gleichsam ein wenig gedreht, gewunden, so daU 
das Orif icium urethrae seitwarts gestellt ist. Trotzdem hereits Cas- 
per und L i m a n diesen angeblichen Erkennungszeichen jede Be- 
deutung abgesprochen haben, gibt es noch jetzt gerichtliche Sachver- 
standige, die ihnen einen Wert beilegen; so auBerte sich in dem 
ProzeB des wegen Mordes angeklagten Radfahrers B r e u e r in Trier 
ein alterer Arzt, daC er aus dem nach vorne zugespitzten Penis des 
Ermordeten und dem anus infundibuliformis B r e u e r s (den ich bei 
der von mir vorgenommenen Nachuntersuchung nicht bestatigen. 
konnte) annehme, daB zwischen dem Verstorbenen als aktivem und dem 



^) Bernhardi, W., Der Uranismus, Losung eines mehrtausend- 
jahrigen Ratsels, Berlin 1882. p. 27. 

*) T a r d i e u , Etude m^dico-legale sur les attentats aux moeurs. 
Paris 1858. 



Digitized by VjOOQIC 



127 

Angeschuldigten als passivem Paderasten ein analer Verkehr bestanden 
habe. Auch die Angabe Coutagnes^), dafi bei aktiven PaderasteD 
eine ringformige Furche an der Grenze des vorderen und mittleren 
Dritt-el der Eichel vorkomme, ist nicht ernst zunehmen. 

In dem gleichen MaUe wie das hundepenisartige Glied h.-s. Manner 
ist die keulenf onnige Clitoris h.-s. Frauen, von der Mantegazza 
spricbt, ein Phante.sieproduckt. Martineau*) geht sogar noch 
weiter, er gibt an, dafi die Clitoris der Lesbierinnen „derartig volu- 
minos und vorspringend sei, dafi sie einen Hocker vom Volumen des 
Daumens eines erwachsenen Menschen bilde".' In einem Fall will 
er sogar eine Clitoris von Kleinfingerlange beobachtet haben, wahrend 
Parent-Duchatelet solche von Zeigef ingerdicke and 7 — 8 cm 
Lange beschreibt, und Moreau de Tours (in „ Aberrations du sens 
g^nesique**) eine von PenisgroBe. Forberg*) zitiert Nicolas Ve- 
nette, nach welohem ein gewisser Plater bei einer Frau eine 
Clitoris von der Lange eines Gansehalses beobachtet haben will. 

Alle diese Deformitaten haben^ soweit sie nicht iiberhaupt 
in das Reich der Fabel gehoren, mit der Homosexualitat, mit 
der sie in Zusammenhang gebracht warden, an sich nichts zu 
tun. Es sind vielmehr, ahnlich wie die Hypospadia des! Mannes, 
pseudohermaphroditische Entwicklungsanomalien, die 
mauchma], aber nach meiner Erfahrung nur auDerst selten, mit 
homosexuellem Empfinden vergesellschaftet sind. 

Der Fall Martineaus, in dem die Clitoris einer Lesbierin 
fast durchbissen war, so dafi er grofie Miihe hatte, die Blutung des 
gefafireichen Organs zu stillen, stellt sicherlich ein sehr vereinzeltes 
Vorkommnis dar. 

Fur vollends hinfallig halte ich die Hypothese Mantegazzas 
and anderer, dafi sich die urspriinglich normale Clitoris erst durch 
den weiblichen Verkehr selbst so enorm ver^rofiert und deformiert hat. 
Martineau unterscheidet von diesem Gesichtspunkt aus die Clitoris- 
defonnierung infolge von Mzisturbation und Sapphismus (la deformation 
clitoridienne, r^smtant de la masturbation ou du sapphisme) von 
der physiologischen (malformation physiologique, s'il n'y a ni mastur- 
bation ni sapphisme) und gibt eine getreue Schilderung, wie man beide 
Arten voneinander unterscheiden konne. Da unseres Erachtens die 
„pby8iologische" Clitoris permagna mit Homosexualitat nichts zu tun 
bat, die artifizielle aber kaum je vorkommt, eriibrigt es sich, auf 
diese differentialdiagnostischen Spitzfindigkeiten einzugehen. Auch die 
sonstigen Angaben iiber Genitalveranderungen bei homosexuellen 
Frauen, die sich zum Teil auch Rohleder zu eigen macht — die 
blaulicli und rotlich verfarbte vulva und vagina, die hypertrophischen, 
statt rosa graubraunen labia minora, die gerunzelten labia majora, der 
klaffende introitus vaginae, der entziindete meatus urinarius externus, 
das, wenn vorhanden, erschlaffte oder verdickte Hymen — Verande- 
run^en, die teils durch den tactus, teils durch die tribadische frictio 
genital iom, vor allem aber auch durch cunnilinctio entstehen sollen, 
kann ich auf Grund meines Materials nicht bestatigen. In einem 
Fall sah ich bei einer virilen Urninde aus Stettin die eine der kleinen 
Labien nach Art einer sogenannten Hottentottenachiirze 5 cm lang 
herunterhangen. Die Person, die auch eine mannliche Bildung des 



*) Coutagne, Lyon mM. 35, 36. 

*) Martineau, Legons sur les deformations p. 25. 

*) F o r b e rg , Antonii Panormitae Hermaphroditus. 1908, pag. 305. 



Digitized by VjOOQIC 



128 

Kehlkopfes mit sehr tiefer Stimme hatte, kam au mir, well sie das 6e- 
bilde fiir einen penis hielt. 

Haufiger als hypertrophische fand ich bei homosexuellen 

Frauen, namentlich bei virilen, atrophische Abweichungen von 

der Norm, eine Annaherung an den Befund, wie ihn 

Krafft-Ebing hinsiditlich einer von ihm beobachteten 

Urnindc wie folgt beschreibt: 

„Der Mons veneris ist mit dichten dunklen Haaren bedeckt. 
Genitalien vollkommen weiblich, ohne Spur von hermaphroditisohen 
Erscheinungen, aber auf der infantilen Stuie eines lOjahrigen Madchens 
stehen geblieben. Die Labia majora beriihren sich fast vollstandig, 
die minora haben hahnenkammartige Form und prominieren liber die 
groBen. Die Clitoris ist klein und hochst empfindlich. Frenulum 
zart, perineum sehr schmal, Introitus vaginae enge, Schleimliaut normal. 
Hymen fehlt (wahrscheinlich angeboren), ebenso die Caruncalae myr- 
tiformes. Vagina derart enge, dafi die Einfiihrung eines Membrum 
virile unmoglich ware, iiberdies hochst empfindlich. Ein Coitus hat 
bisher jedenfalls nicht stattgefunden. Uterus wird durchs Rectum 
etwa wallnufigroB gefiihlt, derselbe ist unbeweglich und retroflektiert." 

Vor allem sind Uterus und Ovarian homosexueller Frauen 
oft auffallend klein. Das Hymen fand ich in der Mehrzahl 
von mir beobachteter Falle erhalten, namentlich bei virileren 
Frauen oft sehr konsistent. 

Viele Uminge sind sich der Mangelhaftigkeit ihrer Betati- 
gungsweise wohl bewuflt; sie sprechen, mit unverhohlenem Neid 
auf die Heterosexuellen, von dem „so bequemen Apparat des 
Weibes**, viele Urninden von der so vollkommenen Vereinigung 
der Frau mit dem Manne. Aber diese objektive An- 
erkennung reicht nicht aus, um den subjektiven 
Negativismus zu tiberwinden. 

Stark virile homosexuelle Frauen empfinden das Fehlen 
eines membrum nicht selten als ein entschiedenes Manko ; es sind 
mir mehrere bekannt, bei denen die VorsteUung eines Vakuum, 
einer bei ihnen klaffenden Llicke so stark war, dalJ sie in "zwar 
.iehr naiver, aber durdhaus ernst gemeinter Weise den Arzt 
fragten, ob es nicht moglich sei, ihnen auf operativem Wege, 
etwa durch Plastik aus der Bauchhaut, ein Glied zu Widen, das 
organisch mit ihrem Korper verbunden sei. Fast ebenso storend, 
wie diese Frauen den Mangel, empfinden manche extrem 
feminine homosexuelle Manner den Besitz der mannlichen 
Genitalien. 

Manche kneifen sie beim Entkleiden zwischen die Oberschenkel, 
andere binden sie nach oben fest, um sie zu cachieren, wieder andere 
erwagen, nicht etwa nur um den homosexuellen Trieb zu unter- 
driicken, den Gedanken der Kastration. 

Heliogabal soil, wie romische Historiker berichten, von den 
Arzten verlangt haben, daiJ sie ihm anstelle der mannlichen Geni- 
talien weibliche herstellten. 



Digitized by VjOOQIC 



I2d 

Auck li a m m o n d bericktet von einem t>^all, in dem ein Effemi- 
iiierter sich seine Genitalien abschneiden lassen wollte. 

Wie weit die naive Abneigung mancher Urninge gegen ihre Geni- 
talien gehen kann, zeigt die folgende Stelle aus der Schrift „Urnings- 
liebe" von H. Marx: „Der Urning kann nichts dafiir, dafi der Schopfer 
ihn mit einem seinen Leib schandenden Organ geschaffen hat, das 
fur den Uming ganzlich unbrauchbar ist. Wollte ein Urning einen 
solchen ihn schandenden Korperteil ^ebrauchen, um als Mann mit 
dem Weibe Liebe zu genieUen, so ware er einfach ein Mann und 
dazu ein verkommenes, naturwidriges Geschopf." 

Wenn allerdings L u k i a n die erste Ausfiihrung der Kastration 
nberhaupt auf ^leichgeschlechtliche Betatigung zuriickfiihren zu konnen 
meint, indem ein Mann, „der zuerst einen anderen Mann wie ein Weib 
nahm, sei es mit Gewalt oder List, diese Roheit ausfiihrte", so ist 
dies eine ebensosehr jedes Beweises entbehrende Annahme, wie die von 
M o 1 1 «) zitierte Angabe Dupouys, daJ3 in der Prostitution des Mannes 
der Ursprung der Kastration zu suchen sei. Dagegen scheint die noch 
heute bei den Australnegern geiibte Mica-Operation '), die darin be- 
steht, dafi die Unterseite des Penis vom Scrotimi bis zur Fossa na- 
vicularis aufgeschlitzt wird, wobei also durch Freilegung der Harnrohre 
eine kiinstliche Hypospadie erzeugt wird, (artificial hypos padias is, \ulva- 
penis, subincision, introcision) — mit dem gleichgeschlechtlichen Leben 
dieser Volker in Beziehung zu stehen. Wahrend C r e e d ^ und andere 
in ihr eine Art Malthusianismus sehen, den Versuch der Eingeborenen, 
aus Griinden der Ernahrung die Geburtenziffer einzuschranken, erklaren 
von Keitzenstein^) und andere sie fiir eine „Art von Homo- 
sexualitat." 

Von besonderer Wichtigkeit ist es, die Beziehungen zwischen 
der homosexuellen Veranlagung und einer so bedeutsamen Er- 
scheinung des Sexuallebens wie der Menstruation zu untersuchen. 
Zunachst kommen hier die homosexuellen Frauen in Betracht^ 
bei denen man nach ihrer korperlichen Beschaffenheit dio 
gleichen Verhaltnisse wie bei den heterosexuellen voraussetzen 
miilite. Das Bedbachtungsfmaterial laBt indessen ganz entschieden 
den Sehlufi zu, dafi gewisse Menstruationsanomalien und .-be- 
sonderheiten bei homosexuellen Frauen auffallend haufig, jeden- 
falls entschieden haufiger vorkommen, als bei normalen. Zu- 
nachst tritt die Periode bei einer groUen Anzahl homosexueller 
Frauen verhaltnismaBig sehr spUt ein, — — besonders haufig 

wird das 17. Jahr angegeben vielfach tritt sie nur selten, 

beispielsweise nur alle 2 oder 3 MonatC; und in vielen Fallen 
nur sehr sp§rlich, ein bis zwei Tage lang, auf. Auch die nervosen 
Begleiterscheinungen der Menstruation sind bei homosexuellen 



«) A. Moll, Contrare Sexualempfindun^. A. a. O. p. 42. • 

7) Cf. Karsch, Das gleichgeschlechtliche Leben der Natur- 
volker p. 68—82. 

«) J. M. Creed, in Australian Medical Gazette II, 1883, p. 95 
nach T. P. Anderson Stuart, in Journal and Proceedings of 
the Society of New South Wales, 1896, Sydney XXX, 1897. 

») F. von Reitzenstein, Der Kausalzusammenhang zwischen 
Geschlechtsverkehr und Empfangnis in Glaube und Branch der Natur- 
und Kulturvolker. Berlin 1909. 

Hirsctafeld* HomosexualitiU. q 

Digitized by V:iOOQIC 



130 

Franen meist nur wenig ausgesprochen ; oft hort man von ihnen 
die Versieherung, dafi ihr Unwohlsein ihnen nicht die geringsten 
Besc-hworden bereite, so daU sie es kaum bemerkten. Die 
Tats ache der Menstruation seheint vielen homosexuellen 
Frauen iiberaus unangenehm und peinlich zu sein. Viele geben 
das direkt zu. Oft habe ich gefunden, daB Urninden, die son.^t 
ihrer virilen Art entsprechend nicht im geringsten priide und 
zuruckhaltend sind, erroten und verlegen werden, wenn man 
nach ihrem. Unwohlsein f ragt. Was Krafft-Ebing von der 
Graf in Vay anfiihrt: „B6sprechung menstrualer Vorgange per- 
horresziert S. sichtlich, das sei etwas ihrem mannlichen Be- 
wulitseiri und Ftihlen sehr Zuwideres" entspricht der Erfahrung, 
die ich an sehr vielen homosexuellen Frauen machte. 

Wir wissen, dafi periodische Erseheinungen, wie sie beim 
Weibe die Ovulation mit sich bringt, auch beim' mannlichen 
Geschlechte vorkommen. Dieselben konnen sich sowohl somatisch 
als Blutungen aus Nase, Mund oder After bekunden als auch 
psychisch in Verstimmungfen und nervosen Beschwerden, die 
wir als „molimina menstrualia*' bezeichnen, zum Ausdruck ge- 
langen. 

Beiden Erseheinungen begegnen wir in unserem Beobachtungs- 
materialo bei homosexuellen Mannern haufig. Ein besonders krasser 
I'all betrai" einen jungen Aristokrateu, der vom 15. Jahre an regel- 
maBig monatlicli so heftige mit Schleimhautblutungen verbundene Be- 
schwerden hatte, dali er wahrend der Dauer dersolben das Bett hiiten 
muCte. Da zufallig diese Perioden zeitlich mit der Menstruation der 
Stiefmutter zusammenf ielen, pflegte der Vater daun scherzend zu sagen : 
„Meine Damen haben wieder einmal ihr Unwohlsein". Ein anderer 
mir bekannter Uranier leidet seit seinem 14. Lebens jahre alle 28 
Tage an Migriine, zugleich an heftigen Riicken- und Kreuzschmerzen. 
Dieselben waren Veranlassung, dafi seine Mutter ofter bemerkte: „das 
ist ja bei dir wie bei uns." Neuerdings — Patient ist jetzt 36 Jahre 
alt . — haben die Erseheinungen wesentlich nachgelassen, doch tritt 
immer noch vierwochentlich eine hochgradige Mattigkeit auf. 

Manche der als Menstruationsaquivalente angegebenen Verande- 
rungen erscheinen als solche recht f ragliqh, so der von B 1 ii h e r ^o) 
mitgeteilte Casus. B 1 ii h e r schreibt : .,Der Mann hat bekanntlich 
normalerweise auch gewisse „Perioden", die der weiblichen Menstrua- 
tion entsprechen, nur dafi die RegelmaBigkeit geringer ist und sich 
kcine lokal-physiologischen Begleiterscheinungen einstellen. Mir ist 
aber ein Fall bekannt, wo bei einem homosexuellen Liebespaar der 
etwas jiingere Geliebte alle vier Wochen zienilich regelmafiig ein Wund- 
werden der Praputialschleimhaut mit leichten Sekretionen bekam, so 
daB an diescn kritischen Tagen, ganz wie bei normalen Ehen, der Vcr- 
kehr unterbrochen werden muCtc." 

Ein scliwedischer Urning entwirft folgende Schilderung seiner 
„Menses": ,,Seit meinem 11. Lebensjahre habe ich alle 28 Tage Men- 
strualbeschN\erden, die etwa 6 Tage wahren: plotzliche Hitze und 
Kalte, WaJlungen nach dem Kopfo, lliickenschmerzen, die Brustwarzen 

^") Jahrbuch f. sex. Zwisclienstufen Bd. XIII. Heft 4. Juli 
l^Ji:.. p. -UU 



Digitized by VjOOQIC 



131 

achmerzeu und pulaieren. Geschmack im Mimde - wie von Blut. Mcine 
Haut wird fleckig; Depression; ausgesprochener Wuasch eine echtej 
von einem Mann sehr geliebte- und l^wunderte Frau zu sein." 

Vor alien Dingen scheinen aber periodische psychische und 

nervose Verstimmungen, die man als Menstruationsaquivalente 

ansprecheu kann, bei Homosexuellen vprzukommen. Im Zu- 

sammenhange damit steht es wohl auch, daJJ wir in den Lebens- 

jahren, die dem KlimaKterium der Frau entsprechcn/ auch 

bei homosexuellen Mannern ungewohnlich oft psychischen Sto- 

ruagen, vorwiegend depressiver Art, begegrien, die eine auffal- 

lende Analogie zu den klimakterischen Psy chosen des weibUchen 

Geschlechts darstellen. Cberhaupt isl das, was KurfMendel 

als Klimakterium des Mannes beschrieben hat, eine bei Urningen 

gaiiz besonders haufig zu beobachtende Erscheinung. Homo-v 

sexuellc Frauen hinwiederum werden von den Beschwerden der 

Wechseljahre fast gar nicht betroffen. Auch die offenbar mit 

der inneren Sekretion bei ihnen zusammenhangenden Er- 

nahrungsstorungen, aus denen der Altjungferntypus resultiert, 

werden bei Urninden sehr viel seltener beobachtet, alff bei 

norma Isexuellen Frauen. 

Von Wichtigkeit ware es bei h.-s. Mannern und Frauen, die Se-^ 
krete der Genitaldriisen auf ihren Geschlechtscharakter mikroskopiscH 
zu untersuchen. Im Schleim der weiblichen Harnrohre und vagina." 
wird besonders auf den^Nachweis von Sperma, in dem der mannliohen 
Urethra auf periodischen Abgang von Blutkorperchen zu achten sein. 
Bereits vor einigen Jahren wies Prof. Paul Albrecht (cfr. Jahrb. 1. p.) 
darauf bin, daB in regelmaBigen, Zwischenraumen im Urin beini Manne 
weilie Blutkorperchen auftreten, drei bis vier Tage deutlich nachweis- 
bar sind, um dann wieder zu verschwinden. Er erblickt in djesem 
Vorgangc „ein^ Art Menstruation". Einen ganz besonders merkwiir-.' 
digeu Fall teilt Dr. Arnold Heymann, Ddsseldorfi^ a) mit. Efi 
handfelte sich um einen ITjahrigen Gymnasiasten, der bei n,prmalen 
auBereia Genitalien in regelmaBigen vierwochentlichen Zwisphenraumen 
durcli die Harnrohre unter starken Kreuz- und Leibschmerze^ 31ut 
ausschied. Die Untersuchung ergab in der Nahe der rechten Becken-. 
vrand einen Korper von Form und GroBe* einer Birne, der sich bei der' 
Operation als Gebarmutter erwies. Auch waren Eierstocke vorhanden.^ 
Der Liebestrieb des Patienten war zuerst auf das weibliche Geschlecht" 
gerichtet, spater entstand eine liebesartige Freundsohaft. zu einem. 
Kameraden. Dieser Fall ist ein vollkommenes Seiienstiick zu der von. 
mix mitgeteilten Beobachtung der Spermaabsonderung aus der. weib-. 
lichen Harnrohre einer anscheinend h.-s. Frau. 

• Das Gemdinsame beider Falle ist: bei einem XJrning inner* 

lich weibliche, bei einer. Urninde inner lich mannl,iche Sekretion.' 

Unter den sich in der Reife deutlicher markierendeai Gte- 

schleehtsunterschieden sind fiir den Mann die tiefere Stimme 



loa) lu Nr. 29 1906 der Wiener klini;schen Rundschau unter 
dem Titel ^Heterotypischer .Pseudohermaphroditism us. feminiaus ex- 

._^« * • . .. • „ ' ■ • . 



ternus 



Digitized by V:iOOQIC 



132 

und der Bart, ftir die Frau die voUen Briiste und b'reiten Hliften 
biesonders typisch. Bei homosexuellen Mannern und Frauen 
zeigen alle diese Geschlechtscharaktere haufig sehr deutliche 
Abweichungen vom heterosexuellen Durchschnittstypus. 

b. Stimme und Sprache. 

Auf Anomalien des Stimmwechsels bei Homosexuellen wies 
ich schon bei Besprechung der Pubert&t hin. Wir woUen die 
dort angef tihrten Beispiele zunachst noch durch Schilderung der 
Stimmen zweier urnischer Dichter, des Danen Andersen 
und des Amerikaners Whitman erganzen. 

H a D 8 e n ^1) schreibt von Andersen : „Eines Tages trug Andersen 
in der Fabrik, wo ihn die Mutter versuchsweise angebracht hatte, ein 
Lied vor, und da die Arbeiter erstaunt ausriefen, er ware ganz be- 
stimmt kein Junge, sondern eine verkleidete Jungfrau, faCte emer der- 
selben Andersen an, um sich liber diesen Pimkt etwas genauer 
aufzuklaren. „Die anderen Gesellen", erzahlt er, fanden diesen rohen 
Scherz amiisant und hielten mich an Armen und Beinen fest, ich heulte 
aus vollem Halse und stiirzte, schamhaft wie ein Madchen, aus dem 
Hause zu meiner Mutter, die mir versprechen mufite, mich nimmer 
dahin senden zu woUen." 

Ganz besonders charakteristisch schildert uns B e r t z ^s) das Organ 
Walt Whitmans, dessen Uranismus er zwingend bewiesen hat : 
„Wenn auch seine Stimme nicht gerade extrem weiblich gewesen sein 
mag, jedenfalls nicht bis zum Lacherlichen oder Peinlichen, so naherte 
sie sich doch zweifellos mehr der weiblichen als der mannlichen Klang- 
farbe. „Seine Stimme war ein weicher Bariton," sagt John Bur- 
roughs. ,,Eine Stimme von gewinnender und emschmeichelnder 
Freundlichkeit," auBert W. D. How ells. „Seine Stimme hat eine 
hohe Lage und ist musikalisch," berichtet der englische Arzt Dr. John 
Johnston. „Es ist seine wunderbare Stimme, die es so angenehm 
macht, mit ihm zu sein," sagte ein Musikverstandiger zu Dr. B u c k e. 
Von einer „ Stimme, die mit all^n Schattierimgen des Tones und 
der Farbe spielt," spricht Horace Traubel. Und endlich erzahlt 
Isaac Hull Piatt, daB ein alter Schuler Whitmans gleich- 
falls in der Stimme einen seiner besonderen Reize erblickt hal^. An 
anderen Stellen sprechen Buj- roughs und B u c k e allerdings auch 
von seiner tiefen sympathischen, von seiner tiefen, klaren und em- 
steu Stimme ; aber B u c k e fiigt gleich hinzu, daB sie wie sixBe Musik 
wirkte ; sie muB also melodischer gewesen sein, als tiefe Stimmen 
es zu sein pflegen. Zieht man von alledem, meint B e r t z , ab, 
was auch in dieser Angelegenheit die Schonfarberei der Esoterischen 
an der Wahrheit retouchiert hat, so wird wohl als Rest ungefahr die 
Charakteristik iibrig bleiben, die Theodore de Wyzewa in die 
Worte faBt : „Le ton tout feminin de sa voix", i*) — der vollig weib- 
liche Ton seiner Stimme." 

U 1 r i c h s erzahlt in Formatrix i*) von sich selbst : „Es hat mir 
von jeher Vergniigen gemacht, weiB ich mich allein, in Kopfstimme, 

") Jahrb. f. sex. Zw. III. Jahrg. Pag. 202 ff. : H. C. Andersen, 
von Albert Hansen, Kopenhagen. 

i«) Bertz, Walt Whitman, Leipzig 1905. 

Ecrivains 6trang'ers. Paris 1896. pag. 114. 
T 1 r i c h s , Formatrix, pag. 43. 



") Ec 

1*) u: 



Digitized by VjOOQIC 



133 

(„durch die Fistel")' zu singen. WeiB ich mich allein, so rfinge ich 
gem, nie aber in mannlicher Stimme, stets durch die Fistel: ofc^leich 
ich iu Singvereinen ersten, ja zweiten BaB gesungen habe. Bei Man- 
nern findet diese Liebhaberei fiir weiberartige Kopfstimme meines 
Wissens nie statt. Im Gegenteil, sie pflegt ihnen zuwider zu sein." 
Hierher gehort auch eine Bemerkung d e J o u x ' : „Ganz seltsam. ist 
es, zu beobachten wie viel echte Evasohne, auch durchaus musika- 
lische, unwillkurlich in der Sopranlage, also mit Kopfstimme, zu 
singen pflegen, wie haufig sie aus beliebten Opem die Arien der 
Primadonnen, und nicht die markigen Gesange der Helden, nach- 
trallem. Man erzahlt sich, Graf L., m Graz, singe die Gounod sche 
Schmuckarie Margarethens in der Originaltonart wie die Nil son, 
Baron W., in Wien, Rossinis „Una voce poco fS," trotz einer Rosina- 
Patti." 

Die Gesangsstiminen homosexueller Manner und Frauen 
scheinen am haufigsten zwischen Alt und Tenor, Mezzosopran 
und Kontra-Alt zu liegen, der Stimtntimbre erinnert nicht selten 
an Bchilderungen, die uns aus friiheren Zeiten liber die 
Kastratenstimmen liber lief ert sind. Im Jahre 1911 starb im 
Norden Berlins ein urnischer Altsanger florentinischer Ab- 
kunf t, Leo d'Ageni. Einst Schtiler L i s z t s war es der Stolz 
seines Lebens, bei der ersten Parsifal- Aufftihrung in Bayreuth 
als AltsSnger mitgewirkt zu haben. Seitdem lebte er in Deutsch- 
land und emahrte sich teils durch Gesangsunterricht. Er war 
eine iiberaus groteske Erscheinung, an der alles gefarbt und 
unecht war, so daU man nicht wuUte, ob er '40 oder 70 Jahre 
zahlte; von diesen Schwachen abgesehen ein Ehrenmann durch 
und durch. In den Versammlungen des Wissenschaftlich-humani- 
tflren Komitees entztickte er die Musik-Sachverstandigen mehr 
noch als durch seine vollkommen nattirliche Altstimme durch 
die weibliche Anmut seines Vortrags. 

Er bildete ein Gegenstiick zu einer freilich weit gproBeren Kiinst- 
lerin, Maria Stegemann aus Stettin, die unter dem Namen F e 1 i - 
citas von Vestvali in den siebziger Jahren des vorigen Jahr- 
honderta ihre Zeitgenossen begeisterte. Wie ihre Biographin, Rosa v. 
Braunschweig, erzahlt, entwickelte sich unter Mercadantes 
Leitong ihre Stimme zu einem Kontra-Alt von so phanomenaler Tiefe, 
dafi spekulative Impresarien ihr rieten, Tenorpartieii zu studieren. 

Kamentlich als „Tancred" und „Romeo" in Bellinis „Romeo 
und Julia" hatte sie einen grandiosen Erfolg. Von einer anderen Ur- 
oinde, der Michel, erzahlt Levetzow^'^) folgende Anekdote: 

„£ines Abends verfolgt sie auf ihrem Gauge durch einsame StraBen 
ein Herr mit Liebesantragen. Anfangs beachtet sie ihn nicht und laBt 
ihn mitlaufen oder nachlaufen. SchlieBlich aber, um ein Ende zu 
machen, dreht sie sich rasch um und singt ihm mit ihrer mannlich- 
sten Stimme eine Skala ins Gesicht, immer tiefer und tiefer gehend 
und den Buchstabennamen der Tone aussprechend, durch den auch 
iiberdies noch ein hochst derbes, sehr mannliches Wort herauskommt ; 
worauf der nachtliche Liebeswerber erschreckt die Flucht ergreift, 

1*) li. M., von Karl Frhr. v. L e v e t z o w - Marseille, Jahrb. 
t sex. Zw. VII. Jahrg. Bd. I. pag. 326. 



Digitized by VjOOQIC 



134 

wahrscheinlich in der Meinung, auf einen verkleideten Mann gestoBen 
zu sein.*' 

Hohe und Tiefe der Stimmen hangen unmittelbar von der 
Beschaffenheit der Stimmbander ab. Ihre Lange und Breite 
bewirken weiter ein starkeres oder schwacheres Hervor- 
springen des Schildknorpels, der sich beim Manne als Boge- 
nannter Adamsapfel heraushebt, wahrend er bei der Frau unter 
der weichen H^Jsrundung auBerlich fast unsichtbar bleibt. Die 
engo Beziehung, welche zwischen der Sexualitat einerseits, 
Kehlkopf und Stimme anderseits besteht, zeigen der wahrend der 
Reife eintretende Stimmwechsel und die bei Kastratioii ein- 
tretenden Stiminveranderungen. Es lag daher sehr nahe> bei 
Homosexuellen das Augenmerk auf den Bau des Kehlkopfs zu 
richten. Schon Ulrichs tat es, und in exakter Weise ge- 
schah es spater von Theodox S. Flatau, der. namentlich 
bei homosejcuellen Frauen wiederholt „zweifellos Andeutungen 
eines mMnnlichen Kehlkopfs**, teils sogar „entschied€jn mann- 
liche Formen ihres Kehjkopfs** fand. Auch ich beobachtete bei 
urnischen Frauen haufig das gleithe und konnte bei 463 be- 
Uebigen Urningen, die ich hintereinander darauf untersuchte, 
feststellen, daJJ . 128mal der Adamsapfel nicht, 219mal sehr 
wenig hervortrat, , wahrend er in 116 Fallen den gewohnlichen 
inftnnlich'en Habitus darbot; einmal war Kropf vorhanden. 

In der Tat ist die Neigung, in Fistelstimtne zu sprechen 
bder zu singen, bei den Urningen weit verbreitet. Ich' fand sie 
in I60/0 meiner Falle. Ihr entspricht bei homosexuellen Frauen 
die Neigung, die Stimme zu vertiefen. Im Ubrigen. scheint 
sowohl die Stimme der hoiiiosexuellen Manner als homosexuell6r 
Frauen dio Mitte zwischen mannlicher und weiblicher zu halten, 
bald der weiblichen, bald der mannlichen naher stehend; oft ist 
eie charakteristisch durch eine schwer zu beschreibende Weich- 
heit, die bei Mannern nicht selten mit einer gewissen Geziertheit 
und Dilrf tigkeit, bei Frauen mit ein wenig Rauheit und dem ver-. 
bunder, ist, was man als eine Kommandostimme bezeichnet hat. 

Schon Martial entwirft ein anschauliches Bild der Urnings- 
stimme. In dem Epigramm an Carmenion (10. 65.), in dem er sich 
verbittet, dafi dieser ihn Bruder nennt, („quare desine, me vocare 
fratrem"), er wiirde ihn sonst Schwester rufen („ne te Carmenion,. 
vocem sororem")> sagt er, „dein Mund sauselt und deine Sprache 
ist matt, ich rede kraftiger, wenn ich fliistre": 

„Os blaesum tibi debilisque lingua: 
Nobis sibila fortius loquuntur.* 

Schon am Tele ph on treten nicht selten die geziert hohe Stimme 
des Timings, die tiefe, sonore der Urninde so deutlich hervor, dafi 
sie mir vor personlicher Bekanntschaft die Wahrscheinliohkeitsdia- 
gnose gestatteten, die ich nicht nur bei Gesprachen in Berlin, sondern 



Digitized by VjOOQIC 



135 

bei Anrufeii aus Miinchen, Koln, Hamburg, VVieii und anderswoher 
oft bestatigt gefunden habe. 

Das Eigentiimliche der homosexuellen Stimmlage tritt am mar- 
kantesten zutage, wenn Laute reflexartig, etwa durch einen Schreck, 
ausgelost werden. So erzahlte mir ein guter Beobachter, der zufallig 
bei einer Panik in einem homosexuellen Lokal anwesend war, die aus- 
brach, als sich plotzlich ein Gast in die Stirn schoB und blutiiber- 
stromt zu Boden sank, es sei ganz auffallig gewesen, wie weiblich 
die Schreie des Entsetzens geklungen batten, mit denen die Urnirige 
den Vorfall begleiteten. Auch das Lachen klingt bei Urningen oft 
imgewohnlich hoch, bei Urninden verhaltnismaBig tief. 

c. Behaarun^. 

Hinsichtlich dieses wichtigen Geschlechtscharakters finden 
sich bei homosexuellen Mannem und Frauen oft Abweichungen 
vom heterosexuellen Durchschnittstypus, Wir nehmen behufs 
naherer Betrachtung eine Vierteilung vor in K o p f haare, B a r t - 
haare, S eh am haare und Korperhaare. 

Das Haupthaar der Urninge ist verhaltnismaBig haufig auf- 
fallend weich, diinn und gewellt als Einzelhaar und uppig in 
seiner Gesamtheit, das der Urninden im einzelnen oft relativ 
kraftig, hart, struppig, als ganzes oft nur bis zum tinteren Rande 
des S*.hulterblattes reichend, im Gegensatz zu heterosexuellen 
Frauen, bei denen es sich nicht selten bis zum oberen Rande 
des Beckens erstreckt. 

Die Haarfarbe zeigt kaum Besonderhoiten. Von 374 Urningen 
deutscher Abkunft zwischen 25 und 50 Jahren, die ich nach diesem 
Gesichtspunkte fortlaufend priifte, befanden sich 125 Hellbloride, 100 
Dunkelblonde, 10 mit rotlichem, 86 mit braunem, 38 mit schwarzcm 
Haar; 12 waren grau, drei weiC, davon einer bereits mit 20 Jahren; 
bei 83 unter diesen war das Haupthaar von Natur gelockt, wahrend es 
nahezu ebensoviele selbst krausclten. Viele Urninge verwendcn im 
Gegensatze zu den Urninden eine groBe Sorgfalt auf ihre Frisur. Schon 
im Altertum hieBen sie deshalb capillati und comati. Von dem athe- 
niensischen Urning Demetrius Phalereus erzahlt Athenaeus 
(lib. 12 pag. 542) : „Sein Haar krauselte er und gab demselhen eine 
Goldfarbe. Sein Gesicht schmin(kte er." Die Urninden traj^^en das 
Haupthaai- gern schlicht, glatt gescheitelt oder ungeordnet. Diekom- 
plizierte Damenfrisur verursacht ihnen oft nicht geringe Schwierig- 
keiten. Viele schneiden sich die Haare kurz, andere wiirden es gern 
tun, scheuen aber die Bemerkun^en „unverniinftigor" Menscheii iiber 
ihren „Tituskopf**. Bemerkenswert ist, wie auch hier die der Psyche 
nicht entsprecnende Physis friih instinktiv las tig empfunden wird. 
Sehr anschaulich schildert dies eine Kontrarsexuelle in ihrcr Lebons- 
beschreibung ^^) : „Man versuchte mich auf meine wilden Haare eitel 
zu machen und bewunderte den natiirlichen Kopfschmuck so lange, 
bis ich, kurz entschlosscn, zum Friseur ging und — mich scheren 
lieB. Wozu auch dieses unniitze AnhangseT, welclies mir beim Jjaufen 
und Springen nur hinderlich war? Die Buben hatten das viel be- 
quemer, Weshalb sollte ich es ihnen nicht gleichtun? Der Haar- 
kiinstler war zuerst entsetzt iiber meine Aufforderung, so daB er 



16) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. III. Pag. 292 ff. „Die Wahrheit iiber 
mich." 



Digitized by VjOOQIC 



136 

mich ganz starr ansah und in den Ausruf ausbrach: „Nein, das ist 
zu schadel Ich tue es nichtl" „So gehe ich zu einem anderen." 
Dieses half. Er machte noch einen sohwachen Versuch, mich durch 
tJberredung zuriickzuhalten, mit dem Hinweis, daB das „prachtige 
Haar" erst in drei Jahren seine jjetzige Fiille und Lange" wieder- 
erhalten haben wiirde. „Die soil es ja iiberhaupt nicht wieder be- 
kommen. Wozu lasse ich denn den Rummel herunternehmen?" Als 
er sah, daC alles nichts niitzte, machte er sich mit einem schweren 
Seufzer ans Schneiden. Hei, wie forsch kam ich mir nach vollendeter 
Tat vor! Nun sollte es nur jemand wagen, mich „Madchen" zu 
schimpfen, wie es kiirzlich Winterfelds Fritz getani Ich war gerade 
80 gut ein Junge, wie er. Jetzt blickte ich sogar in den Spiegel, 
was ich sonst liir eine hochst iiberfliissige Sache hielt. „Soll ich 
das Haar vielleicht brennen?" Ich brach in schallendes Gelachter 
aus. „0 nein, neini Ich will mich doch nicht zum Dandy heraus- 
bildenl" Der Kiinstler wickelte meinen Zopf sauberlich in Seiden- 
papier und wollte mir denselben feierlich iiberreichen. „Was soil 
ich damit anfangen? Behalten Sie ihn nur I" „Wiirden Sie ihn fur 
10 Mark verkaufen?" Gem willigte ich ein. Dafur konnte ich mir 
ein hiibsches Buch anschaffen. Und Biioher, BiLcher,-die sind stets 
meine Passion gewesen und auch geblieben. So troUte ich denn 
wohlgemut nach Hause, wo es natiirlich gehorige „Dresche" gab. Was 
tat das? So etwas schiittelte man bald wieder ab, und an der Haupt- 
sache war nichts zu andern. Auch kam das redlich erworbene Geld, 
mit dem ich nocH an demselben Tage zum Buchhandler eilte, mit in 
Betracht." 

Es sei hier auch an die fiir das weibliche Urningtum iiberaus 
charakteristische Erzahlung Lukians^') von der Urninde MegiUa 
erinnert. Sie beginnt mit einer allgemeineren Bemerkung: . . . totavtag 
ywalxaff, vjco dydgcbv fisv ovx i^sXovaag avxo Jtdoxeiv, ywai^l dk avtdg TtXrjauxCovaaSf 
woneg ivSgag, „solche Weiber dulden nicht einen umarmenden Mann, wollen 
vielmehr selber, Mannem gleich, Weiber genieBen". Von der Megilla 
heiBt es dann : ^ yyvtj deivcjg dvdQvxij iaxiv : „sie ist ^ewaltig mannlich''. 
Sie liebt (iefv) die Zitherspielerin Leaena. Megilla und noch eine 
andere Urninde namens Demonassa, haben eines Abends die noch 
nichts Ahnende zum Zitherspielen zu sich ^eladen. Leaena, durch 
Geschenke veranlaBt, noctem praebet. Von dieser Nacht erzahlt nun 
Leaena folgendes: „Sie kiiliten mich und umarmten mich und driick- 
ten mir die Briiste, wie es Manner tun, wobei Demonassa sogar biB. 
Plotzlich zog Demonassa ihre ganze Haarfrisur vom Kopfe; es war 
eine falsche. Sie erschien nun so kurz geschoren, wie ein recht mann- 
licher Athlet. Sie sagte zu mir: „Hast du schon einen so schonen 
jungen Mann gesehen, wie ich bin?" Ich erwiderte: „Aber ich sehe 
hier doch keinen jungen Mann, Megilla." Sie: ,,Mache mich nicht 
zum Weibe ; ich heiBe Megillus. Diese Demonassa habe ich einst 
geheiratet, sie ist mein Weib. To nav dvije sifji. Ich bin ganz Mann. 
'Eyevn^^v fikv dfioia xaXg dXXaig vfiZv ^ yva>firj di xat ^ exi^fiia xai xSXXa 
ndvxa drdgog iari fioi, Zwar bin ich ebenso geboren wie ihr anderen Wei- 
ber. Meine S e e 1 e aber und die Begierde in mir ist die eines 
Mannes. Darauf habe ich sie wie einen Mann umschlungen. . . Dabei 
atmete sie heftig und schien iiber die MaBen Wonne zu empfinden." — 

Fast ebenso negativ wie die Uminden gegen den Haupthaar- 
schmuck, verhalten sich viele Urninge gegen den Bartschmuck. 
Auch hier wtirden noch mehr als es ohnehin tun, glattrasiert 
gehen, wenn sie nicht oft in iibertriebener Angstlichkeit ftirch- 



^^) Dialog, meretr. 5. 



Digitized by VjOOQIC 



137 

teten, beargwohnt zu werden. Ganz ohne Bartwuchs sind nur 
wenige Urninge. Unter 500 liber 20 Jahre alien befanden sich 
14, die keine Spur von Bartwuchs hatten, bei 15 war nur ein 
leichter Bartflaum vorhanden, weitere 132 zeigten schwachen 
Bartwuchs, der wesentlich geringer war, als im Durchschnitt 
bei Mannern, wahrend der Rest wenig oder gar nichts Ab- 
weichendes aufwies. Im Gegensatz hierzu findet sich bei urni- 
schen Frauen verhaltnismafiig oft mehr oder weniger gut ent- 
wickdtes Barthaar, aus dessen allelnigem Vorhandensein einen 
Schlufi auf Homosexualitat zu Ziehen allerdings nicht angangig 
ist. Eigenttimlicherweise sind ^erade die eigentlichen Bart- 
damen, die feminae barbatae (bearded women der Englander), 
ahnlich wie wir es bei den Frauen mit grofier Clitoris sahen, 
fast nie homosexuell. Es hat den Anschein, als ob die starksten 
Umkehrungen sekundarer Geschlechtscharaktere nicht so oft 
Begleitersoheinungen der Homosexualitfit sind wie leichtere und 
mittelstarke maskuline bezw. feminine Einschlage; die kras- 
seren sexuellen Transformationen kommen ofter isoliert, die 
sohwacheren haufiger kombiniert vor. 

Ein gutes Beispiel viriler Bart- und Korperbehaarung bei einer 
Urninde stellt der von Wilhelm Hammer ^8) beschnebene Fall 
der von ihm als „Schriftstellerin Ottilie Ehrlich" bezeichneten 24 jah- 
rigeu Person dar. Er berichtet: 

„Die Behaarung ist stark, namentlich unterhalb des Kinnes. Vom 
Sebamberg zieht ein Haarstreifen nach dem Nabel, wie das bei Man- 
nern haufig, bei Frauen selten ist. . . . Das Haar ist mafiig kurz 
geschnitten, emporgekammt, Ibren Bart laBt sie sich rasieren ; die Be- 
haarung an Kinn und Hals ist, wie ich mich durch Betastung der 
Stoppelu iiberzeugte, so erheblich, daB mancher gleichaltrige Jiingling 
froh sein diirfte, wenn er iiber ahnlich starke Behaarung verfiigte. 
Ahnliches sah ich wiederholt. Wenn homosexuelle Manner sich einen 
Vollbart wachsen lassen, so wirken sie infolge ihrer weichen Gesichts- 
ziige manchmal wie Bartdamen. Manche gef alien sich darin, einen soge- 
nannteu Christuskopf zu tragen mit wehendem Haupt- und Barthaar. 

So lernte ich in Rom in der deutschen Herberge einen h.-s. Schuh- 
macher kennen, der sich schon seit Jahrzehnten bei den jungen Kunden 
groCer Beliebtheit erfreut und unter ihnen infolge dieser Haartracht, 
zum Teil vielleicht auch infolge seiner salbungsvollen Predigerart, den 
Beinamen „Heiland" fuhrte. Rosegger gibt von dem urnischen 
Dichter K. M. V a c a n o , einem hochst seltsamen Doppelmenschen, 
in seinem Buche: „Gute Karaeraden" folgende Schilderung: „V. trug 
einen Mosesbart und eine Lorgnette, ,Patriarch und Gigerl* unterschrieb 
er sich einmal und ein anderesmal sagte er von sich selbst, er sei eine 
Koquette und ein Betbruder in einer Person." 

Ein hochst merkwiirdi^es Paar wurde mir von einem Kenner der 
homosexuellen Welt in Pans vorgestellt, ein Maler und eine Malerin, 
die miteinander kameradachaftlich verheiratet waren, beide urnisch. Er 
trug einen „Christuskopf", sie einen „Tituskopf". Krafft-Ebing 
erzahlt, dali die V a y , um Bartwuchs zu erzielen, „allerlei Rasierexperi- 

18) W. Hammer, „Die Tribadie Berlins". GroBstadt-Dokumente, 
herausgegeb. v. Hans Ostwald. Bd. 20. pag. 23. 



Digitized by VjOOQIC 



138 

mcnto" in Anwendung zog. Andere Urninden lieben cs, sich wenigstena 
vor dem Spiegel gelegentlich einen Schnurrbart anzumalen odor anzu- 
kleben. Ich besitze eine stattliche Anzahl Photographien, die Frauen 
mit „schneidigem Schnurrbart" darstellen, den sie sicli sehr iiatur- 
getreu aufsetzten. Und audi hier wieder das Seitenstiick, wobei immer 
zu beachten ist, daB der extreme Fall nicht so sehr wegen seiner 
selbst .interessiert, als weil der Cbertreibung ungleich zahlreiohere 
Beispiele entsprechen, in denen, was dort Handlung wurde, in 
Neigungen existiert. Es gibt Urninge, die so weit gehen, ihren Bart, 
wie andere Geschlechtszeichen, zu eliminieren. So heiOt es in dem 
Referat Frankels^^) iiber den urnischen Selbstmorder Blank: ,,Er 
legte sein Haar in Locken, zerstorte seinen Bart und stopfte sich 
Busen und Hiiften aus." 

Was die Schamhaare anlangt, so ist auch hier bei urni- 
schen Menschen nicht selten der sonst meist so pragnante mann- 
licho iind weibliche Typus verwischt. Wie in dem erwahnten 
Hammer schen Falle sieht man hauf ig langs der Linea alba 
einen deutlichen Haarstrich zum Nabel ziehen, ferner schneiden 
die. pubes nicht mit der Basis des Mons veneris ab, sondern setzen 
sich rautenformig nach oben fort, wahrend sie bei homosexuellen 
Mannern relativ oft nach Frauenart in Dreieckform, mit der 
leicht konkaven Breitseite nach dem Bauche zu, gruppiert sind. 
Noeh haufiger aber wie die Schamhaare zeigen die ubrigen 
K (i r p e r h a a r e bei Homosexuellen ein charakteristisches Bild. 

Unter 500 Homosexuellen zeigte sich bei 98 der Korper iiberhaupt 
nicht behaart, bei 78 ungemein schwach, in 176 Fallen, d. i. in 35,2 ^,'o 
unter dem Durchschnittstypus. Unter den iibrigen fanden sich viele, 
die iiber ihre oft sogar recht erhebliche Korperbehaarung eine iustink- 
tive Scham empfanden, beispielsweise sich deswegen genierten, offeiit- 
lich zu baden. Manche gehen sogar so weit, die Haare, besonders 
von der Brust, abzurasieren. Ich konnte dies bei der Korperunter- 
suchung selbst recht mannlich erscheinender Urninge in der Sprcch- 
stunde gar nicht selten konstatieren. Namentlich im AUcrtum scheint 
unter den Homosexuellen die Enthaarung mit Harz, Pech und anderon 
Mittehi weit verbreitet gewesen zu sein. Bei Seneca und and(?ren 
werden sie aus diesem Grunde, im nur scheinbaren Widerspruch zu ca- 
pillati, dej>ilati, bei Martial als glabri, bei Juvenal als rcsinati, 
bei Per si us als leves, bei Kratinos im Titel seiner Komodie als 
,,ef4jiurgdiii€vot" , „Die Abgesengten", bezeichnet.^^a) in dem oben er- 
Epigramme Martials an Carmenion heiiJt es : 

„Tu flexa nitidus coma vagaris: 

Hispanis ego contumax capillis. 

Laevis pumice tu quotidiano: 

Hirsutus ego cruribus genisque." 

„Du wandelst einher geputzt mit gekriimmtem Haar, ich mit 
hispanischem, das gegen Haarkiinsteleien sich straubt. Du bist glatt 
dutch tagliches Bimsteinschaben, ich an Schenkeln und Wangen rauh- 
haario:.** 

Wenn wir hiermit nun wieder die Korperbehaarung urnischer 
Frauen vergleichen, so sehen wir auch hier die vollkommcn ent- 

19) Med. Ztg. vom Verein f. Heilkunde i. PreuBen. Bd. 22. 1853 
pag. 101. (Homo mollis). 

^*a) Cf. nach B 1 o c h , Dieses Handbuch, Bd. I, pag. 413. 



Digitized by VjOOQIC 



139 

sprecbenden maskulinen Einschlage. Namentlich die Streckseiren der 
Extremitaten sind in der Mehrzahl der Falle auffallend stark be- 
haart, besonders die Beine, etwas seltener die Arrae. Als gates Bei- 
sj>iel dienc folgende, durch Inspektion bestatigte Angabe einer Urninde : 
„Arme etwas, Beine ziemlich behaart. Haarfarbe dunkelblond, Frisur 
nicht besonders ordentlich, da die Kunst des Frisierens absolut nicht 
verstehe. Liebe bei Frauen aber sehr gute, schicke Frisur. Leiser 
Bartanflug ist bei mir vorhanden." Ob wohl die Saris im Talmud 
feminine Homosexuelle waren? Fast konnte man es annehmen, wenn 
man in Jebamoth Bd. 1 20) ihre Kennzeichen wie folgt liest: 

„Er ist ein Mensch, der mit seinem zwanzigstcn Jahre noch keine 
zwei Haare auf seinem Korper hat, und bekommt er diese spater, so 
ist er doch ein Saris. Er hat keinen Bart, seine Haare sind fein und 
sanft. seine Haut ist glatt: Sein Wasser bekommt keinen Schaum. 
Er urniniert nicht mit den anderen. Sein Samen ist nicht gebunden. 
er ist klar wie Wasser. Seine Stimme ist wie die einer Frau." 

d. Milchdrusen. 

Einen weiteren wichtigen Geschlechtsunterschied haben wir 
in don Milchdrusen der Saugetiere zu erblicken. Bis zur Reife- 
zeit bei beiden Geschlechtern einheitlich gebildet, tritt im pu- 
bischen Alter bei Madchen und Knaben ein geringes Anschwellen 
des Brustdrtisenkorpers ein, das beim ,weiblichen Geschlecht als- 
bald enorm zunimmt, wahrend es beim mannlichen bis auf den 
Rest der Sau^arze zuriickgeht. Dieses Rudiment veranschau- 
licht besonders deutlich die ursprunglich einheitliche, bisexuelle 
Anlage der Geschlechtscharaktere, so daB U 1 r i c h s 21) nicht ganz 
unroebt hatte, wenn er in Memnon eine Parallele zwischen kor- 
perlichem und seelischem Zwittertum ziehend, ausruft: „So 
wenig der Mann Verfolgung verdient dafiir, daB er Brustwarzen 
an sich tragt, so wenig verdient sie der Urning dafiir, daB er 
nicht Weiber, sondern Manner liebt.*' 

Den Alten gefiel es, in ihren Hermaphroditen und Ama- 
zonen ein Zusammentreffen sowohl mannlicher Genitalien und 
wciblicher Briiste, als weiblicher Geschlechts- mit mannlicher 
Brustbildung plastisch und poetisch festzuhalten, in Wirklich- 
keit ist aber diese Inkongruenz verhaltnismaBig doch nur eine 
recht seltene. VoUentwickelte mannliche Gynakomastie und weib- 
liche Andromastie sind Raritaten und fallen, wie auch sonst 
die starkeren Abweichungen somatischer Geschlechtscharaktere, 
keineswegs in der Regel mit homosexuellem Empfinden zusammen. 
Dagegen sehen wir auch hier leicht'Cre Annahcrungen an die 
Bildung des anderen Geschlechts relativ oft, sicherlich viel hau- 
figer als bei Heterosexuellen. Dazu gehort bei homostexuellen 
Frauen Mikromastie und Stillungsunfahigkcit, bei homosexuellcn 
Mfinnern ein ungewohnlich groBer Warzenhof, deutliche Aus- 

20) pag. 94/96. 

2^) tl 1 r i h 8 , Memnon, p. 26. 



Digitized by VjOOQIC 



140 

bildung der Montgomeryschen Dnisen, Polymastie, starkes Fett- 
polster anstelle der Milchdrilse. 

Ein Wiener Urning, der sehr viel mit Gleichempfindenden ver- 
kehrte, schrieb an Ulrichs:") 

„Be8onders oft fand ich die Brustwarzen weit groBer, als bei 
Dioningen, die Brust rechts iind links iiberhaupt voller, runder und 
fleischiger. Beim Baden erregen wir damit oft der Dioninge Staunen. 
Hier in Wien gibt es einige mit wahrhaft prachtvollen formlichen 
„Brii8ten"." 

Ein urnischer Heilgehilfe berichtet mir: ,,Meine Briiste sind so 
stark entwickelt, daB ich mich oft genierte, mich auszukleiden, da ich 
oft gefoppt wurde, ich soUe ,mich als Amme vennieten*." 

Unter 440 Homosexuellen zeigten 214 den normal mannlichen 
Brusttypus, unter den iibrigen 226 befanden sich 6 ausgesprochene 
Gynakomasten, darunter ein Fall, in dem die rechte Brustwarze bei 
Druck ein milchartiges Sdkret absonderte; bei 78 fand sich ein relativ 

froBer Warzenhof auf vollen, fleischigen Briisten, die in den iibrigen 
43 Fallen ohne groBen Warzenhof vorhanden waren, mehrere betonen 
die Starke sexuelle Reizbarkeit der Brustdriisen, einige ihre zeitweise 
Schmerzempfindlichkeit, die auch bei mehreren der Krafft-Ebingschen 
Explorierten hervorgehoben wird. 

Ungefahr ebenso haufig, wie bei homosexuellen Mannern „volle", 
finden sich bei homosexuellen Frauen „flache", „platte", „magere** 
Briiste, es besteht aber auch hier durchaus keine Ubereinstimmung 
mit den iibrigen Geschlechtszeichen, so sah ich najnentlich bei Vira- 
gines oft recht gut entwickelte Brustdriisenkorper, die im Vergleich 
zu ihrer sonstigen Mannlichkeit frappierten. Ganz nach Mannerart 
sind bei homosexuellen Frauen oft die Saugwarzen gebildet ; auch finden 
sicli nicht selten an ihnen kleine Harchen. Gebaren homosexuelle 
Frauen, so besteht fast stets eine groBe Abneigung, das Kind zu 
stillen, selbst wenn sie dazu in der Lage sind, was allerdings vielfach 
nicht der Fall ist. Feminine homosexuelle Manner traumen dage^en 
ahnlich wie transvestitische nicht selten, daB sie ein saugendes Kind 
an der Brust liegen haben. «8) Auch hier sehen wir wieder die in- 
stinktive seelische Tendenz, dort, wo etwas korperlich nicht als adaquat 
empfunden wird, mehr oder minder kiinstlich nachzuhelfen, vor allem 
tritt dies natiirlich bei transvestitischen Homosexuellen zutage, unter 
denen die Manner auf die Hervorkehrung eines iippigen Busens, die 
Frauen auf flachen Brustkorb Wert legen. Es wird dabei auch der 
Atmungstypus zu beeinflussen gesucht, was Homosexuellen oft nicht 
schwer fallt. Ich sah homosexuelle Manner mit wogenden Busen und 
homosexuelle Frauen ohne eine Spur von kostaler Atmung. 

Auch bei dem von W a c h h o 1 z **) beschriebenen Fall eines auf 
Capri lebenden Urnings, stellte der untersuchende Arzt fest, daB 
,,dieser den hohen Atemtypus der Frauen besaB." 

Vor einiger Zeit suchte ein sehr femininer Urning Dr. S t a b e 1 
einmal mit der Frage auf, ob man ihm nicht „durch Paraffininjektion 
einen weiblichen Busen herstellen konne." Abschlagig beschieden, 
war er sehr unzufrieden. Umgekehrt fragen virile Urninden gelegent- 
lich, wie der G a r r 6 sche Hermaphrodit an, ob man ihnen nicht die 
Briiste ^.mputieren konne. 

**) U 1 r i c h s , Memnon, p. 130. 

23) Cf. „Transvestiteii" Fall XIII. p. 100 ff. 

2*) Leo Wachholz: Zur Kasuistik der sexuellen Verirrungen. 
Friedreichs Blatter fiir gerichtliche Medizin und Sanitatspolizei. 43. 
Jahrgang. Nurnberg 1892, S. 433 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



141 

Ein Seitenstuck zu den oben erwahnten Saris unter den Mannern, 
bilden die Ailonith unter den Frauen. Von ihnen heiBt es im 
Talmud**): „Sie haben keine Bruste, und die Kohabitation ist ihnen 
widrig. Sie haben keinen weiblichen Mons veneris. Sie haben eine 
mannliche Stimme." 

e. Beck en unti Figur. 

Die weibliche „!Figur", auf die von echten Frauen ein ebenso 
hoher Wert gelegt wird wie von den sie liebenden Malnnern, 
ist auBer von der Konfiguration der Bruste namentlich von der 
Bveite des Beckens, „den Htiften**, und der zwischen beiden 
Rumpfhalften sich bildenden „Taille** abhangig. Auch hier 
zeigt sowohl der urnisohe Manner- wie Frauentypus vielfach 
den Zwisehenstufencharakter. Sein Hauptmerkmal ist das Ver- 
haltnis der Beckenlinie zur Schulterlinie (Troehanterenabstand 
zum Akromialabstand), welches beim weiblichen Geschlecht po- 
sitiv (Beckenlinie langer als Schulterlinie), beim mannlichen 
negativ (Beckenlinie kleiner als Schulterlinie), beim gynandri- 
schen Typ nahezu gleich ist. 



Schulter: + — + 



Becken: Weib Mann Zwischenstufe 

Selbst ein umgekehrtes L&ngenverhaltnis beider Durchmesser 
gehort bei homosexuellen Mannern und Frauen nicht zu den 
Seltenheiten. Das ungewohnlich breite Becken fallt oft schon 
dem Laien, namentlich den Schneidern, beim Maflnehmen auf. 

Ein Urning berichtet, bei der militarischen Einkleidung habe der 
Vorgesetzte gesagt, „er habe wohl bei der Verteilung des GesaBes 
zweimal ,hier* gerufen." Umgekehrt sind homosexuelle Frauen oft 
schmalhiiftig ; sie haben keine gute Taille. v. Levetzow26) ent- 
wirft von der Figur der Michel folgendes Bild: ,,Sie ist groii, 
schlank, mager, von flacher Brust und schmalen Hiiften, wenig aus- 
gesprochener Taille, so daB sie in Mannerkleidern nicht auffallt." 

Noch bezeichnender schildert Krafft-Ebing^T) die Sarolta 
V a y : „Der Rumpf entspricht durchaus nicht weiblicher Bauart. Es 
fehlt die Taille. Das Becken ist so schmal und so wenig prominierend, 
dali eine von der Achselhohle zum entsprechenden Knie gezogene 
Linie der Richtung der Geraden entspricht und. durch eine Taille 
nicht ein-, durch das Becken nicht auswarts gedrangt wird .... 
Das Becken erscheint als ein allseits verengtes mit entschieden mann- 
lichem Typus. Die Distanz der vordersten Darmbeinstachel betragt 
22,6 (statt 26,3), die der Darmbeinkamme 26,5 (statt 29,3), die der 
Rollhiigel 27,3 (31), die auiJere Conjugata 17,2 (19—20), daher ver- 
mutlich die innere 7,7 (10,8) haben wird. Wegen mangelhafter Breite' 

»*) Jahrb. f. sex. Zw., Bd. V, 2. Teil, pag. 920 in „Die androgy- 
nischc Idee des Lebens". Von Dr. L. S. A. M. v. Rome r. 

w) Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. VII. Bd. I. Pag. 326. Louise Michel. 
Von Frhr. v. Levetzow -Marseille. 

»0 Krafft-Ebing, Psych, sex., 1903, pag. 305 und 306. 



Digitized by VjOOQIC 



142 

d6S Beckens ist auch die Stellung der Oberschenkel keine convergente 
wie beim Weibe, sondern eine. gerade." 

Ahaliqhe BeckenmaBe und Verbaltniszahlen fand ich bei Ur- 
ninden wiederholt, so in einem Falle langsten Schulterumfang 98 cm, 
langsteu Hiiftenumfang 86 cm, Taille 70 cm, in einem anderen distantia 
acromialis 85 cm, distantia cristarum 80 cm Umfang, Taillenweite 
68 cm. Ich gebe noch eine Gesamtiibersicht der Korpermalie eines 
mannlichen Homosexuellen : 

Alter: 27 Jahre 7 Monate. GroBe 157 cm. Gewicht 721/2 Kilo. 

Kopf: Umfang 56/0. Abstand Glabella-Protub. occip. ext. 18, 5. 
Abst. Temper. 16, 0. . •: 

Brust: Umfang 86/92. Abst. Sternum-Brustwirbeldomfortsatze 
20,5. Abst, Acrom. §4,0. Abst. d. mammae 24,0. . 

Arm: Acrom. — Spitze d. digitus medius 65,5. Acrom. — caput 
radii 48,5. Acrom. — Oberarm 26,5, Oberarm — Prot. styl. radii 22,0. 
Umfang Ob.--A. unterhalb des Muse. delt. 29,0. Umf. Unt.-A. an 
der starksten Stelle 27,0. 

Bein: Abst. Spin. ant. sup. — Malleolus ext. 84,5. Abst. Spin, 
ant. sup. — Mitte d. Patella 45,0. Abst. Trochanter — Mitte d. 
Patella 38,5. Mitte der Patella- Malleolus extern. 39,5. FuB: Ferse — 
Spitze der groBen Zehe 24,0. Umfang Oberschenkel unterhalb d. Dam- 
mes 54,5. Unterschenkel an der starksten Stelle 34,0. 

Becken: Gerader Beckendurchmesser 20,5. Abst. Spinae ant. sup. 
23,5. Cristae ossium ilium 26,5. Abst. der Trochanteres 30,5. Abst. 
symphyse-jugulum 49,5. GesaBumfang 93,0. 

Auffallende Merkmale: Gynakomastie, ausgebild. Mons veneris, 
hohe Stimmlage, Genu valgum. 

I)a3 Wesentliche ist, daB, wahrend wir bei der homosexuellen 
Frau Schulterumfang 98 cm, Hiiftenumfang 86 cm fanden, "wir beim 
homosexuellen Manne ein umgekehrtes Verhaltnis, namlich 86/92 cm 
Brustumfang zu 93 cm GesaBumfang feststellten. 

Es sei aber auch hier wieder besonders betont, dali nicht 
ohne wei teres aus Schmalhtiftigkeit der Weiber und Breithiiftig- 
keit der Manner Homosexualitat geschlossen warden kann. Im 
ganzeu fand ich unter rund 1000 Homosexuellen 352, also iiber 
Vj, ausgesprocheri mannlich, 344, ebenfalls iiber ^/g, weiblich 
behuftci, wahrend man etwas unter ^/g weder als ausgesprochen 
weiblich noelL mannlich in Anspruch nehmen kann. Ziemlich 
haufig ist bei Homosexuellen ein auffallend hohles Kreu^, so 
dafl eine vom 7. Halswirbel zum SteiUbein gezogene Gerade 8 ctn 
und mehr von der tiefstejp Einsenkung der Lendenwirbelsaule 
cntfernt bleibt. Diese Eigentlimlichkeit ruft oft den Eindruclc 
eines besonders starken GesaBes bei schmaler Taille hervor. Auch 
hi(.T beobachten wir wieder das Bestreben, der Natur nachzu- 
helfen. Wahrend homosexuelle Frauen meist eine groBe Ab- 
neigung gegen die enge Taille und das Korsett haben, bedienen 
sich homosexuelle Manner nicht selten dieses Marterwerkzeugs, 
um sich die Taille so schnial als moglich zu schniiren. Mehr 
als eiumal sah ich bei homosexuellen Tauzvergniigungen Urningo 
ohnmiiehiig werden, weil sie sich zu eng geschntirt batten. 



Digitized by VjOOQIC 



143 

Von der Breite des Beckens hangt die Stellung der Beine ab, 
die bei der homosexuellen Frau oft wie beim Manne mehr saulen- 
artig oder zur X-Form geneigt ist, wahrend bei homosexuellen 
Mannern niclit selten eine Tendenz zu 0-Beinen, wenn aiich 
meist nur leichten Graides, nachweisbar ist. A r is to tele s^^) 
erwahnt ihre „einwarts gebogenen Kniee". Im iibrigen 
bietet das Skelett der Homosexuellen wenig Besonderheiten. In 
bezug auf die KorpergroBe fand ich unter den homosexuellen 
Mannern iiber ^5 mittelgroB 160 — 180 cm, gegen Y5 liber 180 jem 
und ebensoviel unter 160 cm. Einige haben ungewohnlich zarte, 
ihrem Alter nicht entsprechende Figuren. Ein hervorragender, 
mil* perscnlich bekannter Schriftsteller, der jetzt Mitte der 40 
ist, sagt von sich, daU er den Korperbau eines etwa 15jahrigen 
Juiigen habe. Solehe zierliche Gestalten sieht man nicht ganz 
selten unter den Homosexuellen, doch begegnet man auch wahren 
Enaksgestalten, mit deren Riesenleib dann oft eine iibergroBe 
Wcichheit um so seltsamer kontrastiert. Unter den homosexuel- 
len Frauen diirfte das Verhaltnis der groBen, kleinen und mitt- 
leren Figuren ahnlich sein. Besonders unter den Virilen stoBt 
man gelegentlich auf sehr starkknochige, groBe; so war lange 
Zeit eine als Riesin in einem Panoptikum auftretende Frau ein 
sehr ,.angesehener*' Gast in den homosexuellen Lokalen Berlins. 
Aber auch unter den mannlichst gearteten Urninden sieht man 
Miniaturfiguren, die dann durch ihr strammes Auftreten um 
so sonde rbarer wirken. 

Im Verhaltnis zu dem iibrigen Skelett sind bei Urninden 
die Hande und FliBe oft ungewohnlich groB, bei Urningen klein. 
Ulrichs legte der „zart gebauten und schcin geformten Hand" 
als urnischem Zeichen besondere Bedeutung bei. 

Ich selbst fand folgendes: 



Hand: 


Klein 


Mittel 


OroB 


Von 500: 


224 =- 44,8^/0 


151 -= 30.2*Vo 


125 == 25,0^0 


F u a : 


Klein 


Mittel 


OroB 


^Vm 500: 


204 = 40.8«/^ 


167 = 38,4«io 


129 =- 25,8^/0 



Bei etwa 75 0/0 allef Falle weiseii Hiinde und FiiBe gleiche Pro- 
portioneu auf, so daB kleine Hande und kleine FiiBe korrespon- 
dieren; bei etwa 25o'o firidet man Incongruenzen, kleine Hande bei 
groBen FiiBen oder umgekehrt. 

Homosexuelle Manner tun sich ofter etwas darauf zugute, daB 
sie weiblichc Schuh- und Iland.schuhnummern tragen miissen, wahrend 
homosexuelle Frauen oft miinnliclie Schuhc und Ifandschulie brauchen. 
Der Hajidedruck homosexueller Frauen ist oft besonders kriiftig und 
feat, wahrend er bei homosexuellen Mannern oft eigentiimlich s£j,,nft 
und geziert ist. 



28) Aria to teles, Schriften zur Naturphilosophie.- Obersetzt 
Krcutz. Stuttgart 1847. Bd. 11, pag. 31.'}. 



Digitized by VjOOQIC 



144 

f. Korperdecken,Muskel-,Haut-un(lFettgeweb6. 

Ehc wir aber auf dieses wichtige Gebiet urnischer Be- 
vvegungen kommen, woUen wir zunachst noch die Decken des 
Knochengerlistes, das Muskel-, Haut- und Fettgewebe homo- 
sexueller Manner und Frauen einer Betrachtung unterziehen. 
Im allgemeinen erscheinen die Formen des mannlichen Korpers 
in ihrer Gesamtheit sowohl wie in der Ausbildung der einzelnen 
Partien geradliniger und eckiger, die des weiblichen weicher, 
welliger und mehr abgerundet. Ihren Grund muB diese Ver- 
schiedenheit natiirlich in der andersartigen Beschaffenheit der 
anatomischen Unterlagen haben. Diese setzen sich, abgesehen 
vom Skeletl, aus der Muskulatur und dem Unterhautzellgewebe 
zusammen, dessen Beschaffenheit und Form im Wesentli^hen 
durch seinen Gehalt an Fett bestimmt wird. In der Tat zeigt 
dio Muskulatur beim mannlichen und weiblichen Geschlechte 
erheblichc Unterschiede, die zum Teil durch die ihrerseits wieder 
von Neigungen und sozialen Gewohnheiten abhangige Tatigkeits- 
art ausgebildet werden, im Wesentlichen aber bereits in der 
Aulago gegeben und vorgebildet sind. 

Dio. Muskulatur des Mannes ist in der Kegel in der Faser 
fester und zaher, in der Konsistenz gedrungener und kjompakter, 
die der Frau im allgemeinen schwScher entwickelt, weicher, 
und da, wo sie durch Cbung starker ausgebildet ist, inehr 
elastisch als fest. Bai den Homosexuellen beiderlei Geschlechtes 
finden wir nun zunachst wieder einen Cbergangstypus, der bei 
feminineu Urningen u.nd virilen Urninden zu einer gewissen 
Ahnlichkeit der Muskelbdidung ftihrt, die mir so haufig auf- 
gestoBen ist, daB ihr eine charakteristi^he Bedeutung nicht 
abgesprochen werden kann. Die Muskulatur zeigt in diescn 
Fallen Formen, die mit mUnnlicher Zahigkeit weibliche Ab- 
rundung oder mit der elastisch schwellenden Konsistenz des 
weiblichen Muskels die gedrungene scharf konturierte Form 
des mannlichen verbinden. 

In ausgesprochenen Fallen finden wir bei Mannern einen 
durchaus weiblichen, bei Frauen einen ausgesprochen mannlichen 
Muskeltyp. Solche Inkongruenzen sind bei Homosexuellen jeden- 
falls relativ h&ufiger als bei Normalen. Mir sind durchaus 
willensstarke homosexuelle Manner Jbekannt, die trotz groBter 
Anstrcngungen, zu denen sie namentlich Ehrgeiz und Furcht 
vor Spott antrieben, beim Turnen niemals einen Klimmzug zu- 
stando brachten, wahrend Urninden nicht selten schon in ihrer 
Kindheit von ihren mannlichen Spielkameraden ihrer Muskel- 
kraft halber geftirchtet wurden. Im Verlaufe des Lebens greifen 



Digitized by VjOOQIC 



145 

Aiilage, Neigimg und Beschfiftigungsart nattirlidx ineinander, um 

die Muskelentwickelung immer charakteristischer zu gestalten. 

Belegen wir das Gesagte noch durch einige statistiache Er^eb- 
nisse, so fanden wir unter 600 Homosexuellen, die nach dieser Rich- 
tung untersucht wurden, bei 280 oder 56o/o die Muskulatur schwach, 
bei 129 oder 25,8 o/o kraftig entwickelt, bei 3,4 o/o (17) fand sich 
schwache Arm- und starke Beinmuskulatur, bei dem Rest 14,8 o/o (74) 
konnte die Muskulatur als mittelkraftig bezeichnet werden. Das Fleisch 
selbst fiihlte sich bei 30,4o/o (152) fest und hart, bei 69,4o/o (347) 
weich und schwellend an. Unter den homosexuellen Frauen zeigten 
sich 2/3 muskuloser als der Durchschnitt heterosexueller Frauen. 

Das Unterhautzellgewebe , dessen Entwickelung na- 
mentlich mit Bezug auf seine Durchsetzung mit Fett in einem 
gewissen Antagonismus zu den entsprechenden Muskelgruppen 
steht, pflegt sich bei den Frauen beaonders lippig und schwel- 
lend geradc liber, um' und zwischen den Muskelpartien zu formen, 
dh durch ihre derbere Beschaffonheit und gesteigerte Inanspruch- 
nahme beim Manne seiner Entstehnng hinderlich sind ; in erster 
Linie gill dies flir den Schulterglirtel und die Arme; die weichen, 
abgerundeten Formen, die das fettreiche Zellgewebe diesen 
Kcrperpartien gibt, nennen die Damen „ein gutes Decollete". 
Es gibt nun viele mannliche Homosexuelle, die auf ihr gutes 
Decollete stolz sind ; und, wie ich aus Erfahrung an vielen Bei- 
spielen bestatigen kann, nicht ohne Grund. — Ferner pflegt 
sich bei Mannern in vorgertickteren Jahren ein Fettpolster 
haufig dber den Korperpartien zu bilden, die bei der Frau 
durch die Muskeltatigkeit der Bauchpresse seine Entwicklung 
nicht begiinstigen, der unteren Bauchgegend. Auch hier be- 
gegenen wir bei alteren Urninden, die ein stattliches Bauchlein 
ihr eigen nennen, nicht selten sehr mannlichen Formen. 

Hinsichtlich der Korperlinien konnen wir unter den Homosexuel- 
len dxei Gruppen imterscheiden, eine mit runden, vollen Konturen, 
zu denen man 57,6 0/0 rechnen konnte, eine abgeflachte, eckige mit 
31,4 0/0 imd eine mittlere Gruppe, die 11 0/0 betragt; einen abgerundeten 
Schulteransatz zeigten 61 0/0 (305 von 500). Unter den homosexuellen 
Frauen ist das Verhaltnis etwa umgekehrt, ^/^ zeigen eckige, abge- 
flachte, ^/jj abgerundete Formen. 

Die AuBenhlille der KorperformQn, die Haut, zeigt bei 
beiden Geschlechtern im allgemeinen verschiedene Beschaffen- 
heit. Abgesehen von den Unterschieden, die Bart- und Korper- 
behaarung bedingen, ist die Haut des Mannes in der Kegel 
rauher, derber und matter gefarbt, die der Frau weicher, zarter 
und glanzender. Bei der Beurteilung, wie weit diese Verschieden- 
heiten auf ursprlinglicher Anlage beruhen, gilt es auBere Ein- 
flixsse, wie die der Witterung, auf die unbedeckten Partien 
der KorperoberfljLche, insbesondere das Gesicht, die korperlicher 
Arbeit auf die Haut der Hande, ferner die Erfolge sorgfaltiger 

Hirschfeld, HomosexualiUt. 10 



Digitized by V:iOOQIC 



146 

Korperpflege und endlich auch die Einwirkung groberer oder 
feinercr Kleidung auf die bedeckten Hautpartien nach Moglich- 
keit auszuschalten. Doch bleibt auch hier zu berucksichtigen. 
dalJ diese auBeren Einwirkungen, vielfach auf einer fiir die 
sexuelle Individualitat charakteristischen ursprtinglichen Anlage 
benihen; das gilt im gleichen MaBe fur die Beschaftigung, 
soweit deren Wahl eigener Neigung entspringt, wie fiir die 
mehr oder minder raffinierte Korperpflege, als auch fiir die 
Wahl der Kleidung, soweit fiir dieselbe nicht materielle Rlick- 
sichten bestijnmend sind. Immerhin zeigt auch dann, wenn 
wir von diesen Resultaten auBerer Einfltisse absehen, die Haut 
der Humosexuellen vielfach die Beschaffenheit des anderen Ge- 
schl edits. 

Meiner Erfahrung nach trifft das besonders fiir inann- 
liche Homosexuelle zu, deren Gesichtshaut oft, trotzdem sie 
Wind und Wetter in besonderem MaBe ausgesetzt waren^ zart 
und rein bleibt, und deren Hande oft trotz anhal tender und 
anstrengender korperlicher Arbeit eine auffallend weiche Haut- 
bedeckung zeigen, wahrend Urninden meiner Beobachtung nach 
gerade Id bezug auf die Beschaffenheit der Haut nicht so oft einen 
virilen Typus zeigen, was vielleicht darin seinen Grund hat, daB 
sio auBerei Umstande halber doch nur ausnahmsweise zu einer 
solchen korperlichen Aktivitat der LebensfUhrung sich durch- 
ringen konnen, wie sie in erster Linie zur Entwicklung eines 
mannlich derben Hautgewebes erforderlich ist. 

In 89,8 o/o fanden wir bei Urningen einen reinen „Teint", 
bald mehr zart weiB, bald mehr hell gelblich, bald rosig oder 
rotlich frisch, die Urninden zeigten etwa in der Half te der 
Falle erne verhaltnismaBi^ dunklere, derbere Hautbeschaffenheit. 

Von manchen Seiten wird besonders die „rosige", „gleichsam 
durchsichtige", „zarte" Haut vieler Uminge henrorgehoben. 

Vhev Walt Whitmans Teint schreibt John Bur- 
ro ugh s^s): „Sein Korper, wenn auch prachtvoll, war in merkwur- 
digei' Weise der Korper eines Kindes, man sah dies an seiner Form, 
an seiner rosenroten Farbe und an dem zarten Gewebe der Haut." 

Mit dem groUeren Fettgehalt ihrer Haut hangt vielleicht das 
geringere Warmebediirfnis vieler Uranier zusammen. Im allgemeinen 
fiafit sich die Haut der Urninge warmer an, als die der rersonen 
ilirer Umgebung. Es scheint, daB die im Volke verbreitete Bezeich- 
nung „warmer Bruder" (auch das Wort schwul = schwiil meint ahn- 
liches) in dieser Erscheinung. ihrc physiologische Begriindung hat, 
wahrend der romische Ausdruck homo mollis, ebenso der grieohische 
fiakaxo^ (iKndo bedeuten w'eicher Mann), auf di6 Weichheit der Haut 
und Muskulatur zuriickgefiihrt werden durfte. Bemerkenswert fiir die 

29) John Burroughs, Notes on Walt Whitman as Poet and 
Person. New-York 1867. — John Burroughs, Walt Whitman, A 
study. Boston 1896. 



Digitized by VjOOQIC 



147 

Starke GefaCerregbarkeit der Haut ist, dafi sich unter 500 mannlichen 
Homosexuellen 352 (70,4 o/o) befinden, die iiber mehr oder minder 
starkes Erroten klagen, bei einigen steigert sich diese Disposition 
zu ausgesprochener Erythrophobie. 

Die SchweiCabsonderung femininer Urninge riecht nicht selten 
weiblich, die viriler Urninden mannlich, wahrend die Transpirationen 
maskuliner Urninge oft sexuell indifferent, d. h. weder mannlich noch 
weiblich duften. Das gilt auch von den Ausdiinstungen der Haare, 
besonders der Achselhaare. Gustav Jager schreibt : ^o) 

„Uber den Ausdiinstungsgeruch Homosexueller kann ich nur das 
mitteilen: Mir, einem Normalsexuellen, riechen alle reifen mannlichen 
Normalsexuellen scharf, brenzlich, sauerlich iind nicht angenehm. 
Dieser eigentiimliche mannliche Geruch fehlte den paar Homosexuel- 
len, die Oder deren eingesendetes Hasir ich zu beriechen in der Lage 
war; ich kann ihren Geruch nur als fade bezelchnen, doch bin ich 
iiberzeugt, daB das bei einem „Supervirilen" anders ausf alien wiirde. 
So ist ja bekannt, daB der ausgesprochene supervirile Alexander der 
GroBe fvir die Manner wie Veilchen duftete." 

Seit altersher ist es bekannt, daB viele Urninge ihre Korper- 
oberflache mit allerlei Farbemitteln zu verschonern suchen. Manche 
legen sich Rot auf, manche pudern sich, andere tuschen sich die 
Augenbrauen mit Kohlenstiften oder farben sich die Haare blond. Ge- 
stattete die Mode Schonheitspflasterchen, so waren es sicherlich 
Urninge, die in der geschickten Anbringung der kleinen „mouches" 
das groBte Raffinement entwickelten. Der romische Geschichtsschrei- 
ber Lampridius erzahlt von dem urnischen Kaiser Heliogabal: 
„vultum eodem, quo Venus pingitur, schemate figurabat", „er stellte 
sich sein Gesicht nach demselben Schema her, nach dem man die 
Venus malt". Manche feminine Urninge haben eine formliche Leiden- 
schaft, sich zu bemalen; vielen, die zu mir kamen, verbot ich es 
energisch, doch sah ich sie, trotzdem sie sonst folgsam wajren, immer 
wieder in diese Liebhaberei zuriickfallen. Indes gibt es auch hier 
wieder viele, die alle Toilettenkiinste perhorreszieren. Unter den Urnin- 
den befinden sich diese in der Mehrzahl. 



50) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. II. p. 117. 



10* 



Digitized by VjOOQIC 



SECHSTES KAPITEL. 

Die Diagnose der mSnnifchen und weiblichen HomosexuaiitSt 

Sexaelle Inkongruenzen. 

p) Andersgeschlechtliche Einschiage auf dem Gebiete des 
Nerven- und Seelenlebens. 

g. Bewegungen und Handschrift. 

Ahnlich wie im Korperbau treten auch in den Bewegungen 
der Homosexuellen beiderlei Geschlechts symptomatische Er- 
scheinungen zutage. Schon die Alten, wie Lukian, Petron 
und Juvenal hoben hervor, daB man die Urninge v u 1 1 u 
incessuque, an Miene und Gang am besten erkenne. Wir 
wollen die Bewegungen nach den Korperpartien in vier Gruppen 
teilen: a. Kopfhaltung und -Bewegungen, einschlieBlich der 
Gesiditsmimik, b. Bewegungen der oberen Extremitaten, c. des 
Rumpfes und d. der unteren Extremitaten. 

Die mimischen Bewegungen des Gesichts stehen im engsten 
Zusammenhange mit dein Ausdruck der Gesichtsztige, aus dem 
sie liervorgehen und zu dem sie zuriickkehren. Wir sind ^- 
wchnt, den Gesiclitsausdruck des Mannes markanter zu finden, 
als den der Frau. Die scharfer ausgepragten und aus- 
gearbeiteten Gesichtsziige verraten in hoherem MaUe Denk- und 
Wilienstatigkeit. Die weniger bestimmte, infolge leichteren 
Wechsels der Affekte bewegliehere Physiognomie der Frau 
deutet auf ein tJberwiegen des Gemlits liber das Verstandesleben. 
In der Mimik zeiehnet den Mann eine gewisse Ktirze, Unge- 
zwungenheit und Entschiedenheit, die Frau mehr Schmiegsam- 
keit, Unentschlossenheit oft bis zur Geniertheit aus. 

In der geraden, aufrechten Kopfhaltung beim Manne pflegt 
sich mehr SelbstbewuBtsein, in der leicht schragen der Frau 
mehr Selbstgefalligkeit zu dokumentieren. Man konnte viel- 
leieht sagen, dafi die Mimik des Mannes in ihrer Gesamtheit 
mehr eine Bejahung oder Verneinung des Lebens, die der Frau 



Digitized by VjOOQIC 



149 

niehr eine Frage an d as Leben ziim Ausdruck bringt. Doch sind 
audi hier wie iiberall, nicht die spezifisch mannlichen Eigen- 
tiimlichkeiten auf das mannliche Geschlecht und die spezifisch 
weiblichen auf das weibliche beschrankt. Nur vom Durch- 
schnitt ist die Rede. DaB VoUmann und VoUweib in der Mimik 
bemerkeBswerte Unterschiede bieten, kann kein Physiognomiker 
in Zweifel ziehen. Nach dem personlichen Eindrucke, den ieh 
aus so iiberaus zahlreichen Beobachtungen gewonnen habe, sind 
nun aber bei Homosexuellen alle diese Unterschiede bei weitem 
weniger markant, als bei nicht gleichgeschlechtlich Veranlagtcn. 

Zunachst fallt bei vielen Homosexuellen eine gewisse Un- 
bestimmbarkeit und Veranderlichkeit des Gesichtsausdruckes auf. 
Es laBt sich oft nicht recht entscheiden, ob mehr mannliche 
oder *weibliche Ztige darin vorherrschen. Oft wechselte der 
Eindruck auch so, daC man ihn bald als mannlich, bald ebenso 
ausgesprochen als weiblich bezeichnen konnte. 

Bei einer groBen Anzahl Homosexueller, sicher aber bei 
relativ mehr Homosexuellen als Normalgeschlechtlichen kann 
man eine durchaus im Sinne des anderen Geschlechts ausge- 
pragte Mimik beobachten. Haufig fand ich bei homosexuellen 
Mannern weiche Gesichtszlige, schmachtenden Ausdruck und 
Aufschlag der Augen, kokettes Hochziehen der Lippen, zittern- 
des Bcben der Nasenfltigel, ein Riickwartsheben des Kinns und 
Seitwartsneigen des Kopfes und andere mimische Bewegungen, 
di'3 wir als typisch feminin bezeichnen konnen, und ebenso oft 
bei homosexuellen Frauen scharfe Ziige, festen, oft fast harten 
Blick, kurze ruckweise Kopfbewegungen und andere charakte- 
ristische Zeichen viriler Mimik. 

Ein amerikanischer Professt>r schrieb mir: „In allera, was ich 
hier nieder^geschrieben, ist nicht. viel Neues. Es ist immer das alte 
Lied, welches Sie, mein lieber Doktor, bei Ihrer langen Erfahrung 
schon geniigend kennen. Aber da ist ein Punkt, den ich nieraals in 
der Literatur beriihrt gefunden, das ist die Physiognomie der 
Homosexuellen. Ich will mich naher erkliiren. vor wenigen Jahren 
machte ich in Boston die Bekanntschaft eines homosexuellen Malers. 
Er sail einem Herrn aus Denver so auffallend ahnlich, daC ich spiiter 
diesen vorsichtig ausfragte — auch die Sprache und Ausdrucksvvcise 
waren dieselben — , und nun erfuhr, daB er auch homosexuell sei. Ein 
zweiter Fall. Vor einiger Zeit war hier ein homosexueller Lehrer, niit 
dem ich recht befreundet wurdc, und der, wie so viele Nordamerikaner, 
ganz unwissend schien iiber seine Veranlagung. Er war an einen 
(normalen) Kollegen sehr attachiert. Letzten Sommer traf ich nun in 
einem Bostoner Bad einen ausgesprochenen, jungen Homosexuellen von 
2.3 Jahren, der dem Lehrer ganz auffallend ahnlich war, im AuBeren 
wie in der Stimme." 

Vielea Charakteristische wird man nur bei grofier Dbung heraus- 
finden konnen. Wer Hunderte von Trningen und Urninden gesehen 
hat, wird nicht zweifeln, daC sie ganz bestiramte Gesichts- 



Digitized by VjOOQIC 



150 

t y p e n aufweisen. So schwer es sich aber definieren laBt, was im 
Grundo den mannlichen oder weiblichen Gesichtsausdruck ausmaclit, 
so wenig kano man dem Laien das Eigentiimliche klar machen, das dem 
Kenner am Urning oft schon beim Anblick der Photographien in die 
Augen fallt. Wiirden die Geschlechter dieselbe Kleidung tragen, ware 
man vermutlich eher in der Lage, die Ubergangsstufen herauszufinden, 
BO beeinfluBt die Verscbiedenheit in Anzug una Haartracht das Urteil 
wesentlich. Docb kommt es aucb so. noch oft genug vor, daB urnische 
Manner fdr verkleidete Madcben und urnische Damen fiir verkleidete 
Herren gehalten werden. Lassen sich Urninge, selbst solche, die recht 
mannlicL erscheinen, den Bart abnehmen und legen weibliche Klei- 
dungsstiicke an, so ist es meist geradezu verbliiffend, wie sehr der weib- 
liche Typus, namentlich in der Augenpartie, zum Vorschein kommt. 
Ich befand mich einmal mit einem urnischen Gelehrten in dem seiner 
Volkstrachten und Volkssitten wegen bekannten Fischerdorf Volen- 
dam am Zuideraee. Wir betraten des Studiums halber eine der eigcn- 
artigen Behausungen. Im Laufe der Unterhaltung setzte sich mein 
Begleiter eine der ortsiiblichen Frauenhauben auf. Der Erfolg war 
dberraschend. Die braven Fischerfrauen konnten sich iiber die Ver- 
wandlung gar nicht beruhigen und riefen ein iiber das andere Mai 
aus: „Wie ein Madchen, wie ein Madchen". Auch ich selbst konnte 
seitdem nicht mehr den weiblichen Eindruck los werden, der mir 
in dem Gesichte des Forschers, weil ich darauf nicht achtete, zuvor 
nie aufgefallen war. Viele Homosexuelle sehen als „Weib bedeutend 
besser aus wie als Mann". Ich erinnere mich eines urnischen Aristo- 
kraten, den ich jahrelang nur in Damentoilette gesehen hatte, in 
der er sich hochst elegant ausnahm. Als er mich das erste Mai im 
Henenanzug besuchte, erkannte ich ihn fast gar nicht wieder, so 
zu seinen Ungunsten verandert sah er aus. Bei manchen tritt das 
undefinierbar Weibliche erst im Affekt starker hervor. Ein Richter 
schreibt, sein Gesicht sei scharf geschnitten, doch sei ihm von Damen, 
die seine homosexuelle Natur nicht kannten, bemerkt worden, wenn 
er lachle, habe er die Augen eines Weibes. Ein urnischer Offizier, 
der sich durch eine „martialische" Erscheinung (mit etwas breiten 
Huften) auszeichnet, teilt mir mit, daB, wenn er sich in Erregung 
befande, seine sehr groBen, blauen traumerischen Augen von ganz- 
lich unbefangener Seite als weiblich erkannt worden seien. 

Im Gegensatz hierzu will ich an zwei Beispielen von vielen den 
Gesichtsausdruck typischer Urninden schildern. Theophil Zol- 
1 i n p , der Louise Michel um 1880 interviewt hat, beschreibt 
sie m seiner „Reise um die Pariser Welt" (Stuttgart 1882), p. 62: 
.,Die hohe nervige iiberschlanke Gestalt, mit dem groBen energischen 

Kopfe, will nicht zum Frauengewande passen In ihrem Ange- 

sichte erinnern hochstens die verschnittenen Locken, welche, in der 
Mitte gescheitelt und hinter die Ohren gestrichen, in ziemlich dich- 
ten, bemahe ins Graue spielenden Ringeln riickwarts auf das schwarze 
Halstuch fallen, und etwa das kleine, charakterlose Kinn an ihr 
Geschlecht. Starke Backenknochen begrenzen den breitgeschlitzten 
Mund, dessen dicke, blasse, aufgesprungene Lippen keineswegs zum 
Kusse einladen, und verdecken die kleinen eisigen Augen, die hinter 
buschigen Brauen lauern. Unter der kraftig und nicht unedel ge- 
schnittenen Nase schattiert sich ein Schnurrbartchen, das den Neid 
eines Gymnasiasten erwecken wiirde. Das Gesamtbild dieser Ziige 
ist vulgar, trotzig abstoBend, hart, mumienhaft, wird aber vermensch- 
licht durch den Ausdruck physischen und psychischen Leidens, der 
daiiiber ausgegossen ist, und den Strahl der' Begeisterung, welcher 
im Affekt in den grauen Augen phosphoresziert und das sonnenver- 
brannte, vorzeitig gealterte Antlitz verklart. Man sieht, daB man 
vor einer Intelligenz, einem Willen und einer Oberzeugung steht, die 
bis zur Scliwarmerei und zum Verbrechen gehen kann.*^ Von der 



Digitized by VjOOQIC 



151 

V'ay sagt Krafft-Ebing*): ,,Ein nicht unschones, intelligentes 
Gesicht, das trotz einer gewissen Zartheit der Zuge und Kleinheit 
aller Partien ein ganz entschieden mannliches Gepriige hatte, wenn 
nicht der schwer entbehrte Schnurrbart fehlen wiirde. . . . Blick 
intelligent, Miene etwas verdiistert." 

Hicr einiges noch liber das Aussehen der Homosexuellen. 
Wir begegnen hier in der Literatur ganz falschen Angaben. 
So sprichl Braunschweig^) von der verengerten Lidspalte 
der Homosexuellen als einem Kainszeichen, Ostwald^) von 
de.i umschatteten und umflorten, andere sogar von den ,,fisch- 
artigen** Augen^) der Urninge, einige heben die bleiehe Gesiehts- 
farbc, andere die HaBlichkeit der Homosexuellen im all^emeinen 
hervor, die bei Michelangelo sogar der 'Grund gewesen 
sein fioU, daB er, zu abstoBend flir das weibliche, sich dem 
gleichen Geschlecht zuwandte. AUe diese Behauptungen er- 
mangeln der Materialkenntnis. Jeder, der sehr vielc Homo- 
soxuellc zu sehen Gele^enheit hat, wird die Gesichter sowohl 
der mannlichen als der weiblichen Homosexuellen als in der 
groBen Mehrzahl wohlgebildet bezeichnen mlissen. Viele /jeichnen 
sicli durch schone, seclonvoUo Augen, eino feingeschnittene Nase, 
wohlgeformte Lippen und Ohren, frische Farben, feine, ge- 
wtUte Haare und gefallige anmutige Ziige aus. Manche haben 
kindcrahnliche Gesichter. 

M(isner^) gibt als besonderes Cliarakteristikum an, daB 
Uranicr oft jugendlicher aussehen, als sie sind, und sich langer 
jung halten, als normale Manner. Das gleiche gilt auch fiir 
homosexuelle Frauen. Krafft-Ebing betont, daB die bei 
ihm Rat suchonden Uranicr zumcist von auffallender Schonheit 
der Gesichtszuge und dos Leibes, strotzead von frischer Mann- 
lichkeit und Gesundhoil, lebhaft zuwcilen bcoonders geistvoll 
und immer „intercssant*' geweson seien.** 

Die A r m bewegungen stehen, soweit sie dem Ausdrucke 
psychischer Regungen dienen, mit der Mimik in engsicm Zu- 
sammenhange. Wir fassen diese Bewegungsgruppe unter der 
Bfzeichnung „Gesteu** zusammen, und finden in ihnen in ganz 
besonderem MaBe die sexuelL^ Eigenart ausgepra.i^t,. Die fcsti^n 
und ruhigen, der Situation entsprechend bostimint zustimmead^m 
oder abweisenden, fast immer etwas eckigen Armbewegungen 
in Verbindung mit den fast nur in dor Vertikale])ene ausi^o- 
flihrten Ruckenb^wegungen konnen wir als mehr mannlich, die 

1) Krafft-Ebing, Psych, sex. 1903, pag. 301 und 305. 

') Braunschweig, Das dritte Geschleclit, p. 11. 

') Ostwald, Mannliclie Prostitution, p. 60. 

*) Cf. Liebchen, Ein Roman unter IMiinnerii 1908, p. d. 

*) Meisner, Uranismus, p. II. 



Digitized by VjOOQIC 



152 

graziosen, unruhigen, oft zu der Situation nicht ganz passenden 
und das adaquate MaB leicht litferschreitenden, fast immer aber 
abgcrundeten Armbewegungen in Verbindung mit einem Drehen 
und Neigen des Riickens als mehr weiblich ansprechen. Kurze 
Gesten der Hand geben das virile, biegsame und gezierte, das 
feminine Bild. 

Aucb hier finden wir bei Homosexuellen sehr oft ilie Ge- 
schlechtscharaktere verschoben. Auf keinen Fall habe ich bei 
Normalgeschlechtlichen so haufige und weitgehende Ab- 
wcichungen vom Gesdilechtstypus gefunden wie bei den Homo- 
siexuellen, bei denen der ganze hier dn Betracht kommende 
Bewegungsmechanismus oft derart im Sinne des anderen Q&r 
schlechto ausgebildet ist, daU man fast von einem „Trans- 
gestismus", einer Umkehrung der Gesten, spreehen konnte. 

Uber die Handbewegungen schreibt ein sachkundiger Korrespon- 
dent an Ulrichs*): „Fast ebenso verraterisch sind die Bewegungen 
der Hande. Der Weibling spricht gem mit Affektation und kokettiert 
und affektiert dabei mit den Handen. Namentlich weiblich ist auch 
die Art, wie er die Hand zum GruB darreicht. Selbst bei Mann- 
lingen fand ich meist weibliche Handbewegung. An der Hand- 
bewegung habe ich schon in manchem den Urning erkannt, ohne 
daB ich mich dabei getauscht hatte." 

In innigstem' Zusamtnenhange stehen gerade die Arm- 
bewegungen mit der Beschaftigungsart der in Frage stehenden 
Personen Sind doch einmal beide von dem gleichen Empfinden 
und Neigungen diktiert, soweit es sich um zusagende Arten 
der Bewegung und Beschaftigung handelt, und ubt doch anderer- 
seits die korperliche Tatigkeit riickwirkend einen sehr bemerkens- 
werten EinfluB auf den Bewegungsmechanismus der beteiligten 
Muskelgruppen, in erster Linie den der Arme aus. So bilden 
sich aus Anlage, adaquater Tatigkeit, Anspannung und Ge- 
wchnung eigentiimliche Bewegungsmodalitaten aus, die zu be- 
sonders charakteristischen Bildern flihren. Wir finden deshalb 
unter weiblichen Homosexuellen Personen, die mit nerviger Faust 
den Schmiedehammer, unter jnannlichen solche, die geschickt 
und zierlich Stricknadel und Hakelhaken flihren. 

In recht charakteristischer Weise schildert Martial (7,67) die 
Bewegungen der Philaenis, deren Leidenschaft fiir Frauen wilder als 
die eines Ehemannes, eines maritus, ist. Wie ein junger Mann iibt 
sie sich in den Kampfiibungen der Fecht- und Ringschule. 

.... gravesque draucis 
Halteraa facili rotat lacerto; 
Et, putri lutulenta de palaestra, 
Uncti verbere vapulat magistri. 



«) UlrichSj Memnon, pag. 131. 



Digitized by VjOOQIC 



153 

Mit leichtem Arm schwingt sie Bleigewichte, welche fur kraf- 
tige Burschen schon schwer genug sind; und wenn in der oltriefenden 
Ringschule der Fechtmeister einmal mit schwanker Rute unter die 
eingeriebenen Zoglinge fahrt, so wird auch sie nicht verschont. Aucb 
unter den Urninden nachromischer Zeit gibt es offenbar viele, die 
ihren Arm besonders gem in der Fechtkunst erproben, so Made- 
moiselle M a up i n , die ihren beriihmten Fechtmeister S 6 r a n n e bald 
an Geschicklichkeit libertraf, und die, als sie einmal auf einem 
Ballfest im Palais Royal wegen zartlicher Zudringlichkeiten zu einer 
jugendlichen Opernsangerin unliebsames Aufsehen erregte, drei Kava- 
liere, die ihr deswegen Vorstellungen machten, mit ihrem Degen zu 
Boden schlug. Als die Vestvali in Leipzig den Hamlet spielte, 
schrieb der beriihmte Kritiker R. v. Gottschall am Schlufi seiner 
Besprechung: „ — und um neben der geistigen Auffassung auch das 
Tecbnische nicht zu vergessen: fechten sahen wir auf der Biihne nie- 
malfl besser". 

Die R u m p f bewegungen haben wir bereits im Zusammen- 
hang-3 niit denen der Arme erwahnt und wollen sie noch kurz 
ill Verbindung mit denen der Beine, zum Gegenstand unserer 
TBetrachtungen machen. Wir gelangen hier zu d^n gleichen 
Beobachtungsresultaten wie dort: Drehen und Wiegen des 
Riickens relativ haufig bei homosexuellen Mannern, virile straffe 
und aufrechte Rlickenhaltung bei homosexuellen Frauen. 

Der Beinhaltung und den Beinbewegungen wohnt wieder viel 
Charakteristisches fiir die sexuelle Individualitat inne. Im Sitzen ist 
das ungezwungene 0bereinanderschlagen der Beine oder das Kreuzen 
der Fiile bei zuriickgezogenen Unterschenkeln typisch fiir die mann- 
liche, das Neben- und Auseinanderhalten der Beine und Fiifie fiir weib- 
liche Eigenart. Ein recht charakteristisches Phanomen ist zu beob- 
achten, wenn man sitzenden Personen zugeworfene Gegenstande mit 
den Beinen auffangen laCt. Der Mann wird die Beine rasch zusammen- 
bringen, um die Gegenstande festzuklemmen, die Frau die Beine aus- 
einander breiten, um sie in ihrem Schofie aufzufangen. In alien diesen 
Einzelheiten konnte ich bei mannlichen Homosexuellen auffallend 
haufig den femininen, bei weiblichen den virilen Typus in Haltung 
und Bewegungen beobachten. Oft wirkt es geradezu verbliiffend, 
wenn man eine virile Urninde mit leger iibereinandergeschlagener 
Beinen und einen femininen Urning mit peinlich nebeneiuanderge- 
stellten und zierlich nach auBen geknickten FuBgelenken Seite an 
Seite sich unterhalten sieht. Wie fortlaufende Bewegungen stets 
die sexuellen Eigentiimlichkeiten in hoherem MaBe hervortreten lassen, 
als vereinzelte, so treten diese beim Gauge ganz besonders deutlich 
hervor. Der Mann pflegt bei aufrechter Rumpfhaltung feste und lange, 
die Frau bei wiegenden und drehenden Rumpfbewegungen kleine, zier- 
lich trippelnde Schritte zu machen. Auch hier konnte ich die feminine 
Gangart xelativ haufig bei homosexuellen Mannern, die virile bei 
homosexuellen Frauen beobachten, bisweilen in einem Grade, daU der 
Gang dieser ein feminin tanzelnder, jener ein extrem viril vier- 
schrotiger genannt werden konnte. 

Dies"i Gangart Homosexueller ist so .charakteristisch, daB 
ich oft von meinem Sprechzimmer aus an der Art des Auf- 
tretens erkannte, wenn ein Urning in mein Warte^mmer kam. 

Ein urnischer Pastor gibt folgende Schilderung von sich: „Es 
besteht Neigung zu wiegendeji Bewegungen, ich suche jedoch diese 



Digitized by VjOOQIC 



154 

Neigung so gut wie moglich zu uberwinden, da ich mich auBorst be- 
schamt fiihle, wenn jemand etwas Damenhaftes an mir entdeckt. 
Trotzdem ist letzteres dann und warm schon vorgekommen. Be- 
sonders mein Gang wurde schon ofters „damenhaft" gefunden. Die 
Schritte sind mehr klein, mitunter schliirfend, die Schultern wiegen 
sich beim Gehen etwas bin und her, wenigstens wenn ich mir keine 
Gewalt antue, auch die Art und Weise, wie ich mich niedersetze, ist 
schon aufgefallen". Ein homosexueller Polizeibeamter erzahit, daJi 
eine Dame von ihm sagte: „Der Kommissar mit dem leichten Madchen- 
schritt.** Der Gang eines Menschen ist ohne Zweifel nicht nur von 
anatomischen, sondem auch von psvchischen Faktoren abhangig. Das 
will sagen, daB zwar die somatischen Verhaltnisse des Urnings, die 
Breite der Hiiften, die infol^edessen staxker konvergierenden Ober- 
schenkel, die schwache Entwicklung der Beuge- und Streckmuskeln 
auf den Gang nicht ohne EinfluB sind, daB aber auch seelische Ein- 
wii'kungen in Frage kommen. Dafiir s^richt, daB Uminge, die sich, 
um sich nicht zu verraten, ruhigere, gravitatische Schritte angewohnen, 
leicht bei Erregungen, oft schon oeim Laufen, in ihre naturliche 
Gangart verfallen. Der eben zitierte Polizeikommissar bemerkt: „Meine 
Schritte waren sehr klein und hiipfend, ich habe es mir aberzogen, 
es tritt aber immer wieder hervor, sobald ich neben einem jungen, 
schonen Herren gehe." 

Bei manchen Urningen kann man ein eigentumliches Anheben der 
Riickseite der Beinkleider beobachten, als ob sie eine Schleppe raff ten. 
„Gehe ich iiber nasse Stellen", schreibt ein Urning an MolH^ „so 
bin ich stets ganz unwillkiirlich in Versuchung, mir die Kleider 
hochzuheben." 

Besonders kommen die feminin-graziosen Bewegungen der 
Homosexuellen im Tanze zur Geltung, dem viele leidenschattlich er- 
geben sind. Es gibt Urninge, die nur als Dame, Urninden, die nur als 
Herr tanzeii konnen. 

Die stramme Haltung und Gehweise urnischer Frauen hat oft 
etwas Militarisches, Decidiertes. Von einer Urninde in Cassel schreibt 
im Memnon (pa^. 201) ein Korrespondent : „Sie ging wie ein Offizier". 
Unter 600 Urningen waren 279 (66,8 o/o), deren Schritte klein, zum 
Teil ausgesprochen feminin waren; jeder Muskeltatigkeit abhold waren 
90, 153 batten eine Vorliebe fiir wiegende Beweguneen, besonders 
Tanzen, 113 bevorzugten FuBtouren und Bergsteigen, 22 Tumen, 16 
Schwimmen, 6 Reiten, wahrend 77 Neigung zu kraftiger Muskeltatig- 
keit hatten und 23 energische Sportsleute waren. 

Es seien noch elnige Bewegungsformen hervorgehoben, die fthn- 
lich wie das bereits erwahnte Fangen von Gegenstanden mit sich 
naljemden Oberschenkeln bei Urninden, sich entfemenden bei Ur- 
ningen besonders typisch sind. Dazu gehort, daB viele Urninge beim 
Wasserlassen sich m besonderer Stellung iiber da^ Nachtgeschirr 
niederlassen, wahrend es heterosexuelle gewohnlich emporheben. Um- 
gekehrt finden wir bei Urninden vielfach die Neigung, im Stehen zu 
urinieren. So ist in den Akten der Sarolta Vay das Zeugnis 
einer Familie E. erwahnt, deren Kinder bekundeten, sie hatten wieder- 
holt beobachtet, daB sie sich bei Promenaden hinter einen Baum 
gestellt habe, um als Mann dem Bediirfnis der Urinsekretion zu ge- 
nugen, auch auf Aborten hatte sie in aufrechter Haltung die Blase ent- 
leert. 

Manche homosexuelle Frauen haben eine grofle Vorliebe, im 
Herrensattel zu reiten, hingegen gab und gibt es Urninge, die instinktiv 
dem Reiten nach Frauenart so sehr den Vorrang geben, daB sie sich 
wie Mario Vacano und ein unter dem Namen Ella Zoyara 
auftretender Amerikaner als Zirkuskiinstleriunen produzierten. Auch 

7) 1. c. p. 161. 



Digitized by VjOOQIC 



155 

das Werfen und Fangen des Balles, wie iiberbaupt die Ann- und BeiD- 
bewegungen im Spiel und Sport sind oft typisch. 

Aucli die von dem amerikanischen Radiumforscher Professor Dr. 
Everard Hustler studierten Schwingungsphanomene am „s i d e- 
rischen Pende T'^a) verdienen nachgepriift zu werden. Um die in 
Frage kommende Erscheinung hervorzurufen, bedarf es eines sehr ein- 
fachen Experiments. Man braucht nach Hustler dazu nur einen silbernen 
EBloffel und einen an einem Zwirnfaden aufgehangten goldenen Trau- 
ring. Man wiokelt das freie Ende des Fadens zweimal iiber den rechten 
Zeigefinger und laBt das von dem Ring beschwerte langere Ende iiber 
den Daumennagel hangen, gerade iiber den EBloffel, der vor dem Experi- 
mentierenden auf dem Tiscne liegt. Um einer zu friihen Ermiidun^ vor- 
zubeugen, wird empfohlen, den Ellbogen aufzustiitzen. Nach emiger 
S^eit wird der Ring in schwingende Bewegung geraten, die je nach dem 
Geschlecht des Experimentierenden verschieden ist. Bei einer mann- 
lichen Person schwinfft der Ring in der Langsrichtung des 
Loffels, bei einer we ib lichen Person in der Querrichtung. 
Wenn eine andersgeschlechtliche Person die freie linke Hand des 
Experimentierenden beriihrt, geht der Ring erst in die Ruhelage 
iiber, und fangt dann aufs neue zu schwingen an, und zwar in einer 
eewissen Mittellage, so daB also der EinfluB der zweiten Person 
deutlich wahmehmbar ist. Ein urnischer Gelehrter, der Hustlers Ver- 
suche nachpriifte, will sie bestatigt gefunden und bei Homosexuellen 
folgende Abweichungen wahrgenommen haben: 



Mann 
heterosex. 


Frau 
heterosex 


Mann und 

Frau 
heterosex. 

/ 

/ 


2 Ma 

bei 
heter 


nner 

de 

osex. 


2 Frauen 

beide 
heterosex. 


Mann 
homosex. 


Mann 
heterosex. 
u. Mann 
homosex. 

/ 



Verstiirkte 
*Schwingiin^'on 

Viele Urninge haben eigentiimliche Verlegenheitsbewe- 
g u n g e n — wenn sie angeklagt sind, kann man diese besonders hauf ig 
wahrnehmen — , streicheln sich verlegen iiber die Stirn, spielen sich am 
Ohr, beriihren mit der linken Hand den rechten Mundwinkel oder kratzen 
sich mit dem Finger die Kopfhaut — digito scalpunt uno caput, sagt 
Juvenal (IX. 131 ff.) von ihnen. Auch das Zerkniillen von weichen 
Gegenstanden, insbesondere von Taschentiichern in der Hand, ' das 
Stemmen des im Ellbogen gekriimmten, nach vorn gehaltenen linken Arms 
in die Taille, das Anlegen des vorderen Handriickens an die Wange sind 
typischo Stellungen. Besonders aber ist der schwer zu definierende 
Ausdruck und die Bewegungen der Augen bemerkenswert. Schon 
Patron spricht von ihrem weichen Augenaufschlag. Viele senken 
verschamt den Blick, um ihn dann wieder sanft, innig, schmachtend 
zu erheben. Einer sagte von sich, „er habe troue Hundeaugen", bei 
anderu finden sich folgende Beschreibungen des Augenausdrucks : 
schwarmerisch, schmelzend, verziickt, traumerisch, verschleiert, schwer- 
miitig, matt, fragend, suchend, dann heiBt es wieder siiBlich, kokett 
Oder kindlich, gewinnend, treu, mild. Hingegen wird der Blick der 
Urnindeu fest, ruhig, klar, offen, ernst, sicher, dann wieder als durch- 
dringend, «techend, forschend, fixiercnd, priifend, beoba^htond, herrisch, 
Strang, scharf, trotzig, finster, diister, ironisch usw. beschricben. 

'a) Vgl. „Das siderische Pendel" von Fr. Kallenberg, Miinchen 



Digitized by VjOOQIC 



166 

Seit Ulrichs begegnet man in der Literatur immer wieder der 
Angabe, dafi Homosexuelle nicht pfeifen konnen. Dies stimmt mit 
unsern statistischen Feststellungen nicht iiberein. Unter 500 Ur- 
ningen standen 385 Pfeifern (77 o/o) 115 (23 o/o) Nichtpfeifer gegeniiber. 
Wirklich gut pfeifen allerdings nur wenige; namentlich einen durch- 
dringenden Pfiff hervorzubringen, sind die meisten auBerstande, da- 
gegen konnen urnische Frauen oft ungewohnlich gut pfeifen; zwei, 
die icli kenne, treten sogar als Kunstpfeiferinnen auf. Auch Kraf f t- 
E b i n g 8) erwahnt eine homosexuelle Malerin, die wegen ihrer vir- 
tuosen Fahigkeit sich pfeifend zum Klavier zu begleiten, bekannt war. 
Beim Rauspern und Schnauben pflegen Urninden den Schleim kurz 
und kraftig, Urninge oft langsam und zach herauszubefordern. tJber 
das Niesen der Urninge f indet sich bei Dio Chrysostomos (orat. 
33. p. 410) f olgende merkwiirdige, auch von Iwan Bloch») mitgeteilte 
Geschichte: Ein bedeutender Mann riihmte sich, den Charakter und 
die Eigenschaften eines jeden Mannes aus seinem AuBeren erkennen 
zu konnen. Auf den ersten Blick konnte er sagen, ob jemand mutig 
Oder feige, ein Prahler, ein Ehebrecher, ein Kinade oder was sonst 
immer sei. Einmal brachte man ihm in einer Stadt einen Menschen 
von unordentlichem Aussehen, mit Schwielen an den Handen, un- 
regelmaBigem Haarschnitt, mit grobem Gewand. Nach langem Be- 
trachten erklarte er, der Mensch solle gehen, er wisse nicht, wer \md 
was er sei. ImFortgehenniesteer. Da rief er sof ort : „Das 
ist ein Mann, der geschlechtlich mit Mannern verkehrt." 

Da P 1 i e B 'behauptet hat, daU sich unter den Homosexuellen 
viel Linkshander befanden, habe ich auch nach dieser Richtung 
bin mein Material statistisch durchforscht. Als ausgesprochen 
rechtshandig bezeichnen sich unter den Homosexuellen 87 o/o, 
als iinkshandig 7 o/o, wahrend 6 o/o angeben, links- und recht»- 
handig, bezw. bei einzelnen Beschaftigungen links zu sein. Nach 
einer in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift ver5ffent- 
lichten Arbeit liber die Haufigkeit der Linkshander im deut- 
schen Heere waren 1909 „unter 266 270 untersuchten Leuten 
10 292 Linkshander, d. h. 4 v. Hundert.** Danach scheinen 
allerdings unter den Homosexuellen etwa doppelt soviel Links- 
hander vorzukommen, wie unter den Heterosexuellen. 

Vor allem aber verdient hier eine motorische Ausdrucks- 
form Erwahnung: 

die Handschrift. 

Unter den Bewegungsarten nimmt sie eine ^anz besondere 
Stellung ein. Es werden zwar bei alien willkiirlichen Be- 
wegungen die vorhandenen Empfindungen und Vorstellungen 
ihren Stem pel auf das Bild der Bewegung drticken, beim 
Schreiben aber werden diese psychologischen Paktoren ein be- 
sonders gunstiges Peld ihrer Betatigung finden, weil die zum 
Schreiben erforderlichen Bewegungen der feinsten Abstufung 



8) Jahrbuch f. s. Zw. III. Bd. p. 26. 

») Iwan Bloch, Bd. I, Dieses Handbuch, S. 410. 



Digitized by VjOOQIC 



157 

fahig, so daB sie darin vielleicht sogar die verwickelten, beim 

SprecheTi ausgeflihrten Zungenbewegungen noch libertreffen. 

AUh Niianceii des Seelenlebens konnen in der Handschrift 

zum Ausdruck kommen. Da sich die Psyche der Frau im ali- 

gemeinen von der des Mannes dadurch unterscheidet, daB sie 

mehr dem Empfinden als dem WoUen und Handeln zugewandt 

ist, so werden mannliche und weibliche Handschriften in wesent- 

lichen Merkmalen differieren. 

Wie Schneidemuhl^'^) ausfiihrt, pflegen die Handschriften 
der Frauen in der Kegel diinner nnd zarter, meistens auch schrager, 
zu sein als diejenigen der Manner. Wahrend die Merkmale fiir 
Willensstarke, Tatkraft und Ausdauer nicht selten fehlen, sind solche 
fur Empfindsamkeit und Selbstgefalligkeit ofters vorhanden. Die Hand- 
schriften der Frauen pflegen weniger Charakter zu haben, ausdrucks- 
loser zu sein, als die der Manner. Professor Schneidemiihl hebt 
selbst hervor, daB es zwischen den typischen Frauenhandschriften 
und den typischen Mannerhandschriften eine groBe Anzahl von 
Zwischenstufen und Cbergangen gibt. Oft zeigen die Schriftziige von 
Mannern direkt weibliche Merkmale und die von Frauen ausgesprochen 
mannliche. Natiirlich tragen in solchen Fallen auch die seelischen 
Eigenschaften der Schreiber iiberwiegend das Geprage des andereu 
Geschlechts. Daneben gibt es nun noch zahlreiche Abstufungen, bei 
denen in mannlichen Handschriften mehr oder weniger zainlreiche 
weibliche Ziige und umgekehrt in weiblichen in groUerem oder ge- 
ringerem Grade mannliclie Ziige vorhanden sein konnen. 

Schon in meinem Buche „Der urnische Menseh'* wies ich 
darauf hin, daB ich bei den Handschriften von Homosexuellen 
mehrfach in ganz besonders charakteristischer Weise die Merk- 
male des anderen Geschlechts feststellen konnte, und brachte als 
Belege dafiir die Reproduktion einiger nach dieser Richtung 
hin besonders pragnanter Autogramme. Es handelt sich hier 
natiirlich nicht um eine Erscheinung, die als solche fiir die 
Homosexualitat charakteristisch sein konnte, sondern lediglich 
um den Ausdruck einer im Sinne des anderen Geschlechts ab- 
weiehenden Personlichkeit, wie wir sie eben unter Homo- 
sexuellen relativ so haufig antreffen. Unter dem ^roBen Jiand- 
Bchriftlichen Material mannlicher und weiblicher Homosexuellen, 
das mir zur Verfiigung steht, finden sich t)bergangstypen in 
iiberaus groBer Zahl, man kann wohl sagen, gewisse fiir das 
andere Geschlecht charakteristische Niiancen bei den ineisten 
urnischen Schrif tproben. Doch auch ausgesprochen femi- 
nine Ziige sind bei mannlichen und virile bei weiblichen Homo- 
sexuellen sicher relativ haufiger anzutreffen, als bei Hetero- 
sexuellen. Ganz besonders auffallig ist aber bei manchen Ur- 
ningeu sowohl als Urninden eine groBe Versohiedenheit ihrer 
Handschrift, bald markig mannlich, bald zierlich feminin. 



0) S c h n e i d c m ii h 1 , Handschrift und Charakter, Leipzig 1911, 



Digitized by VjOOQIC 



158 

Hammer!*) hat bei mehreren der in seinem Buche „Die Tri- 
badie Berlins** beschriebenen Uminden Handschriften beobachtet, die 
er teils al8 „geschlechtslos**, d. h. weder typisch mannlich, noch 
typiscL weiblich, teils als „dem mannlichen Typus nahekommend" 
bezeicbnet. Mit Recht sagt er: „Wenn diesen graphologischen Zei- 
chen allein auch nicht unbedingtes Vertrauen geschenkt werden darf, 
so geben sie doch immerhin einen Anhaltspunkt ab, der bei vorsichtiger 
Verwertung, neben anderen Anhaltspunkten in die Wagschale fallen 
kann." 

Birnbacher i^a) schildert die Handschrift der nrnischen Sarolta 
Vay wie folgt: „. . . . die Schriftziige, so sehleuderisch und von zer- 
flossenen Tranen verzerrt sie mancnmal sind, haben den Charakter 
der Festigkeit und Sicherheit, sind echt mannliche Ziige." 

h. Lebensf iihrun^. 

Dei- psychomotorische Charakter, der, wie wir sahen, in 
Gang und Handschrift zum Ausdruck kommt, driickt Ineist 
auch der Lebensfuhrung der Urninge beiderlei Geschlechts seinen 
Stempel auf. 

So fin den wir die Energie und Aktivitat des urnischen Wei- 
bes, ihre GroB zti g i g keit nicht nur in ihren Schrift z ii g e n , 
sondern auch in ihrem sonstigen Auftreten vielf ach wieder. 
Sie ist iebendiger, unternehmender, tatkraftiger, aggressiver, 
heroischer, abenteuerlustiger als das nichturnische Weib und der 
urnischc Mann. Ihr derbburschikoses, in seiner Steigerung nicht 
solten riicksichtslos-brutales Wesen bildet einen scharfen Kon- 
trast zu der stillen Zuriickhaltung, die wir so oft bei homo- 
sexuellen Mannern finden, dieser oft fast angstlichen Reserve, 
die in irgend einer Lieblingsbeschaftigung Geniige findet, sich 
in Hans, Htjf und Garten am Wohlsten f iihlt, sich in Wissenschaft 
und Kunst vergrabt, oder sammelt, forscht und reist. Dort ein 
keckcs Draufgangertum, oft massiv ungeschickt, doch meist von 
orstaunlicher Kaltbliitigkeit, hier eine liebenswiirdige Verbind- 
lichkeit, eine konziliante Form, die nicht selten etwas Zimpei- 
liohes oder Serviles an sich hat. 

Unternehmungslust und Freiheitsdrang, ein A^erhalten, das von 
den Mitmenschen oft als „unweiblich** empfunden und gescholten 
wird, treiben urnische Frauen oft zur Betiitigung im offentlichen Leben, 
zu geschaftlichen Aktionen und Griindungen, ja zu gewagten Finanz- 
operationen, die ebenso gut zu einem gliicklichen wie zu einem schlech- 
ten Ende fiihren konnen. Selbst als Jagerinnen und Kriegerinnen 
stellen sie ihren Mann. 

Carpenter 12) sagt von ihnen : „Sie leben gem auBer dem 
Hause, lieben Spiel und Sport, treiben Wissenschaft, Politik oder selbst 



11) GroCstadtdokumente ; Berlin und Leipzig. 

i^a) Friedreichs Blatter fur gerichtliche Medizin 1891. Niirn- 
berg. Heft 1 : Dr. C. Birnbacher : „Ein Fall von kontrarer Sexualempf in- 
dung vor dem Strafgericht." 

'*) Carpenter, Das Mittelgeschlecht, p. 35. 



Digitized by VjOOQIC 



159 

Geschafte. Sie zeigen organisatorische Talente, sehen sich gem in 
einer verantwortlichen Stellung und wissen sich oft vortrefflich und 
energiscli in einer fiihrenden Rolle zu bewahren. Es liegt auf der 
Hand, dai3 ein derartiges Weib bei ihrer eigenartigen Vereinigung von 
Fahigkeiten oft zu hervorragenden Leistungen befahigt ist, sei es 
im Berufsleben, oder als Institutsvorsteherin, oder auch als Beherr- 
scherin eines Landes." 

Von Christine von Schweden, „der groBten fiirstlichen 
Fran aus dem Zwischenstufengeschlecht", sagt Leopold von 
Ranke^'): „eine weibliche Arbeit hat sie nie begriffen, . . . dagegen 
sitzt sie anf das kiihnste zu Pferde. Auf der Jagd weiB sie das Wild 
auf den ersten SchuB zu erlegen. Sie studiert Tacitus und Plato 
and faBt diese Autoren zuweilen selbst besser als Philologen von Pro- 
fession.** 

Eine hochgelehrte Urninde war auch die Jungfrau Anna Maria 
Schiirmann (geb. 1607 zu Koln). Sie sprach ein Dutzend Sprachen, 
darunter Arabisch, Hebraisch und Griechisch, hatte als Malerin und 
Bildhauem einen groBen Ruf, besaB bedeutende Fachkenntnisse in der 
Musik und hielt mit Philosophen und Mathematikem ersten Ranges 
die gelehrtesten Dispute. 

Es soli damit nun natiirlich nicht gesagt sein, JaO alle in 

die.ser Weise tatigen, viril gearteten oder im offentlichen Leben 

stehenden Frauen homosexuell sind, sondern nur, dafi der Pro- 

zentsalz der Homosexuellen unter diesen ein ungewohnlich lioher, 

zura mindesten aber ein un verba Itnismailig viel hoberer ist 

als unter den beterosexuellen Frauen. 

Cberaus wechselvolle Schicksale sind es, die uns entsprechend 
ihrer Eigenart im Leben der Uminden entgegentreten. Von den vielen 
Typen, die hier angefiihrt werden konnten, sei wiederum nur auf wenige 
Beispiele Bezug genommen. Ein gutes Beispiel bietet die bereits 
wiederholt erwahnte Felicitas von Vestvali. In Stettin 1829 
als Beamtentochter geboren, entflieht sie eines Tages dem elterlichen 
Hause in Knabenkleidern, um Schauspielerin zu werden. In Leipzig 
findet sie ein Engagement, geht aber bald nach Paris, wo sie mit 
unermiidlichem Eifer Gesang studiert. Nach einer Konzerttournee, die 
sie nach der Insel Jersey fiihrt, sucht sie zur Fortsetzung ihrer 
Studien Neapel und Florenz auf, debutiert in der Scala in Mailand 
und bald darauf mit grandiosem Erfolg in London. 1854 zieht sie 
nach Amerika, was damals noch mehr bedeutete als jetzt, erhalt in 
New York 10 000 Franks Monatsgage und bereist die ganze Union. In 
Mexiko tragt man ihr die Direktion des dortigen Nationaltheaters an. 
Rasch entschlossen fahrt sie nach Europa, um eine auserlesene Gesell- 
schaft zusammenzustellen ; als sie zuriickkehrt, macht ihr die mexi- 
kanische Regierung sechs herrliche Pferde zum Geschenk und iiberhauft 
sie mit groBten Ehrungen. Sie revanchiert sich, indem sie in spani- 
scher Sprache den Figaro singt. Kurze Zeit darauf finden wir sie 
aber schon wieder in Italien bei der Einweihung des Theaters in Pia- 
cenza und dann in Paris, wo Napoleon sie an die GroBe Oper enga- 

fiert. Nach zwei Jahren zog sie aufs neue nach den Vereinigten 
taaten. Sie wollte den Amerikanern G 1 u c k nahe bringen. Das 
Unternehmen scheitert. Erbittert zieht sie sich auf eine Villa bei 
San Francisco zuriick und studiert den Hamlet. In den RoUen 
Romeo und Hamlet bereitet ihr das Publikum in alien Stadten der 
Union eine enthusiastische Aufnahme. 1868 spielt sie in London 

^^) Leopold von Ranke, „Die romischen Papste in den 
letzten vier Jahrhunderten". 



Digitized by VjOOQIC 



160 

22mal den Romeo, 20mal den Hamlet nnd den Petrucchio, von der 
Kntik als „weiblicher Kean" gefeiert. Nachdem sie bis dahin eng- 
lisch, spanisch, franzosisch und italienisch gesungen und gespielt hatte, 
regt sich plotzlich in ihr die Liebe zur Muttersprache und zum Vater- 
lande. In Hambui*g und Leipzig, dann am Nationaltheater in Berlin, in 
Wien und anderen deutschen Platzen gastiert sie mit grofitem Bei- 
fall, teils in ihren mannlichen RoUen, teils als Isabella und Elisa- 
beth. Uberarbeitet sucht sie Ruhe auf ihrer Villa im Riesengebirge. 
Doch untatig konnte sie nicht sein. Sie wirft sich auf Bauspeku- 
lationen, kauft Terrains, baut in Warmbrunn die ganze russische Kolo- 
nie und laBt in Warschau Bauten ausfiihren. Da befallt sie eine unheil- 
bare Krankheit und bereitet im Jahre 1880 ihrem talent vollen 
Lebeu ein friihes Ende, einem Leben, dessen hervorstechendsten Grund- 
zuge, wie ihre Biographin Rosa von Braunschweig schreibt, 
„Furchtlosigkeit und Edelmut" waren. 

Sehen wir an diesem Beispiel die Entfaltung einer ur- 
nischen Individualita,t, die durch das, was sie leistete und der 
Mitwelt an Kunstgentissen bot, den Durchschnitt heterosexueller 
Frauen, ja Manner weit iibertraf, so sehen wir am anderen 
Ende Gebtalten, die ihre Tatkraft im entgegengesetzten 3inn 
zu antisozialen Zwecken gebrauchen. Die grofle Oberzahl steht 
zwischen diesen beiden Extremen. 

Als Fall einer urnischen Schwindlerin und Zeitgenossin der V e s t - 
V a 1 i fiihre ich Adele Spitzeder an; erst ebenfalls Schauspiele- 
rin, dann Abtissin, darauf Griinderin einer Bank verspielte und ver- 
schwendete sie sehr hohe Summen, bis ihre Dachauer Bank zu- 
sammenbrach, viele Existenzen vemichtend. Aus dem Gefangnis ent- 
lassen, bereist sie als Musikmeisterin einer Damenkapelle die Welt. 
Einen ihr nicht unahnlichen Hochstaplerinnentyp hatte ich vor eini- 
gen Jahren in Berlin zu beobachten Gelegenheit: eine groCe, stark- 
knochige Urninde aus einfachem Stande, ungewohnlich befahigt, von 
faszinierender Tiichtigkeit, aber in der Wahl ihrer Mittel so skrupel- 
los, daB sie immer wieder mit dem Gesetz in Eonflikt kam. Eines Tages 
erschoB sie sich. Auch hier stoBen wir auf eine beachtenswerte Anti- 
these : Die urnische Frau, die am Leben verzact, greif t mit Vorliebe zum 
Revolver, der urnische Mann nimmt relativ oft Gift. Ich sehe noch leb- 
haft eine andere Homosexuelle vor mir, ebenso viril wie ihr Bruder fe- 
minin, eine bedeutende Spekulantin, die heute viele Tausende an der 
Borse gewann, um sie morgen wieder zu verlieren. Als man ihr schlieB- 
lich die alten Familienmobel, an denen sie sehr hing, pfandete, griff 
sie zur Pistole. Ihre Freundin, eine schone blonde Englanderin, rief 
mich herbei. Ich fand sie in sitzender Stellung tot am Schreibtisch. 
Die eine Hand hielt die Waffe, mit der sie sich mitten ins Herz ge- 
troffen, fest umklammert, wahrend zwischen den Fingern der anderen 
noch eine halbverrauchte Zigarette saB. 

Auf die Frage nach ihren Lieblingsbeschaftigungen erhalten wir 
von den Urninden Antworten wie folgende: „ArbKeit im Haushalt ist 
mir zuwider. Neigung zu Rudern, Segeln, Schwimmen, iiberhaupt 
fiir ein Leben auf See." — „Interessiere mich fur Politik (nicht fur 
Mode), fiir alles Moderne auf dem Gebiete der Entwickelung der 
Menschheit, fiir soziale Fragen. Theater liebe ich, doch mache ich 
mir nichts aus Operetten und Lustspielen." Von einer anderen: „Frau- 
liclie Beschaftigungen liegen- mir absolut nicht. Jagen, SchieBen, 
Reiten sind mein Element, Pferde imd Hunde meine groBte Freude." 
Und von einer weiteren: „Habe groBe Neigung fiir Sport und Karten- 
spiel (ausdauernd und gut). GroBe Abneigung gegen weibliche Be- 
schaftigungen." 



Digitized by 



Google I 



161 

Wie ganz anders lauten die Antworten der umischen Manner 
auf dieselbe Frage. Hier entgegnen von 600 Homosexuellen nicht weni- 
ger als 93, daB sie sich fiir Kochen, Putz und Handarbeiten inter- 
essiereu, 89 schreiben im allgemeinen : weibliche Beschaftigangen ; 
zusammen sind das 36o/o. Diesen stehen 77 gegeniiber, deren Haupt- 
interesse Sport, Jagd und Pferde sind, 68, die Politik und AVissen- 
schaften, 46, die Wissenschaft, Literatur und Politik als Hauptneigung 
angeben, insgesamt 38o/o. Die iibrigen 26o/o interessieren sich haupt- 
sacblicb fiir Musik, Theater, Romane, Blumen (14o/o), sowie fiir Natur, 
Kunst und Religion (12o/o). , 

In einem andern Beobachtungsmaterial geben 59o/o der Homo- 
sexuellen an, daB sie geistige, lOo/o, daB sie korperliche Arbeit be- 
vorzugen ,wahrend 31o/o beides wechselweise lieben. 30o/o bezeichnen 
sich selbst als mehr produktiv, 6O0/0 als mehr rezeptiv, wahrend wie- 
deruni 10 0/0 glauben, daB ihnen beide Fahigkeiten in gleichem MaBe 
innewohnen. In der Lektiire bevorzugen unter 100 45 wissenschaft- 
liche Werke, 32 Belletristik, 30 Dicntungen, 6 Reisebeschreibungen, 
15 Kriminalromane, 10 Humoristisches, 8 Zeitungslektiire, 2 Sport- 
lektiire, 2 rein Erotisches. 44 0/0 schreiben Briefe gerne, (vor allem 
an Freunde), 56o/o schreiben Briefe ungern. 29 0/0 aller Urninge sind 
Sammler der verschiedenartigsten Gegenstande. Es ist hiernach sehr 
schwierig, eine pragnante Schilderung der so ungemein differenzier- 
ten Urningspsyche zu geben, um so schwieriger, je mehr Homo- 
sexuelle man tennen lernt. Wesentlich scheint mir zu sein, daB 
bei ihnen durchschnittlich eine relativ groBere Subtilitat der 'drei 
Seelenqualitaten, des Fiihlens, Denkens und Wollens vorhanden ist, 
als beim heterosexuellen Manne und der virilen Urninde. 

AuBere Eindrticke wirken auf den Urning ungleich sLcLrker 
eir. als auf den VoUmann, sein Gemiit ist weniger widerstands- 
fahig, die Bestimmbarkeit ist bei ihm groBer, die Stimmung 
wechseluder. Freude, Hoffnung, Begeisterung heben ihn hoher, 
Schmerz und Laid driicken ihn tiefer daniieder. Der erbitterte 
Konkurrenzkampf, ein energisches Eintreten ftir seine Reclite 
und Interessen liegen ihm gewohnlich nicht. 

Man kann haufig beobachten, daB in exklusiven Verbanden, 
namentlich in militarischen und studentischen, urnische Mitglieder 
wegen ihres hoflichen, gefalligen, aufopferungsfahigen Wesens anfangs 
sehr wohl gelitten sind, im Laufe der Jahre aber Scnwierigkeiten haben, 
weil sie sich nicht der strengen Etikette fiigen konnen und mit AuBen- 
stehenden nicht genehme Beziehungen ankniipfen. Die Unterschiede 
des Standes, d^r Religion, der Rasse und Nationalitat spielen bei 
dem Urning ni jht im entferntesten die Rolle, wie bei dem normalen 
Manne. 

Er besitzi nicht den Stolz, das SelbstbewuBtsein, den hohen Ehr- 
begriff des Vollmannes. Wohl ist er empfindsam und leicht verletzt, 
aber die Fahigkeit zu hassen scheint ihm abzugehen. Eine Beleidi- 
gung durch eine andere, starkere zu erwidern, ist ihm nicht gegeben. 
Findet sich doch schqn in der Grettissaga (28) der kriegerischen 
Wikinger der bezeichnende Spruch: „Der Sklave racht sich, der Arge 
(d. i. der Urning) nie". Weniger aus Feigheit, als weil ihm das Ge- 
fiihl der Rachsucht mangelt, zieht er sich eher zuriick. Immer wie- 
der zum Verzeihen geneigt, ist die GroBmut, welche der Urning Feinden 
gegeniiber zu zeigen imstande ist, oft geradezu erstaunlich. Freier von 
vorurteilen wie der Durchschnittsmann, ist er meist unfahig, ein 
hartes Urteil zu fallen. Alle diese Eigenschaften befahigen ihn ungemein 
zum Vermittler und Dberwinder sozialer Gegensatze. Ein pathetischer 
Hirschfcld, HomosexualiUt. 4^ 



Digitized by V:iOOQIC 



jT 



162 

Urning schreibt iiber seine SchicksalsgenOsseti : „Die zartlictien llegutt* 
gen in seiner Brust, sein allzu weiches, leicht erschuttertes Herz, seine 
zarte Empfindlichkeit und Empfanglichkeit fiir alles Hohe und Reine, 
seine Sanftmut, Giite und unerschopfliche Langmut — all diese gott- 
lichen Gaben seiner Seele weisen deutlich darauf bin, daB sicb der 
erbabene Weltenlenker in den Urningen ein erhabenes Priestertum, 
ein Samaritergescblecbt, einen streng keuscben Orden von Mannern 
scbaffen wollte, um der mit der wachsenden Kultur Hand in Hand 
gehenden Entsittlichune der menschlicben Gesellscbaft ein starkes 
Gegengewicbt zu bieten/* 

Oft fehlt es den homosexuellen Mannern an Mut und Be- 
standigkeit, gute Vornahmen in die Tat umzusetzen. Der Wille 
ist beim Urning nicht so schwach — 40o/o, die sich selbst als 
willensschwach bezeichnen, stehen 35o/o gegentiber, die sich wil- 
Jensstark nennen — aber es besteht daneben vielfach ein be- 
trachtlichei Hang zur Bequemlichkeit und Angst vor der Men- 
schen Gerede. Im allgemeinen zieht ihn die geistige Arbeit 
mehr an als die korperliche. Von vielen wird die Arbeit als 
grofle Trosterin empfunden. Der Trieb, andere geistig zu be- 
fruchten, ist haufig sehr ausgesprochen. Es resultiert daraus: 
eine bci Urningen weit verbreitete Befahigung zum Padagogen^ 
zum Volkserzieher im engeren und weitern Sinne. Unterstiitzi 
wird dieser Drang durch einen mehr oder weniger bewuJJten 
Ehrgeiz, sich vor der Umgebung auszuzeichnen. Besonders an 
urnischen Bauern und Arbeitern fallt es auf, wie sehr sie ihr 
Milieu iiberragen. Mit diesem Ehrgeiz verbindet sich oft eine 
starke Empfanglichkeit fur Beifall und Bewunderung, die aber 
fast immcr in eigenartiger Weise mit einer gewissen Scheu und 
Bescheidenheit aufzufallen verknlipft ist. Der Urning schafft 
fast stets aus dem Gefiihl heraus. Vorerst kommt bei ihm der 
Trieb zu empfangen, aufzunehmen, und erst aus der Empfang- 
nis heraus formt und gestaltet er. Seinem starken Gefiihls^- 
leben entsprechend ist das asthetische Empfinden, der Sinn fiir 
schcne Formen in Natur, Kunst und im taglichen Leben hoch- 
gradig entwickelt. 

Uber die Intelligenz der Urninge und Urninden im Vergleich 
zu der der Heterosexuellen ein allgemeines Urteil abzugeben, ist. 
ungeraein schwierig; daB viele den intellektuellen Durchschnitt. 
iiberragen, ist sicher, ebenso sicher aber auch, dafl viele ihnj 
nicht erreichen; man wird hier voriaufig wohl auf quantitative 
Feststellungen verzichten und sich mit qualitativen begniigen 
miissen. 

Den Lichtseitien der urnischen Natur stehen nicht uner- 
hebliche Schattenseiten gegentiber. Wo die Korpermuskulatur 
zu wtinschen iibrig laflt, zeigt gewohnlich die Zungenmuskulatur 
eine starkere Aktivitat, und so finden wir denn, daB bei den 



Digitized by VjOOQIC 



163 

Urningen, ahnlich wie bei den Frauen, die Redseligkeit oft 

eine recht betraohtliche ist. Einer bemerkt: ,,Plappern kann ich 

fur zwei, aber nur mitDamen oder Gleichgesinnten, Herren da- 

gegen genieren mich.** 

Die Alten hielten sogar, weil feminine Homosexuelle allgemein 
flir geschwatzig galten, umgekehrt redegewandte Manner meist fiir 
homosexuell. Selbst Demosthenes entging wegen seiner Rede- 
fertigkeit nicht diesem Verdachte, und auch Ausonius spricht von 
einem „rhetor s e m i v i r" ^^a>). Mit dieser oft fast euphorischen Stim- 
mungslage ist nicht selten, wenn auch keineswegs immer, eine gewisse 
Klatschsucht und Boshaftigkeit — 22o/o sagen selbst, daB sie „an 
Klatscn Gefallen finden" — , gelegentlich aucn ein Hang zur Intrigue 
und List verbunden, Fehler, die es oft recht schwer machen, sich der 
Uruingo. anzunehmen ; was aber wollen diese Fehler einzelner Ur- 
niuge besagen gegeniiber der Beurteilung und Behandlung, die man 
ihnen alien zuteil werden lafit? 

Von einigen Autoren wird die Lligenhaftigkeit der Urninge 
hervorgehoben. MolH^) schreibt: ,,Ein etwas suOliches Be- 
nehmen, liinter dem sich nicht selten die raffinierteste Verlogen- 
heit verbirgt, charakterisiert viele Homosexuelle.** Er gibt 
auBerdem die Zuschrif t ^^) eines Herrn N. N. wieder, die lautet : 
„Glauben Sie mir, die hysterischsten und verlogensten Weiber, 
die es gibt, treffen Sie unter uns Urningen an ; denn Weiber sind 
wir ja, das leugnen wir nicht.*' 

Raffalovich^6) macht Krafft-Ebing den Vorwurf, daB 
er „die Liigen der verlogensten Rasse, namlich der Kontra- 
ren und Perversen, zu bereitwillig aufgenonimen liabe". 

Ahnliches wiederholt v. Notthaft ^^a) und neuerdings S a d - 
ger, der sich in einem popularwissenschaftlichen ArtikeU^b) zu dem 
Satz versteigt: „Die Selbstbeschreibungen veil Urningen sind keinen 
SchuB Pulver wert." 

Wie schwerwiegend solche AuCerungen sein konnen, zeigt, daC 
sich der Abgeordnete Thaler, als er im Deutschen Reichstag fiir 
den Weiterbestand des § 175 eintrat, sich auf diese AuBerung von 
Raffalovich berief, der erklart hatte, „daB Krafft-Ebing in 
seinem Buche die Liigen der verlogensten Rasse, namlich der Perver- 
sen und Kontraren, zu bereitwillig aufgenommen und ausgesprochen 
hatte, dali die Homosexuellcn Lligner seien, die, wenn sie von ihrer 
Kindhcit spriichen, sich nur rein zu waschen suchten oder sich durch 
Leidenschaft oder Geraeinheiten interessant machen woUten." 

AUes das sind Fehlurteile, wie jede einseitige Be- 
wertung einer so grolJen und mannigfach gearteten Menschen- 
klagse, unter denen es nattirlich gute und schlechte, sympathische 

13a) Cf. Bloch, dieses Handbuch I. p. 416. 
u) Moll, Kontr. Sex. pag. 179. 

15) Moll, ibid, pag. 178. 

16) Raffalovich, Die Entwicklung der Ilomosexualitat, pag. 9. 
ifia) Loc. cit. p. 536. 

i^b) „Der Wert von selbstverfaBten Lebensbeschreibungen ge- 
schlechtlich Verirrter" in „Die Umscbau", Frankfurt a. M., 20. Sept. 
1913. Sadgers Bmerkungen widerlegt Bloch in ,.Umschau**, Nov. 1913. 

If 



Digitized by V:iOOQIC 



164 

tind unsympathisclie gibt. Gehen wir der Ltigenhaftigkeit und 
Unaufrichtigkeit, soweit sie tiberhaupt vorhanden sind, der Ur- 
ninge auf den Grund, so werden wir finden, daU sie •oft ein 
Ausfluil libertriebener Scham und Angstlichkeit, nicht selten 
eine Ausgeburt der langjahrigen Selbsttauschung oder 
der Tauschung anderer sind, zu der die wirklichen oder von 
ihnen vorausgesetzten Anschauungen einer libergroBen Majoritat 
die Urninge veranlassen. Dann und wann mag es sich audi wohl 
um einen Fall von pseudologia phantastica in Verbindung mit 
psychischer Debilitat auf Grund einer psychopathischen Konsti- 
tution handeln, aber alles in allem ist die verallge- 
meinerte Behauptunghomosexueller Lligensucht 
nichts weiter als ein haltloses Gerede, und soweit 
sie sich Arzte zu eigen machen, ein Zeichen, daU 
diese es nicht verstanden ha ben, sich das Ver- 
trauen der sie aufsuchenden homosexuel len 
Manner und Frauen zu erwerben. 

Ein gutes Beispiel hierf iir gibt S a d g e r selbst in dem ^Fragment 
der Psycho-Analyse eines Homosexuellen" (Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. 
IX, p. 339 ff.). Er berichtet hier, wie ein junger Homosexueller eu 
ihin kommt, um durch Psychoanalyse geheilt zu werden. Zunachst 
laBt S. den Patienten seine Lebensgeschichte schreiben und trostet 
ihn iiber seine Veranlagung. Nachdem er durch verschiedene Fragen 
den Zusammenhang des jetzigen Zustandes mit sexuellen Kindheits- 
erlebnissen zu konstruieren yersucht hat, stellt er plotzlich dem 
Patienten gegeniiber die Behauptung auf, daB er in ihn, den Arzt, 
verliebt sei und aus Schamgefiihl mit einem offenen Bekenntnis zuriick- 
halte (p. 392). Der Patient weist diese Zumutung ab; er erblicke in 
S. nur den Arzt und gabe sich die groBte Miihe, alles zu erzahlen, 
aber mehr, als er wisse, konne er nicht sagen. S. bleibt bei seiner 
Behauptung, er sei verstockt. In der nachsten Sitzung wiederum 
vergeblicher Versuch, aus dem Patienten herauszufragen, daB er fiir 
sciuen Vater homosexuell im Alter von vier Jahren empfunden habe. 
Durch dsia Zureden eingeschiichtert, kommt schlieBlich dem Patienten 
der Gedanke (p. 400): „Um allem vorzubeugen (dem Vorwurf namlich, 
nicht aufrichtig zu sein), sagst du auf alles „ja" und gibst alles zu ! I" 
SchlieBlich gibt S. ihm in der Hypnose Suggestionen, ihm alles, was 
er in der Kindheit erlebt habe, zu erzahlen. Nachdem der Patient 
durcn dif3 immer wiederholten, drangenden Fragen darauf vorbereitet 
war, was man von ihm wissen will, gibt er in der Sitzung nach der 
Hypnose in der gewiinschten, detailliertesten Weise iiber sexuelle 
Kindhcitserinnerungen Auskunft und gibt auch zu, daB er in Sadger 
veriiebt gewesen sei. Als aber S. jetzt wieder aus ihm herausfragen will, 
daB er auch auf seinen Vater sexuelle Wiinsche gehabt habe (p. 415 f. ; 
420), und er dem Patienten wieder Unwahrheit und hartniickiges 
Schweigen vorwirft, wird diesem die Behandlung zu lastig ; er bleibt 
fort — und der verlassene Arzt riihmt sich, „ welch gewaltig Material 
aus dem verborgensten UnbewuBtseiu ihm in nur 11 Sitzungen zu 
schopfen mc)glich war" (p. 423), ja er glaubt, daB bei langerer Dauer 
der analytischen Behandlung aucli der gewiinschte Heileffekt nicht aus- 
geblieben ware. 



Digitized by VjOOQIC 



165 

Im librigen gibt es unter den Urningen wie unter den Ur- 
ninden Kriminelle und Helden. Wahrend aber die Verbrechen 
der Urninden einem Cbermail von Initiative entstammen, gehen 
die der Urninge aus einem Zuviel an Schwache hervor. DaJJ es 
auch unter ihnen Tatmenschen im besten Sinne gibt, kann nie- 
mand bezweifeln, der die Geschichte der Welt und die Geschichte 
des Uranismus kennt. Aber es sind doch weniger durch ToU- 
kuhnheit imponierende Helden, weniger Gewaltmenschen als 
Helden einer Idee, Helden des Geistes, der Feder, auch wohl 
Helden aus Ehrgeiz oder aus Liebe zu den Personen, mit 
denen oder flir die sie kampfen; oft Helden mit einem Stich 
ins Schrullenhafte und Sentimenliale, wie Friedrich der 
G r 11 e , der testamentarisch zwischen seinen Windspielen sein 
Grab bestimmt, oder Konigin Christine, die, trotzdem ihr 
Name als Sibylle des Nordens, als Pallas suedica bewundert, 
in alien Sprachen ertonte, nach kaum zehnjahriger rxihmreicher 
Regierung dem Thron Gustav Adolfs entsagte, um fur 
immer Stockholm mit dem papstlichen Rom zu vertauschen. 
Ob hierbei unbewuBt „das sexuelle Moment des Mariendienstes 
eine RoUe spielte", wie ihre feinsinnige Biographin Sophie 
Hochstetter meint, mag dahingestellt bleiben. 

i. Gegenstandswahl. 

(Wohnung und Kleidung). 

Wie in seiner Lebensftihrung, so projiziert sich die Eigen- 
art eines Menschen auch in denjenigen Dingen nach auiJen, 
mit denen er sich umgibt, die er seinen Neigungen entsprechend 
wahlt, in seiner Geschmacksrichtung, wobei wir unterscheiden 
mtissen zwischen dem, was ihm fur seine eigene Person, und 
dem, was ihm an anderen gefallt. Das, was ihm an sich selbst 
gefallt, gibt ihm das individuelle, das, was ihn an anderen 
anzieht, das sexuelle GeprSlge. Auf den !^usammenhang zwischen 
diesen beiden Geschmacksrichtungen, der ein ganz gesetzmafliger 
ist, hier einzugehen, wtirde, so reizvoU es ist, zu weit fiihren. 
Hier wollen wir nur untersuchen, wie der Urning sein Milieu, 
vor allem seine Wohnung und Kleidung gestaltet. Soweit bei 
der Einrichtung seiner Behausung bewuilt oder unbewuilt die 
Erotik eine entscheidende Rolle spielt, gingen wir bereits oben 
darauf ein. Davon abgesehen, werden wir in den Gebrauchs- 
gegenstanden Homosexueller immer wieder jene ei^enttimliche 
Mischung m&nnlicher und weiblicher Tendenzen antreffen, wie 
sie seine Psyche charakterisiert. Wer sich liber die spezielle 
Eigenart eines Homosexuellen ein Urteil bilden will, soUte nicht 



Digitized by VjOOQIC 



166 

versaumen, ihn in seinem Heim aufzusuchen. Oft warden wir 
zwar nicht viel Typisches wahrnehmen, ebenso oft aber werden 
wir sehr wertvolle Anhaltspunkte flir die Sonderart des Ein- 
wohners gewinnen. Das Sprichwort: Sage mir mit wem du 
umgehst und ich werde dir sagen wer du bist, konnte auch 
lauten: Zeige mir, womit du dich umgibst, und ich werde dir 
sagen, wer du bist. 

Betreten wir den Wohnraum einer Urninde, so werden die 
schweren Mobelstiicke, die ledernen Klubsessel, der massive Schreib- 
tisch, die ernsten Farben uns oft genug an ein Herrenzimmer ge- 
mahnen, wahrend die Urningsstube mit ihren zierlichen Stiihlen, 
Tischen, Spiegeln und Servanten, mit ihren bunten Vorhangen, TapeteD 
und Beziigen, ihren Nippes, Bildchen und Schleifen, ebenso haufig an 
cin Damenboudoir erinnern. Im Schlafzimmer des Timings begegnen 
wir vielfach einem Himmelbett mit seidenen Decken, in dem der 
Urninde einer eisernen Feldbettstelle. Bei der Urninde stromt uns 
oft eine Tabakwolke, beim Urning feiner Parfiim- und Blumendaft ent- 
gegen. 

Wie weit diese Neigung in extremis gehen kann, moge der fol- 
geade Bericht zeigen, den uns ein Urning vom Hochadel entwirft. 
Die Angaben werden in bemerkenswerter Weise erganzt durch die 
Mitteilungen, die er iiber sein „Gegenst\ick", eine urnische Sangerin, 
eibt. Nachdem er iiber den Tod seiner Mutter und Sch wester erzahlt, 
fahrt er fort, wie er sich nach seiner GroBjahrigkeitserklarung das 
Leben gestaltet: „Meine bisherige Wohnung war mir zu herrenmaCig, 
ich richtete mir daher in einigen Kaumen, die friiher von meiner Mutter 
und Schwester bewohnt waren, eine Wohnung her mit allem Luxus 
einer eleganten Modedame. Das Schlafzimmer wurde weiB, das Boudoir 
blau, das Toilettenzimmer rosa, der eine Salon mit gelbem, der andere 
mit . rotem Damast eingerichtet, das EBzimmer weiB und gold. 
Marianne und ihre Tochter Julie, die beiden Kammerfrauen, waren 
nach dem Tode meiner Mutter und Schwester ohne Beschaftigung, 
beide dem Hause sehr attachiert, und da sie meine Passionen genau 
kannten, fiir mich sehr passend. Julie iibernahm sogleich meine per- 
sonliche Bedienung. Nun fiillten sich bald die Kasten mit der besten 
Damenwasche, Hemden, Hosen aus feinstem Battist, mit Spitzen und 
Bandorn geziert, seidene und Battist- Unterrocke, ebenfalls mit Spitzen, 
seidene Striimpfe, Hiite, Schuhe usw., vor allem die schonsten Roben 
aller Art: es waren ihrer viele, solche fiir junge Madchen, und solche 
fiir junge Frauen, Ballroben mit und ohne Schleppen, Soir6etoiletten, 
allerlei StraCen- und Haustoiletten, Deshabill^es, Mantel, Jackchen, 
auch Kostiime fiir Maskenballe ; ich erwahne nur Bauerin, Spanierin, 
Baby, Fantasieblumenmadchen, Schaferin k la Watteau, Rokokodame, 
Maria Stuart, Empirekostiime. Was meine Tageseinteilung anlangt, so 
nahm ich nach dem Friihstiick um 10 Uhr ein laues parfiimiertes Bad; 
nachher kleidete mich Julie an, irgend eine mit Spitzen verzierte 
Matinee oder ein Hauskleid. Den Vormittag verbrachte ich dann mit 
Stricken, Hakeln, Klavierspiel, Lektiire. Nach dem Dejeuner, das um 
1 Uhr serviert wird, muBte ich mich manches mal noch als Mann 
kleiden, doch geschah dieses nur selten, da ich mich aus meinem 
friiheren Kreise mehr und mehr zuriickgezogen hatte. Die Manner- 
kleider waren mir sehr lastig, meist blieb ich Dame, auch wenn ich 
ausfuhr und ausging, niemand erkannte meine Verkleidung, ich war 
eben fiir den Unterrock geboren. Marianne war als Gardedame heraus- 
staffierD worden. Um 7 Uhr war Dinerstunde, abends pflegte ich 
otters das Theater zu besuchen, hierzu kleidete ich mich als junges 
Madchen oder als junge Frau, Marianne chapronierte mich und sah 



Digitized by VjOOQIC 



167 

sehr possierlich an ihrem Ehrenplatze aus. Besonders gem besuchte 
Ich ein Operettentheater, dessen Star, eine Sangerin namens Lea, bei- 
nahe ausschlieBlich in HosenroUen auftrat. Sie war fiir dieses Genre 
wie geschaffen, hoch und schlank gewachsen, das Gesicht schon, doch 
scharf geschnitten mit mannlichen Ziigen, die Stimme mit merkwiirdig 
tiefem Timbre. Wenn sie als Mann ?iuftrat, war sie ganz Mann, sie 
ging und bewegte sich als solcher, alles Weibliche war bei ihr ver- 
schwunden; sie trug kurz geschnittenes Haar und ging zu Hause stets 
in Mannerkleidern. Auch horte ich von ihr erzahlcn, sie fuhle sich 
ungliicklich in ihrem Geschlechte. Es drangte mich, ihre Bekannt- 
scbEift zu machen. In einem Briefe entwarf ich ihr ein Bild von mir, 
meinem Fuhlen und Denken und driickte ihr den sehnlichsten Wunsch 
aus, mich ihr vorzustellen. Umgehend erhielt ich eine bejahende Ant- 
wort; sie lud mich fur den folgenden Tag nach dem Theater zu sich 
mit dem Beifiigen, daB wir allein sein wiirden. Ich machte sorg- 
faltige Toilette, mein Haar wurde in einen griechischen Knoten ge- 
steckt und mit Brillanten umgeben, in einem langen, mit Seide ge- 
futterten Mantel fuhr ich zu Lea, welche mich in einem schicken 
Frackanzuge erwartete; sie machte ganz und gar den Eindruck eines 
f einen jungen Mannes. Als ich eintrat, kam sie verwundert auf mich 
zu, wir standen einen Moment unter dem Eindrucke, d a B wir 
seelenverwandt, uns gefunden; welche merkwiirdige 
Metamorphose, sie, dEtsWeib, stand da als eleganter Mann und ich, der 
Mann, alt? schiichtemes Madchen. Endlich kiiBte mir Lea galant die 
Hand und machte mir Komplimente iiber mein Aussehen und meine 
Toilette, wir freundeten uns gleich an, wir waren ja ganz dazu ge- 
schaffen, uns zu verstehen. Beim Tee sitzend, sprachen wir lange, 
lange iiber unser Empfinden und Denken. Erst spat in der Nacht 
kehrte ich heim. Wir sahen uns beinahe taglich. Ich lernte bei ihr 
auch einen Prinzen aus koniglichem Hause, der im gewohnlichen LBben 
Leutnant in einem Kavalerieregiment ist, in einem reizenden, duftigen 
Eleidchen aus weiBem Tautropfentiill mit Maiglockchen usw. kennen. 
Er klagte sehr uber seine Stellung; wie gem wiirde er die Uniform mit 
M3,dchenkleidern, den Sabel mit dem Facher vertauschen, der arme 
Junge. Bis dahin war ich ganz unschuldig. Duvch Lea wurden mir 
die Augen geoffnet, mein Staunen war groB, doch der natiirliche Trieb 
ist machtiger als alle Gesetze." 

Ein sehr ahnlicher Typus wie dieser Osterreicher war der aus 
Rio de Janeiro stammende raradeda, den ich personlich kannte. 
Ein Korrespondent, der unmittelbar nach seinem tragischen Selbstmord, 
der unter der XTberschrift „Ende einer mannlichen Braut" im Jahre 
1906 durch die Presse ging, die Wohnung des Verstorbenen aufsuchte, 
schreibt von ihm: „Tante Didi", wie er von dem Tochterlein der 
Wirtin angeredet wurde, besaB in jeder Beziehung einen vornehmen 
Gescbmack; ein Blick in das Boudoir, vor allem aber in den mit den 
allerkostbarsten Toiletten gefiillten Schrank, zeigte, daB es der Pseudo- 
Eomtesse auch nicht an Mitteln gefehlt hat, den verwohnten An- 
spruchen zu geniigen. Eine helle Kobe ist vollstandig aus irischer 
Handstickerei gefertigt, ihr Wert soil iiber 3000 Francs betragen. Wir 
sahen femer eine weifiseidene Bluse mit handgearbeiteter, f einer 
Spachtelspitze, ein zartes Spitzentaschentuch, das in seiner Feinheit 
als ein kleines Kunstwerk der Handstickerei angcsehen werden darf, 
weiterhin einen prachtigen Facher mit kiinstlerisch ausgefiihrter Elfen- 
beinschnitzerei, zartrosafarbene, seidene Jupons, gleichfalls mit kost- 
baren Spitzen besetzt, und viele andere Sachen, wie sie nur cine Dame 
von Distinktion und Geschmack zu tragen pflegt. Von gleicher Eleganz 
war die FuBbekleidung, die in goldfarbenen Halbschuhen, schwarzen 
Lackschuhen und seidenen Pantoffeln bestand. Die silbernen Toiletten- 
gegenstande, wie Haarbursten usw., tragen unter einer Krone das 
Honpgraznm „A. P.". Auch alle Hilfsmittel der Kosmetik waren auf dem 



Digitized by VjOOQIC 



168 

Toilettentisch zu finden. Sie wai* nicht nur in weiblichen Hand- 
arbeiten, in der Herstellung kiinstlicher Blumen, im Garnieren von 
Damenhiiten usw. sehr geschickt, man erfreut sich nicht nur an ihrem 
verhaltniflmaBig guten Klavierspiel, — auch „ilire" Kenntnisse in 
Kuchenangelegenheiten waren erstaunlich, und die Pensionswirtin hat 
manche gute Lehre aus diesen^ Kenntnissen schopfen diirfen. Von 
Interesse fur die Charakteristik (ies Verstorbenen diirfte es noch sein, 
daB auf seinen Wunsch der griin tapezierte Salon seiner Wohnung 
rosafarbene Tapete erhielt und die gleichfalls griinen Pluschmobel 
mit rosa Satin iiberzogen werden muBten, weil ihm diese Farben- 
tonung sympathischer war." 

Von einem gewissen diagnostischen Werte ist der 

Tascheninhalt der Homosexuellen. Auch hier finden miv 

h&ufig bei m&nnlidben Homosexuellen Gegenst^nde, die nach Art 

ujid Beschaffenheit besser in das Handtaschchen einer Dame 

passen wlirden, und bei Urninden solche, die wir eher in der 

Hosentasche eines VoUmannes vermuten wiirden. Von Gegen- 

standen erstgenannter Kategorie seien zierliche Lederporte- 

monnaies und GeldbSrsen, Riechflaschchen, Puderbtichsen und 

-quasten, kleine Spiegel und Kamme, von denen der letzteren 

kraftige Messer, Korkzieher, volumin<5se Brieftaschen, Zigarren- 

etuis und Feuerzeug besonders erwahnt. Hervorzxiheben w§,re 

auch, dalJ Uminge haufig zarte Seiden- oder Battdsttaschen- 

tlicher, oft mit zierlichen Stickereien oder Spitzen verziert, 

Urninden vielfach groBe Sacktiicber von derber Leinwand tragen. 

In der Hand lieben die weiblichen Homosexuellen Stocke zu 

tragen, welche umgekebrt viele Urninge nicht m5gen. 

Bemerkenswert ist auch das Verhalten der Homosexuellen gegen- 
iiber Schmucksachen. Unter 600 mannlichen Homosexuellen ^eigten 
216 Oder 43 o/o eine ausgesprochene Vorliebe fur Schmuckgegenstande 
am eigenen Korper, 285 oder 67 o/o standen diesen Kostbarkeiten ab- 
lehnend oder gleichgiiltig gegeniiber. Sehr ahnliche Zahlen fand 
Schneidenberger an einer anderen Gruppe unseres Materials. 
Unter 100 auBerten 41 eine ^oBe Vorliebe fiir Schmuck (gem, sehr 
gem, viel), 46 hatten eine direkte Abneigung gegen Schmuck, 13 o/o 
tragen wenig Schmuck oder sind weder dafiir noch dagegen. Jeden- 
falls ist die Zahl derer, die groBes Gefallen an Schmuck nnden, unter 
den homosexuellen Mannem viel groBer als unter den heterosexuellen. 
Viele iiberladen sich geradezu mit seltenen Edelsteinen, Brillanten 
und Perlen (letztere anscheinend bei femininen weniger) ; ich sab 
welche, die sogar uber ihre Glac^handschuhe Ringe mit kostbaren 
Steinen gezogen hatten. Manche legen insgeheim sogar Ohrringe an. 
Weibliche Homosexuelle tragen dagegen fast nie Ohrringe; ihre 
Broschen wahlen sie sehr einfach; auch Armbander findet man bei 
ihnen selten, jedoch sehr haufig Siegelringe, die sonst bei normal- 
sexuellen Frauen selten vorkommen. Bei Herren hat man gelegent- 
lich in Armbandem ein homosexuelles Symbol erblicken wollen. Das 
trifft nicht zu. Relativ haufig sieht man dagegen feine Kettenringe, 
womoglich mit Zieraten, an den Fingern von Homosexuellen. 

Mehr noch als der Schmuck ist die K lei dung psycho- 
gnomisch. WieGang undSchrift, so ist auch die Tracht Irotz der 
AUgemeinheit ihrer Grundregeln in hohem MaBe eine individuell 



Digitized by VjOOQIC 



169 

«eelische Ausdnicksform^''). Der instinktive Drang, ganz oder 
teilweise in der Kleidung des anderen Geschlechts zu ^gehen, 
den wir als transvestitischen bezeichnen, ist unter den Homo- 
eexuellen seit altersher weit verbreitet. AUerdings keineswegs, 
wie man frliher angenommen hat, nur unter Homosexuellen, 
Mein Buch „Die Transvestiten" beschaftigt sich sogar in 
erster Linie mit den heterosexuellen Transvestiten tmannlichen 
and weiblichen Geschlechts. Immerhin ist die Anzahl der Trans- 
vestiten unter den Homosexuellen ohne Zweifel viel groBer, wie 
unter den heterosexuellen Mannern und Frauen. 

Absolut genommen gibt es vielleicht ebenso viele nichturnische 
als urnische Transvestiten. Wenn man aber beriicksichtigt, daB die 
Zahl der Heterosexuellen etwa zwanzigmal so groB als die der Homo- 
sexuellen, so ist relativ genommen der Prozentsatz der Transvestiten 
unter den Homosexuellen ein ungemein viel hoherer. Unter 500 Homo- 
sexuellen verspiiren 48 einen starken Drang, in Frauenkleidern zu 
gehen, dem sie auch zum groBten Teile zeitweise entsprechen ; 6 da von 
tragen im Hause stets Frauenoberkleidung — und auBerhalb ihrer 
Wonnung Herrenober- mit Frauenunterkleidung. Hinsichtlich der 
Starke des Verkleidungstriebes gilt fiir die homosexuellen Manner und 
Frauen vollig das, was ich auf Grund eingehender Beobachtungen in 
den „ Transvestiten" 18) ausfiihrte: „In der Tracht ihres eigenen Ge- 
schlechts fuhlen sie sich eingeengt, unfrei, gedruckt, sie empfinden sie 
als etwas Fremdes, ihnen nicht Entsprechendes, und Zugehoriges ; da- 
ge^en finden sie nicht Worte genug, um das Gefiihl der Ruhe, Sicher- 
heit und Erhebung, das Gliick und Wohlbehagen zu schildern, das 
Hie in der Gewandung des anderen Geschlechts iiberkommt." 

Zu diesen ca. lOo/o Totaltransvestiten kommen noch ca. 
30 0/0 (151 unter 500) Partialtransvestiten, die, ohne Feti- 
schisteu im igewohnlichen Sinne zu sein, eine wahre Leidenschaft haben, 
einzelne weibliche Kleidungsstiicke zu tragen, etwa lange Striimpfe mit 
weiblichen Strumpfbandern, Frauenschuhe mit hohen Absatzen, Kor- 
setts usw. Bei 13 erstreckt sich diese Vorliebe auf Facher. Auch von 
Heliogabal berichten seine Biographen, daB er „8tatt des Zepters einen 
Facher'' trug. Diesen 40 o/o stenen 301 (60 o/o) gegeniiber, die nicht das 

feringste Interesse fiir Frauenkleider oder weibliche Toilettenartikel 
aben, davon haben aber 48 noch „cisvestitische" Neigungen. Der Aus- 
druck „Cisvestiten" stammt von einem meiner Patienten. Bald nach 
Erscheinen meines Transvestitenbuches suchte mich ein sozial ziemlich 
hochstehender Mann mit der Bemerkung auf, er sei „Ci8vestit". Ich 
wuBte zunachst nicht, was er meinte, er erklarte mir dann, daB er 
nicht den Drang verspiire, in den Kleidem des anderen Geschlechts 
zu ^ehen, er hatte aber eine Neigung, die an Intensitat der trans- 
vestitischen Leidenschaft nichts nachgebe, sich zeitweise als Lakai 
zu kleiden. Er habe als solcher auch schon zeitweise vollig unerkannt 
in feinen Berliner Hotels als Aushilfe gearbeitet. Ahnliche cisvesti- 
tische Neigungen habe ich wiederholt bei Homosexuellen beobachtet, 
ohne daB ich allerdings ebensowenig wie fiir den Trans vestitismus be- 
haupten mochte, daB nicht ganz Ahnliches auch unter den Hetero- 
sexuellen vorkommt. Finer liebte es als Stallbursche, ein anderer ah 



17) Cf. „Die Transvestiten, eine Untersuchung iiber den erotischen 
Verkleidungstrieb" von Dr. Magnus Hirschfeld. Berlin 1910. 
pag. 259 — z75, „Die Kleidung als Ausdrucksform". 

i«) „ Transvestiten", pag. 160. 



Digitized by VjOOQIC 



170 

Schornsteinfeger, ein dritter als Forster zu gehen, mehrere verkleideten 
sich zeitweise als Arbeiter, andere als Matrosen, einer als Page, zwei, 
die ich kennen lernte, als Jockei einige sogar als Schiller und Studenten 
mit Miitze und Band; wieder andere trugen gem bestimmte Volks- 
trachten, aber nicht etwa nur um sich der Klasse, zu der sie sich 
erotisch hingezogen fiihlten, anzupassen, oder zum Zwecke der Tau- 
schung, — auch das kommt natiirlich beides vor — sondern um eine 
seltsame Doppeltheit ihres Wesens zum Ausdruck zu bringen. 

Dber die Kleidung eines von ihm in Capri beobachteten Urnings 
schreibt Dr. Jakubowsk i^^) : „Seine auffallende Kleidung bestand 
aus einer weiten Samtjacke, einem hellgrau seidenen, um den nackten 
Hals gewundenen Tiichel, silberschwarzen, engen, nur bis zu den 
Knieen reichenden Beinkleidern, langen, buntseidenen Striimpfen, end- 
lich aus Halbschuhen von Atlas, die mit zierlichen Schleifen und 
Pompons gcschmiickt waren. AuBerdem trug er stets reich gestickte 
Damenhemden. Nach meiner, sowie auch der Ansicht der zu derselbeai 
Zeit auf Capri weilenden Maler und Bildhauer, entsprach seiin Korper- 
bau, zumeist die Hiiftgegend und die FnQe, einer Frauensperson. 
Seine tagliche Beschaftigung bildeten Malen und Sticken." 

Wiederholt habe ich Urninge gesehen, die es liebten, sich als 
Knaben anzuziehen; so einen allerdings sehr jugendlich aussehenden 
Leutnant von 22 Jahren, der sich aui seinem im tiefsten Inkognito 
verbrachten Urlaub stets als etwa ISjahriger Junge kleidete. 

DaB es auch „partielle Cisvestiten" gibt, die nicht mit Fetischisten 
zu verwechseln sind, sei — um das Dargelegte nicht zu sehr zu kom- 
plizieren — hier nur nebenbei erwahnt. 

Einen eigenartigen, aber recht bezeichnenden Fall von partiellem 
Transvestitismus erzahlt U 1 r i c h s i^) aus seinem eigenen Leben. „Bei 
einer Dame fand ich die Probe eines eleganten Seidenstoffes. Ich 
erbat sie mir. Mit der Probe ging ich zum Kaufmann, um rair von 
diesem Stoff Zeug zu einer Weste zu nehmen. Von diesem Stoff hatte 
er nichts mehr vorratig. Von ihm befragt, nannte ich nach einigem 
Zogeru ihm meinen Zweck. Da legte er mir „ Stoff e zu Herrenwesten" 
vor. Diese habe ich samtlich entschieden verschmaht. Ich forderte 
ausdriicklich der Probe ahnliche Stoffe. Unter den mir nun vorgelegten 
Stoffen gefiel mir ein auBerst zartes blaBgriines Seidenzeug. Wieder- 
holt bemerkte dazu der Kaufmann: „Dieser Stoff eignet sich nicht 
zu Herrenwesten" und: „Es ist ein Stoff zu Ballkleidern fiir Damen". 
Allein er fand taube Ohren. Ich lieB mich nicht irre machen. Ich 
kaufte wirklich von dem Stoff ein Quantum zur Weste." 

Wenn Grabowsky*®) meint, daB der Urning sich nur deshalb 
verkleidet, um so leichter Manner an sich locken zu konnen, so 
zeigt er sich sehr mangelhaft iiber die Psyche des Urnings orientiert. 
Nicht selten erstreckt sich der transvestitische Drang homosexueller 
Fraueu besonders auf Uniformen. Ich besitze eine Reihe Photo- 
graph ien schneidiger Offiziere der Kavallerie und Infajiterie, hinter 
denen wohl kaum jemand homosexuelle Frauen vermuten diirfte. Der 
partielle Transvestitismus erstreckt sich im ubrigen bei Urninden 
auf Herrenpaletots, Herrenhiite, Mannerstiefel mit niedrigen Hacken, 
Stehkragen und Krawatten, eng anliegende Jacketts, Westen, cnglische 
Stoffe u. dgl. Es soil natiirlich nicht gesagt sein, daB das Tragen 
dieser unter dem weiblichen Geschlecht so weit verbreiteten Kleidungs- 
siiicko den SchluB auf Homosexualitat oder auch nur auf Virilitat 
ohne weiteres zulaBt. Nur im Zusammenhang mit den 



^^a) Cf. Friedreichs Blatter fiir gerichtliche Medizin. Niirnberc: 
1892. p. 431. 

"^ Ulrichs, Formatrix, pag. 46/46. 

*^3 Grabowsky, Die verkehrte Geschlechtsempfindung p. 19. 



Digitized by VjOOQIC 



171 

iibrigen Zeichen gewinnt diese Erscheinung eine symptomatische 
Bedeutung. 

Oft besteht unter Urningen imd Urninden, entsprecliend ihrer 
weder vollmannliohen noch vollweiblichen Artung, eine V^orliebe fiir 
geschlechtslose Gewandungen. Viele halten das antike griechische 
Gewand fiir das schonste, ein urnischer Kiinstler bemerkt: „Tch 
schwarme fiir lange, wallende Ge wander, trotz der Gewohnung eines 
halben Menschenalters schame ich mich in der gewohn- 
lichen Mannerkleidung, ohne langen Mantel betrete ich nie 
die StraBe, am meisten genicre ich mich im Frack bei Ausiibung meines 
Berufes auf dem Podium, zu Hause trage ich nur schleppende Gewan* 
dung." Ein anderer homosexueller Kiinstler auBerte sich: „Ich liebe 
Kleidung, die das Geschlecht nicht erkennen laBt, weil diese meinem 
eigentlichen Wesen entspricht." Und ein urnischer Eisenbahnarbeiter 
schreibt: „Ea tut mir leid, daB der Pelerinenmantel altmodisch wurde." 
Bezeichnend fiigt er hinzu: „Ein schoner Jiingling sollte doch stets 
einen glatten Cberzieher tragen." Andere schreiben, daB sie am lieb- 
sten k la Dieffenbach gehen wiirden, andere, daB sie „M6nchskutten" 
am schonsten finden. Unter den sogenannten „Naturmenschen", die 
ebenfalls anschlieBende Gewander perhorreszieren, gibt es eini^e sehr 
feminine. Wie bei den Urningen ist auch bei den Urninden der Drang 
nach alteroslexueller Kleidung bereits lange vor der Ge- 
schlechtsreife nachweisbar. Eine homosexuelle Frau berichtet aus ihrer 
Jugendzeit: „Ich trug bestiindig eine groBe „Sicherheitsnader* bei mir. 
Mit derselben befestigte ich das hintere Ende meines Rockes, indem 
ich es durchzog, an den vorderen Teil deis Kleides. So hatte ich die mir 
leider versagte Hose. Ich muB gestehen, daB ich fast bis zu meiner 
Universitatszeit den Glauben hegte, der ganze Unterschied zwischen 
den „Jungens" und mir bestiinde einzig und allein in der Kleidung, 
und ich war zuweilen recht unzufrieden dariiber, daB man mich von 
Anfang an durch den Anzug zum Madchen gestempelt hatte." Be- 
sonders gegen Korsett und Schleier haben homosexuelle Frauen oft 
eine ungemein starke Idiosynkrasie. 

Bei manchen homosexuellen Frauen ist der transvesti- 
t i s c h e Trieb so hef tig, daB sie ganz als Mann leben. Ich kenne 
solche, die dies seit 20, 30 Jahren und langer tun. Man ist oft 
ganz iiberrascht, wenn man homosexuelle Frauen oder homo- 
sexuelle Manner, die man stets nur in der ihrer Seele adaquaten 
Tracht sah, zufallig in der sieht, die ihrem Korper entsprieht. 
Neuerdings sind wiederholt homosexuelle Frauen bei der Be- 
horde um die Erlaubnis eingekommen, sich als Manner kleiden 
zu diirfen; es ist ihnen dies auch meist auf Grund eines arztr 
lichen Gutachtens gestattet, namentlich wenn sie etwas androgyn 
gebaut sind, so dail sie in Mannerkleidern nicht auffallen. 

Ich will den zahlreichcn ausfiihrlichen Gutachten, die ich in 
den Biichern „Transvestiten" und „Geschlechtsumwandlungen" sowie 
in den Aufsatzen iiber solche Fiille veroffentlichte, noch einen neueren 
Fall hinzufiigen, in dem ich gemeinsam mit meinem KoUegen B u r - 
chard f olgendes Gutachten abgab : 

„Die 21 Jahre alte Stenographin Bertha B. steht seit nahezu 
1/2 Jahr in unserer spezialarztlichen Beobachtung. Die Wahrnehmun- 
gen, die wir wahrend diescr Zeit gemacht, und die Mitteilungen, die 
wir von ihr selbst erhalten haben, suchten wir nach Moglichkeit 
dadurch zu erganzen, daB wir bei Personen ihres Bekanntenkreises 
Erkundigungen iiber ihr Wesen und Verhalten einzogen. 



Digitized by VjOOQIC 



172 

Wir haben dadurch ein klares, eindeutiges Bild von der Person- 
lichkeit der B. gewonnen und geben auf Grund dessen das folgende 
Gutachteii ab: 

Vorgeschichte: Bertha B. stammt aus einer littauischen 
Familie. Die Ehe der Eltern war nicht gliicklich, da der Vater starker 
Alkoholiker war. Er starb im Alter von 66 Jahren infolge einer Gas- 
vergiftung (vermutlich Selbstmord), wahrend die Mutter 49 Jahre 
alt an Herzschlag starb, nachdem sie die letzten 91/2 Monate ihres 
Lebens in einer frrenanstalt als unheilbar krank interniert war. Nur 
die alteste Schwester ist am Leben geblieben, drei darauf folgende 
Geschwister starben an Lebensschwache ; sie selbst ist das jiingste 
Kind. 

Gehen und Sprechen lernte sie ziemlich spat, mit li/i bezw. 
2 Jahren. Die Entwicklung der spateren Kinderjahre lieC bei B. 
immer mehr Ziige hervortreten, die wir im allgemeinen als cha- 
rakteristisch fiir Knaben ansehen. Sie spielte nur mit Jungen und 
nahm an ihren wildesten Spielen mit solcher Selbstverstandlichkeit 
teil, daC sie von ihren Kameraden vollig als ihresgleicben angesehen 
und immer nur „\Villy" genannt wurde. Ihre Lieblingsfacher in der 
Schule waren Turnen und Geographie. 

Mit 151/4 Jahren stellte sich die Menstruation ein, die seitdem 
ziemlich regelmaBig auftritt, aber von kurzer Dauer, sparlich und 
kaum von irgendwelchen korperlichen oder seelischen Erscheinungen 
begleitet ist. 

Eiu Anschwellen der Briiste machte sich erst im 20. Lebensjahre 
bemerkbar, doch haben sich die Briiste iiberhaupt nur in sehr geringem 
Grade entwickelt. 

In seelischer Hinsicht traten mit zunehmendem Alter die mann- 
lichen Ziige bei B. B. immer mehr hervor und pragten sich in ihrer 
beruflichen Tatigkeit, der sie mit Pflichttreue, Ausdauer und Energie 
nachgeht, sowie in alien ihren Lebensgewohnheiten immer deut- 
licher aus. 

Wie wir von ihr selbst und ihren Bekannten vielfach und stets 
libereinstimmend gehort haben, sind ihre Neigungen und Gewohnheiten 
ausgesprochen mannliche. Sie ist ausdauernd und couragiert im Sport, 
besonders im Schlittschuhlaufen, Rodeln und Rudern, tiichtig in jeder 
Muskelarbeit und mutig korperlichen Gefahren gegeniiber. Im Bil- 
lard- und Kartenspiel nimmt sie cj mit jedem Manne auf, vertragt 
Bier und Kognak gut, weiB aber, wenn sie genug hat und laBt sich 
nicht zu Exzessen verleiten. 

Sie hat das ausgesprochene, ununterdriickbare Verlangen, ganz 
als Mann leben und sich kleiden zu konnen und haCt weibliche Be- 
schaftigung ebenso sehr wie weibliche Tracht am eigenen Korper. 
Dagegen hat sie Interesse fiir Herrenmoden und legt in Mannerklei- 
dung Wert auf guten Schnitt und elegante, namentlich engUsche 
Stoffe. 

Ihr Liebesempfinden hat sich von jeher in durchaus bestimmter 
Richtung ausschlieUlich auf das weibliche Geschlecht gerichtet, 
wahrend sie mit Manne rn kameradschaftliche Beziehungen unterhalt 
und an ihren Beschaftigungen und Interessen in jeder Beziehung 
teilnimmt. 

Besonders wertvoll nach dieser Richtung bin waren fiir uns die 
Angaben eines jungen Mannes, mit dem die B. seit Jahren kamerad- 
schaftlich verkehrt, und der urn so weniger Veranlassung hat, ihren 
Wunsch, in Mannerkleidung zu leben, zu unterstiitzen, als er kein 
Hehl daraus macht, daO er sie innig liebt, und dafi demgemaB dieser 
ihr Wunsch und die Tatsache, daB er sich seiner Berechtigung nicht 
verschlieBen kann, ihm schwere seelische Qualen verursacht. 



Digitized by VjOOQIC 



173 

Befund und Beobachtungsverlauf. B. B. ist eine 
gracil gebaute Person von elastischen, bestimmten Bewegungen, ziem- 
lich weichen Korperformen, aber fester, sehniger Muskulatur. Das 
Knocheugeriist zeigt insofern Anklange an das mannliche Geschlecht, 
als der Schultergiirtel die Hiiften an Breite iibertrifft (98 cm bezw. 
86 cm). Die ifilnde sinjd klein aber kraftig, die FiiBe mittelgroB, 
breit und derb gebaut. 

Das Gesicht ist von jugendlicher Weichheit, aber starkknochig 
gebildet, bestimmt und entschieden in Ausdruck und Mimik- 

Die Briiste sind nur wenig entwickelt; die Haut ist weich und 
zart, das Haupthaar lang und weich, der Korper nicht behaart. Die 
inneren Organe sind durchaus gesund. 

Die bereits in der Vorgeschichte wiedergegebenen Mitteilungen 
iiber das Wesen, Verhalten, die Neigungen una Gewohnheiten der B. 
B. fanden wir wahrend unserer Beobachtungszeit durch eigene Ein- 
driicke durchaus bestatigt. 

Es war etwas schwer, in das Seelenleben der B. B. einzudringen, 
da sie entsprechend ihrer littauischen Stammeszugehorigkeit im afige- 
meinen zuiiickhaJtend und wenig mitteilsam ist und erst bei langerer 
Bekanntschaft oder in ungezwungenem geselligen Kreise nach und 
nach auftaut. 

So standen wir zunachst dem dringend und fortgesetzt gleich- 
lautend wiederholten Wunsche der B., Mannerkleidung tragen und in 
jeder Hinsicht als Mann leben zu diirfen, skeptisch gegeniiber. Wohl 
konnten wir uns dem Eindruck von vornherein nicht verschlieBen, daB 
der Kern ihrer Personlichkeit ein iiberwiegend mannlicher ist, wohl 
iiberzeugten wir uns durch eigenen Augenschein davon, daB sie in 
mannlicher Tracht einen natiirlicheren Eindruck machte, sich freier 
und ungezwungener bewegte als in weiblicher, doch blieben in Anbe- 
tracht der Tragweite und des fiir ihr ganzes spateres berufliches und 
privates Leben entscheidenden Bedeutung ihres Schrittes gewisse Be- 
denken dagegen langere Zeit bei uns bestehen. Wir haben daher 
die Beobachtung moglichst lange ausgedehnt und hat ten wahrend 
derselben nach und nach immer mehr Gelegenheit, die B. B. in den 
Grundziigen ihrer Personlichkeit kennen zu lemen. Je mehr sich 
uns dabei das eigentliche Wesen ihrer Individualitat erschloB, desto 
deutlicher lernten wir deren iiberwiegend mannliche Komponente er- 
fassen und verstehen. 

Das Ernste und Bestimmte im ganzen Auftreten der B. verleug- 
nete sich wahrend der ganzen Beobachtungszeit nicht, obwohl eine 
etwas schiichterne und bescheidene Zuriickhaltung den Eindruck dieser 
Wesensziige im Anfange abschwachte. 

Niemals haben wir bei B. B.- eine Spur von weiblicher Ziererei 
Oder Zimperlichkeit feststellen konnen. Je ungezwungener und freier 
sie in ihrem Verhalten uns gegeniiber wurde, desto mehr machte sie 
den Eindruck einer ausgesprochen mannlichen Personlichkeit. Mehr 
und mehr iiberzeugten wir uns davon, daB die anfangliche Scheu und 
Zuriickhaltung und ihr gezwungenes Wesen zum groBten Teil wohl 
das Produkt der ihrer Individualitat ganzlich freoiden RoUe waren, 
die sie in Frauentracht zu spielen gezwungen ist. 

So lernten wir verstehen, daB der Wunsch, diese Rolle von sich 
zu werfen ihr Lebensbediirfnis ist, das ihrer bestimmten Versicherung 
nach wichtiger fiir ihre Existenz ist als Liebe und Freundschaft, ohne 
desseu Erfiillung ihr Dasein fiir sie zwecklos und wertlos sein wiirde. 

Gutachten. Nach den vorausgehenden Schilderungen, aus 
denen hervorgeht, wie unsere Auffassung iiber B. B. sich gebildet 
hat, konnen wir uns in unserer gutachtlichen Beurteilung des Falles 
kurz fassen. 

Wir haben es hier mit einem jener noch nicht lange wissenschaft- 
lich erkannten und bekannten, aber doch durchaus nicht seltenen 



Digitized by VjOOQIC 



174 

Falle vzn tun, in denen den Kern der sexuellen Individualitat das Be- 
diirfnis bildet, in Kleidung, Lebensweise und Tatigkeit nach der Art 
des anderen Geschlechts zu leben, Falle, bei denen naturgemaB die 
Anderung der Tracht als die Vorbedingung, dem Drange der inneren 
Notwendigkeit folgen zu konnen, im Vordergrunde des gesamten per- 
sonlichen Strebens und Wiinschens steht. Da alle iibrigen Wiiiische, 
sogar die starken Impulse des eigentlichen Sexualtriebes, hinter diesem 
Bediirfnis zuriicktreten oder doch sich ihm unterordnen, haben wir 
voile Berechtigung, derartige Personen, die sogenannten „Transvesti- 
ten** als einen besonderen, wissenschaftlich wohl umschriebenen Sexual- 
typus zu bezeichnen. 

In der Tat ist fiir derartig veranlagte Menschen die Moglich- 
keit, ibren auCeren Menschen durch entsprechende Kleidung dem per- 
sonlichen Fiihlen geraaB gestalten zu konnen, eine Lebensfrage. 

Audi Bertha B. gehort, wie aus unseren Schilderungen wohl zur 
(ieniige hervorgeht, zu dieser Kategorie. 

Unser Gutachten geht demnach dahin: Es 
handelt sich bei Bertha B. um eine Personlich- 
keit, bei der die mannliclie Sexualkomponente 
entschieden iiberwiegt. Es ist daher unserer 
Oberzeugung nach eine Notwendigkeit, daB 
ihr die Genehmigung erteilt wird, sich dem- 
entsprechend kleiden zu diirfcn. 

k. Sinnesorgane und Nervensystem. 

Lassen die vielfaltigen zentrifugalen AuBerungen innerer 
Antriebe, welche wir empirisch untersuchten, auf eine Besonder- 
heit der homosexuellen Psyche schlieGen, so wird diese SchluB- 
folgerung noch wesentlich untersttitzt durch die Art und Weise, 
mit der das Zentralnervensystem lust- oder unlustbetont auf 
die zentripetalen Reize reagiert, welche die peripheren Sinnes- 
organe von auBen treffen. Vor allem kommt hier natiirlich ihr 
Verhalten gegentiber erotisch wirksamen Eindrticken in Be- 
tracht. Das haben wir bereits eingehend in den beiden Ab- 
schnitten untersucht, in denen wir betrachteten, wie der homo- 
sexuelle Mann und das homosexuelle Weib auf Personen des 
eigenen und des anderen Geschlechts reagieren. Es gibt aber 
auch von Gefiihlstonen begleitcte Reizungen peripherer Nerven- 
enden, denen ein sexueller Charakter nicht innewohnt. Die 
Grenze zwischen diesen zwei Reizbarkcitsgruppen ist nicht 
immer ganz leicht zu zichen, und sichcrlich laufen zwischen 
beiden unterbewuBte Ideonassoziationen in groBerem Umfange, 
als wir heute bereits wissen. Es muB aber schon ein sehr 
enragierter Pansexualist sein, der alle angenehmen Empfin- 
dungen sexuell deutend, auch den Anblick der Niagarafalle, das 
Anhoren einer Beethovenschen Symphonic, den Geschmack einer 
StraBburger Ganseleberpastete, als Gcschlechtsgentisse auffaBt. 
Ftir den Gegenstand, der uns hier beschaftigen soil, ob und 
inwieweit die sensorische Reizbarkeit Homoscxueller auch auBer- 



Digitized by VjOOQIC 



176 

kalb der SeiualspKare Besonderheiten darbietet, ist diese Streit- 
frage zunachst auch von sehr untergeordneter Bedeutung. Dafl 
aber auch hier wieder, und zwar sowohl hinsichtlich der Quan- 
titat als der Qualitat nervoser Erregbarkeit bei gleichgeschlecht- 
lich Empfindenden, Annaherungen an den alterosexuellen Typus 
vorhanden sind, ist unverkennbar. 

Zunachst etwas liber die geftihlsbetonte A f f e k t erregbar- 
keit im allgemeinen. UnterlOOUrningen betonen nichtweniger als 
99ihr „weiches G e m ti t". Die Bezeichnungen der Homosexuellen 
durch die Alten als juaXaxog und mollis erscheinen also nicht 
nur in korperlicher, sondern auch in psychischer Richtung 
gerechtf ertigt. 20o/o nennen ihre Gemutsart sogar sehr, ungemein 
Oder auiJerordentlich weich. 26o/o betonen ihre Neigung ;zum 
Weinen. Doch besteht zweifellos bei vielen auch eine starke 
Empfanglichkeit flir Freude. Es will mir sogar scheinen, als 
ob das Grundtemperament der meisten Homosexuellen ein kind- 
lich heiteres, oft naives ist, das ihnen allmahlich erst durch das 
Leben verkiimmert und vernichtet wird. 

Bei 7 o/o kann sich der Affekt zu konvulsiven Anfallen, Lach- und 
Weinkrampfen. steigern, und einige zeigen sogar die seltsame Paradoxie, 
dafi der Gefiihlsausdruck mit dem Getuhlseindruck in Widerspnich 
steht, 80 daB sie bei Freude weinen, und bei traurigen Anlassen lachen 
miissen. Vor einigen Jahren suchte mich einmal ein Homosexueller auf, 
der sehr darunter litt, dafi er bei Kondolationen Lachkrampfe bekam ; 
er hatte sich bei der Beerdigung seines Freundes nicht anders zu 
helfeu gewuBt, daB er im Trauerhause den Angehorigen um den Hals 
gefallen sei, um sein Gesicht nicht sehen zu lassen. Wahrend diese 
glaubten, er schluchze krampfhaft, hatte er sich vor Lachen geschiittelt ; 
dabei sei sein Kummer ein groBer und aufrichtiger gewesen. Im 
allgemeinen entspricht aber die Entspannung der Art des Affekts, nur 
die Intensitat ist eine besonders heftige. In der Trauer Hadrians, 
der im iibrigen von seinen Biographen recht mannlich geschildert 
wird, um seinen Liebling A n t i n o u s , heben die Alten das weibliche 
Element hervor. So sagt Spartianus (Leben Hadrians Kap. 14): 
„Antinoum suum, dum per Nilum navigat, perdidit. Quem muliebriter 
flevit." 

Ulrichs^i) selbst erzahlt von sich: „Ich hoffe nicht mein 
Heiligtum vor die Hunde zu werfen, wenn ich mitteile, daB ich, 
31 Jahre alt, bei der Nachricht vom Tode meiner Mutter langer als eine 
Stunde bitter geweint habe. Etvva fiinf Jahre spater babe ich ein- 
mal am Allerseelentage spat abends vor einem Kirchhofe, in weiter 
Feme von ihrem Grab, noch in der Erinnerung an sie recht lange ge- 
weint. Hore, sehe oder lese ich eine edle Tat oder einen Zug ruhrender 
Liebe, sei es Geschlechtsliebe, dionische wie urnische, oder sei es 
Mutterliebe, so treten mir sogleich die Tranen in die Augen. Ich 
habe oft Liebesgedichte gemacht. Wohl die H a 1 f t e ihrer Manuskripte 
ist mit meinen Tranen benetzt." 

Unter den lustbetont empfundenen Sinneseindriicken steht obenan 
die Musik. Von 100 Homosexuellen verhielt sich nur einer der Musik 
gegeniiber ablehnend, zwei bezeichneten sich als wenig interessiert, 
•alle iibrigen, also 98 o/o, stehen in engem Verhaltnis zur Musik, fiir 

21) U 1 r i c h s , Formatrix, pag. 37. 

Digitized by VjOOQIC 



176 

mehrere ist Musik „eiii Lebensbedurfnis", auf andere wirkt sie „Tiber- 
waltigend**. Sehr viele begeistern sich fiir Wagner. Doch sind aucb 
Antiwagnerianer dabei. In 80/0 besteht Hinneigung zu leichter Musik, 
die meisten anderen bevorzugen „klassi3che", „ernste", „gute" Musik 
(35 0/0). 

Unter den Urninden gibt es relativ viel mehr unmusikalische als 
unter den Urningen. 

Das Auge wird hinsichtlich lust- und unlustbetonter Reize un- 
gemein stark von erotischen Eindriicken beherrscht. Abgeseben hier- 
von werden die meisten anderen indifferent empfunden. Was angenehnj 
ohne erotische Unterstromung wabrgenommen wird, wie etwa eina ecbone 
Landscbaft, tragt im Wesentlicben kein gescblecbtliches Vorzeichen; 
aucli verdient bei bomosexuellen Mannern der bereits oben kurz erwahnte 
groDe Farbensinn bervorgeboben zu werden. Dies gilt besonders wieder 
fiir die feminineren. Bei den virileren findet man haufig eine Vor- 
liebe fiir eine bestimmte Farbe. Im Altertum wurde als solche griin 
bezeichnet. Merkwiirdig ist, daB in unseren statistiscben Unterlagen 
die der griinen nabestebende blaue Farbe — blau selbst war im Alter- 
timi nocb unbekannt — eine sehr bevorzugte Rolle spielt. Blau wird 
viermal so oft als jede andere fiir die Lieblingsfarbe erklart. In einem 
anderen Untersuchungsmaterial wurde von 100 Homosexuellen 21mal 
blau, violett, lila una blaugriin als bevorzugte Farbe angegeben, rot 
4mal, griin 3mal, schwarz 2mal, andere Farben, wie gelb, rosa, nur 
einmal. Aucb unter den homosexuellen Frauen scheint blau am be- 
liebtesten zu sein, an zweiter Stelle stehen schwarz und grau. 

Hinsichtlich des Geschmackes findet man bei Homosexuellen 
vielfach eine lange iiber ihre Kindheit hinaus andauernde Neigung zu 
silBen Speisen und Naschereien, wahrend homosexuelle Frauen oft eine 
Vorliebe fiir stark gewiirzte, „pikante", saure, salzige, ja selbst bittere 
Speisen zeigen. Sehr bemerkenswert ist das VerhaJten urnischer 
Manner und Frauen gegeniiber Tabak und Alkohol. Mindestens ^/^ 
aller weiblichen Homosexuellen rauchen, teilweise sehr stark, die 
meisten Zigaretten, nicht wenige aucb Zigarren. Eine rheinlandische 
Urninde schreibt: „Rauche seit meinem 8. Jahre, die letzten Jahre 
besonders stark. Kann Zigaretten, Zigarren, Pfeife, alles vertragen." 
Viele trinken ungewohnlich viel alkoholische Getranke, namentlich 
Bier, aucb Kognak und Branntwein, einige bis zur Berauschung. So 
schreibt Kr af f t- E bi ng2«) iiber die Vay: „S. war oft berauschti" 
Wie ganz anders verhalten sich in dieser Hinsicht die Urninge. 38 0/0 
sind Nichtraucher, 54 0/0 maBige, und nur 8 0/0 starke Rancher. Unter 
den letzteren gibt es allerdings einige, die 30 und mehr Zigaretten im 
Tag rauchen. Alkoholabstinent sind 18 0/0, maBig oder sehr maBig 
triuken 81 0/0, nur 1 0/0 sind starke Trinker. Nicht weniger wie 46 0/0 
sind alkoholintolerant, konnen nur ganz wenig oder kemen Alkohol 
vertragen. Einige darunter leiden an pathologischen Rauschzustanden, 
ferner sind auch periodische Trinker mit typisch dipsomanischen 
Anfallen nicht ganz selten unter Homosexuellen anzutrerfen. 

Was den Geruch betrifft, so findet sich bei vielen Homosexuellen 
eine ungemein starke Vorliebe sich zu parfiimieren. Schon die Alten, 
wie Catull, Menander und E u p o 1 i s 23) erwahnen ihren reich- 
licheii Verbrauch von wohlriechenden Salben und Olen, an deren Stelle 
in unseren Zeiten atherische Pflanzenextrakte und Stoffe wie Moschus 
und Patschouli getreten sind. Friiher bedienten sich viele auch eines 
Riechflaschchens. Ganz im Gegensatz zu vielen Urningen und Frauen 
zeigen die weiblichen Kontrarsexuellen meist eine starke Abneigung 

22) Krafft-Ebing, Psych, sex. pag. 

") Catull, 56. 142. „unguentati". Eupolis fragm. 163. 6^ x^^Q^^^^ 
fih ^sfi' ^Menander fragm. 274. i^Sv fWQov. cfr. B 1 o c h , Dieses Hand- 
buch I, p. 414. 



Digitized by VjOOQIC 



177 

gegen Parftais, dagegen oft eine seltsame Vorliebe fiir gemeiniglichhin 
nicht als wohlriechend geltende Substanzen. So schreibt eine Urninde: 
„rarfum ist mir zuwider; aber ich liebe den Geruch von gebranntem 
Kaffee und frischer Wasche; auch Majoran und Lysol." 

Beziiglich der Hautnerven ist neben dem bereits oben (bei der 
Haut) Erwahnten die groBe Schmerzempfindlichkeit der Urninge zu 
bemerken. tJber 75 o/o heben ihre groBe Empfindsamkeit korperlichen 
Schmerzen gegeniiber hervor, die sich bei einigen bis zu Ohnmachts- 
anfallen steigert. Andere heben als charaktenstisch hervor: „groBen 
Schmerz bei kleinem Leiden, kleinen Schmerz bei groBem Leiden. Wie 
ganz anders lauten die Berichte von Urninden, unter denen viele nichta 
weniger als wehleidig sind. Als einmal in Havre ein Attentater auf 
Louise Michel zwei Revolverschiisse abgab, von denen einer sie 
nicht unerheblich hinter dem Ohre verletzte, gibt Rochefort iiber 
ihr Verhalten bei der arztlichen Untersuchung folgende Schilderung: 
„Meine tapfere Freundin lieB voll Heroismus eine erste Operation 
uber sich ergehen. Sie legte sich hin, ohne einen Klagelaut, den 
Kopf auf ein Tuch gestiitzt, wahrend die sogleich herbeigerufenen 
Arzte die Wunden sondierten und durchsuchten. Obgleich man das 
Kratzen des Stahles an dem Knochen horte, stieB Louise nicht einen 
Schrei aus und erzahlte ruhig weiter von ihrer Cousine, die sie in 
Paris en^'artete, und von ihren Tieren . . . ." Allerdings iiberwinden 
auch Urninge oft ihre Schmerzen, aber weniger kraft natiirlicher Harte, 
als durch die Kraft der Liebe. So erzahlt Plat on, daB von den 
Hellenen, die in antiken Schlachten an der Seite ihrer Lieblinge 
kampften, keiner, trotz groBter Gefahr, den Freund verlassen haben 
wiirde. 

Im librigen weist sowohl das Nervensystem der Urninge als 
der Urninden zwei charakteristische Merkmale auf, eine eben- 
so erhebliche Elastizitat als Labilitat. Dire Elastizitat be- 
wirkt die oft erstaunliche Fahigkeit, mit der sie ^ich nach 
heftigsten seelischen Erschtitterungen, wie sie ihr Leben ihnen 
in hohem Grade bietet, oft verhaltnismaBig rasch wieder auf- 
zurichten vermogen. Die nervose Labilitat bringt sie dagegen 
vielfach leicht aus dem Gleichgewicht und laJJt sie schlieBlich 
meist ausgesprochene Neurastheniker werden. Dabei ist aller- 
dings schwer zu entscheiden, was eine Folge der durch die 
Homosexuality t exogen verursachten Aufregungen, und was auf 
Rechnunff einer von Hause aus nervosen Konstitution zu setzen 
ist. TJnter 500 Urningen erwiesen sich nicht weniger als 
336 = 67,20/0 mit erheblichen Storungen des Nervensystems be- 
haftet, und sicherlich gab es unter denen, die sich frei von 
nervosen Storungen erklarten, auch noch manche, deren Nerven- 
8(ystem sich bei naherer Nachpriifung auch nicht als gan2 
vollwertig herausstellen wtirde. Unter den 336 litten beisplels- 
weisc 75 an starker Schlaflosigkeit, auBerdem 5 an Schlaflosig- 
keit nur bei Enthaltsamkeit, 4 an Schlafsucht, 15 an Migrane, 
9 an Kopfdruck, 24 an Schwindelgefiihlen, 22 an Zittern, 43 
an hochgradiger Mattigkeit, 3 an Ohnmachtsanfallen, 4 an 
Stottern, 7 an „Herzkramj)fen**, Prakordialangst, mehrere an 

Hirschfeld. Homosexualitlt. J2 



Digitized by V:iOOQIC 



178 

nervosem Erschrecken, andere an Zwangsvorstellungen und 
sonstigen nervosen Beschwerden. Wir werden in den Kapiteln, 
in denen wir die Ursache, sowie in dem, in welchem wir (uber 
die Folgen der Homosexualitat handeln, nochmals auf diese 
nervosen Zustande zurtickzukommen haben, ferner auch dort, 
wo wir tiber die forensische Beurteilung der Homosexualitat 
sprechen, da es ein grolJer XJnterschied fiir die Frage der 
Beherrschbarkeit des Geschlechtstriebes ist, ob sich das Nerven- 
system in stabilem oder labilem Gleichgewicht befindet. 



Digitized by VjOOQIC 



SIEBENTES KAPITEL. 

Differentiaidiagnose zwischen Freundschaft und gleich- 
geschlechtlicher Liebe. 

Trotzdem die Symptomentrias der Homosexualitat — das 
unwillkurliche Angezogenwerden durch Personen des gleichen 
Geschlechts, das negative Verhalten gegeniiber dem anderen 
Geschlechte und drittens die alterosexuellen Einschlage — 
einen umgrenzten Erscheinungskomplex darstellt, ist die Dia- 
gnose der Homosexualitat in vielen Fallen doch wesentlich 
schwieriger, als es nach diesem einheitlichen Bilde den An- 
schein hat. Das hat verschiedene Grtinde. Was zunachsf die 
Inklination zum eigenen Geschlecht betrifft, so ist hier die oft 
erhebliche Schwierigkeit zu beriicksichtigen, zwischen erotischer 
und nicht erotischer Anziehung, zwischen Liebe und Freund- 
schaft (ramaur, Tamiti^ und I'amitie amoureuse) die Grenze 
zu Ziehen, ein namentlich bei jugendlichen Personen oft sehr 
diffiziler Unterschied. Ferner wird die Erkenntnis durch den 
Umstand erschwert, daB die ftir deA Geschlechtsakt erforder- 
lichen Vorbedingungen und Veranderungen nicht immer auf see- 
lischen Zustanden beruhen, sondern bei manchen auch reflek- 
torisch durch periphere Reizungen hervorgerufen werden konnen, 
mi thin also die Moglichkeit des Geschlechtsaktes jbeim 
Mannc und Weibe kein absoluter Beweis iHrer triebhaften 
Sexualempfindung ist. 

Hinsichtlich der Abneigung gegen das findere Geschlecht 
ist zu beachten, daB eine solche auch ohne Zuneigung zum 
eigenen vorkommen kann. Beispielsweise ist dies bei den 
Asexuellen und Monosexuellen der Fall, jenen selt- 
samen, bisher wissenschaftlich noch nicht ausreichend studierten 
Mannern und Frauen, die liberhaupt keine sexuellen Regungen 
Oder nur — wie uns besonders Rohleder an einigen Kranken- 
g^schichten klargelegt hat — „automonosexuelle** d. h. auf 
sich selbst gerichtete aufweisen. Aber selbst Manner, die sich 

12' 



Digitized by V:iOOQIC 



180. 

erotisch durch das Weib gefesselt fiihlen, konnen trotzdem, ja 

manchmal vielleicht sogar deshalb, ausgesprochene Weiber- 

feinde sein. 

F r e u d s psychologische Forschungen haben gezeigt, wie oft sich 
unter der Ablehnung eines Geschlechts verdrangte Anlehnung, unter 
Abneigung unterdruckte Zuneigung verbirgt. Aus der scharfen Frauen- 
verachtung eines Tilly, Schopenhauer, Strindberg, Wei- 
n i n g e r , als Revers sexuelles Gefiihl f iir den ^Mann zu f olgern, ist 
keineswegs angangig, ebensowenig wie es zulassig ist, Homosexualitat 
lediglich aus dem sehr verstiegenen MannerhaiJ mancher Frauenrecht- 
lerinnen anzunehmen. Ungleich haufiger als eine Sexualablehnung 
b e i d e r Geschlechter ist eine auf beide, wenn auch in verschiedener 
Starke gerichtete Zuneigung. Wir gelangen damit zu der wichtigen, 
jedoch oft ebenfalls nicht leicht zu ziehenden Differentialdiagnose 
zwischen Homosexualitat und Bisexualitat. 

Nicht minder groBe differentialdiagnostisehe Schwierigkeiten 
kcDnen uns die alterosexuellen Einschlage bereiten. DaB sie fiir 
viele Falle von Homosexualitat ungemein typisch sind, kann 
fiir einen Sachkenner auch nicht dem geringsten Zweifel unter- 
liegen. Aber sie sind oft nur in geringem MaBe, in seltenen 
Fallen vielleicht uberhaupt nicht oder wenigstens nicht nach- 
weisbar vorhanden und konnen andererseits auch bei anderen 
Formen der Geschlechtslibergange vorkommen, so die psychischen 
Einschlage namentlich bei den Transvestiten, die korperlichen 
bei den Androgynen und Hermaphroditen, und zwar — und das 
ist das wesentliche — vergesellschaf tet mit heterosexuellem 
Empfinden. Von Bedeutung ist auch, daB alle andersgeschlecht- 
lichen Einschlage ebenso wie die Homosexualitat Pseudoformen 
bs?sitzen, so kann die tiefe Stimme eines Weibes durch chro- 
nischen Kehlkopfkatarrh bedingt sein, die anscheinende Weib- 
briistigkeit eines Mannes auf Fettsucht beruhen, die Geschlechts- 
verkleidung keine triebhafte, sondern eine zu bestimmten 
Zwecken vorgenommene Handlung sein. 

Beriicksichtigen wir alle diese Moglichkeiten, bei deren Auf- 
zahlung wir Raritaten, wie etwa homosexuelle Wahnideen auf parano- 
iscber, hysterischer oder alkoholischer Grundlage absichtlich bei Seite 
lassen, so wird man verstehen, wenn wir hier nicht der Ansicht von 
Priitorius beipflichten konnen, der in einer seiner ausgezeich- 
neten Besprechungen einmal meinte, daB die Diagnose der Homo- 
sexualitat eine leichtc sei. DaC sie dies in einer groBen Anzahl der 
Fiille tatsiichlich nicht ist, zeigt, daB es wohl kaum eine Frage 
gibt, die unter homosexuellen Manuern und Frauen so oft erortert 
wird, als die, ob jemand, den sie kennen gelernt haben, „auch so 
sei", ob er wohl „echt" sei, oder nur mitmache, wissenschaftlich 
ausgedriickt, ob er homosexuell, heterosexuell oder bisexuell empfinde. 
Auch daB viele Personen erst sehr spat zur Erkenntnis ihrer Homo- 
sexualitat gelangen, ja sogar Arzte aufsuchen, um iiber sich ins Klare 
z\i kommeu, zeigt die Schwierigkeit der Diagnose, und auch der Um- 
stand, daB hinsichtlich historischer Personen die Ansichten sich oft 
schroff gegeniiberstehen ; so wird Michel An g e 1 o s Homosexualitat 
von T h o d e und Walt Whitmans von Joh. S c h 1 a f ebenso 



Digitized by VjOOQIC 



181 

heftig bestritten, wie sie von Pratorius und B e r t z behauptet und 
unseres Erachtens auch bewiesen wurde. 

Sprechen bei solchen „Ehrenrettungen" vielfach falsche Vorstel- 
lungen vom Wesen der Horn osexuali tat mit, so laBt sich andererseits 
nicht leugnen, daB von inanchen doch auch beziiglich der Bezeichnung 
benihmter und nicht beriihmter Personlichkeiten als homosexuell recht 
unkritisch zu Wege gegangen wird. So werden in den von K a r s c h 
mit so immensem FleiBe zusammengestellten Berichten iiber Paderastie 
und Tribadie bei den Naturvolkern Homosexuelle, Bisexuelle, Herm- 
aphroditen und Transvestiten b);uit durcheinander gewiirfelt, so wird 
von manchen jeder „Damenimitator" einfach als homosexuell ange- 
sehen, oder in jedem iiberschwanglichen Gedichte oder Briefe an eine 
Person desselben Geschlechts ohne Priifung sonstiger Zeichen ein 
ausreichendes Beweisstiick homosexuellen Empfindens erblickt. Das 
ermangelt der Exaktheit, die auf diesem Gebiete zu erreichen aller- 
dings Sache sorgsamen Studiums und langer Ubung ist. Wenn jemand 
Richard Wagner fiir homosexuell erklart, weil er in seiner Ge- 
schmacksrichtung, beispielsweise in bezug auf die Kleidung, gewisse 
weibliche Ziige erkennen lafit, und die fiir sein Werk so bedeutungs- 
voUe, begeisterte Zuneigung Konig Ludwigs erwidert, indem er schreibt: 
.jTaglich schickt er ein- oder zweimal. Ich flioge dann immer wie 
z u r G e 1 i e b t e n ", so schiirft diescr Diagnostiker ebenso an der 
Oberflache, als wenn er die Mutter von Cosima Wagner, die 
Graf in Marie d*A g o u 1 1 fiir kontrarsexuell ansehen wollte, weil 
von ihr, die eine hervorragende „histoire de la revolution de" 1848" 
schrieb, ein beriihmter Kritikor, Heinrich von Breitinger, 
sagte: „Selten ist wohl von einem Parteimanne, mitten im Sturme des 
Kampfes, so viel Mannlichkeit, Ruhe und Klarheit in der Priifung der 
Tagesgeschichte bekundet wordon. Die edle Einfachheit der festen 
groBen und reinen Ziige der Form erinnern an die aristokratische 
Haltung unseres groBen Historiographen R a n k e i)." 

Es gibt eben auBer der Homosexualitat und Bisexualitat 
noch viele andere NUancen und Varianten zwischen dem voll- 
mannlichen und vollweiblichen Typus, ohne deren genaue 
Kenntnis eine gewissenhafte Diagnosenstellung auf diesem Ge- 
biete nicht moglich ist. 

Betrachten wir zunachst den Unterschied zwischen dem 
Geschlechtstrieb einerseits und ungeschlechtlicher Sympathie 
andrerseits, so ist die Abgrenzung zwischen beiden Empfindungs- 
komplexen in der Tat oft eine so schwierige, dafi manche Au- 
toren einen prinzipiellen Gegensatz zwischen Lieb»^ und Freund- 
schaf t nahezu negieren. Zu ihnen gehorte beispielsweise Bene- 
dict Friedlander, der in seiner Renaissance 2) fiir homo- 
sexuelle Geschlechtsneigung die Bezeichnung ,,physiologische 
r'reundschaft** einzuftihren sich bemlihte ; zu ihnen rechnen in 



1) Marie Grafin d'A g o u 1 1 , geb. F 1 a v i g n y. Eine Lebens- 
skizze von C. Fr. Glasenapp. Zu ,,Wegweiser fiir Besucher der 
Bayreuther Festspiele 1912". Bayreuth, pa<?. 90. 

2) Benedict Friedlander. Die Renaissance des Eros Ura- 
nios. Die physiologische Freundschaft ein normaler Grundtrieb des 
Menschen imd eine Frage der mannlichen Gesellungsfreiheit in natur- 
wissenschaftlicher, naturrechtlicher, kulturscos'^hichtlicher und sitten* 
kritischer Beleuchtung. 1904. Schmargendorf-Berlin. 



Digitized by VjOOQIC 



182 

gewissem Sinne auch Freud und seine Schliler, die unter dem 
Begriff erotischer Liebe eine viel umfassendere Form der Zu- 
neigung verstehen, als wir im Interesse praziser Forschungs- 
grundlagen ftir notwendig halten^). Zu ihnen zahlt auch Ale- 
xander von Gleichen-RuBwurm, der in dem sehr 
lesenswerten Werk: „*Preundsehaft, eine psychologische For- 
eohungsreise***) seinen anfechtbaren Standpunkt in Satzen wie: 
„Freundschaft ohne Liebe ist nur Bekanntschaft*' (p. 292) verrat. 

Fiir den Homosexuellen selbst ist die Trennung zwischen Liebe 
und Freundschaft um so schwerer, je . mehr der ihn sexuell an- 
ziehendo Typua ein solcher ist, der ihm auch gesellschaftlich, beruf- 
lich und im Alter nahesteht. Ein homosexueller Universitatsprofessor, 
der fiir ArbeitsBurschen inkliniert, wird die Begriffe Freundschaft und 
Liebe leichter auseinanderhalten, als ein Offizier, der Offiziere liebt, 
selbst wenn er den militarischen Stand erwahlte, um dem ihn, wenn 
auch vielleicht nur unbewuBt, reizendsten Milieu anzugehoren. Auf 
Grund seiner subjektiven Empfindungen schreibt ein 28jahriger Theo- 
loge, der „geistig oder sozial mindestens auf gleicher Stufe stehende 
Personen, die aber einige Jahre alter sein miissen", liebt : „Freund- 
schaft und Liebe sind fiir uns Homosexuelle nicht leicht zu unter- 
scheiden." 

Als Hauptunterschied zwischen Freundschaft und Liebe 

ist das korperliche Moment anzusehen. Die k o r p e r - 

liche Erscheinung des anderen ist es, die den Liebienden 

anzieht, fesselt, korperlich erregt und schlieBlich dazu treibt, 

sich an dem andern korperlich zu entspannen. 

V\'elcher Unterschied zwischen dem kurzen fliichtigen Handedruck 
sich begrilBender Freunde und dem langen, innigen zweier Menschen, 
die sich lieben, bei welchen von der Beriihrungsstelle aus ein Strom 
wohltuender Erschiitterung durch die Reihen der Neurone zum Zentral- 
organ zieht. Wie verschieden der oberflachliche KuB zwischen Ver- 
wandten von jenem Kontakt der Lippen, bei dem die Summation der 
Nervenreize zu einer weit im Korper irradierenden Hyperamisierung 
fiilirt. Ein Urning schreibt: „Der KuB auf die Lippen eines Weibes 
war mir wie eine Suppe ohne Salz, wahrend ich den Mann in- 
briinstig kiisse und am Kiissen nicht satt werden kann." Gerade diese 
oft schwer zu definierende, stets aber doch deutlich wahrzunehmende 
Art der Empfindung wahrend der Beriihrung ist dafiir entscheidend, 
ob eine Beziehung erotischer oder unerotischer Natur ist. Ist sie 
erotiscb, so konnen schon ganz leichte Beriihrungen, etwa der FuB- 
und Fingerspitzen, der Knie oder Ellbogen, das eigenartige Lustgefiihl 
wachrufen, das bei sexuell abstoBenden Personen unangenehm, bei 
neutralen als neutral, d. h. belanglos, iiberhaupt nicht ins BewuBtsein 
dringt. Die erotische Anziehung unterscheidet sich von der Freund- 
schaft ferner durch ihr plotzliches Auftreten. Bei der Liebe ist die 
leibliche Gegenwart des Objekts das Begliickendste, die korperliche 
Trennung das Schwerste. Bei langerer Abwesenheit der geliebten 
Person fiiblt der Mensch eine Verlassenheit, eine Depression, wie sie 
die ruliigc Freundschaft nicht kennt. In ihr herrscht nicht das Ge- 
fiihl, sondern der Gedanke ; die Basis der Freundschaft ist Sympathie 
der Charaktere, gegenseitige Achtung und Ehrung, sie ruht in ahn- 

») Cf. dariiber „Naturgesetze der Liebe", pag. 21 ff. 
*) Stuttgart, 1911. 



Digitized by VjOOQIC 



183 

lichen Anschaunn><en, in gleichen ideellen und praktischen Bestre- 
bungen. in gemeinsamen Interessen, im Mitteilungstrieb, in dem durch 
Furcht vor dem AUeinsein verstarkten Geselligkeitsbediirfnis. Daher 
ist die Freundschaft eine Verstarkung, die Liebe eine Erganzung der 
eigenen Personlichkeit. 

Zur Charakterisiening des Wesens beider Affekte fiige ich hier 
noch eine Gegeniiberstellung hinzu, die sich in der Zuschrift eines 
Homosexuellen befindet, welcher sowohl iiber die Freundschaft, als iiber 
die Liebe in einem reichen Leben viel Erfahrungen gesammelt hat: 
„Freundschaft", fiihrt er aus, „ist die inni^e, aber leidenschaftslose Zu- 
neigung zu einem Menschen, das Bediirfnis, iiber alles, was mich be- 
wegt, mit ihm Gedanken auszutauschen, ihm nahe zu sein in Stunden 
der Freude und Trauer, ihn zu trosten und zu starken, das Verlangen, 
mich selbst im Verzagtsein an ihm aufzurichten, mit ihm meine Freude 
zu teilen. ,Liebe*, das heiiJe Sehnen nach einem Menschen und seinora 
Wesen zu alien Stunden, alien Zeiten, das unendliche Schonheitsgefiihl, 
mit dem seine Gegenwart, mit dem das Bewufitsein allein schon, daB 
ein solcher lebt, mein Dasein erfiillt, das Aufgehen meiner Person in 
seine und die daraus sich ergebende Geburt von etwas Anderem, 
Besserem, Hoherem in mir, die Ahnung des Gottlichen im Menschen. 
Efl gibt fiir mich viele Freunde, ohne daB ich fiir sie dieses Gefiihl der 
Liebe empfande, es gibt aber keinen geliebten Menschen, der nicht 
meine innigste treue Freundschaft besaBe." Mit Recht deutet hier 
der Schreiber an, daB Liebe und Freundschaft sich in der Beziehung 
eines Menschen zu einem anderen nicht ausschlieCen, daB sie in ver- 
schiedener Intensitat nebeneinander vorkommen konnen. Wenn das 
Feuer der Liebe erloschen, glimmt oft noch die Freundschaft lango 
erwarmend waiter. So kann zu einer leichten erotischen Anziehung, 
die nicht zu sexuellen Akten fiihrt, eine sehr cntwickelte Freundschaft 
und auch zu heftiger Liebesleidenschaft kameradschaftliche Schatzung 
trcten. 

Noch einige weitere Angaben, herausgenommen aus hunderten 
ahnlicher, mogen das Gesagte belegen und erganzen. Die erste riihrt 
von einem Urning, die folgenden stammen von Urninden: „Ich habe 
mich gewohnt", schreibt ein homosexueller Philologe, „fiir das Wort 
Freundschaft der alltaglichen Sprache das Wort Kauieradschaftlichkeit 
zu setzen. Ein solches kameradschaftliches Verhaltnis, in dem auBcres 
Aussehen, sofern es nicht meinem asthetischen Gefiihl widerspricht, 
keine Rolle spielt und erotische Momente irgendwelcher Art wegfallen, 
ist moglich bei gegenseitiger personlicher Wertscliiitzung, und der Ge- 
meinschaft einzelner geistiger Interessen, wahrend bei der Liebe 
zwischen Freunden jeder Laut des Ich in dem Du wicderklingen. wird. 
Kameraden mogen sich verloben und verheiraten, beim Freunde wiiide 
mir Umgang mit dem Weibe der groBte Schmerz sein. Ich besitze 
kajneradschaftliche Verhaltnisse in der gekennzeichnctcn Art zu aus- 
gezeichneten, begabten Menschen, doch konnon sic mir niemals die 
begehrte Liebe zu dem ersehnten Freunde ersetzen. Liebe kann nur 
jener erwecken, dessen Korperformen meine Sinne aiuegen, wenn icli 
auch seinen Charakter verachten miiBte." 

Eine homosexuelle Frau schreibt: „Ich habe schon wunder])are 
Freundschaftsverhaltnisse mit Mannern gehabt, ich fande ein Fround- 
schaftsverhaltnis mit einem Menschen meiner Art auch sehr ideal, 
hauptsachlich darum, weil man dann ganz verstanden wiirde. Freund- 
schaft ist ein gutes, treues Zusammenhalten in Freud und Leid, ein 
riickhaltloser Austausch aller Erlebnisse. Man kann mit einer geliebten 
Person nicht immer iiber alles so offen sprechen wie mit einem 
Freunde, aus vielerlei Griinden. Das Hochste, Siisseste fallt aber in 
der Freundschaft fort. Ich konnte eventuell einen Freund fiir eine Ge- 
liebte opfern, niemals aber eine Geliebte fiir einen Freund." Und eine 
andere: „Freuadschaft empfinde icl^ mannlichen Pcrsonen gegeniiber. 



Digitized by VjOOQIC 



184 

Sie beruht auf Sympathie und gleichen Interessen fiir Sport und 
Spiel (z. B. Rudern, Roll- und Schlittschuhlaufen, Billard- und Karten- 
spiel usw.) Ein aolches Freundschaftsverhaltnis besteht seit einem 
Jahre. Beim Schlittschuhlaufen gehe ich als Junge verkleidet und wir 
flirten gemeinsam mit Madchen. Zwischen meinem Freunde und mir 
werden n i c h t die geringsten Zartlichkeiten ausgetauscht." 

Vergleichen wir mit den Ausfiihrungen Homosexueller die von 
Heterosexuellen, iiber die ihrer Natur adaquate Liebe und Freudschaft, 
80 wird uns die Verschiedenheit beider Empfindungskomplexe vollends 
klar. Ein solcher schreibt: 

„Mich interessiert das Problem der Homosexualitat objektiv. 
Subjektiv stehe ich ihm verstandnislos gegeniiber. Ich kann mir 
herzliche Sympathie fiir einen Mann in dem Grade denken, daB ich ihn 
freundschaftlich mnarme. Fiir die Auslosung sexueller Reize, sowohl 
passiv als aktiv, mit einem Manne durch irgendwelche Manipulationen 
fehlt mir aber jeder Nerv. Mir erscheinen die sogenannten Homo- 
sexuellen wie die Bewohner eines anderen Planeten, 
die ich respektiere, aber nicht verstehe. Die Erscheinung im ganzen als 
ein Laster anzusehen, weil lasterhafte Einzelerscheinuiigen damit ver- 
bunden sind, erscheint mir angesichts der Auswiichse der erlaubten 
Liiste pharisaisch und philisterhaft. 

Icn gestehe, daO es mir iiberhaupt nicht vorstellbar ist, wie selbst 
die hochstgesteigerte herzliche Sympathie und Geistesverwandtschaft, 
auch zu einem auBerdem korperlich wohlgebauten Manne, das Bediirfnis 
nacli sexuellem Orgasmus mit ihm wachrufen konnte. Keine mora- 
lischen oder sonstigen Griinde hinderten mich, sondern allein der In- 
stinkt, daB ich fiir meine Bediirfnisse dabei nicht auf die Rechnung 
kame. Er ware mir, trotzdem ich vielleicht anerkennen miiBte, daB er 
im kiinstlerischen Sinne wohlgebauter und anziehender ist, als 
ein minder schones Weib, doch nicht „sch6n" genug. 

Auch der Umstand, daB ein Mann, dem ich sehr intensiv freund- 
schaftlich verbunden wiire und der, weil er vielleicht homosexuell 
veranlagt ist, mir eine Vertrauensfrage stellte, konnte mcin subjek- 
tives Empfinden nicht andem. Erklarte er mir, wie das bei Ver- 
liebten war, bis auf und seit den Tagen Romeos und Julias, daB nicht 
bloB sein Leben, sondern auch seine Seligkeit davon abhinge, ob ich 
und daB ich ... so fande ich das so riihrend, daB ich ihm einen 
mit Schopenhauerschen Zitaten wohlgespickten Vortrag iiber das 
Nichtige unserer Ilhisionen und speziell dieser hielt — ohne Hoff- 
nung auf Erfolg. Also: Ich kann mir denken, daB ich unter Um- 
standen fiir einen Freund mein Leben einsetze, aber nicht, daB ich 
ihm Rechte einraumen konnte, bei deren Ausiibung mir die Komik der 
Situation das einzige Vergniigen bereitete." 

Trotz allem ist sicher, dafl zwischen Liebe und Freund- 
schaft, von denen jede fiir sich so viele feine 'Niiancen und Bchat- 
tierungen aufweist, die Grenze oft schwer gezogen werden kann. 
Man denke nur an den von manchen fiir eine contradictio in 
adjecto gehaltenen Begrif f der platonischen Liebe. Wenn Car- 
penter^) einmal sagt: „Wir wissen von Freundschaften so 
romantisch und schwarmerisch, dafl sie in Liebe tiberzugehen, 
von Liebe so seelenvoU und durchgeistigt, dafl sie der Sphare der 
Leidenschaft entrllckt zu sein scheint,** so begreifen wir, wie. 
oft die Trager der Empfindungen selbst, geschweige denn Dritte 

^) Carpenter, c. J. p. 17 



Digitized by V:iOOQIC 



185 

nicht wissen, ob das, was sie flir jemanden ftililen, Liebe oder 
Freundschaft ist. 

Viel Wahrheit liegt in Nietzsches Ausspruch, daB eine 
IFreundschaft zwischen iMann und Weib nur dann moglich sei, 
wenn eine kleine pbysische Antipathie vorhanden sei. Ein wenig 
verdachtig in bezug auf die geschlechtliche Affinitat ist 
es, wenn jemand gar zu sehr betont, die Frau soUe ihm in orster 
Linie die gute Kameradin, die gdistige Gefahrtin sein, iimge- 
kehrt auch, wenn Leute sich gar so eifrig daflir ins Zeug legen, 
daU doch eigentlich in jeder Freundschaft Sexualitat stecke, 
dafi Liebe und Freundschaft genau genommen identisch seien. 
Ich will damit nicht etwa sagen, dalJ diejenigen, welche solches 
behaupten, bewuflt bestrebt sind, den Verdacht gleichgeschlecht- 
licher Neigungen von sich abzulenken, sondern nur, dalJ yie, wie 
es auf dem Gebiete des Geschlechtslebens tiberhaupt haufig der 
Fall ist, in ihren eigenen subjektiven, etwa bisexuellen Emp- 
findungen allgemein gtiltige Gesetze zu erblicken geneigt sind. 

Sehr richtig bemerkt Pratorius^a) einmal gegeniiber der von 
Friedlander vorgenommenen Verquickung freundschaftlicher und 
geschlechtlicher Empf indungen : 

„Nicht dadurch unterscheiden sich Freundschafts- und Liebes- 
gefiihle, daC in ersterem Falle es zu keinem, in letzterem Falle zu einem 
Geschlechtsakt kommt, sondern dadurch, daB bei dem Liebesgefiihl 
der geschlechtliche, wenn auch nur der geschlechtlich-sentimentale 
Trieb, kurz der Geschlechtstrieb durch den Freund an- 
geregt wird, wahrend bei der Freundschaft die Nahe des Freundes 
nicht das direkt psychisch und physisch begliickende, die ganze 
Personlichkeit durchstromende Lustgefiihl auslost. Ob es zu ge- 
schlechtlichen Handlungen kommt, ist gleichgiiltig, nur be- 
steht in dem einen Fall die Lust imd der — mehr oder minder heftige — 
Trieb zu solchen Handlungen, im anderen Falle dagegen nicht. „Phy- 
siologische Freundschaft" im Sinne von Friedlander, also die 
Freundschaft, welche Freundschaft und doch keine Freundschaft, die 
homosexuelles Gefiihl und doch keine rr chte Homosexualitat ist, stellt 
sich dar als ein Ding, das so recht den Namen „Zwitterding", unge- 
sundes, nebelhaftes Gefiihl verdient, oin Gefiihl weder Fisch noch 
Fleisch, das sicherlich auch mitunter vorkommen mag, aber zu den 
groUen Seltenheiten gehort." Sinnreicher, als von „physiologisclier 
Freundschaft" zu reden, ist es denn schon gewesen, in Fallen, in 
denen dor sexuelle Charakter des Empfindungskomplexes nicht ganz 
deutlich hervortrat, von „erotisch betonter" Freundschaft oder, wie 
Kupffer*) es tat, von „Liebf reundschaf t" zu reden. 

Sehr zu beachten ist bei der Differentialdiagnose zwischen 
Freundschaft und Liebe die Zeit- und Landessitte. In einem 
Lande, wo sich das Klissen zwischen Freunden, das Einhaken 
der Arme unter ihnen zu einer symbolischen Form verfltichtigt 
hat, werden diese Handlungen eine weit geringfligigere Bedeu- 

5a) Jhb. f. s. Zw. IX. p. 503. 

^) E. von Kupffer, Lieblingminne und Freundesliebe in der 
WeltUtera.tur. 



Digitized by VjOOQIC 



186 

tung haben als dort, wo sie von der jeweils herrschenden Mode 
verpont sind. Man findet Gegenden, in denen das Tanzen der 
.Manner so iiblich ist, wie bei uns das Tanzen der Frauen unter- 
einander. Dort wird ohne nahere Priifung von Besonderheiten 
der Tanz von 'Mann mit Mann als erotisches Zeichen viel weniger 
in die Wagschale fallen, wie hierzulande, wo er oft direkt ver- 
ibbten ist. 

Es hat Zeiten gegeben, in denen sich ein starker Freundachafts- 
enthusiasmus in Briefen und Versen allgemein zu Zartlichkeitsaus- 
driicken und Anreden verstieg, wie sie gegenwartig fast nur noch in 
wirklichen Liebesbriefen und Gedichten iiblich sind. Schillers 
„t}ber alles Gliick geht doch ein Freund, 
Der's fiihlend erst erschafft, der*s teilend mehrt." 

sein Vers: 

„Weni der groCe Wurf gelungen, 

Fines Freundes Freund zu sein", 
Goethes 

„Selig, wer sich vor der Welt 

Ohne HaB verschliefit, 

Einen Freund am Busen halt, 

Und mit ihm genieBt, 

Was von Menschen nicht gewuBt 

Oder nicht bedacht, 

Durch das Labyrinth der Brust 

Wandelt in der Nacht." 

verlieren in einem solchen Zeitalter der Empfindsamkeit gedichtet, 
viel von der Bedeutung, die sie in einer anakreontischer Poesie ab- 
holden Epoche besitzen wiirden. Wer Gleichen-RuBwurms 
Werk ,,Dio Freundschaft" liest, das besser sein wiirde, wenn es nicht, 
selbst bei Winckelmann, Platen und der antiken Jiinglings- 
minne, urn das Problem der Homosexualitat angstlich herumginge, „wie 
die Katze um den heiBen Brei", wird vielen Freundschaftspaaren der 
Wcltgeschichte begegnen, bei denen, wie in dem Freundschaftsbiindnis 
unserer Oeistesheroen Schiller und Goethe, von gleichgeschlechtlichcr 
Liebe nicht die Rede sein kann. Das Scherzwort, das vor Jahren 
einmal in der „Jugend" unter dem Bilde ihres Weimarer Doppelmonu- 
ments stand: „ Schiller, .laB die Hand los, Dr. Magnus Hirschfeld 
kommt," hatte mehr Berechtigung, wenn ich nicht seibst die Grenzen 
zwischen Freundschaft und Liebe besonders scharf zu Ziehen be- 
miiht gewesen ware. 

Von Homosexualitat reden wir also nur dann 
— und damit kommen wir zur differentialdiagnostischen Zusam- 
menfassung dieses Abschnitts — wenn bei einem Manne 
odereiner Frau die von einer Person desselblen 
Geschlechts ausgehenden dis tan tiell en Sinnes- 
eindriicke (besonders die Gesicht und Gehor treffen) als 
Lust, die durch sie bewirkten proximalen Reize 
(der Kontakt) als hohere Lust, die von ihr ausgelosten 
genitalen als hochste Lust empfunden werden. 



Digitized by VjOOQIC 



ACHTES KAPITEL. 

Differentialdiagnose zwischen Homosexualitat und Pseudo- 

homosexualit&t 

Fast ebenso schwierig, wie psychische Homosexualitat von 
der Freundschaf t, sind manchmal gleichgeschlechtlich© Akte ohne 
und mit psychischer Homosexualitat von einander zu unterschei- 
den. Nur wo das Korperliche ein Ausdruck des Seelischen ist, 
kann von echter Homosexualitat die Rede sein, wahrend fiir 
den kontraren Sexual verkehr ohne kontrare Sexual em p- 
findung der von Iwan Bloch gut gewahlte Ausdifuck 
Pseudohomosexualitat paflt, der aber nur hierftir, nicht etwa 
auch fiir Transvestiten und andere Formen der Geschlechtsliber- 
gange in Anwendung gezogen werden sollte. 

Das ganze Problem der Homosexualitat ware wesentlich 

vereinfacht, wenn der Geschlechtsakt der absolute Ausdruck des 

Geschlechtstriebes ware. Dies ist aber — fast mochte man 

hinzusetzen leider — ohne weiteres nicht der Fall; die Potenz 

fallt keineswegs immer mit der Libido zusammen. 

Fur die sich hiagebende Frau liegt dies deutlicher zutage. Man 
denke an das „Gewerbe** der Prostituierten, bei denen nicht die Liebe 
zu der Person, sondern die zu deren Gelde die treibende Kraft ist. 
Aber auch die verheiratete Frau sieht in dem Akte oft genug nichts 
weiter als eine „eheliche Pflicht", der sie sich mit Widerstreben 
unterzieht, und zwar gilt das nicht nur fur die homosexuelle Frau. 
Wenn es unter diesen nicht wenige gibt, die den Koitus mit dem 
Manne, trotzdem seine technische Ausfiihrung fiir sie ein Leichtes 
ware, unter keinen Bedingungen voUziehen, so beweist dies gerade, von 
welcher Bedeutung das Seelisch-Triebhafte in der Homosexualitat ist. 

Verfolgt man bei dem Geschlechtsakt irgendwelche bestimmte 
Absichten und Zwecke, oder ist er durch einen anderen Reiz 
hervorgerufen, als den, welcher vom Triebzentrum im Gehirn 
zu dem Reflexzentrum im Ruckenmark stromt, so konnen wir 
ihn fiir die Richtung des Geschlechtstriebes nicht mehr als 
beweisend erachten. Nun ist bei dem aktiven Manne die Mog- 
lichkeit der geschlechtlichen Vereinigung zwar noch mehr vom 



Digitized by VjOOQIC 



188 

Willen unabhangig, wie bei dem empfangenden Weibe. Trotz 

aller Vorstellungen, Einbildungen und Bemtihungen ist es ihm, 

wie wir sahen, oft beim „besten Willen** nicht moglich, den Akt 

zu vollziehen. GleichWohl ist es aber auch bei ihm \iurchaus 

nicht immer der spontan vom Gehirn ausgehende Geschleehts- 

trieb, welcher zumVerkehr fiihrt, es konnen vielmehr die hierzu 

erforderlichen Vorbedingungen auch durch andere Faktoren be- 

wirkt werden, welche mit dem wirklichen Liebes- und Vereini- 

gungstrieb nichts zu schaffen haben. 

Dies beruht darauf, daB das Zentnim, welches die Erweiterung 
der mannlichen und weiblichen corpora cavernosa reguliert, ebenso wie 
das unmittelbar dariiber gelegene Zentrum der rhythmischen Muskel- 
kontraktionen, die im Orgasmus die AusstoBung des Samens beim 
Manne und des Zervikalpfropfens beim- Weibe hervorrufen, ihren Sitz 
nicht im Gehirn, sondern, wie die klinischen Erfahrungen an Riicken- 
markskranken und die Experimente von Brachet, Cayrade und 
G o 1 1 z 2) bewiesen, im Riickenmark haben, und zwar liegt das 
Erektionszentrum im Sakral-, das Ejakulationszentrum im Lumbalseg- 
ment. Dieses intermediare Zentrum, in dem die vom Geschlechts- 
trieb und den Geschlechtsteilen ausgehenden Neurone sich begegnen, 
kann sowohl vom Zentrum als von der Peripherie in Aktion gesetzt 
werden. Dabei ist es fiir unsere Frage praktisch ohne Bedeutung, 
ob die Ganglienzellen, welche diese Reflexe beherrschen, im unterstcD 
Teil des Riickenmarkes (Konus und Epikonus) selbst liegen, dessen 
Integritat fiir das Zustandekommen der Erektion und Ejakulation 
jedenfalls die conditio sine qua non ist, oder ob, wofiir L. R. M ii 1 - 
lerS) auf Grund von Tierversuchen und Beobachtungen am Menschen 
eingetreten ist, das eigentliche Reflexzentrum der Genitalorgane im 
Beckengeflecht des Sympathikus liegt, dessen Aste sich im Endstiick 
des Markes mit den Auslaufern der hoher gclegenen Partien des 
Zentralnervensystems treffen. 

Ich will eine ReUie von Beispielen anfiihren, welche uber- 

zeugend dartun, dalJ die Genitalreflexe in vielen Fallen auch 

dann funktionieren, wenn von einer Mitbeteiligung des Ge- 

schlechtstriebes gar nicht die Rede sein kann. 

Beispielsweise iibt die zwischen dem 60. und 70. Lebensjahre so 
haufig als Alterserscheinung auftretende VergroBerung der Vorsteher- 
driise (Prostatahypertrophie) einen peripheren Reiz auf die Nervi 
erigentes aus. Es stellen sich bei den alten Herren infolgedessen Erek- 
tionen ein, welche sie als ein Wiedererwachen ihres Geschlechts- 
triebes begriiBen — ein Irrtmn, der sie nicht selten veranlaBt, zum 
Erstaunen erwachsener Kinder und Enkel eine neue Ehe einzugehen, 
Ein anderes Paradigma sind die Erektionen, welche im Beginn einer 



*) J. L. Brachet, Recherches exp6riment. sur les fonctions du 
systeme nerveux gangl. Bruxelles 1834, S. 250. — J. Cayrade, 
Recherches int. et experiment, sur Ics mouvements reflexes. Paris 
1864, S. 45. — Fr. Goltz mit Ereusberg, Pfliigers Archiv 8, 
460, 1874. — Sehr eingehend ist die Innervation der Genitalorgane 
von Langley und Anderson bearbeitet worden, im Journal of 
Physiology 18, 67 (1895); 19, 71; 20, 372 (1896). 

') L. R. M ii 1 1 e r , in der Deutschen Zeitschrift fiir Xervenheil- 
kunde 21 (1902). 



Digitized by VjOOQIC 



189 

gonorrhoischen Infektiou auftreten. Die sich entwickelnde Entzun- 
dung reizt reflektorisch die zum Riickemnark aufwarts ziehenden 
Nervenbahnen. In Unkenntnis des drohenden Leidena fassen die 
]ungen Leute die Tumeszenzen als geschlechtliche Erregung auf, der 
sie haufig genug michgeben, um so die Infektionskeime weiter zu 
tragen. Auch die Gliedschwellungen, mit welchen viele Manner in 
den Morgenstunden erwachen, haben nichts mit dem Geschlechts- 
t r i e b zu tun, sondern sind durch die Druckreize der gefiillten Harn- 
blase bodingt. Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein verheirateter 
HomosexuelTer auf, der sechs Kinder hatte, das siebente stand zu 
erwarten. Ich fragte ihn, wie dies moglich gewesen ware. „Das ist 
doch so einfach," oemerkte er, nicht ohne ein gewisses SelbstbewuBt- 
sein, „ich benutze stets meine Friiherektionen." Diese Kinder ver- 
danken also nicht dem Geschlechtstriebe, sondern der gefiillten Harn- 
blase des Vaters ihr Leben. Auch die „Aphrodisiaika** sind hochst 
wahrscheinlich nur „Diuretica" ; das will sagen, daC das Renommee, 
welches einige Nahrungs- und Arzneimittel in bezug auf die Forde- 
rung der geschlechtlichen Potenz geniefien, ihrem blasenreizenden Ein- 
fluB zuzuschreiben ist, dessen indirekte Nebenwirkung der Genital- 
reflex ist. 

Ahnlich wirken auch die alkoholischen Getranke, welche in nicht 
zu groUen Mengen genossen, den Geschlechtstrieb aufstacheln. Die 
Exzesse in Baccho und Venere werden ja seit alters als zusammen- 
gehorig betrachtet. Es kommt hier allerdings hinzu, daC der Alkohol 
die Kraft der Ge^envorstellungen herabsetzt, wahrend er die Sinncs- 
scharfe zu vermindern scheint. So erklart es sich, dafl Hetero- 
sexuelle gelegentlich angeben, sie hatten unter AlkoholeinfluC mit 
dem Manne verkehrt, Homosexuelle, sie konnten angetrunken mit dem 
Weibe verkehren. 

Schrenck-Notzing machte sich diese Erfahrung zugute, 
indem er den von ihm hypnotisch behandelten Homosexuellen den 
Kat gibt, ante coitum groCere Alkoholmengen zu sich zu nehmen — 
ein meines Erachtens^ nichts weniger als einwandfreies Experiment. 

Bei Blasenleiden, wie Blasensteincn, Vesikaltumoren, auch nach 
Blasenoperationen ist ebenso wie nach operativen Eingriffen am Penis, 
z. B. nach der Phimosenoperation, ein reflektorischer, vom Geschlechts- 
t r i e b unabliangiger Priapismus eine haufige Erscheinung. Einen 
scltenen hierher gehorigen Fall hatte ich in meiner Praxis zu be- 
obachteu Gelegenheit. Ein Patient litt an einem Darmkarzinom, das 
durch die Blase perforiert war, so daU sich mit Urin vermischt Fazes 
durch die Harnrohre entleerten; in einer Nacht erwachte der Patient 
rait starker Erektion bei sehr schmerzhaftem Tnnendruck im Penis 
und voUiger Harnverhaltung. Beim Katheterisieren stieC ich auf eine 
harte Resistenz, die sich schlieBlich als ein Kirschkern erwies, welcher 
vom Darm durch die Blase in die Urethra gclangt war. Mit AusstoBung 
des Fremdkorpers verschwand sofort die Erektion. 

Wie die Schleimhaut der Harnwege, so iibt auch die dos bonach- 
barten Mastdarmes, die beide entwicklungsgeschichtlich densolben Ur- 
sprung in der embryonalen Kloake haben, einen reflektorischen Reiz 
auf die Nervi pudendi und erigentes aus. Solche zur Erektion fuhrende 
Mastdarmreizung tritt bei Kindern haufig infolge von Wurmj)arasiten 
auf, infolgedessen diese nicht selten zu Masturbationen Veranlassuiig 
geben, auch digitale Manipulationen an der Analgegend, die bei vielen 
eine stark erogene Zone ist, selbst Hamorrhoiden, sogar die Rektal- 
massage der Prostata, auch Schliige auf das GesiiB konnen reflek- 
torisch eine partielle oder totale Tumeszenz bewirken. 

Die Uberfiillung der Ductus ejaculatorii, vor allem die der Samen- 
blaschen mil Spermasekret, bewirkt einen anal^gen Reflexvorgang, der 
zu Ercktionen und AusstoBung des Ejakulats in Form von Pollutionen 
fiibrt. Die PoUutionstraume, welche fiir die innerliche Richtung des 



Digitized by VjOOQIC 



190 

Gesohlechtstriebes von diagnostischer Bedeutung sind, sind s e k u n - 
dare Folge- und Begleiterscheinungen, nicht etwa der primare 
Ausgang der Pollutionen. 

Die peripherische Reizung der Nervi erigentes kann end- 

lich auch, und das ist flir die differentialdiagnostische Bewer- 

tung des Geschlechtsaktes besonders wesentlich, von der Oberhaut 

des Gliedes und ihrer Adnexe, vor allem den Pubes aus erfolgen. 

Die Papillarkorper sind in dieser Region mit so zahlreichen und 

empfindsamen Nervenkorperchen Iversehen, fwie in keinem anderen 

Hautgebiet. 

Von Onanisten wird berichtet, daB durch juckende Hautkrank- 
heit^n, durch Keiben des Gliedes beim Klettern am Tau, durch Kut- 
schen auf einem Treppengelander, durch Kitzel des sich unter dem 
Praputium ansammelnden Hauttalges die ersten Erektionen erfolgten, 
welche zui* Masturbation fiihrten. Bei dieser geht die Samenaus- 
stoflung rellektorisch durch Zusammenziehungen der Muskehi des Duc- 
tus deferens, der Samenblaschen und der Prostata, sowie der Muse, 
ischio- und bulbo-cavernosi vor sich, ohne daB der Geschlechts t r i e b 
beteiligt ist, es sei denn — was allerdings auch haufig zutrifft — 
daB der Onanist sich das Sexualobjekt und den Sexualakt in bestimm- 
ter Weise vorstellt. Auch bei den Frauen geben Juckreize, vor 
allem der pruritus vulvae und Entzundungen der Schamteile oft den 
ersten AnstoB zur Onanie. Bei vielen weiblichen Onanisten, die 
ich sah, war eine Entscheidung nicht moglich, ob der hyperamische 
Reizzustand der Genitalien eine Ursache oder Folge digitaler Mani- 
pulationen darstellte. 

Die neuroperiphere Reizung der Genitalien kann sowohl durch 
die eigene als durch fremde Hand, sowie anderweitig vorgenom- 
men werden, ohne dafi die Richtung des zentralen, 
davon g^nzlich unabhangigen Gesohlechtstrie- 
bes beeinflufit, derselbe dadurch womoglich gar „differenziert*' 
wird. So wenig jeman,d, weil die erste Erektion an cinem Tau 
erfolgte, fortan Stricke lieben wird, so wenig wird er sich sexuell 
zu Mannern, Frauen oder sich selbst hingezogen fiihlen, weU 
von einem dieser drei die erste Erregung ausging. Die Ursache 
des Gesohlechtstriebes liegt viel tiefer, konstitutioneller und 
komplizierter. Diese Feststelluni^ ist fiir die Frage der Ver- 
f ti h r u n g zur Homosexualitat, die uns spater noch beschaftigen 
wird, von groBer Wichtigkeit. 

Nun konnen zwar die Gegenvorstellungen vom Gehirn aus 
so stark sein, daJJ sie auf die rein periphere Reizungsmoglich- 
kcit einen wesentlichen EinfluB haben; so sagten mir wiederholt 
Homosexuelle^ daB sie sich nur den G^schlechtsakt mit dem 
Weibe vorzustellen brauchten, um lastige Erektionen zum Ver- 
schwinden zu bringen. Andrerseits kann aber auch der Mann, 
unabh&ngig von seiner heterosexuellen oder homosexuellen Trieb- 
richtung, in sehr vielen Fallen, namentlich im jugendlicheren 
Alter, bei einer sinnlich reizbaren Veranlagung sich passiv er- 



Digitized by VjOOQIC 



191 

regen lassen, vor allem nach langer Entbehrung seiner ihm eub- 
jektiv natiirlichen Geschleehtsbefriedigung, sei es in der Absicht, 
sich jemandem gefallig zu erweisen, sich Vorteile irgendwelcher 
Art zu verschaffen, oder auch nur, um aus Leichtsinn oder 
Langeweile sich ein Gefiihl zu verschaffen, das, wenn es auch 
der Empfindung hei Stillung des eigenen Triebes nicht gleich- 
kommt, doch ein mehr oder weniger angenehmes Kitzelgef iihl isi 

Die relative Unabhangigkeit des zerebralen Geschlechtszentrunis 
vom Geschlechtsapparat ist auch daraus ersichtlich, daB der Ge- 
schlechts t r i e b vollstandig erhalten sein kann, wenn durch Funk- 
tionsunfahigkeit des Riickenmarkszentrums infolge pathologisch-ana- 
tomischer Storungen irnd Zerstorungen eine geschlecntliche Erregung 
iind Befriedigung iiberhaupt ausgescnlosseii ist. 

So finden wir bei Tabikern oder anderen Riickenmarksleidenden, 
bei denen die Reflexstelle in unreparierbarer Weise auBer Betrieb 
gesetzt ist, oft eine fast unverminderte Geschlechts lust. Dasselbe gilt 
auch in den meisten anderen Fallen von Impotenz, gleichviel, ob es 
sich um eine physische Impotentia coeundi, etwa um Penismange] 
handelt, oder ob eine Impotentia generandi, etwa Azoospermie, vor- 
liegi. In meinem Buche „Geschlecntsiibergange" habe ich sehr aus- 
fiihrlich einen Fall (S. 25 — 33) beschrieben, in welchem bei ciner als 
Mann lebenden Person ein vollkommen determinierter, auf den Mann 
gerichteter Geschlechtstrieb bei ganzlichem Mangel sowohl weiblicher 
als mannlicher Fortpflanzungszellen bestand. Auch die kiinstliche Ent- 
femung der Keimzellen hat auf die Richtung des Geschlechtstriebs 
keinen und auf die Triebstarke nur einen geringen EinfluB. Daher 
ist auch nur die von Homosexuellen wiederholt geforderte und friiher 
auch ausgefuhrte Kastration kontraindiziert. Ich sagte einmal einem 
homosexuellen Russen, der sich dariiber gar nicht bBruhigen konnte, 
daB. wenn er den Si tz seines Geschlechtstriebes durchaus los werden 
wolie, er sich nicht kastrieren, sondern enthaupten lassen miisse. 

Um das Bild von der Unabhangigkeit zwischen Ge- 
schlechtstrieb, Erektion und Ejakulation abzuschlie- 
Ben, sei noch erwahnt, daB auch durch die Reizungen der Leitungs- 
bahnen zwischen Gehirn und Riickenmarkszentrum an einem beliebigen 
Punkte ihres Verlaut'es eine Samenentleerung erfolgen kann. Diesen 
Nachweis fiii* den Menschen zu erbringen, ist schwierig, wir besitzen 
aber, von Tierexperimenten *) abgesehen, einige sichere Anhaltspunkte ; 
das sind die Beobachtungen, welche man an Erhangten und Gekopf- 
ten^) gemacht hat, in deren Bekleidungsstiicken frische Ejakulate ge- 
funden wurden. Ahnliche Wahrnehmungen wurden auch bei einigen 
Fallen von Genickbriichen und Frakturen der Wirbelsaule gemacht. Es 



*) Das alteste hier zu nennende Experiment ist das von Segala, 
welcher fand, daB Ausbohrung des Riickenmarkes beim Meerschwein- 
chen Erektion und Ejakulation bewirkt; publiziert in den Untersuchun- 
gen zur Physiol, und Pathologic von Friedrich und Nasse, Bonn 1835. 
Reizungen an den Pedunkuli, Pons usw., die Erektion bewirkten, wurden 
veroffentlicht von Eckhard, Beitrage zur Anat. und Phys., GieBen 
1863, und von Budge, Archiv f. path. Anat. 15, sowie zuletzt von Spina 
in den Wiener med. Blattern 1897 ; letzterer erzielte experimentell durch 
Quertrennung des Riickenmarkes bei Meerschweinchen um so sicherer 
Erektion, je tiefer er den Querschnitt anlegte. 

5) Vgl. die 1898 in Berlin von A. Gotz publizierte Inaug. -Disser- 
tation „Uber Erektion imd Ejakulation bei Erhangten", in welcher 
sich aacli die altere Literatur angegeben findet. 



Digitized by V:iOOQIC 



192 

wird wohl niemand behaupten, daB diese Samenentleerungen auch nur 
das eerinjjste rait dem Gesclilcchtstriebe zu tun haben. 

Icli glaube im Vorstehenden gezeigt zu haben, dafl im sexu- 
ellen Akte k e i n e absolute Beweiskraft fiir die Richtung des 
sexuellen Triebes liegt. Deshalb kann man aus der bloBen 
Moglichkeit, mit beiden Geschleclitern zu verkehren, nicht ohne 
weiteres, weder beim Weibe noch beim Manne, auf einen bi- 
sexuellen, auf beide Geschlechter gerichteten Trieb schlieBen. 
Um sich in konkreten Fallen ein Urteil zu bilden, wird man 
daher die frtiher eforterten Unterfragen zu beantworten haben, 
die sich auf das psychische Verhalten vor, wah'rend und 
n a c h dem Akt beziehen. Die scheinbar leichteren Liebkosungen 
fallen dabei flir die Erkenntnis der Triebrichtung oft schwerer 
ins Gewicht, als der ermoglichte Koitus. Je mehr der Ge.- 
schlechtstrieb beteiligt ist, um so mehr Wert wird von den 
Partnern auf das Vor- und Nachspiel des eigentlichen Verkehrs 
gelegt werden, das um so lastiger und unangenehmer empfunden 
wird, je weniger groB die zerebrale Neigung ist. Namentlich 
der KuB ist ein sehr feines Reagens. 

Auch bei der Frau ist flir die Bewertung des Verkehrs 
als eines ihrem Triebe entsprechenden ihr Benehmen im Vor- 
stadium und Akt selbst von Belang. Befindet sie ^ich nicht 
bereits vor demselben in einem Zustande gesteigerter Libido, 
so bleiben sehr haufig die von ihr als Orgasmus empfundenen 
Zuckungen und Schleimabsonderungen im Genitaltraktus aus. 

Wie konfuse Anschauungen auch hier noch herrschen, mag eine 
Episode zeigen, die ich einmal wahrend eines Prozesses erlebte, der 
gegen eine angesehene Personlichkeit verhandelt wurde. Der Staats- 
auwalt wollte die Homosexualitat des in anscheinend glucklicher Ehe 
lebenden Angeklagten feststellen. Zu diesem Zwecke hatte er Zeugen 
geladen, die unter Eid aussagten, mit dem Beschuldigten vor vielen 
Jahreii onaniert zu haben. Da meinte der anwesende Gerichtsarzt, 
desseu Wort in seinem Fache sehr viel gait, zu mir: „Sagen Sie, Kol- 
lege, wo steckt denn bei dem Manne eigentlich die Homosexualitat ; 
vvenn es ihm nur um die Onanie zu tun war, hatte er sich doch ebenso 
gut an seine Frau zu wenden brauchen. Die hatte ihm diese Bitte 
gewiB auch nicht abgeschlagen." Als ich ihm erwiderte, die Homo- 
sexualitat besteht ja eben darin, daO er sich nicht an seine Frau, 
sondern an die Mannsleute wandte, fuhr er fort: „Ich kann das nicht 
begreifen; ob Weiberhand oder Mannerhand die Spielerei vornimmt: 
Onanie bleibt Onanie." 

Unter den Personen, die, ohne homosexuell zu 
sein, homosexuell verkehren, haben wir drei Haupt- 
gruppen zu unterscheiden; zuniichst solche, die es ganz aus- 
schlieClich aus Eigennutz tun: mannliche Prostituierte, Halbprosti- 
tuierte, Gelegenheitsprostituierte, Chanteure, Individuen, die wir im 
II. Teii dieses Werkes naher zu betrachten haben. Hier nur so viel, 
daB sich hinsichtlich ihrer eignen Sexualempfindung unter ihnen fiinf 
Klasseii abheben : o) Vollstandig heterosexuelle mannliche Pro- 
stituierte, von denen ein groBer Teil mit weiblichen Prostituierten 



Digitized by V:iOOQIC 



193 

Kusammenlebt. p) Bisexuell veranlagte Prostituierte, die in alien mog- 
lichen Abstufungen, bald mehr homosexuell, bald iiberwiegend hetero- 
sexuell, vorkommen. Sie wissen vielfach selbst nicht, „waa" sie sind. 
y) Feminine homosexuelle Jiinglinge, die wie heterosexuelle weibliche 
Prostituierte gewerbsmaBig, aber ihrer eigenen Greschmacksrichtune ent- 
sprechend meist mit alteren Mannern verkehren. 6) Viril homo- 
sexuelle Prostituierte, die sich „fiir Greld" mit alteren, „aus Liebe" 
mit jUngeren oder gleichaltrigen abzugeben pflegen. «) Verhaltnis- 
mafiig haufig sind endlich unter den Prostituierten iiberwiegend mono* 
sexuelle, sie tun ziemlich indifferent gegen Entgelt, was von ihnen 
gefordert wird, bet§.tigen sich ihrerseits aber ausschlieBlich durch 
Automasturbation, der sie meist ohne Vorstellungen und ohne Beisein 
zweiter Personen exzessiv obliegen. Unter den weiblichen Prostitu- 
ierten, die gegen Entgelt mit homosexuellen Frauen verkehren, gibt es 
analoge Gruppen, doch heben sie sich weniger markant voneinander 
ab, iiberhaupt ist der Verkehr von Urninden mit weiblichen Prosti- 
tuierten bei weitem nicht so verbreitet, wie der entsprechende von 
Urningen mit mannlichen Prostituierten. Dagegen haben die berufs- 
maBig mit Mannern verkehrenden Dirnen oft untereinander lesbische 
Bezienungen, iiber deren Ursachen und Verbreitung in spateren 
Eapiteln noch einiges zu sagen sein wird. 

Eine zweite, nicht unbetrachtliche Gruppe von Normalsexuellen, 
die voriibergeheiid zu homosexueller Betatigung gelangen, sind die 
meist iugendlichen Personen, welche den Gegenstand homosexueller 
Liebe bihien. Trotzdem sie heterosexuell sind, finden sie sich oft 
aus Gutmutigkeit, Gefalligkeit, Freundsohaft, Mitleid, Dankbarkeit, An- 
hanglichkeit bereit mit dem Homosexuellen geschlechtlich zu verkehren. 
Solche Verhaltnisse sind ungemein haufig. Oft enden sie mit der Ver- 
lobung des Normalen. 

Der Urning fungiert als Trauzeuge oder Ehrengast bei der Hoch- 
zeit, bleibt Freund der Familie, wird Taufpate der Kinder, von denen 
eins oft seinen Namen erhalt, und ist in Notfallen bei der Hand. Eine 
urnische Frau liebte aufs zartlichste ein gleichaltriges normales Frau- 
lein, viele Jahre, sie war gliicklich, litt aber auch sehr viel, jetzt ist 
sie abgektihlt, aber die Freundin schreibt ihr noch taglich und kanu 
nicht „auf die ihr so wertvolle und liebe Verbindung verzichten". Ahn- 
liches kommt oft vor. 

Ein Grund, den man von heterosexuellen Leuten aus dem Volke, 
die sich in jugendlichen Jahren dem homosexuellen Verkehre ergeben, 
nicht selten als eine Art Entschuldigung angegeben findet, ist die 
Furcht vor Ansteckung. Namentlich solche, die sich mit 17 oder 18 
Jahren gonorrhoisch infiziert haben, auBern, daB sie sich dem nicht 
noch einmal „aussetzen wollten". 

Der dritte Grund homosexuellen Verkehrs ist fiir heterosexuelle 
Manner und Frauen nicht selten Mangel andersgesohlecht- 
licher Personen. Aus Internaten aller Art, Klostern, Gefang- 
nissen, Pensionaten, Kasemen, Schiffen, aus der Frcmdenlegion, Her- 
bergen und Asylen liegen Berichte iiber homosexuelle Betatigung als 
Surrogathandlung, „faute de mieux", vor. ^) Offenbar handelt es sich 

*) Beispiele finden sich: 

a) Aus Schulen cfr. p. 390 ; ferner H. v. Kahlenberg, „Nixchen** 
Wien 1904 p. 41; Forrest Reid, „The Garden God. A tale of 
two boys." liondon 1906. Octave Mirbeau, „Sebastian Roch". 
Wien und Leipzig 1902. 

b) Aus Klostern bei D op pet. Das GeiBeln und seine Einwirkung 
auf den Geschlechtstrieb. 

c) Aus Schiffen bei Ellis und Symonds, Das kontrare Ge- 
schlechtsgefuhl (1896) S. 11, Note 1. 

Hirscbfeld, Homosexualitit. \ 3 



Digitized by VjOOQIC 



194 

auch hier nicht um Homosexualitat, sondern um eine Abart der Onanie, 
selbst wenD iramissio in corpus statthat. 

Wie wenig diese Personen einen solchen Xotbehelf dem natur- 
licheu Verkehrc gleichsetzen, mit welcher Naivitat sie ihn aber auch oft 
beurteilen, zeigte mir einmal eine Antwort, die mir in einer urnischen 
Soldatenkneipe, die ich mir ansah, ein reicher Bauemsohn gab, der 
bei den Dragonern diente. Auf meine Frage, warum er mit Mannern 
verkehre, erwiderte er: „Um meiner Braut treu zu bleiben." Die 
meisten Vertreter dieser Gruppe werden allerdings um sich zu ent- 
spanuen, die solitare Onanie mit Vorstellungen der mutuellen gleich- 
geschlechtlichen den Vorzug geben. Krafft-Ebing') meint, daB 
namentlicli oft Tochter hoherer Stande, die sorgsam vor Verfiihrung 
durch Manner gehiitet werden, aus Furcht vor Graviditat zu homo- 
sexuelleii Surrogatakten gelangen. 

Wenn Hammer 8) in einem Dimenkrankenhaus unter 41 von der 
Sittenpolizei zur Zwangsbehandlung eingelieferten Madchen 21 „Les- 
bierinnen** feststellte, so darf mit ziemlicher Sicherheit angenommen 
werden, daD von diesen nur ein kleiner Teil homosexuell war, wahrend 
die iibrigen .,mitmachten", also als pseudohomosexuell aufzufassen sind. 

A He die genanRten drei Gruppen homosexuell verkehren- 
der Heterosexueller haben zweierlei gemeinsam ; erstens, daB der 
homosexuelle Verkehr f lir sie nur eine vorlibergehende Episode dar- 
stellt, daU sie voUig normalempfindend bleiten und, sobaldihnen 
Gelegenheit geboten ist, ehelich oder auch auBerehelich mit dem 
anderen Geschlecht verkehren; zweitens, daB es sich in wenig- 
stens 750/0 der in Frage kommenden Personen um Jugendliche 
zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr handelt. Ein Fremden- 
legionar sagte zu Rebierre^): „Geben Sie in das Lager 5 — 6 
Frauen und wir werden wahrscheinlich unsere jetzigen Ge- 
wohnheiten aufgeben.** In alien Fallen bleibt die Heterosexu- 
alitat der unerschtitterliche Bestand ihrer Wesenheit, genau so 
wie auch die homosexuelle Wesensart und Triebrichtung durch 
pseudoheterosexuelle Akte unbeeinfluBt bleibt. Denn alle drei 
Gruppen pseudohomosexueller Heterosexueller finden ihr Seiten- 
sttick in pseudoheterosexuellen Homosexuellen. Auch unter diesen 



d) Aus Gefangnissen bei W e v , zitiert bei Ellis und Symonds 
S. 13. 

e) Aus Kasernen. Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen 
des Geschlechtssinns (1886) S. 66. E 1 1 i s u nd S y m on ds S. 10. 
Note 1. Raffalovich, Entwicklung der Homosexualitat (1895) 
S. 12. 

f) Aus der franzosischen Fremdenlegion. Cramer, Berliner klinische 

Wochenschrift Bd. 31. S. 962 (1897) und Gerichtliche Psychiatric 

S. 281 (1900). Oscar Wohrle, Der Baldamus. Cremer, 

Verlorene Sohne ; ferner Gustave Flaubert, „Salambo" VJher 

Beziehungen unter den karthagischen Soldnern. 

^) Jahrbuch f. sex. Zwischenst. Bd. III. p. 25. 

8) W. Hammer, Uber Prostitution und Homosexualitat, zugleich 

ein Beitrag zur Lehre von den Enthaltsamkeitsstorungen. Monats- 

schrift fiir Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene, Heft 11, November 



1905 



R e b i e r r e. A. a. O. 



Digitized by VjOOQIC 



195 

gibt es solche, die aus Eigennutz heterosexuell verkehren — 
man denke nur an die homosexuellen weiblichen Prostituierten 
— solche, die sich aus Mitleid oder Dankbarkeit bereit finden, 
heterosexuellen Wlinschen nachzugeben und auch solche, die sich 
mangels gleichgeschlechtlicher Personen heterosexuell betatigen, 
gewohnlich aber auch der von Phantasien begleiteten Solitar- 
onanic den Vorzug geben. Fur alle diese im Grunde homosexu- 
ellen Personen haben die heterosexuellen Erlebnisse ungefahr 
die Bedeutung onanistischer Manipulationen. Sie bilden fiir 
sie eine vortibergehende Phase und sobald sie kdnnen, stellen 
sie sich wieder auf das ihrer Sexualpersonlichkeit tentsprechende 
Sexualziel ein. Nur eine Gruppe bleibt s^hwankend, die von 
vornherein zur dauernden Bisexualitat Praf ormierten. Das Resul- 
tat der in diesem Kapitel angestellten Betrachtungen konnen wir 
aber nioht besser zusammenfassen als mit zwei Satzen Kraf f t- 
Ebings, der auch hier wieder den Kern der Sache scharf 
erfaUt hat. In dem Aufsatz liber „Weibliche Homosexualitat" 
im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen i^) schreibt er: „Es 
kann nicht genug betont werden, daB geschlechtliche Akte an 
Personen desselben Geschlechts an und ftir sich durchaus nicht 
kontrare Sexualitat verburgen. Von dieser kann nur die Rede 
sein, wenn die physischen und psychischen sekundaren Ge- 
schlechtscharaktere einer Person des eigenen Geschlechts An- 
ziehungskraft fiir eine andere haben und bei dieser den Impuls' 
zu geschlechtlichen Akten an jener hervorrufen.** 

Was die Verwechselung homosexueller Handlangen mit solchen 
betrifft, die auf ganzlich anderm Gebiete liegen, so werden 
wir im II. Teil noch darauf zuriickkommen, wenn von der gericht- 
licheu Begutachtung dieser Handlungen die Rede ist. Es gehoren 
hierzu beispielsweise Fiille wie der, in dem auf einem Berliner Bahn- 
hof ein Bereiter wegen Leichenfledderei verhaftet und auch spater 
verurteilt wurde, der sich an den Beinkleidern eines schlafenden Ma- 
trosen zu schaffen gemacht hatte. Er gab an, er habe nur aus homo- 
sexuell-fetischistischen Motiven die ihm sympathische Hose des Ma- 
trosen gestreichelt und geliebkost. Doch schenkte ihm das Gericht 
keinen Glauben. Tatsache ist, daC recht oft schon homosexuelle An- 
naherungen fiir versuchte Taschcndiebstahle gehalten wurden. Es 
kommt aber auch vor, daB Taschendiebe speziell im Gedrange auf Ur- 
ninge fahnden, sich an deren Hosen anscheinend in sexueller Absicht 
zu schaffen machen, wahrend sie ihnen in Wirklichkeit nur das Porte- 
monnaie entwenden wollen. 

Vor einiger Zeit wurde in Worms ein homosexueller Soldat wegen 
Verdachtes der Spionage verhaftet, der sich wiederholt heimlich zu 
einem Franzosen in ein Hotel begeben hatte. Uber diesen Fall hiefl 
es in der Presse: Ein eigenartiger Spionagefall beschaftigt zur Zeit 
die Berliner Kriminalpolizei. Vor kurzem wurde in Worms, wie 
seinerzeit gemeldet, ein Soldat des 118. Infanterieregimentes namens 



10) Jahrb. f. sex. Zw., p. 23. Bd. III. 

13* 



Digitized by V:iOOQIC 



196 

Fritz Z. aus Berlin unter dem dringenden Verdachte des Verrates 
militarischer Geheimnisse verhaftet. Die Anzeige hatte der 23jahrige 
Hausdieuer H. erstattet, der in Mainz im Hotel „Zum Dominikaner" an- 
gestellt war. H. hatte beobachtet, wie ein in dem genannten Hotel 
wohnender Franzose an zwei aufeinander folgenden Tagen den Besuch 
eiues Soldaten empfing, mit dem er sich einschloB. Der Hausdiener 
will bemerkt haben, daC beide in ihrem Zimmer erregt aufeinander ein- 
sprachen, daC sie im Hotelzimmer photographische Aufnahmen machten 
und daB Z. dem Franzosen ein Paket iibergeben habe. Diese Beob- 
achtungeii teilte der Hausdiener, der bis vor kurzem als Freiwilliger 
bei dem Husaren-Regiment Nr. 8 in Paderborn diente, dem Komman- 
deur des 118. Infanterieregimentes mit. Daraufhin lieB der Oberst 
das ganze Regiment antreten. Nun sollte der Hausdiener den Schul- 
digeii bezeichnen. H. fand auch den Verdachtigen heraus, der zugab, 
die Besuche in dem Hotel gemacht zu haben. Es war der Soldat Z., 
der sofort in Haft genommen wurde. Z. verweigerte lange Zeit jede 
Auskunft. SchlieBlich gab er, in die Enge getrieben, an, er sei 
homosexuell veranlagt, habe den Franzosen in Berlin kennen 
gelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen. Seinen Namen wisse 
er nicht. Z. bestreitet ganz entschieden, Spionage getrieben zu haben 
und will den Fremden nur „aus Liebe" besucht haben. Diesen An- 
gaben schenkt aber die untersuchende Behorde vorlaufig keinen 
Ulauben. Der Verhaftete hat sich nun entschlossen, die Namen einiger 
Homosexueller zu nennen, die ihn von Berlin her kennen. Diese 
Zeugen werden nun auf dem Berliner Polizeiprasidium vernommen. 
Von ihren Bekundungen wird es abhangen, ob Z., der sich bereits seit 
sechs Wochen in Untersuchungshaft befindet, von dem schweren Ver- 
dachte der Spionage sich wird mit Erfolg reinigen konnen. 

Dieser Fall steht nicht vereinzelt. Ich kenne allein aus Kiel, 
Cuxhaven und Wilhelmshaven mehr als ein halbes Dutzend Vorgange, 
in denen homosexuelle Herren besserer Stande, die sich mit Mann- 
schaften der Marine trafen und intimen Verkehr unterhielten, in Spio- 
nageverdacht gerieten. Wenn die beiden Verdachtigen zu ihrer Ent- 
lastung endlich den wahren Grund ihrer Beziehungen zugaben, kamen 
sie meist „aus dem Regen in die Traufe", indem man sie nun wegen 
homosexueller Verfehlungen verfolgte. Schon aus dem Altertum wissen 
wir von ahnlichen „Geschichten". So erzahlt Dio Cassius (67/11) 
in seinen Mitteilungen iiber Domitian, daB „ein junger Mann, 
Julius Calvaster, der, um in den Senat zu kommen, Tribunen- 
dienste tat, auf eigene Art sein Leben rettete. Er war iiberwiesen bei 
A.ntonius, dem romischen Feldherrn in Germanien, dem wegen 
einer Verschworung gegen Domitian der ProzeB gemacht wurde, 
alJein im Zelt verweilt zu haben, und konnte sich von dem Verdachte 
der Teilnahmc an der Verschworung nicht reinigen; da gab er an, sein 
Verkehr mit dem Feldherrn sei fleischlicher Natur gewesen, und wurde 
nun freigesprochen." 

Besonders haufig sind die Falle, in denen Studenten und Offi- 
ziere wegen Beleidigung zum Duell gefordert wurden, weil sie angeblich 
mit feindseligen Blicken jemanden „fixierten", wahrend sie in Wirk- 
lichkeit nur aus Verliebtheit „don Blick nicht von ihm lassen" konnten. 



Digitized by VjOOQIC 



NEUNTES KAPITEL. 

Differentialdiagnose zwischen Homosexualitflt und Bisexualitflt. 

Die Homosexualitat von der Bisexualitat abzugrenzen, ver- 

ursacht gleichfalls nicht selten erheblich© Schwierigkeiten, die 

dadurch noch vergroJJert werden, dall „bisexu©ir' bisher nicht, 

wie Homosexualit&t, ein einheitlich festgelegter Begriff ist. 

Einige, vom Standpunkt der Potenz ausgehend, nennen bisexuclJ 
Personen, die f ahig sind, auBer mit dem einen audi mit dam anderen 
Geschlechte zu verkehren. Ob dieses Konnen auf einem nach Be- 
friedigiiTig drangenden Triebe beruht, oder auf eine der im vorigen 
Abschnitt beschriebenen peripheren Reizungen zuriickzufiihren ist, 
bleibt dabei unberiicksichtigt. Andere aber, und bier ist in erster 
Linie Krafft-Ebing zu nennen — der die Bisexualitat nocb 
„p8ychischc Hermaphrodisie" nannte — betonen ausschlieBlich die 
seelische Triebrichtung ; er sagt, daC „diese Stufe der kontraren 
Sexualempfindung dadurch charakterisiert ist, daU neben ausgesproche- 
ner sexueller Empfindung und Neigung zum eignen Geschlecht, solche 
zum andern vorgefunden wird." Wenn Krafft-Ebing unmittel- 
bar darauf sagt: „aber diese ist eine^ viel schwachere und nur cpisodisch 
vorhandene, wahrend die homosexuelle Empfindung als die primare 
und zeitlich wie intensiv vorwiegende in der Vita sexuaiis zutage 
tritt,*' so ist dies insofern nicht zutreffend, als es sicher auch psy- 
chisch hermaphroditische Manner und Frauen gibt, bei denen die 
heterosexuelle Komponente die homosexuelle an Starke iiberwiegt. 
Drittens wird aber der Ausdruck bisexuell auch vielfach auf die Per- 
sonlichkeit selbst bezogen, wobei teils mehr die doppelgeschlechtliche 
Anlage, teils mehr die dauernde Doppelgeschlechtigkeit dei: Men- 
schen als Folge der zweigcschlechtlichen Zeugung durch Mann und 
Weib bet on t wird. 

Je nachdem man mehr die eine oder andere Bedeutung der 
Bisexualitat im Auge hat, wird man die M e n g e der Bisexuellen 
enger oder weiter fassen. Wer jeden bisexuell nennt, der nicht 
nur mit dem einen, sondern auch, wenngleieh ohne Libido und 
Befriedigung, mit dem anderen Geschlecht gelegentlich den 
Koitus voUziehen k a n n , wird viel mehr Menschen f iir bisexuell 
halten als der, der nur den Geschlechts t r i e b flir maligebend 
erachtet, und noch viel mehr Bisexuelle wird annehmen, wer 
die zweigeschlechtliche Anlage und Beschaffenheit des Indi- 
viduums selbst im Auge hat. Einige neuere Autoren haben sogar 



Digitized by VjOOQIC 



198 

in einer dauernden Bisexualitat des Geschlechtstriebes den eigent- 
lichen physiologischen Normalzustand, und in dem sich nur auf 
ein Geschlecht erstreckenden Trieb eine durch Verkiimmerung 
hervorgerufene Einseitigkeit erblicken woUen. So bezeiclinet 
Friedlander^) als jjKlilninerlinge** solche Manner, „deren 
Fahigkeit zur Lieblingminne durch den Sittendruck in ahn- 
licher Weise kllnstlich verkriippelt worden ist, wie die FilBe 
der Chinesinnen durch den mechanischen Druck der korperlichen 
Einzwangungsinstrumente". 

Aucb Wilhelm FlieB^) und Heinr ich Pudor^), der be- 
reits 1893 allerlei Tiefgriindiges iiber die „allgemeine Bi- 
sexualitat" auBerte, fassen den Begriff sehr weit. P u d o r sucht das 
„doppelgescblechtliche Fiihlen aus der Tatsache der korperlichen 
Bisexualitat** (p. 6) abzuleiten. Er meint, man miisse davon aus- 
gehen, dafi die Natur den Menschen nicht mit einem, sondern mit 
zwei polaren Geschlechtstrieben geschaffen babe, einem jiktiven (mann- 
lichen) und einem weiblicben (passiven). Diese beiden Geschlechts- 
triebe seien in unzahligen Varietaten prozentualiter vertreten. Nur 
duicli die Beobachtung, daB Manner nicht gebaren, sondern nur zeugen, 
Frauen nicht zeugen, .sondern nur gebaren, seien wir zu dem Fehl- 
schlufl gelangt, daB die „ Manner" genannten Menschen nur mann- 
lich, una die „Frauen" genannten Menschen nur weiblich empfinden 
konnten. Wir verwechselten physiologische und psychologische Ver- 
anlagung und Ausbildimg. An einer anderen Stelle sagt derselbe Autor : 
„Man darf heute wohl annehmen, dafl alle Menschen bis zu 
einem gewissen Grade bisexuell sind, dafl es sich bei 
Heterosexuellen und Homosexuellen nur um Gradunterschiede, nicht 
um absolute Unterschiede handelt, daB der Heterosexuelle nicht aus- 
schlieBlich heterosexuell, sondern auch homosexuell und der Homo- 
sexuelle nicht ausschliefllich homosexuell, sondern auch heterosexuell 
empfindet. Dies in tTbereinstimmung mit den Grundgesetzen des 
Naturlebens und des organischen Lebens, das keine Spriinge, sondern 
nur tTbergange kennt. Die Natur hat nicht zwei Klassen von Men- 
schen geschaffen, Heterosexuelle und Homosexuelle, sondern sie hat 
unendliche Spielarten von beidgeschlechtlichen Menschen geschaffen, 
in denen das heterosexuelle und homosexuelle Empfinden bisexuell 
in unzahligen, prozentual verschiedenen Mischungen vereinigt ist. In 
vielen Menschen ist das gleichgeschlechtliche Vermogen, in vielen 
Menschen ist die andersgeschlechtliche Anlage ganz schwach ausge- 
bildet; im ersteren Falle handelt es sich um die sogenannten Nor- 
malmenschen, im zweiten Falle um Anormale oder Homosexuelle. Aber 
auch im Normalmenschen ist homosexuelles Vermogen, wenn auch 
meist unbewuBt, vorhanden und im Homosexuellen heterosexuelle An- 
lage, wenn sie auch in diesem Falle selten an die Oberflache tritt." 
Entsprechend dieser Ansicht wiinscht Pudor, daB statt „Homosexuelle" 
„homosexuell differenzierte Bisexuelle", statt „ Heterosexuelle" „hetero- 
sexuell differenzierte Bisexuelle" gesagt werden soil und meint, daB 
den „sog. Homosexuellen" durchaus nicht, wie sie glauben, das 



1) B. Friedlander, 1. c. p. 86. 

-) Wilhelm FlieB und seine Nachentdecker O. W e i n i n - 
g e r und H. Swoboda von Richard Pfennig, Berlin 1906. 

') Bisexualitat. Untersuchungen iiber die allgemeine Doppel- 
geschlechtlichkeit der Menschen. Gegen Wilhelm FlieB. Von Dr. 
Heinrich Pudor. Berlin 1906. 



Digitized by VjOOQIC 



199 

Familiengliick verschlossen sei, da ja das ,,AVeib ira Manne" rait dem 
„Manne im Weibe" eine Ehe eingehen konne. 

In den letzten Jahren hat namentlich die Freud srhe 
Schule das Verdienst, durch das psychoanalytische Verfahren 
gezeigt zu haben, dall bei fast alien Homosexuellen eine hetero- 
aexuelle, bei den meisten Heterosexuellen eine homosexuelle 
Komponente, wenn man in der Tiefe ihrer Empfindungen und 
ihrer Vergangenheit schtirft, als verdrangter Komplex nach- 
weisbar ist. Gleichwohl erscheint es mir nicht zutreffend, an- 
zunehmen, daB scharf Heterosexuelle und ausschlieClich Homo- 
sexuelle tiberhaupt nic^ht existieren. Das steht mit den Er- 
fahrungstatsadben im Widerspruch, welche es auBer Zweifel las- 
sen, daB in der libergroBen Mehrzahl der Falle die 
Lieb e und der Gesch lech tstr ieb absolut ziel- 
sicher und zielbewuBt auf e i n Geschlecht lossteuern. 
Auf welches, das hangt bei dem einzelnen ganz von „dem Gesetz" 
ab, nach dem er „angetreten**. DaB Friedlander, Freud, 
Pudor und andere den Begriff der Bisexualtitat so weit lassen, 
hangt offenbar damit zusammen, daB sie, wie wir oben sahen, 
in den Begriff der sexuellen Liebe Neigungen einbeziehen, die 
andere als nicht erotische erachten. Mag das nun letzten Endes 
begriindet sein oder nicht, praktisch und differentialdiagnostisch 
mijssen wir daran festhalten, daB auf der einen Seite scharf 
akzentuierte Heterosexuelle existieren, die einzig und allein 
das andere Geschlecht zu lieben imstande sind, wie auf der 
anderen Seite ebenso rein ausgesprochene Homosexuelle, denen 
diese Empfindung ganzlich verschlossen ist; auBer diesen Grup- 
pen gibt es dann allerdings auch, und zwar ebenso praformiert 
und an ihrer eigenen Personlichkeit verankert, Bisexuelle, die 
unter b e i d e n Geschlechtern sexuell anziehende Personen finden, 
Pseudohomosexuelle mogen in Wirklichkeit nicht selten Bisexu- 
elle sein, und auch das, was als periodische, tardive, vor allem 
auch als erworbene oder geztichtete Homosexualitat beschrieben 
ist, fallt zumeist in den Bereich der Bisexualitat. 

Vor allem miissen wir, um eine scharfe Differentialdiar 
gnose Ziehen zu konnen, den Begriff Sexualitat in alien :drei 
Fallen, dem der Heterosexuellen, Homosexuellen und Bisexuellen 
g 1 e i c h annehmen. Wenn wir also im Beginn dieses Buches die 
Homosexualitat als die auf das gleiche, die Heterosexualitat 
als die auf das andere Geschlecht gerichtete Sexualempfindung 
definierten, fiir beide die Triebr i ch tu ng , nicht die Moglich- 
keit des Geschlechtsaktes als ausschlaggebend ansahen, so kann 
auch konsequenterweise ftir die Bisexualitat nur eine sich auf 



Digitized by VjOOQIC 



200 

b e i d e Geschlechter erstreckende Libido, nicht die blofle 
facultas coeundi maBgebend sein. 

Wir pflichten bier ganz und gar Numa Pratorius*) bei, 
der einmal in einer seiner Bucbkritiken scbreibt: 

„In V i e 1 e n Fallen sind iiberhaupt die sogen. Bisexuellen ent- 
weder Homosexuelle, die nur nacb dem Gescblecbtsverkebre mit denj 
Maune streben, aber wenn es sein muB, auch mit dem Weib ohne Ekel, 
aber ohne inneren Trieb verkehren konnen, oder Heterosexuelle, die 
iustinktiv nur das Weib zum Geschlechtsverkehr aufsuchen, die aber 
aus Gefalligkeit, Freundschaft, Eigennutz gleichgeschlechtliche Hand- 
lungen ohne Ekel, sogar mit 1 o k a 1 e m Reiz, aber ohne instinktmaBige 
Lust dulden." 

Ganz besondere Schwierigkeiten bietet diese Different ialdiagnose 
bei Jugendlichen, vom Erwachen des Geschlechtstriebes bis zum Ab- 
schluB der sekundaren Geschlechtscharaktere im Beginne der zwanziger 
Jahre. 

Schon G u t z k o w erwahnt in den „Sakularbildern" (Frankfurt, 
184G, Bd. I. S. 50) die Pubertats-Bisexualitat. Er sagt: „Gew6hnlicb 
geht der Liebe zum Manne eine oft grenzenlose Liebe zum Weibe vor- 
aus. Junge Madchen verlieben sich in altere, eine Erscheinung, die 
sich freilich auch bei den Knaben findet: wie ich mir denn bewuBt bin, 
einst als Knabe zu einem meiner Kameraden, der mir jetzt ganz fatal 
ist, die heiBeste Leidenschaft getragen zu haben." In vielen Fallen 
ist die Friihdiagnose zwar absolut sicher zu stellen. Man 
findet feminine Urninge und virile Urninden von 16 Jahre n, an deren 
homosexueller Geschlechtsnatur auch nicht der mindeste Zweifel ist, 
genau so, wie bei manchen auch die Heterosexualitat bereits in diesem 
Alter unverkennbar zutage tritt; aber oft ist es fast unmoglich, ein 
sicheres Urteil abzugeben. Erkundigt man sich bei jungen Freunden 
und Freundinnen homosexueller Manner und Frauen nach ihrer eigenen 
Triebrichtung, wie ich es in hunderten von Fallen zu tun Gelegenheit 
hatte, so erhalt man erstaunlich oft die Antwort: „Wir wissen es selbst 
noch nicht.**' Man muB dabei allerdings beriicksichtigen, daB viele 
sich fiir bisexuell oder unentschieden ausgeben, weil sie sich genieren, 
homosexuell zu verkehren, ohne es zu sein, oder auch weil sie die 
Bisexualitat fiir weniger „anriichig" halten wie die Homosexualitat. 
Aber hiervon abgesehen gibt es doch recht zahlreiche Personen, bei 
denen noch fiinf und mehr Jahre nach der Reife der Geschlechtstrieb 
in seiner Richtung nicht fest normiert erscheint. Er verhalt sich in 
dieser Hinsicht alien anderen Geschlechtsmerkmalen voUig analog. 
Sehr rich tig bemerkt Iwan Bloch^) „Der psychischen Bisexualitat 
entspricht oft genug die korperliche, eine leicht madchenhaf te Niiance 
beim Knaben, eine leicht knabenhafte beim Madchen, der Typus des 
traumerischen Jiinglings und des wilden Backfisches." 

Genau so wie die primaren Geschlechtscharaktere vor ihrer Fixie- 
ruug eine geraume Zeit in einem unterschiedslosen Zustand persistieren, 
den man als eingeschlechtlich oder ungeschlcchtlich bezeichnen konnte, 
wenn man nicht aus seiner Vorgeschichte und zukiinftigen Gestaltung 
wiiBte, daB er, in der Zusammenfassung des vom Manne und Weibe er- 
erbten, eigentlich doppelgeschlechtlich ist — genau so, wie 
von der Geburt bis zur Reife die sekundaren Geschlechtscharaktere, 
wie Kehlkopf, Milchdriise, Behaarung, undifferenziert verharren, bis sie 
sich nach der einen oder anderen Richtung entfalten — wie schlieBlich 
jedes Organ unseres Organismus durch die Doppelgeschlechtlichkeit 
hiudurch zur Geschlechtlichkeit gelangt, ebenso ist es mit denjenigen 



*) Jahrbuch f. sex. Zw. IX. Jahrg. 1908. pag. 506. 

•') Iwan B 1 o c h , Das Sexualleben unserer Zeit. p. 596. 



Digitized by VjOOQIC 



201 

Teileii des Nervensystems, in denen der Geschlechtssinn und der Ge- 
schlechtstrieb ihren Sitz haben. 

Von Schilderungen bisexueller Neigung im jugendlichen • Alter, 
dereu ich eine Anzam besitze, will ich wenigstens ein Beispiel geben, 
einen Bericht, in dem ein liberwiegend heterosexneller Jiingling von 
20 Jahren, der mit einem alteren homosexuellen Mann in einem harmo- 
nischen Freundschaftsverhaltnis zusammenlebt, seine Empfindungen 
niedergelegt hat. Er schreibt: 

„Tch bin zurzeit 20 Jahre alt, mittelgroB, sehr kraftig, voll- 
kommen mannlicher Erscheinung und hochst mannlichen Charakters, 
schroff, energisch, ohne jede Spur von Weichheit oder Weiblichkeit, 
verschlossen, unzuganglich, dabei zu tollen Streichen — je mehr 
Lebensgefahr, desto besser — geneigt, fast libermaBig selbstandig, 
selbstbewufit. Was mein sexuelles Leben aniangt, so ist dasselb« 
ziemlicL fruh erwacht. Ich habe mich etwa von meinem 10. Jahre ab 
sowohl mit Madchen als auch mit Knaben sexuell vergnugt, anfangs 
ohne, seit meinem 13. Jahre mit Ejakulation onaniert. Stets fdhlte 
ich mich dabei ganz und gar als der dominierende, mannliche Teil. 
Etwa um mein 16. Jahr wurde ich durch Freunde zu offentlichen 
Dimen gefiihrt, mit denen ich den Koitus mit vollster Potenz, aber 
ohne rechten GenuB vollzog. Seitdem habe ich selten, im eanzen 
etwa lOmal, mit kauf lichen Weibern verkehrt, aber nieaus eigentlichem 
Verlangen, sondern nur aus Neugier oder . um in Gesellschaft mitzu- 
machen. Nie ging ich allein zum Weibe, sondern nur mit Freunden 
und in tknimierter Stimmung. Diese Enthaltsamkeit resultiert zum Teil 
aus einer gewissen scheuen Zuriickhaltung meines Wesens, die mir die 
Annaherung an Menschen iiberhaupt erschwert, zum Teil aus einer 
stark ausgepragten asthetischen Empfindsamkeit, die mich auch bei 
der sexuellen Auswahl stark beeinfluBt. Nur ein s c h 6 n e s Weib 
kann mich erregen. Die betreffende muB mittelgroB, schlank, kraftig, 
dunkel, lebhaften, gefalligen Wesens sein. Sie soil in jeder Beziehung 
mir unterwiirfig ersoheinen, darf also mich weder an GroBe, noch 
an Geist iibertreffen. Die Schilderung Lessings „das Madchen" paBt 
so ungefahr auf mein Ideal. In zweiter Linie zieht mich das mann- 
liche Geschlecht an. Sehr stark wirkt auf mich hohe Intelli^enz, 
ruhige Guto und Vornehmheit des Auftretens. Demgegeniiber spielen 
die asthetischen Momente nicht die Rolle wie beim Weibe, wenn ich 
allerdings auch nicht zu einem, in korperlicher Beziehung geradezu ab- 
stoBenden Manne, in nahrere Beziehungen zu treten vermochte. Liegen 
in letzterer Hinsicht keine Hemmungsgriinde vor, so bin ich fahig, 
auf Grund langerer Bekanntschaft und einer so begriindeten seelischen 
Attraktion einem Manne wirkliche erotisch-seelische Zuneigung ent- 
gegenzubringen. Freilich vermute ich, daB in rein sexueller 
Beziehung der Reiz des Weibes doch groBer sein wiirde, aJs jemals 
ein Mann, selbst der geliebteste ihn ausuben konnte. Aber ich kann 
hieruber keine bestimmten Feststellungen treffen, da ich bisher noch 
nie ein mich sexuell wirklich anziehendes Weib gefunden habe. So 
habe ich denn bisher wirklichen v o 1 1 e n GeschlechtsgenuB nur bei 
einem etwas alteren, zart und schlank gebauten jungen Manne gefuhlt, 
der im iibrigen durchaus mannlich, intelligent, aber mir gegeniiber von 
etwas weiblicher Hingebung und iiberdies in korper- 
licher Beziehung von einer fast madchenhaften Zier- 
lichkeit ist. Nicht die letztere als solche, sondern ihre Ver- 
bindung mit mannlicher Denkungsart zieht mich seelisch an. Ich 
resiimiere mich dahin, daB ich m rein sexueller Hinsicht etwa zu 
70 o/o zum Weibe, zu 30 o/o zum Manne neige. In beiden Fallen handelt 
es sich um eine wirkliche vorhandene Zuneigung seelischer und sinn- 
licher Natur. Das habe ich von jeher mit volliger Klarheit gefdhlt. 
Die Empfindungen vor dem Akte waren dem Weibe gegeniiber wesent- 
lich animalisch. Dem Manne gegeniiber, d. h. dem geliebten !Manne 



Digitized by VjOOQIC 



202 

gcgenuber, waren sie mehr raenschlich, sicher aber wiirde eincm g e- 
1 i e b t e n Weibe gegeniiber das Gleiche der Fall gewesen sein. Die 
Empfiudungen bei und nach dem Akte hangen von der seelischen 
Zuneigung ab, die ich dem Betreffenden entgegenbringe. Den bisher 
vou mir gegen Geld gebrauchten Weibern gegeniiber habe ich stets 
Abscbeu empfunden. Nicht so bei einem geliebten Wesen, sei 
es Weib, sei es Mann." 

Man wird gut tun, bis zum Beginn der zwanziger Jahre 
mit der Diagnose Homosexualitat ganz besonders zuriickhaltend 
zu sein. Ahnlioh wie man in vielen Fallen von Hermaphroditis- 
mus externus mit der Entscheidung ob Mann oder Weib warten 
mu6, bis die sekundaren Geschlechtscharaktere differenziert sind, 
wird man bei vielen Jtinglingen und Jungfrauen ein sicheres 
Urteil iiber die Frage homosexuell oder heterosexuell erst ab- 
geben konnen, wenn die postpubische Bisexualitatsperiode als 
vollig abgeschlossen angesehen werden kann. Man muJJ sich 
also exspektativ verhalten, aus praktischen Grtinden vorderhand 
Heterosexualitat annehmen (und nac'h Moglichkeit fordern), 
ohne sich allerdings der Illusion hinzugeten, als ob durch irgend- 
welchen EinfluU von auBen, der Trieb nach der einen oder ande- 
ren Seito gedrangt werden konne. 

AVie lange oft die Entscheidung schwankt, moge das folgende 
Beispiel — Bekenntnis eines gebildeten homosexuellen Kaufmannes — 
zeigen : 

„Im Alter von 20 — 30 Jahren war ich nacheinander in vier bis 
fiinf M a d c h e n verliebt. Die Anregung dazu ging jedoch meist von 
ihnen aus, und weiter als bis zum Kiissen ist es nie gekommen. Es fie) 
mir dabei auf, daB sich beim Madchenkufl keine rechte sinnliche Er- 
regung einstellen wollte, was beim Kiissen von gleichaltrigen Freimden 
stets der Fall war. Vom 23. Jahre ab verkehrte ich mit langeren oder 
kiirzeren Pausen regelmafiig mit weiblichen Prostituierten und hatte 
dabei auch einen gewissen GenuB. Dabei beherrschte mich aber stets 
eine unaussprechliche Sehnsucht nach etwas Besserem, nach „dem 
groBen unbekannten Freund", der mir alles ware, fiir den ich den 
letzten Blutstropfen hinzugeben bereit ware. Die Verwirklichung dieses 
Traumes schien jedoch von Jahr zu Jahr in weitere Feme zu riicken. 
Im Alter von 27 Jahren wollte mich eine junge hiibsche Frau zu ihrem 
Hausfreund machen. Ich lieB mir die Sache anfangs gefallen, raachte 
ihr den Hof, es kam zu Mondscheinpromenaden mit Kiissen, welch* 
letztere mir aber eher unangenehm als angenehm waren, und als end- 
lich einmal die von ihr ersehnte Gelegenheit sich bot, muBte ich zu 
meiner Beschamung entdecken, daB sich bei mir keine Spur von sinn- 
lichem Verlangen zeigte. Sie nannte mich einen ,,Ritter Toggenburg" 
und suchte sich einen anderen. Mein Gemiitszustand wurde nun von 
Jahr zu Jahr trostloser. Ich begann mich mit der Frage vertraut zu 
machen, ob es nicht besser sei, einem so freudlosen, zwecklosen Da- 
sein freiwillig ein Ende zu machen, als ich einen jungen Mann kennen 
lernte, der die gliinzendste Erfiillung meiner heiBen Sehnsucht war; 
seit dieser Zeit wiirde ich es als einen Verrat an meinem Geliebten 
und mir selbst empfinden, wenn ich irgendwie mit einem Weibe in 
geschlechtliche Beriihrungen treten wiirde. Mein Verhaltnis zu den 
„anstandigon** Madchen und der jungen Frau, die mich verfiihren 
wollte, war nur Freundschaft, der Verkehr mit den Freudenmadchen 
nur ein mechanischer Reiz. Er erfiillte mich mit einem gewissen Stolz, 



Digitized by VjOOQIC 



203 

griff mich aber korperlich sehr an. Der geschlechtliche Verkehr mit 
meinem Liebling endlich gewahrt mir die groBte Lust, die ich mir 
denken kann, und laBt naohtraglich weder korperlich noch seelisch 
das leiseste Unbehagen zunick. Ich fiihle mich im Gegenteil gesiinder 
und arbeitsfreudiger als zuvor, so daB es keinem Zweifel unterliegen 
kann, daU diese Art des Geschlechtsgenusses fiir meine Natur die 
einzig richtige ist." 

Ich kenne Beispiele, in denen die Selbstdiagnose j,Homo- 

sexualitat" noch viel spater erfolgte, wie in dem soeVen mit- 

geteilten; wir sehen an diesem Falle ferner — und auoh hier- 

fiir k6nnte ich manche kasuistische Unterlage beibringen — 

wie erst der Unterschied in den Empfindungen und dem 

Verhalten vor, wahrend und nach dem Verkehr die Diagnose 

vergleichsweise verstattet. Das geht so weit, daJJ Personen, 

die sich lange Zeit ftir bisexuell, ja heterosexuell iiielten, nach- 

dem sic homosexuell verkehrten, voUig ihre BisexualitUt leugnen. 

Auch hierfiir ein typisches Beispiel; ein Gewahrsmann schreibt: 
„Ich liebte Manner von 26 Jahren ab, mit Sohnurrbart, aber 
keineu VoUbart; Soldaten, am liebsten Unteroffiziere, auch Leute aus 
gewohnlichem Stande, aber keine vomehmen Herren oder Strichjungen. 
Setatigung hat mit beiden Geschlechtern stattgefunden, in den letzten 
zehn Jahren nur mit dem mannlichen. Die Empfindung nach dem Akte 
mit der Frau gewahrte keine Befriedigung, ich konnte sie nachher nicht 
langer mehr oei mir dulden, sie mufite dann sofort aus dem Bett. 
Eusse tauschte ich viel lieber und inniger mit dem Manne, der mir 
gefallt, Frauen gebe ich nur den kalten PflichtkuB. Ich bin ver- 
heiratet gewesen, da ich vorher nicht klar war iiber meine Natur, sonst 
hatte ich nie geheiratet. Hatte zwei Knaben; einer tot, einer lebt. 
Bin von der Frau eeschieden; sie weiB um meincn Zustand und ver- 
urteilt ihn jedenfauls, habe mit ihr nie dariiber geaprochen. B i- 
sexualitat halte ich fiir einen Zustand der Unwissen- 
heit und der Furcht. Wenn man sich erst iiber seine Natur 
klar geworden ist, und wenn man sich genau fragt, so gibt es nur 
das eine oder das andere. Jetzt halt einen vielfach die alte Anschau- 
ung, Gewohnheit oder auch Denkfaulheit ab, um sich uber sein Ge- 
schlechtsempfinden klare Rechenschaft zu geben. Ist man aber erst 
mit sich im reinen, dann wird man nur noch fiir das eine Geschlecht 
empfinden." 

Die Bedeutung dieser Auslassung liegt im Subjektiven. 
Wenn Schreiber indessen, wie so viele Mensohen auf sexu- 
ellem Gebiete, aus seinen Erlebnissen ein objektives Prinzip 
von allgemeiner Gliltigkeit abzuleiten bestrebt ist, so konnen 
wir ihm darin nicht folgen, denn es kann keinem Zweifel unter- 
liegen, daB die Bisexualitat durchaus* nicht immer ,,,ein Zu- 
stand der Unwissenheit und Furcht** ist, sondern daB Falle von 
dauernd doppelgeschlechtlicher Neigung existieren. 

Ulrichs erwahnt in Formatrix (1864) solche unter der Uber- 
schrift: „Uranodionaismus" § 81. Er sagt hier: „So kann ich mich 
namentlich nicht langer versperren gegen die sich mir aufdrangende 
Uberzeugung, daB es I)oppelnaturen gibt, welche fiir Manner wie fiir 
Weiber Liebe empfinden. N e r o s und Commodus* Doppelliebe 
diirfte durch die Klassiker hinlanglich beglaubigt sein. Nach seinen 



Digitized by VjOOQIC 



204 

Liebesgedichten an Lydia und Ligurinus zu schlieBen, scheint auclj 
Horaz hierher zu gehoren. Auch aus der Gegenwart kenne ich Bei- 
spiele. Einer (aus dem nordlichen Kurhessen) tragt an Korper- wie 
an Gemiitsart einen ausgepragt mannlichen Geschlechtshabitus. Er 
liebt Madchen wie Burschen, weit iiberwiegend jedoch Burschen. Einee 
anderen (eines Bayern) Gemiitsart und Benehmen ist weiblich, wenn- 
gleich nicht gerade von entschiedener Auspragung. Derselbe war in 
seiner Jugend verheiratet mit einem jungen, sehr schonen Frauen- 
zimmer, welche sehr friih starb. Dieselbe will er innig geliebt haben. 
Jetzt liebt er, und zwar wie mir scheint mit wirklicher Liebe, Burschen, 
namentlich Soldaten. Ein Dritter (in Norddeutschland, in B.) mann- 
lichen Benehmens liebt beides ganzlich mischweise usw." 

Seit Ulrichs sind viele Falle bisexuellen Fiihlens bei 
Mannern und Frauen beschrieben worden, wenngleioh die uns 
iiber die Bisexualitat zur Verfligung stehende Gesamtliteratur 
nicht den Umfang hat, wie die tiber die mannliche und weib- 
liche Homosexualitat. Deutlich tritt aus ihr folgendes hervor: 
Aiif der einen Seite stehen Iiberwiegend heterosexuelle Manner 
und Frauen mit homosexuellen, auf der anderen vorwiegend 
homosexuelle mit heterosexuellen Einschlagen. Erwachsene Per- 
sonen mit volliggleicher Triebstarke naeh beiden Geschlech- 
tern dUrften selten sein. Auch das klassische Beispiel aus dem 
Altertum, Julius Casar, von dem Curio das oft genannte 
Wort aufbrachte: „er sei aller Weiber Mann und aller Manner 
Weib gewesen**, ist mehr Satire als Wirklichkeit. Am ver- 
standlichsten sind unter den Bisexuellen diejenigen, die einen 
Typus lieben, welcher sich unter beiden Gesehlechtern vorfindet; 
es sind teils mehr Heterosexuelle, die das sie am Madchen An- 
ziehendc nicht nur unter diesen, sondern auch in fjewissen 
Jlinglingstypen empfinden, teils mehr Homosexuelle, die das 
Jlinglingshafte, was sie anzieht, nicht nur im Jiingling, son- 
dern auch in manohen Madchengestalten wahrnehmen. 

Einer von letzteren sagte mir einmal: „Ich liebe Madchen, aber 
nur, wenn sie groBe Ahnlichkeit mit ihren Briidern haben** ; und ein 
anderer, der sich zu beiden Gesehlechtern nahezu gleich stark hinge- 
zogen fiihlt, schreibt: „Ich erinnere mich eines Geschwisterpaares, eines 
Jiinglings und eines Madchens, in die ich mich in einem Badeort zu- 
gleich verliebte; in den wochentlich stattfindenden Tanzunterhaltungen 
schwelgte ich in ihrem Anblick, wenn sie gelegentlich zusamraen 
tanzten, und wuBte wahrhaftig nicht, welches von beiden meine Sinne 
mehr gefangen nahm." 

Wiederholt sind Falle zu meiner Kenntnis gelangt, in denen sich 
Homosexuelle mit jungen Madchen verlobten, zu deren Briidern sie sich 
sexuell hingezogen fiihlten; einige auch, in denen homosexuelle 
Madchen den Antrag von Mannern annahmen, deren Schwestern sie 
liebten. 

Vor einigen Jahren vergiftete sich ein homosexueller Aristokrat. 
Er hatte sich in einen jungen Mann verliebt, der vollig heterosexuell 
war. Um ihn sich zu attachieren, heiratete er seine Schwester, die 
ihm ahnlich sah. Die biirgerliche Familie des Freundes hatte seine 
haufigen Besuche ohnehin auf die schone Tochter bezogen. Die Ehe 



Digitized by VjOOQIC 



205 

fiel ungliicklich aus. Der Homosexuelle war ganzlich unfahig mit dem 
gesunden, leidenschaftlichen Madchen sexuell zu verkehren. Der 
Schwager, in den er verliebt war, niitzte ihn, ohne ihn zu erhoren, iD 
unglaublichster Weise aus. Er konnte ihm nichts abschlagen, trotzdem 
er sah, wie sein bis dahin sparsam verwaltetes Vermogen in leicht- 
sinnigster Weise verschwendet und verspielt wurde. Nachdem er sein 
Rittergut verkauft hatte, um schliefilich vollig ruiniert zu werden, 
machtc er, von seiner Frau als impotent, von seinem Freund als 
anormal verhohnt, seinem gescheiterten Dasein durch Gift ein Ende. 

Noch ein ahnliches Beispiel will ich anfdhren, eine Anfrage, die 
ich vor langerer Zeit erhielt: 

„Ich bin verlobt, 22 Jahre alt, habe mich in meinen jetzigen 
Schwager verliebt, und verlobte mich nur deshalb mit seiner Zwillings- 
schwester, weil diese ihm auBerordentlich ahnlich sah, und mir auBer* 
dem durch die Verlobung die Moglichkeit gegeben war, mit meinem 
Freunde zusammen zu sein, auch wufite ichim Anfang nicht, 
wen ich mehr liebte. Ich merkte dies erst daran, daB ich bei 
Abwesenheit viel groBere Sehnsucht nach meinem Schwager, als nach 
meiner Braut hatte, auBerdem daran, daB ich geschlechtliche Er- 
regungen hatte, wenn ich ihn kiifite, die ausblieben, wenn sie mich 
kiiBte. Mein Fall ist groB, schlank, dunkel, kleiner Mund, kleine 
Hande und FiiBe, elegant, aus gutem Hause. Zuerst sehe ich auf die 
Augen, dann auf die FiiBe. Trotzdem beide die gewiinschten Eigen- 
schaften haben, ist mein Gefiihl zu meinem Schwager doch ganz anders 
als zu seiner Schwester. Warum, weiB ich nicht, doch merke ich, daB, 
seitdem beide alter werden, (sie sind jetzt 19 Jahre) und die Ahnlich- 
keit abnimmt, — mein Freimd hat jetzt schon einen kleinen Schnurr- 
bart — die Liebe zu meiner Braut ab- und zu meinem Freunde zimimmt. 
Ich mochte wissen, ob ich unter diesen Umstanden die Ehe mit 
meiner Braut eingehen darf." Ich antwortete dem Frages teller, daB 
er sich noch einige Zeit abwartend verhalten soUe, doch sei er 
hochstwahrscheinlich zur Ehe nicht tauglich. 

Im allgemeinen iibertragt sich die Liebe des homosexuellen Mannes 
vom Bruder auf die Schwester, bei der homosexuellen Frau von der 
Schwester auf den Bruder. Einen Fall, in dem es sich umgekehrt ver- 
halt, schildert Adolf W i 1 b r a n d t *a) in „Fridolins heimliche Ehe". 
In dieser nach dem Leben geschilderten Geschichte springt die starke 
Liebe, welche der Professor der Kunstgeschichte Fridolin fiir Ottilie 
empfindet, bei der ersten Begegnung mit dem ihr sehr ahnlichen 
Bruder Ferdinand auf diesen iiber. Er sagt zu ihm, den er seinen 1 1 i ^ 
1 i u 8 nennt*b) : „Sie sind eine andere Ausgabe von ihr, eine Cbersetzung 
in die festere, straff ere Sprache der Mannlichkeit." Spater heiBt es 
dann weiter^c): „P16tzlich fiel ihm Ottilie ein. Es fiel ihm ein, daB 
er sie ja liebe." Aber welche Veranderung. Es tat ihm nichts dabei 
web. Er ftihlte keinen Schmerz. Da saB er wieder: der Junggesell 
Fridolin, der nicht heiraten soil und auch nicht heiraten mochte; 
nicht mehr der Graf lament, der um ein Madchen seufzt, sondern der 
Professor Sokrates, der Menschen wirbt, der sich in eine werdende 
Jun^lingsseele vertieft. Er sah gleichsam sich selber zu und muBte 
lacheln. Es war ihm, als erblickte er hinter einem Schleier das auf 
ihn geheftete stille, weise Auge der Natur, das ihm lautlos sagte: 
„Siehst du, mein Sohn, so spiele ich dir miti Vom Madchen weg 
locke ich dich zum Jiingling und von dem fiihre ich dich zu dir 
s e 1 b s t zuruck." — 



%) Wilbrandt, Adolf, Fridolins heimliche Ehe. Nach Er- 
innerungeu und Mitteilungen erzahlt. Dritte Aufla^e. Stuttgart, Verlag 
der J. G. Cottaschen Buchhandlung Nachfolger 1899. 

%) L. c. p. 186. 

fie) L. c. p. 187/8. 



Digitized by VjOOQIC 



206 

Ob nicht auch die seltsame Sitte in Queensland, nach der, wie 
Walter Koth«) berichtet, a husband, during the absence of his 
wife, has bestial rights over her younger brothers in dieser bisexuel- 
len Geschwisterliebe ihre biologische Wurzel hat? 

Diesen bisexuellen Mannern, die das Virile im Madchen, 
das Feminine im Jlingling lieben, sind analog die bisexuellen 
Frauen, die weiblich „angehauchte*' Manner und mannlieh ge- 
artete Frauen lieben, don Mannern gegentiber in gewissem Sinne 
homosexuell, den Frauen teilweise heterosexuell gegentiberstehen, 
in Wirkliehkeit demnaoh. audi bisexuell sind. Hier sind auch 
die zahlreichen mehr normalsexuellen Madchen einzureihen, 
welche sich zwar wesentlich zu Mannern, aber doch auch ziem- 
lich stark zu dem Mannlichen im homosexuellen und virilen 
Weibc hingezogen ftihlen, sie entsprechen wiedorum den jungen 
Leuten, welche zwar hauptsachlich weibliebend sind, zugleich 
aber doch auch.eine Neigung zu homosexuellen Mannern haben, 
die eie zum mindesten nicht so abstoUen, wie sie der stark 
virile normalgeschlechtliche Mann abstoBen wtirde. 

Es ist vorgekommen, daB jemand sich in einen als Madchen 
verkleideten Jiingling oder ein als Mann verkleidetes Weib verliebte. 
Bei bisexuellen Naturen pflegt diese Neigung bei der Euthiillung anzu- 
halten, nicht so bei „unvermischten Uraniern", wofiir schon Ulrichs 
(IL 72) ein gutes Beispiel anfiihrt. Aus Pest wird der folgende Fall 
gemeldet : Die Frau eines 24 jahrigen Geigers verliebte sich in den 
jungen Violoncellisten seiner Kapelle. Umsonst ermahnte man die 
Frau IL, daC der Violoncellist eigentlich ein Madchen sei, die Frau 
verliebte sich mehr und mehr in Bela K. und erklarte rundweg* ihrem 
Gatten, daB sie ihn verlassen werde, um den Violoncellisten mit ihrer 
Liebe zu begliicken. Der verzweifelte Gatte wandte sich zuletzt an 
die Polizei, und es wurde offiziell konstatiert, daB der Violoncellist 
kein Mann, sondern ein Madchen ist. 

Ein ahnlicher Fall findet sich in „Burchards D i ar iu m**6a): 
Ein paar Tage zuvor (Anfang April 1498) hatte man eine Kurti- 
sane, d. h. eine ehrbare Dime, namens Cursetta, ins Gefangnis ge- 
worfen, die einen Mauren zum Freund hatte, der sich in Frauenkleidern 
bewegte, sich die spanische Barbara nannte und mit ihr verkehrte. 
Deshalb wurden beide zur Strafe des Argernisses zusammen durch 
die Stadt gefiihrt, sie in einem von oben bis unten offenen, ungegiir- 
teten schwarzen Samtkleid, der Maure in seinem Frauengewand, das 
bis zum Hemd, d. h. bis zum Nabel aufjgeschiirzt war, so daB jedermann 
seine Genitalien sah und seinen Betrug erkannte ; dabei waren ihm die 
Arme iiber den Ellenbogen fest auf dem Riicken zusammengeschniirt. 
Nach dem Umzug lieB man die Cursetta laufen; der Maure wurde ein- 
gekerkert und endlich am Samstag, 7. April 1498, aus dem Gefang- 
nis der Torre di Nona mit zwei andern Raubern herausgefiihrt, wo- 
bei ihnen ein Sbirre auf einem Esel voranritt, der auf der Spitze 
eines Stockes die beiden Hoden angebunden trug, die man einem 
Juden herausgeschnitten hatte, well er sich mit einer Christin ver- 
gangen hatte. Sie wurden auf das Flora-Feld gebracht und die beiden 

«) Walter E. Roth: Notes on Government, Morals and Crime, 
in North Queensland Ethnography, Bulletin Nr. 8, November 1905. 
Brisbane 1906. 

6a) Ci. Ludw. Geiger. Alexander VI. u. sein Hof. S. 190 f. 



Digitized by VjOOQIC 



207 

Hauber hier aufgehangt. Der Maure wurde auf einen HolzstoB gestellt, 
am Stamm ^eines Gak^ens getotet, bekam einen Strick um den Hals, 
mit dem er an dem Stamm fest angeknebelt wurde. Dann wurde der 
StoB angeziindet, der aber wegen eines losbrechenden Regeus nicht 
recht brennen wolUe; nur die Schenkel verkohlten. — 

Von Grillparzer wird erzahlt, dafi er nur ein einziges Mai 
fiir ein weibliches Wesen Liebe empfand. Dieses Gefiihl weckte in ihm 
eine junge Sangerin, die er in einer Hosenrolle als Cherubim in 
M o z a r 1 8 „Figaro" gehort hatte. Das ist kein vereinzelter Fall. Ich 
habe oft wahrgenommen, einen wie starken Eindruck transvestitische 
Madehen, gleichviel, ob homosexuell oder heterosexuell geartet, auf 
manche Urninge ausuben. Ein in der Berliner Urningswelt beliebter 
Kavallerieleutnant iiberraschte eines Tages seine Bekannten mehr nocb 
wie mit der Anzeige seiner Verlobung mit der Nachricht, daU er vollig 
heterosexuell geworden sei. Die Mitteilung wurde v'ielfach bezweifelt, 
gewann allerdings dadurch an Wahrscheinlichkeit, daB schon friiher 
sein Fall in Frauenkleidern lebende Jiinglinge gewesen waren. 

Hier mochte ich auch noch eine feinsinnige Bemerkung Frank 
Wedekinds^) anfiihren : „Der Dichter, seinera Berufe ent- 
sprechend, im wesentlichen rezeptiv, verfallt leicht darauf, an einer 
Frau nicht dasjenige zu lieben, was sie Weibliches, sondern was sie 
ManDliches an sich hat." 

Es gibt aber auch Bisexuelle, die nicht nur verwandte 
Typen und unter diesen solche mit wenig stark ausgepragten 
Sexualcharakteren (manche sagen dionysische) lieben, sondern 
die sich zu Mannern und Frauen hingezogen ftihlen, die unter- 
einander ganz unahnlich erscheinen und zudem ausgesprochene 
Vertreter ihres Geschlechts sind. Geht man aber der Sache auf 
den Grund, so wird man meistens dann doch ' gewisse Eigen- 
tumlichkeiten herausfinden, die den fesselnden Einzelindividuen 
beider Geschlechter gemeinsam sind, beispielsweise eine gewisse 
Art sich zu bewegen, zu lacheln, sich zu kleiden. Es scheint, 
als ob in solchen Fallen die partielle Attraktion wesentlich 
starker ist als die totale. 

Manchmal ist es ungemein schwer, etwas Typisches bei den an- 
scheinend so verschiedenen Personen herauszufinden. So hat ein 
Professor, den ich gut kenne und dessen Geschmacksrichtung ich ziem- 
lich genau verfolgen konnte, einerseits sexuelle Vorliebe fiir jugend- 
frische Manner mit kleiijen Schnurrbarten, teil/3 mehr eleganten, teils 
mehr aus dem Volke, andrerseits Neigung zu Madehen mit drallen 
Formen, roten Backen, vulgaren Manieren, Bauernmadchen, Arbeite- 
rinnen, Dirnen. Er verkehrt sexuell mit beiden. 

Cber den Grad der Zuneigung schreibt er: „Die Zuneigung zum 
Manne ist starker als zum Weib. Durchschnittlich konnte ich sagen, 
sie ist doppelt so stark. Doch laBt sich dies kaum auf diese allge- 
meine Weise ausdriicken. Eine mich stark reizende Frau wird mich 
starker reizen, als ein Mann, der nicht „mein Fall" ist, und ich wahle 
lieber ein mir behagendes Weib, als einen Mann, der mir nicht ge- 
fallt. Aber unter den Mannern finde ich viel ofter sexuell wirkende 
Typen, als unter den Weibern, andrerseits ist die Sehnsucht nach 
dem mich reizenden Manne groBer, als nach der mich reizenden Frau. 
Den Verkehr mit dem Weibe kann ich vollig entbehren, den mit dem 

») Die Fackel, Wien, Nr. 205, VIII. Jahrgg. II. Juni 1906. 



Digitized by VjOOQIC 



208 

Manne nicht, letzteres ware Unmoglichkeit I" 0ber die Art seiner 
Empfindungen auBert er sich: „Ein langeres Verweilen, ein langeres 
Anschmiegen und Sichversenken ist beim Manne viel eher moglich, 
als beim Weibe. Die Vereinigung mit dem Weibe kann nicht das 
Gefiihl der Einheit, des Zusammengehorens, des Verschmelzens in 
dem MaaBe hervorrufen, wie mit dem geliebten Manne. Insbesondere 
wirkt die Erinnerung an den Akt wonltuender, befriedigender nach 
dem Akte mit dem Manne als nach dem mit dem Weibe. Die Art der 
Befriedigung ist die gleiche. Beim Manne ist gewohnlich ein Plus 
fiir den Keiz vorhanden, das Feurig-Mannliche, das SiiB-Herbe, das 
zu entbehren mir unmoglich, wahrend das Lieblich-Anziehende des 
Weibes der nervenpackenden, bezwingenden Gewalt ermangelt." 

Eine Erklarung fiir die Fixierung an so verschiedene Typen 
unter dem mannlicnen und weiblichen Geschlecht ist in dem vor- 
liegenden Falle vielleicht darin zu finden, daB der Herr, um den es 
sich handelt, „KuBfeti8chist" ist, ferner schien es mir, als ob den 
ihm zusagenden Objekten ein schwer zu definieitender Gesichtsaus- 
druck, in dem sich eine gewisse kecke Natiirlichkeit mit naiver Be- 
sohranktheit eigenartig mischten, gemeinsam war. 

Es gibt auch bei beiden Geschlechtern eine gewisse Art 
Bisexueller, deren fomininer Komponente es wohltuend ist, sich 
von einem ^Iteren Manne oder einer ^Iteren Prau liebfen zu 
lassen, denen sie sich passiv gem hingeben; gleichzeitig drS.ngt 
sie aber eine in ihnen vorhandene virilere Komponente auch 
zu jiingeren m&nnlichen oder weiblichen Individuen, die sie 
mehr aktiv lieben; ich beobachtete folgende vier Kombina- 
tionen. Ein bisexueller Mann oder eine ebenso veranlagte Frau 
neigt passiv zu alteren Frauen, aktiv zu jungen Mannern oder 
passiv zu alteren Frauen, aktiv zu jungen Madchen, oder j)assiv 
zu filteren, aktiv zu jiingeren Mannern oder passiv zu alteren 
Mannern, aktiv zu Madchen. 

Sind beide Triebrichtun^en vorhanden, so sehen wir nicht 
selten, dafi in spateren Jahren — oft ist dies schon nach dem 
dritten Lebensjahrzehnt — die urspriinglich scliwachere zu- 
riicktritt und schwindet, wahrend die von Anfang starkere 
Libido mehr in den Vordergrund tritt. Es hangt das oft mit dem 
allgemeinen Nachlassen der Sexualitat zusammen. Nehmen wir 
einmal an, um einen zahlenmaJJigen Anhalt zu haben, jemand 
ware zu 75<yo homosexuell, zu 25o/o heterosexuell 'gewesen und 
seine beiderseitigen Libido und Potenz verringern sich um 
20 — 250/0, so kann die Folge davon sein, dafl die heterosexuelle 
Komponente nahezu erlischt, wahrend die homosexuelle in der 
absolut noch immer betrachtlichen Starke von 50<yo erhalten 
bleibt. Viele haben nun naturgemafi aus aufieren Motiven zu- 
nachst die Heterosexualitat betfitigt, sind vielleicht auch, um 
sie besser zu pflegen, eine Ehe eingegangon, bis sie dann wahr- 
nehmen, daB die homosexuelle Neigung keineswejs erloschen 
ist, vielmehr mit Gewalt unterdrtickt, ^usgue recunet". Geten 



Digitized by VjOOQIC 



209 

sie dann dem lange verdr^ngten Triebe nach, so erwecken sie 
leicht den Anschein, als liege ein beabsichtigter tJbergang von 
einem zum anderen Geschlecht, „tradive" oder erworbene 
Homosexualitat vor, wahrend es sioli in Wirklichkeit nur um 
Erscheinungsfonnen der Bisexualitat handelt. In seiner letzten 
Arbeit, in der Krafft-Ebing die Resultate jahrzdintelanger 
Erfahrung zusammenfaBt^), sagt er: „Niemals habe ich bei 
sog. erworbener, richtiger tardive r. kontrarer SexuaJJ- 
empfindung Hinweise anf eine bisexuelle Veranlagung vermiBt." 
Auch ich bin mit zunehmendem Umfan^ meines Beobachtungs- 
materials immer mehr zu der tlberzeugnng gelangt, daB das, 
was wir friiher erworbene, geztichtete, tardive 
Homosexualitat nannten, aufgeteilt werden muB 
zwischen Bisexualitat und P seudohomosexuali- 
tat/* Dabei ist zu bemerken, daB auch die Bisexualitat nicht 
willktirlicli nach der einen oder anderen Seite dirigiert 
werden kann, — man horte gelegentlich den Einwand, wenn 
jemand Init beiden Geschleohtern verkehren konne, moge er 
sich auf das andere Geschlecht beschranken — sondern daB 
hier in erster Linie endogen gegebene Schwankungen ausschlag- 
gebend sind, bedingt durch das eigene Lebensalter der Personen, 
durch den Eindruck begegnender Objekte und verschiedene andere 
Umstftnde, unter denen gewisse periodische Einflilsse bteondere 
Beachtung verdienen. 

Schon Krafft-Ebing hat Falle von „erworbener kontrarer 
Sexualempfindimg" beschrieben ^), in denen „homosexuelle Entgleisun- 
gen stets mit Exazerbationen vorhandener Neurasthenie zusammen- 
gefallen waren**. Wiederholt habe ich ahnliche Angaben von periodi- 
Bchen Nenrasthenikern gehort und bestatigt gefunden, dafi sie in ge- 
druckter Stimmung mehr homosexuell, in gehobener heterosexuell fiinl- 
ten. Der Einwand liegt nahe, daB die nervose Depression vielleicht 
erst eine Folge der sexuellen Aberration sei, man kann aber mei- 
stens deutlich nachweisen, daB die Depression das zeitlich Friiherc ist 
und auBerdem findet man auch das Umgekehrte: homosexuelle Nei- 
gungen in gehobener, heterosexuelle in gegenteiliger Stimmungslage. 
J5ei vielen macht der Alkohol durch Herabsetzung der Hemmungen eine 
vielleicht nur ganz schwache homosexuelle Komponente frei. 

Es ist in solchen Fallen die Differentialdiagnose zwischen Homo- 
sexualitat und bloBem AlkoholexzeB oft recht schwer. Da letzterer 
viel milder beurteilt wird, kommt man nicht selten in die Lage, ein 
Urteil abzugeben, welcher von beiden Zustanden vorgelegen hat. Ich 
habe einmal gemeinsam mit Geh.-Rat Eulenburg einen Kegie- 
rungsassessor zu begutachten gehabt, der nach einer „schweren Sit- 
zung" an Kaisers Geburtstag, die sich bis zum anderen Morgen er- 
streckte, die Friihstuck austragenden Backerjungen einer kleinen Stadt 
attackierte, ein andermal hatte ich die Differentialdiagnose bei einem 
anscheinend vollig heterosexuellen Oberlehrer zu stellen, der sich nach 



^ Jahrbuch f. sex. Zw. Jahrg. III. p. 8. 
») Jahrb. f. sex. Zw. Bd. III. p. 10 ff. 
Hirschfeld, Homos«xualit9t. ]^4 

Digitized by V:iOOQIC 



210 

einer groBen Kneiperei in Breslau an einem Kellner vergriffen hatte, 
und besonders haufig hatte ich mich uber dieses Thema bei ^ Offi- 
zieren der Armee und Marine zu auBern, die sich nach Liebes- 
mahlem auf Homosexualitat verdachtige AuBerungen und Handlungen 
zuschulden kommen lieBen. Ich gebe als Beispiel im Wortlaut das 
Gutachten iiber einen jungen Offizier, wo ich zur Diagnose: „bloBe 
Alkoholintoxikation" gelangte : 

Hen- Geheimrat T. suchte uns in Begleitung seines Sohnes, ^ des 
Leutnants Herrn 0. T., vor einigen Wochen auf mit der Bitte, deny 
selben auf Grund unserer jahrelangen spezialistischen Beschaftigung 
mit sexuellen Fragen begutachten zu wollen. Wir haben Herrn T. 
daraufhin eingehend untersucht und exploriert und uns durch seinen 
Vater und einen Onkel, Herrn K., moglichst eingehend iiber sein Vor- 
leben, seiu Wesen und seine Gewohnheiten unterrichten lassen und 
geben auf Grund dessen unser Gutachten im folgenden ab. Herr T. 
ist beschuldigt, in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober v. Js. seinen 
Burschen durch eine AuBerung, die nach dessen Auffassung einen 
homosexuellen Charakter getragen hat, beleidigt zu habeu. 

Es liegt uns nun ob, ein Gutachten dariiber abzugeben, ob unse- 
rer Cberzeugung nach Herr T. zur Zeit der Begehung der Handlung in 
Anbetracht aller in Betracht kommender Umstande sich in einem 
Zustande krankhaft veranderter Geistestatigkeit befunden hat, der 
die freic Willensbestimmung im Sinne des § 51 RStGB. aufhob. Herr 
T. stammt, soweit es sich ermitteln laBt, aus gesunder Farailie, ins- 
besondere liegt eine Belastung in nervoser Hinsicht nicht vor. Er 
hat sich normal entwickelt und das Gymnasium rechtzeitig absol- 
viert, urn sich dann *der Offizierslaufbahn zu widmen. 

Schon wahrend seiner Gymnasialzeit zeigte es sich, daB er auf 
deu GenuB alkoholischer Getranke in abnormer Weise reagierte. 

So berichtet der Vater folgenden Vorfall: 

A is Schiiler nahm er an einer Feier des Gymnasial-Turnver- 
eins teil, dessen Mitglied er war. Bei dieser Gelegenheit wurde er 
von den alteren Kameraden gezwun^en, viel zu trinken, und iiber- 
nahm sich so, daB er nach Hause gebracht werden muBte. Er muBte 
die Treppe hinauf getragen und ausgezogen werden. Be vor er ziun Ein- 
schlafen kam, gebrauchte er die verletzendsten Worte gegeniiber seiner 
Mutter, sagte zu ihr u. a.: „Du bist eine Stiefmutter, ich bin ein 
Stiefkind, ich werde schlecht behandelt und immer zuriickgesetzt." 
Am folgenden Tage wuBte er absolut nichts davon. 
In Anbetracht seiner Intoleranz nahm sich Horr T. vor dem Genusse 
alkoholischer Getranke nach Moglichkeit in acht, doch konnte er im 
gosclJigen Beisammcnsein nur schwer SchluB finden und begleitete 
oft noch don letzten Kameraden nach Hause. 

Am 13. Sei)tember v. Js. wurde or Offizier uud maclite am 17. Ok- 
tober eine Geburtstagsfeier im Kasino mit, bei der sehr viol Alkr>- 
liol, nameutlich audi Sekt, konsumiert wurdo. Er geriet dadurch in 
einen Zustaiid volliger Sinnlosigkcit, schlci)i)te gemeinsam mit einem 
Kameraden ein Madchen von der StraBe auf sein Zimmer und konnte 
sich, als er dieses beim Erwachen am nachsten ^lorgen vorfand, 
der Vorkommnisse nicht im geringsten erinnern uud die Anwesenheit 
des Miidchens absolut nicht erklaren. Wenige Tage darauf, am 20. Ok- 
tober, faiid wieder eine gmBe Festlichkeit im Kasino statt, das erste 
Liubesmahl. an dem Herr T. U^ilnahm. Er trank dabei ,mehrere Flaschen 
Tischweiu und versehiedene Glilser Bier und wurde wieder derart 
alkoholvergiftet. daB er sich seiner Angabe nach nicht mehr er- 
innern kann. wie er aus dem Kasino fortgegangen und zu Bett ge- 
komuieu ist. Er erwachte am audern Morgen in seinem Bett, ging 
ahnungslos zum Dienst uud fuhr mittags auf einige Tage zu seineu 
Eliern. 



Digitized by VjOOQIC 



211 

Waluend seiner Abwesenheit ersuchte sein Bursche nach vorber- 
gegangener Riicksprache mit einem Kameraden um Ablosung und er- 
stattete im AnschluB daran durch den Feldwebel eine Anzeige gegen 
ihn. Nach Angabe des Burschen soil Herr T. in der Nacht nach 
seiner Rdckkehr aus dem Kasino zunachst Rotwein getrunken und 
auch den Burschen zum Mittrinken genotigt haben. Er habe diesem 
dann befohlen, ihm ein Klistier aus einer Spritze, die er zu desinfek- 
torischen Spulungen fur den geschlechtlichen Verkehr mit Weibern 
besaU, zu machen. Das Wasser zum Klistier wurde in einem alten 
KochgefaB erwarmt. Auf Einwendungen des Burschen soil nun Herr 
T. die Redensart gebraucht haben: „Kannst du denn nicht p . . .?" 
Oder „Kannst du mich denn nicht p . . .?", in welcher der Bursche, 
wie er spater bekundete, eine Aufforderung zu homosexuellem Ver- 
kehr erblickt haben will und die er demgemaB als Beleidigung auf- 
fafite. Wie bereits erwahnt, will Herr T. nicht die geringste Er- 
innerung an diese Vorkommnisse haben. 

B e f u n d. Die korperliche I'ntersuchung des Herrn T. ergibt 
eineu vollig normalen Befund der inneren Organe. Abgesehen von 
einer leichten Asymmetrie des Schadels und der Gesichtsbildung be- 
stehen keine nennenswerten Degenerationsmerkmale. Storungen der 
nervoseu Funktionen, insbesondere der Reflextatigkeit, liegen nicht 
vor. Die Geschlechtsorgane sind normal entwickelt. An der Riick- 
seite des Gliedes befindet sich unterhalb des Sulcus coronarius am 
Frenulimi eine Fisteloffnung, die sich seiner Angabe nach im An- 
schluB an eine Gonorrhoe gebildet hat. Die Vorhaut ist aus demselben 
Grande seinerzeit gespalten worden und bildet gegenwartig zwei nach 
beiden Seiten abstehende Hautlappen. Der Schlieflmuskel des Afters 
ist fest, die Analoffnung fiir einen Finger nur mit Miihe passierbar. 
Es bestehen nicht die geringsten Anzeichen dafiir, daB jemals ein 
passiv paderastischer Verkehr bei Herrn T. stattgefunden hat. 

Irgendwelche femininen Anklange treten im Kornerbau ebenso- 
wenig zutage wie im Benehmen, Wesen und in den Neigungen des 
Herrn T. Dev psychische Befund ist, abgesehen davon, daB Herr T. 
ctwas gedriickt erscheint, ein absolut normaler und zeigt insbeson- 
dere weder Schwacheerscheinungen auf intellektuellem Gebiet noch 
Storungen hinsichtlich der Wahrnehmungs- und Urteilsfahigkeit, 

Gutachten. Irgendwelche Anhaltspunkte fiir das Vorliegen 
homosexueller Neigungen bestehen bei Herrn T. nicht. In den Fallen, 
in denen solche vorliegen, sind unserer Erfahrung nach meistens irgend- 
welche Ei^enarten auf somatischem oder psychischem Gebiete nach- 
weisbar, die Abweichungen von dem vollmannlichen Typus darstellen. 
Solche Ziige laBt T. sowohl in seiner korperlichen Beschaffenheit 
wie in seinem Wesen, seinen Gewohnheitcn und Neigungen vollig ver- 
missen. Auch die Vorgeschichte gibt nicht die geringsten Anhalts- 
punkte fiir das Bestehen homosexueller Neigungen, walirend es er- 
wiesen ist, daB Herr T. regelmaBigen normalen Geschlechtsverkehr 
unterhalten hat. 

Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daB bei Herrn T. eine er- 
hebliche fntoleranz gegen Alkohol vorliegt, und daB durch den Go- 
nuB desselben bei ihm Zustande hervorgerufen werden, in denen sein 
klares BewuBtsein imd die Kritik iiber sein Handeln und Sprechon 
vollig ausgeschaltet ist. Es sei hier nur an die kriinkoudon Worte 
erinnert, die er in solchem Zustande seiner Mutter gegenuber ge- 
braucht hat. Charakteristisch fiir das Pathologiscbe dieser Rausch- 
zustande ist auch die vollige Amnesie fiir das Vorgefallene. Eine 
solche Intoleranz gegen Alkohol kann sehr wohl bestehen, ohne daB 
sonst erhebliche Degenerationssymptome oder nervose Storungen vor- 
liegen. 

14* 



Digitized by V:iOOQIC 



212 

Am 20. Oktober bestanden fiir die Entwicklung eines krank- 
haften Rauschzustandes bei Herrn T. noch deshalb besonders giinstige 
Bedingungen, well drei Tage vorher, am 17. Oktober, bereits eiD 
schwerer AlkoholexzeB stattgefunden hatte, der gleichfalls eine vol- 
lige BewuBtseinstriibimg bewirkt hatte. 

1st somit in der Redensart, die er seinem Burschen gegeniiber 
gebraucht hat, wirklich ein homosexuelles Moment zu erblicken und 
nicht nur eine lediglich unter dem EinfluB des Alkohols hervorgebrachte 
sinn- und zusammenhanglose obszone Phrase, so ist diese in offen- 
barstem Widerspruch zu der gesamten Personlichkeit des Herrn T. 
stehendo AuBerung zweifellos in einem durch den Rausch krankhaft 
verauderten Zustand seiner Geistestatigkeit bedingt gewesen. In glei- 
cher Weise erklaren sich auoh die iibrigen auffallenden Handlungen, 
das Animieren des Burschen zum Weintrinken, sowie die Aufforderung, 
ihm ein Klistier zn machen, lediglich aus dieser akuten Storung seines 
Geisteszustandes, ohne daB man homosexuelle Motive vermuten miiBte. 

Im besonderen bietet auch die Aufforderung, ihm ein Klistier 
zu machen, absolut nichts Charakteristisches fiir etwa bestehende 
homosexuelle Neigungen. Bei unserer sich auf mehrere tausend Falle 
stiitzenden Erfahrung sind wir einem derartigen Zusammenhange kaum 
jemals begegnet. 

Unser Gutachten geht demnach dahin; 

Falls Herr T. in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober v. Js. 
seinen Burschen durch eine anstoBige Redensart, bezw. ein unge- 
horiges Ansinnen beleidigt hat, so befand er sich zur Zeit der Be- 
gehung dieser Handlung in einem Zustande von BewuBtlosigkeit oder 
ki'ankhafter Veranderung der Geistestatigkeit, der seine freie Willens- 
bestimmung im Sinne des § 51 RStGB. ausschloB. 

Einen merkwtirdigen Fall periodischer Bisexualitat sah 

ich vor einiger Zeit bei einem Narkotiker. Er betrifft einen 

an manisch - depressiven Stimmungsschwankungen leidendea 

Gymnasialprofessor, der in einer Heilanstalt Morphinist ge- 

worden ist. Er fiihlt im Depressionszustand iiomosexuellj im 

Exaltationsstadium und im Morphiumraaiscli heterosexuell. Das 

Merkwiirdige aber ist, daB in homosexuellen Zeiten seine 

Stimme sehr hoch ist, oft umschlagt, auch seine Bewegungsart 

recht weibisch ist, wahrend er in heterosexuellen Zeiten viel 

tiefer spricht und auch in Gang und Gesten viel viriler wirkt. 

In dieses Kapitel periodischer Bisexualitat in Verbindung mit zir- 
kularen Stoiningen des Zentrainervensystems gehort auch der folgende 
beach tenswerte Fall weiblicher Bisexualitat, den Krafft-Ebing 
im Jahrbuch fiir sex. Zw. ^^) veroffentlicht hat. Wir geben seinen 
wesentlicheu Inhalt wieder: Frl. X., 36 Jahre, hat in ihrer Bluts- 
verwandtschaft mehrere neuro- und psychopathische Verwandte. Durch- 
aus weiblicher Typus, keine anatomischen De^enerationszeichen. Mit 
16 Jahren erwachte eine dezidierte ausschlieBliche Neigung zum eige- 
nen Geschlecht. Sie verliebte sich in Freundinnen, spater in die 
eigene einige Jahre altere Sch wester. Erotische Traume, gelegent- 
lich von I'ollutionen begleitet, hatten nur Amplexus feminarum zum 
Inhalt. Es* geniigten ihr Kiisse, Umarmungen von Geschlechtsgenos- 
sinnen. Es geschah zuweilen, daB sie durch briinstige, stiirmische 
Liebkosungen solcher imliebsames Aufsehen erregte. Mit 22 Jahren 
erster Anfall einer schweren Hysterie mit mehrmonatlichem Aufent- 

10) Jahrb. f. sex. Zw. Band III. p. 27 ff. 

Digitized by VjOOQIC 



213 

halt in einer Heilanstalt. Von dieser genesen und von nenrasfcheni- 
schen Beschwerden ziemlich befreit, hatte sie zum ersten Male in 
ihrem Leben Inklination zu Mannern. Sie war schon halb nnd halb 
entsclilossen, eine von ihrer Mutter dringend gewiinschte Ehe ein- 
zugehen. Da sie aber fiiblte, daO sie doch nicht solche Neigung znm 
Manne empfand, wie sie das Weib empfinden miisse, Angst vor dem 
ehelichen Verkehr mit einem Manne hatte, und einen solchen nicht 
ungldcklich machen wollte, lehnte sie eine Heirat ab. Sie geriet bald 
wieder aut kontrarsexuelle Bahnen unter dem Einflufi von Onanie 
und Neurasthenie, entwickelte sogar mit 26 Jahren Transformations- 
gefuhle, indem es ihr vorkam, ihre Genitalien bildeten sich zu mann- 
lichen um, sie harne wie ein Mann, wandle sich geistiff und leiblich 
in einen solchen um. Auch empfand sie gar keine Scnam mehr, in 
Gegenwart eines Mannes Toilette zu machen, wahrend sie sich vor 
einem Weibe genierte. Diese Transformation schritt aber nicht weiter 
vor, im Gegenteil kamen wieder Episoden, in welchen sie mit Besse- 
rung ihrer Hysteroneurasthenie in Kuranstalten wieder heterosexueil 
empfand, das ganze Gebiet homosexueller Empfindungsweise zuriick- 
trat, Patientin sich in Arzte verliebte und emstlich ans Heiraten 
dachte. Diese Eoinzidenz von gebesserter Neurose mit 
Wiederkehr von He t eros exuali ta t wiederholte sich 
noch mehrmals, so daO an zufalliges Zusammen- 
treffen nicht gedacht werden konnte. Ein schwerer 
neuerlicher Anfall von hjrsterischer Psychose, der viele Monate dauerte, 
brachte Patientin in meine standige Behandlung. Bemerkenswert war, 
daB wahrend dieser Psychose homo- und heterosexuale Gefiihlskreise 
formlich um die Herrschaft kampften, daB eine nymphomanische Pe- 
riode ausschliefilich in heterosexualem Gebiete sich abspielte. Genesen, 
wurde Patientin einer dauemden antineurasthenischen und suggestiven 
Kur unterworfen. Der Erfolg war ein sehr befriedigender, msofern 
ea gelang, Masturbation und kontrare Sexualitat „dauemd" zu 
bannen. Nur menstrual und im Traumleben erscheinen gelegentlich 
noch Andeutungen der friiheren kontraren Sexualempfindung. 

In dieser tiberaus interessanten Beobachtung K r a f f t - 
E b i n g s , moclite ich nur bei der Hervorhebung des Heil- 
erfolges das Wort „dauernd" beanstanden, da durch den in- 
zwischen erfolgten Tod des Meisters die fttr die Feststellung 
notwendige Katamnese der Patientin nach langerer Zeit un- 
mdglich geworden ist. 

In seltenjeren Fallen hat es auch bei schwereren Psychosen 

den Anschein, als ob eine unter normalen Verhaltnissen aus 

den Vorstellungskomplexen vollig ausgeschaltete Bisexualitat bei 

krankhafter Veranderung des Gehirns zutage tritt. Beispiels- 

weise tragen bei sonst vollig heterosexueil f uhlenden und leben- 

den Personen gelegentliche nervose Zwangsideen einen ihomo- 

sexuellen Charakter: 

So suchte mich wiederholt ein SOjahriger Beamter auf; er hatte 
sich nie seelisch zu mannlichen Personen hingezogen gefiihlt, war seit 
26 Jahren verheiratet, und seine Ehe ware voUkommen gliicklich ge- 
wesen, wenn er sich nicht dann und wann mit anderen Frauen abge- 
geben hatte; er bot weder geistig noch korperlich feminine Zeichen. 
Der Zwangsgedanke, der sich ihm immer wieder mit groBer Tntensitat 
aufdrangte, war der, es mochte ihn doch ein Mann per anum ge- 
brauchen. Er litt sehr unter dieser unwillkiirlichen Idee, die seinem 



Digitized by VjOOQIC 



214 

treieii J^enken fremd und ungeheuerlich erschien. Moglich, daC auch 
in ihr eine versteckte homosexuelle Komponente zutage trat, doch 
sprach alles dafiir, daB es lediglich die krasse Obszonitat war, die den 
sittenstrengen Mann wie ein Fremdkorper befiel, ganz ahnlich wie in 
deni analogen Falle eines katholischen Geistlichen, der sich mir an- 
vertraute. Dieser ungliickliche Mann wurde in der Kirclie und jm 
Leben unausgesetzt von dem Gedanken beherrscht: die Jungfrau Maria 
solle ihm anum lambere. Auch in den schwachsinnigen Ideen der 
Hebephreniker und in den Wahnsystemen der Paranoiker werden ge- 
legentlicL Vorstellungen produziert, die einen homosexuellen Charakter 
zu tragen scheinen, ohne daB sonstige Anhaltspunkte fiir Homo- 
sexualitat vorliegen. An sich kann natiirlich ein Homosexueller eben- 
sogut an einer schweren Psychose erkranken, wie ein Heterosexueller, 
doch pflegt dann meist die eigentliche Geisteskrankheit in Form 
hochgradiger Verblodung oder Verwirrtheit die Situation so zu be- 
herrschen, daB ihr gegeniiber die sexuelle Sonderart sehr zuriicktritt. 

Auch bei den an Beziehungsvorstellungen leidenden Geisteskranken 
kommt es nicht selten vor, daB sie die Idee haben, man bezichtige 
sie der Homosexualitat, man rufe ihnen homosexuelle Schimpfworte, 
wie „warmer Bruder", „schwule Sau" und dergleichen nach. Wahrend 
die an homosexuellen Zwangsvorstellungen laborierenden 
Heterosexuellen Krankheitseinsicht haben und sich ihres im Grunde 
genommen heterosexuellen Empfindens vollig bewuBt sind, ist der 
paran oische oder paranoide Heterosexuelle meist tatsachlich 
davon iiberzeugt, er sei in einen Homosexuellen verwandelt worden, wo- 
mit sich dann oft die Wahnidee verbindet, es vollziehe sich bei ihm 
ein UmwandlungsprozeB zum anderen Geschlecht. Es sind Falle von 
Krafft-Ebing beschrieben, in denen die Kranken vollig von der 
Idee beherrscht wurden, sie seien aus einem Mann in ein Weib ver- 
wandelt worden oder umgekehrt. Es wird weiteren Beobachtungen 
und Untersuchungen, namentlich auch unter Anwendung psychoanaly- 
tischer Methoden, vorbehalten sein. festzustellen, ob in solchen Fallen 
von vornherein eine homosexuelle Komponente vorliegt. 

Namentlich wenn bei Manncrn und Frauen im klimakterischen 
Ah:er depressive Zustiinde sowohl hypochondrischer als melancholischer 
Farbung mit Wahn- und Beziehungsvorstellungen eintreten, — ich 
sah solchc Falle wiederholt — ist es oft ungemein schwer zu ent- 
scheiden, ob eine tatsachlich bei dem Patienten vorhandene homo- 
sexuelle Veranlagung bestand, die zum Ausgangspunkt und Inhalt 
einer geistigen Storung wurde, oder ob die Homosexualitatsvorstellung 
nur einen Teil seines Wahnes ausmacht. 

Tarnowsky spricht auch von „epileptischer Pad- 
eras tie ^'). Meistens seien „die epileptischen Paderasten" aktiv, 
Er fiihrt als Beispiel einen kriminellen Fall seiner Beobachtung an. 
Ein junger, reicher, anscheinend vollig heterosexueller Mann ging nach 
einer iippigon Mahlzeit, bei der er viel Wein getrunken hatte, in die 
Wohnung seiner Geliebten. Als er die Herrin nicht zu Hause traf, 
ging er iu ein Ziramer, in dem ein Hjahriger Bursche schlief, not- 
ziichtigte diesen und, ais auf sein Geschrei die Zofe herboieilte, diese. 
Daraui schlief er 12 Stunden. Nach dem Erwachen war die Episode 
mit dem Jungen seinem Gedachtnis vollig entschwunden. Es wurde 
festgestellt, daB er besonders nach AlkoholgenuB epileptische Anfalle 
hatte. Nachdem auch Tarnowsky solche wiederholt an ihm beob- 
achtet hatte, wurde das Verfahren eingestellt. Im allgemeinen beein- 
fluBt die epileptische Neurose — die ich im iibrigen bei Homosexuellen 

11) B. T a r n o w s k y, Die krankhaften Erscheinungen des Ge- 
schlechtssinnes. Eine forensisch-psychiatrische Studie. Berlin, 1886, 
p. 51 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



215 

Qur sehr selten beobachtct habe — die Homosexualitat nur in der 
Weise, daC sie die Hemmungon in Fortfall bringt iind die Impulsivitiit des 
Trieblebens steigert. Einen besonders schweren, hierhergehorigen Fall 
habe ich zurzeit in Begutachtung, einen an Epilepsie leidenden Diener, 
der in einem Zorn- iind Wutanfall einen Jungen zu Tode wiirgte und 
dann zerstiickelte. Hier wie in anderon Fallen handelt es sich aber 
von vornherein um eine Vergesellschaftung von Homosexualitat und 
Epilepsie. Zuzugeben ist allerdings, dai3 sich in den epileptischen 
Verwirrtheitszustiinden ein so volliger Umschwung aller psychisehon 
Faktoren vollzieht, daB auch AuBerungen, die dem BewuBtsein jedenfalls 
vollig fremd sind und auch dem UnterbewuBtsein, soweit sich dieses 
ermitteln laBt, fernliegen, vorkommen konuen. So beobachtete auch 
Burchard bei einem vollig nnrinalsexuellon Epileptiker in Verwirrt- 
heitszustiindcn homosexuelle Attacken auf Mitpaticnten. 



Digitized by VjOOQIC 



ZEHNTES KAPITEL. 

Differentiaidiagnose zwisohen Homosexualitftt und betero- 
sexuellem Horror. 

Wir sahen, da6 die Impotenz des Mannes beim Weibe, 
seine sexuelle Appetitlosigkeit, wie Eulenburg sich ein- 
mal treffend ausdrtickt, und daB ebenso auch die Frigiditat und 
Anaphrodisie des Weibes im Verkehr mit dem Manne sch'wer 
in die Wagschale fallende Anzeichen der Homosexualitat sind. 
Damit ist aber niclit gesagt, daB sie nur bei der Homosexualitat 
vorkommen oder auf kontrarer Sexualempfindung beruhen 
m ii s s e n. Seit in den letzten Jahrzehnten die wissensdiaftr 
lichen Forschungen liber Wesen und Verbreitung des Uranismus 
in die Offentlichkeit drangen und namentlich gewisse Prozesse 
Kenntnis tiber diese Erseheinung in weite Kreise brachten, 
haben viele Frauen, von denen ihre Gatten nichts wissen 
woUten, den Verdacht geschopft, ihre Manner seien homosexuell, 
und auch viele Manner, deren Frauen sich als „femmes de 
marbre** erwiesen, wurden miBtrauisch. Namentlich Frauen 
habe ich in sehr vielen Fallen erklaren mlissen, da6» ihre dahin 
gehenden SchluBfolgerungen nicht stichhaltig seien. 

Erst vor kurzeni habe ich in einer Ehescheidungssache gegeniiber 
den unberechtigten Vermutungen des Mannes das folgende Gutachten 
abgegeben : 

Frau Y., 29 Jahre alt, ersucht uns, ihr anf Grund unserer 
spezialistischen Erfahrungen ein Gutachten dariiber auszustellen, ob 
bei ihr irgendwelche Anhaltspunkte fiir das etwaige Vorliegen homo- 
sexueller Neigungen bestehen. 

Wir kommen diesem Ersuchen nach langerer griindlicher Beob- 
achtung, eingehender Untersuchung und wiederholten Explorationen der 
Frail Y. im folgenden nach. Frau Y. stammt aus gesunder Familie und 
ist insbesondere in nervoser Hinsicht nicht belastet. Ihre Entwicke- 
lung verlief ohne Storungen, sie zeigte das Verhalten und die Neigungen 
oinos in jeder Beziehung normalen Madchens. Die Menstruation stellte 
sich mit etwa 14 Jahreu ein, der erste Geschlechts verkehr fand bei 
der Verheiratung mit 21 Jahren statt. Frau Y. gibt an, dabei voile Be- 
friedigung gefiihlt und ihrem Manne iiberhaupt immer ein normal 



Digitized by VjOOQIC 



217 

sexuelles Empfinden in seelischer und korperlicher Beziehung ent- 
gegengejDracht zu haben. Ihre Zuneigung habe sich erst 
infolge der schlechten Behandlung durcli ihn und 
die daraus hervorgegangenen fortwahrenden Zwi- 
stigkeiten verloren. Geschlechtliche Neigungen irgendwelcher 
anderen Art will Frau Y. niemals gehabt, insbesondere niemals sich 
zu Frauen sexuell hingezogen gefiihlt haben. B e f u n d : Der Korper- 
bau der Frau Y. ist ein vollig weiblicher. Es liegen nach keiner 
Richtung hin die geringsten Anlclange an das andere Geschlecht vor, 
wie wir sie bei homosexuell veranlagten Personen vielfach finden. 
Ebenso sind Wesen, Benehmen, die Gewohnheiten und Neigungen der 
Frau Y. ausgesprochen weibliche. Das Gefiihlsleben hat bei ihr ein 
entschiedenes Cbergewicht iiber Logik und Verstundestatigkeit. Sie 
ist auBerst sensitiv, Stimmungen in hohem Grade unterworfen, 
schijchtern, angstlich und leicht geriihrt. Obwohl sie mit feraininer 
Hartnackigkeit an gewissen Vorstellungen und Befiirchtungen haftet, 
zeigt sie wenig selbstandigen Willen und scheint fremdem EinfluC 
in hohem Grade zuganglich. Frau Y. ist von nervosen Ziigen nicht 
frei. Dieselben basieren in ihrer psychischen Cberempfindlichkeit 
und finden ihren Ausdruck in leichten funktionellen Storungen ner- 
voser Art, die ein ausgesprochen weibliches Geprage tragen. G u t- 
a h t e n : Es handelt sich demnach bei Frau Y. um eine Personlich- 
keit von so ausgesprochen weiblichem Typus hinsichtlich ihrer 
Korperbeschaffenheit wie ihres gesamten Seelenlebens, ihrer Ver- 
standes- und Empfindungswelt, ihres Charakters, ihrer Gewohnheiten, 
ihrer Eigentiimlichkeiten in normaler und auch in pathologischer Hin- 
sicht, dafi die Annahme, es konnten bei ihr homosexuelle Neigungen 
vorliegen, einen inneren Widerspruch bedingen wiirde. Es liegen 
unserer sachverstandigen Uberzeugung nach auch nicht die geringsten 
Anhaltspunkte fiir eine solche Annahme vor; dagegen steht der gesamte 
Befund in volligem Einklang mit den Angaben, die Frau Y. selbst 
iiber ihr absolut normales Geschlechtsempfinden macht. Zu der Ver- 
mutung, Frau Y. konnte entgegen ihren Neigungen homosexuellen 
Verkehr gepflogen haben, fehlt jedes Motiv. Sollte es zutreffen, daU 
sie ihre Schwa^erin und andere Frauen zartlich gekiifit hat, wie von 
der G^genpartei behauptet wird, so laBt das absolut noch nicht auf 
homosexuelles Empfinden schlieBen. Sind doch derartige, oft sehr iiber- 
schwangliche Zartlichkeiten gerade bei durchaus normalen Frauen von 
empfindsamem und anschmiegendem Wesen etwas ganz Gewohnliches. 
Unser Gutachten geht demnach dahin: Fiir die Annahme, es konnten 
bei Frau Y. homosexuelle Neigungen bestehen, oder sie konnte Ge- 
schlechtsverkehr mit Frauen unterhalten haben, liegen keinerlei An- 
haltspunkte vor. Dagegen spricht der Befund in jeder Hinsicht gegen 
eine solche Annahme. 

Vor allem muiJ in alien solchen Fallen immer genau ge- 
prlift warden, ob die Abneigung sich nur auf bestimmte Per- 
sonen oder das ganze andere Geschlecht erstreckt. Nament- 
lich antifetischistische Regungen^) spielen bei der sexuellen 
Aversion oft eine groBe RoUe, beispielsweise bei inanchen 
Mannern Abneigung gegen die Milchdriisen des Weibes, bei 
manchen Frauen gegen den Vollbart des Mannes. 



1) Cf. meine Ausfiihrungen „Uber Horror sexualis partialis 
(sezuellc Teilaversion, antifetischistische Zwangsvorstellungen, Fetisch- 
haB)„. Neurologisches Zentralblatt 1911 Nr. 10. 



Digitized by VjOOQIC 



218 

Aber selbst wo das andere Geschlecht in toto „gehaQt" wird, ist 
keineswegs als Revers Liebe zum eigenen Geschlecht erforderlich. 
Wilhelm Hammer 2) zitiert einmal f olgende Satze der anonymeD 
V^erfasserin einer Schrift : Prostitution des Mannes 3) : 

„Und ins Angesicht, Mann, dir ins Angesicht, du Mann bestie, 
schleudre ich meinen grimmigen Zorn, meinen heftigen E k e 1 , meine 
mafilose Verachtung, ins Angesicht dir und schreie : Ich verachte dich 
.... Aber was seid ihr mir, was euer Hohn, cure Verdammung, eure- 
VerleumdungI Ab gleitet sie an mir, wirkungslos ab — bin ich doch 
unabhangig von euch, bin ich doch iiber euch — bin ich doch frei 
von euch I'* 

Wenn Hammer meint, daU hier ,,ein auf urnischer Grund- 
lage entstandener MannerhaB zu Worte komtnt", so ist durchaus 
noch nicht der Beweis hierftir erbracht. Es ist vollauf berechtigt, 
wenn B 1 o c h in seinem „Sexualleben unserer Zeit" dem groBen 
Kapitel liber Homosexualitat ein kleineres voranstellt: „Der 
Abfall vom Weibe"^), das er mit folgenden Worten einleitet: 
,Jch schicke dem langeren Kapitel tiber die Homosexualitat 
ein kiirzeres liber das Zeitphan;omen des ,Abfalls vom Weibe' 
voraus, um zu verhtiten, daB man beide Erscheinungen in 
einen Topf werfe, und, wie es heute oft geschieht, die mann- 
lichen Homosexuellen als ,Weiberfeinide* fur die augenblicklich 
grassierende geistige Epidemie des Weiberhasses verantwortlich 
mache. Das ware die groBte Ungerechtigkeit, weil erstenis 
diese Bewegung gar nicht von den Homosexuellen ausge- 
gangen ist, sondem von typisch heterosexuellen Individuen, 
wie Schopenhauer, Strindberg u. a., und weil zweitens 
die Homosexuellen als solche gar keine Weiberfeinde sind, 
es vielmehr nur eine Minoritat von ihnen ist, die den misogynen 
Tiraden eines Strindberg und Weininger Beif all 
klatscht". In der Tat ist das Gefiihl, das die Meh'rzahl der 
Homosexuellen jgegen das andere Geschlecht hegt, kein HaB, 
son der n Gleichgliltigkeit. 

Ich befinde mich auch hier in Ubereinstimmung mit N u m a P r a- 
t o r i u s , der in einer Kritik &) einmal bemerkt, daB bei den meisten 
Menschen „zwar nur ein Trieb zu e i n e m bestimmten Geschlecht, 
aber daneben nicht horror, sondern Indifferenz zu dem 
anderen besteht." Er meint, daB auch der Ekel, der Heterosexuellen 
vor gleichgeschlechtlichen Handlungen mehr intellektuell, mehr durch 
die allgemeine Anschauung und Beurteilung begriindet, als instinktiv, 
gefiihlsmaBig vorhanden sei. Lage ein wirklicher horror vor, so wiirden 
schwerlich so oft und leicht Heterosexuelle den Homosexuellen zu Ge- 
fallen sein und Homosexuelle, wenn auch nur durch mechanische 

2) W. Hammer, Die Tribadie Berlins, pag. 97 f. 

5) I. E., Prostitution des Mannes. Ziirich 1896. 

*) Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zoit in seinen Bo- 
ziehungen zur modernen Kultur. Berlin 1909. 18. Kapitel, Der Ab- 
fall vom Weibe. p. 530—538. 

^) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. IX. 1908. p. 501. 



Digitized by VjOOQIC 



219 

Reizung „onanieartige Akte" mit dem anderen Geschlecht vornehmen 
konnen." 

Sicherlich trifft es ftir einen groBen Toil der Homosexuellen 
wic der Heterosexuellen zu, dafl sie dem Geschlecht, zu dem 
sie sich nicht positiv hingezogen ftihlen, nur indifferent gegen- 
tiberstehen, vor allem hat ftir das jugendliche Bisexualitat^- 
altor diese Beobachtung fast allgemeine Giiltigkeit, aber ftir 
eine recht groBe Anzahl erwachsener Homosexueller und Hetero- 
sexueller gilt diese Regel nicht, ihnen ist der Geschlechtsverkehr 
mit dem Geschlecht, das sie nicht lieben, oft genug ,,unmoglich**, 
„grauenerregend*', ,,entsetzlich". Ftir die Differentialdiagnose 
ist das Wichtigste, daB die starksten AuBerungen des Wider- 
willens und Abscheus gegen das andere Geschlecht nicht von 
Homosexuellen, sondern von Heterosexuellen herrlihren. Eines 
der bekanntesten Beispiele ist Scho,penhauer, der ^ich 
nicht genug tun konnte an verachtlichen Bemerkungen „uber 
die Weiber"^), das „niedrig gewachsene, schmalschultrige, breit- 
hliftige, und kurzbeinige Ge^hlecht**. 

Hochst lehrreich zu dieser Frage ist auch eine Beobachtung, 
welche Wilhelm Ebstein in Gottingen vor einiger Zeit imter dem 
Titel: „Weiberscheu als Krankheitszustand" im Neurologischen Zentral- 
blatt, 1912 Nr. 1, veroffentlichte. Sie betrifft einen im Ruhezustand 
lebenden hoheren Richter, der zweimal gliicklich verheiratet war. Kor- 
peiiich und auch im Seelischen sonst ganz gesund, hat sich allmiihlich 
immer mehr ein Zustand grofiter Abneigung gegen jedes Schen und 
Horen von' Frauen bei ihm herausgebildet. Er schreibt selbst: „Meine 
Krankheit besteht in einer hochgradig entwickelten Weiberscheu. Wenn 
ich in einem Nebenzimmer auch nur eine Regung hore, die von einer 
Frau herriihrt, so versetzt mich das in nervose MiBempfindungen, 
welche stunden- und tagelang anhalten. Ich stehe jetzt im 70. Lebens- 
jahre. Der gedachte Zustand besteht nahezu sieben Jahre. Das 
erste Auftreten der Krankheit liegt aber weiter zuriick. Sie trat zu- 
erst schwach, aber unter sehr heftigen nervosen Erscheinungen im 
Jahre 1866 auf." 

Weiter heiCt es: „Erst nachdem ich im Oktober 1881 meine 
gegenwartige Wohnung bezogen, wo ich vollig abgeschlossen von alien 
weiblichen Wesen in meinem Zimmer lebe, hob sich im Laufe einiger 
Monate mein Zustand in der Art, daB ich wieder schreiben lernte 
und iiberhaupt arbeitsfahig wurde. Nur meine Empfindlichkeit gegen 
jede weibliche Nahe blieb, und hat sich sogar im Laufe dieses Jahres 
noch erhoht." Auch mit seiner eigenen Frau konnte er schliefilich 
nur noch brieflich verkehren. Von Homo^exualitat war dabei keine 
Spur vorhanden. Auch Lessings Wumshater (engl. woman-hater, 
Weiberhasser), den er zum Mittelpunkt seines dreiaktigen Lustspiels 
.,Der Misogyn" gemacht hat, ist nicht homosexuell. Oft scheint der 
HaB gegen das andere Geschlecht auch eine sadistische Grundlage 
zu haben. So soil der Marquis d e S a d e selbst ein energischer Frauen- 
feind gewesen sein. Sein Biograph Bloch sagt von ihm: ,,Durch alle 
seine Werke zieht sich dieser fanatische WeiberhaB. Sarmiento in 
..Aline et Valcour" (II, 115) mochte am liebsten alle Frauen vertilgen 
und preist den Mann gliicklich, der gelernt hat, aiif den Umgang 

«) Schopenhauers Werke, ed. Grisebach, Bd. V. p. 654. 

Digitized by VjOOQIC 



220 

mit diesem jjniedri^en, falschen und schadlichen Geschlecht" gaiiz 
zu verzichten." "') Ein Seitenstiick zu dem E b s t e i n schen Fall findet 
sich in einer Schilderung, die vor einigen Jahren s) W. Schiemann 
im „RuBki Archiv" von General H e 1 w i g entwirf t, der unter N i k o - 
laus I. Kommandant der Festung Diinaburg war. Es heiBt da: 

„Der alte H e 1 w i g war . ein Todfeind des schonen Geschlechls 
und suchte jede Begegnung mit einer Frau zu yermeiden. Einmal aber 
blieb ihm das Zusammensein mit einer Frau doch nicht erspart, imd 
diese Frau war die Kaiserin Alexandra, die Gemahlin N i k o - 
laus' I. Das Kaiserpaar kam zu einem zweitagigen Besuch nach 
Diinaburg. Der Kaiser schatzte General H e 1 w i g als einen tiich- 
tigen Offizier sehr hoch und erfreute ihn durch einige anerkennende 
Worte. Am nachsten Tage sollte eine Besichtigung der Garnison 
und eine Truppenparade stattfinden. Der Zar machte dem Komman- 
danten den Vorschlag, bei dieser Gelegenheit mit der Kaiserin zu- 
sammen im Wagen zu fahren. H e 1 w i g aber suchte diese Ehre hof- 
lich von sich abzuwenden. „Ich bin noch nicht so alt, Ew. Majestat," 
sagte er, „da6 ich Ihnen nicht zu Pferde folgen konnte." — Doch dor 
Kaiser blieb dabei: „Das glaube ich gern, lieber Helwig. Aber wer 
konnto meiner Frau besser als du alles zeigen?" — Am andern Tage 
nahm der Kommandant in gelinder Verzweiflung neben der Kaiserin 
im Wagen Platz. Kaiserin Alexandra, der ihr Gatte nichts von 
der Idiosynkrasie H e 1 w i g s gesagt hatte, konnte sich iiber das un- 
gewohnliche Verhalten ihres Begleiters nicht genug wundern. Der 
Kommandant war auBerst wortkarg und unliebenswiirdig, beantwor- 
tete die Fragen der Kaiserin widerwillig und ohne sie dabei anzusehen 
und drehte ihr meist den Riicken zu. Kaiser N i k o 1 a u s ritt neben 
dem Wagen her, beobachtete den unhoflichen General und hatte seinen 
SpaB an den Qualen, die jener litt und an der Verwunderung seiner 
Gemahlin. Gut gelaunt, beschloB der Zar, den Scherz fortzusetzen. 
Nach der Parade, die zu seiner vollsten Zufriedenheit verlief, dankte 
er dem Kommandanten und dem kommandierenden General, und urn 
Helwig seine besondere Gunst zu erweisen, sagte er sich bei ihm 
mit der Kaiserin zum Tee an. Der alte General war sichtlich auf das 
unangenehmste liberrascht. „Ich habe keine Hausfrau. Ew. Maje- 
stat!'* erwiderte er. „Ich bin ein alter Hagestolzl" — „Warum hci- 
ratest du denn nicht? Ich wiiBte eine passende Partie fiir dich." — 
„Ich bin zu alt, um zu heiraten, Ew. Majestat." — „Ach was, zu alt I 
Zu einem Dauerritt von ein paar Meilen bist du noch jung genu^, 
zum Heiraten aber behauptest du zu alt zu sein. Nun, ich will dir 
nicht zur Ehc zureden, aber Tee werde ich bei dir doch trinken. Wir 
bitten einfach die Kaiserin, die Rolle der Hausfrau zu iibernehmen. 
Geh' und ersuche sie darum !" — Schweren Herzens kam der Alte dem 
Befehl nach. Der verhangnisvolle Abend kam. Der Teetisch war ge- 
schmackvoll arrangiert, es fehlte nicht an Backwerk, Friichten und 
allerhand Naschwerk. Die Kaiserin war sehr aufmerksam gegen ihren 
Wirt ; sic reichte ihm selbst den Tee und Geback, und Helwig, der 
wie auf Nadeln saB, muBte nicht nur eine Frucht nach der anderen 
aus den Handen der Kaiserin dankend entgegen nehmen, sondern 
anstandshalber auch etwas von den Dingen genieBen, die ihm eine 
Frau reichte. Aber das Schlimmste stand dem alten Degen noch 
bevor. Beim Abschiede reichte ihm die Kaiserin die Hand zum 
Kusse. Helwig bezwang sich und tat, was die Etikette verlangte. 
Kaum aber hatten ihn seine Gaste verlassen, so ging er imverzuglicb 
an eine Reinigung seines auBeren Menschen. Er spiilte sich nicht 
nur wiederholt den Mund aus, sondern nahm sofort ein warmes Bad, 
wechselte seine Leibwasche und zog eine andere Uniform an. Dann 

7) B loch, 1. c. p. 536. 

8) Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. V, 2. pag. 1289 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



221 

lieB er seine Kleider sorgfaltig desiniizieren und alle Zimmer seiner 
Wohnung durchrauchern. Der Stuhl aber, auf welchem die Kaiserin 
gesessen hatte, erhielt am nachsten Tage einen neuen Cberzuff." 

DaB ein nicht minder starker heterosexueller Horror auch beim 
weibiichen Geschlecht vorkommen kann, zeigt nicht nur das obige 
Ziiat aus „der Prostitution des Mannes", sondern allerlei Erfahrun- 
cen und Vorgange des taglichen Lebens, von denen jiingst einer aus 
New York bericntet wurde. In einem von zwei Damen bewohnten 
Hause brach eines Tages Feuer aus. Das letzte Zimmer, iiber das sie 
verfiigten, stand schon in Flammen, als zwei junge Manner ein- 
drangen, um unter eigener LebensgefaJir die beiden Madchen zu retten. 
Die mannerscheuen Fraulein versuchten, ihren Lebensrettern den Zu- 
tritt zu verwehren. Als man sie schlieBlich doch in das Freie gebracht 
hatte, waren sie nicht etwa fiir ihre Rettung dankbar, sondern hochst 
entriistet iiber die „mannliche Zudringlichkeit" ; sie hlltten lieber ster- 
ben wollen, als dafi sie die „Schmach°* mannlicher Beriihrung erdulde- 
ten. Zwei Tage spater fand man die Madchen. tot in ihrer Wohnung 
vor. Sie hatten den Tod gesucht, wie sie schrieben, weil ein. Mann 
sie angefaBt hatte. 

Es ist hier nicht der Platz, auf alle Grtinde einzugehten, 
die bei der Frau zu sexueller Anaphrodisie, beim Manne zu 
relativer und absoluter Impotenz flihren — einer der 
haufigsten ist sexuelle Hypodiondrie. Trotz der trefflichen 
Monographie von Otto Adler „Die mangelhaf te Geschlechts- 
empfindung des Weibes. Anaesthesia sexualis feminarum. Ana- 
phrodisia. Dyspareunia. Bsrlin 1911**, und den inhaltsreichen 
Arbeiten unserer Berliner Kliniker Ftirbringer^), Eulen- 
b! u r g^®) liber Impotenz, denen sich die von G y u r k o - 
vechkyii), Steinbacher^^) ^nd Hammond^^) anreihen, 
ist hier noch sehr vieles in Dunkelheit gehtillt. 

AUes in diesem Abschnitte in Erwagung Gezogene zu- 
sammenfassend kommen wir zu dem Resultat, dafi das nega- 
tive Verhalten gegeniiber dem anderen Geschlecht ein wichtiges, 
aber kein allein ftir sich beweisendes Signum der Homosexualitat 
ist. Es ist nur dann von Wert, und zwar von hohem Wert, 
wenn es mit einem nachweisbar positiven Ver- 
halten gegeniiber dem eigenen Geschlecht ver- 
gesellschaf tet ist. 

^) Fiirbringer, Die Storungen der Geschlechtsfunktionen des 
Mannes, Wien 1901. 

i<>^ A. Eulenburg, Sexuale Neurasthenie. 

'1; V. v. Gyurkovechky, Pathologic und Therapie der mannlichen 
Impotenz, Wien und Leipzig 1897. 

12) J. Steinbacher, Die mannliche Impotenz, Berlin 1892. 

18) W. A. Hammond, Sexuelle Impotenz beim mannlichen und 
weibiichen Geschlechte, Berlin 1891. 



Digitized by VjOOQIC 



ELFPES KAPITEL. 

Differentialdiagnose zwischen Homosexualitttt und den drei 

Ubrigen Gruppen der^esclilechtsUbergilnge;Herinaphroditisinus, 

Gynandromorphie und Transvestitismus. 

Nach dem Ersdieinen der ersten wissensch'aftlichen 
Arbeiten uber das Wesen der Homosexualitat, namentlich der von 
Westphal, Ulrichs, Krafft-Ebing beigebrachten Ka- 
3uistik, waren viele Arzte und Laien, besonders auch viele 
Urningc selbst geneigt, in jedem Manne, der durch weibliche, 
und in jeder Frau, die durch mannliche Ztige auffiel, Homo- 
sexuelle zu erblicken. Als man mit groBerer Erfahrung aber 
inne wurde, da6 es auch viele Homosexuelle gab, die in ihrem 
Habitus keinerlei alterosexuelle Einschlage boten, und solche 
auch gelegentlich bei vollig Heterosexuellen fand, verfielen 
manche in ein anderes Extrem, und sprachen diesen Anzeichen 
jede Bedeutung ab. 

Beide Meinungen berulien auf einem Irrtutn, der sich aus einer zu 
geringen Erfahrung erklart. DaB Homosexuelle unverhaltnismaBig 
uaufig psychisch und somatisch andersgeschleclitliche Zeichen dar- 
bieten, kann nur ein Nichtkenner der Homosexualitat leugnen, aber 
sie sind keine conditio sine qua non, und wenn H. Marx^) einmal sagt, 
„daB ein Urning kein Mann ist, sondern zum weiblichen Ge- 
schlecht gerechnet werden mufi", so ist anzunehmen, daB ilim 
offenbar nur ganz feminine Urninge zu Gesicht gekommen sind. Nicht 
minder verfehlt ist es aber, die symptomatische Bedeutung dieser 
Zeichen deshalb zu neofieron, woil sie nicht immer nachweisbar sind; 
das ist nicht viel anders als dem Bart die Bedeutung eines mann- 
lichen Geschlechtszeichens abzusprechen, weil es auch bartlose Man- 
ner und Bartdamen gibt, oder der Brust den weiblichen Charakter 
zu nehmen, weil man auch weibbriistige Manner und mannbriistige 
Weiber kennt. 

DaB eine gewisse Neigung hierfiir besteht, zeip:te mir eine Stelle 
in einem Aufsatz ,,Der iSexualLsmus in der Spracha*' von Dr. K a t h e 
Schirmacher. Hier schreibt diese bekannte Fiihrerin der Fraiien- 
bewegung: „Behaupten, daB Manner Fraueu- und Fraueri Miinnereigen- 
schaften haben, ist eine Absurditat" und weiter wortlich : „Ich ent- 
nehme einem Konzertbericht folgendes Urteil: „Die Pianistin spielte 

1) H. Marx, 1. c. p. 8. 

Digitized by VjOOQIC 



223 

mit mannlicher Kraft." " Ich begreife nicht, wie Frauenarme und 
•liande Mannerkraft entfalten und enthalten konnen. Denn wenn 
diese Kraft von einer Frau entwickelt wird, ist es doch eben Frauen- 
und nicht Mannerkraft." 

Eine Wahrnehmung zu konstatiereh scheint mir nicht un- 
wesentlich: Die starksten Annaherungen an den entgegen- 
gesetzten Geschlechtstjpus, wie beispielsweise beim Weibe 
Klitorishypertrophie und Vollbart, beim Manne Hypospadia 
peniscrotalis und Gynakomastie sind haufiger mit Hetero- 
sexualitat als mit Homosexualitat verbunden. 

a)Hermaphroditismus. Wenden wir uns nun den ver- 
schiedenen Graden sexueller Zwischenstufen zu, so ist eine Ver- 
wechselung zwischen Homosexualitat und Hermaphroditismus 
keineswegs auszuschlieUen. Verschiedentlich haben sich herm- 
aphroditische Manner, und namentlich Frauen, zunachst fur 
homosexuell gehalten, und sicherlich sind nicht wenige Menschen 
als Homosexuelle durchs Leben gegangen, die in Wirklichkeit 
Hermaphroditen waren. 

Der erste Fall von Pseudohermaphroditismus, den ich in meiner 
Praxis sah 2), betraf auch einen Mann, der sich, bis er mich auf- 
suchte, fiir eine homosexuelle Frau hielt. Die Angaben, die mir die 
44jahrige, seit ihrer Geburt als Frau lebende Person iiber ihren Ge- 
schlechtstrieb machte, lauteten: 

„Im 13. Lebensjahre traten die ersten geschlechtlichen Regungen 
auf. Die Richtung des Geschlechtstriebes war immer dieselbe, und 
zwar wandte sie sich von Anfang dem weiblichen Geschlechte zu. 
Die Liebestraume bezogen sich stets auf das Weib, sie traumte, daC 
ein Madchen sie kiiBte imd an sich driickte, wobei Erektionen der 
Klitoris eintraten. Ahnliches bemerkte sie auch schon friih beim 
Beriihren oder Umarmen ihrer Schulfreundinnen. Dem Manne gegen- 
liber besteht in sexueller Hinsicht Gleichgiiltigkeit, vor dem Koitus 
mit ihm Widerwillen. Vier Heiratsantrage, die ihr im Laufe der Jahre 
gemacht wurden, lehnte sie ab, zweimal gab sie dem Verlangen von 
Mannern, welche mit ihr kohabitieren wollten, nach, fiihlte sich aber 
nach dem Akt sehr unbefriedigt. Auf die Frage, was sie am Manne 
abstoi3t, antwortete sie: „es ist kein Reiz da". 

Ihre Neigung erstreckt sich bcsonders auf 18 — 24 jahrige Madchen 
„mit vollen Briisten und runden Armeu", und zwar mehr sanftmiitige 
und gebildete Personen. Zweimal hatte sie ein Freundschaftsbiindnis 
von langerer Dauer, jedesmal etwa drei Jahre, sie war sehr eifersiichtig, 
hezeichnet aber diese Jahre als die gliicklichste Zeit ihres Lebens. 
Die Art des Begehrens ist mehr mannlich aktivisch, die Starke ihres Ge- 
schlechtstriebes groB, nach dem Verkehr mit einer Frau fiihlt sie sich 
erfrischt und gesundheitlich gefordert. Sie ist der Meinung, daB 
sie homosexuell veranlagt sei. Wenn die Gelegeuhoit zum 
sexuellen Verkehr mit einem Weibe fehlte, griff sie zur Selbstbefriedi- 
gung, wobei sie sich Frauen vorstellte. Aus dem korperlichen Befund 
sei folgendes hervorgehoben : Patientin ist 1,72 m groB, wiegt 156 Pfd., 
ihre Knochen sind stark; Korperkonturen nicht abgerundet, sondern 



^) Dieser Fall wurde zuerst von mir in dor „Monatsschrift fiir 
Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene", 11. Jahrgang 1905, Heft 1, 
beschrieben. 



Digitized by VjOOQIC 



224 

eckig; Oberarm und Oberschenkel abgeflacht; Fettpolster sehr gering, 
Muskeln abgesetzt und kraftig, sie hebt mit einer Hand I1/2 Zentner, 
tragt zwei Zentner auf dem Riicken, mich selbst (85 Kilo) hob sie 
ziemlich leicht empor, Hande und FnQe sind grofi, besonders die 
Hande ungewohnlich kraftig, das Fleisch fiihlt sich fest an, sie tumt 
gem, tanzt gem „als Herr", ihre Schritte sind ziemlich kurz, ihr 
Gang ist gerade, doch dreht sie sich etwas in den Hiiften, schon als 
Kind konnte sie „wie ein Bube" pfeifen. Der Kehlkopf ragt stark 
hervor, was durch ein Samtband geschickt verborgen wird. Die 
Stimmo ist tief und rauh, Halsumfang 37 cm, die Lange des Halses 
be tragt von der Incisura thyreoidea bis zum Manubrium sterni 10 cm. 
Die Schliisselbeine ragen vor. Thoraxumfang uber den Mamillae ge- 
messen, bei der Inspiration 98, in Exspirationsstellung 91 cm. Der 
Atmungstypus abdominal. Der Warzenhof hat einen Durchmesser von 
11/2 cm, ist ein wenig umhaart. Mammagewebe nicht nachweisbar. 
Auf der linken Seite befindet sich, genau in der Mitte der 28 cm langen 
Verbindungslinie, welche von der Brustwanse bis zum Nabel gezogen 
werden wiirde, eine kleine iiberzahlige Brustwarze. 

Die Hiiftbreite ist bedeutend schmaler als die Schulterbreite ; 
der Schulterumfang betragt — unter dem „Acromion" genommen — 
106 cm, der Hiiftumfang dagegen, am oberen Ende der rima pudendi 
gemessen, 98 cm, zieht man nur die Vorderseite in Betracht, so ist 
die Schulter vom Acromion zum Acromion 60 cm, die Hiifte in der 
Mitte zwischen Nabel und Symphyse von einem Oberschenkel zum 
anderen 44 cm breit. Das Becken selbst hat einen vollig mannlicheu 
Charakter. Der Schadel ist kraftig, die hohe Stirn wird durch die 
nach unten gekammte Haarfrisur um ein Wesentliches verkiirzt; das 
Kopfliaar reicht aufgelost bis zur Mitte der Schulterblatter und ist 
nicnt sehi* dicht, bis zum 20. Jahr wurde es in zwei Zopfen getragen, 
welche damals bis zur Taille reichten. Jetzt wird es in moderner 
Damenfrisui* getragen. Der Bartwuchs ist sehr stark; der Bart wird 
an der Oberlippe und am Kinn taglich rasiert. Die Haut ist ziem- 
lich zart und fast unbehaart, nur am Unterarm und am Unterschenkel 
befindet sich ein leichter Flaum. Die Schambehaarung tragt 
mehr weiblichen Typus; nur bei genauem Hinsehen bemerkt 
man Spuren des fiir Manner charakteristischen Haarstrichs zwischen 
Nabel und Symphyse. Die Schmerzempfindlichkeit der Haut ist groB. 
Patientin will immer gesund gewesen sein, so daB sie noch niemals 
einen Arzt konsultiert hat. Die auBeren Geschlechtsteile zeigen auf 
oberflachlichen Anblick eine weibliche Form. Man sieht zwei stark 
entwickelte groBe Labien, welche sich nach dem Damm zu verbreitern, 
ziemlich reichlich behaart sind und an der Innenseite prominente Talg- 
driisen aufweisen. Die hintere Kommissur der groBen Labien grenzt 
sich nach oben zu scharf ab, wahrend die Labien nach dem Damme 
zu ineinander iibergehen. Der letztere ist ziemlich lang und ist 
an seinem analen Ende mit Hamorrhoidalknoten besetzt. In der 
oberen Schamlippe ist ein hiihnereigroBes, hoden- 
artiges Gebilde deutlich palpabel. Von demselben geht 
ein Strang aus, der sich wie ein „vas deferens" anfiihlt. Cremaster- 
reflex nachweisbar. Die linke Schamlippe ist leer, doch gelingt es, 
von der Unterleibshohle aus durch den linken Leistenkanal ein hoden- 
artiges Gebilde von der GroBe eines Taubeneies herabzudriicken. Es 
wird angegeben, daB bei dem Geschlechtsverkehr mit Weibern, wel- 
cher teils nach Art des normalen Koitus, teils als Cunnilingus vor- 
genommen wird, im Orgasmus ein schleimiges Sekret „etwa ein Finger- 
hut voir* entleert wird, welches aus einer anderen Offnung als der 
Ham hervorquillt. Dasselbe geschehe bei der Masturbation. Das 
Ejakulat wurde mikroskopisch untersucht. Es fanden sich darin sehr 
zahlreiche vollig normale Spermatozoen. In dem zwi- 
schen den groBen Labien befindlichen Spalt treten die stark ent- 



Digitized by VjOOQIC 



225 

wickelten Schleimhaute der kleinen Labien zutage. Oben bilden sie 
ein weithervorragendes Praputium, nach dessen Zuriickstreifung erst 
die undurchbohrte Klitoris sichtbar wird. Diese ist von Siiief^ma 
bedeckt, zeigt deutlich eine Glans, eineii sulcus coronarius, ist in 
der Ruhe 4, in statu erectionis 7 cnj laug. An der Spitze befindet 
sich ein seichtes Gnibchen, welches ^icli nacli unten in einer Furche 
fortsetzt, die in den schmalen Scheidenspalt iibergeht. 6 cm unterhalb 
der Penisspitze miindet in diese Rinne der Urethralkanal, Hymen ist 
nicht vorhanden, in die Scheide kann weder mit dem Finger noch 
mit der Sonde eingedrungen werden, da diese Manipulation mit zu 
groBeu Schmerzen verbunden ist, und in ('hloroforranarkose nicht 
untersucht werden konnte. Zieht man die kleinen Labien weit aus- 
einander, so scheint es, als ob die blutigrote Scheide in einer Tiefe 
von 3 cm blind endigt. Bei der rectoabdominalen Untersuchung fand 
ich nichts, was als Uterus, Tube oder Ovarien gedeutet werden konnte, 
dagegen einen walbiui3groCen Korper, der nach Form und Lage den 
Eindruck einer Prostata hervomef. 

Nach diesem Befunde konnte es nicht zweifelhaft sein, 
dafi es sich bei der Patientin um einen Mann handelte. Wiirde 
man sie nur fllichtig inspiziert haben, so hatte man bei der 
weiblichen Figuration der Pubes, der vollig die Geschlechts- 
teile verdeckenden Klitoris und der sichtbaren Vulva die Dia- 
gnose gestellt : homosexuelle Frau vom ausge- 
sprochenen Typus der Virago. Die auff allend starke 
rechte Schamlippe lieC verschiedene Deutungen, wie Hernia, 
Varicen, Oedem zu, erst die eingehende Untersuchung ergab 
kein homosexuelles Weib, sondern einen heterosexuellen 
Mann mit Hypospadia peniscrotalis und leichten 
femininen Einschlagen auf psychischem und korper- 
lichem Gebiet. Cbrigens lehnte die Patientin meinen Vorschlag, 
ihre Metrik zu andern und als Mann weiter zu leben, ab, da 
sie das mit dieser Umanderung verknlipfte Aufsehen scheute 
und fUrchtete, ihre geschaftliche Stellung zu verlieren. 

Sic lebt also nach auften als homosexuelles Weib weiter, 
wahrend sie re vera korperlicher Pseudohermaphrodit ist. 

Sehr viel schwieriger als in dem vorliegenden war die 
Differentialdiagnose in dem folgenden Falle, weil hier der 
korperliche Habitus, vor allem die Brtiste und die Genitalien 
aiiJJerlich ganz weiblidh waren. Die Dame war in Ungelegen- 
heiten gekomlnen, weil sie mit einer Freundin „durchgegangen** 
war. Ich hielt sie anfangs auch flir eine Homosexuelle von nicht 
einmal sehr starker Virilitat. Sicherlich hatte sie auch als 
solche weiter gegolten, wenn nicht die Untersuchung des schlei- 
migen Sekrets, das sich bei sexueller Erregung aus der Harn- 
rohre entleerte, ebenfalls Spermatozoen ergcben hatte. Der 
Fall, welcher von sehr groBer prinzipieller Wichtigkeit ist, 
weil er zum ersten Male einwandfrei das innere Vorkoinmen 
mannlichen Samens bei auBerlich vollig weiblichem Habitus 

Hirschfeld, Homosexualitlt. '5 



Digitized by V:iOOQIC 



^26 

zeigte, wurde von fiurcliard und inir in del* deutschen 
naedizinischen Wochenschrift^) und in der Broschiire „Ge- 
scJilechtsumwandlungen*'*) publiziert. 

In einer kleinen Gemeinde in Ungarn ereignete ^ich im 
Sommer 1913 der Fall, da6 eine Fran, die seit 11 Jahren in 
sehr gliickliclier Ehe mit einem Landwirt gelebt hatte, sich 
wahrend einer langeren Abwesenheit ihres Mannes in ein Weib 
verliebte. Als der Mann, der ftir einige Jahre nach Amerika 
ausgewandert war, davon erfnhr, kehrte er sofort zurtick. 
Die von der Kirchenbehorde veranlaBte arztliche Untersuchung 
ergab, daB sie in Wirklichkeit ein Mann sei. Darauf wurde die 
Ehe annuUiert. Der Bericht schliefit mit den Worten : ,,Die ehe- 
maligen Gatten umarmten feich und nahmen weinend von ein- 
ander Abschied. Marie Br. heiBt nun Franz Br. und ist nach 
Schlesien ausgewandert, wo sie, resp. er als Krankenpflegeo: 
in einem Spital angestellt wurde. Der Gatte aber hat sich rasch 
wieder verheiratet.** 

Auch den umgekehrten Fall, den eines anscheinend homo- 
9exuellen Mannes, hinter dem sich ein anscheineind hferm'- 
aphroditisches Weib verbirgt, habe ich gesehen^). 

Diese Personlichkeit suchte mich auf, behufs Ausstellung eines 
Gesundheitsattestes, welches seitens einer Behorde von ihm erfordert 
wurde. Es hatte ihm groBe Uberwindung gekostet, sich zu einenj 
Arzte zu begeben. 

Er tragi einen Anzug, der in keiner Weise von der bei Herren 
ublichen Tracht abweicht. Sein hellblondes Haupthaar ist kurz, strup- 
pig, ungescheitelt. In seinem zarten hiibschen Gesichte findet sich 
ein sparlicher, flachsfarbener Schnurrbart. Nachdem der jetzt 32 Jahre 
alte, 1,G9 m groBe und 148 Pfd. schwere F. K. sich entkleidet hat, 
zeigt sich ein prachtvoller weiblicher Korper. Der Brustumfang 
ist 90, der Hiiftumfang 98 cm. Die Mammae treten als zwei pralle 
voile Halbkugeln hervor. Die Brustwarzen sind ziemlich groB und vod 
einem rosa gefarbten Warzenhofe umgeben, dessen Durchmegser 6 cm 
betragt; in demselben sind einige Montgomerysche Knotchen deutlich 
sichtbar. Bei der Palpation fiihlt man unter der Haut der Briiste ein 
Gewebe, das vom weiblichen Mammagewebe nicht zu unterscheiden ist. 
Die Haut ist sehr zart, rein und vollkommen glatt. Die Korperlinien 
sind abgerundet, namentlich die Schulter-, Oberarm-, Hiift- und Ober- 
sclienkelkonturen absolut feminin. Die Hande sind weich und zier- 
lich (Handschuhnummer 7), die FiiBe klein. Das Fleisch fiihlt sich 
teigig und schwellend an, die Muskulatur ist schwach entwickelt. Die 
Schritte sind klein und kurz, doch findet beim Gehen kein Drehen in 
den Schultern und Hiiften statt. Patient kann nicht pfeifen. Es be- 
steht keine Neigung zu kraftiger Muskeltatigkeit, Turnen, gym- 

8) Deutsche Medizinische Wochenschriftj Nr. 52, 1911. 

*) Geschlechtsumwandlungen (Irrtumer in der Geschlechtsbestim- 
mung). Sechs Falle aus der forensischen Praxis. Von Dr. Magnus 
Hirschfeld. Aus „Beitrage zur forensischen Medizin". Band I, Jlett 2. 

^) Dieser Fall wurde von mir in der „Monatsschrift fiir Jlarn- 
krankheiten und sexuelle Hygiene", II. Jahrgang, Heft 5, veraffenc- 
licht. 



Digitized by VjOOQIC 



227 

nastischen Spielen, aber auch nicht zum Tanz, dagegen zum Wandera 
and Radfahren. Der Atmungstypus ist kostal. Der Kehlkopf tritt am 
auBeren Halse nicht hervor; die Stimmlage ist mittei; wie Patient an- 
gibt, ist sio durch Cbung tiefer geworden. Die Sprache ist einfach, 
nicht geziert; Neigung in Fistelstimme zu sprechen ist nicht vor- 
handen, eher das Gregenteil. Der Gesichtsausdruck ist weder ausge- 
sprochen mannlich noch weiblich, jedenfalls aber mehr weiblich als 
mannlich. Die schonen blauen Augen haben einen ruhigen, sanften, 
leicht melancholischen Ausdruck. Patient fiihlt sich auBer seiner Ab- 
normitat vollkommen gesund. Es bestehen keinerlei Storungen des 
Nervensystems, auch keine Migrane und Neurasthenie. Die makro- 
skopische und mikroskopische Untersuchung des Genitalapparates er- 
gab folgenden Befund: Die Schambehaarung ist typisch weiblich. Es 
sind zwei gut entwickelte Labia majora vorhanden. In die rechte 
Schamlippe laBt sich ein kleines taubeneigroBes, in die linke ein hasel- 
nuBgroBes Gebilde vom Leistenkanal aus nach unten driicken. Die 
Beriihruug derselben ist mit Schmerzen verbunden. Es ist u n m o g- 
1 i c h , bei der Palpation zu beurteilen, ob es sich bei diesen Organen 
um Hoden, Eierstocke (oder gar um ovotestes) handelt. Beim Herunter- 
ziehen scheint es, als ob diese Gebilde mit einem bindegewebigen, 
rundeu Strang von geringem Durchmesser in Verbindung stiinden, der 
sich weder wie ein vas deferens noch wie eine Fallopische Tube an- 
fohlt. Zentralwarts von den groBen sind die kleinen Schamlippeu 
sichtbar, die ca^ 4 cm lanjg sind und durch eine reichliche Anzahl von 
Schleimhautfalten auffallen. Streift man sie nach oben auseinander, 
80 erblickt man einen Biirzel, der 2 cm breit und 1 cm lang ist. In 
der geschiechtlichen Erregung soil derselbe etwa 1/2 breiter und ein 
wenig langer werden. Dieser stumpfe Hooker zeigt keine Miindung 
eines inneren Kanals, dagegen an seiner Oberflache eine nach oben 
verlaufende flache Rinne, an deren vaginalem Ende die Urethra miindet. 
Die unterhalb derselben gelegene hymenlose Offnung der Scheide ist 
fiir eine bleistiftdicke Sonde durchgangig. In einer Tiefe von 14 cm 
stoBt diese Sonde auf den Grund des hautigen Kanals, der keinerlei 
Vorwolbungen und Offnungen zeigt, welche man als Portio uiid Mutter- 
mund ansprechen konnte. Die digitale Untersuchunsj per vagi nam ist 
nicht moglich. Per anum fiihlt man keine ProstataT Rectoabdominal 
ist keine Resistenz palpabel, die als uterus gedeutet werden konnte. 
Die Monatsregel war nie vorhanden, auch keine vicariierenden menses 
Oder menstruellen Aquivalente. Patient gibt an, daB sich bei dem meist 
durch Masturbation herbeigefiihrten Orgasmus etwa 2 Gramm weiB- 
lichen Schleims entleeren, welche er fiir Samenfliissigkeit halt. Die 
zu zwei verschiedenen Malen vorgenommene mikroskopische Unter- 
suchung des E jakulats ergab in bezug auf Samenfadchen ein nega- 
tives Resultat. Im Gegensatz zu der bisexuellen Mischung der so- 
matischen Geschlechtsmerkmale zeigt der Geschlechtstrieb keine 
Spur von Bisexualitat, ist vielmehr — wie bei einem 
normalen Weibe — auf den Mann gerichtet. Nach der 
Geschlechtsreife, welche im 15. Lebensjahre eintrat, trat immer deut- 
licher ein lebhaftes sexuelles Interesse fiir mannliche Personen her- 
vor, fiir Madchen und Frauen bestand niemals auch nur die geringste 
sexuelle Neigung. Der Gedanke, mit einem Weibe geschlechtlich zu ver- 
kehren, ist ihm „widerwartig". PoUutionstraume hatte stets Be- 
riihrungen mit Personen mannlichen (Patient sagt „desselben**) Ge- 
schlechts ziun Inhalt. Auf dem Theater fesselten ilin Herron mehr 
wie Damen. Patient fiihlt sich von kraftigen, recht mannlichen 
Typen angezogen; zarte, weibliche, namentlich auch die meisten Homo- 
sexuellen lassen ihn kalt; uniformierte Stande, besonders Soldaten, 
bevorzugt er. Die Art seines Begehrens ist passivisch. Er mochte 
succubus, der Geliebte soil incubus sein. Der Geschlechtstrieb ist 
stark, ein Akt konnte bisher aber nur selten (immer mit Mannern) 

15* 



Digitized by V:iOOQIC 



228 

ausgefiihrt werden. Er fiihlt sich daher unbefriedigt und ungliicklich: 
wiinscht, daB, wena es moglich ware, seine Natur geandert wiirde. 
Wenn andere Manner und Frauen das geschlechtliche Thema beriihren, 
kann er sich eines Neidgefiihls nicht erwehren. Patient hat zicmlich 
starken Willen, keine Furchtsamkeit und ist von sittlichem Ernst 
und groCer Ordnungsliebe. Er iiebt geistige und korperliche Arbeit, 
ist in bezug auf seine Lchensbediirf nisse anspruchslos : raucht aber 
viel und zwar starke Zigarren, kann auch viel Alkohol 
vertragen. Er besitzt ein gutes Gedachtnis, hat viel gelesen und ge- 
lernt und ist von umfassender Bildung. In crster Linie interessiert 
ihn Politik; er ist ein grower V'erehrer von Bismarck. Musik Iiebt 
er sehr. Er spielt sehr gut Klavier. Aus Plastik macht er sich nichts. 
Dagegen beschaftigt er sich gern mit Blumenpflege. Es besteht 
nicht der geringste Drang in Kleidern des anderen 
Geschlechts zu gehen. Er hat weder Neigung fiir Schmuck, 
noch fiir Parfiims, Puder und dergleichen. Er Iiebt einfache .Ge- 
wandungen, hohe Kragen, doch spielen die Kleidungssorgen keine 
Rolle in seinen Gedanken. Hang fiir weibliche Handarbeiten, Kochen, 
Putzen ist nicht vorhanden. Seine Schriftziige sind groB und sichei 
und erwecken zweifellos den Eindruck, daB sie von einem Manne her- 
riihren. Die Differentialdiagnose laBt sich bei dem 32jahrigen, seit 
seiner Geburt ais Mann lebenden Fran^ K. intra vitam nicht stelien, 
ja es erscheint sogar fraglich, ob es post mortem moglich sein wird, 
zu entscheiden, ob diese* Person ein Mann oder ein Weib gewesen ist. 
Als Mann, wie die Behorden und seine Umgebung annehmen, kann er, 
bei der iiberwiegenden Anzahl weiblicher Geschlechtscharaktere, dem 
Mangel mannlicher Keimzellen und dem ausgesprochen weiblichen Ge- 
schlechts trieb nicht angesehen werden. Auch nicht als feminin-homo- 
sexueller Mann, unter welche Kategorie er sich zu rubrizieren geneigt 
ist. Aber auch dem weiblichen Geschlechte konnen wir ihn nicht 
zuzjihlen, da er nicht nur niemals menstruiert hat, sondern auch zahl- 
reiche Geschlechtscharaktere zweiter und dritter Ordnung besitzt, 
welche eine weit iiber das weibliche Stadium hinausgehende, mann- 
liche Entwickelung aufweisen. Ungeschlechtlich kann man ihn auch 
nicht nennen, da Geschlechsstigmata in groBer Fiille vorhanden sind 
und der Geschlechtstrieb in vollkommener Ausbildung besteht. Eben- 
soweni^- ist er aber doppelgeschlechtlich, da aus der Amenorrhoe und 
Azoospermie hervorgeht, daB weder milnnliche nocli weibliche Fort- 
ptlanzungszellen produziert werden. Man kann sagen, daB die 
sekundiiren und tertiaren Geschlechtscharaktere bei 
ihm in nahezu umgekehrtem Verhaltnis zueinander 
s t e li e n , indem auf somatischem Gebiete etwa zu 75 o/o weibliche 
und zu 25 Oy miinnliche, auf psychischem etwa zu 75 <Vo mannliche 
und zu 25 oq weibliche Geschlechtszeichen miteinander verbunden sind. 

Dor Patient,, der sich erst nach groBem Widerstreben zu den 
wiederholten llntersuchungen cntschlossen hatte, war nicht wenig ent- 
tiiuscht, als ich ihm die Antwort schuldig bleiben muBte, ob er denn 
nun eigcntlich ein Mann oder ein Weib sei, ihn also, wie er in der 
ihm eigentiimlichen sarkastisclien Art meinte, „auf die Sektion ver- 
trostetc." 

Diese Beispiele, die sich leicht vermehren lieBeu, zeigen 
zur Geniige, daC in jedcm Falle von Homosexuali- 
tat zur Sicherstcllung dor Diagnose eine genaue 
korparliche Untcrsucliung unerlaBlich ist, die 
sich auch auf den Genitalapparat, und in zweifelhaften Fallen 
sogar auf dessen Sekrete zu erstrecken hat. 



Digitized by VjOOQIC 



229 

Auch Kombinationen von Hermaphroditismus und Hnmosexualitat 
kommeii vor, wenngleich anscheinend selten. So erzahlte mir auf dem 
letzten Internationalen Arzte-KongreC in London ein englischer Kol- 
lege aus seiner Praxis folgenden Fall, von dera er nair auch photo- 
^rraphische Aufnahmen iibergab. Ein ISjahriges Madchen konsultierfce 
ihn wegen Amenorrhoe und virilen Habitus: Bartwuchs, Stimmwechsel. 
Der Kollege stellte eine Hypospadia peniscrotalis fest, nahm mann- 
liches Geschlecht an und veranlaBte die Umwandlung. Nach vier- 
jahrigem Leben als Mann kam die Person sehr deprimiert zu ihm, sie 
wolle wieder Madchen werden, sie wisse rait Frauen nichts anzufangen, 
dagegen liebe sie einen Mann, mit dem sie, da er ihre Neigung er- 
widere, die Ehe eingehen wolle. Auf ihr energisches Drangen wurde 
ihr aucn dieser Wunsch erfiillt, und lebt sie nun schon seit 10 Jahren 
in durchaus gliicklicher Ehe. Als ich dem Kollegen, der mich nach 
meiner Ansicht fragte, sagte, dafi seine Patientin wohl ein homo- 
sexueller Mann sein diirfte, war er nicht wenig erstaunt. 

b) Gy nandromorpliie. Der androgyne Manner- und 
der gynandrische Frauentypus sind keineswegs imtner an Homo- 
sexualitat gekniipft. Es gibt gewisse Typen, die man als 
ennuchoide bezeichnet hat, sie machen, ohne verschnitten zu 
sein, den Eindruck von Kastraten, besitzen weibliche Korper- 
formen, hohe Stimme, bartlose Gesichter. Meist besteht 
Azoospermie, vielfach Anorchie. Ihnen entsprechen Frauen, 
die korperlich viel Mannlidhes haben. 

Diese auffallend weiblichen Manner und mannlichen Weiber 
werden oft fiir homosexuell gehalten, sind aber nicht selten 
voUig heterosexuell, insofern, als sie Erganzungen ihrer Indi- 
vidualitat unter Typen finden, die dem anderen Geschlecht 
angehoren. Diese sie fesselnden Typen sind allerdings viel- 
fach auch androgyn. 

So verf alien weibliche, aber „normale" Manner oft immer wieder 
auf Madchen, welche, wenn sie auch nicht homosexuell, so 4och 
recht viril und burschikos sind, mit flachem Busen, schmalen Hiiften, 
kurzeri Haaren und kleinem Flaum auf der Oberlippe ; ich habe wieder- 
holt mit Erstaunen wahrgcnommen, ein wie grofies Gefallen manche 
sogenannte normale Manner an homosexuellen Madchen und Frauen 
fandcu. Manche dieser femininen Manner lieben recht groBe, starke, 
kraftige und iippige Frauen, ,,Heroinentypen", „Gcrmaniafiguren**, 
„Prachtweiber", andere nur im Aufbluhen begriffene Madchen (Back- 
fische) mit noch wenig entwickelten Korperformen, oder auch altere 
Damen, welche schon das 40. Jahr iiberschritten haben und bereits 
weniger markante Charaktere ihres Geschlechts aufwcisen. 

Es sind nicht immer materielle Intereasen, wie meist voraus- 
gesetzt wird, wenn sich Burschen von 18 bis 25 Jahren mit reichen 
alteren Witwen von 50 und dariiber vermahlen. Viele unter diesen 
Mannern, die selbst ein erfahrener Expert nach ihrem AuBeren und 
Benehmen zunachst fiir Urninge halt, sind Masochisten. 

Einer der seltsamsten Falle, die ich sah, war ein sehr femininer 
Rittmeister, der korperliche Pseudohermaphroditen suchte, — ich ver- 
danke seinem Spiirsinn einige meiner markantesten Falle. Sein Trieb 
war umso ungliickseliger, als diese Hermaphroditen in der Mehrzahl 
ihrerseits Frauen liebten und seine Zuneigung zu erwidern auBerstande 
waren. 



Digitized by VjOOQIC 



230 

Unter den heterosexuellen Frauen gehoren in die gleiche Rubnk 
alle diejenigen, die das MiBgeschick haben, sich imnier in homosexuelle 
Manner zu verlieben, oder auf solche verfallen, die etwas recht Weiches 
und Weibliches an sich haben; namentlich bei den beriihmten Schau- 
spielerinnen und Kiinstlerinnen scheint diese Geschmacksrichtung stark 
vertreten. Weininger hat im VI. Kapitel seines Buches, welches 
liber die emanzipierten Frauen handelt, eine stattliche Reihe solcher 
Frauen aus der Geschichte zusammengestellt ; da f indet sich George 
Sand, von der M6rim6e sagt, sie ware „maigre comme un clou"; 
diese hatte erst ein Verhaltnis mit dem sehr weiblichen Lyriker 
M u s 8 e t und dann mit dem nicht minder weiblichen Komponisten 
Chopin, da ist die italienische Dichterin Vittoria Colonna, 
die Frcundin des homosexuellen Michel Angel o, die bereits oben er- 
wahnte Madame d*A g o u 1 1 als Schriftstellerin Daniel Stern ge- 
nannt, Geliebte des femininen Franz Liszt, da ist Madame de 
S t a e 1 , welche sich in August Wilhelm Schlegel, den homo- 
sexuellen Hauslehrer ihrer Kinder, verliebte, und Clara Schumann, 
deren Gatte in seinen Ziigen, seinem Wesen und seiner Kunst stark 
weibliche Zuge aufwies. Auch auf Rahel Varnhagen hatte Wei- 
ninger hinweisen konnen, an die Varnhagen schreibt : „Wissen 
Sie, Liebe, warum unser Verhaltnis so groB und vollkommen geworden 
ist? Ich will es Ihnen sagen: Sie sind ein unendlich produzierendes, 
ich bin ein unendlich empfangendes Wesen — Sie sind ein groBer 
Mann, ich bin das erste aller Weiber, die je gelebt haben." 

Dieser Gruppe von Frauen sind diejenigen verwandt, die selbst 
oft dreiBk: und dariiber, eine groBe Vorliebe fiir junge bartlose Stu- 
denten, Kiinstler und Boh^miens haben, endlich auch solche, die 
fiir „w\jrdige alte Herren" schwarmen. 

Eine in diese Kategorie gehorige Studentin, die in ihrem Aus- 
sehen und ihren Charaktereigenschaften sehr viel Mannliches hatte, 
dabei aber voUig „normalsexueU" war, da sie nur fiir Manner erotische 
Empfindungen hatte, sagte mir einmal nicht unzutreffend, „sie kame 
sich wie ein homosexueller Mann vor." 

Ahnliches horte ich von zwei beriihmten Schriftstellerinnen mit 
stark viriler Note, ebenso wie auch feminine, aber frauenliebende 
Manner nicht selten auBem, sie fiihlen sich wie homosexuelle Frauen. 

Alle diese Manner und Frauen stehen in ihrer konsti- 
tutionellen Wesen heit den Homosexuellen ziemlich nahe, 
naher als sie glauben, was viele allerdings nicht hindert, im 
VoUgefiihl ihrer „absoluten Normalitat" um so lebhafter in 
die Verachtlichmachung der Homosexuellen, ihrer Nachbam im 
Reiche der Natur, einzustimmen. 

Auch normalsexuelle Manner, die Bartfrauen lieben, gehoren in 
dieses Zwischenreich. Eine mit einem Vollbart versehene Dame der 
Pariser Halbwelt erzahlte, daB sie, nachdem sie sich anfangs sorgsam 
rasiert und gepudert hatte, den Bart hatte stehen lassen, nachdem 
ihr zahlreiche Verehrer versichert hatten „que ses charmes n'en per- 
di*aient point de leur valeur". Ich erwahnte bereits oben, daB diese 
Frauen ebenso wie die hinsichtlich ihrer Stimmwerkzeuge und Brust- 
bildung stark abweichenden Personen selbst meist vollkommen hetero- 
sexuell empfinden. So erhielt ich von .dem Prasidenten der Kgl. Polizei- 
direktion Dresden vor kurzem folgendes Schreiben: 

„Der Arbeiter August Sch., geboren am 26. Mai 1880 in A., war im 
Monat Juli dieses Jahres wegen Bettelns bei der Koniglichen Polizei- 
direktion, hier, in Haft. Die abnorme Brustbildung von Sch. wurde be- 
merkt, und auf Befragen erklarte er sich bereit, sich photographieren 



Digitized by VjOOQIC 



231 

2u lassen und gab auch die Einwilligung, daB sein Bild zu wissen- 
sohaftlichen Zwecken Verwendung finde. Sch. ist mittelgroB, kraftig 
eebaut, der Habitus ist im allgemeinen mannlich, auch die Becken- 
Breite ist die des Mannes. Der Korper ist wenig behaart, auch der 
Bartwuchs an Einn und Oberlippe ist sehr gering. Sch. erzahlte, daB 
er seit dem 17. Lebensjahre die weibliche Rundung der Brust habe, daB 
seine geschlechtlichen Empfindungen niemals auf das mann- 
liche Geschlecht gerichtet, daB er vielmehr sich zu Weibern 
hingezogen fiihle. Da Euer Hochwohlgeboren vermutlich sich fiir den 
Fall interessieren, gestatte ich mir Ihnen 2 Photos zu iibersenden." 
Die bejgefugten Bilder zeigten in der Tat ausgesprochene Gynako- 
mastie, nangende Mammae mit einem groBen Wai*zenhof um die Mam- 
milla. 

Hier sind auch die oft zitierten Falie zu erwahnen, die Herodot 
bei den Szythen und in neuerer Zeit Hammond 6) bei den Pueblo- 
Indianern in Neu-Mexiko beobachteten und beschrieben. Unter 
Szythenkrankheit verstanden die Alten ein eigentiimliches Leiden, 
durch das die Gottin Venus die Szythen bestraft hatte, weil sie 
ihren Tempel zu Askalon gepliindert hatten ; diese Storung bestande 
darin, daB die Tempelschander und ihre Nachkommen verweiblicht 
worden seien ; infolgedessen legten sie weibliche Kleider an, ver- 
richteten weibliche Handarbeiten und bekamen auch in ihrem Cha- 
rakter und in ihrem AuBeren ein weibliches Geprage. Der beriihmte 
Arzt Hippokrates') iibernimmt diese Mitteilungen des Geschichts- 
schreibers Herodot, meint aber, daB es sich hier nicht um eine 
gottliche Strafe handle, sondern um eine Folgeerscheinung des be- 
standigen Beitens, wodurch allmahlich die Genitalien schrumpften und 
die Geschlechtslust und Gesohlechtskraft ^chwanden. Infolgedessen 
lieBe dann auch der mannliche Charakter nach, an dessen Stelle ein 
weibisches Wesen trate. 

Auch Hammond bringt die von ihm unter den mexikanischen 
Indianern, den Nachkommen der Azteken, beobachteten Mujerados, 
deren Erscheinung sehr an die der Szythen erinnert, mit einei* durch 
iibermaBiges Reiten verursachten Schwachung des Genitalapparats in 
Zusammenhang, infolge massenhafter Ejakulationen atropbierten Mem- 
brum und Testikel, die Barthaare fielen aus, die Stimme verliere ihre 
Tiefe, Energie imd Korper kraft nahmen ab, das Fettgewebe zu, Nei- 
gungen und Manieren wiirden weiblich. Es ist bemerkenswert, daB 
weder Herodot noch Hippokrates, noch Hammond uns iiber 
die Richtung des Geschlechtstriebs der von ihnen beobachteten Men- 
Bchen etwas Sicheres zu berichten wissen. Wahrend die Alten diesen 
Funkt iiberhaupt nicht beriihren, erklart Hammond, daB die Muje- 
rados, die im iibrigen bei den religiosen Zeremonien ihrer Stamme 
Ver^-endung fanden, „wahrscheinlich" vornehmen Pueblos zur 
Paderastio dienten. 

Nach der Kenntnis, die wir gegenwartig iiber die zahlreichen 
mannweiblichen Geschlechtsiibergange haben, ist es keineswegs als 
erwiesen anzusehen, daB es sich in diesen ethnologischen Berichten 
tiberhaupl. um wirkliche Homosexuelle handelte; auch die Hypothese, 
daB das Reiten an den hochgradigen seelischen Veranderungen Schuld 
tra^, hat nicht viel mehr Wahrscheiniichkeit als die Annahme H e r o - 
dots, der die Gottin Venus dafiir verantwortlich machte. Es diirfte 
sich vielmehr in alien diesen Fallen um Abarten der so mannigfachen 
endogen-sexuellen Zwischenformen handeln, und zwar im wesentlichen 
um solche der II. und IV. Gruppe (androgyne Transvestiten). 

Fiir einen TrugschluB halte ich auch die Ansicht v. Leexows, der 
selbst Kavallerieoffizier, in seiner Schrift (p. 47) „Armee und Homo- 

«^ Hammond 1. c. p. 111—117. 

'; Sprengel: Apologie des Hippokrates. Leipzig 1792, pag. 611. 

Digitized by V:iOOQIC 



232 

sexualitat/* sagt: „Ich mochte wissen, was ein eingeweihter Trainer 
liber Menschen, die viel mit Pferden zu tun haben, und iiber gleich- 
geschlechtliche Liebe meint, denn meines Erachtens nach hat lleiten 
unbedingt etwas mit Horn osexuali tat zu tun." 

c) Transvestitismus. Am meisten und langsten hat 
man den so sehr in die Augen springenden Drang einiger Men- 
schen, in den Kleidern des anderen Geschlechts, am liebsten 
dauernd, zu leben, als absolutes Erkennungsmerkmal der sexu- 
ellen Inversion erachtet. Aber auch er ist es nicht. Viel haben 
zu diesem noch jetzt in Arzte- und Laienkreisen weitverbreiteten 
Irrtum die ersten in medizinischen Zeitschriften wissenschaft- 
lich gewurdigten Falle beigetragen, wie der in der Medizinischen 
Zeitung (22. Jahrgang 1853, p. 102: „Homo mollis") von Kreis- 
arzt Frankel publizierte Fall des ungllickseligen StilJkind 
Blank, und der erste von W e s t p h a 1 ®) als kontrare Sexual- 
empfindung bei einem Manne bezeichnete Fall, bei dem cs nach 
dem gegenwartigen Stande unserer Kenntnis keineswegs als aus- 
gemacht gelten kann, ob er tiberhaupt ein Homosexueller war. 

Im groBen Publikum gelten namentlich Manner, die berufsmaCig 
als Damendarsteller auftreten, vielfach ohne weiteres als homosexuell. 
Weniger oft, aber immerhin doch audi ziemlich haufig wird dieser 
Verdaclit gegeniiber Frauen geauBert, die Mannerrollen spielen (wie 
etwa in Frankreich Sarah Bernhard, in England Vesta Til- 
ley, in Deutschland die Sandrock und andere). Diese An- 
nabmen sind nicht berechtigt. Ein Transvestit scbrieb mir: „Icb 
war bereits 191/2 Jahre alt, und hatte noch nie eine Variety- Vorstel- 
lung besucht, wuBte auch nichts von Damendarstellern. Dutch das 
Gesprach zweier Herren, die vor mir saBen, wurde ich erst darauf auf- 
merksam, daB die vortragende Dame mannlichen Geschlechts sei. 
Finer der Ilerren lieB dabci eine Bemerkung iiber die Neigungen 
fallen, die derartige Individuen ihrem eigenen Geschlecht gegeniiber 
haben sollten. Dem anderen schien das nicht recht glaubhaft, aber 
der erste versicherte, er wisse es ganz genau, jedes mann- 
liche Individuum, das sich weiblich kleide, gehore 
zu jener Rasse von Menschen. Ich ging an diesem Abend 
sehr niedergeschlagen nach Hause und verbrachte eine schlaf lose Nacht. 
Noch lange klangen mir diese Worte im Ohr. Wie kam liier jemand 
dazu, ohne weiteres iiber seine Mitmenschen den Stab zu brechen 
und etwas zu behaupten, was unmoglich wahr sein konnte. Denn 
ich fiihlte doch trotz meiner Sehnsucht nach Wei- 
berkleidern nicht die Spur von einer Neigung zum 
Manne in mi r." 

DaB das irrtiimliche Urteil iiber die Damendarsteller — auch fiir 
die Damenschneider gilt Ahnliches — revisionsbediirftig sei, ging 
schou aus der kleinen Studie hervor, die „ein Mediziner" 1901 im 
III. Jahrgang des Jahrbuches fiir sexuelle Zwischenstufen unter dem 
Titel: „Vom Weibmarm auf der Biihne" veroffentlicht hatte. Der 
imgenannto Verfasser hatte an 14 Damenimitatoren (,,Soubrettenparo- 
d is ton") Erhcbungen und Untersuchungen angostellt. Von diesen waxen 

^) Archiv fiir Psychiatric und Nervenkrankheiten. II. Band. Ber- 
lin 1870. p. 73 ff. : „Die kontrare Sexualeinpfindung, Symptom eines 
neuropathischen (psychopntliischen) Zustandes.** Von Prof. Dr. C. 
W e 8 t p h a 1. 



Digitized by VjOOQIC 



233 

8 vcrheiratet, davon 5 in kinderloser, aber anscheinend gliicklicher 
Elie, von den ledigen 6 waren 2 voUkommen normalsexuell „begei- 
sterte Verehrer des wirklichen weiblichen Geschlechts", 4 homosexuell. 
Unter den 8 Verheirateten waren 5 rein heterosexuell, 3 homosexu- 
eller Nebenneigungen stark verdachtig. Es waren demnach von 
14 Damendarstellern 7, also genau dieHalfte, hetero- 
sexuell, 4 homosexuell, 3 anscheinend bisexuell. 

Viele Transvestiten unterscheiden sich hinsichtlich der kontra- 
instinktiven Abneigung, die sie gegeniiber der Homosexualitat hegen, 
kaum von anderen Heterosexuellen. Das zeigen viele iibereinstim- 
mende AuBerungen zur Evidenz. So schreibt mir einer aus Stutt- 
gart: „Al.s Trausvestit verabscheue ich die Mannerliebe. Homosexu- 
alitat und Transvestitismus sind zwei diametral entgegen- 
gesetzte Veran lagunge n", ein anderer: „Obwohl ich seit Jah- 
ren viel in homosexuellen Kreisen verkehre, ekelt mich der bloBe Ge- 
danke an gleichgeschlechtlichen Verkehr direkt an !" Ein dritter be- 
richtet, daB ihm „die Idee der Komplementierung seines idealen Zu- 
standes durch einen Mann nie gekommen ist." Ein vierter: „der Trieb 
war stets nur auf den coitus cum femina gerichtet, von Homosexu- 
alitat ist keine Spur vorhanden", und noch ein anderer, ein Offi- 
zier, auBert sich wie folgt: „der Hauptinhalt meiner Sehnsucht ist 
es, vollstandig Frau zu sein ; ein auBerordentlicher Reiz ware es fiir 
mich, diirfte ich mich ganz rasieren, schminken, als Frau kleiden ; 
allerdings recht elegant, dernier cri, doch nicht criard, Unterwasche 
fein und seidig, schmale Schuhe, viel Stickerei, kunstvoUe Hiite, 
kurz, wie eine brillant unterhaltene Kokotte ;" und nach solcher Er- 
klarung scheint dieser Herr kaum zu merken, wie naiv es wirken 
muB, wenn er hinzufiigt: „von Homosexualitat ist keine Spur vor- 
handen, vielmehr verachte ich Urninge und effeminierte 
Manner tie f." 

Ich hatte den Eindruck, als ob der Verkleidungstrieb bei den 
Homosexuellen mehr eine sekundare Folgeerseheinung ihrer 
sexuellen Triebrichtung ist, wahrend er bei den Heterosexuellen 
die primare, selbetfindige Ausdrucksform ihres Seelenlebens ist. 
AuBer den homosexuellen und heterosexuellen Transvestiten gibt 
es aber auch seiche, bei denen der eigentliche Gesehlechtstrieb 
tiberhaupt fast voUig zurlicktritt. 

So heiBt es in dem von Dr. Iwan Bloch und mir iiber den 
48jahrigen friiheren Trappistenf rater Josef M., einen ausgesprochenen 
Transvestiten, erstatteten Gutachten: „Bis heute hat Patient einen 
geschlechtlichen Verkehr nicht gehabt, da er niemals einen beson- 
deren Drang dazu verspiirte, und ausschlieBlich von dem Ge- 
danken und dem Gefiihle beherrscht wird, als Frau zu leben. Er 
glaubt, daB er von selbst niemals zu einem Geschloohtsverkehre ge- 
langen wiirde, da er gar keinen Trieb dazu spiire und auch zu schiich- 
tern sei. Der nackte oder halbnackte weibliche Korper iibt keinerlei 
Reiz auf ihn aus. Jedoch war sein geschlechtliches Empfinden auch 
niemals auf das mannliche Geschlecht gerichtet. Von Kind- 
heit an besteht dieser leidenschaftliche Hang bei ihm, sich als Frau 
zu kleiden. Er hat immer wieder versucht, diesen Hang zu bekamp- 
fen, aber es war vergeblich. Die Folge einer langeren Enthaltsamkeit 
von der Frauentracht war stets eine schwere geistige Depression. 
Gliicklich fiihlte er sich nur in Frauenkleidern, wo er ein ganz anderer 
wird und die friihere Melancholic und Befangenheit einer inneren 
harmonischen Stimmung weicht. Sein ganzer seelischer Zustand hangt 
davon ab, ob er Frauenkleider tragt oder nicht. Fiir die Befriedi- 



Digitized by VjOOQIC 



234 

gung dieser Neigung wiirde er sich, wie er sagt, entmannen lasseii, 
ja selbst ins Gefangnis gehen, wenn sie anders nicht moglich ware. 
Die weibliche Kleidun^ bot ihm von jeher Ersatz fiir alles andere." 

Um die Differentiaidiagnose zwischen Homosexualitat iind Trans- 
vestitismus recht deutlich liervortreten zu lassen, fiige ich den be- 
reits ail anderen Stellen von mir publizierten Fallen noch ein bis- 
her unveroffentlichtes Gutachten bei. Es handelt sich um einen 
Transvestiten von leicht androgynem Typus, aber vollig heterosexu- 
ellem Liebesempfinden, den ich gemeinsam mit Burchard begutachtete. 
Soweit es sich eroiitteln laBt, Regt eine erbliche Belastung bei dem 
Kunsttischler Herrn N. nicht vor. Beide Eltern leben uud sind gesund, 
ebenso drei jiingere Geschwister. 

N. selbst hat sich in korperlicher und seelischer Hinsicht normal 
entwickelt und einen seinen Fahigkeiten entsprechenden Beruf er- 
griffen, in dem er sich durchaus zufrieden fiihlt und es zu einer ge- 
ordneten Existenz und geachteten Stellung gebracht hat. Seine Er- 
holung findet er in der Musik, die er zwar nicht ausiibend, aber ver- 
standnisvoll genieUend pflegt, und in sportlicher Betatigung. Die 
Richtung seines Ge sch lech t s t r i ebs ist absolut nor- 
mal, aus s chlieBlich dem weiblichen Geschlechte zu- 
§ewandt. Er lebt seit Jahren in gliicklichster Ehe, 
ie kinderlos geblieben ist — aller Wahrscheinlich- 
keit nach aus Griinden, die in der Korperbeschaffen- 
heit seiner Frau liegen, da N. selbst unsern Fest- 
stellungen nach vollig zeugungsf ah ig ist. 

So ware N. seiner Konstitution und seinem Lebensgange nach 
als ein durchaus normaler Mensch zu bezeichnen, hatte sich in seiner 
Individualitat nicht schon von friihester Jugend an eine Besonderheit 
geltend gemacht, deren Wurzeln wir in der Eigenart der geschlecht- 
lichen Personlichkeit zu suchen haben. Bereits im 8. Lebensjahre be- 
herrschte ihn ein imwiderstehlicher Drang, Madchenkleider anzuziehen. 
Schon damals fuhlte er, wenn ihm dieses ermoglicht wurde, eio ganz 
eigenartig wohltuendes Gefiihl seelischer Beruhigung und Entspannung. 
So benutzte er iede nur denkbare Gelegenheit, Garderobenstftcke seiner 
Sohwester anzulegen. Wahrend seines spateren Berufslebens nahm 
dieser Trieb trotz mannigfacher auBerer Schwierigkeiten und starken 
Ankampfens imverandert eine beherrschende Stellung im Seelenleben 
des Herrn N. ein. Seit acht Jahren ist er, wie erwahnt, gliicklicb 
verheiratet und hat, da seine Frau diesen Neigungen verstandnisvoU 
gegeniibersteht, Gelegenheit, sie in der Hauslichkeit durch Anlegen 
weiblicher Kleidung bis zu einem gewissen Grade zu befriedigen. iBis 
zu einem gewissen Gtade nur, denn zur voUen Befriedigung und inneren 
Entspannung seines Triebes ist es fur Herrn N. unbedingt erforderlich, 
wenigstens von Zeit zu Zeit als Frau sich auch im Freien bewegen zu kon- 
nen. Ist ihm dieses langere Zeit hindurch unmoglich, dann stellen sich 
nervose Erscheinungen bei ;ihm ein, von denen er sonst frei ist: 
innere Unruhe, Griibelsucht, Schlaflosigkeit und angstliche Traume. 
Wahrend einer langeren Beobachtungszeit hatten wir Gelegenheit, N. 
sowohl in Manner- als Frauentracht in unserer Sprechstunde, wie auch 
in verschiedenen Situationen des taglichen Lebens, so u. a. bei Aus- 
fliigen in groBerer Gesellschaft, zu sehen, und konnten uns danach ein 
zusammenhan^endes und vollstandiges Bild von seiner Personlichkeit 
und seiner Eigenart machen. In somatischer Hinsicht zeigt Herr N. 
weder krankhafte noch ii^endwie nennenswerte degenerative Erschei- 
nungen. Eine gesteigerte nervose Erregbarkeit bekundet sich in den 
lebhaften AuBerungen der Reflextatigkeit und in einer erhohten 
Schmerzempfindlichkeit. Im Korperbau machen sich Anklange an 
feminine Bildung insofern bemerkbar, als die Korperformen mehr 
weioli imd abgerundet, die Hande und FiiBe klein und zierlich sind; 
femer ist die Taillenweite — allerdings z. T. wohl infolge haufigen 



Digitized by VjOOQIC 



235 

Korsettragens — sehr gering, 72 cm iiber dem Rock gemessen. Auch 
die sparliche Korperbehaarung reiht sich diesen Erscheinungen an, 
wahrend die Genitalien ^selbst durchaus normal mannliche JBildung 
zeigen, und auch der Samen, wie die mikroskopische Uutersuchung 
ergab, lebendige Spermatozoon und Spermakristalle enthalt. In der 
Haltung, dem Gang und den Bewegungen tritt deutlich eine natiirliche 
Annaherung an den Typus des weiblichen Geschlechts zutage. So 
macht denn N. auch in JDamentracht einen so ungezwungenen, natiir- 
licheii Eindruck, daC nichts an ihm an den Mann erinnert, solange man 
seine tiefe Stimme nicht hort. Man kann sogar entschieden sagen, 
daB der Gesamteindruck des Herrn N. als Dame harmonischer ist wie 
als Mann. In der Hauptsache ist das dadurch bedingt, dafi seine 
Stimmung in Frauentracnt offenbar eine befriedigtere, ausgeglichenere 
ist als in Herrenkleidung. Herrn N.s Intelligenz, seine Kenntnisse und 
Interessen, seine geistige Urteils- und Leistungsfahigkeit entsprechen 
in jeder Hinsicht seinem recht hohen Bildungsgrade. Energie und 
Willenstatigkeit sind von gesunder Frische und zielbewuBter Kon- 
sequenz. 

Gutachten. Es liegt bei N. ein ausgesprochener Fall von 
Transvestitismus vor. Dieser von dem mitunterzeSchneten Dr. Hirsch- 
feld zuerst beschriebene und weiter von uns beiden u. a. an einer 
Reihe von Fallen in der arztlichen Sachverstandigenzeitung geschilderte 
Zustand stellt eine urspriingliche und angeborene Mischform beider 
Geschlechtskomponenten dar, indem die weibliche — gleichsam in 
Form einer Oberflachenspannung — zur Betatigung femininer Art in 
Kleidung und Lebensgewohnheiten drangt. Dieser Zustand kann, wie 
wir es in zahlreichen anderen Fallen beobachteten, ein dauernder sein. 
Er kann aber auch, wie bei Herrn N,, schon in gelegentlicher Befriedi- 
gung eine Entspannung erforderlich machen, deren Unterdriicken ner- 
vose Storungen nervorruft, die auf die Dauer sicher schwere krankhafte 
Zustande mil sich bringen muBten. So ist diese gelegentliche Befriedi- 
gung des transvestitischen Dranges eine Notwendigkeit fiir N., der. 
er ohne Bedenken nachgehen kann, da er in weiblicher Tracht in 
keiner Weise auffallt und irgendwelche sexuelle Nebenabsicht, wie 
aus unseren Schilderungen zur Geniige hervorgeht, bei N. absolut 
ausgeschlossen und undenkbar ^st. Imser Gutachten geht demnacb 
dahin: Es besteht bei N. eine angeborene transvestitische Veranlagung, 
die eine zeitweise Befriedigung dadurch, dafi Herr N. sich in Frauen- 
kleidung im Freien bewegt, aus arztlichen Griinden erforderlich macht, 
da er andernfalls schweren gesundheitlichen Schadigungen in nervoser 
Hinsicht ausgesetzt sein wiirde. 

Bei manehen Transvcstiten gewinnt es fast den Anschein, 
als ob der m&nnliche Teil iiirer Psyche sich an ihrem weiblichen 
sexuell errege, etwa im Sinne des Rohlederschen^) 4uto- 
monosexualismus, als dessen Charakteristikum er bezeichnet, 
„da6 der Trieb auf sich selbst einzig und allein gerichtet ist", 
uiid daB „da8 betreffende Individuum selbst und zwar allein 
Ausgangspunkt und Endziel des sexuellen Triebes ist**. Einige 
Transvestiten geben an, dafi ihr weibliches Spiegelbild sie sexuell 
errege, andere berichten von autokohabitatorischen Gedanken 
und Handlungen. Wir konnen demnach unter den Transvestiten 
folgende ftinf Gruppen unterscheiden : a) die heterosexuelleii. 



») Geschlechtsumwandlungen. Berlin 1912; Die Transvestiten. Ber- 
lin 1910. 



Digitized by VjOOQIC 



236 

b) die homosexuellen, c) die bisexuellen, d) die anscheinend 
asexuelleii; e) die autonuonosexuellen. 

Das oben angegebene Zahlenverhaltnis, nach dem f^.twa nur 
die Halfte der an Verkleidungstrieb leidenden Personen homo- 
sexuelle Neigungen zeigt, die Halfte heterosexuell ist, diirfte un- 
gefahr der Haufigkcit alterosexueller Einschlage tiberhaupt ent- 
sprechen. Absolut gibt es unter Mannern und Frauen eben- 
sovielo heterosexuelle wie homosexueile Transvestiten. .Da es 
aber liberhaupt etwa 20mal so viel Heterosexuelle als Homo- 
sexueile gibt, ist der Transvestitismus und der alterosexuelle 
Habitus relativ viel haufiger unter Homosexuellen wie 
Heterosexuellen. 

Der springende Punkt bleibt also nach wie vor bei der 
Diagnose der Homosexualitat der exakte Nachweis der kon- 
traren Sexualempfindung selbst; wesentlich unterstutzt wird 
diese Diagnose zwar durch' das negative Verhalten gegeniiber 
dem anderen Geschlecht, sowie durch die alterosexuellen Ein- 
schlage, die aber beide flir sich allein genommen 
eine sichere Diagnose nicht gestatten. 



Digitized by VjOOQIC 



ZWOLFTES kapitel. 
Untersuchungsmtthode homosexueller Manner und Frauen. 

A us allem, was ich uber die Differentialdiagnose der Homo- 
aexualitat ausgefiihrt habe, geht hervor, auf welche groBen 
Schwierigkeiten ihre sichere Erkenntnis stoBen kann. Ware 
dem nicht so, dann ware es auch wohl kaum zu begreifen, daB 
sie eich als Erscheinung so lange verborgen halten konnte. In 
gewisser Beziehung besteht auch heute noch die Anschauung 
eines der altesten Autoren auf diesem Gebiete zu Recht, T a r - 
nowskys^), der hervorhob, „wie eingehend ein solches Sub- 
jekt xintersucht, wie sorgfaltig und lange es beobachtet werden 
muB, bis in welche Einzelheitien sein ganzes Leben zu verfolgen, 
der EinfluB der Erziehung, des Beispiels, iiberstandener Krank- 
heiten zu ermitteln ist**, „um mit groBerer oder geringteoner 
Sicherheit die Frage zu entscheiden, ob im gegebenem Fall die 
Paderastie ein angeborener Entwickelungsfehler oder eine auf 
anderem Grunde ruhende Handlung ist". 

Handelt es sich nun in einem konkreten Falle darum, fest- 
zustellen, ob bei einer Person, die unseres Rates oder Urteils 
bedari, Homosexualitat vorliegt, so ware es ein Kunstfehler, 
wenn wir ihr mit der Frage entgegentreten wollten : Sind Sie 
homosexuell ? Bei sensiblen Naturen kann solche Fraj^e, die 
einen Menschen vor die plotzliche Preisgabe seines tiefinnersten 
Geheimnisses stellt, wie ein schwerer seelischer Chock wirken. 
Ich sah namtentlich vor Gericht wiederholt Zeugen, die voUig 
benommen waren, als diese Frage sie unerwartet traf; bei 
manchen, nicht bei alien, nahm das Auge einen bald mehr leb- 
los starren, bald namenlos verangstigten Ausdruck an ; die Haut 
des Gesichtes verfarbte sich, der Atem stockte und die Sprache 
schien f tir kurze Zeit voUig zu versagen. Wenn auch der Homo- 
sexuellc dem Mediziner anders gegeniibersteht wie dem Juristen, 



1) T a r n o w s k y , 1. c. p. 143. 



Digitized by VjOOQIC 



238 

80 soil doch auch der Arzt seine Exploration so schonend wie 
mcglich einrichten, vor allem so, dall sich die Sehlufifolgerung 
und das Zugestandnis der homosexuellen TriebWehtung erst 
allmahlich aus den voraufgegangenen Mitteilungen des Patienten 
zwanglos aus Fragen ergibt, die die Homosexualitat zunaehst 
nicht direkt betreffen. Ich kann sagen, daB ich von den vielen 
Tausenden von Homosexuellen, die zu mir kamen, nicht 
einen einzigen direkt nach seiner Homosexualitat ge- 
fragt habe. Der Arzt kann hier zwei Gruppen unterscheiden. 
Manner lind Frauen, bei denen es von vornherein feststeht, 
dafi sie zu ih"m kommen, um sich liber ihr SexuallebBn auszu- 
sprechen, und soLcher, die ihn wegen verschiedenartiger Be- 
schwerden aufsuchen, die erst indirekt die Vermutung nahe- 
legen, daB sie Folgeerscheinungen eines unbfefriedigenden oder 
unbefriedigten Geschlechtslebens sein konnten. In beiden Fallen 
wird man guttun, gleichviel, ob das Thema direkt oder erst 
nach Durchsprechung anderer Klagen angeschnitten wird, ja 
selbst dann, wenn der Patient uns selbst von vornherein mit 
dem Bekenntnis seiner Homosexualitat entgegentritt, nicht un- 
mittelbar auf die Erorterung der gleichgeschlechtlichen Emp- 
findungen und Beziehungen einzugehen. 

Wir miissen immer bedenken, welch starke Uberwindung deu 
Betreffenden meist der EntschluB der Aussprache, der Gang zum Arzt 
kostete. Ich konnte hierfiir merkwiirdige Beispiele anfiihren. So 
berichtetc mir einmal ein Student der Theologie, daB er dreimal idle 
Reise von Rostock nach Berlin gemacht hatte, um sich mir anzu- 
vertrauen. Zweimal hatte er vor meinem Hause gestanden imd waie 
umgekehrt und unverrichteter Saclie wieder heimgefahren. Erst beim 
dritten Male traute er sich hinauf. Ahnliches horte ich wiederholt. 
Ich sah manchmal, daB Leute tagelang das Haus, in dem ich wohnte, 
umkreisten, ehe sie endlich eintraten. Es kam vor, daB Manner und 
Frauen zu mir kamen, die, als sie mir gegeniiber saBen, von ganz 
anderen Beschwerden, sei es wirklichen oder fingierten, sprachen, 
als von denen, die zu erortern sie gekommen waren. Solche groBen 
inneren Widerstande darf der Arzt nicht auBer acht lassen. 

Ich beginne die mtindliche Erkundigung nach dem Sexual- 
kben stets mit der Befragung nach dem n o r m a 1 sexuellen 
Verhalten; beiui Manne beispielsweise damit, ob Verkehr mit 
dem weiblichen Geschlechte stattgefunden hat, seit wann, in 
welchen Abstanden, ob mit ausreichender Potenz; beim Weibe, 
ob einc seelische Zuneigung zum mannlichen Geschlechte be- 
steht ; dem Patienten f allt es viel leichter, sich tiber die nega- 
tive Seite seines Zustandes auszusprechen, seine normalsexuelle 
Frigiditat, als tiber die positive Seite, seine Inklination zum 
eigenen Geschleoht. 1st das Verhalten zum anderen Geschlecht 
besprochen, komrae ich auf das Thema unfreiwilliger Sexual- 
erregungen im Schlaf und auf die Frage der Masturbation. 



Digitized by VjOOQIC 



289 

Audi hier wird die Auskunft meist bereitwilligst gegeben. Die 

Befragten wissen, dall die nSchtlichen Pollutionen auBer dem 

Bereich ihres WoUens fallen und daU Onanie ein in gewissen 

Jahren fast allgemeines Vorkommnis ist. Von hier aus kann 

man dann schon auf die Frage tibergehen, ob und welche Vor- 

stellungen bei den Pollutionstraumen und der Onanie die Phan- 

tasic erftillten und ob die Masturbation immer nur allein oder 

aucli mutuell vorgenommen wurde. Damit sind wir dann schon 

ganz nahe bei dem eigentlichen Beweisthema, den gleichge- 

schlechtlichen Empfindungen, angelangt. Zunachst werden wir 

hier nur bei dem rein geistigen, der seelischen Anziehung 

verweilen und erst allmahlich die Frage bertihren, ob auch sexu- 

elle Betatigung stattgefunden hat oder Neigung dazu bjesteht. 

Ist dies zugegeben, so gehen wir zunachst noch nicht des naheren 

darauf ein, sondern erkundigen uns genau nach dem eigenen 

Seelenleben des Patienten, nach androgynen Zugen und Inter- 

essen und ausftihrlich nach seiner Abstammung, den Ge- 

schwistern, seiner Erziehung und dem bisherigen aufleren Ver- 

lauf seines Lebens. Erst wenn alles dies besprochen, uehm^e 

ich die nqtwendige korperliche Untersuchung unter Beriick- 

sichtigung alles dessen vor, was fiir die Diagnosestellung, wie 

wir sie oben auseinandersetzten, von Bedeutung ist. Aber auch 

dann fuhle ich mich in vielen Fallen noch nicht voUkommen 

in der Lage, ein abschlieUendes Urteil liber so lebenawichtige 

Fragen abzugeben, als die sind, die meiner Entscheidung unter- 

stellt werden. Ich setze vielmehr dem Ratsuchenden ausein- 

ander, daii noch ein g^druckter Fragebogen von ihm schriftlich 

bieantwortet werden soil, einmal, damit er sich selbst nochmals 

recht ruhig alles tiberlege und klarmache, und dann, damit ich 

mir den Einblick und die tJbersicht verschaffen kann, die ich 

zur Abgabe meiner Ansicht fiir erforderlich erachte. 

^owohl bei der miindlichen als schriftlichen Exploration imuU 
der Befragte nicht nur das voile Vertrauen zum Fragesteller haben, 
er muB auch wissen, daB fiir die richtige Beurteilung und Beratung 
seines FaHes die voile Wahrheit unerlafilich ist. Die Fragen miissen 
immer so taktvoll, diskret und vorsichtig gestellt werden, daB das 
natiirliche Schamgefiihl des Befragten nicht verletzt wird und es fiir 
ihn keine Dberwindung kostet, sion dem Arzte zu erschlieBen. Ferner 
ist es wesentlich, die Fragen so zu formulieren, daB der Gefragte 
moglichst wenig merkt, welche Schliisse aus der Antwort zu Ziehen 
sind. Es miissen also Suggestiv-Fragen vermieden werden. Man hat 
gegen diese rationell vertiefte Anamnese eingewendet, daB bei ihr 
leicht subjektive Unwahrheiten und objektive Unrichtigkeiten unter- 
laufen, und es muB zugegeben werden, daB die Moglichkeit von Fehler- 
quellen gegeben ist. Sie konnen jedoch hier, wie in der wissenschaft- 
lichen Forschung iiberhaupt, durch Exaktheit und sonstige 
VorsichtsmaBregeln wesentlich vermindert, ja fiir die SchluB- 
folgerungen auf ein Minimum beschriinkt werden. Ich bemerke, daB 



Digitized by VjOOQIC 



240 

der Fragebogen, den ich den Patienten iiberreiche, bereits vor 14 Jahren 
im ersten Entwurf von mir ausgearbeitet und seitdem wiederholt 
in Gemeinschaft mit mehreren KoUegen von mir iiberarbeitet und 
vervollstandigt wurde. Trotzdem kann er auf VoUkommenheit noch 
keinen Anspruch erheben. Den Zweck, dem er in erster Linie dienen 
soil, die Sicherstellung der Diagnose, erfiillt er auch in seiner jetzigen 
Fassung schon in ausgezeichneter Weise. Dariiber hinaas bietet er 
eine sehr geeignete Grundlage fiir statistische Untersuchungen vieler 
noch nichl geniigend geklarter Beziehungen zwischen Homosexualitat 
und anderen Punkten. Der Fragebogen ist so gehalten, daB er von 
Personen jeden Geschlechts und jeder Geschlechtsneigung beantwortet 
werdeu kann. 

Ich gebe nun den Fragebogen im Wortlaut wieder, und zwar 
fiige ich als Beispiel die Antworten eines jungen Madchens hinzu, die 
ein so eindeutiges Bild geben, daB an der Diagnose: Homosexualitat 
nicht gezweifelt werden kann. 

Psychobiologischer Fragebogen. 

(Die Fragen bitten wir auf den eingeschlossenen Seiten so zu beant- 
worten, daB jeder Antwort die Nummer der Frage vorgesetzt wird.) 

Vorbemerkung. In Ihrem eigenen Interesse und in dem 
der wissenschaftlichen Forschung bitten wir, Zeit und Miihe nicht 
zu scheuen, die folgenden Fragen streng wahrheitsgemaB und mog- 
lichst genau zu beantworten. 

Auf strengste Verschwiegenheit diirfen Sie sich verlassen. Wer 
Bedenken tragt, den Fragebogen mit seinem vollen Namen, dessen 
Geheimhaltung unter das arztliche Berufsgeheimnis fallt, zu imter- 
zeichnen, moge denselben mit einer Nummer oder beliebigen Buch- 
staben versehen. Bei einigen Fragen, wie z. B. denen, die sich auf 
die Abstammung und Kindheit beziehen, ware vorherige Riicksprache 
mit alteren Angehorigen empfehlenswert. Fragen, die zu beantworten 
man wider Erwarten Bedenken tragen sollte, bittet man ebenso wie 
solche, deren Beantwortung man nicht weiB, einfach unausgefiillt zu 
lassen. Wir bitten ferner, die Fragen, welche kurz zu beantworten 
sind, am Kande, die iibrigen in einer besond«ren Anlage, moglichst im 
Format des Fragebogens, zu erledigen. Erwiinscht, jedoch keincswegs 
notwendig, ist schlieBlich Beifiigung der eigenen Photographic (ev. 
aus verschiedenen Lebensaltern), sowie einer zweiten, die den unge- 
fahren Typus wiedergibt, auf den sich Ihre Neigung erstreckt. 

I. National e. 

a) Name, Alter, Geschlecht, Rasse, Beruf, Wohnort, Religion. 

Agnes W. ; 18 Jahre ; w e i b 1 i c h ; Musikstudierende ; Berlin ; 
Jiidin. 

b) Verheiratet oder nicht? 

Unverheiratet. 

II. Abstammung. 

1. Leben Ihre Eltern nodi, sind dieselben gesund, oder woran 

leiden sie, bzw. woran und in welchem Alter starben ^ie? 

Eltern leben. — Vater litt an Lungentuberkulose, die, wenn 
auch nicht geheilt, doch zum Stillstand gebracht ist. — Mutter 
ist gesund. 



Digitized by VjOOQIC 



241 

2. Waren die Eltern oder Grofleltern blutsverwandt (falls ja, 
in welcher Weise, Cousin und Cousine, Onkel und Nichte 

U8W.) ? 

Nein. 

3. Kamen Ehen zwisdhen Blutsverwandten in Ihrer Familie 
hanfiger vor (heirateten z. B. Geschwister von Ihnen Ver- 
wandte) ? 

Nein. 

4. Wie alt waren die Eltern, als Sie geboren wurden? Wie 

war der Altersnnterschied zwischeu Vater und Mutter? 
Vater 30, Mutter 29 Jahre. 

5. Sind Sie ehelidh geboren? 

6. Sind Sie mehr dem Vater oder der Mutter ahnlich (korper- 
lich und geistig) ? 

Korperlich und geistig mehr dem Vater ahnlich. 

7. Wie groD ist die Anzahl der Sctwestern und Briider? Wel- 
ches ist die Reihenfolge und das Alter der Geslchwister, z. B. 
Bruder, Schwester, idi, Bruder)? 

Habe noch 1 Bruder, 12 Jahre alt. 

8. Ist Ihnen bekannt, ob sitfh die Mutter vor Ihrer Geburt mehr 
einen Knaben oder ein Mcldchen wlinschte? 

Mehr ein Madchen. 

9. War das Zusammenle^ben der Eltern gllicklich oder ungllick- 

lich? Heirateten die Eltern aus Neigung oder aus .auBeren 

Griinden (Fortpflanzung eines Stammbaums, Geldinter- 

essen ufiw.)? 

Zusammenleben ungliicklich. — Heirat aus auBeren Griinden, 
Jedoch nicht ohne gegenseitige Neigung. 

10. Waren die Eltern zu den Kindern mehr zartlieh oder streng ? 

War der Vater oder die Mutter energischer ? 

Beide zu mir je nach Laune bald streng (so erhielt ich 
z. B. zu meinem 6. Geburtstage wegen einer geringfiigigen Un- 
gezogenheit keine Geschenke), bald iibertrieben zartlich. Zu 
meinem Bruder waren beide iiberwiegend zartlich. Mutter ener- 
gischer. Sie ist durchaus der leitende Teil: hat die Geschafts- 
fiihrung, die Erziehung der Kinder, den Haushalt in der Hand 
und ist sozusagen der „Mann" in der Familie, obgleich im Wesen 
selbst keinerlei mannliche Ziige hervortreten. 

11. Hatten Sie ftir eins der Eltern groBere Sympathien? 

Ich habe fiir meinen Vater groBere Sympathie, die nur eine 

Zeitlang, als ich von verschiedenen Amouren meines Vaters er- 

fuhr, meiner Mutter als der gekrankten Frau mehr gehorte, sich 

aber spater, als ich mehr Verstandnis fiir derlei Abwege erlangte, 

Hirschfeld, HomosfxualitSt. 16 



Digitized by VjOOQIC 



242 

wieder meinem Vater zuwandte. — Es ist vorgekommen, dafi mein 
Vater und ich das gleiche Geschopf liebten, und gewohnlich war 
ich eigentlich stolz auf die Ubereinstimmung unsers Geschmacks. 

12. Litten nahere Verwandte an nervosen oder geistigen Sto- 
rungen (etwa Krampfe, Veitstanz, Hysterie, Geistesschwache, 
Schwermut oder an Syphilis oder an mangelh after korper- 
licher Entwicklung, wie Bruch, Hasenscharte, Ohrmifibil- 
dungen, Kropf usw.) und zwar: 

a) Unter den Eltern und Voreltern? 

Maine GroBeltern vaterlicherseits starben beide an Krebs. 
Der GroBvater litt an einem Bruch, der sich auf meinen Vater 
und auf mich vererbte, bei mir aber seit ca. 9 Jahren vollig 
ausgeheilt ist. Meine GroDmutter miitterlicherseits starb an Ge- 
hirnschlag, eine Folge zweier vorhergegangener Schlaganfalle. 

b) Unter den alteren oder jlingeren Geschwistern ? 

Nein. 

c) In der tibrigen Verwandtsehaf t ? 

Eine GroBtante ist Morphinistin, ihr Sohn starb an Riicken- 
marksschwindsucht. 

13. Wie verhielten sich. die Eltern geistigen Getranken (Bier, 
Wein, Schnaps) gegeniiber? 

Beide absolut mafiig. 

14. Kamen in der Verwandtschaft Selbstmorde vor? Bei wel- 
chen Verwandten und aus welchen Grtinden? 

Nein. 

15. Gerieten Verwandte in bemerkenswerter Weise mit den Ge- 
setzen in Konflikt? 

Nein. 

16. Befinden sich in Ihrer Verwandtschaft viele Unverheiratete 
uber 30 Jahre (namentlich unter den Geschwistern) ? Wis- 
sen Sie aus welchen Griinden? In welchem Alter befinden 
sich dieselben? 

Nein. 

17. Findet sich mannliches Aussehen weiblicher und weibliches 
Aussehen mannlicher Familienmitglieder ? 

Mein Bruder hat, allerdings nur dem geiibteren Beol)achter 
kenntlich, etwas weiblichen Typ. Wir pflegten ihm in friiheren 
Jahren deshalb ofter Schniuck umzuhangen oder Madchenkleider 
anzuziehen; auch der Spottnaine „Gretchen mit der Perlenkette" 
ist ihm bis hcute geblioben, wenn er auch entschicdenen Wider- 
willen gegen diose Bezeichnung zeigto. Der ganzc Junge ahnelt 
moinor .Mutter: kleinor Mund, sehr kleine, foine Nase und wenigor 
dunkler Teint als ich. 

18. Sind Ihncn in Ihrer Verwandtschaft (Eltern, Geschwister, 



Digitized by VjOOQIC 



248 

Seitenverwandte) Falle von abnonnen geschlechtlichen Nei- 
gungen bekannt? 

Ein Vetter, Sohn einer Schwester meiner Mutter, 30 Jahre 
alt, ist homosexuell. — Bei meinem Vater habe ich, trotz seiner 
Don Juan-Natur, ofter Ziige beobachtet, die auf eine, ihm wohl 
vollig unbewuBte Homosexualitat schlieBen lassen. So geriet er 
einmal in einem Restaurant beim Anblick eines jungen Mannes 
derartig in Erregung iiber dessen „fabelhafte Figur", daB er 
ganz auBer sich meinte: „Diesem Mann konnte ich direkt nach- 
gehen!" Ein andermal war er nicht zu bewegen, einen Bissen zu 
essen, als er einen jungen Menschen, den wir als Gentleman in 
einem Nachtlokal getroffen batten, bei einem Orchester die zweite 
Violine spielend wiedersah. Die Enttauschung lieB ihn alles andere 
vergessen. ^ 

III. Kindheitund Jugend. 

19. Wann lernten Sie Gehen und Sprechen? Wie und wann 
war die erste und ^weite Zahnung? 

Ich lernte Gehen mit ca. 3/^ Jahren. Ich war nach Aussage 
meiner Eltern bereits nach wenigen Monaten nicht mehr im 
Steckkissen festzuhalten und mufite wohl oder iibel auf die Beine 
gestellt werden. — Ich sprach ebenso friih und wurde oft meiner 
deutlichen Aussprache wegen bewundert: „Das redet wie eine 
Alte**. 

20. Litten Sie an Gehimentziindungen, Schadelverletzungen, 
Kopfschlnerzen, Krampfen, Veitstanz, Schielen, Zahnab- 
normitSten, an chronisoher Stuhlverstopfung, an Bettnassen, 
ev. bis zu welchem Alter? 

Ich litt bis vor ca. 3 Jahren an Stuhlverstopfung, die einer 
gestorten Darmfunktion zuzuschreiben ist: mit 3 Jahren trat 
der Darm einmal heraus und konnte nur mit Miihe wieder reguliert 
werden. AuBerdem litt ich an Gelenkschwellungen (wohl Folgen 
einer zu starken Dosis Serum anlaClich einer Diphtherie-Erkran- 
kung). 

21. Waren Sie angstlich und schreckhaft, wie war es mit Alp- 
drucken, nUchtlichem Aufschreien? Stotterten Sie? 

Dunkle Zimmer versetzten mich in geradezu betaubenden 
Schrecken. Ich muB das den unverstandigen Scherzen meiner je- 
weilieen Patronessen zuschreiben, die mich z. B. in dunklen Raumen 
plotzlich vom „Huckepack** zur Erde gleiten lieBen, „der schwarze 
Mann kommtl" kreischten und die Tiir zuschlugen. Einen be- 
liebten SpaB veriibte eine polnische Kochin, indem sie des Nachts 
an mein Bett kam und in weiCen Laken mit schwarzer Maske die 
Geisterfrau markierte. — Einmal fand ich eine Postkarte, auf der 
Faust und Mephisto dargestellt waren. Unsere Kinderfrau — mein 
Bruder war gerade geboren — erklarte, das sei der „bose Geist", 
und von da ab begann ein Teufelaberglauben in mir groB zu 
werden, der sogar meinen bereits mit 10 Jahren zum Atheismus 
ubergehenden Gottesglauben iiberlebte. 

22. Bestand Kauen an den Fingernageln, Lutschen am J3aumen, 
Bohren in der Nase, Hang zum Herumtreiben, zum Liigen, 
zum Stehlen, zum tibermaBigen Weinen? 

Alles nicht. 

• 16* 



Digitized by VjOOQIC 



244 

23. Spielten Sie lieber mit Knaben oder Madchen? LieLten 

Sie mehr Jugendspiele, wie Schneeballwerfen, Raufen, 

Steckenpferde, Soldaten usw. oder zogen Sie weibliche Kin- 

derspiele vor, wie Puppen, Kiochen, Hakeln und Stricken? 

Ich spielte lieber mit Knaben, weil ihre Wildheit mir sym- 
pathischer war. Ich konnte jedoch auch Gefallen an Madchen 
finden, saB dann aber gewohnlich ruhig und plauderte lieber mit 
ihnen. Im allgemeinen zog ich Jungen vor, und die Madchen 
schienen sich iiber meine Wildheit nur zu beklagen. So lernte 
ich einmal — ich war noch nicht 6 Jahre alt — auf einem Spiel- 
platz eine kleine Baronesse kennen, die mir gut gefiel. Auf dem 
Heimweg wurde ich wegen meiner Jungenmanieren gescholten und 
dariiber aufgeklart, dafi man nicht „so" renne, nicht „so" mit den 
Armen schlenkere und nicht „so" laut sei. Die Gouvernante der 
Baronesse fand mich zu unerzogen. „Man wirft doch nicht die 
Beine derartig beim Zeckspielen und schreit und ruft laut iiber den 
Platzl" — Mit meinem Bruder spielte ich Schiff, Soldaten oder 
auch „Rennen". Eine Puppe habe ich niemals zum Ausgehen mit- 
genommen oder etwa gar zum Vergniigen an- und ausgekleidet. 
Ich hatte meinen Stock, meine Biicher und einen ordentlichen Run 
mit dem Wagen durch die Wege lieber als Kochmaschine oder 
Wiege. Weibliche Handarbeiten machte ich ungern, dagegen fand 
ich den Holzbrand sehr unterhaltend und habe bis heute die 
meisten „Obligations-Gaben" in allerlei Niiancierungen auf diese 
Art fertiggestellt. 

24. Merkten Sie, daU Sie anders waren als andere Kinder? 

Liebten Sie die Einsamkeit? Zogen Sie sich vom Verkehr 

mit Altersgenossen zurtick? 

Ich merkte, da6 ich anders war als andere Kinder. Ich habe 
von klein auf sozuaagen abseits gestanden. Das trat besonders 
beim Eintritt in die Schule zutage. Ich war unbeliebt bei meinen 
Kameradinnen und lieB diese vielleicht gerade deshalb meine 
Uberlegenheit doppelt fiihlen. Freundinnen besaB ich wenige, 
diese wenigen nur pro forma. 

25. Sahen Sie vor Hirer Pubertat auffallend madchenhaft resp. 

sehr knabentaft aus? Warden Bemerkungen gemacht, wie 

„er ist wie ein Madchen** oder „sie ist der reine Junge**? 

Ich sah auffallend knabenhaft aus, trug bis zu meinem 
siebenten Jahre kurze Haare. — „Der reine junge Hund" oder 
,.Du hast entschieden ein paar Glieder zu viel", auch „Junge, 
Junge, was soil aus dir noch werden, wenn du so wild bist", wurde 
nicht eben sehr selten geaufiert. 

26. Besinnen Sie sich auf Traume aus Ihrer Kindheit, nament- 

lich auf solohe, die sich haufig wiederholten ? Welchen 

Inhali hatten solche? 

Traume von tiefen Gewassern, die ich durchschwamm, oder 
von Bergen, die ich iiberflog, waren haufig. Ebenso sind inir 
solche, in denen ich mir, allerdings vollkommen kindlich, Ge- 
schlechtsteile (von Madchen) zeigen lieB, erinnerlich. 

27. Wie lernten Sie und wofur waren Sie am besten beanlagt? 

Digitized by VjOOQIC 



245 

Piir welche F&olher interessierten Sie sich in der Schule 
am meisten? 

Ich lernte ungewohnlich leicht. Geschichte lag mir, ebenso 
deutscher Aufsatz und Sprachen. Zeichnen war mir jedesmal ein 
Test, und ich gait als ausgezeichnete Turnerin. Dagegen hatte 
ich keinerlei Befahigung fiir Mathematik oder Physik. Ich hatte 
standig den ersten und nicht den zweiten Platz im Klassenrang 
behauptet, ware die Kleine neben mir nicht eine so vorzugliche 
Rechnerin gewesen, 

28. Wurden Sie von Eltern oder Lehrern haufig korperlich ge- 
ziichtigt oder sonst empfindlidh bestraft? In welcher Weise? 

Ich onanierte ofter und wurde deshalb mit Entziehimg vod 
Zirkusbesuchen und sonstigen Vergniigungen bestraft, noch haufiger 
jedoch mit Schlagen. Eigens zu diesem Zwecke hatte sich mein 
Vater einen Kantschu angeschafft, dessen Lederstriemen mir jedes- 
mal wiitende Tranen erpreBten. Mein Ungliick war, daB ich nicht 
weinte oder schrie: man hielt dies fiir Verstocktheit und ver- 
doppelte die Strafe. Ich war mir stets im unklaren iiber die Ur- 
sachen dieser Harte und verstand nicht, daB man in der er- 
wahnten, mir ganz natiirlichen Gewohnheit eine Ungezogenheit 
erbliokte. 

29. Wie war Ihre Erziehung? Wurden Sie mit vielen anderen 
zusamlnen in Pensionsanstalten, Klostern, Kadettenhausern 
oder im Hause Ihrer Eltern erzogen? Wie war das Leben 
in den Anstalten ? Fanden dort geschlechtliche Verf iihrungen 
durch Altersgenossen oder durch jUngere oder slltere Per- 
sonen statt, von weiblicher oder mannlicher Seite? 

Meine Erziehung lag, wie das die geschaftliche Position 
meiner Eltern bedingte, zuerst ganz in den Handen uninteressierter 
Gouvernanten, bald einheimischer, bald auslandischer, die von 
kindlicher Eigenart oder Individualitat keine Ahnung hatten. — 
Mit 16 Jahren kam ich in ein hiesiges bekanntes Pensionat und 
fand hier zum ersten Male das sogenannte „Leben" in einer Form 
und Fiille, die mich voUkommen berauschten. In der Ferienzeit 
waren wir vollig unbeaufsichtigt, und es konnten sich die ge- 
wagtesten Schwarmereien zu erkennen geben. — Verfiihrungen 
sind mir nur in zwei Fallen, und zwar seitens alterer, weiblicher 
Personen bekannt geworden — mit meiner Person geschah nichts 
dergleichen. — Ich war Angreiferin und doch dabei Leidende in 
einer Person. — Nach ca. 3 Monaten geriet meine Mutter mit der 
Vorsteherin in wirtschaftlicher Beziehung in Konflikt, und ich 
verlieB das Pensionat. 

30. Bestanden schwarmerische Freundschaften zu Kameraden 
oder eine ungewohnliehe innige Verehrung erwachsener Per- 
sonen? Auf wen erstreckten sich diese? 

Sch warmer ische Freundschaften bestanden zu Kameradinnen 
und Schwarmereien fiir Lehrerinnen. Auch in Bucher-Heldinnen, 
Marchenprinzessinnen usw. verliebte ich mich. Fiir eine Lehrerin 
habe ich mich mit 13 Jahren so „begeistert", daB man mich in ein 
Sanatorium mitnehmen muBte. 

31 Fand ein Zusamlnenschlafen mit erwachsenen oder nicht 
erwachsenen Personen (Vater, Mutter, Geschwister, Dienst- 



Digitized by VjOOQIC 



246 

boten oder andere) statt? (Im gleichen Bett, oder im sciben 
Zimmer?) Badeten Sie mit ihneli gemeinsam? 

Bis zur Geburt meines Bruders schlief ich mit meinen Eltern 
zusammen, spater bis zum 14. Jahre mit meinem Bruder. Mit 
diesem habe ich bis zu meinem 10. Jahre auch haufig gemeinsam 
gebadet. 

32. Wann horten Sie zum erstenmal von geschlochtlichen Dingen 
sprechen und unter welchen Umstanden? 

Dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen. 

33. Hatten Sie geschleahtliche Erlebnisse bereits vor der Puber- 
tat und welcher Art? 

Nein. 

84. Onanierten Sie? Wann begannen Sie damit? Wie kamen 
Sic dazu? Fanden Verftihrungen dazu durch gleichaltrige 
Personen desselben oder des anderen Gesehlechts statt? Bis 
zu welchem Alter, in welchen Abstanden, in welcher Weise 
und mit welchen Vorstellungen wurde die ev. Onanie voll- 
zogen ? 

Ja. Den Zeitpunkt des Beginns weiB ich nicht mehr, doch 
fallt derselbe in die friihe Jugend. Eine Verfiihrung dazu fand 
nicht statt. Auch gegenwartig onaniere ich noch, wenn auch 
nicht regelmaBig: oft monatelang nicht, dann wieder tiiglich. Ich 
nahm irgendetwas und preBte es angestrengt gegen den Unterleib; 
nach wenigen Minuten trat ein Klopfen ein, das spater Brennen 
zur Folge hatte. Zuerst dachte ich dabei an Einspritzungen 
(Klistiere), spater an geschlechtliche Ilandhmgen von Mannem 
an Frauen. 

35. Wann etwa trat die Geschlechtsreife ein, bzw. die erste 
Pollution oder Menstruation? 

Mit 131/4 Jahren. 

36. Wann entwickelten sich anderweitige Zeichen der Ge- 

schlecJitsreife (wie tiefere Stimme, Bartwuchs beim mann- 

lichen, Anschwellen der Briiste beim weiblichen Geschlecht)? 

Bemerkten Sie, falls Sie mannlich sind, in dieser Zeit auch 

ein leichtes Anschwellen der Briiste, falls Sie weiblich sind, 

auch ein Tieferwerden der Stimme oder die Entwicklung 

eines leichten Bartflaums? 

Bis ungefahr zum 13. Jahre habe ich stets sehr tiefe und 
rauhc Stimme gohabt. — Bekam um diese Zeit einen leichten Bart- 
flaum. — AuBerlicIie Entwickhmg erst seit ca. 2 Jahren. 

37. In welchem Alter fand der erste Versuch eines Geschleehts- 
verkehrs statt und unter welchen Umstanden geschah dies? 

Mit 14 Jahren. In unserm Geschaft verliebte ich mich in 
eine Kokotte, deren Zuneigung ich anfangs durch bloBe Schwarmerei, 
dann durch ganz aus mir selbst entstandene Beriihrungen und 
Liebkosungon zu erringen hoffte. Was ich von ihr woUte, war 
mir selbst unklar; ich geriet nur durch KUsse (auf Hand, Arm, 
Nacken, Mund, Gesicht) und derlei immer tiefer in das VerlangeD 



Digitized by VjOOQIC 



247 

nacb etwas GroCem — und fand auch plotzlich den Weg dazu, als 
wir eiumal eiig aneinander gedriickt auf der Treppe saSen, und 
ich sie plotzlich an der Brust beriihrte. Sie lehnte allerdinprs ah, 
das Verhaltnis zwischen uns bestand aber bis vor kurzeni nocb 
in bald heftigerer, bald weniger aufregender Form, und ist mir er- 
innerlich als das Erste, was mich mit geschlechtlichen Dingen 
in Verbindung gebracht hat. 

IV. Gegenwartiger Zustand. 

Bd den unterstrichenen Fragen ist moglichst hinzuzufiigen, 
welche Eigenschaften Sie in derselben Hinsicht bei anderen Per- 
sonen lieben. 



A. Korperliehe Eigenschaften und Zustande. 

38. Wie ist Ihre Korperlange und Ihr Gewicht (ungefahre An- 
gaben, wie: klein, mittel groB, gentigen)? 

Korperlange: mittel. — Gewicht: ohne Kleidung 105 Pfund. 
Liebe Frauen, die kleiner sind als ich; moglichst leicht, zierlich. 

39. Sind die Muskeln kraftig oder schwach entwiekelt? Ist das 

Fleisch weich oder hart (fest)? 

Muskeln mittelmaCig entwiekelt (dies liebe ich auch bei 
anderen), doch bin ich als kraftig bekannt. — Fleisch weich 
(liebe dies auch bei andern). 

40. Welche korperliehe Tatigkeit sagt Ihnen am meisten zu, sei 

es beruf lich, sei es als Sport, Spiel usw. ? Neigen Sie mehr 

zur kraftigen Muskelarbeit, Rudern, Reiten oder zu grazi- 

osen Bewegungen wie Tanzen, oder sind Sie jeder korper- 

lichen Tatigkeit abhold, ev. aus welchen Griinden? 

Gehen, strammes Marschieren, am liebsten im Wind iiber 
Felder. Auch schnelles Klettern liebe ich. — Neige mehr zu 
Rudern usw., auch grabe ich gern. Tanzen liebe ich erst seit 
kurzer Zeit, und zwar mehr aus Freude an der Bewegung selbst, 
als um des Vergniigens willen. Ich tanze moglichst ziigellos und 
nie anders als Seite an Seite mit dem Partner ; die iibliche Form 
ist mir der nahen Beriihrung wegen unmoglich.. 

41. Sind Ihre Schritte klein, langsam, trippelnd oder groB, 
test, gravitatisch ? Wird der Rumpf beim Gehen ruhig und 
gerade gehalten, oder findet ein Drehen in den Schultern 
oder Hiiften statt? (Besser von dritten zu beurteilen.) 

Schritte sind groC ; bei anderen liebe ich wiegenden Gang. 
— - Rumpfhaltung ziemlich leger, auch schlenkere ich gern mit den 
Armen. 

42. Konnen Sie pfeifen? 

Pfeife gern und sehr gut. Begleite mioh haufig pfeifcnd 
beim Klavierspiel und suche so, da ich keine Stimme habe, diesc 
zu ersetzeu. 



Digitized by VjOOQIC 



348 

43. Ist Ihre Haut (der Teint) mehr hell oder dunkeL rein 

oder unrein? 

Sehr dunkel und gewohnlich auch ganz rein; wahrend der 
Periode verliert der Teint diese Reinheit des ofteren, jedoch nicht 
regelmafiig. Bei andern liebe ich sehr hellen und reinen Teint. 

44. Ist das Haupthaar lang, dicht, mehr weieh oder hart? Wie 
ist die Korperbehaarung (Arme, Beine, Bauch, Riicken 
usw.)? Wie ist die Haarfarbe und Haartracht (gescheitelt, 
ungeordnet, lockig usw.) ? Ist schwacher, starker Bart- 
wuchs oder nur Bartflaum vorhanden ? 

Haupthaar lang und dicht, auBerdem weioh. Bin am Korper 
sehr stark behaart. Man nannte mich aus diesem Grunde iD 
fniheren Jahren haufig: „ Kleiner Affe". Haarfarbe schwarz und 
schiefer Scheitel auf der linken Seite. Bartflaum. — Liebe bei 
andern helle Haarfarbe und das Haar moglichst seidig, wirr. 

45. Erroten oder erblassen Sie leicht? 

Errote, aber selten. 

46. Ist die Schmerzempfindlichkeit groB oder jklein? 

In Kleinigkeiten (Stiche, StoBe usw.) bin ich empfindlich, 
bei Krankheiten nach Aussage von Arzten imgewohnlich couragiert. 

47. Sind Hand und Fufi klein oder grofi (ev. Handsohuh- 

nummer)? Wie geben Sie gewohnlich die Hand? 

Hand: 61/4. Schmale und lange Finger. FuB ganz schmal, 
GroBe 38. Gebe die Hand nachdriicklich und fest, so daB mau 
oft sagte: „Du driickst mir ja die Knochen entzwei" oder „Das 
Madel hat einen Druck am Leibel" 

48. Wie ist Ihre Schrift? Falls Sie den Fragebogen nicht 
selbst ausgefiillt haben, bitten wir hier um eine Probe 
Ihrer Handsdirift. 

Schrift nicht sehr weiblich. Erhalte stets, wenn ich bei 
Bestellungen nicht mit meinem Vornamen zeichne, Briefe mit 
der Auf schrift 5,Herrn". 

49. Sind die Linien des Korpers mehr schlank, eckig oder 
rund, besonders an den Schultern? 

Mehr eckig, an den Schultern rund. 

50. Sind Ihre Hiiften breiter oder sohmaler als die Schultern 
( Tailienweite) ? 

Hiiften sind schmaler als die Schultern (Tailienweite: 67). 

51. Wie sind die Brliste? Voll, rund, mager oder platt? Sind 

die Brustwarzen oder der Warzenhof besonders groB? 

Finden sich liberzahlige verktimmerte Brustwarzenreste 

bzw. wo? 

Briiste etwa wie bei 14jahrigen Madchen. — Warzenhof be- 
sonders groB. — Liebe bei andern Briiste wie bei normalen 16 — 17- 
jahrigen schlanken Personen. 



Digitized by VjOOQIC 



249 

52. Sind die Ohren groJJ, abstehend, angewachsen, klein, zier- 
lich oder irgendwie auffallend? 

Ohren sind mittelgroB, sehr weiB im Gegensatz zur iibrigen 
Hautfarbe. 

53. Wie ist das Auge? Welclie Farbe hat es? 1st der Blick 
mehr fest oder unruhig? Sanft, innig oder schwarmerisch, 
kokett, oder bietet er sonst Eigentumlichkeiten ? 

Augen groB, schwarz. — Blick mehr fest. — Kann mit Blicken 
sehr viel erreichen und werde oft auch von mir ziemlich Freraden 
auf meine „gefahrlichen Augen" aufmerksam gemacht. 

54. Haben Sie Vorliebe ftir l^sondere Geriiche? Lieben Sie 

Parftims ? 

Ledergeruch ; Hundegeruch ; Narzissen. — Gebrauche selbst 
wenig Parfiim, nur ausnahmsweise behufs schnellerer Erreichung 
erotischer Zwecke. — Bei Frauen zieht mich ein Parfiim stets 
an, und wenn mich ein solches reizt, kann ich einer Frau oft 
straBenweit folgen. 

55. Haben Sie Vorliebe ftlr stifle oder bittere, satire, salzige oder 

stark gewi&rzte Speisen? 

Esse gem saure, salzige und stark gewiirzte Speisen, saure 
Gurken, Senf, Zitronen usw. Bin aber durchaus kein Feind von 
SuBigkeiten, liebe besonders Obst. 

56. Ist der Gesichtsausdruck mehr mannlich oder weiblich, 

bzw. wie finden ihn andere? Photographie erbeten. (Ev. 

auch derjenigen Person, die Ihreni Geschmack entspricht.) 

Gewohnlich mehr weiblich gefunden bis auf den Mund 
(Lippen — Bartflaum). 

57. Wie ist der Ban des Kehlkopfes? Tritt der Adamsapfel 

wenig, stark oder gar nidht hervor? Ist die Stimme hoch 

oder tief, laut oder leise, einfach oder geziert? 

Der Adamsapfel tritt wenig hervor. — Stimme tiefer als 
gewohnlich bei Frauen. Kann sehr laut, in Momenten der Er- 
regung sehr leise sprechen. (Liebe bei andern leise und weiche 
Stimme.) 

58- Besteht Neigung in Fistel- oder Bafistimme zu sprechen 
oder zu singen? 

Nein, doch singe ich nur tief. 

59. Sind Sie linkshfindig? 

Nein. 

60. Bestehen Storungen des Nervensy stems, wie Kopfweh, 

Migr&ne, Schlaflosigkeit, grofle Mattigkeit, Unruhe, Zittern, 

Schwindel ? 

Schwindel und Mattigkeit nach korperlicher Anstrengung. 
Ganz besonders von Zeit zu Zeit derartige Unruhe, daB ich ent- 
weder stundenlang drauBen herumlaufe oder voUig erschopft fiir 
ganzo Tage in einen Dammerungszustand gerate. Friiher half da- 
gegen das Zerschlagen irgendwelcher Dinge; ich wurde danach 



Digitized by VjOOQIC 



260 

wieder ganz ruhig und befriedigt. Schlaflosigkeit tritt perio- 
discb auf. 

61. Sind an den Genitalien oder ihrer Umgebung auBerliAe 
Bildungsf ehler vorhanden ? 

Nein. 

B. Geistige Eigenschaftenund Zustande. 

62. Wie ist Ihre Gemtitsart, mehr weich oder hart? 

Mehr hart. Bia nicht fiir Zartlichkeiten, Verwandtenkiisserei 
usw., audi bei den. Eltern nicht. Man halt mich fiir herzlos, 
arrogant usw., well ich lieber dafiir gelten will, als bei irgend- 
welchen Aniassen meine Neigung und Gefiihisbewegungen zu er- 
kenneu zu geben. — Liebe bei andern moglichste Unterordnung. 

63. Besteht starke Empfanglichkeit fiir Freude und Schmerz? 
Ist besonders Neigung zum Weinen oder Lachen vorhanden? 
(Ev. auch bei nicht entsprechenden Gelegenheiten, wie 
Weinen vor Freude, Lachen vor Schmerz oder bei Trauer) ? 
Steigert sich das Weinen oder Lachen zu krampfhaften 
Anf alien ? 

Starke Empfanglichkeit fiir Freude und Schmerz. Weine 
sehr selten, dann aus Nervositat. Bei Erregungen, die mir naher 
gehen, stohne ich laut, verspiire dann auch gewohnlich einen 
eigenartigen Geschmack auf der Zunge. Bei Traueranzeigen, Todes- 
nachrichten lache ich stets : meistens wandelt sich eine groBe Er- 
schutterung in Lachen, z. B. beim Anhoren des Stiickes „Glaube 
und Heimat" oder iiberhaupt im Theater. In friiheren Jahren 
bekam ich abends mitunter aus ganz geringfiigigen Aniassen 
Lachanfalle, die sehr lange dauerten, jeden ansteckten und von 
meinen Bekannten humoristisch „ Kicker-Polka" benannt wurden. 
Das verier sich aber nach und nach. Weinkrampfe bekam ich 
zweimal. 

64. Ist Ihr Wesen mehr gleichmaflig ruhig oder sind Sie von 

Launen abhangig, oft sehr niedergedriickt, oft ausgelassen 

heiter („himmelhochjauchzend, zu Tode betrtibt'*)? 

Bin von Launen abhangig, im Innersten jedoch immergleich- 
maCig alien Vorkommnissen gegeniiber. Viel EinfluB konnen diese 
Launen auf Entschliisse nicht ausiiben. 

65. Sind Sie leicht heftig, zornig, erregt, liberschwanglich 

(exaltiert) ? 

Bin heftig. In Zorn gerate ich nie, ganz besonders nicht, 
wenn das bei eincm event. Gegner der Fall wird. Je aufgeregter 
der andere, desto ruhiger ich. Bin daher bei Streitigkeiten ge- 
wohnlich im Vorteil. 

66. 1st Familiensinn stark oder schwach ausgepragt? Hangen 
Sie sehr an Vater oder Mutter? An Hausli(5hkeit, Heimat, 
Vaterland ? 

Familiensinn fast gar niclit ausgepriii^t. Hange weder an 
uicinen Eltern noch an meinem Bruder (was selbstverstandlich 



Digitized by VjOOQIC 



251 

als im landlaufigen Sinne gemeiat zu betrachten ist: Liebe, die 
ganz selbstverstandlich erscheinen muB, gehort nicht hierher). 
Auch an Hauslichkeit, Heimat, Vaterland hange ich nicht sehr. 

67. Besitzen Sie Gutrntitigkeit, Liebenswurdigkeit, Selbstaufopfe- 

rung, Menschenliebe, Liebebedtirf tigkeit ? 

Bin weder gutmiitig noch liebenswiirdig. Menschenliebe aucb 
nicht bedeutend vorhanden, das heiBt: sehr wohl „alles verstehen 
— alles verzeihen". Bin liebebediirftig und kann in Fallen einer 
erwiderten Neigung der letzten und weitesten Aufopferung fahig sein. 

68. Ist starker Ehrgeiz, tlberschatzung der Personlichkeit (oder 
Unterschatzung), Empfanglichkeit ftir Bewunderung und 
Beifall, Hang aufzuf alien, Herrschsudit vorhanden? 

Empfanglichkeit fiir Bewunderung und Herrschsucht. 

69. Sind Sie redselig, neugierig, verschwiegen ? Haben Sie Ge- 
fallen an Klatsch? Sind Sie mehr mifltranisch oder leicht- 
glaubig ? 

Bin besonders in Gesellschaft sehr schweigsam. Mit meinen 
Freunden rede ich verhaltnismaBig wenig, wenn wir uns erst 
kennen. Das Liebste ist mir ein Spaziergang zu zweit, wahrend 
dessen Dauer kein Wort fallt. Aur Reisen bildet dies den be- 
sonderen Arger meiner Begleiter, da ich auch bei den herrlichsten 
Eindriicken niemals Ausbriiche des Entziickens usvv. laut werden 
lasse, nicht etwa, weil ich nichts fiihle, sondern weil ich keine 
Worte finde und diese bei starken Eindriicken fiir iiberfliissig 
halte. In Briefen dagegen spreche ich vieles aus, ebenfalls ganz 
Fremden gegeniiber, die ich Halbestunden erst kenne. — Klatsch 
ist mir widerwartig, ich auBere jedesmal Emporung dariiber. — 
Bin miBtrauisch und leichtglaubig, doch be ides gewohnlich an un- 
rechter Stelle. 

70. Wie halten Sie es mit der Religion (fromm, gleidhgiiliig, 
unglaubig, zn einer Sekte gehorig) ? Wie stellen Sie sidi 
zum Cbersinnlichen, Wunder- und Aberglauben, Spiritismus, 
Geistererscheinungen, Ahnungen, Mystik? Haben Sie eigene 
Erlebnisse zu verzeichnen, auf die sich Ihre Ansicht dar- 
iiber sttitzt, welehe efv. ? Haben Sie Ihren Glauben ge- 
wechselt ? 

Glaube an Gott im Goetheschen Sinne. Bete nicht, hesuche 
keine Kirchen. Den Kinderglauben gab ich bereits mit 10 Jahren 
auf nach einer Schulbesprechung iiber die Beformation. — Spiritis- 
mus halte ich fiir Unsinn, dagegen habe ich bis vor wenigen Jahren 
noch unter jedem Waldstein und Felsen Marchenfiguren gesucht. 
Zwerge waren mir sympathisch ; einen Waldschratt fiirchtetc und 
suchte ich auch cine Zeitlang. Besonders zog mich der Geda-nke 
einer Elfenexistenz an: ein Miirchen diesbeziiglichen Inhalts wurde 
und blieb mein Liebling viele Jahre. Heute glaube ich an nichts 
mehr als an die eigene Kraft. 

71. Besteht Abenteuersucht ? Hang zur Romantik? Hang zum 

Herumtreiben ? 

Abenteuerliche Situationon sind mir nie unwillkommen, wage 
gem etwas AuBergewohnliches zu bestimmten Z week en. 



Digitized by VjOOQIC 



262 

72. Sind Sie ordentlich (pedantisch) oder unordentlich, piinkt- 

lich oder unptinktlich, sparsam oder verschwenderi&ch ? 

Sammeln Sie etwas? Ev. was? 

Sehr unordentlich, peinlich dagegen in bezug auf Waschc 
usw. Kann wochenlang em fiirchterliches Chaos in meinen Muai- 
kalien mitansehen, ohne mich im geringsten gestort zu fiihlen, 
wiirde aber alles andere eher tun, als einen gebrauchten Bade- 
mantel umzuhangen oder ein Handtuch zu benutzen, von dem icb 
nicht ganz sicher bin, es ausschlieBlich selbst gebraucht zu haben. 

— Bin sehr punktlich; verschwenderisch. — Sammelte Bildnisse 
interessanter Frauen, eine Zeitlang auch Briefmarken, auBerdem 
Negei*waffen und sonstige Exotika. 

73. Leiden Sie unter zwangsmaBigen Antrieben, Vorstellungen 

oder Unterlassungen ? Ev. unter welchen? 

Lit! bis vor kurzem unter zwangsmaBigen Antrieben, machte 
Besuche, schrieb Brief e u. dgl. auf inneres GeheiB und sah auch 
alle moglichen Gegenstande beweglich, die entweder nicht exi- 
stierten oder nur durch meine Einbildungskraft lebendig wurden. 
Wenn ich starke erotische Anwandlungen unterdriicken muB, be- 
machtigt sich meines ganzen Korpers, der ganzen Person eine an 
Verfolgungswahn grenzende Unruhe, die einer Depression weicht 
und schlieBlich wieder in den gewohnlichen normalen Zustand 
iibergeht. 

74. Sind Sie nachtragend oder versohnlich? 

Bin versohnlich (gleichgiiltig nachsichtig beinahe) in kleinen, 
alltaglichen Vorkommnissen, da ich ihnen keine Bedeutung bei- 
messe. Angriffe ^egen etwas Ideelles, Innerstes vergesse ich nie, 
ganz gleich, ob sie gegen mich oder eine fremde Auffassung ge- 
richtet sind, der ich zustimmen muB. 

75. Haben Sie starken oder schwachen Willen, Energie, T^urcht- 

samkeit oder Mut? 

Habe absoluten Willen. Energie im Durchfiihren mir 
wichtig erscheinender Dinge G,du rennst ja doch immer mit deinem 
Kopf durch die Wand"). Furchtsamkeit im landlaufigen Sinne 
ist mir fremd; bin jedoch in angebrachten Fallen durchaus An- 
hangerin des Satzes: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin 
um". Einmal fand ich eine Maus im Bett, schiittelte sie heraus 
und schlief ruhig weiter. Bei Gefahren bleibe ich ganz ruhig. 
Bin einmal iiberfahren worden, habe aber trotzdem keine Scheu, 
durch jedes Wagenchaos unbekiimmert hindurchzugehen. — Bei 
andern liebe ich Schutzbediirftigkeit. 

76. Haben Sie einen groBeren Hang zum Wohlleben oder zur 

Anspruchslosigkeit, zu geistiger oder korperlicher Arbeit 

oder zur Bequemlichkeit ? 

Gehore zu den Menschen, die alles schatzen und alles ebenso- 
eni entbehren konnen. Speise mit der gleichen Befriedigung 
im Esplanade-Hotel wie auf Holztisch im Bauernhaus. Lebe 
wochenlang mit einem Kleid — und finde dasselbe gleichgiiltige 
Gefallen an einem tagiich dreimaligen Kleiderwcchsel im Badeort. 
Wenn ich etwas haben kann, sehe ich das Entbehren nicht ein, 

— wenn ich entbehren muB, wiinsche ich den Luxus jedoch mit 
keinem Gedanken. — Ich arbeite gem geistig, finde aber auch 



Digitized by VjOOQIC 



253 

Befriedigung in darauffolgender korperlicher Bewegung (Graben, 
Laufen usw.). 

77. Wie halten Sie e8 mit dem Trinken und Rauchen? Konnen 

Sie alkoholische Getranke vertragen? 

Rauche gern und viel. Trinken kann ich ausgezeichnet 
vertragen, z. B. war ich einmal nach 7 Glas franzosischen Sekts 
durchaus niichtern. — Bei andern liebe ich Rauchen, aber nicht 
Trinken. 

78. Wie sind Ged&cihtnis, Aufmerksamkeit, Phantasie? Neigen 

Sie zu triiuinerischen Wesen? Erfinden Sie gern phanta- 

stische Geschichten? 

Gedachtnis sehr gut, Aufmerksamkeit gewohnlich nicht be- 
deutend, Phantasie bekannt als weitschweifig. Neige seit einiger 
Zeit nicht mehr iiberwiegend zu Traiunereien, kann mich iedocb 
immer noch in Gedanken so verlieren, daO ich alles Umgebende ver- 
gesse. Phantastische Geschichten erfinde ich nicht. 

79. Ist die geistige Beanlagung mehr Neues schaffend oder 
nachempfindend ? Mehr prtifend oder leieht beeinf luiibar ? 
Selbstandig oder anlehnungsbedtirftig (produktiv kritisch 

oder rezeptiv)? 

Beanlagung mehr neuschaffend, produktiv. Komponiere, 
schreibe aucn etwas. — Mehr priifend. — Absolut selbstandig. 

80. Besteht Fahigkeit fiir Mathematik und abstrakte Anfgaben, 

literarische, ktinstlerische Veranlagung, wie Talent fiir 

Malerei, Plastik usw. ? Lesen und studieren Sie Ariel ? 

Welche Lekture ziehen Sie vor? (Wissenschaftliche Werke, 

Dichtungen, Belletristik, Kriminalromane, Humoristisches, 

Zeitungslektiire) ? 

Pahigkeit fiir Mathematik u. dgl. gar nicht, dagegen Ver- 
anlagung fiir Musik. Lese verhaltnismafllg wenig, Romane gar 
nicht. Ziehe Goethe und die Modernen vor. Kriminalromane 
finde ich langweilig, desgleichen Zeitungslektiire bis auf Politik, 
doch nur Auslandspolitik. Im iibrigen lese ich die Blatter, um 
genau orientiert zu sein. Zoologische Werke interessieren mich 
sehr (wollte in friiheren Jahren studieren), ebenso Reisebeschrei- 
bungen. — Briefe schreibe ich gern, jedoch nicht iiber AUtaglich- 
keiten. 

81. Wie verbal ten Sie sich zur Musik ? 

Liebe Musik mehr als alles andere, sie hilft mir iiber vieles 
hinweg. Bevorzuge alles stark Individuelle : Beethoven, Bach, 
Chopin. Spiele Klavier, komponiere. — Bei andern liebe ich Ver- 
standnis fiir Musik, das jedoch nicht iiber mein eigenes hinaus- 
gehen darf. 

82. Besitzen Sie Neigung zur Schauspielkunst ? 

Ja. Werde noch heute von alten Bekannten oft gefragt, 
weshalb ich nicht Schauspielerin geworden sei. Habe friiher 
viel rezitiert und auch selbst geschrieben. Heute habe ich weniger 
Interesse fiir das Theater. 

83. Welche Personlichkeiten aus Sage und Geschichte (Ver- 



Digitized by VjOOQIC 



254 

gangenheit und Gegenwart) interessieren Sie am ineisten 

resp. sind Ihr Ideal? 

Helden : Dietrich v. Bern, Ledersfcrumpf in f riihereD 
Jahren, heute Friedrich d. Gr. , Napoleon, der letztere 
ganz besonders. Gegenwartig interessiert mich eine Schau- 
spielerin durch das Menschliche ihrer Kttnst und das Kassi^e, 
Unkultivierte, Leidenschaftliche ihrer auCeren Personlichkeit; 
Tilla Durieux. Weder liebe ich sie, noch schwarme ich fiir 
sie, nur diese Vereinigung von Tier und Mensch bei ihr ist mir 
interessant. 

84. Haben Sie Neigung zu bestimtnten Beschaftigungen Kvie 
Kochen, Putz, Handarbeiten oder wie Sport, Jagen, SchieBen 
usw. ? Fiir welche Gegenstande interessieren Sie sich be- 
sonders ? Z. B. Politik, Mode, Theater, Pferde, Blumen usw. ? 

SchieBe gem und gut. Habe Neigung fiir Politik, Theater, 
Pferde (nicht Pferde r e n n e n). Aus Blumen mache ich mir nichts, 
verstehe auch nicht, sie zu pflegen. Koche nicht, Handarbeiten 
verstehe ich schlecht. 

85. Nehmen Sie am politischen Leben teil? Sind Sie mehr 
gemaBigt oder radikal? Bekleiden Sie offentliche Ehren- 
amter ? 

Nein. 

86. Fiihlen Sie sich in Ihrem Beruf zufrieden, bsw. zu welchem 
B'^Tiif fiihlen Sie sich hingezogen? 

riihle mich absolut fiir meine Plane und augenblicklichen 
Beschaftigungen geschaffen und darin zufrieden. 

87. Spielt in Ihren Gedanken die Kleidung eine groCe Rolle? 

Lieben Sie mehr einfache oder auffallende, anliegende oder 

flatternde Gewandungen, hohe Kragen oder freien Hals? 

Findet sich eine stark ausgesprochene Vorliebe fiir oder 

Abneigung gegen Schmuck? Lieben Sie eine bestimmte 

Farbe, ev. welche? 

Nein, d. h. nur nicht im iiblichen Sinne : liebe durchaus das 
Apartc und weiC auch gewohnlich das Richtige auszuwahlen. In 
modernen „Jiing-Damen-Sachen" sehe ich aus wie ein Baby im 
Schleppkleid. Liebe einfache Kleidung, moglichst leger (Joppe 
mit Gurt usw.) und immer freien Hals. — Besondere Vorliebe 
fiir Schmuck habe ich nicht, trage aber gern groCe Binge. — Bei 
andern liebe ich Sinn fiir geschmackvolle Kleidung. — An Farben 
bevorzuge ich dunkelblau und grau. 

88. Sind Sie im allgemeinen mehr beliebt oder unbeliebt? Leben 

Sie gerne im gesellschaftlichen Verkt^hr oder mehr fiir sich 

abgesondert, einsam? Lieber auf dem Lande, in der Klein- 

stadt oder GroBstadt? 

Bin mehr unbeliebt ; wo aber einmal Zuneigung zu mir vor- 
nanden, bleibt sie „fiir die Ewigkeit", mir nicht selten geradezu 
lastig. — Lebe lieber fiir mich. — AVohne lieber in einer Grofistadt. 



Digitized by VjOOQIC 



255 

89. Haben Sie besondere Leistungen oder Verdienste aufzu- 
weisen, ^v. welche? 

Habe einige Kompositiouen geschrieben, sonst nichts Be- 
sonderes. 

C. Geschlechtstrieb, 

90. Haben Sie tibsrhaupt geschlechtliche Neigungen oder fehlen 
dieselben bei Ihnen ganzlich? 

Habo solche. 

91. Auf welches G-eschlecht ist Ihr Geschlechtstrieb gerichtet? 

Auf das weibliche Geschlecht. 

92. Haben Sie bemerkt, dafl Ihre Triebrichtung sich vor, 
wahrend oder nach der Geschlechtsreife geandert hat oder 
ist sie stets dieselbe geblieben? 

Hat sich nach der Geschlechtsreife geandert, d. h. : f iir das 
weibliche Objekt empfand ich von jeher unbewuBt wie ein Mann. 
Bereits mit 12 Jahren hatte ich das Verlangea, von Frauen um- 
armt und gekiiBt zu werden und dies selbst bei ihnen zu tun, wo- 
bei korperliche Erregungen eintraten. Da ich aber nichts anderes 
als den natiirlichen Verlauf der Liebe kannte, redete ich mich 
bei Knaben einige Male in einen „Liebes"zustand hinein, der in 
Wahrheit niemals bestanden hat, denn diese „Liebe" beruhte 
auf absoluter Schwarmerei (Briefekussen usw.) und hat mit 
irgendwelchem geschlechtlichen Verlangen nie das Geringste zu 
tun gehabt. Im Gegenteill Einer meiner Vettern, den ich auch 
sehr „liebte", wollte mich einmal kiissen, was mich im Moment 
der Annaherung geradezu koraisch beriihrte und zuriickgewiesen 
wurde. Dabei war ich nach Ansicht aller andern docli geradezu 
vernarrt in den Jungen. Ich hatte wohl die gleichen Gefuhle 
fiir Knaben, die das Madchen in bestimmtem Alter fiir ihre Kame- 
radinnen entdeckt, nur daB sie in ihnen den Mann suchen, wahrend 
icli im Knaben das Madchen gesucht zu haben erkenne. 

93. Welches sind die ungefahren oberen oder unteren Alters- 

grenzen der Personen, welche Sie anziehen, oder ist 'Ihnen 

das Alter gleichgtiltig ? 

Das Alter ist mir ziemlich gleichgiiltig, am liebsteh sind 
mir weibliche Personen zwischen 17 und 20 Jahren. 

94. Fesseln Sie mehr Personen, Hie geistig und sozial iiber 
Ihnen oder unter Ihnen stehen, mehr verfeinerte, sanft- 
miitige oder mehr grobere, kraftvoUe Naturen? Geben Sie 
bestimmten Standen den Vorzug? Lieben Sie Personen, 
auf. welche Sie erzieherisch wirken konnen? 

Personen, die sich in geistiger Beziehung von mir abhangig 
fiihlen miissen. — Mehr verfeinerte Naturen, doch in keinem Falle 
von der Gattung des „Veilchens, das im Verborgenen bliiht". — 
Bestimmte Stande bevorzugo ich nicht. — Liebe Personen, auf die 
ich einwirken, die ich bcoinflussen kann. 

95. Auf welchen Eindrticken beruht die Anziehung, welche ge- 
wisse Personen des Sie anziehenden Gesohlechts ausiiben? 

a) Auf Wahrnehmungen des Gesichtssinns? Was er- 



Digitized by VjOOQIC 



256 

scheint Ihnen am Gesicht, an der Gestalt besonders 
schon ? Beizt Sie mehr der nackte, bekleidete 
oder halbverhtillte Korper? 

Am Gesicht liebe ich die schmale Form, sodann einen eiu 
wenig offenen, mit vorstehenden Zahnen versehenen Mund und 
besonders die Augen, die entweder grofi und erstaunt aussehen oder 
von den Lidern halbverschleiert sein miissen. Energische Blicke 
lassen mich kalt, wie iiberhaupt noch niemand mit Energie etwas 
bei mir hat erreichen konnen. — Die Gestalt liebe ich entweder 
k 1 e i n und schmal oder s e h r groB und schmal. Vor allem 
keine starken, knochigen Hiiften; ausgeprajgte Figuren stoBen mich 
ab. Schlank muB die Betreffende in jedem Falle sein. Auch 
schmale Handgelenke liebe ich. — Es reizt mich der halbverhtillte 
Korper. 

b) Auf Wahrnehmungen des Gehors, d. h. zieht die 
Stimme der Sie reizenden Personen Sie besonders 
an? 

Die Stimme einer Person kann alles bei mir bewirken. Liebe 
weiche, lassige Stimme, wahrend eine laute und kraftige mich 
abstoBt. 

c) Auf Wahrnehmungen des Geftihls? Ubt beispiels- 
weise weiche und schwellende Haut oder hart und 
straff sich anftihlende Muskulatur auf Sie eine be- 
sondere Anziehung aus? 

Liebe weiche, moglichst glatte und kuhle Haut, besonders 
in bezug auf Gesicht und Anne. 

d) Auf Wahrnehmungen des Geruchs? Werden Sie 
durch den Ausdunstungsgeruch ^ewisser Personen er- 
regt oder abgestoBen? Spielt dabei die Ausdiinstung 
bestimmter Korperstellen eine Rolle? 

Es gibt einen bestimmten Geruch des Mannes, der mir phy- 
sisches tfbelkeitsgefuhl verursacht: ein fettiger, penetranter Dunst. 
An Frauenkorpern habe ich bestimmte Geruche nicht wahr- 
genommen. Im Zustande erotischer Erregung wirkt der weibliche 
Korper auf mich suBlich. 

e) Oder halten Sie die Anziehung fiir eine rein vor- 
wiegend seelische, auf Eigenschaften des Charak- 
ters, Willens, Intellekts usw. beruhende? 

Nein, denn ich kann mich in Menschen verlieben, mit denen 
ich noch kein Wort gesprochen habe und von denen ich nichts weiB. 

96. Lieben Sie eine Person wegen solcher Eigenschaften, die 
Sie selbst ebenfalls besitzen oder die Sie nicht haben, 
z. B. bzgl. GroBe, Haarfarbe, geistiger Bildung uaw. ? 

Gewohnlich liebe ich das Gogenteil von mir, also: klein, 
blond, zart, geistig unter mir stehend- Es ist aber auch schon 
vorgekommen, daB dunkle Typen mich anzogen. Also laBt sich 
eine bestimmte Norm bei mir nicht aufstellen. 

97. Bezieht sich Ihr Gesehleehtstrieb auf Personen mit ausge- 
sprochenem Typus des Sie anziehenden Geschlechts (also 



Digitized by VjOOQIC 



251 

ftuf echt m&nniiciie oder echt weibliche Erscheinungen) oder 
aiil weniger ausgepragte Gescfilechtstypen, also Frauen, die 
in ihrem AuBeren und Charakter Mannliches Jiaben, oder 
Manner, die weibliche Ztige aufweisen? 
Auf echt weibliche Erscheinungen. 

98. Auf welches Geschlecht bezogen sich, Jbzw. welchen Inhalt 
batten Ihre erotischen Traume? 

Traume bezogen sich nur auf das weibliche Geschlecht. 

99. Erregen im Publikum, auf der Strafle, im Theater usw. melir 
Damen oder Herren Ihre Aufmerksamkeit? In welcher Ge- 
sellschaft flihlen Sie sich am wohlsten? 

Mehr Damen. — Fiihle mich am wohlsten unter Damen. 
Cbrigens fiihle ich mich nicht unbeq^uem belastigt durch event. 
Kourmacherei der HeiTen, die in ihrer angeborenen Arroganz eine 
Abweisung seitens der Frauen fUr Schausi^ielerei, Gleichgiiltig- 
keit fiir Unliebenswiirdigkeit halten. 

100. Interessieren Sie sich mehr ftir Bilder, Photographien, pla- 
stische Darstellungen weiblicher oder mannUcher Personen ? 

Interessiere mich mehr fiir Darstellungen weiblicher Per- 
sonen, finde aber den mannlichen Bau vom Gesichtspunkt „Kunst- 
werk" aus — in tadelloser Reinheit — nicht abstoBend (z. B. 
ApoU V. Belvedere). 

101. Welchem Geschlecht gegentiber sind Sie unbef angener ? Be- 
sitzen Sie ausgesprochenes Sehamgeftihl, und ist es weib- 
lichen oder mannlichen Personen gegeniiber groBer? 

Unbefangener dem miinulichen Geschleclit gegeniiber. — Be- 
sitze kein ausgesprochenes Schamgefiihl, doch ist das vorhandene 
weiblichen Personen gegeniiber groBer. Allerdings ist es mir 
audi schrecklich, von einem Manne mit seinen Augen (also als 
Weib) betrachtet zu worden. 

102. Sind Sie in Ihren Zuneigungen mehr fliichtig oder be- 
standig? Lieben Sie den ,, Flirt'* (das sogenannte „Pous- 
sieren") ? 

Unbestandig. -- Den ,, Flirt'* liebe ich nicht. 

103. Wie unterscheiden Sie Freundschaft und Liebe? Worauf 
grtindet sich bei Ihnen Ihrer Meinung nach ein Freund- 
schaf tsverhaltnis ? Bestanden Freundschaftsblindnisse von 
langer Dauer? Kann Freundschaft Ihnen Liebe ersetzen? 
Liebe ist bei mir das, was Goethe in dem Satz : 
„Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?" so ausgezeichnet 
als den Inbegriff alles Selbstverstandlichen, im Grunde Sclbst- 
losen und Unabanderlichen charakterisicrt. Freundscliaft 
kann nur auf Gegenseitigkeit und Kenntnis der innersten Eigen- 
scbaften beruhen. Des ersteren Gefiihls — der Liebe an sich — 
bin ich nur fiir Frauen fahig. Wenn ich die Eigenschaften eines 
Mannes schatzen kann, ist mir ein Freundschaftsverhaltnis mit 
ihm auch moglich. Auf den .,ersten Blick" kann ich fiir einen 
Mann nie etwas empfinden. — Freundschaftsblindnisse be- 
standen zweimal mit Knaben ; sobald ich aber von ihrer Seite 

Hirschfeld, Hom-scxualitat. \j 



Digitized by VjOOQIC 



258 

erotische Neigung bemerkte, zog ich mich zuriick. Diese bund- 
iiisse waren nicht von langer Dauer. — Freundschaft kann mir 
Liebe nicht ersetzen. 

104. Gingen Sie eine Dhe ein und aus welchem Grunde? Wie 
war bzw. ist das Eheleben? 

Nein. 

105. Hatten bzw. haben Sie Kinder und wie viele? Lieben Sie 
dieselben? Haben Sie bei denselben Besonderheiten (auch 
in geschlechtlicher Hinsicht) bemerkt? 

Kinder liebe ich nicht. 

106. Wie war die Starke und die Beherrschbarkeit des Ge- 

schlechtstriebes ? Halten Sie denselben bei sich auf die 

Dauer fur unuberwindlich ? Inwieweit wurden die Nei- 

gungen unterdriickt, inwieweit wurde ihnen nachgegeben 

oder wurden sie durch Selbstbefriedigung ersetzt? 

Sehr stark, wenig beherrschbar. — Auf die Dauer uniiber- 
windlich. — Neigungen unterdriickt durch Fernhalten von den 
begehrten Personen; aus Mangel an Gelegenheit konnte ihnen 
wenig nachgegeben werden; Selbstbefriedigung half nicht, kann 
die Neigungen nicht ersetzen. 

107. Wie oft etwa fand bzw. findet durchschnittlich sexuelle 

Betatigung statt? Tritt die Befriedigung rasch oder lang- 

sara ein? 

Jeden 2. bis 3. Tag. — Befriedigung tritt langsam ein. 

108. Welche Art der geschlechtlichen Betatigung entspricht 
Ihrem Empfinden? Bevorzugen Sie beim geschlechtlichen 
Verkehr eine besondere Abart? Ist Ihr Verhalten beim 
sexuellen Verkehr mehr mannlich aktiv oder weibUch: 
passiv ? 

Besonders Kiisse, und zwar das sogenannte „Trinken" aua 
des andern Mund, dann ein Aufeinanderliegen. — Bin aktiv. 

109. Bestand Widerwillen oder Gleichgtiltigkeit gegen den nor- 
malen Akt? Fanden trotzdem Versuche statt ihn auszu- 
tiihren? Welche Empfindungen hatten Sie herna^ci? Be- 
stand eine Unmoglichkeit resp. ein Hindernis, (Jen normal- 
geschlechtlichen Akt zu vollziehen? (Impottenz, ev. wo- 
durch verursacht) ? 

In der Theorie Gleichgiiltigkeit, in dcr Praxis Widerwillen.. 
— Versuche fanden statt. — Nachher hatte ich das Gefuhl de* 
Ekels, der Lacherlichkeit, der Gleichgiijtigkeit 

110. Verkehren Sie mit ProstituierteUi u^nd wantm^ (z. B. Mangel 

an anderem Verkehr, besond;ere Keigung) oder werden Sie 

durch solche abgestofien? 

Verkehrte (bezw. verkehre) mit etner solohen- Verstand za 
Anfang des Verhaltnisses nichts von Pi!ostitution; os jnufi also Zu^ 
neip^unp dem V^erkehr zugrund.e U^^gcn.. Werde diu'ch ProstUuLprte 
nichl absrestofien. 



Digitized by VjOOQIC 



269 

111. Ergtreckt sich der Geschlechtstrieb immer nur auf Per- 
sonen des einen oder auch auf Personen des anderen Ge- 
schlechts, in gleichem oder verschiedenem bzw. in welchem 
Grade (Bisexualitat) ? 

Auf Personen des eigenen Geschlechts. 

112. Ist der Verkehr aussehliefllich mit Personen des anderen 
oder anch mit Personen des eigenen Geschlechts moglich? 
Mtissen Sie sich beim Verkehr mit Hilfe der Einbildungs- 
kraft eine Person eines anderen Geschlechts vorstellen, als 
desjenigen, mit welchem Sie verkehren? 

Nur mit Personen des eigenen Geschlechts — Nein. 

113. Bestand je Neigung zu geschlechtlich unreifen Personen? 

Nein. 

114. Hatten Sie Neigungen, den von Ihnen geliebten Personen 

korperliche Schmerzen, seelische Demiitigungen, sonstige 

Schadigungen oder womoglich gar Gewaltakte zuzuTtigen? 

(S a d i s m u s). 

Seelische Demiitigungen, die mir bei aller Freude daran viel- 
leicht doch mehr Schmerzen bereiten als den Betreffenden selbst. 
— Ferner Brennen mit Zigaretten; Pressen. 

116. Hatten Sie den Wunsch, von der geliebten Person eine 
solche Behandlung selbst zu erleiden? (M asochismus). 
Ja: Stechen mit Nadeln, StoCen, Schlagen, BeiBen. 

116. Haben Sie eine vorwiegende Leidenschaft ftir bestimmte 
Korperteile (Haar, Hand, FuB, Leberflocke usw.) oder be- 
stimmte Bekleidungsstticke (Wasche, Schuhe, Handschuhe, 
Uniform usw.) oder fiir bestimmte Stoffe^ wie Pelz, Samt, 
Seide, Leder, Lack usw. (Fetischismus)? Reizt es 
Sie, die Kleidung des anderen Geschlechts anzulegen (E r o - 
tischer Verkleidungstrieb)? 

Fiir Hande und FiiCe, auch fiir Haar (ein haBlicher Haar- 
wuchs kann mir den schonsten Menschen verleiden). Liebe 
Wasche, Schuhe, Seide. — Es reizt mich, mannliche Kleidung 
anzulegen; fiihle mich darin bedeutend wohler und gleichsam 
befreit. 

117. Neigen Sie dazu, sich vor anderen zu entbloBen (Exhibi- 

tionismus)? 

Nein. 

118. Erregt Sie sexuell nur Ihr eigener Korper (Automono- 
sexualismus)? 

Nein. 

119. Haben Sie eine Neigung, andere Personen bei Verrichtung 
diskreter Akte zu beobachten (Voyeurtum)? 

Nein. 



Digitized by VjOOQIC 



260 

120. Sind Sie jemals durch Tiere sexuell erregt worden (Zoo- 
p h i 1 i e) ? 

Nein. 

121. Leiden Sie an einer andern, hier nicht erwahnten sexuellen 

Abweichung von der Norm? 
Nein. 

122. Falls einer der von Nr. Ill — 121 erwahnten Triebe vor- 
liegt: 

a) Konnen Sie diesen Trieb erklaren? Glauben Sie, daB 
er auf Verftihrung, ein bestimmtes Erlebnis in 
der Kindheit oder im spateren Alter zuriickzuftihren 
ist, oder auf eine innere A n 1 a g e ? 

Trieb 111, 111, 115 und 116 beruhen auf innerer Anlage. 

b) Wann und bei welcher Gelegenheit entdeckten ^ie 
den anormalen Trieb bei sich? 

Die Entdeckung der Triebe 111 und 116 geschah schon in 
friiher Kindheit, diejenige der Triebe 114 und 115 im Verkehr mit 
der unter Nr. 37 und 110 erwahnten Kokotte. 

c) Haben Sie diese Neigung betatigt? 
Ja. 

123. Haben Sie stark gegen Ihre Natur angekampft? Mit wel- 
chen Mitteln und welchem Erfolge? Unterzogen Sie sich 
einer arztlichen Behandlung, welcher, mit welchem Er- 
gebnis ? 

Ja, durch Fernhalten von der geliebten Person, durch Zwingen 
zum Zusammensein mit jungen Mannern usw. — Ohne Erfolg, 
denn nachher ergriff ich um so temperamentvoller die Gelegen- 
heit, das als unersetzlich erkannte Gefiihl fiir die Frau in irgend- 
welchen Formen zu betatigen. — Unterzog mich einer psycho- 
analytischen Behandlung, die mir das driickende Gefiihl einer 
Schuld, die ich bisher in meiner Veranlagung erblickt hatte, 
absolut nahm. 

124. Ftihlten Sie sidh sehr ungliicklich? Litten Sie an Lebens- 
uberdrufi, machten Sie Selbstmordversuche ? Hatten Sie 
Konflikte (Unannehmlichkeiten) mit Ihrer Familie, Be- 
horden oder solche anderer Art? Z. B. Erpressungen. 
Brachte Sie Ihr Trieb in iConflikt mit Ihrer religi5sen oder 
sozialen .^nschauung ? 

Durch das BewuBtsein, nach Ansicht der weitesten, auch 
meiner eigenen Kreise, ein ,,Verbrecher" gegen das Naturgesetz 
zu sein, wurden Lebensmut und Arboitsfreudigkeit bei mir nicht 
gerade gehoben. Ich habe auch mehrmals aus diesen Griinden 
Anlaufe zum Selbstmord gemacht, bin aber im letzten Moment 
jedesmal durch ein starkes Gefiihl der Verantwortung meinen 
Eltern gegeniiber davon zuriickgehalten worden. Ich tat diese 
wiederholten Schritte nicht aus Trotz oder dergleichen, sondern 
von Verzweiflung getrieben, in der ich (infolge Mangels an jeg- 
licher Aussprache oder Verstandigung bzw. Aufkliirung iiber 



Digitized by VjOOQIC 



261 

meinen Zustand) mein ganzes Leben, besonders das der Zukimft. 
als etwas Verfehltes, Halbes, Ungliickliches ansah. Durch die 
psychoanalytische Behandlung bin ich zu einer gegenteiligeo 
Ansicht gelangt, und es miiBte heute schon etwas mir vorlaufig 
Undenkbares eintreten, wenn ich nochmals ein gewaltaames 
Scheiden aus diesem Leben ins Auge fassen soUte. — Was meine 
Familie betrifft, so bezeichnete meine Mutter die Eventualitat 
einer kontraren Veranlagung meinerseits als ihr groCtes Ungliick; 
infolgedessen Verstandnislosigkeit auf ihrer Seite und MiBver- 
haltnis zwischen uns seit Jahren. Mit Behorden hatte ich keine 
Unannehmlichkeiten, dagegen erhielt ich von privater Seite Ver- 
kehrsverbote. — Religiose Konflikte hatte ich nicht, aber so- 
ziale insofern, als man AuBerungen einer mir nicht innewohnenden 
Veranlagung fordert und verlangt, daB ich MMchen spielen soil, 
wahrend ich Mann bin. Dadurch komme ich fortgesetzt in 
Konflikt mit der Wahrheit und der Auffassung der Welt. 

125. Was halten Sie selbst von Ihrem geschlechtlichen Zustand? 
Glauben Sie schuldig oder schuldlos, krank oder gesund, 
naturlich oder naturwidrig zu sein? Wtinsehten Sie, wenn 
es mioglich ware, dafl Ihre Natur geandert wiirde, oder 
sind Sie mit Ihrer gegenwartigen geschlechtlichen Veran- 
lagung zufrieden? 

Ich halte mich fiir schuldlos, ganz gesund und, da eben 
m e i n e r Natur entsprechend, auch natiirlich. Bin mit meiner 
geschlechtlichen Veranlagung zufrieden und konnte mir eine Ver- 
schiebung derselben nach der normal en Seite weder als etwas 
Erstrebenswertes noch mir iiberhaupt Mogliches denken. 

126. Welche Erfahrungen haben Sie hinsichtlich sexueller Ab- 

weichungen, wie BisexualitUt, Homosexualitat, Masochis- 

mus usw. bei anderen gemacht? Verkehren Sie in Kreisen 

Ahnlichempfindender oder stehen Sie allein? Kennen Sie 

Leute, die wie Sie empfinden, wie viele etwa? Wie hoch 

schatzen Sie ihre Zahl und aus welchen Griinden? Haben 

Sie dieselben bei Angehorigen bestimmter Stande, Klassen, 

V5lker haufiger beobachtet als bei anderen? 

Hinsichtlich der Bisexualitat bin ich zu der Uberzeugung 
gekommen, daB sie fast haufiger zu sein scheint, als der Nor- 
male anzunehmen pflegt. Das ist bei Frauen bzw. Madchen wohl 
schon dadurch bedingt, daB sie vor der Ehe, besonders in den 
sogenannten guten Kreisen, keinerlei Gelegenheit haben, ihren 
Trieben einen Ausweg zu schaffen, und da meiner Meinung nach 
den wenigsten (die ich kennen lernte) auf autoerotischem Wege 
geholfen ist, verfallt die Mehrzahl auf das bisexuelle Prinzip und 
schadet sich auch nicht im geringsten dabei ; zum mindesten 
nicht diejenigen, welche sich der Rolle des gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs als eines Notbehelfs bewuBt bleiben. Ubrigens halte 
ich es nicht fiir Verfiihrung, wenn die eine oder andere ganz auf 
das homosexuelle Gebiet iibertritt. Das sind keine „Verfuhrten", 
— die Natur bricht sich Bahn und findet ihren Weg, auch wenn 
der Mensch erst tausend Irrwege gegangen ist. Der „Verfiihrte" 
kehrt entweder nach kiirzerer oder langerer Zeit im geeigneten 
Moment in das gelaufige, vielleicht nur miBgeleitete Fahrwasser 
zuriick — oder er war eben schon von Geburt an homosexueU 



Digitized by VjOOQIC 



262 

und ware friiher oder spater, vielleicht erst nach unglucklichen 
Erfahrungen, auf das Gebiet seiner ureigensten Veranlagung ganz 
von selbst hinge wiesen worden. — Mit meinen Empfindungen 
stehe ich allein. Das Wesen der Homosexuellen, als einer Ge- 
meinschaft, ist mir auch nicht sympathisch. Ich kann die 
Richtung nicht gutheiBen, die einzig wegen einer gleichen 
Veranlagung auch eine Gleichheit in den Lebensverhaltiiissen 
schaffen will ; die Normalen unter sich bilden a\ich nicht eine 
geschlossene Phalanx, und keinem Normalen wiirde es etwa ein- 
f alien, an Herrn X. oder Y. irgend welches Interesse zu nehmen, 
weil diese auch die Frauen lieben! Das ganze Gebaren der 
Homosexuellen, soweit ich es kenne, hat aber seinen Kern in 
dieser Gimeinschaftseinheit, — und ich finde, daC diese Art 
der Glei(ftiwertung der Selbstverstandlichkeit widerspricht, mit 
der sie iewohnlich ihre Lage darzustellen pflegen. Aus einer 
Selbstverstandlichkeit heraus interessiert man sich eben nicht 
fiir die ahnliche eines Dritten. Man wird hier einwerfen: „Gleich 
und gleich gesellt sich gern" oder: Kiinstler und andere Ab- 
seitige finden sich ja auch zusammen. Hier aber, meine ich, 
han&lt es sich um eine Gemeinschaft des Geistes, und sie ist 
ein anerkannteres Bindeglied als die der Sexualitat! 

127. HabeD Sie sich tiber den Naturzweck Ihrer eigenen sexu- 

elleii Empfindung eine Ansicht gebildet und welche? 

Irgendeine beabsichtigte Wirkung kann ich bis heute 
meiner Veranlagung nicht zugrunde legen, es sei denn die Mog- 
lichkeit konzentrierteren Wirkens auf Gebieten, die der nor- 
malen Frau versagt sind. Man wird sich allmahlich durchringen 
miissen zu der Einsicht, dafi die geistigen Kinder und Erziehungs- 
prinzipien den gleichen Wert haben konnen fiir Welt und Men- 
schen wie die nach bequemer Logik selbstverstandlichen und 
natiirlichen Berufe der Frau als Gattin und Mutter. Schon um 
des Kampfes willen, den die Kontrare fiir das auszufechten hat, 
was ihrer normalen Sch wester miihelos in den SchoB fallt und 
weil sie erst durch tausend Widerwartigkeiten hindurch sich 
den Platz erobern muB, der ihr von Natur aus von Anfang an 
aLs etwas gleich Gutes wie Natiirliches gebiihrt, soUte man sie 
nichl. verwerfen. 

Auf den ersten Blick mag es manchem ein unbilliges Ver- 

langen erscheinen, eine gewissenhafte Bean two rtung so zahl- 

reicher Fragen zu beanspruchen, eine Arbeit, die eine ganze 

Reihe von Stunden, ja Tagen, in Anspruch nimmt. Die Er- 

fahrung hat aber gelehrt, da6 es vielen, namentlich gebildeten 

Personen geradezu eine innere Genugtuung und Erleichterung 

gewahrt, in dieser Weise sich einmal liber sich selbst Rechen- 

schaft zu geben. Wenn einer vollends vom Arzt Rat, Hilfe 

und Klarheit erheischt, opfert selbst der Beschaftigtste, wenn 

es zur Erreichung seines Zieles notig ist, gern die erforderliche 

Zeit. 

Unter anderen besitze ich eine Beantwortung des Fragebogens, 
deren Umfang nicht weniger als 360 eng beschriebene Quartseiten be- 
tragt. Das Begleitschreiben des Beantworters ist charakteristisch ; 
er schreibt: „Hiermit unterbreite ich Ihnen hoflichst die Beantwortung 
des Fragebogens, die ich am 6. Dezember v. J. begann und heute am 



Digitized by VjOOQIC 



263 

30. Mai 1912 beendete. Icli bitte urn Verzeihuag, dafi sicli die Boant- 
wortuug so lange hinausgezogen hat und daB sie so sehr lang ge- 
worden ist. Ich wollte Ilinen gem alles schreiben und mein Herz 
ausschiitten. Ich mufite auch darum alles schreiben, well ich mir 
doch nicht die Fahigkeit anniaUen kann, zu entscheiden, was fiir die 
Beurteilung dienlich sein kann und was nicht. Hoffentlich ist es 
auch moglich, irgend etwas fiir die Wissenschaft Niitzliches heraus- 
zusichten. In der Darlegung meines Zustandes habe ich mich gan:^ 
allein an mein tatsachliches Empfinden gehalten, auch da, wo ich mich 
mit Kirche und Gesetz in Widerspruch gesetzt habe. Nur mein 
Fiihlen und mein Sehnen waren mir mafigebend. Ich spreche Ihnen, 
hochvcrehrter Herr Doktor, meinen innigsten Dank aus, daB Sie eine 
Instanz geschaffen haben, wo man sein Denken, seine Gefiihle und 
seine Triebe vor dem Forum der Wissenschaft aussprechen kann ..." 

In manchen Fallen kann es den Sachverstandigen nicht dringend 
geuug empfohlen werden, die direkte Befragung durch Konferenzen 
mit Personen zu erganzen, die den zu Begutachtenden lange und gut 
keunen. In erster Linie kommen hier die Eltern, dann die Geschwister 
und Ehegatten, ferner friihere Arzte und Lehrer, auch Geistliche so- 
wie Freunde und Freundinnen, sonstige Verwandte und Bekannte in 
Betracht. Es kann Falle geben, wo den Aussagen Dritter fiir die Be- 
gutachtung mehr Bedeutung beizumessen ist als den eigenen Be- 
kundungen. In Prof. Dr. G. Aschaffenburgs „Monatsschrift 
fiir Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform*' (1908 Dezemberheft) 
habe ich einen solchen Fall in einer Polemik mit Herrn Direktor 
Dr. Knapp in Bethel-Bielefeld behandelt. Eine wesentliche Vervoll- 
standigung der Fragebogen bilden auch zusammenhangende Aufzeich- 
nungen, Autobiographieen, Tagebiicher, Liebesbriefe und Liebesgedichte. 

Es liegt auf der Hand, daC eine so griindliche Untersuchung eines 
Mannes oder Weibes nicht in einer oder zwei Konsultationen geschehen 
kann. Es bedarf dazu mindestens einiger Tage, oft langer. 

Man kann den Arzten den Vorwurf nicht ersparen, dafi 
sie in der Erforschung des Sexuallebens eines Menschen oft 
sehr unmethodisch zu Werke gegangen sind ; dem Ansehen ihres 
Standes war das nicht forderlich. Die Verantwortung des Arztes 
ist in diesen Fragen um so groBer, als sein Votium zum 
F a t u m werden kann — nicht nur fiir den, der sich an ihn 
wendet, sondern fiir den anderen, dessen Greschick sich an das 
Schieksal des Betreffenden kntipft, und f ixr dritte, die vielleicht 
besser nicht geboren waren. 



Digitized by V:iOOQIC 



DREIZEHNTES KAPITEL. 

Einteilung der mannlichen und weiblichen Homosexualit^t. 
Allgemeine Gesichtspunkte. 

Fast alle Autoren, welche eine groflere Anzahl von mann- 
lichen und weiblidhen Homosexuellen zu beobachten und zu 
studieren Gelegenheit hatten, erkannten alsbald, daU in mehr als 
einer Hinsicht unter ihnen groBe Verschiedenheiten vor- 
kommen. In t)bereinstimmung damit sehen wir in der Faoh- 
literatur das Bemiihen, die Homosexuellen nadh bestimmten Ge- 
sichtspunkten in Gruppen einzuteilen. Je mehr Homosexuelle 
allerdings jemand kennen lernte, um so mehr mulJte er wahr^ 
nehmen, daB auch diese Unterabteilungen nur notdiirftige Sche- 
mata sind; genau betrachtet gibt es namlich unter den Homo- 
sexuellen ebenso wenig wie unter den Heterosexuellen zwei gleich- 
geartete. Vdllige Ubereinstimmung in jeder Beziehung, sowohl 
der eigenen seelischen und k5rperlichen Beschaffenheit als im 
Sexualziel, der Geschmacksrichtung, der Triebstarke und Be- 
tatigungsweise wird man nicht nachzuweisen imstande sein. 
So manche theoretische Meinungsverschiedenheit in der Be- 
urteilung der Homosexualitat erklart sich daraus, dafl die Ver- 
fechter einer Anschauung zu wenig diese groBe Variabili- 
tat berlicksichtigen. 

tJberschauen wir die bisherigen Einteilungen der Homo- 
sexualitat, so sehen wir, daB die Autoren in der Hauptsaohe 
hierbei von vier verschiedenen Punkten ausgingen. Manche 
stellten die Beschaffenheit der Homosexuellen voran; 
andere legten das Objekt der Anziehung, die Triebrichtung, 
zugrunde, — unterschieden etwa solche, die sich zu jlingeren, 
von denen, die sich zu alteren Personen hingezogen ftihlen — ; 
wieder andere richteten sich nach der Betatigung; hier ware 
als Beispiel etwa die alte, noch jetzt vielfach gebrauchte Tren- 
nung der Homosexuellen in A k t i v e und Passive zu nennen. 
Eine vierte Grundlage der Einteilung endlich bildete bei vielen 



Digitized by VjOOQIC 



265 

die Entstehung der Homosexualitat. Diese ordneten die 
Falle im wesentlichen in zwei Kategorien, in die angeborene 
und die erworbene Homosexualitat. 

Wir werden finden, daB die hauptsacblichsten Schriftsteller 
unseres Faches in ihrer Gliederung des Stoffes bald mehr von den 
einen, bald mehr von den andern Merkmalen ausgingen. Am tveitesten 
in der Einteilung nach bestimmten Akten ist R o h 1 e d e r i) gegangen^ 
Er zerlegt den „Kontrarsexualismus beim mannlichen Geschlecht" In 
4 Unterabteilungen : a) die griechische Liebe, auch Eros oder Padophilie 
tfenannt, bei der, dhnlich wie beim Exhibitionismus, keine koitusarti^e 
Vereinigung stattfindet, sondefn det bloBe Anblick, eventuell mit 
leichten Liebkosungen, voile sexuelle Befriedigung gewahrt. Er fiihrt 
als typisch fur diese Form die Worte eines Patienten, einefi jungeu 
Piiesters, an, welche lauten : „Nur eine fliichtige Beriihrung ttm nackten 
Arm Oder Schenkel geniigen mir"; b) den Fellatorismus und homo-' 
sexuellen CunnilingUs, einen Ausdruck, den man mit Recht bemangelt 
hat, da cunnus die lateinische Bezeichnung des weiblichen Geschlechts- 
teils ist ; im fellatorischen Akt — die von Martial stammende Be- 
zeichnung hangt mit dem lateinischen fellare saugen zusammen — 
alter membrum alterius in os suscipit, alter membrum suum in os 
alterius immittit; beim „homosexuellen Cunnilingus" dagegen membram 
non in os immittitur, sed solum lingua lambitur. Rohleder meint, 
daB der fellatorische Verkehr den analen „an ScheuBlichkeit, dem All- 

femeingefiihl nach wenigstens, bedeutend iibertreffen diirfte" ; c) dU« 
aderastie, bei welcher der aktive „Padikator" von dem passiveri 
„Pathikus", dem Kinaden, zu unterscheiden ist; d) der Kontrarsexua- 
lismus, worunter Rohleder „das Urningtum, welches alien Former) 
des Homosexualismus mit Ausnahme der Paderastie und des Fellatoris- 
mus huldigt", versteht. Er unterscheidet hier wiederum 6 Unter- 
gruppen: 1. Onanie resp. mutuelle Onanie, 2. Coitus inter femora, 
inter crura, 3. Coitus in axillam resp. in axillas, 4. Coitus inter genua, 
5. Appressio membrl ad partem aliquem corporis alterius, 6. Lieb- 
kosungen, Kiisse usw. 

Meines Erachtens kamen hier nur die mutuelle Onanie, der Coitus 
inter femora und die diesem sehr nahestehende Appressio membri ad 
corpus alterius als besondere Gruppen in Betracht. Der Coitus in 
axillas und der inter genua sind, ebenso wie die von Rohleder gleich- 
falls erwahnte immissio in aurem oder gar die auch schon einmal 
beobachtete immissio in cavitatem oculi extracti solche Raritaten, 
daB sic bei einer Systematik besser iibei-giangen werden. Die letzte 
Gruppe, der kontrarsexuelle Verkehr durch Kiisse und Liebkosungen, 
den Rohleder auf eine „hochgradige sexuelle Hyperasthesie" zuriick- 
fiihrt, ist kaum von dem zu unterscheiden, was Rohleder unter 
Rubrum a seines Schemas als griechische Liebe schildert. 

In analoger Weise teilt Roll le der auch den „Kontrarsexualis- 
mus beim weiblichen Geschlecht" nach dor Betatigungsform in fiinf 
Gruppen: a) die mutuelle Masturbation, die frictio mutua vulvae et 
vaginae; b) die lesbische oder sapphische Liebe, auch amor lesbicus, 
Sapphismus oder Lesbismus benannt, bei der, ahnlich wie beim hetero- 
sexuellen Cunnilingus, die sexuelle Befriedigung dadurch erzielt wird, 
daB die eine Frau genitalia alterius, praecipue clitoridem, lingua et 
labiis lambat. osculat et sugat, meist usque ad ejaculationem muoi ; 
c) den Tribadismus, worunter die mutuelle frictio genitalium feminarum 
sine masjburbatione verstanden wird. Rohleder unterscheidet hier noch 
den TribadJFmus externus, bei der die eine femina vulvam vel femora 
ad vulvam alterius fricat, und den Tribadismus internus, bei der cin 

1) Loc. cit. pag. 260 ff. und 449 ft 

Digitized by VjOOQIC 



266 

Weib versucht, clitoridem in vaginam alterius immittert* : d) v(in dieser 
trennt er dann noch wieder als eine besondere Gruppe : .,dea homo- 
sexuelleii weiblicheili Fellatorismus und die Clitoriscohabitation** ab, 
bei der eine vergroCerte Clitoris vollkommen die Stelle des membrum 
virile vertritt und als solche in unam de tribus cavitatibus aut in 
vaginam aut in os aut in anum immittitur; e) als fiinfte Form weib- 
licner Homosexualitiit bezeichnet Rohleder eine Form, die sich 
nicht hinsichtlich der Betatigungsart, sondern in der Richtungsqualitat 
von der vorgenannten vierten unterscheidet, die auf unreife Personen 
desaelben Geschlechts gerichtete „Padophilia erotica homosexualis femi- 
narum**. 

Etwas einfacher als die Rohleder sche Einteilung ist die von 
C h e v a 1 i e r 2). Er unterscheidet nur drei Formen der weiblichen 
Homosexualitiit: den Tribadismus, Clitorismus und Sapphismus, die 
er, wie folgt, definiert: „La tribadisme est le proced6 dans lequel 
I'accouplement est simule par le simple contact, accompagne de frotte- 
ments des organes genitaux externes. Le clitorisme est ce m^me 
proc6de avec un temps en plus, consistant dans Tintromission vagi- 
nale d'un clitoris demensurement long, developpe jusqu'a Tanomalie, 
d'ou la rarete de ce modus faciendi. Enfin on reserve plus 
8p6cialement le nom de sapphisme au coit buccal, proc6d6 le 
plus habituel.** 

V. Krafft-Ebing dagegen liiCt in seiner von vielen Lehr- 
biichern iibernommenen Einteilung das Objekt und die mit ihm vor- 
genommene Art der Betiitigung ganzlich auBer acht und fragt fast 
ausschlieBlich nach dera Zustand des empfindenden Sub- 
j e k t s. Hiernach unterscheidet er zunachst nach der Ursache die 
angeborene von der erworbenen kontraren Sexualempfindung und teilt 
die erstere in 

„a) die psychische Hermaphrodisie. bei der nel)en vorwiegend 
gleichgeschlechtlicher Empfindung Spurcn von heterosexueller 
Triebrichtung bestehen ; 

b) die eigentliche Homosexualitat, bei der jede Ncigung zum 
andern Geschlecht geschwunden ist, und nur sexuelle Neigung 
zum eigenen besteht; 

c) die Effemination, bei der auch das sonstige Scelenleben der 
kontraren Geschlechtsempfindung weiblich geartet ist; 

d) die Androgynie, bei der sich sogar die Korperformen dem Ge- 
schlecht nahern, dem die Geschlechtsempfindung entspricht." 

Auch die erworbeno kontrare Sexualempfindung teilt 'Krafft- 
Ebing in vier Stufen : 

Die erste Stufe, die er als ,,einfache Verkehrung der Geschlechts- 
empfindung** bezeichnet, soil mit dem Zeitpunkt erreicht sein, ,,wo die 
Person des eigenen Geschlechts aphrodisisch wirkt". 

Die zweite Stufe ist beim Manne die Eviration == Entmann- 
lichung, beim Weibe die Defemination = Entweiblichung, und zwar 
nimmt er an, dafi sich in diesen Fallen allmiihlich im Zusammen- 
hang mit der erworbenen kontraren Scxualen>pfindung eine .,tiefer 
greifendc und dauernde Umiinderung der psychischen Personlichkeit 
vollzieht." 

Als dritte Entwicklungsstufc der erworbenen kontraren Sexual- 
empfindung schildert v. Krafft-Ebing Falle. in denen sich auch 
das korperliche Empfinden im Sinne einer .,Transmutatio sexus" (Ge- 
schlechtsumwandlung) umgestaltet, wiihrend or als vierte Stufe den 
Geschlechtsverwandlungswahn annimmt — die Metamorphosis sexu- 
alis paranoica — , die ungemein seltenon Falle ausgesprochener Geistes- 
krankheit, in denen Patienten iiberzeugt sind, und meist auch Stim- 



2) Chevalier, L'inversion sexuelle p. 219. 

Digitized by VjOOQIC 



267 

men horen, die bestatigen, daU sie bestimmte, dem andern Gesohleclit 
zugehorige Personen seien. 

Diese Vierteilung der erworbenen kontraren Sexual- 
em pfindung des beriihmten Wiener Psychiaters hat in der Fach- 
literatur wenig Anklang und Eingang gefunden, und auch ihr 
Urheber scheint ihr schlieBlich keinen rechten Wert mehr bei- 
gelegt zu haben, trotzdem sie sich noch in den nach seinem Tode 
(1902) erschienenen Auflagen der Psychopathia sexualis findet. 
Denn in der letzten zusammenfassenden Arbeit, die er 1900 
verof f entlichte, hat er den atiologischen Begrif f der er- 
worbenen Homosexualitat fast vollstandig durch den bedeu- 
tend vorsichtigeren zeitlichen Begrif f der tardiven Homo- 
sexualitat ersetzt. 

Um so mehr aber hat v. Krafft-Ebings Vierteilung 
der angeborenen Homosexualitat den Beif all der Fachge- 
nossen gefunden. Wir finden sie fast liberall teils ira Wort- 
laut, teils mit geringen Modifikationen akzeptiert. 

So unterscheidet Hofrat Lowenfeld drei Entwicklungsgrade : 
I. die psychosexuelle Hermaphrodisie oder das psych osexuelle Zwit- 
tertum, bei dem hetero- und homosexuelle Neigungen in einem Indi- 
viduum vorhanden sind ; im Gegensatz zu v. Krafft-Ebing, der 
in seiner Einteilung der kontraren Sexualempfindung darunter nur 
seiche Falle verstanden wissen wollte, in denen die homosexuelle Emp- 
findung als die primare wie zeitlich intensiv vorwiegende in der Vita 
sexualis zutage tritt 3), unterscheidet aber Lowenfeld hier noch 
drei weitere Unterabteilungen. Auf der untersten Stufe stehon 
nach seiner Ansicht die Falle, in denen neben einer im allgemeinen 
vollkommen heterosexuellen Richtung des Geschlechtstriebs 1 a t e n t e 
homosexuelle Neigungen bestehen, die sich nur in psychischen Aus- 
nahmezustanden, wie etwa im Traum, im Rausch, im epileptischen 
Anfall Oder Trance Geltung verschaffen. An diese reiht er als z w e i t e 
Gruppe die Falle, in denen sich beide Triebrichtungen nebeneinander, 
bald die eine, bald die andere starker hervortretend, zeigen, und als 
zur d r i 1 1 c n Stufe gehorig bezeichnet er die Personen, m denen die 
homosexuellen Neigungen entschieden iiberwiegen. Als Prototypen 
dieser letzten Kategorie der Bisexuellen fiihrt er Michel Angelo 
und Shakespeare an. 

Als zweiten Entwicklungsgrad der Homosexualitat fiihrt 
der Munchener Psychiater den Zustand exklusiver Homosexualitat 
an, dem sich dann als dritter die Effemination anschlieBt, bei 
der „die ganze Richtung des Denkens, Fiihlens und WoUens den weibi- 
schen Typus annimmt". Von der Androgynie, der mehr odor minde) 
ausgesprochenen Annaherung der Korperformen an den weiblichen 
Typus, die v. Krafft-Ebing als vierte besondere Form ansah, 
meint er mit Recht, daU sie sowohl mit dor zweiten als mit der 
dritten seiner Homosexnalitatsstufen verkniipft sein konne. 

Vergleichen wir nun die grundlegende und zur Zeit ihrer 
Aufstellung zweif ellos sehr scharfsinnige Einteilung v. Krafft- 

8) V. Krafft-Ebing: Ps. sex., 1903, p. 251, und Uber psycho- 
sexuelles Zwittertum, im internationalen Zentralblatt fiir die Physio- 
logic und Pathologic der Ham- und Sexualorgane, Bd. I, Heft 2. 



Digitized by VjOOQIC 



268 

Ebings mit dem gegenwartigen Stand unserer Erkenntnis, so 
fragt es sich zunachst, ob es richtig ist, die psychische Herm- 
aphrodisie oder Bisexualitat in die Einleitung der Homosexuali- 
tat mit einzubeziehen. Nach ihrer Wesensart steht sie zwischen 
der Heterosexualitat und Homosexualitat ; wenn man aber ledig- 
lieh, was mir jedoch. nicht angangig erscheint, die Betatigung 
mit beiden Geschlechtem berticksichtigen woUte, so rangiert sie 
zwischen der eohten und Pseudo-Homosexualitat. Auf alle Faile 
aber bildet die Bisexualitat eine Gruppe fiir sich, und ist es da- 
her folgerichtig, sie auch als solche zu behandeln und ein- 
zureihen. Es empfiehlt sich deshalb, die Menschen nach ihrem 
Geschlechtstrieb in drei Gruppen zu teilen: in die groJJe Mehr- 
zahl der heterosexuellen Manner und Frauen, in die Min- 
derzahl mannlicher und weiblicher Homosexueller und die 
Bisexuellen beiderlei Geschlechts, deren Neigung in ver- 
schieden hohem Grade bald weiblichen, bald mannlichen Per- 
sonen zugewandt ist. 

Neben diesen drei kamen noch zwei weitere Gruppen in Betracht, 
die man gelegentlich in der Literatur erwahnt findet : die A s e x u - 
alien und die Monosexuellen. Die Asexuellen, von deaen es 
meines Erachtens iiberhaupt noch nicht feststeht, ob sie auBer bei 
tiefgreifenden psychischen Storungen tatsachlich existieren, sollen im 
Zustande voUiger sexueller Gleichgiiltigkeit von jeder ^eschlechtlichen 
Vorstellung und Anfechtung Zeit ihres Lebens frei sein. Die spezia- 
listische Erfahrung zeigt, dafi nicht selten Personen, die eine von 
der heterosexuellen Norm abweichende Triebrichtung in geschickter 
Weise diskret zu halten wissen, und diese gibt es in groBer Menge, 
von ihrer Umgebung, einschlieBlich ihrer Hausarzte, fiir asexuell ge- 
halten wurden. Namentlich bei Gelegenheit gerichtlicher Begutach- 
tungen horte ich bei Riicksprache mit den naheren Bekannten des 
Angeklagten immer wieder die Meinung auBern: „wir glaubten bisher, 
daB er vollig unsinnlich veranlagt sei ; wir hielten ihn fiir frigide, fiir 
asexuell." Sicherlich gibt es untcr den scheinbar Asexuellen aber auch 
solche, die der gleich zu erwahnenden Gruppe der Monosexu- 
ellen angehoren. Bei dieser nach Menge und Art bisher ebenfalls 
noch nicht vollig geklarten Kategorie sexuell Anormaler bildet die 
e i g e n e Person nicht nur das Objekt sexueller Betatigung, sondern auch 
den ausschlieBlichen In ha It sexueller Vorstellungen. Kertbeny, 
bei dem sich zuerst das Wort „monosexueir* im Jahre 1869 als Gegen- 
stiick zu dem von ihm ebenfalls gebildeten Ausdruck „homosexueH" 
findet, definiert sie nur in einem parenthetischen Satz als Menschen, 
„bei denen geheime Selbstbefleckung zum chronischen Bediirfnisse ge- 
worden ist". Gustav Jaeger spricht 1878 in seiner .,Entdeckung 
der Seele" *). in ahnlichem Sinne von „m onosexueller Idiosyn- 
krasie" als einem Zustand, bei dem die Masturbation keiner Phantasie 
durch Vorstellung eines andern Individuums bedarf. In dem spater 
im Jahre 1900 im II. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufon von 
Prof. Jaeger veroffentlichten bisher ungedruckten Kapitel iiber 
Homosexualitat aus der „Entdeckung der Seele" bezeichnet sein ano- 
nymer Gewiihrsmann Dr. M. die Monosoxuellou „als solche, die 
mit sich selbst auskomme n", und fiihrt als Beispiel „den 

*) Pag. 259. 



Digitized by VjOOQIC 



269 

unfflucklichen genialen Lenau, diesen geborenen Onanisten" an. Ich 
selbst schrieb im Jahre 1903 in einer' Arbeit, die ich im V. Jahrbuch 
fiir sex. Zwischenstufen unter dem Titel: „Ursachen und Wesen des 
Uranismus** veroffentlichte, folgendes: 

„In den Uranfangen der Sprache erhalten sich oft durch Gewohn- 
heit verdunkelte Begriffe. Das Wort Sexus — Geschlecht kommt 
von sequi — folgen, der Geschlechtstrieb ist urspriinglich nor der 
Trieb zu folgen, sich anderen anzuschlieCen, und damit ist er 
der freilich oft nur leise durchschimmernde psychologische Hinter- 
grund der sozialen Regung. Der Monosexuelle folgt nur 
sich allein; die wenigen Monosexuellen, die ich personlich ge- 
sehen habe, es waren drei zur Einsamkeit und Eigenbewunderung nei- 
gendo Onanisten mit ausgesprochener Antipathic gegen beide Ge- 
schlechter, zeichneten sich durch den denkbar groBten Indiffe- 
rentismus nicht nur alien Menschen, sondern auch alien Dingen gegen- 
uber aus*\ 

Rohleder^) zitiert diese Stelle mit dem Bemerken, daB sie 
sich am meisten mit dem deckt, was er dann spater in mehreren 
ausfuhrlichen Fallen als Automonosexualismus beschrieben und 
gelegentlich auch als Sexualegoismus bezeichnet hat, „eine Erschei- 
nungsform des menschlichen Sexuallebens, bei der das betreffende 
Individuum selbst, und zwar allein, den Ausgangspunkt und das End- 
ziel des sexuellen Triebes darstellt*'. Von Autoren, die sich mit ver- 
wandten Zustanden beschaftigt, seien kurz noch zwei genannt : H a v e - 
lock Ellis, der unter dem Namen Autoerot ismus die spon- 
tanen Geschlechtsregungen ohne irgendwelche direkte oder indirekte 
Anregung seitens einer anderen Person" verstanden wissen wollte, 
und N a c k e ^), der Beispiele von Verliebtsein in sich. selbst als N a r - 
z i B m u s geschildert hat. Die Verliebtheit in die eigene Person kann 
sowohl eine homosexuelle als eine heterosexuelle Farbung haben; homo- 
sexuell, wenn die betreffenden Manner und Frauen sich als solche be- 
trachten; heterosexuell, wenn sie sich, wie es bei einigen der von 
mir monographisch behandelten Transvestiten 7) der Fall zu sein 
scheint, besonders zu der andersgeschlechtlichen Komponente ihrer 
Wesenheit hingezogen fiihlen. Trotzdem miissen wir aber Rohleder 
Recht geben, wenn er meint, daB diese Zuriickst rah lung des Triebes 
auf sich selbst weder zum Homo- noch zum Heterosexualismus zu recli- 
Den ist, sondern als Monosexualismus „eine streng abgegrenzte und 
isolierte** Gruppe darstellt. In einem Fall, den ich kiirzlich zu be- 
obachten Gelegenheit hatte, bezogen sich die Phantasien auf das 
eigene Spiegelbild als incubus, miC dem der Patient als succubus ad 
ejaculationem masturbierte. Es wirkte geradezu verbliiffend, wie der 
zufallige Anblick der eigenen, zwecks Untersuchung entkleideten Per- 
son im Spiegel wahrend der Konsultation einen Zustand hochster ge- 
schlechtlicher Ekstase hervorrief. 

Es gibt noch mannigfache andere Varianten, die man kaum 
in eine der genannten flinf Rubriken unterbringen kann. So 
suchte mich vor einiger Zeit eine Kiinstlerin von groBer Eleganz 
auf, die sich sexuell nur durch Manner gefesselt ftihlte, die selbst 
als Frauen lebten. Sie hatte auch nach vielem Suchen einen 



^) Rohleder, Geschlechtstrieb und Geschleclitslebcn. IM. II, 
p. 511 ff. 

6) N a c k e , Psychiatrischen en neurologischen Bladen Xr. 2, 
1899. Derselbe, Einige psychiatr. Erfahrungen. 

'^) Hirschfeld, Dr. Magnus: Die Transvestiten. Eine Unter- 
suchung iiber den erotischen Verkloidungstrieb. Berlin 1910. 



Digitized by VjOOQIC 



270 

normalsexuellen Transvestiten gefunden, mit dem sie sich ver- 
heiratete. Wirklidhe Frauen waren ihr ebenso antierotisch, wie 
echte Manner. Wir werden diese sexuell nichts weniger als fri- 
gide Frau weder als homosexuell, noch als einwandfrei hetero- 
sexuell, ebenso wenig aber auch als bisexuell oder gar als auto- 
monosexuell ansehen konnen. 

Als homosexuell kann ich auch kaum eine mir bekannte Prau 
von ausgesprochener Weiblichkeit bezeichnen, die seit 10 Jahren mit 
einer ungemein virilen Frau zusammenlebt, welche, well in weiblicher 
Tracht zu auffallig, die Erlaubnis bekommen hat, als !Mann zu gehen. 
Die Frau, eine sehr fromme katholische Polin, versichert hoch und 
heilig, weder sie noch ihre Freundin empfanden gleichgeschlechtlich, 
sie sei vollkommen Weib, er unbedingt Mann. Ein anderer Fall ist 
mir bekannt, in dem ein Mann 5 Jahre lang ein Verhaltnis mit 
eineui Madchen hatte, bei der sich in ihrem &. Jahre eine irrtiim- 
liche Geschlechtsbestimmung herausstellte. Es war also ein Mann, 
allerdings mit regelrechter Vagina, mit dem der Verkehr stattgefunden 
hatte. Beide hat ten so, allerdings unwissentlich, den Tatbestand des 
§ 175 RStrGB. erfiillt. Damendarsteller, sowohl homosexuell als hetero- 
sexuell veranlagt, haben mir wiederholt mitgeteilt, wie oft sie von 
jMannern begehrt wiirden, die es als Beleidigung betrachten wiirden, 
wenn maD sie als Homosexuelle anselien wiirde. 

AUe diese Falle, die sich leieht vermehren lieBen, sind 
mehr als Kuriositiiten ; sie lehren die kaum zu liberbietende 
Variabilitat alles Sexuellen, die Mannigfaltigkeit und Haufig- 
keit von Grenz- und t)bergangsf alien, zugleich aber audi die 
Schwierigkeit alles Schematisierens. Wir wiirden unsere Auf- 
gabe, eine in sich gut begrtindete Einteilung der Homosexualitat 
zu geben, sehr erheblich komplizieren, wenn wir bei der Grup- 
pierung alle neben der Homosexualitat vorkommenden Vari- 
anten oder auch nur jede innerhalb der Unterabteilungen vor- 
kommende oder mogliche Schattierung ausnahmslos berticksich- 
tigen woUten. 

Wiirden wir dieses tun, so mtiBten wir, da es liinsicht- 
lich ihrer Sexualitat zwei gleiiche Individuen tiberhaupt nicht 
gibt, auf jede Klassifizierung von vornherein Verzicht leisten. 
Damit wiirden wir uns aber dann zugleich eines der wichtigsten 
Erfordernisse exakter Forschungsmethodik begeben, der syste- 
matischen Gliederung der einzelnen Falle nach ordnenden 
Prinzipien. Das ist zu weit gegangen, wenn wir uns auch 
bewuflt bleiben mtissen, daB stets Verschiedenheiten vorhanden 
sind, und es sich daher i m m e r nur urn Ahnlichkeiten 
handeln kann. 



Digitized by VjOOQIC 



VIERZEHNTES KAPlTIiL. 

Einteilung der Homosexuellen nach ihrer persiinlichen 

Eigenart. 

Zweifellos gibt es unter den Homosexuellen, und zwar 
unter den homosexuellen Mannern sowohl als unter den gleich- 
gesehlechtlichen Frauen, ebenso markante tJbereinstimmungs- wie 
Unterscheidungsmerkmale. Betrachten wir einmal eine groBere 
Urningsgesellsehaft oder, noch besser, rufen wir uns in der 
Erinnerung einen jener groBen Urningsballe zurlick, wie sie, 
von mehr als tausend Homosexuellen besucht, noch vor wenigen 
Jahren im Dresdner Kasino in Berlin oder in der Salle du 
Wagram in Paris ein besonders geeignetes Studienobjekt fiir 
Massenbeobachtungen boten, da konnte auch der Ungetibte, der 
wuBte, daU die tanzenden Paare aus Homosexuellen bestehen, 
unschwer zwei Gruppen voneinander unterscheiden : eine Gruppe, 
die einen durchaus mannlichen Eindruck macht, der im ge- 
wohnlichen Leben „niemand etwas anmerkt**, kaum der Arzt, 
geschweige denn der Laie; weder in der Sprache, noch in Er- 
sKjheinung und Benehmen verraten sie den Urning. Dann gibt 
es aber noch einen anderen Teil, der in Gesten und Gehaben 
unverkennbar weibliche Eigenschaften aufweist. Man sieht, 
wie Baron Teschenberg sich ausdriickte, f ormlich die un- 
sichtbare Schleppe. Einige gehen auch in Frauenkleidern, und 
auch die, welche keine besitzen, haben meist in ihrer Tracht 
weibliche Einschlage, sei es auch nur im Schmuck oder in 
Parfiims, in Bander n und Strtimjfen, gebrannten Locken und 
glattrasiertem Gesicht. Viele nahern sich auch in ihren Ge- 
sichtsziigen, Teint und Haar, in den runden Formen, den breiten 
Htiften, vor allem auch in ihrer Stimme und Sprache dem Ge- 
Sichlecht, welchem sie am liebsten ganz angehoren mochten. 
Wlirde man ihre Gesprache horen, ohne sie zu sehen, so 
konnte taian nach deren Inhalt manchmal geneigt sein anzu- 
nehmen, dafl zwei Damen in lebhafter Unterhaltung begriffen 



Digitized by VjOOQIC 



272 

sind. Von deli extremsten Fallen sagt v. Krafft-fibing, 
daB es „Weiber in Mannerkleidung mit mannlichem Genitale** 
sind, ein Wort, das an den Vers erinnert, mit dem einst der 
Spotter Martial einen Urning charakterisierte : „pars est 
una patris, cetera matris habet** („nur ein Teilchen hat er 
vota Vater, alles t)brige von seiner Mutter*'). 

Zwei ganz analoge Gruppen konnen wir sehen, wenn wir 
eine grolJere Veranstaltung weiblicher Homosexueller besuchen. 
Auch iiier findet sich eine Abteilung von Prauen, die ijn 
Tracht, Haarschmuck, Haltung und Bewegung, in der Art zu 
sprechen, zu trinken und zu rauchen etwas ausgesucht Viriles 
aufweisen; viele haben auoh eine rauhe, tiefe Stimlne, derbc 
mannliche Gesiditszlige, schmale Hliften, wie tiberhaupt einen 
an das „starkere** Geschlecht erinnernden Knoehenbau. Ihren 
Namen geben sie unter sich haufig eine virile Form. Daneben 
aber existiert eine nichtmindergrolJe Gruppe homosexueller 
Frauen, die sich auJJerlioh von anderen Frauen ihrer gesell- 
schaftliehen Sphare kaum unterscheiden ; sie tragen Toilette 
und Frisuren naoK derselben Mode wie diese, perhorreszieren 
weder Korsetts, nooh hohe Absatze und erscheinen in ihren 
Geflihls-, Geschmacks- und GedankenauBerungen so durchaus 
weiblich, daS sie niemand ftir homosexuell halten wlirde. Und 
doch sind sie es in genau 30 fixierter Weise wie ihre virilen 
Schicksalsgenossinnen. 

Zwischen den beiden Gruppen homosexueller Manner und Frauen 
besteheii nichl saltan auch insofern Gegensatze, als sia gesellschaft- 
lich wani^ mitainandar sympathisiaren. Die mannlicher gaarteten 
Uminge sind geneigt, die femininen etwas von oben zu behandeln, 
zum mindastan auf sia mit ainem gawissen Bedauarn herabzusehan ; 
aber auch die femininen mokieren sich gern ain wenig iiber die mann- 
lichen Kollegan, die ihrer Meinung nach so stolz den Mann markiaren 
und doch den Raizen schonar Mannar abenso leirht erliegen wie sie. 
In gleichar Waisa wollen oft die weiblich gaarteten homosaxuellen 
Frauen von den „Mannweibern" nichts wissen, wahrend diese wieder- 
um gern iiber die homosaxuellen „Weibclien" herziehen. Ein gutes 
kameradschaftliches Verhaltnis und Einvernohmon herrscht dagegen 
oft zwischen den virilen Homosexuellen beiderlei Geschlachts und 
abenso zwischen dan faminin Gearteten unter. den homosexuellen Man- 
nern und Frauen. 

Ahnliche Erfahrungstatsachen und Beobachtungen, wie die hier 
kurz geschilderten, waren es offenbar, die Krafft-Ebing bewogen, 
die eigentlichen Homosexuellen unter den Mannern und Frauen in je 
drei Untargruppen zu tailen : „a) die Homosexuellen oder U r - 
n i n g a , die ab origine ausschlieBlich sexuelle Empfindung und 
Neigung zu Personen desselben Geschlechts haben, bei denen sich 
aber im Gegensatz zu der folgenden Gruppe die Anomalie nur auf die 
vita sexualis beschrankt und nicht tiefer und belastend ein auf den 
Charakter und die gesamte geistige Personlichkoit einwirkt", b) die 
Effeminierten, bei denen die psychische Persdnlichkeit, speziell 
ihre gesamte Gefiihlsweise und ihre Xeigun^on, von der gleich- 



Digitized by VjOOQIC 



273 

gesohlechtlichen Empfindung beeinfluBt ist, u. c) die Androgynen, 
bei denen das Individuum sich nicht nur in psychosexualer und psy- 
chischer, sondern auch in anthropologischer Hinsicht dem 
seinem Genitalapparat nicht entsprechenden Geschlechtstypus nahert. 
Die entsprechenden Gradstufen bei der Frau bezeichnete er als: 

a) Homosexualitat, „bei der sich die Anomalie weder durch 
auBerliche Zeichen, noch durch seelisch-mannliche Geschlechtscharak- 
tere verrat, b) als V i r a g i n i t a t , bei der sich das Weib psychisch 
als Mann fiihlt, und c) die Gynandrie, bei der auch somatische 
Abweichungen vom weiblichen Typus vorhanden sind. 

Krafft-Ebing schloB sich in seiner Klassifizierung ziem- 
lich an Ulrichs an, der allerdings iiber die weiblichen Homosexu- 
ellen noch so wenig unterrichtet war, daB er sie iiberhaupt in seine 
Einteilung nicht einbezog. In dem § 115 seiner 1864 geschriebenen 
„anthropologischen Studie" Formatrix schreibt der hannoversche Amts- 
assessor: „Unter den Urningen scheinen folgende zwei Klassen unter- 
schieden werden zu konnen, zwischen welchen indes tausend Ab- 
stufungeu zu konstatieren sind: a) Urninge, in denen das raann- 
1 i c h e Element, welches ihrem mannlichen Korperbau entspricht, iiber- 
haupt in alien Stiicken vorherrscht, indem es insonderheit ihrem 
weiblichen Liebestriebe eine gewisse mannliche Farbung jjibt: also 
Urninge mil. vorwiegend mannlichem Habitus, korperlich wie geistig, 
und zugleich mit vorwiegend aktivem Begehren. Diese scheinen 
vorwiegend Jiinglinge zu lieben, nicht Burschen. Ich mochte sie nennen 
die „A' i r i I i o r e s" oder „M a n n 1 i n g e", die mannlicheren Urninge. 

b) Urninge, in denen das w e i b 1 i c h e Element, welches ihrem weib- 
lichen Liebestriebe entspricht, iiberhaupt in alien Stiicken vor- 
herrscht, indem es insonderheit ihrem mannlichen Korperbau eine 
gewisse weibliche Farbung gibt: also Urninge mit vorwiegend weib- 
lichem Habitus, korperlich wie geistig, und zugleich mit vorwiegend 
passivem Begehren. Diese scheinen iiberwiegend Burschen, nicht 
Jiinglinge, zu lieben. Ich mochte sie die „M u 1 i e br i o r e s" nennen 
Oder „W e i b 1 i n g e", die weiblicheren." 

Ich halte die Einteilung, welche Ulrichs hier gibt, trotz der 
auch hier, wie so oft bei inm, wenig gliicklichen Wortbildung und 
trotzdem manche Einzelheiten in seiner Differenzierung, wie wir noch 
sehen werden, der Naujhpriifung nicht standgehalten haben, doch fiir 
weit pragnanter und praktischer als die seines groCen Nachfolgers. 
GroBeu Scharfsinn beweist Ulrichs in der Wahl der Komparative 
vlriliores und muliebriores statt der entsprechenden Positive ; offen- 
bar wollte er damit zum Ausdruck bringen, dafi es sich hier nur 
um Grad-, nicht um Art unterschiede handelt, indem auch die 
Mannlinge weibliche, die Weiblinge mannliche Eigenschaften, nur beide 
in schwacheren Graden, aufzuweisen haben. Der Unterschied, den 
Krafft-Ebing zwischen ef feminierten und androgynen Mannern, 
sowie zwischen virilen und gynandrischen Frauen macht, ist zu f lie- 
Bend, um die statt der Ulrichsschen Zweiteilung gewahlte Dreiteilung 
geniigend zu motivieren, auBerdem ist die Androgynie an sich keine 
starkere Stufe der kontraren Sexualempfindung. Es ist durchaus 
nicht gesagt, daB Personen mit korperlichen Zeichen des andcrn Ge- 
schlechts, also etwa Manner mit Gynakomastie oder Frauen mii Andro- 
trichie, auch psychisch ihrem Genitalapparat inkongruent sind ; 
meist sind sie nicht einmal kontrarsexuell. Es gibt auch psychisch 
feminine Manner und virile Frauen, die nicht homosexuell sind, ander- 
seits gibt es Hiinen von Mannern, die seelisch voUkommene Weiber 
sind ; kurz, alle nur erdenklichen Kombinationen mannlicher 
und weiblicher Eigenschaften kommen vor, so daB die Krafft- 
Ebing sche Einteilung der P r a z i s i o n ermangolt, welche wir von 
einer guten Systematisierung verlangen miissen ; es ist auch uner- 
findlicn, weshalb Krafft-Ebing nur die virilen Manner — und 
Hirschfeld, Homosexualitflt. I3 



Digitized by V:iOOQIC 



274 

die feminineii Frauentypen als ,,Homosexuelle oder Utninge" bezeich- 
uet, da die effeminierten und androgynen Manner-, sowie die virilen 
und gynandrischen Frauengruppen nach seiner Voraussetzung docl) 
ebenfalls gleichgeschlechtlich fiihlcn. 

Aus alien diesen Grlinden scheint cs das einzig Richtige, 
dowohl die homosexuellen Manner, als auch die homosexuellen 
Frauen nach ihrer Beschaffenheit lediglich in die femininer 
und viriler Gearteten einzuteilen. Hochstens konnte man noch 
hinsiehtlich des Grades des weiblichen oder mannlichen Ein- 
schlags Unterscheidungen gelten lassen, indem man bei den 
homosexuellen Mannern leichter und starker feminine 
und virile, bei den homosexuellen Frauen h o c h gradiger 
und maBiger virile und feminine unterscheidet. Wie 
weit das weibliche Empfinden mancher Homosexueller geht, 
zeigen drastisch die Forderungen, die ein Urning H. Marx^) 
in einer Broschlire aufstellt: 

„D ie soziale Stellung des Urnings, schreibt 
erallen Ernstes, seidie derMadchen und Frauen; 
er trage auch einen weiblichen Namen. Eltern und Vormiinder 
seien verpflichtet, das Auftreten der urnisehen Natur an ihrem 
Kinde und Pflegekinde der Behorde sofort anzuzeigen. 1st 
die urnische Natur eines Individuums konstatiert, so ist das- 
selbe als Urning in das Zivilstandsrcgister einzutragen, hat 
einen eigenen Namen anzunehmcn und seiner Natur _pemafl 
sich zu kleiden. Im Interesse der Sittlichkeit empfiehlt es 
sich, dafl der Urning das nachtliche Umherstreichen auf den 
StraBen und offentlichen Platzen seines Wohnortes, das Be- 
suchen von Wirtshausern ohne Begleitung unterlaBt und sich 
uberhaupt seiner weiblichen Natur gemaB sittsam und bescheiden 
auffuhrt.** Entgegengesetzt auBert sich ein homosexuelles Weib 
in einem hinterlassenen Schreiben-) : ^Bei mir hatte die 
Natur in der Wahl des Geschlechts einen Fehl^riff getan. Ich 
fluchte meinem Geschick, das mich nicht als Mann geschaffen 
hat." 

Es bedarf kaum der Erwahnung, daB, ebenso wie eine sich zu 
weit erstreckende Niiancierung der charaktcrologischen Beimischung 
des Femininen beim Manne nicht durchfiihrbar ist, auch eine zu weit 
gehende Differenzierung seiner virilen Komponente als gekiiiislelt 
anzusehen ist. Marc Andre Raffalovich hat eine seiche Mehr- 
teilung versucht, indem er^) drei Arton von Homosexuellen unterscheidet: 



*) H. Marx, Urningsliebe. Die sittliche Hebung des Urning- 
tums und die Streichung des § 175 des Dcutschen Strafgesetzbuchcs. 
Ein Wort an das deutsche Volk, die Manner der Wissenschaft und die 
Mitglieder des deutschen Reichstages. 1875 in Leipzig erschienen. 

=) Jahrb. f. s. Zw. III. Bd. p. 34. 

2) R a f: f a I o V i c h 1. c. p. 



Digitized by VjOOQIC 



275 

die Ultravirilisten, die Virilen und die Weiblinge. Die Ultravirilisten 
wiirdeii etwa der Gruppe entsprecheu, die GustavJaeger als super- 
virile Homosexuelle bezeichuete. Dieser Aiisdruck findet sich in dem 
1884 ersciiienenen III. Telle seines „Lehrbuchs der allgemeinen Zoologie" 
(„Entdeckung der Seele",,3. Aufl., Bd. I, S. 269), wo die betr. Stelle 
folgendermaBen lautet: „Was mich anfangs am meisten frappiert hat, 
mir aber jetzt vollstandig erklarlich, ja naturnotwendig erscheint: 
Unter den Homosexualen steckt die merkwiirdigste Sorte von Mannern, 
namlich die, welche ich superviril nenne. Dieselben sfcehen, ver- 
moge einer individuellen Variation ihrer Seelenstoffe, ebenso ii b e r 
dem Manne wie der Normalsexuelle (sollte heiBen: Diirchschnitts- 
sexuelle) iiber dem Weibe. Ein solches Individuura ist imstande, die 
Manner durch seinen Seelenduft zu bezaubern, wie diese — aber in 
passiver Weise — ihn bezaubern. Da er nun stets in Mannergesell- 
schaft lebt, und Manner sich ihm zu FiiCen legen, so erklimmen solche 
Supervirile haufig die hdchsten Stufen geistiger Entwicklung, sozialer 
Stellung und mannlichen Konnens." Es ist zuzugeben, daB der maun- 
liche Einschlag beim homosexuellen Mann auch einmal starker sein 
kann, als er durchschnittlich beim heterosexuellen Manne ist ; die Welt- 
geschichte hat die Namen einiger Feldherren, Staatsmanner und Kunst- 
Keroen bewahrt, die an Tatkraft und Geistesscharfe die Mehrzahl der 
Manner iiberragten, gleichwohl aber urnisch waren; dennoch empfiehlt 
es sich und geniigt auch vollauf, angesichts der so sehr ineinander 
iiberflieBenden Gradstufen und Mannigfaltigkeit der Mischungsart 
mannlicher und weiblicher Eigenschaften auch hier nur von siarkeren 
und schwacheren Graden der Virilitat und entsprechend beim homo- 
sexuellen Weibe von verschieden starken Einschlagen der Femininitat zu 
reden. Die auf den ersten Blick befremdliche und mit der Lehre von 
den Zwischenstufen zunachst schwer vereinbare Tatsache, daB homo- 
sexuelle Manner viriler, homosexuelle Frauen femininer sein konnen 
als heterosexuelle Manner und Frauen, sucht Prof. Jordan- Katte 
in seiner sehr bemerkenswerten Arbeit, betitelt: „Die virilen Homo- 
sexuellen** *) dadurch zu begriinden, daB es nicht bloB auf das relative 
Verhaltnis der mannlichen zu den weiblichen Elementen, sondern auf 
das nach Starke und Art verschiedene absolute Quantum beider 
Komponenten ankommt. Nicht mit Unrecht bemangelt Jordan in 
diesem Aufsatz, daB von den Fachschriftstellern in der Kasuistik und 
Theorie die ihrem Geschlechtsapparat entsprechenderen Typen unter 
den Homosexuellen bisher viel weniger beriicksichtigt sind als die 
psychisch und somatisch starker von der Norm abweichenden. Er 
5chreibt^) : „Es ist ein — wenn auch verstandlicher — Fehler der 
neueren Schriftsteller auf dem Gebiete der Homosexualitat, daB sie so 
ganz vorzugsweise den femininen Typus des homosexuellen Mannes 
schildern und rechtfertigen und den virilen Typus vernachlassigen, 
der den Heterosexuellen vielleicht ansprechender erscheint als jener. 
So wird — entsprechend — leider auch immer nur das virile homo- 
sexuelle W e i b , das mannliche Alliiren zur Schau tragt, in die Dis^ 
kussion gebracht und die meist iiberaus zuriickhaltcnde feminine 
Jungfrau, die auch den Heterosexuellen oftmals interessiert, well sie 
nichts wesentlich Auffalliges darbietet, hintenangesetzt.'* An einer 
anderen Stelle gibt der Autor aber selbst hierfiir die Erklarung, indem 
er sagt. daB sich jede menschliche Klaa^ifizierung zunachst wohl 
Oder iibel an die markanten und extremcn Erscheinungs- 
gruppeh halten muB. 



*) Max Katte, Die virilen Homosexuellen, J. f. sex. Zw., Bd. 
Ttl, p. 

&) L. c. p. 94. 

18* 



Digitized by V:iOOQIC 



276 

Was das Zahlenverhaltnis der virilen und femininen Ura- 
nier anlangt, so diirfte I wan Bloch^) redht haben, wenn er 
sagt, daB es nach seinen Beobachtungen ungefahr das 
gleiche ist. Auch die virilen und femininen Uranierinnen 
scheinen an Menge einander etwa gleich zu sein. 

Mehr theoretisch als empirisch mtissen die SchluBfolge- 
rungen angesehen werden, welche viele Autoren bei der Ein- 
teilung der homosexuellen Manner und Frauen in die virileren 
und feminineren aus der personlichen Beschaffenheit auf die 
Geschmacksrichtung, die Betatdgungsweise oder gar auf. die 
Entstehung und Heilbarkeit ziehen. Wir stoBen auf solche 
Angaben an vielen Stellen der Fachliteratur ; auch ich selbst 
sebrieb in einer meiner ersten Arbeiten liber den Gegenstand: 
„Je femininer ein Mann ist, um so mehr liebt er ausge*- 
sprochen mannliche Typen, je mehr im Timing die mannlichen 
Ziigc tiberwiegen, um' so mehr liebt er Individuen, die im 
Auflem und Charakter etwas Weiblich-zartes haben, Jiinglinge, 
wobei ihm jedoch femiiiine Urninge zu weibisch zu sein pflegen, 
und das gleiche gilt fiir das kontrarsexuelle Weib, je mehr 
Weibliches in ihr ist, je weniger sie von der Norm abweicht, 
um so mehr liebt sie Frauen, die Mannliches an sich haben, 
kraftige geistesstarke Weiber, Kiinstlerinnen, Schriftstellerinnen, 
und je viriler sie selber ist, um so mehr flihlt sie sich von 
jungen, echt weiblichen Madchen angezogen." 

Offenbar schwebte bei diesen SchluBfolgerungen den Fach- 
leuten bewuBt oder unbewuBt die so weit verbreitete, aber 
auch fiir den normalen Verkehr noch keineswegs erwiesene 
Vorstellung von der Anziehung des Gegensatzlichen in der 
Liebe vor, eine Meinung, die beispielsweise Schopenhauer 
und nach ihm in noch viel verstarkterem MaBe Weininger 
dahin formulierten, daB stets „dem bestimmten Grade seiner 
Mannheit der bestimlnte .Grad ihrer Weibheit entspricht. In 
Wirklichkeit liegen aber die Anziehungsgesetze viel kompli- 
zierter. Ich habe im Laufe der Zeit viele feminine Homosexuelle 
kennen gelernt, die, trotzdem sie selbst am liebsten in Frauen- 
Jcleidern gingen, junge bartlose Leute liebten, und sehr virile 
Frauen, die ich zunachst fiir gute Freundinnen in unerotischem 
Sinn hielt, bis ich gewahr wurde, daB die auBerlich und an- 
pcheinend auch seelisch so verwandten Typen seit vielen Jahren 
ein regelrechtes sexuelles Verhaltnis miteinander batten. Eben- 
80 kann man nicht selten voUminnlichen Urningstypen be- 

«)Iwan Bloch, Das Sexualleben imserer Zeit, 7. — 9. Aufl. 
1909 p. 651. 



Digitized by VjOOQIC 



277 

gegnen, von denen man — ehe man das Wundern auf sexuellem 
Gebiet verlernt hat — zu seinem groBen Erstaunen hort, daU 
sie sich fiir Manner unter 50 Jahren sexuell liberhaupt nicht 
interessieren k5nnen. Erst vor kurzem suchte mich ein etwa 
25jahriger Homosexueller auf, der durchaus mfinnlich erschien, 
dabei aber ftir Manner mit weiJJen Vollbarten, und zwar nur 
ftir diese, eine groBe Leidenschaft besaB. 

Auch die Meinung von U 1 r i c h 9 , dafi sich bei Urningen mit 
korperlich und geistig voUig mannlichem Habitus aktives Begehren, 
bei denen mit weiblichem Hjibitus passives Begehren findet, halt reich- 
licherer Erfahrung nicht stand. Urn von vielen, die diese Anschauung 
hegen, nur einen anzufiihren, erwahne ich Robert Sommer, der 
meint, daI3 man z w e i Arten der Homosexualitat unterscheiden miisse, 
die passive und die aktive. „Der passive Paderast weise einen deut- 
lichen Typus auf. Haufig bestehe schon in der Jugend Neigung zum 
Anlegen weiblichen Schmuckes und Kleidung. Dazu komme eine 
weibisch siiBliche fiir normale Manner widerwartige Art der Bewegung, 
welche diese Individuen als dirnenhaft erscheinen lasse. Bei dem 
aktiven Typus fehle dieses Wesen vollstandig. Er sei aus seinen Symp- 
tomen kaum erkennbar. Bei den weiblichen Homosexuellen unter- 
scheidet Sommer gleichfalls zwei Typen. Der aktive Typus, gleichsam 
das Gegenbild der femininen Form des mannlichen Homosexuellen, 
zeige sich im maskulinen Wesen, wahrend die passive Form anscheinend 
in keiner Weise auCerlich charakterisiert sei." 

In Wirklichkeit besteht keiue absolute Cbereinstimmung zwischen 
Virilitat und Aktivitat, Passivismus und Feminismus. Wir lassen 
dabei zunachst die Frage, mit der wir uns spater noch zu beschaftigen 
haben, unerortert, ob iiberhaupt die Einteilung der homosexuellen 
Manner und Frauen nach ihrer Betatigungsneigung in Aktive und 
Passive zu Recht besteht. Das eine lehrt jedenfalls eine ausgedehntere 
Praxis: unter denen, die passiven Pygismus pflegen, gibt es nicht 
wenige, die ansonsten einen mehr mannlichen, als weiblichen Eindruck 
machen, und andererseits finden sich unter denen, die zur aktiven 
Immission neigen, manche, die in ihrer Psyche dem Weibe naher stehen 
als dem Manne. Es kommen eben auch hier alle nur erdenklichen 
Verbindungen vor, welche lehren, daB die Wahrheit der Wahrschein- 
lichkeit immer noch weit iiberlegen ist. 

Noch einen Schritt weiter ist neuerdings der Freudschiiler S. 
Ferenczi in Budapest gegangen. In einem Vortrage, den er im 
September 1911 auf dem KongreB fiir Psychoanalyse in Weimar hielt, 
unterscheidet er die Homosexuellen in zwei Gruppen, die er als Objekt- 
homosexuelle und Invertierte bezeichnet. Bei den Objekthomosexuellen 
triige der homosexuelle Trieb den Charakter der erworbenen Zwangs- 
idee eines Neurotikers, die als solche auf psychoanalytischem Wege 
leicht zu erkennen und zu beseitigen sei. Ganz anders lage es bei den 
Invertierten, bei denen tatsachlich ein konstitutioneller Zustand vor- 
handen sei. 

Bei einiger Cberlegung wird man leicht einsehen, daC die Objekt- 
homosexuellen und die Invertierten im Grunde genommen nichts an- 
dcres sind als die Mannlinge und Weiblinge von U 1 r i c h s , daB jedoch 
hier eine Ansicht wiederkehrt, die sich gelegentlich schon bei den 
Alten findet, beispielsweise bei J u v e n a 1 , wenn er (in satir. II), 
die Weiblinge in Schutz nehmend, sagt : hunc ego f a t i s imputo, 
qui morbum vultu incessuque fatetur, diesem, welcher seine Krank- 
heit — er meint vovo(k ^i^Xeia, die weibische Krankheit — durch sein 
Mienenspiel und seinen Gang verrat, rechne ich sie als Schicksal, 
nicht als Schuld an. Die Ferenczi sche Auffassung, dafl die Homo- 



Digitized by VjOOQIC 



278 

sexualitat des Virilen „lockerer" sitze als die des Femininen, wird 
zweifellos auf den ersten Blick fiir manchen etwas Bestechendes haben, 
sie hat nur einen Fehler, namlich den, dafi sie mit der Wirklichkeit 
im Widerspruch steht, die zeigt, daB die Homosexualitat der viriler 
Gearteten ebenso fest mit der Konstitution verkniipft und ebenso- 
weiiig von dieser abzutrennen ist, wie die der Feminineren. 

Recht beachtenswert ist die Einteilung, welche Hans Bliiher 
in seiner Arbeit: „Die drei Grundformen der Homosexualitat" 7) gibt. 
Er unterscheidet „den invertierten Weibling" — so nennt er den 
femininen Homosexuellen — von dem ,,Mannerhelden". Er versteht 
darunter deu sich seiner Inversion und der damit verbundenen Auf- 
gaben voll bewufiten Homosexuellen, der seine Triebriclitung nicht 
nur in geschlechtlicher Beziehung betatigt, sondern auch seine er- 
zieherischen Fahigkeiten gegeniiber dem eigenen Geschlechte voll zur 
Entfaltung bringt. Er iibt infolgedessen auf jiingcre Personen des 
mannlichen Geschlechtes besondere Anzieliungskraft aus und spielt 
im eingeschlechtlichen Milieu namentlich in Jugendbewegungen eine 
groBe Eolle. Als dritte Grundform bezeichnet B 1 ii h e r die „]atente 
Inversion**, bei der die homosexuelle Komponentc bewuBt u n t e r- 
d r il c k t Oder unbewuBt verdrangt oder in rein kiinstlerische oder 
wissenschaftliche Betatigung sublimiert wird, wobei eine Um- 
setzung in neurotische Komplexe erfolgt mit stark antihomosexuellen 
Instinkten. (Verfolgertyp). 

Sowohl in homosexuellen als heterosexuellen Kreisen 
herrscht vielfach die Neigung, die weiblicher gearteten Homo- 
sexuellen niedriger zu bewerten, als die mannlicheren. Das 
ist ebenso unangebracht, wie der alte miiUige Streit, ob Mann 
oder Weib hoher zu bewerten seien. In der Natur aller ruhen 
gute Eigenschaften, durch der'en Entfaltung sie dem Ganzen 
forderlich sein konnen. 



•) Jahrbuch fiir sex. Zwischenstufen. Bd. XIII, p. 139 ff., 326 ff., 
411 ff. 



Digitized by 



Google 



FUNFZEHNTES KAPITEL 

Einteilung der Homosexuellen nach ihrer Geschmacks- 
richtung und den Betatigungsformen. 

Sind wir auch nicht imstande, aus der Zugehorigkeit zu 
der virileren oder feminineren Uraniergruppe die Geschmacks- 
und Betatigungsart eines Homosexuellen abzuleiten, so ist damit 
keineswegs gesagt, dafi diese nicht dennoch im wesentlichen von 
der individuellen Eigenart eines Menschen abhangig ist. Sicher- 
lich ist die Riehtung des Geschlechtstriebes kein freier Will- 
ktirakl, nur liegen die Verhaltnisse viel komplizierter, als daB 
sich von der Beschaffenheit des Subjekts die Besehaffenheit des 
Objektft so leicht ablesen liefle. Fiir das Vorhandensein solcher 
Zusammenhange spricht neben anderen Griinden vor allem die 
relative Konstanz des anziehenden Typus. Fast so konstant 
wie die subjektive Sexualpsyche der gleichgeschlechtlich emp- 
findenden Person ist das von ihnen bewuBt oder unbewuBt be- 
gehrte Sexualziel, selbst wenn die Manner oder Fraucn, welche 
Trager der erregenden Eigenschaft-en sind, in mannigfacher Hin- 
sicht voneinander verschieden zu sein scheinen. Jedenfalls 
ist das, was die Sinnesorgane der Liebenden erotisch lustbetont 
als schon empfinden, in ihren Sexualzentren selbst a priori de- 
fcerminiert, wobei allerdings zu beachten ist, daB der Gefiihls- 
komplex, den ein Individuum in einem andern auslost, durcliaus 
nicht immer ein wechselseitiger ist. 

ITnter den Homosexuellen selbst herrscht liber die relative 
Festigkeit des Geschmackstypus kein Zweifol ; in 
ihren Unterhaltungen tiber Geflihlsgenossen spielt die Erortorung 
dieses' Untcrscheidungsmerkmals eine ziemliche RoUe, beispiels- 
weise wenn sie die Frage aufwcrfen, ob jemand jtingere oder 
altere Personen liebe, etwa, um mich einer unter ihnen haufigen 
Sprechweise zu bedienen, ,,mit oder ohne Bart**, oder wenn es 
weibliche Homosexuelle sind, ob eine „Frauen oder Madchen** 
vprzieht. In der Fachliteratur findet sich die Einteilung nach 



Digitized by VjOOQIC 



280 

der Triebrichtung nicht so haufig. Planmafiig durchgefiihrt 
findet sic sich in meinem „Wesen der Liebe**, woselbst ich die 
Homosexuellen nach etwa 100 dort veroffentlichten detaillierten 
Geschmacksschilderungen in drei Gruppen teile: die Ephebo- 
p h i 1 e n , die es zu gesehlechtsreifen Jtinglingen von der Puber- 
tat bis Anf ang der Zwanzig zieht ; die Androphilen, welche 
Personen von diesem Alter ab bis in die Flinfzig lieben, und 
die Gerontophilen, die von alteren Mannern bis zu solchen, 
die sich bereits im Greisenalter befinden, gefesselt werden. 

Kohleder und B 1 o c h i) haben diese Einteilung akzeptiert. 
M o 1 1 ^) schreibt : „Wenn wir verschiedene Homosexuelle betrachten, 
so ergibt sich, daB das Alter, das sie bevorzugen, durchaus verschieden 
ist. Der eine liebt geschlechtsunreife Knaben, ein anderer rnehr junge 
Leute, etwa im Alter von 15 — 18 Jahren, ein dritter nur voUkommen 
geschlechtsreife, vollentwickelte Manner." 

Dr. V. Romer beriicksichtigt in seinem koinplizierten Schema 
der Geschlechtsdifferenzierungen, dessen Klarheit imter allzu groBer 
Gewissenhaftigkeit leidet, ') ebenfalls das Alter des Objekts, nimmt 
es aber nicht als etwas Absolutes, sondern stellt es dem Alter des 
liobenden Subjekts gegeniiber. Danach unterscheidet er vier Oruppen: 
I. diejeni^en, die Personen lieben, die jiinger sind als sie selbst, 
Neotcrophile (abgeleitet von vewzegog der jiingere) ; TI. solche, die altere 
lieben : rresbyterophile (abgeleitet von jigeofivregos alter), III. solche, 
die gleich alte lieben: Helikophile (abgeleitet von tjXi^ der Alters- 
genosse, und IV. solche, die kein bevorzugtes Alter kennen: Broto- 
phile (abgeleitet von figotdg sterblich). 

Zu der letzteren Gruppe ist zu bemerken, daB es in der Tat 
homosexuelle Manner und Frauen gibt, deren Geschlechtsrichtung 
innerbalb eines ausgedehnten Altersspielraums belegen ist; so kenne 
ich mehrere Homosexuelle, die von einer gewissen, mannlichen Art 
des Auftretens und der Bewegung so fasziniert werden, daB sie es 
demgegeniiber gering veranschlagen, ob der Betreffende Anfang der 
Zwanzig oder Ende der Vierzig ist. Es ist dies aber verhaltnismaBig 
nur selten, viel haufiger findet man, daB der Altersspielraum enger 
bemessen ist, als er unserer Einteilung in Ephebophile und Andro- 
phile entspricht. So gibt es Homosexuelle, die fast nur von jungen 
Menschen im Beginn der Reife, also vom 14. bis 16. Lebensjahre, 
andere, die von 16—19 jahrigen, oder etwa von 19—25-, 30 — 40-, 40 — 60- 
jahrigen angezogen werden. Es ist nicht moglich, alle diese Unter- 
abteilungen bei einer systematischen Gruppeneinteilung zu beriick- 
sichtigen. Fiir verfehlt halte ich den Gesichtspunkt von Romers, 
das Alter des Liebenden mit dem der geliebten Person in Relationen 
zu bringen, da, wie die Erfahrung zeigt, die anziehenden Alters- 
stufen verhaltuismaBig konstant bleiben, wahrend das Alter des Lieben- 

«) Iwan Bloch 1. c. p. 563. 

*) Moll, Dr. med. Albert, die kontrare Sexualempfindung. 1899. 
p. 33 f. 

•) Wer soil beispielsweise trotz aller voraufgegangenen Erklarun- 
en folgenden Satz verstehen: „Die Tragweite meser Unterscheidung 
allt sofort auf, wenn man bedenkt, daB der heterophile Orchiphor, 
der karterophil und presbyterophil ist, in der methebetischen Periode 
doch eigentlich naher beim homoiophilen Orchiphoren, der presby- 
terophil und karterophil ist, oder beim normalen heterophilen Metra- 
phoren steht als beim ausgesprochen normalen heterophilen Orchi- 
phoren.*' Jahrb. f. sex. Zwischenst. VI, pag. 348. 



I 



Digitized by VjOOQIC 



281 

den doch weiterriickt. Wer 20 jahrige liebt, tut dies mit 20 Jahren 
meist genau so wie mit 70 Jahren; nach v. Romer wiirde man ihn mit 
20 Jahren als helikophil (Gleichaltrige liebend), mit 18 Jahren als 
presbyterophil (Altere liebend), mit 30 als neoterophil (Jiingere liebend) 
bezeichnen miissen, wahrend wir ihn sowohl mit 18 als mit 80 ephebo- 
phil nennen wiirden. Es kommt zwar vor, daB sich die Altersgrenzen 
etwas verandern, Manner und Frauen in spateren Jahren etwas Altere 
Oder Jiingere lieben, wie sie friiher taten, doch ist diese Geschmacks- 
veranderung so geringfiigig und selten, daB sie vernachlassigt wer- 
den kann. 

Noch weiter in der Einteilung nach dem bevorzugten Alter wie 
V. Romer geht B e m b o *), der die homosexuellen Manner einteilt 
in diejenigen, die das gleiche Alter suchen — er nennt sie Gemelos 
(Zwillinge) — und die, welche andere Altersstufen begehren. Diese 
zerfallen in die Infantilistas, welche sich fiir Kinder im Sauglingsalter 
entflammen, wovon er einen Fall kennt, ferner die Pederastas, die 
sich fiir unreife Knaben von 13 — 14 Jahren interessieren, die Pedi- 
cones, die Jiinglinge lieben, die Filodelfos, welche jxinge Manner von 
20 bis ungefahr 30 Jahre lieben, die Virastas, welche Erwachsene von 
30 bis 45 vorziehen, und die Senectas, deren Geschmack sich auf alte 
Leute von 60 und mehr Jahren richtet. 

Ganz ahnlich teilt er auch die von ihm als Saphistas bezeich- 
net«n homosexuellen Frauen ein. 

Nach unserer gegenwartigen Erfahrung mochte ich die 
friihere Dreiteilung nach Altersstufen insofern modifizieren, 
als es mir entsprechender erscheint, in dieser Hinsicht zwei 
groBero Hauptgruppen und zwei kleinere Nebengruppen zu 
unterscheiden. Die beiden Hauptgruppen, von denen 
jede etwa 45o/o der gesamten Homosexuellen betragen diirfte, 
sind die E p h e b o p h i I e n , die Personen vom Beginn bis zum 
Abschlufl der Reife, also im Jtinglingsalter von etwa 14 — 21 
Jahren, lieben, und die Androphilen, die zu Personen vom 
Beginn des Mannesalters bis zum Beginn des Greisenalters 
neigen. Es sei hier aber nochmals ausdriicklieh tetont, dafi sich 
die Ephebophilie keineswegs nur bei virilen, die Androphilie 
bei femininen Homosexuellen findet. Hierzu kommen dann noch 
zwei Nebengruppen, die Padophilen und die G e r o n - 
tophilen, von denen die einen — zweifellos die am ungliick- 
lichsten veranlagten — zu noch nicht geschlechtsreifen Personen 
inklinieren, wahrend die andern nur fiir Greise sexuelle Emp- 
findungen versptiren. Die an 100 o/o fehlenden lO^/o aller 
Uranier teilen sich, wie es scheint, in Hiese beiden Gruppen zu 
etwa gleichen Teilen. Fiir die Frauen gilt dieselbe Einteilung, 
zwei Hauptgruppen, die parthenophilen und gynako- 
philen, und zwei Nebengruppen, die korophilen und 
graophilen. [noQ'&hog Jungfrau, ywrj Frau, ^igrj Madchen, 
ygavg Greisin.) 



*) Prof. Max Bembo, La mala vida en Barcelona. 



Digitized by VjOOQIC 



282 

Mit der Vorliebe ftir eine bestimmt^ Altersstufe ist die 
Gcschraacksdifferenzierung naturlich keineswegs erschopft. Es 
gibt ;innerhalb jedes Altersspielraiims eine Menge ,bestimmter 
korperlicher und seelischer Eigenschaften, beispielsweise in b^zug 
auf die Figur, die Farbe der Haare und Augen, auf Wesen, Cha- 
rakter, Art sich zu bewegen, Bildung, Stand, die ftir die spon- 
lane Anziehung von nicht zu unterschatzender Bedeutung sind. 
Hier scheitert jede Einteilung an der Ftille der Falle, wenngleich 
sich gewisse Gruppen, wie etwa die der nur zu Soldaten neigen- 
den homosexuellen Manner oder die der homosexuellen Frauen, 
deren Spezialitat weibliche Prostituierte sind, zienilich deut- 
lich aus der Menee herausheben. 

Aber auch hier gibt es inaerhalb jeder Gruppe immer noch sehr 
atarke Dif ferenzierungen ; so finden wir unter den „Soldatenfreiern" 
salche, die nur fiir die Mannschaften inklinieren, darunter wieder 
welche, die fast ausschlieBlich auf Unteroffiziere, andere, die fast nur 
auf. Offiziersburschen ,,fliegen" ; dann gibt es welche, die sich nur 
mit Offizieren befassen. Daneben spielen die verschiedenen Truppen- 
gattungen eine KoUe. Fiir viele existiert nur die Infanterie, fiir andere 
dio Kavallerie, fiir dritte die Marine. Ich kannte einen Homosexuellen, 
fiir den nur die „ersten Garde-Ulanen" von erotischer Bedeutung 
waren, die ganze iibrige deutsche Armee schien fiir ihn nicht vor- 
handen zu sein. Vor einiger Zeit hatte ioh einen Arzt zu begutachten, 
der ausschlieBlich Kavallerie-Offiziere liebte. Da er mit ihnen ander- 
weitig nicht in Konnex kommen konnte, hatte er sie dadurch auf sein 
Zimmer zu locken verstanden, daC er mit ihnen Gcldg-eschafte entrierte. 
In alien diesen Fallen spielt offenbar der F e t i s c h i s m u s eine be- 
trachtliclie Rolle, von dem sich Anklange iibrigens auch bei alien an- 
deren Homosexuellen meist unschwer nachweisen lassen. 

DaC es sich hier tatsachlich um Fetischismus handelt, jgeht 
daraus hervor, daB, wenn der Fetisch fehlt, an die Stelle der sexu- 
ellen Attraktion oft vollige Indifferenz, wenn nicht gar Aversion, 
tritt ; so erzahlen Soldatenfreunde, wie vollig ,,abgekiihlt" sie seien, 
wenn ihre friiher geliebten Freunde sie als „Reservisteu" aufsuchen. 
Diese wiederum, meist sehr erfreut iiber die schon langst ersehnte 
Zivilkleidung, sind oft nicht wenig verwundert iibor das ganzlich ver- 
anderte Benehmen ihrer Gonner. Ein junger Priester schreibt mir: 
„rch bin vollstandig homosexuell. Der Typus, der mich anzieht, ist 
der kraftige, schone Mann im Alter von 25 — 40 Jahren. Ob dieser 
Typus nun blond oder schwarz ist, ist mir gleichgiiltig, nur muB er 
sympathische Gesichtsziige und vor allem einen Schnurrbart — aber 
ja keinen Vollbart — haben, bartlose Manner konnen mich auf. keinen 
Fall reizen ; wie sehr die geschlechtliche Reizung von dem Schnurr- 
bart abhangt, illustriere folgendes : Mcin Onkel, — ein hoherer katho- 
lischer Geistlicher — bei dem ich mich studienbalber aufhielt, hatte 
einen Kaplan, der jenen kraftit>en schonen Typus darstellte, den ich 
Hebe, una welcher als katholischer Geistlicher keinen Bart tragen 
durfte. Wir beiden verkehrten ganz freundschaftlich miteinander, 
ohne daB ich meinerseits sexuell von ihm erregt wurde. Ich brachtc 
nun eines Tages einen beim Friseur gekauften Schnurrbart mit heim 
und bat ihn, er mochte ihn anlegen, was er auch tat. Sofort be- 
machtigte sich meiner eine tiefe Erregung und ich hatte Miihe, ihn 
nicht an mich zu reiBen und zu verkiissen." 

Wie ungemein detailliert und spezialisiert die Geschmacksrich- 
tung der Homosexuellen sein kann, mogen noch einige seltenere Falle 



Digitized by VjOOQIC 



283 

belegen. Ich kannte Urninge, die sich erotisch ausschlieOlich fiir 
Schutzleute interessierten, andere, die nur „Studenten mit Schmis- 
sen*' liebten; einen Urning lernte ich kennen, dessen ausschlieB- 
liche Leideuschaft Ilirten warcn. Nach diesen lugte er aus weiter 
Feme aus. „Einmal,** so erzahlte er, „erblickte ich in der Gegend 
von San Remo oben auf dem Berge einen Hirten inmitten seiner 
Herde ; leider hatte ich meinen Feldstecher vergessen. Da mir seine 
Gest^lt jugendlich erschien, machte ich mich zu ihrn auf den Weg, 
68 war ein sehr beschwerlicher Weg durch ein tiefes Tal, wohl iiber 
eine Stunde. Als ich oben angelangt war, sah ich, daB es ein ganz 
alter Mann war. S o ist es mir menr als einmal ergangen." 

Ein anderer wurde durch den am Nacken stark hervortretenden 
siebenten Halswirbel machtig angezo^ren, andere durch Kahlkopfe ; von 
zwei urnischen Briidern, die ich in Briissel kennen lernte, liebte der 
einc nur „Chasseurs'\ der andere nur Chanffenre. 

Ich kannte einen Urning, der prinzipiell nur mit Rheinlandern, 
Westfalen und Pommern sexuell verkehrte, „ganz ausgeschlossen*' seien 
fiir ihn Sacbsen, Hamburger und Elsasser; einer wurde nur durch Leute, 
die kurze Shagpfeife rauchten, erregt. Verschiedene Urninge und Ur- 
ninden teilten mit, daD s c h o n e Menschen sie kalt liefien, dagegen 
fiihlteu sie sich angezogen durch Leute von grotesker HaBlichkeit. 
Oberhaupt ist bei den homosexuellen Frauen diese Differenziertheit 
des Geschmackes ebenso groi3. So konnte sich eine mir ])ekannte Ur- 
ninde nur fiir verheiratete Frauen interessieren, eine andere nur fiir 
Dienstmadchen, eine weitere wurde durch Pelze, eine andere durch groBe 
OLrringe machtig angezogen, eine liebte „Frauen nicht unter 200 
Pfund**. 

Wenn Kriegsminister von Einem iiber die Homosexuellen sagtc: 
„Ich babe aus Broschiiren' und wissenschaftlichen Schriften gelesen, 
daB jene Manner, die mit dieser Leidenschaft behaftet sind, sich die- 
jenigen Manner aussuchen, die ihnen die Verkorperung der Starke 
und VoUkommenheit zu sein scheinen: z. B. sollen Lasttrager, Roll- 
kutscher und Bierkutscher ganz besondere Objekte ihrer Lust sein", 
so zeigte er sich nur sehr einseitig oriontiert. 

Ein spekulativer Militarschneider in Berlin, der ein vielbesuchtes 
Abate igequartier fiir Homosexuelle unterhielt, hatte in seinen Schranken 
alle moglichen Uniformspiele hangen, mit denen er ganz nach Wunsch 
Infanteristen in Ulanen, Land- in Seesoldaten umwandeln konnte. Auch 
sonstige Requisiten, mit denen er fetischistischen Anspriichen geniigen 
konnte, fehlten nicht; vom Apachenhalstuch bis zum Priesterkragen, 
vom Sporenstiefel bis zum Lackhalbschuh „war alles da". Wenn 
.1. A. Symonds*a), der viele interessante Beispiele fiir fetischistische 
Liebhabereien beibringt, diese objektiv zu erklaren sucht durch 
Strammheit, Sauberkeit, Erdgeruch usw., so trifft dies nur sehr bedingt 
zu ; das Wesentliche liegt in rein subjektiven Gedankenassozia- 
tionen, welche der einen Individualitat die engen Reithosen, der an- 
deren die weiten Matrosenhosen begehrenswerter erscheinen lassen. 
Die Verfolgung der Ursachen soloher individueller Absonderlichkeiten 
bis an die Grenze des endogen Gegebenen geschieht am besten auf 
psycboanalytischem Wege. Aus einer umfangreichen Statistik, in der 
ich die Eigenschaften des Liebesobjektes mit der eigenen Person ver- 
glich, ergab sich, daB etwa 55 o/o der Homosexuellen Eigenschaften 
suchen, die sie selbst besitzen, ca. 45 o/o in ge ge n t e i 1 igen Eigen- 
schaften die Erganzung ihres Tchs finden. 



*a) Havelock Ellis und J. A. S v m o n d s , Das kontrare Ge- 
gchlechtsgefiihl. (Leipzig 1896) p. 283 ff. ' 



Digitized by VjOOQIC 



284 

Bedeutsam sind noch folgende Unterscheidungen : zunachst 
die, ob eine homosexuelle Frau oder ein homosexueller Mann 
ebenfalls nur homosexuell Empfindende lieben oder nnr Hetero- 
sexuelle. 

Es ist zweifellos, dafi, wahrend viele Homosexuelle eben- 
falls urnisch Empfindenden bei weitem den Vorzug geben und 
manchen es in ilirer Neigung keinen Unterschied macht, ob die 
Betreffenden kontrar flihlen oder nicht, eine ganze Anzahl von 
Urningen ausschlieUlich zu heterosexuellen Naturen neigen. Oft 
sind ihnen die Glcich- oder Ahnlichfiihlenden direkt antipathiseh, 
sie sind ihnen zu „weibisch** oder zu verwandt. „Wir sind zu 
gleichartige Naturen, wir passen nicht flir die Liebe, wohl a'ber 
fiir die Freundschaft** erwi.derte eine beruhmte urnische Schau- 
spielerin einer KoUegin, welche ihr ihre Liebe erklarte. Wenn 
For el meint: „Der Urning verliebt sich natiirlidh am 
ehesten in einen normalen Mann, dessen ,Frau* er sein mochte**, 
so trifft dies nur flir einen gewissen Frozen tsatz, sicherlich 
nicht ftir die Mehrzahl der Urninge zu. 

Ein dritter Teil scheint der Veranlagung der Partner iiber- 
haupt keine Bedeutung beizulegen; es konnen diese so wohl durch 
Homosexuelle als Heterosexuelle gereizt werden, wofern sie 
nur im iibrigen einem bestimmten Typus entsprechen. Die 
einen wtirde man nach dieser Klassifizierung Homoiophile 
(Gleichliebende), die anderen als Alloiophile (Ungleich- 
liebende), die dritten etwa als Amphiphile (nach beiden 
Eichtungen Liebende) bezeichnen konnen^). 

Ferner gibt es homosexuelle Leute, die nur Personen ihres 
Standes lieben, wobei man die hoheren oder niederen Gesell"- 
schaftsklassen unterscheiden kann, und solche, die sich nur zu 
Niedergestellten odiBr ausadhliefilidh zu Hohergestellten hinge- 
zogen fiihlen. Zur ersten Gruppe gehorte eines der heftigsten 
Liebesverhaltnisse, das ich beobachten konnte, zwischen dem 
Postillion und dem Schaffner eines Gepackwagens, ein anderes 
zwischen dem Portier und dem Hausdiener eines Hotels, ferner 
die vielen Verbal tnisse, die weibliohe Prostituierte mit ein- 
ander haben; ein in ihrer Zeit viel genanntes Liebespaar 
waren Anne Bonny und Mary Read, die beide als See- 
rauberinnen in Westindien hausten. Die Beispiele der zweiten 
Gruppe, in der Homosexuelle hoherer und hochster Stande, 
beispielsweise Offiziere oder adelige Damen, sich nur unterein- 
ander lieben, sind ebenso wie die dritte und vierte, in denen 



5) V. R 6 m e r gebraucht diese Ausdriicke loco citato pag. 335 
in etwas anderem Sinne. 



Digitized by VjOOQIC 



286 

Leute aus dem Volke nur an prominenten Stellen Stehende und 
umgekehrt sozial Hochgestellte nur „Volk** lieben, so haufig, 
dalJ Mch die Anftihrung von Einzelbeispielen ertibrigt. Hier 
schlieBt sich die Unterscheidung an, ob jemand geistig und 
sozial unter ohm oder [iiber ihm Stehende liebt. v. Romer 
spricht von Didaskalophilen (hergeleitet von diddaxaXog 
Lehrer), die sich zu solchen hingezogen ftihlen, von denen sie 
lernen konnen, und von Manthanophilen (von fiav&d- 
vovteg Schtiler) als solchen, die zu Personen neigen, auf die 
fide padagogisch wirken konnen. 

Wir bertihren mit dieser Unterscheidung in Lernende und 
Lehrende pchon ein Gebiet, in dem die Trennung nicht mehr 
so sehr vom Gesidhtspunkt der eigentlichen Geschmacksquali- 
tat erfolgt, als nach Mafigabe der Betsltigung, denn sicherlich 
ist <las instinktive ^edtirfnis, ein geliebtes Wesen geistig zu 
heben, eine Form seelischer Aktivitat, wahrend in dem Wunsche, 
sich an einen starkeren anzulehnen, geistig von ihm zu emp- 
fangen, eine gewisse seelische Rezeptivitat und Passivitat zum 
Ausdruck kommt. Wir begegnen hier zwei Worten, die in der 
Einteilung der Homosexuellen von jeher eine groBe und, sagen 
wir «es gleich, eine ubergrofie RoUe gespielt haben, den friiher 
fast allgemein und auch heute noch vielfach nicht nur von 
Laien, sondem auch von Arzten und Juristen angewandten 
unterscheidenden Ausdriicken : a k t i v und p a s s i v. Ursprting- 
lich scheinen diese Bezeichnungen nur korperlich gemeint ge- 
wesen zu sein, und auch jetzt werden sie vielfach so aufgefafit. 

Es gab und gibt auch gegenwartig noch Volke r, die in der Be- 
urteilung homosexueller Akte einen wesentlichen Unterschied zwischen 
aktiven und passiven Betatigungsformen statuieren, nur die passiven 
sind ihnen Gegenstand der Verachtung und des Spottes, wahrend die 
Aktiven als etwas Gleicheiiltiges hingenommen werden. Diese Uber- 
lieferung aus der Antike nat sich namentlich im ganzen Orient, aber 
auch in vielen Gegenden Siideuropas und Siidamerikas bis auf den 
heutigen Tag erhalten. Es scheint hier der nicht ganz unberechtigte 
Gedanke mitzuwirken, daB diejenigen, die sich zu passiven Akten 
hergeben, fast immer wirkliche Homosexuelle sind, wahrend die 
aktiven Handlungen nicht selten auch von Bisexuellen oder von 
Heterosexuellen als Surrogatakte vorgenommen werden. 

Gegen die alte Einteilung der Homosexuellen in aktive und pas- 
sive laCt sich mancherlei geltend machen. Wir wissen heute, daC 
der Akt der Immission und Susception in anum, von der diese Ein- 
teilung ihren Ausgang genommen hat, keineswegs die gewohnliche 
homosexuelle Betatigungsform ist ; im Gegenteil, diese Verkehrsform 
wird an Haufigkeit von anderen Betatigungsarten weit iibertroffen. 
Wie will man aoer beispielsweise bei der verbreitetsten Verkehrsweise, 
der mutuellen Masturbation, die Aktiven und Passiven unterscheiden? 
Gewohnlich wird derjenige, der den andem beriihrt, als der Aktive 
angesehen. Denken wir uns aber die Ilohlhand als Substitut der 
Vagina, eine Vorstellung, die ich gelegentlich von Staatsanwalten 



Digitized by VjOOQIC 



286- 

in ihren Plaidoyers habe aussprecliea horen, so erscheint in der Tat 
derjenige. der sich der Hand ae3 anderen zur •Erzielung seines Orgas- 
mus bedient, als der Aktivere ; nicht anders ist es im oralen Verkehr. 
Hier wird meist derjenige, qui membrum alterius in os suum suscipit, 
als passiver Teil erachtet, in Wirklichkeit ist er aber vielfach der 
Aktivere gegeniiber demjenigen, der, oft vollkommen passiv daliegend, 
den Akt an sich vornehmen lafit. Es ist deshalb auch sprachlich voll- 
kommen richtig, wenn in Gerichtsverhandlungen dem Angeklagten zur 
Last gelegt wird, er habe als Tater membrum in os „genommen", nicht 
etwa empfangen. Selbst bei dem analen Verkehr kann der Immit- 
tierende passiv sein ; beispielsweise wenn, wie ich ebenfalls vor Gc- 
richt wiederholt habe nachweisen lioren, der eine Angeklagte sich 
nackt auf den nackten SchoB des anderen setzte, und beide so ahn- 
lich ihro Position vertauschten, wie im heterosexuellen Verkehr das 
Weib als aktiver Incubus mit dem Manne als passivem Succubus. 

Streng genoramen ist liberhaupt jeder sexuelle Verkehr 
ein mutueller, kein ausschlieJJlich aktiver und passiver; die 
Partner verkehren eben „miteinander*', wenngleicli zugegeben 
werden kann, daU vielfach bei dem einen die Aktivitat, bei dem 
andern die Passivitat vorherrscht; meist findet sich aber bei 
beiden beides, und diese Einteilung ist deshalb nur in einem 
verhaltnismaBig geri'ngen Bruchteil der Falle durchftihrbar. 
In hoherem MaBe gilt dies noch flir die seelische Aktivitat und 
Passivitat. Ebenso wie sich in jedes Menschen Wesenheit un- 
trennbar der virile und feminine Anteil mischt, sind auch 
in seinem Tun stets die aktive und passive Komponente ver- 
bunden, wennschon verschieden stark. Urninge, deren Neigung 
es ist, im Sexual verkehr sehr hingebend zu sein, sind oft in 
der Ankniipkfung von Liebesbeziehungen nichts weniger als 
passiv, im Gegenteil recht aggressiv. 

Hinsichtlich der eigentlichen Sexualakte besteht zwischen 
den mannlichen und weiblichen Homosexuellen eine voUkommene 
Analogic. Bei beiden konnen vier Hauptformen unterschieden 
werden : die manuelle, orale, femorale und a n a 1 e Be- 
tatigung, welch letzterer beim Weibe die membrale entspricJiL 

I. Die manuelle Verkehrsform wird vielfach auch als mutuelle 
Ojianie bezeichnet. Dieser Ausdruck ist aber nicht zutreffend, da 
die Onanie meist nur ein Surrogat sonst nicht vorhandener sexu- 
eller Befriedigung darstellt, wahreud die mutuelle Onanie gewohnlich 
nicht faute de mieux, sondein als die bevorzugle und vollkommen ge- 
niigende Befriedigungsform vorgenommen wird. Es fehlt hier ein 
der fellatio, cunnilinctio oder pedicatio entsprecheudes Wort, als 
welches ich die Bildung digitatio vorschlagen wiirdc. Das Wesent- 
liche dieses Aktes besteht in der Vereinigung von Hand imd Geni- 
talien, in Betastungeii, Beriihrungou, UmschlieBungen und schlieBlich 
Friktionen des mannlichen oder weiblichen Geschlechtsteils. Wie 
beim Manne das Membrum, so ist bei der Frau Klitoris und Vulva^ 
sel toner die Vaginalschleinihaut Zielpunkt der Hand. Die immissio 
digiti in vaginam more membri ist den homosexuellen Frauen viel- 
fach unsympathisch. 



Digitized by VjOOQIC 



287 

In einer groBen Zahl der Falle sind diese Akte n i c h t mutuell, 
sonderii der eine Teil wiinscht nur den andern usque ad ejaculationem 
adducere oder von ihm usque ad ejaculationem adduci. Einige legen 
auf die libido, erectio und ejaculatio des andern keinen Wert, wahrend 
andere, ohne sich beriihren zu lassen, nur diese erstreben. Ich kannte 
in London einen homosexuellen Backer mit dem Beinamen „the Queen", 
der, wenij er ausging, an einem Abend in Whitechapel oft zehn mann- 
liche Personen ad ejaculationem onanislerte, ohne sich anfassen zu 
lassen : er selbst befriedigte sich schlieBlich durch Autoonanie. Im 
Gegensatz hierzu fiihre ich den Fall eines ca. 24 jahrigen jungen 
Kaufmanns an, der mich mit seinem Vater konsultierte. Er hatte 
den sehnlichsten Wunsch, von einem Manne an den Genitalien be- 
iiihrt zu werden, hielt sich zu diesem Zwecke oft lange auf Bediirfnis- 
anslalteu auf, wiirde es aber nie iiber sich gewonnen haben, seiner- 
seits einen Partner anzugreifen. Nicht selten findet eine Anfeuch- 
tung manus vel membri rnit sputmn statt, dagegen diirfte es nur ver- 
einzelt sein, dafi, wie Moll angibt, manus masturbantis vaseline 
vel oleo linitur (event, in Badeanstalten sapone). Unter homosexu- 
ellen Frauen spielt bisweilen die eine mit einer Hand an den Scham- 
teilen der Partnerin, wahrend sie die andere Hand benutzt, um sich' 
selbst zu befriedigen. Nach den von mir in der forensischen 
und konsultativen Praxis gesammelten Erfahrungen 
diirfte die Digitatio in etwa iOojo der Falle die von 
homosexuellen Mannern und Frauen ausschlieBlich 
geiibteVerkehrsformsein. ; 

II. Ebenfalls inetv^a 40o/o der Falle findet im mann- 
lirhen und weibli.chen Homoscxualverkehr die ja auch 
im heterosexuellen weit vorbreitete Vereinigung der f einen Tastkorper- 
chen der Mucosa 1 a b i a 1 i s und 11 n g u a 1 i s mit denen der Genital- 
organe statt. Auch hier ist der Verkehr entweder mutuell, fiir dessen 
Bezeichnung eigentiimlicherweise in vielen Sprachen eine Doppelzahl 
(69) ihren Namen hergegeben hat, offenbar, weil deren Ziffern ahn- 
lich zueinander gestellt sind wie die Loiber der sich oral-genital 
wechselseitig betatigenden Partner oder Partnerinnen ; oder aber die 
Verkehrsart, und zwar scheint mir dies haufiger zu sein, ist eine ein- 
seitige, dergestalt, dafi der eine Teil nur lambit, der nndere nur 
lambitur. 

Was die Ausfiihrung des Aktes betrifft, so folgen wir der Dar- 
stellung Rohleders, der hinsichtlich der Manner folgende Be- 
schreibung gibt:^) „glans penis in os immittitur et altera pars extra 
OS manet. Fellator hoc modo glandem lingua tangit atque lambendo 
illam et libidinem propriam.et alterius libidinem excitat, saepe usque 
ad ejaculationem spermatis cum orgasmo. Pars penis, qui extra os 
nianet, nonnumquam eodem tempore manibus fellatoris tergitur i. e. 
masturbatio mutua huius partis. Rarus est ille modus, quo totum 
membrum vel partem majorem penis in os alterius immittitur, prop- 
terea, quod longitude penis erigati pressiones faucium producat. Plu- 
rimum quidem eo momento, quo ejaculatio incipit, penis ex ore 
extralii solet, aliquando autem perversio in tantum gradum pervenit, 
ut fellator etiam semen ejaculatum alterius in os proprium suscipiat 
et — horribile dictu — magna cum voluptate consumet. Intordum 
etiam fellator semen ejaculatum exspuit." 

Die spiiter in dem Kapitel iiber Sapphismus und Lesbismus ge- 
gebene Scnilderung zeigt die groBe Uberuiustimmung zwischen dem 
mannlichen und weibliclien Lambitus:^) „Tota actio, Sappliismus sen 
Lesbismus nominata, eo modo peragitur, ut una feraina faciem suam 

^) Rohleder, Vorlesungen Bd. 2, p. 279. 
•) Ibidem Bd. 2, p. 474. 



Digitized by VjOOQIC 



288 

inter femora alterius locans labiis et lingua labia majora et minora 
vulvae lambat, interdum etiam eo mode, ut aut linguam in vaginam 
immittens lambat aut lingua clitoridem solam sugat usque ad ejacu- 
lationem muci perpauci. Nonnumquam etiam cunnilingua clitoridem 
sugendo mucum apparendum non exspuit, sed devorat, interdum etiam 
san^is menstrualis summa cum voluptate Iambi tur." Die femina 
lambens wird in der Fachliteratur cunnilinga genannt; der am Weibe 
vorgenommene Akt heiBt cunnilinctio, gleichviel ob er vom Manne 
Oder einer Frau ausgeiibt wird. Die femina lambens ist im homo- 
sexuellen Frauenverkenr meist die virilere, die femininere Homosexuelle 
ist oft nur bereit, den Akt an sich vollziehen zu lassen, iibt. ihn 
aber selbst nicht aus. Im mannlichen Homosexualverkehr, In dcm dj«» 
immissio penis in os auch „immiatio", die susceptio „fellatio*' iro- 
nannt wird, sind diese Grenzen weniger scharf. 

III. Im Verhaltnis zum mutuellen und oralen Verkehr ist der 
femorale bei homosexuellen Mannern und Frauen wesentlich 
seUener, was um so bemerkenswerter ist, als diese Form, in welcher 
der aktive Teil nach Art des Mannes incubus, der passive nach Art der 
Fran succubus ist, noch am ehesten als eine imitatio coitus normalis 
angeseheii werden konnte. Beim Manne findet dabei eine appressio 
membri ad partem aliquam corporis alterius statt. Oft dringt dabei 
der Geschlecntsteil des einen Partners in die von den Schenkeln unter- 
halb des Scrotums gebildete Vertiefung (inter femera), in die er dann, 
gleichwie in die weibliche Scheide, ejakuliert. Bei der Frau findet 
in vollig analo^er Weise eine appressio Vulvae ad vulvam aut alteram 
partem corporis feminae oder auch der Versuch einer immissio cli- 
toridis in vaginam statt. Die Angabe, daC im . homosexuellen Frauen- 
verkehr Weiber mit groBer Clitoris bevorzugt werden, die dann gleich- 
sam die Stelle des penis vertritt, findet in den Tatsachen keine Be- 
statigung. Das schon im Altertum gebrauchliche Wort Tribadie bezog 
sich urspriinglich nur auf den tritus mutuus genitalium, fiir dessen 
maunliches Pendant ein besonderer Ausdruck nicht existiert. 

Der femorale Verkehr wurde unter 100 von mir beobachteten 
Fallen mannlicher und weiblicher Homosexualitat in zirka 12 zur 
Herbeifiihrung des Orgasmus ausschliefilich geiibt oder sehr stark 
.bevorzugt. 

IV. VerhaltnismaBig am seltensten, namlich etwa nur in 
den noch restierenden 8 o/o der Falle, findet bei mannlichen 
Homosexuellen die Einfiihrung des Gliedes in anum, die soge- 
nannte Pedikation, bsi homosexuellen Frauen die analoge Ein- 
flUhrung eines klinstlichen, meist umgeschnallten Phallus in 
die Vagina statt. Das Gemeinsame beider Akte ist die Be- 
vorzugung eines fremdartigen, dem mannlichen membrum und 
der weiblichen vagina in ihrer Beschaffenheit moglichst nahe- 
komuxenden Organs, wobei es psychologisch von nur unterge- 
ordneter Bedeutung ist, dafi dieses im Fall des Mannes ein dem, 
Korper selbst zugehoriges schlauchformiges Gebilde, namlich 
das rectum ist. 

Ein Gewahrsmann Molls*) berichtet, dafi unter 966 Mannern, 
mit denen sein Freund in sexuellen Beziehungen gestanden habe, nur 
57, also 5,9o/o, immissionem in anum ausgeiibt hatten. 



*) Moll, Contrare Sexualempf indung a. a. O. p. 238. 

Digitized by VjOOQIC 



289 

Biese Akte wiirden vermutlich noch seltener sein, wenn nicht die 
griechischen Komodienschreiber und romischen Satiriker den Mythus 
aufgebracht batten, sie seien die Verkehrsform gleichgeschlechtlicb 
Empfindender xat' i^oxrjv. Vielfach werden diese Akte nur probeweise 
versucht, infolge tecbnischer Schwierigkeiten, beim Manne infolge 
Widerstandes der engen, bei auBerer Beriihrung dazu noch oft sich 
reflektorisch kontrahierenden Sphinkteren sehr bald wieder aufge- 
geben. Es ist andererseits begreiflich, dafi gerade die krassen homo- 
sexuellen Praktiken, die sich von den auch im heterosexuellen Verkehr 
geiibten Akten der digitatio, fellatio, cunnilinctio und appressio am 
markantesten abhoben, den Spott der Humoristen herausforderten. So 
gehorte ein ubematiirlich groBer lederner Phallus, den man Olisbos 
nannte, zu den Requisiten jeder antiken Biihne, und sein durch Vasen- 
bilder vielfach bezeugter Gebrauch verfehlte in den grotesken Komodien 
nie seine unbandige Heiterkeit hervorrufende Wirkung. In Aristo- 
phanes' Lysistrata (Vers 108 — 110) klagen die Frauen, daB die 
Milesierinnen sie im Stick gelassen batten und ihnen nun nicht ein- 
mal als Notbehelf ein lederner Phallus von acht ZoU Lange zu Gebote 
stande. Wie den Lesbierinnen der orale wurde den Milesierinnen nam- 
lich von antiken Schriftstellern mit Vorliebe der instrumentelle Ver- 
kehr nachgesagt. Bei Herondas im VI. Dialog unterhalten sich 
zwei Freundinnen ganz ungeniert uber die besten Bezugsquellen dieser 
Artikel mit Angabe samtlicher Details. Nach den Angaben von S t o 1 1 
(Das Geschlechtsleben in der Volkerpsychologie, Leipzig 1908), und 
vielen anderen*) findet man den Gebrauch von Phallen, Godmich6s, 
Bijoux, Consolateurs, Bienfaiteurs, Selbstbefriedigern, Trostern, Samt- 
hansen oder wie sie sonst heifien mogen, bei fast alien Volkern. „In 
At jeh auf Sumatra werden Phalli aus Wachs bereitet. S t o 1 1 meint, 
der Larrio oder „Gebarvater" der Tagalen, ein groOes, zangenformiges 
Instrument, das zu geburtshilflichen Zwecken dient, sei arspriinglich 
auch ein „01isbos" gewesen." Friedrich S. Krauss hat in: Das 
Geschlechtsleben in Glauben, Sitte und Brauch der Japaner, (Leipzig 
1907), einc Anzahl japanischer Olisben teils Gebrauchsgegenstaiide, 
tcils Votivgaben, aus Papiermach^, Bronze, rotem Siegelwachs, Horn 
und anderm Material abgebildet. 

Von den eingeborenen Frauen Sansibars berichtet Oskar Bau- 
m a n n in der Zeitschrift fiir Ethnologic 1899 u. a. folgendes : „Die aus- 
gefuhrten Akte sind: Kulambana = einander lecken, kusagana = die 
Geschlechtsteile aneinanderreiben, und kujita mbo ya mpingo == sich 
deu Ebenholzpenis beibringen." Manchmal soil dieses Gerat bei ihnen 
aus Elfenbein gefertigt sein. 

In Deutschland habe ich mehrfach bei homosexuellen Frauen 
einen aus sehr einfachem und billigem Material hergestellten Olisbos 
angetroffen. Er besteht aus einem etwa fingerdicken Holzstab als 
Kern, der in ziemlich viel Watte eingehiillt ist. Darum wird eine 
Leinen-, Mull- oder Cambricbinde kunstgerecht gewickelt und das 
Ganze mit einem Condom iiberzogen. Der aktive Teil pflegt dieses 
Instrimient beim Gebrauch an einer Menstrualbinde zu befestigen. 

Eine Uminde schreibt: „Es ist merkwiirdig, ich fiihle meine weib- 
lichen Geschlechtsteile nicht mehr als solche, sondern als ^ann- 
liche. Meine Illusion hat sich so weit darin entwickelt, daO ich mir 
kiinstlich einen solchen Geschlechtsteil machte und ihn stets trage. 
Und noch merkwiirdiger — ich empfinde damit Lustgefiihle und diese 
Tauschung wird von der Person, mit der ich geschlechtlich ver- 

9) Antonii Panormitae Hermaphroditus. Cbersetzt von C. 
Fr. F o r b e r g. Herausgegeben von Dr. Wolf-Untereichen. Mit 
einem sexualwissenschaftlichen Kommentar von Dr. Alfred Kind. 
Leipzig, 1908, p. 322. 

Hirschfeld, Homosexualitat. 19 



Digitized by V:iOOQIC 



290 

kehre, nicht einmal bemerkt. Naturlioh lasse ich die Geschlechtateile 
bedeckt. Ich fragte sie einmal, was sie sagen wiirde, wenn ich nur bloB 
ein Weib sei. Da meinte sie, dann wiirde sie mich denaoch lieben, 
aber ich soUe ihr so etwas nicht weiB machen, ich sei ein Mann 
und sie woUte nichts anderes wissen." 

Dem instrumentalen Homosexualverkehr des Weibes und dem 
analen des Mannes ist gemeinsam, daU hier scharfer als sonst der 
aktive immittierende Tei^ gleichviel ob unter Frauen oder Mannern, 
dem passiven, rezeptiven gegeniibersteht, der bei beiden Greschlechtern 
der femininere zu sein pflegt. Es sei hier noch eine Beschreibunc 
des Pedikationsaktes selbst gegeben, der nach Rohleders Angabe lo) 
so ausgeiibt wird, daB pars passiva in ventre Cubans, nates refiectet. 
Interdum pars activa, quae paedicator appellatur, genua flexans eo 
incubat et penem in anum immittit. Eodem tempore paedicator penem 
alterius in manum suum immittit, ut manustupret. Saepe eo 
modo actus peragitur, ut pars passiva penem stupratoris in 
auum pioprium (suum) immittit. Saepe membrum oleo perunguent, 
ne faeces peni adhaereant. Interdum ante actum pauluhim olei oli- 
varum cum siphunculo, quod therapiae gonorrhoeae habebat, in anum 
injicitur, ut penis melius importetur. Auch wird angegeben, inter- 
dum penem condomatum immitti, ne faeces alterius membro adhaereant. 
Regula est ejaculatio eius qui penem immittit, interdum etiam eius 
qui stupratur, saepe eodem tempore pars passiva se manustuprat 
usque ad orgasmum cum ejaculatione. 

Im allgemeinen ist es die Kegel, daB der aktive Partner, der in 
anum oder cum membro artificiali verkehrt, sich nicht auch seinerseits 
zum passiven Teil dieser Positionen hingibt und umgekehrt, daB der 
passive sich nicht mit dem Phallus umgiirtet oder selbst immissio in 
anum aktiv vollzieht. Immerhin kenne ich Falle, in denen homo- 
sexuelle Manner, welche dazu neigten, feminine Manner zu pedizieren, 
gelegentlich auch ihrerseits dem Drange, sei es dem eigenen, sei es 
dem eines anderen, sich pedizieren zu lassen, nachgaben, und zwar 
dann mit Vorliebe von normalsexuellen Mannern. 

Wiederholt berichteten mir Pygisten, daB sie beim Orgasmus des 
Partners die Empfindung batten, als ob sich auch bei ihnen innerhalb 
lies Rectums unter starkem WoUustschauder ein Sekret absonderte. 
Solches woUen sie auch, ohne daB ein wirklicher Analverkehr statt- 
fand, im Traum wahrgenommen haben. 

Die relative Seltenheit des analen Verkehrs erklart sich nicht 
aus den gesetzlichen Beschrankungen, auch nicht aus Gedankenhem- 
mungen, die in den Akt etwas besonders Unasthetisches hineinlegen, 
sondern dadurch, daB das instinktive Bediirfnis gerade diese Ver- 
einigung zu vollziehen und dementsprechend die Befriedigung fehlt. 
Nicht selten stehen der Ausfiihrung im passiven Verkehre auch 
mechanische Hindernisse, Engigkeit oder Reizbarkeit der Sphink- 
teren und infolgedessen Schmerzhaftigkeit entgegen. 

DaB der Hang zum passiven Pygismus beim homosexuellen Manne 
starker ist als bei der homosexuellen Frau, erklart sich zwanglos aus 
dem Mangel einer Vagina, die sich manche passive Homosexnelle am 
liebsten operativ herstellen lassen wiirden, wie es von Heliogabal 
und Sporus, dem Liebling Ner6s, die Geschichte iiberliefert ; 
ebenso wie stark virile homosexuelle Frauen ernsthaft an Arzte mit der 
Frage herangetreten sind, ob ihnen nicht auf chirurgischem Wege ein 
kiinstljches Membrum, etwa aus der Bauchhaut oder aus Paraffin, 
geDildet werden konne. 

Der Fall der ungliickseligen, von Kreisphysikus Frankel in 
Dessau unter dem Titel „Homo mollis" beschriebenen „Stickerin" 

*o) Rohleder, Vorlesungen, II. Band, p. 290. 



Digitized by VjOOQIC 



29a 

SuBkind Blank"^ ist nicht der einzige, der die Effeminiertheit 
so weit trieb, daB mit ihm verkehrende Arbeiter glaubten, ein Weib 
vor sicli zu haben. Ich gebe aus dem in mehr als einer Hinsicht be- 
achtenswerten Originaiartikel einige Hauptstellen wieder: „SiiBkind 
jBlank brachte es bald zu einer so betrachtlichen Kiinstfertigkeit in 
alien weiblichen Arbeiten, daB er durch seine Stickereien einen groBen 
Ruf und eine ^ewisse Wohlhabenheit erlangte. Infolge der Beschaf- 
tigung mit weiblichen Arbeiten ergab er sich weibischer Eitelkeit, 
zerstorto sorgfaltig seinen Bart, legbe sein Haar in Locken, stopfte 
sicJi Busen und Hiiften aus, und benutzte jede Gelegenheit, sich als 
Frauenzimmer zu maskieren. Was anfangs nur lappische Affektion 
sein mochte, wurde allmahlich zur anderen Natur, der Ton seiner 
Stimme, von Natur tief, wurde fein und kreischend *und der Gang 
trippelnd. Blank kam um die obrigkeitliche Erlaubnis ein, sich weib- 
lich kleiden und nennen zu diirfen, und obwohl abschlagig beschieden, 
zeigte er doch unter dem Namen „Friederike Blank" eines Tages seine 

Verlobung mit einem fremden Handwerker an Um diese Zeit 

bekam ich einen ITjahrigen Schneiderlehrling, der an einem heftig 
eutziindlichen Tripper litt, in Behandlung, und erfuhr, daB derselbe die 
Krankheit durch einen Beischlaf mit Blank sich zugezogen habe, 
welcher letztere mit einer voUstandig weiblichen Scheide versehen 
waie. Die gerichtliche Besichtigung ergab, daB es lediglich Blanks 
After wai", der bisher fiir eine weibliche Scheide gogolten hatte. Der- 
selbe war dermaBen erweitert, daB ich bequem mit zwei Fingern ein- 
fehen konnte. Der Sphinkter war zerrissen, Fetzen desselben, sowie 
aj-tieen der hypertrophischen Schleimhaut, hingen zur Miindung heraus. 
.... Im August 1847 wurde er zwischen 10 und 11 Uhr abends in 
einem Bastionshofe der Festung Tor^au festgenommen, wie er in 
Frauenkleidern nach den dort befindhchen Kasematten zueilte. Es 
wurde ermittelt, daB Blank, um beim Ausiiben des Aktes als Frauen- 
zinmier zu gelten, sich auf den Rvicken zu legen, den SteiB nach vorn 
zu drangen, mit der einen Hand Skrotum und Penis zu bedecken und 
in die Hohe zu Ziehen, und mit der anderen Hand den Penis des Stu- 
prators in seinen After zu leiten pflegte. Im Sommer 1852 besuchten 
die Lehrlinge B. und K., 16 bis 17 Jahre alt, ein Volksfest; Blank 
schloB sich an sie an, gab ihnen freie Zeche und begleitete sie auf 
dem Ruckwege, wo er einen angeblich naheren Weg durch ein Gebiisch 
einschlug. Hier frug er sie, ob sie noch niemals mit einem Frauen- 
zinmier zu tun gehabt hatten. Auf die verneinende Antwort fuhr er 
fort zu auBern, es sei eine sehr schone Empfindung, er kenne die- 
selbe jedoch nur von anderen, da er selbst kein Mann, sondern ein 
Frauenzimmer sei, und weibliche Kleider nur deshalb nicht trage, well 
sie ihn beim Gardinenaufstecken hinderen. Hiernach erbot er sich 
den Knaben seine weiblichen Geschlechtsteile zu zeigen, f order te sie 
auf, sich mit ihm niederzusetzen, zog das eine Bein seiner Hose 
ganzlich aus, legte sich auf den Riicken, zog den Lehrling B. zu sich 
heran und verfuhr in oben geschilderter Weise." 

Es kommt iibrigens auch vor, wenngleich wohl sehr selten, daB 
Frauen sich von anderen Frauen cum phallo pedizieren lassen, ja 
sogar, daB Manner sich von Frauen in dieser Weise gebrauchen lassen. 
Vor einiger Zeit richtete eine Dame der besseren Gesellschaft nn 
mich die Anfrage, ob dieser von ihrem Gemahl geforderte Akt — der 
natiirlich weni^er in das Gebiet der Homosexualitat als in das des 
Masochismus fallt — vom Gesetz verboten, also strafbar sei, was 
zu verneinen war, ferner ob er als Ehescheidungsgrund gelten konne, 
was als wahrscheinlich bejaht werden muBte. 



11) Medizinische Zeitung, 22. Jahrg. 1853, pag. 102. Dr. F r a n k e 1, 
Homo mollis. 



19* 

Digitized by VjOOQIC 



292 

Es ist hierbei zu beriicksichtieen, daB bei den meisten Mannern 
und Frauen, und zwar nicht nur bei Homosexuellen, der Anus eine 
fast ebenso starke erogene Zone darstellt, wie Mund und Hand, 
vielfach sogar diese an erogener Reizbarkeit noch iibertrifft. Daher 
gehoreu auch Vereinigungen der digitalen, labialen und lingualen 
Nervenendigungen mit den analen Terminalkorperchen keineswegs zu 
den Raritaten, sei es in Form der immissio digiti in anum viri aut 
mulieris, die sich dann haufig mit dem tactus genitalis manus alte- 
rius kombiniert, sei es als anilinctio des Mannes am Manne, des 
Weibes am Weibe (wie iibrigens auch des Weibes am Manne und des 
Mannes am Weibe). Alter alterius anum lingens altera manu femur 
ejus amplectitur et genitalia eius fricat, altera anum fricat. 

Es gehort zu den vielen forensischen Seltsamkeiten, daB die 
anilinctio ebenso wie die cunnilinctio im Gegensatz zu der penilinctio 
nicht strafbar ist. Die homosexuellen Manner und Frauen empfinden 
sie aber selbst als obszoner als die anderen Akte und schamen sich. 
daher sehr, sie zuzugestehen. Ein fast tragikomisch zu nennender Fall, 
aer das eben Gesagte gut illustriert, trug sich vor einigen Jahren in 
einer rheinischen GroBstadt zu. Dort wurde ein homosexueller Kauf- 
mann infolgc von Briefen, die seine Wirtschafterin gelesen und der 
Polizei iibergeben hatte, in ein scharfes Verhor genommen. SchlieB- 
lich gab er auf eindringliche Vorstellungen zu, menrbrum alterius in 
OS genommen zu haben. Als dann gegen ihn Aiiklage erhoben werden 
sollte, kam er zu mir. Im Laufe der Unterredung gestand er, daB er 
„eigentlich noch etwas viel Schlimmeres" getan hatte, als er zuge- 
standen, er hatte den lambitus namlich nicht am penis, sondem am 
anus des andern vollzogen und ihn dabei masturbiert. Er war nicht 
wenig erstaunt, als ich ihm sagte: „Das ist ja straffrei". Als er dann 
dem Gericht mitteilte, daB er den strafbaren Akt angegeben hatte, 
weil er sich geschamt hatte, den straflosen zuzugeben, wollte man 
ihm anfangs nicht Glauben schenken, stellte dann aber auf ein aus- 
fiihrlich begrundetes Gutachten das Verfahren dennoch ein. 

Schwierig sind fiir den Richter auch oft die fiir ihn nach be- 
stehendem Recht so wichtigen Feststellungen, ob der penilingus auch 
tatsachlich die verbotene fellatio war una nicht etwa, wie von dem 
Verteidiger nicht selten geltend gemacht, jener erlaubte Akt, den 
Rohleder als homosexuellen Cunnilingus bezeichnet. Ich erinnere 
mich eines Falles, in dem ein Gerichtsvorsitzender, um sich endlich 
Klarheit zu verschaffen, bei dieser oft so iiberaus schwierigen Fest- 
stellung seinen eigenen Daumen erst seitlich, dann von vorne mit 
dem Munde beriihrte und die Angeklagten ersuchte, nun an ihrem 
Daumen genau zu demonstrieren, ob der Akt so oder so vorgenommen 
worden sei. 

Mogen diese Unterscheidungsmerkmale kriminalistisch wich- 
tig sein, fiir die biologische und psychologische Differenzierung 
und Bewertung der Homosexuellen ist es von gan^z unter- 
geordneter Bedeutung, ob die korperliche Entspannung auf die 
eine oder andere Art erfolgte. 

Da« praparatorische Stadium, das im Gegensatz zum inadaquaten 
im adaquaten Verkehr moglichst zu verlangern gesucht wird, vollzieht 
sich bei alien diesen verschiedenen Betatigungs- 
f o r m e n homosexueller Manner und Frauen in gleicher Weise. Ge- 
nau wie im heterosexuellen Verkehr spielt unter den Aktpraliminarien 
der K u B in alien seinen Modifikationen (LippenkuB, ZungenkuB, 
„LutschkuB", BiBkuB) und Pradilectionsstellen (Mund, Wange, Haare, 
Nacken usw. usw.) die groBte RoUe. 



Digitized by VjOOQIC 



293 

Zwischen den vier Hauptkategorien der Betatigungsarten kommen 
auch Mischformen vor, indem sich etwa eine Homosexuelle, die im 
allgemeinen nur den tritus mutuus genitalium ausiibt, gelegentlich 
auoh eines membrum artificiale bedient, oder indem ein liomosexu- 
eller Mann bald imimatio, bald pedicatio vomimmt. 

Im allgemeinen aber herrscht hinsichtlidb. der Vorliebe 
flir einen bestimmten Akt eine sehr weitgehende Stereotypie 
vor, die sich oft sogar auf ganz detaiJIierto Begleitum'stande 
erstreckt. So beichtete mir eine homosexuelle Dame, daB eine 
conditio eine qua non zur Befriedigung ftir sie an ihr vorge- 
nommene Beizungen der Mammillen durch eine anziehende Per- 
son eeien; ein homosexueller Mann, daB es „unbedingt n5tig** 
sei, daB bei mutueller Digitatio der Schuh seines Partners 
aul seinem FuBrucken steht 1st die Stereotypie der Verkehrs- 
weise auch nur ausnahmsweise eine so hochgradige, so hat 
es doch eine gewisse Berechtigung, wenn Homosexuelle, die 
angeschuldigt sind, immissio in os oder anum vorgenommen 
zu haben, sich spontan erbieten, Zeugen beizubringen, die 
unter Eid bekunden wtlrden, daB sie sich „immer nur" durch 
mutuelle Digitation befriedigt hatten. 

Allerdings ist zu berticksichtigen, dafl namentlich zwei 
Umstande Ausnahmen von der Kegel bewirken; einmal kommt 
es vor, daB homosexuelle M&nner und Frauen eine ihnen bisher 
unbekannte Art, wie sie wohl sagen, ,,der Wissienschaft halber** 
ausprobieren, um allerdings dann meist wieder rasch zu ihrer 
FaQon zurQckzukehren. Ferner aber, und das ist haufiger, ent- 
fifeheidet nicht der eigene Wunsch, sondern der des Partners 
die Verkehrsform. So lassen sich vielfach Homosexuelle im 
Auslande pedizieren, die eigentlich gar keine* Neigung dazu 
haben, nur well der normalsexuelle Eingeborene, mit dem sie 
sich eingelassen haben, oft unter entschiedener Ablehnung 
anderer Handlungen, darauf besteht. Wir werden spater mit- 
tieilen, daB Homosexuelle gerade infolge dieses Vorkommens 
nicht selten Geschlechtskrankheiten mitbringen. Auch Chan- 
teure legen oft in raffinierter Weise Wert darauf, daB der 
homosexuelle Partner strafbare Handlungen, wie aktive Pedika- 
tion, mit ihnen vornimmt, trotzdem dieser sie gar nicht be- 
gehrt, weil sie glauben, ihn dann sicherer in ihrer Gewalt 
zu haben. 

Ein moralisches Werturteil, welche homosexuelle Betati- 
gungsform „sittlich h5her pteht** als eine andere, wie es sich 
bei B. Friedlaender, Rohleder und anderen Autoren 
findet, halte ich ftir unangebracht. Ich habe wiederholt vor 
Gericht auseinanderzusetzen mich bemliht, daB vom Stand- 



Digitized by VjOOQIC 



294 

punkt des Arztes zwischen dem „coitus in anum oder maniiin'* 
der Unterschied nur ein sehr geringer sei. Welche Hand- 
lung der einzelne Homosexuelle vornimmt, hangt 
groBtenteils von dem Grad und der Art seiner 
erogenenReizfcarkeitab. Je leichter jemand auf homo- 
sexuelle Seize reagiert, je homosexueller er also sozusagen ist, 
um 60 leichtere Bertihrungen genligen oft zur zeitweisen Ent- 
spannung. 

lu Wiesbaden befand sich ein Urning, der zur volligen sexuellen 
Befriedigung kam, wenn er nachts Arm in Arm mit einem Bnrschen 
aus dem volke durch den Wald streifte. Nach einstiindigem Ge- 
sprache, in dem ihm dieser von seinen Lebensschicksalen erzahlte, 
kam es gewohnlich ohne jede weitere Beriihrung zur Ejakulation. Ich 
behandelte einen Studenten, der seit vier Jahren ein festes Ver- 
haltnis mit einem anderen Studenten hat. Letzterer kennt den Zu- 
stand seines Freundes, doch gewinnt dieser es nicht uber sich, trotz- 
dem sio zusammenwohnen, eine sexuelle Handlung vorzunehmen. Er 
meint, „die Poesie ihrer Freundschaft konne darunter leiden". Da- 
gegen hat er oft Ejakulationen, wenn der Freund sich ihm auf den 
SchoB setzt, -was bei gemeinschaftlicher Arbeit haufig vorkommt. 

Nicht nur in bezug auf die korperliche, sondern auch nach der 
seelischen Betatigungsweise hat man die Homosexuellen einzuteilen 
versucht. So horte ich einmal auf einer der groBen englischen Uni- 
versitaten eine Einteilung der Homosexuellen in die athletischen 
und asthetischen, von denen erstere sich mit ihren Freunden 
hauptsachlich dem Sport, letztere den Kiinsten und Wissenschaften 
widmeten. Auch von „Edeluraniern" im Gegensatz zu unedleren hat 
man gesprochen und als leuchtendes Beispiel der ersteren den von 
G e B n e r sanctus paederasta genannten Sokrates angefiihrt. 

Der spanische Autor Bembo klassifiziert die Uranier Barcelonas 
nach ibren moralischen Unterschieden in: „a) Gute und Schlechte, 
b) Feinfiihlcnde und Canaillen, c) Gebildete und Ignoranten, d) In- 
telligento und nicht Intelligente, e) Kluge Schweiger und klatsch- 
siichtige Scbwatzer." 

Alle diese Unterscheidungen, so bedeutsam sie an sich sind, 
lieBe man besser fallen, teils sind sie zu wenig markant, teils ver- 
lieren sie sich im Nebensachlichen oder treffen Merkmale, die keine 
Besonderheiten der Homosexuality sind. 

Das gilt auch von einer weiteren Unterscheidung, der in mono- 
game und polygame Homosexuelle, von denen die ersteren mehr zur 
Bestandigkeit, zu einem sogenannten „festen Verhaltnis", die letz- 
teren mehr zur Veranderung geneigt sind. Keineswegs steht es aber 
mit den Tatsachen in Hbereinstimmung, wenn behauptet wird, daB 
die polygamen, den Wechsel liebenden Homosexuellen haufiger unter 
den virilen, die monogamen dagegen mehr unter den feminmen vor- 
komraen. 



Digitized by VjOOQIC 



SEGHZEHNTES KAPITEL. 

Einteilung der HomosexualitSt nach Entstehung und 
Begleiterscheinungen. 

Wir gelangen nun noch zur weiteren wichtigen Zweiteilung 
der Homosexualitat, zu ihrer Trennung vom Gesichtspunkt der 
Entstehung in angeborene und erworbene Homosexuali- 
tat. Nachdem v. Krafft-Ebing 1877 in seinem grund- 
legenden Werk diese als Hauptunterscheidung seinen wertvollen 
Ausftihrungen zugrunde legte, ist sie fast allgemein akzep- 
tiert worden, unbeklimmert darum, daB v. Krafft-Ebing 
selbst sie nach stark vermehrter Materialkenntnis wesentlich 
eingeschr&nkt hat. In der Einleitung zu dem grofien Abschnitt 
der ^,Psychopathia sexualis", welcher „die kontrare Sexual- 
Empfindung" iiberschrieben ist, sagt er, daB diese entweder als 
„eiDgeborene Erscheinung" imponiert, wenn sie „mit dem sich 
entwickelnden Geschlechtsleben spontan, ohne auBere Au- 
la sse, zutage tritt, oder als eine „gewordene, erworbene**, 
wenn ^,sie sich erst im Verlauf einer anfangs normale Bahnen 
eingeschlagen habenden Sexualitftt auf Grund ganz bestimmter 
ecbadlicher Einfllisse entwickelt** hat. Sehr wichtig ist aber 
die spfitere, unmittelbar folgende Erganzung dieses letzten 
Satzes, welche lautet: „Es ist wahrscheinlich, auf Grund ge- 
nauer Untersuchung der sogen. erworbenen F^Ue, daB die auch 
hier vorhandene und als unerlaBliche Bedingung zu betrachtende 
Veranlagung in einer latenten Homo- oder mindestens Bi- 
sexualitat besteht, die zu ihrem Manifestwerden der Einwirkung 
von veranlassenden gelegentlichen Ursachen bodurfte, um aus 
ihrem Schlummer geweckt zu werden. Die erworbene kontrare 
Sexualitat wfire somit richtiger als eine tardive zu be- 
zeichnen." 

Es ist hier nicht der Platz, die umfangreiche Frage nach 
den Ursachen der Homosexualitat aufzurollen. Das soil weiter 



Digitized by VjOOQIC 



296 

unten geschehen. Hier sei nur erwahnt, daB als echte, wahre 
Homosexualitat ausschlieBlich (iiekonstitutionelle,en(Jo- 
gene anzusehen ist, in denjenigen Fallen, wo es bei urspriing- 
lich heterosexuellen Personen zu homosexuellen Handliingen 
kommt, bedarf es zunachst der Feststellung, ob die Akte ent- 
Bprechend oder entgegen einer wirklich vorhandenen inne- 
ren Neigung vorgenommen werden. Letzterenfalls handelt es 
sich um der Onanie verwandte Manipulationen. Wir werden 
einen Menschen, der, weil er wochenlang keine Arbeit finden 
konnte, aus Not schlieUlich dazu gelangt, dem Rate arbeitsloser 
Kameraden folgend, die Berliner FriedrichstraBe oder die Pa- 
riser Boulevariis abzulaufen, um sich, bis er wieder Stellung 
hat, Homosexuellen anzubieten, nicht als homosexuell bezeich- 
nen konnen, weil er dies eben lediglich „der Not gehorchend, 
nicht dem eigenen Triebe*' tut. Ebensowenig ist ein Madchen 
hbmosexuell^ das sich mit alien Fasern ihres Herzens nach 
einem Manne sehnt, da sich aber keiner ihrer erbarmt, schlieB- 
lich mit den Umarmungen eines virilen Weibes vorlieb ninunt. 
Das sind keine echten Homosexuellen, sondern unechte, pseudo- 
homosexuelle. 

Chevalier unterschied in ahnlichem Sinne nicht iibel Homo- 
sexuelle „par gout" und „par calcul", aus Neigung und aus Berech- 
nung. Unter den homosexuellen Mannem und Frauen selbst sind 
verwandte Unterscheidungen seit langem gang und gabe. Vielfach be- 
schaftigt sie die Frage, ob jemand, den sie kennen lernten, „echt" 
oder „unecht" sei; im Jargon der Homosexuellen existieren eigentiim- 
liche Abkurzungen, die dieser Einteilung entsprechen; so bedeutet in 
manchen urnischen Kreisen a. s. „auch so , m. m. „macht mit", 
t. u. „total unverniinftig". Ein urnischer Greis erzahlte mir, daB man 
dafur in seiner Jugendzeit unter den Homosexuellen Berlins noch viel- 
fach die in friederizianischer Zeit iibliche Einteilung der gleichge- 
schlechtlich Verkehrenden in „Passionisten", „Professionisten" und ,,0k- 
kasiouisten** gebraucht habe. Der Jurist Wachenfeld unterscheidet 
in seiaem von Juristen vielzitierten Buch Personen, die „aus Laster" 
und „aus Krankheit" gleichgeschlechtlich verkehren. In einer hochst 
eigenmachtigen Nomenklatur will er nur die Lasterhaften als Homo- 
sexuelle bezeichnet wissen, wahrend er die Krankhaf ten K o n t r a - 
sexuello nennt. So sagt er : „M oil und alle, welche eine ungewohn- 
lich grofie Verbreitung der Kontrasexualitat annehmen, verfallen in 
den Fehler, die Grenzlinie zwischen ihr imd bloBer Homosexualitat, 
zwischen Krankheit und Laster, zu verwischen." Noch theoretischer 
wio Wachenfeld unterscheidet Braunschweig^) „anerzogene und 
angeborene Homosexualitat;" er meint: „Der Natur-Urning, der ge- 
borene Homosexuelle, ist ein kranker Mensch ; der Gewohnheitsurning 
steht auf der Scheide zwischen krankhaft und lasterhaft; der Ge- 
schaftsurning gehort vor den Richter." 

Einc ganze Reihe von Autoren, die friiher die erworbene 
und angeborene Homosexualitat voneinander trennten, haben 



Braunschweig, Das dritte Geschlecht, 1903, Halle p. -12. 



Digitized by VjOOQIC 



297 

allinahlich diese Einieilung fallen lassen und unterscheiden. 

jetzt echte und unechte, oder wahre und falsche, sogenannte 

Pseudohomosexualit&t. 

In erster Linie ist hier Iwan Bloch zu nennen, der in seinem 
„Sexualleben" *) schreibt: „In den Jahren 1905 und 1906 habe ich 
mich fast ausschliefilich mit dem Problem der Homosexualitat be- 
sohaftigt und Oelegenheit gehabt, eine sehr groBe Zahl echter Homo- 
sexueller, sowohl Manner als auch Frauen, zu sehen, zu untersuchen 
und wahrend langerer Zeit zu Hause und in der Offentlichkeit zu be- 
obachten, ihre Lebensweise, ihre Grewohnheiten, Anschauungen, ihr 
gauzes Tun und Treiben, auch im Verhaltnis zu den nicht homosexu- 
ellen Personen gleichen und anderen Geschlechts kennen su lemcn. 
Und da hat sion mir die unzweifelhafte Tatsache ergeben, dafl die 
Verbreitung der echten Homosexualitat als angeborener Naturerschei- 
nung doch eine viel ^roBere ist, als ich friiher annahm^), so daB 
ich mich jetzt genotigt sehe, die andere Eategorie der e r w o r - 
benen, scheinbaren, gelegentliohen Homosexuali- 
tat, von deren Vorhandensein ich nach wie vor fest iiberzeugt 
bin, unter der Bezeichnung „Pseudo-Homosexualitat" davon 
zu trennen und in einem besonderen Kapitel zu behandeln." Der Aus- 
druck Pseudohomosexualitat ist insofern gut gewahlt, als er der ana- 
logen Bezeichnung Pseudohermaphroditismus entspricht, dem alten 
Worte fur die sexuellen Zwischenstufen ersten Grades, bei denen es 
sich auch nicht um wahres Zwittertum — das waren mannliche und 
weibliche auf ein und demselben Individuum — , sondem um Schein- 
zwitter handelt. Bei den zwei anderen Gruppen sexueller Zwischen- 
stufen, den Transvestiten und den Androgynen, gibt es gleichfalls 
solche vorgetauschte Formen. Ein Pseudotransvestit ware beispiels- 
weise ein Mann, der nicht um die 6tarke weibliche Eomponente seiner 
Seele zum Ausdruck zu bringen, Weiberkleider tragt, sondem ledig- 
lich, um sich besser verbergen zu konnen, wie etwa der hollandische 
Gelehrte Hugo Grotius, als er in Frauenkleidern seinen Feinden 
entwich. Eine pseudoandrogyne Frau ware etwa eine solche, die nicht 
infolge innerer Virilitat mannliche Brust- und Korperkonturen auf- 
weist, sondem, weil „durch ein zehrendes Leiden des Fettpolsters 
vollig beraubt, der runden weiblichen Formen verlustig gegangen ist." 
Es kann in alien diesen vier Gruppen Falle geben, in denen die Unter- 
scheidung zwischen wahren und falschen Erscheinungsformen erhebliche 
Schwierigkeiten bereitet. 

Bltihers EinWand gegen den Ausdruck, es gSbe keine 
Pseudohomosexualit&t, weil die Natur kein ^'ev^ockenne, ist in- 
sofern unberechtigt, als es doch ein wesentlicher XJnterschied 
ist, ob eine homosexuelle Handlung aus festgewurzelter, innerer 
Notwendigkeit oder vorubergehendem Mangel, sei es an Ge- 
schleclitsverkehr oder Geld, vorkommen kann. 

Es sind nun aber keineswegs alle Personen, die l)ei an- 
scheinend normalsexueller Veranlagung homosexuelle Akte vor- 
nehmen, als pseudohomosexuell zu erachten, ein nicht unbe- 
trftchtlicher Teil f&llt in die zwischen den Homosexuellen und 
Heterosexuellen stehende Gruppe der Bisexuellen. Es gibt 



? 



Iwan Bloch, 1. c. p. 641.' 

Bloch, Beitrage zur Atiologie der Psychopathia sexualis, 
Bd. I, S. 219. 



Digitized by VjOOQIC 



298 

Bisexuelle, die bei tiberwiegend heterosexueller Triebrichtung ho- 
mosexuelle Anwandlungen aufweisen, andierseits solche, die 
bei im wesentlidhen thomosexueller Beschaffenheit gelegentlich 
auch von Personen des andern Geschlechts angezogen werden; 
am seltensten scheinen diejenigen, die homosexuell und hetero- 
sexuell zu etwa gleiclien Teilen — wie es im Berliner Homo- 
aexuellen - Jargon heiJBt — ,Jtalb und halb** sind. Die von 
V. Kraf f t-Ebing*) in spateren Jahren als tardive, von 
Nackc als „temporare** Homosexualitat beschriebenen Falle 
fallen offenbar, wie diese Autoren auch mit Recht konstatieren, 
in das Gebiet einer von Haus aus bestehenden Bisexualitat, sind 
also ebenf alls nicht als erworbene Homosexualitat auf zuf assen. Be- 
sonders verdienen unter den temporaren Homosexuellen viele 
in den Reifejahren von 14 bis 21 befindlic^he junge Madchen 
und Manner erwahnt zu werden, bei denen, ebonso wie si(^li ihr 
KOrper und Geist noch nidit zur voUi^ec^n Weiblichkeit und 
Mfinnlichkeit differenziert hat, auch das Geschlechtsleben haufig 
eine ausgesprochen bisexuelle Farbung aufweist. Die Erfahrung 
zeigt, daJJ die libergroJJe Anzahl dieser Jungfrauen und Jting- 
liuge, selbst wenn vorlibergehend die homosexuelle Komponente 
stark liiberwog, sich mit AbscihluB der Eeifeperiode doch, ent- 
sprechend ihrer eingeborenen Anlage, voUkommen heterosexuell 
einstellt. 

Endlich sei noch einer Unterscheidung gedacht, die in der 
Fachliteratur bisher wenig hervorgehoben ist, um so haufiger 
aber in der forensischen und psychiatrischen Praxis zur Sprache 
kommt und sicherlich keine geringe Bedeutung beansprucht: 
die Einteilung djer homosexuellen Manner und Frauen in ge- 
sunde und nervose oder, besser ausgedriickt, in solche mit 
stabilerem oder labilerem Nervensystem. Die stabilen Homosexu- 
ellen sind diejenigen, die tibler ein in sich gefestigtes Nerven- 
system verftigen, geistig und korperlich gesund sind, vielfach so- 
gar robuster und widerstandsfahiger als das Gros der Hetero- 
sexuellen. Diesen stehen die Labilen gegentiber, bei denen eine star- 
ker neuronathische Disposition bewirkt, da6 sie nicht etwa nur 
infolge homosexueller Konflikte hochgradig nervos und sensitiv 
sind. Sie leiden nicht selten an ungewohnlich starkem Stim- 
mungswechsel, Cberspanntheiten verschiedenster Art, an Neigung 
zum Alkoholismus, an religiosem oder Verfolgungswahn, vielfach 
auch an stark hysterischen und hypochondrischen Zustanden, 
Storungen, die sich auch vielfach in ihrer Familie vorfinden, 

*)v. Krafft-Ebing, Uber tardive Homosexualitat, Jahrb. f. 
8. Zw. III. p. 7—20. 



Digitized by V:iOOQIC 



299 

und die Grund genug eind, daD, wenn sie einmal als Homo- 

sexuelle aus ihrer glatten Bahn geschleudert werden, die Schwie- 

rigkeiten des Lebens fiir sie ganz besonders grolJe, oft kaum 

iiberwindbare eind. 

Gerade die Homosexuellen, die mit den Behorden in Konflikt 
geraten, gehoren oft vielfach zu der letztgenannten Gruppe, der auch 
die Mehrzahl derer angehoren, die freiwillig und unfreiwillig zur 
Kenntnis der Gerichts- und Irrenarzte gelangen. Dadurch erhalten 
diese oft ein einseitiges Bild. Es sind allerdings auch zwiscben den 
stark, leicht und anscheinend nichts weniger als nervosen Homo- 
sexuellen die tTbergange so flieBend, daB man sich besser auch hier 
des Komparativs bedient und statt von stabilen und labilen lieber von 
stabileren und labileren Homosexuellen spricht. Es hat etwas fiir sich, 
wenn d e J o u x in „Die Hellenische Liebe" *) schreibt : „Neben dem 
kerneesunden, kampfstarken, groCgeistigen Uranismus gibt es ein 
krankhaftes, neurasthenisches, ungluckseliges Urningtum." 

Zwanglos ergibt sich sdhlieJJlich noch aus der Praxis eine 
letzte Einteilung, die in eine einfache (unkomplizierte) 
und komplizierte Homosexualitat, je nachdem diese fiir 
sich allein oder in Verbindung mit anderen Triebanomalien vor- 
kommt. AUe Perversionen, die bei Heterosexuellen beobachtet 
wurden, kommen auch in der vita sexualis der Homosexuellen 
vor. Vor allean sind hier die drei Parallelgruppen des Fetischis- 
mus und Antifetischismus, Masochismus und Sadismus, Visio- 
nismus und Exhibitionismus (Sdiautrieb.und EntbloJJungstrieb) 
zu nennen. 

Fiir alle diese Triebabweichungen in Kombination mit mann- 
lichem und weiblichem Uranismus konnte ich eine reiche Kasuistik 
beibringen, wenn ich nicht dadurch den mir nach Inhalt und Bogen- 
zahl gesteckten Rahmen weit iiberschreiten wiirde. tJber den in der 
homosexuellen ebenso wie in der heterosexuellen Liebe ungemein ver- 
breiteten Fetischismus gab ich schon oben einige Stichproben. Von 
antifetischistischen Homosexuellen will ich nur kurz zwei erwahnen, 
die sich in einer Spezialarbeit von mir iiber Horror sexualis par- 
tialis «) beschrieben nnden : 

„C., friiher katholischer Geistlicher, Anfang der 40er Jahre, teilt 
folgendes mit: Er hatte vor einiger Zeit einen iungen Handwerker 
kennen gelernt, der in jeder Beziehung, in seinem AuBeren und Wesen, 
dem Typus entsprochen hatte, den er sich von dem Objekt seiner 
Zuneigung gemacht hatte. Es hatte sich zwischen beiden ein herz- 
liches Freundschaftsverhaltnis gebildet. C. pflegte den Freund abends 
von seiner Werkstatt abzuholen und nach Hause zu begleiten; „er sei 
auf diesen Heimwegen so gliicklich gewesen wie noch nie zuvor". 
Eines Abends gingen beide gemeinsam in den Zirkus. Darauf hatte 
ihn der Jungere in seine Wohnung begleitet. Hier hatte er ihn zum 
erst^nmal geliebkost und ihm iiber sein hiibsches AuBere allerlei 
Schmeichelhaftes gesagt. Der ziemlich naive Handwerker hatte darauf 
erwidert: „Da sollten Sie mich aber erst einmal nachsten Sonntag 



*) Die Hellenische Liebe, p. 14. 

«)M. Hirschfeld, Uber Horror sexualis partialis (sexuelle 
Teilaversion, antifetischistische Zwangsvorstellungen, FetisohhaB). Im 
„Neuiolog. Centralblatt". 1911. Nr. 10. 



Digitized by VjOOQIC 



300 

mit meinem neuen Anzug und meinen gelben Schuhen sehen I" In 
demselben Moment, wo er das Wort „gelbe Schuhe" gehort hatte, sei 
jede Erregung bei ihm verschwunden gewesen; es sei ihm unmoglich 
gewesen, den jungen Mann, dem sein verandertes Wesen vollig un- 
verstandlich gewesen sei, noch zu beruhren. Er hatte ihm Kaum 
noch die Hand beim schnell herbeigefiihrten Abschied reichen konnen. 
Die mit einem Gefiihl starken Widerwillens verbundene Abkiihlung 
erklare sich dadurch, daB er gegen gelbe Schuhe eine ihm selbst un- 
begreiflicho Aversion verspdre. Er konne mit Menschen, die solche 
Schuhe triigen, kaum sprechen. Er hatte sogar schon einmal ein 
Attentat gegen §elbe Schuhe veriibt, indem er sich auf Heisen in 
eineni Hotel in tiefer Nacht aus seinem Zimmer gesohlichen und auf 
ein Paar gelbe Schuhe mit einem Taschenmesser eingestochen hatte, 
die in den Korridor herausgestellt waren. 

Freiherr v. R., etwa 50 Jahre alt, ebenfalls homosexuell, hat einen 
undberwindlichen Ekel gegen die freiliegende Glans penis, vor allem 
gegen Membi*a, an denen die Zirkumzision vorgenommen ist. Es sei 
ihm aus diesem Grunde ganz unmoglich, mit jiidischen jungen Leuten 
zu verkehren. Durch eine komisch wirkende, sich naoh oben reckende 
Bewegung seines Kopfes sucht er den Eindruok zu veranschaulichen, 
den das „dreiste Hervorgucken" der Glans an einem des Praputiimis 
beraubten Membrum auf ihn mache. Eine so entbloBte Glans er- 
scheine ihm, als einem „an feine Formlichkeit gewShnten Astheten, 
indezent, schamlos, frech"." 

Bei homosexuellen Frauen findet man dieselben fetischistischen 
und antifetischistisohen Neigungen wie bei heterosexuellen Mannern. 
Findet sich in der Literatur bisher auch noch nicht der Fall einer umi- 
schen Zopfabschneiderin vor, so laBt sich seine Beobachtung bei 
weiterem Ausbau der Sexualwissenschaft doch schon mit Sioherheit 
voraussehen. 

Sehr oft findet man bei urnisohen Mannern und Frauen m a s o - 
c h i s t i 8 c h veranlagte. 

tJber einen hierher gehorigen Fall, den ich, wie ich beilaufig 
bemerke, mit noch 10 anderen Psyohiatern zwecks Wiederaufnahme- 
verfahrens sp^ter zu begutachten hatte, berichtet K i n d ^) im Jahrbuch 
fiir sexuelle Zwischenstufen, wie folgt: 

„Schon in fruhester Jugend befand sich Frau Y. in einem Milieu, 
das infolge von mangelhafter Erziehung und Aufsicht zu erotischer 
Zugellosigkeit tendierte. Vom 8. Jahre an begannen sexuelle Reiz- 
handlungen mit gleichaltrigen Knaben und Madchen, sowie mit Er- 
waclisenen. Ware eine Disposition zur Heterosexualitat bei ihr vor- 
handen gewesen, so hatte sie sich hier schon auBern konnen. Aber 
im Gegenteil ; sie schaute als Zehn jahrige heimlich durch ein Fenster 
zu, quomodo ancillae patris cauponis ab hospitibus quibusdam futu- 
erentur, und masturbierte hinterher in der Vorstellung, sie sei der 
betreffende Mann. Auch hatte sie schon damals Orgasmus, wenn 
sie andere Madchen lingua manuque befriedigte, o h n e sich selber 
irgendwic zu beruhren. Sie zog mit ihrer Familie als Kunstradfahrerin 
von Variet6 zu Variety und muBte sich mehrfach Manner aufdrangen 
lassen, deren actiones sie kalt und unbeteiligt liber sich ergehen lieB. 
Weiber dagegen versetzten sie sofort in Exzitation. Der eben ge- 
nossene Anblick der trikotbekleideten Kolleginnen hinter der Biihne 
bewirkte, daB sie selbst wahrend ihrer Radfahrproduktion vor dem 
Publikum vollen Orgasmus bekam. Sie brauchte (und braucht jetzt 
noch) nur in der StraBenbahn einer schonen Frau gegeniiber zu sitzen, 
um plotzlich „wegzuschwimmen". 

') A. Kind, Cber die Komplikationen der Homosexualitat mit 
andem sexuellen Anomalien. Im Jahrb. f . sex. Zw., Jahrg. IX, p. 67 ft. 



Digitized by 



Google 



301 

Inzwischen hatte sich auch die masochistische Farbong ihrer 
Libido vollig ausgebildet. Es ist bei der Y. der Drang vornaaden, 
ihrer Partnerin um jeden Preis Orgasmus zu verschaffen, und zwar 
in der Art, dafi sie derselben ein blind gefiigiges Instrument der 
Befriedigung ist, sich von ihr aufs riicksichtsloseste zu solchem 
Zweck gebrauchen laBt, und ihr eine Sklavin sein will, die jeder 
brutalen Laune und jedem unasthetischen Kitzel der Domina Ge- 
niige leisten mufi. 

Sie hat im Laufe der Zeit eine groBe Anzahl von Partnerinnen 
gefunden, fast lauter heterosexuelle Frauen, die teils auf Bitten, teils 
aus eigener Initiative die entsprechende G^genroUe ubernahmen. Die 
vorgekommenen Lusthandlungen zwischen beiden Partnerinnen beweg- 
ten sich in dem bekannten Kreislauf. Die Y. wurde mit verbalen 
Insulten gemeinster Art bedacht, geschlagen, getreten, gekratzt, ge- 
stochen, debebat pedes, cunnum, anum amicae lingere atque os prae- 
here ad ejus mictionem usw. ; denique adesse et adjuvare solebat, 
quando femina mentula fututoris delectabatur. Szenen der letzteren 
Art fiihrten iibrigens, bei Verkennung der subjektiven Grundlage dieser 
Handlungen, zu einer schweren Verurteilung der Y. aus § 180 StrGB. 
Hinzuzurugen ist, daB der maritus der Y., der sie vor drei Jahren 
heiratete, nur die sekundare Rolle eines Surrogats in diesem ero- 
tischen System spielt. Die Y. bleibt in cohabitatione vollkommen frigid, 
sobald &ie dabei nicht gerauft, gestochen, insultiert oder bespien 
wii'd; sie stellt sich dann als Urheber solcher algolagnistischer Aktivi- 
tat geschwind ein Weib vor und erhalt den gewiinschten Orgasmus, 
wenn auch in minderer Hohe. 

Die masochistische Tendenz der Y., ihre Unempfindlichkeit gegen 
Schmerz, die Verkehrung der Schmerz- in Lustempfindung ist absolut 
nur auf gleichgeschlechtlichen Verkehr eingestellt. Wenn sie sich 
etwa unversehens an einer Tischkante stoBt, schreit sie auf; Schelt- 
worte und Schlage von seiten eines Mannes bringen sie in Harnisch. 
Dagegeu nimmt sie solche, ebenso wie blutunterlaufene Striemen von 
seiten eines Weibes in regungslosem Entzucken hin." 

Seltener als masochistische scheinen unter homosexuellen Man- 
nem imd Frauen sadistische Neigungen zu sein. Einen Fall, in dem 
ein homosexueller Sadist im Grunewald einem Burschen plotzlioh 
einen Messerstich in die Brust versetzte, habe ich mit Burchard 
begutachtet. «) 

Der Schautrieb macht sich dagegen meiner Erfahrung nacb 
bei recht vielen Homosexuellen bemerkbar. Sehr verschiedenartig und 
ganz von individuellen Neigungen abhangig sind die Objekte, welche die 
Voyeurs im einzelnen suchen. Am moisten und haufigsten reizt homo- 
sexuelle Manner imd Frauen wohl die Beobachtung eines Koitus, der 
von einer ihnen erotisch zusagenden heterosexuellen Person vollzogen 
wird, entsprechend der starken Anziehung, welche echte Mannlichkeit 
auf Uminge, echte Weiblichkeit auf Urninden ausiibt. Aber auch 
diskrete Akte einzelner Personen und homosexuelle Betatigungen werden 
von anderen als Objekte des Schautriebs bevorzugt. In Bediirfnis- 
und Badeanstalten fmdet man vielfach die holzernen Zwischenwande 
mit Metallplatten bedeckt, um das von Voyeurs beiderlei Geschlechts 
vorgenommene Einbohren von Gucklochern zu inhibieren. Mauche 
Urningo besitzen ein ganzes Handwerkzeug, in dem Spiegel und Bohrer 
die Hauptrolle spielen, mittelst dessen sie sich mit geradezu erstaun- 
lichem Raffinement Anblick von Handlungen verschaffen, welche Per- 
sonen, die keine Ahnung haben, daB man sie belausclit, im geheimen 
begehen. Der von M o 1 1 9) vorgeschlagene Ausdruck Mixoskopie trifft 

^) Veroffentlicht in Aschaffenburgs Monatsschr. f . Kriminal- 
psych. u. Strafrechtsref., 10. Jahrg., 7. H, Okt. 1913. 
•**) Loc. cit. p. 3C8. 



Digitized by VjOOQIC 



302 

insofem nicht den Kern der Sache, als /</?/«• nur die geschlechtliche 
Vermischung zwischen Mann und Weib bedeutet, deren Beobachtung 
keineswegs das ausschlieBliche Begehren dieser sexuellen Visio- 
nisten ist. 

Wie bei den Voyeurs das Ange, so feiert bei den Renifleiirs 
(T a r d i e u) die Nase, bei den Stimmfanatikem das Ohr, bei den 
„S pei c he He c kern", den Spermato- und Koprophagen der Ge- 
schmack und bei den Frotteuren und Toucheuren der Gefiihlssinn 
Orgien. Fiii* alle diese seltsamen Liebhabereien fand ich unter den 
Homosexuellen Vertreter in ebendemselben Verbal tn is zur Gesamtzahl 
wie unter den Heterosexuellen. 

Ein Berliner „Toucheur" erzahlte mir, daB er sein Leben in drei 
Periodeu teilt, die erste, in der er im Gedrange der Stadtbahn, die 
zweite, in der er auf dem Perron der elektrischen StraBenbahn, die 
dritte, in der er auf den Stehplatzen der Untergrundbahn Touchier iingen 
vornabm, die seine einzige sexuelle Betatigung bildeten. 

Dem Trieb des Schauens entspricht als Kehrseite der Trieb, 
sich zur Schau zu stellen, der Exhibitionismus, iiber dessen 
mannigfache Formen und Ursachen sich vielerlei sagen lieBe. Die 
Berliner Kriminalbeamten, denen sistierte Exhibitionisten vorgefiihrt 
werden, haben mir ofter ihre Verwunderung ausgedriickt, daB man im 
Vergleich zu der Zahl der Exhibitionisten, die sich vor Madchen ent- 
bloBen, verhaltnismaBig so selten auf homosexuelle Exhibitionisten 
stoBt. Ob dies von einer groBeren Schamhaftigkeit der Urninge her- 
riihrt oder ob es, was ich fiir wahrscheinlicher halte, dadurch begriindet 
ist, daB diejenigen, die das Verlangen haben, „etwas zu aeigen", in Be- 
diirfnisanstalten, ohne sich in Gefahr zu begeben, dazu in aus- 
reichendem MaBe Gelegenheit haben, diirfte schwer au entscheiden 
sein. Vielleicht komrat sogar keine dieser beiden TJrsachen, sondern 
erne dritte unbekannte in Betracht. 

Noch seltener als letztgenannte Anomalie sind bei Urningen 
die auch bei Heterosexuellen nur als groBe Raritaten vorkommen- 
den Perversionen, beispielsweise die Nekrophilie und der Pyg- 
malionismus. 

Von praktisch hoherer Bedeutung als die bisherigen ist 
aber die Komplikation der Homosexualitat mit einem Zu- 
standsbilde, das Burchard und ich als sexuellen Infantilismus ^^) 
hesehrieben haben. Er findet sich sowohl bei Hetero- als Homo- 
sexuellen und ist dadurch charakterisiert, daU einmal die Per- 
fiionen selbst auffallende Zeichen mangelhafter geistiger und 
seelischer Entwicklung darbieten, die nicht selten fast die Grenze 
der Tmbezillitat erreichen, zweitens daB sie sich. meist an unreife 
oder halbreife Schulknaben oder Madchen heranmachen, denen 
sie sich bewuBt oder unbewuBt auf gleicher Stufe stehend f iihlen, 
und drittens dadurch, daB auch. die AuBerungen der Sexualitat 
meist auf dem Niveau kindlicher Spielereien stehen, also 
Kindlichkeit des eigenen Wesens, Ki ndlichkeit 
der Sexualobjekte und Kindlichkeit der Sexual- 
betatigung. 

10) M. Hirschfeld und E. Burchard, Der sexuelle Infanti- 
lismus. In „Juristisch-psychiatrische Grenzfragen". IX. Bd., Heft 5. 



Digitized by VjOOQIC 



303 

tch gebe als Beispiel das Gutachten iiber einen forensischen Fall, 
den Burchard und ich langere Zeit beobachteten : 

Vorgeschichte. Die Mutter des Herrn B. soil sehr nervos 
seiji und an Platzfurcht leiden. Er selbst ist der jiingste von drei 
Briidern, war als Kind sehr schwachlioh und hat an Gehirnhaut- 
entziindung und Krampfen gelitten. Noch wahrend der Sohul- 
zeit war er angstlich und schreckhaft, schlief unruhig und hatte haufig 
Alpdnicken. In seinem Aussehen und Wesen zeigte er ausgesprochen 
madchenhafte Ziige, so daB seine Mutter oft sagte, es sei ein Madchen 
an ihm verloren gegangen. 

In der Schule kam Herr B. nur sehr schwer vorwarts, blieb 
wiederholt sitzen (in Sexta, Quinta, Unter- und Obertertia und zwei- 
mal in Untersekunda) und konnte nur mit groBer Miihe das Ein- 
jahrigen-Zeugnis erlangen. Namentlich fielen ihm die Facher schwer, 
die ein verstaudesgemaBes Erfassen des Gegenstandes verlangen, wie 
Mathematik, Physik usw. Er konnte sich nur ein gewisses MaB von 
Kenntnissen rein gedachtnismaBig einpauken, die er aber nach seiner 
und seines Binders Angabe, sowie nach unseren eigenen Feststellungen 
sehr bald nahezu vollig wieder vergessen hat. 

Auch der weitere Werdegang des Herrn B. verzcgerte sich infolge 
der spaten Erreichung des Schulzieles und seiner Kranklichkeit be- 
trachtlich, so daB er gegenwartig mit nahezu 22 Jahren erst 
im zweiten Jahre seiner kaufmannischen Lehrzeit 
s t e h t. 

B e f u n d. B. ist ein grazil und schwachlich gebauter junger 
Mann von ausgesprochen knabenhaftem Aussehen, schwacher Musku- 
latur und zarter Hautfarbe. Die Korperbehaarui^ ist sehr sparlich, 
Bartflaum kaum vorhanden, so daB bis jetzt Easieren noch nicht er- 
forderlich geworden ist. 

Es bestehen Degenerationszeichen im Bau der wenig differen- 
zierten und ungleich gebildeten Ohrmuscheln und in der asymme- 
trischen Bildung des Gesichts, sowie in der Kleinheit des Schadels. 
AuBerdem fallt die lebhafte Muskel- und GefaBerregbarkeit, sowie eine 
deutliche Steigerung der Sehnenreflexe auf. Der Befund der inneren 
Organe entspricht der Norm. 

In seelischer Beziehung fallt bei Herrn B. zunachst eine sehr 
geringe Gefiihlsbetonung, ein merkwiirdig affektloses Verhalten auf. 
Der kurz vor der Beobachtungszeit unter besonders tragischen Um- 
standen erfolgte Tod eines alteren Bruders schien nur geringen Ein- 
druck auf ihn gemacht zu haben. Gelegentliche Schwankungen in 
seiner Stimmun^ machten einen durchaus oberflachlichen Eindruck, nie 
schien etwas wirklich tief in sein Gefiihlsleben einzugreifen. Infolge 
einer gewissen Summe auswendig gelernter Kenntnisse und einer durch 
eine vorziigliche Erziehung bedingten Formgewandtheit macht Herr B. 
bei fliichtiger Bekanntschaft den Eindruck eines durchaus normalen 
und unterhaltenden jungen Mannes. Bei naherem Eingehen auf seine 
intellektuellen Fahigkeiten stellt sich aber sehr bald eine geradezu 
verbliiffende Liickenhaftigkeit seines Wissens, ein erstaunlicher Mangel 
an geistigem Interesse und eine auBerst gering entwickelte Fahigkeit 
zu vernunftgemaBem SchlieBen und Urteilen heraus. Das Verstandnis 
fiir chronologische Zusammenhange und historische Beziehungen fehlt 
ihm vollig. So verlegt er die Reformation in das 18. Jahrhundert. 
Aus Dramen und Biichern, die er gesehen oder gelesen hat, sind ihm 
nur einzelne Bruchstiicke in Erinnerung, doch kann er sich in keinem 
Falle des Inhalts und der Gedanken des Gelesenen entsinnen. Er ver- 
sagt bereits bei einfachen Gedanken- und namentlich Rechenoperationen 
und ermiidet bei den geringsten geistigen Anstrengungen sehr schnell. 

Seine Interessen erstrecken sich nur auf sportliche Fragen und 
sensationelle Tagesereignisse ; politische und wissenschaftliche Artikel 
liest er nie. 



Digitized by VjOOQIC 



304 

Sein Wesen und Verbal ten hat etwas ungewollt Naives 
und Kindliches. Er ist harmlos mitteilsam und offenbar gar 
nicht imstande, seine Gedanken und Gefiihle irgendwie zu verbergen. 
Auch in dieser Beziehung macht er den Eindruck einer weit hinter 
seinem wirklichen Alter zuriickliegenden, noch ausgesprochen kind- 
lichen seelischen Entwicklungsstufe. 

Gutachten. Es wird Herrn B. zur Last gelegt, daB er beim 
Rodeln einen vor ihm auf dem Schlitten sitzenden Jungen, den er 
seiner Angabe nach fiir 15 — 16 Jahre gehalten hat, unziichtig beriihrt, 
eventuell mit ihm onaniert haben soil. 

Zwei Momente in der seelischen Individualitat des Herrn B. sind 
bei der Beurteilung seiner Verantwortlichkeit fiir dieses Delikt yon 
Bedeutung. Einmal liegt bei ihm zweifellos in sexueller Hinsicht eine 
ausgesprochene und, soweit es sich feststellen lafit, ausschlieBliche 
Neigung zu Personen des mannlichen Geschlechts vor. Es kann fiir 
die Beurteilung dieses Zustandes dahingestellt bleiben, ob es sich um 
eine durch Anlage und Entwicklung fixierte Anomalie der Triebrichtung 
handelt, oder ob diese sich noch in dem jugendlichen Stadium der 
unentschiedenen Triebrichtung befindet, das seine Erklarung in der 
entschieden hinter dem Lebensalter zuruckgebliebenen seelischen Ent- 
wicklung des B. finden wiirde. 

In dieser abnormen Jugendlichkeit der gesamten Personlichkeit 
des Angeschuldigten ist das zweite wesen tliche Moment zu sehen. 

Seine Anschauungen und Lebensauffassung, seine Urteilsfahig- 
keit und sein tJberlegungsvermogen sind noch in so^eringem MaDe ent- 
wickelt, dafi wir das (^samtniveau seiner psychischen Personlichkeit 
wic das eines 16 — ITjahrigen, nicht wie das eines 20jahrigen jungen 
Mannes auffassen und beurteilen mussen. Wurde Herr B. das acht- 
zehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, so konnte man unbe- 
dingt den Schutz des § 56 StrGB. fiir ihn geltend machen, da er die zur 
Erkenntnis der Strafbarkeit seiner Handlung erforderliche Einsicht 
nicht besaB. Bei seinem Lebensalter ist dieser Mangel an Einsicht, 
veranlaBt durch eine entschieden krankhafte Entwicklungshemmung 
in seelischer Beziehung zweifellos als eine geistige Storung aufzufassen, 
welche einen Fortfall oder zum mindesten eine erhebliche Minder ung 
sonst normaler seelischer Hemmungen mit sich bringt. In Verbindung 
mit der homosexuellen Veranlagung bedingt dieser Mangel normaler 
Hemmungen sicher einen Zustand krankhafter Storung der Geistes- 
tatigkeit, der bei dem in Frage stehenden als infantilis tische sexuelle 
Spielerei aufzufassenden Delikt die freie Willensbestimmung im Sinne 
des § 51 StrGB. ausschloB. 

Auf dieses Gutachten hin wurde das gegen B. eingeleitete Straf- 
verfahren eingestellt. 

Haufig kommen die verschiedenen Anomalien miteinander 
kombiniert vor; so ist der Fetischismus (beispielsweise der so 
haufige Schuhfetischismus) und Visionismus urnischer Personen 
nicht selten mit MasocKismus^ der Antifetischismus und Exhibi- 
tionismus mit sadistischen Regungen vergesellschaftet, doch kom- 
men bei „polymorph Perversen'* auch alle sonst erdenklichen 
Triebvermengungen vor. 

Endlich sei bemerkt, daJJ auch die quantitativen Ano- 
malien des Geschlechtstriebs, sowohl die bis zur Satyriasis ge- 
steigerte Hyperaesthesia sexuills (Erotomanie, Nymphomanie), 
wie eine bis zur kompletten Anasthesie geminderts Hypaesthesia 



Digitized by VjOOQIC 



306 

sexualis bei umischen Mfinnern und Frauen relativ ebenso oft 
wie bei heterosexuellen zu konstatieren sind. 

Passen wir nun die samtlidien hier gegebenen Einteilungen 
resiimierend zusanunen, so gelangen wir in den wesentlichsten 
Punkten zu folgender Systematisierung. 

Wir teilen naoh der Richtung ihres Geschlechts- 
t r i e b s die erwacihsenen Manner und Frauen in drei Gruppen : 

A. Heterosexuelle (ca. 94o/o) 

B. Homosexuelle (ca. 2o/o). 
0. Bisexuelle (ca. 4o/o). 

Die homosexuellen Manner und Frauen teilen wir ein: 

I. Nach ihrer pernonliehen Eigenart in zwei Gruppen: 

a) die virileren (ca. SOo/o), 

b) diefeminineren (ca. 50o/o), 
eventuell noch etwas spezifizierter in: 

a) die stark viril en (ca .26o/o), 

b) die schwacher virilen (ca. 25^o/o), 

c) die sc'hwficher femininen (ca. 26<yo), 

d) die stark femininen (ca. 25o/o). 

II. Nach ihrer Triebrichtnng in zwei Hauptgruppen : 

a) die ephebophilen (ca. 45o/o), 

b) die androphilen (ca. 45<yo), 
zu denen sich zwei Nebengruppen geaellen: 

c) die pftdophilen (ca. S^/o), 

d) die gerontophilen (ca. 5o/o). 

Die analogen Gruppen unter den homosexuellen Frauen 
sind : 

a) die parthenophilen (von naq^hog Jungfrau) (ca. 45^/^), 

b) die gynakophilen (von ywrj Frau) ca. 45^/^,), 

c) die korophilen (von xdgri Madchen) (ca. 5^/o). 

d) die graophilen (von yqavg Greisin) (ca. 5**/J. 

Als weitere Gruppen wSren unter den homosexuellen Man- 
nern und Frauen nach Beschaffenheit ihres Sexaalziels, 
je nachdem sie "zxi ebenfalls homosexuellen odar heterosexuellen 
neigen, zu nennen: 

a) diehomoiophilen (ca. SSVs^/o), 

b) die alloiophilen (ca. SSVa^/o), 

c) die amphiphilen (ca. SSVs^/o). 

III. Nach der Trieb-Bet&tigang unterscheidet man in wenig 
praziser Weise: 

a) die aktiveren homosexuellen Manner und 
Frauen (ca. 50o/o), 

Hirschfcid, Homosexualitat. 20 



Digitized by V:iOOQIC 



S06 

b) die passiveren homosexuellen M&nner nnd 
Frauen (ca. 50o/o). 
Die Akte selbst zerfallen unter den homosexuellen Mannern und 
Frauen in vier Kubriken: 

a) die manuellen (digitatio) (ca. 40o/o), 

b) dieoralen (linctio) (ca. 40o/o), 

c) die femoral en (appressio) (ca. 12o/o), 

zu denen viertens hinzukomlnen 

d) die anal en bei den Mannern, 

die mem'bralen bei den Frauen (pedicatio 
und olisbismus^^) (ca. 80/0). 

IV. Hinsichtlich ihrer Entstehnng ist die veraltete 
Einteilung in eingeborene und erworbene 
Homosexualitat bei beiden Geschlechtern zu ersetzen 
durch eine Unterscheidung in 

a) echte (eingeborene, eigentliche) und 

b) une eh te (Pseu do- Homosexualitat). 

— Uranlsmns genainas et spnrins. — ' 

V. Des weiteren sind noch zu unterscheiden : 

a) die g e s u n d e n oder stabileren homosexuel- 
len Manner und Frauen (ca. 50 0/0), 

b) dienervSsen oder labileren homosexuellen 
Manner und Frauen (ca. 50 0/0). 

VI. Eine letzte Einteilung der mannlichen und weib- 
lichen Homosexualitat ist die in 

a) einfache (unkompUzierte) J Homosexualitat, 
b)komplizjerte J 

— Uranismas simplex et complicatas. — 

je nachdem sie fiir sidh allein oder mit anderen 
a) qualitativen oder P) quantitativen Triebanoma- 
lien verbunden vorkommt, unter denen folgende be- 
sonders zu nennen sind: 

Fetischismus — Antifetischismus 
Masochismus — Sadismus 
Visionismus — Exhibitionismus 
Infantilismus — Transvestitismus 
HyperSsthesie — Hypaesthesia sexualis. 



*) Gebildet vom griechischen oXiopog = membrimi artificiale. 



Digitized by VjOOQIC 



807 

Bei diesem ganzen Schema ist zvl bertlcksiolitigen, dafi es 
sicih nur tun Einteilungsgrundsatze, um einen Leitfaden 
in der FuUe der Erscheinungen Iiandelt, daB aber zwischen 
den einzelnen Abteilungen — wie liberall in der Natur — die 
Grenzen nicht abeolut sciharf sind, sondem flieJQend ineinander 
tlbergehen. 



20* 

Digitized by VjOOQIC 



SIEBZEHNTES KAPITEL. 

Entstehung und Erkl&rung der mSnniichen und weiblichen 

Homosexualit&t 
Griinde fiir das Angeborensein der Homosexualit&t 

Iwan BlocK hat das Kapitel, welches er in seinem 
„Sexualleben unserer Zeit*'^) „d6r gleichgeschlechtlichen Liebe" 
gewidmet hat, mit der Gesamtiiberschrif t : „Das Eatsel der 
Jlomosexualitat" versehen, und zwar deshalb, well sie ihm, 
wie er einleitend bemerkt, „je mehr er wissensohaftlich in 
sie eiDzudringen suohte, um so ratselhafter" geworden ist. 
Auch Ulrichs hatte schon einige Jahre frlih'er seinen vor- 
schiedenen Schriften liber den Gegenstand ein zusammen- 
fassendes Titelblatt vorangesetzt, auf dem neben dem Motto: 
„.Vincula frango** die Worte standen: „Forschungen iiber das 
R fits el der mannm&nnlichen Liebe". Blocfa. und Ulrichs 
sind nicht die einzigen Autoren, die der Homosexualitat gegen- 
tiber als von einem Naturrfttsel sprechen; offenbar geben beide 
dem Gedanken Ausdruck, 'welcher unendlich vielo kultivierte 
nicht (Weniger "wie primitive Mensdhen erftillte, als sie wahr- 
nahmen, daB auJJer der Liebe, auf welcher der Bestand der 
Menschheit beruhte, noch eine weniger haufige existierte, die 
anscheinend keine Priichte tragt. 

Es verdient diesem Erstaunen gegeniiber erortert zu werden, wes- 
halb eigentlich die sexuelle Neigung eines Mannes zum Mann, einer 
Frau zur Frau dem denkenden Menschen so seltsam und dunkel er- 
schien und erscheinen muBte. Der Grund ist in dem menschlichen 
Kausalitats- und Utilitatsbediirfnis zu erblicken, das unsere Spezies 
in hervorragender Weise von den unter una stehenden Lebewesen unter- 
scheidet. Der Mensch will Wesen und Zweck eines Dinges wissen. 
Bewufit und imbewuBt beherrscht ihn fort und fort diese Frage nach 
dem "Wanun und Weshalb. Sie ist auch voUauf berechtigt, denn die 
Tatsache, daB das meiste, was wir in der Natur sehen, nicht nur 
kausal bedingt ist, sondern auch einen bestimmten Zweck erfiillt, laBt 
sich nicht leugnen, gleichviel wie man sich zu dem Problem stellen 



1) Pag. 639—592. 



Digitized by VjOOQIC 



309 

maig, oh es nicht ausschlieClich Sache der Wissenschaft ist, nach dem 
Verhaltnis voa Ursachen und Wirkung und nicht nach „Zwecken" 
zu f^hnden. Was die Liebe betrifft, so hat man sich alleirdiags iiber 
ihrd Ursache nachzodenken zunachst ebenso wenig bemiiBigt gefanden, 
ale man sich etwa iiber die Ursache der Welt, der Mensohheitoder 
des Lebens den Kopf zerbrach. Dazu war die Liebe etwas viel zu 
Elementares, bildete zu sehr des Daseins Ausgangspunkt und Mittel- 
punkt. Umsomehr beschaftigte man sich mit ihren Wirkungen, ihren 
so ersichtlichen, wenn auoh durchaus nicht immer erwiinschten Folgen. 
Was lag naher, als in ihrer bedeutsamsten Folgeerscheinung — der 
Fortpflanzung — den Zweck der Liebe zu erblicken; man ging aber 
weit^r; man sah in der Zeugung nicht allein den natiirlichen Zweck, 
sondern auch die natiirliche Ursache der Liebe. Gijlg man von 
diesen Voraussetzungen aus, und wer wollte zweifeln, daU man es tat, 
dann mufito man aUerdings von Menschen, die sich in Liebe solcheh 
Personen zuwandten, mit denen eine ErfiiUung dieses Naturzwecks 
auBer dem Bereich der Moglichkeit lag, annehmen, dafi sie wider die 
Natur, „widerhatiirlich" handelten, dann muBte man in der gleich- 

feschlechtlichen Liebe in der Tat zuin mindesten etwas hochst Eatsel* 
aftes, Sonderbares erblicken. Nicht mit Unrecht hat freilich 
U 1 r i c h s bereits in seiner ersten Schrift ahnliche SchluBfolgerungen 
irit folgenden Worten zuriickgewiesen : „Da6 unsere Liebesakte ^ur 
Fortpflanzung nicht tauglich sind, sowie daB eine innere, unsichtbare 
Naturgewalt gerade zu solchen unfruchtbaren Liebesakten una an- 
treibt und nicht zu fruchtbaren: fiir beides sind wir nicht verant- 
wortlich, sondern die Natur. Der uns obliegenden Verantwortlichkeit 
geniigen wir vollkommen, wenn wir dem Zuge, den eine hohere Hand 
^— Gott Oder die Natur — in unsere Brust gepflanzt hat, nicht wider- 
streben, sondern folgen. Weitere Verantwortlichkeit trifft una 
nicht. Beruhifft ihr euch nicht mit dieser Unfruchtbarkeit unsrer 
Liebesakte, verlangt ihr eine Verantwortung wegen derselben: so for- 
dert diese Verantwortung von jener hoheren Hand, nicht v6n uns." 

Andere- Honiosexuelle haben sich temtiht, eine Erklftrung 
ihrer gleichgeschlechtlichen Neigungen aus dem Geiste derer 
heraus zu geben, die aus ihrer leiblichen Unfruchtbarkeit ihre 
Naturwidrigkeit oder zum mindesten ihre Zwecklosigfceiit 
folgerten; so haben viele der Meinung Ausdruok gegeben, daJi 
die Natur sie von der Verbindun^ mit dem andern Oeschlecht 
deshalb zuriickhalte, um einer OhervSlkerung vorzubeugen; 
manche haben dabei nicht nur die Zeugungsquantitat, sondern 
auch die Zeugungsqualitat beriicksiehtigt und gemeint, daB 
die Natur durch ihre Unfruchtbarkeit eine Vorbeugung der 
Degeneration bezweckte. Ich besitze Zuschriften von Urningen, 
die sich bei Auseinandersetzung dieser Gesichtspunkte auf die 
Bibelstelle Ev. Matthai, Kap. 19, v. 12 berufen, wo es heiUt: 
,,Es gibt Verschnittene, die vom Mutter leibe also geboren 
sind . . .** Diese Stelle, meinen sie, bez5ge sich auf sie. EsJ ist 
Mer nicht der Ort zu untersuchen, ob und inwieweiti diesen Er- 
wagungen eine Berechtigung innewohnt, wir kommen spater 
noch einmUl darauf zuriick, wenn von der praktischen Be- 
deutung der Homosexualitat die Rede ist; in diesem Abschnitt, 
in dem wir ihre Ursache zu erkennen tins bemtihen, liegt 



Digitized by VjOOQIC 



310 

uns zunachst ob, kutz klarzulegen, ob denn tiberhaupt das 
Fundament, auf dem der SchluB der WidernaturKcihkeit sich 
aufbaut, dafi namlich die Liebe urn der Fortpflanzung willen 
da ist, zu Recht besteht. 

B 1 o c h ') fafit seine Ausfiihrungen iiber diesen Punkt in dem 
Satze zusammen: „Liebe und Liebesumarmung sind nicht nur Grat- 
tungszweck, sie sind auch Selbstzweck, sind notig fiir Leben, 
Entwicklung und inneres Wachstum des Individuums selbst." Ich 
selbst babo in meinen „Naturge8etzen der Liebe" die Frage nach der 
Identitat von Geschleohtstrieb und Fortpflanzungstrieb eingehend be- 
handelt und halte es fair notig, die wiohtigsten Stellen bier wieder- 
zugeben, weil die Klarung dieses VerhaJtnisses fiir die Entscheidung, ob 
die homosexuedle Neigung eine widernatiirliche, die homosexuelle Be- 
tatigung widerpatiirlicne Unzucht ist, von gmndlegender und ausschlaj^- 

gebender Bedeutung ist. Es heiBt dort: Der Einflufi der durch die 
liebe hervorgerufenen psycbischen Veranderungen auf das unsern Kor- 
per beherrscnende Nervensystem ist ein ganz enormer. 

Alle Freudigkeits- und Gliicksgefuhle, und welche Affekte ver- 
mittelten solche zahlreicber und starker als die Liebe, beschleunigen 
den Stoffwechsel der Lebewesen in vorteilbaf tester Weise. Blutkreis- 
lauf und Herztatigkeit heben sich, Sauerstoffzufuhr und Verbrennung 
mehren sich, die Ausscheidung der Lebensschlaoken wird gesteigert 
und die Leistungsfahigkeit des Korpers und aller seiner Teile ge- 
fordert. Es ist experimentell nachgewiesen, dafi Freude das Gesichts- 
feld erweitert und Leid es verengert, und es ist kaum zu bezweifeln, 
dafi auch die Funktionen aller anderen Sinnesorgane ahnlich giinstig 
beeinflufit werden. Goethe, als er 17 Jahre alt sich in die Tochter 
des Leipziger Weinwirts Schonkopf verliebte, schrieb an seinen 
um 11 Jahre alteren Vertrauten Benrisch: „0, Behrisch, ich 
habe angefangen zu leben." Und viele Jahre spater trug er in ein 
Stammbuch die zwei einzigen Worte ein: „Lieben belebt". In der Tat 
ist die Liebe die kraftigste Steigerung unseres Selbst und damit die 
starkste Bindung an das Leben; mit der Lebenslust fordert sie einen 
gesunden, lebensbejahenden Optimismus wie keine andere Empfindung 
sonst. Indem sie den Egoismus mit dem hochsten Grade des Altruis- 
mus yerbindet, ist sie &3 wesentlichste Moment, den Existenzkampf 
zu mildern. Schillers Wort: „Was ist das Leben ohne Liebes- 

flanz, Ich werf* es hin, da sein Gehalt entschwunden", entspricht der 
eelenverfassung vieler Menschen, fiir die das Leben ohne Liebe ein 
wertloses D a s e i n ware. Ninon kleidet dies Gefiihl in die Worte : 
„Was ware die schonste Zeit unseres Lebens ohne die Liebe? Man 
wiirde nicht leben, sondern nur vegetieren" ; und Goethe wiederum 
lafit den armen Werther sprechen: „Ich habe verloren, was meines 
Lebens einzige Wonne war, die heilige, belebende Kraft, mit der ich 
Welten um mich schuf." Unter den Minneregeln (regulae amoris) 
des 12. Jahrhunderts lautete eine der wichtigsten: „Niemant sol seiner 
lieb und mynn on ureach (sine rationis excessu) beraubt werden." 
Es ist richtig: wer dem Menschen seine Liebe nimmt, verstiimmelt 
ihn. Wiirde man wohl ihretwegen so viel gelitten haben und leiden, 
wenn sio es nicht als hochstes der Gliicksgoiter verdiente? Die 
ae'ketische Richtung ist nun zwar der tJberzeugung, dafi nur der 
Sexualakt als zweckentsprechend, berechtigt und „natiirlich" ange- 
sehen werden konne, der der Fortpflanzung diene; dies sei die aus- 
schliefiliche Bedeutung der Liebe, die aber trotzdem ein Cbel sei. 



2) Iwan' Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, pag. 104. 
^) Magnus Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe, pag. 36 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



311 

denn „in Sunde" sei der Mensch empfangen. Gab es doch Kirchen- 
vater, die schlechtweg erklarten: „das Weib sei Siinde". 

Die christlichen Verfechter der Idee, daB jeder Verkehr, der 
nicht der Fortpflanzung diene, „siindige Fleischeslust sei**, verfahren 
nicht immer folgerichtig. Sonst diirften sie nicht nur die Mittel zur 
VerhiitunK der Empfangnis verwerfen, sondern miifiten konsequenter- 
weise aucn den Verkehr mit einer Frau vom Beginn ihrer Empfangnis 
bis zum Ende der Stillungszeit verbieten; der Mann diirfte dann die 
Gattin, die er bald nach der Hochzeit befruchtete, ein und ein halbes 
Jahr nicht mehr beruhren. Und nach den Wechseljahren, wo die 
Empfangnismoglichkeit erloschen ist, diirfte ebenfalls ein Verkehr 
nicht mehr stattfinden, ebenso wie alle Menschen, deren Unfrucht^ 
barkeit festgestellt ist, von der Liebe ausgeschlossen bleiben miifiten, 
Denn alle diese Personen, und es sind nicht die einzigen, konnen 
den Zweck, der nach theologischer Auffassung allein zu sexuellen 
Handlungen berechtigen soil, nicht erfiillen. 

Mit der Anschauung, daU der Zweck der Liebe die Fortpflanzung 
sei, stehen nun allerdings viele Erfahrungen des Lebens nicht im 
Einklang. Zunachst sehen wir, dafi der verkehr viel haufiger trotz 
der Fortpflauazunff als um der Fortpflanzung willen aus^eiibt wird. 
Und ebenso hauJtig, wie Liebe ohne Fortpflanzungsmoglichkeit, ist 
Fortpflanzimff ohne Liebe. Wenn Friedrich Nietzsche in der 
„Morgenrote*^) bemerkt : „Die Zeugung ist eine oft eintretende g e - 
legentliche Folge einer Art Befriedigung des geschlechtlichen 
Triebes: nicht dessen Absicht, nicht dessen notwendige Wirkung," 
und an anderer Stelle : „Fortpflanzungs t r i e b ist reine Mythologie", 
so gibt er wieder, was vor und nach ihm Naturforscher und Philo- 
sophen oft ausgesprochen haben, die klarlegten, daB der Mensch nur 
einen GescMechtstrieb, aber keinen Fortpflanzungstrieb besitzt. Ge- 
wifi, ein Fortpflatnzungs w i 1 1 e ist oft vorhanden, aber Trieb und Wille 
sind nichts weniger als identisch. Dies soUte man endlich erkennen 
in einer Angelegenheit, die so oft Gegenstand kiihler Erwagungen 
ist, wie die Cberlegung, ob und wieviel Kinder man haben mochte. 
Einige Autoren seien hier noch zitiert: der alte erfahrene Frauenarzt 
E i s c h sagt in seinem Werke „Die Sterilitat des Weibes" : „Der 
Geschlechtstrieb ist eine so wechselvolle, in gewissen Lebensperio- 
den den ganzen Organismus des Weibes so iiberwaltigend beherr- 
schende elementare Gewalt, daB ihre Entfesselung der Reflexion iiber 
Fortpflanzung keinen Raum laBt, und daB im Gegenteil die Begattung 
begehrt wird, auch wenn vor der Fortpflanzung Furcht herrscht 
Oder von Fortpflanzung keine Rede mehr sein kann." T h e o d o r 
von Wachter setzt im „Problem der Ethik" ^) eineehend ausein- 
ander, daB die Auffassung, welche die Liebe gleichbedeutend mit 
dem Fortpflanzungstrieb ansieht, den Kern punk t bilde fiir alle falschen 
und beschrankten Konsequenzen in den Fragen menschlichen Liebes- 
empfindens, und Rohleder^) schreibt: „Man gibt mit dem Worte 
Fortpflanzungstrieb dem Geschlechtstrieb einen Flicken, der ihm abso- 
lut nicht anhaftet und auch nicht anhaften kann." 

Nehmen wir aber einmal wirklich in der Verkniipfung von Liebe 
und Fortpflanzung einen Zweck an, so ist es ebenso wahrscheinlich, 
ja wahrscheinlicher, daB die Natur es fiir zweckmaBig hielt, die Fort- 
pflanzung der Liebe als eine keineswegs immer erwiinschte Folge 
oeizugeben, um sie sicher zu stellen. Das Einzelwesen hatte kein 
so groBes Interesse, „die Art zu erhalten", weder der Mann als Er- 
nahrer der Kinder, noch die Frau, die sie in Schmerzen gebart, 



*) Morgenrote, § 603. 

^^ Ein Problem der Ethik. — Die Liebe als korperlich-seelischc 



Kraftubertragung. Von Th. v. Wachter. Leipzig. 
•) Die Zeugung beim Menschen, pag. 32. 



Digitized by VjOOQIC 



312 

wenn die Natur nicht die starksten Lustgefiihle, die Empfindungen 
hochsten Erdengliicks als Pramie darauf gesetzt hatte. 

„Und ware die Fortpflanzung tatsachlich nicht nur eine Wir- 
kung, sondern e i n Zweck der Liebe, so ist damit noch nicht gesagt, 
daB sie ihr einziger Zweck ist. Viele Organe und Instinkte dienen mehr 
als einem Zweck, oft sehr verschiedenen. Die Zunge ist fiir die Sprache 
ebenso wichtig, wie fiir den Geschmack und die Nahrungsaufnahme, 
der Bewegungstrieb dient der Erhohung des Stoffwechsels, wie der Er- 
weiterung unserer Kenntnisse. Die Liebe aber wirkt fur die Erhaltung 
des Lebens in dreierlei Weise. E i n m a 1 , indem sie uns durch Lust- 
empfindungen an das Leben fesselt, zum z w e i t e n , indem sie 
die Einzelwesen aneinander bindet, den Zusammenhang zwischen 
ihnen herstellt, aus dem sich die Menschheit als hoherer Organismus 
entwickelt, zum d r i 1 1 e n , indem sie Mann und Weib seelisch und 
korperlich iiber rsich hinaus wachsen laBt. — Zusammenfassend 
konnte man sagen, der Geschle.chts- und Liebestrieb ist 
nicht Fortpflanzungstrieb, sondern Trieb nach Lust- und Le- 
benssteigerung. 

Sobald man anerkennt, dafl nicht die Fortpflanzung der 
ausschlieBliche Zweck der Liebe jst, verliert die unter dieser 
Voraussetzung so rateelhafte Ersdheinung der Homosexualitat 
ein gutes Stlick des iRratselhaften, und in noch hoherem Grade, 
wenn man zugibt, daB die Liebe auch produktiv ist, wenn 
ihr keine neuen Lehewesen entsprieBen, daB audh eine geistige 
Befruchtung existiert, und der Wert eines Menscihen von den 
Werten abhangt, die er erzeugt, gleiohviel ob diese materieller 
oder spiritueller Art sind. Dient die Liebe vornehmlidh dazu, 
das eigene Gllick und das anderer zu vermehren, so ist nicht 
eiiizusehen, weshalb sie sich nicht auch auf Personen von 
demselben Geschlecht erstrecken soUte. 

Nun hat man allerdings noeh einen andern Punkt heran- 
gezogen, um zu beweisen, daB ein sexueller Verkehr zwischen 
Personen gleichen Geschlechts gegen die Natur ist; den Bau 
der mannlichen und weiblichen Geschlechtswerkzeuge. Diese 
paBten in anatomischer und physiologischer Hinsicht so absolut 
ineinander, dafl sie unbedingt nur fiireinander geschaffen sein 
konnten. Hat man die Verbindung der Keimzellen im Auge, 
so trifft es «icherlieh! zu, daB die beiderseitigen Teile kaum 
entsprechender zu denken waren; eine andere Prage ist es 
freilich, ob alle mannlichen und weiblichen Keimzellen diese 
Aufgabc tatsachlich erfullen soUen. In Wirklichkeit sehen wir, 
daB, wie in der ganzen Natur, so auch beim Menschen unter 
hundert Millionen Keimzellen kaum eine dazu gelangt. Wozu 
diese unvorstellbar groBe Verschwendung von Lebensstoffen 
und Liebeskraf ten ? Andererseits ist nicht einmal liberall in 
der Natur die Konjugation der Keime zweier Wesen zur Fort- 
'pflanzung erforderlich. Bei vielen GesChopfen besteht diese 
lediglich in einer Teilung, AbstoBung und Weiterteilung 



Digitized by VjOOQIC 



313 

eigener Zellen, einem einfach'en Vorgang, den man als 
Wachstum liber die Grenzen seiner eelbst hinaus bezeichnen 
konnte. 

Und wie ist mit der genitalen Kongruenz die psyohisdh'e 
Inkongruenz vereinbar, welehe Lustgefiihl, Potenz und Orgasmus, 
die Vorbedingungen triebantsprechender Kohabitation, ausbleiben 
lalJt. Warum empfinden viele dieselben starken Ekstas^en, 
iWelche die meisten beim Koitus versplirien, bei Akten, die 
nicht zur Fortpflanzung ftibren konnen? Ist Lust der Zweck 
der Liebe, so ist zur Erfiillung dieses Zweckes der palJrechlte 
Gebrauch der Organe sicher nicht in alien Fallen Erfordernis. 
Schwerlidi aber ist es angangig, jemandem vorzuwerfen, daB 
ihm ein bestimmter, nicht zur Erzeugung von Nachkommen- 
schaft dienender Kontakt ein groBeres Lustgeftihl gewahrt als 
ein p,nderer, der diese Moglichkeit in sioh schliefit. 

Aus diesen Empfindungen und Erfahrungen heraus — dem 
deutlichen Insiinkt zum eigenen und ihrem ebenso sicheren 
Kontrainstinkt gegenliber dem andern Geschlecht — haben sich 
viele Uminge dahin ausgesprodhen, da6 die gesetzlichen Be- 
stimmungen iiber die „widernatiirliche Unzucht** wohl gar nicht 
auf sie gemtinzt sein konnten. Ihr Verkehr sei gar nicht 
wider die Natur, wandten sie ein, sicherlidh nicht g.egen 
ihre eigene Natur, die sie doch zu Personen desselben Ge- 
schlechts ziehe; jedes Individuum mtisse aber ,,ex natura sua**, 
nicht nach einer ihm fremden Natur beurteilt werden. 

Besonders scharf hat U 1 r i c h s diesen Standpunkt im II. Haupt- 
abschnitt seiner ersten Studie betont, der uberschrieben ist : „ J u r i - 
stischer Nachweis, daB nach Deutschlands bestehenden 
Gesetzen Cbung angeborener mannmannlicher Liebe, als unter 
den Begrif f naturwidriger Handlungen nicht fallend, s t r a f - 
los ist, und daB daher strafrechtliche Untersuchungen wegen solcher 
tJbung gesetzlich iiberhaupt nicht statthaft sind, bezw. daB begonnene 
Untersuchungen sofort einzustellen sind." („Vindex", pag. 38.) 

Aus ganz ahnlichen Griinden haben auch viele Homosexuelle und 
ihre Sachwalter auseinanderzusetzen sich bemiiht, daB die von theo- 
logischer Seite so oft gegen sie ins Feld gefiihrte Stelle aus dem 
ersten Kapitel des Romerbriefs (Vers 26 und 27) sich unmoglich 
auf angeborene HomosexualitS-t beziehen konne, denn hier sei 
die Bede von „Weibern, die den natiirlichen Gebrauch mit dem ver- 
tauschten, der wider die Natur ist" (feminae immutaverunt 
naturalem usum in eum usum, qui est contra naturam) und von „Man- 
neru, die den natiirlichen Gebrauch des Weibes verlieBen und in 
ihren Be^ierden eegeneinander entbrannten, indem sie, Manner mit Man- 
nern, Schandlichkeiten trieben" („masculi, r e 1 i c t o naturali usu femi- 
nae, exarserunt in desideriis suis in invicem, msisculi in masculos, 
turpitudinem operantes" '). Bei dem homosexuellen Weibe und dem 

') Der griechische Text lautet: (v. 26) ^,Aia tovto jraQiScoxev avrovg, 6 
&e6g eig Ttd^ drtpilag, at re yciQ ^rjXetai avribv fieirjXXa^av rrjv (pvoixrjv XQV^^'*' ^^^ ^^•^ 
jTOQa. (pvoiv, (y, 21) ' Ofiolcog xb xal ol dggsveg dqpivrsg xrjv <pvaixr)v XQ^^^^ ^^^ 



Digitized by VjOOQIC 



314 

ebenso veranlagten Manne konne vom „Vertauscheii und Verlassen" 
des andern Greschlechts nicht die Rede sein, denn sie hatten ja fiir 
dieses vom Erwachen ihres Geschlechtstriebes an nie Liebe empfunden. 
Auch Pastor S c h a 1 1 berief sich in der ersten Reich stags ver- 
handlung (13. Januar 1898), in der die homosexuelle Frage ange- 
schnitten wurde, auf diese Bibelstelle. Er sagte laut Stenogramm : 
„Ich habe die von Herrn Rebel mitangezogene Petition, die ja von 
Mannem von beriihmten Namen aus alien Berufsschichten unter- 
schrieben ist, und von der Herr Rebel sagt, er habe sie selbst 
unterschrieben, auch bekommen, die eine Aufhebung dieses Paragraphen 
verlangt, und ich habe wie vor einem R a t s e 1 gestanden, wie es 
iiberbaupt moglich ist, daB Manner von offentlicher Stellung und 
sittlichem Urteil eine solche Petition einreichen konnen; denn, meine 
Herren, es handelt sich doch hier um ein Verbrechen, wel- 
ches bereits der Apostel Paulus als eine der schlimm- 
sten Ver siindigu ngen und Laster des alten Heiden- 
tums im Rriefe an die Romer im ersten Kapitel hin- 
gestellt hat." Demgegeniiber sagt Professor Wirz in seiner „vom 
orthodox-evangelischen Standpunkt" geschriebenen Studie : 
„Der Uranier vor Kirche und Schrift^^) ,,Nur grobe Unwissenheit 
und blinder Eifer konnen gleichgeschlechtliches Empfinden, das ein 
eingeborener Zustand, ein Naturtrieb ist, in einen Topf werfen mit 
solcher Degeneration, Entartung und sittlicher Verkommenheit, sei 
es im alten Rom, sei es in unsern Tagen," und auch der k a t h o - 
1 i s c h e Geistliche, welcher im IV. Jahrbuch fiir sex. Zw. 9) die bibli- 
schen Unterlagen der Urningsverfolgung kritisch untersucht, meint, 
dafi Paulus offenbar die „subjektiven Momenta, welche hier ins 
Gewicht fallen und eine relative Natiirlichkeit bedingen konnen, ganz 
aus dem Spiel gelassen" hatte. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daB sich die Getlankengangte 
dieser theologischen Kritiker auf eine wirkliche Kenntnis des 
einschlagigen Menschenmaterials stiitzen, und die Anschauung 
der weitaus groBten Mehrzahl der homosexuellen Manner und 
Frauen wiedergeben, die ihre Neigung als etwas empfinden, das 
sich' iaus ihrer Personlichkeit ganz unmittelbar, spontan und 
elementar ergibt. Unter 1000 Homosexuellen, denen die Frage 
vorgelegt fwurde: „Halten Sie Ihren geschlechtlichen Zustand 
fiir etwas Natlirliches oder l^aturwidriges?** antworteten liber 
950: ,,Ich halte ihn ftir etwas Natiirliches**, und fast d^eselbe 
Anzahl Homosexueller erwiderte auf die Anfrage, wie sie ihren 

^Xei'ag s^exav&rfoav sv tf/ oge^ei auTMV eig dkXtjXovg, aggeveg iv aggeatv rijv 
doxfjfioovvrjy^ xategya^ofievoi xai rr^v dvrifjiio&iav fjv sSei zijg jtXdvtjg avKOV fv 
eavTotg djtoXafifidvavreg." Nach de Wettes Ubersetzung : (v. 26) „Um 
deswUleu gab sie Gott schandlichen Liisten preis. Denn ihre Weiber 
verwandelten den natiirlichen Genufl in den unnatiirlichen : (v. 27) 
und gleicherweise verlieBen auch die Manner den natiirlichen GenuC 
des Weibes und entbrannten in ihren Begierden gegeneinander, indem 
sie Mann mit Mann Schandlichkeiten iibeten, und so den gebiihrenden 
Lohn ihres Irrwahnes an sich selber erapfingen." 

8) Wirz, Prof. Caspar, Der Uranier vor Kirche und Schrift. 
Eine Studie vom orthodox-evangelischen Standpunkt. Im „Jahrb. f. 
sex. Zw.*\ Jahrg. VI, pag. 65 ff. 

^) Homosexualitat und Bibel. Von einem katholischen Geist- 
lichen. J. f. s. Zw., Jahrg. IV, pag. 199 ff. 



Digitized by V:iOOQIC 



315 

homosexTiellen Trieb erkl&ren, daU sie ihn ftir angeboren an- 
seheu oder ihn wenigstens auf eine innere Anlage zurlickfuhren 
zu mtissen glauben. 

GewiB k5nnen die subjektiven Ansichten und Auffassungen 
der Beteiligten iiber die Entstehungsursac^he ihres sie in so 
hohem Mafle beherrschenden Triebes nicht als ausschlaggebend 
erachtet warden; ihre Meinungen soUten aber als ein nicht un- 
erhebliches Argument nicht vollig ausgeschaltet bleiben, zumal 
sich unter den Mannern und Frauen, die sidi tiber den Ursprung 
ihrer Neigung auBern, zahlreiche befinden, die es nicht an ab- 
wagender Urteilsscharfe fehlen lassen und ihrer Homosexualitat 
nichts weniger als wohlwollend gegenliberstehen. 

Wenn wir iiber die ebenso- bedeutsame wie viel erorterte 
Frage, ob die Homosexualit&t „angeboren oder erworben" ist, 
Klarheit gewinnen wollen, mttssen wir moglichst alles prlifen, 
was f ,ii r (und g e g e n beide Anteichten gesprochen wurde, um dann 
mit groBter Objektivitat zu untersuchen, was daflir und da- 
gegen spricht. 

Wir beginnen damit, eine Zusammenstellung der Grtinde zu 
geben, ^5velche fiir das Angeborensein der Homosexualitat 
ins Treffen geflihrt worden sind: 

I. Die homosexuelle Triebrichtung bricht sich Bahn, 
trotzdem von alien Seiten in Wort und Schrift, in zahllosen 
Kunstwerken die Liebe zum andern Geschlecht geriihmt und 
gefeiert wird, trotzdem oft gerade die, ftir welche die jugend- 
lichen Homosexuellen besonders schwarmen, diese Liebe nicht 
geixiigend preisen konnen, trotzdem die ganze Umgebung wie 
eine machtige Suggestion nach der entgegengesetzten Seite wirkt ; 
sie bricht sich durch, trotzdem man noch nichts von eigentlichem 
Uranismus weiB; trotzdem man das, was man gelegentlich von 
gleichgeschlechtlichen Beziehungen flustern horte, als etwas Ab- 
scheuliches empfindet. 

So schrieb mir — unus e multis — ein urnischer Schrif tsteller : 
„Die gleichgeschlechtliche Neigung trat ein, trotzdem der erste sexuelle 
AnatoQ weiblicher Art war, — eine Kindsmagd verfuhrte mich — , 
trotzdem mir das weibliche Geschlecht durch Erziehung von Jugend 
an sozusagen auf dem Prasentierteller gereicht wurde und meine 
Lektiire nur die Weiberliebe verherrlichte." 

II. Schon vor der Geschlechtsreife entwickeln sich bei dem 
Kinde, das spater homosexuell wird, charakterologische 
Zuge, die es andersgeartet erscheinen lassen als Kinder, die, 
wenn sie erwachsen sind, heterosexuell fiihlen, namentlich fallt 
ein mfidchenhaftes Wesen bei Knaben, ein knabenhaftes bei 



Digitized by VjOOQIC 



316 

Madchen in die Augen. Schrenck-Notzing^^) sieht diesen 

Nachweis als „fur die originare Anlage zur kontraren Sexual- 

empfindung" beweisend an. 

III. Schon lange vor der Pubertat fiihlen die Homosexuellen 

sich zii Personen hingezogen, die ungefahr dem Typus ent- 

sprechen, der sie spater erotisch reizt; es bleibt ihnen dabei 

vollig unbewuBt, daB es sich hier bereits um Keime ftexueller 

Empfindungen handelt. 

Von 600 Urningen, die bereits das 25. Jahr iiberschritten hatten, 
aiitworteten auf die Frage nach dem e r s t e n Auf treten gleich- 
geschlechtlicher Regungen: 

3 mit 4 Jahren 4 mit 8—9 Jahren 

22 „ 9 

6 „ 9-10 

40 „ 10 ■ 

82 „ 11 

54 „ 12 

43 „ 13 



o 
5 




5-6 




14 




6 




4 




6-7 




15 








6 


»j 


7-8 




18 


V) 


8 





a 


68 


mit 14 Jahren 




48 


»t 


15 






25 


n 


16 






14 


If 


17 






18 


?» 


18 






4 


11 


19 






6 


11 


20 






183 








272 


- 54.4 


'U 






183 


= 36,6 


% 







71 201 

Mi thin zwischen 4 und 13 Jahren 
14 „ 20 „ 

AuBerdem antworteten: 

In friihester Kindheit 5\ 
Sehr friih 16 1 

Nicht erinnerlich 24 45 = 9,0 ^/p 

500 = 100,0 o/o 

In einem anderen Untersuchungsmaterial von 930 Fallen ergaben 
sich ganz ahnliche Zahlen. 

Aus den Antworten liber das Auf treten der ersten gleichgeschlecht- 
lichen Regungen geht hervor, daB der Verfiihrung durch altera Per- 
sonen nicht die Bedeutung zukommt, die man ihr beigemessen hat. 

Keuerdings hat Stabsarzt S t i e r i^) gegen das Angeborensein 
der Homosexualitat geltend gemacht, daB unter 3000 von ihm in der 
Kinderabteilung der Nervenpoliklinik der Charit6 untersuchten ner- 
ven- und geisteskranken Kindern und Jugendlichen bis zum Alter 
von IG und 18 Jahren (darunter 400 Jugendgerichtsf alien) nicht ein 
Fall von homosexueller Perversion nachweisbar war, trotzdem er 
sein Augenmerk darauf richtete. Nur ein einziger Fall bei einem 
Hjahrigen Knaben, der aus § 175 angeklagt, vom Jugendgericht uber- 
wiesen war, kam nach den 3000 Fallen zur Beobachtung. 

Zunachst konnte dieses Ergebnis dafiir sprechen, da^ sich unter 
den Homosexuellen verhaltnismaBig sehr wenig bereits in der Kind- 
heit nervos und psychisch Kranke finden, so daB die spater bei ihnen 
haufig auftretenden Storungen des Zentralnervensy stems raehr eine 
Folge als eine Ursache der homosexuellen Veranlagung sind. Ande- 
rerseits steht aber der negative Befund der Stierschen Beobach- 
txmgen offenbar doch in Widerspruch mit der mit so seltener Cberein- 
stimmung von ungemein vielen Homosexuellen spater bekundeten An- 



JO) Loc. cit. p. 194. 

11) Dr. Ewald Stier, Zur Atiologie des kontraren Sexual- 
gefiihls. In „Monatsschrift fiir Psychiatric und Neurologic. Heraus- 
ogeben von Prof. Dr. C. Bonhoeffer." Band XXXII. Heft 3, 
912. p. 221 ff. 



!; 



Digitized by VjOOQIC 



317 

gabe, sich deutlich zu erinnern, daB sie sioh schon vor dem 
16. Lebensjahre stark zu Personen hingezogen fuhlten, die ihrer 
spateren sexuellea Grefiihlsrichtung entsprachen; nur waren sie sich 
wie sie meist binzufiigen, damals noch nicht klar gewesen, daB dabei 
schon sexuelle Momente mitspielten. Dieser Nachsatz lost den vor- 
handenen Widerspruch. Eine der Sachkenntnis ermangelnde und aucb 
tatsachlich noch im Latenzzustande befindliche Eigenschaft miiB sich 
selbsb einem scharfen Beobachter entziehen, zumal wenn es sich um 
sexualpsychologische Vorgange handelt, die, wenn ihr Charakter aus- 
nahmsweise einmal in das BewuBtsein dringt, aus Instinkt und Scham 
mindestens ebenso streng geheim gehalten werden, wie etwa die kind- 
liclie Onanie. 

Ich kann deshalb der SchluBfolgerung S tiers, daB „das tat- 
sachlich fast vollige Fehlen solcher Zustande bei Kihdern und Jugend- 
lichen** dagegen spricht, daB bei der Homosexualitat „\iberhaupt ein 
angeborener Zustand" vorliegt, keine Beweiskraft zuerkennen, weil 
die Pramissen unsicher und die Eonklusionen nicht scharf genug 
sindi2). 

IV. Fast alle homosexuellen Manner und Frauen Jconnen 
sich erinnern, daB ihr bewuflter Geschlechtstrieb sich von 
seinem ersten Erwachen an anf Personen des gleioHen 
Geschlechts richtete. Bereits v. M a g n a n , der groJJe f ranzo- 
sische Psychiater, sagt: Die Verkehrung des geschlechtlichen 
Empfindens (inversion du sens genital) zeigt sich oft schon in 
frliher Jugend, und gerade das ist charakteristisch ; nichts spricht 
deutlicher flir die ererbte Beschaffenheit dieser Anomalie, als 
ihr fruhzeitiges Auftreten.** 

V. Es spricht weiterhin flir das Angeborensein der homo- 
sexuellen Triebrichtung, dafl sidh bereits die ersten erotischen 
Traume (PoUutionstr&ume) wie auch die spateren auf Per- 
sonen jdesselben Geschlechts beziehen. 

VI. Das Angeborensein der Homosexualitat laBt sich ferner 
daraus folgern, daJi es mit dem ganzen Wesen der Pers6nlich- 
keit auf das innigste verschmolzen ist. Der homosexuelle 
Mann und die homosexuelle Frau unterscheiden sich nicht nur in 
der Richtung des Gesdhlechtstriebs von heterosexuellen Mannern 
und Frauen, sondern durch die Sonderart ihrer Individualitat. 
Dies gilt nicht etwa nur flir die femininen unter den mann- 
lichen und die virilen unter den weiblichen Homosexuellen, 
sondern auch die anscheinend mannlichen unter den homo- 
sexuellen Mahnern und die weiblichen unter den homosexuellen 
Frauen unterscheiden sich von den markanter akzentuierten 
Typen ihres Geschlechts. 

Bemerkenswert ist folgender Ausspruch eines ausiandischen, selbst 
uinischen Psychiaters: „Ich kann und mufi erklaren, dali ich nie- 

1*) Vergl. auch die Erwiderung von Dr. Burchard und mir 
in: Monatsschrift fur Psychiatric und Neurologie, herausgegeben von 
Bonhoeffer, Bd. XXXII, Heft 6 (1912), p. 549 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



318 

mals einen Fall von Homosexualitat kennen gelernt habe, dem ich 
nicht das Pradikat „aQfi;eboren" hatte beilegen mussen. In alien 
von mir untersuchten Fallen — sobaJd die Betreffenden sich natiirlich 
eaben und ihren SuBerlich zur Schau getragenen „Normalmenschen" 
Deiseite lieBen — war die Homosexualitat etwas so sehr dem ganzen 
Wesen des Einzelnen Entsprechendes, dem Individuum Adaqnates, 
daB mir jede andere Auffassung als die einer angeborenen sozasagen 
psychisch konstitutionellen Amage geradezu unmoglich erschien. 

VII. Dafiir, daB der homosexuelle Trieb nicht erworben, 

Bondern angeboren ist, spricht auch. seine Festigkeit. Ware er 

durch auBere Anlllese entstanden, dann, so* mllBte man folgern, 

wlirde er auch einmal 'durch auOere Einfllisse znm Schwinden 

gebracht werden konnen. Es mtifiten nicht nur Heterosexuelle 

hofmosexuell, Bondem auoh einmal Homosexuelle heterosexuell 

werden k5nnen. Beides steht mit den Ergebnissen einer sehr 

reichlichen Erfahrung in Widerspruch. Hingegen steht es fest, 

daB Manner und Frauen von ungew5hnlich starker Willens- und 

Geisteskraft trotz grfiBter Mtihe auBerstande waren, die Rich- 

tung lihres Oesdhlechtstriebes umzu^ndern. 

Zwei Beispiele aus vielen ahnlicben Zuschriften mogen das Ge- 
sagte bestatigen: Ein Homosexueller aus der Schweiz scnreibt: „Von 
Jugend an bin ich hartnackig gegen mich angegangen und habe mir 
die grofite Miihe gegeben, meine Neigun^en zu beherrschen. Bs ge- 
lanR mir hie und da, aber leider machte ich stets dieselbe Erfahrung; 
je mnger ich anscheinend siegreich den Trieb unterdruckte, um so 
heftiger kehrte er auf einmal zuriick. Hauptsachlich geschieht dies 
naohts beim plotzlichen Erwaohen, wenn die Willenskraft durch den 
Schlaf vermindert ist. Was habe ich nicht alles angewandt: feste 
Entschliisse und Gelubde, Irzte zu Rate gezogen, Wassarkuren, Hyp- 
nose und Elektrizitat, systematische Ablenkung der gefahrliohen Qe- 
danken durch korperliche Cbungen, Ackerbau, Reisen, Militardienst, 
Studien, Lesen usw. Ich opferte geliebte Gegenstande ; weder Religion 
nooh Philosophic waren mir behilflich. Ich litt stark an Lebens- 
uberdruU. Vier Jahre war ich leidenschaftlich in einen jungen Mann 
^leichen Alters verliebt, bis derselbe im 24. Jahre starb, ohne daB ich 
ihm jemals eine AuBerung machen durfte. Es war ein HoUenleben." 
Und ein umischer Arbeiter auBert sich wie folgt: „Durch meine sehr 
from me Mutter stark zur Religion erzogen, habe ich nach Erkenntnis 
meines seelischen Zustandes Gott in heiBen Gebeten angefleht, er 
solle mir in meiner Not einen Ausweg zeigen. Als ich sah, daB sich 
trotz eiserner Beherrschung! und ungeheurer Kampfe mein Zustand nicht 
anderte. habe ich mein Gottvertrauen verloren." 

VIII. Piir das Angeborensein sind ferner zwei wichtige 
Analogieschltisse anzuftihren. Der eine bezieht sich auf 
die absolute €bereinstimmung der homosexuellen mit der hetero- 
sexuellen Geflilhlsrichtung in alien ihren seelischen Begleit^ 
erscheinungen, ihrem Suchen und Sehnen, Freuden und Leiden, 
ihren Formen, ihrer oft so idealen und oft nichts weniger als 
idealen Gestaltung, in ihrer ungemein groBen Differenziert- 
heit und ihren eamtlichen Anomalien. Nehmen wir an, daB 
die Liebe zum andern Gesohlecht dem grdBten Teil der Men- 



Digitized by VjOOQIC 



319 

schen als von Natur eigen angeboren ist, so dlirfen wir aus 
iliren so analogen Erscheinungen folgern, daJJ bei einem feleine- 
ren Teil der MenscKheit auch die homosexuelle Liebe dieselbe 
Drsache hat. 

Wie soil man sich wohl anders als durch die innere Triebrichtung 
die Erweckiing folgenden G^efiihlskomplexes, wie er uns ahnlich in 
vielen Hunderten von Schilderungen entgegentritt, vorstellen: ,,Eiirz 
bevor ich meine Natur entdeckte", sohreibt ein Urning, „hatte ich 
mein Herz an einen Unteroffizier der Artillerie verloren, einen Mann 
von stolzer, herrlicher Schonheit. Er wohnte ganz in meiner Nahe. 
Als ich ihn zum ersten Male auf der Stra0e sab, blieb ich wie festee- 
wurzelt stehen und blickte ihm nach, bis er mir entschwand. von 
nun an sah ich ihn ofter und wie sehnte ich mich nach diesen Be- 
gegnungen, und wenn er kam, wie stockt'e mir der Atem, die Kehle 
war mir wie zugeschniirt. Gingen wir entgegengesetzt, dann kehrte 
ich imi und folgte ihm, mit den Blicken die wunderbare Gestalt ver- 
schlingend. Ich fand bald heraus, um welohe Zeit er ungefahr abends 
aus der Kaserne nach Hause kam. Ich saB dann am Fenster ,und 
wartete geduldig, (ein moderner Toggenburg), um ihn bloB fiLr einige 
Sekunden zu sehen. Wenn sich seine Heimkehr verz^erte, saB ich 
so wohl eine Stunde und langer, ein Buch oder eine Zeitung in der 
Hand, bei jedem Sabelklirren zusammenfahrend. Oft fiirchtete ich, er 
konne mein Benehmen bemerken, aber nein, gleichgultig streifte mich 
sein Blick wie jeden beliebigen anderen Menschen, wenn ich an ihm 
voriiberging. So ging es viele Jahre, ohne dafi ich je gewagt hatte, 
seine Bekanntschaft zu machen." 

IX. Die zweite Analogic, aus welcher der Ursprimg der 
Homosexualitat als angeboren gefolgert werden muB, ist fol- 
gende. Alle Geschlechtsunterschiede zeigen Abweichungen von 
der mannlichen oder weiblichen Durchschnittsform. 

Diese intermediaren Typen sind hinsichtlich der Geschlechts- 
organe: die Hermaphroditen, hinsichtlich der iibrigen korperlichen 
Geschlechtsunterschiede: die Androgynen, in bezug auf den Ge- , 
schlechtstrieb ; die Homosexuellen und in bezug auf (ue ubrigen seeli- 
schen Unterschiede : die Transvestiten. Stellen nun die drei Gruppen 
der Hermaphroditen, Androg3men und Transvestiten eingeborene Er- 
scheinungen dar, bedingt cfidurch, daU fiir gewohnlich im Embryo- 
nalleben atrophierende Komponenten zur Entwicklung gelangen, so 
ist wohl zu folgern, dafi dies auch fur die vierte Gruppe zutrifft. 

Ich zitiere hier folgende Stelle aus „Der urnische Mensch" i^) : 
„Es ist ein Beweis fiir das Natiirliche und Urspriingliche einer Er- 
scheinung, wenn sich dieselbe in eine fortlaufende Reihe verwandter 
Naturerscheinungen so einfiigt, daU ihr Mangel geradezu einen Aus- 
fall in der liickenlosen Linie bedeuten wurde. Fiir die Erscheinung 
der Homosexualitat trifft dies im vollsten Umfange zu. Es ware sehr 
merkwurdig, wenn von den flieUenden Ubergangen, die sich an jedcm 
Organ, an jeder Funktion von einem zum anderen Geschlechte fiihrend 
nachweisen lassen, der Geschlechtstrieb ausgenommen ware. Wenn 
samtliche mannliche Eigenschaften gelegentlich vereinzelt oder in 
groBerer Anzahl bei einem Weibe und umgekehrt samtliche weiblichen 
beim Manne auftreten konnen, woran auch nicht mehr der mindeste 
Zweifel bestehen kann, so wiirde es etwas Aufierordentliches sein, wenn 
der Geschlechtstrieb hier die einzige Ausnahme bilden sollte." 

") p. 126. 



Digitized by VjOOQIC 



32a 

X. Dafl die Homo^exualitat auf angeborener Basis beruht, 
geht ferner daraus hervor, dafl sich in der Blutsverwan,dt- 
8 c h a f t homosexueller Manner und Frauen vielfaeh ebenso ver- 
anlagte Personen oder doch solche befinden, die ausgesprochenen 
Zwischenstufeneharakter tragen. 

V. R 6 m e r 1*) sagt : „In mindestens 35 o/o der Falle tritt der 
Uranismus familiar auf." 

Ich fand nicht ganz so hohe Ziffern, doch immerhin so betracht- 
liche — 23,2o/o — , dafi kein zufalliges Zusammentreffen obwalten kann. 
In nahezu der Halfte der Falle handelt es sich um Bruder und 
Schwester. Unter 58 urnischen Geschwistern, die mir personlich oder 
dem Namen nach bekannt sind, finden sich 26mal Bruder und 
Schwester, 21 mal homosexuelle Briider, darunter 2 mal Zwillingsbriider, 
3 mal homosexuelle Schwestern, 6 mal 3, 1 mal 4, 1 mal 5 urnische 
Geschwister. 29 mal sind samtliche (2, 3 und 5) Kinder homosexuell, 
in 7 Fallen hat sich ein Bruder wegen Homosexual i tat das Leben ge- 
nommen. Im Falle der 5 urnischen Geschwister berichtet der alteste 
Bruder, ein mir personlich bekannter tuchtiger Schrif tsteller : „Meine 
vier jiingeren Geschwister, eine Schwester und 3 Briider, sind wie ich 
veranlagt. Mein zweiter Bruder nahm sich mit 28 .Tahren das Leben. 
Er verlobte sich, glaubte aber nach kurzer Zeit das Madchen nicht 
wirklich lieben und befriedigen zu konnen, wurde krankhaft, miB- 
trauisch gegen seine Umgebung, von der er sich in seiner Anomalie 
durchschaut glaubte, und erhangte sich in einem Sanatorimn. . Wir 
Geschwister sind samtlich von der Mutter her sehr musikalisch und 
schongeistiK veranlagt, die Mutter war eine kluge energische Frau 
von vorziiglichen Gemiitseigenschaften. In ihrem Gesicht lag ein 
manulicher Zug. Sie starb im 60. Jahr an Unterleibskrebs Der Vater 
skrofulos, schwerhorig, willensschwach, er starb im 68. Jahr nach 
laiigjahrigem Riickenmarksleiden. Die Mutter meines Vaters hatte 
in ihrem Tun ebwas entschieden Mannliches und hatte im Alter einen 
Bart." In der von Krafft-Ebing mitgeteilten Geschichte des 
Kaufmannes G. i^) heiBt es : „Ein alterer Bruder des G. ist kontrar- 
sexual. Auch von zwei Schwestern, die friih starben, ist dies zu 
vermut-en, weil sie nie mit jungen Burschen verkehrten und man sie, 
statt in der Kiiche, im Stalle usw. und am liebsten Mannerarbeit ver- 
richten sah." 

In einer rheinischen Stadt befinden sich unter 7 Geschwistern 
5 homosexuelle Bruder, alle von auBerer Kraft strotzende Personlich- 
keiten, und eine homosexuelle Schwester. Der sechste Bruder ist 
schwerer Dipsomane und angeblich asexuell. 

Oft sind die urnischen Geschwister getrennt voneinander auf- 
gewachsen. So berichtet ein hochst femininer Urning von russischer 
Abkunft, der in Deutschland erzogen wurde: „Meine einzige Schwester, 
von der ich seit Kindheit getrennt bin, hat fast alle Vorziige eines 
Mannes, sie studiert in Petersburg Medizin, raucht und treibt sehr 
viel Sport; sie schwarmte in der Schule sehr fiir ihre Lehrerin und 
lebt mit einer Studiengenossin in enger Freundschaft zusammen." 

Viele homosexuelle Geschwister erkennen sicli als solche erst 
sehr spiit, manche iiberhaupt nicht, auch kommt es vor, dafi nur der 
eine von dem anderen Kenntnis hat, nicht aber umgekehrt. So er- 
fahrt jemand von der Veranlagung seines Bruders dadurch, dafi er etwa 
mit dem Gesetz in Konflikt kommt, oder in sonstige Ungelegenheiten 

1*) L. S. A. M. V. R o m e r , Die urnische Familie, Untersuchunpen 
iiber die Ascendenz der Uranier. Amsterdam. 

15) Der Contrarsexuelle vor dem Strafrichter. p. 45. 



Digitized by VjOOQIC 



321 

geraten ist, wahrend der „Verungluckte** von der Homosexualita.t des 
anderen nichts erfahrt. Oft sind es seltsame Zufalle, die zur Ent- 
deckung fiihren. Ein Beispiel fiihrte ich bereits an, in dem die ge- 
legentliche Rekognoszierung eines Verwandtenbildes durch eineH Dritten 
das Geheimnis enthiillte. Mehr als einmal hat es sich ereignet, dafi 
auf verborgenen Treffplatzen Homosexueller vollig ahnungslose Ver- 
wandte einander begegneten. 

Nicht selten ist auch eines der Geschwister liomosexuell, ein 
anderes trans vestitisch, oder ein homosexueller Bruder hat eine viril 
aktivistische Schwester, oder eine Urninde einen passivistisch femi- 
ninen Bruder. Erst vor kurzem suchte mich die Witwe eines Offiziers 
vor ihrer Wiederverheiratung auf, die mit Vorliebe als Mann geht. Ein 
Bruder von ihr ist homosexuell, ohne trans vestitische Neigungen. 
Das Gemeinsame in alien solchen Fallen sind alterosexuelle Ein- 
schliige der Geschwister, die unendlich variieren. M o 1 1 1^) erwahnt 
einen ihm bekannten Urning, der, obschon er bereits Mitte der 20er 
Jahre steht, fast gar keinen Bart hat, und in dessen Familie, obwohl 
sich in ihr kontrare Sexualempfindung nicht zu finden scheint, all- 
gemein nur schwacher Bartwuchs vorkommt. 

In dem Gutachten Birnbachers iiber die Sarolta Vay heifit es 
p. 15: „. . . als eine letzte Beilage moge auf eine Photographie ihres 
nun 26jahrigen Bruders Peter hingewiesen werden, welche die Ge- 
richtsarzte den Herren Untersuchungsrichtern vorzuzeigen Gelegen- 
heit hatten, die den kleinen jungen Herrn in Magnatenuniform ganz 
mit dem bartlosen, kindlichen Gesichte einer schonen jungen Dame 
zur Darstellung bringt." VerhaltnismaJJig haufig sind auch lietero- 
sexuelle Geschwister von Homosexuellen mit Homosexuellen verheiratet. 

Relativ oft finden sich auch Homosexuelle in der Vetternschaft. 
In einer europaischen Fiirstenfamilie, welche im Jahre 1880 14 mann- 
liche Mitglieder zahlte, fanden sich nachweislich vier, wahrscheinlich 
sogar sechs Urninge. Ich kenne auch Falle, aber sie scheinen seltener 
zu sein, wie die unter Geschwistern und Vettern, in denen ein homo- 
sexueller Vater, und auch solche, in denen eine homosexuelle Matter 
einen oder mehrere homosexuelle Sohne und Tochter besitzen. Nicht 
selten sind auch Onkel und Neffe homosexuell. 

So gab es in Trouville einen homosexuellen SchieCbudenbesitzer, 
der zwei erwachsene homosexuelle Sohne hatte. AUe drei wufiten 
voneinander. In einem urnischon Absteigequartier Berlins spielte sich 
im letzten Sommer der folgende Vorgang ab. Ein alterer Auslander 
fuhr eines Vormittags dort vor, um seinen Besuch fiir den Abend an- 
zumelden. Er befande sich mit seiner Familie auf einige Tage in 
Berlin und hatte sich unter allerlei Vorwanden fiir den Abend frei- 
gemacht. Der Wirt versprach fiir die bestimmte Zeit ein Zimmer 
zu reservieren und teilte dem ihm bereits seit langem bekannten 
und geschatzten Kunden mit, er wiirde ihm heute jemand vorstellen, 
von dem er glaube, daC er dem Geschmack des Herrn ganz besonders 
gut entsprache, einen jungen, eleganten Mann, Anfang der Zwanzig, 
der Herren mit Vollbart liebe, keine Geldsache ; dieser hatte sich 
schon diesen Morgen vor 7 Uhr friih ebenfalls etwas fiir den Abend 
bestellt. In gespannter Erwartung betritt der Fremde das Haus, an 
der "VVohnungstiir raunt ihm der Wirt zu. dali der junge Herr — auch 
ein Auslander — schon da sei. Wer aber beschreibt sein Erstaunen 
und Entsetzen, als in dem Jiingling, „der alt liebt", ihm sein eigener 
ebenso ahnungsloser Sohn entgegentritt. 

Bei einem alteren Uranier in Miinchen sprach eines Tages ein 
Herr aus einer kleinen Sbadt vor. Er kam auf Empfehlung eines 



i«) Moll, Kontr. Sex. pag. 153. 
Hirschfeld, Homosexuaiitflt. 2 1 



Digitized by V:iOOQIC 



geineinsameii Freundes aiis der Provinz. Ais im Verlaufe der Untei*- 
haltung der alte Mann zu dem Besucher, der ihm gefiel, zaxtlich 
wurde, bemerkte dieser, sich straubend: „Ich hatte Sie mir nach der 
8childerung meines Freundes viel jiinger verges tellt." „Ach," meinte 
der Miinchener, „dann gilt die Empfehlung gewiB meinem Sohne, der 
ist auch so, aber leider verreist." 

Eine homosexuelle Dame, welche mit einer sehr virilen tJrninde 
im f eaten Verhaltnis lebt, hat einen 19 jahrigen Sohn, der sich ftLr 
einen Uming halt, imd es allem Anschein nach auch ist. Die Mutter dieser 
Dame war zweifellos ebenfalls homosexuell. Ihr etwas femininer, aber 
nicht homosexueller Gatte, Kunstler von Beruf, nimmt an der ihm 
bekannien Homosexualitat seiner Frau keinen AnstoB, nennt ihre 
Freundin sogar seine Schwagerin. 

XI. DalJ die Homosexualitat in der Organisation des 
genus humanum belegen ist, findet auiJerdem eine Bestatigung in 
ihrer gleichmaBigen Verbreitung in alien Jahrhunderten, unter 
alien Himmelsstrichen, bei alien Volkern, unter alien Beruf en 
und innerhalb aller Kulturstufen. Ja, es scheint bei alien 
getrenntgesehlechtlichen Lebewesen, auch im Tierreich und Pflan- 
zenreich, stets eineGruppe von Einzelwesen zu geben, die nicht 
von andersgeschlechtlichen, sondern von gleichgeschlechtlichen 
Partnern angezogen werden. 

Schopenhauer, der im ubrigen den Ursachen und dem Wesen 
der Homosexualitat ein fiir seinen so groBen Geist erstaimlich ge- 
ringes Verstandnis entgegengebracht hat, legte auf diese Ubiquitat 
besonderen Nachdruck, um zu beweisen, „daB sie irgendwie aus der 
menschlichen Natur selbst hervorgehen miisse". Wir geben diese 
Stelle, welche sich in dem „Metaphysik der Geschlechtsliebe" iiber- 
schriebenen Abschnitt von der „Welt als Wille und Vorstellung" 
findet, im Wortlaut wieder. Sie lautet: „Auf Seite 620 habe ich der 
Paderastie beilaufig erwahnt und sie als einen irre geleiteten In- 
stinkt bezeichnet. Dies schien mir, als ich die zweite Auflage be- 
arbeitete, geniigend. Seitdem hat wei teres Nachdenken iiber diese Ver- 
irrung mich in derselben ein merkwiirdiges Problem,, jedoch auch 
dessen Losung entdecken lassen. ... An sich selbst betrachtet nam- 
lich stellt die Paderastie sich dar als eine nicht bloB widernaturliche, 
sondern auch im hochsten Grade widerwartige und Abscheu erregende 
Monstrositat, eine Handlung, auf welche allein eine vollig perverse, 
verschrobene und entartete Menschennatur irgend einmal hatte ge- 
raten konnen, und die sich hochstens in ganz vei*einzelten Fallen 
wiederholt hatte. Wenden wir nun aber uns an die Erfah- 
rung, so find en wir das Gegenteil hiervon: wir sehen 
namlich dieses Laster, trotz seiner Abscheulichkeit, zu alien Zeiten 
und in alien Landern der Welt vollig im Schwange und in liaufiger 
Ausiibung. Allbekannt ist, daB dasselbe bei Griechen und Romern 
allgemein verbreitet war, und ohne Scheu und Scham offentlich ein- 
gestanden und getrieben wurde. Hiervon zeugen alle alten Schrift- 
steller, mehr als zur Geniige. Zumal sind die Dichter samt und senders 
voU da von : nicht einmal der keusche Virgil ist auszunehmen 
(Eel. 2.). Sogar den Dichtern der Urzeit, dem Orpheus (den des- 
halb die Manaden zerrissen) und dem Thamyris, ja, den Gottern 
selbst, wird es angedichtet. Ebenfalls reden die Philosophen viel 
mehr von dieser als von der Weiberliebe : besonders scheint P 1 a t o n 
fast keine andere zu kennen und ebenso die Stoiker, welche sie als 
des Weisen wiirdig erwahnen (S t o b. eel. eth., L. II, c. 7). Sogar 
dem Sokrates riihmt Platen, im Symposion, es als eine bci- 



Digitized by VjOOQIC 



323 

spiellose Heldentat nach, daB er den, sich ihm dazu anbietenden 
^Mbiades verscnmS>ht habe. In Xenophons Memorabilien spricht 
Sokrates von der Paderastie als einer untadelhaf ten, sogar lobens- 
werten Sache (Stob. Flor., Vol. 1, p. 67). Ebenso in den Memo- 
rabilien (Lib. I. cap. 3. § 8\ woselost Sokrates vor den Ge- 
fahren der Liebe wamt, spricht er so ausschliefilicb von der Knaben- 
liebe, daB man denken soUte, es gabe gar keine Weiber. Auch Ari- 
stoteles (Pol. II., 9), spricht von der Paderastie als etwas Ge- 
wohnlichem, ohne sie zu tadeln, fiihrt an, daB sie bei den Kelten in 
offentjichen Ehren gestanden habe, und bei den Kretem die Gesetze 
sie begiinstigt batten, als Mittel gegen tJbervolkerung, erzahlt (c. 10) 
die Mannernebschaf t des Gesetzgebers Philolaos usw. Cicero 
sagt sogar: Apud Graecos opprobrio fuit adolescentibus, si amatores 
non haberent. Fiir ^elehrte Iieser bedarf es hier uberh^fupt keiner Be- 
lege: sie erinnem sich derer zu Hunderten: denn bei aen Alten ist 
alles voll davon. Aber selbst bei den roheren Volketn, namentlich 
bei den Galliern, war das Laster sehr im Schwange. Wendon wir 
uns nach Asien, so sehen wir alle Lander dieses Weltteils, und zwar 
von den friihesten Zeiten an bis zur gegenwartigen herab, von dem 
Laster erfiillt, und zwar ebenfalls, ohne es sonderlich zu verhehlen: 
Hindu und Chinesen nicht weniger als die islamitischen Volker, deren 
Dichter wir ebenfalls viel mehr mit der Knaben- als mit der Weiber- 
liebe beschaftigt finden; wie denn z. £. im Gulistan des Sadi das 
Buch „von der Liebe" ausschlieBlich von jener redet. Auch den 
Hebra^m war dieses Laster nicht unbekannt, da Altes imd Neues 
Testament desselben als strafbar erwahnen. Im christlichen Europa 
endlich hat Religion, Gesetzgebung und offentliche Meinung ihm mit 
aller Macht entgegenarbeiten mussen: im Mittelalter stand iiberall 
Todesstrafe darauf, in Frankreich noch im 16. Jahrhundert der Feuer- 
tod, und in Englaind wurde noch wahrend des ersten Drittels dieses 
Jahrhunderts die Todesstrafe unnachlaBlich voUzogen; ietzt ist es 
Deportation auf Lebenszeit. So gewaltiger MaBregeln also bedurfte 
es, um dem Laster Einhalt zu tun; was denn zwar in bedeutendem 
MaBo gelungen ist, jedoch keineswegs bis zur Ausrottung desselben; 
sondern es sohleicht unter dem Schleier des tief- 
sten Geheimnisses allzeit und uberall umher, in 
alien Landern und unter alien Standen, und kommt, oft wo 
man es am wenigsten erwartete, plotzlich zutage. Auch ist es in den 
fruheren Jahrhunderten, trotz alien Todesstrafen, nicht anders damit 
gewesen; dies bezeugen die Erwahnungen desselben und Anspieliingen 
darauf in den Schriften aus alien jenen Zeiten. — Wenn wir nnn alles 
dieses uns vergegenwartigen und wohl erwagen; so sehen wir die 
Paderastie zu alien Zeiten und in alien Landern auf eine Weise auf- 
treten, die gar weit entfernt ist von der, welche wir zuerst, als wir 
sie bloB an sich selbst betrachteten, also a priori, vorausgesetzt 
hatten. Namlich die ganzliche Allgemeinheit und be- 
harrliche Unausr ot tbar kei t der Sache beweist, daB 
sie irgendwie aus der menschlichen Natur selbst her- 
V o r ^ e h t ; da sie nur aus diesem Grunde jederzeit und iiberall unaus- 
bleiblich auftreten kann als Beleg zu dem naturam expelles furca., 
tamen usque recurret. Dieser Folgerung konnen wir daher uns schlech- 
terdings nicht entziehen, wenn wir redlich verfahren woUen. 0ber 
diesen Tatbestand aber hinwegzugehen und es beim Schelten und 
Schimpfen auf das Laster bewenden zu lassen, ware freilich leicht, 
ist jedoch nicht meine Art mit den Problemen fertig zu werden; son- 
dern meinem angeborenen Berufe, iiberall der Wahrheit nachzuforschen 
und den Dingen auf den Grund zu kommen, auch hier getreu, .,er- 
kenne ich zuerst das sich darstellende und zu erklarende rhanomen, 
nebst der unvermeidlichen Folgerung daraus, an. DaB nun aber etwas 
so von Grund aus Naturwidriges, ja, der Natur gerade in ihrem wich- 

21 ♦ 



Digitized by V:iOOQIC 



324 

tigsteu unci angelegensten Zwecke Entgegentretendes aus der Natur 
selbst hervorgehen sollte, ist ein so unerhortes Paradoxon, daB dessen 
Erklarung sich als ein schweres Problem darstellt, welches ich je- 
docli jetzt, durch Aufdeckung des ihm zugrunde liegenden Natur- 
geheimnisses, losen werde." 

In wie unzureichender Weise Schopenhauer diese Lo- 
sung gelang, werden wir weiter unten sehen. 



Digitized by VjOOQIC 



ACHTZEHNTES KAPITEL. 

Griinde gegen das Angeborensein der Homosexualit&t 

Der letzte Beweis flir das Angeborensein der Homosexuali- 
tat ist per exclusionem zu erbringen. S&mtliche Griinde, die 
von den Autoren, welche annehmen, daJJ heterosexuelle 
Menschen die Homosexualit^t erwerben konnen, als Ent* 
stehungsursache der veranderten Triebrichtung angegeben wer- 
den, erweisen sich an Hand ausreichenden Beabachtungs- 
materials als nicht stichhaltig. Es sind gegen 100 verschiedene 
Motive, auf die in einer sehr umfangreiclien Literatur die 
Homosexualit&t zurtickgeftihrt worden ist. Keiner dieser Griinde 
halt aber einer sorgsamen Nadhprlifung stand, so daB eine 
unvoreingenommene Untersnchung dieser angeblidh so ausschlag- 
gebenden Faktoren zu dem Ergebnis fiihren muB, dafl eohte 
Homosexualitat nicht dnrch ^ufiere Momente erworben werden 
kann, sondem stets eine absolut endogene, aus- 
schlieBlieh in der angeborenen Konstitution be- 
grtindete, mit der Individualit&t eines Menschen 
untrennbar und unabanderlich verknii'pfte 
Eigenschaft ist. 

Bereits in meinem ersten Schriftchen, das ich dem Gegenstande 
der Homosexualitat widmete i), bemerkte ich g^enuber K r a f f t - 
E b i n g : „Deshalb sind wir im Gegensatz zu Frhr. v. Krafft- 
E b i n g , dem auf diesem Gebiet so hochverdienten Autor, der Mei- 
nimg, daB es Falle erworbener kontrarer Sexual empfindung nicht 
gibt." — „Das BewuCtwerden eines Triebs darf nicht mit seinem 
Auftreten verwechselt werden. Es gibt allerdings viele Manner und 
Fj*auen, denen erst nach ihrer Verheiratung klar wurde, daB sie 
eigentlich zum eigenen Geschlecht empfanden. Selbst K r a f f t - 
Ebing hebt hervor, daB ohne das pradisponierende Moment der 
Belastung weder Onanie noch eine beliebige andere Ursache jemals 
zu kontrarer Sexualempfindung fiihren konne. Er gibt damit zu, 
daB der angeborene Faktor unentbehrlich ist. Es ware daher 
am besten, man lieBe den Unterschied zwischen an- 



*) Sappho und Sokrates. Wie erklart sich die Liebe der 
Manner una Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? Von Dr. 
Magnus Hirschfeld. Leipzig 1896, pag. 20f. 



Digitized by VjOOQIC 



326 

geborener und erworbener kontrarer Sex ual e m pf i n - 
dung, wie ihn ein Autor vom anderen ubernimmt, vollkommen 
fallen. Das „Erwerben" ist lediglich ein Manifest werden, ein Er- 
wachen des Triebs ganz analog den Umstanden, die zu AuBerungen des 
normalen Triebs fiihren. Die meisten wiirden, wenn sie konnten, 
hier freilich lieber G o e t h e s Rat : 

Was du e r e r b t von deinen Vatern hast, 

E r w i r b es, um es zu besitzen, 
unbefolgt lassen." 

Es ist nunmehr unsere Aufgabe, im einzelnen die Grunde 
diirchzugehen, fwelche von den Anhangern der Erwerbstheorie 
angefiihrt worden sind. I wan B loch hat das groUe Ver- 
dienst, in einer seiner giiindlichen Arbeiten^) allein liber 1B0 
,,occasionelle Momente'' zusammengestellt zu haben, aus denen 
nach einer friiher allgemein verbreiteten und auch jetzt noch 
keineswegs erloschenen Ansicht „die gleichgeschlechtliche Liebe 
ohne jede originare Anlage entspringen kann'\ Das Un- 
zureichende fast aller dieser Motive geht daraus hervor, daQ 
es wohl iiberhaupt keinen Menschen gibt, der nicht im Leben 
einem oder mehreren der genannten Faktoren nachdrticklichst 
und wiederholt ausgesetzt war. Tatsachlich wird von diesen 
aber nur ein kleiner Teil homosexuell. Der Grand hierftir kann 
nur in der verschieden gearteten Psyche der Be- 
teiligten gefunden werden, nur die unterschiedliohe Konsti- 
tution kann bewirken, daB sich Menschen denselben Umstanden 
gegeniiber so unterschiedlich verhalten. Deshalb ist das 
Wesentliche die angeborene Beschaf f enheit. G^- 
rade dafi diese auBeren Eindriicke mit solcher Leichtdgkeit 
Homosexualit&t erzeugen, beweist, eines wie geringen AnstoQes 
es bedarf, den vorhandenen Trieb zu erregen. 

Es entspricht vollkommen den Tatsachen, wenn R. Loewen- 
feld') sagt: „Unter alien den okkasionellen Schadlichkeiten, die 
nach den bisherigen Ermittelungen fiir die Ablenkung des Geschlechts- 
triebes in die homosexuelle Bahn in Betracht kommen konnen, findet 
sich keine einzige, die mit RegelmaBigkeit die Inversion nach 
sich zieht. Den gleichen Schadlichkeiten sind zahlreiche Individuen 
im Laufe ihres Lebens ausgesetzt gewesen, deren Geschlechtstrieb 
den heterosexuellen Charakter bewahrt hat. Auch bei hereditar neuro- 
pathisch veranlagten Personen konnen die fraglichen Schadlichkeiten 
ohne EinfluB auf die Richtung des Sexualtriebes bleiben." Es gibt 
nach £ 1 o c h s „Atiologie der Psychopathia sexuaHs" *) fast nichts, 
was nicht schon als Entstehungsursache der Homosexualitat in Be- 
tracht gezogen wurde. Unter den Dingen, die durch ihre Einwir- 
kung Homosexualitat erzeugen sollten, befinden sich vielfach die voll- 



2) I wan Bloch, Beitrage zur Atiologie der Psychopathia sexu- 
alis. Dresden 1903. 

') Loewenfeld, Homosexualitat und Strafgesetz, pag. 18 f. 

*) Die hinter den Griinden eingeklammerten Seitenzahlen beziehen 
sich auf Blochs „ Beitrage zur Atiologie d. Psych, sex." 



Digitized by VjOOQIC 



327 

kommensten Gegensatze. So wird als Ursache der Homosezualitat 
angefuhrb bald zu heiBes (Bd. L S. 21 und 174) bald zu rauhejS 
(S. 33) •Klima, Askese (S. 97) und tJbersattigung (S. 67, 221), Ebe- 
losigkeit (S. 61) und Vielweiberei (S. 170), Jugend (S. 52) und 
Greisenalter (S. 53), mangelnder (S. 38) und iibermafiiger (S. 68) 
Geschlechtstrieb, Verehrung (S. 74) und Veracbtung (S. 96) der 
Korperschonheit, Anblick des bekleideten (S. 141) und des nackten 
Korpers (S. 186, 221), Leben in Arbeiterwobnungen (S. 179) und bei 
Hofe (S. 179), in Fabriken (S. 184) und auf dem Lande (S. 51). 
SadgerS) erklart einmal, dafi „die regelmaBig zu findende Atiologie 
der passiven Paderastie" — das haufige Klistiertwerden durcb die 
Mutter sei. 

Als weitere atiologisobe Momente, welche bei normalsexuellen 
gesunden Menschen zur Homos ex ualitat fiihren konnten, werden Be- 
rufe angegeben, die mebr dem weiblicben Charakter entsprecben wie 
die der Koche, Friseure, Damenschneider, Damenkomiker (S. 65), sehr. 
lebhafte oder irregeleitete Pbantasie (S. 70), besonders beim Kiinst- 
ler (^S. 74), religioser Affektzustand (S. 78 ff.), Abnormitaten der 
Genitalien (S. 126), iibermaBige Kleinheit des membrum virile, abnorme 
Weite Oder Kiirze der Vagina (S. 172), Gonorrhoe (S. 127), Kastraten- 
und Eunuchentum (S. 128), korperlicber Hermaphroditismus (S. 130), 
Onanie (S. 132), chronischer Alkoholismus (S. 137), OpiumgenuJJ 
(S. 138), Hasohischgebrauch (S. 138), Effemination in Tracht und 
Sitte (S. 161), Bediirfnis nach Variation in den sexuellen Beziehungen, 
welches sicb zum geschlechtlichen Reizhunger steigem kann (S. 166), 
Wustlingtum, Don-Juanismus, MiiBiggang imd Blasiertheit (S. 171), 
Verfiihrung, besonders duroh Aufsicntspersonen (S. 174) und in Bor- 
dellen (S. 177), sowie durch andere Urninge (S. 238), Zusammen- 
wohnen gleichgeschlechtlicher Personen in Kasernen (S. 179), Schulen 
Pensionaten (8. 180), Kadettenbausern, Harems (S. 182), Moncbs- 
und Nonnenklostern, Gefangnissen (S. 183), groBen Hotels (S. 184) 
und Theatern (S. 185), die offentlichen Bediirfnisanstalten !(S. 185), 
der Anblick tierischer Geschlecbtsakte, sowie das intime Zusammen- 
leben mit Tieren (S. 186), die erotische und obszone Literatur (S. 186), 
.,auch nichb obszone Werke wie die Bibel und die Schriften der 
Kirchenvater" (S. 189), der Anblick geschlechtlich erregender Kunst- 
werke (S. 200), die Betrachtunjg des eigenen Spiegelbildes (S. 201), 
obszone Photographien (S. 202 ft.) und Bilder (S. 202), obszone Tato- 
wierungeu (S. 210), ferner Besuch von Museen mit antiken und 
modemen Statuen, noch mehr aber der anatomischen Museen mit 
piastischen Nachbildungen mannlicher und weiblicher Geschlecbts- 
teile (S. 210), sowie der offentlichen Kunstausstellungen (S. 212), 
auch Balletts, Tanze, gewisse Darbietungen im Zirkus, Spezialitaten- 
theater, lebende Bilder, Poses plastiques heroischer oder idyllischer 
Natur, sowie der Anblick von Mannern in Damen- und Madchen in 
Mannerkleidem (S. 214), weiterhin die zufallige Beobachtung mann- 
licher Genitalien, z. B. des vaterlichen Membrums (S. 2*21), eigene 
abstoBende HaBlichkeit (S. 222), Furcht vor venerischen Leiden 
(S. 223), abnorme Beschaffenheit der Analgegend (S. 224), Analmastur- 
bation (S. 224), Flagellation der Analgegend (S. 227), Annahme mann- 
licher Lebensfuhrung, namentlich bei Prostituierten (S. 232), umge- 
kehrt weibliche Angewohnheiten bei Mannern (S. 233), die Mysogynie 
des Lebemannes (S. 235), die mannliche Prostitution (S. 241). Als be- 
soudere Ursachen der weiblicben Homosexualitat werden angefiihrt 
die „mutuelle Masturbation der Clitoris cum digito et lingua" (S. 244), 
„tJberdruB am Manne, Widerwillen gegen den Verkehr mit dem 
Manne" (S. 244 und 245), der Wunsch mancher Manner, besonders 

») „Fragment der Psychoanalyse eines Homosexuellen". Von Dr. 
J. Sadger, Jahrb. f. sex. Zw., fX. Jahrg. 1908, 341 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



328 

der voyeurs (S. 247) und endlich die „moderne Frauenbewegung, die 
das Weib auf sich allein stellt und mannlich empfindende Cha- 
raktere zuchtet" (S. 248). 

Der Beweis, daU diese „auBeren occasionellen Momente** 
tinmoglich fiir die Entsteliung der Homosexualitat gen'ugen 
konnen, ist leicM zu erbringen. Man kann die aufgeftilirten 
Erwerbsmoglichkeiten in vier Gruppen teilen. 

In der e r s t e n Abteilung sind die zahlreidhen Dinge 
unterzubringen, die viel zu allgemein verbreitet sind, um iiber- 
haupt aLs einigermaBen voUgiiltiger Grund in Frage kommen 
zu konnen. Da Millionen und aber Millionen Menschen 
tierische Geschlechtsakte erblicken oder eine Bediirfnisanstalt 
benutzen, von diesen aber nur ein sehr geringer Brudhteil homo- 
sexuell oder tisexuell eind, so kann nach alien Gesetzen der 
Logik hier unmoglicjih' ein Kausalnexus statuiert werden. Wenn 
von den vielen, die im heiOen oder rauhen KUma, in Arbe;iter- 
wohnungen oder bei Hole leben, die eine sehr lebhafte Phantasie 
oder ein sehr I'eligioses Gemlit besitzen, die offentlidie Kunst- 
ausstellungen oder Museen aufsuchen, in Sdhulen oder Pen- 
sionaten zusammenwohnen, sicih nackt im Spiegel erblickt haben 
oder onanieren, nur ein ganz verschwindend kleiner Prozent- 
satz Urninge werden, so miissen die genannten Umstande im 
Verhaltnis zu einer anderen Kausalitat, die den Ausscihlag gibt, 
als irrelevant erachtet werden. 

Zu der z w e i t e n Gruppe gehoren die nicht weniger zahl- 
reichen Momente, bei denen die Verwechselung von Ursache 
und Wirkung unv^rkennbar ist. Nicht aus der Ehelosigkeit oder 
Impotenz eines Menschen entsteht seine gleichgeschlechtliche 
Neigung, sondern diese hat seine Ehelosigkeit zur Folge, ebenso 
ist der Widerwillen der Frau vor dem Manne nicJit die Ursache, 
sondern eine Wirkung ijirer homosexuellen Natur. Auch be- 
dingt nicht die weibliche Kleidung eine Umgestaltung des 
inneren Mensc^hen, sondern der innere Mensdi verschafft sich 
die Kleidung, die ihm zusagt. Die Ursache des Charakters liegt 
nicht in der Tracht, sondern die Ursache der Tracht im Cha- 
rakter des Menschen. Ebenso ist es mit dem Beruf. Der Urning 
wird nicht feminin, weil er Frauenrollen spielt, sondern, weil 
er feminin ist, bevorzugt er Frauenrollen. An homosexuellen 
Kunst- und Literaturwerken wird nur derjenige Interesse 
nehmen, der daflir empfanglioh ist. Dem Normalsexuellen wird 
ein urnischer Roman gleichgtiltig oder abstoBend sein. Wer 
k.*ine Jlinglingsphotographien liebt, wird sich auch keine kaufen. 

Die dritte Rubrik endlich umfaBt jene Hypothesen, die 
ganzlich eine Kenntnis des Homosexuellen vermissen lassen. 



Digitized by VjOOQIC 



329 

Wer auch nur 200 Homosexuelle untersucht hat, kann nicht 
schreiben, daB Abnormitaten der Genitalien, abnorme Be- 
schaffenheit der Analgegend, abstoBende HaBlichkeit oder chro- 
niseher Alkoholismus zur Homosexualitat fiihren. Es entspricht 
einfach nicht den Tatsachen, daB der Durchschnitt der Homo- 
sexuellen haBlicher, trunksiichtiger oder im hoheren MaBe mit 
Genitalanomalien behaftet ist wie der Durchschnitt der Normal- 
sexuellen. 

In einer vierten Gruppe handelt es sich um Verwechse- 
lungen der homosexuellen Triebrichtung mit Onanie oder 
Pseudohoraosexualitat. So soheint eine zu weitgehende Absper- 
rung der Geschlechter, wie sie namentlich bei den islami- 
tischen Volkern liblich ist, in der Tat sowohl unter ien ledigen 
Mannern, als den im Harem abgesonderten Frauen homosexuelle 
Praktiken zu befordern, die aber, wie wir in dem Kajjitel 
,yDifferentialdiagnose*' eingehend auseinandersetzten, fiir die 
kontrare Sexualemp fin dung keine Beweiskraft haben. 

Einigc der angegebenen Griinde beruhen auch auf doppeltem Fehl- 
schluB. So sind die Anhangerinnen der Frauenbewegung im Verhaltnis 
zu der Menge urnischer Frauen viel zu ^zahlreicn, als daB dieser 
Emanzipationskampf einen ausreichenden Erklarungsgrund fiir gleich- 
geschlechtliches Empfinden abgeben konnte, anderseits besitzen aller- 
dings gerade homosexuelle Frauen oft Eigenschaften, die sie zu Vor- 
kampferinnen fiir die Rechte der Frau im allgemeinen befahigen. 

Wir woUen eine besondere Aufmerksamkeit nun noch den- 
jenigen Grtinden zuwenden, von denen am haufigsten ange- 
nommen wurde, daB durch sie Homosexualitat entstehen kann. 
Da ist eine der am m!eisten angefiihrten Ursachen: tlber- 
sattigung durch heterosexuellen Verkehr ; durch ausschwei- 
fende Betatigung seien Manner der Frauen oder Frauen der 
Manner iiberdrlissig geworden und hatten sich „uberreizt" dem 
gleichen Geschlecht zugewandt, eine Vorstellung, wie sie ja 
auch in den zitierten Bibelstellen zura Ausdruck gelangt. 

Auch unter Arzten und Juristen ist diese Anschauung weit ver- 
breitet. So meint Wollenberg''), daB die Homosexualitat in den 
meist^n Fallen als das Endprodukt eines lasterhaften Geschlechts- 
lebens betrachtet warden miisse. Und W a c h e n f e 1 d s) sagt : „Den 
Verkehr mit dem gleichen Geschlecht als einen spezifisch starkeren 
Reiz sucht der Rou6, der nach Durchkostung aller naturlichen 
und unnaturlichen Geniisse am Weibe iibersattigt ist". Auch Ham- 
mer, der sich viel mit der Homosexualitat der weiblichen Prosti- 
tuiert.en beschaftigt hat, auflert sich dahin^), dai3 „Enthaltsamkeit 



^) W o 1 1 e n b e r g. Cber die Grenzen der strafrechtlichen Zu- 
rechuungsfahigkeit bei psychischen Krankheitszustanden, im Neuro- 
logischen Zentralblatt 1899. Nr. 9. 

®) "VV a o h e n f e 1 d in Goltidammers Archiv. 

*) Hammer, Die Tribadie Berlins. 



Digitized by VjOOQIC 



330 

und Ausschweifung bei Willeasschwachen oft zu dem gleichen 
Ende fiihren, zu einem Versinken in Gleichgeschlechtlichkeit". 

Dr. Kathe Schirmacherio) schrieb, als nach dem Vor- 
entwurf zu einem neuen deutschen RStrGB. der Homosexualitatpara- 
graph auf das weibliche Geschleoht ausgedehnt werden sollte, fol- 
gendes: „E8 Ribt besonders eine Kate^orie von Frauen, unter denen 
gleicbgeschleontliche Beziehun^en haufiff sind, die Prostituierten. Aus 
welchen Grunden laBt sich mit vier Worten sagen : Aus Ekel am 
Manne. — Fiir ihren Verkehr mit dem Manne werden sie nun schon 
in einer Weise gestnrft, die biirgerlichen Tod bedeutet. Sollen diese 
Loiohen nun noch einmal totgeschlagen, soil auch noch der Verkehr 
mit Frauen unter Strafe gestellt werden? Dann hat die Prostituierte 
ja nicht in den eignen vier Wanden Ruhe, und das Gebiet der Will- 
kiir verschlingt ihr letztes Refugium." 

Es liegt ja in der Tat nahe zu vermuien, daU die unter 
den Prostituierten verhaltnismaBig h&ufige Neigung zu gleich- 
gescblechtliehen Liebesverhaltnissen durch CberdruB am Manne 
entstanden sei. In Wirklichkeit liegt aber die Sache ganz andere, 
und zwar im wesentlichen so, daU gewisse sozial und ethisch auf 
tiefer Stufe stehende Urninden von vornherein durch die abso- 
lute Gleichgultigkeit, mit der sie dem Manne gegentiberstehen, 
mehr als mannliebende Frauen zu rein geschaftsmaUiger Hingabe 
ihres KSrpers pr&destiniert sind. Wir werden in dem Abschnitt 
iiber die Verbreitung der HomosexualitSt noch auf die auf den 
ersten Blick so befremdliche Haufigkeit dieser Erscheinung unter 
den weiblichen Prostituierten zurtickzukommen haben. 

Ich habe mir grofle Mtihe gegeben, die Wtistlinge und Eoues, 
die iibers&ttigten Frauen ausfindig zu machen, von denen es 
heiBt, daB sie aus „Eaffinement** und Lasterhaftigkeit schlieB- 
lich auf das eigene Geschlecht verfallen. Es ist mir nicht ge- 
lungen. Unter der groBen Anzahl Homosexueller, die ich beob- 
achtete, war nicht ein vom Weibe Obersattigter ; die meisten 
batten nicht einmal vom Weibe gekostet, geschweige denn, daB 
sie an ihm satt geworden waren. Zweifellos batten homosexuelle 
Jlinglinge, die eine Vorliebe ftir altere Manner haben, solche 
WQstlinge kennen lemen mtissen. Sie stellen ihr Vorkommen 
entechieden in Abrede. Es mliBte nach Analogic dieser Lebe- 
mfinner doch auch einmal ein homosexueller Lebemann — und 
es gibt deren genug — aus Reizhunger auf das Weib ver- 
fallen. Es ware darait vielleicht ein therapeutischer Weg ge- 
geben, die Homosexuellen durch „t)bersattigung** zu heilen. Aber 
es konunt nicht vor. Ich halte nach meinen Forschun^en diese 
Wtistlingsp&derasten filr ebensolche Fabelwesen, wie die Hexen, 
von deren Aussehen, Sitten und Gewohnheiten man zur Zeit der 



10) „Der AboUtionist" 1. I. 1911. 



Digitized by VjOOQIC 



331 

Bexenprozesse auch so ausftihrliche Schilderungen zu geben 
wufite. 

G r o 6 ^^) hat voUkommen recht, dafi ein solcher Umschlag der 
Greschmacksrichtung auBer aller Logik und Wahrscheinlichkeit lie'gt. 
Das Variationsbediurfnis hat wohl auf die Art der Betatieung einen 
EinfluiJ, nichb aber auf die Neigung des Geschleohtstriebs an und 
fur sich. 

GroB**) bemerkt zutreffend weiter: „Der sogenannte sexuell 
tJbersattigte ist nicht iibersattigt, sondern er empfindet nur, daB 
von den zwei Wegen, die seiner Natur offen standen — dem hetero- 
sexuellen und dem homosexuellen — der erstere fiir ihn nicht der 
richtige war, und so gelangt er auf den zweiten Weg." Der Autor 
fiihlt hier den Tatsachen entsprechend heraus, daB es namentlich 
die Bisexuellen sind, die von vielen als Rou6s oder zum mindesten 
als Menschen angesehen weirden, die willkiirlich das Weib verlassen. 
Wenn iibrigens Hoc he und a;ndere Autoren betonen, daB Normal- 
sexuelle aus „Reizhunger" und „Variationsbediirfnis" die Homosexu- 
alitat erwerben konnen, so vergessen sie auseinanderzusetzen, worin 
denu eigentlich dieser Reizhunger besteht. Es scheint fast, als ob 
die Autoren bei dem Cbergang von einem Geschlecht zum andern 
ausschlieBlich den analen Verkehr im Auge haben, der doch nur 
eine, und zw^ relativ seltene homosexuelle Betatigungsform dar- 
stellt. In der Tat geben altere Schriftsteller, und selbst noch M a n - 
t e g a z z a , als einen Grund der Homosexualitat den geringeren Duroh- 
messer des musculus sphincter ani gegenuber dem des sphincter cunni 
an, 6hne zu bedenken, daB doch auch das a n d e r e Geschlecht iiber 
einen analen SchlieBmuskel verfugt. 

Ebenso scheint Hammer, wenn er einen der Grunde gleich- 
geschlechtlicher Frauenliebe darin erblickt, daB „lingua pertinacior 
pene" zu iibersehen, daB doch auch der Mann eine lingua besitzt. 

An die Potenz, die doch bei den „Cberreizten*' meist herabgesetzt 
ist, wdrde ubrigens die immissio membri in anum feminae aut viri 
groBere Anforderungen stellen als der vaginale Verkehr; auch wiirde 
sich durch diese Sphinkteren-Hypothese der auch fur die weibliche 
Homosexualitat angenommene UberdruB am Manne in keiner Weise 
erklaren lassen. 

Havelock Ellis meint einmal, daB zwar nicht tJbersatti- 

Oaber „getauschte Liebe zum andern Geschlecht" den kontraren 
zur Folge haben kann. Diese Enttauschung sei stark genug, 
um jemandem das ganze andere Geschlecht zu verleiden und seine 
Neigung dem eigenen Geschlecht zuzufiihren. Er fiigt spater hinzu, 
daB diese Enttauschung in der normalen Liebe ebenso wie die Ver- 
fiihrung „in den moisten Fallen eine entwicklungsfahige organische 
Anlage, auf welche sie wirken konnen", voraussetzen. Sollte es hier 
nicht heiBen in alien Fallen, und sollte nicht die organische Homo- 
sexualitat von vornherein das ursachliche, wenn auch unbewuBte 
Motiv der „Enttauschung am andern Geschlecht" sein? 

Wahrend friiher mehr Aussehweifungen ftir das Entstehen 
der Homosexualiatt verantwortlich gemacht wurden, hat man 
neuerdings ofter das Gegenteil behauptet, namlich daB geechlecht- 
liche Enthaltung „auch den von GeWrt Normalsexuellen" 
zur Homosexualitat treiben konne, und zwar nicht nur zu Surro- 



") GroB: Archiv f. Kriminalanthropologie. 10. Band. 1. und 
2. Heft, p. 195. 
") A. a. O. 



Digitized by VjOOQIC 



332 

gathandliingen, sondern auch zu „aquivalenten** Handlungen, 
d. h. es konne ausschlieBlich durch die Abstinenz der normal- 
sexuelle Trieb in einen kontrarsexuellen umgewandelt werden. 

Vor allem hat Max Marcuse diesen Standpunkt vertreten 
und sich dabei auf Schreack-Notzing, Tarnowsky u. a. 
berufen. Wir erwahnten schon, daB auch Hammer neben der Aus- 
schweifung ausdriicklich die Enthaltsamkeit als Ursache der <weib- 
lichen Homosexualitat auffiihrt und mit Rutgers glaubt, daB „die 
Abstinenz nicht selten auch dort zu kontraren Sexualempfindungeu 
fiihre, wo diese nicht angeboren war" ^^). Ebenso meint L e h i e n i*), 
dafl Homosexualitat nicht selten eine Folge keuschen Lebens sei. 

So sehr wir beziiglich der gesundheitlichen Nachteile der Absti- 
nenz im allgemeinen mit Max Marcuse iibereinstimmen, so wenig 
scheint un? der Nachweis erbracht, daB w i r k 1 i c h e Homosexualitat 
aus geschlechtlicher Enthaltung hervorgehen kann. DaB Manner und 
Frauen, die aus irgendeinem Grunde gezwungen sind, langere Zeit 
des heterosexuellen Verkehrs zu entbehren, „faute de mieux" sich 
gelegentlich zu gleichgeschlechtlichen Praktiken bereit finden, nament- 
lich, wenn sie von Homosexuellen dazu animiert werden, ist richtig; 
es sind das aber nichts anderes als onanistische Manipulationen, die 
ja, mutuell vorgenommen, allerdings auBerlich Homosexualitat vor- 
tauschen konnen. Die Erfahrung zeigt aber, daB solche Heterosexu- 
elle sofort wieder den homosexuellen Verkehr aufgeben, sobald sich 
ihnen die Gelegenheit bietet, in der ihnen adaquaten Weise zu ver- 
kehren. Sehr richtig bemerkt daher Rohlederi*): „Infolge sexu- 
eller Abstinenz wird homosexueller Verkehr, deficiente coitu normali, 
wohl oft gepflogen, und zwar in den verschiedensten Formen, aber es 
sind nur homosexuelle Akte. Homosexuelles Fiihlen, kontrare Sexual- 
empfindung wird dadurch nicht hervorgebracht." 

Vielf ach hat man behauptet, daB die O n a n i e , und zwar 
so wohl die solitare als auch die wechselseitige, bei beiden Ge- 
schleehtem Homosexualitat erzeugen kann. 

Um von vielen nur zwei Autoren anzufiihren, so behauptet 
Schimmelbusch-Hochdahl in einem Vortrage, den er auf der 
Hamburger Naturforscherversammlung 1902 1^) iiber das Thema: „Der 
Grundirrtum in von Krafft-Ebings Psychopath ia sexualis histo- 
riscli und philosophisch betrachtet", hielt, daB „perverses Sexual- 
empfinden, welches der regsame Forscher Ulrichs „Urningtum" ge- 
nannt, nicht als angeboren, sondern als durch Masturbation e r- 
w o r b e n zu betrachten sei." 

Und Braunschweig schreibt i^) : ,,DaB die Onanie ein ganz 
auBerordentliches Diingemittel zur Forderung urnischer Liebhabereien 
ist, steht fest. Weitaus die meisten Onanisten haben sich in eine 
Aversion gegen das Weib hineingelebt. Umgekehrt wiederholt sich 
dasselbo Bild bei den weiblichen Onanisten." 



^3) Zitiert nach M. Marcuse, Die Gefahren der sexuellen Ab- 
stinenz fiir die Gesundheit, Leipzig 1910, pag. 86. 

^*) L e h i e n , Dr. H., Geschlechtsleben und Ehe. 

1-^) R o h 1 e d c r , Vorlesungen iiber Geschlechtstrieb und Ge- 
schlechtsleben des Menschen, Berlin 1907, p. 371. 

^*) Referat in der Miinchener Medizinischen Wochenschrift, No. 
47, 1902. Eine griindliche Widerlegung des Schimmelbuschschen Vor- 
trags findet sich im Jahrb. f. sex. Zwischenstufen, Jahrg. IV, pag. 
964 ff. 

") 1. c. p. 30. 



Digitized by VjOOQIC 



333 

Wie oberflachlioh dieser Autor allerdings das ganze Problem er- 
fafifc, geht deutlich aus einer Bemerkung hervor, die sich an einer 
spateren Stelle i*) derselben Schrif t findet, wo es heiCt : „Homo- 
sexualitat ist ja schlieBlich Onanie zu Zweien." 

Namentlich hat man geglaubt, daB die in Internaten, Knaben- 
und Madchen-Pensionaten, Kadetten-, Waisen- und anderen Erzie- 
hungsanstalten so weit verbreitete mutuelle Masturbation eine haufige 
Ursachc der Horn osexuali tat abgabe. In der Tat gibt es manche hocli- 
beriihmte Schulen besonders in Deutschland und England, aus denen 
zuverlassige Gewahrsmanner iibereinstimmend berichten, daB in ihnen 
seit alters her mutuelle Onanie epidemisch sei. Ich selbst besitze 
eine groBero Reihe hierhergehoriger Berichte i^). Aber gerade diese 
ausgedehnte Verbreitung beweist schlagend, daB der Onanie eine ent- 
scheidende Bedeutung fur die Entstenung der Homosexualitat nicht 
inne wohnen kann. Wenn beispielsweise von 120 Waisenknaben, die 
unter gleichen Verbal tnissen erzogen fast ausnahmslos masturbierten, 
nachweislich nur einer homosexuell geworden ist, wenn unter 100 
Menschen 98 Onanisten sind, und unter diesen sich spater. nur einer 
als dauernd homosexuell herausstellt, 2 als bisexuell, 96 als vollig 
heterosexuell, so werden wir unmoglich die Onanie als ausreichenden 
Grund homosexueller Triebrichtung ansehen konnen. Unter den vielen 
mannlichen und weiblichen Personen, die mich wegen Befreiung von 
Onanie um Rat fragten, befand sich nicht eine, deren seelische Trieb- 
richtung infolge der Masturbation eine Anderung erfahren hatte. Die 
heterosexuelle Mehrzahl blieb heterosexuell, die homosexuelle Minder- 
zahl homosexuell. Auch die Phantasie-Vorstellungen hatten, soweit 
vorhanden, gleichbleibend entweder homosexuellen oder hetero- 
sexuellen Inhalt. Richtig ist, daB im allgemeinen Homosexuelle die 
Masturbation noch in einem Alter betreiben, in dem sie bei Hetero- 
sexuellen bereits dem Geschlechtsverkehr mit dem andern Geschlecht 
Platz gemacht hat. Vielfach geschieht dies aus prophylaktisclien 
Griinden. So suchte mich einmal ein holierer protestantischer Geist- 
licher auf, der mitteilte, daB er seit seinem 20. Jahre — er war 54 
— taglich zwei- bis dreimal mit homosexuellen Vorstellungen onaniere, 
um sich vor Anfechtungen zu schiitzen, die ihm gefahrlich werden 
konnten. 

Man hab sich geauBert, daB Onanie dadurch Homosexualitat er- 
zeuge, weil sie die Willens^kraft des Onanisten derartig schwache, 
„daB er den Mut verlore, sich an Weiber zu wenden, und daher Manner 
angehe.*' Als ob, wie Meisner ganz richtig einem Geistlichen, der 
diesen Standpunkt vertrat, entgegenhielt, unter heutigen Verhaltnissen 
nicht mehr Mut dazu gehore ein mannliches als ein weibliches 
Wesen (beispielsweise eine Prostituierte) um Geschlechtsverkehr „an- 
zugehn." Es seien zu diesem Punkte noch die Ansichten zweier 
Autoren angefiihrt, von denen der eine der Masturbation, der andere der 
kontraren Sexualempfindung eine besondere Monographic gewidmet 
hat. Rohleder, der Verfasser von „Die Masturbation" ^o)^ betont, 
daB die Onanie wohl als eine Folgeerscheinung der kontraren Sexual- 
empfindung anzusehen sei, daB aber von einer Entwicklung der 
letzteren aus der Onanie nicht die Rede sein konne, und Moll 
meint: „Ganz entschieden muB ich die Annahme einiger zuriickvveisen, 
daB Onanie die Ursache des perversen Triebes sei. Es ist dies 



18) 1. c. p. 54. 

13) Ein solcher ist veroffentlicht in Hirschfeld, Dor urnisclie 
Mensch, Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. V, pag. 28 ff. 

20) Dr. med. Hermann Rohleder, Die Masturbation, eine 
Monographic fiir Arzte und Padagogen. Berlin 1899. Seito Co und 287. 



Digitized by VjOOQIC 



334 

eine falsche Auffassung, bei der Ursache und Wirkung verwechselt 
werden; es sind eben sehr viele Uminge gezwungen zu onanieren, 
well ihnen eine andere Art der Befriedigung fehlt.*^ 

Um Onanie, nicht una Homosexualitat handelt es sich] oft 
auch bei einer anderen Atiologie, die vielfach zur Begrilndung 
der Homosexualitat hierangezogen wird, bei der Verfiih- 
rung. 

Ich mochte bei diesem in mehr als einer Hinsicht wichtigen 
Punkte auf die Ausfiihrungen verweisen, die ich in H. GroB' Archiv 2') 
gegeben habe. Es heifit dort : „ Auf die Gefahr der Verfiihrung 
wird in den Motiven des Vorentwurfs ebenfalls hingewiesen. Da dieser 
Grund auch von anderen Gegnern der Aufhebung des § 175 wiederholt 
ins Treffen gefuhrt ist, scheint es besonders wichtig, genau zu unter- 
suchen, inwieweit er zutreffend und inwieweit er hinfallig ist. Von 
einer Verfiihrung zur eigentlichen Homosexualitat sprechen die Motive 
des Vorentwurfs nicht, offenbar, weil sie ja iiberhaupt in Abrede 
stellen, daB es homosexuell empfindende Menschen gibt, sondem an- 
nehmen, daB alle Menschen, die homosexuelle Akte begehen, Ver- 
brecher sind. die, wenn sie nur den ernsten Willen hatten, 
genau so ^t wie die Mehrzahl anderer Menschen anstatt mit dem 
eigeneiL mit dem anderen Geschlecht verkehren k o n n t e n. DaB 
normalsexuelle Menschen sich gelegentlich homosexuell betatigen, ist 
unbedingt zuzugeben. Es ist su>er vollig unrichtig, anzunehmen« daB 
sie dadurch homosexuell werden. Die Handlung, die sie mit einem 
Homosexuellen vornehmen, ist in solchen Fallen der Onanie gleich- 
zustellen und auch als solche zu beurteilen. Sowie die Gelegenheit 
vorhanden ist, wird stets der ihnen eigentiimlichen Art der Betatigung 
bei weitem der Vorzug gegeben. Es lieBen ^ich viele fiei- 
spiele dafiir anfiihren, daB junge Manner und Madchen, die 
zeitweilig zwischen dem 16. und 21. Jahre homosexuell verkehrten, 
sich spater vollkommen normalsexuell verhielten. Um nur ein be- 
kannteres, aber sehr typisches Beispiel anzufiihren, sei etwa auf den 
Zeugen im Eulenburg -ProzeB, den Fischer Ernst verwiesen, 
der beschwor, daB im Jiinglingsalter mit ihm homosexuelle Hand- 
lungen vorgenommen worden seien, und der dennoch vollig hetero- 
sexuell geblieben ist." 

Es entspricht vollkommen meinen Erfahrungen, wenn Ellis und 
S y m o n d s -*) sagen : „DaB ein Versuch der Verfiihrung, der manch- 
mal nur ein plotzlicher und uniiberlegter Akt einer bloB sinnlichen Be- 
friedigung ist, fiir sich allein einen Geschmack an kontraren Prak- 
tiken hervorrufen soUte, ist hochst unwahrscheinlich ; in nicht abnorm 
veranlagten Individuen wird er wahrscheinlich Widerwillen .hervor- 
rufen, wie in dem Jugenderlebnisse J. J. Rousseaus." 

V. Krafft-Ebing driickt seine analoge Auffassung in der 
„Psych. sex." einmal so aus: „Es ist kein Fall nachzuweisen, in 
welchem die Perversitat zur Perversion, zur Umkehr der Geschlechts- 
empfindung geworden ware." Und auch Moll ,,m6chte es einstweilen 



23) M. Hirschfeld. Kritik des § 250 und seiner Motive im 
Vorentwurf zu einem Deutschen Strafgesetzbuch. Im Archiv fiir Kri- 
minalanthropologie und Kriminalistik. Herausg. von Prof. Dr. Hans 
GroB in Graz. Bd. 38. 1910. pag. 101 f. 

-*)Havelock Ellis und J. A. S y m o n d s. Das kontrare 
Geschlechtsgefiihl. Deutsch unter Mitwirkung von Dr. Hans Kurella. 
Leipzig. 1896. Pag. 2*5 f. 



Digitized by VjOOQIC 



336 

bezweifeln, ob aus zahlreichen homosexuellen Akten bei Hetero- 
sexuellen ein homosexueller Trieb hervorgehen kann." 

Man hat nun eingewandt, dafi, wenn auch nicht durch 
die Verftihrung od6r richtiger Ausftihmng homosexueller Akte 
eine Umwandlung heterosexuellen Empfindens in homosexuelles 
stattfinden konne, dies durch die dem Verkehr mit einem Homo- 
sexuellen innewohnende Kraft der Suggestion geschehen 
ktone, wie Tarnowsky^^) sich einmal ausdrtickt: durch ein 
morali&ches Kontagium. 

So schreibt Hans Freimark*^) uber „Zuchtbarkeit der Homo- 
sexualitat": „Nur ein wenig Psychologie gehort dazu, um zu be- 
greifen, daB manchen Naturen das Besondere, das in den Augen der 
Allgemeinheit den Homosexuellen anhaftet, interessant und aus- 
zeichnend erscheint. Widerstande gegen homosexuelle Akte sind zu- 
nachst ia nicht zu iiberwinden. Das aber, was man als homosexuelles 
Wesen bezeichnet, wirkt apart, wenn auch vielfach apart im iiblen 
Sinne. Aber das geniigt, junge Leute, die sich durch nichts anderes 
auszuzeichnen wissen, zu veranlassen, dieses „aparte Gebaren" nach- 
zuahmen und sich schlieBlich in ihm zu verstricken . . . Einmal solche 
Pose angenommen, wird sie schlieBlich zur Wahrheit, wozu der Ver- 
kehr in den betreffenden Ereisen nicht wenig beitragt. Eine solche 
Beeinflussung ist natiirlich nur bei jugendlichen Personen moglich. 
Die aber kommen einzig in Frage. Man hat eingewendet, daB bei der 
Eonstanz des Triebes eine solche Metamorphose nicht wahrscheinlich 
sei. . Da aber von alien Forstihern das Bestehen einer gewissen in- 
differenten Periode zugegeben wird, man auch weiter zugesteht, daB 
in dieser Periode das Individuum sich einer seiner spateren Art ent- 
gegengesetzten Erotik hingeben kann, so kann man die Moglich- 
keit nicht ausschlieBen, daB schwache Charaktere vom urspriing- 
lichen Ziel ihrer EntwicMung abgelenkt werden konnen." 

Es handelt sich in diesen Auseinandersetzungen um rein 
iheoretische Erwagungen, der Verfasser spricht ja selbet be- 
scheiden nur von Moglichkeiten, und tatsachlich sind es 
auch nur Moglichkeiten, deren wirkliches Vorkommen man kaum 
wird nachweisen konnen, wobei nicht in Abrede gestellt werden 
soil, daB voriibergehend einmal vollig normale Leute, na- 
mentlich in jugendlichem Alter, eine homosexuelle „Pose" an- 
nehmen konnen. Von einer dauernden Metamorphose kann hier 
aber ganz und gar nicht die Rede sein. Ware diese auf sug- 
gestivem Wege zu erzielen, dann mlilJte bei den slarken Real- 
suggestionen, die das Leben dem homosexuell Veranlagten nach 
der entgegengesetzten Richtung erteilt, bei den Auto- und Fremd- 
suggestionen, die fortgesetzt auf ihn wirken, bei den Verbal- 
suggestionen ihnen nahestehender Personen der gleichgeschlecht- 
liche Trieb als Naturphanomen langst erloschen sein. Ist doch 



") B. Tarnowsky: Die krankhaften Erscheinmigen des Ge- 
schlechtssinnes. Eine forensisch - psvchiatrische Studie. Berlin 1886. 
Pag. 63. 

2«;. Zitiert bei Dr. Max Marc use, pag. 81. 



Digitized by VjOOQIC 



336 

die Suggestionskraft der gesamten Literatur, die in ihren Ro- 

manen und Epen, ihren! Dramen und lyrischen Gedichten nahezu 

ansschlieUlich die normale Liebe zum Mittelpunkte hat, nicht 

imstande, den Trieb auf das Weib zu richten. Wenn es dem 

jungen Mann allmahlich klar wird — was meist um das zwan- 

zigste Jahr herum der Fall ist — daB sich sein Begehren von 

dem seiner Umgebung wesentlich unterscheidet, beginnt gewohn- 

lich ein Kampf gegen sich selbst, der an Starke wohl k;aiim seines- 

gleidien hat. Ein homosexueller Ktinstler "berichtet und ahn- 

lidhes horte ich unendlich oft: „Ich habe ganz furchtbar gekampft 

mit Aufgebot meiner ganzen Willenskraf t ; vergebens; ich habe 

so gclitten, daO ich eine langjahrige Nervenkrankheit bekam. 

Kaum genesen, begann der aufreibende Kampf von neuem. Als 

ich merkte, daJJ sich die ureigenste Natur nicht umwandeln laBt, 

verfiel ich in eine tiefe, lange Melancholic, die sich — obwohl 

ich nie auJJere Konfliktehatte — bis zum argsten Lebenstiber- 

drull steigerte usw.** 

Wif- sehr ist die ^anze Erziehung darauf gerichtet, aus 

dem urnischen Knahen einen VoUmann zu entwickeln ; zu Hause 

und in der Schule wird er genau so wie die anderen normalen 

Kinder erzogen, schon friih wird ihm alles formlich als Schande, 

zum mindesten als Unschicklichkeit, ausgelegt, was man als dem 

andern Geschlechte zukommlich ansieht. Fangen die Kameraden 

oft schon mit dreizehn, vierzehn Jahren an, fiir das Weib zu 

schwarmen, so gibt sich der homosexuelle Jungling die groBte 

Mtihe, es den andem nachzutun, er schamt sich formlich, daB 

er noch „keine Flamme** hat. Sehr haufig tritt auch die erste 

aexuelle Verfiihrung von weiblicher Seite, namentlich durch 

Dienstmadchen, ein. Eine ganze Reihe von Urningen erklaren 

auf das allerbestimmteste, daB sie sich genau erinnern, daB die 

erstmaligen Erregungsversuche vom anderen Geschlecht aus- 

gingen. Aber so wenig ein Heterosexueller durch die ebenfalls 

nicht seltene erste geschlechtliche Erregung einer mannlicheoi 

Person homosexuell wird, ebenso wenig wird ein Homosexueller 

dadurch weibliebend. 

Es isl uach alledem zvveifellos wohlbegriindet, wenn der anonyme 
Gewahrsmann Gustav Jaegers schreibt-^) : „Seit 19 Jahrhunderten 
sind sogar Vatermord und frechster Raub nicht so verachtet, ge- 
haBt, langc sogar mit Feuertod, dann doch nocli mit schwersten 
Strafen, mit Entehrung, Brotlosmachung, ZerreiBung aller Verwandt- 
schaftsbande usw. bedroht wie der Homosexualismus, ja, der bloBe 
Ruf, demselben zuzuneigen. Und siehe da — von antiker Welt gar 
nicht zii sprechen — bis in das moderne Zeitalter weist die Ge- 
schichte uns evident eine Reihe von beriihmten Mannern nach, welche 



^^) Zitiert nach Jahrb. f. sex. Zwischenst. Jahrg. II, pag. 86 f. 



Digitized by VjOOQIC 



337 

die AVelt mit ihren edlen Tdeen erfiillten, als Menschen und als 
Burger gleich gut waren, wirkten, und sich doch nicht so wait be- 
herrschen konnten, ilire geheime Leidenschaft nicht zu verraten. 
Fiirsten, Machtige und Reiche, die sich willkiirlichst ganzo Weiber- 
hai'ems hatten halten oder sich zu willigsten Sklaven von Matressen 
hatten macben konnen, bei freiester Wahl unter alien Schonen der 
Welt — auch sie ergaben sich dieser sie brandmarkenden Leiden- 
schaft. Kann man sich ein schlagenderes Argument 
fiir das A ng ebor e n s e i n denken?" 

Einen besonders starken suggestiven EinfluB hat man der 
Literatur zugeschrieben, und zwar sowohl deA wissenschaft- 
lichen als den belletristischen Werken, die sich mit der Frage 
der Homosexualitat beschaftigen. Selbst Autoren wie 
Schrenck-Notzing^S) und C r a m e r 2^) glauben an durch 
LektUre bedingte Autosuggestion. Wiederholt habe ich im Ge- 
richtssaal gehort, daB von Staatsanwalten, Richtern und Mit- 
gutachtern die Meinung ausgesprochen wurde, der Angeklagte 
hatte sich seine Homosexualitat vermutlich aus „Krafft-Ebing** 
„angelesen", als ob es nicht Homosexuelle gegeben hatte, langst 
ehe von einer wissenschaftliehen Bearbeitung der Frage die 
Rede war. 

Casper^^) erwahnt den Fall eines Buchhandlergehilfen, 
der „durch die Lekture der Alten zur Padexastie gekommen sein 
will". Ahnliches behauptetcn ilbrigens verschiedene Zeitgenosson 
von dem Historiker Johannes von Mtiller, ja selbst von 
Johann Joachim Winckelmann. 

Ich habe einmal, als ein anonymer Autor zur Zeit der groBen Sen- 
sationsprozesse in der Berliner klinischen Wochenschrift si) behauptete, 
daB „die sexuelle Literatur direkt sexuelle Anomalien erzeugen konne", 
folgendes erwidert: „GewiB ist es richtig, dafi von der Norm ab- 
weichende Personen, die nur eine undeutliche Vorstellung von ihrem 
Zusi^nde haben, vielfach nach Biichern fahnden, in denen sie G e- 
w i B h e i t und Beruhigung zu f inden hof fen, genau so, wie der 
Nervenkranke nach Schriften iiber Neurasthenic, der Zuckerkranke 
nach solchen iiber Diabetes greift. Es ist auch zuzugeben, daB der 
sexuell Leidende in vielleicht noch hoherem Grade Schriften kauft, 
als andere, und zwar, weil ihn eine groBere natiirliche Scheu zuriick- 
halt, sich Fachleuten anzuvertrauen, und er — ob mit Recht oder 
Unrecht, will ich nicht entscheiden — vielfach der Meinung ist, daB 
die ihm zur Verfii^ung stehenden Arztc seiner Familie, seiner Stadt 
asw. seinen Fall nicht vollig zu beurteilen imstande siud. Erkennen 
und Entstehen ist nicht dasselbe. So wenig ein unmusikalischer 



28) Dr. A. Freiherr v. Schrenck-Notzing: Die Sug- 
gestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes 
U9W. Stuttgart, 1892. Pa^. 195. 

*®) A. Cramer: Die kontrare Sexualempf indung in ihren Be- 
ziehungen zum, § 175 des RStrGB. Berliner klin. Wochenschrift 1897. 
N. 43. Pag. 964. 

80) Casper, Handbuch der gerichtlichen Medizin, Berlin 1881, 
p. 195. 

31) 1907, No. 50. 
Hirschfeld, Homosexualitftt. 22 



Digitized by VjOOQIC 



338 

MenscL dadurch, daB er Werke iiber Musik liest, musikalisch wird; 
so wenig jemand durch B 1 o c h s „Ursprung der Syphilis" syphilitisch 
wird, e&nsowenig kann jemand durch Molls „Kontrare Sexualemp- 
fiiidung" kontrarsexuell werden." Es gibt iibrigens eine recht be- 
trachtliche Zahl homosexueller Manner und Frauen — nach meiner 
Erfahrung sind es mehr als 76 o/o aller — , die niemals 
ein Buch iiber Homosexualitat gelesen haben. Es ist auch eine vollig 
irrige Annahme, daB sich die Schriften von U 1 r i c h s „in den Handen 
aller Urninge" befinden. Wie wohl ware Ulrichs gewesen, wenn 
auch nur der hundertste Teil dieser Behauptung entsprache, dem 
armen Ulrichs, der sich noch wenige Jahre vor seinem Tode 
bitter dariiber beklagte, daB die Schriften, die er auf eigene Kosten 
drucken lieB, ihn „an den Bettelstab" gebracht hatten. 

Sind die bisher genannten Faktoren solche, die ihre umge- 
staltendc Kraft dm wesentlichen erst nach der Reife ent- 
falten, so haben wir nun noch eine Reihe von Umstanden zu er- 
ortern, von denen behauptet wurde, daB sie bereits in der Kind- 
heit auf heterosexuell geborene Menschen derart einwirken kon- 
nen, daU die Triebrichtung eine Ablenkung auf das gleiche Ge- 
schlecht erfahrt. Auch die zuerst von Binet in der Revue 
philosophique (Paris 1887 No. 8) aufgestellte, spater in ahn- 
licher Weise oft wiederholte These, dalJ die kontrare Sexual- 
empfindung durch „pathologische Assoziationen" in friihester 
Kindheit, durch einen ,,choc fortuit**, ein psychisches Trauma 
bedingt sei, ist in Wirklichkeit nur eine bisher durch einwand- 
freies Tatsachenmaterial nicht erhartete Hypothese. Wenn es 
wirklich lediglich darauf ankame, ob jemand die erste Erektion 
durch ein Weib oder durch einen Mann gehabt hat, dann mtiBte 
die Zahl der Homosexuellen weit groUer sein, da nachweislich 
in den Schulen sehr viele zuerst gleichgeschlechtlich erregt wer- 
den. Wie soil aber ein derartiger choc die doch meist im 
Vordergrunde stehende negative Seite der Erschei- 
n u n g , die Abneigung gegen das Weib, bei der Urninde die gegen 
den Mann, erklaren und wie vor allem soil er imstande erein, 
eine solche Umgestaltung der ganzen korperlichen und geistigen 
Beschaffenheit hervorzurufen, wie sie sich bei den Homosexu- 
ellen so haufig findet? Ich erinnere mich der Bemer*kung eines 
KoUegen, dem ich einmal einen Homosexuellen vorstellte, der 
in jeder Linie seines Gesichts, in der kleinsten Bewegung, in 
der Stimme und im ganzen Gebaren den geborenen Urning ver- 
riet. Der KoUege rief mit feiner Ironie aus: „Wie stark muB 
bei diesem Manne der choc fortuit gewesen sein!*' 

Dip Ansicht B i n e t s hat besonders bei den Franzosen An- 
klang gefunden, bei denen ja auch die verwandte Lehre Magnans 
von den „Obsessions" In psychiatrischen Kreisen groBe Ver- 
breitung gefunden hat. In der Tat laBt es sich nicht leugnen, 



Digitized by VjOOQIC 



339 

daB der anf dasselbe Geschlecht gerichtete Trieb viel Verwandt- 
schaft mit der groBen Gruppe von Erscheinungen aufweist, die 
in der modernen Psychiatric als Zwangszustande beschrieben 
sind. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daB dem •homosexuellen 
Drang ein ahnlich obsedierender Charakter innewohnt, wie etwa 
dem pathologischen Wandertrieb (Dromomanie), der Sammelwut, Pyro- 
manie, Kleptomanie uiid ahnlichen, abgesehen von der Art des 
Impulses untereinander, im iibrigen sehr verschiedenen Erscheinungen. 
Es handelb sich im Sinne der bekannten Formulierung ,W e s t - 
p h a 1 s 33) um ein psychisches Element, das sich bei %itakter Intelli- 
genz und Einsicht in den Vordergrund des BewuBtseifts drangt, sich 
trotz Gegenstrebens nicht aus dem Geist des Individuunw verscheuchen, 
laBt und den normalen Ablauf der Vorstellungen durchkreuzt. Lassen 
wir zunachst einmal die Frage of fen, ob und inwieweit die V o r *• 
n a h m e der Handlung, in unserm Fall die gleichgeschlechtliche Hand- 
lung, zwangsweise bedingt ist (die Starke des Triebes und 
die Starke des Willens sind vor allem dabei in Betracht zu ziehen), so 

feht ihr doch jedenfalls ein Zwangs trieb voraus, der der normalen 
erdrangbarkeit durch Willenseinfliisse ermangelt und seinerseits in 
Zwangsempfindungen und Zwangsvorstellungen basiert. Auch 
die von den franzosischen Autoren, in erster Reihe von Ma^nan 3*) auf- 
gestellten Kriterien der den Zwangszustanden analogen „Obses- 
sions", zunachst „Impulsion", ein aJs Zwang empfundener Trieb, dann 
,,Irr6sistibilit6", die verhaltnismafiige Unwiderstehlichkeit, die aber da- 
bei doch vorhandene: „Lucidit6", Einsicht, femer die „Angoisse con- 
commitante", eine von dem Zwang hervorgerufene Spannung und Angst, 
endlich die „satisfaction consecutive", das Gefiihl der Erleichterimg 
und Beruhigung nach „vollbrachter Tat", nach der „Befriedigung" des 
Triebes, alle diese Symptome treffen auf die Homosexual i tat an sich zu. 

Nun bin ich zwar mit War da 35) der Meinung, daB der Ausdruck 
psychische Zwangszustande — und fiir das franzosische ,,obsessions" 
(= Besessenheit) gilt das in noch hoherem MaBe — allmahlich zu 
einem „hindernden Schlagwort" geworden ist; die Bezeichnung 
„z.wang£er9cheinung" ist eine viel zu allgemeine, nachdem wir mehr 
und mehr kennen gelernt haben^ daB auch innerhalb der Breite und 
Gesundheit die F r e i h e i t und Ungezwungenheit unserer Empf in- 
dungen, Vorstellungen und Handlungen groBen Beschrankungen unter- 
liegt. Das gilt ganz besonders auch von der „ Zwangs liebe", gegen 
deren Aufstellung sich bereits L. Loewenfeld in seinem ausgezeich- 
neten Werk : „Die psychischen Zwangserscheinungen" (Wiesbaden, 1904) 
wandte. 

Laurent hatte in seiner „ramour morbide" ausgefiihrt, daB 
eine Liebesleidenschaft, „welche weder MaB noch Ziigel kennt und 
den Menschen zum Narren mache", als .„une v^ritaiDle obsession" 
zu erachten sei, die gleich anderen Zwangserscheinungen zu den Syn- 
dromen der psychopathischen Entartung (d6g6n6rescence) zahle; er 
sagt mit Bezug auf Magnans Defination wortlich : „Ne s'accompagne-t-il 
pas, de cette irresistibility caract6ristique et en quelque sorte 
fatale, de cette angoisse concommittante et p^nible, ae cette con- 

33)Westphal: tJber Zwangsvorstellungen. Berliner klinische 
Wochenschrift 1877, Nr. 46, nach einem in der Berliner medizinisch- 
psychologischen Gesellschaft gehaltenen Vortrage. 

3*) Mag nan: Psychiatrische Vorlesungen 1884—87, deutsch von 
Mobius. Leipzig 1892. 

36) War da: Uber Zwangsvorstellungspsvchosen. Monatsschrift 
fiir Psychiatric und Neurologie. Bd. 12, Heft"^!, 1902; 

22* 



Digitized by V:iOOQIC 



340 

soienoe complete de Tetat et enfin de cette satisfaction cons6(jutive 
h Facte accompli, en un mot de tons les sympt6mes carac- 
teristiques de I'obsessio n". Demgegeniiber bemerkt mm 
Lowenfeld ganz mit Recht, daB auch in der normalsten Liebe etwas 
von einem Zwangszustande stecke, daB die Kriterien der Obsession fiir 
sie ebenso zutreffen wie fiir die krankhafte Liebe, daB jedenfalls die 
Grenze zwischen pathologischer und physiologischer Liebe vom Stand- 
punkt des ZwangsmaBigen nicht scharf gezogen werden konne. Er 
zitiert jenen beriihmten Vers, welcher das Ungewollte der Liebe so 
deutlicb zur Darstellung bringt, den Vers: 

Ich liebe dich, weil ich dich lieben m u B , 

Ich liebe dich, weil ich nicht anders k a n n , 

Ich liebe dich durch einen SchicksalsschluB, 

Ich liebe dich durch einen Zauberbann. 

Unter den Bauern herrschte friiher vielfach der Aberglaube, daB 
wer das gleiche Greschlecht liebe, „behext" sei; auch jetzt kommt es 
noch vor, wie mir aus der Bukowina mitgeteilt wird, daB beispiels- 
weise ein ruthenisches Weib zum Geistlichen geht, mit der Bitte, er 
moge den Teufel aus ihrem Manne „austreiben", er sei von ihm „be- 
sessen**, denn er gehe zu Burschen. 

Jedenfalls ist mit der einfachen Behauptung, der homosexu- 
elle Trieb gehore zu den Zwangsvorstellungen oder gar 
in das Gebiet des impulsiven Irres^ins ftir seine Besonderheit 
nicht das mindeste erklart, da er sich hinsichtlich der Zwangs- 
mafligkeit keineswegs von der auf das andere Geschlecht ge- 
richteten Triebrichtung unterseheidet. 

Uber die auBeren Anlasse, welche zu „Iiomo8exuellen Zwangs- 
vorstellungen" fuhren, sprechen sich die Vertreter dieser Anschauung 
verhaltnismaBig wenig aus. Immerhin ersieht man gelegentlich, daB 
auch andere Srlebnisse in Frage kommen sollen als Begegnungen 
mit einem adaquaten Partner. So berichtet Hammond **), daB ein 
Mann dadurch homosexuell, und zwar Liebhaber der passiven Anal- 
immission wurdet^ weil er als Kind sah, wie ein Hund sich mit einer 
Hiindin paarte. Er hatte angenommen, daB es sich dabei um Ein- 
fiihrung m den After handelte, und hatte, um den Akt nachzuahmen, 
sich einen Bleistift in den After gefiihrt. Dies sei schmerzvoll, aber 
auch lustvoll gewesen, und hatte ihn dauernd homosexuell 
gemacht. Weshalb aber gerade dies eine Kind zum Unterschied von 
so vielen Tausenden, die demselben „choc fortuit" durch ein Hunde- 
paar ausgesetzt waren, wird nicht gesagt. Die Antwort liegt nahe, 
weil es von dem Homosexuellen oder seinem Arzt ein Irrtum war, dem 
Eindruck, den ein zufalliger Vorfall verursachte, eine lebenswendende 
Bedeutung beizulegen. 

Der franzosischen Auffassung uber die Entstehung der 
Homosexualitat steht die Ansicht F r e u d s ^7) und seiner Sch tiler 
insofern nahe, als auch sie okkasionellen Einfltissen — inf an- 
tilen Sexualerlebnissen — eine sehr hohe atiologische 



**) Hammond, William, Sexuelle Impotenz beim mann- 
lichen und weiblichen Geschlecht. Deutsch von Salinger. Berlin 1892, 
p. 34 ff. 

37) S i g m. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Leip- 
zig und Wien 1910. 



Digitized by 



Google 



341 

Bedeutung beimessen. Allerdings wird nach ihrer Auffassung 
die zwangsmaBige Homosexualitat nicht durch den sogenannten 
„choc fortuit", sondern durch eigenttimliche psychisehe Verarbei- 
tungsvorgSnge hervorgerufen, unter denen die Prozesse der ,,Ver- 
drangung** und „€bertragung** in erster Linie zu nennen sind. 
Gemeinsam ist der franzosischen und Wiener Schule aueh die 
Annahme einer endoj^enen Disposition, der Freud neuerdings 
sogar eine etwas groBere Bedeutung beizulegen scheint. 

In den „Drei Abhandlungen" schreibt er : ^s) 

„Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob mit dem 
Ansatz der verschiedenen Komponenten in der sexuellen Kon- 
stitutioii die Entscheidung iiber die Gestaltung des Sexuallebens ein- 
deutig bestimmt ware. Die Bedingtheit setzt sich vielmehr fort 
und weitere Moglichkeiten ergeben sich je nach dem Schicksal, wel- 
ches die aus den einzelnen Quellen stammenden Sexualitatszustande 
erfahren. Diese weitere Verarbeitung ist of fenbar das end- 
gUltig Entscheidende, wahrend die der Beschreibung nach gleiche 
Konstitution zu drei verschiedenen Endausgangen fiihren kann ;" da- 
gegen auBert er sich spater in der Anmerkung zu einem Aufsatz „Zur 
Dynamik der Ubertragung", ^9) ^je folgt: „Verwahren wir uns 
an dieser Stelle gegen den m i B v e r s t a n d 1 i c h e n Vor- 
wurf, als hatten wir die Bedeutung der angeborenen 
(konstitutionellen) Momente geleugnet, well wir die 
der infantilen Eindriicke hervorgehoben haben. Ein 
solcher Vorwurf stammt aus der Enge des Kausalbediirfnisses der Men- 
schen, welches sich im Gegensatz zur gewohnlichen Gestaltung der 
Kealitat mit einem einzigen verursachenden Moment zufrieden geben 
will. Die Psychoanalyse hat iiber die akzidentellen Faktoren der 
Atiologie viel, iiber die konstitutionellen wenig geauBert, aber nur dar- 
um, weil sie zu den ersteren etwas Neues beibringen konnte, iiber die 
letzteren hingegen zuniichst nicht mehr wuBte, als man sonst weiB. 
AVir lehnen es ab, einen prinzipiellen Gegensatz zwischen beiden Reihen 
von atiologischen Momenten zu statuieren ; wir nehmen viel- 
mehr ein regelmaBiges Zusammenwirken beider zur 
Hervorbringung des beobachteten Effekts an. Aai^mv 
xal Tvyri bestimmen das Schicksal eines Menschen ; selten, vielleicht 
niemals, eine dieser Machtc allein. Die Aufteilung der atiologischen 
Wirksamkeit zwischen den beiden wird sich nur individuell und im 
einzelnen vollziehen lassen. Die Reihe, in welcher sich wechselnde 
GroBen der beiden Faktoren zusammensetzen, wird gewiB auch ihre 
extremen Falle haben. Je nach dem Stande imserer Erkenntnis wer- 
den wir den Anteil der Konstitution odor des Erlebens im Einzel- 
falle anders einschatzen, und das Recht behalten, mit der Verande- 
rung unserer Einsichten unser Urteil zu modifizieren. Cbrigens konnte 
man es wagen, die Konstitution selbst aufzufussen als den Niedcr- 
schlag aus den akzidentellen Einwirkungen auf die unendlich groBe 
Reihe der Ahnen." 

Es sei dabei hervorgehoben, daB Freud auch bei der Hetero- 
sexualitiit k e i n Angeborensein eines Triebs oder einer bestimmten 
Reaktionsfiihigkeit, sondern eine erst intra vitara erfolgeiide Objekt- 
wahl durch ausschlaggebende Erlebnisse der friihen Kindheit an- 
nimmt. AuBer der sexuellen Konstitution sind noch einige andere 
Momente zu nennen, welche nach Freud die Objektwahl beeinflussen: 

3^) p. 81. 

5^) Zentralblatt fiir Psychoanalyse. II. Jahrg., Heft 1, pag. 167. 



Digitized by VjOOQIC 



342 

die sexuelle Friihreife, von der allerdings schon Loewenfeld mit Recht 
bemerkt*o^ daU sie sioh nach seinen Erfahrungen durchaus nicht 
konstant oei Hpmosexuellen findet, und eine erhohte psychische Haft- 
barkeit infantiler Sexualerlebnisse, die „bei Neurotikern und Perversen 
nachweisbar erhoht" sei. Zusammenfassend sagt er: „In die Ver- 
ursachung teilen sich das Entgegenkommen der Kon- 
stitution, die Friihreife, die Eigenschaft der er- 
hohten Haftbarkeit und die zufallige Anregung des 
Sexualtriebs durch fremden Einflu B." Sehr ■ geeignet, die 
Schwierigkeiten der homosexuellen Problemlosung zu vermehren, scheint 
mir in der Freudschen Lehre der Umstand, daC Freud ahnlich wie 
Benedict Friedlander den Begriff „Liebe" viel weiter faBt, als wir ihn 
zu fassen gewohnt sind. Freud selbst sagt in seincm Bos toner Vor- 
trage: 

„Ich gebraiichte das Wort in einem viel weiteren Sinne, als Sie 
gewohnt sind, ee zu verstehen. Das gebe ich Ihnen gern zu. Aber es 
fragt sich, ob nicht vielmehr Sie das Wort in viel zu engem Sinne ge- 
brauchen, wenn Sie es auf das Gebiet der Fortpflanzung einschran- 
ken ;" hierzu bemerkt B 1 e u 1 e r *i) mit Recht : „MaLnche Einwande 
gegen die Sexualtheorie waren unterblieben, wenn man den Freud- 
scnen Begriff des Sexuellen verstanden hatte. Da man aber 
nur verurteilte und nicht studierte, hat man nicht gemerkt, daB 
die Freud sche „Libido" ein ungleich weiterer Begriff 
ist a Is der ^ewohinliche des sexuellen Verlangens. 
In gewissen Beziehungen gehort all unser Streben, soweit es positiv 
ist, dazu; trennt der Autor doch seinen Sexual trieb (beim Saug- 
ling) nicht einmal vom Nahrungs trieb." 

Am eingehendsten unter den Freudschiilern hat sich Joseph 
Sadger mit der Atiolo^ie der Homosexualitat beschaftigt. *2) Er 
hat inr im Jahre 1909 eine Abhandlung gewidmet, in der er davor 
warnt, die Homosexualitat auf eine einzige Ursache zunickzufuhren. 
Neben der angeborenen Konstitution kamen verschiedenartige Faktoren 
in Betracht, die in der Kindheit die psychosexuelle Entwicklung be- 
einf lussen. Der Homosexuelle hatte in den ersten Lebens- 
jahren abnorm starke heterosexuelle Neigungen. Unter 
dem Eindruck von Enttauschungen, die ihm sein heterosexuelles Ideal 
raubten, wende er sich dann seinem eigenen Geschlechte zu. Die erste 
Liebe des Knaben pflege die Mutter zu sein. Spater sagt Sadger; 
„ist'6 doch ein unsterblicher Wunsch jedes Knaben, die Mutter moge 
ihn ins sexuelle Leben einfiihren, am liebsten natiirlich an ihrem eige- 
nen Leibe." Wird er von der Mutter enttauscht, wende er sich dem 
Vater zu. Damit sei dann der Libido fiir die Zukunft die bestimmte 



*^) L e w e n f e 1 d , L., Homosexualitat und Strafgesetz, Wies- 
baden 1908, p. 20. 

*^) Jahrbuch fiir psychoanalytische und psychopathologische For- 
schungen, herausgegeben von E. Bleuler und" S. Freud, II. Band, 
II. Halfte, p. 645. 

*2) Sadger, Zur Atiologie der kontraren Sexualempfindung. 
Medizinische Klinik, 1909, Nr. 2, cfr. Jahrb. f. psychoanalyt. und 
psychopath. Forschungen, I. Band, II. Halfte, p. 589." Weitere Arbei- 
ten, in denen Sadger seine Anschauungen iiber die Homosexualitat 
S,uBert, sind: Fragment der Psychoanalyse eines Homosexuellen, im 
Jahrb. f. sex. Zwischenstufen, Jahrg. IX, p. 339 — 424. 

Ist die kontrare Sexualempfindung heilbar? Zeitschr. f. Sexual- 
wissenschaft, 1908, p. 712 — 720, und: Neue Beitrage zur Theorie der 
Homosexualitat, in dem Aufsatz „Ein Fall von multipler Perversion mit 
hysterischen Absenzen" im Jahrb. f. psychoanalyt. n. psvchopath. For- 
schungen, II. Bd., I. Halfte, p. Ill ff. 



Digitized by VjOOQIC 



343 

Richtung gegeben. Wichtig scheint aus dem gleichen Aufsatz fol- 
gender Satz Sadgers: 

„Die Fixierung der maanlichen Liebe entstand durch Verdran- 
gung des heterosexuellen Empfindens, wie umgekehrt bei jedem Nor- 
malgeschlechtlichen die Unterdriickung des Homosexuellen Voraus- 
setzung ist. . . . Die letzten entscheidenden Griinde je- 
doch, warum es zur Verdrangung in der einen oder 
andern Eichtung kommt, sind kons t i t u t i o nell or^ 
gaiiischer Art und volliges Ratse l.**" 

In seinen „Neuen Beitragen zur Theorie der Homosexualitat" ge- 
langt Sadger zu dem Ergebnis, daB er 'durch seine psychoana- 
l}iiischen untersuchungen zunachst alles bestatigt gefunden hatte. 
was er in der friiheren Arbeit iiber die Atiologie angefiihrt habe, und 
fugt dann als neue Erkenntnis nachfolgende Thesen hinzu: 

„1. Der Urning leidet an der Abkehr von der Mutter (bezw. 
ersten Pflegerin), in deren Liebe er sich schwer getauscht fiihlt. 
Er verdrangt die Mutter, indem er sich mit ihr identifiziert. Eine 
Reihe typischer Inversionsziige geht auf diese Identifikation zu- 
riick, vor allem die harmlosen L«iebesauJ3erungen, sowie das Be- 
streben, den Geliebten zu belehren und zu unterweisen. 

2. Der Weg zur Homosexualitat fiihrt uber den Narzismus, 
d. h. die Liebe zu sich selbst, wie man tatsachlich war, oder, 
idealisiert, gem gewesen ware. 

3. Im Sexualideal des Invertierten finden sich nicht nur 
Ziige fniherer weiblicher und mannlicher Sexualobjekte, sondem 
noch viehnehr des eigenen geliebten Ichs. 

4. Aufwachsen ausschlieBlich in weiblicher Umgebung — der 
Vater kommt hier nicht in Betracht — befordert die Homosexu- 
alitat beim Manne wie beim Weibe aus Griinden, die noch nicht 
geniigend bekannt sind. Zudem sind Urninge meist einzige 
Kinder oder einzige Sohne, mit aller Verzartelung, welche diesen 
zukommt. 

6. Unterstutzt wird endlich die Inversion durch den „nach- 
traglichen G^horsam" gegen die Worte der Mutter, was wieder an 
die mangelnde sexuelle Aufklarung, ja Abhaltung von allem Ge- 
schlechtnchen ankniipft. Ich fand nicht selten, daB die Mutter 
fruhzeitig ihren Kindern — dies scheint fiir Knaben wie fiir 
Madchen zu gelten — einen selbst ganz harmlosen, doch freund- 
schaftlichen verkehr mit dem andern Geschlecht als etwas Un- 
rechtes und AnstoBiges hinstellte, was in leider nur zu buchstab- 
lichem spateren Gehorsam die Neigung zum eigenen Geschlecht 
verstarkt." 

Gegen diese Sadgerschen Thesen sind zunachst einige tat- 
sachliche Berichtigungen zu erheben. Es ist nicht richtig, dafi die 
Urninge meist einzige Kinder oder einzige Sohne sind. *3) unter 600, 
die daraufhiu exploriert wurdeu, befanden sich nur 67 einzige Kin- 
der, auBerdem 54 einzige Sohne. 

Es ist auch sehr die Frage, ob eine Verzartelung urnischer Kinder, 
selbst wenn sie einzige waren, von den Eltern ausgegangen ist, ob es 
nicht vielmehr so ist, daB die an und fiir sich weicbere urnische 
Psyche sich anlehnungs- und hilfsbediirftiger an die Eltern anschmiegte 
als die robustere una stabilere heterosexueller Kinder, was dann erst 
die Eltern wiederum zu groBerer Zartlichkeit veranlaBte. Bei homo- 
sexuellen Madchen, die weniger unselbstandig sind, kann von solcher 
atiologischen „ Verzartelung" vollends nicht die Rede sein. DaB der 

*^) Auch Ernst Neter meint in Heft 26 des Broschiirenzyklus 
.,Der Arzt als Erzieher", daB die eii^zigen Kinde^ besonders haufig 
homosexuell ^are^i. 



Digitized by VjOOQIC 



344 

Weg zur Homosexualitat iiber den Narzismus fiihrt, kann hochstens 
fiir einen Teil der jungliebenden Homosexuellen zugegeben werden; 
bei diesen kann man allerdings gelegentlich nachweisen, daC sie im 
pubischen Alter in ihr Spiegelbild, ihre jugendlichen Photographien 
verliebt waren, wenn eben der Fall, zu dem sie sich hingezogen fiihlten, 
ungefahr den Typus hatte, den sie selbst in dieser Zeit boten. Bei 
Homosexuellen, die altere Personen lieben, ist solche narzistische 
Periode kaum je auch bei intensivem Befragen festzustellen nnd kommt 
sicherlich nicht haufiger vor als bei Heterosexuellen. 

Was das von S a d g e r und anderen F r e u dschiilern hervorge- 
hobene starke Attachement der Homosexuellen an ihre Mutter betrifft, 
so liegt dieses in der Tat vor, und zwar erstreckt es sich bei fast alien 
Homosexuellen iiber die eigene Kindheit hinaus auf die ganze Lebens- 
zeit der Miitter. Wir sahen, daU viele, die ihre Mutter im vorgeriickten 
Alter verioren, sich lange Zeit nicht von diesem "Schlage erholen 
konnten. Es erscheint aber viel naheliegender anzunehmen, daC diese 
Starke Liebe zur Mutter nicht als Ursache der Homosexualitat anzu- 
seheu ist, sondern als Folge. Abgesehen von seiner feminineren 
Natur, verweist auch der Mangel eigener Hauslichkeit den Homo- 
sexuellen inniger und langer an seine Mutter, besonders wenn diese, 
wa^ gerade bei homosexuellen Kindern nicht selteii, eine starkere 
Personlichkeit ist. Bei Urningen, die eine Ehe eingehen, ist diese 
Hingabo an die Mutter iibrigens nicht so ausgesprochen, vielfach 
ubertragt sich dann dieser nicht erotische, wenn auch auBerlich ero- 
tische Liebe leicht vortauschende Gefiihlskoraplex auf die Gattin. 

Welche Stellung verbleibt in der Freudschen Lehre der 
konstitutionellen Anlage? Nach Freud und S a d g e r 
ist sie doch wesentlich wirksam'. Aber in dem von ihnen ge- 
gebenen Entwicklungsschema der Homosexualitat erscheint sie 
zunachsl iiberfliissig. Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung 
ist die Fixierung auf das nach Freud primare heterosexuale 
Geschlechtsobjekt, ftir Knaben auf die Mutter. Was von dieser 
primaren Typik der Triebrichtung ab\yeichen laflt, sind exqgene 
Momente, die mit der Konstitution nichts zu tun haben. Sad- 
ger zahlt eine Reihe dieser Momente auf: „Zufalle**, ,,auflere 
Umstande*', wie er selbst sagt, die nicht in der Personlichkeit 
des Subjekts und auch nicht in der des Sexualobjekts liegen. 
Und die Reaktionsart des werdenden Homosexuellen auf diese 
exogenen Ablaufe ist wieder keine abnorme, konstitutionell vor- 
bedingte, sondern voUig adaquat dem sie erwirkenden ouBeren 
Moment ; sie voUzieht sich in den Formen der Freud schen 
Mechanismen, die j e d e m , auch dem Heterosexuellen, beine 
Sexualitat bestimmen. 

Also die Konstitution, als ererbte Disposition der Trieb- 
richtung, spiclt ftir diese ganze Entwicklung anscheinend keine 
RoUe. Wenn ihr Freud nun doch einen Platz anweisen will, 
auf welchem sie mitwirkt, und Sadger ausdriicklich sagt, dafl 
„die letzten entscheidenden Griinde'* jedoch, warum es zur 
Verdrangung in der einen oder anderen Richtung kommt, kon- 
stitutionell organischer Art sind, so darf wohl hierin 



Digitized by VjOOQIC 



345 

das stillschweigende Zugestandnis gesehen ,werden, daB die 
Ltickenlosigkeit ihrer Ableitung der Sicherheit ermangelt. 
Es bleibt eben die Tatfeache bestehen, daB sich neb en der psycho- 
sexuellen Inversion oft gleiehzeitig Sexualvarianten sekun- 
darer und tertiarer kSrperlicher Merkmale finden, die n u r 
konstitutionell und angeboren sein konnen. Ihr 
so haufiges Nebeneinander laBt nur den AnalogieschluB zu, daB 
auch die Variation der Triebrichtung endogen bedingt ist. Da- 
mit sinkt der Wert aller exogenen Abteilungen der Homosexuali- 
tat auf ein Minimum. 

Wie Freud und S a d g e r sich die angeborene Konstitution 
der Homosexualitat so recht eigentlieh denken, dartiber sprechen 
sie sich nirgends deutlich aus. Immefrhin scheinen sie sich 
etwas Bestimmteres darunter vorzustellen, wie Binet**), der 
die homosexuelle Triebrichtung auf ein accident agissant sur 
un sujet predispose zurtickftihrte und ausdrticklich hervorhebt, 
daB das ,,accident" nur die Bedeutung eines beliebigen zuf alligen 
Eriebnisses habe, wahrend unter „predisposition** eine allgemeine 
nervose Hyper^sthesie zu verstehen sei. 

Dieselbe Vorstellung von der angeborenen Anlage zur Homo- 
sexualit^t findet sich bei zahlreichen Psychiatem; so steht 
S c h a f e r *5) auf dem Standpunkt, daC bei der Homosexualitat eine 
„reizbare Schwache" des nervosen Zentralorgans vorliege, zu der friih- 
zeitige Eindriicke von Personen desselben Geschlechts hinzugetreten 
seieu. M e y n e r t *6) erklart die Homosexualitiit fiir etwas zufallig 
auf dem Boden der Neurasthenic durch Zwangsvorstellungen Ge- 
wordeues, und auch Schrenck-Notzing*') glaubt, daB auJJer 
auBeren Einfliissen insbesondere die neurasthenische Disposition fiir 
die Entstehung der Homosexualitat von Bedeutung sei. 

Erst neuerdings hat Z i e h e n *8) in einem beachtenswerten Auf- 
satz in den Charite-Annalen dies wiederum in der Weise ausgedriickt, 
daB sexuelle Anomalien s t e t s so entstanden, „d a B ein ,d e t e r- 
minierendes* Erlebnis die sexuellen Gefiihlsbetonungen nicht 
mib dem normalen Sexualakt verkniipfe, sondern mit irgendeiner 
anderen Empfindung, Vorstellung oder Handlung. Diese abnorme Asso- 
ziation haf te, weil infolge der psychopathischen Kon- 
stitution eine Tendenz zur Bildung iiberwertiger Vorstellungen und 
Vorstellunigsankniipfungen bestehe." 

**) B i n e t , Du f^tischisme dans Pamour, Revue philosophiciue 
1887. 

**) Dr. ^chafer: Die forensische Bedeutung der in „Viertel- 
jahrsschrift fiir gerichtliche Medizin usw., dritte Folge, 7. Bd., 2. Heft. 

*^) M e y n e r t , Klinische Vorlesungen iiber Psychiatric usw. 1890, 
S. 184 ff., zitiert bei Wachenfeld, Homosexualitat und Strafgesetz, 
1901, p. 70. 

*^) V. Schrenck-Notzing, Archiv fiir Kriminalanthropologie 
Bd. 1 (1898), S. 5f., zitiert bei Wachenfeld, Homosexualitat und Straf- 
gesetz, 1901, p. 70 f. 

*8) T h. Ziehen, Zur Lehre von den psychopathischen Kon- 
stitutionen. In den Charite-Annalen (redigiert von Prof. Dr. Scheibe). 
XXXIV. (Jubilaums-)Jahrgang. Berlin 1910. S. 272 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



346 

In Konsequenz mit dieser Anschauung meint Ziehen, daB es auf 
den eigentliehen Inhalt einer sexuellen Anomalie gar 
nicht ankame, so wenig wie es etwa beim GroBenwahn von Be- 
deutung sei, ob jemand sich einbilde, Gott, Konig oder Millionar zu 
sein; das Wesentliche sei bei den Parhedonien nur, daB es sich um 
Symptomo einer psychopathischen Konstitution handle. Er findet 
deshalb auch die Einteilung der sexuellen Anomalien „nach dem zu- 
talligen Inhalt der Perversitat" „naiv", „harmlos" und „oberflach- 
lich". Es ist nicht ohne Interesse, daB sich M o e b i u s einmal 
desselben Ausdrucks bedient, nm gerade die exogenetischen Deutungs- 
versuche zu geiBeln; er sagt: „Erklarungen aus dem Milieu beruhen 
fast stets auf Oberflichlichkeit". 

Ich habe diesen Ziehen schen Ausf iihrungen gegeniiber in einem 
Aufsatz im neurologischen Zentralblatt ^o) betont, daB seine Ausstel- 
lungen wohl eine Berechtigung haben wiirden, wenn die Konstitution 
bei den sexuellen Anomalien tatsachlich nur die von ihm als neuro- 
pathische oder psychopathische bezeichnete sein wiirde. In Wirklich- 
keit konne aber diese niemals zur Erklarung als ausreichend erachtet 
werden, vielmehr konne es sich nur um eine zielstrebige i n d i v i- 
duelle S.exualkonstitution handeln, die auf ein ihrer Eigen- 
art entsprechendes Sexualziel einschnappt. „Das wirklich Entschei- 
dende, ,l)eterminierendeV* sage ich dort, „ist nicht das auf dem 
Grunde einer nervosen Konstitution haftende auBere Erlebnis, sondem 
eine spezifische Konstitution, die sich nur auf Adaquates, 
Entsprechendes, nicht auf einen beliebigen, zufalligen, gleichgiiltigen 
Inhalt einstellt." 

TatsHchlich handelt es sich bei der Annahme, daB eine 
erstmalige und von da ab dauernde sexuelle Exzitation und 
Attraktion primar durch das reizauslosende Objekt, nicht aber 
durch die individuelle Beschaffenheit der sexuellen Empfangs- 
organe im Nervensystem bedingt ist, um eine T h e o r i e , die 
bisher weder bewiesen ist, noch iiberhaupt bewiesen werden 
kann. Denn daU das erstmalige Zusammentreffen des ent- 
wickelten Geschlechtssinnes mit dem, was „sein Fall** ist, jpust- 
empfindungen auslosen muB, die, wenn sie stark sind, auch 
ins BewuBtsein dringen, bedarf als selbstverstandlich keiner 
Erorterung; vergleichen wir aber die Ubiquitat geschlecht^ 
licher Reize mit der RaritSt der individuellen geschlechtlichen 
Reaktion, berlicksichtigen wir, daB an demselben Objekt, das die 
einen in Ekstase versetzt, Millionen anderer achtlos und reak- 
tionslos vorlibergehen, so liegt es nach alien Gesetzen der 
Logik klar zutage, daB nur die Beschaffenheit der nervosen 
Zentralorgane, „die Anlage** es sein kann, welche den Aus- 
schlag gibt. Von dem bestimtnten individuellen Geprage unseres 
Inneren hangt es ab, was wir als Reiz empfinden, nicht vom 
Reiz ftls solchen. Daflir spricht die elementare, zielstrebende 



60) „t}ber Horror sexualis partialis (sexuelle Teilaversion, anti- 
fetischistische Zwangsvorstellimgen, FetischhaB)." Von Dr. med. 
Magnus Hirschfeld im „Neurologisches Zentralblatt". 1911. No. IQ, 
Ked. : Pr. Kurt Mendel- Leipzig. 



Digitized by VjOOQIC 



347 

Durchschlagskraft, mit der alien WoUen und Wlinschen, Ein- 

fltissen und Einfllisieningen zum Trotz der Geschleehtstrieb 

auf sein Objekt lossteuert. Wie viele, die von der Existenz der 

Homosexualitat im allgemeinen und ihrer eigenen keine Ahnung 

hatten, euchten ohne sich je gleichgeschlechtlich betatigt zu 

haben, gleich- ihren Kameraden heterosexuellen Verkehr auf, 

bis sie aus dammerndem Empfinden heraus merkten, ,4^ier 

ist etwas nicht in Ordnung**, um dann frtiher oder spater ihrer 

Natur und ilires Naturtriebes bewuBt zu werden. Und umgekehrt. 

Wie viele junge M&dchen und Manner betatigt^n sich in der 

ersten Auflerung ihrer indifferenten geschlechtlichen Sehnslichte 

homosexuell, gingen sogar auf Erziehungsanstalten regelrechte 

homosexuelle Liebesverhaltnisse ein, und sehen wir sie zehn 

Jahre spater, so sind fast alle heterosexuell, nur ein ganz kleiner 

Bruehtei] ist homosexuell, namlich die, die es a priori, wenn 

auch unwissentlich, waren. 

Geradezu naiv muB einen Kenner sexueller Attraktionsgesetze 
der Versuch anmuten, die Homosexualitat „objektiv'* durch die groBere 
Schonheit der Manner und Jiinglinge zu erklaren; weil ihr schlanker 
Korper den Anforderungen der Asthetik mehr entspreche als der der 
breithuftigen Weiber, meinen die Verfechter dieser Anschauung, emp- 
fanden viele homosexuell ; nicht . selten wird hinzugefiigt, daB „he- 
kanntlich auch fast im ganzen Tierreiche das mannliche das schonere 
Geschlecht" sei. Nicht nur Homosexuelle haben ihre Neigung in 
dieser Weise begriindet, sondern auch von Heterosexuellen ist diese 
Ansicht vertreten worden, so von Driesmanns ^i). Auf die weib- 
liche Homosexualitat, die doch unmoglich auf die groBere Mannes- 
schonheit zuiiickgefiihrt werden kann, wird dabei — wie bei fast 
alien exogenen Hypothesen — nicht Bezug genommen. Es verdient 
erwabnt zu werden, daB kein Geringerer als Goethe eine ahnliche 
Ansicht verfocht. Als in den Gesprachen njit Eckermann eines 
Tages die Rede „auf die griechische Liebe und Joh. von Miiller" 
kam. entwickelte er, „wie diese Verirrung eigentlich daher komme, daB 
nach rein asthetischem MaBstab immerhm der Mann weit schoner, vor- 
zugiicher, voile ndeter wie die Frau sei. Ein solches einmal entstandenes 
Gefuhl schwenke dann leicht ins Tierische, grob Materielle hinuber." 
Er fugt hinzu: „Die Knabenliebe sei so alt wie die Menschheit, und 
man konne daher sagen, sie liege in der Natur, ob sie gleich gegen 
die Natur sei." Ubrigens hat, wahrend Goethe die homosexuelle 
Neigung auf die Schonheit des Mannes zuriickfiihrt, einer seiner Zeit- 

genossen, v. Archenholtz*2) den Abscheu gegen die HomosexueUen 
urch die Schonheit der Frau erklart; er bemerkt: „Da das englische 
Frauenzimmer so schon ist, so iibersteigt auch der Abscheu dieser In- 
sulaner gegen die Paderastie alle Grenzen." 

fii) Driesmanns, Hch., „Das Geschlechtsempfinden der 
Griechen" im Magazin fiir Literatur von G a u 1 k e und Philipps 
(Berlin) Nr. 61 und 52 vom 22. und 29. Dezember 1900. 

w)^ J. W. von Archenholtz, „England und Italien", Leipzig 
1787, Bd. II, S. 267. Cf. auch dessen Annalen der britischen Ge- 
sohichte, Hamburg 1791, Bd. V, S. 352. 



Digitized by VjOOQIC 



NEUNZEHNTES KAPITEL. 

Die menschliche Doppelgeschlechtigkeit als Grundlage der 
mMnnlichen und weiblichen HomosexualitMt 

(Zwischenstufentheorie.) 

Wie aber haben wir uns nun diese spezifische Konstitution 
der Homosexuellen zu denken, und worauf ist sie zuriickzu- 
f tihren ? 

War ein Beobachter erst einmal zu der Erkenntnis ge- 

langt, daD die Homosexualitat in einer spezifischen Disposition, 

Konstitution oder Organisation ihren Ursprung hat, so waren 

fiir ihn die Richtlinien, auf denen er der charakterijstischen 

Beschaffenheit der eigenartigen Anlage naher kommen konnte, 

gegeben. In doppelter llinsicht unterscheiden sich der homo- 

sexuellc Mann und die homosexuelle Frau von dem Geschlecht, 

d^m sie nach ihrem Genitalapparat angehoren: in der Rich- 

tung ihres Geschlechtstrirbs, die bei mannliebenden Mannern 

genau so oder fihnlich wie bei mannliebenden Frauen^ bei weib- 

liebenden Frauen Hhnlich wie bei weibliebenden Mannern ist, 

und zweitens in bezug auf seelische, nicht selten sogar korper- 

liche Eigenschaften, die gleiehfalls bei homosexuellen 

Mannern oft weibliche, bei homosexuellen Weibern mannliche 

Einschlage aufweisen. Was lag da wohl naher, als zu 

folgern, daU sich der Urning an denjenigen Stellen, in denen 

man den zentralen Sitz dieser Triebe und Eigenschaften -zu 

suchen hat, im Gehirn — funktioneller gesprochen in 

seiner Seele — von dem vollmannlichen oder voUweiblichen 

Typus unterscheidet, indem sich bei ihm, ahnlich wie bei 

Zwittern, dem andern Geschlecht zukommliche Substrate er- 

halten haben. 

So sehen wir denn, daB man im griechischen Altertum die echte 
Homosexualitat, und zwar die des Mannes sowohl als die des Weibes, 
fast panz allgemein als eine androgyne Erseheinung auffaCte, ahnlich 
wie den von antiken Kiinstlern so viel dargestellten Hermaphroditeu. 



Digitized by VjOOQIC 



349 

von dem Christodorus*) sagte : „Sieh ia dem einen vereint die 
Reize der beiden Geschlcchter". H e r o d o t und Hippokrat^'es 
sprechen von ihr als der „weiblichen KTsmkheit" {{}tj?.€tavovaog\V aLTme- 
nideB gab in seinem Werk jtegi tpvaeco; der Meinung Ausdruck, daC 
gleichgeschlechtlich Liebende entstanden, wenn die Samenflussigkeiten 
von Vater und Mutter sich bei der Begattung nicht innig genug 
vermischt batten ; in P 1 a t o s Gastmahl beruf t sich einer der Gaste, 
Aristophanes, befragt, was er iiber die Entstehung der Liebe 
denke, auf den alten Mythus, nach dem es im Anfang drei Geschlechter 
gegeben habe: Manner, Frauen und Hermaphrodite n. Als Zeus sah, 
oaB die Menschen kiihner, kraftiger und stolzer wurden, fiirchtete 
er ihren tJbermut und, um sie zu schwachen, spaltete er sie in zwei 
Telle. Diese Telle suchten sich jetzt wiederzufinden, und das nenne 
man Liebe. Die meisten Menschen suchten das entgegengesetzte Ge- 
schlecht: sie selen die Nachkommen der Hermaphroditen ; die Nach- 
kommen der urzeitlichen Manner aber fiihlten sich nur zu Mannern, 
die der Frauen zu Frauen hingezogen. Noch origineller 1st die Fabel, 
in der A s o p ^% der zu S o 1 o n s Zeiten gelebt haben soil, berichtet, 
woi*auf die Existenz der Tribaden und ihrer mannlichen Gegenstiicke, 
der molles mares, beruhe. Prometheus, der Gott der schaffenden 
Natur, hatte, als er die Menschen aus Ton formte, die Geschlechts- 
telle flir sich gebildet, um sie den Leibern anzuformen. Als er eines 
Tages wieder damit beschaf tigt war, lud Bacchus Ihn zu einem 
Gelage. Spat und tmnken kam er helm und schon halb im Schlaf, griff 
er fehl und setzte den Weibern die mannlichen Glieder („masculina 
membra feminis"), den Mannern die weiblichen an. Diese Beispiele, die 
sich noch durch Zitate aus Martial, Dio Cassius und vielen 
anderen vermehren lieBen, zeigen die Ansicht der Alten, die, der 
Natur bescheiden sich fiigend, welt davon entfernt, an Willkiir und 
Widernatiirlichkeit zu glauben, iiberzeugt waren, dafi nur die Gott- 
heit selbst hier die Hand im Spiele haben konne. 

Wie anders die Anschauung des Christentums. Das aske- 
tische Prinzip, das gehon im normalsexuellen Geschlechtsakt 
ein notwendiges t) b e 1 f tir den in Stinden geborenen Menschen 
sah, verfolgte die ^,Sunde Sodoms** mit Feuer und Schwert. 
Montesquieu hebt hervor, dafl die drei Handlungen, auf 
welche das Christentum die harteste Strafe — den Feuertod 
— setzte, sfimtlich Phantasiedelikte waren: die Ketzerei, die 



1) Vgl. Palatlnische Anthologie Bd. II. 

*) In den Jamben des Phadrus (Buch IV, Fabel 19) lautet 
diese asopische Fabel: 

Rogavit alter: „tribades et molles mares 

Quae ratio procreasset?" Exposuit Senex: 

„Idem Prometheus, auctor vulgi fictilis. 

Qui, simul offendit ad fortunam, frangitur, 

Naturae partes, veste quas celat pudor, 

Quum separatim toto finxisset die, 

Aptare mox ut posset corporlbus suis: 

Ad coenam est invitatus subito a L i b e r o. 

Ubi irrigatus multo venas nee tare, 

Sero domum est reversus titubanti pede. 

Turn semisomno corde et e r r o r e ebrio 

Applicuit viriginale generl masculo 

Et masculina membra applicuit feminis." 

Ita nunc libido pravo fruitur gaudio. 



Digitized by 



Google 



350 

Hexerei und das Verbrechen „wider die Natur". Zwei dieser 
angeblichen Verbrechen, denen Hunderttausende zum Opfer 
fielen, sind als Hirngespinste erkannt; wann endlich wird das 
dritte folgen? Unter dem EinflnJJ kirchlicher Verdammung und 
Verdummung ruhte fast zwei Jahrtausende die wissenschaft- 
liche Betrachtungsweise der Homosexualitat, die freilich selbst 
trotz aller Verfolgungen nie und nirgends erlosch. Sobald man 
sich aber nach dem reinigenden Ungewitter der franzosischen 
Revolution wieder in ernster, unbefangener und eingehender 
Weise mit der Frage des Uranismus zu beschaftigen begann, kam 
man boi der Erklarung der Erscheinung rasch wieder auf die- 
selben Zusammenhange zurlick, die sich schon den Alten auf- 
gedrangt hatten. 

Bereits Heinrich HoB^li, der ebenso schliclite wie gedanken- 
tiefe Putzmacher von Glarus, erkannte die Verbindung homo- 
sexuellen Em p find ens mit korperlicher Bisexual i- 
tat. Im II. Bande seines groBen, 1838 erschienenen Werkes: „Eros, 
die Mannerliebe der Griechen, ihre Beziehmigen zur Geschichte, Er- 
ziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten" mit dem Untertitel: 
„Die Unzuverlassigkeit der auBeren Kennzeichen im Geschlechtsleben 
des Leibes und der Seele", eines Werkes, welches als erstes imter den 
neueren das homosexuelle Problem in seiner weit iiber den Geschlechts- 
akt hinausgehenden Vielseitigkeit erfaBt hat, heiBt es (S. 299) : „Die 
der Mannerliebe zugrunde liegende Natur zeigt iiberall s o - 
wo hi die weiblichen als die mannlichen Hauptziige 
uiid P^igenschaften der Seele und des Gemiits mit 
alien ihren mannigfachen Kraften und Stimmungen 
in sich vereinigt." 

Sein Nachfolger U 1 r i c h s spricht sich schon in den Briefen an 
seine Verwandten (1862 geschrieben, 1899 in den Jahrbiichern fiir 
sex. Zwischenstufen veroftentlicht) deutlich iiber dieses Zusammen- 
trefi'en aus. Im ersten Briefe schreibt er: „Wir enthalten iibrigens 
in mehrfacher Beziehung ein entschieden weibliches Ele- 
ment. Wir sind gar nicht Manner im gewohnlichen 
Begriff." Und in dem zweiten Briefe kommen folgende Stellen vor: 

„Der Uranier ist eine Spezies von Mannweib." „Uranismus 
ist eine Spezies von He r maph r odi t i sm us oder eine 
koordinierte Nebenform von ihm." 

Ein anderer Autor, Bernhardi, bezeichnet in einer 1882 zu 
Berlin erschienenen Arbeit: „Der Uranismus" die Urninge 'kurzweg 
als ^ine „MiBgeburt weiblichen Geschlechts" und dementsprechend 
die homosexuellen Frauen als „MiBgeburten mannlichen Gescnlechts". 

Am weitesten geht aber in dieser Richtung ein Schrifts teller 
namens H. Marx. Ich will aus seiner Broschiire (1876 in Leipzig 
erschienen). welche den Titel fuhrt: „Urningsliebe. Die -sittliche 
Hebung des Urningtums und die Streichung des § 175 des deutschen 
Strafgesetzbuchs. Ein Wort an das deutsche Volk, die Manner der 
Wissenschaft und die Mitglieder des deutschen Reichstags", einige 
Stellen anfiihren, die, so sonderbar sie manchem vorkommen werden, 
(locJi vollkommen ernst gemeint sind und in ihrer wohl der eigenen 
Individualitat entspringenden Konsequenz recht beachtenswert sind- 
Es heiUt da S. 8: „Hat sich einmal die Wahrheit iiberall Bahn ge- 
brochen, daC ein timing k e i n Mann ist, sondern zum w e i d - 
lichen Geschlecht gerechnet werden muB, so verschwinden von 
selber die Vorurteile gegen urnische Liebe." Und weiter: „Der Urning 



Digitized by V:iOOQIC 



351 

kann nicbts dafur, daB der Schopfer ihn mit einem seinen Leib schan- 
denden Organ geschaffen hat, das fiir den Urning ganzlich unbrauch- 
bar ist. WoUte ein Urning einen solchen ihn schandenden Korperteil 
gebrauchen, um als Mann mit dom Weibe Liebe zu geniefien, so ware 
er einfach ein Mann und dazu ein verkommenes, natu^widriges Ge- 
schopf." 

Einige Forscher haben versucht, verwandten Anschauungen ein 
anatomisch-physiologisches Gewand zu geben. So meinte Gley Gjl^^vue 

f>hilosophic|ue, Januar 1884), „die Kontrarsexuellen hatten ein weib- 
iches Gehirn bei mannlichen Geschlechtsdriisen, das kranke Gehirn 
bestimme bei ihnen das Geschlechtsleben, wahrend unter normalen Ver- 
haltnissen die Geschlechtsdriisen das Geschlechtsleben bestimmten ; 
ahnlich spricht auch Mag nan (in den „Annales m6d. psychol." 
1885, S. 458) vom Gehirn eines Weibes im mannlichen Korper. Der 
Amerikaner k i e r n a n geht bei seiner Erklarung (im „Medical Stan- 
dard", November 1888) ebenfalls davon aus, „that a femininely func- 
tionating brain can occupy a male body and vice versa" und meint, 
daU die Homosexualitat ein bei belasteten Individuen vorkommender 
Hiickschlag in die hermaphroditischen Formen der niederen Tiere sei, 
zusammennangend mit „the original bisexuality of the ancestors of 
the race, shown in the rudimentary female organs of the male". 

A He diese Anschauungen entsprechen im wesentlichen dem, was 
U 1 r i c h s (1868) in dem lapidaren Satz, mit dem er das zweitauseud- 
jahrige Ratsel der Homosexualitat gelost zu haben glaubte, zusammen- 
faBte: anima muliebris virili corpore inclusa. Ulrichs legte auf diese 
seine Erklarung der Homosexualitat einen hohen Wert, unsers Erach- 
tens einen fast zu hohen, wenn man beriicksichtipt, dafi es sich im 
wesentlichen nur um eine pragnante Fassung einer Beobachtung han- 
delt, die sich bisher keinem wirklichen Kenner der Homosexuellen hat 
entziehen konnen. Er schreibt in „Memnon" (neue Ausgabe p. 16 
und 16): 

„Der Satz „anima muliebris virili corpore inclusa" wird stehen, 
einer auf^erichteten Saule gleich, und der Zahn der Zeit wird ihn 
nicht zerfressen. Seine Konsequenzen fiir das Sittengesetz werden zu 
den hochsten Problemen der Weisheit gehoren, wenn man langst 
wird vergessen haben, welch eines Bingens es bedurfte, die Natur zu 
befreien aus den Handen ihrer Peiniger, und man kaum noch der 
Volker und Stadte bemitleidend gedenken wird, welche einst ihre 
Verfolgung zum Gesetz erhoben." 

Der Gedanke, daJJ die Abweichung des (Jeschlechtstriebes 

vom Geschlecht^apparat mit der ontogenetischen Bisexuaiitat 

des Embryo in Verbindung stehe, konnte naturgemSB erst auf- 

tauchen, als durch die embryologische Wissenschaft in der 

Mitte des 19. Jahrhnnderts festgestellt war, daB sich die 

Eingeschlechtigkeit der Frucht aus einer nrspriinglichen Doppel- 

geschlechtigkeit entwickelt. 

Chevalier, welcher sich in seinem Buche „ Inversion sexu- 
elle" ^aris 1893) gegen B i n e t s Theorie der Entstehung der Homo- 
sexualitat durch assoziative Verkniipfungen wendet, weist dabei als 
einer der ersten auf die Bisexuaiitat des menschlichen Fotrus hin und 

fibb der Vermutung Ausdruck, daB sich unter gewissen Umstanden 
puren der unterdriickten Sexualitat erhalten konnten, wahrend bei 
normaler Evolution „im Kampf der mannlichen und weiblichen Streit- 
krafte" ein Geschlecht den Sie^ erringe, 

Unabhangig von dem franzosischen Forscher hatte ich 1896 (unter 
dem Pseudonym R a m i e n) eine Broschiire veroffentlich mit dem 



Digitized by VjOOQIC 



352 

Titel: „Sappho und Sokrates. Wie erklart sich die Liebe der Manner 
iind Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts" (2. Aufl., Leipzig 
1902). in der ich auf Grund entwicklungsgeschichtlicher Deduktionen 
zunachst theoretisch folgende sechs Moglichkeiten der Entwicklung 
des Geschlechtstriebs konstruierte : 

I. Es entwickeln sich mannliche Geschlechtsorgane. Der auf 
den Mann gerichtete Instinkt verkummert. Mit dem Schwunde der 
weiblichen Genitalanlage erstarkt der Drang zum Weibe : w e i b - 
li e b e n de Manne r. II. Die weiblichen Fortpflanzungsorgane bilden 
sich unter Riickbildung der fur Frauen fiihlenden Nervenzentren. Ande- 
rerseits tritt unter Verkiimmerung der mannlichen Geschlechtsorgane 
der Trieb zum Manne hervor : mannliebende Frauen. III. Die 
peripheren Geschlechtsorgane entwickeln sich in mannlicher Rich- 
tung. Dagegen fallt die Differenzierung der nervcisen Zentren un- 
vollkommeu aus. Manner mit Neigung zu beiden Geschlechtern : 
mannliche Bisexuelle. IV. Die Geschlechtsdriisen formen 
sich weiblich. Die Triebzentren bleiben auf mehr oder weniger herm- 
aphroditischer Stufe stehen. Frauen mit Neigung zu beiden Ge- 
schlechtern : weibliche Bisexuelle. V. Trotz mannlicher Geni- 
talien geheu die Neigungsfasern zum Alanne nicht zuriick. Hingegen 
verkiimmert mit dem Verschwinden der weiblichen Geschlechts- 
charaktero der Trieb zum Weibe : mannliebende Manner, Ur- 
ninge. VI. Es bilden sich weibliche Sexualorgane und auf das VVeib 
gerichtete Zentralstellen, wahrend mit dem Riiekgang der mannlichen 
AuBenteile der Trieb zum Manne verschwindet : weibliebende 
Frauen, Urninden. 

Diese sechs Entstehungsmoglichkeiten lassen sich in drei Grup- 
pen zusammenfassen. A. Mit der Bildung des einen Geschlechts 
entwickelt sich der Trieb zum anderen :Heterosexualitat. B. Die 
Differenzierung der Geschlechtsneigungen fallt unvollkommen aus: 
Bisexualitat. C. Mit der Bildung des einen Geschlechts geht 
der Trie!) zum anderen verloren : Homosexualitat. 

Ich setzte dann auseinander, daC dieses theoretisch konstruier- 
bare Entwicklungsschema in einer ausgedehnten Empiric seine Be- 
statigung gefunden hatte. 

Fast gleichzeitig mit meiner Schrift erschien eine neue Auf- 
lage von Krafft-Ebings „Psychopathia sexualis", in welcher 
dieser, um die Klarung der sexuellen Probleme so ungemein verdiente 
Naturforscher ebenfalls eine entwicklungsgeschichtliche 
Theorie aufstellte, welche in folgenden Satzen gipfelte: „Die kon- 
triire Sexualempfindung ist Verletzung des' empirischen Gesetzes der 
den Geschlechtsdriisen gleichartigen Entwicklung des zerebralen Zen- 
trums (Homosexualitat), eventuell audi desjenigen der monosexualen 
Artung des Individuums (psychische „Hermaphrodisie"). Im ersten 
Falle ist das dem durch die Geschlechtsdriise reprasentierten Ge- 
schlecht gegensatzliche Zentrum, welches in paradoxer Weise den 
Sieg iiber das zur Herrschaft prMestinierte davontragt, jedoch bleibt 
wenigstens das Gesetz monosexualer Entwicklung gewahrt. Im 
zweiten Falle bleibt der Sieg keinem der beiden Zentren, jedoch 
eine Andeutung monosexualer Entwicklungstendenz bleibt immerhin 
insofern, als eines dominiert, und zwar regelmafiig das kontrare. Es 
ist dies um so sonderbarer, als demselben keine entsprechenden Ge- 
schlechtsdriisen, iiberhaupt kein peripherer Sexualapparat zur Stiitze 
dienen, ein weiterer Beweis dafiir, daB das zerebrale Zentrum a u t o - 
nom, in seiner Entwicklung von den Geschlechts- 
driisen unabhangig ist." 

Weder Krafft-Ebing noch ich wuBten, daB audi U 1 r i c h s 
bereits mit ziemlicher Ausfiihrlichkeit dieselbe Hypothese ausge- 
sprochen hatte. Sie findet sich in dem vierten Briefe an seine Ver- 



Digitized by VjOOQIC 



363 

wandten votn 23. Dezember 1862 (also 30 Jahre vor Chevalier), den ich 
zwei Jahre nach Erscheinen meines Schemas von U 1 r i c h s* Sch wester 
erhielt. Die namentlich in ihrem SchluB sehr denkwiirdige Stelle 
lautet : 

„Am mannlichen Embryo, namentlich an dem der ersten Monate, 
sind die Geschlechtsorgane von denen des weiblichen Embryo fast 
gar nicht zu unterscheiden. Membrum virile und Klitoris unter- 
scheiden sich dann noch gar nicht oder fast gar nicht voneinander. 
Bmstwarzen und Brustdriisen unterscheiden sich beim mannlichen 
und beim weiblichen Embryo geradezu gar nicht voneinander. Hier- 
nach nimmb man an, daB: 

a) in j e d e m Embryo ein doppelter geschlechtlicher Keim 
vorhanden sei, ein Keim der Virilitat und neben ihm ein Keim 
der Muliebritat, daB sich aber b) nur der eine Keim ent- 
w i c k 1 e , wahrend der andere nicht zur Entwicklung gelange. 

Die Annahme dieses Satzes wird um so wahrscheinlicher, wenn 
wir uns in der Schopfung sonst umschauen. Hier finden wir, daB bei 
der weitaus iiberwiegenden Mehrzahl der Pflanzen gattungen in 
jedem einzelnen PflaSzenindividuum mannliches und weibliches Ele- 
ment nebeneinander nicht nur im Keim vorhanden ist, sondern daB 
es nebeneinander auch zur voUstandigen Entwicklung kommt. Das- 
selbe finden wir auch im Tierreich, z. B. bei den Schnecken. 
Jede einzelne Schnecke tragt den geschlechtlichen Dualismus nicht 
nur im Keim in sich, sondern in einer jeden gelangt auch die Virili- 
tat und zugleich auch die Muliebritat zur voUstandigen Entwick- 
lung, so daB zwei Schnecken sich gegenseitig begatten und 
gegenseitig befruchten. DaB aber der Satz b nur die Kegel sei, 
daB hiervon vielmehr auch Ausnahmen vorkommen, beweisen eben 
die Zwitter, bei denen stiickweise beide Keime nebeneinander 
korperlich zu einer gewissen Entwicklung ^elangen. Warum sollte es 
nun undenkbar sein, daB in einzelnen Individuen die Natur in ihrer 
Mannigfaltigkeit noch anders zu Werke gehe, daB sie korper- 
lich den mannlichen Keim und nicht den weiblichen Keim 
zur Entwicklung gelangen lasse, geistig dagegen umgekehrt den 
mannlichen Keim nicht zur Entwicklung gelangen lasse, geistig 
vielmehr den weiblichen Keim in alien seinen Richtungen zur 
Entwicklung gelangen lasse? DaB sie also in Weichheit des Cha- 
rakters, in Neigungen zur Beschaftigung usw., in Manieren und vor 
allem in der Richtung des geschlechtlichen Liebes- 
triebes zu Mannern, den Keim der Muliebritat zur Entwick- 
lung gelangen lasse? d. i. daB sie Uranier schaffe? Die Tat- 
sache wiirdc also lediglich diese sein — eine Tatsache, welche meines 
Erachtens keineswegs so gar absonderlich sein wurde: 

„Der geschlechtliche Dualismus, welcher aus- 
nahmslos in jedem menschlichen Individuum imiKeim 
vorhanden ist, kommt in Zwittern und Uraniern nur 
in hoherem Grade zum Ausdruck, als im gewohnlichen 
ManneundimgewohnlichenWeibe. Im Uranierkommt 
er ferner nur in einer anderen Weise zum Ausdruck, 
als im Zwitte r." 

Dio Erkenntnis des hermaphroditischen Charakters der 
Homosexualitat f iigt diese als ein Glied in eine Reihe verwandter 
Naturerscheinungen, deseen Mangel einen Ausfall in einer 
Itiekenlosen Linie bedeuten wiirde. Es ware sehr merkwtirdig, 
wenn von den flieUenden tlbergangen, die sich an jedem Organ, 
an jeder Funktion von einem zum anderen Geschlechte fiihrend 
nachweisen lassen, der Geschlechtstrieb ausgenommen ware. 

Hirschteld, HomosexualitSt. oo 



Digitized by V:iOOQIC 



354 

Wenn sfimtlich^ mJlnnllche Eigenschaften gelegentlich vereinzelt 
oder in grofierer Anzahl bei einem Weibe und umgekehrt samt- 
liche weiblichen beim Manne auftreten konnen, woran auch 
nicht der mindeste Zweifel bestehen kann, so wiirde es etwas 
ganz Auflerordentliches sein, wenn der Geschlechtstrieb hier 
die einzige Ausnahme bilden soUte. 

Das Nichtvorhandensein der Homosexualitat ware demnach ein 
groBeres Ratsel als ihre Existenz, die vielen befremdlicher und natur- 
widriger erscheint als etwa das gelegentliche Vorkommen eines Bartes 
beim Weibe oder milchgebender Briiste beim Manne. Wie man nach 
den Atomgewichten die im periodischen System der Elemente noch 
fehlenden Stoffe vorausberechnen konnte, ehe man sie fand, wie man 
aus den Abstanden der Planeten die Stelle und die Umlaufsbahn des 
Neptun beschrieb, ehe man ihn entdeckte, wie man die Zwischen- 
stufen zwischen den Vogeln und Reptilien schilderte, ehe man im 
Solenhofer Kalkschiefer auf den Arcnaeopteryx stiefi, so liatte ein 
nachdenklicher Gelehrter die Homosexuellen nachweisen konnen, ehe 
er sie von Angesicht zu Angesicht sah. 

Mit Recht sagt Dr. K 6 1 s c h e r - Hubertusburg^) : „Unsere ganze 
Phylo- und Ontogenie und die Beobachtung der Vererbung mufi uns 
dazu fiihren, zu gestehen, dafi es kein absolutes Weibtier und kein 
absolutes Manntier gibt, sondern dafi in jedem Individuum eine 
Mischung von beiden zum Tier der betreffenden Art, bei uns zum Men- 
schen, statthat." 

Da die „Zwischenstiifentheorie**3), um die es sich hier 

handelt, noch vielfach grolJem Unverstandnis und irrtiimlichen 

Auffassungen begegnet, will ich versuchen, sie auch hier noch 

einmal moglichst klar darzulegen. Zunachst ist zu betonen, 

dafi es sich dabei in erster Linie nur um ein Einteilungs- 

prinzip handelt. Wir verstehen unter sexuellen 

Z wischens tuf en Manner mit weiblichen und 

Frauen mit mannlichen Einschlagen. 

Die Voraussetzung dieses Einteilungsprinzips ist demnach eine 
gcnaue Erklarung dessen, was mannlich und was weiblich 
ist, und hierin liegt die Hauptschwierigkeit, zumal es neben rein mann- 
lichen und weiblichen Eigenschaf ten auch solche gibt, die w e d e r 
mannlich noch weiblich oder richtiger ausgedruckt, s o w o h 1 mann- 
lich als weiblich sind. DaB diese gemeinsamen Eigenschaften aber 
keine vollige Gleichheit der Geschlechter bedingen, steht auCerFrage; 
die Geschlechter mogen gleichwertig und gleichberechtigt sein, 
gleichartig sind sie nicht.. Was aber ist weiblich, was mann- 
lich ? Weiblich ist zunachst die weibliche Keimzelle, das E i , sodann 
die Di-iise, in welcher das Ei bereitet wird, der Eierstock, ferner 
die sich anschlieBenden Wcge und Werkzeuge, in denen die Eizelle auf- 
bewahrt, befruchtet und bebriitet wird, orler durch die sie, falls keine 
Verbindung mit einer mannlichen Keimzelle stattgefunden hat, peri- 
odisch wieder ausgeschieden wird; diese Organe sind: Eileiter, Ge- 



2) Das Erwachen des GescIilechtsbewuCtseins und seine Ano- 
malien. Wiesbaden 1907. 

3) Die Zwischenstufentheorie wurde u. a. von mir behandelt in 
den Jahrbiichern fiir sexuelle Zwischenstufen, Sappho und Sokratos, 
Gesohlechtsiiborgange. Der rrnische Mensch, Die Transvestiten. 



Digitized by VjOOQIC 



366 

barmutter, Scheide und Scham. Dem Bau und der Aufgabe dieser 
Gebilde entsprechend ist das weibliche B e c k e n , in dem diese Telle 
erofitenteils gelagert sind, vom mannlichen Becken abweichend in 
& r i) B e und Form. Dadurch ist die Hiiftgegend starker und die 
Stellung der vom Becken abgehenden Beine ein wenig anders wie 
beim Manne. Alle diese Organe befinden sich ungeSlhr bis zum 
14. Lebensjahr, dem Zeitpunkt der Reife des Eies, in einem gewissen 
Ruhezustand. In diesem Alter aber treten zwei weitere weibliche 
Eigentiimlichkeiten auf, die mit der von nun ab moglichen Emah- 
ruug der Frucht in engstem Zusammenhange stehen: die Menstruation 
— durch die zugleich mit dem unbefruchteten Ei ein fiirsorglich 
bereitetes Schleimhautnest abgestoBen wird — sowie das Wachstum 
der Brustdriise. Diese bewirkt, dafi ietzt auch der Oberkorper der 
Fran voller wird, so daB die ganze Figur durch diei groBere Fiille 
des oberen und unteren Rumpfabschnittes, die durch die schmalere 
„Taille*' vbneinander getrennt sind, ein von der Mannesgestalt erheb- 
lich abweichendes Aussehen erhalt. 

Die starkeren Hervorwolbungen der Briiste und Huften gehen in 
sanften Linien in die benachbarten Korperpartien iiber; diese Ab- 
rundung geschieht durch reichlichere Ablagerung von Fettgewebe. Die 
sich daniber spannende Haut ist zarter, feiner und glatter als die 
mannliche. Auch ihre Anhangsgebilde, vor allem die Haare, sind 
diinner, kiirzer und weicher, nur das Kopfhaar ist wesentlich langer, 
wahrend die Korperbehaarung nur schwach ist und die Pubes eine 
charakteristische, dem Mons veneris entsprechende v^ildung zeigen. 

In Cbereinstimmung mit ihrem Kox-perbau, der der Empfangnis, 
der Aufbewahrung und Emahnmg des Eindes so vortrefflich angepafit 
ist, erscheint auch im Geschlechts 1 e b e n die Frau der empfangende, 
aufnehmende und mehr passive Tell, weicher dem Manne als dem 
zeugenden, inkumbierenden und mehr aktiven Partner entgegenstrebt. 
Seine Aufmerksamkeit und Nci^ung sucht sie durch starkere Hervor- 
hebung und Erhohung ihrer Reize zu gewinnen. D<3r Aufziehung imd 
Erziehung der Kinder widmet die Frau sich auch iiber Schwanger- 
schaft, Geburt und Laktation hinaus in hoherem Grade als der Mann ; 
daher fallt auch die stillere, hausliche Tatigkeit in der Familie, die 
Bewirtschaftung des „Nestes", mehr in ihr Bereich. Aber nicht nur 
im Liebesleben, auch im sonstigen Geistosleben lit die Frau empfang- 
licher, empfindsamer, gemiitvoller, unmittalbarer ais der Mann, wahrend 
ihr die streng abstrakte, schiirfend-griibc-lnde oder auch rein schop- 
ferisch tatige Seite der menschlichen Psjche weniger liegt. Doch ge- 
niigt ihre Produktionsfahigkeit voUkonunen fiir die verhaltnismaSig 
einfachen, leicht erlernbaren Obliegenheiten fast aller gegen- 
wartigen Berufe, einschlieBlich der jenigen, die man ge- 
wohnlich als mannliche bezeichnet. Dagegen steht der Beweis noch 
aus, ob ihre Begabung fiir die Hochstleistungen der Kultur, in Technik, 
Eunst und Wissenschaft, ausreicht. Wenn manche Vertreterinnen der 
Frauenbewegung, wie schon in friiheren Zeiten, so in der (tegenwart 
bebaupten, der Mangel an genialischen Leistungen und cpochalen 
Schopfungen kame daher, well den Frauen zu ungestorter Entfaltung 
ihrer Entwicklungsmoglichkeiten bisher keine Gelegenheit gegeben sei, 
so bin ich mit Wilnelm Ostwald*) und anderen der Meinung, 
dafi „die systematische Unterdruckung von seiten der Manner" hier 
weniger in Betracht kommt, als die natiirliche Beechaffenheit der 
Frauen an und fur sich. Immerhin ist zuzugeben, daB wir das MaB 
geistiger Leistungsfahigkeit beim Weibe nach Quantitat und Qualitat 
exakt abzuschatzen bisher noch nicht recht in der Lage sind, daB 
es sicherlich durch Ubung noch wesentlich gehoben werden kann, und 

*) Ostwald vertritt diese Anschauung in seinem Werk : „GroBe 
Manner". 

23* 



Digitized by V:iOOQIC 



366 

dafi es unrichtig ist, wenn Weininger und andere ,,Antif emi- 
nisten** cfich dahin auBem, „daB niemals ein wirkliches Weib die 
Fordening der Frauenemanzipation erhebe, sondern dafi dies durch- 
weg nur mannlichere Frauen tun, die ihre eigene Natur mifideuten, 
una die Motive ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen 
des Weibes zu sprechen glauben". (W eininger: Geschlecht und 
Charakter. Seite 89.) 

Gehen wir nun zu der Begriffsbestimmung des Wortes „mann- 
lich" uber. Mannlich sind zuvorderst die mannlichen Keimzellen, der 
Samen, sowie die Driisen, welche den Samen bereiten, die Testes 
(Hoden), ferner die von diesen ausgehenden Gauge und Kanale, deren 
Wandungen eine Zwischenfliissigkeit absondem, durch welche die 
SamenzeUen nach aufien geleitet werden: die Ductus ejaculatorii mit 
ihren Ausbuchtungen und Anhangen, wie den Samenampullen und der 
Vorsteherdi-iise (Prostata) ; mannlich sind die zum groBten Teil 
auBerhalb des Beckens gelegenen Umhiillungen dieser Gauge : das 
Skrotum und das Mem brum virile. Auch beim Manne treten wie bei der 
Frau mit dem Reifen der Keimzellen weitere Geschlechtseigentiimlich- 
keiten auf ; sie stehen aber nicht in so naher Beziehung mit der Fort- 
pflanzung wie die Menstruation und die Brustdriisen, sind vielmehr 
Veranderungen und Verstarkungen allgemeiner Korpereigen- 
schaften; so wird die Stimme tiefer und die Haut rauher, indem 
einerseits die Stimmbander langer und breiter werden, wobei sie den 
Kehlkopf nach aufien vordran^en („Adamsap£el")» anderseits sich die 
Haut behaart, besonders reichlich im Gesicht und auf der Brust; auch 
die Pubes zeigen eine von der weiblichen abweichende, mehr rauten- 
f ormig O nach dem Nabel zu sich verlangernde Bildung. Da die Fett- 
polsterung in der Brust- imd Hiiftpartie in Wegfall kommt, iiberhaupt 
die allgemeine Fettablagerung wohl auch infolge der groBeren Aktivitat 
eine geringere ist, erscheinen die mannlichen Korperlinien nicht so 
weich und rund wie bei der Frau, vielmehr treten die ohnehin starkeren 
Knochen lynd Muskeln merklicher hervor. Ein sehr bedeutsamer Unter- 
schied ist ferner, dafi die AusstoBung der Keimzellen nicht wie bei 
der Frau periodisch und unwillkiirlich erfolgt, sondern unregelmafiiger, 
bewufiter und reichlicher vor sich geht. Im Geschlechts 1 e b e n ist 
der Mann mehr der aggressive, aufsuchende, abgebende Teil. Der 
erste Verkehr bewirkt bei ihm keine der weiblichen Defloration ent- 
sprechende Veranderung. Der ganzen Sexualsphare somit unabhan- 
giger gegenuberstehend ist ihm von Natur mehr Spielraum gegeben, 
die sonstigen K 6 r p e r - und Geisteskrafte zu entwickeln, und 
erscheint er daher als der unternehmendere differenziertere Mensch, 
wahrend ihm auch geistig das Anmutige und Schmiegsame des Weibes 
mehr mangelt. 

Mit diesen Unterschieden, die allerdings die hauptsachlichsten 
sind, ist die Besonderheit mannlicher und weiblicher Eigenart n o c h 
nicht vollig erschopft. Wiirden wir jeden einzelnen Teil des 
menschlichen Korpers in Bau und Aufgabe durchgehen, so wiirde sich 
uberall eine wenn auch noch so geringe Verschiedenheit in der durch- 
schnittlichen Beschaffenheit der Geschlechter nachweisen lassen, die 
freilich in alien Fallen nur auf ein kleines Plus oder Minus hinaus- 
lauft. So betragt — um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen — 
die mittlere GroBe des Mannes (in Deutschland) 167, die des Weibes 
156 cm. Der Mann hat durchschnittlich (nach Bischoff) 
41,8 o/o Muskelgewebe und 18,2 o/o Fettgewebe, die Frau dagegen nur 
35,8 o/o Muskel-, dafiir aber 28,2 o/o Fettgewebe. Die Kraft der Frauen- 
hand erweist sich mit dem Dynamometer gemessen etwa ein Drittel 
kleiner als die des Mannes ; er kann etwa das Doppelte seines Gewichtes 
tragen, die Frau ungefahr die Halfte des ihrigen. Im Blute finden 
wir beim Manne auf 1 Gramm 6 Millionen, bei der Frau 4—41/2 Mil- 
lionen roter Blutkorperchen, der Gehalt an Blutfarbstoff betragt beim 



Digitized by VjOOQIC 



357 

Manne 14,6 o/o, bei der Frau 13,2 o/o, das mannliche Herz schla^t 
dmchschnittlich 72mal, das weibliche 80mal in der Minute. Es wiirde 
zu weit fiihren, nnd auch hier fiir den Zweck unserer Darlegung ohne 
Bedeutung sein, wollten wir hier j e d e s Stiick des Korpers fur sich 
besprechen. Wenn ich bereits vor Jahren in meinem Buche „Ge- 
schlechtsiibergange" den hypothetischen SchluB zog, daB sich der ge- 
schlechtliche Durchschnittscharakter h5chsl wahrscheinlich bis auf 
jede einzelne Korperzelle als die Bausteine des ganzen Organismus 
erstrecken wiirde, so haben die scharfsinnigen Forschungen, welche 
in neuerer Zeit Wilson, Rabe, Boveri, van Beneden und 
andere iiber die Individualitat der Zelle angestellt haben, diese An- 
nahme bestatigt. Diese Forscher nehmen auf Grund ihrer mit den 
feinsten Beobachtungsmitteln angestellten mikroskopiechen Studien an, 
daB es Spermien (Samenzellen) von mannlichem und weib- 
lichem Charakter gibt und hochstwahrscheinlich auch mann- 
liche und weibliche Eizellen, vielleicht sogar, wenn wir 
H a 1 b a n f olgen, hermaphroditische Keimzellen. Die Ge- 
schlechter unterscheiden sich in den Eizellen morphologisch vonein- 
ander durch eine verschiedene Zahl der Ohromosomenkorperchen. 
Dieser Chromosomenbestand ist auch bei der befruchteten Eizelle, aus 
der ein Weibchen wird, ein anderer wie bei der, aus welcher sich ein 
Mannchen entwickelt. Dementsprechend findet sich auch bei den 
Tochterzellen, welche durch unaufhorliche Zweiteilung der Chromo- 
somen aus der einen Ur- oder Mutterzelle hervorgehen, um schlieB- 
lich den eanzen Organismus als hohere Einheit aufzubauen, je nach 
ihrer Geschlechtszugehorigkeit ein verschieden starker Chromatingehalt. 

Wir konnen das Bisherige nunmehr dahln zu- 
sammenfassen, dafl wir die Unterschiede der Ge- 
schlechter in vier deutlich voneinander abgrenz- 
bare Gruppen teilen; sie betref f en wie wir sahen : 
I. die Geschlechtsorgane, 

II. die sonstigen korperlichen Eigenschaften, 
III. den Geschlechtstrieb, 
rV. die sonstigen seelischen Eigenschaften. 

Ein voUkommen weibliches, „absolutes** Weib ware demnach 
ein eolches, das nicht nur Eizellen produziert, sondern auch 
in jeder anderen Beziehung dem weiblichen Typus entsprache*, 
ein „absoluter*' Mann ein solcher, der Samenzellen bildet, zu-. 
gleich aber auch in alien tibrigen Stiicken den mannlichen 
Durchschnittstypus aufweist. Derartig absolute Vertreter ihrea 
Geficblechts sind konstruierte Abstraktionen, in Wirklichkeit*' 
sind sie in so extremer Zusammensetzun^g bisher nicht be- 
ohachtet worden, vielmehr hat man bei jedem Manne wenn 
auch noch so geringfiigige Anzeichen seiner Abstammung vom 
Weibe, bei jedem Weibe entsprechende Reste mannlicher Her- 
kunft nachweisen konnen. Nehmen wir jedoch selbst an, daB 
Menschen existierten, die, um es zahlenmaBig auszudriicken, zu 
100 Prozent mannlich waren, oder einen ebenso hohen weiblichen 
Gehalt besaUen, so steht es doch auBer Frage, und auch hier 
befinden wir uns immer noch auf dem Gebiete einfacher Er- 



Digitized by VjOOQIC 



358 

fahrungstatsachen, daU sehr vielfach Personen vorkommen, 
die, trotzdem sie Eizellen tragen, Eigenschaf ten aufweisen, die 
im Allgeineinen dem mannlichen Geschlecht zukommlich sind, 
und da6 es anderseit-s Menschen gibt, die Samenzellen absondern, 
gleichwohl aber weibliche Eigentumlichkeiten erkennen lassen. 
Da wir im Sprachgebrauch gewohnlich die Besitzer von Eizellen 
kurz als Frauen, die Trager von Samenzellen e i n f a c h 
als Manner bezeichnen, gibt es also Frauen mit mannlichen, 
Mfinner mit weiblichen Einschlagen, und diese Misehformen sind 
es eben, die * unter den Ausdruck „sexuelle Zwischenstufen" 
gefaUt werdei. 

Wir konnen sie, wie die Geschlechtsunter- 
schiede selbst, am iibersichtlichsten nach den 
vier angefiihrten Gesichtspunkten ordnen. In die 
erste Gruppe der Zwischenstufen gehoren demnach solche, 
die auf dem Gebiet der Geschlechtsorgane liegen, die Zwitter- 
bildungen im engeren Sinne, sowie die „Scheinzwitter**, Manner, 
die durch weibliche Spaltbildungen an den Genitalien, Frauen, 
die durch ein gesteigertes Wachstum dieser Organe schon oft 
genug bei der Geburt zu Irrtiimern in der Geschlechtsfbestimmung 
AnlaQ gaben .Franz von Neugebauer hat in seinem klas- 
sischen Handbuch^) iiber den „Hermaphroditismus beim Men- 
schen" die hier vorkommenden Abstufungen und Kombinationen 
mit vorbildlichem FleiB und groBtem Verstandnis gesammelt 
und von den verschiedensten Gesichtspunkten aus kritisch ge- 
sichtet. 

Die zweite Bubrik der sexuellen Zwischenstufen bezieht 
sich auf korperliche Eigenschaften auflerhalb der Ge- 
schlechtsorgane. 

Hier finden wir Marnier mit weiblichem Brustdriisengewebe (Gy- 
nakomasten), sowie Frauen ohne solches (Andromastie) ; Frauen mit 
mannlicher Behaarung, etwa mannlichem Bart oder mannlichen Fubes 
(feminae barbatae, Androtrichie) und Manner mit weiblichem Haartypus 
wie weiblichen Pubes, Bartlosigkeit usw., Frauen mit mannlichem Kehl- 
kopt (Androglottie) und Manner mit weiblich geformten Stinmibaudem 
und weiblicher Stimmbildimg (Gynoglottie), Manner mit weiblichem 
Becken (Gynosphysie) und Frauen mit Mannerbecken^) (Androsphysie), 



*) Hofrat Dr. Franz Ludwig von Neugebauer, Direktor 
der gynakologischen Abteilung des evangelischen Hospitals zu War- 
schau: Hennaphroditismus beim Menschen. Leipzig 1908. 

6^ Der Berliner Anatom Waldeyer (vgl. „Das Becken, togo-. 
eraphisch-anatomisch usw. Teil II. Bonn 1899. 5. 393) sagt bezug- 
lich dieses Organs, bei dem man a priori doch gewlB eine strenge 
geschlechtliche Differenzierung voraussetzen soUte: „Wir finden auch 
Weiberbecken vom Habitus der Mannerbecken. Die 
Knochen sind massiver, die Darmbeine stehen steil, die Schambogen 



Digitized by VjOOQIC 



359 

Manner mil weiblichem Knochen- und Muskelbau und Frauen init mann- 
lichem Skelett und mannlicher Muskulatur, von mannlicher GroBe und 
Figur ; Manner mit weiblichen, Frauen mit mannlichen Bewegungen, Man- 
ner mit dem zarten Teint der Frau, und Frauen mit der derben Haut des 
Mannes, kurzum, welchen Tell des Korpers wir auch her- 
ausgreifen mogen, stets werden wir in nicht zu sel- 
tenea Fallen mannliche D urchs ch ni 1 1 s f ormen bei 
Frauen, weibliche bei Mannern wahrnehmen konnen. 

Zu der dritten Abteilung sexueller Zwischenstufen, den 
hinsichtlich ihres Geschlechtstriebes abweichenden Personen, 
recbnen wir Mfinner, die Frauen gegentiber mehr zu eine,Tn 
sexuellen Verkehr nach Frauenart, beispielsweise zur Sukkum- 
bierung neigen, die aggressive Weiber sowie niasochistisch'e'^) 
Betatigungsformen lieben. Diesen entsprechen unter den Frauen 
solche, die zur Inkumbierung neigen, sexuell sehr aggressiv 
sind (von Prostituierten, wo hierfiir andere Ursachen in Be- 
tracht kommen, ist hier natiirlich abzusehen), sowie solche, 
die sadistische Regungen zeigen. In bezug auf die Richtung des 
Geschlechtstriebs deutet es bei einem Manne auf Femininitat, 
wenn er sich zu Frauen von mannlichem Aussehen und Cha- 
rakter, zu sogenannten „energischen Frauen*', manchmal auch 
zu direki homosexuellen hingezogen ftilhlt,'' oder zu mannlich 
gekleideten sowie zu solchen, die wesentlich gereifter, intel- 
lektueller, alter als er selbst sind. Bei der Frau hinwiederum 
verrat sich die mannliche Beimischung in einer Vorliebe fiir 
weiblich geartete, sehr anlehnungsbediirftige, sehr jugendliche, 
oder ungewdhnlich zartbesaitete Manner, iiberhaupt fiir solche, 
die in ihren Ziigen, ihrem Benehmen und Charakter dem femi- 
ninen Ty pus nahestehen. Endlich gehoren in diese 
Kategorie der Zwischenstufen Frauen, die nicht 
nur weiblich geartete Manner, sondern auch 



sind eng, die Beckenhohle hat eine Trichterform. Me ist haben die 
betreffenden Frauen auch in ihrem iibrigen Korperhabitus etwas Mann- 
liches (Viragines), doch braucht dies nicht immer der Fall zu sein." 
') Da der korperliche und seelische Sexual-P assivismus, den 
wir in seiner pathologischen Form nach K r a f f t - E b i n g Maso- 
chismus nennen, wie dieser Autor sehr richtig betont hat, cine ,,Aus- 
artung spezifisch weiblicher psychischer Eigentiimlichkeiten" ist, so 
ist sein Auftreten bei einem Manne zweifellos ein feniininer Zug, der 
nach meiner Erfahrung iibrigens auch haufig mit anderweitigen Zeichen 
der Feminitat vergesellschaftet ist. Da umgekehrt der Sadismus — 
um mit Krafft-Ebing zu reden — „eine pathologische Steige- 
rung" mannlicher psychischer Geschleohtscharaktere darstellt, so sind 
sadistisch veranlagte Frauen mannliche Frauen. Demnach zahlen wir 
den Masochismus beim Manne, den Sadismus der Frau zu den in das 
Grebiet der sexualen Zwischenstufen gehorigen Erscheinungen, wahrend 
unseres Erachtens der Sadismus beim Manne und der Masochismus der 
Frau Auswiichse von Instinkten sind, die in dem Triebe wurzeln, 
der dem Geschlecht des Betreffenden entsprioht. 



Digitized by VjOOQIC 



360 

msLnnlich geartete Frauen lieben — oder auch nur 
letztere — allein oder (ganz nach Art „richtiger** 
Manner) Frauen von durchaus weiblicher Art 
lieben. Das GegensttickzudieserUnterabtei lung 
sind Manner, die auBer Frauen von mannlicher 
Art auch Manner von femininer Art lieben oder 
nur diese oder auch (ganz wie Frauen) mehr bder 
weniger stark ausgepragte Manner ty pen (Homo- 
sexuelle und Bisexuelle). 

In Gruppe IV, unter welche wir die nicht un- 
mittelbar mit dem Liebesleben zusammenhangen- 
den seelischen Eigenschaf ten begreifen, sind den 
sexuellen Zwischenstufen beizuzahlen banner von femininer 
Geistes- und Sinnesaxt, wie sie sich in ihrer Lebensweise, ihrer 
Gesohmacksrichtung, ihren Manieren, ^rer Sensitivitat^ viel- 
fach auch in ihren Schriftzugen widerspiegelt, auch Manner, 
die sich mehr oder weniger wie Frauen kleiden oder ganz als 
solche leben (Trans vesti ten), anderseits Frauen von mannlichem 
Gharakter, mannlicher Denk- und Schreibweise, starker Zu- 
neigung zu mannlichen Passionen, mannlicher Tracht, natuj- 
lich auch Frauen, die mehr oder minder ganz das Leben eines 
Mannes ftihren. 

Alle andersgeschlechtliohen Einschlage konnen in sehr verschieden 
hohem Gi-ade vorhanden sein. Dieser hangt einmal wesentlich vom 
Lebensalter ab. Am markaatesten erscheinen die Geschlechts- 
unterschiede zwischen dem 20. und 60. Lebensjahre. Vorher im Jung- 
lings- imd Jungfrauenalter zeigen auph noch nach der Reife Madchen 
oft ein juveniles, junge Manner ein feminines Geprage. Und auch 
spater in der Riickbildungsperiode nach dem 6. Lebensjahrzehnt stellen 
sich bei Matronen nach den Wechseljahren oft leichte virile Stig- 
mata ein, wahrend alte Manner haufig viel Frauenartiges bekommen. 

Weiter ist von Wichtigkeit, dafi alle diese Einsch^e isoliert 
oder kombiniert auf treten konnen. Es kommen alle nur e r- 
denklichen Verbindungen mannlicher und weiblicher Eigeaschaften 
vor. Legen wir der Berechnung der Anzahl moglicher Eombinationen 
jede der vier Hauptcruppen als ein Ganzes zugrunde, ver- 
gegenwartigen wir uns also, daB erstens die Geschlechtsorgane, 
zweitens die ubrigen korperlichen Eigenschaften, drittens der Gre- 
schlechtstrieb, viertens die sonstigen seelischen Eigenschaften mann- 
lich, weiblich oder gemischt sein konnen, so ergeben sich allein dar- 
aus 81 Grundtypen der sexuellen Zwischenstufen. 

Die Menge der moglichen Variationen ist aber viel groBer, wenn 
wir beriicksichtigen, daS ja in jeder der vier Gruppen viele einzelne 
Attribute zusammengefaBt sind, von denen jedes in Verbindung mit 
jedem beliebigen anderen, beliebig viele mit beliebig vielen anderen 
und jedes noch dazu verschieden stark auftreten kann. Nehmen wir 
in jeder Gruppe nur vier verschiedene Attribute an, z. B. in Gruppe II 
Haarkleid, Kehlkopf, Brust, Becken usw. (in Wirklichkeit sind es 
sehr viel mehr), so ergeben sich schon 4 x 4 = 16 Einzeleigenschaftcn, 
die mannlichen, weiblichen oder gemischten Gharakter tragen konnen, 
das sind an 3i« = 43 046 721 Kombinationsmoglichkeiten oder Zwi- 



Digitized by VjOOQIC 



361 

schenstufentypen. Die ausfiihrlicheren Berechnungen dieser sexuellen 
Varietaten, welche ich gemeinsam mit Professor Dr. K. F. Jordan 
ausgefiihrt habe, finden sich in meinem im April 1910 erschienenen 
Bu(me : „Die Transvestite n". Versuchen wir, nns von dieser 
Vermischung mannlicher und weiblicher Substanz wenigstens annahe- 
rungsweise eine Vorstellung zu machen, so kann etwa der mannliche 
Einschlag bei einem Weibe, welches sich von dem absoluten Frauen- 
typus nur wenig unterscheidet, auf 1 — lOo/o beziffert werden, es kann 
aber auch wesentlich mehr, etwa 26o/o betragen. Es konnen weiter 
ebenso viele mannliche wie weibliche Eigenschaften vorhanden sein, 
ia ea konnen bei einer Tragerin weiblicher Keimzellen, also elnem 
Weibe, die m§,nnlichen Eigenschaften zahireicher vertreten sein wie 
die weiblichen, und so gelangen wir na^h und nach zu einem Punkte, 
wo aufier den Geschlechtsoreanen die Geschlechtscharaktere der drei 
ubrigen Gruppen, der Geschlechtstrieb sowohl als die allgemeinen 
korperlicheu und seelischen Erscheinunffen mannlich geartet sind.. 
Dieser Typus grenzt an den „absoluten Mann, bei dem dann eben 
auch noch die vierte Gruppe, die Geschlechtsorgane mannlich 
sind. Und nun wiederholt sich dasselbe. Es kann dem Manne nur 
eine Spur Weiblichkeit beigemengt sein, die Beimischung kann wesent- 
licher sein, die weiblichen Qualitaten kSnnen den mannlichen gleich- 
kommen, sie konnen diese iiberragen, trotzdem es sich um einen Trager 
mannlicher Keimzellen, also einen Mann handelt, und so kommen 
wir allmahlich wieder zu dem Punkte, wo Gruppe II, III und IV be- 
reits totaliter weiblich, nur Gruppe I noch mannlich ist oder gar 
noch in dieser einzelne Annaherungen an den femininen Typus vor- 
handen sind. Damit nahem wir uns dann wieder imserm Ausgangs- 
punkt, dem vollkommen weiblichen G^schlechtstypus. Alle diese sexu- 
ellen Varietaten bilden einen vollkommen geschlossenen 
K r e i s , in dessen Peripherie die angefdhrten Zwischenstufentypen 
nur besonders markante Punkte sind. 

Ob nun jemand die sexuellen Zwischenstufen samt und 
Bonders f iir pathologisch ansieht — ein fiir einen auf dem Boden 
der Entwicklungslehre stehenden Biologen meines Erachtens un- 
haltbarer Standpunkt — oder ob man nur die starkeren Ein- 
schlage von Mannlichkeit bei einem Weibe und Weiblichkeit 
bei einem Manne ftir pathologisch halt, die schwacheren Grade 
fiir physiologisch — wobei es schwer halten dtirfte, in der 
Beihe der unmerklich ineinander tibergehenden Typen eine 
Grenze zu ziehen — oder ob man, wie wir es tun, alle diese 
Zwischenstufen als sexuelle Varietfiten auf f afit (und den 
Begriff des Pathologischen im Sexualleben von ganz anderen 
Momenten abhangig macht), alles das sind nebensaehliche Ent- 
scheidungen gegeniiber der Hauptsache, daB wir mit den sexu- 
ellen Zwischenstufen als einer weitverbreiteten und bedeutsamen 
Naturerscheinung zu rechnen haben. 

Die „Zwischenstufentheorie** bezweckt also im wesentlichen 
nicKts anderes als eine Systematisierung, sie will be- 
kannte und verwandte Phanomene methodisch ordnen; mag 
im Einzelfall die Frage auftauchen, ob die Charakteri- 
sierung einer k5rperlichen oder geistigen Eigenschaft als m&nn- 



Digitized by VjOOQIC 



362 

lich oder weiblich insofern gerechtfertigt ist, als sie dem Durch- 
schDittstypus des mannlichen oder weiblichen Geschlechts auch 
wirklich entspricht, an dem' Faktum, dafi in alien vier genannten 
Gruppen der Geschlechtsunterschiede Mischformen, Geschlechts- 
iibergange vorkommen, andert das nichts. Von einer 'eigentlichen 
Zwischenstuf en t h e o r i e kann nach meinem Daftirhalten erst 
die Rede sein, wenn eine Theorie aufgestellt wird, welche das 
Vorhandensein und die Haufigkeit solcher Mischformen zu 
erklaren sucht. Diese Erklarung ist ebenso einfach und ein- 
leuchtend wie die Lehre von den Zwischenstuf en selbst. Sie 
stiitzt sich darauf, daU nach den Gesetzen der gemischten oder 
beiderseitigen Vererbung jedem Kinde, gleichviel ob mannlich 
oder weiblich, das aus der geschlechtlichen Vermischung von 
Mann und Weib entsteht, vaterliche und mtitterliche Eigen- 
schaften angeboren sind; es iibertragen sich nach den Gesetzen 
der latenten und alternierenden Vererbung auf jeden Sohn 
auch noch Eigentlimlichkeiten aus der miitter lichen Ahnen- 
reihe beider Eltern, auf jede T o c h t e r Eigenschaf ten der V o r - 
vftter. DerAnteilderkonkurrierendenErblasser 
ist in jedem einzelnen Fall ein variable r. 

Einer der bedeuteadsten Forscher, den wir in Deutschland auf 
dem Gebiet der Vererbung haben, August Weismann^), sagt: 
„Vom Menschen her wissen wir, dafi samtliche sekundaren Geschlechts- 
charaktere nicht nur von den Individuen des entsprechenden Ge- 
schlechts vererbt werden, sondern auch von denen des anderen. Die 
schone Sopranstimme der Mutter kann sich durch den Sohn hindurch 
auf die Enkelin vererben, ebenso der schwarze Bart des Vaters durch 
die Tochter auf den Enkel. Auch bei den Tieren miissen in jedem 
geschlechtlich differenzierten Bion beiderlei Geschlechtscharaktere vor- 
handen sein, die einen manifest, die anderen latent. Der Nachweis ist 
hier nur in gewissen Fallen zu fiihren, weil wir die individuellen 
Unterschiede dieser Charaktere nur selten so genau bemerken, allein 
er ist selbst fiir ziemlich einfach organisierte Wesen zu fiihren und 
die latente Anwesenheit der entgegengesetzten Geschlechtscharaktere 
in jedem geschlechtlich differenzierten Bion mufi deshalb als allge- 
meine Einrichtung aufgefaBt werden." 

Im Kampf mit der doppelgeschlechtlicheu Vererbung liegt die- 
jenige, welche Darwin die geschlechtliche (sexuelle) nannte. Diese 
bewirkt, dafi manche Eigentlimlichkeiten nur bei mannlichen, andere 
nur bei weiblichen SproBlingen zur Entwicklung gelangen. So iiber- 
tragt der Hirsch das Geweih in der Kegel nur den mannlichen Nach- 
kommen, das weibliche Tier die milchgebende Driise nur der weib- 
lichen Nachkommenschaft. Doch sind die Anlagen fiir diese charakte- 
ristischen Geschlechtszeichen auch stets bei den andersgeschlecht- 
lichen Abkommlingen vorhanden, nur wachsen sie dort wenig oder 
gar nicht. Auch hier mogen noch zwei Gewahrsmanner gehort wer- 
den : D a r w i n ») selbst, der seine Betrachtungen mit den Worten 

®) Weismann: Das Keimplasma, eine Theorie der Vererbung. 
Jena 1892. S. 467. 

®) Darwin: Das Variieren der Pflanzen und Tiere im Zustande 
der Domestikation. 2. Auflage. Stuttgart 1873. Bd. II. S. 59. 



Digitized by VjOOQIC 



363 

schlieBt: „\vir sehen, daB iu vielen, wahrscheinlich in alien Fallen 
die sekundkren Charaktere jedes (leschlechtes schlafend oder latent in 
dem entgegengesetzten Geschlechte ruhen, bereit, sich unter eigentiim- 
lichen Urastanden zu entwickeln"; sodann der Gynakologe A. He gar. 
der in einer Arbeit „Uber die Exstirpation normaler und nicht zu 
umfanglicher Tumoren degenerierter Eierstocke" ^o) klarlegt, „dafi ur- 
sprijnglich in jedem Individuum zwei geschlechtsbedingende Momente 
vorhanden sind, von denen das eine zum Manne, das andere zum Weibe 
fiihrt.** „Diese suchen nicht bloB die spezifischen Keimdriisen, son- 
dern gleichzeitig auch die anderen Geschlechtscharaktere herzu-. 
stellen. „Fiir gewShnlich iiberwiegt eine Bewegungsrichtung so, daB 
nur ein spezifischer Typus geschafien, wahrend der andere verdrangt 
wird." Er setzt dann auseinander, dafi diese Verdrangung wahrschein- 
lich auf mechanischen Ursachen beruht — was ich nicht fur sehr 
wahrscheinlich halte — und endet mit den Worten: „e8 wird (wenn 
die Verdrangung nicht nder nur teilweise stattfindet) das andere 
geschlechtsbedingende Moment zur Geltunp kommen, und wir sehen 
so ein Individuum entstehen, welches einen anderen Geschlechts- 
typus hat als denjenigen, welcher ihm seiner Keimdriise nach zu- 
kommt. Meist sind freilich Gemische mannlicher und 
weiblicher E ige n s c haf te n in den ma n nigf ach s t e n 
Kombinationen vorhanden, bis zu jenen feinen Nuancen 
herab, bei denen wir von einem weibischen Manne und einem Mann- 
weib sprechen." 

Das biologische Gesetz, daU in jedem Men- 
schen auch das gegenteilige Geschlecht ruht, bil- 
det dieGrundlage fiir dicEntstehung und dasVer- 
stfindnis der sexuellen Zwischenstufen; ich habe es 
in dem Leitartikel der Jahrbiicher ftir sexuelle Zwischenstufen 
kurz etwa dahin prazisiert: „alles, was das Weib besitzt, hat 
wenn auch in noch so kleinen Resten, der Mann, und ebenso sind 
bci jedem Weibe zum mindest^n Spuren aller mannlichen Eigen- 
ttimlichkeiten vorhanden** und in dem Buche „Geschlechtsuber- 
gange": „In jedem Lebewesen, das aus der Vereini- 
gung zweier Geschlechter her vorgegangen ist, 
finden sich neben den Zeichen des einen Ge- 
schlechts die des andern, oft weit iiber das Rudi- 
mentar stadium hinaus, in sehr verschiedenen 
Gradstufen vor.** 

DaB die Gradstufen so haufig von der dem Geschlecht im allge- 
meinen eigentiimlichen Durchschnittsform abweichen, wird um so ver- 
standlicher. wenn wir in Betracht ziehen, daB der mannlichen oder 
weiblicheu Gestaltung stets eine einheitliclje Form vorangeht. Aus 
dieser neutralen Anlage wachsen einige Teile starker, andere 
schwacher, und auf diesem „m e h r oder „w e n i g e r" der Ent- 
wicklung beruht der ganze Unterschied der Geschlechter. So ent- 
stehen die in der ersten Gruppe der Geschlechtsunterschiede zu- 
sammengefaBten Organe bei beiden Geschlechtern aus der ge- 
schlechtslosen Geschlechtsdriise, an die sich ursprunglich sowohl 
beim Manne als beim Weibe die Urnieren, Urnierengauge und Miiller- 



10) Im Zentralblatt fiir Gyuakologie. 10. Nov. 1877. S. 297 
bis 307. 



Digitized by VjOOQIC 



364 

schen Gange anschlieBen, wahrend an der Korperoberflache in b e i d e n 
Fallen der Geschlechtshocker, die Geschlechtsrinne, die Geschlechts- 
falten und Geschlechtswiilste, die Vorstufen der auBeren Genital- 
bildung darstellen. In der zweiten Gruppe der Geschlechtsunter- 
schiede ist noch bis kurz vor der Reife die einheitliche Grundlage vor- 
handen; Brustdriisen, Behaarimg, Kehlkopf lassen im Kindesalter 
keine Differenz wahrnehmen. Auch hinsichtlich der dritten 
Gruppe der Geschlechtsunterschiede wird angenommen, dafi der Diffe- 
renzierung des Geschlechtstriebs ein undifierenziertes Stadium vor- 
ausgeht ^i), und ebenso sind die seelischen Unterschiede (Gruppe IV), 
wenn auch in der Kindheit schon vielfach angedeutet (mit Recht be- 
zeichnet der Sprachinstinkt das Kind als Neutrum), so doch nicht 
im entferntesten so ausgebildet und ausgepragt wie beim Erwachsenen. 
Die Zwischenstufentheorie ist auBer den bereits genannten so 
vielen anderen sachkundigen Autoren anerkannt worden; unter den 
Naturf orschern seien Rohleder, Ellis, Nacke, Karsch, Neu- 
gebauer, Mobius, Merzbach, unter Juristen Wulffen, 
Praetor ius, Hans GroB hervorgehoben, von denen der letz- 
tere im Archiv fiir Kriminalanthropologie und Kriminalistik i*) seinen 
Standpunkt etwa wie folgt, prazisiert : „Jedes Individuum hat die 
sexuelle Tendenz, zu welcher es durch seine Konstruktion 
getrieben wird; sei diese vorwiegend mannlich, so werde das Indi- 
viduum vom Weibe angezogen, und umgekehrt. Da diese Konstruk- 
tion nicht bloB vom Bau der Geschlechtsteile abhangt, so kann ein 
Individuum zwar nach dessen Bau dem einen Geschlecht, nach seiner 
sonstigen Konstruktion jedoch dem anderen angehoren. Homosexu- 
alitat ist K on s t ruk t i ons ei'gebni s." 

Es sind aber auch Einwande gegen die Auffassunj- der 
Homosexualitat als einer intersexuellen Variante erhoben worden. 

Diese Einwendungen sttitzen sich auf die an sich zutreffende 

und auch nie bestrittene Behauptung, daB Homosexuelle einen 

voUig ihren primaren Geschlechtscharakteren entsprechenden 

Eindruck machen konnen, anderseits sehr feminine Manner und 

virile Frauen durchaus homos^xuell sind. 

I w a n B 1 o c h 13) meint : j,Die Zwischenstufentheorie H i r s c h - 
f e 1 d s , die aus den graduellen Ubergangen zwischen den Geschlech- 
tern die homosexuellen Phanomene erklart, diese interessante Theorie 
erklart nur einen Teil der originaren Homosexualitat. Aber sie ver- 
sagt da, wo Homosexualitat bei Fehlen jeder Abwei- 
chung vom Typus auftritt, also z. B. in jenen Fallen, wo 
mannliche Individuen mit durchaus normalem mannlichen Korper- 
bau bereits von Kindheit an lange vor der Pubertat streng homo- 
sexuell empfanden." Ahnlich auBert sich auch F o r e H*) : „ Was man 
zugeben kann, ist, daB die kontrare Sexualempfindung samt homo- 
sexueller Liebe einer Art partiellen Hermaphroditismus entspricht, 
in welcher die Geschleqjitsdnisen und die Begattungsorgane die Merk- 
male des einen Geschlechts besitzen, wahrend das Gehirn zu einem 
guten Teil diejenigen des anderen tragi." — „DaB gelegentlich ein 
mannlicher Urning auch somatische weibliche Eigenheiten besitzt und 
ein weiblicher Urning mannliche, ist nicht zu leugnen. Die Homo- 



^1) Vgl. u. a. Prof. M. D e s s o i r. AUgem. Zeitschrift fiir Psv- 
chiatrie. 1894. Heft 5. 

12) Besprechung des Jahrbuchs IV n. V. 

^5) Iwan Bloch: Das Sexualleben unserer Zeit, p. 688. 

1*) Aug. Forel: Die seiuelle Frage, p. 260 u. 264. 



Digitized by VjOOQIC 



365 

dexualitat ist vornehmlich rein psychisch. Die ganze Zwischenstufen- 
theorie scheitert aber ferner daran, dafi logischerweise eine wirklich 
sexuelle Zwischenstufe wohl bisexuell oder hermaphroditisch, aber 
nicht homosexuell fiihlea sollte." — „Wenii daher ein Mensch mil 
durchaus charakteristischen Sexualorganen und sonstigen Merkmalen 
des einen Geschlechts eiazig und allein fiir sein gleicnes Geschlecht 
sexuell empfindet — und so ist es beim typdschen Urning — bleibt 
dies, trotz alien gekiinstelten Gegenargumenten, eine pathologische 
Erscheinung oder, wenn man will, eine Abnormitat, una kann nicht 
als normalc Zwischenstufe bezeichnet werden." 

Auch von den Anhangem der „physiologischen Freundschaft" 
und der „mannlichen Kultur", so von Benedict Friedlaender 
in seiner „Renaissance des Eros Uranios" und vorher von Elisarion 
V. K u p f f e r , ist die Zwischenstufentheorie abgelehnt und bekampft 
worden. K u p f f e r wendet sich in der Einleitung zu seinem Werk 
,,Lieblin^minne und Freundesliebe in der Weltliteratur", wo er im 
iibrigen in sehr vortrefflicher Weise klarlegt, „welche Quelle der Kraft" 
dui-ch die Verfolgung gleichgeschlechtlicher Liebe der menschlichen 
Gesellschaft entgeht , scharf gegen „die krankelnde Prinzipiensucht 
unsrer wissenschaftelnden Zeit (pag. 3) ; es sei „in humanwissen- 
schaftlichen Kreisen Mode geworden, von einem „dritten" Geschlecht 
zu reden, dessen Seele und Leib nicht zusammenstimmen sollen"; es 
seien nicht nur diejenigen zuriickzuweisen. „(pag. 16) welche sich in 
feindseliger Verleumdung ergehen, sondern auch die, die durch ihre 
krankhaften Theorien vom Urning und von der Effemination alles 
verwirren und verzerren." „Ich will," schreibt er (pag 16), ,,ja nicht 
ieugnen, daB es solche extreme Erscheinungen gibt, denn die Natur 
ist unerschopflich reich, aber die Lieblingminne deckt sich mit 
ihuen keineswegs." Er beruft sich dann auf Goethe, welcher mit 
Recht von J. J. Winckelmann gesagt hatte: „Er hat als Mann 
gelebt und ist als ein vollstandiger Mann von hinnen gegangen." 

Die Gegner der Zwischenstufentheorie ubersehen Kunachst 
ihren rein systematischen Charakter. 

Zwischenstufen zwischen dem mannlichen und weiblichen 
Geschlecht werden eben die Personen genannt, die nicht aus- 
schliefllich vollmannliche oder voUweibliche Formationen, 
sondern Mischungen beider besitzen. „Wenn daher ein Mensch** 
— ich bediene mich hier absichtlich Fore Is eigener Worte — 
mit durchaus charakteristischen Sexualorganen und sonstigen 
Merkmalen des einen Geschlechts, einzig und allein fiir sein 
eigenes Geschlecht sexuell empfindet, — so ist eben diese Ver- 
bindung viriler oder femininer Sexualorgane mit einem diesem 
nicht entsprechenden SexuaHrieb eine Mischf orm, ein Geschlechts- 
iibergang, eine Zwischenstufe in unserm Sinn. Es wird ferner 
von den Gegnern zu wenig beachtet, daB feminine Einschlage in 
der Psyche viriler Manner und virile bei homosexuellen Frauen 
durchaus nicht immer sehr offenkundig zutage treten, sondern 
vielfach erst nach sehr sorgsamer Tiefenexploration feststellbar 
sind; weiterhin, daU jemand an mannUcher Aktivitiit^ Energie 
und sonstigen mannlichen Eigenschaften sehr wohl den Durch- 
schnitt der Manner tibertroffen, deshalb auch einen sehr mann- 
lichen Eindruck machen und gleichwohl eine betrachtliche Menge 



Digitized by VjOOQIC 



366 

weiblicher Gemlltsqualitaten in sich beherbergen kann und um- 
gekehrt. 

Katte hat in einem Artikel „Die virilen Homo- 
sexuellen" ^^) eine Briicke zwischen den Gegnern und Anhangern 
der Zwischenstufentheorie zu schlagen versucht, indem er aus- 
ftihrte, daU sich eine gewisse Supervirilitat, bernhend auf einem 
absoluten Plus des m^annlichen Elements, sehr* wohl mit femininen 
Eigenschaften vertragt. 

Man hat gemeint, die Zwischenstufentheorie passe wohl f iir 
die femininen, nicht aber fiir die virilen Homosexuellen. Das 
ist voUkommen unzutreffend, da sich beide Gruppen nur durch 
die Starke alterosexueller Einschlage, nicht aber prinzipiell 

unterscheideji. 

Vou denen, die nicht auf dem Boden der Zwischenstufentheorie 
steheu, gleichwohl aber die Homosexualitat als einen natiirlichen und 
angcborenen Zustand betrachten, haben einige versucht, die Homo- 
sexualitat auf andere Weise zu erklaren. So nat sich B. Fried- 
I a e n d e r im wesentlichen die Theorie Gustav Jaegers ^6) zu 
eigen geraacht, welcher meinte, dafi die Homosexualitat des Marines 
darauf beruhe, dafi seine Seelenstoffe mit den Seelendiiften des Weibes 
in Disharmonie stehen, wahrend sie mit denen gleichgeschlechtlicher 
Personen harmonierten. Noch spekulativer ist die Theorie Her- 
manns"), die dahin geht, daB bei den Homosexuellen das Polaritats- 
gesetz gestort sei. Der lebende Korper sei ein elektro-chemisches, 
polargespanntes System, in dem bei den homosexuellen gewisse Isola- 
tionen und Hemmungen wegfielen. 

Ma n tegazz a ^^) erklart die angeborene Homosexualitat 

dadurch, daB infolge einer anatomischen Anomalie die nervi 

erigentes einen fehlerhaften Verlauf zum Mastdarm statt zu den 

Genitalien genommen batten und dadurch eine Verlagerung der 

erogenen Zone bewirkt batten. Bei dieser Erklarung iibersieht 

Mantegazza nicht allein die homosexuellen Frauen, sondern 

den groBten Teil der homosexuellen Manner, denen die immissio 

in anum im Fiihlen und Handeln fremd ist. 

Gleichwohl hat auch diese Meinung Anhanger gefunden; so hat 
La C a r a ^^) eine BeObachtung publiziert, in der er die homosexuelle 



1*) Dr. Max Katte: Die virilen Homosexuellen. Im Jahrb. f . 
sex. Zwisclienstufen, Jahig. VII, p. 94 f f. 

16) Gustav Jaeger: Entdeckung der Seele. 3. Aufl. 1. Bd. 
Leipzig 1884, p. 268. 

!•) G. Hermann: Genesis. Das Gesetz der Zeugung. 5. lid. 
Libido und Mania. Untersuchungen iiber Sexualprobleme. 'Leipzig, 
1903 (besprochen von Pratoriuj im Jahrb. f. sex. Zw., p. 483 ff.). 

1®) Paul Mantegazza: Anthi opologisch-kulturhistorische Stu- 
dien iiber die Geschlechtsverhaltnisse des Menschen. 3. Auflage. Ein- 
zig autorisierte deutsche Ausgabe. Jena. S. 120. 

*9) La C a r a : Un ermafrodita psicosessuale. Rivista mensile di 
psichiatria forense, etc. 1902. Nr. 9. Besprorihen von P. Nacke 
ill! Jahrb f. sex. Zwischenst. V, 2. |i. 9v^2. 



Digitized by VjOOQIC 



367 

Neigung eines ephebophilen Homosexuellen auf eine solche vermut- 
liche Nerven-Aberration zuriickfiihrt. 

Die Erorterungen dieser Gelehrten werden an naiver Ignoranz 
kaum vou der jenes Berliner Schlachtermeisters iibertroffen, der vor 
Vielen Jathren mit dem Ersuchen zu mir kam, ich mochte doch fest- 
stellen, ob er homosexuell veranlagt sei, er ware auf diese Vermutung 
gekommen, weil er im After ein so heftiges Jucken verspiire. Die 
Untersuchung ergab, daB es sich um eine Verwechslung zwischen 
Helminthiasis (Wurmkrankheit) und Homosexualitat handelte. 

Auf ebenso irrtiimlichen Voraussetzungen aufgebaut wie 
Mantegazzas Theorie der Homosexualitat ist diejenige 
Schopenhauer s. Wir geben sie gleichwohl in den Haupt- 
stellen des Originals, weil sie von einer Personlichkeit stammt, 
die selbst dorl, wo sie irrt, zur Sache doch WertvoUes zu sagen 
weifl. 

Schopenhauer 20) glaubte, dafi er „das unerhorte Phanomen, 
dessen Erklarung sich als ein so schweres Problem darstellt, durch Auf- 
deckung des ihm zugrunde liegenden Naturgeheimnisses gelost habe"; 
„Zum Ausgangspunkt dient ihm * eine Stelle des Aristoteles in 
Polit., VI, 16. — „Daselbst setzt dieser auseinander, dafi erstlich zu 
j u n g e Leute schlechte, schwache, mangelhaf te und klein bleibende 
Kinder zeugen; und weiterhin, dafi dasselbe von den Erzeugnissen 
der zu alten gilt: nam, ut juniorum, ita et grandiorum natu foetus 
inchoatis atque imperfectis corporibus mentibusque nascuntur: eorum 
vero, qui senio confecti sunt, suboles infirma et imbecilla est." Ari- 
stoteles schreibt daher vor, daB, wer 54 Jahre alt ist, keine Kinder 
mehr in die Welt setzen soil; wiewohl er den Beischlaf noch immer, 
seiner Gesundheit, oder sonst einer Ursache halber, ausiiben mag. 
Die Natur nun ihrerseits kann die der Vorschrift des Aristoteles 
zugrunde liegende Tatsache nicht leugnen, aber auch nicht aufheben. 
Denn, ihrem Grundsatze natura non facit saltus zufolge, konnte sie 
die Samenabsonderung des Mannes nicht plotzlich einstellen; sondern 
auch hier, wie bei jedem Absterben, muC eine allmahliche Deterioration 
vorhergehen. Die Zeugung wahrend dieser nun aber wiirde schwache, 
stumpfe, sieche, elende und kurzlebende Menschen in die Welt setzen. 
Ja, sie tut es nur zu oft: die im spateren Alter erzeugten Kinder 
sterben meistens friih weg, erreichen wenigstens nie das hohe Alter, 
sind, mehr oder weniger, hinfallig, kranklich, schwach, \md die von 
ihnen Erzeugten sind von ahnlicher Beschaffenheit. Was hier von 
der Zeugung im deklinierenden Alter gesagt ist, gilt 
ebenso imunreifen. Nun aber liegt der Natur nichts so sehr 
am Herzen. wie die Erhaltung der Species und ihres echten Typus ; 
wozu wohlbeschaffene, tiichtige, kraftige Individuen das Mittel sind: 
nur solche will sie. Ja, sie betrachtet und behandelt, (wie im Kapitel 
41 gezeigt worden) im Grunde die Individuen nur als Mittel ; als Zweck 
.bloB die Species. Demuach sehen wir hier die Natur, in Folge ihrer 
eigenen Gesetze und Zwecke, auf einen mifilichen Punkt geraten und 
wirklich in Bedrangnis. Auf gewaltsame und von fremder Willkiir 
al3hangige Auskunftsmittel, wie das von Aristoteles angedeutete, konnte 
sie, ihrem Wesen zufolge, immoglich rechnen, und ebenaowenig darauf, 
daC die Menschen, durch Erfahrung belehrt, die Nachteile zu friiher 
oder zu spater Zeugung erkennen und demgemaB ihre Geliiste ziigeln 
wiirden, infolge verniinf tiger, kalter Cberlegung. Auf beides also 
konnte, in einer so wichtigen Sache, die Natur es nicht ankommen 

*®) Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, 
p. 64a ff. 



Digitized by VjOOQIC 



368 

lassen. Jetzt blieb ihr nichts anderes iLbrig, als von zwei Obeln das 
kleinere zu wahlen. Zu diesem Zwecke nun aber muBte sie ihr beliebtes 
Werkzeug, den Instinkt, welcher, wie in vorstehendem Kapitel gezeigt, 
das so wichtige Geschaft der Zeugung iiberall leitet und dabei so selt- 
same Illusionen schafft, auch hier in ihr Interesse Ziehen, welches 
aber hier nur dadurch ceschehen konnte, daJ3 sie ihn irre leitete (lui 
donna le change). Die Natur kennt namlich nur das Physische, n i c h t 
das Moralische: sogar ist zwischen ihr und der Moral entschiedener 
Antagonismua. Erhaltung des Individuums, besonders aber der Species, 
in moglichster Vollkommenheit, sei ihr alleiniger Zweck. Zwar sei nun 
auch physisch die Paderastie den dazu verfiihrten Jiinglingen nach- 
teilig; jedoch nicht in so hohem Grade, daB es nicht von zweien 
tJbeln das kleinere ware, welches sie demnach wahlt, um dem sehr viel 
grofieren, der Depravation der Species, schon von Weitera auszuweichen 
und so das bleioende und zunehmende Ungliick zu verhiiten. Dieser 
Vorsicht der Natur zuf olge stellt, ungefahr in dem von Aristoteles 
angegebenenem Alter, in der Kegel eine paderastische Neigung sich 
leise und allmahlich ein, wird immer deutlicher und entschiedener, in 
dem Mafie, wie die Fahigkeit, starke und gesunde Kinder zu zeugen, 
abnimmt. ... So veranstaltet es die Natur. . . . Der Zweck, den die 
Natur dabei hat, wird dadurch erreicht, daB jene Neigung Gleich- 
giiltigkeit gegen die Weiber mit sich fiihrt, welche mehr und mehr 
zimimmt, zur Abneigung wird und endlich bis zum Widerwillen an- 
wachst. Hierin erreicht die Natur ihren eigentlichen Zweck umso 
sicherer, als, je mehr im Manne die Zeugiingskraft abnimmt, desto ent- 
schiedener ihre widernatiirliche Richtung wird. — Diesem entsprechend 
finden wir die Paderastie durchgangig als ein Laster, alter Manner. 
Nur solche sind es, welche dann una wann, zum offentlichen Skandal, 
darauf betroffen werden. Dem eigentlich mannlichen Alter ist sie 
fremd, ja, unbegreiflich, Wenn einmal eine Ausnahme hiervon vor- 
kommt, so glaube ich, daB es nur infolge einer zufalligen imd vor- 
zeitigen Depravation der Zeugungskraft sein kann, welche nur schlechte 
Zeugungen liefern konnte, denen vorzubeugen, die Natur sie ablenkt. 
Daher richten die in groBen Stadten leider nicht seltenen Kinaden 
ihre Winke und Antrage stets an altere Herren, niemals an die im 
Alter der Kraft stehenden oder gar an junge Leute. Auch bei den 
Griechen, wo Beispiel imd Gewohnheit hin und wieder eine Ausnahme 
von dieser Kegel herbei^efiihrt haben mag, finden wir von den Schrift- 
stellern, zumal den Philosophen, namentlich P 1 a t o n und Aristo- 
teles, in der Kegel, den Liebhaber ausdriicklich als altlich dargestellt. 
Insbesondere ist in dieser Hinsicht eine Stelle des Plutarch bemerkens- 
wert im Liber amatorius, c. 5 : 'O Jiaidixog Igcog, Sxpe yeyovcog, xal nag' 
a)QavT(p fiicpf v6§og xal oxoriog, i^ekavvei xbv yvrjoiov EQCOxa xal nQEOpvxeQOv. 
(Puerorum amor, qui, quum tarde in vita et intempestive, quasi 
spurius et occultus, exstitisset, germanum et natu majorem amorem 
expellit.) Sogar imter den Gottern finden wir nur die altlichen, den 
Zeus und den Herakles, mit mannlichen Geliebten versehen, nicht 
den Mars, Adollo, Bacchus, Merkur. — Inzwischen kann im Orient 
der infolge der Polygamic entstelfende Mangel an Weibern hin und 
wieder gezwungene Ausnahmen zu dieser Kegel veranlassen: ebenso 
in noch neuen und daher weiberlosen Kolonieen, wie Kalifomien usw. 
— Dem entsprechend mm ferner, daB das unreife Sperma, eben so wie 
das durch Alter depravierte, nur schwache, schlechte und ungliick- 
liche Zeugungen liefern kann, ist, wie im Alter, so auch in 
der Jugend eine erotische Neigung solcher Art zwischen Jiing- 
lingen oft vorhanden, fiihrt aber wohl nur hochst selten zum wirk- 
lichen Laster, indem ihr, auBer den oben genannten Motiven, die Un- 
schuld, Reinheit, Gewissenhaftigkeit und Verschamtheit des iugend- 
licheu Alters entgegenstebt. Aus dieser Darstellung ergibt sich, daB, 
wahrend das in Betracht genommene Laster den Zwecken der Natur, 



Digitized by VjOOQIC 



369 

and zwar im Allerwichtigsten and ihr Angelegensten, gerade entgegen- 
zaarbeiten scheint, es in Wahrheit eben, diesen Zwecken, wiewohl nor 
mittelbar, dienen muB, als Abwendungsmittel groBerer 
Ubel. Es ist namlich ein Phanomen der absterbenden and dann 
wieder der anreifen Zeugangskraft, welche der Species Gefahr drohen, 
and wiewohl sie alle beide ans moralischen Griinden pausieren sollten, 
war hierauf doch nicht zu rechnen, da iiberhaupt die Natur das 
eigentlich Moralische bei ihrem Treiben nicht in Anschlag bringt. 
Demnach griff die, infolge ihrer eigenen Gesetze, in die JEnge ge- 
triebene Natur, mittelst Verkehrung des Instinkts, zu einem Not« 
behelf, einem Strategem, ja, nian mochte sagen, sie baute sich eine 
Eselsbrucke, um, wie oben dargelegt, von zweien tTbehi dem grofieren 
zu entgehen. Sie hat namlich den wichtigen Zweck im Auge, un- 
gliicklichen Zeugungen vorzubeugen, welche allmahlich die ganze Species 
depravieren konnten, und da ist sie, wie wir gesehen haben, nicht 
skrupulos in der Wahl der Mittel.** 

Schopenhauer setzt dann naher auseinander, daB bei aller 
Geschlechtsliebe der Instinkt die Ziigel fuhrt und lUusionen schafft, 
well der Natur das Interesse der Gattung alien anderen voreeht; auch 
fur die gleichgeschlechtliche Liebe ergeben sich als letzte Griinde die 
Zwecke der Gattung, nur seien sie in diesem Falle bloB negativer Art, 
indem die Natur dabei prophylaktisch verfahre. Schopenhauer schlieflt 
diese denkwiirdigen Auseinandersetzungen mit dem Satze, daB er durch 
Darlegung dieser paradoxen Gedanken auch den durch das immer 
weitere Bekanntwerden seiner von ihnen so sorgfaltig verhehlten Philo- 
sophie sehr consternierten Philosophieprofessoren eine kleine Wohl- 
tat habe zuflieBen lassen wollen, indem er ihnen die Gelegenheit er- 
offnete zu der Verleumdung, daB er die Paderastie in Schutz genommen 
und anempfohlen hatte. 

Schopenhauer& Behaoidlung der Homosexualitat kann 
vor dem Forum der Tatsachenforachung insofern nicht zu Recht 
bestehen, als ja keineswegs vornehmlich 'uur die Jugend und das 
Alter gleichgeschlechtlicli empfinden, vielmehr wer homosexuell 
fiihlt und handelt, es von der Jugend bis zum Alter in der- 
selben Weise tut. Hier irrt der grolJe Denker; um so mehr 
scheint er mir aber in einem Punkte den Kern der Sache zu 
treffen, dort, wo er klarlegt, daB die letzten Griinde homo- 
sexueller Neigung Griinde der Gattung sind, nicht Entartung, 
sondern VerhtttungderEntartung. 

In Schopenhauer schen Gedankengan^en bewegen sich noch 
drei weitere Autoren, Gyurkovechky *i), K u r n i g *') und G r a- 
b o w s k y. Der erstere meint, daB die Homosexualitat infolge der 
Heteroimpotenz entstehe, der andere, daB ihre Ursache „Prokreations- 
Nihilismus'* sei, wahrend Grabowsky*^) glaubt, daB in Wirklich- 
keit „der Ekel vor der geschlechtlichen Fortpflanzung bei dem Urning 
groBer sei, als der vor dem anderen Geschlecht." BewuBt ist dies 
allerdings, wie ich auf Grund sehr vieler Explorationen feststellen 
konnte, sicher nicht der Fall. 



**) Victor V. Gyurkovechky: Pathologic und Therapie der 
mannlichen Impotenz. Wien und Leipzig. 2. Aufl. 1897. S. 107. 

**) E u r n i g , Der Neo-Nihilismus, Anti-Militarismus, Sexualleben. 
(Ende der Menschheit.) Leipzig, 1901. — Besprochen von Dr. N. 
Praetorius im Jahro. f . sex. Zwischenst. VI, p. 488 f f . 

*•) Norbert Grabowsky, Die verkehrte Geschlechtsempf in- 
dung usw. Leipzig, 1894 p. 32. 



Hirschfeld, Homosexualitftt. 24 

Digitized by V:iOOQIC 



ZWANZIGSTES KAPITEL. 

l8t Homosexualit&t Entartung, Krankheit Oder VarietSt? 

Mit der Annahme einer spezifischen Konstitution von psy- 
chisch-hermaphroditischem Habitus ist unserm Kausalitats- 
bediirfnis in Sachsen der Homosexualitat noch niclit Geniige ge- 
sohehen. Es tut sich sogleich eine neue Frage auf ; wie kommt 
es, fahrt der Forscher fort, daB unter 100 Menschen nur so und 
so viele von diesem Typus geboren werden; worauf beruht es 
im Einzelfall, daB jemand mit solcher Anlage zur Welt kommt. 
Man konnte darauf antworten: es gibt eben nicht nur zwei Ge- 
schlechter in absoluter Reinkultur, sondern auBerdem Zwischen- 
stufen, die man nicht ohne eine gewisse Berechtigung auch als 
drittes Geschlecht bezeichnet hat. So wenig wir etwas Genaueres 
dartiber sagen konnen, weshalb das eine Mai ein Knabe, ein 
anderes Mai ein Madchen geboren wird, wissen wir zu begriinden, 
weshalb in anderen Fallen Knaben-Madchen und Madchen-Kna- 
ben entstehen. Mit dieser einfachen Konstatierung hat man sich 
nun allerdings nicht abgefunden und angesichts der Seltsamkeit 
und verhaltnismaBigen Seltenheit der Erscheinung auch schwer- 
lich abfinden kSnnen. Man hat vielmehr iiber die Ursachen der 
spezifischen Sexualkonstitution manchexlei Vermutungen auf- 
gestellt. 

Einige Gelehrte, und zwar sind dies namentlich italienische aus 
der SchuTc^ Lombrosos, haben die Homosexualitat als A t a v i s- 
mus, als Riickschlagsbildung in jenen Zustand aufgefafit, der phylo- 
genetisch der Trennung der Geschlechter voraufging. Wir finden 
diese Anschauung bei Celesiai), der in seinen Angabcn allerdings 
sehr wenig zuverlassig ist (so meint er, daB unter den Miisikern 60 o/o 
homosexuell seien), und vor allem bei dem trefflichen, allzu friih ver- 
storbeneu Pasquale PentaS), dem ersten Herausgeber eines ,, Archi- 

^.) C e 1 e s i a : Sulla inversione sessuale in Lombrosos Ajchivio 
di psichiatria: Vol. XXI. 1900. S. 209. ~ Besprochen von N. Praeto- 
r i u s im Jahrb. f. sex. Zwischenst. III., p. 331 f. 

•) Vgl. P. N a c k e : Penta als einer der besten Kenner und 
Forderer der Sexualwissenschaft. In der ,,Zeitschr. f. Sexualwissen- 
schaft", 1908, p. 74 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



371 

vio delle psjchopathie sessuali" (1896), der in der Homosexualitat 
ebenfalls „ein atavistisches tJberbleibsel — sopravivenza — " sah. 
Auch B 1 o c h hielt anfanglich in seiner kleinen Schrift „Die Per- 
versen"^) die Homosexualitat fiir einen Atavismus, der auf friihere 
Zustande in der Sexualitat zuruckweise. Andere haben als atiologisches 
Moment weniger phylogenetische als ontogenetische Verhaltnisse in 
Betracht gezo^en und unter Bezug auf die normale Bisexualitat des 
Embryo die Homosexualitat als nemmungsbildung aufgefaBt. 
Ich selbst babe in meiner ersten Schrift iiber den Gegenstanid *) 
diesen Standpunkt vertreten. Es heifit dort: 

„Den Schliissel zum Verstandnis der gleich- 
geschleoht lichen Liebe gibt die Ent wi oklungs - 
gesohichte. Die menschliche Frucht im Mutterleib. ist bis zimi 
Eude des dritten Monats wie die der niedersten Orffanismen wahrend 
ihrer ganzen Lebensdauer ungeschlechtlich. Es ist bis zu dieser Zeit 
unmoglich zu unterscheiden, ob das betreffende Individuum ein Junge 
Oder ein Madchen werden soil. 

Analog dem undifferenzierten auBeren Gescblechtscharakter muB 
auch das geistige Zentrum der Geschlechtsempfindun- 
gen urspriinglich einheitlich sein nach dem entwicke- 
lungsgeschichtlichen Grundgesetz, daB mit jedem Organ eine 
entsprechende Funktion und Idee in wechselseiti- 
ger Abhangigkeit verkniipft ist. Wurde die Frucht bereits 
im zweiten Monat etwas wie Liebe empfinden konnen, so miiBte diese 
alle Wesen, d. h. beide Geschlechter, in gleicher Weise umfassen. 
In der Uranlage sind alle Menschen korperlich und 
seelischZwitter. 

Woher es kommt, daB die eine Frucht sich plotzlich in mann- 
licher, die andere in weiblicher Richtung entwickelt, ist ein Ratsel, 
dessen Losung viel versucht, bisher jedoch noch nicht gelungen ist. 
Wir wissen, daB durch Verkiimmerung eihiger und Erstarkung anderer 
Partien ein und derselben Zellenmasse nach einem bestimmten, zum 
Teil recht komplizierten Bildungsschema die Geschlechtsdriisen eines 
Madohens oder eines Knaben deutlicher und immer deutlicher hervor- 
treten. Doch ist es der Lupe des Forschers sehr wohl moglich, die 
Reste der ur s pr iinglichen Z wi t teranlage bis in dae 
spateste Alter nachzuweisen. Jeder Mann behalt seiae ver- 
kiimmerte Gebarmutter, den uterus masculinus, die iiberfliissigen Brust- 
warzeu, jede Frau ihre zwecklosen Nebenhoden und Samenstrange bis 
zum Tode. 

Es kann uns bei dem verwickelten anatomischen 
Bau der Geschlechtsorgane nicht wundemehmen, daB der unbekannten 
Schaffenskraft ihr schwieriges Werk nicht immer bis in alle 
Einzelheiten gelingt, ja daB in keiner Region des mens c:hi- 
lichen Korpers Abweichungen von der normale n Bil* 
dungsweise so haufig vorkommen, wie in dieser. ta 
starkerem oder geringerem MaBe miBrat die Formung des auBeren 
Genitalapparates oft und fiihrt dann zu unvoUkommener Gestaltung 
einzelner Telle (Spaltbildungen der Harnrohre, Uterus bicornis, bipaxti- 
tus usw.), zu fast ganzlichem Mangel wichtiger Organe wie der Gebar- 
mutter, sowie zu den wahren und falschen korperlichen Zwitterbil- 
dungen in ihren mannigfachen Variationen. 

5) Iwan Bloch, die Perversen. In „Moderne Zeitfragen", No. 16, 
Herausgeber Dr. Landsberg. — Besprochen von N. Praetorius im 
Jahrb. f. sex. Zwischenst. VIII, p. 836 ff. 

*)M. Hirschfeld: Sappho und Sokrates. Wie erklart sich 
die Liebe der Manner und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? 
2. Aufl., p. 11 ff. 

24* 



Digitized by V:iOOQIC 



372 

Auoh die seelischen Ze nt rals t ellen der Ge- 
schlechtsempfindung, wo auch im Hirn und Riickenmark 
ihre Bahnen verlaufen mogen, miissen ihre anfangliche Neu- 
tralitat aufgeben, und sich entscheiden. Die Kegel ist, daB 
mit der Entwickelung der AuBenteile in mannlicher 
Ricfhtungdas Triebzentrum zumWeibe erstarkt, wah- 
r^^^nd mit der Bildung der weiblichen Geschlechts- 
clha')*akt ere die Neigungsfasern zum Manne sich ent- 
wickeln, beide Male wie ein sehnendes Verlangen 
nach dem einst innegehabt en, verloren gegangenen 
B s i t z. Wir diirfen aber mit aller Bestimmtheit annehmen, 
daB auch hier Residuen des zum Untergang bestimmten 
Triebes zuriickbleiben, gleich der verkiimmerten Ge- 
barmutter des Manne s. Sobald es gegliickt sein wird, den Ge- 
schlechtstrieb genau in seinem ganzen Verlauf zu lokalisieren, wird 
auch die Auffindung dieser Reste der urspriinglichen Zwitterbildung 
nicht lange auf sich warten lassen. 

Wie im peripherischen bleiben auch im zentralen Abschnitt der 
Geschlechtssphaxe Unvollkommenheiten nicht aus. Ihre Erkennung 
ist deshalb so ungemein schwierig, weil sie in das dunkle G^biet jener 
Entwickelungsfehler fallen, die sich bei der Geburt durch keinerlei 
greifbare Abnormitaten verraten, und erst im spateren Leben als Ande- 
rungeu der Funktion hervortreten. Denn wenn auch vor der Pubertat 
selbst imbewuBt AuBerungen des Geschlechtstriebes vorkommen, so 
wird doch im allgemeinen erst in der Reifezeit das bis dahin un- 
parteiische Zentralorgan in deutlicher Weise fiir sexuelle Vorstellungen 
und Gefiihle aufnahmefahig. 

Demnach haben wir es bei den Abweichungen vom normalen Trieb 
nicht mit einer Erankheit im gewohnlichen Sinn zu tun, sondem 
mit eister angeborenen Evolutionsstorung, welche ana- 
tomisch Hemmungsbildungen wie der Hasenscharte, dem Wolfsrachen, 
der Hypo- und Epispadie, der geteilten Gebarmutter, dem Nabelbruch 
usw. gleichartig an die Seite zu setzen ist. 

Ansprechender als der Vergleich der Homosexualitat mit 
einer Hasenscharte ist der aller dings weniger vom atiologischen, 
als vom funktionellen Gesichtspunkt ausgehende mit der Farben- 
blindheit. Symonds^) meinte, daB, wie ein Farbenblinder 
unempfindlich ist fttr Strahlen, die auf ein normales Auge be- 
sonders erregend wirken, so auch der Kontrare emotionelle Werte 
nicht filhlt, die normalen Individuen als Reize erscheinen, zu- 
gleich aber wie der Farbenblinde Werte auf Beize libertragt, die 
dem Normalen als etwas ganz anderes erscheinen. Ellis, der 
diese Bemerkung von Symonds erwahnt, erganzt den Ver- 
gleich, indem er auch das Farbenhoren^) — audition coloree — die 
Verkntlpfung von Farben mit Gehorseindrticken — als eine der 
Homosexualitfit analoge Anomalie heranzieht, doch will uns die 
ursprtingliche Symondssche Bezugnahme auf die Farbenblindheit 
ssutreffender erscheinen. Die tTbereinstimmung zwischen der 

*)Havelook Ellis u. J. A. S y m o n d s : Das kontrare Ge- 
schlechtsgefuhl. Deutsch von Dr. Hans Kurella. 1896, p. 241. 

«) Vgl. Prof. Dr. med. W. Lohmann, „Die Storungen der Seh- 
funktionen", Leipzig 1912. Kap. IX. S. 143 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



373 

Farbenblindheit imd der Homosexuality t besteht in einer durch 

endogene Ursachen bewirkten, von der Mehrzabl abweichenden 

Gefiihlsrichtung. 

Diese Oegentiberstellung ist auch insofern bemerkenswerty 

weil der Farbenblinde zwar die Welt anders sieht als die Ma- 

joritat der Menschen, gleichwohl aber nicht im gewohnlichen 

Sinn als ein Kranker oder Degenerierter, sondern eben nnr als 

Angehdriger einer Minderzahl anzusehen ist. 

Auoh sonst findet man in der Literatur haufig Vergleiche der 
Homosexualitat mit korperlichen Gebrechen. So ve]^leicnt B u r g - 
hauser') die Homosexuellen mit Einaugigen mid Stotterern. Pro- 
fessor GroB schreibt einmal: „Jede Verurteilmig nach § 176 macht 
mir denselben Eindruck, wie wenn man jemanden strafen wollte, weil 
er sechs Finger an jeder Hand oder rote Haare hat, weil er gem 
iebende MaiKafer verzehrt, oder ein Eoprophage ist." Andere ver- 
gleichen die Homosexuellen mit Lahmen, Buckligen, Taubstummen und 
Blinden. Ein Umine bezeichnete sich als „Druckfehler", eine CJrninde 
als „Kontrebande** der Natur. 

Eine der hSufigsten Erklarungen, die sich Homosexuelle 
selbst von ihrem Zustande geben, — in mir gewordenen miind- 
lichen und schrif tlichen Mittsilungen kommt diese Angabe immer 
wieder — geht dahin, daU sich ihre Mutter wfihrend der 
Schwangerschaft ein Kind entgegengesetzten Geschlechtes ge- 
wtinscht habe. 

Auch homosexuelle Prauen aufiern nicht selten die Ver- 
mutung, sie seien wohl so geworden, weil ihre Mutter sich einen 
Sohn gewtinscht bfitte, doch horte ich von manchen Urninden 
auch die entgegengesetzte Meinung aussprechen; sie wuJiten von 
ihren Eltern, daU diese iiber ihre Geburt sehr erfreut gewesen 
seien, da sie sich ein Madchen ersehnt batten; sie meinen ?iun, 
daJl sich infolge dieser Sehnsucht um ihren minnlichen Kern 
eine weibliche Htille gebildet hatte. 

So glaubt B. F r e i m a r k 8), daB das Begehren der Mutter, „gleich 
einer Suggestion die Entwickelung des werdenden Erdenwesens be- 
eindrucken kann." 

In abnlicher Welse suchte der franzosische Schriftsteller Geor- 
ges Clar^tie auch die Homosexualitat Oscar Wildes zu erklaren. 
£r schreibt im Figaro, Paris, 1. April 1907, in einem langeren Auf- 
satz iiber „L'auteur de Salom6": „Seine Mutter hatte sich eine Tochter 
gewunscht, und um sich zu trosten, kleidete sie ihren Sohn wahreud 
langer Jahre in Madchenkleider und behangte ihn mit Juwelen wie 
ein indisches Gotzenbild." 

Vom streng wissenschaftlichen Standpunkte kSnnen diese 
Annahmen, daB die Wtinsche der Mutter auf das Seelenleben 
des Kindes derart umgestaltend einwirken sollen, nicht viel 
Wahrscheinlichkeit filr sich in Anspruch nehmen. 

') Bur^hauser, Liebe in Natur und Unnatur. p. 77. 
<*) Freimark, Der Sinn des Uranismus. p. 13. 



Digitized by VjOOQIC 



374 

Noch zwei weitere Ansichten liber das Zustandekommen 
der Homosexualitfit finden sich mehrf ach bei Homosexueilen un'd 
ihren Sachwaltern vertreten; einmal die Meinung, dalJ Homo- 
sexuelle besonders haufig von kinderreichen Eltern abstammen, 
was sich ja allerdings ziemlich einfach dadurch begrtinden lieUe, 
daC, je mehr Kinder in einer Familie sind, um so grofier die 
Wahrscheinlichkeit sein wird, daU eins oder mehrere davon 
urnisch veranlagt sind. Diese Angabe steht mit der obigen von 
S a d g e r und N e t e r , die Homosexueilen seien meist einzi^e 
Kinder, in bemerkenswertem Widerspruch. 

Eine andere Annahme ist die, daU gleichgeschlechtlich ver- 
anlagte Kinder besonders oft die Nachkommen von Vatern sind, 
die in heterosexueller Beziehung sehr ausschweifend gelebt haben. 
Ich kann nicht verbehlen, daB ich selbst vielfach diesen Ein- 
druck gehabt habe.* 

A Is krasses Beispiel ist mir der Fail eines Fabrikanten in Er- 
innerung geblieben, der wegen seiner ehebrecherischen Lebensfiihrung 
in hohem MaBe verrufen war. Sein einziger ehelicher Sohn und Erbe 
war homosexuell. Er hatte mich aus verschiedenen Griinden ersucht, 
seinen Vater fiber seinen Zustand aufzuklaren. Ich unterzog mich 
der schwierigen Aufgabe, dem Manne die ihm voUig nnverstandliche 
Triebrichtung seines damals 22ja,hrigen, stark femininen Sohnes be- 
greiflich zu machen. Als ich glaubte, daB mir dies einigermaBen ge- 
Xungen sei, rief ich den Sohn, der wahrend der Unterredung angst- 
erfiillt im Vorramn gewartet hatte, herein. Da stiirzte der chole- 
rische Alte, der seinen eigenen Trieben stets so ungehemmt Folge 
gegeben hatte, wutentbrannt auf den bedauernswerten Sohn, und nur 
mit Miihe gelang es mir, die zum Schlage erhobene Rechte des Vaters 
zuriickzuhalten. 

Otto de Joux, der in der Homosexual i tat ebenfalls „die 
Rache der durch Ausschweifung beleidigten Natur" sieht, hat sich in 
seiner „hellenischen Liebe" *) iiber ahnliche Zusammenhange einmal 
wie folgt geauBert: 

„Gesetzt den Fall, der oben gezeichnete wilde Madchenjager 
entschlieBe sich, Hymen seinen Tribut zu zollen, eine Familie zu griin- 
den, und erzeugt einen Sohn. Die beleidigte, emporte Natur wird sich 
nun an diesem rachen: die notwendige Reaktion tritt ein; das un- 
geheure UbermaB an sexuellen Freuden muB, nach den ewigen Prin- 
zipien natiirlicher Ausgleichung, sich friiher oder spater m einem 
^ewissen horror vor denselben verwandeln, wie jeglichem Rausche 
die ode Erniichterung folgen muB. Die ausartende Wollust wird nun, 
wenn auch erst im Leibessprossen des Don Juans, sehr wahrscheinlich 
in CberdruB und Ekel vor geschlechtlichen Funktionen uberhaupt um- 
kippen, sich in eine anormale Kalte, ja vielleicht in eine angeborene 
unuberwindliche Abneigung vor dem Weibe imiwandeln und somit 
den Eeim, die Grundlage zu uranistischen Neigungen im Sohne legen, 
zur spateren leidenschaf tlichen Liebe zum Manne, zum absoluten 
Uranismus. Der Nachweis f iir diese Voraussetzung ist unschwer 
zu erbringen. Man braucht bloB in der Historie beriihmter Urninge 
nachzuschla^en und den Lebenslauf ihrer Erzeuger zu durchforschen. 
Die Vater eines Karl X., eines Conde, Moli^re, eines Byron usw. waren 

^) 1 1 o d e Joux: Die hellenische Liebe in der Gegenwart. 
Psychologische Studien. 1897, p. 21. 



Digitized by VjOOQIC 



375 

der venus vulgivaga leidenschaftlich ergeben; besonders galante 
Konige und Fursten batten oft Sohne, die fur die Reize des zarten 
Geschlechts nicht nur kein Verstandnis besaBen, sondern als wiitende 
Weiberhasser ^efiirchtet waren." 

Auch Christine von Schweden sagte einmal zur Begriindung ihrer 
Eigenart: „Mein Vater liebte die Frauien zu viel." 

Einc verwandte Theorie iiber die Entstehung ererbter Homosexu- 
alitat vertritt merkwiirdigerweise auch der Rassentheoretiker W. 
H e n 1 8 c h e 1 1^) ; er meint, daB sich das spatere Geschlecht der 
Kinder in korperlicher Hinsicht bei der Empfangnis entscheide, 
dafi aber die Psyche des Kindes durch die Frau in ungunstiger Weise 
beeinfluBt werden konne, und zwar dermaBen, daB in einem mann- 
lichen K6rper weibliches Empfinden und in einem weiblichen mann- 
lidies Platz greife. 

Schon die alten Indier glaubten, daB das Verhalten der Eltern 
wahrend der Zeugung auf die Entstehung sexueller Zwischenstufen 
einen EinfluB habe. So heiBt es in einem Spruch aus dem Oupnek'hat 
Porshi: „Wenn in den Nachten, in denen ein Sohn erstrebt wird, 
eine etwas zu reichliche Kost zu sich genommen Wird, so wird, da in- 
folge hiervon der weibliche Samen den mannlichen iiberwiegt, ein Sohn 
geboren werden, welcher weibliche Formen und Anlagen besitzt. Und 
wenn in den Nachten, in denen eine Tochter erstrebt wird, der Same 
des Mannes kraftiger ist als der der Gattin, wird eine Tochter mit 
mannlicher Form und Anlage geboren werden. Und wenn beide 
Saxnen in den ungleichen Nachten, wo eine Tochter gezeugt werden 
soil und in den gleichen Nachten, wo ein Sohn gezeugt werden soil, 
gleich sind, so wird ein Zeugungsunfahiger und Zwitter geboren. In 
den gleichen Nachten entstent alsdann ein mannlicher, in den un- 
gleichen ein weiblicher Zwitter." 

Eine verwandte, aber mehr modernen Anschauungen Rechnung 
ti-agende Hypothese erwahnt M e i s n e r i^). Danach wii^de, wenn 
sich ein mannliches Spermatozoon mit einem weiblichen Eichen ver- 
einigt, ein vollmannliches Individuum entstehen, wahrend aus derVer- 
einigung eines weiblichen Spermatozoons mit einem weiblichen Ovu- 
lum ein Vollweib hervorgehen soil, werde diese chemotaktische An- 
ziehung einmal gestort oder irritiert, so daB ein weibliches Samen- 
fadchen in ein mannliches Ei gelange oder umgekehrt ein mannliches 
in ein weibliches Ei, so entstehe ein mannliches Wesen mit weib- 
licher Sexualempfindung und umgekehrt ein weibliches Wesen mit 
mannlicher Sexualempfindung." 

Noch moderner, aber doch auch nur hypothetisch, ist die Auf- 
fassung Richard Semons i*), der seine Theorie von der Mneme 
auch auf ein „seltsames, beim Menschen zu beobachtendes Instinkt- 
phanomen, die homosexuelle Liebe, d. h. die Liebe zwischen zwei Indi- 
viduen desselben Geschlechtes" anwendet und zu folgendem Ergebnis 

felangt: „Jedes Individuum besitzt die ganze Fiille der Engramm- 
ompTexe des anderen Geschlechts, die nur normalerweise bei ihm nicht 
ekphoriert werden, nachdem die Alternative, welchen Ast der ge- 
schlechtlichen Dichotomie es durchlaufen wird, einmal entschieden 
ist. Da jedes Individuum somit die Instinktengrainme des anderen 
Geschlechts, wenn auch zunachst eben nur als Engramme, besitzt, 

it») Hentschel, W., Die Ursachen der Gleichgeschlechtlichkeit, 
Ln der Politisch-anthropologischen Revue, Mainummer 1909. Gegen 
die Hentschelschen Anschauungen wendet sich Dr. E. Wilhelm: Zur 
Frage der Strafbarkeit des gleichgeschlechtlichen Verkehrs. Eine Er- 
widerung. In der Politisch-anthropologischen Revue, November 1909. 

^*) M e i s n e r , Der Uranismus, p. 3(5. 

12) Richard Semon: .,Die ISfneme als erhaltendes Prinzip 
im Wechsel organi^chen Geschehens." Leipzig 1904. 



Digitized by VjOOQIC 



376 

ist es vielleicht nicht so wunderbar, als es zunachst scheinen mochte, 
daB sie unter Umstanden auch ekphoriert werden konnen. Das Fak- 
tum, dafi die Verfuhning zu homosexueller Liebe besonders bei dem- 
jenigen Individuum, bei dem die divergierenden Engramme der nor- 
malen intersexuellen Liebe noch nicht ekphoriert sind, verhaltnis- 
maBig leicht erfolgen kann, und dafi nach der ersten Ekphorie dieser 
Engramme spatere Ekphorieen sehr erleichtert sind, dafi es sich 
aJso bei aller Schadlichkeit fiir die Erhaltui^ der Art doch um eine 
generelle, in alien Individuen schlummernde Disposition handelt, wird 
durch Einfiihrung des Begriffs der mnemischen Dichotomie verstandlich 
gemacht." Mit anderen worten glaubt auch Semon, daB der erstmalige 
Verkehr fur den Jiingling oder die Jungfrau den Scheideweg darstellt, 
der ihre ererbte „Mneme" nach der einen oder anderen Seite diri- 

fiert, eine Annahme, die, wie wir oben sahen, mit den tatsachlichen 
Irfahrungen in deutlichem Widerspruch steht. Auch Prof, de Lata- 
mendi in Madrid nimmt eine hermaphroditische Biplastizitat, ,,die 
Existenz latenter weifclicher Keime beim Manne und latenter mann- 
lioher Keime beim Weibe" an; diese latenten Keime konnen nach 
der Herrschaft streben und sie mitunter wirklich erlangen. 

Bei scharfer Durchdenkung aller dieser Lehren werden wir 
wahrnehmen, daB ihr gemeinsames solides Fundament die Er- 
kenntnis ist, daB die Homosexualitiat letzten Endes auf der Mann- 
weiblichkeit des Menschen beruht, daB aber alle Deutungen dar- 
liber hinaus mehr oder weniger geistvoUe Umschreibungen oder 
Vcrmutungen sind. 

\Nicht nur auf psychologische und biologische Griinde hat 
man das Vorkommen der Homosexualitat zurtlckgeftihrt, sondern 
auch auf chemiachem Wege hat man es zu erklaren versucht, 
und zwar nicht allein im Sinne Gustav Jaegers durch eine 
auf chemotropistischen Wirkungen beruhende Anziehung und 
AbstoBung, sondern auch durch den inneren Ohemismus. 

Iwan Bloch wirft die Frage auf:*') „Wie kommt es, daB 
die zentralen Organe bei den Homosexuellen nicht den peripheren Ge- 
schlechtsorganen entsprechen, obgleich doch letztere embryologisch 
lange v o r den ersteren ausgebildet werden, also die Zentralorgane 
sich eigentlich nach den peripheren Teilen rich ten miiBten? Sie 
tun es aber nicht," und gibt folgende Antwort: „Das laBt sich nur 
so erklaxen, daB die Verbindung der Zentralorgane mit den peripheren 
Organen durch ein d r i 1 1 e s Moment unterbrochen, gestort wird, 
und daB dieses letztere eine eigentiimliche Wirkung 
auf die Zentralorgane unabhangig von den Keimdriisen aus- 
iibt." Er meint dann : „Es lage am nachsten, hier an chemische 
Einfliisse zu denken, an Anderungen im Chemismus der Sexualspan- 
nung, die sicher eine groBe Unabhangigkeit von den Keim- 
driisen befiitzt, da sie bei Kastraten und Eunuchen erhalten bleiben 
kann." 

Nach den Ausf uhrungen Krehls**), die er, wie f olgt, zusammenfaBt : 
„Wenn man auch annehmen muB, daB viele Arten von Zellen sohon 
in der Anlage gleichsam den Stempel ihrer mannlichen oder weib- 
lichen Natur erhalten, so gewinnt diese ihre wirkliche 



"! 



Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, Berlin 1908, p. 689. 
L. K r e h 1 , 0ber die Storung chemiscber Korrelationen im 
Organismus, Leipzig 1907, 



Digitized by VjOOQIC 



377 

Ausbildung doch zweifellos weseatlich unter dem 
aiidauernden chemischen EinfluB der Ovarien und 
Testikel;" ist eine eolche Vorstellungsweise durchaus annehm- 
bar und naturwissenachaftlich haltbar. Alle naheren Details uberdiese 
,,Sexiialhormone" (nach dem Ausdrucke Starlings) sind noch un- 
bekannt, aber friiher schon erwahnte Experimente naben ihre Exi- 
stenz ergeben. „Meines Erachtens," f^hrt Bloch fort, „kajin der 
anatomische Widerspruch, die naturwissenschaftliche Ungeheuerlich- 
keit einer weiblichen bzw. unmannlich gearteten rsyche in einem 
typisch mannlichen Korper oder einer weiblich unmannlichen SexuaJ- 
psyche bei normal gebauten and normal funktionierendea m3jcinliohen 
Genitalien nur auf diese Weise gelost werden, wenn man diesen inter- 
kurrenten dritten Faktor zu Hilfe nimmt. Diesen kann man abet 
sehr wohl aus irgendwelchen bereits embryonalen Storungen 
des Sexualchemismus aibleiten. Das wiirde auch erklaren, wesnalb 
die Homosexualitat so oft in voUig" gesunden Familien auftritt, als 
eine vereinzelte Erscheinung, die mchts mit der Verei^ung oder der 
Degeneration zu tun hat." 

Die chemistische Theorie der Homosexualitat hat ftir den 
Kenner innersekretorischer Vorgange in der Tat etwas Be- 
stechendes. DaB sowohl das mannliche als das weibliche Ge- 
schlecht spezifische Sexualsafte in die Blutbahn absondert — 
in meinen „Naturgesetze der Liebe"^^) bezeichne ich sie als 
Andrin und Gynacin — ist unzweifelhaft, aber vieles spricht 
dafiir, daC diese Safte im wesentlichen nur dazu dienen, die 
praformierten Sexualoharaktere reifen zu lassen, ihre Entwick- 
lung und Funktion anzuregen, dafi also ihr EinfluB, wie 
H a 1 b a n^*^) sich einmal ausdriickte, nur ein protektivei* ist! 
Zu denken geben allerdings die Experimente von Steinach, 
Foges und Lode, durch welche nach Transplantation von 
Ovarien auf mUnnliche Tiere weibliche Eigenschaften, durch 
Cbertragung von testikularem Gewebe auf Weibchen mannliche 
Sexualoharaktere ktinstlich erzeugt werden konnteh^^). 

Auch der oben mitgeteilte Fall einer Person, bei der Psyche 
und Keimdrtisen mannlich, alles Cbrige einsdilieBlich der 
a.uBerenGeschlechtsorgane, weiblich beschaffen war, k5nnte fiir 
die innersekretorische Theorie der Homosexualitat in Ansjruch 
genommen werden. Andererseits zeigt aber gerade dieser Fall 
die relative Selbstfindigkeit und Unabhangigkeit aller Ge- 
schlechtscharaktere und kann auch einfach als eine intersexuelle 



i«) M. Hirschfeld: Naturgesetze der Liebe, Berlin 1912, p. 179, 182. 
17) VgL besonders den Vortrag von Steinach iiber die kiinstliche 
'andlung des Geschlechtes bei Tieren in der Abteilung fiir Pbysio- 
auf der Versammlung Deutscher Naturforscher und Arzte im Sep- 
er 1913 in Wien. 
") VgL dariiber Iwan Bloch, Die Auf^aben der „Arztlichen 
Gesellschaft fur Sexualwissenschaft", Berliner klin. Wochenschr. 1913, 



Nr. 18. 



Digitized by VjOOQIC 



378 

Variante gedeutet werden, bei der Keimstocke und Gehirn mann- 
lich, der ganze sonstige Korperbau weiblich praformiert waren. 

Immerhin diirfte das weitere Studium der inneren Sekretion 
zurzeit der vielversprechendste Weg sein, um liber die letzten 
Griindc der Homosexualitat zu noch groUerer Klarheit zu ge- 
langen. Auch Blutuntersuchungen nach der Abderhaldenschen 
Methode — von einer berichtete Juliusburger in der Gesell- 
schaft flir Sexualwissenschaft Oktober 1913 — konnten wichtige 
Besultate zeitigen. Schon Bernhardi meinte in seiner mehr als 
ein Menschenalter zurtickliegenden Schrift^^a) man solle an der 
Leiche „d<?8 Pa+hicus** Untersuehungen anstellen, „ob nicht die 
Prostata entwickelter ferscheinen als bairn Manne, ob Eierstocke 
erkennbar oder angedeutet seien." Jedenfalls ware bei den von 
GroB und anderen geforderten Obduktionen homosexueller 
Manner und Frauen^^b) hierauf ebenso ^u achten, als „auf 
den feineren Bau des Gehirns**, iiber dessen eigentliche Sexual- 
zentren wir bisher so gut wie gar niehts wissen. 

An der Stelle, wo B 1 o c h die chemische Theorie der Homo- 
sexualitat vertritt, begriindet er auch die Ansicht, daU sie keine 
Degenerationserscheinung sei. Schon vorher hat er in dem 
Kapitel (XVII), das er „die anthropologische Betrachtung der 
Psychopathia sexualis'* bezeichnet hat, unter Bezug auf seine 
historischen Forschungen eingehend begriindet, daB „die echte 
Homosexualitat durchaus unabhangig von der Degeneration und 
Kultur bei sonst gesunden Menschen vorkommt*'^^). Mit vollem 
Recht hat F r e u d^^) es B 1 o c h als bleibendes Verdienst ange- 
rechnet, daB durch ihn „in der Auffassung der Inversion die 
pathologischen Gesichtspunkte von den anthropologischen abge- 
lost wurden.** Freud selbst wendet sich dann ebenso ent- 
schieden wie B 1 o c h gegen die Entartungshypothese der Homo- 
sexualitat, wobei er vor allem — und auch hier miissen "wir 
ihm beipflichten — klarlegt, eine wie geringe „praktische Be- 
deutung" der Diagnose „Degeneration** uberhaupt zukommt. 

Er beruft sich dabei auf M o e b i u s , der unter den Deutschen 
wohl als hervorragendster Kenner des Entartungsproblems anzu- 
sprechen sein diirfte. In einer zusammenfassenden Schrift liber Ent- 
artung kam er zu dem Ergebnis, daB man, wenn man das weite Ge- 
biet der Entartung iiberblickt, schlieClich einsieht, „daB es sehr ge- 
ringen Wert hat, Entartung uberhaupt zu diagnostizieren". Freud 

i^a) A. a. O. p. 27. 

i*b) Prof. Dr. Hans Gross, Das somatische Moment bei den 
Homosexucllen. In Vierteljahrsberichte des W.-h. K. Jhgg. I. S. 428 ff. 

»9) Dr. Iwan Bloch: Das Sexualleben unsercr Zeit, Berlin 1908, 
p. 517. 

^0) Sigm. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualthcorie. 2. Aufl. 
1910, p. 5. 



Digitized by VjOOQIC 



379 

meinb. daB man von Entartung nicht sprechen soil, wenn nicht 
„1. melirere schwere Abweichungen von der Norm zusammentreffen ; 
2. wenn nicht Leistungs- und Existenzfahigkeit im allgemeinen schwer 
geschadigt erscheinen. Er fahrt dann fort: „DaB die Invertierten 
nicht Degenerierte in diesem berechtigten Sinne sind, geht aus meh- 
reren Tatsachen hervor: 

1. Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen 
schweren Abweichungen von der Norm zeigen. 

2. Desgleichen bei Personen, deren Leistungsfahigkeit nicht ge- 
stort ist, ja die sich durch besonders hohe intellektuelle Entwiok- 
lung und ethische Kultur auszeichnen. 

Wenn man von den Patienten seiner arztlichen Erfahrung ab- 
sieht und einen weiteren Gesichtskreis zu erfassen strebt, stoBt man 
nach zwei Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion als Dege- 
nerationszeichen aufzufassen verbieten. 

a) Man muB Wert darauf legen, daB die Inversion eine haufige 
Ersoheinung. fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution 
bei den alten Volkem auf der Hone ihrer Kultur war; 

b) man findet sie ungemein verbreitet bei vielen wilden und 
primitiven Volkern, wahrend man den Begriff der Degeneration auf 
die hohe Zivilisation zu beschranken gewohnt ist." 

B 1 o h und Freud, die beide von verschiedenen Forschungs- 
gebieten zu den gleichen Resultaten gelangten, sind nicht die em- 
zigen, welche die Homosexuellen nicht zu den Degenerierten rechnen. 
Una noch einige andere zu nennen, die derselben Ansicht sind, sei 
auf Nacke«0> Loewenfeld Elli s"), Carpenter "), •*) ^ 
Raffalovich **), Rohleder**) verwiesen. 

Loewenfeld meint, daB „die Ei^entiimlichkeiten der ner- 
vosen Organisation, die zur Homosexualitat fiihren, nicht von einer 
Art sind, daB sie die psychische oder korperliche Leistungsfahigkeit 
ungiinstig beeinflussen, und dei^estalt eine Minderwertigkeit des Indi- 
vidutmas, abgesehen von seinem sexuellen Verhalten, bedingen." „Wir 
konnen," fahrt er fort, „nach dem Angefiihrten nur zu dem Schlusse 
kommen, daB die Homosexualitat eine Anomalie darstellt, die zwar 
mit Erajikheit und Entartung auf korperlichem und seelischem Ge- 
biete vergesellschaftet vorkommt, in der Mehi^zahl der Falle jedoch 
eine isoliert bestehende psychische Abweichung von der Norm bildet, 
die nicht als krank£[after oder degenerativer Natur 
betrachtet werden kann und den Wert des Individuums als Glied der 
bArgerlichen Gesellschaft nicht herabzusetzen geeignet ist." Bedeut- 
sam sind auch die Ausfuhrungen, die Loewenfeld schon an einer 
friiheren Stelle macht. Er sagt: „Wir haben bisher die Homosexu- 
alitat, in gewissem MaBe dem Gauge unserer Erorterungen vorgreifeud, 
als Anomalie, d. h. Abweichung von der Norm und damit nicht der 
heterosexuellen Triebrichtung vollig gleichwertig bezeichnet. Dies will 
iedoch keineswegs besagen, daB die Homosexualitat als Erank- 
neitserscheinung oder AuBerung der Entartung auf- 
zufassen ist. Wir kennen zahlreiche Anomalien sowohl auf korper- 

81} U. a. in Laehrs Allg. Zeitschrift f. Psychiatrie 1902. S. 827. 

"S Loewenfeld: Homosexualitat u. Strafgesetz, p. 21 f . 

25) Edward Carpenter: Homogenic love and its place in 
a free society. Manchester 1894. S. 25 ff. 

**) Havelock Ellis u. J. A. Symonds: Das kontrare Ge- 
schlechtsgefiihl. Deutsche Ausgabe. Leipzig 1896. S. 208. 

'5) Marc-Andr6-Raffalovich: Uranisme et Unisexualit^. 
Etude sur diff^rentes manifestations de Tinstinct sexuel. Lyon, Paris 
1896. S. 144. 

*«) H. R o h 1 e d e r : Vorlesungen iiber Geschlechtstrieb u. ge- 
samtes Geschlechtsleben des Menschen. Bd. II, p. 362. 



Digitized by VjOOQIC 



380 

lichem wie auf geistigem Gebiete, die den Trager nicht als krank er- 
scheiuen lassen, Kurzsichtigkeit, Farbenblindheit, der Besitz einer 
sechsten Zehe, sCgenannte Muttermaler sind derartige Anomalien, die 
mit dem Besitze volliger Gesundheit vereinbar sind. Fiir die Auf- 
fassung einer Eracheinung als Aufierung einer Entartung kann anderer- 
seits nicht diese allein maBgebend sein, und zwar auch dann nicht, 
wenn es sich um vererbbare Anomalien handelt, wie Moebios an- 
nahm. Es kommt auf die Vergesellschaftung, in der die Anomalie 
auftritt, die Anwesenheit oder der Mangel anderer Anomalien und die 
Schwere derselben an, sonst miiBten wir den Kurzsichtigen ohne Riick- 
sicht auf seinen sonstigen korperlichen und seelischen Zustand zu 
den Entarteten zahlen." 

Nut ein wenig weiter geht Rohleder *^). Er meint, daB die 
erbliche neuropathische Disposition und Belastung fiir den Ausbruch 
der Homosexualitat pradisponierend zu wirken vermag. Bei 
weiteni am starksten fallt aber in dieser schwierigen Entscheidung 
Erafft-Ebings Ansicht ins Gewicht, weil er ebenso bedeutend 
und erfahren als Psychiater wie als Sexologe gewesen ist. 

Kraffb-EbinK*8) hatte urspriinglich unter Beriicksichtigung 
der „in fast alien Fallen vorhandenen neuropathischen Belastung die 
Ansicht geauBert, „daB diese Anomalie der psychosexualen Empfin- 
dungsweise als funktionelles Degenerationszeichen klinisch ange- 
sprochen werden muB." Mit der Men^e der zu seiner Beobachtung 
gelangenden Homosexuellen hat er allerdings diesen Standpunkt 'wesent- 
lich eingeschrankt, und in seiner Arbeit im III. Bande der „Jahr- 
biicher fiir sexuelle Zwischenstufen" (S. 6) erklart er ausdriicklich .- 
„DaB die kontrare Sexualempf indung an und fiir sich nicht als 
psychische Entartung oder gar Erankheit betrachtet 
werden darf." 

Don genannten Autoren stehen nun allerdings eine ganze Anzahl 
von Irren- und Nervenarzten gegeniiber, die in der echten, dauemden 
Homosexualitat stets die AuBerang ererbter psychoneuro- 
athischer Disposition erblicken. So meinte M a g n a n *>), 
er groBe franzosische Eenner der Entartung: „Die Verkehrung des 

geschlechtlichen Empfindens ist nicht eine Krankheit fiir sich, son- 
ern das Zeichen eines allgemeinen krankhaften Zustandes, ein Syn- 
drom im Bilde der ererbten Entartung", und auch M o e b i u s ^^), der 
vortreffliche deutsche Interpret Magnaivs, bat in der geistvoUen 
Schrift: „Geschlecht und ifntartung" die Anschauung vertreten, daB 
die Homosexualitat stets eine Form angeborener Entartung sei, 
er beruf fc sich dabei besonders darauf, daB stets erbliche Belastung 
iiachzuweisen sei und daB stets auch auBerhalb der Geschlechtlich- 
keit liegende korperliche und geistige Zeichen der Entartung vor- 
handeu waxen. Wir sahen bereits, daB die erste Voraussetzung nicht 
zutrifft, und werden erfahren, daB auch die zweite Pramisse einer 
Massenbeobachtung gegeniiber nicht Stich halt. tJbrigens rechnet 
M 6 b i u s (S. 36) die Homosexuellen „nur zu den Leichtentarteten 
Oder wie man gewohnlich sagt, zu den Nervosen." Ein anderer sehr 
erfahrener Psychiater — selbst Urning — schreibt: „Meine Studien 
haben mir kein positives Res^ltat ergeben. Wohl fand ich in ein- 
zelnen Fallen von Homosexualismus hereditare Einfliisse, die aber bei 
anderen fehlten. Allerdings fand ich unter Homosexuellen Typen mit 
ausgepragten psychischen und korperlichen Degenerationszeichen, an- 
dererseits fand ich aber wieder so kerngesunde, harmo- 

«7) A. a. O. 

28) V. Erafft-Ebing: Psychopathia sexualis, p. 209. 

2») Mag nan: Psychiatrische Vorlesungen, IV., V. Heft, S. 38. 

«o) S. 2§ ff. 



I 



Digitized by VjOOQIC 



381 

aisohe Naturen, dafi sich f iir mich trotz eifrigsten Bestrebens 
niohts Eindeuti^s zur EntscheiduDg dieser Frage eimb. Allerdings 
ist ein so verhaltnismafiig kleines Material, wie es bisher jedem, auch 
dem bedeutendsten Forscher vorgelegen hat, nicht geeignet, absolut 
einwandfreie Schlusse zu ziehen. £in entscheidender Beitrag zur 
Losan^ dieser Frage ist wohl nur von der Bearbeitung eines groBen 
einscliiagieen Materials zu erwarten." 

Ich nabe in Gremeinschaft mit dem KoUegen Dr. Ernst 
Burchard bereits vor Jahren die Beziehungen zwischen Degenera- 
tion und Homosexualitat einem eingehenden Spezialstudium unter- 
zogen. Wir legten uns zuvorderst die Fra^e vor, inwieweit die Homo- 
sexualitat als Teilerscheinung bei Persdnhchkeiten auftritt, die ihrer 
gesamten korperlichen und geistigen Veranlagung nach als Entartete 
zu bezeichnen sind. Wir gingen dabei von dem jetzt allgemein 
gultigen Grundsatze aus, d^ ein vereinzeltes D^enerations- 
zeichen noch kein Beweis von Entartung ist, daB es in jedem Fall 
des Zusammentreffens mehrerer solcher Eigenschaften bedarf. Wenn 
Mobius^i) sagt: „Kinderliebe ist ein wesentlicher Zug des weib- 
lichen Geistes; wenn ein Mann seine Kinder abscheulich findet, so 
erregt das kein Bedenken, tut es ein Weib, so ist sie mit Bestimmtheit 
als entartet zu bezeichnen", so trifft dies fiir ein normalsexuelles 
Weib gewiii zu, nicht aber fiir eine urnische Individualitat, zu deren 
Gesamtbild diese Abneigung gegen Fortpflanzung und Kinder als Teil- 
erscheinung gehort. El^nsowenig werden wir bei einem homosexuellen 
Manne „senr weiche Hande" oder starke Brustentwicklung oder Bart- 
losi^keit ohne weiteres als Stigma der Degeneration, vielmehr als 
urnisches Stigma ansehen durfen. Von korperlichpn Degenerations- 
zeichen hatte KoUege Burchard f olgende fiir unseren Zweck zu- 
sammengestellt 32) : 

Abnormer Kopfumfang — Asymmetrie des Hirnschadels — 
Asymmetrie des Gesichtsschadels — Abnorme HaBlichkeit — 
Mikro- und Anophthalmus — Fehlen, Colobom der Iris .— 
Farbeniingleiehheit der Iris — Ektopie und Ungleichheit der 
Pupillen — Retinitis pigmentosa — Angeborene Kataract — 
Cysten der Augenhohle — Sehielen, Nystagmus — Die zahl- 
reichen Anomalien im Bau des auBeren Gehororgans (wie ^j)itz- 
ohr, Darwinsches E[jiotchen, tibermalJig groBe, sehr stark ab- 
stehende Ohren) — Fisteln der Ohrmuschel — Anhange der 

81) Stachyologie S. 176. 

•») Es wurden besonders folgende Werke beriicksichtigt : 

Morel: D^^nerescences de Tesp^ce humain. Paris 1866. 

Mag nan: Psychiatrische Vorlesungen, Deutsch von Mobius, 
Leipzig 1891. 

Tf€T€: Nervenkrankheiten und ihre Vererbung. — Deutsche medi- 
zinische Presse. 

Mobius: tJber Entartung, Wiesbaden 1900. 

Nordau: tJber Entartung, Berlin 1893. 

A r n d t : Biologische Studien (II. Artung und Entartung, Greif s- 
wald 1895). 

Rhode: Cber den ^egenwartigen Stand der Frage nach der Ent- 
stehung und Vererbung mdividueller Eigenschaften und Krankheiten, 
Jena l895. (Mit eingehender Literaturangabe uber Vererbung bis 1896). 

C o h n : Ein Beitrag zur Lehre von der Vererbung. — Deutsche 
medizinischc Presse. 

Fuhrmann: Das psychotische Moment, Leipzig 1903. 



Digitized by VjOOQIC 



382 

regio auricularis und regio colli — Kiemengangcysten — Ge- 
sichtsspalten — Hasenscharten — Cysten des Zwischenkiefer- 
spalts — Anomalien der Zahnstellung und des Zahnbaus — 
Hoher und spitzer Gaumen — Spaltungen des Gaumens — Auf- 
fallend massiver Unterkiefer — Mikro- und Makroglossie — 
Anomalien des Zungenbandchens — Stottern, Stammeln — An- 
geborene Abweichungen der Wirbelsaule — Fehlen von Extrer 
mitfiten und einzelnen Gliedern — Entwickelungshemmungen in 
der Lfinge der Finger und Zehen — Polydaktylie, Syndaktylie 

— Schwimmhaute — Zu harte knochige, zu breite tatzenartige, 
zu weiche, wie knochenlose, libermaBig -feuchte kalte Hand — 
KlumpfuB, PferdefuB usw. — Hammerartige MiBbildungen der 
grolJen Zehe — Angeborene Luxationen, Neigung zu Luxationen 

— GroBenmillverKaltnisse der Extremitaten zum Rumpf — 
Riesen-, Zwergwuchs — Angeborene Exostosen — Akromegalie 

— Spina bifida — Mangelhafte Muskelentwicklung — Fehlen 
einzelner Muskeln — Starke Fettleibigkeit — Multiple Lipome 

— Hamophilie — Situs inversus — Neigung zu Krampf adern — 
Aplasie der Arterien — Pigmententartung der Haut (Flecken 
usw.) — Albinismue — Hornartige Gewachse der Haut — 
Mangelhafte und abnorme Behaarung — Vorzeitiges Ergrauen — 
Doppelter Haarwirbel — Ungenugendes Wachstum der Haare 

— Zartheit der Nagel — Briiche, Bruchanlage — Atresie, 
Prolapse des Mastdarms — Abnorme Lange des proc. vermi- 
formis — Neigung zu Appendicitis — Cberzahlige Briiste — 
Pseudo-Hermaphroditismus — Kryptorchismus - Ektopie der 
Testikel — Hypospadie-Epispadie — Phimose. 

Die einzelnen Stigmata sind in ihrer Bedeutung verschieden zu 
bewerten; so werden vorzeitiges Ergrauen, Neigung zu Appendicitis, 
zu Krampfadern und Bruchanlage zusammengenommen weniger zu 
besagen haben als eine Verbindung von Hasenscharte und Polydaktylie. 
An die korperlichen Entartungszeichen schlieBt sich die Neigung zu 
bestimmten konstitutionellen Erkrankungen an, die man ebenfalls als 
Entartungszeichen ansieht. Im wesentlichen sind es Rachitis, Tuber- 
kulose, Skrofulose, Diabetes und die Krankheiten der arthritischen 
Gruppe. Die Anlage zu gewissen nervosen Erkrankungen, der man 
eine gleiche Bedeutung beilegt, zur Chorea, Basedowschen, Parkinson- 
schen, Thomsenschen Krankheit, Muskelatrophic, Migrane, Neuralgien, 
Epilepsie, Hysteric und Neurasthenic leitet uns auf das Grebiet der 
psychischen Degenerationszeichen iiber. Hier kommt es fvir una 
weniger auf die ausgesprochen- pathologischen Zustande des soge- 
nannten Entartungsirreseins an, die ohnehin von den iibrigen endo- 
genen Psychosen schwer zu trennen sind, als vielmehr auf jene psy- 
chischen Stigmata, die auBerhalb eigentlicher Geistesstorungen den 
EntaHeten charakterisieren. 

Es sind dies nach F 6 r 6 : Extreme Reizbarkeit des Charakters, 
Veranderlichkeit der Gefuhle und Neigungen, Absonderlichkeit des 
Geschmacks (z. B. im Alkoholismus und Morphinismus hervortretend) ; 
damit im Zusammenhang steht die fiir den Entarteten charakteristische 



Digitized by VjOOQIC 



383 

Tatsache, daC bei ihin der Impuls ziim Handeln starker ist, als es nach 
den bestimmenden Motiven der Fall sein sollte. Magnan stellt in den 
Vordergrund die verringerte Fahigkeit, sich geistig konzentrieren zu 
konnen, nebst der Unfahigkeit, lastige Gedanken zu bannen, was zu 
Zwaugshandlungen fiihrt (Platzfurcht, Onomatomanie, Arithmomanie, 
Selbstmordmanie usw.). Mobius endlich sieht das Wesentliche in 
der psychischen Unbestandigkeit und Disharmonie, die in Gleich- 
gewichtsstorungen zum Ausdruck gelangt. 

Wichtig fiir die Bewertung psychischer Entartungszeichen ist der 
Satz, dafi diejenigen, welche unter gleichen Lebensbedingungen stehen, 
eher als andere beurteilen konnen, was an dem Betreffenden atypisch 
ist. Hier ist jedoch wieder zu beriicksichtigen, daB dem Normal- 
sexuelien vieles atypisch erscheinen wird, was dem spezifisch homo- 
sexuellen Empfinden entspringt und mit der urnischen Natur voU- 
fcommen harmoniert, so daB von .diesem Gesichtspunkt aus von einer 
Disharmonie der psychischen Personlichkeit nicht die Rede sein kann. 
Weiterhin sind auch die nervosen Stigmata in Abzug zu bringen, 
welche als unmittelbare Folgeerscheinungen der homosexuellon 
Triebrichtung aufzufassen sind. Wenn wir uns vergegenwartigen, was 
die homosezuelle Leidenschaft im individuellen Leben ausmacht, so 
werdeii wir begreifen, daB starkere Alterationen dieser Sphare auf 
das mit dem Sexualtrieb so eng verkniipfte Nervensystem besonders 
nachteilig wirken werden. „Ungliickliche Liebe" steht unter den Ur- 
sachen der Neurasthenic obenan, und man sollte nie versaumen, wenn 
man bei Patienten mit erhohter Erregbarkeit verbundene nervose Depres- 
sionen findet, das Sexualleben im weitesten Sinn als iitiologisches 
Moment in Betracht zu ziehen. Gilt das schon fiir Normalsexuelle, 
um wie viel mehr fiir Homosexuelle, deren innere Angst- und Er- 
regunjgszustande, deren haufig zu Selbstmordversuchen fiihrende Liebes- 
konflikte, deren qualvolle Unterdriickungskampfe oft genug eine fort- 
laufende Reihe psychischer Traumen darstellen. Wir miissen also bei 
unseren Untersuchungen die auf dem Boden der Entartung 
und die auf dem der Homosexualitelt entstandene 
Neurasthenie :«vohl unterscheiden. 

Wenn wir uns nun nach AusschluB der mit dem homosexuellen 
Triebe im unmittelbaren Zusammenhang stehenden Stigmen die Frage 
vorlegen: Bestehen bei Homosexuellen die korperlichen und geistigen 
Entartungszeichen in hoherem Prozentsatz als bei Normalsexuellen ?, 
so lautet die Antwort: Nein. Burchard und ich fanden unter 200 
beliebig ausgewahlten Homosexuellen 32 mit ausgesprochenen Dege- 
nerationszeichen, also ca 16 o/o, und zwar waren diese fast samtlich 
erblich belastet. Stande die Homosexualitat im unmittelbaren Zu- 
sammenhang mit der Degeneration, so miiBten-die Zeichen der Ent- 
artung nicht nur bei Homosexuellen, sondern auch die Homosexualitat 
in groBerem Umfange bei schwerer Degenerierten nachzuweisen sein. 
Auch das trifft nicht zu. Man vergleiche die im „Jahrbuch fiir 
sexuelle Zwischenstufen", Jahrg. V, 1, p. 194 ff. von Nacke mitge- 
teilten Beobachtungen aus der Irrenanstalt Hubertusburg ; auch Dr. 
Burchard sah wahrend seiner mehr jahrigen Tatigkeit in der Heil- 
anstalt Uchtspringe unter dem dortigen, iiberaus zanlreichen Material 
von Degenerierten schwerster Art nur einen Fall ausgesprochen homo- 
sexueller Veranlagung (bei einem Epileptiker). 

Steht demnach die Homosexualitat keineswegs so oft in Ver- 
bindung mit sonstigen Zeichen der Degeneration, daB sie notwendig 
mit ihr verkniipft erscheint, so bleibt noch der Einwand iibrig, und 
dieser ist erhoben worden, daB die Homosexualitat allein fur sich 
ihren Trager zum Degenerierten, zu einem minderwertigen Reprasen- 
tanten der Gattung Mensch stempelt. Auch Mobius scheint dieser 
Meinung zuzuneigen. Er sagt (Stachyologie S. 132): „Mit der Zivili- 



Digitized by VjOOQIC 



384 

sation waohst die Entartung, d. h. die Abweichung von der ursprung- 
liehen Art. — Eine der wichtigsten Arten geistiger Abweichuog be- 
steht darin, daB der Geschlecntscharakter an seiner Bestimmtheit 
verliert, dafi beim Manne weibliche Zuge, beim Weibe mannliche auf- 
treten." Mobius mifit hier diesen Ziigen, deren Komplex eine Ein- 
heit bildet, eine Bedeutung bei, die er keinem anderen Stigma allein 
fiir sich zuerkennt, und setzt sich mit dem selbst angegebenen Satz 
in Widerspruch, daB es zur Feststellung der Entartung stets 
mehrerer Degenerationszeichen bedarf. Um zu entscheiden, ob 
die Homosexualitat fur sich eine Entartung bedeutet, muB man 
sich vor aUem iiber diesen Begriff Elarheit verschaffen, eine durch- 
aus nicht leichte Aufgabe, denn die Erklarung Magnans ,, Entartung 
ist ein krankhafter Geisteszustand auf Grund krankhafter Zustande 
der Erzeuger", sowie die andere Definition: „Entartung ist eine er- 
erbte Abweichung vom Typus, die die durch die Variabilitat gezogenen 
Grenzen uberstei^t", rufen sofort die Gegenfragen wach: was ist 
krankhaft? Was ist der Typus? Was ist die Norm 7 Welches sind die 
Grenzen physiologischer Variabilitat? Wir konnen doch umnoglich 
Lombroso beipflichten, der auf die telegraphische Anf rage des 
New- York Herald: Was ist ein normaler Mensch? antwortete: „Ein 
Mensch, der fiber einen gesegneten Appetit verfiigt, ein (tiichtiger 
Arbeiter, egoistisch, geschaftsklug (routing), geduldig, jede Macht- 
sphare achtend .... ein Haustier." 

Gewifi stellt der Homosexualismus die Minoritat des ge- 
schlechtlichen Empfindens dar, so daiJ man ihn vergleichs- 
weise als von der Natur der Mehrzahl abweichend und in 
diesem Sinne als abnormal bezeichnen kann. Sieht man 
aber von Vergleichen ab und betracht^t ihn rein fiir sich, objek- 
tiv als etwas einmal Bestehendes, so entspricht die ihm eigene 
Geschlechtsempfindung so sehx dem ganzen Wesen des Uraniers 
und zeigt so bis ins einzelne gehende Analogien mit der hetero- 
sexuellen Geschlechtsempfindung, dafl man bei der Homosexuali- 
tat wohl von einer Abart, einer Varietat, aber nicht von 
einer Anomalie im pathologischen Sinne reden kann. 

Die Ansicht Molls, welche er mit den Worten vertritt : „Zu 
den krankhaften Erscheinungen rechne ich unter alien Umstanden die 
ausgepragte Homosexualitat. Wo ein solches MiB verbal tnis zwischen 
Korperbildung und seelischer Verfassung besteht, haben wir einen 
pathologischen Zustand vor uns", ware richtig, wenn der Homosexuelle 
korperlich und geistig so konstituiert ware, wie der Normalsexuelle. 
Wir haben dargetan, daB ein derartiges MiBverhaltnis in Wirklichkeit 
nicht besteht. Nicht ohne Berechtigung schreibt ein homosexueller 
Gelehrter: „Ich verspiire nach jeder Auslosung meines Triebes ein 
so erhohtcH Kraftgefuhl, so viel innere Harmonic, eine so arbeitsfrohe 
Stimmung, daB seine vollige Unterdriickung fiir mich eine Contradictio 
in subjecto bedeuten wiirde." Damit diirfte doch das Pradikat „krank- 
haft" widerlegt sein. Die Pathologen "verstehen unter Erankheit eine 
den Korper schadigende, meist auch imangenehm empfundene Er- 
scheinung. Die Homosexualitat an und fiir sich verschafft ihren 
Tragern aber weder Schaden noch Unannehmlichkeiten, diese erwachsen 
ihnen nur aus den Verhaltnissen. Bemerkenswert ist auch der Um- 
stand, daB, abgesehen vom Geschlechtlichen die Homosexuellen sich 
sehr offc einer erstaunlichen korperlichen und geistigen Gesundheit, 
Kraft und Zahigkeit erfreuen; erst kiirzlich besuchte mich ein 70- 
jahriger Uranier, der mir mitteilte, daB er nie krank gewesen sei und 



Digitized by VjOOQIC 



385 

es im alpinen Sports, dem er tiait Eifer huldigte, uoch jetzt mit jeder- 
mann aufnehmen konne. 

Manche erblicken schon in der relativeii Fortpflanziingsfahig- 
keit der Homosexuelleii einen Bewei-s ihrer Krankhaftigkeit. So 
sagt W ache nf e ld^3) ; ,,Die Homosexualitat kann nichts rein Natur- 
liches, Physiologisches sein ; denn sonst wiirde die Natur die homo- 
sexuelle Befriedigung, ebenso wie die heterosexuelle, in den Dienst 
der Fortpfianzung und Arterhaltung gestellt haben." Audi Krafft- 
E b i n g schwebte wohl diese negative Seite des homosexuellen Triebes 
vor Augen, als er urspriinglich meinte:^*) „Die Verletzung von 
Natuivgesetzen ist anthropologisch und klinisch als eine degene- 
rative Erscheinung anzusprechen." Wie aber, wenn hier gar kein 
Naturgesetz verletzt wiirde, wenn es im Plane der Natur gelegen hatte, 
Wesen hervorzubringen, fiir die es nicht normal ist, sich fortzu- 

Eflanzen? Wie, wenn der Zweck des Geschlechtstriebes nur die 
I i e b e ware, die stets f ruchtbar ist, zeugt und gebiert, audi wenn 
ibr keine neue Lebewesen entsprieBen? Man kann auch produktiv 
sein, ohne sich fortzupflanzen. Wenn M o b i u s die Fortpfianzung 
als wichtigsten Naturzweck ^^) bezeichnet, so steht dem Leipziger Psy- 
chiater der Leipziger Ps ychologe W u n d t entgegen. Dieser stellt 
als mittelbaren und unmittelbaren Zweck des Lebens die Erzeugung 
geistiger Schopf ungen hin. 3^) Haben denn Michelangelo, Beet- 
hoven und Friedrich der GroBe ihren Naturzweck verfehlt, 
weil sie keine Kinder zeugten? Nicht umsonst hat man von geistiger 
Befruchtung und Zeugung gesprochen. Die Erzeugnisse des Geistes, 
die Gedanken, sind treibende Krafte, Entwickler der Menschheit. Auch 
wer neue Wahrheiten entdeckt und verbreitet, neue Gestalten bildet 
und formt, ist ein zeugender Forderer. Tolstoi ruft einmal aus : 
„Mochten doch die Menschen begreifen, dai5 die Menschheit, nicht 
durch tierische Erfordernisse, sondern durch geistige Krafte fort- 
bewegt wird." Nur der Tatenlose ist nutzlos, zwecklos nur, wer nicht 
am gemeinsamen Werke der Weiterbildung und Vervollkommnung mit- 
arbeitet. Der Wert eines Menschen hiingt von den Werten ab, die 
er erzeugt. Hand in Hand mit den beiden anderen Geschlechtern 
hat der Uranismus trotz allem und allem Werte und Werke geschaffen 
fiir den einzelnen und die Gesamtheit. Das war des Uraniers, wie jedes 
Menschen, Pflicht und Zweck. 

Konnen wir die Homosexuellen auch nicht als Degene- 
rierte ansehen, so geht doch aus dem, was ich an friiherer Stejle 
uber ihre Abstammung ausftihrte, mit Sicherheit hervor, dafi 
hereditare Momente bei ihrer Eutstehung eine nicht zu unter- 
schatzende Rolle spielen, was ja bei einer so ausgesprochen 
angeborenen Erscheinung, wie es die echte Homosexualitat ist,. 
von vornherein wahrscheinlich ist. Da es sich um eine Besonder- 
heit des Zentralnervensystems handelt, ist anzunehmen, dafi 
wir hier die Angriffsstelle erblicher Einfliisse zu erblicken iiaben, 

33) A. a. O. S. 38. 

3*) Psychopathia sexualis S. 218. 

35) In dem Aufsatz „tjber die Verorbung kiinstlerischer Talente** 
sagt M o b i u s (Stachyologie S. 123) : ,,Das Talent ist dem wich- 
tigsten Naturzweck, der Fortpfianzung, nicht f order- 
lich. Gerade unter den groCen Talcnteii findeii wir viele kinderlosu 
Leute." 

3*5) Eisler. Wilh. Wundts Philosophic u. Psvcbologie in ihren 
Grundlageu dargestellt, Leipzig 1902. S. 183. 

Hirschfeld, Homosexualitat. 25 



Digitized by V:iOOQIC 



386 

was einerseite dadurch bestatigt wird, da6 in der Tat in den 

Familien vieler Homosexueller Nervositaten aller Art weit ver- 

breitet sind, anderseits dadurch, daU das Nervensystem der 

Homosexuellen selbst haufig recht labil und unausgeglichen ist. 

Recht haufig ist bei den Angehorigen Homosexueller eine 

leichtero oder schwerere neuropathische Disposition unverkenn- 

bar, Oder es bestehen Faktoren, von denen wir wissen, dafl sie 

im allgemeinen der stabilen Geschlossenheit des Zentralnerven- 

systems nicht glinstig sind. 

Bei 60/0 der Homosexuellen waren die Elteru oder GroBeltern bluts- 
vorwandt. Da man auch den Altersunterschied als ein fiir die sexuelle 
Beschaffenheit der Kinder bedeutungsvolles Moment angefiihrt hat, 
habe ich auch nach dieser Richtung mein Material durchforscht. Id 
10 0/0 der Falle waren die Eltern nahezu gleich alt, bei 9 0/0 war die 
Mutter alter, in 18,7 0/0 war der Vater mehr als 10 Jahre alter als 
die Mutter, in 2 0/0 iiber 24 Jahre, in den ubrigen 62,3 0/0 war der 
Vater 1—10 Jahre alter als die Mutter. In 19 0/0 der Falle war der 
Vater, in 2,4 0/0 die Mutter stark dem Alkoholismus eigeben, doch fan- 
den sich auch 16,4 0/0 abstinente Vater, 48,2 0/0 abstinente Mutter, 
alle anderen waren maUig. Bemerkenswert ist, daB in 22, 6 0/0 der Fami- 
lien Homosexueller Selbstmorde vorkamen, darunter in 16,7 0/0 der Falle 
wegen homosexueller Veranlagung, in 13, 9 0/0 wegen ungliicklicher homo- 
sexueller Liebe, in 11,1 0/0 „aus Schwermut", in 8,3 0/0 im Delirium, in 
16,70/0 aus pekuniaren und in 33, 3 0/0 aus unbekannten Griinden. 

Es scheint, als ob bei neuropathischen Konstitutionen viel- 
fach die mannliche und weibliche Erbmasse starker balanciert 
als bei festverankerten Nervensystemen, bei denen sich das 
Schwergewicht einer dieser beiden Komponenten stabilierter nach 
dem einen oder andern Pol verschiebt. Deshalb findet man alle 
sexuellen tJbergangsformen, und namentlich auch die Homo- 
sexualitat, oft mit einer nervosen Labilitat verge- 
sellschaftet, wobei allerdings im Einzelf all nicht leicht 
zu .entscheiden ist, was von vornherein vorhanden und was 
erst infolge der Homosexualitat entstanden ist. 

Bereits in „ Sappho und Sokrates" ^3) fiihrte ich aus, dafi, wenn 
bei kontrar Veranlagten Nerven- und Geistesstorungen haufiger sein 
soUen, wie bei den luideren, dies sicherlich kein Wunder ware. Ich 
bemerkte dort: „Jeder Psychiater weiB, wie innige Wechselwirkungen 
zwischen der Genitalsphare und dem gesamten Nervensystem bestehen. 
Es geniigt, an das vielgestalt ige Bild der Hysteric zu erinnern, deren 
Namen auf diese Tatsache (^votfqov, die G^barmutter) zuriickzufiihren 
ist. DaB weiterhin die dauernde angstliche Geheim- 
haltung eines angeborenen Defekts, dessen Existenz 
man anfangs als Siinde und Verirrung, spater als 
Laster, S i 1 1 lichkei t s verbr eche n oder Geis t eskrank- 
heit auffaBt, dafi die driickenden Ge wis sensqualen, 
der ewige Kampf des willigen Geistes gegen das 
schwache Fleisch, daB die stete Furcht vor Ent- 
deckuiig, vor Erpressern, vor Verhaftung, gericht- 

w) p. 23. 



Digitized by VjOOQIC 



387 

licherBestrafung, Verlust dersozialen Stellung und 
der Achtung seitens der Familie und der Mitmen- 
schen, das Gemiit stark affizieren, die Nerven auf- 
reiben muB und Neurasthenie, Melancholic, Hyste- 
rie und Selbstmord g e danken erzeugen kann, liegt 
wohl auf der Hand. Es wiirde also die kontrare Sexualempf in- 
dung in diesen Fallen nicht sowohl eine Folge der nervosen 
Disposition sein, als vielmehr der giinstige Nahrboden, auf 
dem die Nervositat im weitesten Sinne zur Entwicklung gelangen 
kann. 

Die Behauptung, daU #Urningsliebe die Volker entnerve, suchte 
schon U I r i c h s *^) durch f olgende Ausf iihrungen zu widerlegen : 

„Die Ostromer, die durch Urningsliebe doch entselzlich entnervt 
hatten sein miissen, waren stark genug, auch das Keicli der Ostgoten 
in Italien zu zerstoren. Spater waren die Araber staCrk genug, das 
westgotische Reich in Spanien zu zerstoren und die Tiirken stark ge- 
nug, bis vor die Mauern Wiens vorzudrii^en : und doch ist die Urnings- 
liebe bei Arabern und Tiirken von jeher ganz besonders stark ver- 
breit^t gewesen. Gegenwartig sind Siidslaven und Albanesen die 
kraftvollsten Stamme nicht nur der Balkanhalbinsel, sondern vielleicht 
— neben Bergschotten und Dalekarliern — Europas. Hat doch Pro- 
fessor V i r c h o w erst kiirzlich aus dem Ban der Schadel der Alba- 
nesen prophezeit: „Diesen gehort die Zukunft der Halbinsel". Und 
doch ist in beiden Volksstammen Urningsliebe stark verbreitet, nament- 
lich bei den Albanesen. Ebenso verbreitet ist sie bei mehreren der 
urwiichsigsten und kraftigsten Volker des Erdballes, z. B. den Bedu- 
inen und fast alien Stammen Sibiriens." Und Carpenter *0 ruft 
mit wohlberechtigter Ironie aus: „0b die Dorischen Griechen oder die 
Polynesischen Insulaner oder die Kelten (von denen bei A r i s t o - 
teles, Pol. II, 7 die Rede ist) oder die Normannen, oder die Albani- 
schen Bergbewohner, oder irgendwelche andere als kiihn bekannte 
Volker, unter denen die Leidenschaft verbreitet war, von nervoser 
Degeneration besonders geplagt waren, dariiber kann man sehr wohl 
Zweifel hegen", ein Zweifel, der noch angebrachter erscheint, wenn 
man an einzelne groBe Uranier und Uranierinnen unserer und friiherer 
Tage denkt. 

Trotzdem wird auch heute noch, selbst in Lehrbiichem und Ge- 
setzesentwiirfen immer wieder die Behauptung wiederholt, daB die 
groBen Volker des Altertums „bekanntlich an dem Laster der Pad- 
erastie zugrunde gegangen seien. So schreibt erst neuerdings wieder 
der gerichtliche Sachverstandige Dr. Bischoff*2) in Wien: 

„Die neuesten Gesetzentwiirfe haben die Strafbestimmungen gegen 
homosexuellc Handlungen beibehalten. In der Tat scheint es not- 
wendig, diese Verirrung zu strafen, wo sie nicht durch eine krank- 
hafte Geistesbeschaffenneit begriindet ist, um gegen die besonders in 
Zeiten hoherer Zivilisation wachsende Gefahr der weiten Verbreitung 
derartiger Unzuchtshandlungen dauernd ein wirksames Mittel anwenden 
zu konnen. Hat ja doch die luxuriose und iippige Lebensfiihrung im 
spateren Kaiserreiche Rom z. B. zu den scheuBlichsten Ausschwei- 
fungen solcher Art gefiihrt. Es zeigt gerade dieses zeit- 
weilige Anschwellen am besten, daB die Homosexu- 

*o^ Ulrichs. XII. 42/3. 

*i;Ed. Carpenter, Die homogene Liebe und deren Bedeu- 
tung in der freien Gesellschaft. Leipzig (als Manuskript), p. 24. 

**) Lehrbuch der Gerichtlichen Psychiatrie fiir Mediziner und 
Juristen von Dr. Ernst Bischoff, Privatdozent fiir Psychiatrie 
und Nervenheilkunde in Wien. Sachverstandiger fiir Psychiatrie des 
k. k. Landgerichts in Wien. 1912. 

26* 

Digitized by V:iOOQIC 



388 

alitat zum groBen Telle nur Laster und nicht Krank- 
heit Oder Abnormitat is t." 

DaB die Homosexualitat in Rom und Hellas zur Zeit des 
Aufstieges dieser Volker und als sie auf ihrem Hohepunkt 
standen, genau so verbreitet und anerkannt war, wie wahrend 
des Niederganges, seheint dem Verfasser unbekannt zu sein. 

Fassen wir die Ansichten der f iihrenden Autoren auf diesem 
Gebiet mit unsern eigenen Ermittelungen zusammen, so laBt 
sich liber die wichtige Frage, wie sich Homosexualitat und De- 
generation zueinander verhalten, kurz folgendes sagen: 

1. Ausgesprochene korperliehe oder geistige Entartungs- 
zeichen sind bei homosexuellen Mannern und Frauen ver- 
haltnismafiig selten, jedenfalls finden sie sich im Ver- 
ba Itnis zu der Gesamtzahl der Homosexuellen nicht hau^ 

. figer als unter Heterosexuellen beiderlei Geschlechts. 

2. Dagegen findet sich haufig und, wie es seheint, nicht 
nur als eine Folge der Homosexualitat eine starkere 
Labilitat des Nervensystems vor (oft mit dem perio- 
dischen Charakter endogener Stimmungsschwankungen). 

3. In den Familien der Homosexuellen finden sich oft eine 
grofiere Anzahl nervoser, sowie vom normalen Sexual- 
typus abweichender Individuen. 

4. Die homosexuelle Triebrichtung und der homosexuelle 
Typus sind in demselben Sinne als ererbte Eigenschaften 
anzusehen wie die heterosexuelle Triebrichtung und der 
voUweibliche und voUmannliche Typus. 

6. Die Homosexualitat allein als Degenerationserschei- 
nung anzusehen, ist nicht angangig: a} weil wir von 
Degeneration sonst nur sprechen, wo mehrere Degenera- 
tionszeichen vorhanden sind ; b) weil die Homosexuellen 
meist korperlich vollkommen gesund, in sich harmonisch 
und durchaus leistungsfahig sind; c) weil bei alien ge- 
schlcchtlich differenzierten Arten Varianten vorkommen, 
die zur geschlechtlichen Fortpflanzung ungeeignet eind. 

Der Gedanke, daC die Homosexualitat eine sexuelle Varietat dar- 
stellt, sei es im Sinne unvoUstandiger Gesclilechtsdifferenzierung, sei 
es als Ubergangsvariante, wurde bereits von mehreren Autoren aus- 
gesprochen, die tiefer in das Wesen der Erscheinung eingedrungen 
sind. Wir nennen unter ihnen Lydston, Weininger, Ellis, 
Katte. Aletrino und d e V r i e s. 

L y d s t o n *3) sagte : „Wie es allgemein Varietaten der physischen 
und psychischen Charaktere gibt, so kann es Varietaten und Abwei- 
chungen der anscheinend unangreifbar einheitlichen geschlechtlichen 

*^) Lydston: Addresses and Essays. 1892. pair. 2 IG. 



Digitized by VjOOQIC 



389 

Affinitat geben." Otto Weininger**) fuhrte aus: „Solltea wirk- 
lich alle „Weiber" und alle „Manner" streng voneinander geschieden 
sein? . . . Wir finden stetige Ubergange von Metallen zu Nicht- 
metallen, von chemischen Verbindungen zu Mischungen, zwischen 
Tieren und Pflanzen, zwischen Phanerogamen und Kryptogamen, zwi- 
schen Saugetieren und Vogeln gibt es Vermittlungen 4 ", , Wir werden 
es nach den angefiihrten Analogien auch hier von vornherein fiir 
unwahrscheinlich halten diirfen, daB in der Natur ein S c h n i 1 1 ge- 
fuhrt sei zwischen alien Maskulinis einerseits und alien Femininis 
anderseits, und ein lebende's Wesen in dieser Hinsicht einfach so be- 
schreibbar sei, daC es diesseits oder jenseits einer solchen Kluft 
sich aufhalte." 

Ilavelock Ellis *5) bemerkt: „So begegnen wir bei dieser 
Triebumkehr einer Erscheinung, die man sehr wonl als eine ,,S p i e 1 - 
a r t'* bezeichnen dilrf te, eine jener organischen Umbildungen, die wir 
in der ganzen belebten Natur, im Pflanzen- wie im Tierreiche iiberall 
wiederfinden." 

Ganz ahnlieh hat sich der hollandische Gelehrte Dr. A 1 e - 
t r i n o ^) dahin ausgeeprochen, dafi der Uranier eine Varietat dar- 
stelle, und wohl der groCte derzeitige Kenner biologischer Mutationen 
und Variationen, Professor Hugo de Vries*^) hat diese Auffassung 
ausdriicklich bestatigt. 

Ein anderer hollandischer Autor, I h 1 f e 1 d *®), hebt gleichfalls 
hervor, daB der Uranismus keine Degenerationserscheinung, sondern 
eine normale Varietat darstelle. Und Franz von Neugeoauer**) 
sagt in seinem groCen Kompendium : „So gut -wie es unzahlige Vari- 
ant en in dem sexuellen Habitus zwischen Mann und Weib gibt, 
also sexuelle Zwischenstufen, so ist auch das Existieren psychischer 
sexueller Zwischenstufen leicht verstandlich." M e i B n e r **>) meint : 
,,Die Annahme, daB Homosexualitat eine Krankheit sei, ist sozusagen 
ein Cbergangsstadium, um dies friiher ganzlich verponte Thema iiber- 
haupt diskutierbar zu machen." 

Freud") auBert sich einmal : „Ich verfechte gleich vielen Ge- 
lehrten den Standpunkt, daB der Homosexuelle nicht vor das Forum 
des Gerichtes ^ehort. Ich bin sogar der festen Cberzeugung, daB 
Homosexuelle nicht als Kranke behandelt werden miissen, denn der 
pervers Veranlagte ist deshalb noch lange nicht krank. MiiBten 



")Otto Weininger: Geschlecht und Charakter, Einleitung 
pag. 6. 

*5^ Havelock Ell is: Sexual Inversion. 2. Aufl., p. 186. 

**) U. a. auf dem 5. internationalen kriminalanthropologischen 
KongreB zu Amsterdam vom 9. — 14. Sept. 1901. — Vgl. Bericht 
N a c k e s im Archiv fiir Kriminalanthropologie u. Kriminalstatistik von 
G r o B , Bd. 3, Heft 1, besprochen von Dr. P r a t o r i u s im Jahr- 
buch fiir sexuelle Zwischenstufen, Jahrg. IV, pag. 831 ff. 

*7) Vgl. Dr. von Romers Aufsatz: Nogmaals het derde geslacht" 
im Dezember-Heft 1904 von „De nieume Tijd" in Amsterdam, be- 
sprochen von Jonkheer Dr. J. A. Schorer im Jahrbuch fiir sex. 
Zwischenstufen, Jahrg. VII, p. 920. 

*8) „Over Uranisme" vom praktischen Arzte Karl Ihlfeld 
Amsterdam. 

**) Franz von Neugebauer, „Hermaphroditismus beim 
Menschen" (Leipzig 1908). 

*®) M e i B n e r , Der Uranismus, p. 30. 

") „Die Zeit", Wien, vom 27. Oktober 1905, iiber die Affaire 
des Professors Beer. 



Digitized by VjOOQIC 



390 

wir dana nicht viel grofie Denker und Gelehrte aller Zeiten, von derer 
perverser Veranlagung wir Bestimmtes wissen, und von denen wir 
gerade ihren gesunden Geist bewundern, als krankhafte Menschen be- 
zeichnen ? Homosexuelle Personen sind nicht krank- 
haf t, sie gehoren aber auch nicht vor den Gerichtshof." Und Car- 

Le n t e r 52) endlich fuhrt folgendes aus : „Fniher hielt man es ein- 
ch fiir selbstverstandlich, &B diese Erscheinungen nur die Folge 
von Krankheit und Entartung seien. Aber bei genauerer Betrachtung 
der Tatsachen fallt es im (Jegenteil auf, daB viele solche Menschen 
durchaus gesunde Vertreter inres Geschlechtes sind, von kraftiger 
Muskulatur, wohlproportioniertem Korperbau, von machtiger Geistes- 
kraft, von hochentwickelten Umgangsformen, und mit keiner irgend- 
wie erkennbaren abnormen oder krankhaften Eigenschaft ihrer pnysi- 
sohen Personliphkeit. Das trifft naturlich nicht auf jeden zu. In 
einer gewissen Anzahl der Falle wird man auch schwachlichen Ge- 
stalten begegnoo, bei denen der Nervenleidende nicht zu verkennen ist." 

Auch Katte*') faUt in einem bemerkenswerten Aufsatz das Br- 
gebnis seiner Untersuchungen in den Satz zusammen: „Die Zwischen- 
stufen siAd nichts anderes als Variationen der Gattung Mensch." 
U 1 r i c h s fand auch hier schon ein richtiges Wort, indem er an 
seine Verwandten schrieb^*): Uranismus ist ein Naturspiel, wie 
es deren in der Natur tausende gibt", und schlieBlich hat auch 
BlochW) die originaren Homosexuellen fiir eine „merkwiirdige an- 
thropologische Varietat des genus homo" erklart. 

Einen besonderen Standpunkt in dieser Frage nimmt 
Dr. von ROmer^^) ein, der im tibrigen auch der Meinung ist, 
„daB man das allergrSBte Recht hat zu behaupten, daB der 
Dranier lediglich als Varietfit auf zuf assen ist". Er sieht 
in der HomosexualitMt nicht sowohl eine Degenerationserschei- 
nung, als vielmehr ein Mittel zur Regeneration. 

Seine Auffassung ist etwa folgende: 

An einer Stelle der Generationsreihe, die eine Degeneration be- 
ffirchteii laBt, und zwar bei noch nicht ausgesprochen degenerativen, 
aber doch schon beachtenswert eigenartigen Besonderheiten der Eltem, 
wird ein homosezuelles Kind geboren. Auf dieses an und fur sioh 
meist noch ganz gesunde, vieuach sogar sehr leistunesfahige, aber 
doch nicht zu weiterer Fortpflanzung bestimmte Individuum wird — 
wie bei den geschlechtslosen Bluten der Pflanzen — der sonst zur 
Degeneration ftihrende Strom gewissermaBen abgeleitet, wahrend der 
Stamm in der gesunden Nachkommenschaft der normalen Geschwister 
duroh diese Entlastung die Degeneration uberwindet und zur voUen 
iCraft zuruckkehrt. 



wj Carpenter, Das Mittelgeschlecht, p. 21. 

w) Prof. Dr. Max Katte: fiber den Begriff der Abnormitat 
mit besonderer Beriicksichtigung des sexuellen Gebietes, in der „Zeit- 
Bchrift ffir Sexualwissenschaft" 1908, p. 399. 

**) Vier Briefe Karl Heinrich Ulrichs (Numa Numantius) an seine 
Verwandten, im Jahrb. f. sex. Zwischenstufen, Jahrg. I, p. 60. 

W) Dr. Iwan Bloch: Das Sexualleben unserer Zeit, p. 658. 

*«) Dr. L. S. A. M. v. Romer: Die erbliche Belastung des Zen- 
tralnervensystems bei Uraniem, geistig gesunden Menschen und Geistes- 
kranken, im Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. VII, p. 81 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



391 

Der Stammbaum der urnischen Familie ware demnach etwa der 
folgende : 

M. W. 

(beide in maBigem oder eins in starkerem Grade abartig, neurastheniscb 
und zu degeaerativen Ziigen neigend). 




Ki K, Ks 

leicbt belastet homosezuell leicht belastet 

I korperlich unfrucbtbar I 

regenerierte Nacbkommenscbaft. 

Einen guten Beleg fiir diese „Regenerationstheorie^* fcietet 
eine europaische Herrscherfamilie, und zwar dreimal im Laufe 
weniger Generationen. 

Auch mir hat sich immer wieder die tJberzeugung auf- 
gedringt, dafi die Homosexuellen, ohne selbst Degenerierte zu 
sein, einen Degenerations-Ersatz darstellen, vielleicht weniger 
nach dem komplizierten Schema von ROmers als einfach der- 
gestalt, dafi sich die Natur der Homosexuellen als eines 
Vorbeugungsmittels der Degeneration bedient. 
Diese Annahme wird durch die Ehen und die Nachfeommeai- 
schaft der Homosexuellen bestfitigt. Ein grofler Teil dieser Ehen 
ist kinderlos. Gehen aber Kinder aus den Verbindungen Homo- 
sexueller hervor, so tragen diese zum Unterschied von ihren 
Erzeugem vielfach den Stempel geistiger Minderw^ertigkeit, 
es sei denn, dafi durch eine besonders gesunde Ehe- 
h&lftc ein relativer Ausgleich geschaffen wird. Jedenfallsi ist 
vom rassenhygienischen Standpunkt die Ehe eines oder einer 
Homosexuellen stets ein sehr gewagtes Unternehmen. 

Icb gebe Beispiele bomosexueller Deszendenzen : 

I. Vater homosexuell, heiratete eine gesunde 5 Jahre altere Frau. 
Nach vierjahriger Ehe wurde ihnea ein Sohn geboren, der jetzt 
20 Jahre alt ist und bereits zweimal wegen akuter Psychosen in 
einer Irrenanstalt war. 

II. Vater homosexuell. Hoherer auslandischer Offizier. Aus seiner 
Ehe gingen drei Sohne hervor, die sich samtlich zwischen 20. 
und 30. Jahr das Leben nahmen. 

III. Vater homosexuell, ebenfalls Offizier, hat zwei Tochter, die 

trotz Wohlhabenheit der Familie der Prostitution anheimfielen. 

Die eine starb bei Ausiibung des Coitus in einem Bordelle an 

Herzlahmung. 
fV. Vater homosexuell, heiratete eine stark virile Frau; vier auf- 

fallend schone Kinder. Der al teste Sohn ebenfalls homosexuell, 



Digitized by VjOOQIC 



392 

leidet an Zwangsvorstellungen. Der zweite Sohn, normalsexueli, 
sehr befahigt, aber „verbummelt", mit 18 Jahren Zuhalter in 
Palis, spater „das Verhaltnis" eines xeichen Homosexuellen. Die 
beiden Tochter, sehr nervos, haben mit Kiinstlern cine gliick- 
liche Ehe. 
V. Mutter homosexuell, heiratete einen bedeutend alteren, sehr kraf- 
tigen Mann, haben drei Sohne, von denen sich der alteste mit 
20 Jahren aus unbekannten Griinden erschoB, die beiden anderen 
sind schwachsinnig. 
VI. Vater homosexuell, nahm sich das Leben ; sein einziger, jetzt 
12]ahriger Sohn schwer neuropathisch (u. a. Tic convulsif.). 
Vir. Vater homosexuell, drei Sohne, eine Tochter; ein Sohn kriminell, 
zwei Sohne kinderlos verheiratet, der eine Melancholiker ; die 
Tochter sehr hysterisch. 
VllT. Vater homosexuell, von sehr hohem Herkommen, ein Sohn im- 
bezill, eine Tochter erotomanisch, ging mit einem Kiinstler, der 
vorher „das Verhaltnis" ihres Vaters. war, und heiratete ihn. 

IX. Mutter homosexuell; ihr Gatte erschoB sich, kurz darauf ver- 
giftete sich ihre einzige zwanzigjahrige Tochter; ihr Sohn (da- 
mals 14 Jahre) jetzt 22 Jahre alt, ist iiberans feminin, hat trans- 
vestitische Neigungen bei anscheinender Asexualitat. 

X. Mutter hor^ios.exuell, heiratete einen gesunden Richter, haben sechs 
Kinder. Die alteste Tochter, weder nervos noch homosexuell, 
heiratete einen Urning, dessea Neigungen sie nicht kaiinte. 
Ihre Nachkommenschaft ist unter VII. beschrieben. Das zweite 
Kind, ebenfalls eine Tochter, ist homosexuell, unverheiratet, 
sehr befahigt. Es folgen zwei Sohne, von denen der altere 
homosexuell, der zweite normalgeschlechtlich, ein menschen- 
scheuer Sonderling ist. Von den beiden jiingsten Tochtern ist 
die eine schwer nervenkrank (epileptisch), die andere anscheinend 
ein Urbild der Gesundheit, lebte in gliicklicher Ehe, bis eine 
virile Urninde, eine Freundin der zweiten Tochter, in ihr Leben 
trat und sie ihrer Familie vollkommen entfremdete. 

Es kann nicht bestritten werden, daB den Ehen Homo- 
sexneller mit degenerierter Nachkommenschaft auch seiche gegen- 
iiberstehen, aus denen anscheinend — wohlgemerkt anscheinend 
— vollig gesunde Kinder hervorgegangen sind; nach meiner Er- 
fahrung sind sie aber in der Minderzahl. 

Lassen wir die Entscheidung of fen, ob, wie ich es glaube, 
die Homosexualitat ein Ersatz- und Vorbeugungs- 
mittel der Degeneration oder, wie von Homer meint, 
ein Entlastungsmittel zum Zwecke der Familien-Regeneration 
ist, die Homosexuellen einfach von der Fortpflanzung elimi- 
niert oder irgendwelchen anderen Zwecken nutzbar gemacht 
werden eollen, was ich fiir sehr wahrscheinlich halte, jeden- 
falls steht fest, daB sie ein Stiick der Nature rdnung ist, 
genau so wie es das mannliche und weibliche Geschlecht in 
den fiir einander bestimmten Typen sind. Begegnen wir dech 
im Pflanzen- urid Tierreich an mehr als einer Stelle der deut- 
lich ausgesprochenen Tendenz, auch dort, we eine geschlecht- 
lichc Fortpflanzung existiert, mehr als zwei Sexualitaten her- 
vorzubringen. Ein wiederholt zum Vergleich herangezogenes Bei- 



Digitized by 



Google I 



393 

spiel bieteu die Ameisen, Bienen und Termiten. Hier linden 
wir auBer voUentwickelten zeugungsfahigen Mannchen und 
Weibchen die Gruppen der Arbeiter und Krieger, die sich nicht 
an derFortpflanzung beteiligen, daftir aber eine andere dem Ge- 
meinwohl forderliche Funktion erftillen. 

Unter manchen anderea liat sich einmal der als Zoologe recht 
bedeutende Benedict Friedlander tref fend iiber diese Analogic 
geaufiert. In seinen Bemerkungen zu einem Artikel E. R ii d i n s ^^) 
sagfc er: 

„Es ist richtig, daB die reine Homosex-ualitat im allge- 
meiueu einen schwereii und besouders fiir die Rassenerhaltung ins Ge- 
wicht falleuden Defekt darzustellen scheint ; denn eine Verallgemeine- 
rung dieser Eigenschaft wiirde jeder Basse oder Species cin schnelles 
Endo bereiten. Dennoch kann man, nach dem gegenwartigen Stande 
unserer Kenntnisse, kein abschlieCendes Trteil fallen. . Wen n es 
sich namlich herausstellen s o 1 1 1 e , daC es einen einigermaCen kon- 
stanten Prozentsatz von Mannern gibt, welche also beschaffen sind, 
o li n e daB sie im iibrigen als minderwertig gelten konnten, so miiBte 
dadurch die Auffassung der Homosexualitat als einer Abnormitat er- 
heblich erschiittert werden. Ja, es kounte sich geradezu die Erage 
erheben, ob nicht dieser Prozentsatz von Horaosexuellen — die daim 
wirklich eine Art ,,dritten Geschlechts" darstellen wurden — ahnlich 
zu beurteilen ware, wie die fortpflanzungsunfahigen sogenannten 
.jArbeiter'* in den Staaten der Hymenoptcren. In der Tat ist es recht 
bemerkenswert, daB gerade bei den hochstsozialen Species einer 
ganz anderen Tierklasse eine solche weitergehende Differenzierung der 
Sexualitat als offenbare Norm eingetreten ist, Dafi nim die Bienen- 
arbeiter im allgemeinen gar keine, und die Homosexuellen der 
Species Homo sapiens nur unfruchtbare Sexualakte ausfiihren, 
und daB erstere auch anatomisch, letztere aber vielleicht nur 
physiologisch von den eigentlichen Gcschlechtswesen abweichen, 
wurde wenig gegen die grundsatzliche Zulassigkeit jenes Vergleiches 
beweisen ; denn die ^lannigfaltigkeit der Natur ist unberechenbar, 
und eine vollkommene Analogic zwischen der Differenzierung der 
Individuen im Primaten- und Hymenoptcren 8 taate von vornherein 
nicht zu erwarten. Gerade die Soziabilitat erf order t und begiin- 
stigteine Art von Arbeitsteilung: Die Fortpflanzung und die speziellen 
Auigaben der Soziabilitat stellen beide an die vitale Energie sehr 
hohe Anspriiche, und es ware daher am Ende nicht so wunderbar, wenn 
auch beim Menschen eine solche Arbeitsteilung nicht nur bewuBt- 
sozial, sondern auch, wie bei sozialen Insekten, unbewuBt-physio- 
logisch durchgefiihrt ware. Es kann doch ein rein Homosexueller, wenn 
er sonst tiichtig ist — (genau so wie eine Arbeitsbiene fiir ihren 
Stock) — , fiir seine Basse oder sein Volk, und sogar fiir die Volks- 
vermehrung indirekt mehr leisten, als wenn er selbst eine groBe 
Zahl von Kindern in die Welt setzte ; namlich indem er die Lebens- 
bedingungen fiir die anderen durch seine Arbeit verbessert." . . , 
Die Ergriindung der Zusammenhange zwischo.n Soziabilitat und 
sexuellen Cbergangsformen bietet vielleicht kiinftigen Forschern groBe 
und tiefe Probleme, die wir heute erst zu ahnen imstande sind. 

Passen wir das iiber die Entstehung der Homosexualitat 
G:esagte noch einmal kurz zusamjnen, so sind drei Anschau- 

5')B. Friedlander: Bemerkungen zu einem Artikel E. 
R ii d i n s : Zur RoUe der Homosexuellen Im LebensprozeB der Rasse. 
Aus dem Archiv fiir Rassen- und Gesellschafts-Biologie, Berlin. 1. Jahr- 
gang. 2. Heft. Marz 1904. p. 4 f f . 



Digitized by VjOOQIC 



394 

ungen zu unterscheiden : die eine, welche dahin geht, dalJ die 
Homosexualitgt niemals angeboren ist, sondern intra 
vitam, sei es in der friilien Kindheit oder spater erworben 
wird; eine zweite Annahme, die zwoi Arten der Homosexualitat 
kennt, die angeborenen und die infolge sehr verschiedener An- 
lasse erworbenen Palle; eine dritte Ansicht, zu der auch wir 
uns bekennen, die lautet, daB die Homosexualitat stets 
angeboren ist. Die friihere Auffassung, welche den ange- 
borenen Faktor bei der Homosexualitat ganz in Abrede stellte, 
hat unter Fachleuten heute kaum noch Vertreter. Selbst der Ver- 
fasser der ^,,Pastoralmedizin**^^), wohl der angesehenste arzt- 
liehe GewShrsmann der katholischen Kirche, sagt:- „Viel ofter, 
als man bisher angenommen, zeigen sich die sexuellen Funk- 
tioneu beim Menschen abnorm. Der Kausalnexus ist dabei ent- 
weder so gelegen, dafi die ursprlinglich normale Anlage sich 
durch Exzesse abnorm gestaltete (Perversitat), oder aber, daB 
die abnorme Punktion auf ererbter krankhafter Veranlagung des 
Zentralnervensy stems beruht. (Perversion.)" 

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen sind 
nicht ganz so scharf, wJe sie erscheinen, da die Anhanger der 
Erwerbstheorie jetzt ausnahmslos eine Disposition, ein auf einer 
Anlage beruhendes Entgegenkommen zugeben, wMhrend diejenigen, 
die vom Angeborensein der Homosexualitat tiberzeugt sind, 
gleichwohl ftuBere Gelegenheitsurachen anerkennen^ von denen 
aller dings die konsequenteren Vertreter der kongenitalen Lehre 
meinen, daB sie von ganz untergeordneter Bedeutung sind, da die 
spezifischc Anlage zielstrebig auf die adaquate „Gelegenheit** 
lossteuert. Das Fiir und Wider gegeneinander abwagend ge- 
langen wir unsererseits zu folgendem SchluBresumde : 

I. Cie echte Homosexualitat ist stets ein angeborener Zu- 
stand. 

II. Dieser angeborene Zustand besteht in einer spezifischen 
homosexuellen Konstitution des Gehirns. 

III. Diese spezifische Gehirnkonstitution ist durch ein be- 
sonderes Mischungs verhftltnis der m&nnlichen und weib- 
lichen Erbsubstanz gekennzeichnet. 

IV. Dieses mannweibliche Mischungsverhaltnis ist haufig 
vergesellschaf tet mit stftrkerer L a b i 1 i t & t des Nervensystems. 

V. Zwischen der spezifischen und nerv5sen Konstitution 
des Zentralorgans besteht ein kausaler Zusammenhang. 



^®) Dr. C. Capellmann, Pastonil-Medizin, 16. Auflage. Aachen 
1906, p. 136. 



Digitized by VjOOQIC 



395 

VI. Alle fiuBeren Ursachen sind nur wirksam beim Vor- 
handensein der inneren homosexuellea Konstitution. 

VII. Die HuBeren Ursachen — Anl&sse — sind so allgemeine 
Erscheinungen, daB in 99o/o der FfiUe die angeborene homo- 
sexuelle Konstitution friiher oder spater erwacht und klar in 
das BewuBtsein tritt. 

VIII. Die Homosexualitat ist weder Krankheit noch Ent- 
artung, noch Laster oder Verbrechen, sondern stellt ein Stilck 
der Naturordnung dar, eine sexuelle Variante wie 
zahlreiche analoge Sexual-Modifikationen im Tier- und Pflan- 
zenreich. 

Viele haben sich bemiiht, das RStsel der gleich'geschlecht- 
lichen Liebe zu Idsen ; wie aber, wenn hier im Grunde genommen 
kein grdBeres Eatsel als sonst bei irgend einer Naturerscheinung 
vorliegt? Die Frage nach dem „Warum** ist nicht immer nur 
ein Zeichen tiefgrllndiger Gelehrsamkeit, sondern haufig auch 
kindlicher Bcschr&nklhcit Wollte jemand wissen, warum 
gibt es Siugetiere, oder weshalb Menschen, wtirde man ihn 
kaum einer Antwort wert halten, so sehr sich eine Beschreibung 
der verschiedenen Arten der Saugetiere oder eine Untersuchung 
der Aufgaben der Menschen verlohnen wtirde. Wir sehen eben 
die Tatsache ihrer Existenz als etwas Gegebenes an — und so 
soUten wir es auch mit dem Uranismus tun — , da die Natur 
unbegrenzt ist in der Hervorbringung ihrer Wesenheiten, auch 
solcher, die der Mensch zwecklos nennt — womit nicht gesagt 
ist, daB sie es sind, sondern nur, daB sie es ihm scheinen, weil 
sie nicht in die Vorstellung hineinpassen, die er sich jeweils von 
dem doch in jeder Beziehung so verwickeltem Weltmechanismus 
machi. 



Digitized by VjOOQIC 



EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL. 

Behandlung und Prognose der m^nnlichen und weiblichen 
HomosexualitMi Behandlung durch heterosexuellen Verkehr. 

(Ehetherapie.) 

Unter Behandlung der Homosexualitfit begreifen wir 
zunaehst alle Maflnahmen der Heilkunde, welche die Be- 
seitigung (oder Unterdriickung) homosexueller Empfindungen 
und Handlungen bezwecken. Die Voraussetzung, von der die 
Anhfinger einer therapeutischen oder auch prophylaktischen Be- 
einflussung der Homosexualitat ausgehen, ist, dafi hier ein 
krankhafter Zustand vorliegt, der heilungsbedlirftig und 
vor allem heilbar ist. Trifft allerdings das zu, was wir im 
vorigen Kapitel bewiesen zu haben glauben, daB die echte Homo- 
sexualitat iiberhaupt keine Krankheit, sondern eine eingeborene, 
mit der individuellen Konstellation untrennbar verknlipfte sexu- 
elle Varietat ist, dann JPallen die Pramissen, auf die sich jedes 
firztliche Bemlihen zu ihrer Ausrottung in der Hauptsache 
stiitzt . 

Gleiehwohl wiirde aber dieses Werk sehr unvollstandig sein, 
wenn wir uns mit der Konstatierung der Tatsache : echte Homo- 
sexualitat ist unausrottbar, begnligen wollten. Denn abgesehen 
davon, dafl es der Charakter dieses Buches als einer mog- 
lichst erschopfenden Darstellung der Homosexualitat erfordert, 
referierend und kritisch auch die Anschauungen derer durch- 
zugehen, die sich bemlihten, die Homosexualitat, welche sie flir 
ein schweres Leiden hielten, zu heilen, ergeben sich auch fiir den 
Arzt, der uberzeugt ist, daB die homosexuelle Konstitution und 
die aus ihr entspringenden Neigungen endogen bedingt sind, 
wichtige Fragen ihrer Behandlung. 

Zunaehst. ist nicht gesagt, dafi mit dem praformierten Charakter 
der Homosexualitat ihre absolute Unzuganglichkeit feststeht. Sind 
wir doch beispielsweise in der Lage, angeborene Entwicklungshem- 
mungen auf operativem Wege zu beseitigen. Deshalb ist es auch in der 



Digitized by VjOOQIC 



397 

Begiiindung nicht ganz zutreffend, wenn Schrenck-Notzing^) 
SB>gt: „Jc mehr sich die Zahl der Falle hauft, in denen bleibende thera- 
peutische Resultate erzielt wordea sind, um so eeringer erscheint 
nach unserer Meinung der Anteil, den die erbliche Disposition in der 
Entstehung dieser Anomalie beanspruchen kann", oder R o h 1 e d e r 2), 
dessen Ausfiihrungen iiber die Therapie der Homosexual itat icli im 
iibrigen fiir das Beste und Konsequenteste halte, was in diesem Punkte 
geauBerfc worden ist, meint, dafi „fiir denjenigen, der die perverse homo- 
sexuelle Empfindung fiir eine eingeborene halt, damit gleichzeitig 
auch der Wegfall jeglicher therapeutischen Beeinflussung dieses Ge- 
fiihls gegeben sei, da, was eingeboren ist, nun und nimmer durch 
eine Behandlung weggebracht werden konne, ebensowenig wie jnan 
imstande sei, eine angeborene Heterosexualitat durch Behandlung zur 
Homosexualitat zu machen." Die Therapie, die beide Autoren hier 
in erster Linie im Au^e haben, ist die hypnotische Suggestions- 
behandlung. Wenn es aber moglich gewesen ist, durch Beeinflussung 
der Psyche korperliche Veranderungen, wie Brandblasen, hervorzurufen, 
wenn man Blindheit und Taubheit, Anosmie und Ageusie suggerieren 
konnte, wenn man tiefgreifende Wirkungen in der Hypnose auf die 
Menstruationen und PoUutionen ^lusiiben konnte und Medien zu ver- 
anlassen vermochte, nach dem Erwachen „etwas zu sehen, was nicht 
da war, etwas nicht zu sehen, was da war", wenn Hypnotiseure alte 
Leute davon iiberzeugten, sie seien wieder Kinder ge worden, warum 
soil es denn so unmoglich sein, angeborenen Homosexuellen voriiber- 
gehend GenuB am Weibe zu suggerieren? Es geht auch zu weit, wenn 
Binswanger^) bemerkt, „daB den Aussagen der an perverser Sexual- 
empfindung Leidenden iiber Erfolge in der Hypnose kein Glauben bei- 
zxunessen sei*\ Um so mehr stimme ich aber Krafft-Ebing bei, der 
— gleich groB als Kehner der Hypnose und der Homosexualitat — er- 
fclart *), dafi selbst die dauerndsten Erfolge der Hypnose „nicht auf 
wirklicher Heilung, sondern auf suggest iver Dressur beruhen" ; 
„es seien bewunderungswiirdige Artefakte hypno- 
tischer Kunst, keineswegs Umziichtungen der psychosexualen Exi- 
stenz**. Krafft-Ebing fiihrt, als bezeichnend dafiir, den glan- 
zendsten Heilerfolg Schrenck-Notzings an, dessen Beprasentant 
nach voUendeter „Heilung" von sich selbst sagte: „ich fuhle immer 
eine gewisse, nicht zu iioerwindende Schranke, die nicht auf mora- 
lischen Griinden basiert, sondern, wie ich glaube, direkt auf die Be- 
handlung zuriickzufiihren ist." Der Verfasser der Psychopathia sexualis 
schlieCt diese Bemerkungen mit dem Satze : „ Jedenfalls b e w e i s e n 
sole he „Heilungen" (die hier und vorher bei diesem Worte 
angebrachten Anfiihrungsstriche f inden sich auch im Original) n i c h t s 
gegen die Annahme des originaren Bedingtseins der 
kontr^ren Se x ual e m p f i ndu ng." 

Ist also auch dann, wenn die Homosexualitat als eine zwi- 
schen den Geschlechtern stehende endogene Sexualvariante zu 
gelten hat, die Heilungs moglich k ei^ nicht voUig auszu- 
schlieBen, so muB um so mehr auf Grund dieser Erkenntnis 
ihre Heilungs bedlirftigkeit in Zweifel gezogen werden. Ist 



1) Dr. Frhr. v. Schrenck-Notzing: Die Suggestionstherapie 
bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes, p. 149. 

') H. Rohleder: Vorlesungen iiber Geschlechtstrieb und ge- 
samtes Geschlechtsleben des Menschen. Bd. II, 1907, p. 399. 

3) Binswanger: Verwertung der Hypnose in Irrenanstalten. 
Therap. Monatshefte 1892. Heft 3 und 4, p. 167. 

*)v. Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis, p. 311 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



398 

die Homosexualitfit voUends — was ungemein viel Wahrschein- 
lichkeit f iir sich hat — ein Vorbeugungs mittel der Degene- 
ration, so erhebt sich die vom rassenhygienischen und entwick- 
lungsbiologischen Standpunkt so ungemein gewichtige Frage, ob 
die Heilung eines Homosexuellen, deren „conditio sine qua non** 
nach Schrenck-Notzing^) „der geregelte normale Ge- 
schleehtsrapport" ist, sich n i c h t mehr wider die Natur richtet, 
als die vom Gesetz als widernatlirlich bezeichneten Betatigungs- 
formen. So lange audh nur ein Zweifel dariiber besteht, ob wir 
una nicht an der zukiinftigen Generation verslindigen, wenn wir 
den homosexuellen Mann auf das normalsexuelle Weib und das 
homosexuelle Weib auf den normalsexuellen Mann „dressieren", 
haben wir keinen Grund, uns der „erfolgreichen Behandlung" 
eines Patienten „mit kontrfirer Sexualempfindung bei voUstan- 
diger Effemination** zu rlihmen, der nach 142 hypnotischen. 
Sitzungen unter „Abbruch homosexueller Beziehungen" jede 
Woche einmal regelmfiBigen Geschlechtsverkehr mit dem Weibe 
pflegt. Beilauf :g bemerkt ist es derselbe Patient, der unter Be- 
zug auf die ihm vorgelesene Krankengeschichte den letzten Brief 
an Schrenck-Notzing, in dem er ausfiihrlich von seiner 
„Heilung** berichtet, mit folgender Nachschrift^) schlieBt: „Bitte, 
bitte, Herr Baron, streichen Sie doch die „groBen Hande", ich 
habe Handschuhnummer 7^/4, das ist doch nicht groB, und ganz 
weiBe gepflegte Hande; noch nie hat jemand gesagt, ich hatte 
groBe Hande, bitte, streichen Sie es, ja??**, eine Bemerkung, 
die nicht gerade auf eine radikale Umgestaltung seiner femininen 
Personlichkeit schlieBen laBt. 

Mir sind mehrere Falle in Erinnerung, in denen Homo- 
fiiexuelle von so femininer Beschaffenheit, daB auBer ihrem 
Genitalapparat fast nichts Mannliches an ihnen zu entdecken 
war, Monate, ja Jahre lang auf Veranlassung ihrer Angehorigen 
hypnotisiert worden waren. Mit negativem Erfolg. Ware aber 
tatsachlich Beischlafsf&higkeit mit dem Weibe erzielt worden, 
so erscheint es keineswegs sicher, ob dadurch dem Homosexuellen 
ein Dienst geschehen ware, und selbst wenn dieses zutrafe^ bleibt 
die Frage offen, ob der Arzt die Verantwortung der Folgen sol- 
cher Heilungen tibernehmen darf. Der alte medizinische Leit- 
satz „Nil nocere" bezieht sich nicht nur auf den Patienten selbst, 
sondern auch auf seine Ehehalfte und auch auf seine Nach- 
l^ommenschaft. 

Wir stehen hier auf dem Grunde des Nietzsche schen Wortes ; 
nicht fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf. Erafft-Ebing und 



^) V. Schrenck-Notzing, loc. cit. p. 311. 
^)v. Schrenck-Notzing, loc. cit.* p. 248. 

Digitized by VjOOQIC 



399 

Schrenck-Notzing sind allerdings anderer Meinung. K r a f f t - 
E b i n g widerlegt den auch ihm schon gemachten Einwand, dafi durch 
Heilversuche an Homo9exueIlen zwar dem einzclnen ausnahmsweisc 
geholfen, der Gesellschaft aber geschadet werden kann, mit folgendem 
Ausspruch : ') : „Wenn ein Contrarsezoaler aus ethischen, sozialen oder 
sonst welchen Grunden eine solche Behandlung verlangt, so kann ihm 
dieselbe nicht versagt werden. Es ist heilige Pflicht des Arztes, jedem 
Hilfesuchenden nach Eraf ten Eat und Hilfe zu gewahren. Das W o li 1 
des Elienten muB dem Arzt immer viel hoher steben 
als das der Gesamtheit. Diese vennag er reichlich fiir mog- 
licben Schaden, den er im Einzelfalle ibr zufugt, zu entscbadigen, in- 
dem er Hygiene und Propbylaxe ubt." 

Wenn S a d g e r es wiederholt den Homosexuellen zum Vor- 
wurf macht, daO die meisten von ihnen weder den Wunsch noch 
die ernstliche Absicht haben, sich heilen zu lassen, so tibersieht 
er, daU der Wunsch fehlt, weil ihnen der Glaube fehlt. Der 
groBen Mehrzahl scheint es als ein Unding, daB etwas zum 
Schwinden gebracht werden kann, was sie ebenso zu sich ge- 
horig empfinden, wie den Schlag ihres Herzens oder das Atmen 
ihrer Lungen. Dsshalb kommt auch tatsachlich unter 1000 
Homosexuellen hochstens einer iiberhaupt auf den 
Gedanken, den Arzt aufzusuchen, um sich „kurieren** zu lassen. 
Vollends unter den homosexuellen Frauen ist der Prozenteatz 
noch viel geringer. 

An Schrenck-Notzing, der versucben wollte einem Urning 
durcb Hypnose sexuellen Gescbmack am Weibe beizubringen, schrieb 
dieser in groBer Emporung: „Die Natur hat micb so erscbaffen — sie 
wird schon wissen warum — und s o will icb bleiben. Mir feblt jedes 
Verstandnis, warum es moraliscber sein soil, mit irgend einem, viel- 
leiclit bezablten, Frauenzimmer zu verkebren als mit einem Freunde, 
den ich lieb babe." Ist es docb vorgekommen, daB ein Urning, den 
icb wegen Scblaflosigkeit bypnotisierte, mir vor der Behandlung das 
Versprechen abnabm, daB icb nicbt an seiner Homosexualitat „herum- 
sugfferiere". Obne sie — meinte er — woUe er nicbt leben. Ahnlich 
denken viele. 

Die Geschichte therapeutischer MaBnahmen gegen die Homo- 
sexualitat ist verhaltnismaBig kurz. Sie erstreckt sich auf die 
kauDi ein halbes Jahrhundert betragende und jetzt schon fast 
wieder abgeschlossene Epoche, innerhalb derer die Homosexualitat 
als eine Krankheit angesehen wurde. Es gab Zeiten und Volker, 
in und bsi denen sie als eine durchaus nattirliche Erscheinung 
aufgefaBt und als solche dem sozialen Leben eingereiht wurde. 
Zu anderen Zeiten und bei anderen Volkem sah man wiederum 
ein verabscheuungs- und etrafwiirdiges Verbrechen in ihr^ das 
man nur mit Mitt3ln der Justiz zu tilgen bemtiht war. Haben 
wir fiir die erste Anschauung ein charakteristisches Beispiel in 
den Volkern des klassischen Altertums, so standen die Zeiten 



") V. Krafft-Ebing, loc. cit. p. 325. 



Digitized by VjOOQIC 



400 

des christlichen Mittelalters vollig unter dem EinfluB Jer zwei- 
ten. Erst die wissenschaftlichen Fortschritte des 19. Jahr- 
hunderts auf medizinischem Gebiete, namentlich das Entstehen 
der Psychiatrie als eines selbstandigen Forsehungsgebiets, ftihrte 
zii der Annahme, es mtisse sich bei der Homosexualitat um eine 
pathologkche, zum mindesten abnorme Erscheinung, mithin um 
etwas der Heilung Zugangliehes und der Behandlung Bedtirftigee 
handeln. Diese Auffassung rief die mannigfachsten Versuche 
arztlicher und niehtarztlicher Behandlung hervor, iiber deren 
Wert und Unwert die Meinungen bis zum heutigen Tage noch 
vielfach auseinandergehen. 

Bemerkenswert ist, daB bei alien therapeutischen Vor- 
schlagen und Versuchen fast nur von der mannlichen und fast 
niemals von der weibliehen Homosexualitat die Rede ist; weder 
die Vertreter der Hypnosetherapie noch die Anhanger der 
Freud schen Psychoanalyse berticksichtigen in ihren Veroffent- 
licfiungen die Homosexualitat der Frau. SoUte dies vielleicht 
daher ruhren, daU die Homosexuellen nicht sowohl unter ihrer 
Veranlagung leiden. als unter den Konflikten, die eine unmittel- 
bare Folge ihrer sozialen und forensischen Beurteilung sind, dafi 
es die sich daraus ergebenden MiBhelligkeiten und das damit im 
Zusammenhang stehende Unterdruckungsbedtirfnis sind, die sie 
zum Arzte ftihren. SoUte dies der Fall sein, so gabe dies einen 
wertvoUen Fingerzeig, wo die wahre Therapie homosexueller 
Leiden anzusetzen hat, in erster Linie namlich nicht bei den 
Homosexuellen selbst, sondern bei den Vorurteilen, welche 
die Hauptquelle ihrer Beschwerden sind. 

Die grundlegenden Vorschlage iiber die Therapie der Homo- 
sexualitat, auf die direkt oder indirekt fast allc spateren Experten 
fuBen, riihren von Kraffft-Ebing her. Er schreibt s) : 

„Die Aufgaben der Behandlung bestehender contrarer Sexual- 
empfindung gegeniiber sind folgende: 

1. Bekampfung von Onanie und anderen, die Vita sexualis schadi- 
genden Momenten. 2. Beseitigung der aus antihygienischen Verhalt- 
nissen der Vita sexualis entstandenen Neurosen. ' (Neurasthenia sexualis 
uud universalis). 3. Psychische Behandlung im Sinne einer Bekamp- 
fung homosexualer und der Forderung heterosexualer Gefiihle und Im- 
puJse. 

Der Schwerpunkt der therapeutischen Aufgabe liegt nach 
Krafft-Ebing in der Erfiillung der dritten Indikation. „Nur 
in sehr seltenen Fallen", sagt er, ,,vermag bei noch nicht vorge- 
echrittencr erworbener contrarer Sexualempfindung die Erfiillung 
von 1 und 2 geniigen. In der Eegel wird die korperliche Behandlung, 
wcnn audi unterstiitzt durch moralische Therapie im Sinne energischer 
Ratschlago behufs ^leiden von Masturbation, Unterdriickung homo- 
sexualer Gefiihle und Drange und Weckung heterosexualer, selbst bei 
erworbenen Fallen von contrarer Sexualempfindung, nicht ausreichen. 

^) V. Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis, p. 317 f. 

Digitized by VjOOQIC 



401 

flier kaan nur eine Methode der psyohischen Behandlung — 
die Suggestion — Hilfe bringen." 

Von den drei Krafft-Ebing schen Heilmitteln der Homo- 
sexualitat hat in den mehr als dreiundeinhalb Jahrzehnten, eeit der 
eroBe Wiener Gelehrte sie zuerst aufstellte, nur das zweite — die Be- 
kampfung der Neurasthenie zur Erhohung der Triebwiderstande — 
seine Stellung einigermaBen behaupten konnen. Die dritte — psy- 
chische — Behandlungsmethode hat sich einem ungleich groBeren und 
langer verf olgten Beobachtungsmaterial gegeniiber, als es E r a f f t - 
E b i n g zu Gebote stand, bei weitem nicht so bewahrt, wie ihre ur- 
spriinglichen Verfechter selbst es glaubten und erhofften. Von dem 
ersten Heilmittel voUends, das Krafft-Ebing anfiihrt, der Be- 
kampfung der Onanie, verspricht sich heute ka\mi noch jemand einen 
Erfolg flir die Beseitigung der Homosexualitat. 

Wir betonten bereits, daB durch Onanie, selbst Jahre lang ge- 
trieben, die kontrare Sexualempfindung nicht erworben wird. Vom 
Beeinii bis zum Ende der Reifezeit, vornehmlich also in der zweiten 
Haifte des zweiten Lebensjahrzehnts, ist die Onanie sowohl unter 
Homosexuellen als auch unter Heterosexuellen nahezu so allgemein 
verbreitet, daB sie von einigen Autoren sogar in diesem Alter schon 
als etwas Physiol o^isches erachtet wurde. Anfang der zwanziger, 
vor allem mit Eintritt regelmaBigen Geschlechtsverkehrs pflegt sie in 
der groBen Mehrzahl der Falle zu schwinden. Bei Homosexuellen 
scheinb sie sich allerdings durchschnittlich etwas langer zu erhalten 
als bei Heterosexuellen. Das riihrt aber lediglich daher, weil der 
Homosexuelle im allgemeinen schwieriger und spater zu einer adaquaten 
Regelung seines Geschlechtslebens gelangt. Kommt er dazu, so 
hort auch bei ihm die Selbstbeiriedigung bald vollig 
auf. Das gilt auch fiir die zahlreichen Homosexuellen, deren Betati- 
gungsweise die mutuelle Onanie ist. Das Ausschlaggebende liegt eben 
nicht in dem Akt als solchem, sondern in dem Partner, mit dem er 
voUzogen wird. 

Von den Homosexuellen wird librigens nicht die Beseitigung, son- 
dern das Gegenteil die Ausiibung der Onanie oft, wenn auch nicht 
als ein Heiln^ittel homosexueller Neigung, so doch als ein Vorbeugungs- 
mittel homosexueller Betatigung angesehen. Nicht selten wird sie 
von ihnen in recht erheblichem Grade angewandt, um wenigstens 
iuv einige Zeit eine sexuelle Entspannung herbeizufiihren. In wie 
exzessiver Weise gelegentlich von diesem Mittel Gebrauch gemacht 
wird, zeigb der Fall eines ims bekannten Konsistorialrats, der seiner 
eigenen Angabe nach Jahre hindurch taglich dreimal masturbiert hat, 
um den Anfechfcungen seiner homosexuellen Veranla^ng nicht zu 
erliegen. Trotzdem blieben ihm schwere seelische Eanvpfe und De- 
pressionen infolge der gewaltsamen Unterdriickimg seines homosexu- 
ellen Triebes nicht erspart, die in Verbindling mit den schwachenden 
Wirkungen der maBlos betriebenen Onanie naturgemaB zu schwerer 
Neurasthenie fiihrten. Immerhin hat in Fallen geringerer sexueller 
Reizbarkeit und Bediirftigkeit maBig ausgeiibte Onanie den homo- 
sexuellen Trieb oder doch den Drang nach homosexueller Betatigung 
oft auf kiirzere oder langere Zeit hinaus wesentlich abgesch^^acht. Es 
sei aber ausdriicklich darauf hingewiesen, daB an dieser Stelle natiir- 
lich nicht von der Onanie als arztlichem Behandlungsmittel der Homo- 
sexualitat, sondern lediglich von ihr als einer haufig gewahlten Me- 
thode der Selbstbehandlung die Rede ist. Als Kuriosmn sei ein uns 
bekannter Fall erwahnt, in dem ein Homosexueller durch die Onanie 
die denkbar radikalste Beseitigung seiner Veranlagung, den Selbst- 
mord, auszufiihren beabsichtigte. Es handelte sich um einen Herrn, 
der auf Grund einer Anzeige aus § 175 sich in Untersuchun^shaft 
befand. Der Versuch scheiterte an der physischen Unmoglichkeit der 
Durchfiihrung. 

Hirschfeld, HomosexiuUitflt. 26 



Digitized by V:iOOQIC 



AG2 

Auch unter den weibliclien Homosexuelleii ist die Onanie gewohn- 
lich in Form der Klitorisfriktion, begleitet von wunschentsprechenden 
Phantasievorstellungen, als Surrogatakt weit verbreitet. Dabei ist 
iiicht ohne Interesse, daB sowohl bei den weiblichen als mannlichen 
Homosexuellen die Autoonanie vielfach nicht erst bei Ausiibung mutu- 
eller Akte, sondern bereits bei Eintritt einer starkeren seelischen Be- 
ziehung homosexueller Art nachlaBt. So steht seit langerer Zeit 
ein friiher an sehr heftigen Depressionen leidender Oberleutnant in 
meiner Beobachtung, der viele Jahre nicht davon abzubringen war, 
mehrmals tSglich zu masturbieren. Eines Tages verliebte sich in ihn 
ein junger Homosexueller, dessen Neigung er heftig erwiderte. Kurz 
nach inrer Bekanntschaft wurden sie ortlich getrennt, indem der 
Offizier nach einer weit entfernten Grenzgarnison versetzt wurde. Der 
Verkehr beschrankte sich monatelang nur auf zartliche Briefe. Gleich- 
wohl horte die vordem inkurabel erscheinende Onanie seit Bestehen 
des seelischen Liebesverhaltnisses definitiv auf. 

Ebensowenig wie die Selbstbefriedigung homosexuelle Nei- 
gungen zu beseitigen imstande ist, vermSgen dies andere For- 
men nicht adilquater Sexualbetatigung, vor allem der normale 
Koitus. Wir kommen hier zur Besprechung eines Mittels, das 
zwar Krafft-Ebing in sein Behandlungsschema nicht niit 
aufgenommen hat, das aber vor und nach ihm von Arzten als 
einc Art Radikalkur homosexuell empfindender Personen vor- 
geschlagen wurde, zu dem von Rohleder^) mit feiner Satire 
als etwas zu allopathisch bezeichneten Mittel der Ehe. Schreibt 
doch selbst Schrenck-Notzing in bezug auf die Homosexu- 
ellen kurz und biindig: „Man bestimme solche Individuen, tern- 
peramentvolle Frauen mit lebhaftem Geschlechtstrieb zu hei- 
raten." Und noch neuerdings meint Gei jerstam^.^), wenn 
ein Homosexueller nicht zu hodigradig nervos sei, liege ftir den 
Arzt kein Grund vor, ihm von der Ehe abzuraten. Sehr viele 
Arzte sind, wie ich bereits in einer frliheren Arbeit ^i) an Hand 
von zahlreichen Beispielen aus dem Leben ausftihrte, noch heute 
in dem Irrtum befangen, dali es sich bei Homosexuellen um eine 
Abirrung handle, die durch Heirat in normale *Bahnen gelenkt 
werden konne. Dies ist ein verhangnisvoUer Irrtum'. Mancher 
Urning hort, selbst nicht gentigend von der Unausloschlichkeit 
seines Triebes unterrichtet, auf ,den Rat des Arztes und ent- 
schlieBt sich daraufhin zur Ehe. Verheiratet, sieht er nur zu 
bald, dafi der Rat, welchen der Arzt ihm erteilte, ein recht 
schlechter war. 



9) H. R o h 1 e d e r , a. a. O., p. 406, sowie R o h 1 e d e r , Mono- 
graphieen iiber die Zeugung beim Menschen. Bd. Ill: Funktions- 
storungen der Zeugung beim Manne. Leipzig 1913. p. 168 ff. 

10) cf. Zeitschrift fiir gerichtliche Medizin und Psychiatric in den 
Nordlanden. Jahrg. 5, Heft 3. 

11) M. Hirschfeld: Sind sexuelle Zwischenstufen zur Ehe 
geeignet? Im Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. Ill, p. 39. 



Digitized by VjOOQIC 



403 

Wir wollen typische Beispiele geben von der Ehe eines homo- 
aexuellen Mannes mit einer heterosexuellen Frau und einer 
analogen Ehe zwischen einer homosexuellen Frau und einem 
heterosexuellen Manne, um zu zeigen, wie sich in vielen Fallen 
ein derartiges Btindnis gestaltet. 

Einer unserer Patienten schrieb: 

„Sie wuDSchen zu wissen, wie ich dazu kam, mich zu verheirateu 
und welche Erfahrungen ich in der Ehe gemacht habe. 

Bevor ich mich dazu entschloB, mich zu verheiraten, war ich in 
einer hochst traurigen sozialen Lage. Wie Sie wissen, lebe ich in 
einer grofien Stadt. Ich war meinem ungliicklichen Triebe, der mich 
Uingang mit dem eigenen Geschlecht suchen lieB, haufiger gefo^t. 
Dies muiJte bekannt geworden sein, wenigstens hatte ich stets das Ge- 
fiihl, in manchen Fallen vielleicht unberechtigt, daB man meinen Um- 
^ang zu meiden suchte. Zu empfindsam, um in der Lage zu sein, 
irgend jemand meinen Umgang aufdriingen zu konnen, zog ich mich 
immer mehr von Geselligkeit und freundschaftlichem Verkehr zuriick. 
Ich verbrachte Ta^e und Nachte in Verzweiflung hin, die' besten 
Lebensjahre verstrichen im einformigsten Einerlei. Dieser traurigen 
Lage wollte ich ein Ende machen. Meine Altersgenossen waren yer- 
heiratet, Familie und einige Bekannten rieten ebenfalls dazu. Aber 
den Grund, warum ich nicht heiraten wollte, durfte ich niemandem 
sagen. Dies gehort auch zu den traurigsten JSeiten unseres Schicksals, 
daS wir ein Geheimnis, das unser Innerstes aufs Tiefste bewegt, nie- 
mand, nicht einmai den nachsten Anverwandten, anvertrauen konnen. 
Ich sah andere Menschen glucklich und zufrieden und wollte auch 
glucklich werden. Wenn mir auch der innere Drang zur Ehe fehlte, 
so hoffte ich doch innere Ruhe und Zufriedenheit in derselben zu 
finden. Um mein G^wissen zu beruhigen, und mich zu vergewissern, 
ob ich meinen ehelichen Pflichten nachkommen konne, wandte ich 
mich an einen Arzt. Derselbe sagte mir, ich moge einmai zu einer 
Fuel la ^ehen, um mich zu iiberzeugen, ob ich imstande sei, den coitus 
auszufiihren. Wenn mir nun auch der Coitus nicht den geringsten Ge- 
nuB, ja eher Widerwillen bereitete, war ich doch imstande, ihn aus- 
zufiihren. Ich sagte dies meinem Arzte, und dieser riet mir inf olgedessec 
zur Heirat. Da ich mich noch mehr vergewissern wollte, um meine 
Zweifel zu beruhigen, wandte ich mich noch an einen aus- 
wartigen, bekannten Arzt, dem ich meinen Zustand und mein Anliegen 
ausfubrlich berichtete. Derselbe antwortete mir folgendes: „Da Sie 
Erektionen haben, konnen Sie unbedingt ruhig heiraten, ich bin der 
Meinung, daB dadurch allmahlich Ihre contraren Emp- 
findungen sich calmieren werde n." Ich wandte mich schlieB- 
lich an Professor K., der mir schrieb: „Heirat ist moglich, da Potenz 
besteht. Ich kenne manchen verheirateten Uming, der Familienvater 
ist. Eine prekare Sache ist immexhin die Heirateines 
Urnings." Ich habe Ihnen dies, geehrter Herr Doktor, absichtlich 
etwas ausfiihrlich mitgeteilt, um Ihnen zu zeigen, daB ich nicht ohne 

g'oBe Bedenken in die Ehe ging, die aber mehr oder weniger durch die 
erren Arzte beseitigt wurden. Jedenfalls ging ich mit der Hoffnung 
und dem Wunsche in die Ehe, daB ich durch dieselbe von meiner 
Anomalie befreit wiirde. Nachdem ich Ihnen im Vorstehenden ausein- 
andersetzte, wie ich zur Ehe kam, gehe ich jetzt dazu uber, Ihnen 
meine Erfahrungen wahrend der Ehe mitzuteilen. Schon auf der Hoch- 
zeitsreise machte ich die Bemerkung, daB mir die Ausfdhrung des 
Coitus viel eher eine lastige Verpflichtung war, denn ein Vergmigen. 
Dabei blieb aber mein Hang zimi eigenen Geschlechte bestehen. Ich 

26* 



Digitized by V:iOOQIC 



404 

cab mir die denkbar groBte Miihe, mich innerlich und geistig von dieser 
Neigung unabhangig zu machen, aber vergeblich. 

Wie war und ist n\in das Verbal tnis zu meiner Frau? Ich liebe 
und scbatze meine Frau ibrer vielen ausgezeicbneten Eigenscbaften 
willen; wegen der Tiefe des Gemiits, wegen ibrer Pflicbttreue, auch 
finde ich sie korperlicb biibscb, aber trotz alledem ist diese Liebe 
mebr einem innigen Freundscbafts verbal tnis abnlicb, wie einer Liebe, 
wie sie zwiscben Ebeleuten bestebt und die nacb meiner Empfindung 
auBer in der moraliscben Wertschatzung aucb auf einer in smnlicben 
und korperlicben Gefallen berubenden Grundlage aufgebaut sein mufi. 
Bei diesem Mangel an sinnlicber Liebe zu meiner Frau, gebt nebenber 
die sinnlicbe Liebe zum eigenen Gescblecht. Meine Frau fiiblt diesen 
Mangel an sinnlicber Liebe zu ibr wobl beraus, indem sie mir zu- 
weilen den Vorwurf des Mangels innerer Seelengemeinscbaft macbt. 
Wir wiirden aber ganz gliicklicn zusammen leben, wenn nicbt ein Um- 
stand ware, der mir das Leben zur Qual macht. Icb lebe in bestan- 
diger Furcbb vor Entdeckung und AusstoBung aus der Familie, sowie 
in dem BewuBtsein, von meinen Mitmenschen veracbtet zu sein. DaB 
ein derartiges Leben mebr eine Qual, denn ein Gliick ist, werden Sie 
versteben usw. 

Als Seitenstiick zu diesem gibt uns der folgende gutacht- 
liche Fall einen Einblick in die Ehe eines heterosexuellen Manjies 
mit einer homosexuellen Frau. 

Ein Herr W., normalsexueller, vollig gesunder Arcbitekt, will sicb 
von seiner Frau wegen „Verkebrs mit dem Dienstmadcben" scbeiden 
lassen, er wiinscbt von mir ein Gutacbten, daB, da seine Frau zweifel- 
los bomosexuell, der gescblecbtlicbe Verkebr ihrerseits mit dem Weibe 
dem Ebebrucb gleicbzusetzen sei. Frau Elise W., geb. D., 26 Jabre, 
aus Berlin, ist seit 4 Jabren verheiratet. Ibr GroBvater von B. ,sebr 
excentrisch, Alkobolist, mit starkem Han^ zur Vagabondage, wurde 
als Amtsricbter seines Amtes entsetzt. Elise abnelt auBerlicb diesem 
GroBvater. Ibr Vater sebr jabzornig. Sie litt als Kind an Krampfen, 
Bettnassen, Eauen an den Fingemageln, batte ausgesprocbene Ab- 
neigung gegen Puppenspiele, liebte Scbneeballwerfen, Raufen mit 
Jungen, batte besonderes Interesse fiir Recbnen und Matbematik, scbon 
auf der Scbule deutlicbe Neigung fiir scbwacbe, zierlicbe, weiblicbe 
Personen. 

Gegenwartiger Zustand: Knocbengeriist nicbt besonders kraftig, 
Becken scbmal, Scbadel breit, Korperkonturen eckig, Knochen treten 
bervor, Oberarm zylindriscb abgeflacbt, Oberschenkel scblank, Hande 
scbmal, robust, lebbafter, mebr mannlicber Handedruck, Muskulatur 
scbwacb, aber fest, Scbritte fest, gravitatiscb, kann pfeifen, unreiner 
Teint, Briiste sebr wenig entwickelt, Hauptbaar scbwacb, Haartracbt 
ungeordnet, leicbter Bartflaum, groBe Ohren, rubiger „beraus- 
fordernder** Blick, mannlicber Gesicbtstypus, laute Spracbe, kann nicbt 
singen, Tone werden in tiefer Alt-, fast BaBstimme berausgebracbt. 
Sie leidet an Scbwindel, Herzklopfen, baufigem Farbenwecbsel, 
unrubigem Scblaf, stebt nacbts oft auf, abmt wabrend des Scblafs 
baufig die Bewegungen des Mannes beim Coitus nacb. 

Gemiitsleben mebr mannlicb, fiir Freude und Scbmerz wenig emp- 
fSnglicb, Familiensinn gering, batte sehnlicbsten Wunscb von Kindem 
frei zu bleiben. Als im Anfang der Ebe die Periode ausblieb, gab sie 
sicb groBte Mube durch fortwabrendes Reiten, Radfabren und Berg- 
steigen dieselbe „wiederzubekommen", was aucb gelang. Sebr beftig, 
erregbar, ebrgeizig, Dbertreibung der Personalitat ; — berrscbsuchtig, 
ausgesprochener Hang zum Wohlleben, sebr starker Trieb zum Vaga- 
bundieren. Elise blieb nie nacbmittags zu Hause, sondern bumm^te 
zwiscben 3 und 8 Ubr durcb die StraBen Berlins. Nacb hauslicben 



Digitized by VjOOQIC 



406 

Szenen bestie^ sie sofort das Had, um tagelang nioht nach Hause zu 
kommen. Geistige Bildimg im allgeineinen oberflachlich, sie studiert 
am liebsten Prozesse, verfaBt selbst Klstgen, mit Begierde las sie Dar- 
wins Werke, sie ist sehr veranlagt fiir Mathematik ; kiinstlerische, 
literarische Neigungen sind kaum vorhanden. Vorliebe fiir Pferde, 
Sport, SchieBen, sie interessiert sich fiir den Techniker- und Seemanns- 
beraf, bevorzugt enganliegende Kleidung, die Schrift wiirde man fiir 
die eines Mannes halten. 

Stets entschiedene Neigung zu Personen desselben Geschlechts, 
Liebestraume bezogen sich ausschliefilich auf weibliche Personen. In 
den Museen und Galerien suchte sie besonders nach „nackten 
Gottinnen". Vor dem normalen Coitus starker Widerwille, sie fiihlte 
sich durchaus unbefriedigt, erklarte schon in den Flitterwochen, sie 
konne nicht begreifen, „was man dabei finden konne", sie verlangte 
von ihrem Manne, daB er nicht incubus, sondern succubus, sie selbst 
aktiv sei. Der geschlechtslose Umgang mit Damen war sehr geniert, 
sie verkehrte ungern mit Frauen der bssseren Gesellschaft. Bel einer 
groBeren Radpartie nach F. nahmen Damen teil, die zuriick pinen 
vVagen benutzten, sie weigerte sich dem Manne gegeniiber energisch, 
mit einzusteigen, „weil sie sich geniere" und fuhr zu seinem VerdruB 
den ganzen Weg mit dem Hade als einzige Dame unter 12 Herren. 
Der sexuelle Verkehr wurde bereits im Elternhaus am liebsten mit 
Dienstmadchen gepflogen. In der Ehe daUerte die Homo- 
sexualitat unverandert fort. Sie nahm besonders kleine, 
zarte Dienstmadchen, die sie bald vollig beherrschte. Der Mann, 
welcher bis zur Ehe iiberhaupt nichts vom Wesen der kontraren Sexu- 
alitat kannte, wurde erst aufmerks^m, als er wiederholt bei unver- 
hofftem Eintreten in seine Wohnung die Frau mit dem Dienstmadchen 
umschlungen oder letztere zu FiiBen der Frau fand. Die Frau hielt 
sich mit Vorliebe im Zimmer des Dienstmadchens auf. SchlieBlich 
setzte sie es durch, daB der Mann das ^emeinsame Schlafzimmer mit 
seiner Frau aufgab. Sie nahm dann bald da^s Dienstmadchen in das 
Schlafzimmer und verweigerte dem Manne jeglichen Eintritt. Die noch 
schwebende Ehescheidung ist erschwert, da das neue biirgerliche Ge- 
setzbuch gegenseitige Abneigung und Einwilligung nicht mehr als 
Scheidungsgrund anerkennt und der Richter kurz und biindig auf mein 
Gutachten erklarte: „Ehebruch einer Frau mit einer Frau gibt es 
nicht.*' 

Unter unsern Fallen finden wir nicht ein einziges Mai 
durcli die Ehe Heilung der Homosexualitat, niir selten Besse- 
rung, fast stets bleibt der Trieb sich gleich. Ein Weinhandler, 
der isich spSter scheiden lieli, berichtet, dali bereits auf der 
Hcchzeitsreise nach Italien die junge Frau sein Interesse fiir 
Manner entdeckte; in einem exorbitanten Fall erfuhren wir, 
dalJ ein Wirt die erste Nacht. nach der Hochzeit statt mit der 
Frau mit seinem im Hause aufgenommenen friiheren Geliebten 
verbrachte. Die Ansicht Molls^^)^ ^^0 die Ehe zum Schwinden 
der Perversion beitragen kann, halte ich fiir falsch. Wir grei- 
fen noch einige konkrete Beispiele heraus. 

In dem Brief e einer Urninde, den Guttzeit^*) veroffentlichte, 
heiBfc es: „Mein Gatte ist ein Ehrenmann, ich schatze ihn um seiner 



12) A. Moll: „Perverse Sexualempfindung, psychische Impotenz 
und Ehe" in „Krankheiten und Ehe", Bd. Ill, p. 677. 
18) H. Rohleder, loc. cit. p. 405. 
1*) Guttzeit, Naturrecht oder Verbrechen, p. 47/48. 



Digitized by VjOOQIC 



406 

vorziiglichen Charaktereigenschaften willen sehr hoch — aber lieben, 
nein, lieben kann ich ihn nicht. Er hatte wahrlich ein besseres 
Los vcrdient, denn er liebt mich wirklich. Nun denn, ich lieB ihn 
wenigstens niemals merken, welche fiirchterliche Qualen mir seine Lieb- 
kosungen verursachten, wie namenlos eland ich mich fiihlte, wenn 
ich ihn am Gipfel seiner Wiinsche sah. Einmal schiitzte ich Migrane, 
ein andermal heftige Zahnschmerzen vor, um mich seiner gliihenden 
Zartlichkeit entziehen zu konnen. Ach, wie gerne hatte ich mir taglich 
einen gesunden Zahn reiBen lassen und, wie Berenike, meine Locken 
geopfert, um mich loszukaufeni .... Nun, der Mensch gewohnt sich 
schiieBlich auch an Daumenschrauben .... Von einem wahrhaft 
schrecklichen Zome, der beinahe an Tobsucht grenzte, wurde ich er- 
faBfc, als sich die ersten Zeichen von Schwangerschaft einstellten. 
Mir da si . . . . Ich turnte und focht fleiBig, nahm eiskalte Bader 
und ignorierte absichtlich meinen skandalosen Zustand. Ich haBte 
das Ungeborene wahrhaftig und schniirte mich, um es zu qualen, so 
stark, Sa^B mir toteniibel wurde. Endlich geschah eine Fehlgeburt." 

Ein verheirateter Urning von hoher geistiger Bildung sendet 
mir folgende beachtenswerte Zeilen: „So siedend heiB das Blut bei dem 
Anblick eines wahrhaft Geliebten stromt, so trage rinnt es in einem 
erzwungenen Bunde. Wehe dem Armen, dem die tausend abstoBenden 
intima eines gemeinsaiaen Schlafraumes, bei denen der Geruch nicht 
die kleinste Kolle spielt, die Augen offnen iiber vorher nicht ge- 
ahnte Einfliisse. Kleine eheliche Verstimmungen werden am besten 
liberwunden, wenn die Macht der allgemeinen Liebe in stiller Stunde 
ihre Triebkraft entfaltet und Koseworte ungesucht auf die Lippen 
treten. Erwarte diese Wirkung nicht bei einerPflicht- 
erfiillung, zu der du dich anstandiger- oder mitlei- 
digerweise wieder einmal nach dem Kalender ent- 
schlieBen muBtest, selten zu Beginn der Nachtruhe, sondernr 
meist erst, wenn du in einem Liebestraum nach deiner Art in der 
notigen Verfassung aufwachst. Sage niemand, das seien frivole Ent- 
hiillungen, nein, es sind zu ernster Warnung aufgedeckte drakonische 
Naturgesetze, die oft das Gliick eines armen betrogenen Weibes zer- 
malmen, ganz abgesehen von dem schon durch ein Leben der Qualen 
miirbe gemachten Mann. Wohl fehlt einer ehrbaren Frau der Ver- 
gleich. aber ein voiles Gliicksgefiihl kann ihr solche Vereinigung 
nicht bringen, und je feinfiihliger sie ist, desto mehr wird sie eine 
ihr, wenn auch noch so heroisch verborgene Lebensuntiefe des ge- 
liebten Mannes ahnen und — leiden. Warnen, auf das Instandigste 
warnen lasse sich jeder Homosexuelle, eine Ehe einzugehen. Es ist 
die lahmendste Unwahrheit und Unwurdigkeit, und da in den meisten 
Fallen aus hundert Riicksichten keine Befreiung moglich ist, im 
Innersten ein tagliches Fegefeuer." Ein Homosexueller, der, um einer 
ihm drohenden Bestrafung zu entgehen, in das Ausland geflohen war, 
wo er eine reiche Frau heiratete, die sich in ihn verliebt hatte — 
er hatte ihr nichts verschwiegen — sagte: „Fiinf Jahre Gefangnis 
batten nicht so schlimm sein konnen als ein Jahr Ehe." 

Ist, wie wir sehen, die Hoffnung, daU die Homosexualitat 
in der Ehe und durch die Ehe schwindet, fast stets eine trii- 
gerische, so ist bei einem weiteren Grunde, welcher viele Ur- 
ningc zur Heirat veranlalit, bei dem Verlangen nach eigehem 
Hausstand die Enttausehung keine so allgemeine. Wie den 
meisten Menschen, so ist auch dem urnischen eine tief innere 
Sehnsucht eingepflanzt, mit einer geliebten Person zusammen> 
zuleben, mit welcher er Freuden und Leiden, Gedanken und 



Digitized by VjOOQIC 



407 

Empfindungen teilen kann. Namentlich wenn die Betreffenden 
alter werden, feste Lebensstellungen errungen haben, in Amt 
und Wurden sind^ macht sich haufig das Geftihl der Verein- 
samung geltend, um so mehr, wenn sie die gleichaltrigen Freunde 
und Genossen einen nach dem anderen ihr Weib heimftihren 
sehen. Es kommt hinzu, dafl viele Urninge einen ausgesproche- 
nen Familiensinn besitzen, voiles Verstandnis ftir das stille, fried- 
lichc Gluck des eignen Herdes. „Es gibt Urninge, die niehts 
sehnlicher wiinschen, als Familiengltick", sagt der selbst iirnisch 
empfindende Arzt van Erkelenz^^). Deshalb glauben Un- 
kundige von ihnen auch vielfach, daU sie ganz besonders 
gnte EhemSnner abgeben wlirden. Ein kontrarsexueller Herr 
schreibt uns: „Der Anbliok glucklich wandelnder Paare, ja, 
das Betrachten eines Bildes, anf welchem brautliches oder Fa- 
miliengliick dargestellt ist, konnte mich oft unter ausbrechen- 
den Tranen in die Einsamkeit jagen.** Bei der Uminde ist 
dieser hausliche Sinn bei weitem nicht so stark entwickelt, vor 
allem ist der elterliche Instinkt bei *xhr gewohnlich' nur in ge- 
ringem Grade vorhanden; sie macht sich niehts aus Kindern, 
doch wird bei ihr der Trieb nach eignem Heim vielfach durch 
den Wunsch ersetzt, versorgt zu sein. Ein Umstand wirkt bei 
beiden glinstig, das Verstandnis, welches der homosexuelle Teil 
oft flir dio Interessen des. anderen durch seine Veranlagung be- 
sitzt, der Urning ftir (die Toiletten, die Ktiche der Frau, die 
Urninde ftir den Beruf des Mannes^ seinen Sport, seine Politik. 
Dieso Interessengemeinschaft ist oft stark genug, ein ortrag-. 
liches Zusammenleben herbeizuftihren, vorausgesetzt, daU der 
normale Teil nicht besonders einnlich veranlagt ist; es bildet 
sich ein freundschaftliches Verhaltnis heraus, wie zwisdhen Ka- 
meraden, zwischen Bruder und Schwester, ein leidenschaftsloses 
Gliick, oft erhellt durch den Glanz, den Kinderaugen liber ein 
Haus auszubreiten vermogen. 

Das Verlangen nach Kindern ist beim Urning etwas groBer 
und haufiger als bei der Urninde. Es entspringt weniger einem in- 
stinktiven Fortpflanzungstriebe als anderen Griinden, so oft einem 
padagogischen Hange, der namentlich vielen virilen Urningen eigen 
ist. Nocb mehr fallt der Wunsch, Nachkommen zu besitzen, beim 
Eingehen einer Ehe fiir den Urning ins Gewicht, wenn er der Geburts- 
oder Geldaristokratie oder gar einem regierenden Hause angehort, so 
dafi die ganze Familie auf den Erben narrt, der die Dynastie, das 
Geschlecht, die bedeutende Firma fortsetzen soil. Nur wenige besitzen 
den Mut, in letzter Stunde zuriickzutreten, wie der kontrarsexuelle 
Ludwig 11. von Bayern gegeniiber der von ihm aufrichtig verehrten 
Braut Herzogin Sophie in Bayern, der spateren Alengon. Nicht selten 



1*) V. E r k e I e n z ; Strafgesetz u. widernaturljchc Unzucht, Ber- 
lin, p. n. 



Digitized by VjOOQIC 



408 

eind dagegen bei diesen konventiouellen Ehen die Falle von „ratsel- 
haftem" Selbstmord am Tage vor oder.nach der Hochzeit. Viele Homo- 
sexuelle glaubten aus Reprasentationsgrunden heiraten zu miissen, 
weil sic fur ihre gesellschaftliche Stellung, oder fiir ihr Geschaft eine 
Frau „brauchteii". 

In nocli hoherem MaBe sind praktische Gesichtspunkte bei den- 
jenigen Umingen maBgebena, — und es gibt deren mehr als genng — , 
welcbc um der Mitgift willen heiraten. Wiederholt haben uns Homo- 
sexuelle mitgeteilt, sie wiirden keine Ehe eingegangen sein, wenn 
sie nicht gezwungen gewesen waren, standesgemaB aufzutreten oder 
ihre Schulden zu decken, „sich zu arrangieren*', wie der terminus tech- 
nicus lautet. In ahnlicher Weise lassen sich auch Urninden durch 
Bang und Titel des Bewerbers bestimmen, der Stimme ihres Herzens 
entgegen zu handeln. GewiB ist es oft schwer, standhaft zu bleiben, 
wenn die Vermittler mit den „glanzenden Vorschlagen" kommen, allein, 
sind diese materiellen Griinde bei den Heterosexuellen schon nicht zu 
billigen, so stellen sie bei den homosexuell Empfindenden ein groBes 
Unrecht dar. Kiirzlich wurde mir eine Urninde zur Behandlung ge- 
bracht, deren Mutter erklart hatte, sich ein Leid antun zu wollen, 
wenn ihre Tochter nicht von ihrer abnormen Frauenfreundschaft und 
Mannerfeindschaft ablassen wiirde. 

Einige Urninge geben als Grund an, sie hatten geheiratet, um 
nicht fiir homosexuell gehalten zu werden, ein sonderbarer Grund, 
aber verstandlich, wenn man die Auffassung bedenkt, welche die offent- 
liche Meinung noch heute vielfach dem urnischen Phanomen gegen- 
iiber einnimmt. Namentlich in kleinen Stadten kommen altere J u n g - 
gesellen, welche viel mit jungen Leuten verkehren und etwas 
„Mamselliges" an sich haben, leicht in den Verdacht, „Paderasten" 
zu sein. 

Unter 1000 von mir nacheinander beobachteten Urningen 
waren 854 = 84o/o unverheiratet,. 146^^ I60/0 verheiratet. Von 
diesen gab etwa die Halfte an, sie hatten sich aus sozialen 
Griinden, Geschaftsrucksichten, dem Wunsch, ein bequemes Heim 
zu haben oder auf Bitten der Eltern verelielicht, ein Viertel be- 
zeichnet als Ursache ,,Hoffnung auf Heilung der homosexuellen 
Veranlagung'*, die iibrigen „Mangel an Aufklarung" oder 
„kameradsehaftliche Zuneigung". 

AUe Griinde, welche die Homosexuellen zur Heirat ver- 
anlassen, entsprechen dem Zweck der Ehe nur insofern, als 
diesc eino tvirtschaftliche Verbindung darstellt etwa im Sinne 
des AUgemeinen preuBischen Landrechts, welches den Satz ent- 
hielt : „auch zur wechselseitigen Unterstiitzung allein kann eine 
Ehe geschlossen werden" ; sie entsprechen aber nicht dem 
natiirlichen Grunde, auf welchen diese wirtschaftliche Ver- 
einigung sich sttitzen muli. Mit vollstem Recht sagt Paul 
Mongre in seinem Buche „Aus der Landschaft Zarathustras" : 
„reine Konvenienzheirat ist Stinde gegen die Natur, ist wider- 
natlirlich. Wie sich die Elemente im Alltagszustande nicht ver- 
binden, sondern nur unter erhohtem Druck, erhohter Tempe- 
ratur, so bedarf auch die eheliche Verbindung einer gewissen 
Erotik". 



Digitized by VjOOQIC 



409 

Die urnische Louise Michel schreibt: „Ceux qui m'avaient de- 
mand^e en mariage m'auraient 6t6 aus'si chers comme fr^res que je 
les trouvais impossibles comme maris ; dire pourquoi, je n'en sais 
vraiment rien. . . . j'ai tou jours regard^ comme une prostitution toute 
union sans amour." Ein anderes Mai ruft sie aus: „Je n'ai pas voulu 
§tre le polage de Thomme." 

Fiir die Homosexuellen gelten in ganz besonderem MaBe die Worte, 
welche Mantegazza in der Physiologie der Liebe im Kapitel iiber 
„die eheliche Pflicht" im allgemeinen ausspricht: „Es gibt wohl 
keine groCere Tortur als die, welche ein menschliches Wesen zwingt, 
sich die Liebkosungen einer ungeliebten Person gefallen zu lassen." 
Was dem einen zur Lust ist, ist dem andeten zur Last. Welche pein- 
lichen, oft verzweifelten Situationen entstehen, wenn der uruische Teil 
nichfc die geringste Neigung zum Geschlechtsverkehr hat, wahrend 
der andere sich danach sehnt, bedarf nicht naherer Ausfiihrung. 
Wohl laBt auch in den Ehen Normalsexueller die gegenseitige An- 
ziehung oft viel zu wiinschen ubrig, aber nie ist doch der seelische 
und geschlechtliche Unterschied zwischen den Ehegatten in diesen 
ein so groBer wie in Urnings-Ehen. 

Aus einem unbastimmten SchuIdbewuBtsein heraus gibt sich 
der urnische Teil vielfach Mtihe, dem anderen Liebe und Zu- 
neigung zu bekunden, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist, 
aber instinktiv fiihlt doch der eine, wenn ihm auch die anor- 
malen Neigungen des anderen unbekannt sind, dieses heraus 
und klagt liber Nichtverstandensein, Vernachlassigung und 
Kalte. Es fehlt eben die wechselseitige Durchdringung der 
zwei, welche nach Kant erst das ganze Menschenwesen bilden. 
Namentlich das normale Weib mag in der Liebe nichts Halbes, 
wer sie nicht stark und machtig umfangt, wird von ihr nicht 
geachtet. Aus der Gleiphgiiltigkeit entsteht die Langeweile, aus 
Langeweile innere Entfremdung, wenn nicht gar Hali. 

Der Homosexuelle bringt aber noch die Gefahr eines die Ehefrau 
in Mitleidenschaft ziehenden Skandals mit in die Ehe. Der Hoch- 
zeitstag bietet der homosexuellen Leidenschaft und ihrer Betatigung 
fast niemals Halt. Legt der Urning sich Schranken auf, so tragt er 
stets ein unbefriedigtes Gefiihl mit sich herum, folgt er seinem Triebe, 
so kann er nicht nur sich und seine Angehorigen, sondem auch seine 
Frau und deren Familie in groCte soziale Unannehmlichkeiten stiirzen. 
Aus diesem qualvollen Konflikt entspringen oft die traurigsten Fol- 
gen. Friiher oder spater erreichen in den meisten Ehen Geriichte 
vom homosexuellen Verkehr des Mannes die Ohren des Weibes. Oft 
sind €S Chanteure, die unter Hindeutung auf den § 176 RStrGB. 
die Frau angstigen. 

In einer Novelle ^^) des Decamerone erzahlt Boccaccio; „Pietro 
Vinci ola, der „die Frauen so gern hat als Hunde die Priigel", iiber- 
rascht seine Frau, die, um sich fiir die Vernachlassigungen, die sie 
von ihrem Manne erleidet, schadlos zu halten, einen jungen JBurschen 
eingeladen hat. Er verzeiht seiner Frau, begliickt, den Burschen, 
auf den er schon langst ein Auge geworfen hat, bei sich behalten 
zu konnen. Die Frau entschuldigt ihren Ehebruch f olgendermaCen : 
„rch handle bloB gegen die Gesetze, mein Mann handelt gegen die 



^^) Nummer 10 des fiinften Tages. 



Digitized by VjOOQIC 



410 

G^setze und gegen die Natur." „Wenn er wuBte, dafl ich ein Weib 
war, warum nahm er mich zur Frau, wenn die Weiber ihm zuwider 
waren." Heterosexuelle Manner, die homosexuelle 
Frauen heiraten, sind nioht weniger iibel daran. Im 
Dezember 1905 schoB in Berlin der Artist B. auf die homosexuelle Frau 
Sch. und verletzte sie schwer. Wegen ihrer Neigungen b^reits von 
zwei Mannern geschieden, wohnte diese seit zwei Jahren bei dem 
Artistenpaar. Ein inniges Freundschafts verbal tnis hatte sicb zwiscben 
ibr und Frau B. entwickelt und alle Bemiihungen des Gatten, der 
Freundin seiner Frau die Tiire zu weisen, waren an dem Widerstand 
der Gattin gescbeitert. Als eines Tages Frau Scb. die B. zu bewegen 
wuBte, eine Gesellscbaft vorzeitig zu verlassen und sicb mit ibr nacb 
der Wohnung zu begeben, bescbloB B., ein Ende zu macben, er stiirmte 
nacb seiner Bebausung, und driickte aus unmittelbarer Nabe den 
Revolver auf die Zerstorerin seines Ebegliickes ab. Abnlicbe, wenn 
aucb nicbfc so blutige Eifersucbtstragodien hatte icb wiederbolt kennen 
zu lerneu Geleg^nbeit. 

Ein sehr wichtiger Faktor f iir eheliches Gltick sind Kinder, 
deren Pflege, Erziehung und Versorgung fortgesetzte Ablenkung 
und Beschaftigung bringen. Besitzen Urninge die potentia 
coeundi, so pflegt auch die potentia generandi vorhanden zu 
sein. In Ehen mit urnischen Frauen beobachteten wir haufiger 
Kinderlosigkeit, als in Ehen homosexueller Manner mit nor- 
malen Frauen. Fehlen Kinder, so fehlt das starkste Bindeglied 
zwiscben den Ehegatten. Die normal empfindende kinderlose 
Frau ist zudem in ihrem unerftillten Sehnen den Andeutungen 
gefalliger Zutrager leichter zuganglich, sie griibelt mehr, und 
bei ibr ist die Wahrscheinlichkeit groBer, dalJ sie von dritter 
Seite iiber die wahre Natur ihres Mannes aufgeklart sicb in 
Zorn von ihm wendet. 

Und doch ist es schwer zu entscheiden, ob in Urnings- 
ehen der Besitz oder der Mangel von Nachkommen das 
wiinschenswertere ist. Ganz abgesehen davon, daU auch die Sohne 
und Tochter von dem Skandal betroffen werden konnen, mit 
welchem der homosexuelle Vater stets zu rechnen hat, sind 
bier die Gesetze der Vererbung sehr zu beriicksichtigen. 
Denn nicht gering ist die Wahrscheinlichkeit, daU von CTrningen 
und Urninden Kinder und Enkel stammen, welche ein ahn- 
liches Schicksal mit auf die Welt bringen, als ihre Vorfahren 
tragen muBten. Und sind die Nachkommen auch niicht selbst 
homosexuell, so sind sie doch stets hereditar belastet. 

Ein Urning scbreibt mir: „Bei meinem Sohne bemerkte icb einmal, 
daB er nur den Vater kiissen woUte, aber nie Frauen. Icb erscbrak 
und macbte mir die bittersten Vorwiirfe, daB icb Kinder zeugte. Lieber 
will icb mein Kind tot wissen, als den Qualen ausgesetzt, wie icb sie 
erdulden muBte und vielleicbt noch weiter erleiden werde. Meine Ebe 
war mein Verderben. Hatte icb den Naturtrieb gekannt, so wie heute, 
nie hatte icb eine Ebe gescblossen. Icb bin dadurch ein vor der Zeit 
alter Mann geworden, doch obne Scbuld." 



Digitized by VjOOQIC 



411 

Soviel steht fest: wiirde die normale Ehehftlfte vorher liber 
die HomosexualitUt der anderen aufgeklart sein, wSren ihr die 
wahrscheinlichen oder auch nur moglichen Folgen dieser Ver- 
anlagung b^kannt, sie wiirde wohl in den meisten Fallen ver- 
zichtet haben. Der urnische Teil gibt dem anderen nicht, was 
er erwartet und worauf er Anspruch hat. Es ist nicht zuviel 
gesagt, wenn wir behaupten, der liber sich selbst unterrichtete 
Uming, der, ohne sich als solcher zu erlcennen zu geben, zur 
ehelichen Lebensgemednschaft schreitet, macht sich des Be- 
triiges schuldig. In verstarktem MaBe gilt das gegenwartig, 
wo nach dem neuen Blirgerlichen Gesetzbuche die Ehescheidung 
auf Grund uniiberwindlicher Abneigung nicht mehr zulassig ist. 
BloBe Andeutungen, man mache sich nichts aus dem sexuellen 
Verkehr, man betrachte die Ehe nur als ^egenseitige Untecr- 
stlitzung, genligen nicht, sie werden meist nicht verstanden. 
Uns sind mehrere Falle bekannt, in denen sich spater die 
Manner darauf beriefen, sie hatten ja den Frauen vorfxor 
Hinweise gegeben, wahrend in Wirklichkeit die Frauen keine 
Ahnung des twahren Sachverhalts hatten. 

Immerhin wird es Frauen geben, die sich entschlieBen, 
auch einem nidht normal empfindenden Manne die Hand zum 
Lebensbunde zu reichen, vor allem solche, bei denen geschlecht- 
liche Wiinsche nicht oder nur in sehr geringem Grade hervor- 
treten. Doch kommen hier sehr starke Selbsttauschungen vor. 
Mir ist mehr als ein Fall bekannt, in dem das Madchen ihre 
Zuneigung vor der Hochzeit fur eine rein kameradschaftliche 
hielt, um nur zu bald unter furohtbaren Eifersuchtsqualen gewahr 
zu werden, wie sehr sie sich liber den Charakter ihrer Sehn- 
sucht geirrt habe. 

Besonders ist mir die Gattin eines polnischen Gutsbesitzers in 
der Erinnerung, eine sehr sympathische, edle Frau, die nach Berlin 
gekommen war, fest entschlossen, sich zur Beseitigung ihres Ge- 
schlechtstriebes kastrieren zu lassen. Sie hatte einen Mann kennen 
gelernt, dem sie bei naherer Bekanntschaft mitteilte, daB sie ohne 
geschlechtliche Empfindungen sei, jede korperliche Annaherung einer 
mannlichen Person sei ihr im hochsten Grade zuwider. Der Mann 
hatte ihr darauf seine homosexuelle Veranlagung gestanden und beide 
waren aus praktischen Griinden iibereingekominen, eine kameradscliaft- 
liche Ehe einzugehen. 

Nach etwa halbjahrigem Zusammensein verliebte sich die Frau 
sehr wider Willen aber doch in ihren Mann, sie war auCerordentlich 
eifersiichtig auf seine Freunde, fiihlte sich sehr deprimiert und tief 
ungliicklich, und da sie die Versuche ihres Mannes, nun mifc ihr doch 
zu verkehren, als fiir sie entwiirdigend empfand, sah sie den einzigen 
Ausweg in der Kastration, in der Meinung, im Verbal tnis mit ihrem 
Gatteu so die sexuellen Regungen und Aufregungen ausschalten zu 
konnen. Als ich ihr diesen Glauben nahm, war sie erst sehr verzweifelt 
und nur mit groBer Miihe gelang es mir, durch eine lang fortgesetzte 



Digitized by VjOOQIC 



412 

psychische Kur sie so weit zu bring'en, daB sie zu ihrem Manne 211- 
ruckkehrte, mit dem sie seitdem leidlich zufrieden zusammen lebt. 

Vielfach ist auch namentlich in den letzten Jahren, seit 
sich das Wissen liber mannliche und weibliche Homosexuali- 
tat mehr und mehr verbreitet hat, unter den Beteiligten die 
Meinung aufgetreten, daS es aus verschiedenen Griinden das 
praktisch Vorteilhafteste sei, wenn Uranier Uranierinnen 
heiraten. Schon um den vielen, oft so taktlosen Fragen der 
Angehorigen und Bekannten, warum man denn eigentlich nicht 
heirate, aus dem Wege zu gehen, sind wiederholt homosexuelle 
Manner und Frauen iibereingekommen, solche Vereinigungen zu 
3chlieBen, in denen ja, wie man sich das vorher so schon 
ausmalte und ausmachte, jeder mdglichst ungestort seiner eigenen 
Geschmacksrichtung wtirde folgen konnen. In einem Falle, den 
idi kenne, ging eine Uranierin eine solche Ehe ein, um ^in 
Familiengut in ihren Besitz zu bringen, auf das sie bei Ver- 
ehlichung Anspruch hatte. Im ganzen sind mir 14 Ehen 
zwischen Homosexuellen beiderlei Geschlechts bekannt geworden. 
Fast stets zeigte sich, daB die theoretischen Voraussetzungen 
in der Praxis nicht standhielten. Unter den 14 Ehepaaren ge- 
langten 3 alsbald wieder zur Scheidung, 4 leben getrennt, 
und audi die librigen bereuen mit Ausnahme von 2 Paar^n 
den Schritt, der ihnen vorher so zweckmafiig erschien. 

Verh§ltnismttBig noch die gunstigste Eheprognose etellen 
bisexuelle Mftnner und Frauen, wobei es ailerdings nicht sowohl 
auf eine nach beiden Seiten mogliche Potenz als vielmehr auf 
eine nach beiden Eichtungen vorhandene libido ankommt. 

DaB Pseudohomosexuelle, also normalsexuelle Manner und 
Frauen, die gelegentlich gleichgeschlechtlich verkehrten, heiraten 
durfen, ist klar, da praktisch der nicht entsprechende Verkehr 
lediglich die Bedeutung einer vor der Ehe vorgekommeneli 
Masturbation hat und so wenig wie diese einer EheschlieBung 
entgegensteht. 

Pur den echten Homosexuellen aber ist in den weitaus 
meisten Fallen, wie Fere^*^) sich einmal ausdriickt, „die Ehe 
eine Holle". Das Gleiche gilt auch fiir die homosexuelle Frau. 
Schon Mantegazz a^®) wies darauf hin, daB so manche Ehe, 
die ungliicklich sei, ohne daB man wisse, warum, es infolge 
der Horaosexualitat der Frau geworden sei. 



1') Charles F6re: La castration centre rinversion sexuelle. 
Revue de chirurgie 1905. 

i«) Zit. bei A. Moll: Die kontrare Sexualempfindung 1899, ohne 
Quelienangabe. p. 563. 



Digitized by VjOOQIC 



413 

Es ist nach allem schwer zu verstehen, daU ein Mann wie 
Schrenck-Notzing so energisch den Homosexuellen die Ehe- 
achlieBung empf iehlt, und wir miissen vollkommen Rohleder bei- 
pflichten, wenn er dfemgegeniiber bemerkt ^») : 

„IcL halte diesen Rat nach alle dem Vorausgegangenen fiir ganz 
und gar verfehlt und kann alle KoUegen nicht dringend ^enug da- 
vor warneni Die Folgen eines derartigen Rates sind uniibersehbar 
und fallen sehr schwer auf den betreffenden Arzt zuriick." Noch 
viel scharfer driickt sich For el aus, der in seinem Werke: ,,Die 
sexuelle Frage", S. 251, von der Ehe der Urninge sagt: „Das ist der 

ETartigste Unsinn und zugleich die s c h 1 i m m s t e Tat, die sie 
(hen konnen, denn ihre Frauen fiihren ein Marterleben, indem sie 
sehr bald betrogen, verachtet und verlassen fiihlen. . . . Seiche 
Ehen endigen mit tiefster Zerriittung oder Ehescheidung, und sie 
wissentlich zu fordern, ist geradezu verbrecherisch. 
Dagegen, und nicht durch Bestrafung urningischer Liebesverhaltnisse 
zwiscnen erwachsenen Mannern sollte das Gesetz Vorkehrungen tref- 
fen.**, und Seite 431 : „Fniher, als man die Homosexualitat der Urninge 
ftir ein erworbenes Laster hielt, suchte man sie mit Heirat zu kurieren. 
Heute noch kommt diese soziale Ungeheueriichkeit vor und wird 
selbst noch von unwissenden Arzten empfohlen. — Ihre Frau spielt 
dann die RoUe einer B^ushalterin oder Hauptmagd, die als Neben- 
beschaf tigung geleeentlich ein paar Kinder aui die Welt setzt. N i e - 
mals dart sich ein eventuell zugezogener Arzt zum 
Mitschuldigen an einer solchen Ehe machen. Forel 
meint sogar, dafi der Arzt die Pfllcht habe, „dem Urning mit Anzeige 
an seine Braut zu drohen, falls er die Missetat wirklich voUbringen 
will," — ein Rat, den allerdings schwerlich ein Arzt befolgen wird, 
da es eine Verletzung seines Berufsgeheimnisses bedeuten wiirde. 

Selbst V. Notthafft^o) erklart es fiir „ganz unzulassig, einen 
timing, um ihn zu kurieren, einfach einer begehrenden jungen Frau 
an deu Hals zu hangen. Das ist ein groBes Unrecht sowonl gegen 
den kranken Mann, als gegen die gesunde Frau." Und Otto d e 
J o u X 21) bemerkt : 

„Auf alle Falle bleibt die Urningsehe eine Ungeheueriichkeit, ein 
ebenso gefahrliches als verderbliches Hazardspiel, ja, sie ist oft ein 
Verbrechen." 

GewiU liegt in dem Verzicht auf eheliches Gltick eine der 
grdiJten Entsagungen, welche einem Menschen auferlegt werden 
kann, aber zur Unf ruchtbarkeit ist man damit nicht verurteilt. 
Unter den GrolJten aller Zeiten gab es seiche, die nictt Menschen 
der Ehe waren und sich vielleicht gerade darum leichter frei 
von vielen Rucksichten und Lasten zu dem, was sie waren, ent- 
wickelten. Kann der Homosexuelle auch nicht leibliche, so 
kann er doch auf alien Gebieten menschlichen Fortschritte 
geistigc Prtichte hinterlassen ; viele taten es, und jedes strebe 
danach, im Kleinen oder GroBen jeglicher nach seiner Kraft 
Hnd einen Vorzug hat der unverheiratete Urning vor den ver- 
heirateten, dafi er wenigstens abends in seinen vier Wanden 

w) H. Rohleder, loc. cit. p. 410. 

«o) Cf. KoiJmann und WeiJ3, „Mann und Weib" 1908, II. Bd. 
p; 539. 

*i) O. de Joux, Die Hellenische Liebe p. 95. 



Digitized by VjOOQIC 



414 

die Maske der Heuchelei ablegen kann, welche der Tag ihm 
aufzwingt, er hat nicht zu fiirchten, daii die Seufzer, die eich 
seiner Brust entringen, jemanden verletzen. 

Was hier von der Ehe Homosexueller gesagt ist, gilt im 
wesentlichen auch vom auBerehelichen Geschlechtsverkehr, tiber 
den Schrenck-Notzing auBert : „ein geregelter Geschlechts- 
verkehr mit dem Weibe erscheint uns auch da zweckmaBig, 
wo die Triebrichtung und die Effeminatio oder sonstige Perver- 
sionen noch in voUem Umfange bestehen". Urn den Abscheu zu 
iiberwinden, rfit er den Alkohol zu Hilfe zu nehmen. 

Eine tausendfaltige Erfahrung beweist, daB von einer ge- 
wohnheitsmafligen Anzlichtung heterosexuellen Verkehrs bei 
homosexuellen Personen keine Rede sein kann. Hat doch der 
groflere Teil der Homosexuellen, ohne den Arzt zu fragen, solche 
Versuche mit negativem Erfolge unternommen. 

Mo 11^2) trifft hier das Richtige, wenn er in bezug auf 
diese den Homosexuellen empfohlene „Bordelltherapie'* sagt: 
„In Wirklichkeit ist ein solcher Rat ungefahr dasselbe, wie wenn 
man einem normal ftihlenden Manne sagen wtirde, er solle den 
Geschlechtsakt mit dem Manne ausftihren und nicht mit dem 
Weibe/' 

Cbrigens ist es durchaus kein vereinzeltes Vorkommnis, 
daB Homosexuelle in Befolgung des ihnen von Arzten ge- 
gebenen Rates schwere venerische Krankheiten akquirierten. 
Sie infizieren sich bei ihren Kohabitationsversuchen offenbar 
um so eher, well ihnen dem Weibe gegenliber die erforderliche 
Erfahrung und Aufmerksamkeit mangelt. Welcher gewissenhafte 
Arzt mochte wohl die Verantwortung iibernehmen, durch ein 
Heilmittel, das in Wirklichkeit keines ist, einem Patienten 
die Syphilis indirekt verursacht zu haben. Vor einigen Jahren 
fragte einmal ein dsterreichischer Homosexueller, dem dieses 
Ungltick passiert war, bei mir an, ob er den Arzt daflir haft- 
pflichtig machen dlirfe^"*). Noch bedenklicher ist naturlich die 
Verordnung heterosexuellen Verkehrs einem homosexuellen Weibe 
gegenuber. Hier gesellt sich zu alien tibrigen Bedenken noch 
die Moglichkeit unehelicher Schwangerung. 

**^ A. Moll: Die kontrare Sexualempfindung, 1899, p. 463. 

^^) Vgl. Amtsgerichtsrat Dr. Eugen Wilhelm, „Die rechtliche 
Beurteilung des arztlichen Rates zum illegitimen Geschlechtsverkehr". 
In „JSexuaT-Pi'obleine", Septemberheft 1912. 



Digitized by VjOOQIC 



ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL. 

Uber medikament&se, hygienische, operative und psychische 
Behandlung der mannlichen und weiblichen Homosxualitftt. 

Da Homosexuelle, welche Arzte konsultieren, vielfach die 
uegatiye Seite ihres Zustandes, die Impotenz dem Weibe gegen- 
tiber, mehr betonen als die positive Hinneigung zum Manne, 
manchmal sogar diese ganz verschweigen und sich einfach als 
psychisch Impotente ausgeben, kommt es nicht selten vor, daB 
ihnen potenzsteigernde Medikamente verordnet werden. Die 
Hoffnung, durch sogenannte Aphrodisiaka eine auf das andere 
Geschlecht gerichtete Erregbarkeit hervorzurufen, erweist Bich 
fast immer als trtigerisch, da die stimulierende Wirkung der 
betreffenden Reizmittel sicji meist nur in der von der Natur 
gegebenen sexuellen Triebrichtung bewegt und keine Anderung 
derselben erzielen kann. SoUte wirklich einmal ein voruber- 
gehender, ktinsUich hervorgerufener geschlechtlicher Beizzustand, 
eine Art Priapismus, zu der geflihlsfremden BetStigung mit 
einer andersgeschlechtlichen Person ftihren, so ruft die danach 
zurtickbleibende Leere, das Geftihl nicht erreichter seelischer 
Befriedigung und Entspannung gewohnlich ein gesteigertes Be- 
diirfnis nach dem der individuellen Triebrichtung entsprechen- 
den Geschlechtsverkehr hervor, so dalJ also sowohl auf direktem 
als indirektem Wege durch derartige Stimulantien nur eine 
Steigerung der originHren homosexuellen Triebrichtung bewirkt, 
keineswegs aber ein nicht oder im Verba Itnis zu dem homo- 
sexuellen nur minimal vorhandenes heterosexuelles Geschlechts- 
empfinden geweckt wird. 

Es ist dabei natiirlich im Prinzip gleichgiiltig, ob diese Beiz- 

5i anorganischer oder organischer Natur, ob sie tierische oder 

flanzliche Produkte sind, ob sie innerlich eingenommen oder auBer- 



mittel anorganischer oder organischer Natur, ob sie tierische oder 
pflanzliche Produkte sind, ob sie innerlich eingenommen oder auBer- 
lich in Form von Linimenten und Salben appliziert werden. In alterer 



Zeit bevorzugte man mehr die animalischen Stoffe, wie Moschus und 
Eanthariden, in neuerer die dem Pflanzenreich entstammenden Yo- 
himbiu und Muriacithin. Eine gewisse Rolle in der Geschichte der 



Digitized by VjOOQIC 



416 

Homosexualitat spielten derartige Aphrodisiaka dadurch, dafi der un- 
gliickliche Schweizer Anwalt Desgouttes, dessen furchtbare Liebes- 
tragodie H 6 B 1 i die Anregung zu seinem „Eros" bot, durch den Ge- 
nuJj solcher Mittel, namentlich Alkohol, Zimmt und Kantharidin, seine 
eigene Potenz steigern und, indem er sie seinem heiBgelieblen, vollig 
heterosexuellen Freunde Daniel Hemmler beibrachte, dessen Er- 
regung wachrufen wollte. Auch hier reagierte der Heterosexuelle 
naturgemaB nicht in der ihm nicht entsprechenden homos ex uellen 
Triebrichtung, wahrend Desgouttes' homosexuelle Verliebtheit sich 
bis zur Satyriasis steigerte, die, durch die Gleichgiiltigkeit des Ge- 
liebteu zur Baserei geschiirt, ihn schlieBlich zum Lustmord trieb. 

Eine andere Gruppe von Mitteln, die therapeutisch zur 
Anregung des spezifischen sexuellen Empfindens in Betracht 
kommen, stiitzt sich auf eine etwas logischere Erwagung. Es 
handelt sich urn Praparate aus den Drtisen des soge- 
nannten innersekretorischen Systems, die durch Absonderung 
bestimmter Stoffe die Korper zu bestimmten organischen Funk- 
tionen anregen, unter denen die chemische Speisung spezifischer 
Sexualitfitscharaktere eine hervorragende Stellung einnimmt. 
Theoretisch erscheint es nun einleuchtend, dafi man dadurch, 
dalJ man die normalweiblichen Sexualhormone in Gestalt von 
Eierstocksubstanz dem Korper einer homosexuellen Frau zu- 
ftihrt, in ihr eine Stoffwechselanderung im Sinne eines normal - 
weiblichen Sexualchemismus anregen und damit auch ihre sexu- 
ellen Neigungen in diesem Sinne beeinflussen konnte. Ein ana- 
loger Erfolg wiirde sich beim homosexuellen Manne durch Dar- 
reichung normalgeschlechtlicher Hodensubstanz erzielen lassen. 
Es kamen Substanzen in Frage, die etwa den von mir als Andrin 
und Gynaein bezeichneten Stoffen entsprechen wiirdeni). Nun 
sind aber die innersekretorischen Zusammenhange noch so 
dunkel und liegen so kompliziert, wahrend hingegen die indi- 
viduellen Eigenttimlichkeiten und Abhangigkeiten so deter- 
miniert erscheinen, dafi wir auch den praktischen Erfolgen 
dieser Therapie aufierst skeptisch gegenilberstehen. Ganz be- 
sonders wiirde dies bei Darreichung solcher Praparate per 
s der Fall sein, da ihre Verarbeitung im Verdauungskanal, und 
die Frage der Entfaltung ihrer spezifischen Wirksamkeit da- 
Relbst durchaus noch nicht geklart ist. 

Ein wenig bessere Aussicht fiir eine wirkliche Einschaltung der 
sekretorischen Stoffe in den Stoffwechsel bote nach den von S t e i - 
n a c h und anderen vorgenommenen Tierversuchen die operative Trans- 
plantation der betreffenden Gewebe in den Korper der in Frage kom- 
menden Personen, doch diirfte schwerlich durch die Homosexualitat 
eine Indikation hierzu gegeben sein. 

Selbst die Bluttransfusion wurde, als sie Mode war, Urnin- 
gen anempfohlen. Homosexuelle sollten sich das Blut Heterosexu- 



^) M. Hirschfeld: Naturgesetze der Liebe, p. 179, 182. 



Digitized by VjOOQIC 



417 

eller eingieUen lasseu. Als sich Ulrichs*) 1869 in Wiirzburg auf- 
hielt, sprach ihm sogar ein dort Medizin studierender Amerikaner, „dem 
es mit der wissenschaftlichen. Forschung ernst war", personlich den 
Wunsch aus, durch Bluttransfusion, und zwar durch Transfusion des 
BJuies von Ulrichs „einmal auf etwa 14 Tage zum Urning um^ewandelt 
zu werden, um wahrend soldier Zeit an sich selbst Studien iiber 
Uranismus machen zu konnen." 

Nicht nur potenzsteigernde, sondern auch p o t e n z - 
heiabsetzende Mittel sind bei der Therapie der Homo- 
sexualit^t in Betracht gezogen worden, um die fiir den Trager 
baufig so bedenklichen und gefahrlichen Folgen einer Betatigung 
seiner Veranlagung zu mindern. Man hat dabei vielfach be- 
bauptet, dafi bei den Homosexuellen, abgesehen von der ab- 
w^ichenden Triebrichtung, auch eine grollere gesehlechtliche 
Eeizbarkeit und Bedlirftigkeit vorliege als bei den Normal- 
geschlechtlichen. An sich scheint mir das nicht der Fall zu 
sein; doch wickelt sich das Sexualleben der Homosexuellen jge- 
wohnlich nicht in so geregslten Normen und Bahnen ab, wie das 
des heterosexuelien Mannes oder Weibes, so daU dadurch nicht 
selten eine etarkere sexuelle Unruhe bedingt wird. 

Von den beruhigenden und reizabschwachenden Mitteln kommen 
in erster Linie die vielfachen Brompraparate in Betracht, die in- 
dessen in ihrer fortgesetzten Anwendune, so wie sie erforderlich 
ware, um tatsachlich einen nachhaltig abschwachenden EinfluB auf 
die sexuelle Erregbarkeit auszuiiben, so erhebliche Nebenwirkungen 
fiir den nervosen Gesamt organism us bedingen wiirden, dafi ihre Ver- 
wendung zur Unterdriickung der Homosexualitat als solcher nicht 
empfohlen werden kann. Zweckentsprechender wlirde es sein, durch 
Steigerung der nervosen Widerstandsfahigkeit und der natiirlichen 
Hemmungen eine bessere Beherrschbarkeit sexueller Antriebe zu er- 
streben. Von Medikamenten kamen in dieser Hinsicht vor allem 
die zahlreichen neueren Baldrianpraparate, wie Validol, Valyl, Valysan, 
Bornyval, Adamon usw. in Betracht. Ihre kaum zweifelhafte giinstige 
Wirkung in Einzelfallen diirfte sich aber mehr durch allgemeine, 
als durch spezifische Wirkungen erklaren lassen. 

AUes in allem werden Medikamente bei der Behandlung 
der Homosexualitat nur gelegentlich zur Bekampfung sekundarer 
Erscheinungen in Frage kommen. Fiir die Beseiticrunef oder 
gar fiir eine „Umziichtun^" des Triebes sind die Aphrodisiaka 
ebenso belanglos wie die Antiaphrodisiaka. 

Ware es moglich, durch ein Mittel den Geschlechtstrieb des 
Homosexuellen zum Schweigen zu bringen, so wlirde jedenfalls 
die Umziichtung eines Homosexuellen in einen Asexuellen seiner 
immer doch nur fragwiirdigen Umwandlung in einen Hetero- 
sexuelien vorzuziehen sein. Bemerkenswert sind in dieser Bich- 
tung die Worte, mit denen Krafft-Ebing das Kapitel der 



2) Ulrichs, Formatrix. p. 16 Argonaut icus p. 83. 
Hirschfeld, Homosexualiiat. 27 



Digitized by VjOOQIC 



418 

Therapie der kontraren Sexualempfindung in seiner Psycho- 
pathia sexu8,lis schlieBt^) : 

„Oft genug ist tibrigens der Kontrarsexuale schon zufrieden, 
wenn er bloiJ sexual neutralisiert werden kann. Hier dient die 
Kunst dann dem Individuum und zugleieh der Gesamtheit.** 

Unter denen, die sich mit besonderer Scharfe gegen die Um- 
wandlung des homosexuellen Triebes in dea heterosexuellen ausge- 
sprocben haben, miissen vor allem Raffalovich und Grabowsky 
genannt werden. 

Marc Andr6 Raffalovich schreibt *) : 

„D€r Kontrare, der es mit der Heterosexualitat .versucht, wird 
ebenso sittenlos werden, wie der gescblechtlich normale Menach, der 
es mit der Homosexualitat probiert." Seine Gegenvorschlage spricht 
er wie folgt aus:^) „Hat man einen Kontraren mit ernstem Streben 
vor sich, so soUte man doch lieber versuchen, ihn zu beschaftigen, zu 
interessieren, ihm Ziele zu zeigen, die er durch Energie erreichen 
kann, anstatt einen Madchenjager aus ihm zu machen, der spater der 
ungliickliche Gatte einer wenig gliicklichen Frau und der Vater von 
Kiudern wird, die ebenso viel oder noch mehr als er selbst leiden 
werden**, und schon fniher meint er«): „Wenn wir uns Miihe geben, 
das urnische Kind herauszufinden, es zu vervollkommnen und zu 
verbessern, wenn wir es ihm erleichtern, enthaltsam, keusch, ernst 
und pflichttreu zu werden, so sehen wir eine neue Gruppe von Men- 
schen entstehen, die zum Zolibat, zur Arbeit und zur Religion 
geeignet sein wird, da die ErfiiUung ihrer Wiinsche nicht von dieser 
Welt ist." 

Einen ahnlichen Standpunkt nimmt Norbert Grabowsky 
ein. In seinem Werke „Die verkehrte Geschlechtsempfindung oder die 
maonmannliche und weibweibliche Liebe" tritt er lebhaft fiir die 
Keuschheit der Homosexuellen ein, an die er folgenden Appell rich- 
tet ^) : „Bekampft also, so rufe ich den Urningen zu, euren Sinnestrieb. 
Gebet euch nicht der vorgefaUten Meinung hin, lals seid ihr in 
diesem Leben zur Wollust geschaffen. Ihr werdet besser, wenn ihr 
der Wollust entsagt." „ Schon die normalen, weibliebenden Men- 
srchen*) werden um so voUkommener, je mehr sie sich von der 
sinnlichen Liebe abwenden. Um wieviel mehr noch sollte der Urning 
Veranlassung nehmen, die Sinnesliebe zu meiden, da die Art der 
Ausiibung seines Triebes fiir ihn so schwer erreichbar und mit so- 
viel Unannehmlichkeiten verkniipft ist I Nicht beneiden sollte der 
Urning den Dioning um dessen LiebesgenuB. Sondern der Urning 
sollte in sich eingehen und erkennen, daB es des Menschen am wiir- 
digsten ist, ganz und gar der geistigen Liebe anzugehorcn." 
Um aber nicht den Eindruck eines bloBen Theoretikers zu machen, 
unterstiitzt er seinen Rat mit folgendem Satz : ») „Wenn es mir, ob- 
wohl es mich harte Kampfe genug gekostet hat, moglich gewesen ist, 
mich vom Weibe fernzuhalten, warum sollte es den Urningen nicht 



')v. Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis, p. 325. 
*) Marc Andr6 Raffalovich: Die Entwickelung der Homo- 
sexualitat, 1895, p. 3. 
») p. 7. 

*) P- 4. 

^) Norbert Grabowsky: Die verkehrte Geschlechtsempfin- 
dung Oder die mannmannliche und weibweibliche Liebe, 2. Aufl. 1897, 
p. 52. 

**) N. Grabowsky, a. a. O. p. 49. 

^') A. a. O. p. 51. 



Digitized by VjOOQIC 



419 

moglicli sein, sich vom Manne fern zu halten? Starker als bei mir 
der Drang zum Weibe wird doch wohl nicht bei den Urningen der 
Drang zum Manne sein." Der Verfasser scheint sich an dieser Stelle 
nicht mehr recht zu erinnern, daB er drei Seiten vorher geschrieben 
hat, wo es heiBt : *o) „GewiB, gewiB, mit der Enthaltsamkeit ist es ein 
schweres Ding. Ich kann es nicht leugnen, daB oft, sehr oft ein 
driickendes Gefiihl der Ode mich beschleicht, und daB ich an manchen 
Tagen hellauf emport bin iiber mein ganzes Schicksal ... ja, es 
kaum noch zu tragen wahne." Ein anderes Mai schreibt dieser Autor: 
,,Merkts Euch: Ekelhaft und tierisch ist aller sexuelle Verkehr, gleich- 
giiltig, ob der gewohnliche, oder der urningische." 

Die meisten Anh^nger homosexueller Abstinenz berufen sich 
auf ein hervorragendes Beispiel, auf Sokrates, der in Plates 
Gastmahl die rein seelische Liebe im Gegensatz zu der leiblichen 
preisl und von dem in demselben Gesprach Alkibiades 
3childert, wie er alien Verfuhrungskiinsten zum Trotz, die 
Alkibiades aufwandte, um sich mit ihm korperlich zu be- 
tatigen, fest blieb. Man konnte einwenden, daB das, was einem 
Geist wie Sokrates moglich gewesen ist, vielleicht auch nicht 
zu alien Zeiten seines Lebens moglich war, nicht von jedermann 
verlangt werden kann; man konnte auch die Frage auf- 
werfen, warum wohl die Natur in viele Menschen einen so 
beftigen Drang einpflanzte, wenn seine Befriedigung niemals 
stattf inden soil. Grabowsky, der Ubrigens auch ein Buch 
verfaBt hat, das den Titel fiihrt: „Die Geschlechtsliebe, der Fluch' 
des Menschentums, und ihre Bekampfung**, weifl die Antwort. 
Sie lautet^^): „Allerdings, wer sich zu einem enthaltsamen 
Leben aufraffen will, muB auch den Zweck eines solchen 
kennen. Dieser Zweck ist das Leben nach dem Tode." 

Die Mittel allerdings, die ein abstinentes Leben ermoglichen, 
teilt uns Grabowsky nicht mit, dagegen f inden wir zwei 
der wichtigsten bei Raffalovich angefiihrt: Eeligion und 
Arbeit. Weit iiber das historische Mittelalter hinaus bis in 
unsere Tage vermeinten sehr viele Homosexuelle durch den festen 
Glauben an Ubernatiirliche Krafte der Anfechtungen des Flei- 
sches und des Begehrens der Welt Herr werden zu konnen. HeiBe 
Gebete zu Gott um „Errettung*' aus Ihrer Gebundenheit, An- 
rufung der Heiligen, Weltflucht und BuBlibungen, Ersatz der 
Liebessehnsucht durch brlinstige B-eligiositat, nicht seiten auch 
durch religiose Brunst — man lese das Leben des, wie es scheint, 
bisexuellen Grafen Zinzendorf^^) — wurden angewandt, 



10) A. a. O. 48. 

11) N. Grabowsky: Die Geschlechtsliebe, der Fluch des Men- 
schentums, und ihre Bekampfung, Leipzig, p. 41. 

12) Dr. Oskar Pfister: Die Frommigkeit des Grafen liud- 
wig von Zinzendorf. Ein psychoanalytischer Beitrag zur Kenntnis 



Digitized by V:iOOQIC 



420 

aber nur ganz selten mit Erfolg. In der groIJen Mehrzahl der 
Fa He gin gen die Homosexuellen in dem langen vergeblichen 
llingen nicht ihres Triebes, aber ihrer Glaubensfreudigkeit ver- 
lustig. 

DaB namentlich von geistlichen Ratgebern den Homosexuellen 
immer wieder die religiosen Heilmittel dringend anempfohlen werden, 
bedarf kaum der Erwahnung. So heiBt es in dem Traktat der Evan- 
geliscli-„Protestantischen" Mission „Mara atha": „Darum, du Urning, 
der du von Gott als normaler Mann zum naturgemaBen Lebensgeuufi er- 
schaffen und doch mit aller Gewalt ein Weib sein wills t, und du, 
normalgeschlechtliches Weib, du „Urninde", mit dem widernatUrlichen 
mannlichen Empfinden, wir bitten euch: stellt euch in das Licht 
der gottlichen Majestat und priifet euch auf Herz und Gewissen: er- 
kennc die Ursache eurer Geistes- und Geschlechtsverwirrung, nehmt die 
Geisteskraft Gottes als Heilmittel an und macht euch 
frei von der Geisteskrankheit „Homosexualitat", die euer Leben ver- 
giftet, euer Gewissen beschwert, euch um Gesundheit, Gliick und 
Wohlergehen betrogen." „Ein drittes Geschlecht liegt nicht im Schop- 
fungsplane Gottes". Dr. Capellmann^^) meint ebenfalls, daB psy- 
chiscne Kontrarsexuelle „namentlich dem Seelsorger ein dankbares Ob- 
jekt zur Rettung** bieten. 

Auch hier einige Beispiele aus dem Leben: 

Ein Arbeiter schreibt: „Durch mein'^ sehr fromme Mutter stark 
zur Religion erzogen, habe ich nach Erkenntnis meiues seelischen Zu- 
standes Gott in heiBen Gebeten angefleht, er soUe mir in meiner Not 
einen Ausweg zeicen. Als ich sah, daB sich trotz eiserner Beherrschung 
und ungeheurer Kampfe mein Zustand nicht anderte, habe ich mein 
Gottvertrauen verloren." Ein zweiter berichtet: „Ich rang zu dem 
Gott, der mir in der Schule gelehrt war, mich von dem gleich- 
geschlechtlichen Triebe, den ich fiir siindhaft hielt, zu befreien. Der 
llimmel aber blieb taub. Ich kam mi!r vor wie ein Schiff, das mitten 
auf dem Ozean den Wellen preisgegeben ist. Obwohl ich in solchen 
Stunden dann niederkniete, und im Gebete um Erlosimg schrie, blieb 
ich verlassen. SchlieBlich gerieten dariiber alle meine religiosen An- 
schauungen ins Wanken. Jetzt ^laubte ich an nichts mehr. Ich 
k a n n nicht mehr glauben." Einige stark religiose Naturen kommen 
nach langen vergeblichen Kampfen zu der Uberzeugung, daB ihr Zu- 
stand von Gott gewollt sein muB. Ein katholischer Graf sagt: „Die 
Annahme, meine Gleichgeschlechtlichkeit sei Siinde, Laster, IJnnatur, 
erscheint mir als Beleidigung des allweisen Weltscho{)fers." Und ein 
protestantischer Pfarrer meint: „Wenn ich um meines mir einge- 

Sflanzten Triebes willen ein Verbrecher bin, dann ist es der Schopfer, 
er mich als Verbrecher erschaffen hat. Das heiBt aber doch, den 
Schopfer einer Untat bezichtigen. Gott erschafft niemand als Ver- 
brecher. Wer das sagt, lastert Gott." Nur wenige besitzen die Energie, 
sich mit Hilfe der Religion zur Askese durchzuringen. Im un- 
klaren iiber die eigene Natur ihrer Neigungen, die sie selbst als nie- 
drige Fleischeslust empfinden, gelangen sie nicht selten, nach Ab- 
legung: von Keuschheitsgeliibden, zu einem Enthaltsamkeits- und Sitt- 
liclikeitsfanatismus, der sich oft genug bitter racht. So erregte vor 
einiger Zeit die Verhaftung des Schrit'tfiihrers einer groBen Sittlich- 
keits-Organisation, eines ehemaligen Geistlichen, Aufsehen, der sich 
an Knaben vergriffen hatte. Man erschrickt gewohnlich iiber den 
Grad der Heuchelei, der sich anscheinend in solchen und ahnlichen 

der religiosen Sublimierungsprozesse und zur Erklarung des Pietis- 
mus. Leipzig und Wien 1910. 

") Dr. C. C ape lima nn, Pastoral-Medizin. 16. Aufl. p. 144. 



Digitized by VjOOQIC I 



421 

FalJeii kundgibt, iibersieht aber, daB solche Menschen nicht trotz 
ihrer Neigungen iind Handlungen Sittlichkeitsvereinen angehorten oder 
Pries ter wurden, sondern wegen derselben^ vergeblich hoffend, 
hier die Kraft der Entsagung zu finden. 

Auch durch intensive Arbeit, und zwar sowohl durcsh geistige 
wie durch korperliche, haben viele ihre homosexuelle Neigung 
zu unterdrticken versucht; „am meisten hilft noch", schrieb mir 
einer — und er steht mit dieser Auffassung nicht allein — , ,,sich 
abarbeiten, bis man so miide wird, daU gleich der Schlaf ein- 
tritt.** Vielfach hat man behauptet, daO eine Art Wechselwir- 
kung zwischen geistiger und sexueller Produktivitat besteht, 
dali die potentielle Energie des Geschlechtstriebs sich statt in 
sexuelle in andersartige lebendige Krafte umsetzen kann. Schon 
einer der altesten Philosophen, Plato, von dem ja auch an- 
genommen wird, daB er gleichgeschlechtlich emj)fand, nannte 
einmal das Denken sublimierten Geschlechtstrieb, und einer der 
neuesten, Nietzsche, der mindestens theoretisch voiles Ver- 
standnis ftir die homosexuelle Liebe besafi^*), schreibt: Der 
Geschlechtstrieb konne an die Maschine gestellt werden und 
ntitzlich arbeiten lernen, zum Beispiel Holz hacken oder Briefe 
tragen oder den Pf lug f lihren. Man mulJ seine Triebe 
ausarbeiten.i^) Bis zu einem gewissen Grade, ftir eine ge- 
raume Zeit und geistig dazu besonders befahigte Menschen mag 
das zutreffen, fiir die groDe Mehrzahl nicht. Von Homosexuellen 
liegen mir viele Berichte vor, dall sexuelle Enthaltung sie zwar 
eine Weile in ihrer ktinstlerischen, wissenschaftlichen oder mo- 
chanischen Leistungsfahigkeit zu fordern schien, daU aber sich 
nach und nach ein Zustand der Unruhe, der Leere und Depres- 
sion einstellte, der ihre Arbeitskraft wesentlich schwachte, bis 
dann durch Regelung des Geschlechtslebens ein Ausgleich eintrat. 
Besonders hat man seit alters auch in sportUchen Kraftleistungen 
ein Abfuhrmittel sexueller Spannkrafte, hier homosexueller 
Spannkrafte, erblicken wollen. Die Erfahrung hat gezeigt, dall 
auch dieser Behauptung nur eine relative, keine absolute 
Gtiltigkeit zukommt. 

Viele Homosexuelle haben geglaubt, sie konnten durch eine 
reizlose, abhartende Lebensweise, das ,,simple life" der Ameri- 
kaner, durch Rohkost, Enthaltung von Alkohol, Tabak, Kaffee, 
Fleisch und Gewlirzen ihre Libido zum Schwinden bringen. Ich 
kenne einige, die in Vegetarierkolonien, beispielsweise nach 



i<) Vgl. Dr. V. R 6 m e r : Stellen aus Friedrich Nietzsches Werken 
uber Uranismus, Homosexualitiit und Verwandtes, in der Zeitschr. fiir 
Sexualwissenschaft, 1908, p. 39 ff. 

") Vgl. M. Hirschfeld: Naturgesetze der Liebe, p. 228. 



Digitized by VjOOQIC 



422 

Ascona gegangen sind. Hie und da vermochten sie auf diesem 
Wege die Triebstarke herab- und das Beherrschungsvermogen 
heraufzuschrauben, den Trieb selbst in seiner Richtunfr abzu- 
andern oder ihn abzutoten vermochten sie nicht, diesen immer 
wieder durchbrechenden Drang, den selbst die harteste Gefang- 
nisstrafe nicht zu ersticken imstande ist. Mit wie tief er- 
schtitternden Worten schildert der ungliickliche Uranier Oscar 
Wilde in der Zuchthausballade von Reading Goal, wie sich 
in der Kerkerzelle noch im Zustand groUter Apathie dieses Be- 
gehren regt. Es heifit da: 

„And all, but Lust 

is turned to dust 

in Humanity's machine"^^). 

In schlichteren Ausdrticken haben mir oft Homosexaelle er- 
zahlt, wie in der Gefangenschaft ihr Trieb fast unvermindert 
fortbestand. 

Einige Male kamen Homosexuelle, darunter ein Professor 
der Medizin, zu mir, die Morphinisten geworden waren, sei es, 
um die aus ihrer Abstinenz sich ergebende Unruhe und Schlaf- 
losigkeit zu bekampfen, sei es, um ihre homosexuelle Neigung 
zu betauben. Das erstere gelang ihnen, das letztere nicht. 

Da der Homosexualitat auf den genanntsn Wegen der Be- 
handlung so ungemein schwer beizukommen ist, haben manclie 
radikalere Mittel und Methoden empfohlen und angewandt, 
von denen wir zwei des naheren besprechen miissen: die Iso- 
lation und die K a s t r a t i o n. Von dem Gedanken ausgehend, 
daU die Homosexualitat eine „unheilbare Geisteskrankheit" sei, 
haben Arzte und Laien vorgeschlagen, die an ihr Leidendon in 
Irrenanstalten und Spezialanstalten — wie solche ahnlich ftlr 
Epileptiker und Alkoholiker bestehen — unterzubringen. Es 
handelt sich dabei weniger um eine Beseitigung der Homosexu- 
alitat an sich, als um eine Beseitigung der Homosexuellen aus 
der Gesellschaft. 

So wurdo in einer zu Koln gefaUten Resolution der evangelischen 
Sittlichkeitsvereine gefordert, daU alle „wirklich krankhaft Geborenen 
unter den Homosexuellen" in Heilanstal ten untergebracht werden soUten. 
Am 12. Mai 1905 hielt Pastor P h i 1 i p p s -Plotzensee in der Tonhalle 
in Berlin einen Vortrag, in dem er laut Bericht ihm nahestehender 
Zeitungen sagte: Der § 175 muB bestehen bleiben. Wie der Eriippel 
ins Kriippelheim, wie der Geisteskranke in die Irrenanstalt, so gehort 
der an emem falschen Triebe Erkrankte in ein Sanatorium, wo er, wenn 
man will, sogar auf Staatskosten gut gehegt und gepflegt werden kann. 
In die Freiheit gehort nur der, der diesen falschen Trieb zu ziigeln 

i«) Alles im mensch lichen Triebwerk ist wie zerstoben, nur die 
sinnlicnen Begierden nicht. 



Digitized by VjOOQIC 



423 

weili und nicht andere mit hineirireiCt. Der Freiburger Stadtpfarrer 
Dr. Han s jak ob^^) schrieb inir: „Die betreffenden Personen be- 
mitleide ich, weil sie zweifellos unter angeborener Belastung stehen. 
fch wiirde sie auch nicht ins Gefangnis stecken, wohl aber in* die 
Irrenanstalt. weil sie aiiormal sind." Audi F u c h s ^^) schlug 
„W ohltatigkeitsanstalten fiir die Behandlung sexueller 
l*erversionen'* vor. Er meint, daB ihre Errichtung ein dringendes 
Bediirfnis sei, da es vielen der in Betracht kommenden Kontrarsexu- 
elJen nicht moglich sei, „Zoit und Gold kostende, monatelange Kui'en 
zu unternehmen". ..Man denke nicht", fiihrt er fort, i^) daC die 
sexuelleu Perversionen in niedrigeu Kreisen der Bevolkerung um ein 
Betrachtliches wenigor haufig seien, als in den hoheren." Einige, 
wie Hans Hyan 20)^ haben sogar ernstlich ^eraten, den Homo- 
sexuellen Wohnsitze in einer K o 1 o n i e anzuweisen, wahrend schon 
Professor Geigel in einer Gegenschrift Ulrichs zurief: ,,Kaufen Sie 
sich gefalligst mit ihren 25 000 Urningen 21) am Nordpol an; aber ver- 
schonen Sie giitigst unsero Deutsche Erde mit ilirer Gegenwart." 

Burghauser^-) und Braunschweig suchen die Ur- 
ningo iiber die Internierung in eine Irrenanstalt zu trosten. 
Ersterer meint: Es mag ja traurig erscheinen, sonst ganz nor- 
male und gesunde Menschen gewissermaBen in eine Geschlechts- 
irrenanytalt zu sperren, aber eines mag und mufl in dem 6e- 
danken versohnen, daU sich die ,jUnter sich" Internierten gliick- 
lich f uhlen werden. Und Braunschweig ^3) sagt : ,.Das Irren- 
haus, die Besserungsanstalt, das Genesungsheim und der kleine 
Kreis liebevoller Erziehungsstatten wird dem Homosexuellen 
Unterkunft bieten. Und die heiisame Einwirkung dort an Ort 
und Stelle wird die Aussicht auf Befreiung oder Herabminderung 
der kontrarsexuellen Neigungen am ehesten in sich schlieBen.*' 
Merkwtirdigerweise beschrankt sich die ernstliche Forderung, die 
Homosexuellen in Irrenanstalten, Kolonien ,,oder auf einer ein- 
samen Insel" unterzubringen, nur auf Manner, die urnis^chen 
Frauen scheinen weniger ,,gem6ingefahrlich**. 

Schon Krafft-Ebing bemerkte zu diesen Ideen^*): 
„Ganz ungeheuerlich ist der Vorschlag, solche Leute, wenn sie 
ihrem abnormen geschlechtlichen Drange nicht. widerstehen kon- 
nen, ins Irrenhaus zu sperren, wozu eine Berechtigung und Ver- 

") Cf. Hirschfeld, § 175 im Urteil der Zeitgenossen, p. 64. 

'®) Therapeutische Bestrebungen auf dem Gebietc' sexueller Per- 
versionen, im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen, Jalirg. TV., d. 18.*>. 

i») A. a. O., p. 186. 

»o) Cf. „Die Welt am Montag", Berlin, 7. Januar 1905. 

*^) Cit. von dem Abgeordneten Thaler in der 177. Sitzung 
des Deutschen Reichstages am 31. Marz 1906, (in der die Petition des 
Wissenschaftlich - humanitaren Komitees, betr. die Abschaffung des 
I 176 StrGB. beraten wurde), er fiigte hinzu: „Damals waren es nur 
25 000, jetzt sind es schon 1200 000." 

^2^ Burghauser: Liebe in Natur und Unnatur, 1909, p. 78. 

2J^)M. Braunschweig, Das dritte Geschlecht, 1903, p. 69. 

**)v. Krafft-Ebing: Psvchopathia sexualis, 12. Aufl., 1903, 



324. 



Digitized by VjOOQIC 



424 

pflichtung doch nur in den seltenen Fallen bestande, wo der 
Kontrfirsexuale zugleich an einer Psy chose leidet, wegen welcher 
an und fiir sich derselbe einer Internierung bedlirfte." 

Gleiehwohl haben neuerlich Angehorige, besonders Eltern 
von Homosexuellen nicht selten versucht, diese in Irrenanstalten 
unterzubringen, wo man allerdings meist bereits nach einigen 
Wochen oder Monaten das Vergebliche eines solchen Vorgehens 
erkannte. Mir ist ein Kollege bekannt, der auf Veranlassung 
seines Vaters, der ebenfalls Arzt ist, zur Behandlung in eine 
geechlossene Anstalt ging, nach einigen Wochen aber bereits 
vom Chefarzt gefragt wurde, ob er nicht lieber als Assistenzarzt 
der Heilanstalt angehoren woUe, ein Vorschlag, der akzeptiert 
wurde. 

Wiederholt sind auch namentlich in frtiheren Zeiten Homo- 
sexuelle aus f reien Stiicken in Privatanstalten gegangen. Sie 
erkannten ihre Unheilbarkeit, fiihlten aber anderseits, dalJ sie 
nicht lasterhaft waren, und so schien ihnen immerhin das Irren- 
haus noch ein entsprechenderer Aufenthalt als das ihnen dro- 
hende Gefangnis. Besonders ist mir ein vomehmer Homosexu- 
eller in Erinnerung geblieben, den ich in England in einem Asyl 
ftir geisteskranke Verbrecher (wie der Englander sagt, ftir „ver- 
brecherische Geisteskranke** „criminal lunatics") traf. Er be- 
fand sich bereits liber 20 Jahre freiwillig in der Anstalt. Ich 
fand ihn in seinem kleinen hiibsch eingerichteten Zimmer> das 
eine prachtvoUe Aussicht liber eine weite htigelige Landschaft 
bot, umgeben von zahlreichen philosophischen und schongeistigen 
Btichern, in denen er studierte. Seine Neigung erstreckte sich 
auf Jiinglinge kurz nach derPubertat. Da ich ihn in Gesellschaf t 
mehrerer Anstaltsfirzte besuchte, konnte ich auf das ihm vor 
mehreren sehr peinliche Thema seiner Krankheit nicht naher ein- 
gehen. Wie ich beim Abschied den Wunsch auUerte, er moge 
sich spater doch noch einmal der Preiheit erfreuen, erwiderte 
er sehr ernst: „Ich habe die Hoffnung aufgegeben, noch einmal 
gesund zu werden.** Als ich nachher mit dem Direktor des Hau- 
ses die weiten Hofe und Gartenanlagen der Anstalt durch- 
wanderte, sah ich ihn noch einmal im lebhaften Gesprach mit 
zwei geisteskranken M5rdern. Dieser arme Homosexuelle, der 
aus einem Pseudo- Verbrecher ein Pseudo-Irrer geworden war, 
hatte keine Ahnung, wer der Besucher aus Deutschland war, der 
ihm an jenem Tage die Hand drtickte. 

Auch in einer danischen Irrenanstalt meldete sich, wie mir 
ein dortiger Psychiater berichtete, ein Homosexueller, der sehr 
religios war und bat freiwillig um Internierung, weil sein Drang 



Digitized by VjOOQIC 



425 

sieh mit mannlichen Personen .sexuell zu betatigen so stark sei, 
dafi er f iirchte, sich nicht zuriickhalten zu konnen. 

Gegen die Unterbringung der Homosexuellen in Irrenanstal- 
ten oder Spezialansta'ten spricht sowohl ihre Qualitat als auch 
ihre Quantitat. Michelangelo — Johann Joachim 
Winckelm;ann — Andersen — ja auch nur Oscar 
Wilde wegen unheilbarer Homosexualitat als gemeingefahrlich 
dauernd in einer Irrenanstalt — es ware lacherlich, wenn es 
nicht gar so unsinnig ware. Man lose das folgende Kapitel 
iiber die Verbreitung der Homosexualitat, um die Undurchftihr- 
barkeit so absurder Ideen zu erkennen. AUein Berlin brauchte, 
um seine mannlichen und weiblichen Homosexuellen unterzu- 
bringen, Platz und Mittel ftir zehntausende von Betten; Paris 
und London nicht weniger. Derartige Bemtihungen, die Homo- 
sexuellen „unschadlich zu machen**, wiirden einen Kampf gegen 
Windmiihlen, zum mindesten ein SchieUen mit Kanonen nach 
Spatzen bedeuten. 

In noch hoherem Grade gilt dies von der jgleichfalls wieder- 
holt angepriesenen operativen Behandlung der Homosexuellen 
durch Kastration. Einige Arzte wie R i e g e r 25) und neuer- 
dings noch der Wiener Psychiater Benedikt haben diese 
Methode empfohlen, auch die Homosexuellen »elbst haben sie 
gelegentlich in Erwagung gezogen; Laien haben sogar manch- 
mal bef iirwortet, sie zwangsweise einzuf lihren, um nach 
dem Grundsatz : „Womit du gesiindigt hast, soUst du bestraf t 
werden" Homosexuelle zu ztichtigen und unschadlich zu machen. 
Auch ich bin einige Male von Homosexuellen, in einem Falle 
sogar von einer homosexuellen Frau, konsultiert worden, die 
sich von der Kastration Rettung erhofften. 

Ein Urning schreibt: „Da die Sachen so liegen, habe ich mit 
einigen wohlgesinnten Mannern gleicher Anlage die JFrage ventiliert, ob 
wir nicht doch zur Chirurgie unsere Zuflucht neUmen sollen?" 

Ch. F6r6 28)j der sich eingehend mit der Frage der Kastration 
der Invertierten beschaftigt hat, berichtet von einem 42jahrigen Homo- 
sexuellen, der seit friihester Jugend geschlechtlich mit Jiinglingen 
verkehrte. Er versuchte alles, um seinen Trieb los zu werden, auch 
Hypnose. Trotzdem er nie mit einem Weibe verkehrt hatte, ver- 
heiratete er sich zwecks Heilung. Die Ehe dauerte acht Monate. Ein 
Geschlechtsverkehr mit der Frau war unmoglich. Ein Briisseler Arzt 
empfahl dann Brom, dreimal am Ta^e, und, falls auch das nicht an- 
schliige, die Kastration, die jedoch von F 6 r 6 widerraten wurde. 

25) B i e g e r , Centralblatt fiir Nervenheilkunde und Psychiatric, 
August 1892. 

2«) Ch. F 6 r 6 : La castration centre Tinversion sexuelle. (In 
der Bevue de chirurgie. Felix Alcan, 6dit., Paris, 10. Mars 1905.) 
Besprochen im Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. VIII, p. 713 ff. von 
Dr. N. Praetorius. 



Digitized by 



Google 



426 

Die Befiirworter der Kastration geheii von der vollkommen 
falschen Voraussetzung aus, daC def Sitz der kontraren Sexualemp- 
findung im Genitalapparat belegen sei. Will man auf chirurgischem 
Wege die schadhafte Stelle entfemen, so muB man schon den Kopf 
beseitigen, in dem Sie sich. in Wirklichkeit befindet, eine Operation, 
die ja in friiheren Zeiten, als noch auf Homosexualitat Todesstrafe 
stand, auch tatsachlich dann und wann vorgenommen wurde. Wir 
wissen heute mit Sicherheit 2^), dafi die Kastration auf die Kichtung 
des Geschlechtstriebs gar keinen und, nach der Pubertat vorgenommen, 
auch auf die Starke des Triebs nur einen unwesentlichen EinfluB hat. 

Typisch dafiir ist der f olgende, ebenfalls von F 6 r e mitgeteilte 
Fall eines Homosexuellen, der sich. beide Testikel beseitigen liefi so). 

Der betreffende Homosexuelle hat seit dem 5. Jahre Neigung zu 
Miinnern. Besonders sexuell wirken reife, behaarte Manner mit tiefen 
Stimmen. Geschlechtsverkehr mit dem Weibe war nie mo^ich. Er 
bat noch niemals seinem Trieb nachgegeben, trotz starkem Drang; er 
floh, wenn er in Gefahr kam, zu unterliegen. Beging drei Selbstmord- 
versuche. Auf Anraten verschiedener Arzte und zweier X^hirurgen, 
die ihm die Moglichkeit der Beseitigung seines Triebes durch Kastra- 
tion versicherten, unterzog er sich der Operation. Sein psychischer 
Zustand ist seither nur noch schlimmer. Die Neigung zu Mannern 
besteht fort, er hat die gleichen Erektionen, nur ist sein Wille 
schwacher geworden, weniger wider stands f ah ig. Um nicht eine tiefere 
Neigung zu einem Mann zu fassen, muB er oft den Wohnort wechseln, 
Er kann sich mit keiner Arbeit mehr wie friiher nachhaltig be- 
schaftigen, seine neurasthenischen Storungen nehmen zu ; ebenso die 
sexuellen Zwangsgedanken. Er hat die Selbstmordgedanken aufgegeben, 
aber er sucht Narcotica, wie Chloral und Opium, um sich zu betauben." 

Im Zentralblatt fiir Chirurgie auBert sich ein Kezensent iiber 
F6r4s Arbeit wie folgt: „Gegen den Versuch, die ungliicklichen per- 
vcrs Sexuellen durch Kastration heilen zu wollen, erhebt F. seine 
wai*nende Stimme an der Hand einer recht bezeichnenden Leidens- 
geschichte. Es ist auch eine recht oberflachliche Anschauung iiber 
Sitz und Wesen solcher individueller homosexueller Veranlagung, die 
zu einem Vorschlage wie dem obigen, gefiihrt haben niag, und man 
darf dem Verfasser nur zustimmen, wenn er in ahnlichem Falle einem 
Patienten, der um Kastration bat, entschieden abriet. 

Wir konnen hinsichtlich der Kastrationstherapie nur 

iinterstreichen, was RohlcderSi) sagt: „Wer einem Kontrar- 

sexuellen die Kastration als Heilmittel gegen seinen Zustand 

anrat, handelt entweder ganz gewissenlos, oder er hat keine 

Ahnung von dem wahren Zustande, dem wirklichen Wesen des 

Homosexualismus, und in diesem Falle soil er von jeglicher Rat- 

erteilung absehen. Einen derartigen Rat dann aber zu erteilen, 

haltc ich ebon fiir ein Verbrechen." 

Ebenso scharf wendet sich Amtsgerichtsrat W i 1 h e 1 mS^a) gegen 
die Kastration. Er verwirft sowohl ihre therapeutische Anwendimg 

*9) Vgl. M. Hirschfeld: Kastratenstudien. In d. „Sexual- 
Probleme**, 8. Jahrgt 2 Heft. Februar 1912. 



•0^ A. a. 0., p. 714 f. 

51; H. Rohleder: Vorlesungen tiber Geschlechtstrieb und ce- 
samtes Geschlechtsleben des Menschen, 2. Aufl. 1907, Bd. II, p. 415. 



s^a) In seiner Schrift: „Beseitigung der Zeugungsfahigkeit und 
Korperverletzung de lege lata und de lege ferenda in den juristisch- 
psychiatrischen Grenzfragen VII, Heft 6 und 7. 



Digitized by VjOOQIC 



427 

gegen den krankhaften Geschlechtstrieb als ihre Anwendung als Strafe 
gegen Sittlichkeitsdelikte, als welche sie neuerdings in ein ameri- 
kanisches Gesetz gegen PaUierastie iibergegangen ist. Er schreibt S. 66) : 
„pal3 die Einfiihrung der Kastration als Abschrecknngsmittel und als 
eigentliche Strafe vollig zu verwerfen ist, daS sie die Riickkehr zu einem 
barbarischen, iiberwundenen Standpunkt bedeutet, bedarf wohl niclit 
weiterer Ausfiihrung." 

Es kann nach allem bisherigen nicht wundernehmen, daC, 
nachdem man erkannt hatte, daU der Sitz der Homosexualitat 
im Gehirn zu suchen sei, man auch diese Stelle zu exstirpieren 
trachtete. In einer Diskussion liber die Behandlung der Homo- 
sexuellen meint9 Dr. Bodlander alien Ernstes, man mlisse vor 
allem die Hirnregion ermitteln, in weleher der homosexuelle 
Trieb lokalisiert sei, dann konnte man nach Trepanation des 
Schadels leicht durch Zerstorung dieses Zentrums die Homo- 
sexualitat beseitigen. Hoffen wir angesichts dieses gutgemeinten 
yorschlags, daJJ das zirkumskripte psychische Zentrum d3r Ho- 
mosexualitat erst aufgefunden wird, wenn man sich durch die 
richtige Beurteilung der Homosexuellen von der tlberflttssigkeit 
solcher Operationen uberzeugt hat. 

Die iibrigen Methoden, die sich an das psychische Zentrum 
wenden, sind weniger tiefgreifend und gefahrlich. Es sind im 
wesentlichen drei Behandlungsweisen zu nennen, die hier in 
Frage kommen :die Hypnosetherapie, die Freud sche 
Psychoanalyse und die von Moll neuerdings als „Assoziations- 
therapie** bezeichnet^ Milieubehandlung. 

•Die hypnotische Absuggerierung der Homosexualitat ist 

von Krafft-Ebing inauguriert worden. Die ersten groBeren 

Fachwerke liber die kontrare Sexualempfindung fielen in die 

Zeit, als auch die ersten wissenschaftlichen Arbeiten liber den 

Hypnotismus von Frankreich her nach Deutschland drangen, 

hier weite Verbreitung fanden und, wie man wohl heute bei 

aller Anerkennung mancher liberraschender Erfolge sagen darf, 

vielfach mit einem Enthusiasmus und einer Cberschatzung auf- 

genommen wurden, denen sehr bald eine Ernlichterung folgte. 

Was lag naher, als diese psychische Methode bei einem so eminent 

psychischen Zustand wie der Homosexualitat anzuwenden. 

In einem Artikel uber Suggestions therapie in Eulenburgs enzyklo- 
padischen Jahrbiichem ^2) bezeichnete C o r v a 1 die Moglichkeit, die 
kontrare Sexualempfindung mittels Hypnose zu bekampfen, als „die be- 
deutendste Errungenschaft auf dem Gebiete der Psychotherapie in 
letzter Zeit". Krafft-Ebing war von vornherein skeptischer und 
kritischer. Zwar bezeichnete auch er die Hypnose anfanglich als 
„das einzige Rettungsmitte 1", als „eine enorme Wohltat, 
welche solchen Ungliicklichen erwiesen werden kann", fiigte aber 
doch hinzu: „vor Illusionen liber den Wert hypnotischer Therapie 

»») 11. Jahrg., Wien und Leipzig 1892. 

Digitized by VjOOQIC 



428 

durfte zu warnen sein". Auch betouto er, daD nur dort, „wo die 
Hypnose zum Somnambulismus vert left werden kann", Erfolge zu 
erzielen und daB auch diese nicht etwa als .,Umzuchtun«^en" der 
psycbosexuellen Existenz aufzufassen seien, wie dies von Schrenck- 
N o t. z i n g behauptete, sondern lediglich „als bewunderungswiirdige 
Artefacte hypnotischer Kunst". In seinen spateren Publikationen, 
namentlich der letzten, in der er in der Homosexualitat keine Krankheit 
mehr erblickte, scheint Krafft-Ebing dann fast ganz von der Hypnose 
zmiickgekommen zu sein, wenigstens erwahnt er sie nicht mehr, und 
auch in seinen trostreichen Schreiben, die er Horaosexuellen, die sich 
an ihn wandten, zuteil werden lieB — ich habe vielfach solche Briefe 
geleseu — , ist kaum noch von der Hypnose die Rede. 

Bedeutend welter als Krafft-Ebing ging Schrenck- 
N o t z 1 n g , welcher der Suggestions therapie der kontraren Sexual- 
empfindung eine vielgelesene Monographie widmete '3). Er bewegt 
sicn in mancherlei Widerspriichen. Er glaubt einerseits, daC es eines 
so tiefen hypnotischen Schlafs, wie Krafft-Ebing f orderte, nicht 
bediirfe, meint aber, daB man bei nervosen Homosexuellen „mitunter 
geuotigt sei, die Hypnose durch Narpotica herbeizufiihren." Ferner 
schreibt er, daB die originare, also angeborene „Gemutsentartung" 
der Homosexualitat unheilbar sei, bringt dann aber eine Reihe aus- 
fuhrlich beschriebener „Heilungen" Kontrarsexueller, die offenbar fast 
ausnahmslos originare Homosexuelle sind. 

Im ganzen sind es nur sechs Falle, die der beriihmteste Hypno- 
therapeut der Kontrarsexuellen anfiihrt, alle waren mannlichen Gre- 
schlechts, vier zwischen 20 und 30, einer zwischen 30 und 40, einer 
zwischen 40 und 50 Jahren. Die Zahl der hypnotischen Sitzungen 
betruff bei dem ersten 45, bei den iibrigen 142, 7, 7, 204 und 20; 
nur der erste konnte in das somnambule Stadium versetzt werden. 
Die von Schrenck-Notzing erteilten Suggestionen waren fast stets 
die gleichen, wie sie bereits Krafft-Ebing in einem Schema 
empfohlen hatte; sie lauteten: 1. Ich verabscheue die Onanie, denn 
sie macht siech und elend; 2. ich habe keine Neigung mehr zum 
Manne, denn die Liebe zum Manne ist gegen die Religion, gegen die 
Natur und gegen das Gesetz; 3. ich empfinde Neigung zum Weibe, 
denn das Weib ist lieb und begehrenswert und fiir den Mann ge- 
schaffen. 

Nur in zwei Fallen, von denen er den einen 2 Jahre 
7 Monate, den andern 1 Jahr 8 Monate beobachten konnte, s p r i c h t 
der Autor selbst von Heilung, in zwei Fallen von leichter 
Oder vorubergehender, in einem Fall von bedeutender Besserung, 
den sechsten bezeichnet er selbst als MiBerfolg. 

Es diirfte ohne weiteres klar sein, daB die Zahl und Beobach- 
tungszeit dieser Resultate eine zu geringe ist, und das gilt auch fiir 
die von andern Hypnotiseuren veroffentlichten, um von wirklichen 
Dauererfolgen, von Naturfehler-Korrekturen 3*) zu sprechen. Es ist 
daher wohl begreiflich, wenn Binswanger^s) meint, daB den Aus- 
sagen der an perverser Sexualempfindung Leidenden iiber Erfolge in 
der Hypnose kein Glauben beizumessen ist", und wenn Rohleder^s) 
kurz und biindig erklart: „Heilung der kontraren Sexualempfindung 
durch Suggestion gibt es nicht, ebensowr^nig wie ein Heterosexueller 
durch Suggestion homosexuell fiihlen wiirde. de Joux vollends urteilt: 

'*) V. Schrenck-Notzing: die Suggestionstherapie bei 
krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes. Stuttgart 1892. 

«*) V. S c h r e n c k N o t z i n g : a. a. O. p. 286. 

•*) Binswanger: Verwertung der Hvpnose in den Trrenanstal- 
ten. Therapeutische Monatshefte 92, Heft '3 u. 4, p. 167 ff. 

w) H, R o h 1 e d e r : a. a. O. p. 403. d e Joux, Die Enterbten. 
p. 77. 



Digitized by VjOOQIC 



429 

„Nur die hohere Charlatanerie kann marktschreierisch verkuaden, sie 
habe die Macht, einem homosexuellen Wiistling den Weg zur Familie zu 
ebnen, ein entartetes Mannweib zu einem Muster holder Weiblich- 
keit dui'ch llypnose umzugeheimnissen." 

Bemerkenswert ist, daB auch F o r e 1 ^7), der ausgezeichnete Ken- 
ner und Forscher auf dem Gebiet des Hypnotismus, meint, daB eine 
Bese.il igung der kontraren Sexualempfindung mittelst Suggestion nur 
da gelingen diirfte, wo sie „weder angeboren, noch durch eine 
latento Anlage unterstiitzt" wird, mit anderen Worten bei 
echter Homosexualitat nicht. Selbst Moll, der wohl die groBte An- 
zahl Homosexueller hypnotisiert hat, ersetzt die Suggestions- neuer- 
dings 38) durch die Assoziationstherapie. 

Auch ich bin auf Grund der recht betrachtlichen Anzahl 
hypnotisierter Homosexueller, die ich langere oder kiirzere Zeit 
nach der Kur zu sehen Gelegenheit hatte, der Meinung, daB a n - 
geblich geheilte Homosexuelle entweder nicht 
geheilt oder nicht homosexuell waren. Wenn 
Geijersta m^^) die nach hypnotiseher Behandlung wieder auf- 
tretenden homosexuellen Anwandlungen und Handlungen euphe- 
mistisch als „Rezidive" bezeichnet, die auch bei vielen anderen 
Leiden nicht ausgeschlossen eeien^ bei denen man keineswegs 
von Scheinerfolgen rede, so tibersieht der schwedische Autor^ 
dall dem Geschlechtstrieb „Rezidive** in mehr oder weniger 
langen Zwischenraumen an und flir sich eigentlimlich sind. 

Es ist merkwiirdig, daB die Autoren, welche die Homosexuellen 
im iibrigen fiir unwabr halten, gerade den Aussagen, die sie liber 
ihre unter suggestivem EinfluB erwachte Liebe zum Weibe machen, 
so viel Glauben beimessen. Die durch llypnose erzielten Scheinerfolge 
erklaren sich auf dreierlei AVeise: Ein Teil sind bewuCte Tauschungen 
der Homosexuellen, die sie begehen, weil die erzielte Heilung fur ihr 
Lebeii von ausschlaggebender Bedeutung ist. So lieBen sich viele 
Homosexuelle nicht aus eigenem Antrieb'e, sondern lediglich auf Ver- 
anlassune von Yerwandten, namentlich ihrer Vater, hypnotisieren, 
die nur im Falle der Heilung oder doch energischer Versuche hierzu, 
den materiellen oder sonstigcn Zusammenhang mit homosexuellen An- 
gehorigen aufrecht zu erhalten gesonnen waren. Einen Fall kenne 
ich, wo der hohere A^'orgesetzte eines alten Beamten diesem nach einer 
ihm gemeldeten nicht strafbaren Affare erklarte, er wiirde ihn nur 
im Dienst behalten konnen, wenn er ein Attest brachte, daB er 
von der nervosen Storung, auf die er seine uniiberlegte Handlimg zu- 
ruckfiihi*te, genesen sei ; in einem zweiten Fall wollte ein Fabrikant 
einem homosexuellen Bruder nur im Fall vorhergegangener Heilung 
eine Existenz verschaffen; in einem dritten machte ein Vater das 
philologische Weiterstudium seines Sohnes von der Wiederherstellung 
von seinen krankhaften Trieben abhaugig. Ich habe manchen Homo- 
sexuellen Vorwiirfe gemacht, daB sie die Arzte iiber ihren Zustand 
tauschten und sie daxlurch zu irrigen Meinungen veranlaBten, die fur 



3') A. Forel: Die sexuelle Frage, 4. u. 5. Aufl. 1906, p. 293. 

38) A. Moll: Handbuch der Sexual-Wissenschaf ten. VII. Haupt- 
abschnitt I, 5 : Medizinisches iiber die sexuellen Perversionen, p. 661 ff. 

89) Cf. Zeitschrift fiir gerichtliche Medizin und Psychiatrie in 
den Kordlanden, Jahrgang 5. lie ft 3. 



Digitized by VjOOQIC 



430 

andere von so prinzipieller Bedeutung sirid. Sie erwiderten, daB sie 
sich in ihrer Not keinen andern Ausweg gewuJJt batten. 

Eine zweite Gruppe tausclit den Arzt par complaisance; gut- 
miitig, wie sie sind, mochten sie den Arzt, der sich so grofie Miihe 
mit ilinen gibt, auf die tagliche Frage, ob es denn nun besser geworden 
sei, keine Enttauschung bereiten. Wir brauchen dabei nicht eine 
besondere Zuneigung des Homosexuellen zu dem hypnotisierenden Arzt 
anzunehmen, wie Sadger*o) tut, der von der hypnotischen im Gegen- 
satz zur psychoanalytischen Behandlung schreibt: „Bisher ward als 
Heilpotenz hochstens Hypnose und Suggestion geiibt, die, wie ich 
aus einigen Fallen weiB, die erfahrene Hypnotiseure behandelten, dai*- 
unter selbst Schrenck-Notzing, nie eiue dauernde Veranderung brin- 
gen. Sie wirken im giinstigsten Falle solange, als 
der Homosexuelle in seinen energischen Hypnoti- 
seur verliebt is t." 

Eiu di'itter Teil endlich tauscht sich selbst, entweder iiber die 
eigene Homosexualitat, die, wie wir salien, keineswegs immer leicht zu 
erkennen ist, oder iiber die scheinbare Heilung, die eben doch nur 
eine kiinstliche Dressur ohne Bestand war. Als die Hypnosebehand- 
lung aufkam, wurde in homosexuellen Kreisen in verschiedenen Ver- 
sioneii eine kleine Anekdote kolportiert, die auch heute noch Beach- 
tung verdient. Ein Berliner Aristokrat, der ein ausgesprochenes Faible 
fiir Kavalleristen hatte, begab sich nach W i e n , um sich dort mit 
Hj'pnose behandeln zu lassen. Als er nach zwei Monaten zuriick- 
kehrte, bestiirmten ihn seine gleichempfindenden Freunde mit Fragen, 
ob er denn nun kuriert sei. „Jawohl , sagte er, „au3 der Kavallerie 
mache ich mir nicht mehr so viel, dafiir liebe ich aber jetzt die 
Artillerie". 

Wien ist auch die eigentliche Heimat einer zweiten Form 

psychischer Behandlung der Homosexualitat, der von Freud 

zuerst angewandten Psychoanalyse. Das Wesentliche bei der 

psychoanalytischen Methode ist „die Moglichkeit einer wirk- 

lichen Heilung durch Weckung des latenten, unterdriickten 

h^terosexuellen Triebs bei Niederhaltung des homosexuellen". 

Vorausset^ung und Ausgangspunkt der Methode ist, dalJ jeder 

Mensch bisexuell veranlagt ist. Daraus sei zu folgern, dafl 

auch jeder Homosexuelle in der Uranlage heterosexuelle Eigen- 

schafien habe, die er, wie die Psychoanalyse ergcbe, in friihester 

Kindheit verdrangt hat. Diese unterdriickten Kom- 

plexe des Ich soil der Psychoanalytiker zuriickverfolgen, auch 

in den Traumen aufsuchen und rekonstruieren. Durch 

die Aufdeckung und das BewuBtwerden des UnbewuBten und 

HalbbewuBten wiirden tiefverankerte Empfindungen „ab- 

reagiert**. 

Bemerkenswert ist, daC Sadger zu der tiberzeugung, .,daB alle 
Menschen, auch die im Geschlechtslebeu scheinbar Normalsten, selbst 
joue, welche den Uranismus am scluirfston verdammen, einer mehr 
odor minder groCen Dosis von Homosexualitat nie ermaugeln *i), nicht 
bei der Behandlung mannlicher uiid weiblicher Urninge gelangte, 

^^) J. Sadger: Fragment der Psychoanalyse oines Homosexu- 
ellen. Im Jabrb. f. sex. Zwischenst.. Jahrg. IX, p. 34(J. 
*») J. Sadger: a. a. O., p. .345. 



Digitized by VjOOQIC 



431 

sondern bei Behandlung der Hysterie und Zwangsneurose nach 
Freudscher Methode ; er schreibt *2) : „Ich weiB, daJ3 die Auf- 
findung dieser Tatsache mich seinerzeit auf das hochste verbliiffte. 
Ganz abgesehea davon, daiJ ich Homosexuelle, wie wohl alle KollegeD 
hier in Wien mit EinschluB der Nervenarzte, bis vor wenigen Jahren 
nur von der Literatur her kannte, ihre Zahl auch naturgemafi weit 
unterschatzte, war ich am allerwenigsten darauf gefaBt, dem Trieb und 
Hang zum gleichen Geschlecht just bei der alltaglichsten unter den 
Neurosen, der Hysterie, ala regelmaUiger Wurzel zu begegnen. Und 
docli, es duldete gar keinen Zweifel, seitdem ich darauf gestoBen 
worden, habe ich die Homosexualitat in keinem einzigen Fall mehr 
vermiBt.** 

Die von S a d g e r im Jahrb. f . sex. Zwischenst. *3) und in der 
Zeitschrift f. Sexuauwissenschaft **) mitgeteilten Falle machen nicht 
den iiberzeugenden Eindruck wirklicher Dauerheilungen. Wir wollen 
den in letztgenannter von ihm selbst als „Paradigma eines g 1 a n - 
z e n d e n Erfolges" bezeichneten Fall im Wortlaut Sadgers zitieren : 

„Der damals 21 jahrige Student wurde mir gesandt, weil ihn 
seine homosexuellen Neigungen qualten, die besonders auf junge Leute 
von 14 — 20 Jahren gerichtet waren, nebstdem noch allerlei xnaso- 
chistische Geliiste. Beim Weibe (einer Prostituierten), dem er bis 
dahin dreimal beigewohnt (die zwei ersten Male spontan, um zu 
sehen, ob er iiberhaupt potent sei, das dritte Mai auf arztliches, so- 
wie auf Vaters Drangen), fiihlte er sich voUkommen impotent. 
Auf Befragen, ob er schon irgend einmal eine Neigung zum anderen 
Geschlecht verspiirte, erinnert er sich bloB, im 2. oder 3. Lebens- 
jahre einem gleichaltrigen Madchen in besonders galanter Weise das 
Gaitentor geoffnet zu naben. Von familiarer Belastung weiB er an- 
zuffeben, daB ein Bruder der Mutter geisteskrank sei. Die Mutter 
seloer habe immer etwas Burschikoses und Mannliches an sich* ge- 
habt, der Vater wieder zeigte stets sehr geringe Sinnlichkeit, daneben 
auch deutlich invertierte Ziige, die friihverstorbene Sch wester hatte 
einen knabenhaften Gesichtsausdruck. Sie bevorzugte Bubenspiele und 
wiinschte sich zu W^ihnachten mit vier, fiinf Jahren ein Schaukel- 
pferd fiir Knaben. Je eine Cousine vaterlicher-, wie miitterlicher- 
seits war unverkennbar amphigen invertiert. Der Kranke selber hatte 
ein unverhaltnismaBig breites Becken und auBerst sparliche Bart- 
entwickelung. Als Kind soil er nur mit Puppen, nie mit Soldaten 
gespielt haben, er beteiliglie sich nie an Knabenspielen und lernte 
aucn sticken. 

Demnach ein reiner Fall von Inversion mit masochistischen 
Ziigen. Was ergab nun die Analyse des obendrein sehr intelligenten 
Kranken? Zunachst etwas sehr Merkwiirdiges : Seine friiheste Neigung 
gehorte den Frauen, und zwar nicht einer, sondern gleich einer An- 
zahl. Die Erstgeliebte war die Mutter, von der er sich freilich spater 
abkehrte. Mit zwei Jahren fiihlte er sich machtig zu einer alten 
Kinderfrau hingezogen, der er direkt einen Heiratsantrag machte, 
und welcho er spater in wiederholten Traumen der Pubertat zu Koitus- 
phantasien benutzte. Etwas spater folgte seine besondere Galanterie 
gegen das gleichaltrige Madchen, die so auffallend war, daB ihn seine 
Mutter dariiber aufzog und er sich darob sehr genierte und argerte. 

Auch eine Dienstmagd machte in den allerersten Jahren pinen 
tieferen Eindruck auf sein Herz und kehrt in verschiedenen Manner- 
typen wieder. Von homosexuellen Neigungen der ersten Jahre fulirc 
ich als starkste und allerwichtigste die Liebe zu zwei Vettern an, 

«) A. a. O., p. 312. 
*3) Jahrg. IX, p. 341 ff. 

**) J. Sadger: 1st die kontrare Sexualempfindung hoilbar? In 
'lor Zeitschr. f. Sexualwiss., 1908, p. 712 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



482 

mit deneu er vom ersten Jahre ab spielte, dann im zweiten Jahre 
die zu einem 9 jahrigen Baron, im vierten zu einem Kuaben, der ihn 
masturbieren lehrte, im sechsten und siebentea zu einem Hauslehrer. 
Im vierten Jahre schlief er aus AnlaB der Entbindung seiner Mutter 
eine Zeitlang mit dem Vater in einem Bette, woran sich eine Reihe 
homosexueller Wiinsche und Phantasien auf diesen kniipfte. Als dann 
sein Schwesterchen zur Welt kam, verliebte er sich alsbald auch in 
dieses. Noch auffalliger sind im siebenten und achten Jahre des 
Patienten ein paar normalgeschlechtliche Verliebtheiten in drei bis 
vier gleichaltrige Schuhnadel. Wie sich dann herausstellte, gab jede 
von diesen etwas fiir einen spateren Typus her, und zwar fiir Jiing- 
linge sowohl als Madchen, die spater sein Wohlgefallen erregten. 

All diese Dinge, die dem Kranken vollstandig 
unbewuJJt gewesen und erst durch monatelange Ana- 
lyse sehr miihsam ausgegraben werden muBten, geben 
ein vollig neues Bild. Sie lehren uns vorerst, wie wenig 
auch der Intelligen teste sich kennt, wie vorsichtig also selbst die ehr- 
lichsten Angaben aufzunehmen sind. Zweitens, daB auch schein- 
bar reine Falle von Inversion der normalgeschlechtlichen Ziige nicht 
entbehren, ja daB die letzteren in groBer Zahl vorhanden sein konnen, 
ohne doch dem Kranken bewuBt zu sein. Zum dritten endlich, daB 
die Inversion iln friihester Kindheit bis zum vierten Lebens- 
iahre inklusive festgelegt wird, wenn sie auch meist erst in der 
Pubertat zum BewuBtsein gelangt. 

Icli sagte oben, daB hinter den gleichgeschlechtlichen Idealen 
stets wieder das andere Geschlecht zu finden sei. Auch die Heilung 
geht dann derart vor sich, daB, wenn man die verschiedenen Inver- 
sions-Auflagerungen durch Psychoanalyse weggebracht hat, die ur- 
spriingliche Heterosexualitat ins 'BewuBtsein tritt und sich Neigung 
zumfanderen Geschlecht entwickelt, nicht ohne Riickfalle in die Homo- 
sexualitat, hinter welchen dann wieder ein heterosexuelles zu finden 
ist. Der oben genannte Patient z. B. hatte schon am zehnten Tage 
der Analyse den Erfolg zu verzeichnen, daB er beim n a - 
n i e r e n sich nicht Manner mehr vorstellte, sondern direkt ein Mad- 
chen, bald regte sich Verlangen nach einem Koitus mit dem Weibe, 
dann berichtet er wieder: „Wenn mir jetzt ein Mannergesicht ge- 
fallt, was ohnehin nur mehr selten geschieht, brauche ich mich 
nur zu fragen: welches Weib steckt dahinter? was ich binnen einer 
halben Stunde herausbringe, und alles ist gut und voriiber." Am 
bezeichnendsten aber ist folgende Episode. Am 19. Tage der Ana- 
lyse meldet der Kranke einen argen Riickfall. Die mannlichen Schen- 
kel auf der Abbildung eines jungen Athleten, der bei Ronacher auf- 
trat, hatten es ihm angetan. Er trage eine kurze Hose, ahnlicb 
einer Schwimmhose. Da aber schon drangte sich eine bezeichnende 
Zw^ischenbemerkung ein: „Die Hose ist so gefaltet und gefranst, und 
das hat mich an die Unterhose eines Weibes erinnert." Ich ent- 
gecrnete sofort: „Ihr Riickfall in die Homosexualitat ist also eigent- 
lioh Heterosexualitat?" was er anfangs bestreitet. Doch in der nam- 
lichen Stunde bereits erzahlte er selber: „Am andern Tag in der 
Friihe ist dieser homosexuelle Trieb wiedergekommen, und zwar das 
Verlangen, von einem Manne im Anus koitiert zu werden. Ich stellte 
mir vor, ich liege auf dem Riicken, die Hande auf dem Riicken gefesselt, 
und irgendein junger Mensch — Brust und Gesicht ist ganz unbestimmt 
geblieben, nur die Schenkel waren stark vortretend, es waren die der 
Athletenfigur und dann hatte er auch diese Schwimmhose an — 
der koitiert mich." Ich erklare ihm seine Phantasien. In jener 
VorstelJung des Athleten mit der Unterhose eines Weibes seien zwei 
Vorstellungen zu einer verbunden, namlich einmal wirklich von einem 
Athleten, also einem besonders starken Manne gefesselt zu werden, 
und zweitens von seiner Mutter in Unterho^en, die ja nach seiner 



Digitized by VjOOQIC 



433 

Angabe auch so furchtbar stark sei. Er entgegnet darauf: „Ja, in 
Windeln gewickelt und so gefesselt zu werden. Ich glaube, es wird 
ofters passiert sein, daB, wenn ich mich in der Nacht naB oder vol! 
maclite, die Mutter rasch auf stand, nur in die Unterhosen schliipfte, 
mich aus- und natiirlich auch wieder einwickelte." 

Hier von einem „glanzenden*' Erfolge zu sprechen, verrat 
einen reeht betrachtlichen Grad von Optimismus. Ich selbst 
habe im Laufe der letzten Jahre eine ganze Anzahl von Personen 
gesehen, die sich einer zum Teil auf einen langen Zeitrauan 
erstreckenden eingehenden psychoanalytischen Behandlung unter- 
zogen, darunter Personen, welche die von Sadger betonte Vor- 
bedingung daU sie „von ihrer Abnormitat wirklich befreit sein 
wollen** und diesen Wunsch nicht bloB wegen eines sie .be- 
drohenden strafgesetzlichen Paragraphen hegen*^), durchaus er- 
fiillten. Fast libereinstimmend horte ich von ihnen, daB sie 
in mancher Beziehung, namentlich in der ersten Zeit der Be- 
handlung, eine gtinstige Wirkung verspiirten; es sei ihn6n ge- 
wesen — so drtickte eich einer aus — , als ware durch die 
Psychoanalyse ein Knoten in ihrer Seele gelockert und gelost 
worden; von einer Umwandlung des homosexuellen Triebes in 
einen heterQsexuellen konnte dagegen in keinem der zu meiner 
personlichen Kenntnis gelangten Falle die Rede sein. Und einer 
der erfahrensten Kenner der Psychoanalyse, Dr. Wilh^lm 
StekeH^a) schreibt: „Ich habe noch nie eine voUstandige Hei- 
lung einer Homosexualitat durch Psychoanalyse gesehen." Wenn 
Sadger einmal*^) von seiner Behandlung der Hoijiosexualitat 
sagt: „Was auch die Psychoanalyse nicht mehr zu losen ver- 
mochte, war dann angeboren, entsprach der sexuellen 
Konstitution'*, so erinnert dieser Ausspruch sehr an den ahn- 
lichen Satz von Schrenck-No tzing**^), in dem auch er 
die originare Form der kontraren Sexualempfindung als die 
der Heilung durch Hypnose nicht mehr zugangliche „Gemuts- 
belastung** bezeichnet. 

Beide Autoren geben in diesem Satz die Erklaxung ftir das 
Qnzureichende ihrer Methoden. Es beruht darauf, daB die 
Homosexualitat liberhaujptj „der sexuellen Konstitution ent- 
eprechend", originar ist, kein psychisches Erlebnis, sondern 

*5) Vgl. Jahrb. f. psychoanalytische u. psyc} )pathoIogische For- 
schungen. Plerausg. v. Bleuler u. Freud. I. Bd. II. Halfte. 

Karl Abraham: Bericht iiber die osterreichische u. deutsche 
psychoanalytische Literatur bis zum Jahre 1909, p. 689."" 

45a) Vgl. Zentralblatt fiir Psychoanalyse. Dritter Jahrg. Heft 4/5. 
1913. S. 200: Stekel, Die Ausgange der psychoanalytischen Kuren. 

*^) J. Sadger: Fragment der Psychoanalyse eines Homosexu- 
ellen. Im Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. IX, p. 347. 

*") V. Schrenck-Notzing, a. a. O. p; 199. 
Hirschfeld, Homosexualim. 28 



Digitized by V:iOOQIC 



4U 

das Ich selbst als der unzerstorbare Urgrund psychischen Ge- 

schehens. 

Die „zerteilende** Wirkung, wie sie die Patienten von der 

Psychoanalyse riihmen, wohnt der dritten psychischen Heil- 

methode, die A. Moll neuerdings unter dem Namen „A8Sozia- 

tionstherapie** mehrfach*^) geschildert hat, nicht inne. 

Er meint**): „Obwohl diese Art Therapie nahe liegt, ist 
sie bisher fast ganzlich igaoriert worden. Die Methode be- 
steht in der richtigen Leitung des Vorstellungslebens, in der 
methodischen Ausbildung der normalen und in der methodischen 
Unterdriickung der perversen Assoziationen. Dabei wird, wie von 
Freud, theoretisch vorausgesetzt, daB „bei fast alien Perversen eine 
Brucke vorhanden ist, die zum normalen Geschlechtsleben hiniiber- 
leitet." Auf dieser Briicke soil man nun moglichst viel normale 
Reize in das substituierte Gehirnzentrum hineinschicken, „wo die 
Vorstellungen lokalisiert sind, die das Weib zum Inhalt haben", wah- 
rend man dementsprechend bei der homosexuellen Frau heterosexu- 
elle Assoziationen in die im Schema als m bezeichnete Stelle senden 
muB, woselbst „die Vorstellungen, die den Mann zum Inhalt haben, 
lokalisiert sind". Deshalb soil „homosexuell entwickelten weiblichen 
Personen moglichst viel der Verkehr mit anstandigen jungen Man- 
nern gestattet werden", homosexuelle Manner aber sollen „moglichst 
wenig mit Geschlechtsgenossen und moglichst haufig mit weiblicheu 
Personen, besonders jiingeren, zusammen sein". „Tanzstunden, Sport, 
gemeinsame Ausfliige, geselliges Zusammensein und andere Gelegen- 
heiten sind gute Mitteli prophylaktisch und therapeutisch zu wirken. 
Der strenge Abschlui3 der Geschlechter ist vom Standpunkt der Per- 
version, besonders der Homosexualitat aus, nicht zu billigen." Ganz 
besonders wichtig erscheint dem Befiirworter der Assoziationsthera- 
pie die Lektiire ; vor allem ist den Homosexuellen Maupassant 
zu empfehlen. „Der Arzt wird sich mitunter," schreibt Moll^o), 
.,bei der Empfehlung von Lektiire iiber Bedenken- von Sittenrichtern 
hinwegsetzen miissen, und er kann gelegentlich selbst eine Lektiire 
empfehlen, die Moralpredigern geeignet erscheint, das „Schamgefiihl 
groblich zu verletzen . „Die etwas freiere Schilderung eines Weibes, 
die sinnlich erregende Schilderung eines Boudoirs oder eines Harems, 
wie sie sich nicht selten in der erotischen, aber auch in der gewohn- 
lichen belletristischen Literatur fin,det, wird zuweilen gute Dienste 
leisten.** 

Weiterhin kann man nach Moll mit Vorteil auch Abbildungen 
zu Heilzwecken benutzen; „leicht verhiillte weibliche Personen oder 
auch bekleidete, gelegentlich auch wirkliche Aktdarstellungen konnen 
Dienste leisten". Ahnlich sollen Theatervorstellungen, lebende Bilder 
uud kinematographische Darstellungen durch den Anblick „weiblicher 
Personen in erotisch anregenden Kostiimen" auf Homosexuelle wirken. 
Um auf diesem Wege geheilt zu werden, ist „die erste Vorbedingung 
der EntschluB, an der Behandlung mitzuarbeiten", „der gute Wille zur 
Mitwirkung". Dieser wird dann fehlen, „wenn der Homosexuelle unter 
dem EinfluB einer ungeeigneten Umgebung steht, die ihn in seiner 
Perversion bestarken will. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch das 
Wirken mancher Agitatoren anzusehen, die den Homosexuellen die 

*8) Vgl. besonders A. Moll: Handbuch der Sexual- Wissenschaf- 
ten. VII. Hauptabschnitt 1,5: Medizinisches iiber die sexuellen Per- 
versionen, p. 661 — 671. • 

*9) A. a. 0. p. 662. 

60) A. Moll, a. a. O. p. 665 f. 



Digitized by VjOOQIC 



435 

Unwandelbeurkeit und Unheilbaxkeit ihres Zustaades suggerierten." 
(p. 670.) 

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, einen Fall zu b^obachten, 
der recht treffend illustriert, was von dieser sogenannten „Asso- 
ziationatherapie" zu halten ist. T., einem seit zwei Jahren ver- 
heirateten Homosexuellen, hochgebildeten Akademiker, lag auBerordent- 
lich viel daran, seine Frau zu schwangern, die sich nngemein ein 
Kind wunBchte. Es bestand vollkommene impotentia coeundi, trotz- 
dem seit der Hochzeit niemals homosexuelle Betatigung stattgefundeu 
hatte und auch homosexueller Verkehr ganzlich vermieden wurde. 
T. hatte alles Erdenkliche versucht und war schlieBlich auch auf die 
Afisoziationstherapie verfallen. Aber weder die schons^n weiblichen 
Akte. noch der intensive Anblick weiblicher Schonheit^n in den be- 
sirickendsten Posen und Kostiimen fuhrten seine PoteAz herbei, und 
auch Maupassant lieB ihn im Stich. Da schlu^ er ' auf den Bat 
eines anderen Arztes den entgegengesetzten Weg ein. Er schloB sich 
abends in sein Studierzimmer ein, besichtigte mannliche Aktstudien 
und las homosexuelle Belletristik. Nachdem er mit d i e s e n Reizen, 
Vorstellungen und Assoziationen sein Sexualzentrum „geladen'*, betrat 
er hochgradig erregt das Schlafzimmer seiner Frau, und es gelang 
ihm, was er so lange ersehnte: der normale und schlieBlich auch er- 
folgreiche Koitus. 

Die MollBclie Aseoziationstherapie steht im Wider- 
spruch mit dem so nngemein spezifisch dif ferenzierten sexuelien 
Selektionsprinzip, nach dem nur Eindiiicke zur Wirkung kom- 
men, denen die individuelle Beschaffenheit des Sexualzentrums 
die entsprechend reagierenden Angriffspunkte bietet. Was ich 
in meinen „Naturgesetzen der Liebe'' liber die Konstanz und 
Anderung der Triebrichtung im allgemeinen sagte, gilt hier 
im ganz besonderen. Es JieiBt da^^) : „Wenn neuerdings ein 
Antor^) den Standpunkt vertreten hat, dalJ man dureh metho- 
disches Hineinsenken von Assoziationen in das Gehirn den 
Trieb nmmodeln konne, so ateht diese Anschauung im Wider- 
sprnch mit allem, was wir von der spezifischen Haftbarkeit von 
Sinneseindriicken wissen. Es ist diese Methode nicht viel anders, 
als wenn man einen Farbenblinden mit den von ihm nicht 
richtig erkannten Farben umgibt, oder einen Tauben heilen 
zu konnen meint, indem man ihn in Konzerte ftihrt. Was 
Goethe vom Sehorgan eagt: ^,War' nicht das Auge sonnen- 
haf t, die Sonne konnt es nie erblicken**, gilt von jedem Sinnes- 
organ, jeder Sinneszelle, auch vom Geschlechtssinn : ist der 
Geschlechtssinn nidit frauenhaft, so kann das schonste Weib 
ihn nicht in Vibration versetzen; es fehlt die H af tstelle.** 

Es kommt hinzu, dafl die Moglichkeit, ausschlieBlich die ge- 
\rQnschten Eindrlicke auf den Patienten wirken zu lassen und 



"J M. Hirschf eld: Naturgesetze der Liebe. 1912, p. 160 f. 

**) Zeitschrift fur Psychotherapie und medizinische Psycholcgie. 
Sonderabdruck aus Band III, Heft 1. Moll, die Behandlung sexu- 
eller Perversionen mit besonderer Berucksiohtigung der Assoziations- 
therapie. Stuttgart, 1911. 

28* 



Digitized by V:iOOQIC 



436 

die nicht gewtlnschten v5llig auszusch alien, im Grande nur 

eine rein theoretische ist, da der kleinste sich einschleichende 

adaquat'e Reiz auch bei groflter Vorsicht und sorgsamstex 

Auswahl alle Mlihe des Arztes und des Patienten liber d^n 

Haufen werfen muJJ. In den Beispielen, die Moll ftir die 

Macht solcher Gewohnung und Anpassung anfiihrt, verwechselt 

er augenscheinlich Ursache und Wirkung. Sowohl der Lehrer, 

den seiner Meinung nach sein Beruf padophil macht, wird 

umgekehrt dturch seine ihm selbst vielleicht zunachst unbe- 

wuJJte Sympathie zur Jugend in den Beruf gefiihrt; der Ehe- 

mann, der im Laufe der Ehe seine alle andern abstoBen,de 

Frau immer lieber gewinnt, wird nicht durchGewQhnung 

aeinen Abscheu liberwinden, sondern in der weitaus groBeren 

Anzahl derartiger Falle durcK eine den anderen unverstand- 

liche, meist fetischistische Neigung gerade zur Ehe mit dieser 

Frau veranlaflt sein. 

Theoretische Erwagungen und praktische Erfahrungen 

haben uns liibereinstimmend zur Evidenz gezeigt, dafl cbenso- 

wenig wie medikamentare, operative, diatetisch^, die psychischen 

oder sonstigen Methoden imstande sind, einen Zustand und 

einen Trieb zu zerstoren, der bis an das Lebensende unloslich 

der Individualitat anhaftet. Nur ein Mittel kann ihn vernichten : 

der Tod. 

Rohl€der^3) trif f t durchaus das Richtige, wenn er als Resii- 
mee seiner therapeutischen Auslassungen den Satz sperrt^*): „Die 
Homosexualitat, selbst die psychosexuelle Herm- 
aphrodisie ist therapeutisch durch nichts beeinfluB- 
bar, und was fiir die homosexuelle Triebrichtung gilt, gilt auch fiir 
die heterosexuelle." Ein wahres Wort iiber die arztliche Behandlung 
der Homosexuellen findet sich auch bei Back ^Aa). Dieser offenbar sehr 
gut unterrichtete Autor sagt: „Was die Natur im Keime verfehlt, 
das wird der Mensch mit allem seinen Wissen kaum zu korrigieren 
vermogen, und deshalb mogen sich die Homosexuellen als mundus in 
mundo ihi* Dasein zimmern, hiiteu aber mogen sie sjch vor der Tor- 
heit zu heiraten und vor falschen Vorstellungen von unserem arzt- 
licben Konnen bei der Behandlung ihrer Anlage, die Suggestion und 
Elektrizitat, Isolierung und Wasser, Licht, Diat und Medizin ebenso 
wenig ipastande sind zu beseitigen, wie es moglich gewesen ware, 
einem Moiart seine musikalischen Anlagen zu nehmen oder einem 
Michelangelo neben seiner Homosexualitat die Gottesgabe des Kiinstler- 
tums". 

Und in der Tat, wie soil man auch erwarten, dafl irgend- 
eines der genannten Mittel und Medikamente imstande sein 



**) H. Rohleder: Vorlesungen iiber Geschlechts trieb u. ge- 
samtes Geschlechtsleben des Menschen, 2. Aufl., 1907. 

w) A. a. O., p. 415. 

^) Dr. Georg Back, Sexuelle Verirrungen des Menschen und 
der Natur, Berlin 1912, p. 674. 



Digitized by VjOOQIC 



437 

soUen, eine Leidenschaft zu vernichten, die weder Furcht vor 
Strafe, noch die vor gesellschaftlicher Achtung, vor Familien- 
schande, Verlust der Lebensstellung, vor Erpressungen und 
sonstigen Unbilden vernichten konnte. 

Horeu wir noch einige gebildete Homosexuelle selbst. Ein 
Schweizer Uranier schreibt: „von Jugend an bin ich hartnackig 
gegen mich angegangen und habe mir die grofite Miihe gegeben, 
meine Keigungen zu beherrschen. Es gelang mir hie und da, 
aber leider machte ich stets dieselbe Erfahrung; je langer ich 
anscheinend siegreich den Trieb unterdnickte, um so neftiger 
Icehrte er auf einmal zuriick. Hauptsachlich geschieht dies nachts 
beim Erwachen, wenn die Willenskraft durch den Schlaf vermindert 
ist. Was habe ich nicht alles angewandt: feste Entschliisse und Ge- 
Ifibde, Arzte zu Rate gezogen, Wasserkuren, Hypnose und Elektrizitat, 
systematische Ablenkung der gefahrlichen Gedanken durch korper- 
liche Ubungen, Ackerbau, Reisen, Militardienst, Studien, Lesen usw. 
Ich opfertc geliebte Gegenstande; weder Religion noch Philosophic 
waren mir behilflich. Ich litt stark an LebensiiberdruB. Vier Jajire 
war ich leidenschaftlich in einen jungen Mann gleichen Alters verliebt, 
bis derselbe im 24. Jahre starb, ohne daB ich ihm jemals eine AuBerung 
machen durfte. Es war ein Hollenleben." Ein Urning wHnscht sogar 
ein Gesetz, „welches den Seelenarzten anbefehlen soil, wenn sich ein 
verzweifelnder Uranier an sie um Hilfe wendet, denselben auf elek- 
trischem Wege zu toten, damit er seines grausamen Geschickes, 
welchem verglichen korperliches Sichtum ein wahres Labsal ist, 
schmerzlos enthoben werde." 

Es gibb viele Uranier, die die Nutzlosigkeit ihres Ringens ein- 
sehend, sich alsbald auf den Standpunkt stellen: c*est plus fort que 
moi. Auch hier moge einer fiir mehrere sprechen. Ein nomosexuelier 
Ungar schreibt: „Unsere Liebe ist genau so, wie die der gewShnlich 
Empfindenden, bis in die kleinsten Regungen genau so; was unsere 
Liebe entstellt, ist die Furcht. Unsere Leute miissen sich ihrer 
Liebe schamen; das verzerrt ihr Bild. Auf Verfiihrung kann es nicht 
beruhen, da mich niemand verfiihrt hat. Ich allein, aus eigenem 
Drange heraus, bot mich zum eraten Male — und wie gerne — meinem 
Liebsten an. Von einer ganzlichen Unterdruckung des Triebes zu 
sprechen ware Unsinn ; man wiirde krank oder verriickt werden. Gleich 
am Anfange war meine Liebe, obwohl tastend und unbestimmt, doch 
immer auf Manner gerichtet. Sehr friih, mit ca. 14 Jahren, fiihlte 
ich bereits, daB ich anders war, doch ich konnte es mir nicht erklaren, 
daher wurdc ich sinnend und lernte iiber mich und mein Innenleben 
nachdenken. Vom Vorhandensein der Homosexualitat wuBte ich da- 
mals noch gar nichts, kam aber nach und nach iiber mich ins Reine. 
Nur das eine war schon damals fest: ich haBte bartlose, weibliche 
und weibische Manner, die floBten mir Ekel ein ; wahrend blonde, 
Starke, derbe, schnurbllrtige Manner mich rasend verliebt machten, 
ich ihnen nachlief und alles fiir sie getan hatte, denn ihre Nahe 
allein machte mich unsagbar gliicklich. Wogegen soil ich ankampfen? 
Gegen etwas, was keinen Menschen verletzt? Nein, dagegen habe und 
werde ich nie ankampfen I Ich bin nicht krank I Ich war mit meiner 
Mama diesbeziiglich bei Budapester Psychiatern, sie erklarten, an 
meiner Veranlagung sei nichts zu andern." Mama war anfanglich sehr 
ungliicklich, jetzt nimmt sie es schon leichter, und ich war, seit ich 
iiber meine Psyche im Klaren bin, nicht eine Minute ungliicklich. Mit 
gemeinen Leuten gebe ich mich nicht ab, und erst muB ich jemand 
sehr, aber schon sehr genau kennen gelernt haben, bevor ich etwas 
anfange ; bin auBerst vorsichtig. Bin sehr leicht erregt ; gewiB kann 
ich meinen Geschlechtstrieb beherrschen, doch nur bis zu einer ge- 



Digitized by VjOOQIC 



438 

wisseu Grenze. WuBte auch nicht, weshalb ich meinen Trieb ffanz 
dammen sollte, ist doch die Befriedigung auf reinere und asthetiscnere 
Weise zu erlangen als bei HeterosexueUeii, und da wird weder Gott, 
noob konnen die Menschen etwas dagegen haben. Und wer ein Liist- 
ling ist, der wird es ebensogut als Hetero- wie als Homosexueller sein. 
Ich suche nur dann Befriedigung, wenn es wirklich scbon s e h r not- 
wendig ist; etwa alle zwei Monate. Ich kiisse meinen Freund heftig, 
er umarmt mich fest, und wahrend er mich innig an sich preBt und 
liber meine Geschlechtsteile fahrt, bekomme ich sofort heftiffen Samen- 
erguB. Einsame Onanie ist und war mir immer unbegreiflich." 

Lesen wir diese und viele ahnliche Berichte, so kann man 
nicht zweifeln, dafl es sich bei der Homosexualitat um einen 
nicht beherr^hbaren Trieb handelt. Von mehreren hundert 
Hoinosexuellet, die nach sorgsamer Prlifung die Frage beant- 
wortcn sollten: halten Sie ihren Geschlechtstrieb fiir unliber- 
windlich? antworteten 98<yo dem Sinne nach : auf dieDauer 
ja, nur 2o/o erklarten ihre Leidenschaft ftir beherrschbar, 
sagten aber nicht, fiir wie lange Zeit. Im einzelnen diixftie 
di(> Starke des Triebes und die Kraft der Hemmungen, als deren 
Resultante uns die sexuelle Betatigung entgegentritt, sehr 
verschieden sein. Sicherlich gibt es unter tausend homosexuellen 
M^nnern und Frauen einige, die ihr Leben lang abstinent leben; 
ich kenne einige, die erst nach dem 50. Jahr zum ersten Mai 
sexuell verkehrten, aber das sind doch nur verschwindend ge- 
ringe Ausnahmen. Dabei branch en wir nicht anzunehmen, daQ 
das durchschnittliche Bedtirfnis der Homosexuellen nach Betati- 
gung groBer ist als das der Heterosexuellen, allerdings auch 
nicht geringer. 

Wenn Krafft-Ebing in der Schrift „Der Kontrar- 
aexualc vor dem Strafrichter** von der homosexuellen Emp- 
findung sagt^^) : „Sie macht sich in der Kegel mit abnormer 
Starke geltend, beherrscht in oft geradezu krankhaf ter Weise 
das ganze Denken und Ftihlen der mit ihr Behafteten und kann 
zeitweise so heftig sich Befriedigung erzwingen, dafl Beherr^ 
schung uumoglich wird, umsoweniger, als diese Befriedigung 
als wohltatig, n5tig und nattirlich empfunden wird, somit sitt- 
liche Gegenvorstellungen nicht zu Gebote stehen", so liegt 
dies im wesentUchen daran, dafl fiir den Homosexuellen keine 
Sexualordnungen bestehen, welche es erm5glichen, den Ge- 
schlechtstrieb als ein gelostes Lebensproblem aus seinem Denken 
und Fuhlen auszuschalten. Schon bei homosexuellen MSnnern 
und Frauen, die zusammenwohnen, tritt seine Bedeutung 
wesentlich zurUck. 



**)v. Krafft-Ebing: Der Contrarsexuale vor dem Straf- 
richter, p. 7. 



Digitized by V:iOOQIC 



DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL. 

Adaptionsbehandlung (Anpassungstherapie) der Homo- 

sexualitat 

Soli sich nun der Arzt angesichts der Erkenntnis der Un- 
abander'lichkeit der Homosexualitat auf den Standpunkt des 
Nihilisraus stellen, soil er die Behandlung Homosexueller ab- 
lehnen und die Homosexualitat als eine nicht in sein Intter- 
essengebiet fallende anthropologische Varietat betrachten? Mit- 
nichten. Wie bei einer korperlichen Wunde durch Absonde- 
rung der Druck und Schmerz nachlaUt, so entlastet sich eine 
seelische Wunde durch befreiende Aussprache. Diese losende, 
oft geradezu erlosende Wirkung durch Wort und Schrift wird 
um so wohltatiger empfunden, je mehr Verstandnis, richtige 
und eingehende Beurteilung dor Leidende findet. Der in seinem 
Seelenleben von der Norm Abweichende spiirt sehr bald her- 
aus, ob der Arzt, dem er sich anvertraut, Art und Grad seiner 
Beschwerden begreift. Versetzen wir uns in die Lage eines 
Menschen, der sich nach vielem' Zagen endlich entschlieBt, eine 
Beichte abzulegen liber Empfindungen, Neigungen und Hand- 
lungen, die ihm selbst bald als Sdiuld und Slinde, bald als 
geistige Verirrung und Verwirrung, bald als schweres Ungliick er- 
schienen sind, liber einen Zustand, der ihn mit dauernden Ge- 
fahren bedroht. Diese Personen haben das Bewufltsein: „ein 
Schwert des Damokles pendelt liber ihrem Haupte**, „sie tanzen 
auf einem Vulkan". Mehr als zehnmal haben sie sich fest 
vorgenommen, mit einem Arzt zu sprechen, ihta ,,alles" zu 
sagen; ebenso oft brachten sie es nicht liber ihre Lippen; sie 
gingen vor seinem Hause auf und ab und kehrten schlieB- 
lich um ; sie bef anden sich im Wartezimmer des Arztes und gingen 
unverrichteter Sache davon; sie saflen im Sprechaimmer dem 
Doktor gegentiber und tauschten ihm im letzten Moment irgend- 
eine andere Krankheit, an der si^ l^iden Qder nicht lei den ^ Kopf- 



Digitized by VjOOQIC 



440 

weh, Schlaflosigkeit, Hamorrhoiden, vielleicht sogar Impotenz 

vor und gelangen in langstlichem Bangen nicht an ihr Ziel. 

Wenn der Urning sich nun aber endlich ein Herz gef aBt hat, und 

der Arzt macht ihm zwar keine Vorwtirfe, speist ihn aber mit 

Satzen ab wie: „Sie bilden sich das gewifi nur ein** oder „Sie 

haben wohl Krafft-Ebing oder ahnliche Schriften gelesen** 

(er tat es, aber langst, nachdem sein Flihlen determiniert war) 

oder ;„das sind noch Folgen der Onanie**, oder der Arzt be- 

gniigt sich, ihm Aphrodisiaka oder Nervina zu ver- 

ordnen, oder laBt ihn — wenn er Anhanger der Hypnoser 

therapie ist — die Augen schlieBen und scharft ihm ein: 

„von jetzt ab werden Sie nur noch fur das Weib Liebe emp- 

finden** — dann merkt der Homosexuelle nur zu bald, dafl 

er bei diesem Arzt weder Hilfe noch sachVerstandigen Rat 

finden kann. 

Nicht saltan schrecken einen Homosexuellen audi Bemerkungan 
ab, die ein Arzt, in manchen Fallen dar Hausarzt der Familie, im all- 
gemeiDeu uber die Homosexualitat fallte, ohne zu wissen, daJJ sie das 
Ohr eines parsonlich Beteiligten trafen. So barichtete mir einmal ein 
Patient, der, ca. 35 Jahra alt, wagan hochgradigar nervoser Angst- 
zustande vollig arbaitsunfahig seit nahazu ainem Jahrzehnt mit kurzen 
Unterbrechungan von ainem Sanatorium in ain andares gegangan war, 
dai3 er immer versucht hiitta, in allgameinen Gasprachen heraus- 
zuboren, wie der Arzt iiber die Homosexualitat dachte; weil fast alle 
aine ungiinstiga Meinung aufiertan, h§,tte ar sich niemals entschlieBen 
konnan, die eigentliche Ursacha seiner schweren Naurasthenie zu offan- 
baran. . 

Der Arzt, der von einem Homosexuellen konsultiert wird, 
hat die Aufgabe und Pflich't, sich ein Urteil tiber den Fall erst 
auf Grund sehr eingehender Exploration zu bilden. Er muiJ 
sich ganz genau informieren uber das erste Auftreten homo- 
sexueller Empfindungen, iiber Kindheit, Jugend und Reife- 
zeit, liber Abstammung und Erziehung des Betreffenden, iiber 
seine seelischen und korperlichen Eigenschaften, seine Inter- 
essen und Fahigkeiten, er muB nach dem Inhalt der erotischen 
TrUume forschen, nach den Typen und Eindriicken, die ihn 
unwillkiirlich fesseln, nach dem, was ihn sexuell abstoBt und 
anzieht, nach Vorstellungen bei etwaiger Selbstbefriedigung, er 
raufl einen Bericht erhalten, welche sexuellen Akte versucht 
und vorgenommen wurden, wie sie verliefen, mit welchen 
Mitteln gegen die unerwiinschte Triebrichtung angekampft 
•wurde. Daran wird sich eine korperliche Untersuchung zu 
schlieBen haben, bei der sowohl auf Stigmata neuropathischer 
und degenerfitiver Disposition als auf feminine Einschlage beim 
homosexuellen Mano, auf virile bei der homosexuellen Frau 
geachtet werden und unmerklich auch ein Blipk auf die Klei- 



Digitized by VjOOQIC 



441 

dung und Unterkleidung der Patienten geworfen werden muB. 
Alles das wird sich kaum jemals in einer einzigen Konsultation 
btewerkstelligen lassen, vielmehr wird es einer ganzen Reihe 
von Besprechungen bediirfen, um ein klares Bild zu gewinnen. 
Diese methodische Befragung, wobei sich mir der psycho- 
biologische Fragebogen als gutes diagnostisches Hilfsmittel be- 
wahrt hat, wird auch den Patienten selbst schon eine nicht un- 
wesentliche Erleichterung bringen. Wie treffend heiBt ea doch 
in Goethes „Tasso** (III, 2) : 

„Die Krankheit des Gemtites loset sich 

In Klagen und Vertrau'n am leichtsten auf.** 

Das Ergebnis, zu dem wir gelangen werden, kann ein vier- 
f aches sein. Entweder tauischt sich der Patient selbst iiber 
scinen Zustand, er ist liberhaupt nicht homosexuell, sondern 
es liegt einer der im Kapitel tiber Differentialdiagnose ge- 
schilderten Komplexe vor, die zu einer Verwechslung mil 
Homosexualitat fiihren konnen. Dann wird man dies dem um 
Rat Fragenden ausftihrlich auseinandersetzen und begrlinden 
mlissen. Oder aber — diese zweite MogUchkeit wird namentlich' 
bei Jugendlichen nicht selten vorkommen — es ist noch nicht 
moglieh, eine sichere iDiagnose zu stellen. Dann wird man 
alios tun, die heterosexuellen Neigungen zu kraftigen, voUige 
Entfernung aus dem homosexuellen Milieu fordem und die 
Entscheidung auf ktirzere oder langere Zeit, gelegentlich auch 
wiederholt vertagen. Die dritte Moglichkeit ist, daB es sich 
um psychischen Hermaphroditismus, um einen Bisexuellen 
handelt, wobei es dann der Losung der Unterfrage bedarf, ob 
und in welchem Grade die eine der beiden seelischen Kompo- 
nenten das Ubergewicht hat. Das vierte Ergebnis endlich kann 
sein, daB wirkliche, echte Homosexualitat vorliegt.; was 
werden wir d a tun ? 

In diesem Falle werden wir die homosexuelle Personlich- 
keit — gleichviel ob Mann oder Weib — in erster Linie zu 
beruhigen haben; wir werden ihr erklaren, daB es sich um 
eine eingeborene unverschuldete Triebrichtung handelt, die nicht 
als solche, sondern durch die ungerechte Beurteilung, die sie er- 
fahrt, ein Ungllick darstellt, daB sittlich hochstehende Homo- 
sexuelle, worunter nicht nur vollig abstinente zu verstehen 
sind, „mehr Unrecht leiden, als Unrecht tun*' ; wir werden wei- 
t-erhiu auseinandersetzen, daB das Ungllick, homosexuell zu sein, 
sehr oft iiberschatzt wird, daB es viele keineswegs als solches 
empfinden, und die Homosexualitat an sich niemanden hindert, 



Digitized by VjOOQIC 



442 

wenn auch gegenwartig noch vielfach unter erhohten Schwierig- 
keiten, ein tlichtiger Mensch, ein sozial nlitzliches Glied der 
Gesellschafi zu werden. Wir werden dies durch einige Beispiele 
aus der Geschichte belegen und dann auch auf die weite Ver- 
breitung der Homosexualitat in der Vergangenheit und Gegen- 
wart eingeheir, um den sich meist sehr isoliert Flihlenden die 
qufilende Vorstellung der Vereinsamung zu nehmen. Als An- 
gehSrige einer groBen Menschheitsgruppe wird der Homosexu- 
elle seine Lage ganz anders beurteilen als ein mit dem Stempel 
der Monstrositat behafteter Sonderling. Das alte Dichterwort: 
,^olamen raiseris socios habuisse malorum*' bewahrt hier oft 
genug seine bedeutungsvoUe Wahrheit. 

Die deprimisrenden Kohabitations-Versuche mit dem anderen 
Geschlecht sollen aufgegeben werden, vor allem auch der Ge- 
danke an eine Ehe, die, abgesehen von der Rlicksichtslosigkeit 
anderen gegenliber, nur die eigene Situation zu verschlimmern 
imstande ist. Etwa zu diesem Zweck angewandte potenz- 
steigernde Mittel sollen nicht mehr genommen werden, aber 
auch, von Ausnahmen abgesehen, nicht „beruhigende** Arzneien 
wie Brom, vor allem nicht Morphium. Solche Medikamente 
setzen nur die nervose Widerstandsfahigkeit herab, die gerade 
gehoben werden soil. Der Steigerung der Nervenkrfifte dient 
vor allem eine nach bestimmten Geaichtspunkten geregelte 
. Lebensweise. Fiir diese Allgemeinbehandlung wird sich in 
manchen Fallen, zumal es dem allein stehenden Homosexu- 
ellen oft an entsprechender Pflege mangelt, eine roborierende 
und gleichzeitig kalmierende Kur in einem Sanatorium unter 
Leitung eines Arztes, dem sich der Patient voll und ganz an- 
vertrauen kann, empfehlen. 

Um zu der therapeutisch so wichtigen volligen Klarheit 
liber sich selbst zu gelangen, sind mit dem Patienten, dessen 
melancholische Gemlitsstimmung sich nicht selten bis zu Selbst- 
mordgedanken steigert, noch zwei weitere Hilfsmittel zu be- 
sprechen: gute Lektiire und Anschlufl an geistig hochstehende 
Gleichempfindende. 

Von geeigneten Schriften leisten, um nur einige wenige zu nennen, 
auch haute noch Platos Dialoge gute Dienste, ferner Werke wie 
Gleichen-RuBwurms Freundschaft i), Carpenters feinsioniize 
Arbeiten, die Jahrbiicher fiir sexuelle Zwischenstufen mit ihren zahi- 
reichen biographischen Studien, Platens Tagebiicher und E 1 i 9 a- 
ri(»n V. Kupffers Anthologie der Freundcsliebe. 



i)A. V. Gleichen-RuBwurm: Freundschaft. Eine psycho- 
logische Forschungsreise. Stuttgart, 1911. 



Digitized by VjOOQIC 



443 

Mit Recht schreibt GrabowskyS) in C here ins timmung mit 
Nacke, Meisner^a) imd vielen anderen : 

„Segensreich hat bereits die Literatur iiber das Urningtum ge- 
wirkfc, wieviele Urninge leben in den Provinzen, die eines Tages ihren 
kontraren Trieb merkend, dadurch tief ungliicklich gemacht werden, 
weil sie wahnen, dafi sie mit solchem Tnebe allein stehen; die in 
steter Furcht ihre Tage hinbringen, es mochte ihr Trieb einmal ent- 
deckt werden und sie dadurch ihres Ansehens in der menschlichen Ge- 
sellschaft verlustig gehen. Aus welchem Jammer werden diese Un- 
gliicklichen erlost, wenn sie nun durch die Literatur erfahren, dafi 
sie keineswegs mit ihrem Triebe allein slnd, sondorri noch vide, viele 
Tausende Schicksalsgefahrten habeni" 

In ahnlicher Weise wirkt die Bekanutschaft charaktervoUer Homo- 
sexueller, die bereits in den Hafen der Selbsterkenntnis eingelaufen 
sind. Allerdings bedarf es bier einer gewissen Vorsicht, weil es vor- 
kommen kann, dafi der Wunsch nach geistigem Verkehr als Vorwand 
fiir korperlichen angegeben wird. So richtete einmal ein Homosexueller, 
der sicn an seinem kleinen Ort sehr vereinsamt fiihlte, die flehent- 
liche Anfrage an mich, ob ich ihm nicht die Moglichkeit gewahren 
konnte, sich mit einem „Leidensgenossen" auszusprechen. Auf wieder- 
holtes Versichern fragte ich bei einem mir in derselben Stadt be- 
kannten, gleichfalls recht vereinsamten Urning. an. Nachdem beide 
sich kennen gelernt hatten, schrieb mir der Bittsteller, er sei sehr 
enttauscht, der Leidensgenosse hatte einen Spitzbart und sei schon 
50 Jahre alt. 

Sehr wesentlich scheint es mir ferner, dem Homosexuellen, 
der unsern Rat erbittet, klarzulegen, dafi auch heute noch 
die Lehre P 1 a t o s von dem Unterschied zwischen ethiseh subli- 
mierter und korperlicher Betatigung zu Recht besteht. Aus 
beiden, nicht nur aus der letzten Form, entstromt dem Homo- 
sexuellen eine Quelle des Glticks und der Befriedigung. Das 
geistige Ausleben gleichgeschlechtlicher Liebe ist dem Homo- 
sexuellen unbenommen, wenngleich oft genug durch Vorurteile 
erschwert. Wurde doch erst vor kurzera in einer grofien Jugend- 
organisation, um deren Gedeihen sich Homosexuelle erhebliche 
Verdienstc erworben hatten, von der Majoritat Her Alteren 
— dem Elternrat — dahin entschieden, dafi nicht etwa nur 
Personen, die sich homosexuell betatigten, sondern auch solche, 
die seelisch homosexuell empfanden, auszuschlieflen seien. 

In mannigfachster Hin'sicht kann der Homosexuelle iiicht 

nur auf sportlichem Gebiet, sondern auch in Kunst und Wissen- 

schaft und vor allem auf dem grofien Felde der Erziehung 

Aquivalente der Entspannung finden, wirken und schaffen ; 

er kann sich den Interesseri derer widmen, deren Gegenwart^ 

Anhanglichkeit und Liebe ihn belebt und erfrischt. 

Das war es ja so recht, was die griechischen Philosophen wollten 
und meinten, vor allem Plato, der „die ubertriebeno ginnlicho Leiden- 

2) Dr. Norbert Grabowsky: Die verkehrte Geschlechtsemp- 
findunc oder die mannmannliche und weibweibliche Liebe. P. 17. 
^a) Mei&ner, a. a. O. p. 4. 



Digitized by VjOOQIC 



444 

schaft nur deshalb bedauerte, weil sie d£is Gleichgewicht der Seele 
stort, den Menschen leicht machtlos, hoherer Weisheit unzuganglich 
and hoheren Gliicks unwiirdig macht". „In diesein Sinne gait ihnen" 
— wie Gleichen-KuBwurm^) so trefflich ausfiihrt — „leideii- 
schaftlicho Frauenminne fiir ebenso verwerflich, wenn nicht fiir ver- 
werflicher**. Der eben genannte Autor faBt an anderer S telle diesen 
Gedanken der platonischen und nachplatonischen Philosophic *) in 
folgeuden Satz zusammen: „Das Gefuhl inbriinstiger Dankbarkeit von 
Schiller zu Meister, die SiiCigkeit des Erfolges von Meister zu Schiiler, 
liebevoller Wettbewerb zwischen Altersgenossen im Guten und Schonen 
ist der Inhalt ihrer Freundschaftslehre, die zarten Wonnen, die sie 
verheiBt, der Lohn wiirdiger Neigung von Mann zu Mann"; er schlieBt 
daa Kapitel, in dem er die antike Jiinglingsliebe behandelt, mit fol- 
gendem bemerkenswerten Satz : ^) „Die Stoiker batten die Sinnen- 
liebe in der Freundschaft mit Achselzucken abgefcrtigt, die eifrigen 
Christen verdammten sie mit pathetischer Geste, mit ziirnend zum 
Fluch erhobener Hand." 

Obrigens existiert wohl kaum ein Homosexueller, der sich nicht 
seiner seelischen Triebrichtung entsprechend in sublimierter Form, 
wenn audi oft ohne daB er sich dessen bewuBt wird, betatigt. DaB 
der Eindruck irgendeiner Gestalt, die unser Auge trifft, lustbetont 
im Gebirn empfunden wird, dessen kann niemand sich erwehren; so- 
bald sich aber spontan die Sinne an den Reiz heften, ihn suchen 
and wieder suchen, verschaffen wir uns zentrifugal Lust und betatigen 
uns. Es hangt nicht zum mindesten von der Starke der Phantasie 
ab, inwieweit eine Reizung der Sehnerven bei jemandem das zuwege 
bringt, was bei einem andern nur Reizungen der Gefiihlsnerven ver- 
mogen. Ein Beispiel: vor einigen Jahren starb an einer siiddeutschen 
Universitat ein alter homosexueller Professor. In seinem Testament 
hatte er mich zum Erben einer noch jetzt in meinem Besitz be- 
findlichen Sammlung von etwa 3000 mannlichen Aktstudien eingesetzt. 
Er hatte sie sich aus aller Welt, namentlich aus Italien schicken 
lassen, fein sauberlich aufgezogen und mit Nummern und Zeichen 
versehen. Bei vielen hatte er die Namen der Originale beigefugt, 
nach denen sie photographisch aufgenommen waren, stolze, klassische 
Namen, wie sie noch jetzt in der niederen italienischen Bevolkerung 
traditionell sind: Cesare und Horatio, Romulo, Vergilio, Adriano, An- 
tonio, manche in hundert und mehr Stellungen. Diese nackten Jiing- 
lingsbilder, zum Teil von kiinstlerischem Wert, zum Teil auch offen- 
kundig zu erotischen Zwecken hergerichtet, bildeten die ganze Freude 
des alten Universitatsprofessors. Jeder neuen Sendung sah er mit 
Spannung ent^egen, der nur selten eine Enttauschung folgte. Trotz- 
dem er Antonio und Romulo nie lebend geseheu, stand er mit ihnen 
auf vertrautestem FuBe; stundenlang versenkte er sich in stillem 
Gliick in ihre Korperformen, umgab sie mit Erlebnissen, die ihn in 
seine Traume verfolgten. Er war in kameradschaftlicher Ehe ziem- 
lich harmonisch verheiratet. Seine geistig hochstehende Frau hielt 
ihn fiir einen gelehrten Sonderling, schatzte sein enormes Wissen, 
seineii FleiB und guten Charakter, ahnte aber wohl schwerlich, daB 
das Wenige, was er ihr im Ehebett gab, eigentlich den Gestalten seiner 
Traume, Cesare und Aristide, gait, ditrch dereii idcelle Beihilfe sie 
drei geliebten Kindorn das Loben schcnktc. 

Das Schwierigsto, was wir mit dem Homosexuellen zu 
besprechen haben, ist die Frage der korperlichen Sexualbe- 

3) A. a. O. p. 77. 

4) A. a. O. p. 79. 
^) A. a. O. p. 91. 



Digitized by VjOOQIC 



445 

tatigung. Wtirden wir uns nur auf rein hygienischen Stand- 
punkt stellen, unbeeinfluBt von Vorurteilen und unbektimmert 
um Gesetzesvorschriften, deren Voraussetzungen sich als irrig 
erwiesen haben, so wtirden wir zweifelsohne bemliht sein, das 
ftir das jeweils individuelle Befinden notige Minimum und das 
erlaubtc Maximum nach MaBgabe aller flir die Personlichkeit 
in Frage kommenden Momente insAuge fassen. Wir wlirden das 
richtige Gleichgewicht zwischen den Reflex- und Hemmungs- 
mechanismen herzustellen suchen, etwa im Sinne des Aus- 
spruches von Feuchtersleben: „Die Leidenschaften woUe 
man nicht ertoten, wodurch die geheimnisvoUen Keime und 
Triebkrafte des Lebens und der Gesundheit getotet wlirden; 
man wisse sie nur gegenseitig zu balancieren, zu mafiigen, zu 
beherrschen". 

So einfach liegt nun allerdings flir den arztlichen Rat- 
geber die Frage nicht. Hat man doch sogar die Frage aufge- 
worfen, und sachkundige Juriston neigten dazu, sie zu bejahen, 
ob sich nicht der Arzt, der einem Patienten den sexuellen Vv«^r- 
kehr empfiehlt, strafbar macht. 

Einige Autoren, denen das Wohl ihrer "Kranken am Herzen 
lag, haben, ihrer Verantwortung vol! bewuBt, gleichwohl kein 
Bedenken getragen, dort, wo sie infolge allzu heftiger Unteir- 
driickung hochgradige Seelenstorungen auftreten sahen, eine Ent- 
spannung durch sexuellen Verkehr zu raten, von dem sie 
wuBten, daB er wie ein Spezifikum wirken und das einzi^e in 
Frage kommende Heilmittel sein wtirde. 

loll erinuere mich eines amerikanischen Arztes, und ich konnte 
zahlreiche ahnliche Beispiele anfiihren, der an einem permanenten 
Kopfdnick litt, so heftig, daB ihm alle Lebensfreude getriibt war. 
Er war schlaflos, nahezu arbeitsunfahig und reiste in der Welt umher 
von einer Autoritat zur andern. Mit dem Tage, wo er sich zur ge- 
sclilechtlichen Betatigung der homosexuellen Neigungen entschloB, die 
er bis dahin mit Aufbietung aller seiner Krafte sublimiert hatte, 
wai-en alle seine Beschwerden wie mit einem Schlage verschwunden. 
Der miCmutige, schweigsame Mensch, dem der Stempel der Verstort- 
heit und Vcrzagtheit auf der Stirne stand, war nicht wiederzuer- 
kennen, so frisch sah er aus ; er schlief, fiihlte den Kopf frei, konnte 
arbeiten, und spriihende Freudigkeit strahlte aus seinen Augen. 

Ein Herr von etwa 50 Jahren suchte einen Schweizer Psy- 
chiater auf. Dieser explorierte ihn eingehend und sagte dann : „riir 
Sie weiC ich nur einen Rat, suchen Sie sich einen Freund." Wieder- 
holt haben mir KoUegen stark neurasthenische Homosexuelle mit 
einem Begleitschreiben zugewiesen, in dem sie mich angingen, ich 
mochte, da alle Mittel erschopft seien, dem Patienten doch raten, wie 
er in ungefahrlicher Weise zu homosexuellem Verkehr gelangen konne^). 



«) A*gl. die Arbeit von Dr. E. Wilhelm: „Die rechtliche Be- 
urteilung des arztlichen Rates zum illegitimen Geschlechtsverkehr". In 
„ Sexual-Problem e", Septemberheft 1912, die sich insbesondere auch 



Digitized by VjOOQIC 



446 

Es ist das viel verlangt, und ich glaube, dafl, wie die 
Verhaltnisse heute liegen, ein Arzt es schwerlich tibernehmeii 
kann, direkt den homosexuellen Verkehr zu verordnen. Ich halte 
auch hier ein offenes, ehrliches, abwagendes Verfahren, das 
dem Patienten nicht nur die Resultate, sondern auch die Motive 
ajztlicher Cberlegungen klarlegt, fiir das Beste. Man wird 
zunachst die Gefahren homosexueller Betatigung besprechen, 
die mit den drei Mogliehkeiten der Bestrafung, Erpressung und 
Ansteckung noch keineswegs erschopft sind; man wird dem die 
Vorteile gegeniiberstellen, die ein maUig ausgetibter adaquater 
Verkehr ftir Korper und Geist mit sich bringt. Dann *wird 
man auch die Nachteile und den Nutzen sexueller Enthaltung 
durchnehmen und schlieBlieh noch zweierlei erortern, einmal 
wie die Abstinenz leichter bewerkstelligt und ertragen, und 
zweitens wie die Gefahrlichkeiten der Betatigung gemildert 
werden konnen. Die schlieBliche Entscheidung muB der Homo- 
sexuelle, wie iibrigens auch der Heterosexuelle in diesen 
privates ten aller Lebensangelegenheiten, selber fallen. Ihm liegt 
es ob, und von seiner Geschicklichkeit hangt es ab, wie er sein 
Ijebensschiff zwischen Scylla und Gharybdis hindurchsteuert. 
Man konnte da ein Dichterwort variieren: „Zwischen Resi- 
gnieren und Riskieren bleibt dem Urning nur die bange Wahl.*' 

Mit der hier geschilderten Behandlung, die man als An- 
passungstherapie oder Adaptionsmethode be- 
zeichnen konnte, ist die Aufgabe, die der Arzt einem Homo- 
sexuellen gegentiber zu erfiillen hat, nur in den seltensten 
Fallen erschopft. Es kommen Spezialfragen hinzu, die oft 
genug von lebenswichtigster Bedeutung ftir den Patienten Bind, 
Entscheidungen, die eine griindliche Kenntnis sowohl der Homo- 
sexualitat im allgemeinen als des betreffenden Homosexuellen 
im besonderen voraussetzen. Wir greifen einige solcher Fragen 
heraus. Da mochte jemand wissen, ob er sich nicht am besten 
seiner Naturanlage anpaflt, indem er diese und sich selbst dauernd 
in ein Land versetzt — und es gibt deren ja genug — , in 
dem er unbeanstandet von Sitte und Gesetz seinen Empfindungen 
nachgehen kann; ein anderer will horen, ob er nicht dunch 
Aufklarung seiner Angehorigen iiber seinen Seelenzustand, vor 
allem durch Informierung der Eltern, seiner Lage mehr Sicher- 
heit zu schaffen imstande ist; er ersucht den Arzt, dies in 
geeigneter Weise vorzunehmen. Ein dritter kommt nicht wegen 
seiner Homosexualitat als solcher, mit der er sich abgefunden 

mit der rechtlichen Beurteilung des Rates zum homosexuellen Verkehr 
beachaftigt, namlich p. 617. 



Digitized by VjOOQIC 



447 

hat, sondern well er besonders intensiv an eine einzige Person 
fixiert ist, ohne die er nicht leben zu konnen meiiiit, die? 
aber seine heftige Leidenschaft nicht zu erwidem, ja nicht 
einmal zu wiirdigen vermag. Wieder einer — es ist ein horao- 
sexueller Beamter oder Offizier — wiinscht Rat, ob er nicht 
seineu Beruf wechseln oder den Abschied nehmen soil, um sich 
seine Pension zu sichern, da er fiihlt, da6 er auf die Lange 
der Zeit seinen Drang zu unterdriicken auBerstande ist. Viele^ 
die in der triigerischen Hoffnung auf Heilung eine Ehe ein- 
gegangen sind, woUen mit dem Arzt iiberlegen, wie sie eich 
nun ihrer Frau gegenliber verhalten soUen. 

Eine weitere groBe Gruppe von Fragen betrifft nicht die Homo- 
sexualitat selbst, sondern deren Folgeerscheinungen, wobei man wobl 
zu unterscheiden hat, ob es sich um Folgen handelt, die durch die 
Anschauungen der Umwelt bedingt sind, oder um Folgen des homo- 
sexuellen Geschlechtsverkehrs ; in erstere Kategorie gehoren vor allem 
nervose und psychische Leiden; in die zweite Abteilung sind besonders 
die Geschlechtskrankheiten zu rechnen, die unter homosexuellen Per- 
sonen durchaus nicht so selten sind, als man gewohnlich anzunehmen 
geneigt ist. 

Auf einen anderen Zweig arztlicher Tatigkeit werden wir im 
II. Haupteil einzugehen haben. Es handelt sich um die wichtigen Auf- 
gaben, welche der arztlicbe Sachverstandige nicht sowohl als un- 
mittelbarer Ratgeber der Homosexuellen, sondern als Gehilfe des Rich- 
ters, meist des Strafrichters, gelegentlich aber auch des Zivilrichters, 
zu leisten hat: mannigfach geartete und oft recht komplizierte Auf- 
gaben, deren richtige Losung gleichfalls nur bei wirklicher Durch- 
dringung des einschlagigen Problems moglich ist. 

Betrachten wir einige der aufgeworfenen Fragen des 
naheren, so unterliegt es keinem Zweifel, daO die Auswande- 
rungsfrage ftir die Lebensldsung des Homosexuellen eine der be- 
deutsamsten ist. Ist e& richtig, und sicherlich trifft es zu, 
daC ein groBer Teil homosexueller Leiden von den Anschau- 
ungen der Umwelt herriihrt, also mehr von einem geo- 
graphischen als biologischen Faktor, so liegt es nahe, 
durch einen Wechsel der Umgebung diese Leiden wesentlich 
herabzumildern. Seit alten Zeiten haben daher viele Homo- 
sexuelle diesen Weg der Selbsthilfe eingeschlagen. Die Graber 
von Ulrichs, Platen und Johann Joachim Winckel- 
mann sind nicht die einzigen homosexueller Martyrer auf 
italienischem Boden. 

Es gibb wohl kaum einen auslandischen Platz, an dem sich nicht 
innerhalb der deutschen und englischen Fremdenkolonie Homosexu- 
elle befinden. In alien Staaten Siidamerikas, in den romanischen Lan- 
dern Europas, vom Orient und Asiens Reichen ganz zu schweigen, 
iiberall haben namentlich anglogermanische Homosexuelle sich eine 
zweite Heimat zu griinden versucht. Einige Orte sind als urnische 
Anziehungsstatten besonders beriihmt geworden, so in Italien Taor- 
mina, Capri und Florenz. Noch vor kurzem — nach den ungliick- 
licheu Af faren, die sich an die Namen K r u p p und A 1 1 e r s kniipfen 



Digitized by VjOOQIC 



448 

— eirichtete in Capri ein in Frankreich lebender homosexueller Schrift- 
eteller ein prachtvoU geiegenes und ebenso ausgestattetes Haus, das 
er mib der weithinleuchtenden Inschrift versah: dolori et amori sacrum. 
Auf Veranlassung eines einfluBreichen Verwandten, eines italieniscben 
March ese, wurde er ausgewiesen. 

Viele Homosexuelle gingen erst auBer Landes, als sie in Kon- 
flikte geraten waren, manche um einem drohenden Strafverfahren, 
manche, um dem StrafvoUzug, manche, um Erpressern zu entgehen, 
manche auch, nachdem sie bereits eine Strafe verbiiBt hatten. Viele 
wanderten aber auch vollig makellos aus, sei es, um Verwicklungen 
vorzubeugen, sei es, um sich unbehinderter sexuelle Befriedigung ver- 
schaffen zu konnen, oder auch, um ihre Familie von einem Mit- 
glied zu befreien, das den guten Namen schanden kounte. 

Zahlreiehe Homosexuelle suchen fremde Lander auch nur 
voriibergehend auf; so kenne ich einen Juristen, der jiihr- 
lich mehrmals mit dem Nachtschnellzug aus dem Herzen 
Deutschlands nach Amsterdam fuhr. Er konnte dort dieselbe 
Handlung, durch die er sich am Abeind zuvor in seiner Heimat 
strafbar gemacht hatte, am nachsten Morgen straflos begehen. 
Als neiilich einmal vor einem Berliner Gerichtshof eia iioUan- 
discher Kapitan abgeurteilt wurde wegen tatlicher Beleidigung, 
begangen durch homosexuelle Liebkosungen, meinte ein Bei- 
sitzer, man konne nicht scharf genug mit diesen Fremden ins 
Gerieht gehen, die in Berlin ein Eldorado der Perversitat zu 
erblicken glaubten; dieser Eichter wufite wohl kaum, daB un- 
gleich mehr deutsche Homosexuelle im Ausland als auslandische 
in Deutschland Gastfreundschaft genieBen. Es gibt massen- 
haft deutsche und englische Urninge, die sich prinzipiell nur 
auBerhalb der Landesgrenze sexuell betatigen. In den Week- 
end- Ziigen, die Freitag und Sonnabend von London nach Paris 
laufen, um Montag zuriickzukehren, finden sich stets eine ganze 
Anzahl Homosexueller, die im Monat ein- bis zweimal die 
englische Metropole mit der franzosischen vertauschen, nicht 
weil sie die Seine der Themse, sondern weil sie die Bestimmungen 
des Code Napoleon denen der vereinigten Konigreiche vorziehen. 

Wei* in auslandischen Verkehrszentren Studien macht, wird fast 
uberall diese temporaren und permanenten Urningstypen buntgemischt 
wiederfinden. Als Beispiel will ich die europaische Urningskolonie 
Konstantinopels schildern. Da ist ein friiherer osterreicliischer Offi- 
zier, schon seit langem zum Islam iibergetreten, mit dem Rang eines 
tiirkischen Paschas. Jedermann weiB von seiner Homosexual i tat, ohne 
daB jemand AnstoB nimmt. Er findet seine Frcunde auf der groBen 
PerastraBe, in der Nahe der Kasernen, auf der Galatabriicke. Man 
sieht nicht selten, daB junge Leute sich ihm ziemlich offentlich an- 
bieten. Ein Landsmann von ihm, auch schon seit mehr als 20 Jahren 
dort unten, ist Stamm^ast der Bader, die auf beiden Seiten des Gol- 
denen Horns, namentlich aber in Stambul, man kann fast sagen, 
historische Statten homosexueller Vergniigungen sind. Seine Vor- 
liebe fiir die Hammanns hat EinbuBe erlitten, seit unter jungtiirki- 
schem Regime die Vorschrift ergangen ist, daB die dort bedienenden 
Osmans und Hassans das 20. Lebensjahr erreicht haben miissen. Diese 



Digitized by VjOOQIC 



44d 

beiden Osterreicher liberschrittea die Orenzen ihres Landes, well sie 
nicht seine Gesetze iiberschreiten wollten. Ein Dritter, Franzose, 
von Geburt, hatt« dies nicht notig, da in seiner Heimat die gleiche 
Straffreiheit wie im Morgenlande herrschte; er nahm jedoch Riick- 
sicht auf die Landessitte, die im Westen als Laster verwarf, was im 
Osten nur als eine, wenn auch nicht jedermann verstandliche Ge- 
schmacksrichtung gait. Er war sehr aristokratisch, sehr fromm und 
sehr monogam, mied StraBen und Bader und lebte seit langem in 
einer schonen Villa mit einem schonen Griechen, der sein Sekretar, 
Vertrauter und Geliebter war. Aus ahnlichen Grunden mochte auch 
ein Freund des vorigen, ein deutscher Schriftsteller und Forschungs- 
reisender, sein Vaterland verlassen haben; auch er zog ein mono- 
games Verhaltnis vor, was ihm aber zu finden bisher nicht gelungen 
war. Ein anderer Deutscher hatte sich zum Bosporus gefliichtet, 
weil gegen ihn eine Anzeige erstattet war, und wieder ein anderer 
war „ausgeriickt", nachdem er wegen „widernatiirlicher Unzucht im 
RiickiPair* zu einem Jahr Gefangnis verurteilt war. Ea waren noch 
viele sonstige Homosexuelle aus Westeuropa da, namentlich Eng- 
lander, von denen man nicht wuBte, ob sie das Weite gesucht hatten, 
weil sie wollten oder muBten. Hinzu kamen Urninge, die in Ge- 
schaften, namentlich als Teppichhandler, den Orient bereisten, andere, 
die sich als Globetrotter mer fiir einige Wochen oder Monate an- 
gesiedelt hatten, und schlieBlich solche, die auf noch kiirzere Zeit 
zur Erholung oder zum Vergniigen in Byzanz weilten. Zwischen den 
einzelnen Homosexuellen bestand nur ein geringer Zusammenhang ; 
viele, die schon seit Jahrzehnten derselben Fremdenkolonie ange- 
horten und genau voneinander „Bescheid wuBten", kannten sich kaum, 
ja mieden sich geflissentlich, weil sie fiirchteten, sie konnten sich 
durcheinander kompromittieren oder ihren „guten Ruf* aufs Spiel 
setzen, den sie meist gar nicht mehr besaBen. Eine ganze Reihe 
traf sich allerdings abends zwischen 6 und 9 Uhr auf ein Viertel- 
sttindchen bei der alten „Baba" oder etwas spater auf der „Otto- 
manischen Bank", beides homosexuelle Treffpunkte in parallelen Seiten- 
gaBchen der „grajide rue" von Pera. Die Baba war eine noch immer 
hiibsche Matrone mit schlohweiBem Haar, urspriinglich von deut- 
scher Abkunft, aber langst orientalisiert. Sie hielt eine maison de 
passe fiir Homosexuelle, die sie bemutterte, und die in ihr ein Stuck 
Heimat erblickten. „Es sind alles meine Kinder," sagte sie einmal 
zu mir, als gegen ein Dutzend im engen Stiibchen um sie herum- 
saBen. Vor allem sorgte sie, daB sich die ziemlich kecken griechi- 
scheu und tiirkischen Jungen, die um die Rendezvous- Stunde von 
Zeit zu Zeit im Tiirrahmen erschienen, um nicht selten mit einem 
der Gaste in einem ihrer Fremdenzimmer zu verschwinden, keine 
Ubergriffe erlaubten. Die Ottomanische Bank war ein direktes Manner- 
bordell, das seinen Spitznamen davon erhalten hatte, weil Prosti- 
tuierte, von Homosexuellen nach ihrem Beruf gefragt, mit Vorliebe 
zu antworten pflegten, sie arbeiteten auf der Ottomanischen Bank, 
was dann allmahlich die Bedeutung annahm, sie seien bereit, fiir 
einige Medjidies den Herrn zu begleiten. 

Fragen wir uns, ob den Homosexuellen die Cbersiedelung 
in straffreie Lander anempfolilon warden kann, so ist gegen 
einen zeitweisen Aufenthalt in ihnen sicherlieli nicht viel ein- 
zuwenden. Immerhin ist auch hierbei Vorsicht am Platz. Viel- 
fach grunden sich in Landern, die keine direkten Straf- 
bestimmungen gegen Homosexuelle kennen, Verfolgungen und Er- 
pressungen auf Gesetze und Gesetzesauslegungen, die wir in 
Deutschland nicht kennen. So ist der Begriff des offentlichen 

Hirschfeld, Homosexualitat. 29 



Digitized by V:iOOQIC 



450 

Argernisses, der bei uns nur dann gegeben ist, wenn jemand, 
und sei es auch nur ein Polizist, an einer Handlung wirk- 
1 i c h Argernis genommen hat, in romanischen und vielen anderen 
LSndern schon erftillt, wenn jemand hatte Argernis nehmen 
k 5 n n e n , beispielsweise wenn eine homosexuelle Bertihrung zur 
Nachtzeit auf einer Bank in Parkanlagen stattfand, wo sie 
ein Dritter zufalligerweise hatte wahrnehmen konnen. In 
Nizza bestand jahrelang ein ausgedehntes Erpresserkonsortium, 
das aus der Unkenntnis der Fremden liber den Begriff „offent- 
Jiches Argernis** Kapital schlug und viele Homosexuelle in 
Angst und Schrecken versetzte. 

Liegen gleichwohl flir einen Homosexucllen — vorausgesetzt 

daU er es sich leisten kann — kaum' ernstliche Bedenken 

vor, einige Wochen im Jahre an einem Platze zu verleben, 

der flir ihn eine Art Refu^um darstellt, ist ihm sogar, namenfe- 

lich wenn er sich in exponierter Stellung befindet, und andere 

vou der Ungestortheit seiner Position abhangen, eine solche 

Zeit der Ausspannung und Entspannung wohl zu gonnen, so 

bildet die dauernde Auswanderung in ein f remdes Land einen 

Schritt, der sehr grlindlich nach alien Sei ten tiberlegt seia 

will. Den nicht zu bestreitenden Vorteilen stehen meist so 

erhebliche Nachteile gegentiber, da6 vor allem flir Personen 

in vorgertlcktem Alter das Endresultat oft nichts weniger als 

eine Verbesserung ihrei: Lage bedeutet. Das Geftihl starker 

Vereinsamung, das ihn in die Feme trieb, folgt ihm liber das 

Meer. Gibt er eich ein wenig offener als Homosexueller, so 

spricht sich seine Eigenart unter den vielf ach nicht nur crtlich 

beschrankten Mitgliedern der Fremdenkolonie nur zu bald herum, 

und nicht lange, so steht der wegen seiner Liebenswtirdigkeit 

zuerst mit offenen Armen empfangene Landsmann isolierter 

da als daheim. Man wendet ein, dafi doch wenigstens nicht 

die Gefahr besteht, mit dem Gesetz in Kollision zu geraten, 

man aibersieht aber, daU auch in Landern mit Strafgesetzen, 

wie Deutschland, England, Amerika und RuBland, diese nur in 

verhaltnistoaBig geringem iMaJJe vorhanden ist, indem unter- 

10 000 Urningen kaum einer durch ein Ungef ahr der Strafe ©der 

Anklage verffiUt. Anderseits sind auch Homosexuelle im Aus- 

landc oft Unannehmlichkedten ausgesetzt und genieUen als 

Fremde dann nur selten den Schutz und die Moglichkeiten der 

Verteidigung, wie sie ihnen in der Heimat zur Verftigung 

stehen. 

Ein Beispiel fiir viele. An einem kleinen Orte der ligurischen 
Kuste hatte sich ein friiherer deutscher Offizier eine Villa als buen 
retire errichtet. Er hatte, wie Homosexuelle nicht selten, eine Lieb- 



Digitized by VjOOQIC 



461 

haberei far 8elbstanfertigung photographischer Akte. Ala er eben 
den Bau seines Landhauses beendet natte, kam der Sindaco des Ortes 
und teiltc ihm vertraulich mit, er stande im Verdacht gleichgeachlecht- 
licher NeiRungen, und musse daher seine Ausweisung beantragt wer- 
den. Der vater eines seiner Modelle hatte bereits uber ihn Beschwerde 
gofuhrt. Alfl er die Verstimmung des Fremden bemerkte, lieB er 
darchblicken, daB der Vater wohl von ihm, dem Sindaco, mit einigen 
tausend Lire zur Riicknahme seiner Anzeige veranlaBt werden konne. 
Wohl Oder ubel entschloB sich nun der Deutsche zur Hergabe einer 
groSeren Summe, worauf ihn dann der edle Biirgermeister und der 
vermutlich nur imaginare Vater in Ruhe lieBen. Erinnem wir uns 
auch, dafi einer der groBten deutschen Uminge Johann Joachim 
Winckelmann nicht in Deutschland, sondern in Istrien voneinem 
rauberischen Erpresser ermordet wurde, und daB es ein^m Forschungs- 
reisenden unserer Tage nicht viel besser ging, trot^em er selbst 
einmal meinte: ein Abend im Moigenlande sei ihm lieber als 
tausend Morgen^) im Abendlande. Auch ein deutsoher Marineoffizier, 
der wahrend des Boxeraufstandes an der chinesischen Kiiste eine 
Bootsfahrt untemahm, von dier er niemals wiederkehrte, soil unter 
ahnliohen Umstanden sein Ende gefunden haben. Ich konnte viele 
Beispiele anfiihren, in denen deutsche und englische Homosexuelle, 
die sich mit den Eingeborenen von ihnen bereister Lander einlieBen, 
schweren MiBhandlungen, Bedrohungen mit dem Messer und anderen 
Grewaltakten ausgesetzt waren. Im Earneval von Palermo erhielt 
vor einigen Jahren ein skandinavischer Homosexueller, der im be- 
wegten Maskentreiben einem 20jahrigen Pierrot einen KuB versetzte, 
von dem Vater des Burschen einen so heftigen Faustschlag in das 
Auge, daB er durch den eingedrungenen Splitter seines Eneifers das 
Sehvermogen verier. Wie gemiBhandelte Homosexuelle meist, sah er 
von der verfolgung des Taters ab. 

Man wird es danach verstehen, wenn einmal ein Homo- 
sexueller, der „au8gewandert" war, mit den Worten zurtick- 
kehrte: „Lieber entrechtet daheim, als vogelfrei in der Fremde**. 
Oft haben Homosexuelle, die, ohne sich in ihrem Lande sexuell 
betatigt zu haben, durch die Welt geirrt waren, wenn sie nach 
der Rtickkehr die Verhfiltnisse und Auffassungen ihrer Heimat 
kennen lernten, tief bedauert, sich so lange des Vaterlandes 
beraubt zu haben. Denn zu den Empfindungen der Isoliertheit, 
des Entwurzeltseins gesellen sioh bei diesen oft aus nichts 
weuiger als hartem Holz geschnitzten Menschen das Heimweh, 
die Sehnsucht nach den AngehSrigen, namentlich der alternden 
Mutter, Unlustgeftihle, deren Oberwindung nicht geringe Kraft 
erfordert. 

Vor allem ist es dem Homosexuellen im Auslande oft auch 
sehr erschwert, den ihn fesselnden Personen gegentiber jene 
geistig befruchtende TStigkeit zu entfalten, von der wir sahen, 
daJJ sie in so hohem MaBe auf den Spender zurtlckwirkt. Ge- 
wifi gibt es eine ganze Anzahl Anpassungsfahiger, die, wenn 
sie idie Landessitte und Landessprache gut beherrschen, 
sich nach und nach so akklimatisieren, dafi sie auch im fremden 



') Gemeint sind Morgen Landes. 

29 • 



Digitized by V:iOOQIC 



452 

Boden Wurzel schlagen, aber bei der weitaus grofleren Mehr- 

zahl der Homosexuellen, die ich im Auslande sah — und es 

waren ihrer nicht wenige und viele geistig hochstehende — 

koiinte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als =ob die 

Fremde ihnen im Grunde doch mehr ein Exil als ein Asyl 

war. Idi hatte diesen Eindruck lange, ehe ich auf Ulrichs' 

Grabstein in A(juila den kleinen, aber vielsagenden Zusratz 

las: „Exul et pauper**. 

Exul at pauper — verbannt und arm starb Ulrichs, well er 
ein Urning war. Ware er heterosexuell gewesen, so hatte es der aus 
bester Familie stammende Jurist bei seinem enormen Wissen nach 
menschlicher Voraussicht in der Heimat wohl nicht nur zum gliick- 
lichen Gat ten und Vater, sondern auch zu einem wohlbestallten Be- 
amten oder Professor gebracht. Die A r m u t ist unter alien Ver- 
schlimmerungen der Lage eines Homosexuellen sicherlich eine der 
schlimmsten. Ich habe zwar auch Homosexuelle kennen gelernt, die 
erklarten, sie hatten sich erst von dem Zeitpunkt an zufrieden ge- 
fiihlt, als sie nichts mehr hatten, oder richtiger, als sie nichts 
mehr zu verlieren hatten. Das sind aber doch nur Ausnahmen, 
meisb zu jener seltsamen Urningsgruppe gehorig, deren Geschmacks- 
richtung sie an und fiir sich zu den untersten ^evolkerungsschichten 
treibt. Im Londoner Eastend, in Pariser Apachenquartieren, in den 
Seemannskneipen von Hamburg, Marseille und Barcelona, in den deut- 
schen Landstreicherherbergen in Rom und Neapel konnten mir Ge- 
wahrsmanner Homosexuelle vorstellen, die dort als Stammgaste be- 
haglich verkehrten, nachdem sie in ihrem Heimatlande 'Ramg und 
Besitz freiwillig oder unfreiwillig aufgegeben hatten. In dem bunten 
Gemisch homosexueller Typen gibt es auch diese Gruppe, im allge- 
meinen aber ist die materielle Sorge und Not ein Umstand, der den 
Homosexuellen noch unfreier und ungliicklicher macht, als er es 
infolge seiner Sonderart ohnehin so haufig ist. Fiir die meisten 
Homosexuellen aber ist der Existenzkampf in der Fremde, wofern sie 
nicht von Hause aus mit festen Anstellungen oder Auftragen fort- 
geschickt werden, viel komplizierter als im Vaterlande. Ich habe in 
Paris Homosexuelle aus den gebildetsten Klassen gesehen, die tat- 
sachlich hungerten, und auch in Italien und anderswo sah ich fruhere 
Geistliche und Offiziere, Lehrer und Beamte in Stellungen so unter- 
geordnet und unwiirdig, wie sie es selbst und noch weniger ihr^ 
Angehorigen, als sie das Elternhaus verliefien, schwerlich jemals fiir 
moglich gehalten haben wiirden. Schon aus den Beobachtungen sol- 
cher Lebensschicksale heraus habe ich Homosexuellen, die sich mit 
Fluchtgedanken trugen, weil gegen sie ein Ermittlungs- oder Straf- 
verfahren schwebte, oft geraten, sich lieber fiir einige Zeit einsperren 
zu lassen, als sich selbst die Heimat und die Zukunft zu versperren. 

Ich habe auch Homosexuellen, die mich um Rat angingen, 
nie verhehlt, dafl ich aus den verschiedensten Griinden A r b e i tl , 
geregelte intensive Arbeit, gleichviel ob korperliche oder gei- 
stige, fiir eins der wichtigsten Erfordernisse fiir ihr Wohl- 
befiuden halte ; einmal als Selbstzweck, weil Tatigkeit und Wirk- 
samkeit dem Homosexudllen iiber vieles hinweghilft, ihn ab- 
zulenken und auszuflillen geeignet ist, dann weil sie ihm die 
beste Gelegenheit gibt, vor allem auch der Familie gegenuber 
den Bewcis seiner Tauglichkeit und Ntitzlichkeit zu erbringen, 



Digitized by VjOOQIC 



453 

dann aber auch als Mittel zuin Zweck, um sich ftir alle Even- 
tualitaten einen auBeren Hialt zu sichem neben dem inneren 
BTalt, den nur der Glaube an sich selbst vermittelt. 

Fuj* einen grolJen Fortschritt halte ich es, daO Homo- 
sexuello viel haiifiger, wie dies friiher der Fall 'war, ikre 
nSchsten Verwandten, sfei es aJlein, sei es mit Hilfe des Arztes 
iiber ihre Sonderart aufklaren. Urninden sind darin bisher 
noch zuriickhaltender. 1st auch der Schmerz der Mutter, die 
Furcht des Vaters, die Sorge der Geschwister zunachst be- 
trfichtlich. so tiberwiegen doch die Vorteile der Offenheit als- 
bald die Nachteile bei weitem. 

Ein Urning schreibt mir: 

„Wie ich Ilmen seinerzeit schon erzahlte, habe ich mich meiner 
Mutter mit groBem Erfolge anvertraut; nun auch der Gesundheits- 
zustand meines Vaters sich wieder gebessert, hat ihm die Mutter 
alles von mir erzahlt; ich erhielt von ihm einen schonen Brief 
und ich versichere Sie, jetzt, wo vollkommenes Verstandnis und Klar- 
heit zwischen uns herrscht, sind wir durch nur noch innigere Liebe 
verbunden. Auch bei meinen Freunden hatte ich das schonste Er- 
gebnis durch Aufklarung iiber mich. Zum Teil waren es Leute, 
die sich in der scharfsten Weise gegen den Uranismus ausgesprochen 
batten; allmahlich versuchte ich dieselben wissenschafthch aufzu- 
klaren, um mich schlieBIich selbst zu erkennen zu geben. War auch 
die anfangliche Uberraschung sehr grofi, so habe ich doch nie etwas 
verloren, sondern noch engere Freundschaft mit ihnen erworben. — 
Leider gibt es noch so unendlich viel Urninge, die vielfach aus 
falscher Scham schweigen, wiirden diese aber erst einmal das schone 
Gefiihl kennen lemen, das man bei einem solchen Erfolge empfindet, 
so ware unserer Sache ein groBer Dienst geleistet." 

Will man die Angehorigen nicht direkt aufklaren, empfiehlt es 
sich, sie so vorzubereiten, daS „wenn etwas passiert", sie „sich schon 
immer so etwas dachten". Nicht zu sorgsam verwahrte Biicher iiber 
diesen Gegenstand, gelegentliches objektives Beruhren des homosexu- 
ellen Themas, AuBerungen, man wiirde nicht heiraten, Riihmen der 
Freundschaft sind hierher fiihrende Wege. 

In besonders tibler Situation befinden sich solche Homo- 
sexuelle, die mit dem Bekanntwerden ihrer Neigungen nicht 
nur Freiheit und Ehre, sondern auch Stellung und Vermogen 
verlieren. Das sind namentlich in Staatsstellungen befindliehe 
Personen, oft auch stadtische Beamte. Diese konnen, wenn 
ihnen etwas zustoBt, ohne Pension auf disziplinarem Wege 
entlassen werden. Deshalb erwagen Offiziere und Beamte oft, 
wenn sie so viele Dienstjahre hinter sich haben, dafl sie mit 
der ihnen zustehenden Pension einigermaBen meinen auskommen 
zu konnen, ob sie sich nicht lieber durch ehrenvollen Abschied 
auf alle Falle sichern soUen: sind sie einmal mit einem Ruhe- 
gehalfc entlassen, so kann ihnen dieses selbst im Straffall nicht 
wieder aberkannt werden. 

Besonders lehrreich waren in dieser Hinsicht die Parallelfalle 
der Grafen X. und Y. : beide hohe Offiziere der Potsdamer Garde, 



Digitized by VjOOQIC 



454 

beide desselben Deliktes schuldig. Der eine aber, well bereits pen- 
sioniert, behalt trotz Rangverlust seine Staatspension, der andere 
wird ohne sie verabschiedet. 

Da sehr viele Homosexuelle neben und oft genug auch durch 
ihre Anomalie starke Neurastheniker sind, fallt es ihnen meist nicht 
schwer. Militar- und Spezialarzte zu finden, die ihnen, oft ohne iiber- 
haupt etwas von ihrer Homosexualitat zu wissen, ihre Dienstunfahig- 
keit bescheinigen. Waren die Herren nicht homosexuell, so wurden 
sie aUerdings nicht daran denken, ihre Pensionierung zu beantragen, 
und insofem schlieBt ein solches Vorgehen ein gutes Stdck U n e h r - 
lichkeit in Sich ein« Wie die Anschauungen aber nun einmal 
liegen, bleibt ihnen oft nur dieser Weg ubrig, wie folgendes Beispiel 
illustrieren moge. Unter mehreren homosexuellen Kriegsgerichtsraten, 
die ich kenne, befindet sich einer, der beschlossen hatte, freimiitig 
vorzugehen. Er hatte sich nie im Inlande homosexuell betatigt, 
furchtete aber, da er seine Widerstandsfahigkeit abnehmen fiihlte, 
auf die Dauer nicht fiir sich garantieren zu konnen. So hatte er 
denn ein Schriftstuck aufgesetzt, in dem er ausfiihrte, daB er an zu- 
nehmender Homosexualitat „litte", und bat, wegen dieser geistigen 
Erkrankung pensioniert zu werden. Er fragte auch, ob er sein Ab- 
schiedsgesuch, das er von mir durch ein entsprechendes Grutachten 
unterstutzi zu haben wiinschte, so absenden solle. Ich erklarte mich 
zwar im Prinzip bereit, seinem Schriftsatz ein motiviertes Attest 
beizufiigen, verhehlte dem ehrlichen Manne aber nicht, daB ich eine 
Sicherheit, daB die vorgesetzte Behorde ihn auf bloBe Homosexu- 
alitat hin mit Pension entlassen wiirde, nicht iibemehmen konnte. 
Da ihm dies von zustandiger Stelle privat bestatigt wurde, unterlieB 
er es darauf, seinen Antrag zu stellen. 

Man wird vielleicht geltend machen, daB Erwagnngen die- 
ser Art nicht mehr in den Rahmen rein arztlicher Tatigkeit iind 
Behandlung gehdren. Das mag teilweise zutreffen. Aber an 
wen anders soil sich wohl ein Homosexueller in so wichtigen 
Fragen seiner Lebensgestaltung wenden, wem sonst soil er sein 
Triebleben anvertrauen als einem sachverstandigen Arzte, wel- 
cher in der 60 viele Einzelkenntnisse erforderlichen Materie 
bewandert und an das Berufsgeheimnis gebunden ist? Mag 
aber immerhin der eine oder andere meinen — mir scheinen 
die Bedenken nicht berechtigt — , daB die arztliche Flirsorge 
in solchen Fallen leicht zu weit getrieben werden Jcann, so 
wird man bezliglich derjenigen Leiden homosexuell empfinden- 
der Personen, denen ich jetzt noch einige Worte widmen will, 
kaum zweifeln, daB sie in das unmittelbare Eessort des Medi- 
ziners fallen. Es handelt sich um die seelischen und korper- 
lichen Folgezustande, die durch das Verhalten des Homosexuellen 
bedingt sind, wobei vorausgeechickt werden kann, daB die see- 
lischen Leiden mehr von der Enthaltung, die korperlichen 
mehr von der Betatigung homosexuellen Verkehrs herriihren. 

tJber die Enthalteamkeitsstorungen haben wir uns bereits 
mehrfach ausgesprochen. Es sind im wesentlichen ganz die- 
selben, die wir auch bei heterosexuellen Mannern und Frauen 
finden, die in der UnterdrUckung der nach zeitweiser Ent- 



Digitized by VjOOQIC 



466 

spannung dr&ngenden Libido zu weit gehen, Erscheinungen, 
die man nicht unterschatzen soUte, weil sie „nur nervds** sind 
oder :Weil man nicht daran stirbt. Dauernd mit Kopfweh 
herumlaufen zu mlissen, nicht schlafen, nicht arbeiten zu kSn- 
nen, stets sexuell unbefriedigt und deprimiert zu sein, iiber die 
Stfirko solcher Leiden solite nicht derjenige ein wegwerfendes 
Urteil abgeben dtirfen, der, wenn er geschlechtlich hungrig, 
sich auch geschledhtlich zu sattigen imstande ist. Es ist recht 
leicht, solche Klagen, wie ein bertihmter Strafrechtslehreo: es 
neuerdings wieder tat, mit dem Satze abzutun: „Die Homo^ 
sexuellen m6gen uns doch endlich mit ihrem Gequieke ver- 
schonen**. 

Ich babe bei Homosexuellen Zustande von Praoordialangst mit 
starkeii vasomotorischen Storungen gesehen, wie sie furohtbarer scbwer- 
lich eedacht werden konnen. Neben der Angstneurose scheint mi'r 
als Abstinenzleiden besonders gelegentlicb eine Art Verfol^ungswahn 
vorzukommen, bei dem es oft scnwer zu unterscheiden ist, ob er 
noch in das Gebiet nervoser ZwangsvorstelluDgen oder schon in das 
der Paranoia fallt. Solche Persoiuen bilden sich ein, daB iedermann 
ihnen ihre Homosexualitat anmerke, die Leute beobachteten inre Hande 
und lachelten spottisch, dafi sie keinen Verlobuncs- und Trauring 
trugen, im Restaurant zisohelte man an den Nachbartisohen „ver- 
standnisinnig" uber den „eingefleischten Junggesellen", in den Hotels 
merkten Portiers und Kellner ^leich, „was los sei", und behandelten 
sie verSchtlicher oder vertraulicher als die iibrigen Gaste, auf der 
StraBe fielen Bemerkungen fiber ihren trippelnden Gang, kurz iiberall 
fdhlen sie sich beobachtet, geniert ; manche erroten fortwShrend, andere 
werden krankhaft miBtrauisch und menschenscheu, wieder andere — 
und das ist das Schlimmste — fliichten sich zum Alkohol. tTber- 
zeugt von der Richtigkeit ihrer Wahmehmungen und auch dem Arzte 
gegeniiber refraktar, entschliefien sich Patienten dieser Art meist 
schwer und spat, zum Arzt zu gehen, dem sie sich dann haufig erst 
unter falschem Namen vorstellen. Haben diese Verfolgungsideen be- 
reits sehr lange gedauert, so sind solche Zustande kaum noch zu be- 
seitigen, jedenfafls erfordern sie die grofite Miihe und Geduld des 
Arztes, sowio das Aufgebot seines ganzen Heilapparats, vor allem des 
psycho- und hydrotherapeutischeu, wogegen man mit Medikamenten, 
fiir deren Verordnung eiile ziemliche verlockung besteht, recht vor- 
sichtig sein soil. 

Ich stehe nicht auf dem Standpunkt mancher Arzte, die 
meinen,, es kame 90wohl bei den eeelischen als auch bd. den 
korperlichen Folgezustanden der Homosexualitat nur auf das 
Krankheitsbild als niches an. Es sei gleichgiiltig, ob eine sexu- 
elle Neurasthenic auf Masturbation oder Abstinenz oder einer 
Triebanomalie beruhe; ebenso sei eine Syphilis die gleiche, ob 
sie sich jemand bei einem Manne oder Weibe geholt habe. Erst 
ktirzlich sagte mir ein Syphilidologe, den ich bei einem an Syphi- 
lidophobic leidenden HomosexueUen zuzog, er frage prinzipiell 
keinen Patienten, wo er sich seine Ansteckung akquiriert hatte, 
er betrachte es ak ausschlieUliche „Privatsache**, ob jemand. 



Digitized by VjOOQIC 



456 

der ihn konsulticrte, homosexuell oder heterosexuell sei. Mensch- 
lich ganz vernlinftig gedacht, arztlich weniger. 

Es erinnert dieser Standpunkt an den atiologischen Z i e h e n s , 
den ich im vorigen Kapitel erwahnte, daB es belanglos ware, so wenig 
es von Bedeutung sei, ob ein Megalomane sich fiir den Kaiser oder 
Bismarck hielte, ob ein „Parhedoniker" Fetischist, Masochist oder 
homosexuell sei, die psychopathische Konstitution sei 
a 1 1 e s. Meines Erachtens muB der Arzt sich bei jedem Patienten 
iiber die Art und Richtung seines Geschlecbtslebens informieren, tut 
er es nicht, begeht er eine Unterlassung, die sich, wenn auch nicht 
immer, so doch haufig fiir die Behandlung als Kunstfehler erweist, 
ganz abgesehen davon, daB das Vertrauen des Ratsuchenden zum 
Arzte ein ungleich groCeres ist, wenn er Gelegenheit hat, sich iiber 
einen Punkt auszusprechen, der fiir ihn selbst so wichtig ist, ihm 
so unmittelbar mit seinen Leiden verkniipft erscheint wie die Homo- 
sexualitat. 

Ich babe selbst Falle von analer Infektion gesehen, in denen 
tnir Patienten mitteilten, daB der von ihnen konsultierte Arzt sie 
mit keinem Wort, vermutlich aus libertriebenem Schamgefiihl, nach 
dem Ursprung ihrer Krankheit gefragt habe. Kommen venerische 
Leiden an dieser Stelle gelegentlich auch wohl bei Heterosexuellen 
oder bei Homosexuellen ohne voraufgegangenen coitus analis, meist 
dann wohl durch Selbstinfektion nach nachtlichen PoUutionen aus 
der infizierten Urethra vor, so sind dies doch groBe Seltenheiten, und 
die weitaus haufigste Ursache ist die passive Hingabe zum homosexu- 
ellen Verkehr. Immerhin ist der Indizienbeweis, wie Urninge glauben, 
die sich Arzte aufzusuchen scheuen, kein absoluter. So beobachtete (laut 
brief licher Mitteilung) Iwan Bloch eine zweifelsfreie Cbertragung 
der durch normale Kohtibitation mit einem Weibe erworbenen CJretnral- 
gonorrhoe eines absolut heterosexuellen Individuums auf die 
Kectalschleimhaut, hochstwahrscheinlich durch bloBes UberflieBen oder 
auch durch sekundare Infektion vom verunreinigten Hemde oder 
Bette aus. Haufiger laBt sich diese direkte Cbertragung auf den 
Darm durch Autoinfektion beim Weibe mit seinem relativ kiirzeren 
Perineum beobachten. Trotzdem die a n a 1 e n Geschlechtsleiden, in 
erster Linie der Mastdarmtripper, viel seltener die Darmlues, eine spezi- 
fisch homosexuelle Erkrankung sind, ware es irrig, woUte man aus 
ihrer relativen Haufigkeit einen SchluB Ziehen auf die Verbreitung 
und vor allem auf die Vorliebe fiir diese Betatigungsart. Viele Homo- 
sexuelle, die sonst nur manuell oder interfemoral verkehren, pro- 
bieren einmal ausnahmsweise diese Form,- meist auf Drangen des 
aktiven Partners, oder aus Neugier, weil sie wissen, daB sie den 
gleichgeschlechtlich Empfindenden seit alters her als vor allem eigen- 
tiimlich zugeschrieben wird. Ganz besonders haufig werden diese 
analen Krankheiten aus dem Auslande, namentlich aus siideuropai- 
schen und orientalischen Gegenden mitgebracht. Ich habe Homosexu- 
elle aus Agypten, Indien und anderen Liindern tiefungliicklich, mit 
(licsen Krankheiten behaftet heimkehren sehen, die in ihrer Heimat 
jiie anders als manuell verkehrt batten. Das erklart sich so. Der 
im Ausland reisende Homosexuelle ist meist auf normalsexuell ver- 
aulagte Eingeborene angewiesen, die gegen Entgelt fiir ihn „zu haben" 
sind. Diese aber halten nach alter Tradition nur den passiven Ver- 
kehr fiir etwas Schimpfliches, wahrend sie in der aktiven Immission 
nicht viel mehr als eine harmlose Abwechslung sehen. Die wirklich 
Ilcuiosexuellen unter den Einheimischen selbst haben aber meist einen 
fpsteu Fround und erachten es wiederum fiir ehrlos, sich zu prosti- 
tiiiciun. Mir erzahlte einmal ein sprachkundiger Homosexueller, wie 
ihn in Assuan ein Eingeborener ausgelacht habe, als er nur mit ihm 



Digitized by VjOOQIC 



.457 

mastui-biereu wollte ; dazu brauche er ihn doch nicht, das braclite 
er doch auch allein fertig. Der verschiedene Standpuakt der beiden 
Partner bewirkt, daB es in den orientalischen Landern, und das gilt 
schon fill* die meisten Gegenden Italiens und Spaniens, nachdem eine 
prinzipielle Bereitschaft vorliegt, hinsichtlich der Ausfiihrung des Ver- 
kehrs zu einem eigenartigen Feilschen und Strauben koramt. Der 
einheimische Heterosexuelle oder Bisexuelle lehnt es ab, auch nur das 
membrum des Homosexuellen anzufassen, lafit sich aber seinerseits 
alle Beriihrungen gefallen und dran^t auf aktive Analimmission, die 
wiederum der diesen Akt perhorreszierende fremde Homosexuelle zu- 
riickweist. Manchmal einigen sich dann beide dahin, dafi der Homo- 
sexuelle membrum alterius in os suum suscipit; diese Form stellt dann 
gieichsam einen Mittelweg dar, der das, was aktiv und passiv ist, so 
ununterscheidbar verbindet, daB beide „halbwegs" auf ihre Kosten 
kommen. Haufig aber „unterwirft" (in des Wortes eigentlichem Sinne) 
sich der nachgiebigere Fremde dem brutaleren Eingeborenen, wo])ei er 
dann nicht selten von dem oft unwissentlich akut oder haufiger 
chronisch Erkrankten Gonokokken oder Spirochaeten acquiriert. Ein 
deutscher Arzt berichtete mir, daB er unter neun 18 — 24jahrigen jnngen 
Leuten, die ihm der homosexuelle italienische Wirt eines Hotels fiir. 
seine fasu ausschlieBlich gleichgeschlechtliche Kundschaft vorst elite, 
drei miL rezenter Syphilis fand; einer hatte eine frische Pustel am 
Mundwinkel, einer Sklerose an der Glans, der dritte ein frisclies 
Exanthem und Plaques im Halse. 

Es soil mit der Betonung dieser Ansteckungfegefahr im 
Auslande, ftir die ich noch zahlreiche Einzelbeispiele beibringen 
konnte, nicht gesagt sein, dafi Homosexuelle nicht auch im In- 
lande Geschlechtskrankheiten erwerben konnten. Namentlich 
unter den mannlichen Prostituierten, die gleichzeitig mit Mad- 
chen verkehren, gibt es recht viele Geschlechtskranke. 

Am ehesten stecken sich bei diesen Homosexuelle an, die eich 
pedizieren lassen. Auch gibt es Prostituierte, besonders in Deutsch- 
land, England und RuBland, die den Homosexuellen animieren, bei 
i h n e n Immission vorzunehmen ; sie tun es, teils well sie selbst sehr 
feminin sind, teils well sie in den Landern, wo diese Akfce strafbar 
sind, mehr zu verdienen oder gar zu erpressen hoffen. Nicht selten 
bilden sich auch zwischen femininen und virilen mannlichen Prosti- 
tuierten, die sich, auf Erwerb ausgehend, fast allabendlich an den- 
selben Stellen* treffen, intersexuelle Beziehungen heraus ; sie nehmen 
eine gemeinsame^ Wohnung, auch kommt es vor, daB der virilere 
heterosexuelle Prostituierte dem femininen gegeniiber, der ihn wo- 
moglich liebt, die Rolle eines Zuhalters iibernimmt. Es sind dadurch 
oft sehr komplizierte Ansteckungswege gegeben. In einem Falle 
konnte ich folgende Stationen feststellen : ein homosexueller Gutsbesitzer 
suchte mich wegen akuter Urethralgonorrhoe auf; er hatte sie sich 
wahrend eines kurzen Berliner Aufenthaltes bei einem „Strichjungen 
von der FriedrichstraBe" geholt, den er gegen seine sonstige Gewohn- 
heit und Neigung pediziert hatte. Er brachte mir diesen Prostituierten, 
eineu friiheren Kellner, zur Untersuchung und Behandlung ; dicser litt 
an frischer, wie er angab, ihm selbst bei dem Verkehr mit dem Herrn 
noch nicht bewuBter Analgonorrhoe mit starken entziindlichen Infil- 
trationen der benachbarten Lymphbahnen am Oberschenkel und der 
Leistenbeuge. Es ergab sich, daB dieser etwa zwanzigjahrige Bursche, 
der selbst homosexuell war, mit einem hochst verwegenen Kunipan 
zusammenhauste, den er erst seit einigen Wochen kannte. Dieser, 
ein „kesser" Zuhalter, lieB, Wie er sich selbst ausdriickte, zwei „Reun- 



Digitized by VjOOQIC 



458. 

pfcrde'* laufen, auBer diesem Jungen eia Madchen, deren beider Er- 
werb er vertrank und verspielte. Die Puella hatte die Gonokokken 
heimgebracht, sie auf ihren „Brautigam" iibertragen, der bereits 
mehrere Male infiziert war. Dieser hatte sie in den Anus des „Weib- 
lings*' deponiert, der sie dann an meinen Patienten weitergegeben 
hatte. So stammen die Ansteokungskeime der Homosexuellen letzten 
Endes auch meist aus einer weiblichen Vagina, wenn nicht direkt, so 
doch durch Zwischentrager, als welche fast stets heterosexuelle Prosti- 
tuierte oder Bisexuelle in Frage kommen. 

Cbrigens wird der Harnrohrentripper homosexueller Manner 
keineswegs immer nur auf analem Wege erworben, sondern mindestens 
ebenso haufig bei interfemoralem Verkehr; das gilt in erhohtem Mafie 
vom ulcus moUe und durum. Relativ am wenigsten gefahrlich scheint 
nebeu der manuellen die orale Betatigungsform zu sein. Fiir Gono- 
kokken ist die Mundschleimhaut liberhaupt unempfanglich, und auch 
einen sogenannten „Rachenschanker" san ich unter mehr als 200 
FalJen an Geschlechtskrankheiten leidender Homosexueller, die ich 
im ganzen beobachtete, nur zweimal. Den einen dieser Falle hat 
B 1 o c h 8) beschrieben. Eine nicht geringe Gefahr fiir luetische In- 
fektionen involviert zweifellos das bei Homosexuellen oft sehr intensiv 
betriebene Kiissen, sowohl der LippenkuB, als besonders der Zungen- 
kuC. Vor kurzem verstarb an schwerer Syphilis ein 283ahriger, junger 
Aristokrat, der sich auf diese Weise angesteckt hatte. 

A lies in allem scheinen die Geschlechtskrankheiten unter 
Homosexuellen verhaltnismaBig aber doch wesentlich seltener zu 
sein als unter Heterosexuellen ; die von mir beobadhteten zirka 
200 Falle frischer Infektionen bei Urningen erstrecken sich 
auf rund 10 000 Homosexuelle, unter denen sich aber auch noch 
eine betrSchtliche Anzahl befindet, die frliher einmal geschlechts- 
krank war. In hoherem MaBe als ihre mannlichen Schicksals- 
genossen scheinen die homosexuellen Frauen von Geschlechts- 
krankheiten verschont zu bleiben; verkehren sie unter sich, so 
ist die MSglichkeit liberhaupt so gut wie ausgeschlossen. Ziem- 
lich groB ist dagegen die Gefahr einer luetischen Infektion, wenn 
sie mit weiblichen Prostituierten verkehren. Sch&tzungsweise 
diirfte die Zahl derjenigen Homosexuellen, die sich im Laufe 
ihres Lebens Geschlechtskrankheiten zuziehen, etwa lOo/o be- 
tragen, eine absolut immerhin betrachtliche Zahl und groBer, 
als man frliher anzunehmen geneigt war, relativ allerdings we- 
niger groB, wenn man berlicksichtigt, daB unter den Hetero- 
sexuellen ca. 50o/o intra vitam an venerischen Krankheiten 
leiden. 

In ihrem Verlauf unterscheiden sich die Geschlechtskrankheiten 
Homosexueller, soweit sie die Urethra betreffen oder soweit es sich 
um eine luetische Allgemeininfektion handelt, kaum von den analogen 
auf heterosexuellem Wege erworbenen Erkrankungen. Sie erfordern 
daher auch die gleiche Behandlung und geben dieselbe Prognose. Als 
sehr hartnackig ei-weist sich oft die Analgonorrhoe. Dies riihrt offen- 
bar einerseits davon her, daB in der analen Schleimhaut, ahnlich wie 



8) Twan Bloch: Das Sexualleben unserer Zeit, pag. 414. 



Digitized by VjOOQIC 



459 

in der urethralen, viele Falten und Buchten vorhanden sind, die den 
Infektionskeimen zum Versteck dienen, anderseits von der schad- 
lichen mechanischen und chemischen Reizung der entziindeten I'lachen 
durcli die Defakation. Nicht selten sieht man ziemlich lang3 nach 
scheinbarem Erloschen des Krankheitsprozesses infolge irgendwelcher 
Exzesse ein erneutes Aufflammen der Erscheinungen ; so sah ich bei 
einem Englander, den ich selbst fiir geheilt hielt, nach einem langeren 
Ritt, ohnc dafi eine Wiederholung des Verkehrs stattgefunden hatte, 
ein heftiges Rezidiv, mehrmals beobachtete ich auch Exacerbationen 
und Riickfalle nach Alkoholexzessen. 

Die Behandlung des Mastdarmtrippers erfordert natiirlich in erster 
Linic eine genaue Sicherstellung der Diagnose, die bei dem benonders 
reichen Gehalt des Mastdarmschleims an Formelementen sehr griind- 
liche mikroskopische Untersuchungen erforderlich macht. Ebenso 
selbstverstandlich ist es, daB wahrend der Behandlung wiederholte 
Nachuntersuchungen auf Gonokokken stattfinden miissen, und daC 
der Fall erst dann als geheilt angesehen werden kann, wean bei 
mehreren in groBeren zeitlichen Zwischenraumen vorgenommenen Unter- 
suchungen keine Gonokokken mehr zu finden waren. Fiir die Be- 
handlung selbst gelten in erster Linie die allgemeinen Vor- 
schriften, die bei der Behandlung des Harnrohrentrippers zu beriick- 
sichtigen sind. Da eine sekundare Affektion der Hoden auch bei 
der analen Gonorrhoe durchaus nicht auszuschlieBen ist, empfiehlt 
es sich von vomherein ein Suspensorium tragen zu lassen. Die Diat 
ist besonders streng zu regeln. Alle Reizmittel, Gewiirze, scharfe Sauren 
und Alkohol sind zu verbieten, eine vorwiegend vegetarische Diat zu 
empfehlen und vor allem reichlicher MilchgenuB zu verordnen. Ein 
bei dem Mas tdarm tripper besonders zu beachtender diatetischer Ge- 
sichtspunkt ist die Notwendigkeit, fiir leichten Stuhlgang Sorge zu 
tragen. Eventuell sind milde Abfiihrmittel (Laxinkonfekt) oder Suppo- 
sitorien zu verordnen. 

Von einer medikamentosen Behandlung per os . darf man sich 
nicht viel versprechen, da die betreffenden Stoffe auf den Harnwegen 
ausgeschiedeu werden, mithin nicht an die erkrankten Stellen 
^elangen. Eher ware dies von dem Gonokokkenserum zu erhoffen, 
:alls es sich weiter so bewahrt, wie es den Anschein hat. Vor 
allem ist eine sorgfaltig durchgefiihrte lokale Behandlung unbe- 
dinfft erforderlich. Ich habe fiir eine solche eine 2 bis 3-prozentige 
Thallinlosung als besonders vorteilhaft gefunden, doch konnen auch 
Silberlosungen (Hegonon, Argent, nitr.) mit Nutzen angewandt werden. 
Eine individualisierende Behandlung wird auch nach dieser Richtung 
erforderlich sein. Im allgemeinen wird man die Einspritzungen mit 
einer gewohnlichen Trippers pritze oder Glyzerinspritze ausfiihren kon- 
nen, doch wird eine hoch sitzende Erkrankung unter Umstanden auch 
Einlaufe mit dem Irrigator erforderlich machen. Die Ausfiihrung der 
Injektionen behalt sich der Arzt am besten selbst vor, da ihre Technik 
immerhin eine gewisse Ubung erfordert. 

Als Begleiterscheinungen des Mastdarmtrippers stellen sich nicht 
selten Geschwiirsbildungen und Rhagaden am After ein. Behandlung 
mit HoUensteinsalbe und eventuelle Atzungen mit dem Hollenstein- 
stift sind hier angezeigt, doch konnen auch reizmildernde Anwen- 
dungen (Umachla^ge mit verdiinnter essigsaurer Tonerde, Auflegen von 
Bor-, Zink- oder Salicylsalbe) notwendig werden. 

Differentialdiagnostisch kommen einfache, meist durch mecha- 
nische Insulte veranlaBte Katarrhe und Entziindungen der Rektal- 
schleimhaut in Betracht, die ganz ahnliche starke Schmerzen und 
auch Absonderungen hervorrufen wie die spezifische Ansteckung. 
Haufig leiden auch Homosexuelle an Condylomen, die ebenfalls nicht 
immer nur nach Gonorrhoe oder Lues auftreten, sondern, wie es 



I 



Digitized by VjOOQIC 



460 

scheint, ebenso liaufig nach mechanischen Einwirkungen. Ich sali 
wiederholb spitze Condylome ohne voraufgegangene Infektionen, und 
zwar scheinen sie sich weniger nach immissio in anum zu entwickeln 
als nach heftigen StoBen zwischen den Glutaeen ohne Oberwindung des 
Sphinkter. Ihre Behandlung ist eine operative, und zwar konnen sie 
nach und nach durch Atzmittel oder kUrzer durch Abtragung mittelst 
der Schere beseitigt werden. 

Fassen wir noch einmal kurz alles iiber die Behandlung 
der mannlichen und weiblichen Homosexualitat Besprochene 
zusanimen, so erkannten wir als gewilJ, daB wirkliche 
Homosexualitat durch keine der bekannten Methoden l)ehoben 
werden kann, weder auf operativem noch medikamentosem noch 
auf dem Wege irgendeiner psychischen Therapie. 

Ein volliger TrugschlulJ ware aber die Annahme, daU die 
Homosexualitat, weil der Arzt sie nicht andern kann, auBer 
den Bereich jlrztlicher Wissenschaft und Kunst f allt. Im Gegen- 
teil entschlfigt sich der Mediziner eines wesentlichen Faktors 
seiner Leistungsf ahigkeit, wenn er auf die genaue Kenntnis dieser 
Erscheinung verzichtet. Richtig bemerkt HenrikDediche n^) : 

„Jeder Arzt soUte diesen Unglticklichen mit Verstandnis und 
Sympathie entgegenkommen, was sie verdienen und was ihre 
seelischen Leiden wesentlich erleichtern kann. Er ist e» seiner 
Wissenschaft schuldig, an sainem Teile daran mitzuarbeiten, daB 
ein Vorurteil beseitigt wird, das in der Homosexualitat den 
auBersten Grad sittlicher Verworfenheit sieht.'* 

Der Arzt kann, wenn auch nicht die Homosexualitat, so 
doch den Homosexuellen behandeln. Vor allem wird ihm die 
ausfiihrlich geschilderte Anpassungstherapie gute Dienste leisten. 
Wenn der Patient bei mannigfachen nervosen, seelischen und 
k-orperlichen Storungen nicht mehr dem Arzt zu verhehlen 
braucht, daB er ein Homosexueller ist, sei es, well er sich 
dessen schamen zu mtissen glaubt, sei es, weil er ftirchtet, 
der Arzt werde seine Klagen kurz abweisen, so kann das 
ftir beide Teile nur vorteilhaft sein ; der Kranke wird 
lieber zum Arzt gehen, wenn er sich ihm voll und ganz 
anvertrauen kann, und der Arzt wird ihm dann auch viel eher 
richtig zu raten imstande sein. Wir mtissen danach trachten, 
daB der Ausspruch Grillparzers nicht mehr zu Recht besteht, der 
einmal ischiieb: ,,Ich mag nicht beichten ; am wenigsten den 
Arzten ; sie haben kein Verstandnis ftir Krankheiten, die einen 
Teil meinei Biographic ausmachen. Sie halten das tlbel fur 



9) In jjTidsskrift for Nordisk Retsmedicin og Psykiatri", 6. Jahr- 
gaug. Heft 3. 



Digitized by VjOOQIC 



461 

eine Sch'wiche der Nerven, was im Gegenteil eine auBerordent- 
liche Erregung derselben ist.'* 1st es auf dem Gebiete der 
Homosexualitat dem Arzt auch nicht vergonnt, ein magister 
naturae zu sein, vermag er die Natur zwar nicht zu meistern, 
so kann er um so mehr als tiiclitiger ministeiT 
naturae 1 eisten. 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by 



Google 



. Zweiter Hauptteil. 

Die Homosexualitat des Mannes und 
des Weibes als soziologische Erscheinung. 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL. 

Die Verbreitung der mSnnlichen und weiblichen Homfh 

sexualitMt 

Statistische Unterlagen. 

In dem ersten Bande dieses Buches beschaftigten wir uns 
mit den einzelnen Homosexuellen ; wir studierten ilir Ver- 
halteu gegeniiber dem eigenen und dem anderen Geschlechte, 
sowie ihre sonstigen Eigenschaften ; wir legten dar, wie wir sie 
erkennen und von denen unterscheiden konnen, denen sie in man- 
chen Punkten ahnlieh sind; wir gruppierten sie nach den ver- 
schiedensten Gesichtspunkten, suchten eine Erklarung ihrer 
Eigenart zu geben und besprachen die Vorschlage, die gemacht 
wurden, sie zu heilen oder wenigstens mit dem Leben. in Ein- 
klang zu bringen. Hatten wir uns bisher mit dem' Homo- 
sexuellen als E i n z e 1 erscheinung beschaftigt, so wenden wir: 
uns jetzt der Homosexualitat als M a s s e n erscheinung zu. 

Zu diesem Zwecke wollen wir zunachst ihre Haufigkeit 

untersuchen, ihre Verbreitung sowohl unter den verschiedenen 

Schiciten der Bevolkerung, als unter den verschiedenen Vol- 

kern. Dann wollen wir die Rolle untersuchen, welche sie inner- 

halb der menschlichen Gesellschaft einnehmen, ihre Symbiose 

mit den Heterosexuellen, ihre Sammelstatten und Bundnisformen, 

um schlieBlich ihre Geschichte in drei Hauptabschnitten zu 

behandeln, die Geschichte im Altertum bis zu den Gesetzen der 

ersten christlichen Kaiser, die lange Geschichte ihrer Verfolgung 

und die deren Abwehr in neuerer Zeit. 

WoUten wir diesem zweiten Hauptteil ein Motto voransetzen, 
so ware es ein Wort, das Adolf Wilbrandi) seinem iirnischen 
Kunslprofessor in den Mund legt: „Eiu Unikum? Glaube mir, es gibt 
ungezahlte Existenzen ahnlieh wie ich. Man stoBt auf sie, man 
wundert sich iiber sie, man lacht oder argert sich uber sie, man findet 
sie „8onderbar", aber man zergliedert sie nicht wissenschaftlich, man 
erkennt sic nicht." 



1) Adolf Wilbrand, Fridolins heimliche Ehe, p. 02. 
Hirschfeld, Homosexualitit. 30 



Digitized by V:iOOQIC 



466 

Es ist ohne weiteres klar, daB die Frage nach dem Urafang des 
Ui-anismus wesentlich ist. GiLbe es beispielsweise, wie der Korrespon- 
dent Caspers, Graf Cajus, der sich selbst als Urning bekannte, 
annahm, auf 10 000 Manner nur e i n e n Homosexuellen, dann ware diese 
Erscheinung eine kaum beachtenswerte Raritat, empfande und be- 
tatigte sich aber nicht jeder zehntausendste, sondern jeder 50. oder 
gar jeder 30. homosexuell, dann kame ihr im Volkskorper eine ganz 
andere Bedeutung zu. Es ist durchaus zutreffend, was Iwan Bloch 
bereits in seinan „Beitragen" 2) bemerkte: „Das Urningtum wiirde tat- 
sachlich s o z i a 1 e Bedeutung besitzen, wenn die Angabe iiber die 
groBe Zahl der Homosexuellen, spezieli derer mit angeborener kon- 
trarer Sexualempfindung, rich tig ware." 

Dieser soziologische Gesichtspunkt B 1 o c h a erscheint mir 
wich tiger als der kriminologische, der haufiger ins Feld ge- 
fiihrt ist, um zu begriinden, wie notig es ware, iiber die Ausdehnung 
der Homosexualitat unterrichtet zu sein. So betonte Hans GroB') 
vor einigen Jahren den Wert einer zahlenmafligen Feststellung, indem 
er meinte, „man miisse feste Anhaltspunkte iiber die Zahl der Kon- 
traren und die Begehung homosexueller Handlungen, notigenfalls unter 
Beihilfe der Homosexuellen, gewinnen, xxm die Zahl der Gesetzesiiber- 
tretungen und die Anzahl der tatsachlich erfolgten Verurteilungen 
vergleichen zu konnen. Wehn die Prozentzahl der gesiihnten 
Verbrechen gegen die Zahl der begangenen verschwindend Klein sei, 
so sei der Strafzweck nicht erreichbar; eine Bestrafung einer winzigen 
Anzabl von Fallen verfalle dem Fluche der Lacherlichkeit. Bei der 
Zweifelhaftigkeit der Strafbarkeit homosexueller Handlungen bilde dies 
dann einen Grund mehr fiir die Straflosigkeit." Einen ahnlichen 
Gedankengang entwickelte bereits 1869 Kertbeny in seiner Mono- 
graphie: „§ 143". Der offenbar gut unterrichtete Verfasser rechnet 
auf die 700 000 Einwohner, welche Berlin damals zahlte, 10 000 Homo- 
sexuelle. Er nimmt an, daB diese sich einmal die Woche zu Hand- 
lungen verleiten lieBen, die der GefaJir Verfolgung durch § 143 aus- 
gesetzt seien. Diesen 520 000 Fallen, „welche jahrlich Siihne zu 
fiirchten haben", standen im Jahre 1867 57 Falle gege nuber, welche 
zur Anzeige gekommen sind; zu einer Verurteilung kam es nur in 
18 Fallen, in 35 wurde das Verfahren eingestellt, 4 blieben „imer- 
Jedigt". Im Jahre 1868 kam in ganz Berlin bloB ein Fall „wider- 
natiirlicher Unzucht" zur Anzeige. Der Verfasser von „§ 143" fahrt 
nach diesen Gegeniiberstellungen wortlich fort: „Dehnt man diesen 
approximalen Ksdkul auf alle 1212 groBere und mittlere Stadte PreuBens 
aus, je nach der Hohe ihrer Bevolkerung — die ganz kleinen Stadte 
und die ungemein groBe Anzahl der Landbewohner vollig auBer acht 
lassend — so erhalten wir ein Zahlenresultat iiber wahrscheinlich 
veriibte, jetzt noch strafbedrohte Handlungen, gegen welche die wirk- 
lich strafrechtlich verfolgten Falle sich verhalten wie eine Miicke 
zu einem Elefanten. Tausende und Tausende begehen stundlich, tag- 
lich Handlungen, welche heute noch strafbedroht sind, aber dem 
Gesetz verfallen jahrlich von alien diesen Tatern kaum drei, vier 
Dutzend. Und diese nicht etwa weil sie das strafbedrohte Vergehen 
so artr iibertrieben, im Gegenteile, nur, weil sie so ungliicklich oder 
so unklug waren, sich zu sehr zu exponieren, weil sie der Denunziation 
unterlagen, zumeist wohl, weil sie zu mittellos waren, um streng 
yerscblossene Gemacher, treue Diener, willige Kreaturen zu haben, 
ihres Geliebten wie aller Mitwisser Schweigen zu erkaufen, oder weil 

*)Iwan Bloch, Beitrage zur Atiologie der Psychopathia 
sexualis, Tl. 1, S. 215. Dresden. 

3) Hans GroB, Besprechung des Buches von Wachenfeld : 
Homosexualitat und Strafrecnt, Archiv fur Kriminalanthropologic usw., 
Bd. VI., Heft 3 und 4, 1901, S. 361—365. 



Digitized by VjOOQIC 



•467 

sie sozial zu niedrig staaden, als daB man mit ibnen viel „Feder- 
lesens" gemacht hatte." Von ahnlichen Gesichtspunkten ging Bebei 
aus, als er in seiner ersten Reichstagsrede iiber dea § 176*> sagte, daB, 
wenn ein Strafgesetz nur ausnahmsweise gehandhabt werden 
kann, oder gehandhabt wird, die Frage entsteht, ob die Strafbestim- 
mung noch aufrecht zu erhalten ist. 

Der dritte Gesichtspunkt, von dem aus ein statistisch'es 
Fundament in dieser Frage notwendig ist, ist der biologische. 
Ist cs in der Tat richtig — und es hat viel Wahrscheinlichkeit 
iilT sich — daB der Uranismus ein Mittel der Ausaonderung ist, 
indeni er die zur Fortpflanzung ungeeigneten Petsonen elimi- 
niert und zu anderen Zwecken aufspart, so beaniprucht diese 
nattirliche Selektion eine andere Beachtung, wenn ihr Quotient 
ein konstanter oder ein variabler ist, eine andere, wenn er 
nach Prozenten oder nach Promillen rechnet. 

Es ist nun von vornherein klar, daB einer Ermittlung der 
Anzahl der Homosexuellen auBerordentlich grofle Schwierig- 
keiten entgegenstehen. Diese Schwierigkeit ist zunachst durdi 
jene SuBere Anpassung bedingt, welche wir sexuelle Mi- 
mikry^) nennen. 

Genan so wie im Naturreich viele Lebewesen in Farbe und Form 
ihrer Umgebung so gleichen, daB ihre Feinde sie nur ganz auBer- 
ordentlich schwer herauszufinden vennogen, so passen sich die Homo- 
sexuellen den Foitnen ihrer Umgebung derart an, daB selbst geschulte 
Beobachter sie als besonders geartete Menschen schwer herauskennen. 

Ich habe bereits eine gauze Reihe von Beispielen angefiihrt, 
wie Homosexuelle den ihnen am nachsten Stehenden oft jahxe- imd 
iahrzebntelang in dem, was sie am tiefsten erfiillte, unbekannt ge- 
blieben sind, und konnte diese Beispiele leicht vermehren. Wie oft 
ist es vorgekommen, daB sich nahe Verwandte, Briider, Vettern, ja 
Vater und Sohne auf homosexuellen Pfaden begegneten, wie oft waren 
Schulkameraden, Regimentskameraden, Berufskollegen eng befreundet, 
ohne daB der eine von der Homosexualitat des anderen wuBte. Wie 
oft hat einer wahrend seines ganzen Lebens nicht bemerkt, daB der 
andere, dem er sich so gern anvertraut hatte, „auch so" war. Be- 
zeichnend ist auch der folgende Fall: Zwei Kunstmaler von. Ruf 
waren seiL 20 Jahren innig befreundet. Seit ihrer gemeinsamen Stu- 
dienzeit duzten sie sich, sahen sich fast taglich und hatten anscheinend 
kein Geheimnis voreinander. Der eine war verheiratet, der andere 
Junggeselle. Nur in einem Punkte spiegelten sie sich gegenseitig 
etwas vor. Beide gaben sich voreinander als groBe Verehrer des 
weiblichen Geschlechts, mit dem sexuell zu verkehren ihnen in Wirk- 
lichkeit niemals gelungen war. Als des einen Frau starb, vertraute 
sicli in einer langen Aussprache der Witwer endlich dem Freunde an. 
GroB war dessen Erstaunen, noch groBer das des Witwers, als er 
nun auch von der homosexuellen Artung seines Freundes erfuhr. 
Sie hatten geschwiegen, weil sie bei der Preisgabe des angstlich ge- 
huteten Geheimnisses einander zu verlieren gefiirchtet hatten. Um- 
gekehrt wird in einem Lande der Anschein einer groBeren Verbrei- 
tung der Homosexualitat dadurch erweckt, daB ihre nicht unter Strafe 
stehende Betatigung weniger geheim gehalten wird. Besonders fiir 



♦) Of. Jahrbuch f. sex. Zwischenst., B. 1, p. 274. 
*) Cf. Naturgesetze der Liebe, p. 17 — 19. 



30' 



Digitized by V:iOOQIC 



468 

die homosexuellen Verhaltnisse im Orient hebt Numa Prato- 
rius*) diesen Gesichtspunkt mit Recht hervor. 

Selbsfc denjenigen, die sine grofie Anzahl Homosexueller kennen, 
ist immer nur ein geringer Prozentsatz von alien bekannt. Trotzdem 
ich selbst viele tausend horn osexue lie Manner und Frauen gesehen 
babe, kenne ich, wenn ich einmal ein urnisches Lokal aufsuche, 
um arztlichen KoUegen Homosexuelle zu zeigen, unter den Anwesenden 
meist nur 5 — 10 (ge^en lOo/o), oft noch weniger; es hat mich oft in 
Erstaunen gesetzt, wieviel neue Gesichter man immer wieder an ienen 
Platzen findet. Dasselbe sagten mir auch Kriminalbeamte, die 16 Jahre 
und langer in dem zustandigen Ressort tatig waren. Ebenso bieten 
die in die Polizeilisten eingetragenen Homosexuellen fur statistische 
Zwecke kein schliissiges Material. Diese Listen, welche eingerichtet 
wurden, um „in vorkommenden Fallen" Anhaltspunkte zu besitzen, 
entstehen in der Weise, dafi zustandige Beamte die Namen derjenigen 
angeben, von welchen sie direkt oder indirekt erfahren haben, oaB 
sie homosexuell sind; sie umfassen in Berlin 20 — 30 000 Nummern. 
Es liegt aber auf der Hand, dafi diese Eintragungen nicht nur unvoll- 
standig, sondem auch unzuverlassig sein miissen. ') Die Sammel- 
platze Homosexueller geben als solche kein richtiges Bild iiber die 
Zahl der Urninffe im Verbal tnis zu der iibrigen Bevolkerung. Die 
iibergroBe Afehrzahl .der Urninge halt sich von diesen fern 
und lebt ganrfich zuriickgezogen fiir sich oder mit einem Freunde, 
bemiiht, ihre „Schwache" als tiefstes Geheimnis vor der Welt, meist 
auch vor Schicksalsgenossen, zu bewahren. Andere haben wohl einige 
homosexuelle Bekannte, huten sich aber gleichwohl, Ortlichkeiten aui- 
zusuchen, die als Treffpunkte urnischer Personen gelten. Immerhin 
ist OS beachtenswert, daB es in Berlin gegenwartig allein 30 — 40 Restau- 
rants, etwa 6 Bader und mindestens ebensoviele Pensionsanstalten 
gibt, die fast nur von Homosexuellen aufgesucht werden, und daB alle 
diese Zusammenkunftsstatten meist stark frequentiert sind; auf den 
friiher haufig stattfindenden Urningsballen in Berlin befanden sich 
oft nicht weniger als 800 — 1000 Homosexuelle in einem Saal, von 
denen ich haufig nur 20 — 30 personlich und etwa 60 dem Aussehen 
nach kannte. 

Ebensowenig brauchbar sind die Angaben der eigentlichen Kri- 
minalstatistik. Diejenigen Homosexuellen, welche zur Anzeige und 
Aburteilung gelangen, bilden erfahrungs- und naturgemaB einen so 
verschwindend kleinen Bruchteil der wirklich vorhandenen, daB ihre 
Zahl fur eine Abschatzung der Homosexuellen nicht verwertbar ist. 
GeJangten doch nach der mitgeteilten Berechnung Kertbenys 1868 
nur 0,00019 o/o der wahrscheinlich vorgekommenen Falle zur Anzeige. 

Wenn wir uns von den Juristen an die Mediziner wenden, 
so bleiben auch diese die Antwort schuldig. Vollig zutreffend 
schreibt Merzbach^): „Die Homosexuellen sind zwar aller- 



<5)Numa Pratorius bei Besprechung des Artikels von 
N a c k e : Die Homosexualitat im Orient bei GroB 16. Bd. 3. u. 4. Heft. 
S. 363 ff. Im Jahrb. f. sex. Zw. Bd. VII. 2. p. 763. 

■') Ein naiver SchluB ist es, aus der VergroBerung der Polizei- 
listen die Zunahme der Homosexuellen zu folgern, wie es in Leipzig 
in einem Vortrage (am 18. Januar 1905) Hofprediger S t 6 c k e r ta^ 
der meinte: „Die aktuellste Frage ist zur Zeit die homosexuelle. Die 
Berliner Polizei kannte vor 20 Jahren nur 2000 Urninge, heute sind 
es schon 20 000." 

8) Die Lehre von der Homosexualitat, als Gemeingut wissenschaft- 
licher Erkenntnis, von Dr. Georg Merzbach, in der Monats- 



Digitized by VjOOQIC 



469 

orten, auf dem Lande und in den Stadten, in der Htitte und in 
den Palasten, bei den Kulturvdlkern wie bei den wilden Stam- 
men in nicht eben kleiner Zahl anzutreffen, aber es diirfte doch 
nur wenige Arzte geben, denen sioh Homosexuelle in dieser Eigen- 
schaft als Patienten anvertraut haben. Diesen Umstand erklart 
einesteils die begreifliche Scheu des Homosexuellen, sich selbst 
dem Arztc in einem Zustande anzuvertrauen, den die Gesell- 
schaft mit Achtung und das Gesetz mit harter Strafe bedroht, 
anderenteils ihr BewuBtsein, daB sie der Arzt entweder nicht 
versteht oder ihnen Rat und Heilung doch nicht zu bieten im- 
stande ist.** 

Wenn manche beschaftigte Arzte, wie im deutschen Reichs- 
tag der elsassische Abgeordnete Hoffel, behaupten, die Homo- 
sexualitat sei sehr selten, denn sie hatten in ihrer Praxis noch 
nie einen Homosexuellen gesehen, so ist zu bemerken, daB es 
wohl keinen beschaftigten Arzt gibt, der keinen Homosexuellen 
gesehen; die Arzte twaren eich blofl dessen nicht bewuBt und 
soUten deshalb ihre Behauptung vorsichtigerweise einschranken, 
indem sie sagen, sie hatten wissentlich noch keinen Homo- 
scjxuellen gesehen. WliBten sie, wieviele und welche Homo- 
sexuelle sie in ibrer Tatigkeit gesehen, unwissentlich geseJien 
haben, ihr Urteil iiber die Homosexuellen wurde vermutlich 
anders lauten. 

Das gilt nicht nur fur den einfachen praktischen Arzt, sondern 
auch fur den Spezialarzt, sowohl den fiir Geschlechtsleiden, als den 
fiir Seelenstorungen. Seitdem hervorragende Gerichtsarzte und Psy- 
chiater wie Casper, Griesinger, Westphal und K r a f f t - 
E b i n g in den sechziger und siebziger Jahren des ietzten Jahr- 
hunderts dem Gegenstand ihre Aufmerksamkeit zugewandt haben, haben 
sich die Psychiater fiir besonders qualifiziert erachtet, nicht nur 
iiber das Wesen, sondern auch iiber die Zahl der Homosexuellen 
selbstiindige Urteile abzugeben. Entsprechend ihrer Erfahrung er- 
klarten fast alle die Homosexualitat als ein auBerordentlioh seitenes 
Vorkommnis. So bezeichnet K r a p e 1 i n») die Angabe von U 1 r i c h a 
in seinem Lehrbuch als wahrscheinlich betrachtlich libertrieben. Noch 
apodiktischer erklart Straiimann^o) die Angaben von U 1 r i c h s 
zu hoch. Ebenso nennt C r a m e r i^) die Zahlen der Literatur zu 
hoch. Ein wenig vorsichtiger meint H o c h e ^2) ; die Haufigkeit 
wird wohl iiberschatzt. Demgegeniiber ist es ein Verdienst von Ober- 



schrift fiir Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene. Heft 1, Jahrg. I. 
1904. Herausgegeben von Dr. med. Karl Ries. 

9) Krapelin, Kurzes Lehrbuch der Psvchiatrie, Leipzig, p. 631, 
1887. 

10) 1896 StraCmann, Lehrbuch der gerichtlichen Medizin, 
p. 119. 

11) 1900. Cramer, Gerichtliche Psychiatric, Jena. 

12) 1902. Hoche, Handbuch der gerichtlichen Psychiatric, 
Berlin. 



Digitized by VjOOQIC 



470 

medizinalrat N a c k e i^), hervorgehoben zu haben, dafi die meisten 
dieser Autoren keine geniigenden Sachverstandigen seien, well ihr 
Material viel zu gering und iinter abnormen Verhaltnissen beobachtet 
sei. DaB aber von den sechs Autoren, welche N a c k e als wirkliche 
Sachverstandige auf dem Gebiete der Homosexualitat aufzahlt, nicht ein 
einziger sich getraute, eine bestimmte Meinung iiber die Anzahl der 
Homosexuellen zu auCern, ist sicherlich kein Zufall. 

Einige Autoren haben Mitteilungen veroffentlicht, welche 

ihnen Urninge selbst tiber die Anzahl der Homosexuellen ge- 

geben haben, tells iiber die Menge, welche sie liberhaupt kennen 

gelernt haben, teils uber diejenigen, welche ihnen in der Stadt, 

in der sie lebten, bekannt geworden sind. 

Ein Patient Krafft-Ebings kennt in einer Stadt von 13 000 Ein- 
wohnern 14 Urninge, in einer anderen von 60 000 Einwohnern wenig- 
stens 80, ein Urning hat Moll mitgeteilt, daB ibm in Magdeburg 
70, ein anderer, dai3 ihm in einer Stadt von 60 000 Einwohnern 
50 Homosexuelle bekannt seien, ein anderer hat in einer Stadt von 
350 000 Einwohnern mit 250 Mannern Beziehungen gehabt, ein an- 
derer, der sehr viel gereist ist und sich genaue Aufzeichnungen 
gemacht hat, will in 20 Jahren gar mit 965 ^Fiinnern sexuell ver- 
kehrt haben. Auch ich besitze eine Reihe ahnlicher Mitteilungen ; 
so kennt ein Urning in Hamburg 60, ein anderer daselbst 11 Homo- 
sexuelle, einer in Danzig iiber 100, ein zweiter in der gleichen Studt 
iiber 50, einer in Braunschweig 82, einer kennt in Hildesheim 15, 
ein zweiter 8 Gleichempfindende, fiir Stuttgart gibt ein Homosexu- 
eller 130, ein zweiter 40, ein dritter 25 ihm bekannte Urninge an. In 
Flensburg kennt einer 25, in Elberfeld 30, in Gorlitz 10, in StraB- 
burg 40—50, in Triest 24, in Weimar 10, in Bern 10, in Diisseldorf 
gegen 200, fiir Miinchen gibt einer 100 ihm bekannte Homosexuelle 
an, ein zweiter will mehrere Tausend kennen. Die Zahl der Homo- 
sexuellen in Barcelona schatzen nach Bembo**) einige auf 6000, 
andere auf 18 000, ein weiterer gab sogar 30 000 an. 

Ich halte alle diese Angaben fiir eine Statistik iiber die 

Homosexualitat f tir unverwertbar, da es sich doch immer 

nur um eine beschrankteGruppe handelt, die einem Urning 

direkt oder indirekt bekannt geworden ist, namentlich die zahl- 

reichen monogam veranlagten Urninge werden selten bekannt, 

auch entsprechen die Geriichte, die iiber die Homosexualitat 

dieser oder jener Person im Umlauf sind, keinesfalls immer 

der Wahrheit. Zweifelsohne wohnt auch vielen Urningen die 

Nei^ung inne, die Menge ihrer Leidensgefahrten zu hoch zu 

beziffern; doch kommt auch das Gegenteil vor, so hebt Moll 

mit Recht hervor, daC sich Ulrichs „kaum einer tJbertreibung, 

eher einer Unterschatzung schuldig gemacht hat, wenn er 

auf 2000 Seelen oder auf 500 erwachsene Manner durchschnitt- 

lich einen Urning rechnet**. 

^5) Dr. P. N a c k e , Die Probleme auf dem Gebiete der Homo- 
sexualitat, in der allgemeinen Zeitschrift fiir Psychiatrie und psychia- 
trisch-gerichtliche Medizin. Bd. LIX, Heft 6, S. 805—829. 

^*5 La mala vida en Barcelona. Kap. Uranismo. Von Prof. Max 
B e m b o. 



Digitized by VjOOQIC 



471 

In seiner letzten Schrift i*) nimmt U 1 r i c h s iinter den Volkern 
deutscher Abstammung durchschnittlich „einen Urning unter etwa 
800 Seelen der Bevolkerung an". Er fiigt hinzu: „ Unter den Mag- 
yaren und den Slaven, namentlich unter den Siidslaven, ebenso auch 
unter den germanisierten Slaven, scheint die Verhaltnisziffer der 
Urninge eine etwas hohere zu sein." 

Ganz unbrauchbar ist eine von Moll wiedergegebene Statist ik 
eines Urnings, der seine Beobachtungen an einer Bediirfnisanstalt 
anstellte. Unter 682 Besuchern, welche die Anstalt von 8 Uhr friih 
bis 12 Uhr nachts besuchten, will dieser homosexuelle Herr, der, wie 
Moll sagt, „durch seine wissenschaftliche Bedeutung eine Gewahr 
fiir seine Mitteilungen gibt," genau bei 100 eine Disposition zur 
Homosexualitat wahrgenommen naben. Er folgerte dies daraus, daB 
die betreffenden Personen teils ihre Genitalien zeigten, teils andere 
sehen woUten, teils Erektionen erzeugten. Abgesehen davon, daB 
diese Zeichen sehr unsicher sind, sollte dieser Gewahrsmann wissen, 
dafi in groBeren Stadten — er stellte seine Beobachtungen in einer 
Stadt von 400 000 Einwohnem an — , stets einige Toiletten von Horao- 
sexuellen sehr bevorzugt, andere sehr wenig aufgesucht werden. In 
Berlin gibb es eine oder zwei in verschiedenen Stadtgegenden ge- 
legene Beddrfnisanstalten, in denen nahezu der dritte Teil aller 
Besucher homosexuell ist oder sich zum homosexuellen Verkehr an- 
bietet, wahrend andere in derselben Gegend von Homosexuellen mit 
EntbloBungs- oder Schautrieb nur ganz zufallig benutzt werden. 

Als ich einmai an einem mitteldeutschen Landgericht Gutachter 
war, kam es wahrend der Verhandlung, die sich gegen 16 Angeklagte 
richtete, zur Sprache, dafi der Tatort eine sehr entlegene Bediirfnis- 
anstalt war. von Heterosexuellen wurde diese Anstalt nach 7 Uhr 
abends fast gar nicht frequentiert. Einen gewissen SchluB auf die 
^oBe Verbreitung des Uranismus laBt vielleicht eine andere, sich 
m Bediirf nisanstalten aufdrangende Erscheinung zu: Die groBe 
Hiiufigkeit von Wand i ns c h rift en und Zeichnungen 
homosexuellen Inhalts. Die Phalli, angemalt mit Kohle oder 
Blei, nicht selten auch in den Stein gekratzt und in Teer gezogen, 
ruhren in der ubergroBen Mehrzahi der Falle sicherlich von Homo- 
sexuellen her. Gelegentlich mogen sie auch von Heterosexuellen an 
die Wand geworfen werden, doch sind sie dann meist durch weib- 
lichc Embleme erganzt. Ich fand diese Bilder und Inschriften Homo- 
sexueller von Chicago iiber Tanger bis Constanza allerwarts, undweiter 
Gereiste bestatigen, daB man sie in vollig, gleicher Weise in Rio 
wie Tokio findet i«). 

Etwas bessere Anhalt^punkte, aber auch nur allge- 
meine,nichtprozentuale, liber die Haufigkeit der Hiomo- 
sexualitat gibt eine andere, von Urningen selbst gewohnlich zu 
Ankniipfungszwecken angewandte „Untersuchungsmethode**, die 
des Inserats^"^). 

So gab beispielsweise im Jahre 1901 ein urnischer Philologe 
in Berlin das folgende Inserat auf: „17— 21jahrigen Freimd sucht 25- 
jahriger Doktor. „Z" Morgenpost, Schiffbauerdamm 2." Nur 11 von 



Kritische Pfeile, p. 12. 
Nui 



«) Kritii 

w) cf. I 



, ^-. Artikel von Numa Pratorius in Anthropophy tela. 
Bd. VIII. p. 410 ff. „Homo8exuelle Pissoirinschriften aus Paris". 

1') Jahrbuch f. sex. Zw., Jahrgang V. Band 2. p. 950, Ano- 
nym. (Dr. B.) Eine praJstische Enquete iiber die Haufigkeit der Homo- 
sexualitat in Friihrot, freiradikale Zeitschrift, herausgegeben von 
Robert Heymann, Nr. 8, 9, 10, 11, 12 und 13. (1901.) 



Digitized by VjOOQIC 



472 

36 Zeitungen nahmen die ihnen iibersandte Anzeige auf. Insgesamt 
antworteten auf das Inserat, das nur einmal erschien, 140 Per- 
sonen, damnter befanden sich' 111 — der Verfasser legte mir spater 
selbst die Briefe vor — , die nahezu mit Sicherheit von Homosexuellen 
h'erruhrten die sich nach einem „iiitiinen Freund" sehnten. Viele da- 
von geben ganz offen das h'omosexueile Gefiihl, das nach Erwiderung 
verlangt, kund. Das angegebene Alter der Briefs ch'reiber schwankte 
zwischen 16 1/2 und 30 Jahren, vereinzelt fanden sich auch Herren von 
35, 39, 40, 46 und noch' hoherem Alter. Der Verfasser des Inserats 
meint, die Zahl von 111 Eingangen auf 13 Zeitungen Berlins scheine 
zwar gering, dabei sei aber zu beriicksichtigen, dai3 ein nur ein ein- 
ziges Mai gebrachtes Inserat von sehr wenigen Lesern gelesen werde, 
sowie dali die wenigsten Homosexuellen es wagten, auf Inserate zu 
reagieren. Demgegeniiber bemerkt aber Pratorius ganz richtig^Ja) : 
„Die Anzahl der auf das Inserat eingegangenen Schreiben ist nicht 
als eine geringe zu betrach'ten, wie Verfasser meint, sondern als eine 
relativ groBe, wenn man bedenkt, wie viele Bedingungen erfiillt sein 
miissen, bis ein Homosexueller antwortet. (Leser der betreffenden 
Zeitung, Leser des Inseratenteils, Leser des betreffenden Inserats, 
Lust zu antworten, Mut zu einem solch'en Schritt usw.)." 

Ein weiteres Mittel, das einen gewissen MaCstab fur die 

Haufigkeit der Homosexualitat bietet, ist die katholische 

Beichte. Es liegen mir eine ganze Reihe interessanter Mit- 

teilungen katholischer Priester vor, von denen ich wenigstens 

einige wenige wiedergeben will. 

So antwortet ein Geistlicher auf die Frage, ob er auf Grund 
seiner pastoralen Erfahrung bestatigen konne, daB es Menschen gibt, 
welchen von Natur aus kein anderer als ein gleichgeschlechtlich^T 
Trieb innewohnt, folgendes: „Schon lange in der Seelsorge tatig, 
namentlich viel mit Manuerseelsorge beschaftigt, kann ich die Existenz 
sotban gearteter Naturen ganz decidiert bestatigen. Ich lernte von 
Homosexuellen kennen: Einen Fabrikarbeiter, einen Gesellen — Senior 
eines katholischen Gesellenvereins — , einen Bauernknecht, einen Pro- 
fessor, eine Sprachlehrerin u. a. m." — Ein anderer Geistlicher schreibt : 
,,Da ich schon fruhzeitig von diesen Dingen Kenntnis erhielt, habe 
ich im Beichtstuhl immer darauf gerichtete Erganzungsfragen gestellt. 
Ich frage jedesmal, wenn von Siinden gegen das 6. Gebot die Rede 
geht: Ist es mit jemand vom anderen oder mit jemand vom eigenen 
Geschlecht geschehen? Und dabei bediene ich mich eines Tones, aus 
dem der Penitent entnehmen kann, daB mich letzteres nicht im 
mindesten iiberraschen wiirde. Im Durchschnitt heiCt es dann natur- 
lich: Mit jemand vom anderen Geschlecht. Wenn nun diese Antwort 
nicht ganz schnell und sicher kommt, frage ich weiter: Mit Personen 
vom eigenen Geschlecht gar nicht? und befleifiige mich womoglich 
einer noch groBeren Freundlichkeit. Da kommt dann nicht selten 
ein schiichternes „Auch". Ja, es stellte sich schon herau'S, daB 
Siinden mit dem anderen Geschlecht gar nicht vorgefallen waren, 
sondern nur Siinden solcher Art. Zuletzt erkundige ich mich immer 
nach den Ursachen und Anlassen. Dor Ursachen gibt es dreierlei 
(nach meinen Erfahrungen namlich; jindere mogen vielleicht wieder 
anders urteilen) : Verfiihrung, Mangel an Gelegenhcit, mit Personen vom 

i"a) Vgl. die Arbeiten von Numa Pratorius uber Inserate, 
namentlich: „Homosexuelle Inserate", Anthropophyteia Bd. VI, S. 167 ff., 
und „Ein homosexuelles Inserat und die eingegangenen Angebote"' 
„Homosexuelle Inserate" aus der Pariser Zeitung „Le Supplement" 
Ko. 2—3 und Anthropophyteia Bd. VIII S. 244 If. 



Digitized by VjOOQIC 



473 

ent^eeengesetzten Geschlechte zusammenzukommen und endlich gleich- 
geschlechtliche Naturanlage. Letztere Ursache ist die gewohnliche ; 
und icb glaube, daB auch in den ersteren Fallen immer ein biBchen 
jjlomosexualismus" mit unterlauft, nur dafi oft bloB leichte, schwache 
Anlasse vorhanden sind. Ich bin der Oberzeugung, dafi solche 
Menschen gar nicht so selten vorkommen, fiirchte aber, daB sehr 
viele von ihnen, weil sie nur von wenigen Beichtvatern verstanden 
und billig beurteilt zu werden hoffen diirfen, ihr Leben lang kein auf- 
richtiges Bekenntnis machen." Ein Dritter sagt: „0b ich als Beicht- 
vater die Existenz des Homosexualismus als einer objektiv gegebenen 
Tatsache bestatigen konne? Das kann ich allerdings. Ich habe tau- 
sende von Beichten entgeg^ngenommen, habe Mannern und Frauen, 
Greisen und Jiinglingen, Landleuten und Stadtern, Menschen der 
obersten und der untersten Stande ins Gewissen geschaut, so tief ins 
Gewissen geschaut, daB ihr innerstes Leben, ihre innersten Empfin- 
dungen, Kampfe und Gefiihle offen vor meinen Blicken lagen, una ich 
muB den Satz unterschreiben : „Es ist eine Erscheinung, mit der wir 
uns, als einmal gegeben, abfinden miissen, daB die fleischliche Liebe 
nicht exklusiv an das entgegengesetzte G^schlecht gebunden ist. Wenn 
wir auch die Griinde dafiir bisher nicht verstanden, so ist doch ein 
Zweifel dariiber ausgeschlossen, daB es eine ansehnliche Zahl 
von Mannern und Frauen gibt, die sich, und zwar mit physischer Not- 
wendiffkeit, nicht vom anderen, sondern vom eigenen Geschlecht 
sexuell angezogen fiihlen." Ein Vierter antwortet endlich auf Grund 
einer 30jahrigen pastoralen Erfahrung: „Es gibt einen, allerdings 
sehr geringen, Prozentsatz von Menschen, denen kein anderer, 
als ein gleichgeschlechtlicher Trieb innewohnt; weit groBer aber ist 
die Zahl derer, die zwar auch vom anderen Geschlecht, in hoherem 
MaBe aber vom eigenen sich angezogen fiihlen." 

Da die gesehilderten Unterlagen ftir die Gewinnung eines 

Urteils iiber das Vorkommen homosexueller Empfiudungen hoehst 

unzureichend sind, ist es nur zu begreiflich, daU die Meinungen 

iiber die Menge der Homosexuellen friiher ganz auUerordentlich 

weit auseinandergingen. In wie hohem! MalJe dies der Fall war, 

mogen noch einige Literaturangaben zeigen, die ich den bereits 

angefiihrten hinzuftigen mochte. 

Gustav Jageris) berichtet, daB ein Gewahrsmann von ihm 
auf 50 Manner 1 Homosexuellen annimmt. Es ist dies wohl derselbe 
Dr. M., der in der spater von Jager in dem Jahrb. f. sex. Zw. i^) ver- 
offentlichten Abhandlung mitteilt, daB er „auf eine Million Manner 
20 000 Mutuelle und Pygisten" rechnet. Nach den Mitteilungen von 
Otto de Joux soil die Zahl der Urninge in ganz Europa etwa 6 Mil- 
lionen betragen, es sollen 4,5 o/o aller Personen mannlichen Geschlechts 
Urninge, dagegen bloB 0,1 o/o aller Personen weiblichen Geschlechts 
Urninginnen sein. Wahrend d e Joux den Prozentsatz der homo- 
sexuellen Frauen geringer veranschlagt als den der homosexuellen 
Manner, halt H. Ellis ihn im Gegenteil fiir wesentlich hoher. Er 
schreibt*o): ,^Bei dem berufstatigen, gebildeten Elemente der Mittei- 



lt) Gustav Jager, Entdeckung der Seele, 3. Aufl., Bd. I, 
p. 257, Leipzig 1884. 

19) Jahrb. f. sex. Zw., II. Jahrg. 1900, p. 53: Ein bisher unge- 
drucktes Kapitel iiber Homosexualitat aus der „Entdeckung der Seele" 
von Dr. med. Gustav Jager in Stuttgart. 

20) H. Ellis, Psychology of Sex. Band: „SexuaI inversion" 
p. 29—30. 



Digitized by VjOOQIC 



474 

klasse in England findet sich ein bestimmter Prozentsatz von Urniogen, 
mauchmal bis zu 5 o/o, wenn auch solche Angaben immer nur 
schatzungsweise bleiben konnen. Bei den Frauen derselben Klasse 
scheint der Prozentsatz mindestens die doppelte Hohe aufzuweisen — 
wenn auch bier die AuBerungsformen unbestimmter imd weniger tief 
sind." Moll schreibt in seiner „Kontraren Sexualempf indung" ") • 
„Was die Zahl dor Urninge betrifft, so ist es unmoglich, genau an- 
zugeben, welchen Prozentsatz der Bevolkerung sie ausmachen"; und 
etwas weiter: ,,Ich habe selbst in Berlin etwa 600 — 700 Urninge ge- 
sehen und beobachtet und von etwa 250 — 350 gehort. Nach diesem 
ungefahren Bilde kann ich feststellen, daU sich die Zahl der Berliner 
Urninge mindestens auf 900 belauft. DaU aber in Wirklichkeit diese 
Zahl wesentlich iiberschritten wird, kann ich mit grofiter Wahrschein- 
lichkeit sagen. Ob es 3000 oder 10 000 oder sogar, was ich nicht fiir 
ausgeschlossen halte, noch mehr Homosexuelle in Berlin gibt, dariiber 
kann ich mit Sicherheit nicht urteilen." v. R 6 m e r ^2) glaubt, „daC 
der Uranismus in einem Minimum von 2 o/o und in einem Maximum von 
33 o'o vorkommt**. 

In fast allon sonstigen Liter aturstellen, die ich kenne, be- 
gnligt man sich damit, die Homosexualitat entweder flir ein 
haufiges oder flir ein seltenes Vorkommnis zu erklaren, ohne 
allerdings diese Vermutungen des naheren zu begrlinden. Wenn 
Volt aire 2^) von ihr sagt: „Ce vice est tres-rare parmi Jious", 
so ihandelt es sich nicht weniger um eine subjektive beweislose 
Meinung, als wenn de Joux auBerf : „Niemand ahnt, welche 
ungeheure Verbreitung der moderne Hellenismus hat. Jedee 
Haus hat hjeute sein Urning-Skelett. Unerkannt, ungeahnt, in 
trefflicher Maske sitzt der Uranismus, gleichsam in eine Tarn- 
kappe gehtillt, an alien Tischen, nimmt liberall am offentlichen 
Leben teil und fordert gebieterisch sein Naturrecht." 

Angesichts der groBen Unsicherheit und Verschiedenheit 
der Anschauungen (schwankten doch die Verhaltniszahlen zwi- 
schen 1 auf 2 und 1 auf 10000), dtirfte es wohl berechtigt ge- 
wesen sein, was ich selbst in meiner ersten Arbeit iiber den 
Uranismus geauBert habe: ^-Bei dem dichten Sclileier, der ge- 
heimnisvoll das Geschlechtsleben des Menschen umgibt, cntzieht 
es sich jeglicher Berechnung, in welchem Zahlenverhaltnisse 
diese drei Menschenklassen (gemeint sind die Heterosexuellen, 
Bisexuellen und Homosexuellen) zu einander stehen; alle bis- 
herigen Untersuchungen und Schatzungen selbst 
namhafterForschersindmehroderwenigerunzu- 
verlassige Vermutungen.** Um zu zuverlassigeren sta- 
tistischen Unterlagen zu gelangen, wandte ich in Gemeinschaft 



*i) A. Moll, 1. c. p. 144. 

"?) Jahrb. f. sex. Zw., VII. Jahrg. Bd. 1, p. 67: Die erbliche Ba- 
les tung des Zen trainer vensy stems bei Uraniern, geistig gesunden Men- 
schen und Geisteskranken, Von L. S. A. M. v. Romer. 

=^5) Voltaire, Diet, philos., p. 285. 



Digitized by VjOOQIC 



475 

mit einer Anzahl meiner Mitarbeiter zwei Mittel an: Stich- 
proben und Rundfragen. Wir schlossen, damit wir keine 
zu hohen Zahlen erhielten, bei beiden Methoden von vornhefein 
Gruppen aiis, von denen man hatte annehmen konnen, dafl 
unter ihnen das homosexuelle Element besonders stark ver- 
treten ist. 

Bei den Rundfragen sucliten wir Kreise aus, von denen man 
theoretisch voraussagen durfte, daD in ihnen die Anzahl der Homo- 
sexuellen keineswegs groBer sein wiirde als in der iibrigen Bevolkerung, 
das eintj Mai Studierende technischer Facher, das andere Mai Metall- 
arbeiter. beides also zwei besonders „mannliche" Bemfe. Bei den 
Stichproben legte ich Wert darauf, daB es sich um gemischte, mog- 
lichst indifferente Gruppen handelte, vor allem nicht um den engeren 
Bekanntenkreis einer Personlichkeit, in welchem moglicherweise die 
Menge der gleichgeschlechtlich Empfindenden hatte iiborwiegen konnen. 
Man konnte gegen die Stichproben geltend machen, daB die Homo- 
aexuellen nicht selten die Neigung haben, die Zahl der Gleichfiihlenden 
zu iiberschatzen. Demgegeniiber ist zu erinnern, daB von den Bericht- 
erstattern ausdriicklich verlangt wurde, nur Personen aufzunehmen, 
die ihnen positiv als homosexuell bekannt waren, wahrend es of fen- 
bar in den meisten der angefiihrten Kreise den einen oder anderen 
gibt, der seine Anlage so gut zu cachieren weiB, daB sie audi guten 
Beobachtern entgeht. Deshalb sind die Resultate auch hier wie in 
den Enqueten eher als etwas zu niedrig als zu hoch gegriffen an- 
zusehen. Ich lasse nun Beispiele von Stichproben f olgen, 
wobei ich bemerke, daB die samtlichen Ermittelungen von Personen 
herriihrcn, die mir als zuverlassig bekannt waren. Die Bericht- 
erstatter sind, soweit sie selbst Urninge sind, mit eingerechnet. 

I. Unter einer Gruppe von im ganzen etwa 40 Personen, welche 
dem hochsten europaischen Adel angehoren, befinden sich 
nach absolut zuverlassigen Informationen zwei, deren Uranis- 
mus auBer Zweifel steht. 2 : 40 = 5 o/o. 

II. Ein urnischer Offizier kennt 660 Offiziere aus 10 verschiedenon 
Regimcntem; unter diesen befinden sich 14 Homosexuelle, ziemlich 
proportional auf alle Chargen verteilt. 14: 560 = 2,5 o/o. 

III. Ein Einjahriger eines ostpreuBischen Infanterieregimentes gibt 
an, in seiner Kompagnie 4 Homosexuelle verschiedener Chargen gefunden 
zu haben. 4 : 125 = 3,2 o/o. 

IV. Ein zu einer achtwochentlichen Waffeniibung eingezogener 
urnischer Ingenieur fand in seiner Kompagnie auBer sich 2 Ur- 
ninge, einen Unteroffizier und einen Gemeinen. 3: 125 = 2,4 o/o. 

V. Unter 120 Mannschaften und Unteroffizieren einer Kiirassier- 
schwadron befanden sich 3 Homosexuelle. Ref. folgert dies nicht etwa 
daraus, daB sie mit Homosexuellen verkehrten — wenn dies beweisend 
sei, so ware der Prozentsatz hoher — , sondern aus ihren Angaben 
und ihrem Gebaren. 3: 120 = 2,5 o/o. 

VI. Ein Marineoffizier, der sehr zahlreiche und sorgfaltige Be- 
obachtungen angestellt hat, taxiert den Prozentsatz der Homosexuellen 
in seinem Stande auf 5 unter 100 = 5 o/o. 

VII. Unter 400 franzosischen Soldaten befanden sich 12 Homo- 
sexuelle. 12 : 400 = 3 o/o. 

VIII. Ein urnisch veranlagter evangelischer Pastor teilt mit, daB 
er unter seinem geistliclien Bekanntenkreis, der 87 Herren umfaBt, 
2 Homosexuelle kenne. Dem einen von beiden gestand er, um sich mit 
ihm zu beraten, seine geschlechtliche Eigenart und erfuhr zu seiner 
Oberraschung, daB derselbe sich in der gleichen Lage wie er selbst 



Digitized by VjOOQIC 



476 

befande. Die Homosexualitat des anderen verriet ihm ebenfalls ein 
unzweideutiges Selbstbekenntnis. 3 : 88 = 3,4 o/o. 

^ IX. Ein Priester hat unter 95 katholischen Geistlichen, die er 
naher kennen lernte, 2 Uminge gefunden. „Beide haben es mir selbst" 
— so schreibt er — „(extrasakrameiital) eingestanden, der eine aus- 
driicklich, der andere so gut wie ausdrucklich. Ein Zweifel ist aus- 
geschlo8sen." Der Gewahrsmann fiigt hinzu, daC nacli seiner Mei- 
nung die Homosexualitat unter der katholischen Geistlichkeit starker 
vertreten sei, als unter irgendeinem andem Berufe. 3: 95 = 3,15'>;o. 

X. Ein umischer Brieftrager hat unter ca. 1000 Postbeam- 
ten eines der groDten Berliner Postamter in mehreren Jahren 18 kennen 
gelemt, von denen er mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrschein- 
lichkeit aussagen kann, daB sie „so" sind. 18: 1000 = 1,8 o/o. 

XI. Ein Eisenbahnbeamter kennt unter 300 Beamten seines Di- 
strikts 3 Homosexuelle. 3:300=1 o/o. 

XII. Ein homosexueller Lehrer berichtet, daB sich unter 90 Zog- 
lingen eines Lehrerseminars — Internats — 2 Homosexuelle 
befanden, die es auch jetzt nach Jahrzehnten noch sind. 2:90 = 2,22 o/o. 

XIII. Ein Korpsstudent kannte imter 35 Mitgliedem seiner 
[corporation 2 Uranier. 2: 35 = 6,71 o/o. 

XIV. Ein Student fand in einer groCeren Verbindxmg von 
durchschnittlich 100 Aktiven im I. Semester 2 Homosexuelle, im 
II. Semester 2 Homosexuelle, im III. Semester 3 Homosexuelle, im 
IV. Semester 4 Homosexuelle, im V. Semester 2 Homosexuelle, im 

VI. Semester 1 Homosexuellen, im VII. Semester 2 Homosexuelle, 
durchschnittlich unter 100 Studenten: 2,28 Homosexuelle. 2:100 = 2o;o. 

XV. Ein Gj'mnasiallehrer kennt unter 152 Lehrern, die er im 
Laufe der Jahre genauer kennen gelemt hat, 3 Homosexuelle, sich 
mit eingerechnet. 3 : 162 = 1,97 o/o. 

XVI. Dr. Numa Pratorius gibt in der Bibliographie des 

VII. Jahrganges des Jahrbuches fiir s. Zw.25a) folgende Stichprobe: 
„Ich kenne unter der auf etwa 200 sich belaufenden Anzahl der Richter 
eines deutschen Bundesstaates drei geborene Homosexuelle, die sich 
untereinander ausgesprochen haben, zwei davon sind ausschlieBlich 
homosexuell und einer bisexuell, aber mit sehr stark iiberwiegender 
homosexueller Neigung. Die Vermutung liegt nahe, daB auBer diesen 
drei in dem betreffenden Bundesstaat noch weitere Justizbeamte homo- 
sexuell sind, denn es ware wahrlich ein mehr als seltsamer Zufall, daB 
einzig und allein diese drei, die sich zufallig kennen lernten, homo- 
sexuell wiiren, die samtlichen anderen aber, von denen eine groBe 
Anzahl deu Dreien iiberhaupt personlich nicht bekannt ist, alle ins- 
gesamt heterosexuell waren." (3: 200 = 1,5 o/o). 

XVII. Einer urnischen Telegraphongehilfin waren unter 350 Tele- 
phonistinnen ihres Amtes 8 als homosexuell bekannt. 8: 350 = 2,3 <Vo. 

XVIII. Unter 70 Chefs in der Berliner Damenkonfektion sind 
Berichterstatter 5, unter ca. 200 Angestellten dieser Firma 3 als sicher 
homosexuell bekannt. Berichterstatter ist heterosexuell. 8:270 = 3^^0. 

XIX. In einer groBen Backwaren-Fabrik kannten sich unter 90 
Backern 3 als homosexuell. 3: 90 = 3,3 o/o. 

XX. In einem Berliner Warenhause befinden sich unter ca. 
400 im Lager beschaftigten Personen 6 untereinander bekannte Ur- 
ninge. 6: 400= l,5o/o. 

XXL Ein Bankangestellter fand unter ca. 100 in oiner 
Berliner Bank beschaftigten Person 2 Uranier. 2: 100 = 2 o/o. 

XXII. Ein in einer bekannten Kunstanstalt seit 8 Jahren 
heschaftigter Urning kennt untor den 400 Zeichnern, Atzern und 
Sotzern iisw. 7 Homosexuelle (sich mit einbogriffcn). 7:400=1,75^^/0. 



2\a) Jahrb. f. sex. Zw., VIL Jahrg. 2. Band. 1905. p. 819/20. 



Digitized by VjOOQIC 



477 

XXIII. Ein Urning, der regen gesellschaftlichen Verkehr pflegte, 
machte die Wahrnehmung, dal sich in jeder groBeren F a m i li e 
innerhalb dreier Generationen, also ca. unter 30 Personen, ein Homo- 
sexueller findet. Es stimmt das mit der Beobachtnng iiberein, die 
ich aus der Kenntnis zahlreicher homosexueller Namen gemacht habe, 
daB es kaum eine deutsche Standesfamilie gibt, die nicht unter 
ihren Agnaten einen Homosexuellen zahlt. l:30 = 3,3o/o. 

XXIV. Ein homosexueller 27 jahriger Schlachtergeselle kennt 
110 Schlachtermeister und Gesellen. Darunter sind, ihn eingerechnet, 

fanz sicher 4 Urninge, 1 Meister und 3 Gesellen zwischen 26 und 
Jahren. Samtliche haben unserem Gewahrsmanne ihre homosexu- 



elle Neigung zugegeben. 4 : 110 = 3,63o/o. 
XXV. Ein Nichturning " 



ing kennt unter ca. 200 Angestellten seines 
Geschaftshauses 2 Homosexuelle. Auch einer der beiden Chefs 
gilt als Urning. 2:200 = lo/o. 

XXVI. Unter 2000 Marburger Studenten kannte S. 80 Urninge. 
80: 2000 =-.4 0/0. 

XXVII. Einem homosexuellen Schauspieler waren in seiner Lauf- 
bahn unter ca. 900 Schauspielem an verschiedenen Biihnen 50 als 
gleichfalls so veranlagt bekannt geworden. 50:900 = 6,5 o/o. 

XXVIII. Unter 60 polnischen Konfirmanden befanden sich 2 femi- 
nine, von denen der eine ein Damenschneider, der andere Damenfriseur 
in Berlin geworden sind. Beide trafen sich spater in homosexuellen 
Lokalen wieder. 2 : 60 = 3,3 o/o. 

XXIX. Unter 200 Mann Personal eines groBen Badehotels be- 
fanden sich' 6 Homosexuelle. 6: 200 = 2,6 o/o. 

XXX. Unter 80 Angestellten eines Geschaftes fiir Damenhut- 
federn in einer rheinischen Stadt waren. 3 'Homosexuelle. 3: 80 = 3,76 o/o. 

XXXI. Dr. Merzbach teilt im IV. Jahrgang des Jahrbuches 
fiir sex. Zwischenstufen 26) mit: „In Berlin befindet sich ein Welt- 
haus fur Theaterausstattungen, an Kostumen und Requisiten, dessen 
Besitzer, der mehrere hundert Leute in den verschiedenen Betrieben 
beschaftigt, mir mitteilte, daB er iiber 20 Homosexuelle unter seinem 
Personal kenne, und zwar seien dies gerade diejenigen Herren, die 
in der Schonheit der Zusammenstellung, iiberhaupt in der Erfindung 
von Kostumen, das Hervorragendste leisteten und welche Gehalter bis 
iiber 10 000 Mark jahrlich bezogen." 20:ca. 400 = 6 o/o. 

XXXII. Von Carpenter, Das Mittelgeschlecht. p. 122, riihrt 
folgende Angabe her: „Nehmen wir die englischen Konige von der 
normannischen Eroberung an bis auf den heutigen Tag, so haben wir 
deren etwa 30. Und unter diesen waren drei, namuch William 
Rufus, Edward II. und James I. in hohem Grade homosexuell 
und miissen als regelrechte Urninge bezeichnet werden. Einige an- 
dere, wie William III., hatten eine starke Beimischung des glei- 
chen Temperamentes. Drei unter 30 ist schon ziemlich viel, — 10 o/o, 
— und wenn man bedenkt, daB Herrscher ihren Beruf im allgemeinen 
uicht selber erwahlen, sondern nur durch das Akzidens ihrer Ge- 
burt in diese Stellung kommen, so erscheint dies Verhaltnis gewiB 
merkwiirdig." „Bedeutet das etwa," fiigt Carpenter hinzu, „daB 
der fiir das groBe Leben allgemeingiiltige Prozentsatz ein gleich holier 
ist, und nur dann richtig zu erkennen ware, wenn er unter die scharfe 
BeJeuchtung kame, denen die Throne ausgesetzt sind?" 3: 30 = 10 o/o. 

XXXIII. Von 3 der ca. 200 Schiiler, mit denen ich selbst das 
Domgymnasium meiner Vaterstadt besuchte, weiB ich mit Sicherlieit, 
daB sie jetzt homosexuell sind. Sie haben sich mir nach meinen 
Arbeiten auf diesem Gebiete dekouvriert. Von den drei Schiilern, 



86) Jahrb. f. sex. Zw. IV. Jahrg. 1902. Dr. med. G e o r g M e r z 
bach- Berlin, Homosexualitat und Beruf. p. 194. 



Digitized by VjOOQIC 



478 

von denen einer einea Madchenspitznamen fiihrte, war mir damals 
nichts daruber bekannt.^O 3: 200 = 1,5 o/o. 

XXXIV. Diese Ermittelung bezieht sich auf dieselbe Kloster- 
schule R., auf welcher Hoche*^) Beobachtungen uber die Liebesver- 
haltnisse zwischen Primanern als Amantes una Tertianern als Amati 
angesteJlt hat. H o c h e , welcher zu den Psychiatern gehort, die dem 
Angeborensein des homosexuellen Triebes widersprechen, sucht seine 
Annahme dadurch zu stiitzen, daB er auf die „Liebesverhaltnisse" 
zwischen Schiilern hinweist, die spater ganz normalsexuell wiirden. 
Trotz „schwarmerischer, lyrischer Ergiisse, Mondscheinpromenaden, 
gliihender Liebesbriefe, feuriger Umarmungen und Kiisse, gelegentlichcn 
Zusammentreffens im Bett, selten mit Onanie, nie mit Paderastie, ent- 
wickelte sich spater der Primaner als durchaus normaler Mensch weiter 
und der Tertianer wurde in Prima selbst wieder ein Amans." Ich 
verdanke einem urnischen Mitschiiler H o c h e s , dem Grafen X., einen 
ausfiihrlichen Bericht iiber das Leben und Treiben auf dem altberiihm- 
ten Erziehungsinstitut E., welches 1554 in einem alten Oisterzienser- 
Nonnen-Kloster eingerichtet wurde und zur Zeit, als Graf X. dasselbe 
besuohte, von Quarta bis Prima gegen 130 Schuler zahlte. Die Halfte 
davon waren Adelige, Gutsbesitzers- und Offizierssohne, die anderen 
meist protestantische Pfarrers- und Domanenpachterssohne, fast alle 
aus Sachsen, Brandenburg, Schlesien, Pommern und Posen. X. be- 
statigt, daB zwischen Alteren und Jiingeren Verhaltnisse bestanden, 
die trotz X^iebkosungen, groBen Vertraulichkeiten und Eifersuchts- 
anwandlungen meist „platonischer'* Natur waren, hie und da kam es 
wohl zu sexuellen Akten, die jedoch mehr jugendlichem Gefiihlsiiber- 
schwang im sexuell noch wenig differenzierten Obergangsstadium, als 
wirklichen homosexuellen Neigungen entsprangen. Bei den meisten 
alteren Schiilern zeigten sich bereits deutliche AuBerungen ihrerhetero- 
sexuellen Natur, denen gegeniiber sogar die Magde der Professoren 
und Lehrer im Anstaltsgebaude oft einen harten Stand hatten. Alle, 
die heterosexuell waren, sind heterosexuell geblieben und zmn Teil 
sehr gliickliche Ehemanner geworden. Von 1 seiner friiheren Schul- 
kollegen weiB Graf X., daB sie jetzt homosexuell sind, und zwar be- 
tont unser Gewahrsmann, daB gerade bei diesen die von Hoc he ge- 
schilderten auBeren Liebesbezeugungen viel weniger sichtlich hervor- 
traten, was er auf eine gewisse Scheu und Scham zuriickfuhrt, die 
gleichgeschlechtlich Empfindenden oft schon in der Schule eigen 
zu sein pflegt. 7 ; 130 = 5,4 o/o. 

B u m k e hat gegen die Stichproben eingewandt, daB die Kontrolle 
ihrer Eichtigkeit sich der Nachpnifung entzoge. Demgegeniiber hoben 
Pratorius in der Bibliographie una ich selbst in einer Replik her- 
vor, daii die Stichproben von Personen herriihrten, bei denen voraus- 
gesetzt werden durfte, daB sie ihre Angaben ohne Voreinge- 
nommenheit machen wiirden. Gerade die Ubereinstimmung der 
Resultate der Stichproben untereinander und das analoge Er- 
gebnis der Rundfragen zeigt die Zuverlassigkeit dieser Vertrauens- 

2') Wenn Bumke (Jahrb. f. sex. Zw. VII. Jahrg. Bd. 2. p. 817) 
diese Augaben bemangelt, weil hier von homosexuellen Schiilern die 
Rede ist, so ist dieser Einwand insofern hinfallig, als jene An- 
gabeir selbstverstandlich nicht von noch in der Schule befindlichen 
Personen herriihren, sondern von Erwachsenen, die aus der Schule 
langst entlassen, z u r z e i t homosexuell sind, und die Zahl ihrer 
Mitschiiler angegeben hatten, von denen sie wuBten, daB sie eben- 
falls homosexuell sind. Cf. Hirschfeld, „Zur Frage der Haufig- 
keit homosexueller Vergehen" in der Miincheuer Medizinischen Wochen- 
sohrift 17. Januar 1905. Nr. 3. 

28) „Zur Frage der forensischen Beurteilung sexueller Vergehen", 
Xeurologisches Zentralblatt 1896, S. 517—568. 



Digitized by VjOOQIC 



479 

personen. Weiterliin machte Bumke gegen die Stichproben geltend, 
daB die Homosexuellen sicher iibertrieben, denn „ieder Alkoholist, 
Morphinist usw. bezichtigte einen moglichst honen Prozentsatz 
seiner Bekannten derselben Schwache, lun seine eigene Widerstands- 
losigkeit zu entschuldigen, er wende damit nur ein Beschonigungs- 
prinzip an, das jedem ertappten Kinde gelaufig ist." Darauf er- 
widert Pratorius**) : „Bumke beweist mit diesen Satzen aufs deut- 
licbste, daB er niemals ernstere vertrauenswiirdigere Homosexuelle 
kennen gelernt hat. Nur von diesen ernsteren Elementen hat aber 
Hirschfeld die Stichproben bezogen. Diese geben aber die An- 
zahl der ihnen bekannten Gesinnungsgenossen nicht auf Grund bloBer 
MutmaBungen, sondern auf Grund ganz sicherer Kenntnis ab. DaB 
die an^efiihrten Stichproben vorsichtig aufgenommen sind, beweist 
z. B. diejenige iiber den Prozentsatz der Homosexuellen unter dem 
allerhochsten Adel Europas. Die Anzahl der bestimmt Homosexuellen 
wird hier nur auf 2 angegeben, und doch weiB jeder Kenner der Ver- 
liaitnisse sicher, daB die Zahl 6 fiir Deutschland allein nicht zu 
hoch gegriffen ist. Naheliegende Griinde verbieten ein naheres Ein- 
gehen auf diese Anzahl." 

Das Gesalntresultat der im Jahre 1904 gesammelten 30 
vStichproben ergab unter 6611 Personen 132 Urninge gleich 
1,990/0 ; im Jahre 1912 stellten wir weitere 35 Stichproben zu- 
sammen, die unter 17160 Personen 393 Urninge gleich 2^29o/o 
ergaben; also unter insgesamt 23 771 Personen 525 
Urninge gleich 2,14o/o. 

leh komme nun auf die zweite Methode zur Ermittelung 

des Prozentsatzes der Homosexuellen: die Enqueten. 

Den Gegenstand unserer ersten Rundfrage bildeten 3000 Stu- 
dicrende der Technischen Hochschule zu Charlottenburg. Es han- 
delte sich hier um eine abgegrenzte, in vieler Hinsicht gleichartige, 
verhaltnismaBig auf hoher geistiger Stufe stehende Personengruppe, 
deren Tatigkeit ebenso sehr im wisseuschaftlichen, wie im praktischen 
Leben wurzelt, deren Beruf klares, mathematisches Denken erfordert, 
ein im allgemeinen gesunder, kraftiger, unverkiinstelter Menschen- 
schlag, der daher fiir eine voraussetzimgslose wissenschaftliche Unter- 
suchung besonders geeignet erschien. Wir sandten in geschlossenem 
undurchsichtigem Umschlag an jeden personlich adressiert und an 
samtliche mit gleicher Post das folgende Schreiben ab: 

Eundfrage des wissenschaftlich-humanitaren 

Komitees. 

Charlottenbuig, Dezember 1903. 
Sehr geehrter Herri 

Das unterzeichnete Komitee hat sich die Aufgabe gestellt, 
einige Fragen auf dem Gebiete der Sexualpsychologie wissenschaft- 
lich zu erforschen. Die Ergebnisse imserer Enquete werden vor- 
aussichtlich nicht nur von theoretischem Interesse, sondern auch 
von praktischer Bedeutung sein, da sie friiher oder spa tor auf 
die Gesetzgebung, auf das soziale Urteil und somit auf das Schick- 
sal eines erhebhchen Teiles unserer Bevolkerung von EinfluB sein 
werden. 

Da es sich um eine statistische Feststellung handelt, so 
kann die Aufgabe nur auf dem Wege der Sammelforschung gelost 
werden, und da das Objekt der beabsichtigten Feststellung im 

59) Jahrb. f. sex. Zw., VII. Jahrg., Bd. 2, p. 818 (1905). 

Digitized by VjOOQIC 



480 

subjektiven Empfindungsleben liegt, so muB eine fiir die Zwecke 
der Statistik hinreichende Zahl von Personen zu freiwiUiger und 
wahrheitsgemafier Auskunft iiber den Inhalt ihres intimen Trieb- 
lebens gewonnen werden. Wenn wir uns mit dieser Rundfrage 
zuvorderst an die akademische Jugend wenden, so geschieht es, 
well wir bei ihr den sittlichen Ernst, die Bereitwilligkeit und die 
Fahigkeii sicher voraussetzen dxirfen, auf welche wir bei dieser 
Enquete unbedingt rechnen miissen. Die Hauptfrage, welche wir 
Ihnen vorlegen, ist folgende: Richtet sich Ihr Liebestrieb (Ge- 
schlechtstrieb) auf weibliche (IV), mannliche (M) oder weibliche 
und mannliche (M-\^W) Personen? Wir bitten Sie, diese Frage 
auf einliegender Postkarte durch bloBes Durchstreichen und Unter- 
streichen der Buchstaben W und M moglichst bald und vor allem 
streng wahrheitsgemaB zu beantworten. Namen bitten wir nicht 
zu nennen, dagegen das Alter durch Unterstreichen der zutreffenden 
Zahl zu bezeichnen. 

Indem wir hoffen, daB Sie die kleine Miihe nicht scheuen 
werden, zur wissenschaftlichen Losung dieser Probleme beizu- 
tragen, zeichnet, auf Wunsch gem zu weiteren Auskiinften er- 
botig, unter Zusicherung strengster Diskretion 

HochachtungsvoU 

fur das wissenschaftlich-humanitare Komitee 

Dr. med. Hirschfeld. 

Die beigefU^te Antwortkarte, welche weder auf der Vorder-, noch 
auf der Riickseite mit geheimen Zeichen versehen war, hatte fol- 
gendes Aussehen: 



W. M. W, + M. 



16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 



Von den 3000 Briefen kamen 103 als unbestellbar („unbekannt 
verzogen", „nicht zu ermittein") zuriick, von den 2897 Personen, welche 
in den Besitz der Anfra^e gelangten, trafen 1766 Antwortkarten ein; 
von diesen muBten 60 als fraglich oder als unbrauchbar ausgeschie- 
den werden, von den iibrigen 1696 hatten 1593 das W., 26 das M., 
77 das W. -f- M, in vollig einwandfreier Weise unterstrichen ; das 
W. -^ M. wai* von den meisten gieichmaBig unterstrichen, von einigen 
wenigeu war, ohne daB danach gefragt war, das W. oder das M. durch 
zwei oder mehrere Striche starker hervorgehoben worden. Es er- 
klarten sich demnach als: 

heterosexuell 1593 von 1696 = 94,Oo/o, 
homosexuell 26 „ 1696 = 1,5 o/o, 

bisexuell 77 „ 1696 = 4,5o/o. 



Digitized by VjOOQIC 



481 

Ba muBte iins von vornherein klar sein, daB trotz groBter Vor- 
sicht unser Schritt — der einzig gangbare und mogliche Weg zur 
Erhaltung zuverlassiger Resultate — auf Verkennungen und Wider- 
stande stoBen wiirde. In der Tat blieben diese nicht aus. Nament- 
lich die jeaktionare Presse schleuderte heftige Angriffe gegen uns, 
bezeichnete die Rundfrage als eine „Unverschamtheit", als eine „Be- 
leidigung** und „Verfiihrung" der akademischen Jugend. Babei kam 
es diesen Blattern auf sachliche Unrichtigkeiten wenig an, so be- 
richteten sie, die Rundfrage sei „anscheinend in Hunderttausenden von 
Exemplaren", femer, sie sei „der Billigkeit wegen natiirlich in offe- 
nem iJmschlag*" verschickt worden. Ein Volksredner driickte in einer 
offentlichen versammlung sein Erstaunen aus, daB „die Studenten 
nicht dem Dr. Hirschfeld die Fenster eingeworfen batten". Ein 
Prediger, Dr. R u n t z e , sagte auf einer Synodalversammlung in be- 
zug auf die Enquete: „I)er Ausdruck „dreist und frech" sei in diesem 
Falle viel zu milde, er nenne es eine ruchlose Schamlosigkeit, die 
gegen alles verstoBe, was Sitte und Religion fordere." Das Starkste 
aber leistete sich ein Pastor Pbilipps, welcher in einer von ihm 
zum Kampfe gegen die Unsittlichkeit einberufenen Studentenversamm- 
lung im Langenbeckhause (im Hause, das nach dem Arzte seinen 
Kamen fUhrt, welcher sich mit V i r c h o w als einer der ersten 
gegen die Bestrafung der Homosexuellen gewandt liatte) : „Zwei 
Attentate auf die studentische Ehre" zur Sprache brachte; das eine 
riihre von einem gewissen Dr. Hirschfeld her, welcher an die 
Studentenschaft einen Fragebogen verschickt habe, auf dem die Adres- 
saten angeben sollten, ob sich ihre Neigung in nittiirlicher oder nicht 
vielmehr in unnattirlicher Richtung bewege, das andere Attentat sei 
das massenhafte Angebot einer Firma, die ein Vorbeugungsmittel gegen 
ansteckende Krankheiten fabriziere." „Die Versammlung erhebt" — 
so heiBfc es in dem veroffentlichten Protest — „gegen die Zusendung 
solcher Schandlichkeiten einmiitig und feierlich den allerentschieden- 
sten Widerspruch und fordert samtliche Kommilitonen, denen seiche 
ehreriihrige Sendungen zugegangen sind, dringend auf, dem Vorstand 
des Akademischen Vereines Ethos ihre Namen mitzuteilen, um dann 
gemeinschaftlich bei der Staatsanwaltschaft gegen die Urheber der 
Sendungen die Beleidigungsklage zu erheben, damit in Zukunft solchem 
schnoden Treiben wirksam vorgebeugt werde." 

Die Folge dieser Treibereien war denn auch, daB 6 von 3000 Be- 
f rag ten sich fiir beleidigt erklarten, und ich daraufhin in den Anklage- 
zu stand wegen Beleidigung und Verbreitung unziichtiger Schriften 
versetzt wurde. Wer sich fiir diesen ProzeB interessiert, sei auf den ein- 
gehenden Bericht verwiesen, der sich im VI. Jahrgange des Jahrbuches 
f. sex. Zw. (pag. 677 — 721) findet. Es diirfte geniigen, an dieser Stelle 
nur die kurzen Worte wiederzugeben, die ich am Schlusse der miind- 
lichen Verhandlung zu meiner Selbstverteidigung sagte: „Ich wiirde 
glauben, eine Schuld auf mich zu laden, wenn ich, im Besitz der Kennt- 
nisse, welche ich mir auf dem Gebiete der Homosexualitat gesammelt 
habe, nicht alle Krafte daran setzte, einen Irrtum zu zerstoren, dessen 
Folgen zu schildern die menschliche Sprache zu arm ist. Erst zu 
Beginn dieser Woche hat ein mir bekannter homosexueller Student 
der Technischen Hochschule sich vergiftet, weil er homosexuell ver- 
anlagfc war. In meiner arztlichen Behandlung befindet sich zurzeit 
ein Student derselben Hochschule, der sich wegen Homosexualitat in 
die Brust geschossen hat. Vor nur wcnigen Woehen habe ich in diesem 
Saale einer Verhandlung gegen zwei Erpresser beigewohnt, die einen 
homosexuellen Herren, einen der ehrenwertesten Manner, die ich 
kannte, zum Selbstmord trieben, von dem ein Zweiter, durch die nam- 
licheu Erpresser bedroht, nur mit Miihe zuriickzuhalten war. Seiche 
und ahnliche Falle konnte ich hundertfach anfiihren. — Ich 
glaubte diese Umfrage veranstalten zu miissen, um 
Hirschfeld, Homosexualitat. ^i 



Digitized by V:iOOQIC 



462 

die Menschheit voA einetil Makel zu befreien, an den 
sie binst m i t tiefster Beschamung zuriickdenken 
wird: Per scientiam ad justitiam!" 

Trotz allem wurde ich zu einer Geldstrafe verurteilt, wenn auch 
mit der Begrundung, dafi „der Angeklagte die Tat im Eifer wissen- 
schaftlicher Interessen begangen hat, dafi er sich dabei aber in den 
Mitteln zur wissenschaftlichen Forschung versehen hat." Waren nun 
zwar diese Anklage und Verurteilung, diese heftigen Angriffe, gewiB 
recht schmerzhafte Nebenwirkungen der statistischen Untersuchung, 
so durfte ich mir nicht verhehlen, daB sich Wahrheitssucher oft zur 
Erreichung ihres Zieles groBerer Widrigkeiten aussetzen muBten. Was 
haben Forschungsreisende auf sich genommen, um ein neues Stiick 
Land dem Wissen zu erschlieBen, und war nicht auch unser Vor- 
gehen eine Forschungsreise in ein bisher der Kenntnis entzogenes 
Gebiet? 

SchloB nicht der ernste und wissenschaftliche Charakter unserer 
Fragen, ihre sorgsame Begriindung, die Annahme einer Beleidigung 
von vornherein aus? Die Anfrage ist vollig indifferent, sie enthalt 
keine Behauptung, keine Vermutung, keine Zumutung. Ob der Ange- 
fj-agte normal oder anormal, homosexuell, heterosexuell oder bisexuell 
ist, ist den Fragestellern an sich gleichgiiltig. Wo soil da also der 
Angril'f auf die Ehre des anderen liegen? Es kommt hinzu, daB die 
Antwortkarten ohne Namensnennung, ohne Schriftzuge 
zmiickerbeten wurden, so daB voUkommen die Moglichkeit genommen 
war, die abweichend gearteten Personen herauszukennen. Nahm trotz- 
dem der eine oder andere ein Argernis, so war dies gewiB zu bedauern; 
wie klein muBte aber dieses Gefiihl gegeniiber einer Arbeit erscheinen, 
von der ein Biologe sagt, daB ihre Ergebnisse in der Geschichte der 
Wissenschaft vom Menschen — eine dauernde Statte behalten werden. 

Die Umfrage schrieben manche, soil eine Verfiihrung der 
Jugend involvieren, indem junge Leute durch die Enquete erst auf 
die Homosexualitat gebracht werden. Ob wohl durch eine Statistik 
iiber die Verbreitung der Farbenblindheit schon jemand farbenblind 
geworden ist? Solange dies nicht der Fall, halte ich es fiir ausge- 
schlossen, daB jemand durch die Frage, ob er homosexuell sei, homo- 
sexuell geworden ist. Man muB sehen, mit welcher Bestimmtheit 
und Sicherheit die 94 o/o der Studenten und die 96 o/o der Metall- 
arbeiter ihr W. unterstreichen, mit welcher Einfachheit und Ent- 
scbiedenheit auf der anderen Seite die 6 o/o bezw. 4 o/o das M. oder 
M-)-W. markieren, um inne zu werden, daB es die unbeeinfluBte Per- 
sonlichkeib ist, die uns hier entgegentritt. Die Tatsache, daB bei 
der zweiten Enquete die Fragestellung im Perfectum („Hat sich ihr 
Trieb gerichtet?") den Prozentsatz derjenigen, welche sich fiir beide 
Geschlechter bekannten, nicht vermehrte gegeniiber der ersten En- 
quete, bei der im Prasens („Richtet sich ihr Trieb?") angefragt war, 
dieses Ergebnis ist ein deutlicher Hinweis, daB der sexuelle Trieb 
eine der Personlichkeit unverauBerlich adharente Eigentumlichkeit ist, 
welche weder dadurch, daB man sie erklart, noch dadurch, daB man 
sie statistisch feststellt, geandert wird. 

Die Antworten, meinen andere, soUen unzuverlassig, der 
Wahrheit nicht entsprechend, nicht ernst zu nehmen sein. Wir be- 
merken hierzu, daB samtliche Karten, die auch nur im geringsten 
zweifelhaft erschienen, auBer Beriicksichtigung gestellt worden sind. 
Es wurden nur diejenigen in Berechnung gezogen, — und das war 
die ubergroBe Mehrzahl, 96,4 o/o — , welche die Buchstaben in ge- 
wiinschter Weise mit Strichen versehen hatten, ferner solche, welche 
das Zeichen ihrer Neigung — und zwar war dies fast ausnahmslos 
das W. — anstatt einfach, doppelt oder mehrfach unterstrichen oder 
unirahmt hatten, endlich auch die, welche Zusiitze beifiigten, (etwa: 
„Vivant omnes virgines I" oder „M. mir einfach unverstandlich"). 



Digitized by VjOOQIC 



488 

aus denen die beabsichtigte Antwort sicher heryorging. Wer sich 
einen Witz erlauben woUte, gab dies auch in mehr oder minder ge- 
lungener Form deutlich zu erkennen, ein SpaB, der lediglich darin 
bestandeii hatte, auf einer anonymen Karte den Strich unter einem 
nicht der Wahrheit entsprechenden Buchstaben anzubringen, erscheint 
schon deshalb ausgeschlossen, weil einem solchen Scherze jedes charak- 
teristische Zeichen eines Witzes mangeln wiirde und der Zweck, Heiter- 
keit zu erzielen, unmoglich erreicht werden konnte. Die vollig sach- 
gemalie und ernste Art der Beantwortung bei 58,5 o/o entspracn nicht 
nur der ernsten Art der Frage, sondern auch der Aufnahme, welche 
nach unseren eingebenden Erkundigungen die Rundfrage bei der uber- 
groBen Majoritat der Studenten gefunden hatte. Gerade die Karten 
heterosexueller Studenten enthielten haufig Zusatze, wie „Den 
menschenfreundlichen Bestrebungen wunsche vollen Erfolgl" oder 
„\Vunsche Ihrer humanitaren Enquete die besten Erfolge"; in ahn- 
licbem Sinne auBerte sich auch eine Reihe von Zuschriften aus den 
Kreisen der Befragten, vor allem aber teilten uns zahlreiche Stu- 
denten, in erster Linie zwei Assistenten der Technischen Hochsohule, 
mit, daB in den Hor- und Zeichensalen, innerhalb der Verbindungen, 
an Stammtischen, in Kneipen und Studentenheimen die Rundfrage sehr 
viel besprochen wurde, und zwar haufig scherzhaft, daB aber iiberall 
der Ernst des Gregenstandes und die Pflicht hervorgehoben wurde, 
wahrheitsgemaBe Antworten zu erteilen. 

Wie die Enquete in Arbeiterkreisen aufgenommen wurde, zeigt 
u. a. der Brief eines Metallarbeiters, aus dem ich die Hauptstelle 
gleich hier wiedergeben mochte: 

„Nun habe ich in diesen Tagen durch die Tageszeitungen fer- 
fahren miissen, daB die Enquete zu einer Klage gegen Sie Veran- 
lassung gegeben hat, weil die Leute durch Ihre diskrete Anfrage in 
ihrem SittRchkeitsgefuhle verletzt sein woUen. Ich mochte hier als 
Arbeiter mit HuB sagen: ,0 heilige EinfaltT. Wie gliicklich in dieser 
Beziehung sind doch wir „einfaltige" Arbeiter; denn ich kann wohl 
sagen, daB die Enquete unter den Arbeitern durchweg als das ge- 
wiirdigt wurde, was sie sein soil und was sie ist namlich: Eine wissen- 
schaftliche Forschung." . 

Wenn gleichwohl ein verhaltnismaBig nicht kleiner Teil der Stu- 
denten, namlich 1141 von 2897 = 39,3 o/o, iiberhaupt keine Antwort 
erteilte, so laBt sich dies aus Indifferenz, Unverstandnis, Nachlassig- 
keit, ( — wollten antworten, kamen aber nicht dazu, verlegten die Karte, 
vergaBen, sie in den Briefkasten zu stecken usw. — ) und vor allem 
aus dem MiBtrauen der Befragten erklaren, Eigenschaften, mit denen 
bei jeder Enquete gerechnet werden muB. Ein erfahrener Statistiker 
teilte mir mit, daB bei den harmlosesten Umfragen — es gilt dies bei- 
spielsweise auch bei Arbeitslosen-Statistiken — bei nicht wenigen 
der Beteiligten ein unuberwindlicher Verdacht besteht, es konnte 
ihnen aus der Antwort Weiterungen irgendwelcher Art erwachsen. 
Das anonyme Verfahren schlieBt diesen Argwohn nicht aus ; so meinten 
verschiedene, die Karten konnten in unauffalliger Weise gekenn- 
zeichnet, etwa numeriert sein. Ein umischer Student schrieb am 
Tage nach der Versendung sehr verangstigt, wer uns denn seine 
Adiesse und Neiguneen verraten hatte. Will man die Moglichkeit 
einer gelegentlichen udschen Angabe aufrechterhalten, so ist cs jeden- 
falls naheliegender, daB einmal ein Homosexueller in seiner 
Furcht das W. unterstreicht, als daB ein Normalsexueller sich fur 
mannliebend erklart. 

Man kann aus der Scheu und Angst lichkeit, die bei den Homo- 
sexuellen sicher ungleich groBer sind, als bei den Normalen, mit Eecht 
folgern, daB sich auch unter den Schweigsamen noch eine ganze An- 
zahl verscliamter Urninge befinden ; mehrere, die die Rundfrage nicht 

3i' 



Digitized by V:iOOQIC 



484 



beantworteten, well aie ihren Argwohn nicM uberwinden konnten, 
haben wir spater personlich kennen gelemt. 

Es ist dieser Umstand wohl zu beachten gegeniiber dem Einwand, 
der erhoben wurde, da6 die Zahl der Nichtbeantworter den 
Wert der Enqueten erheblich herabdriicke und dafi es nicht angangig 
sei, die gefundene Prozentziffer auf die, welche keine Antwort gaben, 
zu iibertragen. 

Auf den ersten Blick will es allerdings scheinen, als ob die 
Nichtbeantworter samtlich heterosexuell sein durften, da die Homo- 
sexuellen, in deren Interesse die Enquete veranstaltet wurde, gewiB 
alle freudig die Gelegenheit wahrnehmen wiirden, slch einmal in unge- 
fabrlicher Weise zu ihrer Natur zu bekennen. Ware dieses der Fall, 
waren also alle Nichtbeantworter normal, dann miiBten wir die Zahl 
der Abweichungen mit der Gesamtzahl der Befragten verrechnen. Auch 
so kamen noch erkleckliche Prozentzahlen heraus, namlich: 
homosexuell 26 von 2897 = 0,89 o/o, 
bisexuell 77 von 2897 = 2,65 o/o. 

Gegen diese Art der Berechnung spricht aber auBer der obigen 
Erwacung noch eine weitere Beobachtung. Wiirden sich die Homo- 
sexuellen in der Tat so unbedenklich an unseren Feststellungen be- 
teiligen, so miiBte der Prozentsatz der M. sowie der M-f-W. in den 
ersten Tagen nach Versandt der Karten, deren umgehende Riick- 
sendung erbeten wurde, besonders hoch sein; er miiBte dann nach 
und nach, entsprechend dem zunehmenden Ubergewicht der W. bis zum 
Ende des Einlaufes 'der Antworten sinken. Dies ist nun aber ganz und 
gar nicht der Fall, wie sich aus folgender Vergleichung ergibt: 





I. Enq 
(Versandt erfolgte 


[ u e t e. 
am 3. XII 


1903.) 




Datum 


2 3:' 


W 


M 


M+ W 


Homo- u. Bi- 
sexuelle 


qi8l4.XII.03. 
bis 1. I. 04. 


1566 
1698 


1474 = 94,10/0 
1593 = 94,0% 


22^^1,40/0 
26 = 1,50/0 


70 = 4,40/0 

77 = 4,50/0 


99 = 5,80/o 
103 = 6,00/0 



Der besseren Ubersicht halber fiigen wir hier gleich eine spe- 
zialisierte Tabelle bei, welche das Steigen und Sinken der Prozent- 
zahlen bei unserer zweiten Enquete veranschaulicht. 

11. Enquete. 
(Versandt erfolgte am 27. 11. 1904.) 



Datum 



Zahl der I 
Antworten I 



0/0 der Homo- ! 



% der 



sexuellen Bisexuellen 



u. Bisexuellen 



29. II. 


492 


1,42 


2,84 


4,26 


1. in. 


918 


1,10 


2,42 


3,52 


2. III. 


1244 


1,04 


2,64 


3,68 


4. III. 


1563 


0,89 


2,93 


3,82 


8. III. 


1800 


0,94 


2,98 


3,92 


11. III. 


1845 


1,03 


2,98 


4,01 


15. III. 


1884 


1,18 


8,08 


4,25 


22. III. 


1912 


1,15 


3,19 


4^ 



Digitized by VjOOQIC 



485 

Betrachten wir diese Tabellen, so sehen wir, wie beide Male kurz 
vor AbschluB der Enquete die Anzahl der Abweichenden etwas in die 
Hohe geht; namentlicn bei den Metallarbeitern zeigt es sich deutlich, 
daB der Prozentsatz der Abweichenden zuerst ein verhaltnismaBig hoher 
ist, daB er dann langere Zeit abnimmt, um gegen Ende wieder erheb- 
lich zu steigen. Daraus geht hervor, daB wir bei den Homo- und Bi- 
sexuellen zwei Gruppen unterscheiden konnen, eine, die in der Tat 
sofort ihre Karte ausfiillt und absendet, eine andere, die zogert und 
zaudert, bis sie nach tagelangem Schwanken zu einem positiven Ent- 
schluB celangt. Diirfen wir danach nicht annehmen, daB es noch 
eine Beihe von Homosexuellen gibt, bei denen die Entscheidung schlieB- 
lieh nach der negativen Seite ausfallt? 

Man wild daher schwerlich einen Fehler begehen, wenn man die 
Prozentsatze der abweichend veranlagtea Personen von den A u s- 
kunftgebern auf die Befragten ubertragt. Im iibrigen mag 
gem zugegeben werden, daB die Genauigkeit der Feststellungen durch 
die Zahl der Nichtbeantworter leidet. Wer aber daraufhin unseren 
Enqueten den Vorwurf der Ungenauigkeit macht, dem ist zu ant- 
worteUj dafi es hier auf so genaue Resultate gar nicht ankommt. Ein 
reohb beherzigenswertes Motto, das den 5stelligen Logarithmentafehi 
Theodor Wittsteins vor^edruckt ist, lautet : „Der Mangel an 
mathematischer Bildung gibt sich durch nichts so auffallend zu er- 
kennen, als durch maBlose Scharfe im Zahlenrechnen." Fiir den vor- 
liegenden Fall ist es ziemlich gleichgiiltig, ob sich der Prozentsatz 
der Homosexuellen etwas iiber oder unter 1,5 o/o befindet, ob der der 
Bisexuellen ein Geringes iiber oder unter 6 o/o liegt. 

Hfitte man frtiher die Prage aufgeworfen, ob die Zahl der 
Homosexuellen nach Hunderten oder Tausenden betrage, so hatte 
niemand darauf eine Antwort geben konnen, die mehr als eine 
unsichere oder h5chst willkiirliche Annahme ^ewesen ware. 
Jetzt wissen wir, daB wir das Ver haltnis der Ab- 
weichenden zu den sogenannten Normalen nicht 
nach Promillen, sondern nachProzenten zu be- 
ziffern haben. Das Ergebnis, daB bei alien Rundfragen 
und Stichproben stets eine Zahl gefunden wird, die inner- 
halb derselben GroBenordnung, sogar immer in der 
Nah3 von 1,6 o/o gelegen ist, diese auBerordentliche tJberein- 
stimmung kann unmoglich auf einem Zufall beruhen, son- 
dern muB von einem Gesetz abhangig sein, von dem Naturgesetz, 
daB nur 90 — 95 o/o der Menschen als heterosexuell ^eboren wer- 
den, daB ca. iVs — 2 o/o Homosexuelle — also in Deutschland 
tiber eine Million — , die homosexuelle Gruppe der Bevol- 
kerung bilden und daB als tlbergang zwischen den Hetero- uad 
den Homosexuellen etwa 4 o/o Bisexuelle restieren. 

Ganz besonders auffallend ist die tJbereinstimmung unsererRund- 
frage mit den Resultaten einer Enquete, die bereits 2 Jahre zuvor 
Dr. V. R 6 m e r in etwas anderer Form und bedeutend kleinerem Umfange 
unter seinen Kommilitonen in Amsterdam veranstaltete. v. R 6 m e r 
legte 695 Studenten 6 Fragen vor, unter denen die 4. lautete: Fiihlen 
Sie geschlechtlich fiir Weiber, Manner oder fiir beide? Die iibrigen 
Fragen bezogen sich auf das Alter der Befragten, sowie darauf, ob 
sie der Onanie ergeben waren, ob sie im Pubertatsalter gleichgeschlecht- 



Digitized by VjOOQIC 



486 

liche Akte veriibt hatten, endlich, ob die Neigung bestand, Freunde zu 
kuseen. Hierzu ist zu bemerken, dafi der KuB unter mannlichen 
Personen in Holland ein viel selteneres und daher bedeutungsvolleres 
Vorkommnis ist, als in Deutschland. Die Antworten waren mit den- 
selben Ziffern versehen, wie die Fragen und sollten durch Unter- 
streicbeii bestimmter Antwortsmoglichkeiten C^ie „]a", „nein" usw.) 
gegeben werden. Von 695 antworteten 308 = 51,7 o/o, bei uns 68,5 o/o. 

Von diesen erklarten sich fiir: 
Heterosexuell 290 = 94,1 o/o, bei uns 94,0 o/o oder 0,1 o/o wemger, 
Heteroscxuell 6 = 1,9 o/o, bei uns 1,5 o/o oder 0,4 o/o weniger, 
Bisexuell 12 = 3,9 o/o, bei uns 4,5 o/o oder 0,6 o/o mehr, 

Homo- u. bisex. 18 = 6,8 o/o, bei uns 6,0 o/o oder 0,2 o/o mehr. 

Wfirde man annehmen, daB alle Schweigenden heterosexuell waren, 
was aber bestimmt nicht zutrif ft, da v. R 6 m e r selbst spater unter 
den Nichtbeantwortern Urninge kennen gelernt hat, so ware das 
Zahlenverhaltnis : 

Homosexuell 1,02 o/o, bei uns 0,89 o/o oder 0,2 o/o weniger, 

Bisexuell 2,01 o/o, bei uns 2,66 o/o oder 0,6 o/o mehr. 

Homo- und bisexuell 3,03 o/o, bei uns 3,54 o/o oder 0,5 o/o mehr. 

Die tJbereinstimmung zwischen der Charlottenburger und Amster- 
damer Studentenenquete betragt somit iiber 99 o/o, die Abweichungen 
an keiner Stelle 1,0 o/o, bei den meisten Zahlen kaum i/jo/o. Ich meine, 
wer hier von einem Zufall sprechen wollte, konnte mit dem gleichen 
Recht die Ahnlichkeit eineiiger Zwillinge fiir eine bloBe Zufalligkeit 
erklai-en, welche von dem Naturgesetz der Vererbung unabhangig sei. 
Dabei legen wir natiirlich kein Gewicht darauf, daB die Abweichungen 
so auBerordentlich geringfiigig sind. Die GesetzmaBigkeit bliebe 
bestehen, selbst wenn die Abweichungen zehnmal so groB waren. Auch 
bei dem von Osterlen an 59 351 000 Geburten ermittelten Sexual- 
yerhaltnis'^^) von 106,3 Knaben zu 100,0 Madchen kamen in 
den verschiedenen deutschen Staaten Schwankungen von 107,2 bis 
105,3 zu 100,0 vor. Was will dieser kleine Spielraum von 2 o/o besagen 
gegeniiber der imposanten Konstanz dieser so bedeutsamen Verhalt- 
niszahl. 

Hatten wir uns mit unserer ersten Rundfrage an akademische 
Kreise gewandt, so traten wir mit unserer zweiten Enquete an die 
Arbeiterklasse heran. Wir wiinschten, eine Bevolkerungsschicht 
zu untersuchen, von der man im allgemeinen annahm, daB in ihr das 
homosexuelle Element nur schwach, ^2) jedenfalls sehr viel ge ringer 
vertreten sei, als in mittleren und hoheren Volksschichten. Aus der 
Klasse der Lohnarbeiter in Marx^chem Sinne griffen wir die in 
Berliner Fabriken beschaftigten Eisen-, Metall- und Revol- 
verdreher heraus. Wir wollten eine Abteilung wahlen, deren Arbeit 
so beschaffen ist, daB sie der durchschnittlichen urnischen Konsti- 
tution und Individualitat nicht besonders verlockend erscheinen kann. 
Beispielsweise ware in dieser Hinsicht der Gold arbeiter anders zu 
bewerten gewesen, als der Eisen arbeiter. G^werkschaftlich orga- 
nisierte Manner hatten zudem den Vorzug, daB bei ihnen eine ernstere 

51) Als Sexual verhaltnis bezeichnet man das durch die Statistik 
festgestellte Verhaltnis der geborenen Knaben und Madchen. Man 
vergl. besonders Osterlen, Handbuch der medizinischen Statistik ; 
Goehlert, tiber das Sexual verhaltnis der Gieborenen, Sitzungs- 
bericht der k. Akademie der Wissenschaften, XII, Wien, 1854; auch 
Sadler, Law of population, London 1830. Eine gute Literaturiiber- 
sicht liber den Gegenstand findet sich in dem Artikel „ Sexual verhalt- 
nis", in Eulenburgs Real-Enzyklopadie, III. Aufl., Bd. XXII, p. 417. 

88) Vergl. u. a. Nacke, Jahrb. f. sex. Zw., V. Jahrg., Bd. 1, 
p. 197—198. 



Digitized by VjOOQIC 



487 

Lebensauffassung vorausg^setzt werden durfte. Ein bemerkenswerter 
Unterschied gegeniiber unserer era tea Enquete lag in dem Umstand, 
dafi 68 sioh dieses Mai nicht um eine eng begrenzte Gruppe ziemlich 
altersgleicher, fast ausnahmslos lediger Personen, wie bei den Studen- 
ten, handelte, sondern um verheiratete Leute jeden Alters, vom 18. bis 
iiber das 60. Lebensjahr hinaus. 

Ferner fragten wir bei dieser zweiten Umfrage — es geschah 
dies nach eingenenden t)berlegungen — nicht wie bei der ersten im 
Prasens nach der Richtung des Geschlechtstriebes, sondem zo^en 
die Vergangenheit mit in die Frage hinein, um zu ermitteln, ob sich 
dadurch etwa die Zahl derer, welche W-j-M unterstrichen, erheblicb 
steigem wurde, wie das von denjenigen unserer Freunde, die der Bi- 
sexualitat eine besonders groBe Rolle zuschrieben, vorausgesetzt wurde. 

So richteten wir denn an 5721 Eisendreher, deren Adressen uns 
vom Verbande deutscher Metalldreher in dankenswerter Weise zur 
Verfiigung gestellt waren, das folgende Anschxeiben: 

Rundschreiben des Wissenschaftlich-humanitaren 

Eomitees. 

Charlottenburg, im Februar 1904. 
Sehr geehrter Herr! 

Hiermit erlaubt sich das unterzeichnete Komitee, Sie hof- 
lichst um Ihre Mitwirkung bei der Beantwortung einer wissen- 
schaftlichen Frage. zu bitten. 

Es ist Ihnen vermutlich bereits bekannt, daB sich der Liebes- 
trieb (Geschlechtstrieb) zahlreicher Manner nicht ausschlieBlich 
auf Frauen, sondern teilweise und mitunter sogar ausschlieBlich 
auf mSnnliche Personen richtet. Man bezeichnet solche Manner 
als teilweise oder ganzlich „homosexueU" (gleichgeschlechtlich 
veranlagt) und nennt die Veranlagung selbst „Homosexualitat" 
(gleichgeschlechtliche Veranlagung). Die entsprechende Ersohei- 
nung kommt auch unter Frauen vor. 

Wahrend wir heute wissen, daB die Homosezualitat eine an- 
geborene Eigentiimlichkeit darstellt, welche ebenso unverschuldet 
wie im allgemeinen auch unschadlich ist, und wahrend Im Alter- 
tum diese Liebe mehr oder minder offentlich anerkannt imd bei- 
spiels weise von griechischen und romischen Dichtem ebenso un- 
befangen besungen wurde wie die Frauenliebe, hat sich im Mittel- 
alter der Aberglaube der Sache bemachtigt und sie volli^ ver- 
dunkelt. Die unwissenschaftlichen Anschauungen jener Zeit bil- 
deten den Ausgangspunkt fiir eine ganz tibertriebene Verponung 
der gleichgeschlechtlichen Liebe (Homosexualitat), deren grobere 
Formen nach dem Aberglauben jener Jahrhunderte Erdbeben, Pest 
und andere Himmelsstrafen, wie besonders dicke, gefraBige Feld- 
mause, erzeugen sollten. Daher standen auf dem homosexuellen 
Verkehr, dem sogenannten „Verbrechen wider die Natur", die 
allerschwersten Strafen, in Frankreich der Feuertod, der sonst nur 
noch wegen zweier anderer eingebildeter Verbrechen, namlich 
wegen Ketzerei und wegen Hexerei verhangt wurde. Nach dem 
friesischen Rechte wurde zwischen Selbstentmannung, Lebendig- 
begraben und Verbrennen die Wahl gelassen. 

Die Aufklarung der franzosischen Revolution hat mit jenen 
Paragraphen aufgeraumt. Sie fehlen bereits in den Strafgesetz- 
buchern derjenigen Lander, in denen das bleibende gesetz^ebe- 
rische Ergebnis der groBen Revolution, der „Code Napoleon", 
Eingang gefunden oder EinfluB ausgeiibt hat. In anderen Lan- 
dern, wie auch in Deutschland, finden sich jedoch noch Uber- 
reste jener vom Aberglauben erzeugten Strafandrohungen vor, ob- 
wohl es doch klar ist, daB durch den homosexuellen Verkehr selbst 



Digitized by VjOOQIC 



488 



In seinen grobsten, nur selten vorkommenden Formen — wenn 
es sich um freiwillige Handlungen erwachsener Personen handelt 
— niemandes Rechte verletzt werden uad der in Wirklichkeit an- 
gerichtete Schaden sogar geringer ist, als der durch den aoBerehe- 
lichen Geschlechtsverkehr mit Frauen entstehende. Denn dieser 
vernichtet, in Verbindung mit unseren Sittlichkeitsanschauungen, 
zahlreiche Frauenexistenzen und ist ferner die Hauptquelle fiir 
die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten. 

Die Strafandrohung des § 175 hat praktisch nur die Folge^ 
dafi ein besonderes Erpressertum groBgeziichtet worden ist und 
daU jahrlich zahlreiche Manner aller Bevolkerungsklassen — Man- 
ner, die niemandem etwas zuleide getan haben — durch Furcht 
vor Schande und entehrender Gefangnisstrafe in Verzweiflung und 
nicht selten in den Tod getrieben werden. 

Mit Recht sind daher viele Blatter, unter ihnen auch die 
gesamte Arbeiterpresse, fiir die endliche Ausmerzung jenes mit- 
telalterlichen Uberbleibsels eingetreten. 

Das unteTzeichnete Komitee, welches sich die Aufgabe ge- 
stellt hat, das Liebes- und Geschlechtsleben des Mensche ii, ein- 
schlieBlich der Homosexualitat, allseitig und vorurteilsfrei wissen- 
schaftlich zu erforschen, wiinscht nun gegenwartig vor allem die 
ungefahre Zahl der Homosexuelleji in Erfahrung zu bringen. Es 
ist klar, daJ3 der Prozentsatz nur durch statistische Enqueten 
gefunden werden kann, und daB diese nur durch Rundschreiben 
naoh Art des vorliegenden ausfiihrbar sind, da es sich ja um 
die Feststellung von Zustanden des inneren Empfindungslebens 
handelt. In Anbetracht der Vorurteile, welche noch vielfach auf 
dem Gegenstande lasten, muB sich die Forschung zur Erlangimg 
brauchbaren statistischen Materials an solche Volkskreise wen- 
den, bei denen die moderne Aufklarung durchschnittlich am wei- 
testen vorgeschritten ist. 

Das unterzeichnete Komitee hat vor einigen Monaten ein ahn- 
liches Rundschreiben mit Antwortkarten an ungefahr 3000 Stu- 
dierende der Technischen Hochschule zu Charlottenburg versandt, 
mit dem Ergebnis, daB etwa 1700 geantwortet haben, von denen 
sich nicht weniger als 25 oder 1,5 o/o als rein homosexuell, 77 oder 
4,6 o/o als teilweise homosexuell, zusammen also 102 oder 6o/o als 
abweichend von der Regel bekannt haben. So wichtig dieses Er- 

febnis auf alle Falls ist, so wird es doch ein wenig durch den 
Tmstand beeintrachtigt, daB immerhin mehr als ein Drittel der 
Angefragten (fast 1300 von 3000) nicht geantwortet hat und 
daB man natiirlich nicht mit Sicherheit wissen kann, ob das 
Frozen tverhaltnis unter den Nichtbeantworteten dasselbe ist, wie 
unter den Beantwortern. Man darf annehmen, daB die meisten 
der Nichtbeantworter nur auf Grund gewisser piiider Vorurteile 
ihre keinerlei Miihe oder Kosten verursachende Mitwirkung an 
einem Unternehmen verweigert haben, welches doch offenbar nur 
der Wissenschaft, der Aufklarung und der Gerechtigkeit zugute 
kommen kann. 

Das unterzeichnete Komitee hat nunmehr beschlossen, sich 
an die freidenkende Arbeit erschaft Berlins zu wenden, in der Er- 
wa^ung, daB das Vorurteil dort durchschnittlich am geringsten 
und die Zahl der Nichtbeantworter demgemaB am kleinsten sein 
diirfte. Den Beruf der Dreher haben wir deswegen fiir unsere 
diesmalige Enquete ausgewahlt, weil die Zahl der organisierten 
Dreher in Berlin — zwischen 5000 und 6000 — unseren Zwecken 
am besten entspricht. 

Wir bitten Sie, zu bedenken, daB die Losung dieser Aufgabe 
einem wissenschaftlichen Zwecke dient und auf keinem anderen 



Digitized by VjOOQIC 



489 

Wegc moglich ist, als auf dem liier eingeschlagenen der direkten 
Befragung, dafi sich niemand zu genieren oder Bedenken zu tragen 
braucnt, die Antwortkarte auszufiillen, da dies nur durch ein- 
faches Unterstreichen des Zutreffenden erfolgt und somit die 
volligc Verschwiegenheit schon durch diese auBere Einrichtung 
unserer Enquete gewahrleistet ist. Die Antwortkarten sind eiD 

fanzlioh unpersonliches statistisches Material ; die von 
hneri abzusendende ist nur eine unter tausenden, und nie- 
mand kann erfahren, daB diese Karte gerade von Ihnen ab- 
gesandt worden ist. 

Um vollig unbeeinfluBte, ernste und streng wahrheitsgemaBe 
Antworten zu erzielen, bitten wir Sio, die Karte nicht in Gegen- 
wart anderer, sondern allein auszufiillen und abzusenden. 

Die Frage, welche wir Ihnen vorlegen, ist folgende: Hat 
sich Ihr Liobestrieb (Geschlechtstrieb) immer nur auf weib- 
liche (W.), immer nur auf mannliche (M.) oder sowohl auf 
weibliche wie auf mannliche (W. -f M.) Personen gerichtet? 

Wir bemerken hierbei noch ausdriicklich, daB sich unsere 
Frage nur darauf bezieht, ob Sie eine wirkliche sinnliche Zunei- 
gung empfunden haben, und nicht darauf, ob und inwieweit Sie 
derselben nachgegeben haben. 

Wir bitten Sie nun, die obige Frage auf einliegender fran- 
kierter Postkarte durch bloBes Unterstreichen der vorgedruckten 
Buchstaben W., M. oder W. -|- M. in folgender Weise zu beant- 
worten : 

W. M. W. + M. 

bedeutet, daB sich Ihr Trieb immer auf weibliche Personen ge- 
richtet hat. 

W. M. W. 4- M. 

bedeutet, daB sich Ihr Trieb immer auf mannliche Personen ge- 
richtet hat. 

W. M. W. +M. 

bedeutet, daB sich Ihr Trieb sowohl auf weibliche wie auf mann- 
liche Personen gerichtet hat. 

SoUte das Letztere zutreffen und soUten Sie dabei die Be- 
obachtun^ gemacht haben, daB die eine der beiden Triebrichtungen 
zu iiberwiegen pflegt, so bitten wir folgendermaBen anzustreichen : 

W. M. W. +M. 

bedeutet, dafi sich Ihr Trieb zwar auf Personen beiderlei Ge- 
schlechts richtete, der Trieb zum Weibe aber entschieden uber- 
wog; 

W. M. W. + M. 

hingegen bedeutet, daB eich Ihr Trieb auf Personen beiderlei 
Geschlechts richtete, daB aber die Neigung zu mannlichen Per- 
sonen entschieden iiberwog. 

Wir bitten Sie also, die beigefiigte Postkarte moglichst bald 
und vor allem streng wahrhcitsgemaB in der angegebe- 
nen Weise durch Unterstreichen des Zutreffenden zu beantworten 
und abzusenden. Namen bitten wir nicht zu nennen, dagegen 
Ihr Alter durch Unterstreichen der zutreffenden Zahl zu oe- 
zeichnen. 

Indem wir hoffen, daB Sie die kleine Miihe nicht Bcheuen 
werden, zur Losung einer wissenschaftlichen Frage und mittel- 



Digitized by VjOOQIC 



490 

bar auch zur Ausmerzung eines naturrechtswidrigen und gemein- 
schadlichen Gesetzes beizutragen, zeichnet 

hochachtungsvoll 

Die statistische Kommission 

des Wissenschaftlich-humanitaren Komitees. 

Im Auftrage 

Dr. med. Hirschfeld. 

Die in keiner Weise gekennzeichnete Antwortkarte hatte fol- 
gendes Aussehen: 



Af. W, 


Af. + W. 


18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 


28. 29. 80. 


Zwischen 30 und 40. Zwischen 40 und 50. 


Zwischen 


50 und 60. tfber 60 Jahre. 





Von den 5721 abgesandten Brief en kamen 1137 (503 mit dem 
Vermerk „unbekannt verzogen", 634 mit „nicht zu ermitteln" usw.) 
zuriick, das sind 19,8 o/o, und zwar riihrte diese grofie Zahl der Re- 
touren zumeist von jiingeren oder alteren Arbeitern ledigen Standee 
her, die sich in Schlafstellen befanden. In die Hande der Adressaten 
gelangten 4694 Brief e, die Gesamtzahl der Antworten betrug 1912 
= 41, 6 o/o, nach den Erfahrungen, die man mit anderen Enqueten 
in Arbeiterkreisen gemacht hat, und den Voraussagen, die uns von 
geiibten Statistikern gegeben waren, eine verhaltnismaCig hohe Zahl. 
Es erklarten sich fiir: 

W 1802 = 94,250/0 

M 22= 1,160/0 

W + M 14= 0,730/0 

W + M 36= 1,880/0 



W-f M 11= 0,680/0 
Fraglich" 27= 1,41 o/p 
1912 = 100,00/0 
Es bekannten sich somit als heterosexuell 95,7 o/o, gegen 94,Oo/o 
bei der I. Enquete, also 1,7 o/o mehr; nicht ausschlieClich heterosexuell 
4,3 o/o, gegen 6,0 o/o bei der I. Enquete, also 1,7 o/o weniger ; homosexuell 

1.1 o/o, gegen 1,5 o/o bei der I. Enquete, also 0,4 o/o weniger; bisexuell 

3.2 o/o, gegen 4,5 o/o bei der I. Enquete, also 1,3 o/o weniger. 

Als vorwiegend oder rein homosexuell bekannten sich: 
M 22 = 1,15 0/0, W + M 11 = 0.58 o/o ; i m g a n z e n 33 = 1,73 o/o. 
Fifr die Nicht bean tworter dieser Enquete gilt dasselbe, was ich 
bei der Studenten-Enquele bereits auseinandersetzte, wobei ich be- 



Digitized by VjOOQIC 



491 

senders auf die Tabelle verweise, welche das Sinkcn uad Steigen der 
Prozentziffern ausdriickt. Recht bezeichnend war in dieser Hinsicht 
eine Bemerkung, welche mir ein Urning iiberbrachte: „Ein ihm be- 
kannter homosexueller Arbeiter habe ihm gesagt, or antworte 
nicht, sem Geschlechtstrieb ginge keinen etwas an. Ich bemerke 
iibrigens, daB sowohl dieser Nichtbeantworter, als auch der Student, 
welche sich spater miindlich als homosexuell bekannten, bei der Be- 
rechnung auBer acht gelassen wurden, da bei dieser nur die ordnungs- 
maBig ausgefiillten Karten beriicksichtigt werden sollten. 

Vergleichen wir die beiden Rundfragen, so laBt sich das Plus 
von 0,4 o/o der rein Ilomosexuellen und 1,3 o/o der Bisexuellen, welches 
die Studenten gegeuiiber den Metallarbeitern aufweisen, in verschie- 
dener Weise erkliiren. Es konnte davon herriihren, daB, wie es von 
N a c k e und a r. ieren behauptet wurde, die Homosexualitat in den 
hoheren SchicLfcen etwas starker verbreitet ist, als in den unteren 
Volksklassen, es kann darauf beruhen, daB ceteris paribus der akade- 
mische Beruf von urnischen Individualitaten, meistens wohl ohne 
Kenntnis ihrer eigentlichen Sexualpsyche, mehr aufgesucht wird, als 
der Schlosserberuf, es kann das Minus bei den Metallarbeitern aber 
vielleicht auch nur auf die Menge der Retouren zuriickzufiihren sein, 
in der Voraussetamng, daB unter den in Schlafstelle befindlichen ledigen 
Leuten, namentlich den alteren, der Prozentsatz der Abweichenden 
hoher ist, als unter den verheirateten Personen, endlich aber kann 
auch eine zufallige Divergenz vorliegen, da dieselbe in keinem Falle 
2 o/o, bei den Homosexuellen noch nicht einmal 1/2 *^/'o betragt, die 
gefundenen Zahlen also nicht nur in dieselbe GroBen- 
ordnung fallen, sondern innerhalb dieser sogar nur 
in kleinen Grenzen variieren. 

Auffallend ist es, daB die Anzahl der Bisexuellen bei beiden 
Enqueten sich fast genau dreimal so groB erweist als die Menge 
der Homosexuellen, indem sich bei der I. Enquete 1,5 0/0 Homo- 
und 4,50/0 Bisexuelle, bei der II. Enquete 1,1 0/0 und 3,2o/o er- 
gaben. Bei der v. Komerschen Enquete steht das Verhaltnis 
dagegen wie 1:2, namlich l,9o/o Homo- und 3,9o/o Bisexuelle. 
Die "Obereinstimmung zwischen unseren beiden Rundfragen ist 
um so beachtenswerter, als die Fragestellung im Perfektum die 
Prasenzstarke nicht verandert hat, ja, trotzdem es sich durch- 
schnittlich um altere Personen handelt, nahm die Zahl der- 
jenigen durchaus nicht zu, welche erklarten, daB ihr Geschlechts- 
trieb sich wahrend ihres Lebens auf beide Geschlechter erstreckt 
habe. Es ist dies ein weiterer und wichtiger Beweis daflir, daB 
auch die bisexuelle Richtung des Geschlechtstriebes eine ein- 
geborene, nicht durch auBere Einfltisse bestimmbare Eigentlim- 
lichkeit darstellt, daB auch die Bisexualitat durch einen kon- 
stitutionellen Komplex gebildet ist, welcher seine Erganzung 
in Typen findet, die unter beiden Geschlechtern vorkommen. 

DaB zwischen den Heterosexuellen und den Homosexuellen auch 
noch Dbergange, namlich Bisexuelle, vorkommen wiirden, war a priori 
zu erwarten. DaB sie re vera existieren, haben die drei Enquetea 
auBer Z we if el gestellt. Das Cberwiegen der homo- oder hetero- 
sexuellen Komponente diirfte sich bei den einzelnen Bisexuellen recht 
verschieden verhalten. Ein recht femininer Student, welcher M-f-W 



Digitized by VjOOQIC 



492 

unterstrichen hatte, gab, als er sich mir spater personlich vorstellte, 
folgende Erlaiiterung seiner Bisexualitat : „er fiihle zu 99 o/o fiir den 
Mann, „hochstens" zu 1 o/o fiir das Weib." 

Praktisch sind solche Bisexuelle, die so weit nach rechts stehen, 
ebenso zu bewerten wie die Homosexuellen, sie sind auch anniihernd 
denselben Leiden, Kampfen und Konflikten ausgesetzt. Die weiter 
links — den Heterosexuellen naher — stehenden Bisexnellen, konnen 
sich im allgemeinen leichter in das Leben der Normalsexuellcn fiigen, 
ebenso auch diejenigen, welche in der g 1 e i c h e n Weise hetero- 
sexuell und homosexuell fiihlen und verkehren konnen. Man geht 
schwerlich fehl, wenn man in diesen beiden letzten Gruppen der Bi- 
sexuellen die starksten Widersacher der Homosexuellen sucht; weil 
sie die homosexuelle Quote ihres Geschlechtstriebes mehr oder weniger 
ieicht unterdriicken oder sublimieren konnen, nehmen sie dasselbc 
auch von den rein oder vorwiegend Homosexuellen an. 

Die 94 — 96 o/o der drei Enqueten, welche das W untersttichen, 
stellen ein imposantes Bekenntnis der Liebe des Mannes zum Weibc 
dar, eine kraftvoUe Kundgebung der Art fiir die Erhaltung der Art ; 
sie zeigen, wie unbegriindet die Befiirclitungen sind, daO je das ur- 
nische Element eines Volkes Wesen und Wert der groBen Mehrheit be- 
eiutrachtigen konne ; sie machen fiir jeden, der weiB, daB Instinkten 
Kontrainstinkte entsprechen, aber auch das groBe MiBverstandnis be- 
greiflich, welches so lange in urnischen Menschen Verbrecher sah. 

Ziehen wir nun aus unseren Stichproben und Rundfragen den 
Durchschnitt, so ergeben sich folgende Ziffern: 

A. Zahl der Heterosexuellen: 
Bei der Charlottenb. Studentenenquete 
Bei der Amsterdamer Enquete 
Bei der Metallarbeiterenquete 



B. Zahl der Abweichenden : 
Bei der Charlottenb. Studentenenquete 
Bei der Amsterdamer Enquete 
Bei der Metallarbeiterenquete 



C. Zahl der Homosexuellen 
Bei der Charlottenb. Studentenenquete 
Bei der Amsterdamer Enquete 
Bei der Metallarbeiterenquete 



D. Zahl der Bisexuellen: 
Bei der Charlottenb. Studentenenquete 
Bei der Amsterdamer Enquete 
Bei der Metallarbeiterenquete 



94.0 o/o 

94.1 o/o 
95,7 o/o 




283,8= J 
3 


)4,6 0/0. 


6,0 o/o 
5,8 o/o 
4,3 o/o 




16,1 = 
3 


5,4 o/o. 


1,5 o/o 
1,9 0/0 
1,1 0/0 




4,5 = 
3" 


1,5 0/0. 


4,5 o/o 
3,9 o/o 
3,2 o/o 




11,6 = 
3 


3,9 0/0. 



E. Zahl der vorwiegend Homosexuellen unter den Bisexuellen: 

Bei der Metallarbeiterenquete bekannten sich von 3,2 o/o Bisexu- 
ellen 0,58 o/o oder der 5. Teil als iiberwiegend homosexuell. Nehmen 
wir diesen Satz auch bei den Studenten an, was sicher nicht zu hoch 
ist, 8o finden wir: 



Digitized by VjOOQIC 



493 

Bei der Charlottenb. Studentenenquete ^/s von 4,5 = 0,9 o/o 
Bei der Amsterdamer Enquete 1/5 von 3,9 = 0,8 0/0 

Bei der Metallarbeiterenquete 1/5 von 3, 2 = 0,6 0/0 

~ 2,3 = 0,8 0/0. 
3 

Ziehen wir die 0,8 0/0, welche sich als vorwiegend homo- 
sexuell bezeichnen, zu den 1,5 0/0 der ausschlieBlich homosexuell 
Empfindenden hinzu, so ergibt sich 2,3 0/0 oder ftir Deutsch- 
land, dessen Einwohnerzahl bei der letzten Volkszahlung 
64 925 993 betrug, 1493 298 Urninge. 

Das Ergebnis der Enqueten mit 2,3o/o steht mit 
der oben mitgeteilten der Stichproben — 2,14o/o — 
in erstaunlicher Ubereinstimmung. 



Digitized by VjOOQIC 



FUNFrNDZWANZKlSTES KAPITEL. 

Die HomosexualitMt in den verschiedenen Bevolkerungs- 

schichten. 

Es ist nun die wichtige Frago zu erortern, ob und in 
wie weit die gefundenen Prozentzahlen auf allgemeine Gtiltigkeit 
Anspruch haben. Gelten sie ftir jedes Alter, fiir beide Ge»- 
schlechter, fiir aUe Beruf sstande ? Sind wir berechtigt, die ge- 
fundenen Prozentsatze von der Stadt auf das Land, vom 
Norden auf den Sliden, von den unteren und mittleren auf 
die oberen Volksschichten zu libertragen, stimmen sie fiir alle 
Eassen, alle Parteien und Religionsbekenntnisse — treffen sie 
fiir samtliche Volker und alle Zeiten zu? Mit alien diesen 
Fragen werden wir uns nun im folgenden auseinanderzusetzen 
haben. 

Dal3 eine Obertragung auf die verschiedenen Alters- 
k las sen zulassig ist, kann nach folgender tJberlegung unbedenk- 
lich bejaht werden. Wir nehmen an, daB die homosexuelle 
Naturanlage ebenso wie die heterosexuelle und die bisexuelle 
eine dem Menschen bis zum letzten Atemzuge anhaftende Grund- 
edgentlimlichkeit ist. Wlirden wir daher aus alien Personen 
einer bestimmten Altersklasse die sexuell Abweichenden er- 
mitteln, so wlirde stets der gleiche Prozentsatz herauskommen 
mlissen. 

Diese tbeoretische Erwagung findet ihre Bestatigung in dem 
praktischen Ergebnis unserer Enqueten. Das Alter der von uns be- 
fragten Studenten erstreckte sich vom 16. — 30. Lebensjabre. Das 
Durcbscbnittsalter betragt nacb einer fiir diesen Zweck binreichend 
genauen Scbatzung etwas weniger als 23 Jabre. Nun war das Ge- 
samtalter dieser 26 bomosexuellen Studenten 581, so daO deren Durcb- 
scbnittsalter 22,34 Jabre betrug. Das Gesamtalter der 77 Bisexuellen 
betrug 1728 Jabre, bier kamen auf jeden 22,44 Jabre. Bei denMetall- 
arbeitern ergab eine abnlicb langwierige Berecbnung, daB nicbt nur 
das Durcbscbnittsalter der jenigen, welcbe W, M und W -\-M, sondern 
aucb derer, die W -\-M, W-f-M und W -f M unterstricben batten, 

stets zwiscben 27 und 30"fiel. Aus diesen Zablen gebt bervor, daD 
die Ricbtung des Gescblecbtstriebes eine der Lebensdauer zu- 



Digitized by VjOOQIC 



495 

kommliche, mithin vom Lebensalter unabhangige Erscheinung ist. 
Dies wird nicht nur dadurch bestatigt, daO die Homosexuellenquote 
bei den Studenten, deren Durchschnittsalter 23 Jahre betragt, die 
gleiche ist wie bei den Metallarbeitern, die durchschnittlich etvva 
281/2 Jahre alt waren, sondern auch durch die nbereinstimmung mit 
den Stichproben, deren Personengruppen alien moglichen Alterskate- 
gorien zugehorten. 

Unter 635 Personen, welche nach der Zusammenstellung des 
ReicbsjustizEimtes wegen widernatiirlicher Unzucht in Deutschlaiid ver- 
urteilt wurden, befanden sich: 

13 Personen unter 16 Jahren 
102 „ zwischen 15 und 18 Jahren 

98 „ „ 18 „ 21 „ 

59 „ ,, 21 „ 25 „ 

272 Personen von 536 unter 26 Jahren 

63 Personen zwischen 25 und 30 Jahren 
91 „ „ 30 „ 40 „ 

61 „ „ 40 „ 50 „ 

48 „ iiber 50 „ 

263 Personen von 636 iiber 25 Jahre. 

Demnach sehen wir auch hier, dafi nahezu die Halfte der wegen 
homosexueller Delikte verurteilten Personen jiinger, nahezu die andere 
Halfte alter als 25 Jahre ist. 

Der Pariser Gerichtsarzt Tardieu^) gibt in seinen „nota- 
tions sur les ped^rastes eux-m§mes", die er von der prostitution 
p^d^raste unterscheidet, folgende Altersangaben : „Leur repartition sui- 
vant les -fi. g e s a donn6 les chif fres suivants : 

Au dessous de 16 ans 32 
de 16 k 25 ans 84 



„ 26 „ 36 „ 


30 


„ 36 „ 46 „ 


31 


„ 46 „ 65 „ 


28 


„ 65 „ 66 „ 


6 


„ 66 „ 70 „ 


6 


Non indiqu6 


57 




273. 



Ganz aufzuraumen ist mit derfrtiher weitverbreiteten, auch 
noch von Schopenhauer vertretenen Anschauung, dafi die 
Homosexualitat im Greisenalter haufiger sei als in anderen 
Lebensperioden. Samtliche homosexuelle Greise und Greisinnen, 
die ich kannte — und ihre Zahl ist niciht gering — bekundeten 
mir, dafl die Richtung ihres Geschlechtstriebes wahrend ihres 
langen Lebens iminer die gleiche geblieben sei, daU sie vor 
50, 60 und mehr Jahren seelisch genau so empfanden wie 
gegenwartig — der alteste meinei Gewahrsmanner war tin liber 
90 Jahre alter Berliner Hor.osexueller, der als Jungling ein 
Freund Alexander von Humboldts gewesen war. 

Wenden wir una der Fiage zu, ob die flir das mannliche 
Geschlecht gefundenen Zahlen auch fur das weibliche passen, 
so soUte man theoretisch voraussetzen dlirfen, daB die groBe 



1) Loc. cit. p. 171. 



Digitized by VjOOQIC 



496 

GeeetzmaBigkeit, die konstante Proportion, welche wir in der 
Geburtenziffer beider Geschlechter finden, auch fiir ihren 
uniischen Bruchteil gilt. Allerdings sind wir hier mehr auf 
Vermutungen als auf Berechnungen angewiesen, (deren exakte 
Gewinnung in ausreichendem Mafle bei den Frauen auf noch 
groBere Schwierigkeiten wie beim Manne stoBen dtirfte.) Des- 
halb sind auch die oben erwahnten Angaben der Autoren, die 
die weibliche Homosexualit&i fiir verbreiteter erklarten als 
die jnannliche, ebenso unsicher, wie die, welche das Gegen- 
teil sagen. Auch ich kann hier nur nach Eindrlicken urteilen. 
A us diesen gewann ich, je langer ich mich mit dem Studium 
der Homosexualitat befaBte, immer starker die Cberzeugung, 
daB ebensowenig wie ein Unterschied in der Wesensart, den 
Niiancen und Erscheinungsfomien der Homosexualitat zwischen 
beiden Geschlechtem besteht, ein solcher in bezug auf die Haufig- 
keit vorhanden ist. Der gleichen Ansicht ist K o h 1 e d e r. 

In dem Aufsatze „§ 250, der Ersatz des § 175, in seinen even- 
tuellen Folgen fiir das weibliche Geschlecht" (Reichsmedizinalanzeiger, 
1911, Nr. 3, p. 67) schreibt er in bezug auf die Haufigkeit der weib- 
lichen Homosexualitat : 

„Statistische Zahlen stehen uns hier nicht zur Verfiigung. Meines 
Erachtens diirfte sie, d. h. die reine Homosexualitat und ebenso die 
Bisexualitat, ungefahr die gleiche Verbreitung haben wie die mann- 
liche. Es liegt kein Grund vor, warum eine Naturerscheinung, wie die 
Homosexualitat sie ja darstellt, das eine Geschlecht mehr treffen 
sollte als das andere." Ahnlich hatte Rohleder sich schon in 
seinen „Vorlesungen"^a) geauCert: „Es mag wohl ungefahr den Tat- 
sachen entsprechen, wenn man praeter propter die Anzahl der Homo- 
sexuellen unter den Frauen ebenso hoch rechnet als unter den Man- 
nern, also ca. 2o/o. Nur dadurch, daJ3 sie in geringerem Grade sich 
offentlich zeigen, offentlich hervortreten, sind sie bisher weniger be- 
obachtet — und unterschatzt worden." • 

Fiir weit haufiger als beim mannlichen Geschlecht halt Roh- 
leder beim weiblichen Geschlechte die Pseudohomosexualitat und aus 
ihr sich ergebende „homosexuelle weibliche Akte". Er sagt infolge- 
dessen in dem erwahnten Artikel (p. 70) : „Wenn man in den Motiven 
zum Vorentwurf zu einem Deutschen Strafgesetzbuch meint, daB die 
widernatiirliche Unzucht zwischen Frauen nicht so haufig sei, so irrt 
man sehi*. Man kann hochstens den anderen Satz gelten lassen, 
daB sie nicht so sehr in die Offentlichkeit getreten sei. DaB sie letz- 
teres infolge § 250, wenn er Gesetz werden sollte, weit mehr tun 
wird als bisher, ist sicher. 

Ahnlich sagt Wulffen (Sexualverbrecher, S. 583): „DaIJ 
beim Weibe die angeborene kontrare Sexualempfindung (und 
das gilt nattirlich auch von der homosexuellen Betatigung) 
seltener als beim Manne ist, wird kaum behauptet werden 
konnen. DaO weniger solche Falle bekannt werden, liegt daran, 



^a) Rohleder, Vorlesungen iiber Geschlechtstrieb und gesamtes 
Geschlechtsleben des Menschen. Berlin 1907. p. 452, t. 2. 



Digitized by VjOOQIC 



497 

daJJ das Weib sich hierliber weniger offen ausspricht und hierzu 

auch weniger Veranlassung hat, da naeh deutscliem' Strafge- 

setz Tribadie und lesbiscbe Liebe zwischen Weibem straflos ist/* 

Auch eine der besten Kennerinnen der weiblichen Homo- 

sexualitat, die sich selbst als urniseh bekennende Schrif tstellerin 

Anna E ti 1 i n g^), schreibt : „Eine genaue statistische Erhebung 

liber die Zahl der homosexuellen Frauen fehlt uns leider noch, 

doch dtirfen wir nach meinen sehr groBen Erfahrungen und ein- 

gehenden Studien auf diesem Gebiete annehmen, daB das Resul- 

tat, das die statistischen Erhebungen des Herrn Dr. Ma^us 

Hirschfeld liber die Verbreitung der mannlichen Homo- 

sexualitai ergeben haben, auch auf die Frauen in Anwendung 

gebTacht werden kann.*' 

Die Verfasserin fiigt dieser Anschauung eine Betrachtun^ hinzu, 
die ein bemerkenswerter Beleg fiir das ist, was ich oben liber die sozio- 
l(^ische Bedeutung der Homosexuellenziffer sagte ; sie schreibt : s) 
„Demzufolge wiirde es in Deutschland annahernd die gleiche Anzahl 
urnischer und lediger Frauen geben. Das ist nicht falsch aufzu- 
fassen. Ich will z. B. sagen, es gabe 2 Millionen lediger und 2 Mil- 
lionen homosexueller Frauen. Unter diesen 2 Millionen der ledigen 
befindet sich naturgemaiJ schon ein groBerer Prozentsatz der urni- 
schen, sagen wir 6O0/0, also 1 Million; unter den Homosexuellen be- 
finden sich aber wiederum etwa 60 0/0, die sich infolge auBerer Um- 
stande verheiratet haben, die also den 60 0/0 normalsexueller lediger 
Frauen bei einer EheschlieBung im Lichte standen. Die Konseque|i- 
zen aus dieser Tatsache zu zienen sind leicht. Bei moglichster 
Eh elosigkeit aller Urninden wiirde die Wahrschein- 
lichkeit einer Ehe s chlieB ung fiir die heterosexu- 
ellen Frauen um ein betrachtliches steigen, womit ich 
freilioh nicht gesagt haben will, daB hier etwa ein Universalmittel 
gegen die alte Jungfernschaft gefunden worden sei, denn die zuneh- 
mende Animositat der Manner gegen die Ehe hat ihren Grund viel- 
fach in sozialen Verhaltnissen, iiber welche zu reden hier nicht der 
Ort ist." 

Was nun die Verbreitung der Homosexualitat unter den 

verschiedenen Berufsklassen betrifft, so sind von manchen 

die von uns veranstalteten Umfragen deshalb beanstandet worden, 

weil sio sich auf Stande erstreckten, in denen sich nach ihrer 

Meinung verhaltnismaBig weniger Homosexuelle befanden, wie 

in anderen Berufen. 

Bemerkenswert ist nach dieser Rich t ung der folgende Brief eines 
siiddeutschen Ingenieurs, den wir im AnschluB an unsere erste Enquete 
erhielten: „ Selbst Techniker, sogar friiherer Studierender der 
Technischen Hochschule Charlottenbui^, habe ich, was die tech- 
nisch Gebildeten angeht, mir iiber den Beitrag, den diese Manner zur 
Gemeinde der Homosexuellen stellen, schon seit langem ein selbst- 
standiges Urteil gebildet. Derselbe ist auBerst klein. Aus freien 

2) Jahrb. f. sex. Zw. Jahrg. Bd. 1. 1906. p. 137: „Welches 
Interesse hat die Frauenbewegung an der Losung des homosexuellen 
Problems? Rede von Anna Ruling." 

») A. a. O. p. 137/8. 
Hirschfeld, Homosexualitlt. 32 



Digitized by V:iOOQIC 



498 

Stiicken wird wohl hochst selten ein Uranier den Ingenieurberuf er- 
wahlen, einen Beruf, der wie kein zweiter ganze M$.nner braucht, 
der Produktivitat, Energie, Tatkraft, Umsicht, einen weiten Blick, 
Oiiganisationstalent und, last not least, Mathematik, viel Mathematik 
(auch m i r ein Buch mit sieben Siegeln) verlangt. Mich personlich 
haben brutale, auBere Umstande veranlaBt, diesen meinem ganzen 
Wesen widerstrebenden Beruf zu ergreifen, und ich glaube und weiB 
zum Teil, wie mir, so erging es sehr vielen meiner urnischen Kol- 
legen. Hatten Sie unter den Studierenden der Universitat zu Berlin 
Oder unter den Musensohnen einer Malerakademie oder Musikhoch- 
schule usw. eine Umfrage gehalten, so hatten Sie ohne Zweifel einen 
wesentlicL hoheren Prozentsatz konstatieren konnen. Das Mittel aus 
beiden diirfte dann meines Erachtens dem wahren Sachverhalt am 
nachsten kommen. Da also das technische Each dem Urning im all- 
gemeinen nicht liegt, dagegen andere Berufe eingestandenermaBen 
sehr, so darf man von den wenigen Homosexuellen der T. H. zu Ch. 
nimmermehr einen SchluB auf die relative Seltenheit der Uranier 
im allgemeinen Ziehen." 

Kichtig in dieser Zuschrift ist, daB in der Tat die Homo- 
sexuellenziffer in der gewahlten Berufsschicht ether etwas unter 
als liber dem Durchschnitt stehen diirfte. Wir wahlten sie 
aber gerade aus, weil uns daran lag, erst einmal MinimaJzahlen 
zu gewinnen und zwar lieber zu niedrige als zu ho he, 
um zu ermitteln, ob der Anteil der Homosexuellen an der 
Gesamtbevolkerung nach Prozenten oder Promillen rechnet. 
Um feinere Unterschiede zu erweisen bedtirfte es vieler 
weiterer Erhebungen. Vermutlich wird sich dann er^eben, daB 
manche Berufe ein Durchschnittsplus, manche ein Durch- 
schnittsminus zeigen, wUhrend sich die meisten — vor allem 
die nicht aus freiwilligem Antrieb gewahlten — f tir den Prozent- 
satz indifferent erweisen werden. Die Bevorzugung mancher 
Berufe wird zum Teil von der Eigenart der Homosexuellen 
selbet, zum Teil von ihrer Triebrichtung abhangen, und zwar 
in beiden Fallen zunachst meist ohne deutliches BewuBtsein 
dieser Ursache. 

Mehr iiber die eigentlichen Motive pflegen sich die klar zu sein, 
die ihren Beruf anderten. Spaterer Beruf swechsel ist unter den Homo- 
sexuellen ein recht haufiges Vorkommnis. So ist es beispielsweise 
der juristische und theologische Beruf, in dem sich viele Homosexu- 
ello, von ibren Eltern gedrangt, recht bald ungliicklich ftLhlen. Nicht 
wenige von ihnen sah ich „u m s a 1 1 e 1 n", und zwar in Facher, 
die von ihrem urspninglichen weit ablagen, so kannte ich mehr als 
einen homosexuellen Studenten der Jurisprudenz oder der Theologie, 
der Schauspieler, Maler oder Lehrer, manchen homosexuellen Offizier, 
der Schriftsteller oder Sanger wurde. Dabei lassen wir diejenigen 
auBer acht, die, infolge homosexueller Konflikte gezwungen, ihren 
Beruf aufgaben. Unter Beamten und Offiziereu ist deren Anzahl 
sehr erheblich. 

So sicher es nun aber ist, daB bei den verschiedenen Be- 
rufskategorien nicht unerhebliche Differenzen vorkommen 
werden, ebenso sicher erscheint es mir, von ganz geringen 



Digitized by VjOOQIC 



499 

Ausnahmen abgesehen, daJJ diese aus der bish'er gefundenen 
GroBenordnung von 1 — lO^/o kaum je herausfallen, und sicli 
bei alien insgesamt um einen innerhalb dieser GroBen- 
ordnung bewegenden Mittelpunkt bewegen werden, weleher sich 
hochstwahrscheinlicli fiir die Homosexuellen in der Nahe von 
2o/o, flir die Bisexuellen zwischen ^.iii^d 5o/o befindet. 

Zu den erwahnten Ausnahmen diirften nur die maskulinen Frauen- 
und die femininen Mannerberufe gehoren. Seit dem genauen Studium 
der Transvestiten wissen wir aber, daB selbst unter den „Damen- 
komikern" und Mannerdarstellerinnen nicht mehr als die Halfte homo- 
sexuell sind. DaB eini^e Berufe bezii^lich der Homosexuellenzif fer iiber- 
schatzt werden, erscheint mir zweifellos. In einigen Fallen ruhrt dies 
von einer groBeren Offenheit, in anderen von einer ^roBeren Geneigt- 
heit zum homosexuellen Verkehre her. Ersteres gilt beispielsweise 
fiir die Schauspieler, letzteres fiir Kellner und Friseure. Spricht 
sich die Homosexualitat eines im Vordergrunde des Interesses stehen- 
den Schauspielers oder einer groBen Schauspielerin herum, so folgern 
manche daraus gleich eine groBe Verbreitung der Homosexualitat im 
Schau spielers tanae iiberhaupt. Wenn vor einiger Zeit eine groBe 
Pariser Zeitung schreibt: Ein groBer Tell der franzosischen Schau- 
spieler sei von dieser Seuche erfaBt, oder F e r n a u *) sagt : „Die 
bekanntesten und obskursten Schauspieler gehoren zu dieser Sorte," ' 
so sind dies Verallgemeinerungen, die ohne statistische Unterlacen 
jeder Beweiskraft ermangeln. ErfaJirene Sachkenner fanden selbst 
unter dem Kiinstlerpersonal groBerer Theater selten mehr als zwei 
Oder drei Homosexuelle ; eine Ausnahme machen, wenn auch keines- 
wegs immer, Schauspieler, die imter homosexuellen Direktoren stehen, 
wie etwa die beriihmten Meininger unter dem homosexuellen Theater- 
leiter Chr. Auch unter den Kelinern, die oft als ein besonders homo- 
sexueller Stand angefiihrt werden, iibersteigt der Prozentsatz der wirk- 
lich homosexuellen nach dem Urteil sehr sachkundiger Berufskol- 
legen sicher nicht die erste Dezimale, hochstwahrscheinlich nicht 
einmal 60/0. Richtig ist nur, daB durch die starke Gelegenheit mit 
Homosexuellen in Kontakt zu kommen, in diesem Stande der Prozent- 
satz derer ein relativ hoher ist, die fiir ein hohes „Trinkgeld" zum 
homosexuellen Verkehre bereit sind — doch ist diese Bereitwilli^keit 
nichts weniger als allgemein, auch befinden sich innerhalb dermann- 
liohen Prostitution verhaltnismaBig viele stellungslose Kellner. Das 
gleiche gilt fur die Friseure. 

^'enn D r. M. *), der Gewahrsmann Prof. J a g e r s , in bezug auf 
die passiven Homosexuellen sagt : „es ist ein Stand, der sie ganz vor- 
zugsweiso in sich schlieBt: Friseure und Barbiere, und zwar so sehr, 
daB ich die passiven Pygisten bald nur stereotyp „Barbiergesellen" 
nannte", so stand ihm sicherlich nur ein sehr einseitiges Beobach- 
tUDgsmaterial zur Verfiigung. Auch die sich an diese Bemerkung 
anschlieBende Erklarung: „Dieses Gewerbe ist wie geschaffen fiir pas- 
sive Pygisten, diese Weiber in Mannesgestalt, es ist eine weibische 
Beschaitigung und bringt sie zu der ihnen sympathischen Manner- 
welt in angenehme Beziehungen", ist nur zum kleinsten Teil zutreffend. 

Kur unter den Damenfriseuren erhebt sich, ahnlioh wie bei 
den Verfertigern von Damenhiiten und Damenkleidern, der Prozentsatz 
wesentlich hoher, und zwar nach sachverstandigem Urteil bis ^egen 
10 vom 100. Ungleich mehr Homosexuelle wie im Kellner- befinden 
sich nach meinen Erfahrungen und Ermittelungen im Diener- 

*) L. c. 

») Jahrb. f. sex. Zw. Bd. II. p. 108. 

32^ 



Digitized by V:iOOQIC 



500 

beruf, der besonders den femininen Homosexuellen eine gute Q^l^en- 
heit gibt, ihren wirtschaft lichen Neigungen G^eniige zu verschaffen. 
Ich kenne Herrschaiten, die, ohne selbst homosexuell zu sein, einer 
homosexuellen Dienerschaft den Vorzug geben, well sie behaupten, diese 
seien anstelliger, schmiegsamer, und solider als heterosexuelle Diener 
und es scheint fast, als handelten diese einsichtsvoUer als die, welche 
entriistet ihr Personal entlassen, sobald ihnen Klatsohgeschichten liber 
deren Homosexualitat hinterbracht werden. Oft kommt es auoh vor, daO 
homosexuelle Herren Burschen aus dem Volke, an denen sie Gef alien 
fiuden, auf die Dienerschule schicken. Sie nehmen sie dann spater als 
Diener in ihr Haus, um ihr Zusammenleben vor MiBdeutungen zu 
schutzen. Ich kenne eine Reihe Urninge, die diesen Weg einschlugen, 
um ihren Geliebten, — der allerdings durchaus nicht immer homosexuell 
ist, — dauernd in der Nahe zu haben. So tat es auch Alexander 
von Humboldt mit seinem Diener S., dem er dann fiir vieljahrige 
treue Anhanglichkeit den groBten Teil seines Vermogens vermachte. 
Eine ahnliche Enttauschung wie seine Verwandten erlebten Ver- 
wandte, die auf das reiche Erbe homosexueller Junggesellen spekulieren, 
oft. So hoch nun aber auch die absolute Zahl homosexueller Diener 
ist, so scheint sie dennoch nicht den zehnten Teil der Gresamtmit- 
glieder dieses Berufes auszumachen. 

Und die Bemerkung d e J o u x ' ^) : „Man kann sa^en, jeder 
dritte mannliche Domestike sei Urning", ist ebenso libertrieben, wie 
die Ansicht Celpsias'), der in Lombrosos Archiv behauptete, daB 
sich unter den Musikern bis zu 6O0/0 Homosexuelle befinden. 

Die gleiohe Einschrankung ist auch bezuglich gewisser homo- 
sexueller Frauenberufe am Platze. Wenn Anna Rilling schreibt: 
„Wie der homosexuelle Mann oftmals mit Vorliebe Beruf e ergreift, die 
ana Weibliche anklingen, — z. B. die Damenschneiderei, die Kranken- 
pflege, den Beruf des Koches, des Dieners — so gibt es auch Berufe, 
denen die urnischen Er^uen besonders geneigt sind; wie die Erfahrung 
lehrt, weisen unter anderen.der aorztliche, der juristische, der land- 
wirtschaftliche und der selbst schaffende Kiinstlerberuf eine beson- 
ders groBo Zahl homosexueller Frauen auf,"«) so muB auoh hier vor 
Verallgemeinerung gewarnt werden. Das Gleiche gilt auch fiir die 
urnischen Erauenrechtlerinnen. Sicherlich hat es viel Wahres fiir 
sich, wenn Ruling meint *) : „Von den ersten Anfangen der Frauen- 
bewegung an bis zum heutigen Tage — sind es zum nicht geringen 
Teil homogene Frauen gewesen, die in den zahlreichen Kampfen die 
Fiihrerschaft iibernahmen, die erst durch ihre Energie die von Natur 
gleichgiiltige und sich leicht unterwerfende Frau des Durchschnittes 
zxmi BewuBtsein ihrer Menschenwiirde und ihrer angeborenen Rechte 
brachten.** Andrerseits zeigten mir aber wiederholte Besuche, die ich 
mit urnischen Frauen in England den Suffragetten, in Deutachland 
dem Verein fiir Frauenstimmrecht abstattete, daB auch unter den 
radikalsten Vertreterinnen der Frauenemanzipation der Prozentsatz 
der Urninden auBerhalb der ersten Dezimale bleibt. 

N a c k e ^®) teilt die Schatzung einer urnischen Journalistin iiber 
die Haufigkeit des Vorkommens der weiblichen Homosexualitat in 
den verschiedenen Ereisen mit. Danach waren unter Frauen in kiinst- 
lerischen und wissenschaftlichen Beruf en 40 0/0 homosexuell, unter Feld- 
arbeiterinnen 10 0/0, Fabrikarbeiterinnen 60/0, Lehrerinnen lo/o, Dienst- 

«) Otto de Joux, Die Enterbten des Liebesgliickes, p. 193. 
')CeleBia, „Sulla inversione sessuale" in Lombrosos Archi- 
vio di psichiatria. Vol. XXI. 1900. p. 209. 
*) Loco citato p. 144. 
») L. c. pag. 144/6. 
10) N a k e , Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin a. a. O. 



Digitized by VjOOQIC 



601 

boten lOo/o, Prostituierten 5o/o. Diese wie mir scheint ziemlich will- 
kiirliche Schatzung diirfte in bezug auf einige Berufe — namentlich 
beziiglicli der Kiinstlerinnen zu hoch, hinsichtlich anderer, wie der 
Prostituierten, zu ^ering sein. 

Gerade beziiglich der letzteren liegen von anderen Seiten sehr 
viel hohere Schatzungen vor. So behauptet Hammer in der „Tribebdie 
Berlins", daB unter 3000 Dimen sich mindestens 1000 Lesbierinneu, 
Riilingioa), daC nachweislich unter den Prostituierten 20 o/o homosexuell 
verankigt seien. Diese Autorin fiigt eine Erklarung dieser sonderbaren 
Tatsache hinzu, die im wesentlichen eher das Richtige trifft, als die 
friiher mitgeteilte des Frl. Dr, Schirmacher vom „Ekel am Manne". Sie 
meint: ,,Das mag zunachst befremden, scheinen doch Homosexoalitat 
und dauernder sexueller Verkehr mit dem Manne das Widersprechendste 
zu sein, das es geben kann. Auf meine Frage, wie es denn moglich sei, 
daC eine Urninde zur Prostituierten werde, antwortete mir mehr als 
einmal ein „Madchen von der StraBe", daB sie ihr trauriges Handwerk 
rein als Geschaft auffasse; ihr geschlechtlicher Trieb komme dabei 
gar nicht in Betraoht, den befriedige sie bei der Geliebten. Widrige 
hausliche und wirtschaftliche Verhaltnisse hatten diese Madchen auf 
die StraBe getrieben." 

Auch ftir die Manner gilt die oft geauBerte Ansicht, dafl 

sich iu hoheren Standen verhaltnismaBig mehx Homo- 

sexuelle finden, wie in niederen, trifft nur sehr bedingt zu. 

Wenn uns ein sehr versiertes Mitglied der Aristokratie mitteilt, 

daB er personlich neun deutsche Prinzen ans regierenden 

Hausern, 14 aus reiehsunmittelbaren Familien, 6 aus fremden 

regierenden Hausern und auBerdem 20 Diplomateh kennt, die 

homosexuell sind, so kann man dieser Zahl als anderes Extrem 

die des JosiahFlynt^^) entgegenhalten, der auf Grund zehn- 

jahriger Forschungen unter 50 — 60000 Tramps der Vereinigten 

Staaten — den Armsten der Armen — 5 — 6000 homosexuelle 

Vagabunden reehnete, eine Schatzung, die ein Vagabund in 

Texas, der von ihr horte, als zu niedrig bemessen erachtetie. 

Unter den deutschen Lands treichern soheint der Prozentsatz der 
Invertierten ein nicht ganz so hoher zu sein, immerhin ist er, nach 
dem, was mir ein so guter Kenner des Vagabundentums, wie Hans 
O 8 t w a 1 d berichtet und zahlreiche „Kunden" selbst bestatigten, ein 
nicht unbetrachtlicher. 

Der Vers von B6ranger 

Les gueux, les gueux 

Ce sont des gens heureux 

lis s'aiment entre eux. 
gilt nicht nur fiir die franzosischen Vagabunden. In den Asylen fiir 
Obdachlose, den Herbergen zur Heimat bilden wie „auf der Walze** und 
unter den Briickenbogen, einem nachtlichen Lieblingsaufenthalt der 
Penner und „Tippsen" (weibliche Vagabunden), homosexuelle Vorkomm- 
nisse einen beliebten und keineswegs nur theoretischen Unterhaltungs- 



i^a) Cf. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen, Jahrg. VII, Bd. 1, 
p. 148. 

11) Cf. H a V e 1 o c k Ellis und J. A. Symonds, Das kon- 
traro Geschlechtsgefiihl. Leipzig, 1896, Zusatz zu Kapitel I. pag. 
269 ff: Homosexuiuitat unter Vagabunden. 



Digitized by VjOOQIC 



502 

stoff. Viele Berliner Homosexuelle suchten und fanden die ihrem 
eigentiimlichen Geschmack entsprechenden Partner in oder vor der 
„Augustbude" (der Herberge zur Heimat in der Augusts traBe) oder der 
Rocbbude, einem seltsamen Platze in der Nahe der Zentralmarkthalle. 
Ein hochgebildeter homosexueller Ingenieur, den sein ausscblieClich 
„proletarischer** Geschmack auf die Walze und in die Herbergen trieb, 
gibt folgenden Berioht: „Nicht nur in den Asylen groBer Stadte habe 
ich wiederholt genachtigt, sondern mich auch tage-, ja sogar wochen- 
lang ill Wander- Arbeitsstatten („Roter Hans" bei Frankfurt a. M., in 
Hanau usw.) und in der groBten derartigen Kolonie Hoffnungstal bei 
Bernau aufgehalten. Dort konnte ich die proletarische Psyche aus 
nachster Nahe kennen lernen, wie sonst nirgends. Und wie liberrascht 
war ich, als ich dort, sowohl in der Baracke, in der ich selbst schlierf, 
als auch in den andern, ziemlich ausgedehnte homosexuelle Verhalt- 
nisse, ja einen ganzen Konzern gleichgeschlechtlich verkehrender junger 
Manner beobacntete. Nicht jeder freilich beobachtet das. Das Auge 
des Homosexuellen aber erkennt das erklarlicherweise leicht, und aus 
Umfragen ersah ich auch, daB dies vielen dort bekanut war. Nament- 
lich ein junger „Rabe", der besonders „keB" war und der seiner Ver- 
anlsjgung halber allgemein „Lieschen" genannt wurde, bildete einen 
gewissen Mittelpunkt dieses „Zirkels". Ich selbst hielt mich von 
diesem Treiben fern, well die Betreffenden mir zu dreist waren. Ich 
horto kiirzlich, daB „Lieschen" seiner wohl etwas ungeniert fortge- 
setzten Umtriebe wegen inzwischen ausgewiesen ist. Auch einige altere 
Arbeiter, die periodisch wieder dorthin zu kommen pflegen, sind den 
meisten „Kolonisten" als homosexuell („warm") bekannt. Aber nie- 
mand wirft ihnen deswegen Kniippel zwischen die Beine. Einer von 
ihnen erfreut sich infolge seines wirklich netten, anstandigen Be- 
nehmens sogar besonderer Beliebtheit auch bei den (verheirateten) 
Leitern der Kolonie. Sogar ein Paar der dort amtierenden „Bruder" 
sind mir als homosexuell bezeichnet worden, einer soil sogar beinahe 
deswegen seinen Abschied bekommen haben. 

„Wie sehr die Homosexualitat in den Obdachlosen- Asylen zu Ilause 
ist, ist bereits offentlich so bekannt geworden, daB ich dariiber nichts 
welter zu sagen brauche. Alle aus Unkenntnis der Wirklichkeit und 
gutgemeintem Eifer unternommenen Versuche, sie dort etwa auszu- 
rotten, miissen selbstverstandlich vei^eblich bleiben. Ich will mich 
verpflichten, wenn ich dort nachtige, stets innerhalb meiner nachsten 
Umgebung einen oder gar mehrere junge Leute zu homosexuellen 
Handlungen zu gewinnen. Viele warten sogar formlich darauf. Einem 
solchen „Kunden** braucht man nur ein paar „Trittchen" (Striimpfe) 
oder eine „Staude" (Hemde) zu versprechen, um seiner geschlechtlichen 
Beihilfe sicher zu sein. Mehr verlangt er nicht, denn er weiB, wie 
knapp das Geld ist, und etwas Mitleid hat er schlieBlich auch im 
Leibe.'' Mein Gewahrsmann fahrt fort: 

„Ein Musterbeispiel eines homosexuell „geaichten" Kunden lernte 
ich kurzlich in Berlin kennen. Er war nicht nur durch ganz Deutsch- 
land gekommen, sondern auch durch Osterreich, Italien bis Rom, 
und die Schweiz. Uberall hatte er leicht homosexuelle „bessere" 
Bekanntschaften gemacht, die ihm ein auskommliches Leben sicherben. 
Jung und hiibsch, gebiirtig aus Stuttgart, erst 17 jahrig, blond 
und blauaugig, echt germanische Rasse, ist er fiir virile Uminge 
erotisch gefahrlich. Allerdings vernachlassigt er sein AuBeres sehr, 
sonst hatte er sicher noch ganz andere „Erfplge" haben konnen. 
Trotzdem hatte er iiberall offene Tiire gefunden, in Deutschland wie bei 
den Monchen Roms und der Schweiz, von denen er mir manches Stiick- 
chen erzahlte. Es gibt mithin kein unwahreres Marchen als die Le- 
gende von der Zugehorigkeit der Homosexualitat zu den besser situ- 
ierten oder womoglich nur adligen Kreisen. DaB homosexuelle „Falle" 



Digitized by VjOOQIC 



603 

aus diesen Kreisen in erster Linie bekannt werden, liegt lediglich an 
dcr mehr exponierten Stellung, welche Homosexuelle dieser Kreise 
einnehmen. Die Verbreitung der Homosexualitat ist in Wirklichkeit 
in den proletarischen Kreisen mindestens ebenso stark wie anderswo, 
and im vagabundentum ist sie sozusagen an der Tagesordnung." 

Zweifellos handelt es sich unter den Vagabunden lihnlich wie 
unter den Gefangenen oft um Surrogatakte, doch gibt es sicherlich 
unter beiden auch viele echte Homosexuelle. So suchten mich wieder- 
holt strafentlassene Homosexuelle auf, die unter heftiger Sehnsucht 
nacli einem Mitgefangenen litten und sich ernstlich mit dem Gedanken 
trugen, eine Straftat zu begehen, um zu ihrem Freunde — in einem 
FaUe war es ein lebenslanglich Intemierter — zuriickzugelangen. 

Ein Seitenstiick zu diesen Beobachtungen finde ich in dem Be- 
richt, den ein Mann, der sich J. A. nennt, unter dem Titel „Lebenslauf 
eines Zuchthausstraflings" in der „Tribiine" vom 5. Juni 1907 gibt: 
Naohdem der Verfasser erzahlt hat, daB die jiingeren Gefangenen im 
Alter von 18 — 24 Jahren, die im ganzen etwa 28 oder 32 Mann einen 
gemeinsamen Schlafsaal ffir sich haben und auch in der Kirche allein 
auf den ersten Banken sitzen, von den alteren Gefangenen die „Damen" 

fenannt werden, und dafi jede dieser „Damen" einen „Alten" zum 
iiebsten hat, von denen oft zwei oder drei sich um einen Jungen aus 
Eifersucht die Kopfe blutig schlagen, erzahlt er, dai3 einer der ver- 
rufensten der „Alten", zum vierten Male jetzt im Zuchthause in P., 
wahrend seiner letzten Strafzeit einen jiii^eren Freund hatte und daB 
beide wie Eheleute miteinander lebten. „Was er hatte, hatte „sie, der 
„Junge**. Als derselbe entlassen wurde, hatte der „Junge" noch 2 Jahre 
10 Monate zu verbiiBen. Was tut nun der „Alte"? Er veriibt eii) 
Verbreohen, von dem er weiB, daB es ihm etwfl, 2 bis 21/2 Jahre Zucht- 
haus eintragt, damit er ja wieder zu seinem „Jungen" kommt und 
letzteren kein anderer „ Alter" in Beschlag nehmen kann. Und richtig 

fenau nach 6 Wochen passiert der „Alte" wieder ein mit 2 Jahren 
Monaten Zuchthaus. Ich kann das Gaudium nicht schildern, als 
er wiederkam. Jeder sagte es ihm ins Gesicht, daB er sich bloB wegen 
seines „warmen Jungens" so beeilt hatte; selbst die Aufseher sehen, 
horen und wissen dies alles, konnen aber nichts dagegen tun. Also 
der „Alte" lebt jetzt wieder gliicklich und zufrieden mit seinem 
„JuDgen*' zusammen, und wenn sie jetzt miteinander entlassen werden, 
werden sie drauBen „zusammenarbeiten". Dieser „Junge" ist der Sohn 
anstandiger Biirgersleute, und hat bei einer Rauferei einen Menschen 
erstochen, wofiir er 8 Jahre Zuchthaus verbuBt." 

Einen ahnlichen Fall erzahlt Wilhelm Cremer aus der 
Fremdenlegion : Ein Legionar wird nach Oran zum Kriegsgericht ge- 
bracht. Sein Freund, den er liebte, war zur Zwangsarbeit (travaux 
forces) verurteilt. Da verkaufte er seine samtlichen Sachen und kam 
drei Tage nicht in die Kaserne, nur mn auch verurteilt zu werden 
und dem Geliebten folgen zu konnen. 

Unter den homosexuellen Vagabunden gibt es viele, die einst 
bessere Tage gesehen: Gescheiterte, Entgleiste. In Sizilien, der Pro- 
vence und anderswo, traf ich solche, die 10 Jahre und langer nichts 
von ihren Angehorigen, die sie vermutlich langst fiir gestorbeii hielten, 
gehort hatten. Manche von ihnen, die, als sie noch etwas besaBen, 
m Zusammenhang mit ihrer Anlage immer wieder Erpressern, Raubern 
und Dieben in die Hiinde fielen, erklarten, daB ihnen erst wohl sei, 
seifc sie nichts mehr zu verlieren hatten. In Rom lernte ich in der 
deutschen Herberge einen sehr merkwiirdigen Urning kennen, einc Art 
Bettlerkonig ; wegen seines langen Kopf- und Barthaares, seines sanft- 
miitigen Wesens und einer gewissen prophetisch-poetisch-pathetischen 
Pose nannten ihn die anderen Kunden, von denen ihn namentlich die 



Digitized by VjOOQIC 



604 

jiingeren vereotterten, ,,ireilaiid" i*). Bei nicht wenigen Urningen 
liegt ein wichtiger Grund zur Vagabondage in nervoser Unrast, die 
oft genug allerdings auch eine motorische Umsetzung sexueller Un- 
ruhe ist. Das gilt in noch hoherem MaCe wie fiir die armen fiir die 
reichen Vagabunden, dem Seitenstiick der Tramps aus wohlhabenden 
Kreisen, den Globetrottern. Was ich in den .,Xaturgesetzcn der 
Liebe ^^) von den sexuell unbefriedigten Heimfliichtigen im allge- 
meinen sagte: ,,Da reison diese alleinstehenden Manner und Frauen, 
von den Beatifikationen des Papstes zum Selamik des Sultans, 
von den heulenden Derwischs zu den indischen Fakiren, vom Yoshi- 
wara zum Yellowstonepark ; da findet man diese unbewuCt von sexu- 
ellem Drang Getriebenen in Bayreuth und Oberammergau, auf alien 
mondainen Sammelplatzen, in Monte Carlo und Ostende wie in den 
Palasthotels am Rande der Sahara und am Ufer der Themse, immer 
friedlos und rastlos," gilt Mr die Urninge und Uminden der hoheren 
Stande in ganz besonders hohem Grade. 

Auch in der gesellschaftlichen Mittelschicht gibt es eine von Ort 
zu Ort wandernde Gruppe, die freilich wirtschaftlich und sonst auch 
in vieler Hinsicht ganz anders zu bewerten ist, wie die genannten 
Gruppen. Ich meine die Geschaftsreisenden, unter denen ich 
ebenfalls viele Homosexuelle kennen lernte. Manche von ihnen, und 
damit komme ich wieder zu den bodenstandigeren Klassen, besitzen 
eine Liste homosexueller Gasthausbesitzer, bei denen sie abzusteigen 
pflegen. Namentlich finden sich auch in diesen Verzeichnissen 
Hoteliers kleinerer Stadte. Es scheint mir, als ob der Prozentsatz 
der Homosexuellen unter den Inhabern und Leitern der Hotels und 
Gastwirtschaften etwas groBer ist, als unter den Kellnern, von denen 
ich bereits sprach. Unter den iibrigen Angestellten zahlt das Kiichen- 
personal viele Urninge, namentlich die feinen franzosischen Kiichen- 
chefs sind oft homosexuell. 

Wie in den Hotels im landlaufigen Sinn findet man auch 

in den von den Franzosen bezeichneten als Hotels de dieu be- 

zeichneten Hospitalern viele Homosexuelle, und zwar bier in 

erster Linie unter den Krankenwartern. Es dlirfte wohl kaum 

ein groBeres Hospital geben, in dem sich nicht ein oder mehrere 

Pfleger befinden, und es sind nicht die schlechtesten. Auch 

unter den Krankenschwestern kenne ich viele Urninden. Zwei 

von ihnen, die in einem Charlottenburger Krankenhause ange- 

stellt waren, nahmen sich vor einigen Jahren zusammen das 

Leben. Vom Arztestand meint Merzbach, daB er nicht zu den 

von Homosexuellen bevorzugten Standen gehortu Ich bin von 

homosexuellen Arzten aus alien Kulturstaaten aufgesucht worden 

und erfreute tnich ihrer Fiihrung in skandinavischen wie in 

siideuropaischen Landern. Es waren unter ihnen wohl alle 

Spezialfacher vertreten, auch Chirurgie und Frauenheilkunde. 

Ich kenne allerdings auch homosexuelle Mediziner, denen die 
korperliche Untersuchung weiblicher Korper, namentlich das soge- 
nannte Touchieren und das Beklopfen der Brustdriisenregion, groBtes 
Unbehagen verursachte, einige wuBten dies zu umgehen, indem sie 

") Cf. auch Oskar AVohrlc, Der Baldamus (Stuttgart 1913) 
p. G2. 

*3) „Naturgesetze der Liebe**, Berlin 1912, p. 245. 



Digitized by VjOOQIC 



506 

Kinderarzte wurden oder sich auf die Leitung von Mannerabteilungen 
in Sanatorien beschrankten. Die Arztinnen, unter denen es eben- 
falls eine betrachtliche Anzahl urnischer gibt, haben es in der Um- 
gehung von Manneruntersuchungen, falls diese ihnen unbequem sind, 
leichter. Im iibrigen scheint mir der Arztestand, der in Deutschland 
allein 33 627 (1913) Personen umfafit, fiir genauere statistische 
Untersuchnngen vermoge seiner Vorbildung besonders in Betracht zu 
kommen. I^U diese trotz aller Schwierigkeiten im Interesse der 
Wissenschaft erforderlich sein werden, steht wohl aul^er ZweifeL 

Gehen wir von den Medizinern auf die anderon 
akademischen Berufe .iiber, so seien zunachst die Juristen 
erwahnt. Ihr Beruf wird vielfach nioht aus eigener innerer 
Neigung, sondern, namentlich in Beamtenfamilien, mehr auf 
Wunsch der Eltern, aus praktischen Gesichtspunkten ergriffen. 
Unter den Anwalten scheint mir die Zahl der Homosexuellen 
ein wenig geringer zu sein, als unter den Arzten, immerhin 
sind mir in Berlin allein ungefahr ein Dutzend homosexueller 
Kechteanwalte bekannt. Etwas hoher ist der Prozentsatz der 
Homosexuellen im Richterstande, im Verwaltungsdienst und der 
Diplomatic; auch mehrere homosexuelle Staatsanwalte iind 
Kriegsgerichtsrate lernte ich kennen. Der Gewissenskonflikt, 
in dem sich Manner befinden, die selbst homosexuell, liber 
Homosexuelle richten, kam mir zu Beginn meiner Tatigkeit 
besonders schwer vor, er erscheint mir im milderen Lichte, 
nachdem mir homosexuelle Richter versicherten, daB sie wieder- 
holt bei Beratungen in der Lage gewesen seien, auf ein geringeres 
StrafmaB hinzuwirken. 

Ich weiJJ Falle, in denen junge Leute aus § 175 vor einem 
Richter standen, mit dem sie selbst homosexuell verkehrt hatten. 
Es gereicht ihnen zur Ehre, daB sie die geangstigten Richter, in 
einem Falle war es ein homosexueller Untersuchungsrichter, 
nicht kompromittierten. In Wien ereignete sich allerdings vor 
mehreren Jahren der Fall, daB sich ein Gerichtsprasident 
erschoB, dem ein wegen Diebstahls angeklagter Bursche, als 
er ihn barsch anfuhr — er erkannte ihn nicht wieder — zurief : 
„Im Votivpark haben Sie anders mit mir gesprochen, wenn 
Sie auf mich gepaBt haben/' 

Wie die Juristen, wechseln auch die Theologen, wenn sie 
sich ihrer Homosexualitat bewuBt werden, gern den Beruf. Viele 
behalten ihn auch bei, weil sie glauben, durch religiose Mittel 
ihrer am besten Herr zu werden. Oft, wenn auch nicht immer, 
ist diese Hoffnung trtigerisch. Ich habe protestantische und 
noch mehr katholische Geistliche fast aller Alters- und Rang- 
stufen kennen gelernt, die unter ihrer homosexuellen Anlage 
schwer litten. 



Digitized by VjOOQIC 



506 

Einc alte Chronik erzahlt von einem Bischof zu Bambei^, der im 
14. Jahrhundert lebte, sich gerne in Weiberkleider steckte und durch 
seine unwiderstehliche Begierde nach den Kiissen schoner Jiinglinge 
auBer Fassung gebracht, sich von seinen Knechten mit Ruten streichen 
lieB, so oft inn urnische Geluste anfielen. 

Im XII. Jahrhundert sah sich der Abt Wibald, einer der hervor- 
ragendsten Manner der deutschen Geistlichkeit jener Zeit, offenbar 
durch die Vergehungen der ihm Unterstellten genotigt, in feierUcher 
Weise einen andern Abt um Auskunft iiber die Frage zu bitten: „Si 
viiginitatis am it tat palmam, qui vel propriis aut alienis manibus 
vei qualibet alia arte praeter naturalem coitum sibi semen elicuerit." 
Cf. Jaffe, Monumenta Corbeiens. Bd. I d. Biblioth. Rer. Grerman. 1864. 

U 1 r i c h s erwahnt in Formatrix i*) ein Buch „Enthiillungen iiber 
Lehren und Leben der katholischen Geistlichkeit", Sondershausen, 
1862, das gesammelte Notizen iiber eine zahlreiche Reihe katholischer 
Geistlichen enthalt, vorzugsweise aus Siiddeutschland, aber auch Frank- 
reich und Belgien, aus der Zeit von 1637 — 1713 und von 1859 — 1861, 
„aus denen hervorgeht, daB dieselben Urninge waren." Unter anderem 
enthalt es in deutscher tJbersetzung die aktenmaBigen lateinischen 
Berichte aus einer Disziplinaruntersuchung wider den Jesuiten Mare 1 1 
am Jesuitengymnasium zu Augsburg aus dem Jahre 1698, deren Ori- 
ginale sich im koniglichen Staatsarchiv zu Miinchen befinden (ver- 
offentlicht unter dem Titel : ,,Reverendi in Christo patris J a c o b i 
M a r e 1 1 i S. J. amores. Per Carolum de Lang. Monachii 1815." 
Dieser Jesuitenpater hatte nacheinander „Liebesverhaltnisse" mit zwei 
Grafen F u g g e r und einem Grafen Oettingen i^). 

DaB auch die gleichgeschlechtliche Betatigung in Klostern 
oft und vielfach recht erheblich war, konnen *wir zahlreichen Schilde- 
rungen des Klosterlebens und satirischen Darstellungen aller Zeiten 
entnehmen. Die psychologischen Momente liegen hier auBer in dem 
Anreiz des eingeschlechtlichen Milieus in den asketischen Neigungen 
vieler Homosexueller. 

Braunschweig erzahlt, daB die Insassen des Klosters Eber- 
bach in Ungarn, trotzdem die gleichgeschlechtliche Liebe ihnen als 
Todsiinde verboten ist, in jedem Jahr ein „Fest der Hochzeit" feiern. 
wahrend dessen Dauer sich jeder Bruder einen Geliebten halt. „Ich 
habe", sagt er, „mehrfach und nachhaltig die Beobachtung gemacht, 
daB der Abtpfarrer in nicht miBzuverstehcnder Weise einen jiingeren 
Kaplan liebkoste." 

N a c k e ^^) zitiert einmal den „gelehrten und geistreichen Vor- 
trag" eines friiheren katholischen Geistlichen „Uber das Verhaltnis 
von Christentum zum Urningtum", der meinte, daB gerade unter den 
Priestern viele Homosexuelle seien, weil ihr Wesen und Charakter, 
sowie das wegen des Horror feminae willkommene Colibat sie zu dem 
Priesterberuf hinzoge. 



14) Ulrichs IV, p. 28. 

15) Im Jahre 1890 hat ein gewisser Karl von Hutten 
Langs Biichlein deutsch iibersetzt herausgegeben : die Knaben- 
liebschaften des Jesuitenpaters Morell (Leipzig, 1890) 1908 er- 
schien ebenfalls in Leipzig von einem Feinde der Homosexuellen imd 
der Jesuiten eine Schrif t, betitelt : Boden, Karl, Dr. med. : Zur 
Homosexualitat der Jesuiten. Aktenauszuge aus den Ordensarchiven 
Oberdeutschlands von Karl Heinrich Bitter von Lang, bayr. Archiv- 
direktor. Als Beitrag zur Frage der Aufhebung des § 175 und des 
Jesuitenordens, lateinisch und deutsch mit Einleitung. Vgl. auch B o u - 
hours, Pere, Sentiments des jesuites touchant le p4ch6 philosophique. 
Paris 1902. 

^^) Cf. N a c k e , Dr. P. Archiv f. Kriminalanthropologie und Kri- 
minalistik Bd. XV. Heft 1 und 2. 



Digitized by VjOOQIC 



507 

Aus dem Orient berichtet N a c k e i'), daB die Derwische zu ihrem 
Prior haufig in sexuellen Beziehungen stehen. Es sei auch noch der 
Theosoph Andrew Jackson Davis zitiert, der in der 4. Vor- 
lesung der „Harmonischen Philosophic" sagt: „Unter den^Inver- 
sionisten f inden wir die alten agyptischen Priester der Sonne, 
verschiedene indische Haupter, Jesus und Paulus, die Asketiker 
der ersten Jahrhunderte, romisch-katholische Papste, Bischofe, Monche 
und Priester." 1905 erschien in der Zeitschrift „Das literarische 
Deutsch-Osterreich" ein Artikel von R. C. Capellanus: Die Homo- 
sexualitat im katholischen Klerus. Eine FuBnote zum Namen des 
Verfassers lautet: „Verfasser ist katholischer Priester, selbst homo- 
gen vcranlagt." 

In einer amerikanischen Zeitung befand sich einmal ein Artikel, 
der sich gegen homosexuelle Priester wandte, mit der Cberschrift: „We 
do not wand any more ,sissy men* in the pulpit." 

Im allgemeinen sind homosexuelle Priester, so lange man 
nichts von ihren Neigungen weiB, in ihren Gemeinden ihres 
menschenfreundlichen Wcsens wegen, sehr beliebt. Zur vdlligen 
Askese gelangen nur wenige, manche retten sich in Mastur- 
bation, andere flihren eine Doppelexistenz, wieder andere toteten 
sich selbst, wie jener ungliickliche Pfarrer Rudolf Stahel 
ill der Schweiz, der an eine befreundete Familie schrieb, als 
seine HomosexualitSt ruchbar wnrde: „Bal(i wird es von niir 
heiBen: er hat sich gemordet. Das ist falsch. Es mu6 lieiBen: 
er ist gemordet worden." Von der ganz auBerordentlichen Ver- 
ehrung und Anhanglichkeit, die dieser Geistliche genoB, legen 
die Predigten Zeugnis ab, die Professor von SchultheB-Tlech])erg 
und Vikar BoBhard an seinem Grabe hielten^^). 

AUes in allem dlirfte es wohl zutref fen, wenn Freimark 
sagt: „Es f inden sich im Priesterstande nicht wenig Ange- 
horige des dritten Geschlechts, und wtirde es wohl lohnend sein, 
eine Geschichte des Priestertums von diesem Gesichtspunkte 
aus zu schreiben, welche erstaunliche Resultate zeitigen durfte^^). 

In hoherem MaBe als die Theologie gehort die Philologie 

zu den von Urningen erwahnten Fachern. Sowohl die padago- 

gischc Lehrtatigkeit als auch das beschauliche Bucherstudium 

sind Gebiete, die gleichgeschlechtlich Veranlagte von jeher an- 

gezogen haben. 

Namentlich „sublimierte" Homosexuelle, die ihren Trieb in pla- 
tonischer Weise zu vergeistigen trachten, sind unter Philologen haufig. 
Aber unter den mich aufsuchenden Homosexuellen, die Verkehr pfleg- 
ten — , auch nicht etwa mit Schiilern, befanden sich zahlreiche Lehrer, 
sowohl akademische als Volksschullehrer. Ebenso gibt es auch unter 



") Naoke, Die Homosexual! tat im Orient. In GroB' Archiv, 
16. Bd. 3. u. 4. Heft. S. 353 ff. 

18) Jahrb. f. sex. Zw. Jahrg. VI. 1904. p. 725. 

19) Vgl. auch Carpenters Aufsatz „ Homosexuality and Divi- 
nation" in „The American Journal of Religious Psychology", June 1912. 



Digitized by VjOOQIC 



508 

den Lehrerinnen, namentlich Schulleiterinnen, eine nicht unbetracht- 
liche Anzahl Homosexueller. Ich kenne Beispiele, in denen sich in 
den ihnen von ihren Schiilerinnen gegebenen Spitznamen treffend 
ihre Eigenart widerspiegelte. 

Noch etwas hoher als unier den Mannern und Frauen der 
Wissenschafli ist die Anzahl von homosexuell Veranlagten auf 
alien Gebieten der Kunst. Beginnen wir mit den bildenden 
Klinstlern. Wenn die Zahl der homosexuellen Kiinstler, deren 
Leistungen ihnen einen hervorragenden Platz in der Geschichte 
ihrer Kunst gesichert haben, einen RlickschluB auf die Ver- 
breitung der Homosexualitat in dem betreffenden Kunstzweige 
uberhaupt gestattet, steht die Malerei an einer der ersten Stellen. 
Ein besonders charakteristisches Bild davon gibt eine Zeitepoche, 
die als Bliiteperiode der Malerei angesehen werden darf , weil in 
ihr naturgemaU den nach dieser Richtung hin Beanlagten die 
groflte Gelegenheit zur Entfaltung ihres Talents gegeben ist. 
Unter den markantesten Vertretern der Malerei auf der Hohe der 
italienischen Renaissance finden wir die relativ sehr hohe 
Zahl von drei Mannern, deren homosexuelle Veranlagung nach 
den uns liber sie bekannten biographischen Tatsachen, ergonzt 
durch ihre Selbstbekenntnisse, soowie durch die Eigenart ihres 
Schaffens, als erwiesen angesehen werden darf: Giovanni 
Antonio Bazzi (von seinen Zeitgenossen bezeichnenderweifie 
„Sodonia** genannt), Michel Angelo und Leonardo da 
Vinci. DaB auch unter den Malerinnen Frauen mit homo- 
sexueller Veranlagung sich einen hervorragenden Namen er- 
worben haben, beweist das Beispiel der bertihmten Tiermalerin 
Rosa Bonheur, an dem wir deutlich erkennen konnen, wie 
die der homosexuellen Frau eigenttimliche virile Wesenskompo- 
nente ihr in der Kraft und Energie ihrer kiinstlerischen Aus- 
drucksweise zu statten kommt. Analog diesen Koryphaen eind 
auch unter den dii minores der Malerei die Homosexuellen in 
relativ hoher Zahl vertreten; namentlich auch in der Schwarz- 
weiBkunst, in der die Linie mit ihrer f einen, dekorativen Wir- 
kung oft in origineller Weise zur Geltung kommt, haben urnische 
Zeiehner, von denen ich einige personlich kennen lernte, Hervor- 
ragendes geleistet. 

DaB es auch unter den Meistern der Plastik Homosexuelle ge- 
geben hat, zeigt die antike Tradition, lehren gut verburgte Cber- 
lieferungen der Renaissance, bezeugt das tragische Schicksal des bel- 
gischen Bildhauers Duquesnoy, beweisen lebende Kiinstler mit 
und ohne Ruf, deren homosexuelle Veranlagung auBer Z we if el steht. 
Etwas geringer als unter den Bildhauern scheint mir die Horaosexu- 
alitat unter den Baumeistern verbreitet zu sein, die zwischen dem 
Kiinstler und Techniker stehen, immerhin sind mir im Laufe der 
Zeit eine ganze Anzahl homosexueller Architekten bekannt geworden. 



Digitized by VjOOQIC 



509 

Das Gebiet der Kunst, auf dem Homosexuelle beiderlei Gte- 
schlechts sich seit Anakreon und Sappho aber vor allem 
betfitigt und ausgezeichnet haben, ist die Poesie. Vergegen- 
wftrtigen wir uns die psychische Eigenart des homosexuellen 
Typus, 80 kann uns das nicht wundernehm^n. Weibliche Ein- 
drucks- und mfinnliche Ausdrucksfahigkeit, oft sogar gewisse 
neuropathische Ztige, wie die der Pseudologia phantastica ver- 
wandte „Lust zum Fabulieren**, geben die Basis, auf der sich 
die dichterischen Talente der Homosexuellen entwickeln konnen. 
Nehmen wir dazu den Weltschmerz, der ihrer meist unverstande- 
nen Liebe entspringt, die Sehnsucht, wienigstens im Lied zu 
sagen, „was sie leiden**, so verstehen wir, dafi neben den 
Anlagen auch Bedtirfnis und Neigung die poetische Betatigung 
der Homosexuellen begilnstigen. 

Zu alien Zeiten und bei alien Volkern begegnen wir homosexuellen 
Dichtem. Am unverkennbarsten treten sie uns im klassischen Alter- 
tume entgegen, in dem eine der homosexuellen Veranlagung Rech- 
nung tragende Kultur den Dichtern gestattete, sie frei zu bekemien. 
In „Der iJros und die Kunst" bemerkt F r e y einmal : ,»Fast von der 
ganzen Dichtung des Altertums kann man sagen, daB sie mit urnischem 
Geiste durchtrankt ist." DaB der Prozentsatz aber auch zur Zeit des 
Humanismus kein geringerer gewesen ist, erfahren wir beispielsweise aus 
Dantes Holle, in der der Dichter eine groBe Anzahl der bekanntesten 
Dichter und Schrifts teller seiner Zeit — unbeschadet seiner hohon Ver- 
ehrung fiir ihre Werke und ihre Person — in die Holle der Sodomiten 
versetzt. DaB Dichter von hochster Beanlagung bis in unsere Tage 
die „H611e der Homosexuellen" kennen lemten, lehrt uns Oscar 
Wilde. Welohe Piille poetischer Nuancierungen auf dem Boden der 
homosexuellen Psyche sich entwickeln konnen, zeigt uns die lange 
Beihe hervorragender urnischer Dichter, von Walt Whitmans 
grandioser Epik bis zu Anders ens kindlich ruhrendem Marchen- 
talent. Ohne mich in Einzelbeispiele zu verlieren, will ich aus eigenen 
Erfahrungen nur hinzufiigen, daB mir selbst eine so groBe Anzahl 
zeitgenossischer Dichter und Schriftsteller beiderlei Geschlechts miind- 
lich und brieflich ihre homosexuelle Veranlagung bekannten, daB 
ich berechtigt zu sein glaube, den Prozentsatz fiir dieses G«biet kiinst- 
lerischer Betatigung relativ hoch — sicher aber nicht unter 2o/o — 
zu veranschlagen. Ich habe mehr als einmal iiber die Ironie des 
Lebens lacheln mussen, wenn sich eine Zeitung iiber dem Strich 
gegen die Homosexuellen aussprach, die unter dem Strich, ahnungs- 
los, zwei Oder drei Artikel beriihmter homosexueller Autoren brachte. 

Wenden wir uns nun der M u s i k zu, so scheint es not- 
wendig, den Eigenarten homosexueller Beanlagung Eechnung 
tragend, hier zwischen den schaffenden und ausubenden 
Klinstlern, den Komponisten und den Virtuosen zu unterscheiden. 

Die Gabe produktiv- musikalischen Schaffens ist, worauf schon 
M 6 b i u s hinweist, eng mit dem Sinn fur das Rhythmische, Zahlen- 
maBige verknupft. Entsprechend der Beobachtung, daB diese Fahigkeit 
bei den Homosexuellen in der Kegel nicht besonders hoch entwickelt 
ist, scheint" auch die Zahl groBer homosexueller Komponisten keine be- 
sonders hohe zu sein. Es liegt nahe, hier an die Tatsache zu denken, 
daB auch das weibliche Geschlecht, trotz ausgedehnter musikalischer 



Digitized by VjOOQIC 



610 

Betatigung, keine groBen Komponisten faervorgebracht hat. Ganz so 
negativ verhalt es sich mit dem Urningtum nun zwar nicht, wie das 
Beispiel des einwandfrei homosexuellen Tschaikowsky und man- 
ches anderen noch lebenden Tondichters lehrt. Die einzige kompo- 
nierende Dame, die ich kennen lernte, war eine sehr virile Uminde. 

Ganz anders wie bei den Komponisten liegt die Sache bei den 
ausiibenden Musikern. Hier kommt den Homosexuellen ihr rezeptives 
Empfinden, ihr Anpassungsvermogen, ihre Befahigung zu stimmungs- 
vollerem, zarterem Vortrag zu statten. Zweifellos ist die Zahl homo- 
sexueller ausiibender Kiinstler in alien Zweigen der Musik eine unge- 
wohnlicli groBe. Schon unter den Berufsmusikern gewohnlicher Konzert- 
kapelleu ist der Prozentsatz relativ hoch, wesentlich hoher aber ist er 
unter den Kiinstlern mit virtuosem Konnen. Auch Paganinis Homo- 
sexualitat oder Bisexual! tat scheint nach zuverlassigen Angaben ziem- 
lich verbiiigt zu sein. 

Eine besondere Stellung unter den ausiibenden Kunstlern nehmen 
die Sanger, hauptsachlich die Opernsanger, ein, deren kiinstlerische 
Betatigung sich aus der musikalischen und schauspielerischen zu- 
sammensetzt und uns so zu den darstellenden Kiinsten iiberleitet. 
Dem homosexuellen Sanger kommen oft noch gewisse korperliche 
Eigentiimlichkeiten zu statten, die bei Urningen besonders haufig 
sind: eine groBe Modulationsfahigkeit der Stimme, ein weiches, klang- 
volles Organ. tJberwiegend pflegt die Stimmlage homosexueller Manner 
der Tenor zu sein. 

Der f ranzosische Gewahrsmann von Raffalovich *%) berichtet 
iibrigens, daB nach seinen Wahrnehmungen auch „unter den San- 
go rinnen viele f iir Frauen seien". 

Ein selbst homosexueller Musiker schildert seine Auffas- 
sungen und Erfahrungen iiber die Beziehungen zwischen Homo- 
cexualitat und Musik in folgender bemerkenswerter Weise: 

„Auch die Stellung des Homosexuellen in der biirgerlichen Ge- 
sellschaft ist eine der des Kiins tiers verwandte und treibt ihn dem 
Kiinstlerstande zu . . . Entspringt doch die Scheu und Abneigung 
des „guten Biirgers" gegen die „fahrenden Leute" wie die Abneigung 
vor dem Homosexuellen einer und derselben Quelle, der Angst vor 
allem, was anders ist, was wild, unruhig, phantastisch, zwecklos 
und zweckwidrig und unverniinftig erscheint.*' 

Die seeliscne Konstitution des Homosexuellen macht es begreif- 
lich, daB er fiir musikalische Wirkungen auBerst reizbar ist, daB 
seine Phantasie und Sinne lebhaft darauf reagieren und er leicht unter 
ihrem Banne steht. In der Tat wird man von den meisten Homo- 
sexuellen horen konnen, daB sie die Musik lieben. In den meisten 
Fallen nehmen sie aber die Musik nur als ein Stimmungselement, als 
rein sinnlichen Eindruck, der ihnen etwa irgendwelche Bilder, Far- 
ben, Ideen hervorzaubert. Es ist deshalb naturgemaB die romantische, 
farbigere, sinnlichere Musik, die moderne Musik mit „literarischem" 
Einschlag, die den Homosexuellen anzieht, wahrend ihm die klas- 
sische und altere, mehr Geistesmitarbeit verlangende gleichgultiger 
ist. Der Homosexuelle liebt die Stilvermengung, er liebt nicht rein 
lyrischo oder dramatische Musik, Lieder oder Symphonien, sondern 
die „Programmusik", bei der die Aufeinanderfolge der musikalischen 
Gebilde durch deutlich festgelegte Bilder, Ideen, durch einen Text be- 
stimmt wird, mehr noch: er liebt — die Oper. Und zwar nicht die 
klassische, bei der doch schlieBlich die Musik der Hauptzweck ist, 
und deren geschlossene Formen, Arien, Ensembles usw. er als den 
Fortgang des Dramas storend und „unnatiirlich** empfindet, sondern 

"a) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. VII. 2. TeiL p. 769/60. 



Digitized by VjOOQIC 



511 

das modeme Musikdrama aeit Wagner, speziell Wagner selbst: 
diesc Musikdramen, die — als rein dichterische Leistung bewertet 
— ohne Musik den Anforderungen der poetischen Technik kaum ge- 
nugen diirften, die ebensowenig reine Musik sind, diese Gefiihls- 
dramaiik, die ihre Steigerung weniger durcK dramatisch-logischen Auf- 
ban, als durch Aufeinandertiirmung von Ekstasen bewirkt, diese pessi- 
mistisch-martyrerhaft-pathetische Stimmung, diese Musik, die den Text 
illustrierend, untermalend, gleichsam nur ein Teil des „Gesamtkunst- 
werkes", doch sein Haupterregungsmittel, streckenweise oft nur Er- 
hohung des Buhnenvorganges ist, dann wieder durch ein wohlbekann- 
tes „Leitmotiv*' ab una zu die Ohren der Horer erfreuend. 

Das Erfassen des Kunstwerkes als Ganzes, der Blick fiir die Archi- 
tektonik eines Stiickes, einer Sonate, einer Fuge, geht ibm durch- 
schnittlich ab. Kiinstler s e e 1 e n sind die Homosexuellen, Astheten. 
aber nicht Kiinstler aus Damonie. Es gibt Kunstler, die aus Lebens- 
iiberfiille zu ihrem Berufe kommen, und solche, die es aus Fein- 
heit, aus Uberkultur werden. Zu den letzteren gehoren die Homo- 
sexuelk n. Im ^roBen und ganzen scheint der zu iiberwindende Wider- 
stand des technischen Materials, das kolossale Uben dem homosexuellen 
Charakter ferner zu liegen. Selten sind homosexuelle Dirigenten. 
Hier handelt es sich um die Fahigkeit, Massen zu inspirieren und zu 
beherrschen. 

Hiermit bertihren wir schon die Frage musikalischen Pro- 
duzierens selbst. Die Phantasie, die EinfsUle, die Ideen sind oft 
da, abei' es fehlt der schopferische Antrieb, die Aktivitat, die 
gestaltende, zeugende Kraft und Energie, die den mannlichen 
Anteil am Zeugungsakt des Kunstwerkes haben. Tschai- 
kowsky muB, nach seinen Werken zu urteilen, wohl eine Aus- 
nahmeerselieinung sein. Franz von Holstein (1826/78), der 
ein feiner Komponist gewesen sein eoU^ hat indes wohl nie 
groJJeres Interesse mit seinen Werken erregt. Karl Storck 
nennt ihn in seiner Musikgesehichte „eine liebenswlirdige, vor- 
nehme Natur, vielseiti^ begabt", und meint, daU sein bfestes 
Werk, die Oper „Der Heideschacht*' (1868) wohl der Buhne 
erhalten bleiben soUte. Auch manche seiner Lieder ergriffen 
durch ihre etwas wehmlitige Schonheit. 

Viel h'aufiger sind, namentliei in neuerer Zeit, Komponisten 
mit femininem Einschlag, ohne direkt homosexuell zu sein. 
Hier ist z. B. der Romantiker Robert Schumann zu nennen, 
der in sich zwei Naturen, den starken Florestan und den zarten 
Eusebius fuhlte. Auch Richard Wagner gehort hierher, 
desgl. Peter Cornelius, stark unter dem Bann von 
R. Wagners Personlichkeit ^ehend. Er soil bisexuell gewesen 
sein. 

Zum Schlusse sei noch eine Kritik zitiert, die ein unbe- 
fangener Kritiker iiber einen jungen homosexuellen Sanger 

schrieb : „ . . . Wenn Herr beim Konzertsingen, und vor 

allem bei einem gewissen f einen, kleinen Genre bleibt, also seine fur 
kundige Ohren ihm von der Natur geradezu aufgedrfingte Spe- 



Digitized by V:iOOQIC 



512 

zialitat sucht und findet, kann er einst ein erster Kiinstler, eine 

PersoBlichkeit werden In dem Augenblick aber, wo er 

grofie Tdne produzieren will oder gar heldenbaritonale Gelliste 
bekommt, ist es aus mit dem Klang dieser sonst ungemem klang- 
voUen Stimme, deren Besitzer zudem iiber ein ganz merk- 
wurdig feinbesaitetes und distinguiertes Etwas 
in seinem Vortrag verftigt, so da6 die Erinnerung 
daran in der Seele noch lange nachschwingt." 

Was nun die Schauspieler anlangt, so bemerkte ich oben 
bereits, dafi die Angaben iiber die grofie Haufigkeit ihrer Homo- 
sexualitat oft tibertrieben werden, immerhin schatze ich eie 
gut doppelt so hoch wie den Durchschnitt, also mindestens 50/o:. 
Auch hier kommen wieder verschiedene Momente zusammen, die 
einen bestimmten Typ unter den Homosexuellen zur Schauspiel- 
kunst in hohem MaBe befahigen. Seine in der Doppelgeschlecht- 
iichkeit begrlindete rezeptive Aktivit&t, sein Anpassungsver- 
mogen, eine gewisse Neigung zur Pose, zur €berschwanglichkeit, 
oft auch ein Bedtirfnis, sich zur Schau zu stellen^ sind Eigen- 
sehaften, die den Homosexuellen haufig zum Schauspieler quali- 
fizieren. 

Als ich einst in einem D.*er Theater einer Auffiihrung von Oscar 
Wildes „Eine Frau ohne Bedeutung" beiwohnte, stellte ich fest, 
daB von den auf dem Theaterzettel verzeichneten Personen mir 
sechs als homosexuell bekannt waren: neben dem Dichter und seinen 
beiden Cbersetzern waren es drei Darsteller wichtiger Rollen. Nicht 
nur quant itativ, sondern auch qualitativ nimmt der Urning eine hohe 
Stufe in der Sohauspielkunst ein, wie es imter vielen anderen Iffland, 
Kunst, Hendrichs, unter den Schauspielerinnen die Vesfphali imd 
viele noch lebende bewiesen haben, an deren urnischer Veranlagung 
kein Zweifel besteht. Auf die Frage, ob Neigung zur Schauspielkimst 
vorhanden ist, antworteten 60 o/o der befragten Urninge und Uminden 
ja. 80/0 mit stark. 

tJber England schreibt H. Ellis^o): „Leidenschaftliche 
Freundschaften unter Madchen, von den unschuldigsten bis zu 
den ausgesprochensten Ausschreitungen in der Richtung auf 
Lesbos, sind auJJerordentlich haufig inTheatern, sowohl unter 
Schauspielerinnen als ,auch vomehmlich unter den Choristinnen 
und den Balletteusen." 

Den Biihnenkiinstlem stehen die Vari6t6kunstler nicht nach. 
Neben den geschilderten Anlagen begiinstigt der in vielen Homo- 
sexuellen wurzelnde Wandertrieb, ihre Abenteuersucht die Geneigt- 
heit und Geeignetheit fiir den Artisten-Beruf. Es kommt noch hinzu, 
daB gewisse Zweige artistischer Kunst, wie Verwandlunffskiinstler, 
Sopransanger, weibliche Athleten, virile Soubretten an und fiir sich 
schon Varianten der Sexualitat in gewissem Grade zur Voraussetzung 
haben. 

Selbst unter den Vari6t6kunstlern, bei denen man solches zu- 
nachst nicht voraussetzen sollte, den Ringkampfem, Athleten, Tier- 

»o) H. Ellis, Sexual Inversion, p. 130. 

Digitized by VjOOQIC 



613 

bandigero, Kunstradfahrefn, Kunstreitern, Kunstschuitzen — und zwar 
nicht etwa nur unter dea weiblichen Vertretem dieser Gattung — 
Bind mir Homosexuelle bekaimt geworden. Im AnschluB hieran sei 
audi bemerkt, daB auch unter den Champions des Sportes, wie den 
Sportsleuten iiberhaupt, Homosexuelle nicht selten sind. Auch hier 
spielt neben eigener Qualifikation sichtlich die Liebe zum Milieu eine 
gewisse Rolle. Unter den beruhmten Jockeys und Herrenreitern be- 
fanden und befinden sich auch heute noch eine ganze Anzahl Homo- 
sexueller. Auch von einem homosexuellen „Flieger" sind mir meh- 
rere seiner Sportskollegen, namentlich ein beriihmter deutscher und 
franzosischer Flieger als homosexuell bezeichnet worden. 

Ein Gewahrsmann von Raffalovich 21), ein franzosischer 
Scliriftsteller, der, ohne selbst homosexuell zu sein, „in die Welt 
der Sodomiter Einblick erlangt hatte", driickt seine Verwunderung 
aus, daB er die Ilomosexualitat gerade unter den Herkules der Jahr- 
mlirkte, den Kraftnaturen der Hallen, den Metzgern der Vororte, sehr 
verbreitet gefunden habe, und diese Manner liebten nicht etwa den 
verweichlicbten „petit-jesus", sondcrn den wirklichen Mann. Der fran- 
zosische Autor folgert daraus, daU „diese Leidenschaft nicht einer 
Nervenschwache oder einer Armut des Organismus zuzuschreiben sei." 

Endlich besitzen urnische Manner in relativ hohem Grade die 
korperlichen und seelischen Eigenschaften, die sie zur Tanzkunst 
besonders befahigen. Ihr graziler Korperbau und ihre graziosen Be- 
wegungen, vor allem aber ihre feminine Hiugebung, kommen ihnen 
dabei zu statten. So sind homosexuelle Manner nicht nur auf der 
Vari6tebuhne, sondern auch im gewohnlichen Leben oft geschickte 
und so leidenschaftliche Tanzer, daB sie sogar ihre Abneigung gegen 
den Geruch und die Beriihrung des weiblichen Geschlechts iiber- 
winden, um ihrer Neigung huldigen zu konnen. Erst kiirzlich fiihrten 
mir in einem Londoner urningsklub zwei amerikanische Berufstanzer 
mit eminentem Konnen den Tango vor. Dagegen haben Urninden oft 
wegen ihrer ungelenken Bewegungen und ihrer tieferen Lebensauf- 
fassuug weniger Beanlagung und Neigung zum Tanzen als normale 
Frauen. 

Nicht so lioch wie unter den Kiinstlern ist der Prozentsatz 

rein oder vorwiegend Homcsexueller unter den Technikern. 

Von den Bautechnikeirn — den Arehitekten — war bereits die 

Rede. Auch Maschinentechniker — Ingenieure — und Chemiker 

sind in unserer homosexuellen Statistik in ziemlicher Anzahl ver- 

treten. Mit Vorliebe lassen sie sich von groBen Weltfirmen, 

besonders der Elektrizitatsbranche, nach auBereuropaischen Lan- 

dern dirigieren, deren Sitten und Gesetze einem ihrer Natur ent- 

sprechenden vorsichtigen „Ausleben** weniger als die der Heimat 

entgegenstehen. 

Ein homosexueller Diplomingenieur, der sich selbst sehr fiir die 
Frage der Verbreitung der Homosexualitat interessiert, will den bei 
der Enquete an der Technischen Hochschule zu C harlot tenbui-g ge- 
fundenen Satz von 3 Homosexuellen auf 200 an vielen umfangreichen 
Maschinenfabriken bestatigt gefunden haben; er nimmt einen ahn- 
lichen Prozentsatz auch innerhalb der an der Spitze industrieller Unter- 
nebmungen stehenden Personen an. In der Kriminalstatistik steht die 
Gruppe Industrie und Bergbau, was die absolute Zahl der Verur- 
teilungen aus §. 175 anbelangt, an erster Stelle: von 6495 Verurteilten 



21) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. Vll. 2. Teil. p. TfJO. 
Hirschfc d, f lomoscx.-.alitai. 33 



Digitized by V:iOOQIC 



6li 

(1902 — 1910) gehorten 2263 dieseh Berufen an. tm Verhaltnis zu deJ: 
Zabl der Beiufstatigen dagegen steht diese Gruppe an ietzter Scelle: 
von 100000 wurden jahrlicn nur 2,73 verurteilt, gegeniiber 4,13 in der 
Land- und Fortwirtschaft. 

Zahlreicher als unter den Technikern sind Homosexuelle 
und zwB,T, wie mir scheint, nicht nur absolut, sondern relativ 
in zwei anderen mit der Industrie eng verbundenen Standen ver- 
treten. im Kauf manns- und Arbei terstand. Besnchen wir 
die homosexuellen Lokale Berlins, so werden wir gut ^/4 der An- 
wesenden diesem Stande angehorig finden. Bei den Kaufleuten 
sind mehrere Branchen starker mit Urningen durchsetzt als 
andere. 

So sagt Merzbach 22), und meine Erfahrung stimmt damit 
uberein, „<iaB wir eine groBe Anzahl Homosexueller in der Konfek- 
tion und in der Fabrikation von Phantasieartikeln finden". 

Andere geben an, daB sie viele Homosexuelle an der Borse und 
im Bankfach kennen gelemt haben, wahrend ein erfahrener Gewahrs- 
mami mir versichert, die meisten in der „Nahrungsmittelbranche" 
gefunden zu haben. Auch homosexuelle Apotheker und Drogenhandler 
sind vielfach zu mir gekommen. Ein Stand endlich, der nach meiner 
Erfahrung sowohl in England und Frankreich auffallend stark von 
Urningen durchsetzt ist, ist der der Kunst- undAntiquitaten- 
handler. Zwei Urninge schrieben mir, daB ihnen die relativ groBte Zahl 
unter den Kondukteuren begegnet sei. Haben solche Mitteilungen auch 
nur bedingten Wert, da dort, wo auf Grund individueller Geschmacks- 
richtungen am meisten gesucht, wohl auch am meisten gefunden werden 
wird, so geben sie uns von der ubiquitaren Verbreitung der Homo- 
sexualitat ein anschauliches Bild. Im Arbeiterstand ist die Zahl echter 
Homosexueller unter den ungelernten und gelernten Arbeitern, den 
Handwerkern, eleich groB. Von einer Reihe gut dariiber orientierter 
zuverlassiger alterer Homosexueller, die ich nach ihren Erfahrungen 
fragte, behaupteten vier, die meisten Homosexuellen unter den Schlach- 
tern kennen gelemt zu haben, zwei unter den Backem, drei sahen 
die meisten unter Schlossern, zwei unter gchneidern, drei unter Deko- 
rateuren und Tapezierem. Auffallend wenig ist in meinem umfang- 
reichen Homosexuellenmaterial das doch ziemlich verbreitete Gewerbe 
der Schuhmacher vertreten, ob zufallig oder innerlich begrundet, ver- 
mag ich nicht zu sagen. In der Kriminalstatistik rangieren derKauf- 
mannsstand allerdings mit 14,2 o/o der aus § 176 Verurteilten an drit- 
ter, die „Arbeiter und Tagelohner" mit 6,6 o/o an vierter Stelle. Zwir 
schen ihnen und der ersten eteht an zweiter Stelle die Land- und Forst- 
wirtschaft, aus der mit 34,6 o/o (1965 unter 6496 in 9 Jahren) fast eben- 
so viel Verurteilte stammen, wie aus Industrie und Beigbau. Personlich 
habe ich in den 18 Jahren sehr viele homosexuelle Gutsbesitzer und 
Landleutc kennen gelemt. Die Ansicht, daB Homosexuelle sich fast 
nur inStadten vorfinden, bedarf durchaus der Rich tigstellung. DieLand- 
bewohner kachieren ihre Neigung nur in noch hoherem MaBe als die 
Stadter, teils betatigen sie sich an ihren Wohnorten iiberhaupt nicht, 
begeben sich vielmehr grundsatzlich zu diesem Zwecke in benachbarte 
groBere Stadte, teils unterhalten sie von beiden Seiten sehr ver- 
schwiegen behandelte Beziehungen, etwa mit einem ihrer Diener, 
Kutscher, Knechte oder Volontare. 



=^2) Merzbach, Homosexualitat und Beruf. Jahrb. f. sex. Zw. 
Bd. IV. 1902. p. 187 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



616 

Den stftrkBten Satz Homosexueller unter den mit der freien 
Natur in engerem Konnex stehenden Gewerben zeigen die Gart- 
ner. In Berlin kann nach Angaben von BerufskoUegen die Pro- 
zentzahl urnischer G&rtner a\if 5o/o beziffert werden, die unter 
den Inhabern besserer Blumengesch&fte noch wesentlich h5her 
steigt . 

Verh&ltnismaflig gering ist in der Kriminalstatistik der An- 
teil der B e a m t e n. Es ware verkehrt, daraus die groBe Seiten- 
heit liberhaupt ihres Vorkommens zu folgern. S(jhon eine Sta- 
tistik der Disziplinaruntersuchungen wegen homosexueller Vor- 
kommnisse wtirde una eines anderen belehren. In Wirklichkeit 
gibt es unter den hoheren, mittleren und unteren Beamteil nicht 
wenige Homosexuelle, und zwar ebenso bei den staatlichen, als 
bei den st&dtischen Behdrden^ von den Privatbeamten ganz ab- 
gesehen. 

Nur einige Beamtenkategorien seien herausgegriffen. Ahnlich 
wie die Riohter schienen mir die ersten urnischen Polizeibeamten, 
die ich kennen lernte, wie ein Widerspruch in sich selbst. Mehr als 
einmai gingen mich homosexuelle Schutzleute, die in Erpresserhande 
eeraten waren, um Rat an, auch Polizeioffiziere und hohere Polizei- 
oeamte. Merkwiirdij^ ist, daB an manchen Platzen — aui3er von den 
groBeren S tad ten Siidamerikas hat man mir dies aus London beson- 
ders berichtet — manche der Polizisten sich aus dem homosexuellen 
Verkehre einen Nebenverdienst - vers chaff en. Ich kenne eine Insel 
im Mittelmeer, in deren kleiner Hauptstadt die stattlichen Polizisten 
sich ziemlich offenkundig den Fremden anbieten. Ein in Buenos Aires 
tatiger, wegen Homosexualitat aus der preuBischen Armee verabschie- 
deter Offizier erzahlte mir, daB er dort unten spat nachts einen Wach- 
mann nach einem Bordell gefragt habe, von dem er gehort habe, daB 
es nicht nur weibliche, sondern auch mannliche Insassen beher- 
berge. Der Polizist hatte geantwortet, daB es schon geschlossen sei, 
doch sei er selber gem bereit, dem Herrn als Ersatz zu dienen. Tat- 
sachlich machte der Deutsche auch von dem Anerbieten Gebrauch. 

Die Geschichte des Polizisten, der in einem Parke ein homo- 
sexuelles Liebespaar uberrascht, sich von dem eeangstigten Alteren 
ein Goldstiick in die Hand driicken laBt und erklart, er wiirde den 
Jiingeren zum Schutze bei sich behalten, sich in Wirklichkeit aber 
bald mit ihm selbst betatigt, spielt allerdings nicht in Siidamerika, 
sondern in Nordeuropa. 

Noch eigentiimlicher als die Tatsache homosexueller und pseudo- 
homosexueller Polizisten — denn sicherlich sind von denen, die sich 
bezahlen lassen, nlir ein TeU „echt" — ist es vielleicht, daB manche 
Homosexuelle gerade auf Schutzleute sehr scharf sind, ich kannte 
einige, die ausschlieBlich mit solchen verkehrten. Es diirfte da wohl 
etwas Masochismus mit im Spiele sein. 

Recht haufig suchten mich homosexuelle Postbeamte auf. Erst 
heute, wo ich dies niederschreibe, war ein Elternpaar bei mir, deren 
einziger Sohn sich vor einigen Tagen vor einen Eisenbahnzug ge- 
worfen hatte. Es war ein 25 jahriger Postassistent. In seinem Ab- 
schiedsbriefe hatte er die Eltern an mich verwiesen. Unter den Be- 
amtinnen, deren Gesamtzahl ja numerisch hinter der ihrer mann- 
lichen Kollegen erheblich zuriickbleibt, betragt der Prozentsatz homo- 
sexuell Veranlagter nach den Mitteilungen, die mir namentlich im 

33* 



Digitized by V:iOOQIC 



516 

Post- and Eisenbahndienst beschaftigte Uminden maobten — sicher 
auch nicht weniger als 2^,o. 

Von vornherein ist anzunehmen, daB die Homosexuellen, 
wenn sic in alien Kreisen und Standen vertreten sind, auch ira 
Soldatenstande nicht fehlen, namentlich in einem Lande mit 
allgemeiner Wehrpf licht. Wollen wir im einzelnen das Vor- 
kommen homosexueller Veranlagung in Heer nnd Marine ermit- 
teln, 80 raiissen wir neben der Eint^ilung in diese beiden ^rofien 
mililarischen Komplexe zwischen den unabhangig von ihrem 
Willen eingestellten „Militartauglichen*' und der Berufssoldaten 
unterscheiden, wobei letztere wieder in Offiziere und die so- 
genannten Chargierten des Unteroffizierstandes zu trennen sind. 
Wahrend bei der Militartauglichkeit lediglich die Frage der 
kiorperlichen Eignung ausschlaggebend ist, sprechen bei den 
beiden anderen Kategorien auBere Verhaltnisse und personliche 
Xeigung in hoherem MaBe mit. Der Prozentsatz der militiir- 
iauglichen Homosexuellen ist nicht wesentlich anders als das 
Verhaltnis der homosexuell zu den heterosexuell Veranlagten 
liberhaupt. Der Ausfall, den etwa eine ubergroBe Effemination 
im Korperbau der Homosexuellen bedingt, kann nicht sehr er- 
heblich sein, da diese Erscheinung fast nie den Grad erreicht, 
der Dienstuntauglichkeit bedingt, und andrerseits der Gesund- 
heitszustand der Homosexuellen sich nicht wesentlich von dem 
der anderen unterscheidet, nach Meinung mancher sogar im 
all^emeinen ein recht guter ist. 

Die mir zur Verfiigung stehenden Stichproben bestatigen diese 
Annahme, indem sich liier der Prozentsatz unter den Mannschaf- 
ten als iibereinstimmend mit dem ungefahren Durchschnitt von 2oo 
ergab. Zwischen Armee und Marine diirfte, soweit es sich um die 
urnische Veranlagung handelt, kaum ein Unterschied bestehen; die 
liomosexuelle Betatigung durfte unter den Mannschaften der Marine, 
insbesondere wenn cs ^ich um langere Seereisen handelt, als E r - 
satzhandlung groBer sein. Wahrend der besonderen Triebrich- 
tung wegen viele Homosexuelle ihrer Dienstzeit mit erwartungsvoller, 
freudiger Spannung entgegensehen, bei manchen allerdings auch Furcht 
und Zweifel iiberwiegen, ob sie mit ihren femininen Einschlagen den 
an sie herantretenden Anforderungen auch gewachsen sein wcrden, 
wird nicht selten in angstlichen Urningen ein Zwie^palt wachgerufen, 
ob sie bei ihrer Veranlagung den Versuchungen, denen sie wahrend 
der Dienstzeit ira engen Zusammensein mit Menschen, die ihrem sexu- 
ellen Geschmacke entsprechen, ausgcsetzt sind, widerstehen konnen. 
Bei einigen ging diese Sorge so weit, daO sie sich an mich mit dem 
Ersuchen wand ten, ihre diesbeziiglichen Bedenken in einem Gutachten 
der Militarbehorde klarzulegen. Viele Urninge zeigen sich ihrer Indi- 
vidualitat entsprechend im Frontdienst wenig brauchbar. Sie sind 
aber meist gutwillig und anstellig, und so finden wir sie nicht selten 
alsbald in Stellungen, zu denen sie sich ihren Fahigkeiten nach 
besser eignen: als Lazarettgehilfen, Musiker, Bureauschreiber, als 
Ordonanzen, in der Kiiche oder im Kasino, besonders auch als Burscheu. 
Bisweilen haber homosexuelle Offiziere ihrer eigenen Angabe nach 



Digitized by VjOOQIC 



617 

eineii guten Blick dafur, gleichveranlagte Soldatea ausfindig zu machen. 
So erzahlte mir ein alterer Offizier, der fast ausnahmslos sexuell mit 
seinen Burschen verkehrt hatte, daC er bei ihrer Wahl so vorsichtig 
und sachkundig vorgegaugen sei, daU er nicht nur stets auf Nach- 
giebigkeit gegeniiber seinen Wiinschen, sondern oft aucb anf Er- 
widening seiner Gefiihle und immer auf Verschwiegenheit gestoCen 
sei. Relativ weniger Homosexuelle als unter den Mannschaften gibt es 
im Unteroffizierstand. Die den urnischen Neigungen weniger ent- 
sprechenden Erfordernisse des praktischen Militardienstes sind hier 
nicht geniigend durch Aquivaleiite, wie sie den Offizier leiten, kom- 
pensiert, um ihnen diese Laufbahn als verlockend erscheinen zu lassen. 
tJnt-er den Deckoffizieren der Marine ist der Prozentsatz ein etwas 
hoherer, weil der Dienst in der Marine gewisse fur Homosexuelle an- 
ziehende Momente mit sich bringt. 

Unter den Offizieren der Armee ist nach den mir zur Ver- 
fiigung stehenden zahlreiehen Mitteilungen der Prozentsatz der Homo- 
sexuellen recht hoch, zum mindesten dem Durchschnitt entsprechend, 
so daC die Schatzung, daB auf jedes Regiment durchschnittlioh! 2 homo- 
sexuelle Offiziere kommen, wohl zutreffend ist. Einer der ibesten 
Kenner der Homosexualitat beim Militar, K. F r z. v. L e e x o w sagt in 
seiner sehr lesenswerten Schrift „ Armee und Homosexualitat" in bezug 
auf da43 deutsche Heer: „Ich kann hier keine VogelstrauBpolitik treiben, 
ich gebe ruhig zu, wie die Verhaltnisse in Wirklichkeit liegen: Unsere 
Armee ist von den hochsten Stellen bis zum jiingsten Rekruten mit 
homogenen Elementen durchsetzt. Bei der auBerordentlichen Vorsicht, 
mit welcher der Kontrarsexuelle seinen Lebenslauf einzurichten hat, 
ist es fiir den Laien natiirlich ganz auBerordentlich erschwert, einen 
Einblick zu gewinnen. . . . Kannte ich doch in einem Infanterieregi- 
ment nicht weniger als sieben, bei einem Kavallerieregiment drei homo- 
gene Offiziere, und bei anderen Truppenteilen lagen die Verhaltnisse 
nicht viel anders. Dabei machte ich haufig die Erfahrung, daB die 
Kameraden wohl orientiert waren, daB sie — teils achselzuckend — 
teils lachend dariiber hinwegsahen und nur angstlich darauf hielten, 
einen Skandal auf alle Falle zu vermeiden." DaB es auch in fremden 
Armeen ungefahr das gleiche ist, belegt Leexow durch viele Beispiele. 
Das Bild, das v. Unruh in seinem Drama „Offiziere" entwirft, diirfte 
hinsichtlich des numerischen Verhaltnisses homosexueller und hetero- 
sexueller Offiziere typisch sein. Es liegen im Berufe des Offiziers eine 
ganze Reihe von Momenten, die den IJrning anziehen: die glanzende 
Uniform, die gesellschaftliche Position, in hoherem Grade aber wohl 
die Aussicht, einen sexuell sympathischen Menschen zum Kameraden 
und Untergebenen zu bekommen, oft auch die Moglichkeit, sie er- 
zieherisch beeinflussen zu konnen. Auch der herzliche Ton, der in dem 
Offizierskorps herrscht, der enge freundschaftliche Verkehr, hat sicher 
viel Sympathisches fiir den Homosexuellen. v. Leexow, der selbst 
ein ausgezeichneter Kavallerieoffizier war, sagt einmal: Der Homo- 
sexuelle ist ein besonders guter Soldat, er ist der gebbrene Berufs- 
soldat. Er ist tapfer und hinge bend, voll intelligenter Disziplin. Das 
widerspricht durchaus nicht dem femininen Einschlag, den viele haben. 
Eine Truppe, in der sich viele Homosexuelle befinden, hat ein groBeres 
kameradschaftliches Gemeinsamkeitsgefiihl I Und an anderer Stelle : 
,,Die Homosexualitat gibt dem Soldaten ein anschmiegendes, offenes 
Wesen, Liebe und Fiirsorge fiir Unter^ebene, und nicht zuletzt eine 
hohe Begabung mit auf den Weg. Wahrend der Normalsexuale von 
Anfang an eine gerade Linie vor sich sieht, wird der Homosexuelle 
allein schon durch seinen Zustand zum Griibeln angeregt und vieles 
Denken vertieft den Geist. Der homosexuelle Offizier ist oft Kiinstler. 
Es ist eiu Etwas, das ihn treibt, das ode Einerlei des Dienstes zu ver- 
sohonern, es herauszuheben, es menschlich nahe zu bringen, und ich 
bin gewiB, daB durch solche Arbeit mehr erreicht wird, als diu:ch 



Digitized by VjOOQIC 



518 

Drill und durch stumpfes Einpauken der geforderteH Obungeu. AVahrend 
der Normale seinen Dienst um des Dienstes willen tut, verrichtet ihn 
der Homoerote aus Liebe. Riihrend ist es liaufig zu sehen, init welcher 
Sorgfalt der Vorgesetzte den Untergebenen umgibt, wie er die Zagen 
aufmuntert, die Ungeschickten belehrt, den Leichtsinnigen zuriick- 
halt, den Schwachlicnen unterstiitzt. Aus Gram wurde vor absehbarer 
Zeit ein Offizier wahnsinnig, well sein Bursche beim Pferdebaden er- 
trank. Aber solche Liebe — ich bitte das Wort nicht sinnlich auf- 
zufassen — schafft auch Zuneigung von seiten der Mannschaft, ein 
seelisches Band umschlieBt die Herzen und halt fester zusammen als 
bloBe Kameradschaft und Fahneneid. Als Verfasser einst einen homo- 
genen Unteroffizier befragte, ob denn nicht leicht von der Mannschaft 
geschleohtliche Dinge ausgeplaudert wiirden, die von kontraren Offi- 
zieren vielleicht einmal im Rausche begangen seien, erwiderte er die 
inhaltsschweren. Worte : „Wir werden doch nicht die besten Offiziere 
verraten " v. L. ,schlieBt seine Darlegungen mit den Worten : „Wenn wir 
unser Vaterlancf zum Hochsten fiihren woUen, miissen wir fast nach 
auBen hin stehen und nicht im eigenen Fleische wiiten. Unsere Staaten 
sind geeinigt, seit dem groBen Kriege, mochte man endlioh daran 
denken, auch den Frieden mit den Hunderttausenden von Homoeroten 
herbeizufiihren, die in unserem Lande leben." Entsprechend dem Pro- 
zentsatze der homosexuellen Offiziere ist auch die Zahl derer, die 
mittelbar oder unmittelbar durch ihre Veranlagung zum Ausscheiden 
aus dem Berufe gezwungen werden, eine recht betrachtliche. Wenn 
natiirlich auch nur ein Bruchteil das Ungliick hat, daB seine Veran- 
lagung bekannt wird, so ist fiir den Offizier die Chance dazu doch be- 
sonders groB, well er einmal besonders starken Versuchungen ausge- 
eetzt ist und die Gefahr sich zu kompromittieren durch die obligaten 
Liebesmahle mit ihrem unvermeidlichen AlkoholgenuB noch erheblich 
steigt. Hauft sich die Zahl homosexueller Affaren in einer Garnison, 
so kommt diese meist in den unberechtigten Ruf, starker von Homo- 
sexuellen durchsetzt zu sein als andere Platze. Sogar in Scherz- 
namen findet diese Nachrede manchmal ihren Ausdruck, so wurde 
die ostpreuBische Garnison Rastenburg eine Zeitlang nach einigen 
solcher Vorfalle Pad- rastenburg genannt. 

V. Leexow 'berichtet, daB ein selir bedeutender englischer 
General zu einem seiner Bekannten sagte: „Wenn wir koine 
Offiziere melir fair den Sudan haben, dann stelle ich die verab- 
schiedeten Homosexuellen wieder ein.** Unter auslandischen Regi- 
mentern steht eeit jeher die franzosische Tremdenlegion besonders 
in dem Rufe, eine Pflanz- und Pflegestatte homosexueller Be- 
ziehungen zu sein. Die jugendlichen Mignons, die sich den 
alteren Soldaten hingeben, werden „girons** genannt. Von den 
alteren dtirften nur etwa 5 — lO^/o wirkliche Homosexuelle sein ; 
der Rest bedient sich der femininen Girons „faute de mieux" 
aus Weibermangel. Rebierre^^) nimmt nach seinen Ermitte- 
lungen an, dafi in den freien Kompagnien dauernd 20o/o, in 
den Straf kompagnien bis SO^/o der Soldaten homosexuellen Ver- 
kehr pflegen. 



*') Rebierre, Paul, Joyeux et demi-fous. Paris. 1909. (Nach 
einem Ref erat von Dr. Epaulard in den Archives d'anthropologie 
criminelle, August-Septembre 1909.) 



Digitized by VjOOQIC 



519 

Wir besitzen eine ganze Reihe von Schriften frtiherer Le- 
gioMre in deutscher und franzSsischer Sprache, die sich mit 
diesem Gegenstand beschftftigen. Es sei nur der Roman „Ver- 
lorene Sohne" von Wilhelm Cremer genannt, der mir auch 
persSnlich vieles uber das gleichgeschlechtliche Leben in Sidi Bel 
Abb^s und Saida, den Hauptquartieren der beiden Fremdenregi- 
menter, erzahlte. Ich gebe einen mir von Cremer freund- 
lichst libersandten Bericht wortlich wieder: 

„Fur den Sexualforscher gibt es wohl keine interessantere 
Menschenklasse als die Legionare. Man denke sich acht- bis zehn- 
tausend junge Manner, meist in den zwanziger Jahren, zusammen- 
gesetzt aus alien europaischen Nationen mit starkem tJberwiegen des 
dentschen Sprachstammes (allein ca. 60 o/o), Menschen, die man gering- 
sohatzig verlorene Sohne, verpfuschte oder zweifelhafte Existenzen 
nennt, Handwerksburschen, Deserteure, Verbreoher, bankerotte Mutter- 
sohnchen, verkommene Genies, und alle diese Menschen losgerissen 
aus der sozialen Gremeinschaft mit den iibrigen auf fiinf Jahre zu 
einem eintonigen Soldatenleben gezwungen, ohne Mogliohkeit sich indi- 
viduell iivenawie zu betatigen und vor allem fast ohne Moelichkeit 
eines Verkehrs mit dem anderen Geschlecht. Der Legionar hat kein 
Liebchen. Das ist leicht erklarlich, denn von seiner taglichen Lohnung 
von einem Sou, vier Pfennigen, bleibt ihm nichts iibrig, und wie ein 
Volkssprichwort sagt: „Ohne Greld keine Liebe". In den Familien der 
spanischen und franzosischen Eolonisten der afrikanischen Gamison- 
stadte ist er gesellschaftlich verrufen und geaohtet, und kein Madohen 
wiirde es wagen, sich mit einem Legionar zu zeigen. Ein Verkehr mit 
Prostituierten kommt nur in Ausn^mefallen vor, wenn ein Legionar 
Geld aus der Heimat bekommen hat — aber auch dann ist es das 
gewohnlichere, daB das Geld mit guten Freunden vertrunken wird. 

Einen Ersatz fiir die fehlende Frauenliebe sucht nun der Legionar 
in der Pfl^e engerer Kameradschaft und friiher oder spater im homo- 
sexuellen verkehr. tJber die sexuellen Zustande in der Legion ist un- 
endlich viei ^efabelt worden. Die moralische Entriistung von Leuten, 
die ihren Bencht iiber das „H611enleben" in der franzosischen Fremden- 
legion nicht sensationell genug gestalten konnen, feiert hier wahre 
Orgien. Noch vor kurzem wurde in einer Zeitungsnotiz berichtet, wie 
pnge Legionare von Unteroffizieren gewaltsam miJibraucht wurden, was 
ieder Kenner der Verhaltnisse von vorn herein fiir unmoglich er- 
klaren muB. 

In Wirklichkeit liegen die Dinge anders, als man es sich ge- 
wohnlich denkt. Wenn man als Soldat zur Legion kommt, bemerkt 
man zunachst iiberhaupt nichts von iigendeinem homosexuellen Ver- 
kehr Oder deigleichen. Auch der Gesprachston ist durchaus nicht 
so „gemein", wie man es gewohnlich behauptet. An jedem normalen 
Philisterbiertisch durfte mehr „gezotet" werden. Aber nach einiger 
Zeit hort man den Ausdruck „Giron" und er^Lhrt, daB man damit 
lunge Legionare meint, die sich von den alten Soldaten sexuell ge- 
)rauchen lassen. Meist redet man sehr verachtlich von den Girons, 
die eine Art mannlicher Prostituierter sind, wobei man nicht ver- 
gessen darf, daB bei den Geldverhaltnissen in der Legion nur selten 
von einem eigentlichen Bezahlen fiir solche Hingabe die Rede sein 
kann. Man lernt auch Liebespaare kennen, unzertrennliche Freunde, 
die offenbar ein sexuelles Verh^ltnis haben. Man kann dabei auch 
meist den weiblichen und mannlichen Teil unterscheiden. Sie zanken 
sich und versohnen sich wieder wie in einer richtigen Ehe. Jeder 



i 



Digitized by VjOOQIC 



520 

Jceunt den homosexuellen Charakter des Vorhalmisses und findet 
nichts dabei. 

SchlieBlich erfahrt mau denn auch, daB fast alle iilteren Legio- 
nare, wenigstens zeitweise (ii^ den Kolonien, auf Militarposten), homo- 
sexuell verkehrt haben. Man erzahlt von dem und dem Offizier, daB 
er „scharf** auf solche Sachen sei ; man beobachtet, wie besonders 
junge und hiibsche Legionare von alteren Kameraden zum Wein und 
zu Spaziergangen eingeladen werden. Man lernt echt homosexuelle 
Menschen kennen, die vielleicht gerade wegen ihrer Veranlagung zur 
Legion gegangen sind. Hier konnen sie sich wenigstens offcn aus- 
sprecben. Und immer wieder eriebt man Eifersuchtsdramen, merk- 
wiirdige Geschichten, die in ihrer Art oft riihrend sind, so, wenn 
ein Legionar ein halbes Jahr Zwangsarbeit bekommt, und sein Freund 
ein paar Uniforms tiicke verkauft, um so vielleicht ebenfalls bestraft 
zu dem anderen zu kommen. Man sieht alles, was man sonst in 
der Liebe sieht: Gliick und Ungliick, Aufopferung und Treue, aber auch 
Roheit und Gemeinheit. Alles in allem: kein Legionar wird 
zum homosexuellen Verkehr gezwungen. Aber die meisten machen 
friiher oder spater die Sitte mit, besonders in den Kolonien, wo die 
Legionare manchmal Monate auf ^insamen Posten zubringen. 'Sehr 
groB schien mir die Anzahl der gleichgeschlechtlich veranlagten Offi- 
ziere. Hier geht man wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daB sie 
sich gerade wegen ihrer Veranlagung zur Legion gemeldet haben." 

t)brigeDS ist die Mannerliebe in der Fremdenlegion eine 
traditionelle Institution von der Zeit an, als sie ^egen A b d - 
€l-Kader zog und in jahrzehntelangen Kampfen das fran- 
zosische Nordafrika eroberte, bis 1835, wo viertausend Legionare 
sich gegen einen iibermachtigen Feind in Spanien verbluteten; 
vom Krimkriege, in dem sie bei der Belagerung von Sebastopel 
die gefahrlichsten Arbeiten verrichteten, von der Schlacht bei 
Magenta, in der sie die Osterreicher liber den Haufen rannten, 
bis zum mexikanischen Feldzuge, in dem sie unter B a z a i n e 
2000 Mann verloren, und in dem deutsch-franzosischen Kriege. 
Schon Ulrichs^*) bringt den Bericht eines Deutschen aus dem 
Jahre 1862, der selbst Geliebter eines Unteroffiziers in der afri- 
kanischen Fremdenlegion war. 

Ganz ahnlich wie in Algier scheinen die Verhaltnisse in 
Madagascar und Tongking zu liegen. Und auch iiber die fran- 
zosischen Straflingsanstalten in Neu - Kaledonien^^) liegen ent- 
sprechende Schilderungen vor, nach denen die „tap6ttes", ahn- 
lich wie. die „girons**, von ihren Liebhabern aufs eiferslichtigste 
bewacht und verba tschelt werden. 

Bei der Marine kommen neben den geschilderten Anreizen, 
die der Offiziersberuf an sich ftir den Homosexuellen in sich 
birgt, noch andere Momente von erheblicher Bedeutung hinzu. 
Die Gelegenheit, die er dem Homosexuellen bietet, seiner mehr- 



-*) U 1 r i c h s , !Memnon, p. 56. 

-5) Vergl. Dr. Robert Heindl, Meine Reise nach den Straf- 
kolonien. Mit vielen Originalaufnahmen. Berlin und Wien. 



Digitized by VjOOQIC 



521 

facli erwahnten Unruhe Rechnung tragen zu diirfen, und vor 
allem das ausschlieBlich eingeschlechtliche Milieu, das nament- 
lich fiir die Kontraren von hohem Werte ist, bei denen die nega- 
tive Seite der Homosexualitat, die Abneigung gegen das Weib, 
besonders stark ausgepragt ist. 

Aus diesem Grunde geben beispielsweise viele Homosexuelle 
Wilh elm shaven vor Kiel den Vorzug, weil dort die Frau noch in viel 
hoherem MaBe zuriicktritt. Anziehungspunkte bilden fiir manche auch 
die kleidsame Tracht der Matrosen und der Aufenthalt in fernen 
Landern. der die leichtere Moglichkeit homosexueller Abenteuer in 
Aussicht stellt. Es steht damit in Einklang, dafi die Verbreitung der 
Homosexualitat unter den Offizieren der Marine etwa doppelt so groD 
ist, wie in der Armee ; nach Ansicht kompetenter Gewahrsmanner gibt 
es kaum ein Kriegsschiff, das nicht einen oder zwei homosexuelle 
Offiziere an Bord hat. Immerhin ist weder die homosexuelle Neigung 
noch die homosexuelle Betatigung unter den Seeleuten imi so viel 
haufiger als anderswo, dafi die Bezeichnung „le vice marin" 26) — 
Matrosenlaster — vor dem Forum der Statistik standhalten koimte. 
Der Ausdruck ist um so unberechtigter, wenn man die ungliicklichen 
sexuellen Verhaltnisse der Seeleute in Betracht zieht. 

t)berblicken wir das tiber die Verbreitung der Homosexuali- 
tat in den verschiedenen Berufen Ermittelte, so miissen wir 
es als vollig zutreffend bezeichnen, was einmal Merzbach aus- 
sprach, daJJ wohin auch immer unsere Blicke sich rich ten, 
„ob zu den Thronen der Ftirsten oder in die Hiitten der Armut, 
ob in die Klausen der Wissenschaft oder in die Gefilde der 
Ktinste, ob in die Hallen der Gewerbe oder in die Statten der 
Arbeit, liberall Homosexuelle zu finden sind. In alien Teilen 
des Gesellschaftskorpers sehen wir sie ihren Platz ausflillen, 
oft sogar recht Gutes leisten, so daB die Entfernung eines Homo- 
sexuellen aus seiner Laufbahn oft genug nicht nur einen Ver- 
lust fiir ihn bedeutet, sondern auch ftir den Stand, dem er 
angeh5rte. 

Diese Verluste sind oft nicht gering. In der Zeitschrift fiir 
Sexualwissenschaft *') hat einmal in einer Notiz unter dem Titel „auch 
eine Verlustliste" ein Jurist berechnet, daB wahrend 36 .Tahre nach 
Beendigung unseres letzten groCen Krieges die Armee wenigstens 129C 
Offiziere wegen homosexueller Vergehen verloren hat. Es heiCt da: 
„Im Kriege gegen Frankreich sind jedoch nur 11 Go Offiziere gef alien. 
Der Paragraph wiirde danach an Offizieren mehr gekostet haben, als 
der ganze groi3e Krieg." 

Besonders Gutes leistet der Homosexuelle, wie wohl jeder, 
wenn er in einem Berufe wirkt, der sich mit seiner Neigung 
deckt, trotzdem gerade das Anpassungsvermogen des Urnings an 
eine ihm anfangs nicht gelegene Tatigkeit, seine Anstelligkeit oft 
erstaunlich ist. So schrieb mir einmal ein Homosexueller: „Es ist mit 
dem Berufe wie mit einer Landschaft. Hat man in der Wiiste langere 
Zeit gelebt und alle ihre Reize kennen gelernt, zieht man sie der 

26) Cf. Jean Bosc: Le vice marin, Confessions d*uu matolot. 
Paris. 

27) Zeitschrift f. Sexualwissenschaft, Bd. L, pag. 61, Anm. 



Digitized by VjOOQIC 



522 

herrlichsten Vegetation vor." Es war dies die Aotwort auf die Frage 
welche lautete: Zu welchem Berufe fiihlen Sie sich hingezogen? Es 
ist nicht ohne Interesse, auch hier nooh kurz einige statistiscne Daten 
zu vernehmen. Voa 500 Urningen, welche diese Frage beantworteten, 
fuhlte sich der groBte Teil zu JBerufen hingezogen, in denen sie nicht 
tatig waren, una zwar 123 oder 25o/o zu kunstlerischen Berufen, dar- 
unter 43 insbesondere zum Schauspielerberuf ; 24 speziell zu musika- 
lischer Wirksamkeit. Etwas weniger, namlich 107 oder 21,5 o/o Ziehen 

felehrte Berufe vor, 28 waren am liebsten Lehrer geworden, 16 Arzte, 
4 Priester, dagegen (und das ist bemerkenswert) nur 6 Juristen. 
24 geben Schriftstellerei als Lieblingsberuf an, 5 mochten Forschungs- 
reisende und 3 Astronomen sein. Etwas mehr noch, namlich 2 o/o (31) 
erklaren sich fiir praktische Berufe, und zwar 43 fiir den Kauf- 
manns-, 27 fiir den Soldatenstand und 25 fiir die Landwirtschaft. Acht 
wunschten Diplomaten^ 7 Ingenieure, 4 Kunsthandler zu sein. DaB nur 
11 o/o (56) handwerksmaBigen Berufen zuneigen, durfte daher riihren, 
daB die Frage iiberwiegend Personen mit hoherer Schulbildung vor- 
gelegt wurde. Unter der bevorzugten Gruppe dieser Berufe stehen 
obenan die Gartner mit 11, dann folgen die Diener mit 6 und die 
Krankenpfleger mit 5 Points. Die iibrigen verteilen sich auf alle mog- 
lichen Berufe. 16,5 o/o haben keinen bestimmten Lieblingsberuf. 

H. E 1 1 i s 28) bemerkt zu den von ihm aufgefuhrten Beispielen von 
Homosexualitat : „Sie enthiillen die interessante Tatsache, daB sich 
bei 32 von ihnen, das heiBt, bei 68 o/o, kilns tlerische Begabung in 
wechselndem Grade vorfinden. Galton fand bei der Untersuchung 
von etwa 1000 Personen, daB in England allgemein im Durchschnitt 
etwa 30 o/o kunstlerischen Geschmack zeigen." 

Wi6 unter den Angehorigen aller sozialen Schichten und 

Stande in Stadt und Land, so finden sich Homosexuelle auch 

unter den Vertretern aller politischen, religiosen und 

sonstigen Anschauungen. Es ist daher vollig unberechtigt, 

wenn Gegner sich Homosexuelle imlner wieder einander „an 

die RockscholJe hangen". Das war schon im Altertum, als 

Sokrates den Schierlingsbecher trinken muBte, ein beliebt^sMittel, 

sich unbequemer Personen, denen man sonst schwer beikommen 

konnte, zu entledigen, und ist es bis auf unsere Tage geblieben. 

Kommi ein Homosexueller von der Rechten zu Falle, so irium- 

phiert die Linke, fallt einer von der Linken, die Rechte. Dabei 

hatte die Sozialdemokratie ebenso ihren I. B. v. Schweitzer ^9), 

dessen Mannheimer Skandal mit einem Maurer Lassalle An- 

laU gab, sich sehr tolerant liber die gleichgeschlechtliche Nei- 

gung zu aulJern, wie das Zentrum seine „schwarze Ida**. Unter 

djiesem Spitznamen ftihrte in den Berliner Urningskreisen der 

siebziger und achtziger Jahre ein Parteiganger Windthorsts 

ein Doppelleben, das, wie ein witziger Kopf jener Zeiten meinte, 

ihm ebenso viele Freunde in den Kreisen der romischen Kirche 

wie der griechischen Liebe verschaffte. Auch innerhalb der 

konservativen und liberalen Parteien hat es nicht nur unter 



28) Studies in the Psychology of Sex, Vol. II, p. 173. 

29) Cf. H. F r i e d 1 a n d e r. Viertelj.-Ber. d. W.-h. K., 1910, 
H. 4, p. 426 f. 



Digitized by VjOOQIC 



628 

den Wahlern, sondern auch unter den Gewahlten Urninge ge- 
geben. Ich weiJJ von einem, der sich mir vor seinem Tode an- 
vertraute — und er soil nicht allein stehen — der bei der Be- 
ratung des jetzt gtlltigen Eeichsstrafgesetzbuches ftir die Bei- 
bfehaltung des Paragraphen 176 stimmte, aus Furcht, fur homo- 
sEexuell gehalten zu werden. 

In einer verhaltnismaBig kleinen Partei schien es mir, als ob 
sioh in ihren Reihen im Verhaltnis mehr Homosexuelle und Feminine 
befinden, als in anderen, in der anarchistischen. Ob aus ideologischer 
Schwarmerei, oder weil sie das Gefuhl, ungerecht entrechtet zu sein, 
verallgemeinern, ob aus sexueller Vorliebe fiir die untersten Schichten 
Oder ob sie aus passivistischem Masochismus die brutale Gewalt der 
anderen lieben, ist schwer zu sagen, diirfte sich wohl auch nur ent- 
scLeiden lassen, wenn jemand sich der Miihe unterzoge, oine groBere 
Reihe von Anarchisten einer exakten Psychoanalyse zu unter werf en. 

VoUig unabhfingig ist das Vorkommen homosexueller Nei- 
gUDgen von der Religionszugehorigkeit. Selbst dies bedarf der 
Betonung, da gelegentlich Katholiken 30) die Meinung vertreten, 
die Homosexualitfit sei in protestantisehen Landern liaufiger, 
Evangelische dasselbe von der katholischen, beide von der jU- 
'dischen Konfession, alle drei es von den Tlirken und Heiden 
bebaupteten. Es ist sehr bezeichnend, dafi jesuitisohe Schrift- 
steller das Reformationswerk von Theoior Beza und Jo- 
hannes Calvin dadurcih zu erscblittern suchten, dalJ sie ihnen 
„des mcBurs infames contre nature** nachsagten und zwar, wie 
Karschlund Scbouten^^) in den Jahrbiichern f. sex. Zw. 
nachgewiesen baben, ohne den Scbatten eines wirklichen Be- 
weises. Wie steht es nun in Wirklicbkeit mit dem Anteil der 
verscMedenen Religionen am Uranismus? Nach der letzten 
VolkszShlung zahlte das Deutsche Reich am 1. Dezember 1910 
64926993 Einwohner. Davon gehSrten die meisten, namlich 
39991421 = 61<yo dem evangelischen Bekenntnis an, rSmisch^ 
katholisch waren 23821 453 = 36o/o, Israeliten 616021 = 0,9o/o. 
Der Rest verteilte sich auf christliche Sekten und andere Be- 
kenntnisse. Vergleichen wir mit diesen Zahlen die Religions- 
bekenntnisse der in den Jah^en 1902 — 1910 aus § 175 Verur- 
teilten, so sehen wir, dafl von insgesamt 5690 Personen eben- 
falls die meisten, namlich 58,3o/o evangelisch sind; 2332 = 41o/o 
waren katholisch, 34 = 0,6 o/o israelitisch. Demnach ist der 



^0) Selbst Laupts teilt diese Ansicht; vgl. seine Note zu einer 
Besprechung des Aufsatzes von Dr. N a c k e : „Sur la pr^tendue d6g6- 
n^rescence des peuples remans et particuli^rement de la France" 
in den Archives d anthropologie criminelle de m^decine legale «t 
de psychologic normale et pathologique. 16. April 1908. 

") Jahrb. f. sex. Zw. Bd. IV. p. 291: The odor Bex a, der 
Reformator. 



Digitized by VjOOQIC 



Anteil der Katholischen an der Bestrafung ein wenig hoher 
und der Prozentsatz der Juden ein wenig geringer, als man nach 
ihrem Verhaltnis zur Gesamtbevolkerung annehmen konnte. I^egt 
man aber der Berechnung zu Grunde, dafi auf 100 000 Deutsche 
in den letzten 10 Jahren mit erstaunlieher GesetzmaBigkeit 
5mal 1,5, 4mal 1,4, und Imal 1,6 (1901) Personen aus § 175 
verurteilt sind, und reehnet nun nach, wieviele Verurteilte 
Evangelische, Katholische und Jlidische auf je 1000000 dieser 
Bekenntnisse kommen, so ergibt sich, daB auf je 1 Million jahr- 
lich entfa^en : Evangelische 9,2 ; Katholische 10,9 ; Juden 6,2. 

Ebenso fand ich bei 10 000 von mir beobacbteten Homosexu- 
ellen, dafl der Anteil der verschiedenen Bekenntnisse ihrem prozcn- 
tuellen Anteil an der Gesamtbevolkerung entsprach. Es traf nicht zu, 
wenn Iwan Bloch friiher32) aus dem mustergiiltigen Familien- 
leben der Juden folgerte, dafi ,,Homosexualitat bei ihnen kaum vor- 
kommt", ebensowenig wie es statistisch belegt ist, wenn Friedlander ^3) 
bebauptet, daB „die hebraische Rasse von den in Europa hausenden 
Volkern am wenigsten zur pliysiologischen Freundschaft inkliniere". 
Wenu Friedlander an dieser Stelle sagt, dafi in bezug auf die Ver- 
breitung der Homosexualitat „unzweifelhaft die arischen Deutschen 
an erster Stelle stehen", und dann fortfahrt: „darauf folgen die Angel- 
saclisen der alten und der neuen Welt nebst einer beachtenswerten 
Anzahl reiner oder gemischter Slaven. In erheblichem Abstand fol- 
gen dann die Romanen und bei weitem zuletzt — auch bei Veranschla- 
fung ihrer geringeren Zahl — die Juden", so ist das eine voUig will- 
iirliche, um nicht zu sagen aus der Luft gegriffene Aufstellung. 
Die jiidischen Urninge sind nur in dem Sinne in christlichen Landern 
selten, wie die protestantischen, von denen man Gleiches behauptet 
hat, in katholischen Gegenden. Genau so wie mit den europaischen 
Religionen verhalt es sich mit den asiatischen. Sowohl unter den 
Anhangem des Islams als denen B u d d h a s und B r a h m a s ist die 
Homosexualitat kein seltenes Vorkommnis, und ebenso ist sie unter 
den Glaubigen der chinesischen und japanischen Religionen weit ver- 
breitet. DaC auch das antike Heidentum sie kannte, vor allem die 
der romischen und griechischen Gotterlehre, bedarf kaum noch der 
Erwahnung. In einem Artikel iiber die Homosexualitat in Albanien^*) 
bebt N a c k e hervor, dafi der „amor masculus" ganz in der gleichen 
Weise unter den albanischen Muslims existiert — sowohl die iigypti- 
schen Mameluken, als die tiirkischen Janitscharen bestanden ja zum 
groiiteri Teil aus ihnen — als unt^r den christlichen Arnauten, und 
unter diesen ebensosehr, wie bei den griechisch-orthodoxen als den 
rumisch-katholischen Merediten. 

Ihrer eigenen religiosen Anschauung nach sind unter den Homo- 
sexuellen alle Richtungen vertreten, vollkommene Freigeister, aber auch 
sehr bigotte, die keine Messe versaumen. Ich sah manche, die schr 
fromm waren, in das Gegenteil umschlagen, aber auch das Umge- 
kehrte kommt vor, namentlich Konvertiten sind nicht selten, pro- 
testuntische und jiidische Urninge, die zum Katholizismus iibertreten. 
Viele neigen zum Aberglauben. Ubrigens vereinigen nicht wenige starke 
Religiositat mit starker Sexualitat. Es verdient erwahnt zu werden, 



32) Bloch, AtioL d. Psych, sex. I. p. Gl. 

33) Friedlander, Mitteilungen dcs Buiides fur mannliche 
Kultur. II. Jahrg. 3. 

3<) Cf. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen. Bd. IX. p. 325 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



526 

dafi in London lunge Zeit ein Hauptsammelplatz der Urninge der 
Sonntagsnachmittagsgottesdienst in einer anglikanischen Kirche war. 
Ganz das Gleiche erzahlte maji mir in Barcelona von einer katho- 
lischen Kathedrale. Wenn v. N o 1 1 h a f 1 3^) von den Homosexuellen 
beliauptet: „Nicht selten fiiidet man einen ganz infernalen Religions- 
und KirchenhaB, welcher zuletzt auf die Weigerung aller Religions- 
gesellschaften, dem Urning die Betatigung seines Triebes zu gestatten, 
zuriickzufiihren ist," so trifft dies nur sehr bedingt zu. 

Auch die in der Literatur nicht selten ^6) geauBerte An- 
sicht, daC „die Zahl von solchen Mannern nnd Frauen in neuerer 
Zeit bedeutend zugenommen haben mag*', halte ich nicht nur 
ftir unerwiesen, sondern auch fur unwahrscheinlich. Fest scheint 
mir nur das eine zu stehen, daB — abgesehen davon, daB unsere 
Zeit die Erscheinung selbst erst richtig begriffen und ihr groBere 
Aufmerksamkeit gewidmet hat — die hohere individuelle Selb- 
standigkeit der Menschen, vor allem der Frauen, bewirkt hat, 
daB viele, die fruher ihr Leben in einem ungliickseligen Dammer- 
zustand oder sklavischer Abhangigkeit verbrachten, jetzt eher 
klarer und starker zura B?.wu6tsein ihrer selbst kommen. 

35^ L. c. pag. 537. 

36) Z. B. auch in der Einleitung von Carpenters „Mittel- 
geschlecht*'. 



Digitized by VjOOQIC 



SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL. 

Die HomosexualitJLt in den germanischen, angelsSchsischen 
LMndern und deren Kolonien. 

In noch hoherem MaBe, wie die verschiedenen Stande, Re- 
ligionen und Parteien lieben es von jeher die Nationen, einander 
in den Geruch der Homosexualitat zu bringen. Ich habe bereits 
in dem Abschnitt liber „Name und Begriff*' die Willktir ctieses 
Branches gekennzeichnet, die noch deutlicher wird, wenn wir 
nun die einzelnen Volker und Rassen Eevue passieren lassen. 

Priifen wir hier die Angaben verschiedener Autoren, so fallen una 
zunachst die voUigen Widerspriiche auf, die freilich nicht zu ver- 
wundem sind, da die meisten nur „nach dem Eindruck", der ungemein 
tauschen kann, urteilen. Trifft beispielsweise das „8icher" Wachen- 
felds 1) zu, der sohreibt : „Auch ohne statistische Belege ist es 
„s i h e r", daB in den romanischen Landern, die keinen Urnings- 
paragraphen kennen, namentlioh in Italien, die Homosexualitat in 
einer Weise verbreitet ist, wie man sie in Deutschland nicht ahnt", 
Oder das „s i c h e r 1 i c h" eines Mitgliedes* der hohen Aristokratie, 
das auf Grund einschlagiger Studien in ffanz Exiropa schreibt: „"Wenn 
die Homosexualitat fiir einen Staat den Niedergang politischer Macht- 
stellunx bedeutet, so werden England und Deutschland und in Deutsch- 
land zuerst PreuBen „s i c h e r 1 i c h" zuerst untergehen." Ist es rich- 
tig, wenn Josef Miiller^) und B u s c h a n behaupten : „Die Trieb- 
anomalie, welche zu homosexuellen Gepflogenheiten fuhrt, ]iegt den 
der Katur naher stehenden Volkern fern", oder miissen wir Karsch 
beistimmen, der nach Beibringung imgemein zahlreicher Einzeltat- 
sachen zu dem Schlusse kommt, daB die Erscheinungen gleichge- 
schlechtlichen Lebens bei alien Naturvolkern ohne Ausnahme we it 
verbreitet sind? Solche gegensatzliche Behauptungen lieBen sich aus 
der Literatur noch eine ganze Reihe anfiihren. Auch unter den Homo- 
sexuellen, die viel in der Welt herumgekommen sind, herrschen recht 
verschiedene Meinungen. Von 600 Urningen, denen ich die Frage vor- 
legte, ob nach ihren Erfahrungen und Beobachtungen in bestimmten 
Landern mehr Homosexuelle anzutreffen seien als in anderen, erklarten 
300, daB sie auBerstande seien, dariiber ein Urteil abzugeben. Von 
den iibrigeu 200 meinten 36, daB der homosexuelle Verkehr ungefahr 
iiberall in gleicher Starke bestehe, 23 sind der gleichen Ansicht, 
fiigen aber noch hinzu, daB nach ihrer Meinung durch kein Straf- 
gesetz der Homosexuelle dauernd vom Geschlechtsverkehr zuriick- 



^) J. 



Wachenfeld in Goltdammers Archiv. • 

Miiller, Das sexuelle Leben der Naturvolker. Leipzig 1902. 



Digitized by VjOOQIC 



627 

tehalten werden konne; 34 finden, daB in Landern mit Strafgesetzen 
er Verkehi- starker und auffalliger sei, als in Landern, die mann- 
mannlichen Geschlechtsverkehr ignorieren, und zu diesen kommen 
17 (eine iiber Erwarten groBe Zahl), die meinen, daB im sexuellen Ver- 
bot ein Anreiz liege, der die Verbreitung f ordere, da „verbotene Fiiichte 
am besten schmecken". Die librigbleibenden Personen nennen alle 
moglichen Volker, unter denen sie die groBte Anzahl Gleichempfin- 
d^nder kennen gelemt haben. Je 20 „GloDetrotter" bezeichnen Deutsch- 
land und Eng£,nd nach ihrer Wahrnehmung als das homosexuellste 
Land, IG Italien, dann folgen Frankreich una RuBland, etliche nennen 
Nordafrika, andere Nordsunerika, wieder andere Siidamerika, davon 
einer speziell Brasilien, einer Argentinien; je drei haben in China und 
Japan am meisten homosexuelles Leben gesehen, ebenfalls drei unter 
den Arabem, zwei unter den Negem, mehrere erklarten die Ungarn, 
einer die Danen, drei die Schweden, zwei die Hollander, zwei die 
Schweizer, einer die Osterreicher, einer die Spanier, einer die Portu- 
giesen als das nach ihrer vielseitigen Erfahrung am meisten von Homo- 
sexuellen durchsetzte Volk. Ein vielgereister Kaufmann berichtet: 
„Ich habe die Erfahrung gemacht, daB gleichgeschlechtliche Liebe 
in Frankreich, Spanien, Italien und der Tiirkei weniger vorkommt 
als in Deutschland, Schweden und Danemark." Drei weisen auf die 
groBe Haufigkeit der Homosexualitat in den russischen Ostseepro- 
vinzen hin. In einer Antwort heiBt es: „Ungewohnlich groB scheint 
die Zahl der Urninge unter den Kurlandern deutschen Stammes izu 
sein." Ein Dolmetscher endlich, welcher mehrere Erdteile durchzogen 
hat, teilt mit: „Auffallend viel Urninge fand ich in dem niederen 
N^olke Oberbayerns, das doch wirklich ein kraftiges und gesundes ist." 

Unterziehen wir Tins der Aufgabe, Volk fur Volk hin> 
riichtlich seines homosexuellen Bestandteiles zu durchforschen, 
so erscheint dies Unterfangen anfangs bei der Ftille der Daten 
erdrtlckend grolJ; bald aber erheben sich berechtigte Bedenken, 
ob das zu erwartende Resultat der Miihe entspricht, denn die 
Einzelergebnisse, so interessant sie sein mogen, treten vollig 
hinter dem Gesamtergebnis zurtick, da sich uns tiberall ein ganz 
erstaunlich ahnliches Bild bietet. Das Verschiedenartige er- 
scheint ganz geringftigig gegentiber dem Gemeinsamen. tfberall 
grabt sich die gleiche Leidenschaft die gleichen Kanale. t)berall 
sehen wir unter den homosexuellen Mannern und Frauen die- 
selben Hauptgruppen, feminine und virile Typen, zwischen denen 
eine dritte weniger scharf charakterisierte Gruppe steht, tiberall 
finden wir neben den rein Homosexuellen zwischen beiden Ge- 
schlechtern schwankende Bisexuelle, neben echteil Homosexuellen 
solche, deren Homosexualitat zweifeUiaft ist und solche, die 
trotz heterosexueller Veranlagung temporar homosexuell ver- 
kehren, und liberall finden wir auch hierflir die gleichen Mo- 
tive: mangelnde Gelegenheit zu normalsexuellem Verkehr, hau- 
figer der aktive Wunsch, von einem homosexuellen Partner ma- 
terielle oder sonstige Vorteile zu erlangen, und ebenso haufig 
passive Nachgiebigkeit verbunden mit einem namentlich bei Ju- 
gendlichen nicht seltenen Geftihlskomplex von Leichtsinn, Neu- 



Digitized by VjOOQIC 



528 

gierde, Sinnlichkeit, Gutmiitigkeit und harmloser Nonchalance. 
Die Verschiedenlieiten beruhen in der Hauptsache in der Bozi- 
aleu Baurteilung seitens der Heterosexuellen, und anch hier 
lassen sich einige wenige Auffassungsformen unterscheiden, von 
denen eine der eigentlimlichsten die bei einigen Volkern aus 
sehr alten Zeiten stammende Tradition "ist, die nur den sich 
zum passiven Verkehr hingebenden Partner verachtet, den Akt 
dcs Aktiven als chose negligeable ansieht. Im Zusammenhang 
mit den verschiedenen Auffassungsformen stehen die Ausdrucks- 
formen der Homosexualitat, die aber bei weitem nicht so mannig- 
fach sind, wie man nach der Mannigfaltigkeit der sozialen und 
der damit durchaus nicht immer ubereinstimmenden kriminellen 
Anschauungen erwarten sollte. tlberall dieselben Treffpunkte 
und Sammelplatze, bald etwas versteckter und privater, bald 
etwas freier, in denen sich die urnische Welt begegnet. Es sind 
verbltiffend ahnliche Typen, die nachts um dieselbe Stunde in 
Kairo auf dem Fischmarkt, in Rom auf der Piazza Colonna und 
in Kopenhagen auf dem Rathausplatz stehen, ganz analoge- Ge- 
stalten, die sich gleichzeitig auf der Perastrafie am Goldenen 
Horn und dar B3rlinerFriedrichstraBe anbieten; es sind dieselben 
Halb- und Ganzprostituierten, die im Hydepark in London, im 
Retire in Madrid, im Asakusapark in Tokio, im Prater in Wien 
und in Paris in den Champs Elysees bestimmte Wege bevolkern, 
die gleichen Angehorigen der Marine, hier Friesen, dort Basken, 
die amSeedeich vonCuxhaven^ an der Condha von San Sebastian, 
auf dem Molo. von Pola, wie an jeder Hafenpromenade am 
Atlantischen oder Pazifischen Ozean auf Mannerbekanntschaft 
ausgehen. Gerade das einheitliche Gesicht, das die Homosexuali- 
tat so weit und doch so voUig unabhangig voneinander tragt, 
war ftir mich immer einer der durchschlagendsten Beweise ihrer 
rein biologischen Atiologie. 

Trotz dieser weitgehenden t^bereinstimmung der Erschei- 
nungen lassen die uns bisher zur Verftigung stehenden ethno- 
graphischen Quellen sehr viel zu wlinschen tibrig. Das hat zwei 
Grtinde: die Schwierigkeit der Differentialdiagnosa und die 
sexuelle Mimikry. Ist es schon fiir den voUig orientierten For- 
scher haufig recht schwer, zu entscheiden, ob homosexuelle Hand- 
lungen auf Grund echter oder verge tauschter Homosexualitat 
vorliegen, und sind die auBerlich einander so ahnlichen Formen 
der Geschleehtsubergange und Varianten oft nur mit groJJter 
Miihe exakt zu bestimmen, um wieviel mehr gilt dies ftir den 
bisher voUig ununterrichteten Ethnologen. 

Es ist zwar richtig, was K a r s c h in der Einleitung zu seinem 
grofi angelegten Sammelwerke iiber das gleichgeschlechtliche Leben der 



Digitized by VjOOQIC 



529 

V'olker betnerkt: ,.Dai3 zwar nicht unbedingt als homoerotisch anzu- 
sehen. aber des Homoerotismus dringend verdachtig sind: 1. die 
sogenannten Hermaphroditen (Zwitter), Mannweiber • sowohl als 
Weibmanner; 2. die Manner in Weibertracht, die Weiber in Manner- 
tracht (Transvestiten Magnus Hirschfelds), 3. die effeminierten Man- 
ner und die virilisierten Weiber; 4. die Zolibatare (ehelose Manner und 
Frauen)*', er wird aber selbst zugeben miissen, daB es groBter Detail- 
kenntnis bedarf, um klarzustellen, ob dieser „Verdacht" auch zu llecht 
besteht. In SOo/o der Falle ist er es, wie in dem Kapitel „ Differential- 
diagnose" auseinandergesetzt wurde, nicht, von praziser Feststel- 
lungsmethodik kann aber bisher anf diesem ethnographischen Ge- 
biete iiberhaupt nicht die Kede sein. Der zweite Grund der Unzuver- 
lassigkeit der u nterlagen ist die sexuelle M i m i k ry , infolge deren sich 
nur die markantesten Typen homosexueller Manner und Frauen — und 
diese sind in der Minderzahl — abzuheben pflegen. Die virileren Grup- 
pen homosexueller Manner, die feminineren homosexueller Frauen ent- 
ziehen sich meist der Beobachtung. Will man sich hier auf das ver- 
lassen, was der Zufall einem in den Weg fiihrt, wird man sehr wenig 
sehen. Nur das Studium eines gewiegten Kenners ad hoc im Lande 
selbst gibt ein halbwegs deutliches Bild; er bedarf dazu noch der 
Unterstiitzung eines der Landessprache machtigen Ortsinsassen, mog- 
lichst eines eingeborenen und selbst homosexuellen und besser nicht 
nur eines, sondern mehrerer, die verschiedenen Kreisen angehoren. 
Es gibt Urninge, die jahrzehntelang in einer Stadt leben und doch ganz 
mangelhaft liber die ortlichen Verhaltnisse unterrichtet sind. Als* 
ich einmal nach Edinburgh kam, sagten mir schottische Arzte und 
altere Homosexuelle, die infolge meiner Schriften mit mir in Korre- 
spondenz getreten waren, daB es bei ihnen keine urnischen Sammel- 
platze gabe. Sie waren sehr erstaunt, als ich ihnen nach den mir 
von einem Londoner Herrn gegebenen Informationen in der Nahe von 
Princess Street das Lokal eines homosexuellen Wirtes mit homosexu- 
ellem Stammpublikum und eine Reihe anderer homosexueller Sehens- 
wiirdigkeiten demonstrierte. Ahnliches erlebte ich oft. 

Schon die ersten Autoren, die sich wissenschaftlich mit 

dem Problem der Homosexualitat befaBten, haben, soweit sie 

nicht einfach die Kasuistik zu vermehren bemtiht waren, auf das 

volkerkundliche Material groBen Wert gelegt. 

U 1 r i h s hob bereits in seiner zweiten Schrift Inclusa ^) im 
XI. Abschnitt, die: „Allgemeine Verbreitung der urnischen Liebe" 
hervor und brachte Zitate bei iiber das Vorkommen homosexueller Be- 
tatigung bei den Tyrrhenern, Etruskern, Samnitern, Messapiern, Juden, 
Kelten, Griechen, Makedoniern, Romern, Arabern, den Persern des 
Mittelalters, Peruanern und Wilden Nordamerikas. Wenn K a r s c h *) 
es ablehnt, als ein „Bahnbrecher fiir eine ethnologische 
Betrachtungsweise gleichgeschlechtlichen Trieblebens" hinges tellt 
zu werden, um auf Molls „baJinbrechende" Arbeit hinzuweisen, 
so muB erwahnt werden, daB gerade Moll') im Gegensatz zu U 1 - 
r i o h s den pathologischen Standpunkt gegeniiber dem anthropologi- 
schen wieder in den Vordergrund geriickt hat, wie er auch bis heute 
der Hauptvertreter der von K a r s c h in der Einleitung seines Werkos 
so unglimpflich behandelten medizinischen Richtung geblieben 
ist. Wenn K a r s c h zuerst schreibt, daB vorwiegend „die medi- 
zinische Literatur. dem gleichgeschlechtlichen Empfinden ganz allge- 



5) M 


63. 

arsch 
oil, 1. 


, 1. C. 

c, cf. 


p. 46. 
Titel und 


P 


Hirschf 


eld, 


Homosexualitat. 







663. 

34 



Digitized by 



Google 



530 

mein den Stempel des Erankhaften au^gedruckt hat" imd dies sohon 
in der Bezeichnung kontrare Sexualexnpfindung enthalten sei, so setzt 
er sich 620 Seiten spater in diesem Punkte mit sich selbst in einen 
eewissen Widersprucn. loh glaube, daB mit groBerem Rechte, wie von 
Karsch Moll, von Freud Bloch das Verdienst zu^eschrieben 
wird, daB „in der Auffassung der Perversion die pathologischen Ge- 
sichtspunkte von anthropologischen abgelost worden sind"^). 
Grade dieser gemeinsame Gesichtspunkt, zu dem Iwan Bloch mehr 
als Historiker nnd Kulturforscher, ich mehr als Gegenwartsforscher 
gelangte, bildete fiir uns beide, trotzdem anfanglich unsere Ansichten 
iiber Ursachen und Beurteilung der Homosexualitat voneinander ab- 
wichen, von vomherein den storken Boden, auf dem wir uns bej^eg- 
neten. Karsch hat es untemommen, „die Darstellung des gleich- 

feschlechtlichen Lebens aller lebenden wie ausgestorbenen Volker der 
Irde" in fiinf Banden zu geben. In dem ersten bereits erschienenen 
Bande hat er mit BienenfleiB aJles zusammengetragen, was er uber die 
Paderastie und Tribadie bei den Naturvolkem gefunden hat, die er 
in vier Haupt^ruppen teilt, die negroiden, malaiischen, arktischen und 
amerikanisohen Naturvolker. Der 2. Band soil „die mongolischen 
Kulturvolker", der 3. die I^imiten und Semiten behandeln, der 4. und 
5. ist fur die arischen Volker vorgesehen. Stehen die weiteren Bande 
dem 1. an Starke nicht nach, wie anzunehmen, so hat der Verfasser 
fur seine verdienstvoUe Arbeit nicht weniger als 3330 Seiten zu 
seiner Verfiigung. In unserem Buche, das eine G e s a m t ubersicht 
liber die Homosexualitat des Mannes und des Weibes nach dem jet- 
zigen Stande der Wissenschaft geben will, konnen wir natiirlich 
nur an Hand pra^nanter Erfahrungstatsachen eine kurze tJbersicht 
uber die ortliche verbreitung der Homosexualitat geben, aus der her- 
vorgeht, daB diese biologische Erscheinung ebensowenig wie die Liebe 
zwischen Mann und Weib an geographische Grenzen oder Rassenunter- 
schiede gebunden ist. 

Wir wollen zu diesem Zweoke nicht wie Karsch von den 
Naturvolkem aufwHrts zu den Kulturvolkern schreiten, sondern, 
vom eigenen Vaterlande ausgehend, zunachst untersuchen, oh 
auch die uns benachbarten und verwandten germanischen 
L§nder, wie Holland, Skandinavien, Osterreich und die Schweiz 
eine fihnliche Verbreitung und Form der Homosexualitat zeigen, 
wie Deutschland. An die germanischen feoUen sich die ihnen 
nahestehenden angelsachsischen Volker anschliefien^ vob 
allem England und die Vereinigten Staaten von Amerika sowie 
einige dem englischen Weltreich angegliederten und von ihm 
stark beeinfluBten Staaten, wie die siidafrikanische Union. Von 
den Angelsachsen f tihrt der Weg zu den romanischen Vol- 
kern, in erster Linie naoh Prankreich und Italien, dann inach 
Spanien und den von ihnen kolonisierten und iii ihrer Kultur 
abhSngigen Staaten Nordafrikas und Stidamerikas. Darauf rich- 
ten wir unser Augenmerk nach den auf der anderen Seite von 
unserem Mittelpunkt gelegenen slavischen Volkern, auf das 
groBe russische Eeich unti die ihm benachbarten Balkanvolker, 



«) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 2. Auflage. 
Leipzig und Wien 1910. p. 5. Anm. 3. 



Digitized by VjOOQIC 



531 

von denen wir dann nach einem Seitenblick auf Ungarn zu den 
T ti r k e n gelangen. Von hier aus "kommen wir tiber Westatfien 
nach Englisch- und NiederlUndisch - 1 n d i e n , dann nach China, 
Japan und Korea, um durch die arktischen Gebiete nach unae- 
rem Ausgangspunkt zurtickznkehren. Diese Obersicht tiber die 
ortliche Verbreitung der Homosexualitat wtirde nidht vollstHndig 
sein, wenn wir nicht znm Schlusse liber die Verbreitung dieser 
Erscheinung bei anderen zweigeschlechtlichen Lebewesen einiges 
sagen woUten. 

Zunfichst einiges liber die Verbreitung der Homosexualitat 
im Deutschen Eeiche. Meine literarische Besch&ftigung mit 
der homosexuellen Frage bewirkte, dafi ich in steigendem Mafie 
von Urnihgen und Urninden aus allsn Teilen Deutschlandsf auf ge- 
sucht wurde und von ihnen bei gerichtlichen und sonstigen Kon- 
flikten mit der Zeit nach alien groBeren und vielen kleineren 
Platzen Nord-, Slid-, Ost-, West- und Mitteldeutschlands gerufen 
wurde, wo ich dann meist gute Gelegenheit hatte, die ortlichen 
Verhfiltnisse auf homosexuellem Gebiete n&her zu studieren. 
Man hdrt dann und wann, dafi manche Gegenden Deutschl&nds 
starker vom Uranismus durchsetzt seien als andere; so gabe es 
auf dem platten Lande und in kleineren Stadten nicht nur ab- 
solut, sondern auch relativ weniger Urninge als an grofieren 
Orten; auch im Norden unseres Vaterlandes seien sie haufiger 
als im Sliden, beeonders viel Urninge fande man in der Rhein- 
provinz, besonders wenige in Westfalen. de Joux*^) schreibt: 
„Nach den Schfitzungen vielgereister Urninge ware Hamburg 
unter alien deutschen Stfidten urnisch am schwersten belastet; 
sie behaupten, jeder vierte Mann 'wSre dort urnisch, jeder sechste 
bisexuell veranlagt." 

Alles das kann ich nicht bestatigen, kann vielmehr auf 
Grund meiner so vielseitigen Erfahrungen nur bekunden, dafi das 
Bild, das sich uns in dieser Hinsicht von Konigsberg bis Koln, 
von Kiel bis Konstanz darbietet, ein ganz erstaunlich SJinliches 
ist. Homosexuelle Geschaftsreisende, die jahrzehntelang Deutsch- 
land durchkreuzten, haben mir das best&tigt, und auch die 
deutsche Reichs-Kriminalstatistik stimmt damit liberein, indem 
ihre Zahlen einen sich tiber alle Oberlandesgerichtsbezirke 
gleichm&Big erstreckenden Durchschnitt von Verurteilungen aus 
§ 175 aufweisen. 

Auch die Tatsache, daiJ Stichproben aus einzelnen Gruppen, 
in denen die Feststellung der Homosexuellen dem Berichtenden 

7) Die Hellenische Liebe, p. 215. Anm. 

84* 



Digitized by V:iOOQIC 



532 

auf Grund seiner Beziehungen moglich war, in alien Gegenden 

Deutschlands annahernd den gleichen Prozentsatz ergaben, 

spricht daflir, daB die Ausbreitung der Homosexualitat uberall 

eine ungefahr gleiche ist, und nur zufallige Schwankungen 

durcli den standigen Wechsel der Bevolkerung bedingt werden. 

Diese Beobaehtung sttitzt unsere wissensehaftliche Auffassung 

vom Wesen der Homosexualitat als einer konstanten biologischen 

Variante der Sexualitat. 

Wenn man uber ein und denselben Platz gelegentlich von dem 
einen hort, dafi dort nichts, von einem anderen, daB dort viel „los" 
sei, so erklart sich dies einfach daraus, daB der eine durch irgend- 
vvelcho Beziehungen und Umstande Einblicke gewinnen konnte, die dem 
anderen versact blieben. Man muB seine Ansicht hier oft revidieren. 
So kam ich friiher oft nach Stettin, Niirnbei-g, Trier und wunderte 
mich, daB dort scheinbar so gut wie nichts von Homosexualitat be- 
merkbar war, als ich dann aber spater von Ortsansassigen und Unter- 
richteten — beides trifft keineswegs immer zusammen — an die sehr 
versteckt gelegenen „Schlupfwinker' der Homosexuellon gefiihrt wurde, 
fand ich gerade das Gegenteii von dem, was ich anfangs wahrgenommen 
hatte. Recht bezeichnend ist auch der Brief eines deutschen Aristo- 
kraten, der uns zur Verfiigung gestellt wurde. Der Betreffende kehrte 
im Sommer 1897 nach Berlin zuriick, nachdem er mehrere Jahr- 
zehnte im Auslande gelebt hatte, um „dem Urningsparagraphen aus 
dem Wege zu gehen". „Nein, diese Torheit", heiBt es wortlich, 
„treibe mich da ^ahezu 40 Jahre im Exil herura, um am Ende meiner 
Tage zu sehen, daB in der Hauptstadt des Vaterlandes, das ich so 
schwer vermiBte, das urnische Leben unter dem § 175 ausgedehnter, 
ungezwungener und freier ist, wie nur je an einem Ort im Orient oder 
Okzident.** 

Das einzige Land, in dem man sich wie in Deutschland die 

Verbreitunjg der Homosexualitat zahlenmaBig festzustellen be- 

mtiht hat, ist Holland, und es ist sehr bedeutsam, dafl, wie 

oben des naheren ausgeftihrt, der gefundene Prozentsatz von 2,2 

dem unsrigen nahezu vollkommen entspricht. 

Holland war auch das erste Land, das, als von Berlin aus die 
Organisation fiir die Emanzipation der Homosexuellen in die Wege 
geleitet wurde, seinerseits diesen Kampf aufnahm, was um so be- 
merkenswerter war, als seine Gesetze seit fast einem Jahrhundert 
keine Strafbestimmung mehr gegen die Urninge enthiclten. Ledig- 
licli die falschen Vorstellungen iiber das Wesen der Homosexualitat 
und die infolgedessen starken Vorurteile waren es, die man zu modi- 
fizieren trachtete. In dieser Bewegung ragtcn besonders d r e i Ge- 
lehrte hervor, die keine Anfeindungen scheutcn, um in Wort und 
Schrift fiir die Homosexuellen einzutretcn : Dr. L. S. A. AI. v. Homer, 
der vortreffliche Amsterdamer Polizeiarzt A 1 e t r i n o und Jonkheer 
Dr. jur. v. S c h o r e r ®), der Verfasser von „Tweeerlei Maat", und 
Prjisident des wissenschaftlich - humanitaren Komitees in Holland. 
Ihren wissenschaftlichen Anschauungen stand eine reaktionare Majo- 
rity t im Parlament gegeniiber, ein aus calvinistischen und romisch- 
katholischen Parteigangern bestehender Block, der unter Berufung 
auf die Bibel 100 Jahre nach Aufhebung der mittelalterlichen Bestim- 

8) Cf. auch Jahrb. VII, 912 ff., V. 956, Vierteliahrsber. II. 140. 
278—87. 361. 



Digitized by VjOOQIC 



533 

mungen gegen den homosexuellen Verkehr eine wesentliche Eiii8chr§,n- 
kuiig der Straffreiheit durchsetzte. Der von dem streng katholisohen 
Juslizminister Dr. Regout kurz vor seinem Tode veranlaflte 
Artikel 248 bis der am 15. Juni 1911 in Kraft getreten ist, lautet: 
„Der Miindige, der mit einem Unmiindigen desselben Geschlechts 
Unzucht treibt, wird mit Gefangnis bis zu vier Jahren bestraft." Das 
Miindigkeitsalter betragt 21 Jahre. 

Nach diesem Gesetz sind auch bereits eine ganze Anzahl hol- 
laudischer Urninge bestraft worden. Einer davon stellte sich rair in 
London vor. Er hatte mit einem Kamex*aden, der zwei Jahre jiinger 
als er selbst war, sexuell verkehrt. Vor der Beratung habe derRich- 
ter, dem das Schicksal des Angeklagten nahe ging, ihm eine Briicke 
bauen wollen und gefragt, ob er ihm versprechen woUe, seinen homo- 
sexuellen Lebenswandel aufzugeben. Dann wiirde man dieses Mai noch 
ein Auge zudriicken. Der Jiingling antwortete: ,,Ich kann nicht ver- 
sprechen, was ich nicht halten kann." Er wurde zu einer Freiheits- 
strafe verurteilt, der er sich durch die Flucht nach England entzog. 

Da R e g o u t s urspriingliche Fassung, die auch den heterosexu- 
ellen Sexualverkehr mit Unmiindigen unter Strafe gestellt wissen 
woUte, vor der Einbringung aufgegeben wurde, stellt das neue Ge- 
setz eine Ausnahmebestimmung dar, die unter den Homosexuellen 
tiefe Erbitterung hervorgerufen und eine ganze Anzahl auBer Landes 
getrieben hat, zumal unmittelbar nach seiner Einbringung die Er- 
presser „wie Pilze aus der Erde schossen". 

Diese Abwanderung, deren Griinde naturgemafi verschleiert wer- 
den, ist fiir ein so kleines Land um so weniger belanglos, als sich 
unter seinen Urningen viele materiell und kulturell hochstehende 
Personlichkeiten befinden. Es gibt wohl unter den groBeren 
und mittleren Stadten Hollands kaum eine, aus der 
mich nicht im Laufe der letzten 15 Jahre Uranierauf- 
gesucht haben, einige kamen mit ihren Freunden, viele zeich- 
neteii sich durch Intelligenz und Charakter aus. Wenn der Psychiater 
Wertheim-Salomonson^) in einem Fachorgan erklarte, „die 
Homosexualitat sei in Holland s e 1 1 e n", so ist dies durch nichts 
als durch die Geringfiigigkeit seiner Erfahrungen belegt. DaB sie auch 
schon friiher nicht selten war, zeigt die groBe Uranierverfolgung im 
Jahre 1730 ^^)j wahrend derer die Generals taaten von 250 wegen homo- 
sexueller Betatigung gerichtlich vorgeladenen Personen 91 verbannten, 
31 erwurgen, lo erhangen, 8 versengen, mehrere enthaupten lieBen, 
zwei in ein FaB mit Wasser und fiinf ins Zuchthaus steckten. Meh- 
rere der Sodomiter hatten, wenn sie nicht getotet waren, noch recht 
gut die vollige Aufhebung des Gesetzes erleben konnen, auf Grund 
dessen man sie so grausam hingerichtet hatte. Auch in der nach 
Abstammung und Sprache der hollandischen nahe stehenden v 1 a m i- 
s c h c n Bevolkerung ist die Zahl der Urninge nicht gering. Die vla- 
mische Zeitschrift „Ontwaking", die in Antwerpen erscheint, widmet 
dem homosexuellen Problem besondere Aufmerksamkeit ; auch der 1854 
zu Antwerpen geborene Schriftsteller Georges Eckhoud, den 
Pratorius einen „Bahnbrecher in der kiinstlerischen Darstellung 
der Homosexualitat" nennt, ist ein Flamlander. Er ist nicht der einzige 
Dicht^r, der in den Niederlanden den Uranismus in Romanform be- 
handelt. Von alteren sei der Amsterdamer Jakob de Haan^^) 



9)Couvee en Wertheim Salomonson: Een geval van 
Homosexualiteit Psvclii. en Neurot. Bladen. 1901/02. 

10) cf. Jahrb. f. sex. Zw. VIIL Jahrg. p. 365 ff. : Der Uranis- 
mus in den Niederlanden bis zum 19. Jahrhundert, mit besonderer Be- 
riicksichtigung der groBen Uranierverfolgung im Jahre 1730. Von 
L. S. A. M. von R o m e r. 

J') Jakob de Haan. Pijpelijntjes. Amsterdam 1904. 



Digitized by 



Soogle 



034 

genannt, desscn Pijpelijntjes bei ihrem Erscheinen viel Aufsehen 
machten, von neueren Exler^*), dessen psychologischer Roman „Le- 
vensleed" Leben und Leiden eines Uraniers naturgetreu sohildert. 

Sehr ahnlich sind in ihrem Wesen den hoUandischen die 
skandinavischen Homosexuellen. Sowohl in DSnemark und 
Island als in Schweden, Norwegen und Finnland ist der Uranis- 
mus ziemlich stark verbreitet. Unter denDanen gehoren ihm von 
Christian Andersen bis Hermann Bang und vor und 
nach ihnen viele der bekanntesten Manner an. 

In Kopenhagen treffen sich auf zwei langen StraBenziigen, die vor 
dem RathauB zusammentreffen, jeden Abend viele Homosexuelle mit 
ihren Partnern. Auch solche, cfie sich Herren gegen Bezahlung an- 
bieten, fehlen niemals. Hier wie in Holland — beide Lander besuchte 
ich in langeren Abstanden zweimal unter sachverstandiger elnhei- 
misoher Fiihrung — lernte ich auch einige von Homosexuellen 
niederster Klasse stark frequentierte Lokale kennen. Pratorius 
beriohtet von Kopenhagen, daB es wohl den groBten Soldatenstrich 
der Welt aufzuweisen habe, doch lauten auch in diesem Punkte die 
Angabeu 'internationaler Soldatenfreunde, die mit Truppen fast aller 
Lander sexuellen Verkehr gepflogen haben, verschieden. Auch in 
Danemark setzte Anfang der neunziger Jahre eine aufklarende Be- 
wegung ein. Erwahnenswert ist vor allem die ausfiihrliche Arbeit 
von Tandem ^3)^ „Den kontraere Sexualfomemmelse", die im An- 
schluB an einen Artikel von Dr. Knud Pontoppidan iiberschrieben 
„Pervers Sexualitet", erschienen war. Diese wissenschaftliche Be- 
handlung der Frage hinderte aber nicht, daB noch zu Beginn dieses 
Jahrhunderts unter Minister A 1 b e r t i eine ziemlich groBe Urnin^s- 
verfolgung einsetzte, die viele Homosexuelle nach Deutschland tneb 
und erst aufhorte, als die Lawine Personen hochster Kreise mit sich 
zu reiBen im Begriffe stand. Neuerdings sind in Danemark Gesetzes- 
anderungen geplant, nach denen der Homosexualverkehr zwischen Er- 
wachsenen freigegeben, jedoch ahnlich wie in Holland ein Schutz- 
alter von 21 Jahren eingefiihrt werden soil. In Norwegen hat man be- 
reits, bald nach der im Jahre 1905 stattgefundenen Trennung von 
Schweden, das Gesetz wesentlich gemildert. Man begniigt sich mit 
Geldstrafe und auch diese wird nur verhangt, wenn ahnlich wie bei 
Beleidigung derjenige, auf den die Handlung sich erstreckte, Straf- 
antrag stellte. Da dieser aber als Mittater ebenfalls strafbar ist, 
kommt das in Wirklichkeit kaum noch in Frage. Es wird mir mit- 
geteilt, daB auf die Verbreitung homosexueller Betatigung die 
Aufhebung der alten Strafbestimmungen keinen EinfluB gehabt 
hat. Wie vor ihnen ist auch jetzt der Uranismus gleichmaBig 
iiber das ganze Land verbreitet, ohne allerdings dem nicht Suchenden 
sonderlich aufzufallen. Sach- und Fachkundige sehen allerdings auch 
hier mehr, und einer meiner Gewahrsmanner, ein vielgereister Uranier, 
berichtet mir, daB nach seinen Erfahrungen und Erlebnissen Ber- 
gen die homosexuellste Stadt der Welt sei. Ich erinnerte ihn, als ich 
dies horte, daran, daB in Bergen die ersten auf skandinavischem Boden 
gegen die Urninge erlassenen Strafbestimmungen erla^sen wurden. Es 
war im Jahre 1164, als im Kirchenrecht des Gulathing der folgende 
Abschnitt eingeriickt wurde: „Wenn zwei Kerle Leibeslust zusammen 
mischen, und dessen uberfiihrt werden, dann sind sie beide friedlose 
Manner. Wenn sie es aber leugnen und es doch im Kirchspiel ruchbar 

12) M. J. J. Exler, Levensleed. Haag 1909. 
1*) Tandem, Den kontraere Sexualfomemmelse. Fragmenter til 
Oplysning. In Bibliothel^ for Laeger. 1. April 1892. p. 205. 



Digitized by VjOOQIC 



6d5 

wird, dann sollen ale es mit Eisentragen leuenen (Gottesurteil). Wenn 
sie aber der Sache uberfiihrt werderu hat der Konig die Halfte ihres 
Vermogens und der Bischof die H§Jfte." Ahnliche Gebote gingsD 
dann im folgenden (XIII.) Jahrhundert auch auf Island, Schweden 
und DSnemark uber. Yorher hatte man in den skandinavischen Ge- 
setzbuchern nur einen Paragraphen, nach dem we^en schwerer Ver- 
leumdung derjenige belangt warden eoUte, der von jemandem z u U n- 
r e c h t behauptet, er habe sich von einem Mann passiv schSjiden 
lassen; der also Beschuldigte hatte in diesem Falle sogar das Recht, 
den Verleomder totzuschlagen. Ein ei^enartiges Gesetz, wenn man 
bedenkt, dafi die Ausubung mannmannlichen verkehrs an sich nicht 
strafbar war. DaB diesen die gewiB nicht degenerierten Nordgermanen 
und Wikinger aber sehr wohl kannten, geht nicht nur aus diesem Ge- 
setz, sondern auch aus anderen Belegen hervor, die sich bei Wester- 
mark und dem „norwegischen Gelehrten" i*^ finden, der den Artikel 
im rv. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen verfaBt hat. Die alt- 
nordischen Sagas und Gedichte enthalten hierfiir viele Zeugnisse. 
Ein Beispiel fiir viele. Als der durch seinen Humor ausgezeichnete 
Islander H a 1 1 i kurz nach dem Jahre 1000 Norwegen besuchte, be- 
gegnete sein schlichtes island] sches Fahrzeug auf dem breiten Fjord 
von Drontheim einem vornehmen ^Schiffe, dessen Herr ihn fragte, wo 
er die letzte Nacht sein Schif f vertaut hatte. H a 1 1 i antwortete : 
„Bei Agdhanes, einem Vorgebir^e an der Mundung des Fjords." Dann 
fragte der Herr weiter: „Stuprierte er (sardh) euch denn nicht, der 
Agdhe, d. h. der Unhold, den der Volksglaube im Berge von 
Agdhanes wohnen laBt?" „Noch nicht", meinte Halli, der wohl 
merkte, daU der Herr, mit dem er Worte wechselte, der Eonig selbst 
war. „Aber spater h4tte er es vielleicht getan," fuhr der Konig fort. 
„Nein,** sagte Halli, „es war ein Umstand, der uns von der Schande 
rettete. Er verlangte dazu vomehmere Leute als wir waren, und dar- 
um wartet er eure Ankunft heute abend ab". „Du bist mir ein groBer 
Worthabicht", brach der Konig ab. Handelte es sich hier um harm- 
lose Spafie von denen nicht einmal feststeht, ob sie der Sage oder 
• Geschichte angehoren, so ereignete sich drei Jahrhunderte spater auf 
skandinavischem Boden ein homosexueller „Hofskandal", an dessen 
Wirklichkeit kein Zweifel besteht. Er betraf den ersten Unionkonig 
von Schweden und Norwegen, Magnus Eriksson, in Schweden 
„Smek*', „der Schmeich^lnde" genannt, der dem alten Geschlechte der 
Folkunger entstammte. Ahnlich wie sein Zeitgenosse, der englische 
Konig E d u a r d II., wie Heinrich III. von Frankreich und mancher 
andere Herrscher — aus unseren Tagen sei Karl von Wurttemberg ge- 
nannt — geriet er in schwere Konflikte, weil er „den alteren und 
weiseren Ratgebern jiingere und schonere vorzog"i*). Sein Liebling 
war Benkt Algotson, den der Konig zum Herzog von Finnland 
und den beiden Hallandesn ernannte, eine Gunstbezeugung, die umso 
mehr auffiel, als der Herzogtitel bis dahin in Schweden niemandem ver- 
liehen worden war. Der Unwille der MiBvergnugten und Neider, an 
deren Spitze 1356 der Konigssohn Eric trat, verscharfte sich zu 
schlimmen Unruhen, als der Regent seinem Liebling zu alien friiheren 
Auszeichnungen die Verwaltung der reichen imd wichtigen Provinz 
Schonen ubergab und dem Vater Benkts grofie Giiterkomplexe in 
Norwegen schenkte. Es kam zu offener Fehde, von alien Sei ten ver- 
langte man den Sturz Benkts, doch Konig Magnus gab ihn nicht 
auf, imd erst der Tod des Kronprinzen Eric im Jahre 1359 und im 

^*) Jahrb. f. sex. Zw., Bd. IV., p. 244 ff.: „Spuren von Kontrar- 
sexualitat bei den alten Skandinaviern." 

^*) Die Hauptquelle fiir des Konigs „damnatissima libido" ist 
auBer den „Revelationes" der Santa Brigitta, der im Jahrhundert 
nach dem Konig lebende Geschichtsschreiber Ericus Olai. 



Digitized by VjOOQIC 



536 

Jahre darauf die Ermordung von Benkt Algotson durch seine 
Feinde von der Magnatenpartei beendeten die verwickelte Situation 
und ein Drama, das der Konig, ohue sich von seinem Schmerze erholen 
zn konnen, noch 14 Jahre iiberlebte. 

Trotzdem noch drei andere der markantesten Gestalten auf 
Scliwedens Thron, Karl XII., G u s t a v III. und Gustav Adolfs 
Tochter, die Konigin Christine vielfach in ihrem Lande selbst als 
Ilomosexuelle galten, herrschten auch dort diesclben Vorurteile wie 
in alien christlichen Landern, die allerdings nicht hinderten, daC der 
Uranismus in Schweden ebenso verbreitet, (ja nach Ansicht manclier 
noch verbreiteter) war, als bei den skandinavischcn Briidervolkern. 

Die Hauptstadt Stockholm zeigt jedenfalls ein regeres urnisches 
Leben, als Christiania. Mciglich ist es, dafi dies von dem groBeren 
Fremdenverkehr herruhrt. Eine groBe Anziehung bilden hier wie in 
den anderen skandinavischen Landern fiir die Urninge die Bader, aber 
nicht wie in RuBland, im Orient und anderswo die Dampfbadeaustalten, 
sojidern die Freiluftbader. Es wird dort von Mannern und Frauen 
noch jetzt wie in der Vorzeit nackt gebadet und das ist auch ein 
MauDterrund, weshalb viele homosexuelle Auslander mit Voriiebe im 
Sommer nach Nordland gehen. Sie befriedigen allerdings wie die ur- 
nischen Inlander in den Bildern nur in vorsichtiger Weise ihren 
Schautrieb, denn es gilt als verpont, sich seine Anlage merken zu 
lassen. Dem Eingeweihten entgehen freilich nicht die meist alteren 
Personen, die oft stundenlang mit groBter Aufmerksamkeit den Be- 
wegungen, Dbungen und Spielen der jungen Leute folgen, an dencn die 
jiingeren Urninge selbst unerkannt teilzunehmen pflegen. Mir ist noch 
heute der melancholisch-gespannte Gesichtsausdruck in Erinnerung, mit 
dem im Freilich tgymnasium in Christianslund am Oeresund 
ein alter graubartiger Mann an den jugendlichen Gestalten hing; er 
machte einen sehr femininen Eindruck, war der einzige, der sich 
nicht entkleidet hatte, und wechselte mit niemandem ein Wort. 

In der neueren schwedischen Literatur ist sehr wenig zu finden, 
was auf die Homosexualitat Bezug hat. Immerhin besprechen Viktor 
Rydberg in einem Essay iiber Romische Kunst die Freundschaft 
zwischen Hadrian und A n t i n o u s , und Dr. E m i 1 Z i II i a c u s 
in einem 1911 erschienenen Buch ,,Griochische Lyrik*' die griechische 
Liebe eingehend mit groBer Sympathie. 

Von Schweden gelangen wie liber Finnland nach Estland, 
Livland und Kurland, die alle von Homosexuellen stark durch- 
setzt sind. Von Finnen lernte ich im Laufe der Zeit in Berlin 
etwa ein Dutzend kennen, die mir samtlich berichteten, daB in 
ihrer Heimat urnische Manner und Frauen durchaus nicht selten 
sind. Ein finnischer Staatsanwalt berichtete mir: 

„Die alten schwedischen und germanischen Sagen und Volks- 
lieder en thai ten, ebenso wie das finuische Volksepos (Kalevala) wenig, 
woraus man schlieBen konnte, daB die gleichgeschlechtliche Liebe 
in ienen vorgeschichtlichen Zeiten eine grciBere Bedeutung gehabt 
hatte. Da jedoch alles, was von der Dichtung der Alten zu unserer 
Zeit iiberliefert ist, von spateren Generationen vielfach zensuriert 
und zum groBen Teil erst in spateren Jahrhuuderten aufgezeichnet 
worden ist, ist aus jener Tatsache nicht mit Sicherheit anzunehmen, 
daB altgermanische Dichtungen und Sagen nicht auch ahnliche 
iSchilderungen von erotischen Freundschaftsverhaltnissen zwischen 
Mannern oder zwischen Frauen gekannt habcn, wie jene der grie- 
chischen Dichtung. Wohl singen auch die altschwedischen Lieder 
von Freunden, die so innig aneinander prebundon waren, daB sie ihr 
Leben fiireinander aufopferten, oder daB dor oirio dea Tod suchte. 



Digitized by VjOOQIC 



537 

weil fiir ihn das Leben alien Wert verloren hatte, nachdem der andere 
gefallen war. Es erzahlen auch die Heldensagen von machtigen 
Riesenjungfrauen, die in Mannerriistung in Krieg nnd Vikingfahrt 
durch Heldenmut und Blutdurst die Manner iibertrafen. Hier kann man 
freilich nur ahnen, aber nichts mit Bestimmtheit wissen iiber die ge- 
schlechtlichen Geheimnisse, welche unter diesen anscheinend Unscluil- 
digen verborgen liegen. 

Sobald wir aber auf historischen Boden gelangen, erfahren wir 
soforl, daC die gleichgeschlechtliclie Liebe eino nicbt nnbedeiitcnde 
Rolle spielte. So zeigen die auf kanonischem und altjiidischem Eeclit 
erbauten schwedischen Gesetzbiicher des Mittelalters, daO der Staat 
r*.zr Kirche durch unerhort strenge Strafbestimmungen in der Be- 
kampfunj' der „widernatiirlichen Greuel" seinen Beistand geben wollte. 
Der gescnlechtliche Verkehr zwischen Mannern wurde mit Todesstrafe 
und fiirchterlichen Martern bedroht. Trotzdem laBt uns J^ber die Ge- 
scliiclite so mancher Konige und hoher Herren wieder und wieder 
sehen, wic keine Strafandrohung, keine erhabene Pflichtstellung, keine 
Verfolgungen und Leiden die Manner im hohen Norden, ebensowenig 
wie die des Siidens, von ihrer widernatiirlichen Natur hat befreien 
konneu. • 

Es ist mir bekannt, dafi die strengen Strafgesetze des Mittel- 
alters (v. d. Jahren 1274 und 1442), ebenso wie die gemilderten Straf- 
bestimmungen des Gesetzbuches vom Jahre 1734 kein toter Buch- 
stabe geblieben sind, sondern immer dann und wann, der rohen Masse 
zum Vergniigen und „anderen zur Warnung", zur Anwendung gekommen 
sind. Ich weiB auch aus der Kriminalgeschichte, dafi in diesen 
Prozessen, namentlich in alteren Zeiten, eine summarische und will- 
kiirlicbe ProzeBform, wie in den Hexen verfolgungen, zur Verwendung 
kam, und daB auch schon kleine Knaben dem Blutdurst und dem 
Aberglauben friiherer Zeiten geopfert wurden. 

Erst in der Aufklarungszeit, Ende des 18. Jahrhunderts, kam eine 
Erleichterung. Der damalige Konig von Schweden, G u s t a v III. 
(ein Sohn der Schwester Friedrichs des GroBen von PreuBen, 
Louise Ulrike, die mit Adolf Fredrik, dem Konige von 
Schweden, verheiratet war) war von den groBen Philosophen seiner 
Zeit beeinfluBt; durch sein personliches Eingreifen wurden nicht nur 
die Strafgesetze iiberhaupt, sondern auch namentlich die Strafbestim- 
mungen fiir „widernatiirliche Unzucht" wesentlich gemildert. 

Aus der Geschichte Konig G u s t a v s IIL wird seine groBe 
Freundschaft zu mehreren jungen Lenten liberliefert. Unter diesen 
war der schone, junge, finnische Freiherr Gustav Mauritz Arm- 
felt der bekannteste. In einem Alter von etwas iiber 20 Jahren ^hatte' 
der Konig ihn schon zu seinem Generaladjutanten und zum General- 
leutnant befordert, und, wollte man etwas bei dem Konig erzielen, 
muBte man stets dafiir zuerst den machtigen Giinstling gewinnen, 
der immer in der Nahe des Konigs war und seine Wohnung im 
SchloB in unmittelbarer Verbindung mit den Privatgemachern des 
Konigs hatte. In den Armen seines Freundes starb G u s t a f III. 
im Jahrc 1792, von der Kugel eines Meuchelmorders auf einer Hof- 
maskerado getroffen. 

Im Jahre 1809 wurde Finnland von RuBland erobert, und mun 
finden wir den schonen Monarchengiinstling wieder in der Geschichte 
unseres Landes. Nach dem Tode Gustavs III. aus Schweden ver- 
jagt, kam der schone A r m f e 1 1 nach vielen Abenteuern amoureuser 
Art in die Dienste des fiir mannliche Schonheit nicht unempfind- 
iichen russischen Kaisers Alexander I., der ihn zum Mmister 
fiir finnische Angelegenheiten und zum Grafen ernannte. Finnland 
hat diesem merkwiirdigen Manne zum groBen Teil seine autonome 
Staatsform zu verdanken. 



Digitized by VjOOQIC 



638 

Sohon einige Jahrzehnte nach der Vereinigung Finnlands mit 
RuBland machte sich wieder ein Mann nicht nur als Wissenschaftler, 
Astbetiker, Dichter, groBer Redner und Vaterlandsfreund bekannt, 
soudern gleichzeitig duroh seine homosexuellen Neigungen. Dieser 
Mann hieB Fredrik Cygnaeus, jedem Finnlander bekannt, 
namentlich dnrch die nie zu vergessende Rede, welche er auf einem 
akademischen Feste am 13. Mai 1848 hielt, von welcher Gelegenheit 
die Erweckung der Nationalitatsgefiihle in Finnland ihren Anfang 
nahm. Cygnaeus vereinte mit den Studenten nicht nur seine 
Stellung als akademischer Lehrer, sondern es kamen auch viel in- 
timere und zartlichere Bande in Betracht. Fast iibermiitig von 
Natur bemiihte sich Cygnaeus nicht iibennaBig, seine Jiomosexu- 
ellen Empfindungen geheim zu halten. Es verkehrte bei ihm die 
Jugend frei und ungeniert imd ich glaube, daB noch von dieser Zeit 
her das ziemlioh oifene Treiben einiger Homosexueller in den aka- 
demischen Kreisen der Hauptstadt Finnlands, Helsingfors, herzu- 
leiten ist. 

Das jetzige Strafgesetz vom Jahre 1894 bestimmt ireilich, 
daB, wer Unzucht mit jemandem desselben Geschlechts treibt, 
mit Gefangnis bis zu zwei Jahren bestraft werden soil. Soviet 
mir bekannt ist, ist jedoch dieser Paragraph, wenigstens nicht 
in stadtischen Gerichten zur Anwendung gekommen. Auf dem Lande 
hat zwar dann und wann auf Antrag ernes landlichen eifrigen Amts- 
anwalts ein Ungliicklicher eine Strafe von einigen Monaten Gefangnia 
bekommen, auch dies ist aber sehr selten vorgekommen. Die Recnts- 
iehrer der Universitat Helsingfors haben auch in dieser Frage eine 
ziemlich aufgeklarte Stellung eingenommen. Sowohl der jetzige Pro- 
fessor des Strafrechts Dr. Allan Serlachius, wie schon sein 
Vorganger, Professor Dr. J. Forsmen, haben die Ansicht ver- 
treten, dafl die Homosexualitat zunachst als eine Abnormitat oder 
krankhafte Erscheinung anzusehen sei, und daB es unsicher sei, ob 
liberhaupt in solchen Fallen Strafbarkeit angenommen werden diirfe. 
Die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei finden es imter sol- 
chen Umstanden angemessen, die Sache dem Privatantrag zu uber- 
lassen. 

Von manchen der angesehensten Manner des Landes ist es auch 
]etzt mehr oder weniger publik, daB sie, keine Freunde von Wei- 
bern, ihre Sympathien der mannlichen Jugend zuwenden. Die meisten 
Leute nehmen keinen AnstoB daran. Man lacht ein wenig, und in 
engeren Kreisen werden mehr oder weniger deutliche Witze gemacht. 
Dabei heiBt es dann, gute Miene zu halten und mitscherzen. Ich 
denke mir, daB diese freie Anschauungsweise daher kommt, daB die 
Herreh, die jetzt in Amt und Wiirden sind, auch einmal jung waren, 
und wareh sie einigermaBen hiibsch, mit den geschlechtlicnen Ge- 
heimnissen des einen oder anderen Onkels „Farbror", wie sie ihn 
nennen, vertraut wurden, somit wissen, wie harmlos die Sache doch 
eigentlich war; manche denken sicher noch mit dankbarem Gefiihl 
an den guten Alten, bei dem sie in der Studentenzeit ein zweites Heim 
hatten, immer einen guten Rat und wohlwollende Stiitze finden konn- 
ten und mit dem sie so manche angenehme und lehrreiche Stunde 
verlebten. 

In diesem Zusammenhange ist wohl zu erwahnen, daB in fast 
alien mir bekannten Fallen der geschlechtliche Verkehr nur in mutu- 
eller Onanie bestand, hoclist selten Fellatio von dem alteren an dem 
jiingeren Freund ausgefiihrt wurde und Pedikatio in anum fast nie- 
mals, wenigstens in diesen Kreisen, vorkam. Unter solchen Um- 
standen ist auch zu verstehen, wie urnische Herren sich oft einer 
groJJen Beliebtheit erfreuen konnten, so daB sie, wenn sie zur rech- 
ten Stunde in einem von Studenten besuchten Restaurant erschienen, 
von der ganzen Jugend mit Jubel und Gesang begriiBt werden konnten. 



Digitized by VjOOQIC 



539 

Und dann ging es in starker Eolonne naoh Haus zu dem alien 
Herrn, wo man noch bei Wein und Punsch bis zum grauenden Mor- 
gen weilte. Da war das Gesprach fiir einen, der es zum ersten Male 
mitmachte, oft sehr gewagt, und war der Student zu schiichtern und 
angstlich, wurde er mit donnerndem Marsch in das Schlafzimmer 
^eleitet. Von solchem wilden Anfang entstanden oft innige und 
dauernde Freundschaftsverhaltnisse, die eine Bedeutung fiir das ganze 
Leben des jungen Mannes batten. Weitere Studien wurden durch den 
Beistand des Freundes ermoglicht und manche Scbwierigkeiten oko- 
nomisober oder anderer Art beseitigt. 

DaB unter solchen Umstanden die Gesellscbaft, in welcher es 
so mancber in seiner Jugend mitgemacbt batte, die Sacbe nicbt so 
streng verurteilte, ist zu versteben. Vor 1905, als Finnland nocb 
eigenes Militar batte, war aucb der Betrieb in dem Park binter der 
Gardekaserne in Helsingfors sebr bunt und ungeniert." > 

Von der Verbreitung der Homosexual i tat ist bebauptet worden, 
daB un^efabr 2,2 o/o der Menscbbeit ihr zugebore. Was die Haupt- 
stadt Fmnlands, Helsingfors, betrifft, muB icb jedocb sagen, daB mir 
diese Prozentzabl viel zu klein vorkommt. Mir allein sind ca. 200 
reife bomosexuelle Manner aus den gebildeten Kreisen in Helsing- 
fors bekannt. Wie viele sind auBerdem da, abgeseben von solcben, 
die es kaum sicb selbst einzusesteben wagen, daB sie anders fiiblen, 
als die Menge. Und dann noon die mittleren und niederen Scbicbten 
der Gesellscbaft. Und die Frauen. Wiirden Sie die Fiibrerinnen 
der Frauenbewegung in Finnland heranmarscbieren sehen, schon von 
weitem wurden Sie den Typus erkennen, die bartigen, breitscbultrigen 
Frauen mit ihren jungen Freundinnen. 

In den nordlicben Teilen der skandinaviscben Halbinsel und 
Finnlands leben die L a p p e n , welcbe eine eigene Nation bilden. Unter 
ibnen soil aucb die Homosexualitat sebr verbreitet sein, und zwar 
soil sie, wie man erzablt, mit religiosen Gebrauchen in Zusammen- 
bang steben. 

So bewegt sicb — scblieBt unser Bericbterstatter seine wert- 
vollen Ausfiihrungen — in alien Landern, unter alien Volkern, das 
menscblicbe Leben in denselben Kreisen. Und tiberall, mehr oder 
weniger, liegt die verbangn is voile Verdammung liber uns, und wird 
liegen, bis unwidersteblicb naturwissenscbaftlicb bewiesen wird, daB 
die Homosexuellen nicbt nur „psychiscbe", sondern aucb biologiscbe 
Hermaphroditen sind, in ibrer Zellenzusammensetzung anders be- 
schaffen, als gewohnlicbe Manner und Weiber. Auf dem Wege exak- 
ter Naturwissenscbaft soil unsere Ehrenrettung voll und ganz und 
unbesiegbar kommen. Und wir warten — ." 

Von den Balten war bereits oben kurz die Rede. Es diirfte 
im baltischen Adel scbwerlicb eine Familie geben, die nicbt ein oder 
mebrero urniscbe Mitglieder beberbergte. Viele Homosexuelle aus den 
Ostseeprovinzen Ziehen es vor, ibren Aufentbaltsort im Ausland zu 
nebmen, besonders sind Dresden, Wiesbaden, Paris und Italien bei 
ibnen beliebt. Aucb der gegenwartig nachst Eeckhoud erfolgreicbste 
Verfasser urniscber Romane, Pernauhm, ist, wie E. v. Kupffer. 
Deutscbrusse. 

Ein Aristokrat aus den Ostseeprovinzen schreibt mir : 

„In den Adelsfamilien Liv- und Kurlands gibt es sebr viele 
ecbte Homosexuelle (icb mochte dieselben auf mindestens 10 o/o 
taxieren). fast ausnabmslos virile. In Estland scheint der Prozent- 
satz kleiner zu sein, docb liegt dies vielleicht daran, daB die andem 
Provinzen mit Estland weniger in Beriihrung kommen, und daher die 
Homosexuellen dort unbekannter sind. Beim lettischen Volke finde 
icb aucb viele Homosexuelle, und zwar mit stark femininem Ein- 
scblag. Jedenfalls sind die Letten mit ganz geringcn Aus- 
nahmen st^ts bereit, die Sacbe mitzuraacben. In den groBeren Stadten, 



Digitized by VjOOQIC 



540 

wie Riga, Libau, Reval, Mitau, gibt es homosexuelle Treffpunkte. 
die aber sehr schwach frequentiert sind, mit Ausnahme Rigas. Voa 
den kleineren Stadten weiB ich nichts. Homosexuelle Prostitution ist 
in Riga vorhanden, doch in bescheidenen Grenzen. Sie soil in letzter 
Zeit gefahrlich sein. Vor zehn Jaliren war es auf dem sogenannten 
Strich ganz sicher. In den biirgerlichen Kreisen — wie Literaten-, 
Kaufmanns- und Handwerkerstaud — findet man auch haufig Homo- 
sexuelle, doch scheint mir der Prozentsatz kleiner als beim Adel. 

Da die zum Militar Einberufenen p,us dem lettischen und est- 
nischen Tolke in die russischcn, und nicht in die hiesigen Garni- 
sonen kommen, so weiB ich nur wenig von ihnen ; doch nach dem, 
was j c li gehort, geben sie sich, wie fast a 1 1 e russischen Soldaten, Cge- 
ringe Ausnalimen abgerechnet), gem den Homosexuellen hin. Be- 
sonders in St. Petersburg bliiht der Verkehr der Homosexuellen mit 
den Soldaten nicht weniger als in Berlin und Italien." 

Die deutschrussischen Urninge haben mich in einer gewissen 
Derbheit ihres Wesens irnmer am meisten an die der deutschen 
Schweiz erinnert, aus der ich in Berlin und im Lande selbst 
zahlreiche Homosexuelle kennen lernte. Hauptstatten homo- 
sexuellen Verkehrs sind Zurich und Basel, Luzern und Bern, 
denen sich in der franzosischen Schweiz Genf anschlieflt. Ob 
ein Kanton Strafbestimmungen gegen die Urninge hat oder nicht, 
hat nach tibereinstimmender Versicherung einheimischer Kenner 
nicht den geringsten EinfluB auf die Betati^^ung, eher tritt in der 
deutschen Schweiz, die noch Gesetze hat, der Uranismus ctwas 
merklicher zutage, als in den franzosischen und italienischen 
Landesteilen, in denen bereits seit langem keine Verfolgung 
mehr existiert. 

Kamentlioh an bestimmten Stellen der Quais am Vierwaldstiitter-, 
Ziiricher-, Genfer- und Luganer See stoBt der fremde Urning stets auf 

fleichempfindende oder zum Verkehr sich anbietende oder bereite 
artner. Man konnte daraus folgern, daB der starke Fremdenverkehr 
fiir den Uranismus in der Schweiz im wesentlichen verantwortlich 
zu machen sei. Das wiirde aber ein Irrtum sein. Man muB allcrdings 
in der Schweiz wie in Italien, Berlin und anderswo unterscheiden 
zwischen dem homosexuellen Leben, das dem Reisenden entgegen- 
tritt und das in der Hauptsache prostitutiven Charakter tragt und 
dem urnischen Innenleben des Landes selbst, das sich fast nur dem 
Eingesessenen offenbart. DaB es in der eidgenossischen Bevolkerimg 
vielo Eingeborene gibt, denen auch die homosexuelle Anlage ein- 
geboren ist, kann nicht dem mindesten Zweifel unterliegen. In Luzern 
lernte ich drei Homosexuelle in mittleren Jahren kennen — zwei von 
ihnen waren Vettern — die lange Zeit ein gemeinsamos Unternehmen 
leiteten, ohne von ihrer gegenseitigon Veranlagung zu wissen. Eine 
urnische Sammelstatte von internationalem Rufe ist ein Bahnhof in 
der Schweiz. Man kann die Zahl derjenigen, die in seinen Hallen 
Manuerbekanntschaften suchen, gering gerechnet, auf 20 000 im Jahr, 
wahrend des Tages auf 60—70 Pers(men beziffern. 

Trotzdem die Sexualheuchelei im Schweizer Lande der eng- 

lischen nicht vi.el nachsteht, hat es eine Reihe von Mannern her- 

vorgebracht, die sich um eine Besserstellung der Urninge groBe 

Wrdienste erwarben, vor allem He in rich HoBli in Glarus, 

der schon 1836, also zu einer Z ut, als in anderen Landern von 



Digitized by VjOOQIC 



541 

einer Befreiungsaktion noch keine Rede war^ sich im ,,Eros" 
mit grolitem Eifer der mannmannlichen Liebe annahm, zu dem 
sich in unserer Zeit mehrere Schweizer Vertreter der exakten 
Wissenschaf t, wie Caspar Wirz, August Forel und 
Eugen Bleuler gesellten. 

Vom Nachbarland der Schweiz, Tirol, ging mir der folgende 
Bericbt zu : „Im „heiligeii Lande" Tirol, so genannt wegen der tief 
eingewurzelten Frcimmigkeit der bauerlichen Bewohner, kann die Ubung 
des gleichgeschlechtlichen Verkehrs in alien Schichten der Bevolke- 
rung, die bauerliche nicht ausgenommen, als ebenso verbreitet gelten 
wie irgend anderswo. Was das Leben und Treiben der Homosexu- 
ellen in den Stadten wie Innsbruck, Bozen, Meran, Bregenz betrifft, 
diirfte kein auffallender Unterschied im Vergleich mit anderen gleich- 
groBen Stadten Osterreichs zu konstatieren sein. Wie iiberall gibt 
es auch dort Promenaden (ebenfalls Striche genannt), welche des 
Nachts, hauptsachlich in wiirmeren Jahreszeiten, von Einheimischen, 
mehr aber von durchreisenden Fremden, frequentiert werden. Lokale, 
in denen ausschlieBlich oder groBtenteils Homosexuelle verkehren, 
gibt es nicht, wohl aber von Arbeitern und Soldaten stark besuchte 
Kneipen, in denen sich Homosexuelle ihre Freunde suchen, die leicht 
durch die Bezahlung einer Zecho fiir intimere Zwecke zu gewinnen 
siud. Auch die offentlichen und Bahnhofstoiletten (in Osterreich 
„Logen") sind Treffpunkte, wo sich aufgeklarte und unbewuCte Homo- 
sexuelle zu finden pflegen, und zwar zu alien Tages- und Abendstunden. 
Ein geselliger Verkehr unter Homosexuellen selbst kommt sehr selten 
vor, die meisten, besonders solclie, welche eine gesellschaftliche Stel- 
lung einnehmen, tracliten, ihre erotischen Geheimnisse moglichst vor- 
einander zu verbergen. Die Ursache dieser angstlichen Reserve ist 
in dem alien Verstandnisses baren Urteil zu suchen, das die spieB- 
biirgerliche Klatschsucht der Homosexualitat und ihrer Betatigung 
entgegenbringt. Um einen eventuell erweckten Verdaclit abzu- 
schwachen, befleiBigen sich viele Urninge lebhaftesten Komodienspieles, 
pflegen Verkehr mit Madchen und Frauen, und fallen dann nicht 
selten bindenden Konsequenzen anheim, die zu einer Ehe wider Willen 
flihren, unter deren Deckmantel sie aber bald wieder im Geheimen 
dem angeborenen Triebe folgen. Im Fasching, hauptsachlich an Sonn- 
tagen und in den drei letzten Festtagen dieser Zeit wagen sich einige, 
von dem Verlangen geleitet, selbst einmal das Weib zu spielen, aus 
ihrem Versteck heraus. Auf den Redouten in Innsbruck crschienen 
in den letzten Jahren ca. 20 weibliche Dominos, deren Maske ein 
mannJiches Gesicht, nicht selten Schnurr- oder Vollbart deckte. Eini- 
gen Jugendlichen gelingt die Tauschung durch die Toilette und die 
femininen Bewegungen so gut, daB ihnen ein Preis fiir die schonste 
Weibermaske zufallt. Die Gelegenlieit sich beim Tanze an Manner 
scbmiegen zu konnen, bereitet ihnen den erwiinschten GenuB. Der 
Soldatenliebe huldigen hier viele Urninge, weil diese meist leicht 
und harmlos zum Ziele fiihrt ; die relative AVeib- und absolute Gcld- 
losigkeit verleiten den jungen Soldaten vom Lande fast stets, homo- 
sexueller Werbung Gehor zu schenken. Stark verbreitet ist die mutu- 
elle Masturbation in Mittel- und speziell Klosterschulen, wo nioht 
selten Priester und Lehrer die Vcrfiihrer sind. Von 8 geistlichen 
Professoren, die ich im IV. Kurse des Gymnasiums hatte, bin ich 
heute von dreien iiberzeugt, daB eie homosexuell veranlagt waren, 
und unter meinen Mitschiilem (ca. 30 — 35) kannte ich mehr als die 
Halfte, von denen ich wuBte, daB sie unter sich sexuellen Verkehr 
hatten, viele von diesen haben spater den priesterlichen Beruf ge- 
wahltj den sie vielleicht in ihrer Abneigung gegen das weibliche Ge- 



Digitized by VjOOQIC 



542 

scLlecht als ein Refugium betrachtet haben. Auch in der Land- 
bevolkerung, in ganz entlegenen Talern sind Homosexuelle anzu- 
treffen, die aber, weil ihnen selten ein Gleichgesinnter beeegnet, zu- 
meist der Autoerotik verfallen, auch oft dem Drangen folgend hei- 
raten, um sich dann fatalistisch in ihr Schicksal zu fugen. Viele 
solcher bauerlichen Homosexueller ergeben sich dann dem Trunke und 
finden darin Ersatz fur das ihnen versagte Liebesgliick. Der jugend- 
liche, gesunde Bauernbursche ist vor und nach Emtritt der Pubertat 
nicht schwer von einem Homosexuelle n, der mit ihm umzugehen ver- 
steht, zum intimen Sexualverkehre zu bewegen, doch darf das Pra- 
ludium nicht den Stempel der Liebeswerbung tragen, die ihn angst- 
lich machen wiirde. Auf unauffallig kollegialer Basis gewinnt man 
bald sein Zutrauen, die scheinbar absichtslose Gelegenneit des Zu- 
sammenschlafens und die wortlose Werbung fiihrt am besten zxmi 
Ziele. Auch nach Erreichung desselben darf mit ihm von Liebe nicht 

fesprochen werden, es liegt in der Natur des Bauernvolkes, Gefiihls- 
alte zu pflegen oder zu heucheln. Ein mir bekannter Zahnarzt ge- 
wann in dem Orte, wo er seine Praxis ausiibte, einem Dorfe von 
3000 Einwohnern, durch sein geselliges Talent, seine musikalische 
Tatigkeit und seine Gastfreundschaft mehr als 60 der schonsten Bur- 
schen, die seiner Gunst wegen oft in Streit gerieten und sich ihm 
immer wieder mit gespielter oder wirklicher Leidenschaft hingegeben 
haben, meistenteils ohne Geld zu fordern oder angebotenes anzunehmen. 
Ein andrer Homosexueller war mit der Familie eines Bauern be- 
kannt, der drei Sohne im Alter von 14 — 18 Jahren hatte, die alle in 
einer Kammer schliefen; so oft der ^Freund aus der Stadt" zu Be- 
such kam, stritten sich die Briider, in welchem Bett der Gast schlafen 
sollte, jeder wufite vom andern, was er zu erleben wiinschte." 

Ein Seitenstiick zu dieser Mitteilung ist die folgende aus dem 
Salzkammergut, die uns mit dem Bilde eines homosexuellen 
Freundespaares in landlicher Nationaltracht zuging. „Seit meiner 
fruhesten Eindheit haben sich meine geschlecntlichen Vorstel- 
lungen stets nur auf Manner bezogen, auch die Traume. Ich habe 
noch niemals Lust gehabt, mit einem Weibe zu verkehren, trotzdem 
ich vom Lande bin, 60 km siidlich von Salzburg und mich als sehr 
hiibscher und starker Bursche der Nachstellungen des anderen Ge- 
schlechts kaum erwehren kann. Ich bin infolge meines witzigen 
Charakters iiberall sehr beliebt, und niemand ahnt, daB . . . Ich bin 
Vorstand des Volkstrachten-Erhaltungs-Vereins und gehe stets in 
Landestracht. Der auf dem Bilde neben mir stehende Bursche ist 
mein Busenfreund und auch so veranlagt wie ich; er ist der einzige 
Mensch, mit dem ich seit vier Jahren geschlechtlich verkehre. Mir 
widerstrebt es sehr, mit mehreren zu verkehren, oder gar auf Antrage 
von Herren, die ich so von heute auf morgen kennen lerne (leider sehr 
zahlreich) einzugehen, um als Objekt ihrer Lustbefriedigung zu dienen. 
Meine Landsleute, die Pongauer und Pinzgauer, finden an der gleich- 

feschiechtlichen Liebe nichts so Grafilicnes, wie die halbzivilisierte 
fenge in der Stadt. Das merkt man auch daran, daB die Salzbui-ger 
Zeitungen beziigliche Nachrichten aus dem Pongau und dem Pinzgau 
niemals bringen, trotzdem es bei uns sehr viel „Solche" gibt. Der- 
artige Nachrichten riihren fast stets aus Ober-Osterreich, seltener 
aus der Stadt her. Alle paar Tage liest man aber in den Grazer 
Blattern bezugliche Falle: Ursache: die Mischlinge zwischen deut- 
schem und slovenischem Blute sind eben die geborenen Denunzianten." 

Wir brauchen uns die letzte Bemerkung, die auf Rech- 
nung des in Osterreich so sehr zugespitzen Nationalitllten- 
gegensatzes fallen dlirfte, nicht zu eigen zu machen, um die 
Fakten des Einsenders selbst wertvoU zu finden. Oerade Oster- 



Digitized by VjOOQIC 



543 

reich mit seiner starken Volkermischung zeigt, wie sich die homo- 

sezuellc Anlage blutwenig darum ktimmert ob jemand Bosniake 

oder Tzscheche, Kroate, Slovene oder Deutschnationaler ist. Im 

Wiener Prater sehen wir sie allesamt durch ein Band geeint, das 

stark genug ist, Sprach- und Stammesgegensatze zu tiber- 

brlicken. 

Ich babe bereits im Jahre 1901 in einer medizinischen Zeitscbrift 
einen Artikel iiber „Die Homosexualitat in Wien" veroffentlicbt, i') in 
dem icb die urniscben Sammelplatze der osterreicbiscben Metropole 
scbilderte, namentlicb aucb jene internationale Attraktion, die Pra- 
t o r i u s wobl mit Recbt als „das groBte bomosexuelle Bad" be- 
zeicbneto 18). Icb erwabnte in jenem Artikel aucb, imd zwar war 
dies V o r unserer deutscben Enquete, daU unterricbtete Gewabrs- 
manner die Zabl der Wiener Homosexuellen auf 1 o/o der Bevolkerung 
scbatzen. Wie Back mitteilt, sind es im Sommer besonders idie 
in der Nabe Wiens befindlichen Kurorte Baden und Voslau, in 
deren Parkanlagen sicb abends ein reger bomosexueller Ver- 
kebr entwickelt. Fiir das internationale Urningtum bat Wien 
dadurcb eine bobe Bedeutung gewonnen, dafi es die Wirkungsstatte 
Krafft-Ebings war. Dieser babnbrecbende Sexualf orscber batte 
zwar scbon vorber in Graz und Prag (1873 — 1889) seinen Weltruf be- 
griindet, aber erst von 1889 — 1902, als er in Wien lebrte, stromten zu 
ibm die Homosexuellen aus alien Lander n der Erde. Aus ibrer person- 
lioben Bekanntscbaft gewann Krafft-Ebing immer mebr die Uber- 
zeugung. daB bei ibnen nicbt nur nicbt von v erbrecben und Laster 
— dariiber war er sicb bald klar geworden — sondern aucb nicbt ein- 
mal von Krankbeit die Rede sein konne. 

Osterreich geh5rt zu den ganz wenigen Landern, in denen 

gegenwHrtig auch noch „die widernatlirliche Unzucht" unter 

Frauen mit Strafe bedroht ist, docb ist seit Jahrzehnten kaum 

noch ein Fall bekannt, in dem dieses Gesetz in Anwendung ge- 

bracht wurde. Ein osterreichiscber Gewahrsmann entwirft von 

den homosexuellen Verbaltnissen seines Landes folgende instruk- 

tive Schilderung: 

„€ber die Verbreitung der Homosexualitat in Osterreicb und 
seinen Eronlandern laBt sicb ein abscblieBendes Urteil insofern nicbt 
fallen, als durcb den gebeimen Terror vor dem iiberall sicb dokumen- 
tierenden Polizeigeist ein groBer Teil der Homosexuellen in strenger 
Zuruckgezogenbeit lebt. Soweit gewisse Indizien, Nacbforscbungen 
und Betracntungen es gestatten, kann aber immerbin fiir Wien ein 
mit Berlin „prozentual iibereinstimmendes Verbaltnis angenommen 
werden. Dem Anscbeine nacb stellen die Gebildeten das groBere Kon- 
tingent, docb diirfte dies nur ein TrugscbluB sein. Im Volke, wo 
die prekaren Subsistenzverbaltnisse ein gut Teil der Jugend der Prosti- 
tution zufiibren, tritt die angeborene Homosexualitat weniger deutlicb 
in den Vordergrund, sie verliert sicb im Gesamtbilde der spekulativen 
gleicbgescblechtlicben Betatigiing, die sicb alien Erlassen und Ver- 
Doten zum Trotz ziemlicb breit macht. Aucb darin balten Wien und 
die ubrigen Landesbauptstadte fast gleicben Scbritt mit anderen GroB- 
stadten. Wir finden da dieselben Treffpunkte: Offentlicbe Garten, 

") Hirscbfeld, Die Homosexualitat in Wien, Wiener kli- 
niscbe Rundscbau Nr. 42. 1901. 

") Jabrb. f. sex. Zwiscbenst., Bd. IV., P. 799. 



Digitized by VjOOQIC 



544 

Volkskeller, Bader, Uferproinenaden, Bediirfnisanstaltea, unverbaute 
IMatze. mehrere StraCen etc. 

IJnter den hiesigen Urningen trifft man nicht iibermaCig vielc 
Effeminierte, namentlich im Rahmen der Prostitution prasentieren 
sich beinahe vorwiegend virile Erscheinungen. Es ist dies um so er- 
klarliclier, als die meisten jener Manner, die sich in gewinnsiichtiger 
Weise fiir homosexueUe Zwecke hingeben, normal veranlagt, sogenannte 
„franke Burschen" sind. Effeminierte haben wenig Succ^s und noch 
weniger Urninge. Beziiglich des sexuellen Verkehrs mit letzteren 
aufierte ein Homosexueller : „Schwestern unter sich, pfui, das ware ja 
Blutschandel" Die umworbenste Personlichkeit ist und bleibt der 
Soldat, weil abgesehen von dem bestechenden Eindruck seiner kleid- 
samen Uniform, die Berufsart ziemlich sichere Gewahr vor erpresse- 
rischen Ausschreitungen und dergleichen bietet. Der Soldat seiner- 
seits, in richtiger Erkenntnis der Gefahr und UnverlaBlichkeit eines, 
wenn auch noch so raffiniert betriebenen Strichlebens, strebt mit alien 
Kraften ein dauerndes Verhaltnis an. Viele unter ihnen finden 
iibrigens darin ein Surrogat fiir jene normalen Geniisse, die ihnen aus 
unterschiedlichen Griinden oft schwer erreichbar sind, mitunter nicht 
einmal wiinschenswert erscheinen. Allerdings darf der Begriff 
„daujernd" nicht zu streng aufgefaCt werden. Waren die Beziehungen 
auch noch so innige, vom Hauche wahrster Zuheigung verklart, so endet 
trotzdem fast stets mit der Abriistung des Mannes das mehrjahrige 
Freundschaftsbiindnis. Man trennt sich unter gegenseitiger Versiche- 
rung einer liebevollen Erinnerung, eines Briefwechsels ohne es damit 
ernst zu meinen. Ist der Soldat ins Zivilleben zuriickgekehrt, erwecken 
diese Reminiszenzen meist peinliche Gefiihle in ihm, er wird sprode 
und tut nicht selten „entriistet". 

Was die der Prostitution zugehorigen Zivilpersonen betrifft, re- 
krutiert das Gros sich aus den bekannten Durchschnittstypen, aus 
Individuen ohne jegliche Berufsart, verkrachten Existenzen, abee- 
straften Jungens, die nichts mehr zu verlieren haben, vagierenden 
Kommis und Arbeitern. Wollte man spezialisieren, so lieBen sich even- 
tuell folgende Kategorien als besonders vertreten anfiihren: Kellner, 
Schankburschen, Scnriftsetzer, Backer, Maler, Fleischhauer und die 
diversen Hilfsarbeiter. Zivilisten sind indes weniger gesucht, da ihnen 
das Odium der bis zum Erpressen moglichen Geldgier anhaftet. 

Auflerst schwierig gestaltet sich der Einblick in das gleichge- 

' schlechtliche Leben der Frauen. Offentlich werden Faile von Tribadie 

nie verlautbart. Bei der Hochverehrung, welche das Weib hierzulande 

geniefit, erfahren derartige Vorkommnisse keinen Tadel, geschweige 

denn eine Bestrafung. Der Wiener geht sogar in krassesten Fallen mit 

den beschonigenden Worten „Verriickte Frauenzimmer" zur Tagesord- 

nun^ liber. Damit ist die Sache fiir ihn erledigt. Zweifellos haben die 

Urninden ebensolche Treffpunkte wie die Urninge. Bekannt sind in 

Wien nur zwei Caf6-Meiereien der inneren Stadt. Wer iibrigens nicht 

mit verbundenen Augen und Ohren in unserem Lande lebt, der gewinnt 

bald ein klares Bild auch in dieser Richtung. Hier wimmelt es von 

Masseusen, weiblichen Gesangskomikern, weiblichen Abteilungsvor- 

standen typischen Aussehens, mit kurz geschorenem Haar und mann- 

\ lichem Einschlag in der Kleidung, Gesellschaftsdamen usw. Wir hatten 

j unter anderem lange Jahre einen stadtbekannten weiblichen Omnibus- 

/ Expediter und in letzter Zeit sogar einen weiblichen Jockey bei den 

I Pferderennen in Budapest. Sichere Anzeichen sprechen fur eine vor- 

l sichtige Restringierung der Tribadie in streng interne Kreise, trotzdem 

\ der Urninde die Moglichkeit sich auszuleben hierzulande viel leichter 

\ ist als dem Urning, denn abgesehen von der nachsichtsvollen Beur- 

\teilung, die ihr vorweg gesichert erscheint, erwecken ihre Entre- 

\prisen keine besondere Aufmerksamkeit in der, liber weibliche Homo- 

texualitat fast gar nicht aufgeklarten Offentlichkeit. Die raannmann- 



Digitized by VjOOQIC 



545 

liche Liebc hingegen ist hier jedermann bekannt und begegnet p,l8 i 
unduldsames, verpontes Laster dermaBen der Anfeindung, dafi selbst 
Personen, die der Sache ganzlich fernstehen, sich verpflichtet fiihlen, 
Detektiv zu spielen und unklare Konnexionen, ja selbst harmlose 
Zusammenkunfte von nicht gleichaltrigen Freunden unter KontroUe zu 
stellen, eventuell nachzuforschen und die Polizei zu verstandigen. 
Auf dem Gebiete der Neugierde, Spionage und Denunziation wird in 
Osterreich schier das Unglaublichste geleistet. Es geniigt, wenn bei- 
spielsweisc ein alterer Herr einen jungen Burschen auf der StraBe um 
irgend welche Auskunft bittet, daB mehrere Voriibergehende stehen . 
bleiben, zuhorchen und beim Weggehen den Jungen fragen, was der I 
Herr von ihm gewoUt hat. Der Wachmann besitzt den Homosexuellen ' 
gegeniiber carte blanche. Er kann in Fallen, die ihm, beziehungsweise 
seiner Phantasie, halbwegs zweifelhaft erscheinen, unverziiglich ein- 
schreiten. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie im Stadtpark 
am hellen Tage zwei distinguierte Herren, ohne unmittelbare Veran- 
iassung vou einem Wachmanne coram publico zur Ausweisleistung 
verbalten wurden. Einem jungen Burschen, der tatsachlich nicht 
homosexuell ist, wurde von einem Wachmanne der Stadtpark verboten, 
weil er langere Zeit am Ufer des Teiches stehend, plotzlich einen neben 
ihn befindlichen Herrn frug, wie spat es sei. Ein anderer meiner Be- 
kannten erzahlte mir, es habe sich eines Tages in einer Tabak-Trafik 
spontan ein Wachmann vor ihm aufgepflanzt, ihm acharf ins Ge- 
sicht gestarrt und gesagt er miisse iiber hoheren Auftrag seine Fhysio- 
enomie in Vormerk nehmen. Ich selbst wurde einmal, als ich ahnungs- 
los im Prater aus einer Au trat, in der ich ganz allein spazieren ge- 
gangen war, von zwei Wachmannern, die, man hore und staune, im 
liaufschritt herbeikamen, eneigisch inquiriert, mit wem ich im Ge- 
holze gewesen sei. 

Solche Falle lieBen sich an Hunderte erzahlen. Grotesk an der 

fanzen Sache ist, daB ungeachtet dieses drakonischen Vorgehens der 
'olizei, ihr lustig die Nase gedreht wird. Wahrend sie die Homo- 
sexuellen aufs Korn nimmt, tummeln sich Plattenbriider, Erpresser, 
mannliche und weibliche StraBenhuren des Abends unbekiimmert und 
irech auf den Strichplatzen um sie herum. Selbstredend ist sie im 
Besitz einer bis in hochste Kreise hineinreichenden Nomenklatur. 

Kommen Fakten vor Gericht, werden sie weidlich ausgeschrotet. 
Das gerichtsarztliche Gutachten konstatiert fast stets voile Verant- 
wortlichkeit. Natiirlich! Osterreichs medizinischer Schule war es ja 
vorbehalten, eine Koryphae zu schaffen, jenen bekannten Professor 
Benedikt, der in kritikloser Verkennung einer Naturanlage, die Homo- 
sexuellen als Verbrecher stigmatisiert und zur Befreiung der Welt 
von diesen Scheusalen, deren Kastrierung oder Internierung in einem 
Narrenhause empfiehlt. Aber selbst in den seltenen Ausnahmsfallen 
wo unwiderstehlicher Zwang oder verminderte Willenskraft diagnosti- 
ziert wird, erfolgt erbarmungslos Verurteilung. Als ich vor einicen 
Jahren Gelegenheit hatte, mit einem Oberlandesgerichtsrate dariiber 
zu sprechen, sagte er mir: „Wir wurden angewiesen, uns nicht durch 
freisprechende Erkenntnisse in Gegensatz zur Berufungsinstanz zu 
setzen, welche dieselben prinzipiell kassiert." tTberfliissig, zu be- 
tonen, daB infolgedessen die Chantage hier iippig bliiht. 

Hat man solchermaBen einen Vorgeschmack von der Tendenz 
osterreichischer Judikatur empfan^en, wird es nicht Wunder nehmen, 
zu horen, daB die gleiche Gerechtigkeit in bezug auf das Motiv, auch 
hinsichtlich des Angeklagten obwaltet. Ist es ein Mann aus dem 
Volke oder dem Mittelstande, dann weh* ihm. Ist es ein Mann von 
Rang und Namen, dann mogen wohl die Schillerschen Verse ange- 
bracht sein : 

„Ihm diirfen wir nicht rachend nah'n, 
Er wandelt frei des Lebens Eahnl" 
Hirschfeld, HomosexualitSt. gg 



Digitized by VjOOQIC 



546 

Bei der Weltfremdheit unserer Richter, deren auswendig gelernte 
Wissenschaft anlaClich solcher Falle ihre ganze Hilflosigkeit erweist, 
kann die Rechtspflege nicht anders beschaffen sein. Nicht umsonst 
sagt der bekannte Satiriker und Publizist Karl Kraus: „Ieh bin ea 
miide. osterreichische Richter in Sexualfragen aufzuklaren I" 

Gebaut auf dieser Basis, kann das neue Strafgesetz we nig Er-. 
freuliches bringen. Allenthalben und stets liort man nur von der 
Riicksichtnahme auf die offentiiche Meinung, auf das Volksempfinden 
sprechen. Als ob dieses Argument bei anderen sozialen Fragen je- 
mals in Erwagung gezogen wiirde. Demgegeniiber verhalten sich 
OsteiTeichs Homosexuelle vollig passiv. Der gebildete Wiener mit 
seiner eigenartigen Exklusivitat, die die an ihm besimgene Ge- 
miitlichkeit griindlich ad absurdum fiihrt, zeigt aucli in dieser 
Interessensphare, speziell dort, wo es sich um die Verfolgung 
idealer Ziele, um gemeinsamen Sinn und gemeinsame Tat handelt, 
dieselbe hart an Egoismus streifende Tendenz, unbeschadet der trau- 
rigen Tatsache, daB hierdurch dem Gegner eminenter Vorschub ge- 
leistet wird. Alle Bemiihungen, sie aufzuriitteln und die Empfindung 
der Zusammengehorigkeit zu wecken, blieben erfolglos. Nach wie vor 
gelit jeder seine eigenen Wege und kiimmert sich des Teufels um das, 
was die Zukunft bringt. Erst ganz neuerdings wird von der Jiildung 
einer „M' i s sens c haft li c h - h uman i tare n Gescllschaft 
berichtet, die nach deutschem Muster auf Gesetzgebung imd Bevol- 
kerung aufklarend wirken will. 

Wie der aus Deutschland (Mannheim) stammende K r a f f t - 
E b i ng in Osterreich fiir die Urninge. wirkte, so war kurze Zeit nach 
ihm ein Osterreicher fiir seine verfolgten Briider in Deutschland tatig, 
iiidem erj durch Wort, Schrift imd Tat den Kampf aufnahm, den die. 
W^issenschaft fiir ihre Rechte begonnen hatte : Hermann Freiherr 
von T e s c h e n b e r g i^), gemeinsam mit Leo Pavia, Verdeutscher 
Oscar AVildes. 

Mil dem Namen Wildes kommen wir zu der zweiten 
groBen Landergruppe, die wir in bezug auf den Uranismus 
einer kurzen Betrachtung unterziehen wollten, der angel- 
sachsischen, in erster Linie zu England. Audi won 
Britannien haben manche viel gereiste Uranier behauptet, daO 
es das homosexuellste Land der Welt sei. Es dlirfte schwer 
halten, dies zu 'beweisen, daB aber der Uranisums dort bei beiden 
Geschlechtern sehr weit verbreitet ist, darf als sicher gelten. 

Wer es bezvveifelt, lese die vortreffliche Artikelserie von I. L. 
Pa via 20) iiber: Die mannliche Ilomoscxualitat in England. Sehr 
viele seiner Angaben habe ich auf einer dreimaligen Studienreise nach 
England und Schottland unter Fiilirung englischer Experten dmch 
eigeno Anschauung bestiitigt gcfunden. 

Ziemlich ausfiihrliche Schilderungen aus dem englischen Urnings- 
leben finden sich auch schon bei U 1 r i c h s , namcntlich in Memnon -i). 
Besonders wird der ausgedehnte homosexuelle Bekanntenkreis eines 

P) Cf. Vierteljahrsberichte des wissenschaftl.-hum. Komitees. 
III. Jalirg. p. 243. 

20) I. L. Pavia, Die mannliche Homosexualitat in England 
mit besonderer Beriicksichtigung London*. Ein Beitrag zur Sitten- 
geschichte, In „Vierteljalirsberichte des wissenschaftlich-humani- 
taren Komitees" I. Jahi^. 1909. p. 3G2— 378 ; 11. Jahrg. 1910, p. 18— iL 
397—408: III. Jahrg. 1911, p. 32—49, 1G6— 181, 297—316. . 

21) L. c. p. 137. 



Digitized by VjOOQIC 



547 

„jungen englischen Urnings der distinguiertesten Kreise", der „Viola 
genannt wurde, beschrieben. In einem vom 12. Januar 1868 datierten 
Sriefe an Ulrichs heiCt es : „Das urnische Leben in London ist 
iiber jede Vorstellung. In einem luxuriosen Cafe chantant, das haupt- 
sachlich von 11 — 1 TJhr nachts stark besucht ist, sind ganze Tische 
nur von Urningen okkupiert. In der City besteht ein Klub junger 
Kaufleute, in den ich zweimal als Gast eingefiihrt ward. Hier ist- 
Uranismus so stark vertreten, daU er die Kegel bildet, einen Dioning 
zeigt man sich heimlich mit den Fingern." Ulrichs fiigt hinzu: 
„England, nm den Uranismus auszurotten, bedroht Urningsliebe jetzt 
gesetzlich mit 15 Jahren schweren Kerkers, etwa Zuchthaus. Alle 
Natur s p o 1 1 e t der Barbarei." 

Im Grunde genommen ist es freilich in England, von geringen 
Modifikationen abgesehen, dasselbe Bild wie iiberall. Was in Wien 
der Prater, ist in London der Hydepark, der Union Square New Yorks, 
heifit hier Leicester Square, die Pariser Alhambra nennt sich an der 
Themse Colosseum, die Promenaden von Ostende befinden sich am 
Strando von Brighton, die Horse- und Footguards vertreten die Leib- 
und Lieblingsregimenter anderer GroBmachte, Plymouth ist Kiel und 
was in Frankreich Chanteur, in= Deutschland ' Preller heiBt, wird in 
England Renter genannt. Einer der groCten Sammelplatze internatio- 
naleu Urningtimis ist am Marble Arch in London. Wahrend die Dak- 
tylisteu bei den Meetings des angrenzenden Hydeparks auf ihre 
Kosten kommen, suchen die Visionisten und Exhibitionisten die unter- 
irdischen Bediirfnisanstalten auf, vor allem aber treffen sich die Sol- 
datenfreundc in den benachbarten Bars, in denen das Angebot der 
Life- und Foot-Guards die Nachf rage meist weit iibersteigt. Da man 
ipilitarische Lokalverbote in England nicht kennt, sind es schon seit 
Jahrzehnten dieselben „Inns** (Restaurants), in denen Soldaten ;Und 
Homosexuellc Freundschaft schlieUen. 

Charakteristisch fiir engiische Homosexuelle ist eine Form der 
Betatigung, die uns den Ansdruck „stumme Siinde" verst^ndlich macht. 
Sie besteht darin, daC sich. im Gedriinge zwei mannliche oder auch 
weibliche Personen wechselseitig betas ten und masturbatorisch voU- 
kommen befriedigen, ohuje daB auch nur eine Silbe gewechselt, ja, 
bhnc daC kaum eine Miene verzogen wird. Fremd wie vorher gehen 
feeidc post actum ohne GruB voneinander. 

Ein Deutscher erzahlte mir, daC er einmal nach einem solchen 
Verkehr den partner gefragt hatte, ob sie nicht ein Glas Bier zu- 
sammen trinken woUten, worauf er die lakonische Antwort erhalten 
hatte: ,.No, Sir." 

Auf der Galerie und im Parterre einiger Vari6t6s treffen isich 
an manchen Abenden Hunderte von Homosexuellen ; die Vorgange 
auf der Biihne keines Blickes wiirdigend, kniipfen sie entweder jiur 
Bekanntschaften an, oder geben sich in ausgedehnter Weise, begiin- 
stigt von der Dunkelheit und dem Gedrange, dem tactus genitalium oft 
nach beiden Seiten hin. Ganz dem gleichen Zwecke dienen die 
Meetings im Hydepark. Wahrend hier ein Methodistenprediger mit 
flteigender Begeisterung das 'Reich Gottes preist, und neben ihm Man- 
ner und Frauen der Heilsarmee fromme Hymnen erschallen lassen, 
umdrangen sie Leute, deren verziickte Gesichter durchaus nicht immer, 
'Wie man zuerst meint, religiose, sondern vom Nachbarn ausgeloste 
^rotische Lustgefiihle widerspiegeln ; ats aber einmal ein Redner an 
dieser selben Stelle auftrat, an der man sonst iiber, fiir und gegen 
ailes spreohen darf, um mit sachlichem Ernst das homosexuelle Pro- 
blem zu erortern, wurde er vom PuWikum verhohnt und von der. 
Polizei entfernt. Das ist England, das noch in unseren Tagen seinen 
^lanzendsten Dichter die Tretmiihle treten liefi fiir eine Handlung, 
•die taglich dort Tausende ungestraft begehen, England, das einem 
jHavelock Ellis die • Herausgabe seiner streng wissenschaftiiehen 

35* 



Digitized by VjOOQIC 



548 

psychosexuellen Studien in der Heimat umnoglich machte, ja, dessen 
Britisches Museum sich weigert, sie auch nur in seinem Katalog auf- 
zufiihren ; England, in dem auch die von einem arztlichen Kollegen 
verfafite Dbersetzung meiner „Geschlechtsiibergange" nicht erscheinen 
konnte, . dessen Privatgesellschaften, einschlieBlich der „so-parties" 
aber nur zu oft in ungeziigelte Orgien ausarten, bei denen der Ent- 
bloCungs- und Schautrieb in gleicher Weise befriedigt wird, und in 
dem einmal ein Mediziner, mit dem ich die homosexuelle Frage er- 
orU^rte, antwortete: „Hier kann man selbst mit Arzten oder Juristen 
nicht uber die sexuelle Frage sprechen, entweder haben sie einen 
Eke I oder eine Erektion." Wenn man eine engliscbe Gerichtsver- 
handlung verfolgt, die eine homosexuelle Begebenheit zum Gegen- 
stande hat, kann man oft beim besten Willen nicht unterscheiden, 
ob man es bei den Kechtsvertretern mehr mit einer Weltfremdheit 
oder bewuBter Heuchelei zu tun hat. Bei einem ProzeB in Old Bailey, 
dem ich beiwohnte, waren zwei typisch Homosexuelle angeklagt, die 
von einem Polizisten ertappt waren, als der eine the person des 
anderen, so bezeichnen die englischen Richtsr euphemistisch das miinn- 
liche Genitaloi^an, in der Hand hielt. Der Verteidiger fiihrte aus, 
der Polizist hatte die Situation vollig verkannt, der eine Angeschul- 
digte ware betrunken gewesen, und hatte sich infolgedessen seine 
Kleider nicht allein ordnen konnen. Lediglich dabei ware ihm der 
andere behilflich gewesen. Sie wurden freigesprochen. Ebenfalls 
Freispruch erfolgte in einem anderen Falle, in dem mehrere Homo- 
sexuelle in Frauenkleidern festgenommen waren. Bei dieser Gelegen- 
heit meinte der Staatsanwalt : bisher ware England ja noch gliicklicher- 
weise von dieser kontinentalen Pest — er meinte die Homosexu- 
alitat — verschont geblieben. Kommt es zu einer Verurteilung. so 
sind die Strafen furchtbar streng. Noch bis zum Jahre 1861 stand 
auf Pedikation (Buggery) die Todesstrafe, bis 1891 lebensliingliches 
Zuchthaus. Seitdem trat eine Milderung ein, die dem llichter ge- 
stattet, bis auf wenige Jahre Zuchthaus herabzugehen, immerhin nucb 
genug, wenn man bedenkt, daB die Handlung im Jahre 1533 von dem 
zum Protestantismus iibergetretenen Heinrich VIII. (1509 — 1547) 
iiberhaupt erst zum Verbrechen gestempelt wurde. Die Verbesserungen 
auf der einen Seite wurden durch Verschlimmerungen auf der andereu 
Seite mehr als ausgeglichen. Wahrend bis 1885 nur der aktive und 
passive coitus analis strafbar waren — auch immissio in os gait 
nicht als buggery — wurde von diesem Jahre ab durch die Criminal 
Law Amendment Act: „Jedes mannliche Wesen, welches offentlich 
oder im Geheimen irgend einen Akt der groben Unzucht mit einem 
mannlichen Wesen begeht, dem Begehen Vorschub leistet, oder es 
bewerkstelligt oder zu bewerkstelligen versucht", mit einer Kerker- 
strafe bis zu zwei Jahren bestraft. Nach diesem neuen Gesetz wurde 
10 Jahre nach seiner Einfiihrung (25. Mai 1895) auch Oscar Wilde 
abgeurteilt. Die Strafe, die er erlitt, zwei Jahre imprisonment with 
hard labour, war idie hochst zulassige, da sie „ein Maximum von 
Arbeit mit einem Minimum von Essen" verbindet. Es kommt nicht 
selten vor, daB Verurteilte bitten, ihnen diese zwei Jahre Kerker 
giitigst in drei Jahre Zuchthaus umwandeln zu wollen. Die abscheu- 
lichste Einrichtung im englischen Gerichtsverfahren sind aber die 
auch fiir Homosexuelle sehr verhiingnisvollen Kronzeugen, die Kom- 
plizen des Angeklagten, denen Freispruch zugesichert wird, wenn sie 
gegen mitschuldige Tater die Wahrheit eingestehen. Sie spielten auch 
in Wildes Scnulfall eine entscheidende Rolle. Mit oerechtigter 
Emporunjg ruft Pa via aus: „So muBte der ungliickliche Oscar 
W i 1 d e eine Kerkerstrafe von fast zwei jahriger Dauer erleiden, wah* 
rend die Erpresser und Lumpe, die als Kronzeugen gegen ihn aufge- 
treten sind, obwohl sie ihre friiheren Erpressungsakte und ihren ge- 
schlechtlichen Verkehr mit Wilde zugaben, ganz frei davon- 



Digitized by VjOOQIC 



549 

Isamen/'^^) Die Grausamkeit der englisohen Gesetze ist um so grofier, 
a)3 mit achweren Zuchthausstrafen bestraft wird, was viele Tausende 
taglich ungestraft tun, dena die schweren Strafandrohungen *') hindern 
weder die reichen Uminge in West- nooh die armen in East-London, 
noob die in den Provinzen sich aus^edehnt homosexuell zu betati- 
gen. WoUte oder konnte England dieienigen, die sich niir an ein- 
zigen Tagen gegen die antihomosexuellen BestimmunRen vergehen, 
ernstlich zor Rechenschaft Ziehen, es miiBte fiir ihre IJnterbringung 
auvor mindestens 100 neue Gefangenanstalten bauen. 

Die „Con8>piration of silence'", die seitens der Presse, Publi- 

kum und Polizei gegeniiber dem Urningtum in England herrscht, 

wird nur alle paar Jahre einmal — und das ist schon seit JaJir- 

hunderten so — von einem Skandal unterbrochen, der wie ein 

greller Blitz das Schlachtfeld beleuchtet, auf das sich alsbald 

wieder scheinbare Grabesruhe senkt. 

Zwei der letzten Falle betrafen Prinzen von Braganza 2*). 
Der eine hatte sich wahrend der Kronungsfeierlichkeiten im Jahre 1902 
abends spat mit drei Burschen in ein beriichtigtes Quartier nach 
Southwark be^eben — ich sah selbst das sehr obsknre Haus. Der Por- 
tier, duroh die ele^nte Soir6etoilette des Fremden aufmerksam ge- 
macht, bohrte ein Loch in die Zimmertiir des Mieters und rief die 
P-otizei herbei, die den Herzog voUig entkleidet iiberraschte. Er wurde 
aus nicht vollig aufgeklS,rten Griinden frei^esprochen, wahrend die 
drei Burschen Kerkerstrafen erhielten. Weniger gut kam der andere 
Braganza 2^), ein 59 jahriger romisch-katholischer Priester fort, 
dessen Fall sich 10 Jahre spater zutrug. Er hatte sich an einem 
jungen Diener Preston ver^angen, der kurze Zeit bei ihm be- 
schaftigt war. Ein anderer Diener, vermutlich ein Erpresser, erstat- 
tete die Anzeige. Trotzdem der Herzog, der 16 Jahre lang auf St. 
Helena unter groBter Anerkennung als Priester gewirkt hatte, die Aus- 
sagen des Jungen bestritt, lautete das Urteil auf 10 Jahre Zucht- 
haus. Bei Prozessen wie den beiden letztgenannten sprechen die 
englischen Richter und Zeitungen gem von den durch Fremde ein- 
geschleppten, dem englischen Temperament so fern liegenden Lastern, 
eine puritanische Uberhebung, wie sie unberechtigter und krasser 
gar nicht gedacht werden kann, konnte man doch eher im GegenteiJ 
behaupten, daB die Englander die Homosexualitat ins Ausland tragen, 
denn Paris, Florenz, Nizza, Kairo und andere Platze wimmeln von 
englischen Urningen, die sich vor den Gesetzen und zahlreichen Er- 
presseru ihrer Heimat fliichten. 

In letzter Zeit mehren sich die Zeichen, daB auch in Eng- 
land die starke Mauer scheinheiliger Voreingenommenheit, die 
zwischen der theoretischen Wissenschaft und der jraktischen 



«2) L. c. p. 405. 

«8) Wilde hat in der „Ballad of Reading Gaol" diese „hard 
labour" mit erschreckender Plastik wiedergegeben : 
„We tore the tarry rope to shreds 
With blunt and bleeding nails ; 
We rubbed the doors, and scrubbed the floors, 

And cleaned the shining rails: 
And, rank by rank, we soaked the plank 
And clattered with the pails." 
«*) Cf. Jahrb. f. sex. Zw. Jahrg. V. Bd. 2. p. 1267 ff. 1903. 
«&) Cf. Vierteljahrsberichte, Jahrg. III. p. 456 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



650 

Befolgung ihrer EtrungenSchaften steht, ein wenig ins Wanken 
ger.at. E.s ist auch kaum andars denkbar, dafi die Saat, die 
Westermarek, Ellis, Carpenter und vor allem Dar- 
win aus<^estreut haben, iiber kurz oder lang selbst auf dem 
steinigeii Boden Englands Friichte zeitigen wird. Ein vielver- 
sprechender Anfang war die anlaBlich des internationalen Arzte- 
kongresses in London 1913 von mir veranstaltete Ausstellung 
der „sexual transitions*' (Gesehlechtsubergange), die zehn Jahre 
zuvor noch kaum ausftihrbar sich nun im Imperial college of 
Bcienco and technology des Interesses und, der Anerkennung 
weitei* Kreise zu erfreuen hatte. 

Noch um einen Grad versteckter als im U n i t e d Kingdom 
spielt sich das homosexuelle Leben in den United States ab. 
So konnte ich bei einem' Besuche von Philadelphia und Boston 
kaunl etwas von Homosexualitiit wahrnehmen, wahrend mir 
Besucher aus jenen Stadten spater versicherten, dafi in diesen 
Zentren der Quaker und Puritaner in intimen Kreisen ^,kolos- 
sal viel los" sei. Immerhin unterscheiden sich die Vereinigten 
Staaten insofern vorteilhaft von dem vereinigten Konigreich, 
als in ihnen der wissenschaftlichen Literatur iiber die Homo- 
sexualitat ein etwas freierer Spielraum gegeben ist, mehr als 
ein Manuskript wanderte von England iiber den Atlantischen 
Ozean, um in Amerika einen Verleger und Drucker zu finden, 
auch die Gesetze sind weniger drakonisch als im Mutterlande, 
doch sind die Vorurteile und die Unwissenheit immer noch stark 
genug. Dabei liegen sichere Anhaltspunkte vor, dafi schon in 
der indianischen Urbevolkerung der Uranismus bekannt war, 
und dafi unter den vielen Volkern, die sich in dem grofien 
Schmelztiegel Amerikas gemischt finden, nicht eines ist von den 
Yankees und Deutschen bis zu den Negern und Chinesen, das 
frei von Homosexuellen ist. Hat doch so mancher urnische 
Offizier und Beamte, dem der europaische Boden zu heifi unter 
den FiiCen wurde, so mancher Kaufmann und Akademiker in 
der neuen Welt ein neues Leben begonnen, ohne damit den alten 
Menschen zu andern, an dessen Eigenart alsbald nach seiner 
Landung im Zentralpark von New York dieselbe Versuchung 
herantrat, wie in der Heimat. 

Der Prozentsatz unter den Eingeborenen diirfte dem unter deu Ein- 
wanderern wenig nachgeben. Erst vor kurzem muBte ein Admiral 
der pazifisclien Flotte seinen Abschied nehmen, weil seine Homosexu- 
alitat offenkundig geworden war. Im allgemeinen scheinen allerdings 
Jiorccsexuelle Skandalaffaren weniger haufig vorzukommen als in em*o- 
paischen Staaten. Dagegen berichten die amerikanischen Zeitungen 
ungewohnlich oft von Mannern, die in Frauenkleidcrn und Frauen, 
die iii'Mannerkleidern aufgegriffen wurden. Oft sind diese Mitteilun- 
gen und Vorkommnisse sehr kurios. So muBte ein Mann, der nicht 



Digitized by VjOOQIC 



551 

davon lassen konnte, als> Frau zu gehen, auf seiner Taille ein Schild 
toit der Aufschrift tragen: „Ich bin eiti Mann"26). .., , 

Wenn auch nichit alle, so sind doch.'ein grofier Teil. der ameri- 
kanischen Transvestiten homosexuell. In Chicago wurde mir auf der 
Clark Street ein Negermadchen vorgestellt, hinter der siclj ein mann- 
licher Prostituierter verbarg. Zwei andere Transvestiten dagegen, die 
ich personlich kennen lernte. aus San Francisco und New York, waren 
heterosexuell. Auch stark vergeistigte Homosexualitat ist. in Ame^ 
rika haufig; ein gutes Beispiel bietet der Dichter der tameradenliebe, 
Walt W h i t m a n , den B e r t z den „Yahkee-Heiland" . nannte. . In 
einer seiner Dichtungen sagt er: 

Ich bin verliebt in das Dasein unter freiem Himmel, 

In Milnner, die mit dem Vieh leben oder den Hauch des Ozcans oder 

des Waldes ausstromen, 
In Schiffbauer und Steuerleute, in Axt- und Schlegelschwinger ttnd in 

Rosselenker, 
Wochc fiir Woche kann ich mit ihnen essen uiid schlafen." 

Mit Recht bemerkt dazu sein Biograph Eduard Bert z 27): 
„Seine Schmeichler sind voUig im Irrtum, wenn sie glanben, 
er babe lediglich in kiinstlerischer Absicht und zu Studienzwecken 
mit den Omnibuskutschem des Broadways und den Piloten, Matrosen 
und Deckarbeitern der Fahrboote Kameradschaft geschlossan. Ebenso 
unzutrefi'end ist es, wenn Gabriel Sarrazin sagt, es gereiche ihm. sehr 
aur Ehre, dafi er diese Vorliebe fiir die Schichten gehabt habe, die 
von den Snobs aller Lander das gemeine Volk genannt wiirden. Nein, 
diese Kameradschaft war ihm Selbstzweck ; sie war ein Zug seiner 
Natur, der ihn durch seine ganze Laufbahn an „kraftvolle, ungebil- 
dete Leute** fesselte. "^ 

Ein urnischer Gelehrter aus dem Staate Colorado schreibt 
mir: 

.,In Denver kenne ich eine Menge Homosexueller, personlich oder 
vom Ilorensagen. In diesem Moment erinnere ich mich an 5 Musiker, 
3 Lehrer, 3 Kunsthandler, 1 Pfarrer, 1 Richter, 2 Schauspieler, 
1 Blumenhandler, 1 Damenschneider. Ein junger Kiinstler von aus- 
nehmend feinem Geschmack und nobler Gesinnung gibt Abendgesell- 
schaften, zu denen einige seiner homosexuellen Freunde in Frauen- 
kleidern erscheinen. In Denver gibt es keinen ausgesprochen'en 
„Strich**; mannliche Prostituierte trifft man manchmal in dem Capitol- 
Garten an, aber nicht in groBer Anzahl. 

Die tiirkischen Bader, welche in New York, Boston, Philadelphia 
und Chicago als Treffpunkte dienen, bieten bei uns wenig. Man trifft 
selten Homosexuelle in ihnen, doch sind von den 9 Masseuren in den 
Badern von Denver 6 als tolerant bekannt und wahrscheinlich 
selbst „so*\ 

.Unter den zahlreichen tiirkischen Badern in New 't'ork ist 
eins am Nachmittag und eins in der Nacht viel von Homo- 
sexuellen besucht, in Boston ,,T. . . str.", in Chicago „P. . . str."; 
in Philadelphia existiert ein Bad, in welchem man Sonnabend 
Nacht ca. 60 Homosexuelle treffen kann, unter einem homosexuellen 
Bademei^ter, der die Aufsicht mit gebiihrender Riicksicht gegcn die 
Klientelder Anstalt fiihrt. Im allgemeinen kann man sagen, dai3 die 
tiirkischen Bader in Amerika ein sicherer Ort fiir Homosexuelle sind. 
Per Eintrittspreis von 1 Dollar ist geniigend hoch, um den gewohn- 
lichen mannlichen Prostituierten fernznhalten. Die Leute, welchen 



26) Cf. Transvestiten. p. 362. 

27) Jahrb. f. sex. Zw. VII. Jahrg. Bd. 2. p. 153 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



652 

man dort begegnet, sind nicht, um zu erpressen, hing^gangen. Na- 
tiirlicli sind nicht alle Besucher notgedrungen homosexaell. Urninge 
von atiBerhalb scheuen sich nicht, die tiirkischeh Bader aufzusuchen, 
wabreud die Einheimischen vorsichtiger sein miissen. Ein Bekannter 
schreibt mir, daB in einer Badeanstalt einer kleinen Stadt in Ohio 
der einzigc Bademeister, ein Mulatte, absolut homosexuell sei. 

In der Nahe von Denver liegt ein Fort mit einigen hundert Mann 
Besatzung. Letzten Sommer hat sich mir einmal ein Soldat von dort auf 
der StraBe in Denver angeboten. Man hat mir erzahlt, daB das in San 
Francisco und auch in Chicago ofters passiert. Ich entsinne mich, vor 
langerer Zeit einen Soldaten in San Antonio, Texas, strichend getroffen 
zu haben, und letzten Sommer einen jungen Matrosen aus Massachusetts. 
Dieser suchte sich spat nachts auf den StraBen einer Sommerfrische homo- 
sexuellen Verkehr. In alien diesen Fallen war es schwer festzustellen, 
ob die Soldaten „echt" waren oder Prostituierte oder faute de mieux 
mit Mannern vorlieb nahmen. Die Linie ist nie leicht zu ziehen, und 
heutigen Tags, bei den teuren Zeiten, kann jemand sich leicht bewogen 
fiihlen, auf irgendeine Art etwas Taschengeld zu verdienen. 

Das ganze Thema wird hier fast niemals beruhrt, und nur gezahlte 
Nord-Amerikaner wissen, daB Homosexualitat jetzt wissenschaftlich 
untersucht wird. 

Ich will Ihnen nun einiges iiber die Universitat mitteilen, an der 
ich Professor bin. Wir haben hier ca. 1000 mannliche Studenten, unter 
denen sich wohl der gewohnliche Prozentsatz von Homosexuellen be- 
findet, aber es ist schwer, das Faktum zu beweisen. Haufig bemerke 
ich an Studenten alle Merkmale der Homosexuellen. Augenblicklich 
kennc ich einen, bei dem jeder Zweifel ausgeschlossen ist. Er ist 
26 Jahro alt, in Denver geboren, und wohnt seit seinem 8. Jahre hier. 
Durchaus arm, muB er sehr okonomisch leben, und hatte ich manchmal 
GeJegenheit, ihm Konzert-Billette zu besorgen, wodurch ich sein Ver- 
trauen gewann. Seine freie Zeit verbringt er mit dem Aufputzen von 
Hiiten und mit dem Ausdenken von JDamenkleidern. Von einigen 
jungen Leuten spricht er mit Enthusiasmus, aber ich bin iiberzeugt, 
daB er sich bis jetzt mit gar keinem Menschen eingelassen hat. Er 
schwarmt fiir Musik und feine Parfumerien. Bis dato habe ich nicht 

fewagt, ihn aufzuklaren, da er auBerst empfindlich ist. Ober diesen 
'all bin ich vollkommen sicher. AuBerdem kenne ich zwei Stu- 
denten der Jurisprudenz, die immer zusammenhalten und die geneckt 
werden, wie „Mann und Frau" zu sein. Einer von diesen beiden er- 
zahlte mir kiirzlich, er ware im Sommer einen Monat mit einem Schau- 
spieler zusammen gewesen, von dem ich bestimmt weiB, daB er homo- 
sexuell ist. 

Vor vier Jahren hatte sich ein Student im Ingenieur-Fach in dem 
Gebaude der „Young Men's Christian Association mit Jungens ein- 
gelassen; er wurde arretiert imd nach der Polizeiwache gebracht, wo er 
sich mit seinem Revolver erschoB. Er war der Sohn eines Professors. 

Ein friiherer Schiiler von mir — jetzt ist er selbst Professor an 
einer der angesehensten Universitiiten in den Ost-Staaten — , der vor 
10 Jaliren unsere Hochschule verlieB, hat sich mir vor 2 Jahren als 
Urning zu erkennen gegeben. Ein anderer homosexueller Student, der 
uns vor 3 Jahren verlieB, ist jetzt ein begabter Mitarbeiter an einer 
New Yorker Zeitung. Sein friiheres Verhaltnis, der nach seinem eigenen 
Bekenntnis schon jede Art von homosexuellen Handlungen vorge- 
nommen hat, schreibt augenblicklich fiir eine Zeitschrift in New 
York. Er setzte kurzlich seine Bekannten durch eine Anzeige seiner 
baldigen Heirat in Erstaunen. Ein anderer Zogling von uns ist einer 
der gefeiertsten Schauspieler in ganz Nordamerika. Als Junge be- 
stand er darauf, mit dem Madchennamen Sadie gerufen zu werden. 
Ferner kenne ich an unserm kleinen Platz noch einen Homosexuellen, 
der fiir seine alte Mutter sorgt lind alle hauslichen Arbeiten verrichtet. 



Digitized by VjOOQIC 



563 

Er ist jetzt 45 Jahre alt, friiher soil er ein Eorsett ^etragen und 
stark „roage*' auf^etragen habea. Nicht ein mal habe ich jemanden 
vernunftig iiber ihn urteilen horen. Wenn eine Truppe voruber- 
gehend im hiesigen Theater spielt, halt er sich gern an der Aus- 
gangatiir fur die Schaospieler auf; und bier kann ich einfiigen, da0 
die Schauspieler ihm haufig „gefallig" sind. 

Vor einigen Jahren graduierte an unserer Universitat eine junge 
Dame, sehr resolut und mit tiefer Stimme. Ich hatte schon immer 
starken Argwohn, als ich kiirzlich von einer befreundeten Dame eine 
luBerung iiber sie horte, die meine Vermutungen vollauf bestatigto.'* 

Aus Boston geht uns f olgende Zuschrif t zu : 

„Ich freue mich stets, auch iiber den geringsten Erfolg, welchen 
Sie iiber alteingewnrzelte Vorurteile erringen. Und auch hier in Ame- 
rika tate ein solches Wirken recht not. Jedoch bei der anglo-ameri- 
kanischen Heuchelei ist einstweilen noch keine Aussicht vorhanden, dal? 
irgend ein Mann der Wissenschaft Verstandnis und Mut genug besaBe, 
den Schleier zu liiften, welcher iiber dem Wesen der Homosexuellen 
hierzulande ruht. Und wieviele Homosexuelle habe ich kennen gelernt. 
Boston, die gute alte Puritanerstadt, zahlt sie in die Hunderte und den 
groBten Prozentsatz nach meiner Erfahrung vStellen die Yankees aus 
Massachusetts und Maine, desgleichen New Hampshire. Auch franzo- 
sische Kanadier stellen eine unvergleichlich groCe Anzahl Homo- 
sexueller. Die Unwissenheit iiber ihr eigenes Wesen ist unter fast alien 
hiesigen Urningen, welche ich hier kennen lernte, eine ganz erstaun- 
liche. Der moralische Ton ist in der Gesamtheit ein recht niedriger. 
Das letztere ist wohl Folge des absoluten Todschweigens und der 
IntoJeranz, welche noch niemals und nirgends Moralitat gefordert hat. 
Doch mit dem Anwachsen der Bevolkerung und der sich immer mehr 
verbreitenden Intelligenz wird auch hier die Zeit kommen, wo man 
dem Ratsel der Homosexualitat naher treten muB. Auch hier wie 
driiben erstreckt sich das Urningtum auf alle Klassen. Von den 
Slums des Northends bis in die hochfashionable Back Bay. Es sind 
mir von zuverlassigen Homosexuellen Namen genannt worden, welche 
sich bis in die hochsten Kreise Bostons, New lorks und Washingtons 
erstrecken, Namen, welche mich mit unsagbarem Erstaunen erfiill- 
ten. Auch habe ich die Wahrnehmung gemacht, daB die Bisexualitat 
ziemlich verbreitet sein muB, obgleich ich gestehe, daB ich den Mit- 
teiiungen homosexueller Freunde, welche behaupten, daB die Neigung 
zum weiblichen Greschlecht den groBeren Teil ihres Ich beherrsche, 
recht skeptisch gegeniiberstehe. Wesen und Handlungen stehen oft 
in direktem Widerspruche zu ihren Behauptungen. Ich amiisiere 
mich oft, wenn mir derartiges versichert wird, und ich solche Leute 
uberall treffe, wo keine Frauen zu finden sind." 

nber die ebenfalls „in den Staaten" weitverbreitete weibliche 
Homosexualitat ist neuerdings ein Aufsatz in H. GroB' Archiv, Bd. 55, 
p. 141 — 147 (Leipzig 1913), „Die kontrare Sexualempfindung des Wei- 
bes in den Vereinigten Staaten von Amerika" von Douglas C. McMurtrie, 
New York, erschienen. 

DaB auch die Amerikaner bald dieses, bald jenes Volk 
ftir die Homosexualitat verantwortlich machen, bedarf kaum 
der Erwahnung, so behauptete klirzlioh ein Kriminalbeamter 
aus den Sudstaaten, daB die mannliehe Prostitution sich erst 
mit der Einwanderung der italienischen Vergazzi in jenen Terri- 
torien verbreitet habe ; besonders wird immer gesagt, die Ameri- 
kaner behaupten, daB die unter ihnen wohnende gelbe Be- 
volkerung der Mannerliebe stark ergeben sei. Diese Bemerkung 



Digitized by VjOOQIC 



554 

durft« in ihrem positiyen Telle zutreffen, dagegen kaum in 
d^m negativen, daB namlich die weifle und schwarze Bevolke- 
rung es weniger seien. 

DaC der indianischen Urbevolkerung der Uranismus 
niclits weniger als fremd war, bezeug^n die verstreuten, aber sehr 
miteinander iibereinstimmenden Mibteilungen zahlraicher Forscher. So 
schrieb schon 1697 H e n n e p i n , ^s) von den Illinois, sie seien „scham- 
los bis zum Laster gegen die Natur und stecktsn manche ihrer 
Knaben in die Kieidung der Weiber, weil sie dieselben als solche be- 
nutzten. Diese verrichteten dann weibliclie Arbeiten und zogen weder auf 
die Jagd noch in den Krieg." — Ebenso de Lahontan: die Illinois 
und alle andern Mississippi-Stamme liatten einen ungliickseligen Hang 
zur Sodomie. lie r i o t 30) e^rzahlt, daU es bei den Illinois, den Sioux von 
Louisiana und den Bewohnern von Florida und Yucatan junge Man- 
ner gab. die weibliche Kleider annahmen und zeitlebens behielten. 
Sic fanden Befriedigung in Ausfiihrung der niedrigsten Arbeiten des 
andern Gesclilechts und heirateten niemals, dock beteiligten sie sich 
an alien religiosen Zeremonien, und infolge dieser auljergewohnlichen 
Lebensarl: erschienen sie iliren Stammesgenossen als Personen einer 
bolieren Wiirde. 

Nach J. M a r q u e 1 1 e 3^) veranlasse ein Aberglaube manche Illi- 
nois und Nadowessier, schon in jungen Jahren Weiberkleider anzn- 
kgen und ihr Lebenlang zu tragen ; sie verheiraten sich niemals 
und suchen ihren Ruhm darin, dali sie sich zu Arbeiten erniedrigen, 
welclie die Frauen verrichten ; sie ziehen zwar mit in den Krieg, aber 
sie diirfen sich dabei nur der Keule bedienen, niemals aber Bogen 
und Pfeil gebrauchen, welche ausschliefilich AVaffen der Manner sind. 
Sic wohnen alien Zauberspielen und auch den Festtanzen bei, die 
zur Ehrung des Kalumet veranstaltet werden, sie singen dort, diirfen 
aber nicht tanzen; sie werden in den Ratsversammlungen aufgerufen, 
in denen man ohne ihren Einflufi nichts entscheiden kann, und 
gelten infolge ihrer auCergewohnlichen Lebensfiihrung fiir Manitoos, 
d. h. fiir Genies oder auserlesene Menschen. 

Ganz iihnlich berichtet d e C h a r 1 e v o i x 32) von den Irokesen 
(Kanadiern), von denen andrerseits der Deutsche von Gagern^s) 
mitteilt, der Freund gelte ihnen mehr als die Gefahrtin. Die Semi- 
nolen, die heutigen Rothaute in Florida, haben nach Powell^*) die 
Einrichtung der fellowhood oder Bruderschaft. Zwei junge Manner 
beschlieCcn, als Freunde innjger denn Briider zu leben, einander 
jedes Vertrauen zu schenken und einander in jeder Gefahr zu be- 
schijt'/en. 

Den Berdashe- oder Bardache- (auch Icoocooha-) Tanz der Dacota 
schildert Catlings). Der Tanz wird jahrlich und auBerdem bei 
jedcr Neuwahl eines Bardache aufgefiihrt. Dies ist ein Mann in 
Weiberkleidung, der sein ganzes Leben die RoUe eines Weibes spielen 



28) R. p. L. Hennepin, Nouvelle decouverte . . . dans rAm6- 
rique 1697 p. 219. 

30) G. Heriot, Travels through the Canadas 1867, p. 278. 

3j) J. Marquette, Recit de voyages et de d^couvertes, 1675, 
p. 52. 

32) P. F. X. d e Charlevoix, Hist, et descript. gen. de la 
Nouvelle France 1744, VI, p. 4. 

«3) n. C. C. F. von Gag em. Die Resultate der Sitten- 
geschichte, Bd. V/VL 1882. p. 85. 

3*) V. Report of the Bur. of Ethnol. ot the Smithsonian Inst. 
Wash. 1887. p. 469. 

85) C. Cat 1 in, Manners, Customs of the Indians 1841. p. 124 f. 



Digitized by VjOOQIC 



555 

muB. Fur die auCerordentlichen -Vorreclite, deren er si-ch erfreut, 
darf er auch die iinwiirdigsten und erniedrigendsten Pflichten nicht 
ablehnen. Er ist immer der einzige seines Stammes, wird /aigleich 
als Arzt und als lieilig betrachtet, und man gibt ihm jahrlich ein 
Fest. Bei den Crows (Krahen-Indianern) erwiibnt schon Prinz z u 
W i e d ihrer Bardaches ; noch genauere Angaben verdanken wir A. B. 
Holder ^c) iiber die „Bote" genannten Manner. Das Wort .,Bote" 
bedeutet bei den Crows von "Montana „niclit Mann, nicht Weib", wiih- 
rend die Washington-Indianer diese Leute „burdach", d. li. lialb 
Weib, halb Mann nennen. Die Bote, die iibrigens auch bei den 
Schoschoni (Schlangen-Indianer) vorkommen, suchen ihre geschlecht- 
liche Befriedigung ausschlieBlich in Fellatio. Sie bilden cine Klasse 
in jedem Stamm und kniipfen freuudschaftliche Beziehungen init ihres- 
gleichen in andern Stammen an? so daU sie audi uber die ein- 
schlagigen Verhaltnisse der Nachbarstamme genau unterrichtet sind. 
Sie verrichten weibliche Arboiten mit solcher Anstelligkeit und Wil- 
iigkeit, dal) sie auch bei der weiBen Bevolkerung haufig Beschiiftiginig 
erhalten. 

Bisweilen haben sie an Weibes S telle jahrelang vertraulichen Um- 
gang mit ein und demselben Manne und leben mit diesem glcichsam 
in richtiger ehelicher Gemeinschaft, gewohnlich aber sind sie bereit, 
jedem Manne zu willfahren, der ihre Dienste verlangt. 

Ahnliche Mitteilungen liogen audi iiber die nordpazifischen Rot- 
haute vor, von der Nordwestkiiste, Kalifornien und aus Nordmexiko, 
deren fiir religiose Zwecke kiinstlich effeminierte Mujerados durcli 
die klassisclie Besclireibung Hammond s^?) eine besondere Beriihmt- 
lieit erlangt haben. Mit eigeiitlicher Homosexualitat scheinen diese 
absichtlich impotent gomaohten Halbkastraten abcr sehr wenig zu 
tun zu haben. 

Ahnlich wio die nordamerikanischeist die isiidafri- 
kanischeUnion ein Tochterland hollandiseher und encrlischer 
Ansiedler, die auch ihre Moralanschauungen dem fremden Boden 
als ein Stliek vaterlandischer Kultur einpflanzten. Auch hier 
wird uns der Bsricht eines eingesessenen Saehkenners — aus 
Johannesburg — in die urnischen Verhaltnisso der Kolonie 
einen guton Einblick gewahren; er ischreibt: 

„Homo- und Bisexualitat sind in Transvaal stark verbreitet — 
erstere ungefahr in gleichem Verhaltnisse wie in London, letztere 
wahrscheinlich in grofierem MaBe, oder um mich genau auszudriicken, 
bisexuell veranlagte Manner werden sich hier infolge der Verhalt- 
nisse mehr wie anderswo dem homosexuellen denn dem heterosexu- 
ellen Verkehr hingeben. Es sind mir hier einige Falle von intimen 
Beziehungen zwischen Mannern bekannt, wo es mir wahrscheinlich 
erscheint, daB dieselben nicht bestehen wiirden, wenn die hiesigen 
englischen Anschauungen dieselbe Freiheit im heterosexuellen Ver- 
kehr gestatten wiirden, w^ie dies z. B. in Frankreich der Fall ist. 

Aber auch eine Reihe anderer Umstande .tragen dazu bei, den 
homosexuellen Verkehr zu fordern. Die Griindung und Aufrechterhal- 
tung eines eigenen Haushaltes erfordert hier auch fiir den Mittel- 
stand groBe Mittel, „siiBe Madel*' kosten, wie iiberall, viel Geld, Bor- 
delle existieren nicht, und die. weibliche Prostitution geniigt kaum 
den bescheidensten Anspriichen, ganz abgesehen davon, daU, da es 



»«) Plolder in The New York Med. Journal 1889. S. 121 ff. 
*^) W. A. Hammond, Sexuelle Impotenz b. dem mannlichen und 
weiblichen Geschlecht. 1891. p. 111. 



Digitized by VjOOQIC 



556 

keine Kontrolle gibt, die Gefahr der Ansteckung sehr groB ist- 
Dazu kommt, daS Mieten hier sehr teuer sind. Ein anstandiges 
Zimmer kostet £ 4 — G, eine Wohnung von zwei Zimmern mit Bade- 
zimmer £ 10 — 15 monatlich, weshalb es mehr wie in Europa vorkommt, 
daB zwei Bekannte oder Freunde sich zusammentun und Zimmer oder 
Wohnung teilen. Natiirlich ist in vielen, vielleicht den meisten, 
Fallen das Verhaltnis der Zusammenwohnenden ein rein freundschaft- 
liches, bei irgendwelcher liomosexueller oder bisexueller Anlage sind 
aber intimere Beziehungen die natiirliche Folge, um so mehr, als 
Entdeckung und selbst Verdacht beinahe ganz ausgeschlossen sind. 
Ganze Hauser sind fiir moblierte Einzelzimmer eingerichtet — keine 
Partei kiimmert sich um die Nachbarn — bis 12 Uhr ist die Haus- 
tUre offen — niemand kontrolliert die Ein- und Ausgehenden. Es 
ist nichts Ungewohnliches, daB Fretinde, die auf den Minen angestellt 
sind und sich in der Stadt verspateten, um 12 Uhr nachts anklopfen 
und bitten, man mochte sie fiir die Nacht beherbergen, was darauf 
hinauslauft, daB zwei Freunde das Bett teilen. ohne daB jemand etwas 
<fciran findet. Dabei handeit es sich nicht etwa um gewohnliche 
Arbeiter, sondern um gutgestellte Leute aus guter Familie, denen 
der Gedanke, mit einem nicht einmal sehr intimen ^Freunde das 
Bett zu teilen, eher kommt, als der uns Kontinentalen viel naher 
liegende, im Hotel ein Zimmer zu nehmen. Marcel Prevost 
sagt in den Demi-Vierges, daB der Held eine den „hommes-k-femmes" 
eigene Abneigung gegen die Beriihrung seines Korpers durch einen 
Mann gehabt habe. Diese Abneigung, die ich selbst bei sehr sinnlich 
veranlagten heterosexuellen Freunden beobachtete, ist nach meiner 
Erfahrung bei Englandern viel seltener zu finden. Das hier stark 
ausgepragte Sportsleben bringt es zudem mit sich, daB jeder seinen 
Freunden seine physischen VorzUge des oftern ad oculos demonstriert. 
AUes dies begiinstigt ohne Zweifel homosexuellen Verkehr. 

Auch auf den um Johannesburg gelegenen Minen sind die Verhiilt- 
ni&se ahnliche wie in der Stadt selbst, von den weiter wegliegenden 
Minen wird gesagt, daB, da mit Ausnahme weniger verheirateter 
Frauen die ganze Ansiedlung aus jungeu Mannern besteht, intime Be- 
ziehungen zwischen den Beamteten und Angestellten an der Tagesord- 
nung seien, doch glaube ich, daB dies zum mindesten etwaa iiher- 
tricben ist. Was die siidafrikanischen Garnisonen anbelangt, so sind 
die^elben zum Teil. in kleinen Stadten stationiert (Potchefstrom, 
Pietermaritzburg, Robert Heights bei Pretoria), und die Verhaltnisse 
daselbst sind wohl die gleichen wie bei andern Kolonial-Truppen. 

Trotzdem aber Ilomosexualitat in alien Abstufungen hier nach 
meinen Erfahrungen stark verbreitet ist und trotz des wenig 
schmeichelhaften Renommees, dessen sich unsere Stadt erfreut, so 
bietet Johannesburg keineswegs mehr Gelegenheit zu homosexuellem 
Verkehr als eine Stadt gloicher GroBe (ca. 200 000 Einwohner). Eng- 
lands und des Kontinents. Die Stadt dehnt sich liber eine groBe Ober- 
fliiche aus — die Wohnhauser sind meist Einfamilienhiiuser mit etwas 
Garten — was dem Nachtleben natiirlich Eintrag tut, die Bars wer- 
deii nm 12 Uhr geschlossen, und die Theater und Variet^s sind be- 
scheiden, sowohl was Quantitat als auch Qualitat anbelangt. Eng- 
lander, die besuchsweise hierher kommen, sind von der SpieBbiirger- 
lichkeit dieser als Siindenpfuhl verschrienen Stadt schmerzlich ent- 
tauscht, und wcnn sie homosexuell veranlagt sind. so wiinschen sie 
sich schnellstens nach London zuriick. In Kapstadt sind die 
Verhaltnisse ahnlich wie hier; was der Stadt an Einwohnerzahl ab- 
geht, wird durch Fremde, Matrosen und dort stationierte Soldaten wett 
gemacht. Durban ist eine Kleinstadt und bietet, trotzdem es 
Hal'enstadt ist, nicht mehr als eine Kleinstadt des Kontinents. Wiih- 
rend des siidafrikanischen Krieges soil dagegen von englischen Offi- 
zieren homosexuellem Verkehr stark gehuldigt worden sein. 



Digitized by VjOOQIC 



557 

Ziemlich zahlreiche Homosexuelle sind mir bier in alien 
Elas&eu der Bevolkerung bekannt, sowohl unter akademisch ge- 
bildeteu Leuten, Beam ten, Lehrern, Offizieren, hoheren Angestellten 
usw., als auch unter Leuten der niedrigeren Schichten, wie iMinen- 
arbeitern, Handwerkern, Ladengehilfen, Kellnern und Coiffeurs, wobei 
naturlicb ist, daB man den Homosexuellen der tiefern Elassen ofter be- 
gegnet als den den boheren Elassen angeborenden und um ibre ge- 
scbaftlicbe und soziale Stellung besor^ten Invertierten. Einige sebr 
ausgesprocbene Falle von Homosexualitat sind mir aucb unter den 
sogenannten „Cape-Boys** vorgekommen, d. b. den Bewobnern der Eap- 
Eolonie, die einen bescbeidenen Einschlag weiBen Blutes baben, euro- 
paiscbe Scbulung genieBen und in der Kapkolonie ungefabr die glei- 
cben Becbte wie der Wei Be baben. Ob sicb unter der eingeborenen 
scbwarzen Basse, Zulus, Basutos, Sbangans usw., Falle von Homo- 
sexualitat vorfinden, eutziebt sicb meiner Beurteilung und konnte 
bloB vou Ansiedlern und Missionaren beurteilt werden, die jabrzebnte- 
lang in Verkebr mit diesen Eassen standen. 

Meine personlicbe Ansicbt gebt dahin, daB der Englander aller 
Elassen und die biesige mannlicbe Bevolkerung — WeiBe von eng- 
liscber, scbottiscber, iriscber, bollandischer und deutscber Abkunft 
— dem bomosexuellen Verkebr im allgemeinen nicbt so scbroff gegen- 
iibersteben wie dies bei den Bewobnern des europaiscben Eontinents der 
Fall ist, und gelegentlicben Exkursionen ins Gebiet der Homosexualitat 
keine allzugroBe Bedeutung beimessen. Der gelegentlicb im Scberz 
gebraucbte Ausdruck ,,If you can't get a woman, take a man" durfte, 
zyniscb, wie er ist, der Lage ziemlicb genau entsprecben. 

Der § 21 der Immorality-Ord. von 1903: 

„Ever3' male person wbo — 

a) knowingly lives wbolly or in part on tbe earnings of prosti- 
tution ; 

b) in any public place solicits or importunes for immoral pur- 
poses sball be guilty of an offence and liable on conviction to 
imprisonment witb bard labour for a period not exceeding 
tbree years, and to whipping not exceeding twenty-four strokes 
in addition to sucb imprisonment," 

wurde anno 1908 insofern verscharft, als Abscbnitt „b", wie folgt, 
abgeandert wurde: 

„b) in public or in private aids or is a party to tbe commission 
by any male person of any act of gross indecency with an. 
other, male person." 

In die Offentlicbkeit gelangen diesbeziiglicbe Falle auBerst selten. 
und baben meines Wissens bloB zwei Falle im Laufe der letzten sieben 
Jabre das offentlicbe Interesse erregt. 

Der erste Fall betraf einen Turnlebrer (Professor of physical 
culture) in Pretoria, der sicb an Negem verging und, .gl^^ube icb, zuzwei. 
Jabren „hard labour" und Kutenhieben verurteilt wurde, der zweite 
Fall beschaftigte das Publikum in bohem MaBe, als homosexuelle Be- 
ziebungen in verbindung mit einer Mordaffare eine Bolle spielten. 
Mit der aus Mann, Frau und einigen Eindern bestehenden Familie 
eines Minenar belters (das Einkommen eines solchen variiert bier von 
25 — 80 Pfund Sterling monatlich, wovon allerdings Getranke, Wetten 
und die Bdrse meist viel verschlingen) lebte vor 4 — 5 Jabren ein nacb 
den Urteilen seiner Freunde sebr ruhiger und netter jiingerer Mann, . 
der aber im Laufe der Zeit nicbt nur der Liebbaber der Frau, sondern 
auch der Geliebte des Mannes wurde, und zwar waren samtliche Be- 
teiligte und auch ein biesiger Geistlicber, der sicb bemubte Ordnung 
zu schaffen, sicb iiber die Lage klar. Nacb und nacb stellten sich 
aber Differenzeix jin; der Mann, ein roher Patron, miBbandeltie die 
Frau und fand den Mieter, der zudem die Partei der Frau ergriff, nicbt 
mehr gefiigig. Und das Ende war, daB der jiingere Mann den Gatten 



Digitized by VjOOQIC 



558 

auf dem Felde riicklings erschoC. Vor Gericht kam die ganze Ge- 
schichte heraus, und der Morder wurde zum Strang verurteilt. Der 
Fall erregto grofies Aufsehen und die offentliche Meinung war dem 
Morder sehr giinstig. Aber trotz eines von einem groBen Teil der 
hiesigen Bevolkerung, die in der Verfiihrung des jungen Mannes durch 
den iilteren einen Milderungsgrund sah, unterzeichnetcn Gnaden- 
gesuches wurde das Urteil vollzogen. Der Fall passierte ca: 4 — 5 Jahre 
zunick und ist Ihnen vielleicht aus englisclien Zeitungen bekannt. 

In Johannesburg war bis vor einigen Jahren der abends ziem- 
lich verlassene Marktplatz der Rendezvous-Platz der Homosexuellen. 
Daselbst wurden auch religiose und politische Meetings abgehalten, 
die zu Bekanntschaften AnlaC gaben. In einer etwas abseits gelegenen 
Bediirfnisanstalt spielten sich besonders Samstag abends die tollsten 
Szenen ab, und die Polizei schloC die Augen. Seither ist diese Bude 
aber abgebrochen und der Marktplatz iiberbaut worden, und nun 
siud die StraCen um das Postgcbaude herum die beliebteste Promenade. 

In Durban sind die im Zentrum der Stadt gelegenen Public 
Gardens und in Kapstadt die ,. Parade" (der Exerzierplatz) die Orte, wo 
Homosexuelle zu finden sind, doch spielt sich alles in sehr bescheidenen 
Grenzen ab. Bars und Restaurants, die besonders von Homosexuellen 
fi'equentiert werden, existieren liier nicht. Dagegen soUen einigc 
billige Kinematographen-Theater von Homosexuellen stark frequcntiert 
werden. • 

Manner und Jungens, die ausschlieBlich von homosexucller 
Prostitution leben, sind mir personlich nicht bekannt, obwohl man 
mir einigu Personen als derart ihr Leben fristend bezeichnete. Da- 
gegen ist die Zahl derer. die aus Freude an der Sache. oder auch ohne 
solche, homosexuellem Verkehr zuganglich sind und Geldgeschenke 
gerne annehmen, zieralich grofi. Meist sind es bar-men, Kellneroder 
Coiffeurs oder Leute, die es auf keinem Posten lange aushalten. 

Eine Garnison gibt es hier nicht und kommen bloB ausnahms- 
weise groBere Mengen von Soldaten in unsere Stadt. Welcher Prozent- 
satz davon homo- oder bisexuell veranlagt ist, ist von Fernstehendcn 
schwer zu bestimmen; ein Kenner der Verhiiltnisse. der selbst einige 
Monate in einem Kavallerie-Regimente diente und ziemlich zuverlassig 
ist, hat unter 450 Mann acht Homosexuelle gefunden. In dicsem Fall 
waren Gcschenke ausgeschlossen, doch glaube ich, daB gegen finanzielle 
Vorteile ein viel groBerer Prozentsatz homosexuellem Verkehr zugang- 
lich ist. 

Charakteristisch fiir Johannesburg diirfte der Umstand sein, daB 
cine relativ groBe Zahl der in Siidafrika geborenen Jungen von 15 
bis 20 Jahren sich gegen sehr bescheidene Betrage hergeben. und wird 
dieser Zustand den hier zahlreich vertretenen Griechen in die Schuho 
geschoben. Beinahe an jeder StraBenecke ist ein Grieche als Handler 
etabliert, uud zwar sind seine Spezialitat Friichte, Schokolade, Bon- 
bons, Zigaretten und alkoholfreie Getranke, die in einem hinter dem 
Laden gelegenen Zimmer ausgeschenkt werden. Diese Greek-Shops 
werden von Jungens jeden Alters stark frequent iert, und sollen den 
Willfahrigen unter ihnen die vorhandenen Leckereien frei zur Ver- 
fiigung stehen. Ein mir bekannter und hier aufgewachsener Homo- 
sexuelier behauptet, daB ein jeder dieser Griechen mehrere Jungens 
gratis mit Zigarett-en und SiiBigkeiten versorge, und will aus Erfahrung 
sprechen. Mangel an Erziehung und Aufsicht und die groBe Selb- 
fltandigkeit der hiesigen Jugend leisten diesem Wesen natiirlich Vor- 
echub. Soviel ich hore, liegt der Griindung eines „Boys Club" durch 
den hiesigen Bischof der Wunsch zugrunde, die heranwachsende Jugend 
dem Besuche dieser Greek-Shops zu entfremden. 

Fallo von Erpressung sind mir nur hochst selten zu Ohren ge- 
kommen. Von einem Falle ist mir bekannt, in dem die Polizei auf 
Verlangeu eines hiesigen Geschaftsmannes dem Vorgehen einiger- 



.Digitized by VjOOQIC 



559 

zweifelhaften Charaktere ohne viel Federlesens Einhalt tat. Ubrigens 
sind die Zeiten hier so schlecht, daB es nicht viel zu erpressen gibt I 

Ich erlaube mir, nachstehend einige Zahlen anzufiihren, fiir deren 
Richtlgkeit ich insofern garantieren kann, als sie jedenfalls nicht zu 
hoch gegriffen sind. 

Nach meinem Wissen befinden sich: 
unter 450 Mann eines engl. Kavallerieregiments 8 Homosexuelle 

„ 696 Mitgliedern eines hiesigen Klubs 2 „ 

„ 46 Angestellten eines hiesigen Finanzhauses 2 „ 

,, 120 Angestellten eines hiesigen Warenhauses 3 „ 

„ 24 Bewohner eines hiesigen Chambre garnie- 

Hauseg 4 „ 

unter~123G' "! 19^ ca. l,5o/o 

DaB auch in der eingeborenen afrikanischen Urbevolke- 
rung die marinliche und weibliche Homosexualitat weit ver* 
breitet ist und war, wird durch zahlreiche Reiseberichte be-, 
statigt, die Karsch' zusammengestellt hat. 

So ist — um nur einige wenige Stichproben zu geben — 
die Tribadie bei den .Hottentottinnen durch Gustav Fritsch^s) 
einwandfrei festgestellt. Die Meinung von Bart e Is ^^^^ duQ. 
frdhzeitige Tribadie die Ursache der .„Hottentottenschiirze" sei,- 
scheint mir allerdings nicht erwiesen. Nach B a u m a n n *o) soil bei 
der mannlichen Kegerbevolkerung Sansibars die kontrare Triebrichtung 
ziemlich haufig vorkommen. Ihre Haufigkeit beruhe auf dem EinfluB 
der Araber, welche zusammen mit den Komorensern und den Swahili- 
mischlingen dort eine ausgedehnte mannliche Prostitution unterhielten. 
Sie leben hauptsachlich in Ngambo und betrieben ihr Handwerk ganz 
offentlich, manche von ihnen triigen Weiberkleidung und bei den 
Tanzen konne man sie unter den Weibern sehen. Manner von ange- 
borener kontrarer Sexualitat zeigten auch dort von Jugend auf keinen 
Trieb zum Weibe, finden vielmehr an weiblichen Arbeiten Vergniigen. 
Sobald ihre Angehorigen dies bemerken, fiigen. sie sich ohne Wider- 
streben dem Tatbestand dieser Eigenheit; der junge Mann lege Weiber- 
kleider an, trage das Haar nach Weiberart geflochten und henehme sich 
vollig als Weib, sein Verkehr bestehe hauptsachlich aus Weibern und 
mannlichen Prostituierten, geschlechtliche Befriedigung suche er in 
Pedikation und beischlafahnlichen Akten, In ihrer aui3eren Erschei- 
nung seien die angebornen kontraren Manner von den mannlichen 
Prostituierten nicht zu unterscheiden, gleichwohl machten die Einge- 
borenen unter ihnen einen scharfen Unterschied, inde.m sic die 
Berufsmai3igen verachteten, das Verhalten .der so 
Geborenen dagegen als Willen Gottes zudulden 
pflegten. 

Auch kontrarsexual veranlagte Weiber sind nach B a u m a n n 
unter der Negerbevolkerung Sansibars nicht selten, sie tragen in 
hauslicher Zuriickgezogenheit Mannerkleidung und zeigen auch Vor- 
liebe fiir mannliche Verrichtungen. Sie erkennen ihresgleichen teils 
an der mannlichen Haltung, teils daran, daB ihnen die weibliche 
Kleidung nicht steht, und suchen geschlechtliche Befriedigung teils- 
bei diesen, teils bei normalen Weibern, die sich aus Zwang oder Ge- 
winusucht dazu hergeben. Die ausgefiihrten Akte bestehen in Frik- 

*8) Gustav Fritsch, Die Eingeborenen Siidafrikas. 1872, 
p. 351. 

39) PloB-Bartels, Das Weib in der Natur- und Volkerkunde 
8. A. 1905. 

") Cf. Zeitschrift fur Ethnologie, Jahrg. 31, 1899, S. 6G8 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



560 

tionen, Cunnilingus oder gegenseitiger Beibringung eines Ebenholz- 
penis. Tribadie wird wie Paderastie nach arabischen Gesetzen be- 
straft, ebenso die Anfertigung kiinstlicher Penes. 

Im Kongolande trafen schon 1606 die beiden Priester A z e v e r e- 
d u s und S e q u e r i u s **) in Loanda, der Hauptstadt von Angola, 
Leute, die, obgleich Manner, das weibliche Geschlecht nachahmten und 
sich nach weiblicher Art kleideten. „Sie verheirateten sich, gleich als 
ob sie Weiber waren, mit Mannern und rechneten sich dies noch als 
Ehre an." Man nannte sie Chibados. Auch La bat berichtet von den 
„Schmutzereien", die die Neger bei ihren Versammlungen trieben, sowie 
von unziichtigen Tanzen und daB der erste Opferpriester Ganga Ya 
Chibanda gewohnlich weiblich gekleidet sei und „GroBe Mutter" ge- 
nannt werde. Nach Tessmann*-) sind die Loango ihrer Pad- 
erastie wegen ziemlich bekannt. Er halt es fiir zweifellos, daB ein 
gewisser Prozentsatz unter den Negern iiberhaupt, ebenso wie bei 
der arischen Rasse, gleichgechlechtlich veranlagt sei. Nach Ham- 
mer ^^) kommt auch bei den Dualla Paderastie unter Jiinelingen in 
gleich^eschlechtlichem Sinne vor, desgleichen bei den Madchen wech- 
selseitige Befriedigung. Bei den Bangala findet sich sowohl mutuelle 
Masturbation, wie Pedikation unter Mannern sehr haufig und bringt 
gar nicht oder nur wenig Schande, wahrend der Coitus in anum mit 
einem Weibe friiher mit dem Tode, jetzt mit schwerer GeldbuBe be- 
straf t wird. Nach van der Burgh**) soUen mannscheue Mad- 
chen sogar getotet werden. Aus Dahomey berichtet Rich. Bur- 
ton*^), daB die ehelosen „Amazonen**, die den Titel „Konigliche 
Weiber" mit den Eunuchen gemein haben, in einer Starke bis zu 
10 000 die Leibgarde des Herrschers bilden. Sie wollen nicht Weiber 
sein, sondern „Manner". 

Mischlich gibt Mitteilungen iiber gegenseitige Befriedigung der 
Frauen durch einen kiinstlichen Penis (Madigo), was vor der eng- 
lischen Invasion mit dem Lebendigbegrabenwerden oder dem Verkauf 
in die Sklaverei geahndet wurde. 

Einen tribadischen Fall auf der Insel Maintirano berichtet 
R o u X *^) von einer 50 jahrigen Wit we, die nach dem Tode ihres 
Mannes mannliche Kleidung anlegte und sich um die Gunst ihrer 
Landsmanninnen bewarb, die sie reichlich bezahlte. Nach Erschop- 
t'ung ihrer Mittel entschloB sie sich zur Heirat mit einer be- 
jahrten Frau. 

DaB afrikanische Neger in abhangigen Stellungen — wie sie sich 
in groiJeren Mengen in der agyptischen Armee oder als Diener bei 
marokkanischen GroBen finden — je nach der Veranlagung ihrer Her- 
ren auch homosexuellen Zwecken dienstbar gemacht werden, bedarf 
kaum der Erwahnung. 

*^)Petrus Jarric, Thesaurus Indicus. Tom IIL 1616, 
p. 482. 

**) Giinther Tessmann, Gleichgeschlechtliches Leben 
Pangwe — . Ms. 1909. 

") Cf. Geschlecht und Gesellschaft. Bd. IV. 1909, S. 193. 

**)van der Burgh, Dictionnaire Fran9ais-Kirundi 1903. 

**) Richard F. Burton, A mission to Gelele, king of Daho- 
mey, 1864. 

*6) Cf. Anthropophyteia Bd. VI, S. 96. 

*^) Cf. Bulletin et mem. de la Societe d 'anthropologic de Paris 
vol. VI. p. 218. 



Digitized by VjOOQIC 



SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL, 

Die Homosexualitat in den romanischen Lslndern und 
deren Kolonien. 

Wenden wir uns nun der dritten zivilisierten Staaten- 
gruppe der romanischen Volker zu, so fallt unser Bliek zu- 
nachst auf das geistig und politisch hervorragendste Land dieses 
Kulturkreises, auf Frankreich. Man hat, als neuerdings wieder 
einmal infolge unserer Sensationsprozesse das alte Marchen 
von dem vice allemand auftauchte, dartiber polettniaiert, ob 
die gleichgesehlechtliche Liebe haufiger in Frankreich oder 
in Deutechland vorkomme. Dr. Laupts, der sich um die wissen- 
schaftliche Erkenntnis dieser Materie in Frankreich groCe Ver- 
dienste erworben hat, der Verfass-er der groflten franzosischen 
Monographic tiber diesen Gegenstand^), versichert, sie sei in 
seinem Lande wesentlich seltener als in unserem. Nacke^) 
schliefit sich ihm an, wahrend Pratorius^), der eich mit der 
Homosexualitat beider Lander eingehend beschaftigt hat, wie- 
derholt erklart hat, daU sie diesseits wie jenseits der Vogesen 
in gleicher Weise verbreitet sei, und einige Autoren, wie von 
frtiheren Wachenfeld, von neueren Fernau*) sogar behaupten, dali 
sie dort starker „grassiere" als hier. Ich selbst bin bei drei- 
maligem Aufenthalt in Paris und mehrfacher Anwesenheit in 
Nord- und Slidfrankreich nach eigenen Beobachtungen und Mit- 
teilungen franzosischer Urninge, von denen ich viele person- 
lich kennen lernte, mit Pratoriusi zu der tlb^rzeugung gelangt, 



1) Laupts (Docteur) (G. S a i n t - P a u 1), L'homosexualite fet 
las types homosexuals. (Nouvelle Edition da perversion at perver- 
sity sexuelles. Preface d'Emile Zola. Paris 1910.) 

2) Paul Nacke, Die Homosexualitat in den romanischen Lan- 
dern. Zeitschrift f. Sexualwissenschaft Nr. 6. p. 359 — 364. 

3) Pratorius, A propos de Particle du Dr. Laupts sur Phomo- 
sexualit^ dans les archives d'anthropologie crirainelle. Marz 1909. 

*) F e r n a u , H e r m., Die Homosexualitat in Frankreich. In den 
Sexualproblemen. Dezember 1909. 

H irschf eld , Homosexualitat. gg 



Digitized by V:iOOQIC 



562 

daC ein wesentlicher Unterschied in dieser Hinsicht zwischen 

beideii Nationen nicht besteht. Flir den Eineceweihten hat die 

Ahnlichkeit zwischen franzosischen und deutschen Urningen so- 

gar geradezu etwas Verbltiffendes. 

Es gibt allerdings Forscher, denen im Ausland manches neu and 
typisch erscheint, well sie griindlichere Forschungsreisen in der Fremde 
als in der Heimat unternommen haben. Wenn beispielsweise Oscar 
M e t e n i e r in „Vertus at Vices allemands"^) einen homosexuellen Ball, 
den er im Dresdner Kasino in Berlin besuchte, eingehend als Berliner 
Spezialitat beschreibt, so hatte er nur auf den Montmartre steigen 
branch en, wo er bei Van tier dasselbe Schauspiel haben konnte, die 
gleichen Masken und Typen, das gleiche Leben und Treiben, ja, wie 
ich mich bei meinem Besuch iiberzeugte, zum Teil sogar dieselben Per- 
sonen aus dem urnischen Globetrottertum. DaB die mannliche Homo- 
sexualitat von dem Unbeteiligten in Frankreich verhaltnismaBig weni- 
ger bemerkl wird, als bei uns, riihrt in erster Linie davon her, daB es 
seit mehr als 100 Jahren kein Gesetz mehr kennt, das homosexuelle 
Angelegenheiten an die Offentlichkeit zerrt, infolgedessen auch keine 
Bewegung. die sicli Gehor verschaffen muB, um ungerechte Bcstimmun- 
gen beseitigen zu helfen, und auch keine offentlichen BloBstellungen 
durch Ehrabschneider und Erpresser. Es ist das unvergangliche Ver- 
dienst Frankreichs, daB es das erste Kulturland war, das den Urnings- 
paragraphen wieder aus seinen Gesetzbuchern ausmerzte, und gerade 
„die Vermeidung der schmutzigen und skandalosen Untersucbungen, 
welclie so haufig das- Familienleben durchwiihlen und erst recht Arger- 
nis geben" ^), war ja das Hauptmotiv zu seiner Beseitigung. I)a- 
mit ist nun allerdings nicht gesagt, daB der Uruing in Frankreich 
„auf Rosen gebettet" ist. Er begegnct dort demselben Unverstandnis, 
derselben Verkennung seines Wesens und seiner Handlungen, wie in 
den Nachbarlandern, und das ist auch der Grund, daB er dort ebenso- 
wenig wie anderswo seinen Uranismus zugesteht. Die Scheu, das Thema 
zu beriihren, es selbst objektiv zu erortern, ist dort eher noch groBer 
als bei uns. Wagte doch nicht einmal ein Zola, — der um des ein- 
zigen Dreyfus willen, den er zu Unrecht verurteilt glaubte, sein 
j accuse in die Welt schleuderte — sich der Tausende anzunehmen, 
von denen er genau wuBte, unter welchem Vorurteil sie litten. Halten 
es doch die beiden wissenschaftlichen Hauptvertreter der homosexu- 
ellen Materie in Frankreich — L a u p t s und S i m a c — noch heute 
fiir notig, pseudonym ihre Anschauungen zu vertreten. Besonders 
bezeichnend fiir die Stimmung in Frankreich ist, daB viele Urninge 
iiberhaupt nicht wissen, daB die gegen sie gerichteten Gesetze langst 
aufgehoDen sind. Als ich einmal von Marseille nach Paris fuhr, stieg 
auf einer Station, — ich glaube, es war in Nimes — ein junger weiB- 
gekleideter Franzose in das Coupe, dessen in der Eile ungehemmte Be- 
wegungen sogleich den Urning verrieten. Ich kam mit ihm in ein 
Gesprach, in dessen Verlauf er mir erzahlte, daB sie ihn in seiner 
Heimat nach Boildieus Oper „Die weiBe Dame" nannten. Wir unter- 
hielten uns iiber die Lage der Urninge in Frankreich, und als ich be- 
merkte, daB doch wenigstens der urnische Verkelir ais solcher nicht 
strafbar sei, bestritt er dies mit aller Entschiedenheit. Das Gleiche 
behauptete noch kiirzlich ein Homosexueller in Lyon. Wie konstant 
das franzosische Urningsleben seinen Charakter bewahrt hat, mit und 
ohne Gesetze, zeigen die Schilderungen von Pisa n us Fraxi'), 

ft) Paris 1904. 

'^) Chauveau et Faustin, Th^orie du code penal, Tome V*I, 
p. 110. 

■) Cf. Bloch, „Sexualleben" p. 574. 



Digitized by VjOOQIC 



668 

die Mitteilungen Tardieus^), die Polizeimemoiren von Carlier») 
und vor allem die Briefe der Liselotte ^^). 

Madame^ die zweite Gattin Philipp von Orleans, schrieb an eine 
Jugendfreundin am 3. Oktober 1705: „Wo habt ihr denn gesteckt, du 
and Louise, dafi ihr die Welt gar so wenig kennt? WoUte man alle 
diejenigen kopfen, welche fiir Manner in Liebe ergliihen, mochten wir 
wohl nur recht wenige Ritter iibrig haben, die wir lieben konnten. 
Es gibt hier solche in alien Schattierungen, Manner, welche die Weiber 
hassen wie den Tod, und die immer nur Manner lieben konnen. Mylord 
von R . . . gehort zu diesen. Andere wieder lieben nur unreife 
Knaben, doch diese sind in der Minderzahl; die meistten beten Jiing- 
linjge von 17 bis 25 Jahren an." L. Taxilii) erwahnt, daB zu seiner 
Zeit nicht nui* in Paris eine aufsichtsfiihrende Abteitung fiir mann- 
liche Prostituierte organisiert war, sondern daB sogar am polizei- 
arztlichen Komitee eine „sous-brigade des p^d^rastes" bestand. 

Dali homosexueller Verkehr auch schon unter den Vorfahren der 
heutigen Franzosen, den Galliern, gepflegt wurde, bestatigen Stellen 
bei Strabo, Athenaus, Diodorus^^) und anderen. 

So erzahlt Diodorus Siculus, nachdem er von der Wild- 
heit der Gallier berichtet hat, daB sie es nicht fiir Schande halten, 
mit geliebten jungen Mannern auf Tierfellen zu ruhen. Wie noch 
heutc der sog. „schwule Weg" im Tiergarten dasselbe Bild bietet, 
wie er unter der Regierung des alten Fritz geboten haben soil, und 
vermutlich unter der des. GroBen Kurfiirsten geboten hat, so tragen 
die homosexuellen Alleen der Champs-Elysees auch noch jetzt das 
gleiohe Geprage, wie unter Napoleon und unter Ludwig XIV. Nur 
etwas internationaler diirften mit den Erscheinungen des Verkehrs 
Angebot und Nachfrage, etwas durchmischter die Volker geworden 
sein. Mancher petit- j6sus der Boulevards begann seine „Lauf"bahn 
in der Berliner FriedrichstraBe. Ich bat einmal einen in Paris leben- 
den Urning aus dem ElsaB, mir einen echten petit-j6sus zu zeigen. 
Die homosexuellen ElsaB-Lothringer ziehen aus begreiflichen Griinden 
die franzosische der deutschen Reichshauptstadt vor, jch kenne so- 

far mehrere, die nach dem Frankfurter Frieden nur deshalb nach 
'rankreich optierten, um nicht unter ein ihnen bis dahin unbekanntes 
Strafgesetz zu gelangen, ahnlich wie 1866 Hannoveraner (wie U 1 - 
r i c h s) sich nur deshalb der Welfenpartei anschlossen, well PreuBen 
einen fjrningsparagraphen hatte, Hannover nicht. Ich bat also ein- 
mal in Paris einen mir bekannten Elsasser, mir einen echten petit- 
j^sus zu zeigen; es wahrte nicht lange, da sagte er: „voil^!", indem er 
mich vor der GroBen Oper auf einen zierlich trippelnden gar9on mit 
geschminktem, gekrauseltem Puppenkopf aufmerksam machte. Er sah 
aus wie 18, mochte aber wohl fast doppelt so alt sein. Mit graziosem 
„merci, monsieur" nahm er die ihm gebotene Zigarette. Als ich ihn 
fragte, woher er sei, antwortete jedoch der petit- j6sus plotzlich in un- 
verfalschtem Berliner Tonfall: „Na, wenn Sie es denn wissen wollen, 
Herr Doktor, jeboren bin ick uf 'm Wedding, erzogen in der Acker- 
straBe, Hof, vier Treppen links". Es stellte sich heraus, daB ich ihm 
von einer Moabiter Gerichtsverhandlung, in der ich als Sachverstan- 



8)Ambroise Tardieu: „Die Vergehen wider die Sittlich- 
keit", deutsch von Theile 1860. 
») Paris 1855. 

i<>) Cf. Aus den Briefen der Herzogin Elisabeth Charlotte 
von Orleans (1652 — 1722). Ein Beitrag zur Bisexualitat im 17. u. 
18. Jahrhundert. Zusammengestellt von Herm. Michaelis, 
Magdeburg. In Vierteljahrsberichte. IV. Jahrg. p. 62 ff. 1912. 
^^) L. Taxil, La prostitution contemporaine, p. 283, 356. 
12) Angegeben von HoBli a. a. O. IL p. 234 ff. 



Digitized by V:iOOQIC 



564 

diger zu tun hatte, personlich bekannt war. Sein Taufname war 
Johannes, der in Berlin in Hannchen, in Paris in Jeanette um- 
gewandelt war. 

Wahrend das Berliner und das Pariser Strichleben kaum nennens- 
werte Unterschiede aufweisen, sind in Paris die homosexuellen Bader 
haufiger und freier, die homosexuellen Lokale seltener und wech- 
selnder als in Berlin. Fernau erwahnt von Kestaurants „Ia 
more Gilbert", deren Inhaber, la m^re, ein friiherer mannlicher Pro- 
stituierter ist und die bekannte Palmyre-Bar auf der Place blanche, 
ahnlich der eingegangenen (neuerdings wieder auferstandenon) Mau- 
rice-Bar, ein Restaurant nach Art des friiheren Billow-Casinos in Berlin. 
Der eigenartigste urnische Sammelplatz, den ich in Paris sah, befand 
sich in der Nahe der Place de la Bastille, eine Mischung von Bad und 
Restaurant. An einem oder zwei Abenden der Woche trafen sich hicr 
mehr als 100 Urninge, entkleideten sich, gingen dann in warme oder 
kalte Bassins, bewegten sich in HeiCluftraumen, um dann in einen 
dunklen Raum zu verschwinden, in den von Zeit zu Zeit Dampf hin- 
eingelasseu wurde. In dem dichten Wassernebel, der ein gegen- 
seitigea Erkennen unmoglich machte, nahmen sie auf einer in der 
Mitte der Dampfkammer stehenden kreisrunden Treppe Platz, die 
nach oben spitz zulief und bildeten so in Paaren dicht aneinaader 
gedrangt eine Menschenpyramide. Die Mehrzahl von ihnen versetzte 
sich bier in sexuelle Ekstase. Wenn nach einer Viertelstunde der 
Dampf allmahlich nachlieB und aufhorte, gingen sie ermattet unter 
die Dusche und begabeu sich dann, in groBe, weiCe Bademantel ge- 
hiillt, in den Restaurationsraum ; dies war ein langgestreckter Saal, 
an dessen Wiinden rechts und links in nischenartig parallelen Reihen, 
den Mittelweg freilassend, Tische und Banke standen. An diesen 
nahmen die urninge, wie alte Romer drapiert, Platz, tranken Rot- 
wein, aCen Spezialgerichte, plauderten und scherzten, wahrend aiif 
einer Biihne ein junger Homosexueller das Klavier bearbeitete, ein 
anderer die Zither schlug und dazwischen ein sehr beliebter urni- 
scher Volkssanger von grotesker Komik — ein Seitenstiick zur Ber- 
liner „Miecke" — seine immer wieder bejubelten Lieder vortrug von 
den koketten petits gens, die von klapprigen vieux gens gefolgt die 
Boulevards entlang trotten, von der fetten Marcelle, der von den 
Apachen, die er so liebte, erschlagen wurde, und den beiden Freun- 
den, die sich unverbriichliche Treue bis zum Grabe schwuren: „erst 
stach einer tot den andern, dann stiirzt' sich jeder ins Meer". Sehr 
beliebt sind in Paris die von Homosexuellen fiir Homosexuelle ge- 
gebenen Empfange, Jourfixe, Fiinfuhrtees. Bei fast alien spielen musi- 
kalische Yortrage eine groBe Rolle ; einige sind stark iisthetisiereiid. 

Die meisten Homosexuellen, die ich hier und ^onst in 
Paris kennen lernte, stammten aus der Provinz ; liber diese 
lielJo sich noch vieles sagen^^). Namentlich in Nizza, Marseille 
Bordeaux, Pau, Biarritz, Lyon und Lille machte ich beachtens- 
werte Studien. Ich muB es mir aus Raummangel versagen, 
darauf einzugehen, um noch einiges iiber das franzosische Nord- 
afrika zu bringen. Ein dortiger Arzt schreibt mir: 

„Wer den Boden Nordafrikas betritt und die Stadte und Statten 
Algeriens und Tunesiens ^*) durchwandert, wird erstaunt sein, in wie 



13) Vgl. auch Chavagny, L'homosexualite dans Tarmee. Rev. do 
I'hypnot. et psychol.-physiol. Paris, 1908/9. Bd. 23. p. 39. 

1*) Beziiglich der Nomenklatur sei hier folgendes bemerkt: Der 
FiaDzosc ncnnt die Kolonie Algier TAlg^rie, die Regentschaft Tunis la 
Tunissie. Die Ilauptstadte hoi Ben Alger und Tunis. Wir spreclien 



Digitized by VjOOQIC 



566 

eigenartiger Weise sich hier Orient und Okzident, franzosisches und 
arabisches Leben, Islam und Christentum, beriihren und mischen. Sie 
m i s c h 6 n sich mehr in der alten Kolonie Algerien, wo man vielfach 
gewaltsam franzosiert hat und das Leben der Einheimischen in die 
romanische Schablone pressen woUte. Sie bestehen mehr n e b e n - 
e i n a n d e r in der Regentschaf t Tunesien. In dieser, die heute kaum 
weniger Eigentum der Franzosen ist als Algerien, hat man, durch man- 
cherlei Erfahrungen belehrt, den Arabern ihre Sonderexistenz mog- 
lichst belassen, in ihr privates Leben so wenig als moglich, in ihr 
offentliches, nur soweit es die unbedingten allgemeinen Interessen 
erforderten, eingegriffen. 

Wahrend in Tunesien das Arabertum als kompakte Einheit dem 
Abendlander gegeniibersteht, bestehen in Algerien zwischen den 
Gruppen der einheimischen Bevolkerung ethnoeraphisch tiefeehende 
Unterschiede. Westlich und in den Gebirgen wonnen die Kabylen, ein 
hamitisch-berberischer Volksstamm, ostlich und nach der Wiiste zu die 
eigentlichen Araber. Die Kabylen, ein urspriinglich seBhaftes und 
ackerbautreibendes Volk, sind, durch Enteignungspolitik getrieben, viel- 
fach in die groBen Stadte — Alger, Constantine — ausgewandert. Hier 
vermischten sie sich mit den dort schon ansassigen Arabern ,und 
bilden teils den Kem der die niedere Arbeit verrichtenden Bevolkerung, 
teils riickten sie als Kaufleute und Gewerbetreibende in den Mittei- 
stand auf. Die Beamten in Verwaltung und Justiz, die groBen Kaufleute 
und ihre Angestellten sind in Algerien und Tunesien Franzosen oder 
Abkommlinge von solchen, die mittleren und niederen Stande der euro- 
paiscben Bevolkerung bilden im Westen — Oran — vielfach Spanier, 
im Osten — Tunis — Italiener. In Alger selbst findet man 
Spanier und Italiener, sowie deren Nachkommen. Einen groBen und 
wichtigen Bestandteil aller algerischen und tunesischen Platze bilden 
die Juden, die im Westen, speziell Alger, ganz europaisiert, im Osten, 
besonders in Tunesien, noch sehr orientalisch geblieben, in alien 
Scbichten der Bevolkerung, als reiche Leute und Proletariat, als 
Kaufleute, Handler, aber auch sehr viel als Handwerker — nament- 
lich in Tunis — anzutreffen sind. 

Dies Volkergemisch, interessant genug fiir jeden, der offenen 
Auges zu wandern versteht, spiegelt sich auch in unserer besonderen 
Frage wieder. 

Die Homosexualitat ist, wo es sich beiderseits um Europaer 
handelt, im franzosischen Nordafrika die gleiche wie in den iibrigen 
Mittelmeerstadten iiberhaupt. DaB es unter den wohlsituierten ein- 
gewanderten und einsassigen Europaem eine nicht geringe Anzahl 
von Homosexualen gibt, ist sicher; daB viele, wie im Suden haufig, 
sich hetero- und homosexual betatigen, ebenso. Sie zu beobachten 
aber ist schwer. Man fiirchtet ebenso wie bei uns die Chantage, 
Erpressung, mindestens aber das gesellschaftliche Achselzucken. Kurz, 
wer etwas zu verlieren hat, reserviert sich, gerade so wie im Norden. 
Immerhin kann man durch Befragen geeigneter Personlichkeiten man- 
cher^ei erfahren ; solche Angaben sind natiirlich sehr mit Vorsicht 
zu verwerten. Von den Bisexuellen resp. sich bisexual Betatigenden 

demgemaB von Algerien und Tunesien als Landern, von Alger und 
Tunis als Stadten. Die christlichen Einwohner benennen wir, dem 
dort iiblichen Sprachge branch folgend, na^h ihrer europaischen Ab- 
stammung; wir nennen sie entweder allgemein Europaer oder Fran- 
zosen, Italiener, Spanier; diese konnen also eingewanderte oder dort 
geborene Christen sein. Selbst in der zweiten und dritten Gene- 
ration bezeichnen sich die Leute noch vielfach nach ihrem Ursprungs- 
land. Als Algerier (Alg6rois) klassifizieren sich in Alger fast nur 
die eingeborenen Juden. Als Araber bezeichnen wir alle Muhammedaner, 
gleichgiiltig, ob Araber, Berber, Kabylen, Beduinen, Tiirken. 



Digitized by VjOOQIC 



566 

abgesehen, soheint naoh meinen ErmittluDgen der Pro- 
zentsatz in Algier, Tunis etwa dem unserer groBen Mittelstadte gleich- 
zukommen. 

Ungenierter als die Ansiedler bewegen sich natiirlich die Fremden. 
AIs solche kommen vor allem Vergniigungs- und Geschaftsreisende, 
Franzosen, Deutsche und Englander in Betracht. Auch wolilgestellte 
arabische Kaufleute aus der Provinz und dem Siiden fallen unter 
diese Kategorie. 

Viel leichter zu iiberschauen und iiberaus reichlich ist das A n- 
gebot. All das Volk, das sich um die einlaufenden Schiffe und 
Eisenbahnziige haufig unter der Firma Fremdenfiihrung drangt, alle 
„apaches** und „voyous" der groBen Stadte, bieten sich, namentlich 
dem allein reisenden Fremdlin^, mehr oder minder unverbliimt und 
zudringlich an. Wer sucht, wird auch unter dem anstandigen Teil 
der Bevolkerung AnschluB finden konnen. Italiener und Spanier sind 
in diesem Punlste freier, Franzosen reservierter. Manche, viele Jahre 
iiberdauernde Freundschaft ist, wie uns wohl bekannt, aus einer zu- 
nachst zufalligen Annaherung entstanden. In den kleinen Stadten 
laBt das Angebot sehr nach, dafiir gibt es weit weniger iible Elemente. 
Eigentlich Homosexuelle sind unter den sich Anbietenden nicht 
haufiger, eher seltener als bei uns. Prostituierte, worunter wir solche 
verstehen, die ausschliefilich von homosexuellen Akten leben, 
findet man nur in den groBten Stadten, Alger, Tunis. Diese zeichnen 
sich haufig durch eine gewisse Eleganz aus, haben manchmal gewisse 
weibliche Alliiren, einen tanzelnden Gang, schmachtende Blioke an- 
genommen. Die Prostituierten sind oft recht geschaftliche Burschen ; 
um bestehen zu konnen, miissen sie sich der passiven Pedikatio hin- 
geben, da sie auch von Arabern viel frequentiert werden: Im iibrigen 
werden, unter Europaern, die f iir den intimen Verkehr allerorts 
iibliohen Grenzen in der Kegel nicht iiberschritten. 

Die Gefahren, denen der Homosexuale ausgesetzt ist, sind die 

fleichen wie in nordlichen Landern, besser gesagt, den romanischen 
iidstaaten. Raub und Erpressung auf Grund nomosexualer Hand- 
lungen konnen ebenso leicht vorkommen, wie bei uns. Wer sich mit 
gemeinem StraBengesindel und offentlichen Prostituierten abgibt, wird 
dem leichter zum Opfer fallen, als wer wahlerischer ist. Die Ver- 
brecher beuten die Unkenntnis der Sprache und Landesgesetze ihres 
Opfers, sowie seine Scheu, mit den einheimischen Behorden in derlei 
Dingen zu tun zu haben, aus. Namentlich die sonst so praktischen 
und kiihlen Englander leisten in ihrer Angst gei-adezu Naives; am 
sichersten bleiben die Franzosen, die sich in Nordafrika mehr zu Hause 
fuhlen und wissen, was verboten und nicht verboten ist. 

Rechtlich gilt fiir Europaer ohne jede Einschrankung der fran- 
zosische code p^nal. Homosexuelle Akte als solche sind nicht stmf- 
bar, konnen es aber, wie ubrigens der normale Verkehr, unter gewissen 
Umstanden, z. B. wenn es sich um Verkehr im Freien, Verfiihrung von 
Minderjahrigen handelt u. a. m., werden. Fremde, deren Gebaren zu 
unliebsamem Aufsehen fiihrt, laufen Gefahr, ausgewiesen zu werden, 
wenn man sich auch seitens der Behorden ohne Not nicht leicht in 
diese Angelegenheiten mischt. Auch eine Uberwachung auffalliger Per- 
sonlichkeiten kommt vor. Im ganzen sollen jedoch die franzosischen 
Behorden in den groBen Stadten nicht sehr rigoros sein, immerhin 
ist ein Zusammentreffen mit ihnen nicht angenehm. Die Zeitungen 
behandeln homosexuelle Fragen und Vorkommnisse in der Kegel vom 
Standpunkt des Sittenskandals aus, ohne Verstandnis der Einzelheiten 
des Fa lies. 

Soweit also Europaer untereinander in Frage kommen, sind die 
Verhaltnisse nicht viel anders als in den iibrigen christlichen Landern 
des Mittelmeergebiets iiberhaupt ; sie andern sich aber und gewinnen 
sehr an Interesse, sobald A r a b e r das Gebiet betreten. 



Digitized by VjOOQIC 



567 

Wie sich der Koran selbst zu der Frage stellt, wissen die 
wenigsten. Immerhin scheinen homosexuale Neigungen, wie aus den 
Erzahlungen der „Tausend und cine Nacht" hervorgeht, nicht als 
Ruhmestitel gegolten zu haben. Jedenfalls 'eteht der Islam, dies 
darf docli wohl als sicher gelten, den homosexuellen Fragen freier 
gegeniiber als das Christentum. Von dem Privatleben der feineren 
Araber wissen wir nicht allzuviel, selbst in Alger und Algerien wenig, 
in Tunis aber, wo das Arabertum eine in sich geschlossene Majoritat 
bildet, fast gar nichts. Selbst dem besteingefiihrten Europaer zeigt 
der Araber nur einen ihm gut diinkenden Ausschnitt seines Lpbens, 
und in diesen wird er seine vita sexualis sicher nur in den seltensten 
Fallen einbeziehen. 

Es will uns trotzdem scheinen, daB wahre Homosexualitat nicht 
selten, . Bisexualitat aber nnter den Arabern hauf ig sei. Dem Fremden, 
der in den StraUen der groBen algerischen Stadte, speziell aber in 
Tunis selbst, wandelt, kann es zustoBen, daB ihm von vornehm und 
fein gebildeten Arabern sehr unzweideutige Anerbietungen gemacht 
warden. Auch lernt man wohl ab und zu auf gesellschaftlichem Wege 
arabischc Homosexuelle kennen. Ein Teil der hier wiedergegebenen 
Aufschliisse riihrt von solchen her. Homosexuelle Lupanare sind uns 
weder in Algerien noch in Tunesien bekannt geworden; vielleicht 
existieren in der Stadt Tunis solohe fiir Araber, unsere Gewahrs- 
leute wuBten allerdings nichts davon. Notwendig sind solche Lupa- 
nare nicht, sie werden vollkomuK ii durch die arabischen Bader 
— Plammans — ersetzt. Uber diese, die einen wichtigen Faktor 
in dem sozialen Leben der Muhammedaner bilden, seien nier einige 
nahere Angaben gemacht. Es bestehen in alien arabischen Stadten 
rest). Stadtteilen eine Anzahl arabischer Bader, deren wochentlichen 
Gebrauch der Koran vorschreibt. Die meisten sind sehr diirftig ein- 
gerichtet; ein, meist kiinstlich erleuchteter Empfangssaal mit Matten, 
auf denen, in Laken gewickelt, die Glaubigen nach dem Bade ruhen, 
plaudern, wohl auch spielen und Zigaretten rauchen; dahinter die oft 
wenig anheimelnden Wasch-, Bade- und Schwitzraume. Der Preis eines 
solchen Bades ist minimal, und man hat gegen eine kleine Nebengebiihr 
das Recht, im Hamman zu iibernachten. Der Vormittag ist fiir die 
Frauen, der Nachmittag und die Nacht ausschlieBlich fiir Manner 
bestimmt. Homosexualitat bliiht hier recht iippig; haufi^ sitzen eine 
Reihe geeigneter Personlichkeiten wechselnden Alters im Vorraum 
und bieten ihre Dienste als Masseure neben den eigentlichen, sozu- 
sagen angestellten Badewartern an, oder man holt fiir einen besser 
situierten Baxlenden einen „Masseur" nach Wunsch aus der Nachbar- 
schaft. 

Die Sicherheit auch gegen Diebstahle soil nichts zu wiinschen 
iibrig lassen. Die franzosische Polizei verlangt in groBeren Stadten, 
daB j e d e r , der im Hamman iibernachtet, seinen Namen in eine 
Art Fremdenbuch einschreibt resp. einschreiben laBfc, das ziemlich 

fenau kontrolliert wird. Auch hat sie den Aufenthalt jugendlicher 
ersonen in den Vorramnen der Bader mancherorts verboten. 

Der beliebteste Aufenthaltsort am Tage fiir die Araber, die be- 
kanntlich immer Zeit haben, sind die unzahligen kleineren und groBoren 
Caf6s, wo man fiir 1 bis 2 Sous ein Schalchen Kaffee oder Tee triiikt, 
Karten oder Domino spielt, raucht, plaudert oder gar nichts tut vom 
friihen Vormittag bis znm spaten Nachmittag. Sehr viele Araber haben, 
ganz wie bei uns, ihr Stammcafe, wo sie taglich verkehren: man 
gruppiert sich nach der landsmannschaftlichen oder Stammeszuge- 
norigkeit oder auch wohl nach Standen und Gewerben. Wer einen 
Araber wiederzufinden wiinscht, erfragt oder besucht ihn am besten 
in seinem Caf6. Eine ahnliche RoUe spielen die Barbierstuben; 
auch hier versammelt man sich keineswegs nur zum Bart- oder Kopf- 
rasieren; man verbringt viele Stunden dort, schlieBt Geschafte ab, 



Digitized by VjOOQIC 



568 

klatscht, raucht, spielt usw. Es ist sicher, daB an all dicseii Orteii 
homosexuale Bekanntschaften angeknxipft werden, aber ein Caf4 mit 
besonders prononciertem homosexualem Verkehr konnten wir weder 
in Alger noch in Tunis in Erfahrung bringen. Hingegen wurden uns in 
beiden Stadten Barbierstuben gezeigt, in denen zweifellos der- 
artige Bekanntschaften vermittelt wurden. Vermutlich sind die Eigen- 
tiimer dieser Barbierstuben, ahnlich wie die Wirte homosexueller LoKale 
bei uns, selbst zumeist Homosexuale. In den arabischen Cafes verkehren 
audi die zahlreichen Marchenerzahler, blinden Sanger und Musikanten 
des Orients, ferner treten Tanzerinnen auf, sogenannte Ouled Nails, 
ein Beduinenstamm aus der Wiiste, oder prostituierte Jiidinnen. Viel 
echter und bodenstandiger sind in den algerischen Platzen die kaby- 
lischen Knabentanze. Diese sind in den meisten Stadten offentlich 
nur wahrend des Monats Rhamasan erlaubt; sie entsprechen aber in 
der Tat einer wirklichen Volkssitte. Wir sahen sie bei einer Wanderung 
durch die — in vieler Beziehung sehr interessanten — arabischen 
Quartiere voja Constantine. Es sind ein oder mehrere .liinglinge, 
etwa 16 bis 20 Jahre alt, die zu den Klangen der einformigen Musik 
tanzen; sie legen Hosen und Schuhe ab und tanzen im Hemde und ge- 
stickten Jackchen. Man gibt einige Sous. Wer etwas Besonderes 
tun will, befeuchtet ein halbes oder ganzes Frankstiick leicht mit 
der Lippe und heftet es an die Stirn des Tanzenden. Dafiir dankt der 
tanzende Jiingling in orientalischer Weise sehr innig, indem er die 
Hand aufs Herz legt und sich besonders anmutig und ausdrucksvoll 
bewegt. Im iibrigen ist die Gesellschaft, in der man sich befindet, 
wenig gewahlt: schmierige Hammals (Lasttrager) und anderes Volk, 
aber der sich ruhig gebende Fremde wird stets zuvorkommend be- 
handelt und ist vollkommen sicher. Im Monat Rhamasan beteiligen 
sich an diesen Tanzen die Sohne der besten Familien; ihre Gebraucne, 
alJes natiirlich etwas verfeinert, sind die gleichen. Etwas homo- 
sexuell Betontes haben diese Tanze an und fiir sich nicht. Immerhin 
wirken diese Tanze sicher stark auf die Phantasie homo- oder bi- 
sexuell veranlagter Zuschauer, und die manchmal sehr anmutigen und 
graziosen Tanzer werden viel umworben; auch mag sich unter ihnen 
eine Reihe Kynaden befinden; die Kenntnis des letzten Wie im ara- 
bischen Volksleben ist ja so schwer zu gewinnen. 

Von Badern, Caf6s, Barbierstuben abgesehen, ist die groBe Ver- 
mittlungsstelle, wie fiir die Ankniipfung aller Beziehungen, so auch 
der homosexualen die StraBe, auf welcher der Araber, wie jeder Siid- 
lander, lebt und webt. In den Basaren, auf den Platzen vor den 
groi3eu Caf6s, in den HauptstraBen der europaischen Viertel, am Hafen, 
m der Umgebung der Bahnhofe, iiberall bieten sich Araber unter jedem 
Vorwand an. Ihre Zudringlichkeit an den groBen Fremdenplatzen ist 
teilweise geradezu beispiellos. In den ganz groBen Stadten findet man 
auch eino Reihe offentlicher Prostituierter, die, in oft sehr elegaiiter 
arabischer Kleidung, ihrem Gewerbe nachgehen; darunter tadellos 
schone Leute. Diese sind wie anderwarts „les grandes cocottes", 
ziemlich teuer. Alles iibrige sind Gelegenheitsanerbieten ; man ist 
hierbei mit jedem Preis zufrieden und vielfach durchaus anstandig. 
Wer ein biBchen zu wahlen versteht, soil unschwer die Bekanutschaft 
sehr honetter arabischer junger Leute machen konnen und weder 
geprellt werden, noch sonst eine Unannehmlichkeit haben. Alle unsere 
Gewahrsleute riihmten die Anhanglichkeit und Treue der Muharame- 
daner, die als Diener und Freunde bei ihnen aus- und eingingen. 
Selbst sehr intime Beziehungen wurden fast nie in gemeiner Weise 
ausgeniitzt, wie sich iiberhaupt die oft den untersten Volksschichten 
entstammenden Araber und Kabylen hiiufig sehr vorteilhaft in ihrem 
Charakter von den christlichen Mittelmeerbewohnern unterscheiden 
und sich durch sanftes und gefalliges Wesen auszeichnen. 

In rechtlicher Beziehung sind die Europaer, auch im Verkehr mit 



Digitized by VjOOQIC 



569 

den Arabern, dem code penal unterworfen. Fiir die Araber iinterein- 
ander sollen besondere Bestimmungen, eine Mischung von scherifi- 
schem und franzosischem Recht gelten. Jedenfalls ,ist die franzosiscbe 
Behorde aus mancherlei Griinden in Fragen der Sittenpolizei Arabern 
gegenuber sehr duldsam ; von selbst mischt sie sich — soweit nicht 
offentliche Interessen in Frage kommen — wohl kaum je ein, und die 
Araber zeigen noch weniger Neigung als sonst, in derlei Fragen 
den franzosischen Kadi in Anspruch zu nehmen. Gegen arabische 
Prellereien und Erpressungen wird streng vorgegangen — wenn solche 
den Beholden bekannt werden. Auf manchen kleinen, aber von Frem- 
den viel besuchten Platzen kontrolliert wohl auch die Polizei den 
Verkehr zwischen Arabern und Fremden als solchen und regelt die 
„Fremdenfiihrung" sehr rigoros. Von der groBen HeerstraBe ent- 
fernte kleinere Platze weisen sehr reinliche Verhaltnisse auf; das 
Angebot ist gering und diskret, aber wo arabische und kabylische 
Bevolkerung lebt, liberall gelegentlich voriianden^^a). 

Sehr im Gegensatz zu der mlnnlichen bildet die weibliche 

Homosexualitat in Frankreich einen beliebten Vorwurf der 

Schrif tsteller ; sie sehen in ihj nichts weiter als eine interessante 

Absonderlichkeit des Geschmacks, die man der Frau, wie 

alle^, gern nachsieht. 

Sehr interessante Einblicke in die Beziehungen homosexueller 
Frauen in Paris gewahrt ein 1912 von F. Baumann in der Ham- 
burger „Zeitschrift" i*) veroffentlichter Artikel. Auch im franzosischen 
Nordafrika soil unter den chriatlichen wie muselmannischen Frauen 
der gleichgeschlechtliche Verkehr eine haufige Erscheinung sein; er 
wird aber, trotzdem er von AuBenstehenden toleriert wird, wie der 
Geschlechtsverkehr iiberhaupt, sehr geheim gehalten. T a r u f f i i^) 
erwahnt die marokkanischen Wahrsagerinnen, die Sahacat, d. i. Fri- 
catrices, genannt werden. Sie stehen allgemein im Rufe, daB sie von 
Frauen, die ihnen gefallen, als Honorar fiir ihre Weissagungen Hin- 
gabe zu lesbischem Verkehre verlangen. 

tlberschreiten wir die Grenzen Frankreichs nach den, drei 

ihm benachbarten romanischen Reichen Belgien — Italien — 

Spanien, so ist zunachst beztiglich Belgiens zu bemerken, dafl 

die dortigen homosexuellen Verhaltnisse den franzosischen nahe- 

zu voUkommen gleichen. Briissel verhalt sich zu Paris wie 

Ostende zu Nizza und Ltittich zu Lille. 

Auch in Belgien stand mehrere Jahrhunderte hindurch auf homo- 
sexuelie Betatigung die Todesstrafe — einer der beriihmtesten bel- 
gischen Kiinstler, Jerdme Dusquesnoy, fiel „convaincu de Sodo- 
mie" ihr zum Opfer. Allmahlich wurden auch hier die Gesetze und 
Auffassungen milder, bis schlieBlich Straffreiheit eintrat, dabei aber 
keine Kenntnis, geschweige denn Anerkennung der urnischen Natur, 
nur Duldung, jederzeit bereit, wie der ProzeB gegen den Schrif tsteller 
E e k h o u d (Inkriminierung von „Escal Vigor" als unziichtige 
Schrift) zeigte, in das Gegenteil umzuschlagen. Wie in Frank- 

^*a) Vgl. auch den Aufsatz v. N. Pratorius: „tTber gleichge- 
schlecbtlichen Verkehr in Algerien und Tunis" in KrauB' -^Vnthro- 
pophyteia Bd. VII, p. 179—189. 

15) 3. Jahi^. Heft 2. p. 54 ff. 

i«) T a r u f f i , Caesare, Hermaphroditismus und Zeugungsunfahig- 
keit, deutsch von Dr. med. Teuscher. Berlin, 1903. 



Digitized by VjOOQIC 



570 

reicb, Italien und anderen Landern entziehen ^ich auch in Belgien 
die monogamen Beziebungen zuriickgezogen lebender Homosexueller 
den Blicken Fremder, oft selbst den Augen Nabestehender. Was auf 
der Oberflacbe scbwimmt und desbalb leicbt ein verzerrtes Bild vor- 
tauscbt, ist die gewerbsmaCige und Gelegenbeitsprostitution, die 
namentlicb auf dem Damm von Ostende und an einigen Stellen in 
Brussel verbreitet ist und vielfacb wie an dem beriichtigten Platze 
binter der Briisseler Borse mit Chantage eng vergesellscnaftot auf- 
tritt. Nicht selten wurden in Briissel fremde Homosexuelle auch in 
dunkle entlegene Winkel gelookt und, falls sie nicht alles heraus- 
ruckten, was sie bei sich fiihrten, von den Helfershelfern der Lock- 
vogel schwer gemiBbandelt. Ich habe mehr als einmal in Berlin auf 
solche Weise in der belgiscben Hauptstadt erworbene Kopf- und Arm- 
wunden verbunden. Nach Pratoriusi') soil Brussel kein homo- 
sexuelles Bad, dagegen .,zahlreiche homosexuelle "VVirtschaften" besitzen, 
sine Wahrnehmung, die ich nicht bestatigen konnte. 

Am interessantesten in urnischer Hinsicht fand ich in Briissel das 
Leben auf der rue haute. Besucht man hier die Ballsale niederster 
Volksschichten, Lokale, in denen meist eine groBe Drehorgel oder eine 
Ziehharmonika die jeweils ziindendsten Melodien aufspielt und die 
nur selten jemand mit Kragen betritt, so kann man, sofern beide 
Geschlechter in etwa gleicher Anzahl vertreten sind, folgende Be- 
obachtung machen. Nur etwa die Halfte der Manner tanzen immer 
mit Frauen, mehr als ein Viertel tanzen ausschlieBlich mit Mannern 
und ein letztes Viertel sieht man sich bald mit Madchen, bald mit 
iliresgleichen drehen. Auch unter den Frauen gibt es eine ganze An- 
zahl, die darauf bedacht sind, immer nur weibliche Partner zu haben 
und Aufforderungen von Mannern „h6flich, aber bestimmt" ablehnen. 
Viele der gleichgeschlechtlichen Paare zeichnen sich durch sicht- 
liche Hingabe aneinander aus ; Wange an Wange, Knie an Knie ge- 
lehnt, verschmelzen ihre Korper unter dem EinfluB der einschmei- 
ohelnden Musik formlich miteinander. Die meisten tanzen immer 
nur mit einer bestimmten Person. Ich habe mich oft mit diesen 
eingeschlechtlichen Paaren aus dem niedersten Volke unterhalten — 
wie in Briissel, auch in Bastia, Palermo, Triest und vielen anderen 
Stadten — und erfuhr, nachdem ich das Vertrauen der Leute mehr 
als durch Zigaretten und Getranke durch eine gewisse Technik mit 
ihnen zu reden, gewonnen hatte, dafi von den eingeschlechtlichen 
Paaren, namentlich denen, die immer zusammen tanzen, die meisten 
zweifellos homosexuell sind; gewohnlich sind es beide, gelegentlich 
auch nur der eine der beiden Partner. Sie verabscheuen, wie sie 
versichern, das andere Geschlecht, wohnen und schlafen zusammen, 
leben, soweit bei ihrer Armut davon die Rede sein kann, in vollkom- 
mener Giitergemeinscliaft, und die Art, wie sie fiir einander eintreten, 
erinnert sehr an die Biindnisse, die uns aus anderen Orten und Zeiteu 
als Blutsbriiderschaften geschildert werden. Vor einigen Jahren wurde 
in Briissel ein homosexueller Schuhmacher mit seiner Frau wegen 
homosexueller Kuppelei verhaftet. Man beschlagnahmte bei ihnen 
zahlreiche Albums mit Photographien junger Leute ; die Bilder wurden 
den nachfragenden Urningen zur Auswahl vorgelegt, und die Ori- 
ginale dann zu einer verabredeten Stunde in die Wohnung der Schuh- 
machersleute bestellt. 

Eine sehr groBe An^^iehuugskraft hat von jeher auf die 
Homosexuellen aller Lander Italien ausgeiibt. Namentlich 
unter den deutschen, englischen und russischen Urningen gibt es 
viele, die Jahr fur Jahr die Zeit herbeisehnen, wo sie sich nach 



") Jahrb. f. sex. Zw. Jahrb. IV, p. 800. 



Digitized by VjOOQIC 



571 

Italien zurtLckziehen konnen, um wenigstens fur einige Wochen 

„auf-gesetzlichem Boden** zu leben. Viele haben sich auch 

dauernd dort niedergelassen. An einigen Platzen, wie Rom, 

Neapel und Florenz kann man geradezu von urnischen Kolo- 

nien reden. Auch Capri^®) wird von altersher, und zwar ver* 

mutlidi schon vor jener Zeit, wo Tiberius hier seinen Palast 

besafl, bis auf unsere Tage, wo auf dem Tiberiusfelsen ein Dich- 

ter seine prachtige Villa mit der Inschrift versah: ,,amori et 

dolori sacrum", von Urningen bevorzugt und auch in und um 

Taormina haben sich viele angesiedelt. Aber auch aus und 

an vielen kleinen Platzen von der ligurisohen Kliste abwarts 

iiber Etrurien und die Abruzzen his nach Sizilien habe ich 

Urningo aus dera Norden kennen gelernt. Den einen lockten 

mehr die Reste antiker Kunst, den anderen die Reize der Na- 

tur, das sonnige Klima, fast alle aber mehr oder minder auch 

die Mildc der Gesetze und „die paradiesische ^chonheit des 

Menschenschlages". 

Mancher beriihmte Urning und mancher, der langst fiir tot gait 
als er starb, hat in italienischer Erde, fern von der Heimat, seine letzte 
Ruhestatt gefunden ; ^^) so liegt Winckelmann in Triest auf dem 
Lapidario oivico, Platen in Syrakus im Garten der Villa F^andolina, 
LT I r i h 8 auf dem Campo santo in Aquila> zu denen sich neuerdings 
in Neapel Hermann von Teschenberg gesellte. Trotzdera der 
homosexuelle Fremde fiir das gastfreie Italien groiite Sympathie emp- 
findet, vollig bodenstandig wird er doch nur selten; meist ist er in 
seinem homosexuellen Verkehr auch nur auf Eingeborene angewiesen, 
die sich ihm — ohne selbst „echt" zu sein — auBerer Vorteile halber 
zur Verfiigung stellen. Den wirklich homosexuellen Italiener, der aus 
wirklicher Neigung gleichfiihlende Freunde sucht und findet — ebenso 
auch die gleichfiihlende Italienerin — lernen; die Fremden vielfach iiber- 
haupt nicnt kennen. DaB sie in betrachtlicher Anzahl in alien virilen 
und femininen Abstufungen existieren, ist ganz zweifellos. Nurdiirfto 
der Prozentsatz schwer eruierbar sein, um so schwerer, als sie von 
den zahlreichen Bisexuellen und Pseudohomosexuellen kaum unter- 
schieden werden konnen. Vor allem Siiditalien tragt in dieser Hin- 
sicht schon ein stark orientalisches, vermutlich sich bereits auf antike 
Traditionen griindendes Geprage, das auch anderweitig zum Ausdruck 
gelangt, z. B. in der nonchalanten Beurteilung aktiver gegeniiber der 
scharien Verurteilung passiver Betatigung. Erachten es doch selbst 
kauflicho junge Manner fiir unter ihrerWiirde, den Partner, den sie zu 
pedizieren jederzeit gegen Entgelt bereit sind, ihrerseits zu beriihren, 
oder gar inm immissionem in irgendeine „cavitatem" ihres Korj)ers 
zu gestatten. 

Wenn librigens Pratorius meint, daiJ es in Italien kaum 
hblnosexuelle Striche gibt, so kann ich mich dem nicht ganz 
anschlieUen. Ich wiiUte nicht, wie man das uns in der Gal- 



18) S p e r , Dr. A., Capri und die Homosexuellen. Eine psycho- 
logische Studie. Oranienbulrg-Berlin. 

15) Cf. „Drei deutsche Graber in fernem Land". In Vierteljahrs- 
beriohte des Wiss.-hum. Komitees. Jahrg. I, 1909. p. 29 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



572 

leria Vittorio Emanuele in Mailand und Galleria Umberto in 
Neapel entgegentretende Treiben, das abendliche Getriebe vor 
dem Cafe Aragno in Rom und am Quatro Canti in Palermo, 
um nur einige wenige Beispiele anzuftihren, anders titulieren 
soUte. Von zahlreichen mir von in Italian lebenden Homo- 
sexuellen zugegangenen Berichten will ich wenigstens einen wie- 
dergeben, der zugleich ein Beleg ftir den im Kapitel „Behand- 
lung" von mir vertretenen Standpunkt ist, daU Italien lieines- 
wegs, wie So oft angenommen wird, die beste Losun^ der sicli 
aus der homosexuellen Veranla^ung ergebenden Schwierig- 
keiten ist. 

Es heiBt da: ,, Italien gilt vielen als das Dorado der Homosexu- 
ellen. Aber wie irrig diese Meinung ist, erfahrt man, sobald man 
sich einige Zeit in Italien aufhalt. DaB die homosexuelle Veran- 
lagung dort bei. weitem nicht so verbreitet zu sein scheint wie in 
den nordischen Landern, ist schon mehrfach betont worden. Andrer- 
seits tritt sie keineswegs so selten auf, wie manche anzunehmen ge- 
neigt sind. So sind m i r bei sechsmonatigem Aufenthalt mindestens 
acht ausgesprochen homosexuelle Italiener und ein Bisexueller be- 
gegnet. von den ersteren sind vier altere Manner, die andern jiinpere 
unter diesen zwei, die eine Vorliebe fiir altere Manner haben. Dies 
Ergebnis meiner Beobachtungen ist nicht zu gering zu veranschlagen in 
Anbetraoht dessen, daB ich infolge meiner mangelhaften Kenntuis 
der Landessprache verhaltnismaBig mit nur wenigen Italienern 
in Beriihrung kam, bei der Annaherung an homosexuelle Kreise mit 
Riicksicht auf meine gesellschaftlichen Beziehungen zu Landsleuten 
groBe Vorsicht walten lassen muBte, und der „bessere" Italiener, wie 
ich mir habe sagen lassen, seine homosexuelle Neigung mindestens 
ebenso wie der gleichartige Deutsche nach Moglichkeit zu verbergen 
sucht. 

Mag aber auch die wahre Homosexualitat nur in geringem !MaDe 
in Italien verbreitet sein, so ist es um so mehr die homosexuelle B e - 
tatigung. Charakteristisch in der Hinsicht war mir der AussiDruch 
eines Urnings : „Fiir Geld kann ich in Italien jeden haben, selbst den 
Sindaco". Dies ist iibertrieben, enthalt aber einen guten Kern Wahr- 
heit. Es ist iiberraschend, wie viel junge Leute in Rom und Neapel 
durch Blicke oder durch Erwidern eines ihuen zugeworfenen Blickes 
ihre Bereitwilligkeit zu einer Annaherung zu erkennen geben, und 
nach meinen Beobachtungen sowohl wie nach den Mitteilungen, die 
mir von Italienern gemacht wurden, glaube ich behaujpten zu durfen, 
daB in den genannten GroBstadten die italienischcn Jiinglinge im Alter 
von 15 — 18 Jahren sich in der M e h r z a h 1 homosexuell betatigen. 
Hierbei sehe ich ab von der wechselseitigen Ouanie, die die jungen 
Leute auf Schulen und besonders in don in Italien zahlreichen Inter- 
naten untereinander betreiben, habe vieluiehr lodiglicli den homosexu- 
ellen Verkehr mit melir oder weniger alteren jMannern und namentlich 
Fremden im Auge. Wird ein junger Mann in der Gesellschaft eines 
Auslanders gesehen, geriit er alsbald in den Verdacht homosexuellen 
Verkehrs, insbesondere dann, wenn der Auslander ein Amerikaner, 
Englander oder Deutscher ist. Namentlich stchen die sich voriiber- 
gehend in Rom aufhaltenden Deutschen im Rufe der Homosexualitat. 
Ein mir bekannter, gebildetcr Italiener von etwa 18 Jahren, der trotz 
seiner Jugend einen sehr intensiven h e t e r o sexuellen Verkehr unter- 
hielt, aber sich ausnahmsweise auch homo sexuell betatigte, verstieg 
sich zu der ungeheuerlichen Behauptung, daB die Deutschen, die nach 



Digitized by VjOOQIC 



578 

Horn kommen, zu — 90o/o homosexuell seien. Diese Behauptung stiitzte 
er hauptsachlich auf Erzahlungen aus dem Kreise der romischeD 
Jeunesse doree, in der er verkeurte und in dem nach seiner glaub- 
wiirdigeu Angabe solche Dinge einen beliebten Gesprachsstoff bil- 
deten. Ich vermute, daB diese geradezu lacherliche Ansicht im Ge- 
folge der Eulenburg- Prozesse entstanden ist. Will man in Rom 
einen Deutschen als homosexuell verdiichtigen, so sagt man von ihm : 
e della tavola (oder tavola rotonda), d. h. er gehort zur Tafelrunde, 
soil heii3en zu dem Liebenberger Kreise. Auch von Angehorigen der 
deutschen Kolonie wurde mir gegeniiber als eine beklagenswerte Folge- 
erscheinung jener Prozesse hervorgehobeii, daB in Rom die Deutschen 
im Geruche der Homosexualitat stehen. Um sich nicht verdachtig 
zu machen, scheuen sich in der Regel die jungen Italiener — wenig- 
stens soweit sie den besseren Standen angehoren — , sich in Begleitung 
von alteren Ausliindern in der Offentlichkeit zu zeigen, und zwar 
selbst dann, wenn ciu geschlechtlicher Verkehr zwischen ihnen und dem 
Auslander nicht stattfindet. In Neapel trat ein mir unbekannter Mann 
mit dem Anerbieten an mich heran, daB er mir einen bello ragazzo ver- 
schaffen wolle, und auf meiue Frage, wie er zu solchem Anerbieten 
komme, erwiderte er, er hatte mich in Gesellschaft eines jungen 
Neapolitaners spazierengehen gesehen. Erwerbssinn und S i n n - 
1 i c h k e i t sind die Beweggriinde f iir die homosexuelle Betatigung 
des jungen Italieners. Ganz o h n e Entgelt pflegt auch der wirklich 
homosexuelle Jiingling sich dem alteren Manne nicht hinzugeben. Min- 
destens ein kleines Geschenk erwartet selbst der echte Homosexuelle. 
Ein junger Mann, den ich kennen lernte, erklarte es zwar fiir „brutto", 
Geld zu nehmen, bat aber, ihm ein neues Jackett zu schenken. Und 
es sind nicht etwa bloB Jungen niederer Volkskreise, die sich fiir Geld 
hingeben. Die Entgeltlichkeit ist die conditio sine qua non auch bei 
den Jiinglingen der besseren und besten Stande. 

Entsprechend der sozialen Stellung wird ebenso wie in Deutsch- 
land der Liebeslohn bemesscn. Ein romischer Student, dessen Forde- 
rung von 10 Lire dem um ihn werbenden Auslander zu hoch schien, 
meinte, unter dem konnte doch ein junger Maun wie er es nicht tun. 
Ein Unteroffizier war geradezu entriistet iiber ein Angebot von o Lire ; 
auf die Auf f order uiig, seinerseits seine Bedingungen zu nennen, er- 
klarte er in gekranktem Stolze, daB noch nie ein Auslander es ge- 
wagt habe, ihm ein ihn so erniedrigendes Angebot zu machen, und 
daB bei dieser Geringschatzung seiner Person jede weitere Verhand- 
lung ausgeschlossen sei. 

Die Sucht nach Gelderwerb, die, wie dargelegt, bei der Hin- 
gabe des Italieners eine so groBe Rolle spielt, zeitigt auch die uner- 
freulichc Erscheinung, die so vielfach in Verbindung mit dem homo- 
sexuellen Verkehr auftritt: die Chantage, im Italienischen „ricatto" 
genannt. DaB eine solche in einem Lande, in dem eine dem § 175 ent- 
sprechende Strafbestimmung nicht besteht, iiberhaupt moglich ist, 
erregt bei dem Nichtkenner der italienischen Verhaltnisse Befremden. 
Gilt ihm doch Italien als das Land der Freiheit fiir den homosexu- 
ellen Verkehr. 

Irrig ist aber zunachst schon die Ansicht von der voUigen Straf- 
freiheit. Straflos ist zwar der homosexuelle Verkehr an und fiir sich. 
Er wird aber unter den gleichen, besonderen Umstiinden wie 
der auBereheliche heterosexuelle Verkehr bestraft, und dies ist — 
abgesehen von dem MiBbrauch eines Abhiingigkeitsverhaltnisses, der 
Unzucht mit Kindern unter 12 Jahren, der Gewalttiitigkeit und illin- 
lichen Qualifikationen — dann der Fall, wenn er erstens uffentlich 

feschieht, und zweitens mit unbcscholtenen Personen, die das 
G. Lebensjahr noch nicht volleudet haben. Letzterenfalls freilich 
nur auf Antrag. Der Begriff der Offentlichkeit wird sehr ausgedehnt 
ausgelegt : so wird z. B. als ein c'ffentlicher Ort, wie man mir ge- 



Digitized by VjOOQIC 



574 

sagt hat, schon die — wohl von innen nicht verschlieBbare — Kabine 
einer Badeanstalt angesehen. Diese gesetzlichen Bestimmungen dienen 
nun vielfach als Handhabe fiir die Chantage. Erleichtert wird dies 
dadurch, daB der Italiener sioh friihzeitig entwickelt, und man sich 
infolgedessen leicht iiber sein Alter tauscht. Sowohl in dem einen wie 
in dem anderen Falle gehen nun die Erpressungen unter Androhimg 
von Anzeigen nicht etwa nur von den angeblich in ihrer Sittlichkeit 
Verletzten selbst aus, sondern oft auch von deren Eltem und son- 
stigen Angehorigen, die sich gegen Zahlung eines Schweigegeldes be- 
reit erklaren, von Stellung eines Strafantrags Abstand zu nehmen. 
In dieser Weise wird auch dann vo^egangen, wenn eine Verlctzung 
des Schutzalters iiberhaupt nicht in Frage Kommt. Es wird schlank- 
weg behauptet, der andere Teil habe sich strafbar gemacht, und man 
rechnet darauf, daB der F r e m d e sich einschiichtern laBt. Dieser 
Zweck wird vielfach schon durch die Scheu vor Scherereien mit der 
Polizei Oder vor einem Skandal erreicht. Man findet sich ab, um sich 
nicht weiteren Belastigungen auszusetzen. Kommt es doch vor, daB 
iugendliche Erpresser manchmal selbst dann, wenn eine geschlecht- 
lichc Beriihrung gar nicht stattgefunden hat, dadurch auf ihr Opfer 
einzuwirken suchen, daB sie sich tagelang an seine Fersen heften. 
In einem Falle verfolgte in Rom ein Junge einen Herrn nachts mehrere 
Stunden, stieg mit ihm in die StraBenbann, lief, als der Herr sich eine 
Droschke nahm, andauernd neben her und hatte die Frechheit, in einer 
HauptstraBe Roms von hinten an die Droschke hinanzuspringen, um 
dem Herru einen Schlag iiber den Kopf zu versetzen. Schon eine kurze 
Unterhaltung, die an sich unverfanglich ist, geniigt manchmal dem 
Jungen oder seinen Helfershelfern, um die Erpresserschraube anzu- 
setzen. Hierbei ist es keineswegs Voraussetzung, daB die Anrede von 
dem Herrn ausgegangen ist. „Was haben Sie mit meinem Bruder 
gemacht?" oder „Was haben Sie meinem Freunde zugemutet?", 
herrscht plotzlich ein anderer Junge, der „unversehens" dazukommt, 
den Herrn an, welcher sich im Gesprach mit dem ersten Jungen be- 
findet oder solches auch wohl bereits beendet hat. „Sie haben ihm 
unsittliche Antrage gestellt" oder so ahnlich heiBt es weiter. Als- 
dann wird mit der Guardia (Polizei) gedroht, um durch diese Ein- 
schiichterung den Boden fiir die Geldforderung vorzubereiten, oder 
sie, falls schon gestellt, zu unterstiitzen. Nur groBte Energie kann 
hier retten. Dies mag folgendes Beispiel lehren. 

Ein Deutscher hatte in Rom mit einem dorb studierenden 20- 
jahrigen Italiener aus Ancona ein Verhaltnis. Die intimen Zusammen- 
kiinfte der beiden fanden teils in der Pension des Deutschen statt, 
teils ill der Wohnung des Studenten, fiir die diesem der Mietpreis von 
dem Deutschen zur Verfiigung gestellt wurde. Da dem Studenten die 
freiwilligeu Geldspenden seines Freundes nicht geniigten, versuchte er 
mehr Geld aus ihm herauszuziehen. Er schwindelte zunaohst vor, 
daB ihm seine Wohnung auf sofort gekiindigt sei, weil er unerlaubte 
Beziehungen zu dem Auslander unterhalte, und seine Zimmerwirtin 
mit Mitteilung an seine Eltern gedroht habe, falls er nicht sogleich, 
ohne das fiir den eben angebrochenen Monat im voraus gezahlte Miet- 
geld zuriickzuerhalten, ausziehe. Er bat seinen Freund nun flehentlich 
ihm eine groBerc Summe zu geben. Als dieser sich ablehnend ver- 
hielt, beschloB man „aufs Ganze zu gehen". Hierzu wurde von dem 
Studenten einem alteren Bekannten die Rolle seines Schwagers aus 
Ancona zugeteilt. Bei der nachsten Zusammenkunft in der Wohnung 
des Deutschen, die der Student angeregt hatte, gab sich dieser so 
zartlicli wie nie zuvor. Da wurde plotzlich an die Tiir geklopft, und 
herein stiirmte mit drohend erhobener Faust ein vierschrotiger Geselle, 
der aiigebliche „Schwager", Schmahworte ausstoBend gegen den „miB- 
ratenen Jungen", der sich zitternd wie Espenlaub in eine Zimmerecke 
gefhichtot hatte und wehklagend rief : ,,0 mio cognato, mio cognato da 



Digitized by VjOOQIC 



575 

Ancona I"2<^) Der Deutsche, zunachst noch in gutem Glauben, daB 
die Zimmmerwirtin des Studenten ihre Drohung wahr gemacht habe 
und der aus Ancona herbeigeeilte Schwager dem Famllien- 
angehorigen zu Leibe wollte, versuchte vergeblich, den Eindringling 
wieder aus dem Zimmer hinauszuschieben oder doch an die elektrische 
Klingel zu gelangen. In diesem kritischen Momente erschien, durch 
den Larm herbeigerufen, das Zimmermadchen, und kurz entschlossen 
gebot dieser der Deutsche, den padrone (Pensions inhaber) herbei- 
zurufen, der denn auch alsbald erschien und auf Wunsch des der 
italienischen Sprache nicht geniigend machtigen Deutschen den „co- 
gnato" nach seinem Begehr befragte. Der „cognato" erzahlte von den 
angeblichen brieflichen Mitteilungen an die Eltern des Studenten und 
fiigte hinzu, er sei deshaib von Ancona heriiber^ekommen, um nach 
dem reohten zu sehen, und wiinsche die Angelegenheit mit 
dem Deutschen zu ordnen. Der padrone verfehlte nicht, seine Zweifel 
an der Richtigkeit der Angaben zu aufiern, machte auch den „cognato" 
auf die unangenehmen Folgen einer Verleumdung aufmerksam und 
kelirte dann zu dem Deutschen zuriick, den er von jenen Angaben in 
Kenntnis setzte. Nach langerem Hinundherreden erklarte sich der 
Deutsche bereit, die verlangte Unterredung spater in Gegenwart des 
padrone an einem dritten Ort zu gewahren. Nunmehr entfernte sich 
der „cognato", nachdem ihm auf Befragen versichert war, daB sich 
der Student inzwischen entfernt habe. In Wahrheit befand sich frei- 
lich der Student noch im Zimmer des Deutschen, wo er wahrend 
und nach der Unterredung zwischen dem „cognato" und dem padrone 
iammerte: „Was hast Du getan? Warum gleich so heftig? Hat test 
Du meinen Schwager nicht so hart angelassen, hatte 
er mit sich reden lassen. Nun werden wir beide ins Ge- 
fangnis kommen." Auf letztere AuBerung kam er immer wieder zuriick, 
obwohl ihm — der Wahrheit entsprechend — von dem Deutschen be- 
deutet wurde, daB das, was zwischen ihnen vorgefallen ware, nach 
italienischem Gesetz nicht strafbar sei. Weiter wehklagte er, was 
aus ihm werden soUte, und stohnte, daB ihn sein Schwager totschlagen 
werde. Dann wollte er wiederum fort, obwohl ihm p^esagt wurde, daB 
er Gefahr laufe, seinem wiitenden Schwager noch vor dem Hause zu 
treffen, und im nachsten Augenblicke erklarte er, sofort zu seinen 
Eltern nach Ancona reisen zu wollen. Kurzum er tat ganz kopflos — 
die Komodie wurde vortrefflich gespielt. SchlieBlich wurde er fort- 
geschickt mit der Weisunc, sich zu der Unterredung mit dem „co- 
gnato", an der wegen Behinderung des padrone nunmehr ein Rechts- 
anwalt teilnehmen sollte, einzufinden. Bevor der Student ging, steckte 
dei* Deutsche seine Pistole in die Tasche mit dem Bemerken, daB er 
diese zur Vorsicht mitnehmen werde, was ersichtlich Eindruck auf 
den Studenten machte. Nachtraglich entschloB sich der Deutsche, 
der sich inzwischen klar dariiber geworden war, daB es sich um ein 
Komplott handelte, jegliche Auseinandersetzung mit dem „cognato" 
zu vermeiden. Er sowohl wie der bereits telephonisch angerufene 
Rechtsanwalt blieben deshaib der Zusammenkunft fern — und damit 
war die Sache zu Ende. Sowohl der „cognato" als auch der Student 
haben nichts mehr von sich horen oder sehen lassen. Der Plan 
der beiden SpieBgesellen lag klar zutage: man rechnete darauf, daB 
der Deutsche, dm*ch den Uberfall eingeschiichtert, um gut Wetter bei 
dem sichtlich entriisteten „cognato" bitten und, sei es aus eigenem 
Antriebe, sei es auf die ihm dann zu machenden Andeutungen hin, sich 
bereit erklaren wiirde, durch Zahlung einer BuBe den Zorn der in ihrer 
Ehre gekrankten Familie zu beschwichtigen, d. h. sich loszukaufen. 
Weniger giinstig war der Ausgang eines ahnlichen Abenteuers 
eines anderen Deutschen in Neapel. Dieser hatte auf der StraBe die 

^^) Ach mein Schwager, moin Schwager aus Ancona! 

Digitized by VjOOQIC 



576 

Bekanntschaft eines jungen Neapolitaaers gemacht, der sich schon 
seit mehreren Jahren zu gleichgeschlechtlichem Verkehr fiir Geld 
hei-gab, und hatte sich mit ilim in ein Absteigequartier begeben, nach- 
dem er ihm vorher als Eatgelt 10 Lire versprochen hatte. Die beideii 
hatteu sich eben halb ausgekleidet, als es an die Tiir pochte. Als 
der Fremde offnete, drangten sich zwei Burschen ins Zimmcr, die sich 
als Briider des Jungen ausgaben, dem Herrn vorhielten, dafi er iiber 
ihre Familie Schande gebracht habe, und ein Schweigegeld verlangten, 
widrigenfalls die Saclie zur Anzeige gebracht wiirde. Nach langerem 
Verhandeln kam eine Einigung dahin zustande, daB sich der Deutsche 
mit 100 L., die er den Dreien gab, abfand. Der Junge hatte die naive 
Unverfrorenheit, den Vorgang einem andern in Neapel seiJhaften 
Deutschen, mit dem er schon seit Jahren in Beziehungen stand, zu 
erzahlen; als ihm dieser die Schandlichkeit seines Vorgehens zu Gc- 
miitc fiihrte, erwiderte er: „Die Fremden, die nach Italien kamen, 
hatten viel Geld, er aber hatte keins, und da sei es ganz in der Ord- 
nung, jene zu rupfen." 21) in dieser AuCerung zeigt sich gleichzeitig 
die den Siiditalienern nachgesagte Nichtachtung fremden Eigentums. 
So werden denn in Italien bei Gelcgenheit des homosexuellen Verkehrs 
auch vielfach Diebstahle veriibt. Einem Deutschen wurde am hellen 
Tage, nachdem er in einem Park an entlegener, im iibrigen menschen- 
leerer Stelle mit einem Italiener verkehrt hatte, seine goldene Uhr 
regelrecht geraubt, und der Italiener schamte sich nicht, am nachsten 
Tage vor dem Hotel des Deutschen, der mit anderen Gas ten drauBen 
stand, vorbeizustolzieren — er wuCte, daB die Scheu vor einem Skaudal 
den Beraubten abhalten wiirde, ihn festnehmen zu lassen. 

Es ist aber nicht Schaden an Hab und Gut allein, den man in 
Italien bei Liebesabenteuern zu besorgen hat, man ist auch der Ge- 
fahr korperlicher Beschadigurigen ausgesetzt. Kommt es auch 
nicht gleich zu Mord und Totschlag, wie s. Zt. bei W i n c k e 1 m a n n , 
so soil doch ein Messerstich dessen, der sich in seinen Erwartuagen 
auf Gewinn getauscht sieht, keineswegs zu den Seltenheiten gehoren." 

Auffallend ist die spate und geringe Beachtung, welche die 
wissenschaftliche Seite homosexueller Fragen in Italien gefunden hat, 
trotzdem doch von hier die moderne Kriminalistenschule, welche sich 
anderswo viel mit ihr beschaftigte, ihrcn Ausgang genomraen hat. 
Als ich Lombroso in Turin und den alten Mantegazza in Florenz 
sprach, war ich erstaunt, wie geringe Erfahrungen und Kenntnisse iiber 
die mannliche und die weibliche Homosexualitat sie bei ihrem funda- 
mcntalen Wissen auf beuachbarten Gebieten gesammelt hatten. Einzig 
and allein Pasquale Penta 22), der leider 1904 nur 45 Jahre alt, 
als Professor der Psychologie und Kriminalanthropologie in Neapel 
starb, hat dem Problem die verdiente Aufmerksamkeit gewidmet. 

Vom Umingstum in Spanien horte man fiiiher yerhaltnis- 

maUig wenig. Homosexuelle Weltenbummler berichteten mir, 

-^) In dem Aufsatz: Erotische Ausdrucksweisen der Sorrentiner 
Landbevolkerung, in der Anthropophyteia von KrauB, Band VII, 
Leipzig 1910, hebt Spectator hervor, es habe sich eine anschei- 
nend nicht unbedeutend florierende Industrie zur Ausbeutung homo- 
sexueller Fremden in der dortigen mannlichen Landbevolkerung- ge- 
bildet. 

22) Nacke, Zeitschrift fur Sexualwissenschaft 1908. p. 74 ff. 
„Penta als einer der beston Forderer der Sexualwissenschaft." 

Pent as Ansichten finden sich in seinen Schriften: „I perverti- 
menti sessuali neiruomo e Vicenzo Verzeni strangulatore di donne" 
189.'5. „Archivio delle psichopatia sessuali", 1896. ,,Rivista mensile 
di P&ichiatrja Forense, Antropologia criminale c Scienze affini", Lc- 
zioni di Psichiatria, dettato nciranno scolastico 1899—1900. 



Digitized by VjOOQIC 



677 

sie h§!tten aufier einer ziemlich, aufdringlichen und gef&hr- 
lichen Prostitution in den Premdenzentren — wie auf der 
Puerta del Sol in Madrid oder der Bambla in Barcelona — wenig 
oder nichts Typisches gesehen. Es ist immer die gleiche Er- 
fahrung. Das national-homosexuelle Leben, dessen Gestalt scihon 
den heterosexuellen Einheimischen verborgen bleibt, versehlieBt 
sich in seiner Tiefe den der Landessprache und Landessitte 
unkundigen Premden fast vollig. Nur der urnische Auslander, 
der viele Jahre im Lande lebt, gewinnt allmahlieh einen „Ein- 
blick hinter die Kulissen**, der ihn gewohnlich aber auch nur 
einen Ausschnitt kennen lernen laBt. Am meisten lernt der 
Sachkundige kennen, wenn er mit eingeborenen Urningen ver- 
schiedener Art Geschmacksrichtung und Bildung Piihlung 
nimmt. Dies ist der Weg, auf dem ich vorzugehen pflege und 
auf ihm habe idh auch auf der iberischen Halbinsel wichtige 
Kenntnisse sammeln konnen. 

Als ich in San Sebastian spanischen Boden betrat, war einer der 
ersten Eindriicke, die ich empfing, ein offensichtlioh urnisches 
Freundespaar im Kasino. Ein etwa 30jahriger und ein 20iahriger 
Vollblutspanier lauschten Hand in Hand der schonen Musik; die lieb- 
kosenden Blicke, mit denen sie einander verzehrten, batten iiber den 
Charakter ihrer Beziehungen selbst dann keinen Zweifel gelassen, wenn 
sicli nichl der urnisch-feminine Typus des alteren dem Eenner allzu- 
deutlich verraten hatte. In einer Pause begriiBte sie ein spanischer 
Uraings-Dandy, ein junger eleganter Weibling, dessen Schleppe man 
fonnlich rauschen horte. Vor dem Kasino auf der Concha boten sich 
baskische „Strichjungen" an, die nichts weniger als vertrauenswiirdig 
ausschauten; man teilte mir spater mit, daB die „anstandigen" sich 
um die neue Kirche zum buen Pastor aufzustellen pflegen. An den 
Abendeu beobachtete ich in fast jedem der dicht bevolkerten Bordells, 
die ich mir ansah, — sechs an der Zahl — unter den etwa 10 — W In- 
sassinnen spanische Freundinnenpaare „aus Lesbos". Wenn etne mit 
einem Freier verschwand, lieB die andere die Fliigel hangen und 
wurde erst wieder munter, wenn die andere die Treppe herunterstieg, 
die von den Bettzimmern abwarts fiihrte. Sie eilte der Freundin ent- 
gegen, umarmte und kilBte sie, tanzte mit ihr die „chonta" und blieb 
test an ihrer Seite, ohne daB die Partner, die Kolleginnen oder Be- 
sucher AnstoB daran nahmen. Ahnliches sah ich im Caf6 de la Mag- 
dalena in Madrid und anderen Flamengo-Lokalen (Tanzvariet^s), in 
denen sich Manner aus dem Volke die Madchen holen, mit denen sie 
sich in die Schlafgemacher des Hauses zuriickziehen. In Madrid suchte 
ich zwei deutsche Homosexuelle auf, die mit dem wissenschaftlich- 
humanitaren Komitee in Beziehungen standen. Der eine, ein Ge- 
lehrter, lebte 15, der andere, ein Diener, 7 Jahre in Spanien. Beide 
waren einander unbekannt. Der Gelehrte, der mit einem Torero in 
fester Freundschaft lebte, wuBte von der Homosexualitat in Spanien 
fast nichts. Hatte ich mich allein auf seine Auskiinfte verlassen, 
so hatte ich annehmen mussen, daB der echte Uranismus unter den 
Spaniern hochst selten sei. Umso mehr wuBte der Diener. Er fiihrte 
mich zu Don Carlos — genannt Donna Carolina — der seit 24 Jahren 
den beliebtesten umischen Rendezvousplatz der iberischen Halbinsel 
unterhalt. Don Carlos, der mit seiner Frau und seinem Freund zu- 
sammenwohnt, erzahlt, daB er, wenig gerechnet, im Tage drei, im 
Jahre gegen 1000, seit er sein Quartier leitet, an 20 000 verschiedene 
Hirschfeld, Homotexnalitflt. 37 



Digitized by V:iOOQIC 



678 

Uranier zu Gesichte bekommen hat, von denen Vs Spanier und Portu- 
eiesen und etwa nur 1/5 Auslander waren. Unter den Mitgliedern der 
Diplomatic, die seine Stammgaste waren, befanden sich auch zwei 
ui'nische Japaner. Ich traf dort „las camelias**, zwei urnische Zwil- 
lingsbriider, „la malva loca", die verdrehte Malve, „la munneca" Tdie 
Puppe), einen jungen Diener, der seinen Namen von dem kindlicnen 
Fuppengesicht fiihrte, das fiir manche Homosexuelle typisch ist ; ferner 
sail ich dort „ Madame Antonia", eine sehr elegante Modistin und 
seine Konkurrenten, der „la Imperatriz", die Kaiserin, genannt wird, 
eine gioBe stattliche Erscheinung, die fast nur mit Toreros verkehrt: 
audi „la Presidenta", einen reichen Kaufmann aus Zaragossa, lernte 
ich kennen, und „la tia del pueblo" (die Tante vom Dorfe), einen 
homosexuellen Bauern. Aber nicht nur dem femininen Typus spani- 
scher Urninge begegnet man bei Donna Carolina, sondern haufiger dem 
vollig virilen und dazwischen dem wohlsoignierten imd parfiimierten 
zierlichen Stutzer, der zu dem Carnatero, dem Ochsentreiber, in Liebe 
entbrannt ist und fiir dessen bunte camisa de flanela (Flanellhemd), 
seine Albagetas (weiBc Bastschuhe), seine weiten Manchesterhosen 
und womoglich gar fiir seine Piajos (pulices) schwarmt. Der groBeD 
Nachfrage entspricht natiirlich auch das Angebot, vor allem kommen 
in die casa de la Carolina Soldaten, besonders solche der Escorta real, 
sowie Matrosen, Husaren und namentlich guardias (Schutzleute), aller- 
dings in nichts weniger als amtlicher Eigenschaft. Ahnlich wie bier, 
nur nicht so lebhaft, geht es bei la Ricarda, auch Sindientes, 
die Zahnlose genannt, zu. Dieser wohnt mit seinem Freunde la Pepa 
(Pepe gleich Joseph) und zwei Frauen, Lola und Leonora, zusammen, 
die seit langer Zeit in einem festen homosexuellen Verhaltnis leben, 
das oft von starken Eifersuchtszenen unterbrochen. ist. Die weib- 
liclie Homosexualitiit ist iiberhaupt in Spanien nicht weniger ver- 
breitet wie die mannliche ; sehr bekannt ist in Madrid eine Mar- 
((uesa, die den Namen „la Gloria" fiihrt. Sie unterhalt yerschiedene 
Kokotten und Sangerinnen, hat haufig Skandale, ist eine Stamm- 
gastin niederster Bordelle und Tabernas und duzt alle Droschkenkut- 
scher und Blumenverkauferinnen. Das hindert ebensowenig ihr Er- 
scheinen bei den Festen der Aristokratie, wie es ihrem Seitenstiick, 
dem Marquis mit dem Spitznamen la casta Susanna (die keusche 
Susanne) in seiner Beliebtheit geschadet hat, daB er bereits acht- 
mal wegen Erregung offentlichen Argernisses MO Peseten zahlen muBte. 
weil er sich nicht enthalten konnte, in Bediirfnisanstalten ihm pra- 
sentierte membra zu beriihren. Auch von einem der geschatztesten 
Biihnendichter neuerer Zeit, der namentlich in der Damenwelt sehr 
beliebt ist, weiB man, daB er Maurer, Kutscher und Toreros nicht 
nur platonisch liebt. Seine Freunde aus dem Volke erzahlen, daB 
er, wenn er mit ihnen schlaft, nie vergiBt, Notizbuch und FuUfeder- 
halter auf das Kopfkissen zu Icj^en, um sogleich seine schonen 
Verse zu Papier zu bringen, die ihm wahrend der Betatigung ein- 
fallen. Auch einer der beriihmtesten und vergottertsten Espadas, — 
ich lernte ihn in Barcelona personlich kennen, — steht im Rufe 
der Homosexualitat, die unter den Stierkampfern keine Seltenheit 
ist. Hat ein homosexueller Matador einen Liebling aus dem Volke, 
so pflegt er ihn zu seinem mozo die estoque (Stockjun^en) zu machen, 
d. i. seinem Gehilfen, der hinter der Bajriere stehend ihm wahrend des 
Kampfes stets zur Hand ist, vor allem ihm auch den Degen und das 
rote Tuch iiberreicht. Die Toreros ihrerseits haben vielfach auch 
homosexuelle Gonner, denen sie, gleichviel, ob sie hetero- oder homo- 
sexuell, sehr anhangen. Haben sie ihnen doch oft genug ihre Aus- 
biiCiung zu verdanken. Es kommt nicht selten vor, daB sie den 
Stier statt dem Prasidenten einem Freunde widmen. Ich sah solches 
selbst in Barcelona. Im iibrigen stehen die Stierkampfe noch heute 
genau eo wie vor hundert Jahren im Mittelpunkte des Volksinter- 



Digitized by VjOOQIC 



579 

esses. Fast die ganze Unterhaltimg der Spanier dreht sich um die 
Toreros und Corridas ; sie sparen und verse tzen Hab und Gut, iim 
einen beriihmten Stierkampfer zu sehen, uud es ist charakteristisch, 
daB an den Tagen vor den Stierkampfen das Aiigebot 
auf den Strichen durch die Jungen aus dem Volke, 
die sich das Eintrittsgeld in die Arena verclienen 
wollen, mehr als verdoppelt ist. Die mannliche Strafien- 
prostitution cilt mit Reclit in ganz Spanien von San Sebastian 
bis Malaga als aufdringlich und gefahrlich. Oft wird so t^earbeitet, 
daB zwei Manner einen gut aussehenden Jungen als Locknilttel aus- 
schicken. Reagiert der einsame Spazierganger auch nur oin wenig, 
so erscheinen sie plotzlich mit dem Schreckruf : „Was liaben Sie 
getan?" auf der Bildflache und schiichtern den Ungliicklichen ein, 
indem sie sich als Polizeibeamte (Policia falsa) gerieren. Ein solcher 
Anschlag (attraquo) im Retire von Madrid erregte vor einigen Jahren 
besonderes Auf sehen, weil sein Opfer, „Donna Emilia", ein sehr ge- 
schatzter katholischer Geistlicher aus Nordspanicii war. Nicht so 
schlimm wie die madrilenische ist die andalusisrae Prostitution. In 
Sevilla gehoren ihr, ahnlich wie in Agypten, fust alle Stiefelputzer 
an; wahrend sie die Schuhe reinigen, suchen sie durch nur dem Ein- 
geweihten merkliche Beriihrungen und Positiouen, die sie sich zu 
geben wissen, ein Verstandnis herbeizufiihren. Geht der Herr auf 
ihre Anerbietungen ein, so stellen sie ihr Putzzeug einfach unter eine 
Bank, geben ein Zeichen, man soUe ihnen folgen und fiihren den Be- 
treffenden in ein nahegelegenes Frauenbordell, wo man beiden gegen 
geringes Entgelt ein Zimmer zur Verfiigung stellt. Aus der Selbst- 
verstandlichkeit, mit der dieses geschieht, g'jht hervor, daB es sich 
um einen ganz alltaglichen Vorgang handelt. Die Gefahrlichkeit 
der spanischen Prostitution hat als Folge, vielleicht auch als Ursache, 
daB sich ihrer fast nur die voriibergehend im L. nde befindlichen Frem- 
den bedienen. Diese allerdiugs in hohem Gr;.de. So sagte mir ein 
Alhambrafiihrer in Granada, der Herren fiir tien Abend Tanz jungen 
anbot, daB von den Reisenden o h n e Frauen gut die Half te, wenn er 
ihnen seine Kupplerdienste zur Verfiigung stellte, nicht Madchen, son- 
dern „gar9on8" zu haben wiinschten. Einem Englander aus dem Hotel 
Washington Irving hatte er sogar einmal jeden Abend vier „gar9ons" 
verschaffen miissen. Dieses „Nachtlager von Granada" hatte sich an 
flint aufeinanderfolgenden Abenden wiederholt und taglich 100 Peseten 
gekostet. Es gibt iibrigens in Spanien — ahnlich wie in Italien — 
englische und deutsche Urninge, die sich ganz akklimatisiert haben, 
ausgezeichnet die Landessprache sprechen, ganz die Gewohnheiten 
der neuen Heimat annehmen, dabei sich vom Verkehr mit ihren Lands- 
leuten zuriickziehen, deshalb fiir Sonderlinge gelten, auch mit Urnin- 
gen wenig verkehren und nur einen eingeborenen Freund haben, in 
dessen Interessen, und seien sie den ihren noch so abgelegen, voll- 
kommen hineinleben, sie nach Moglichkeit auch finajiziell fordern. 
Oft dauert es ein Jahr und langer, bis sie die Zuneigung und das 
Vertrauen dieses meist normalen, ihnen innerlich fremd gegeniiber- 
stehenden Cataloniers, Andalusiers, Arragonesen, so weit gewonnen 
haben, daB es auch zu sexuellem Verkehr kommt. Dafiir dauern dann 
diese Beziehungen aber auch oft sehr lange Zeit, OiO Jahrzehnte. 

Eins der wenigen wissenschaftlichen vVerko, die iiber die Homo- 
sexualitat in Spanien geschrieben sind, riihrt von de Quir6s und 
Aguilaniedo*"*) her. Die Autoren beschi »iben 19 von ihnen be- 
obachtete Uranier mit Kopf- und KorpermaBen, sie unterscheiden echte 
Invertierte, die sich als anderes Geschlecht fiiUlen und Pseudoinvt.r- 

23) C. Bernaldo de Quir6s und J. M. L. A g a i 1 a n i e d o , 
Verbrechertum u. Prostitution in Madrid. Sexualpsychologische Bi- 
bliothek, her. von I wan Bloc h. Bd. III. S. 237—277. 

37* 



Digitized by V:iOOQIC 



680 

tierte „aus Laster", ferner Dimorphe, die aktiv und passiv auftreten 
und Bisexuelle, sie betonen, daB nicht alle der Padikation huldigen 
und dali manche bei mannlichem Typus eine weibliche Psyche besaCen. 
Die mannlichen Prostituierten, die, den untersten Klassen entstam- 
mend, auch in Spanien vorkamen, seien teils geborene Invertierte, 
teils nur lasterhaft; sie benutzten den homosexuellen Verkehr oft nur 
zum Zwecke des Diebstahls, des Raubes, ja, des Mordes. Dies werde 
dadurch erleichtert, daB Spanien, speziell Madrid, der Homosexu- 
alitat sehr feindlich gesonnen sei, wenngleich jetzt weniger ale 
in fruberer Zeit. Auch mit der weiblichen Homosexualitat beschaf- 
tigen sich die Verfasser. Es ^abe auch in Spanien eine fiir homo- 
sexuelle Frauen bestimmte weibliche Prostitution. 

In neuerer Zeit ist in einigen Monograph ien, la mala vida en 
Madrid, la mala vida en Barcelona 2* ), la Prostitucion 2*) das Thema 
in ahnlicher Weise noch etwas ausfiihrlicher behandelt worden. Es 
werden namentlich interessante Details iiber die groBe Verbreitung 
der Homosexualitat in Spanien beigebracht, doch scheint alien diesen 
Autoren die deutsche Fachliteratur, wenigstens im Original, unbekannt 
geblieben zu sein. 

Cber die weibliche Homosexualitat, die er Safismo o Femi- 
nasexualismo nennt, gibt B e m b o wertvolle Auf schliisse. Die Zahl 
der „unisexuales femininas" steht nach ihm in Spanien im gleichen 
Verhaltnis zur Bevolkerung wie der „Ho m o sexualismus"; er sagt: 
„ich habe Gelegenheit, Feminasexuelle zu behandeln, und meine 
Aul'zeichnungen dariiber lassen mich die Behauptung aufstellen, daB 
Madrid diejenige spanische Stadt ist, wo sie am meisten zu finden 
sind; dann kommt Barcelona, Sevilla und Galicia. Er meint, daB 
die of fen zur Schau getragene Virilitat der Frau nachgelassen hat. 
„Maji kannte friiher den Typus der Virago, des Mannweibes, aber 
diese Art des Auftretens war ihnen nachteilig, und er verschwand 
von der Bildflache. Die Feminasexuelle ist jetzt mit Sorgfalt darauf 
bedacht, daB nichts in ihrer Erscheinung mannlichen Charakter auf- 
weise, aber sie muB sich Gewalt antun, denn das Gesetz der 
Inversion fordert ihre Vermannlichung." Interessant ist folgende 
Bemerkung: „Wir bemerken bei den Sapphistinnen eine aus- 
gesprochene Vorliebe fiir die Poesie und die Musik, welche zuweilen 
eine „sinestesia g^nito-musical" erreicht, wie Dr. Ingenieros 
in zwei merkwiirdigen Fallen beobachtet hat, die er in seinen Publi- 
kationen iiber das Strafgefangnis in Buenos Aires erzahlt. Ferner be- 
richtet er: „Die Chantage ist auch beim Feminasexualismus tatig, 
aber nicht so verbreitet wie beim Homosexualismus." 

In dem von Spaniern und Portugiesen entdeckten, .besiedelten 
und kulturell stark beeinfluBten Mittel- und Siidamerika ist 
der TJranismus gegenwartig pin alien Einzelstaaten eine weit- 
verbreitete Erscheinung. Es liegen mir dariiber eine sehr groBe 
Anzahl von Mitteilungen zuverlassiger Beobachter vor. Sie 
sind zwar nicht eingehend genug, um zuverlassige Sehltisse 
iiber die prozentuale Verbreitung der Veranlagung zu gestatten. 
Doch sind sich alle Beobachter einig, daB im Durchschnitt 
und dem allgemeinen Eindrucke nach die angeborene Honwo- 
sexualit^t unter den Bewohnern dieser Lander ebenyo haufig 



2<)„La mala vida en Barcelona" por Pro.f Max 
Bembo. Estudio II, Uranism o. 
«*) Barcelona o. J. 



Digitized by VjOOQIC 



581 

auftritt wie in Europa, ferner dafl man anch alien andern 
Varianten der Sexualitat, dem korperlichen Zwittertum in alien 
Nuancen des Hermaphroditismus und der Androgynie, der psy- 
chischen Feminitat der Manner und Virilitfit der Frauen, 
Transvestitismus usw. dort ebenso hSufig begegenet, wie bei uns. 

In einem dieser Berichte heiBt es: 

„Besonders im Rufe homosexueller Neigungen steht in Sudame- 
rika der katholische Klerus. So werden die Homosexuellen in Chile 
„Jacinthos** genannt, nach einem katholischen Orden, der sich fruher 
vorwiegend mit Knabenerziehung beschaftigt hat. Es erinnert der Ur- 
spning dieses Ausdruckes an die in Osterreich im Volke vielfach iib- 
liche Redewendung „ jemanden einen Eapuziner machen", was die 
Vomahme der mastnrbatio ad ejaculationem, namentlich alterius be- 
deutet. Die Bekanntschaft mit homosexuellen Praktiken ist in alien 
Kreisen der Bevolkerung, die als Objekt gleichgeschlechtlicher Be- 
tatigung in Frage kommen konnen, in Sudamerika uberaus gewohn- 
lich. von der seemannischen Bevolkerung der Hafenstadte bis zu 
den Naturburschen auf den abgelegenen „Estancias" Argentiniens und 
„Haoiendas** Mexikos, soil man nach Mitteilungen urnischer Kolo- 
nisten kaum einen jungen Mann treffen, der nicht „Bescheid weiB" 
und gelegentlich sich aus Zuneigung oder des Verdienstes halber zum 
gleichffeschlechtlichen Verkehr hingibt. Die Friihreife der Bevolke- 
rung hat zur Folge, daB die Jungen bereits in fruherem Alter als 
bei uns sexuell empfinden und daher auch in homosexueller Be- 
ziehung meistens eher aufgeklart sind. Sie sind oft recht zudriug- 
licb in ihren Anerbietungen ; so kann man in Buenos Aires die Frage: 
,,Es usted caliente?" von 12 — 14 jahrigen Schuhputzern nicht selten 
horen. Ganz wie in Europa spielt auch in Siidamerika das Militar 
in der mannlichen Prostitution eine groBe Rolle; an manchen Platzen 
scheint ©ie fast das Monopol der Soldaten zu sein. Nicht nur die Mann- 
schaften, sondern auch die den besseren Standen entstammenden Offi- 
ziersanwarter, Kriegs- und Marineschiiler sind vielfach fiir Geld zu 
haben. Am ausgesproohensten ist das Militarangebot in den groCen 
S tad ten, Santiago, Kio de Janeiro, Buenos Aires usw. Brpressungen 
und Diebstahle sollen von den Soldaten nur selten veriibt werden, sie 
Detrachten diese Betatigung meist als einen ehrlichen Neben- 
erwerb und bewahren dem homosexuellen Freund oft ein dauern- 
des dankbares Andenken. So berichtete ein friiherer deutscher Offi- 
zier, der seiner urnischen Veranlagung halber nach Brasilien gehen 
muBte, dafi er in Rio mehrfach mit einem Sergeanten verkehjrt habe. 
Er traf diesen, der heterosexuell war, nach Jahren in Rio Grande del 
Sul wieder. Es war ihm bekannt geworden, daB er sich inzwischen 
der Revolution angeschlossen und sehr arge Grausamkeiten veriibt 
hatte. Um so mehr war er erstaunt, als er ihn durch das Wieder- 
sehen auf das hochste erfreut und in riihrendster Weise anhang- 
lich fand. Ein Beruf, der neben dem militarischen ein starkes Kon- 
tingent zur siidamerikanischen Prostitution stellt, ist der der Poli- 
zisten, die sich groBenteils aus dem Soldatenstande rekrutieren. Aus 
nahezu alien ^roBeren Stadten der siidamerikanischen Staaten liegen 
Mitteilungen iiber die Bereitwilligkeit der Polizei zu homosexuellem 
Verkehre vor. So erzahlte ein Herr, daB ihm in Rio de Janeiro ein 
Polizist auf seine Frage nach einem Bordell, bei der er die Ansicht, 
daB er ein Mannerbordell suche, habe durchblicken lassen, sich selbst 
zur Verfiigung gestellt habe. tJbrigens habe ich zuverlassige Angaben 
iiber die Existenz homosexueller Bordells nicht erhalten, doch be- 
haupten viele, daB es namentlich friiher solche in alien groBen Stadten 
gegeben habe; speziell wird es von Santiago und Buenos Aires be- 
richtet. Auch oer Bau des Panamakanals soil eine — ebenso wie 



Digitized by VjOOQIC 



582 

eine weibliche von Chinesen organisierte umi ausgeiibte — inannliche 
Bordellprostitution mit sich gebracht haben, deren Sitz auf der atlan- 
tischen Seite Colon, auf der pazifischen La Boca sein soil. 

Von Erpressungen hort man im allgemeinen in Siidamerika etwas 
vveniger als bei uns. Dagegen soUen Diebstahle gelegentlich gleich- 
geschJecbtlichen Verkehrs haufig sein. Wenn iibrigens in oinerargen- 
tinischen Druckschrift 26) in bezug auf homosexuelle Erpressungen ge- 
sagt wird : „Der Selbstmord des 53 jahrigen Vizekonsuls v. Son. hier 
geschah infolge solcher Bedrangnisse ; bis aufs Blut von jenen Ver- 
worfenen gepeinigt, griff der Ungliickliche zum Revolver", so ist zu 
bemerken. daC dieser ausgezeichnete, mir personlich gut bekannte Be- 
amte Erpressungen zum Opfer fiel, die ihn von Berlin aus nach 
Buenos Aires verfolgten. Es seien iibrigens aus dieser Broschiire, die 
von eiuem Gegner der Homosexuellen, aber von einem offenbar gut 
orientierten, herriihrt, noch einige Einzelheiten wiedergegeben. Es heiCt 
hier : 

„Das Ergebnis der Umfragen des Dr. Hirschfeld, wonach auf 
100 Manner 2 anormale kommen, vdiirfte auch fiir Buenos Aires zu- 
treffen. Gezahlt hat sie niemand, und zu erkennen geben sie sich 
aucii nicht ohne weiteres, woraus doch wohl hervorgeht, daC sie 
selbst fuhlen, sie sind auf dem unrechten Wege. . . . Das Publikum 
im allgemeiner- hat keine Ahnung von der Ausdehnung dieses un- 
natiirlichen Lasters, welches hier ausschlieBlich als „Paderastie" be- 
zeiclinet wird, oV-/:?leich die „Wissenschaftlichen" in Deutschland streng 
zwisclien PaderaF.ie und Homosexualitat unterscheiden. Wir sind hier 
noch nicht „so W'3it", haben auch keinen Paragraphen aufzuheben; da- 
gegen dieselbe Erpressung, wie sie z. B. in Berlin geiibt wird. . . . 
Die Uranier haben ihre bestimmten Lokale und Verkehrszentren ; unter 
letztern spielen gerade die fashionablen StraDen eine Tlauptrolle. In 
der Avenida de Mayo, Florida^ Entre-Rios-Callao sind sie zu finden, 
besonders in der Nahe der Bediirfnisanstalten. Die mannliche Prosti- 
tution geht auf den Strich wie die weibliche, ist ihren Kunden 
auch ebenso leicht kenntlich. Der aufmerksame Beobachter wird in 
vorgeriickter Nachtstunde nicht selten sonderbaren Paaren begegnen; 
ein gutgekleideter, allem Anschein nacn wohlsituierter Mann kommt 
mit einem Burschen, der seinem ganzen Aussehen nach absolut nicht 
zu dem Freundes- oder Verwandtenkreise des anderen gehoren kann: 
es ist der Typus eines Compadrito, blai3gelbe Gesichtsfarbe, bartlos, 
den Chamhergo auf dem Kopf und ein Tuch um den Hals. Die beiden 
waren in einer jener armseligen Posadas, deren Ausstattun^ in be- 
zug auf ISauberkeit schlechter ist als das Logis der Heilsarmee. 
In der Nai.e der Avenida de Mayo und Entre Rios befindet sich eine 
soiche, eine andere nicht weit vom Polizeidepartement. Der wohl- 
iiabende Maan, der sich mit einer professionsmaBigen „Marica" ein- 
laDt, riskiert mmitr ausgeplundert zu werden. In einem von solchen 
Subjekten besuchteu Cafe, nahe der Once, erzahlte ein kachektisches 
Individuum mit dem Spitznamen ,,Corbatita" seine jiingsten Erleb- 
nisse. Sie endeten re^'olmaCig darin, daB er den anderen in Angst und 
Schrecken versetzt uml ausgebeutet hatte. Wenn ihm der Anormale 
fiinf Pesos gab, so entgegnete „Corbatita" mit ausgestreckter Hand 
weiter nichts als „Masi" Die b6iden befanden sich auf der StraBe, 
und „Corbatita" drohte Skandal zu machen. Erschreckt holt der 
andere einen weiteren Fiinfer aus der Tasche. „Mas !" Er ^ibt dem 
Un verscham ten noch einen. „Masl" Noch einen Fiinfpesoschem. Dann 
laBt der Erpresser sein Opfer los, und dieses verschwindet beschamt 
und entriistet um die nachste Ecke. Aber der Ungliickselige fallt 
das nachste Mai doch wieder einem solchen Elcnden in die Hande. 



*^) „Buenos Aires bei Nacht. Schattenbilder aus der siidameri- 
kanischen Metropole''. Von Dr. T r e f f i e s. Buenos Aires 1904. 



Digitized by VjOOQIC 



583 

Oder die ,.Marica" begleiWt einen in dessen Wohnune. Das ist noch 
Refahrlicher fur den anderen. Denn er will natiirlicn jeden Skandal 
im Hause vermeiden. Das beutet dann der „Marica'' in frechster Weise 
aus und geht nicht fort, bis der andere ganz gehorig ,,geblutet" hat. 
Es kommt aber auch anders. So b^egneten wir in der StraBe Bel- 
grano, in der Hohe von 2000, in einer empfindlich kalten Mondnacht 
gegen 2 Uhr einem kleinen Auflauf, der fur den achtlosen Passanten 
nichts weiter als eine der gewohnlichen Eollisionen zwischen ver- 
schiedenen Individuen war. Die Sache verhielt sich aber so. Der 
Protagonist war ein junger, nicht unsympathischer Bursche mit einem 
wahren Madchengesicht ; er gestikulierte heftig und erzahlte das Vor- 
gefallene. £r haoe zu seinem hier in der Nahe wohnenden „Freunde" 
gehen wollen; auf sein Elopfen offnete ihm aber nicht dieser, sondern 
eine andere Person und fuhr ihn grob an. Er antwortete ebenso und 
so kam es zu einem Skandal und T&tlichkeiten. Zum Beweise zeigte 
der Bursche einen blutenden Finger. AuBer dem Vigilanten standen 
noch ein paar iunge Manner neben dem Aufgeregten und lachten still 
vor sich bin. lis waren Kumpane des Erstgenannten. Auf der Comi- 
saria verhort, konnte der junge Bursche mit dem Madchengesicht 
natiirlich keine Erklarung fiir seinen nachtlichen Besuch geben, und 
so schrio ihn der Kommissar ohne weiteres an: „Callese, ya sh de que 
se trata: sois un p . . . sin verguenza!" und verdonnerte den viel- 
verspreohenden JiiMling zu der ublichen Strafe wegen „desorden". 

Die passiven urninge putzen und schminken sich oft nach weib- 
licher Art, in dieser Hinsicht sehr den weiblichen Prostituierten 
ahnelnd. Auch legen sie sich gerne die Namen bekannter oder be- 
ruhmter Weiblichkeiten bei. Aus der Sammlung seien folgende er- 
wahnt: Maria Stuart, La Pampa, Lola, Lucrecia, Delia, Mafalda, Yo- 
landa, la bella Otero, Carmencita, la Marquesa de Malaspina, la Prin- 
oesita, la Sirena, Maria Antonieta, Elvira, Aurora, Estrelk^ Magda, 
Mauon, la Condesa del Lago, Hosita de la Plata usw. Ein ganz rares 
Subjekt war Arturo Jager alias „ Aida". Dieser oder diese fiihlte 
nicht tiur weiblich in einer Beziehung, sondern in jeder: er woUte 
eroberl. sein wie ein keusches Madchen, imd dann verlangte er eine 
„Eheschliefiung" in optima forma, mit weiBem Schleppenkleid und 
alien iiblichen Festlicnkeiten und Zeremonien, die gesetzliche natiir- 
lich ausgenommen. Aber statt deren wurde ein Kontrakt aufgesetzt, 
auf dessen genaue Beobachtung „Aida" drang, andernfaJls sie das 
„Band*' loste und sich als „verwitwet" erklarte. Noch etwas Auf- 
fallendes hatte er an sich: er bediente sich niemals eines unanstan- 
digen Wortes, und die anderen hatten sich in seiner Gegenwart da- 
naoh zu rich ten, sonst war die Freundschaft sofort aus. Wie das Bild 
zeigt, war sein AuBeres nicht unsympathisch. Sohn wohlhabender 
Eltern, sollte er im Alter von zwanzig Jahren sich mit etwas be- 
schaftigen, und bekam ein Postchen im Regierungsgebaude. Dort fiel 
er nicht auf, ausgenommen durch seine „ungew6hnliche" zarte Sprache ; 
keins der leider ^o beliebten Kraftworte kam iiber seine Lippen. 
Unter seinen Kollegen befand sich einer, der bedeutend alter war 
als J., aber oft in dessen Abteilung kam und sich mit den jungen 
Leuten unterhielt. Nach und nach entwickelte sich zwischen beiden 
eine intime Freundschaft, und sie waren stets unzertrennlich bei- 
sammen. SchlieBlich kam es zu einer Hochzeit im angedeuteten Sinne: 
„8ie" in WeiB, er im Frack und weiBbehandschuht. Auch die Wohaung 
wurde eingerichtet, wie es bei solchen Anlassen liblich ist. Indes 
das „Idylr' dauerte nicht lange; aber doch iiber ein Jahr; dann er- 
folgte die ,,Scheidun§". „Aida" blieb allein in ihrem Hauschen, be- 
trachlete sich als Witwe. Nach und nach tritt sie jedoch wieder in 
die „vida social** ein, macht neue Bekanntschaften, laBt sich den Hof 
machen, nimmt teil an Festen, jedoch immer „anstandig**. Alle Zwei- 
deutigkeiten waren in ihrer Gregenwart verpont. SchlieBlich, iim„ublen 



Digitized by VjOOQIC 



584 

Xachreden" ein Ende zu machen, „verheiratete" sich .,Aida" zum 
zweiten Male, ebenfalls mit groCem Pomp. Mit ihrem neuen „Ehe- 
gespons" war sie sehr zufrieden; jedoch es dauerte wieder nicht 
lange: ,,Aida" hatte sich die Schwindsucht zugezogen und starb ein 
haloes Jahi spater. Dieses Individuum fiihlte durchaus weiblioh und 
war stets nur passiv, niemals aktiv. Sich hinzugeben war sein hochster 
Genulj. Im Siiden der Stadt gab es einmal zwei Mannerbordelle ; die 
Nachbarschaft machte sie aber unmoglich. Sicher gibt es auch jetzt 
solche, aber ihres Bleibens ist nicht lange an ein una derselben Stello. 
Tatsache ist, daB dieses Laster mehr verbreitet ist, als das indiffe- 
rente Publikum glaubt, und daB ebenfalls sehr hochgestellte Herren 
zu den Kontraren gehoren, so der bekannte und von einem drastischen 
Witzblatt arg verspottete L., dem man auch einen weiblichen Namen 
beilegt.** 

Unter dem weiblichen Geschlechte herrschen ganz ahnliche Zu- 
stande: „Einer der in letzter Zeit bekannt gewordenen Falle ist der 
der Spanierin Carmen Sanchez, die sich mit ihrer Freundin 
Marcela Garcia „verheiratete" und dann — aus materiellen Inter- 
essen — mit einem schon bejahrten Danen. DaB die arztliche Unter- 
suchung der Frau diese als normal erkannte, will nichts heiBen: eben- 
sowenig wie der Urning braucht die Urninde physiologische Anoma- 
lien aufzuweisen, um kontrar zu fiihlen. Wie es heterosexuelle Manner 
gibt, so auch normale Weiber, die sich hier fiir Geld oder aus anderen 
Griinden mit kontrarsexuell empfindenden Frauenzimmern einlassen. 
Wenn sich eine Urninde mit einem Mann verheiratet, so geschieht dies 
aus raateriellem Interesse oder zwingenden Griinden; ebenso umge- 
kehrt beim homosexuellen Manne." 

Der Verfasser, in dessen Bericht sich Sachkenntnis und U n - 
wissenheit so naturwiichsig mischen, schlieBt seine Ausfiihrungen 
mit 'folgenden Satzen: 

„In der Presse der europaischen Hauptstadte kann man Annoncen 
finden des Inhaltes, daB eine Dame die Bekanntschaft einer anderen 
zu machen sucht, mit ihr in Korrespondenz zu treten wiinscht oder 
eine „rreundin" sucht. Vielfach handelt es sich dabei um homo- 
sexuell Veranlagte. In der hiesigen Presse begegnet man solchen 
Inseraten nicht, iiberhaupt keinen zweideutigeh, wie z. B. die deutschen 
Zeitungen massenhaft enthalten. Ist Buenos Aires also sittlicher? 
Buenos Aires, wo den ganzen Tag hindurch die unanstandigsten Worte 
gebraucht werden — Fliiche, welche in Deutschland Abscheu und 
Entsetzen erregen wiirdenl Wo kein anstandiges Madchen oder Frau 
liber die StraBe gehen kann, ohne belastigt zu werden ! Merkwiirdige 
Extreme ! . . . Weiter auf dieses Thema einzugehen, ist nicht am Platze ; 
ich iiberlasse das gern den „Spezialisten", die in Urningen eine wissen- 
schaftliche Raritat erblicken und sich nicht ekeln, solchen Individuen 
bis in die tiefsten Tiefen ihres anormalen Seelenlebens nachzusteigen." 

Ich gebe im Anschlufi hieran noch den Bericht, ^velchen 
mir der Jefe der Policia de la Capital Federal der RepuWica 
Argentina liber die dortigen Verhaltnisse libersandte: 

La Policia de la Capital, especialmente la de Investigaciones, 
dedica especial vigilancia para la represi6n de los actos que consti- 
tu3'an delitos 6 simples faltas relacionadas con la moralidad. — 

Felizmente este vicio de la pederastia no tiene aqui el desarollo 
que en otros paises, y yd, sea por la falta de ambiento 6 el celo de las 
autoridades que lo combaten con rigor, sus autores son senalados con 
profunda repugnancia por el publico que coopera con la policia d 
curar ese mal. — 

El homosexualismo se nota en las esferas sociales inferiores, entre 
los presos de las carceles y dep6sitos de contraventores, y especial- 



Digitized by VjOOQIC 



586 

mente entre los va^abundos que pululan por las inmediacionos *del 
Puerto, cuya extension presenta facilidades para que aquellos con- 
suman sus actos de pederastia, 4 consecuencia tambi^n de la clase 
de gente que transita esa zona, y otros de malas costumbres. — 

Por lo comun el pederasta activo desciende de k bordo 6 es 
un sujeto acostumbrado k robar en esa zona, que duerme en los 
wagones del ferro-carril que corren k lo largo de los diques, 6 en 
los declives del terreno, que fu6 antes lecho de rio no completamente 
rellenado todavia; Y el pasivo, es casi siempre el de menor edad vaga- 
bundo, fugado del hogar de sus padres, iniciado en la senda del vicio 
y del robo por el ladron y generalmente cada uno de estos tiene un 
apodo femenino, y entre ellos mismos se Uaman la querida de fulano. 
— Este elemento lambi^n se encuentra entre vendedores de diarios, 
que hacen vida an^loga 4 los anteriores. — 

La policia cumpliendo los preceptos de la Ley penal que protege 
a los menores hasta los 15 anos, de cualquier sexo, en los casos de 
violacion 6 estupro, procesa 4 los autores y los somete k la justicia 
ordinaria y k aquellos los arresta tambien con el prop6sito de que am- 
pai*ados por el Defensor de Menores, sean asilados en sitios especiales, 
como ser la Coloriia Agricola de Menores de Marcos Paz. — 

Ese vicio tambien lo suelen ejercer sujetos que ocupan em- 
pleos de dependientes en el comercio 6 que no se ocupan en nada, pero 
ellos no recurren k aquellos sitios solitaries sino que por el contrario 
se situan en las inmediaciones de los mingitorios piiblicos del centro 
de la ciudad 6 en los bancos de las plazas y avenidas y alii incitan 
al hombrc que elijen con tocamientos etc. pero con mucha frecuencia 
sou victimas del candidate elejido los que suelen maltratarlos y denun- 
ciarlos a los agentes del 6rden publico. — 

Otros pederastos pasivos viajan clandestinamente en coches por 
las calles centrales, vestidos con ropas de mujer, ^ incitan como 
las cocottes al traseunte, y una vez que este sube al vehiculo, apro- 
veclian de las emociones que saben causar confundiendo on el sexo 
y les sustraen carteras y dinero 6 el reloj, y despues en el trayecto 
consiguen burlar k sus victimas escapando en los mismos carruajes. — 

Las Secciones de Robos y Hurtos y Seguridad Personal de In- 
vestigaciones, tiene prontuariados k numerosos sujetos y los persigue 
permanentemente. — En su casi totalidad son extranjeros. 

Auch hier wieder der typische Seitenhieb auf die „extran- 
jeros". 

Dafiir, daB h'omosexuelle Betatigung und demnach natiir- 

lich auch homosexuelle Veranlagung in Mittel- und Stidamerika 

lange vor der Invasion der Europaer verbreitet waren, spre- 

chen die Berichte der Kolonisten aus der Eroberungszeit, die 

paderastische Betatigung als ein geradezu spezifisches ,,Laster'* 

der Eingeborenen bezeichnen, wie beispielsweise de Castillo, ein 

Waffengefahrte des Cortez von den mittel- und stidamerikani- 

schen Indianern und besonders den Azteken schreibt: „Erant 

quasi omnes sodomia commaculati.** 

Eine Mitteilung, die fiir das Vorkommen der Homosexualitat 
in der vorspanischen Zeit von Bedeutung ist, wurde Dr. Burchard 
von dem Jangjahrigen evangelischen Landesgeistlichcn Venezuelas, 
Dr. V o g t in Caracas, gemacht. In den den Hockergrabern der euro- 
paischen Steinzeit ahnlichen Grabstatten der Indianerhauptlinge aus 
dem Stamme der „Andinos" (Bergindianer der venezuelischen und 
kolumbischen Anden) findet man stets neben dem an Schmuck und 



Digitized by VjOOQIC 



586 

Geraten kenntlichen Skelett des Hauptlings ein weibliches Skelett, das 
seiner Lieblingsfrau : Pastor V o g t wuBte nun aus eigener Erfahning 
su berichten, daB er zweimal in solchen Grabern neben dem Haupt- . 
lingsskelett ein zweites ausgesprochen mannliches Skelett — \ind 
zwar offenbar das eines jungen Mannes, in einem Falle mit eben durch- 
brechenden Weislieitszahnen, gef unden habe. Pastor V o g t hatte dar- 
aus den SchluB gezogen, daC es sich hierbei um ein homosexuelles 
Verhaltnis gehandelt habe. In Mittelamerika hat schon 1510 
Castaneda bei dem Aztekenvolke der Tahus gleichgeschlechtliche 
Gepflogenheiten beobachtet. Es gab unter ihnen Manner in Frauen- 
tracht, die anderen Mannern als Geliebte dienten und sie sogar ehe- 
lichten. 1646 beschuldigte d e R i b a s ^7) die Tubares jenes „un- 
nennbaren Lasters"; doch nur die ihm (passiv) ergebenen habe man 
mit Spitznamen benannt und mit Schimpfworten verspottet. Auch die 
Mexikaner besitzen einige Sagen von Riesen, den Quinames, welche 
roh, iibermiitig und der Pedikation von Mannern und Frauen ergeben 
waren. Quetzalcotl, der Gott der Zeugung bei den Azteken, wurde 
mannweiblich gedacht. De Gomara^^) schildert besonders die Be- 
wohner der rrovinz P^nuco (am Golf von Mexiko) als „groQe 
Sodomiten". 

Der Bischof de las Casas^s) meint, dafi die Paderastie des- 
halb so stark von den Indianern getrieben worden sei, well das Volk 
geglaubt habe, daB auch seine Gotter sie ausiibten und daran Wohl- 
gefallen fanden. So habe in Verapraz der Gott Chin die Sodomiterei 
selbst eingefiihrt. Zwar sollen die von Norden ei nge wanderten imd 
unter den andern Stammen zur Oberherrschaft gelangten Azteken in 
den von ihnen unterworfenen Gebieten strenge Strafen gegen die Pad- 
erastie verhangt haben. Es wurden sogar besondere Justizbeamte be- 
stellt, um in den unterjochten Landesteilen auf solche Ubeltater zu 
fahnden. Infolgedessen geriet nach de Sahagun^o) schon vor der 
spanischen Invasion die Paderastie in einzelnen Provinzen in Mifi- 
kredit, so in San Salvador. In Tlascalan standen die Paderasten 
zwar nicht unter einem Strafeesetz, wurden aber von der Gesell- 
schaft verachtet, wie Weiber behandelt und beschimpft. In Nica- 
ragua soil nach de Gomara schon 1564 die Strafe fur (passive) 
Pedikation in Steinigung bestanden haben, da „es ja im Lande eine 
Kaste anerkannter Freudenmadchen gab". In Tenochtitlan (Mexiko) 
stand nach de Mendieta^i) auf Pedikation unter Mannern die Todes- 
strafe, und zwar sowohl fiir den aktiven wie fiir den passiven Tail. 
Nach andern 32) sollten in ganz Mexiko gemaB den Gesetzen yvon 
An^huac nicht nur die der Pedikation Dberfiihrten, sondern auch die 
in Weiberkleidern ergriffenen Mannspersonen mit dem Strick gestraft 
werden. War der wegen Sodomiterei Gefangene aber ein Geistlicher, 
sollte er in einigen Gegenden lebendig verbrannt, in andern erdrosselt 
Oder sonstwie vom Leben zum Tode gebracht werden. In Tezcuco 
wurde Pedikation unter Mannspersonen gleichfalls mit dem Tode be- 
Straft, und zwar wurde der aktive Partner an einen Pfahl gebunden 
und durch iibergehaufte Asche erstickt, dem Passiven wurden die 
Einffeweide durch den After herausgerissen, dann ward auch er mit 
Asche bedeckt, Holz hinziigeworfen und der Haufe angeziindet. So 



2n A. Perez de Ribas, Historia de Sa. Fee 1645 p. II u. 171. 

28) Fr. Lopez de Gomara, Historia de las Indias 1564. 
IV, 4, fol. 441. 

«9) Nueva bibl. de autores espan. I. 1909. 

5f')F. Bern, de Sahagun, historia gen. de Nueva Espana. 
1829/30. Ill, 26. 

31) G. deMendieta, hist, eccles. Indiana. Mexico, 1870. p. 137. 

52) I. A. The vet. La cosmographie univ. 1575. II fol. 999. 



Digitized by VjOOQIC 



587 

nach den G^setzen des Eonigs Nezahaalcojatl. *') Anch bei 
den Tlascalanem stand auf P&erastie die Todesstrafe. Der Fanatis- 
mus gegen die auch nur Verdachtigen ging schlieBlich so weit, dafi 
zu Endc des 16. Jahrhunderts ein Mann, der sich offentlich in Wei- 
berkleidem blicken lieB, auf der Stelle erschlagen wurde. Das Gleiche 
Reschah den Kupplem. — Cber Tribadie scheinen bei den eigentlichen 
Naturvolkern Mexikos zwar keine Nachrichten vorzuliegen, dagegen 
haben die Azteken die gleichen oder wenigstens gleichgrausame Stra- 
fen verba ngt gesen ihre Betatigung, wie gegen bloC ver&chtige Trans- 
vestitinnen, so oaB man wohl annehmen darf, daB auch Tribadie keines- 
wegs bloC vereinzelt vorgekommen ist. 

In Yucatan auf Cap Catoche, an der Laguna de Tenninos und in 
Tabasco fanden die Spanier bald nach der Entdeckung des Landes 
in und bei den Tempehi plastische Darstellun^en pedikatorischer 
Akte'5). — Am Atitlan-See wird Homosexualitat schon aus dem 
12. Jahrhundert berichtet; als die Ohnequen die Hauptstadt Guate- 
mala erobert batten, mufite jede Stadt und jedes Dorf zwei zu pad- 
erastischen Zwecken bestimmte junge Manner jahrlich an die neue 
Regierung abliefern, was Bastian***) auf das Bestehen staatlicher 
Bordello schlieBen laBt. Brasseur de Bourbourg'^) bemerkt 
noch, daB in Mittelamerika zu szenischen Auffuhrungen und Balletts 
fast nur mannliche Personen verwendet seien, welche auch die weib- 
licheu Rollen spielen muBten. Auch in den Spielhallen soUen neben 
weiblichen Prostituierten solche mannlichen Geschlechts zur Unterhal- 
tung der Gaste gedient haben. *») 

Bei den Cunas und Chocos auf dem Isthmus trafen die Spanier 
offentliche Sodomiterei an, auch auf die Bewohner von Careca soU des- 
wegen 1513 nach Gomara Balboa seine Doggen losgelassen haben, 
denen u. a. der Bruder des Konigs nebst 40 Genossen zum Opfer fiel. 
Boi den Cueva, Careta u. a. herrschte nach Oviedo um die Mitte 
des IC. Jahrhunderts nicht nur mannliche Prostitution, sondem die 
Kaziken und andere Vornehme hielten sich sogar Harems von Jiing- 
lingen (mozos). — In Venezuela, sowohl in Coro wie in 
Cumana, gab es nach Gomara gleichfalls viele Sodomiten, die 
in alien Stiicken den Weibern glichen, „auBer daB sie nicht ge- 
bMren konnten". Auch bei den Chibcha in Sa. Marta fanden die Spanier 
BHdwerke mit pedikatorischen Akten, die auch von den Zamora'^) be- 
statigt werden. — In Bogota wurde Sodomie wie Diebstahl und Meu- 
chelmord gestraft, den tJbeltatern gemeinen Standes wurden Nasen und 
Ohren abgeschnitten, danach wurden sie aufgekniipft. Den Vornehmen 
verschnitt man zu ihrer Bestrafimg nur das Haar, oder man zerbrach 
ihnen die Knopfe ihrer Hemden. — In Cali (Neu-Granada) wurden laut 
Go mar as Bericht der Pedikation Schuldi^e nach den Gesetzen 
Nomequenes (16. Jahrhundert) unverziiglich durch qualvolle Fol- 
tern zum Tode befordert oder mit Auspeitschen und Abschneiden der 
Ohreu und Nasen bestraft. — Auch bei den Laches muB nach Pie- 



35) Fr. Saverio Clavigero, Storia antica del Messico. 
1780/81. I, 272; II, 132 u. 486. 

5*)Gonz. Fernand. de Oviedo yValdes, histor. gen. 
y natur. de las Indias. 1647. IV, 51. 

»«) Ad. B a 8 t i a n , Der Mensch in der Geschichte. 1860. Bd. III. 
S. 308. 

•^) Brass, de Bourbourg, hist, des nations civil, du Mexi- 
que. 1857/59. II, 67. 

'^) Diego de Landa, Relation des choses de Yucatan. 1801. 
p. 162. 

*•) Al. de Zamora, hist, de provinc. de San Antonio. 1702. 
Lib. XXI, 1. 



Digitized by VjOOQIC 



588 

d r a h i t a *o) Paderastie Sitte gewesen sein, w-enn sie auch nur dem 
Herrscher formlich gestattet war, denn es gait als Herkommen, daB 
der sechste Knabe, den eine Frau gebar, ohne dazwischen ein Mad- 
chen zur Welt gebracht zu haben, als Kinade (Cusmos) erzogen wurde. 

Die Berichte von einem der Sodomie ergebenen Riesenvolk, das 
an der Punta Sa. Helena in Ecuador gelandet, die dortigen Einwohner 
mit seinen Liisten arg bedrangt haben soil, sind der Sage zuzuweisen. 
Ihr Untergang durch himmlisches Feuer scheint christliche Beein- 
fJuysung zu verraten. DaB hingegen bei den peruanischen Eingeborenen 
seJbst Paderastie im Schwange war, geht klar hervor aus dem Bericht 
von der Thronbesteigung des Inca R o c a *i), der alsbald die Pad- 
erasten verbrennen lieB und fortan den Feuertod nicht nur fiir die 
Schuldigen selbst, sondern auch fiir ihre ganze Ortschaft verhangte. 
Die Inka gingen mit der ganzen Strenge des Gesetzes gegen die 
Siinden wider die Natur vor. Das 20. Gesetz lautete: „Wer die Siinde 
der Sodomie begeht, soil gewiirgt und gehenkt werden und sterben 
und hierauf mit alien seinen Kleidern verbrannt werden; und ebenso 
wer sich mit irgend einem Tier vergeht". Doch soil Paderastie nach 
Garcilasso de la Vega, der selbst von Mutterseite ein Inka- 
sproBling war, immer insgeheim betrieben sein. Auch in der 
Hcchlandsprovinz Huayllas und in Chincha ging Capac Yupan- 
q u i gegen die Paderasten mit dem Scheiterhaufen vor. Hierdurch 
wurde der Kontrainstinkt der Masse derartig gesteigert, daB, wenn ein 
Biirger der Hauptstadt Cusco einen andern im Streit aus Unbesonnen- 
heit einen Paderasten gescholten hatte, er selbst als ehrlos angesehen 
und vielc Tage hindurch als infam behandelt wurde, weil er ein 
solches Wort auch nur in den Mund genommen hatte. Doch muBten 
schon unter dem Nachfolger des Capac Yupanqui, dem Inka 
Sine hi Roca, die alten Gesetze, wie es heiBt, auf Anstiftung der 
Frauen, wieder in nachdriickliche Erinnerung gebracht werden. Die 
Spanier trafen zur Zeit ihrer Invasion in Peru, vorwiegend im Kiisten- 
land in Quito und in Guyaquil, die Paderastie als allgemein von der 
Volkssitte geduldet an, Spuren davon fanden sie jedoch so gut wie 
an alien Orten des Landes. Dokumente dafiir sind uns auBer in den 
historischen Berichten noch heute zuganglich in den Resten kera- 
mischer Darstellungen pedikatorischer und anderer paderastischer 
Szenen, die als Urnenfunde in altperuanischen Grabstatten entdeckt 
wurden ^-). Auch der peruanische Sprachschatz scheint in dieser Be- 
ziehung sehr reich ausgestattet gewesen zu sein. — Von Tribadie liegt 
weder bei den peruanischen Naturvolkern noch bei den Inka an- 
scheinend irgend welche Nachricht vor. Da jedoch der Sonnentempel 
zu Cusco stets bis zu 1500 auserwahlter Sonnenjungfrauen, die zur 
Keuschheit verpflichtet waren, beherbergte, erscheint Stolls *^) Ver- 
mutung, daB es unter diesen wohl zu homosexuellem Verkehr gekommen 
sei, nicht ungerechtfertigt. 

Nach Dom. de Santo Thomas**) stand in den durch die 
Inka nicht unterworfenen Teilen von Peru die Sodomiterei als etwas 
Heiliges in hohem Ansehen. In den Tempeln beschaftigte, wie Weiber 
gekleidete junge Manner wurden von Kindheit an auf dieses Amt hin- 
gewiesen und auf dasselbe vorbereitet. Dasselbe bestatigt C i e c a d e 

*o) L. Fern. Piedrahita, hist. gen. de las Conquistas del 
nuev. rcyno de Granada. 1688. I, 46; II, 5. 

*i) Fern, de Montesinos, Momor. antigu. hist, y pol. del 
Piru. 1G42. cap. 9, 16, 18. 

*2) Im Anthropophyteia. III. 1906, S. 420. 

*3) Otto Stoll, Das Geschlechtsleben in der Volkerpsvchologie. 
1908. S. 978. 

**)Pedr de Cieca de Leon, La cronica del Peru. 1554. 
cap. 64. 



Digitized by VjOOQIC 



5«9 

Leon. Beide frommen Spanier machten naturlicherweise den Teufel 
dafiir verantwortlich. — Unter den Indianern der peruanischen Anden 
wurden noch 1820/22 Manner beobachtet, welche halb wie Frauen ge- 
kleidet, sich offentlich mit den Freudenmadcheu zeigten und in 
Sprache und Gebarden tauschend dem andern Geschlecht glichen. 
Sie waren unter dem spanischen Namen Maricones bekannt. P 5 p - 
pi^AS) erklart es fiir zweifellos, daB es sich bei diesen indianischen 
Weibmannern um Freudenjiinglinge gehandelt habe, die aus dem ge- 
schlechtlichen Verkehr mit Mannern ein Gewerbe gemacht batten. 

Auch in Paraguay haben die Jesuiten wahrena ihrer 200 jahrigen 
Herrschaft die Paderastie trotz des Ehezwanges fiir die Eingeborenen 
nicht auszuretten vermocht. Ebensowenig konnte die Verhangung 
barter Freiheits- und Priigelstrafen etwas ausrichten, ja die Obern 
der S. J. muBten sich in ihren Erlassen bisweilen sogar gegen die 
Patres selbst wenden, damit ihnen „die Schonheit der Burschen nicht 
zum Fallstrick werde". 

Nach Alvez do Prado*^) gab es 1795 unter den Guaycuru 
Manner, welche in alien Stiicken batten Weiber sein wollen. Sie 
kleideten sich wie Frauen und beschaftigten sich mit weiblichen Ar- 
beiten. Sie hieiien Cudinas, d. h. Verschnittene. Die Moluchen haben 
Zauberer von beiden Geschlechtern. Die mannlichen Zauberer werden 
bei ihnen und den Puelchen nach F a 1 k n e r *9) gezwungen, ihr Ge- 
schlecht zu verlassen und weibliche Kleidung anzulegen und diirfen 
nicht heiraten. Schon als Kinder werden sie zu diesem Stand aus- 
gesucht, wobei man besonders auf diejenigen sieht, die schon in ihrem 
iriihesten Alter ein weibliches Betragen auBern, sie werden alsdann 
sogleich in Weiberkleider gesteckt. 

Die Araukaner, die Urbewohner von Chile, haben nach Nunez d e 
Pineda y Bascunan^o) die Sodomie allerdings fiir verachtlich 
und verwerflich gehalten, doch mit dem Unterschied, daJ3 nur der 
Partner dadurch beschimpft wurde. Diese, Hueyes genannt, triigen 
sich auch nach Art der Weiber und iibten vorzugsweise das Amt des 
Zauberers aus, sie batten auch nicht selten von den Spaniern Er- 
fiillung ihrer geschlechtlichen Wiinsche begehrt. Auch Guevara^*) 
berichtet noch 1898, daB Paderastie bei den Araukanern nicht nur 
geduldet war, sondern daB die Paderasten dort sogar eine Gilde 
bildeten. Diese (Hueyes) bildeten hauptsachlich den Stand der arzt- 
lichen Zauberer. Sie triigen das Haar lang und schmiickten pich 
mit weiblichen Zieraten, und Manner wie Frauen erwiesen ihnen 
Achtung. 

Ziehen wir das Resumee aus diesen Quellen, so ergibt sich, 
dafi auch in Spanisch- und Portugiesisch-Amerika die Homo- 
sexualitat eine ubiquitare Erscheinung ist und jederzeit war. 
Ihre Beurteilung war freilich grundverschieden, bald sah man in 
ihr etwas „Heiliges", bald hielt man sie ftir das todeswtifdigste 
Verbrechen. In beiden F&llfen war die Ursache die gleiche — 
man verstand sie nicht. 



*^) In Ersch und Gruber, II, 17 (1840) S. 357. 

*8) Cf. von E s c h w e g e , Journal von Brasilien, 11. 1818, 
p. 266. 

*9)Thom. Falkner, Beschreibung von Patagonien. A. d. 
Engl. 1775 S. 144. 

50) Cf. Collecion de historia de Chile, torn. III. 1863. 

51) Thom. Guevara, hist, de la civilizac. de Araucania 1898, 
p. 216 f. 



Digitized by VjOOQIC 



ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL. 

Die Homosexualitat in Osteuropa und Asien. 

Auf die slawische Volkergruppe tibergehend, beginnen wir 
mit Rufiland, liber dessen sich homosexuell betatigende Be- 
wohner schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts eine wissenschaftlich bedeutsame Arbeit — allerdings 
mehr kasuistisch als kritisch wertvoll — erschien. Sie 
riihrt von dem Petersburger Professor der Medizin, Tar- 
no w s k y , her. 

Leider behandelt seine „forensisch-psychiatrische Studie", wie er 
sie nennt, auch wiederum hauptsachlich die sich dem Beobachter ja 
immer zunachst aufdrangende prostitutive Seite der Erscheinung, 
wahrend sie die sublimierteren Formen, die zweifellos auch unter sla- 
wischen Volkern welt verbreitet sind — ich kenne viele Beispiele — 
kaum streif t. Tarnowsky erwahnt als Hauptstatten homosexuellcr 
Betatigung die Badeanstalten, in deren Einzelzellen seit altersher mit 
den Badedienern homosexueller Verkehr gepflogen wird. Die Badediener 
betreiben nach ihm ihr Geschaft „kartellmaBig", bilden sozusagen ,^e- 
schlossene Vereine", haben feste Taxen, verteilen die Einnahmen unter- 
einander und halten darauf, daii keine Erpressungen vorkommen. Be- 
sucher RuBlands erzahlten mir oft, daB ihnen in Badeanstalten Bade- 
diener von verschiedenem Alter und Typus vorgefiihrt wurden, jiingere 
und schonere kosten mehr als altere; unberecntigte Mehrforderungen 
stellten sie selten. AuBer den Badedienern sind zu homosexuellem 
Verkehr besonders geneigt die Droschkenkutscher, dann die Haus- 
warter und Handwerksburschen. Alle diese, wie iiberhaupt die Leute 
aus dem Volke, stehen mit groBter Gemiitsruhe der „herrschaftlichen 
Spielerei" oder dem „Edelmannsspier*, wie sie es unter sich nennen, 
gegeniiber, fiihlen sich durch Antrage keineswegs beleidigt, eher ge- 
schmeichelt, nehmen sie an oder lehnen sie ab, onne sich kaum jemals 
an die Polizei zu wenden. Im wesentlichen diirfte es sich bei dieser 
„herrschaftlichen Spielerei" wohl um mutuelle Onanie, Fellatio oder 
Irrumatio handeln, mn so mehr als von jeher unter dem strafbaren 
Tatbestand des Mujelojstwo — wortlich Mannesbeischlaf — immer 
nur Pedikation verstanden wurde. Die ersten weltlichen Gesetze da- 
gegen, — vorher gab es nur kirchliche — finden sich in den Kriegs- 
artikeln Peters des GroBen, was um so verwunderlioher ist, als 
dieser Ilerrscher in der Fachliteratur vielfach auf der Liste der histo- 
rischen Urninge aufgefiihrt wird. Anfangs standen nur Korperstrafen 
auf „Paderastie", nur wenn bei ihr Gewalt angewandt wurde, Todesstrafe 
oder lebenslangliche Galeerenstrafe, 1832 wurde zu den Rutenstreichen 
Deportation nach Sibirien gefiigt, das Gesetzbuch von 1845 setzte 



Digitized by VjOOQIC 



691 

letztere allein fest, fiir die dann 1900 4 — 5 Jahre Zuchthaus einge- 
setzt wurde. Also auch hier wie in fast alien Landern in fast jedem 
ueueu Gesetzbuch eine Abanderung der alten Bestimmung, eiu Zeichen 
der auf diesem Gebiete herrschenaen Unsicherheit. 

Ich selbst kenne die russischen Verhaltnisse nicht aus eigener 
Anschauung, habe aber zahlreiche Urninge aus Rutland in Berlin 
kennen gelernt, darunter intellektuell sehr hochstehende, viele er- 
schienen mir sentimentaler und melancholischer als der Durchschnitt 
der Urninge anderer Lander. 

Auch fiir die weibliche Homosexualitat ist RuBland ein fruchtbaier 
Boden. Es gibt dort zahlreiche virile Frauen. Unter den russischen 
iStudentinnen in Genf, Ziirich, Paris gibt es viele homosexuelle Liebes- 
paare. Von den mir von russischen Urningen zugegangenen Berichten 
will ich einen wiedergeben: 

„Geistige Homosexualitat ist beim russischen iVolke sehr verbreitet. 
Ich habe junge Burschen gesehen, welche sich fiir Altere dermaBen 
begeisterten, daB sie bereit waren, sich zu allem hinzugeben. Das 
Pagenkorps, die Rechtsschule und das St. Petersburger Lyzeum galten 
immer fiir Anstalten, wo die Homosexualitat stark herrscht. Das groBe 
russische Epos „Russischer Eros", welches zu den bibliographischen 
Raritaten gehort, leider aber noch in keine europaische Sprache iiber- 
setzt ist, schildert in realster Weise die Erlebnisse eines Zoglings des 
Pagenkorps. Auch Kropotkin spricht davon in seinen Memoiren. 
Mir hat es nooh vor fiinf Jahren ein ISjahriger Page bekraftigt, welcher 
selbst nicht so veranlagt war. Auch haben mir jfeadetten des Marine- 
korps von den dort herrschenden Praktiken erzahlt. Ebenfalls Ly- 
zeisten. Es versteht sich, daB hier vop Prostitution keine Rede sein 
kann. Als ich Zdgling der Moskauer Krie^sschule war, kam es oft 
zu homosexuellen Verhaltnissen, obgleich die jungen Leute Gelegen- 
heit hatten, sich heterosexuell zu betatigen. Aus der jetzigen rus- 
sischen Aristokratie sind mir eine ganze Anzahl aJs homosexuell be- 
kannt, auch unter den Mitgliedern des Reichsrats gibt es mehrere. 
Cbrigens habe ich bemerkt, daB virile Homosexualitat seltener ist als 
femininel 

Besondere homosexuelle Treffpunkte gibt es kaum, aber in jedem 
groBeren Bade, von denen in ieder Stadt mehrere vorhanden sind, trifft 
man junge Leute, die zum homosexuellen Verkehr bereit sind. Ich 
habe von denselben erfahren, daB die Hauptklienten Militarpersonen 
bilden, besonders sehr viele junge Leutnants. Also die mannliche 
Prostitution ist sozusagen in den Badern reguliert, wo man fiir fiinf 
Rubel die Auswahl hat. Nie ist noch daselbst ein Skandal vorge- 
kommen, da die Polizei bei den Badinhabern in Sold steht, und die 
Jungen mit ihrer Lage sehr zufrieden sind, da sie sich ein Kapital 
zusammensparen. Zweimal habe ich in Badern junge Leute von wahrer 
homosexueller Anlage gefunden, welche sehr aktiv auftraten und 
geradezu aggressiv wurden, auch das Geld verschmahten, um aktiv zu 
sein. Auf den StraBen der groBten Stadte sieht man auch Prostituierte 
in beschrankter Anzahl; die Polizei kennt sie, und Chantage kommt 
fast nie vor. Prozesse werden vermieden, da ja die hochste Aristo- 
kratie mit auf dem Spiele steht und man in sexuellen Dingen in RuB- 
land sehr tolerant ist, doch muB alles hinter geschlossenen Tiiren 
vor sich gehen. In Kavallerie-Regimentern ist die Homosexualitat nach 
mir von Soldaten gemachten Aussagen recht verbreitet. Auch Polen 
hat viele Homosexuelle." 

Letzt«n Satz haben wir hier zu bestatigen Gelegenheit, denn 
wie auf die gebildeten Russen hat auch auf die ihnen stamm- 
verwandten Polen und Tschechen, das von slawischen Elementen 
ja selbst so reichlich durchsetzte Berlin von jeher eine groBe An- 
ziehungskraft besessen. Namentlich homosexuelle Gutsbesitzer aus 
Russisch-Polen haben mich vielfach aufgesucht. Von einem geistig 



Digitized by VjOOQIC 



692 

sehr hochstehenden, der fruher vielfach herkam, hortc ich kiirzlich, 
daB er sich verheiratet und bald darauf erschossen habe. 

Fiir besonders gefahrlich gelten die tschechischen Preller: So 
schreibt ein offenbar gut orient ierter Autor, daC „der tschechische 
Preller dem Bedauernswerten, dem er eben noch seinen Korper unter 
aiifdrangerisehem Anpreisen feilgeboten, am liebsten den letzten Bluts- 
tropfen aussangen" mochte. fin librigen hat fast jede bohmische 
Stadt eine Bozena — wortlich Gottin — \md Marischka; das sind 
dort Lieblingsnamen Homosexueller fiir besonders feminine I.eidens- 
genossen- 

Eho ich mich den Stidslawen zuwende, mochte ich noch 
einiges tiber das von nord- und stidslawischen Volkern begrenzte, 
in seiner Herkunft noch immer nicht ganz geklarte Volk der 
Magyaren sagen. Unter den mir bekannt gewordenen homo- 
sexuellen Auslandern nehmen nach den HoUandern die Ungarn 
unmittelbar die zweite Stelle ein. Ich will daraus nicht den 
ScliluJJ Ziehen, dafi die Homosexualitat unter den Magyaren 
halufiger sei als andei-swo, trotzdem es auffallend ist, daB 
U 1 r i c h s allerdings ohne nahere Begrtindung dies behauptet. 
Aus der alteingesessenen ungarischen Gentry sind mir eine 
ganze Reihe Homosexueller bekannt geworden, aber auch im 
Volke sind sie zahlreich vertreten. 

Dementsprechend ist auch an aufsehenerregenden homosexuellen 
Skandalen in Ungarn niemals Mangel gewesen, bald ist es eine in 
Frauenkleidern sich vergnii^ende homosexuelle Gesellschaft, die um- 
zingelt und ausgehoben wird, bald ein homosexueller Eifersuchts- 
mord, wie der des ungliickseligen F e r e n c z D., bald der Raubmord 
an einem Homosexuellen, wie deri) des Privatiers Szilasi durch 
deu Studenten Ciszkay, der die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, 
Oder gar eine Geschichte wie die der ungarischen Sarolta Vay, 
die sich in Mannerkleidern mit einer Freundin trauen lieB. Solche 
Falle, die von Zeit zu Zeit die Decke der Verborgenheit, die liber das 
ganze homosexuelle Leben ausgebreitet ist, explosiv durchlochern, 
geben eine entfernte Vorstellung von der Ausdehnung und der Art 
dessen, was nie an die Oberflache dringt. Auch Kertbeny, der 
Schopfer des Wortes homosexuell, war ein Ungar. 

Einer unserer dortigen Korrespondenten berichtet: 

„Im gegenwartigen Ungarn gibt es zahlreiche homosexu- 
elle Staatsmanner, Politiker, Journalisten, die eine erste Rolle spielen. 
Auch in den Ministerien kenne ich Minister, Sektionschefs und Bate, 
sowie kleine Beamte rein magyarischer Abkunft, unauffalligen Aus- 
sebens, zu welchen ich selbst Beziehungen hatte, und solche, die alle 
charakteristischen Alliiren zeigen, von denen man offentlich spricht, 
es sicher weiB, und die dennoch in ihren Stellungen bleiben konnen. 
Im Gesetze kommt diese Toleranz leider nicht zum Ausdruck, mn 
so mehr bei der Handhabung desselben. Alle Prozesse, die ich 
kannte, sind im Sand verlaufen. Ich selbst war oft in der Lage, 
zum Schutze von in Erpresserhande geratenen Freunden den Polizei- 
chef anzurufen. Stets willfahrte man mir, ohne auch nur die 
Namen meiner Freunde zu erfragen. All das geschieht 
sowohl aus angeborener Toleranz, als auch aus dem sicheren Wissen 
von der groBen Verbreitung der Homosexualitat in hohen und hochsten 



1) Cf. Artikel Morde an Homosexuellen V.-B. 2/1911 p. 26 u. ff. 



Digitized by VjOOQIC 



593 

Kxeisen. Der Sotm eines uaser ersten Maf naten ist ebenso wie sein 
Vater homosexuell. Wegen dieser Veranlagung und seiner uber- 
triebenen Frommigkeit zirkulierte im Parlament der folgeade Witz: 
„Bei seiner Geburt schon zeigte sich die Frommigkeit, sowie die 
VVeiberscheu des Grafen, denn er wollte die Brust der Amme nicht 
nehmen, so daB ihm sein Vater einen jungen Jesuitenpater gab, bei 
dem er willig saugte". Dennoch ist er ein wegen seiner Feinheit 
sehr angesehenes Mitglied des ungarischen Hochadels. Ich glaube 
eher zu wenig als zu viel zu sagen, wenn ich die Zahl der Homo- 
sexuelleu im ungarischen Magnatenhause, wie im Parlament, auf min- 
destens lOo/o scnatze. Aber auch die breite Masse des ungarischen 
Volkes ist tolerant und im hochsten Grade gutmiitig, info^gedessen 
homosexuellen Handlungen gegeniiber (auch ohne Entgelt) ent- 
gegenkommend. Bei einer Flsische Wein im gemiitlichen Plaudern 
offenbart sich bald die enthusiastische, zu briiderlichen Gefuhlen 
sehr geneigte Natur des Ungarn, die sich im schnellen Anbieten 
des „du" auBert. Dieses „Bruderschaft-Trinken** ist ein feierlicher 
Akt mit herzhaftem Kiissen, und wenn die Musik das Ihrige dazu 
tut, wiederholen sich KuB und Umarmung so haufig, daB der Cber- 
gang zum homosexuellen Akt nur eine Fra^e des Taktes seitens des 
homosexuellen Partners ist. Ich hatte unzahlige Erlebnisse dieser Art, 
selbst mit Freunden, die extrem heterosexuell waien und in dem 
ExzeB nur eine beinahe selbstverstandliche Steigerung der Verbriide- 
rungs-Ekstase sahen. Es wiirde zu weit fiihren, wollte ich auch nur 
die interessantesten dieser Abenteuer erzahlen, die je nach dem Tempera- 
ment des andern sentimental oder lustig und wie in der Stimmung, 
so auch im Verlauf sich ganz verschiedenartig abspielen. Die eigent- 
lichen Homosexuellen sind in Ungarn, wenn man nicht gerade „ihr 
Fall" ist und sie absichtlich Erkennungszeichen geben, nicht leicht 
zu erkennen; so sehr ist der mannliche, sozusagen heterosexuelle 
Typus vorherrschend. AUerdings gibt es auch effeminierte Gestalten. 
Ich kannte sogar 2 — 3 Konstabler (Schutzmanner) von auffallig wei- 
bischen AUiiren. Die iibergroBe Mehrzahl jedoch ist mannlich oder 
sucht (mit Ei*folg^ so zn erscheiuen. Die Homosexualitat ist in alien 
Budapester Gesellschaftsschichten sehr verbreitet. 

Trotz der enormen Verbreitung der Homosexualitat haben die 
Homosexuellen in Ungarn keine Treffpunkte, die allein ihnen dienen, 
wie sie in Berlin so haufig sind. In den Budapester Parks, an wenig 
erhellten Stellen, sieht man abends viele lauernde Augen. Bevor- 
zugt sind die Parks in der Nahe der Kasernen. Der „Elisabetplatz" 
ist so bekannt dafiir, daB nur ganz Vorurteilslose oder Harmlose hin- 
gehen. Eine groBe Zahl „Logen** ist schon an den Mannern und Jungen 
erkenntlich, die in groBerer oder geringerer Entfernung an den Trottoir- 
randern stehen, mit dem Gesicht verdachtig nach den Buden, wie der 
Tiirke beim Gebet nach Mekka schaut. Vor allem die Bader dienen 
der Zusammenkunf t. Vom friihen Morgen ab gibt es in den D a m p f - 
badern, deren etwa 20 existieren, Gelegenlieit zum AnschluB. Die 
Leute sitzen so dicht beisammen, daB absichtliche Beriihrungeu als 
zufallige gelten konnen, wenn der andere nicht reagieren will. An 
Nachmittagen sind die Homosexuellen melir unter sich. Die B a d e - 
d i e n e r machen, wenn man nicht auf sie selbst reflektiert, gegen 
geringes Entgelt gern die Vermittler. Zur Prostitution geneigt sind 
iSoldaten, Matrosen der Donaudampfer, Hausdiener, Friseure, Dienst- 
manner, Hotelportiers, Kellner, Theater- und Konzertbilletteure, Kon- 
stabler, Gerichtsschreiber, sowie alle Diurnisten (Tag- 
schreiber in Amtern und bei Anwiilten), kleine Beamte, Tramway- und 
Eisenbahnschaffner, Handlungsgehilfen ; ich kannte auch Detektivs ; 
ich verkehrte mit ihnen und gelegentlich schiitzten sie mich. Weder 
die Homosexuellen, noch die Prostituierten treten in Ungarn auf- 
fallig in den Vordergrund. So groB d'e Toleraiiz, ebenso groB ist 
Hirschfeld, Homosexuality. 33 



Digitized by V:iOOQIC 



594 

auf der anderen Seite das Bestreben, den in Ungarn ohnehin stark 
prononcierten sexuellen Ton nicht noch schriller erklingen zu lassen." 

Wir kommen nun zur Balkanhalbinsel. Hier interessieren 
uns zunachst die Bulgaren, dieses griechisch-thrakisch-romisch- 
gotisch-stidslawische Mischvolk, das sich mit tatariscsh-mongo- 
lischen Stammen in der Wolgamtindung verbunden hat und 
stark von Ttirken durchsetzt ist. Nicht nur ihr Umfang und 
ihre zentrale Lage, sonidern noch- ein anderer Grund ist es, der 
sie uns mit Aufmerksamkeit betrachten laBt. Bulgaren hieUen 
wahrend des Mittelalters im groBten Teile Westeuropas bis 
nach England die Homosexuellen ; das auch jetzt noch im eng- 
lischen Gesetzbuch befindliche Wort Buggery ftir Paderastie 
leitet eich vom Namen dieses Volksstammes ab. Wer danach 
aber ein besonders reges homosexuellee Leben in Bulgarien zu 
sehen erwartet, wird sehr enttauscht sein. 

Sofia gehort zu den wenigen Hauptstadten der Erde, in denen 
man kaum eine homosexuelle Prostitution finden wird, nur ganz ver- 
einzelt machen sich leise Anklange davon im Borisgarten betnerkbar. 
Man sieht auch sehr wenig feminine Typen, nicht mit Unrecht nannte 
ein Kenner die Bulgaren ein brutales Mannervolk. Trotzdem sind aber 
unter ihnen Mannerfreundschaften mit erotischem Beigeschmack haufig. 

Bulgarische Weiber sind namlich sehr zuriickhaltend, weil ein 
Madchen, das nicht mehr Jungfer ist, nur sehr schwer einen Mann 
findet, — dadurch haben ledige Burschen, die aus Geldmangel oder 
Ansteckungsfurcht nicht zu Prostituierten gehen konnen oder wollen, 
viel weniger Gelegenheit zu ihnen entsprechendem Verkehr und ver- 
fallen auf Surrogate. Als ich die bulgarische Landbevolkerung an 
einem griechischen Ostersonntag auf der Festwiese ihren slavischen 
Nationaltanz exerzieren sah, fielen mir die leidenschaftlichen Um- 
schlingungen auf, mit denen sich die Manner begriiBten, die Unzer- 
trennlichkeit und Herzlichkeit, mit denen viele stundenlang mitein- 
ander tanzten. Wenn sie sich auf den Rasen niederlieBen, sah man 
vielfach die Hand des einen in der Hosentasche des anderen. Ein 
Gewahrsmann, der lange unter den Bulgaren gelebt hat, bestatigte 
mir, daB er dies gleichfalls oft wahrgenommen hat. 

Die Haufigkeit und Offentlichkeit, mit der diese anderswo ver- 
dachtig erscheinende Pose eingenommen wird, laBt freilich eher den 
SchluC zu, daB sie harmlosen Charakters ist. Mein Gewahrsmann, 
ein homosexueller Deutscher, berichtet mir, daB unter 70 Gendarmen, 
Unteroffizieren, gemeinen Soldaten und Bauernburschen, mit denen 
er wahrend seines zweijahrigen Aufenthaltes im Lande sexuellen Ver- 
kehr ankniipfen woUte, sich nur zwei ablehnend verhielten, sie sa^- 
ten, „so etwas machen Bulgaren nicht", batten aber wohl die Pedi- 
kation im Auge, die tatsachlich sehr selten zu sein scheint, zum Unter- 
schied von wechelseitiger Masturbation, die sehr haufig ist und coitus 
inter femora, der ziemlich oft vorkommen soil, wobei wilde oscula 
iiblich sind. Die 68 Bulgaren, mit denen der Gewahrsmann verkehrte, 
vollzogen fast samtlich den Akt in dieser Weise. 

Selten hort man von homosexuellen Skandalen; immerhin wir- 
belte vor einigen Jahren eine Erpressungsaffare, in die ein make- 
donischer Diener und ein westeuropaischer Konsul verwickelt waren, 
viel Staub auf. — 



Digitized by VjOOQIC 



596 

Ich sah auf der Festwiese von Sofia auch zahlreiche 

Albanesen in ihrer kleidsamen, dunkelumranderten weiBen 

Tracht. Diesem auch Arnauten genannten nichts weniger als 

degenerierten Volksstamme, ausgezeichnet durch korperliohe 

Ttichtigkeit und Schonheit, begegnen wir in der homosexuellen 

Literatur haufig, seitdem Hahn in seinen „albanesischen Studien" 

von den eigenartigen, nooh heute existierenden Mannerblind- 

nissen berichtet hat, die unter feierlicher Entgegennahme der 

Eucharistie von denPopen in denKirchen eingesegnet v^er- 

den, zu gegenseitigem Schutz auf Leben und Tod. Die m u h a m - 

medanischen Arnauten schlieBen entsprechende Btindnisse, 

begntigen sich aber, zum Zeichen ewiger Blutbrtiderschaft, damit, 

einander in den Finger zu stechen und das Blut auszusaugen. 

Das gleiche geschieht, wenn sich ein griechisch- oder romisch- 

katholischer Christ mit einem Moslem vereinigt; auch das 

kommt vor; sind doch beide Nachkommen der Illyrier, die nooh 

vor Thrakern und Hellenen die Halbinsel bewohnten. Der 

ttirkische General Achmet Bei schrieb 1864 anUlrichs:^) 

„Ein liebender Albanier ist imstande, jemanden, der seine Eifer- 

sucht rege macht, auf der Stelle zu ermorden. Auf seinen 

mUnnlichen Geliebten macht er Gedichte und schwort ihm ewige 

Treue.** 

Wahrend Hahn diese schwarmerischen Freundschaften fiir un- 
sinnlicli halt, „etwa von der Art, wie Sokrates die griechische Liebe 
in P la tons Symposion schildert", sind Nacke^), sein Gewahrs- 
niann und andere der Meinung, daB ihnen auch ein korperlich-sexueller 
Charakter innewohnt, der, wenn auch nicht gerade zur Pedicatio — an 
diese dachte in erster Linie Hahn — doch zu Umarmungen, Kiissen, 
Digitationen, gelegentlich auch zum Coitus inter femora fiihrt. 

So schreibt B e t h e : „Mich versichert Professor Weigand- 
Leipzig, der Albanien, insbesondere Elbassan, Korytsa, Berat, 
aus eigener Anschauung und eingehenden Studien kennt, daB 
jene Verhaltnisse sehr realer Natur sind, trotz ihrer idealen, 
schwarmerischen Auffassung, von der er auch einige. poetische 
Proben gesammelt hat; jeder ,trim*, d. i. Palikar, Held, habe 
seinen ,dasure* d. i. Liebling: ein altliberlieferter Volksbrauch 
sei nicht zu verkennen." 

Ncuerdings hat man die ^eweihten albanischen Mannerbiindnisse 
als ein Uberbleibsel der hellenischen Verbindungen zwischen Mannern 
und J iinglingen erklart, die wie Erich Bethe aus den in Fels ge- 
hauenen Inschriften der Insel Thera sicher nachgewiesen hat, nament- 
lich bei den Dorern feierlich und fest geschlossen wurden. Diese im 
Tempel des ApoUo eingesegneten Biindnisse waren, so meint man, dem 



2) Ulri< 

3) Nack 



Lchs, V. p. 10. 

> k e , t)ber Homosexualitat in Albanien. Im Jahrb. f. 
sex. Zw. Bd. IX. p. 325 ff. 

38* 



Digitized by VjOOQIC 



596 

Volke eine so altgeheiligte Institution, daB die christliche Kirche, 
die. um Boden zu fassen, so vielen heidnischen Gebrauchen Rech- 
nunp tragen mufite, wohl oder libel auch in dieser Hinsicht an die 
S telle des Apollotempels trat. Verbal t es sich so, und es klingt jjlau- 
sibel, so ist nur scbwer einzuseben, wesbalb sicb nur gerade an dieser 
Stelle die Reste alten Hellenentums erbalten baben. 

Habn *), der als osterreicbiscber Konsul lange Zeit im Lande 
lebte, gibL folgende Scbilderung der „knabenliebenden Gegen": „Des 
Gegeii Gefiibl fiir seinen Knaben ist rein wie das Sonnenlicbt. Es 
8 tell t den Geliebten einem Heiligen gleich. Es ist das Hocbste und 
Erbabenste, was das menscblicbe Herz iiberhaupt zu fassen vermag. . . 
Der Anbliok eines sebonen Jiinglings erzeugt in ibm Bewunderung 
and offnet die Tiiren seines Herzens dem Genusse, welcben die Be- 
tracbtung dieser Sebonbeit gewabrt. Die Liebe bemacbtigt sich 
seiner in dem Grade, daB sein ganzes Denken und Fiiblen in ibr auf- 
geht. Ist er in des Geliebten Nabe, so versenkt er sicb in dessen 
Anblick. Ist er fern, so denkt er nur an ibn. Erscbeint der Ge- 
liebte unverbofft, so gerat er in Verwirrung. Er wecbselt die Farbe, 
wird bald rot, bald blafi. Das Herz scblagt ibm bocb und benimmt 
ibm den Atem. Auge und Obr bat er nur fiir den Geliebten. . . . Er 
vermeidet es, ibn mit der Hand zu beriibren. Er kiifit ibm nur die 
Stirn. . . . Ibn besingt er, ein weibliches Wesen nie." 

Ober die gleicbgescblecbtlicben Anlagen und Gebraucbe der den 
Albaneseii benacbbarten und in Tracbt und Sitte nabestebenden V61- 
ker wie der Montenegriner, Dalmatiner, S e r b e n wissen wir ver- 
haltnismafiig wenig. In Belgrad fiel mir das verbaltnismaBig reicb- 
licbe Angebot serbiscber Soldaten zu bomosexuellen Zwecken auf. 
Audi ist Demerkenswert, wie oft sicb unter den in Pest, Wien, Berlin 
und Paris studierenden Serben Homosexuelle befinden, ein besonders 
unriibmliches Beispiel bot der Serbe Spaso Kragujewicz, der 
vor einigen Jabren zu einer scbweren Freibeitsstrafe in Budapest 
verurteilt wurde, well er in Berlin und Wien Homosexuelle, mit denen 
er das Lager geteilt, in ibren Betten zu erdrosseln versucbt batte. 

In den Volksliedern in Serajewo soil bie und da auf Homosexu- 
al tat Bezug genommen werden. 

In Belgrad wurde vor einigen Jabren ein nur aus Herren be- 
stebender Verein ausgeboben, dessen eine Halfte „gescbminkt und 
gepudert" war, und Frauenkleidung trug. Die in Haft genommenen 
Mitglieder gestanden, daB in Belgrad nocb andere gebeime Klubs 
dieser Art existieren, denen nicbt nur Zivilpersonen, sondern aucb 
Offiziere angehoren. 

In noch hoherem MaBe als die letztgenannten Volker inter- 
essieren uns aus historischen Grlinden von den gegenwartigen 
Balkanbewohnern die Griechen. Auch hier gehen die Mei- 
nungen auseinander. Wahrend noch G r e v e r u s^) in der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts behauptete, daB die Paderastie in der 
Neuzeit in Griechenland genau noch so wie iiu Aliertum bliihe, 
wird dies von anderen sehr energisch bestritten, jedenfalls sind 
heute dort die Auffassungen liber die Jiinglings- und Manner- 
liebe von denen im alten Hellas toto coelo vei'schieden, was 
schon aus den antihomosexuellen Strafbestimmungen hervorgeht, 



^) Habn, Albanesiscbe Studien. 1854. p. 166. 
s) G r e V e r u s , J. P. E., Zur Wiirdigung, Erklarung und Kritik 
der Idvllen Tbeokrits. 2. Auflage. Oldenburg 1815. 



Digitized by VjOOQIC 



597 

die, wenn auch nicht durchgeftihrt, gegenwartig die strengsten 
in ganz Stideuropa sind. 

Zahlreiche griechische Homosexuelle lernte ich in Konstantinopel 
kennen, dessBn Bevolkerung bekanntlich wie die Smyrnaa zum grofien 
Teil aus Griechen besteht. Von den die grande rue de Pera auf und 
ab wandelnden mannlichen Prostituierten sind. die Mehrzahl Griechen, 
wahrend ihre an und auf der Galatabriicke herumlungernden Kol- 
legen hauptsachlich Armenier und Nachkommen spanischer Juden 
sind, die hier ebenso wie auf der Calverstraat in Amsterdam ein nicht 
unbetrachtliches Kontingent zur mannlichen Prostitution stellen. 
Muhammedanische Jiinglinge bieten sich auf der StraCe viel weniger 
an, bilden dagegen den fast ausschlieBlichen Bestandteil der in fast 
alien Badern — den altberuhmten Hammams — gegen Entgelt fiir 
Moslems und Christen verfiigbaren Personen. 

U ber die Homosexualitat in der T li r k e i existieren, ebenso wie 
iiber die Persiens, des zweiten Hauptlandes Muhammeds, viele 
falsche Angaben. Man stellt es vielfach so dar, als ob es hier einen 
eigentlichen Uranismus in imserem Sinne iiberhaupt nicht gabe, es han- 
dele sich lun normalsexuelle Menschen, die ganz willkiirlich, und 
zwar ware dies ein fast allgemeiner Usus, bald so bald so verkehrten, 
etwa wenn ihre Frau menstruiere, zu irgendeinem Osman oder 
Muliammed der von ihnen frequentierten Hammams gingen, oder etwa 
gar nur — wie der Ethnologe Gustav Fritsch fiir Persien behaup- 
tet — im Sommer mit Mannern verkehrten, well die Frauen in der 
heiBen Jahreszeit zu stark dufteten. Nichts ist unrichtiger als solche 
Behauptungen. Es mag sein, daB die Zahl derer, die zeitweise 
mit dem gleichen Geschlecht verkehren, ohne homosexuell zu sein, 
in Gegenden betrachtliclier ist, in denen auf der Paderastie, nament- 
lich auf der aktiven, kein Makel ruht und die Gelegenheit zu ihr durch 
das Angebot und die leichte Ausfiihrbarkeit in den Badern eine be- 
sonders groBe ist. Es handelt sich dann um onanistische Praktiken. 
DaB es aber daneben ganz echte Homosexuelle gibt, die rein seelisch 
zu Personen des eigenen Geschlechtes in heftiger Liebe entbrennen 
und nur fiir dessen Vorziige Yerstandnis haben, mit dem anderen Ge- 
schlecht hingegen nicht oder nur sehr widerwillig sexuellen Umgang 
pflegen, ist ganz sicker, wenn auch schwer feststellbar. 

Wie sehr die Mohammedaner den psychischen Oharakter der 
homosexueUen Liebe erfaBt haben, zeigen die Poesien eines H a f i s , 
der dichtet: „Zarteres, als dein Wangenrot, holder Knabe, gibt es 
nicht**, eines S a d i , der von seinem Geliebten singt : 

„Seine Schonheit war die Kibla«) meines Augensternes." 

tjbrigens haben sich nicht nur die Dichtungen Michel- 
a n g e 1 o s und Shakespeares die Verstiimmelung antihomosexu- 
eller Kommentatoren gefallen lassen miissen. Der Professor Dr. Paul 
Horn in StraBburg scheut sich nicht, in seiner „Geschichte der per- 
sischeu Literatur" ^), die auf wissenschaf tlichen Charakter Anspruch 
erheben zu konnen glaubt, of fen zuzugeben, daB er den Text eines 
Liebesliedes von Abu CHlich wie folgt umanderte: 

„Ein schones Christenkind (eigentlich ein Knabe) hat Abd Ca,lich 
aus Her&t zu einem Liebesliede begeistert, das wir in Prosa wieder- 
geben : 



*^) Die Kibla ist da^ Zeichen in den Moscheen, welches dem Beten- 
den die Richtung angibt, wo Mekka liegt. (Der Rosengarten des 
S a d i. Aus dem Persischen iibersetzt von Nesselmann 1864.) 

^) „Geschichte der persischen Literatur" von Dr. P. Horn, 
Professor in StraBburg. (Leipzig 1901.) p. 78. 



Digitized by VjOOQIC 



598 

I h r Glaubc hollisch, himmlisch i h r Gesicht und Wuchs 
Gazelleaaugig, ringellockig, tulpenwangig ; 
Die Lippo als hatte eines chinesischen Malers Pinsel 
Auf Moschus Ziimober aufgetragen. — 
Schenkte s i e i h r e Schonheit den Negerinnen, 
So wiirden ohne Zweifel die Tiirkinnen auf s i e eifersiichtig 

werden usw. 

In einer Amnerkung sagt der Autor: „im Original handelt es 
sicli um Neger- und Tiirken k n a b e n." Die Tiirken fiihren schon 
untereinander selten Gesprache iiber sexuelle Dinge, es sei denn, daB 
sie sehr intim miteinander sind, Andersglaubigen enthiillen sie sich in 
dieser Beziehung Uberhaupt nicht; gleichwohl hatte ich durch Ver- 
Diitteilung eines jungen armenischen Bey und eines tiirkischen Arztes 
aus Haidar Pascha in Stambul und B r u s s a (Kleinasien) die Ge- 
legenheit, homosexuelle Mohammedaner kennen zu lernen, darunter 
mehrere von ausgesprochener Femininitat. Die Zahl polygamer Tiirken 
und Perser, die sich zu homosexuellem Verkehr der Strafien- ]und 
Badeprostitution bedienen, sind die Minderzahl. Die Monogamen sind 
bei weitem haufiger. Entweder haben sie ihren Freund, wenn er 
unter ihnen steht, in irgend einer Stellung bei sich, als Diener, Koch, 
Verwalter, Sekretar — ich war bei einem solchen Freundespaare in 
ihrer Villa am Bosporus zu Gast — oder beide Partner gehen unab- 
hangig voneinander ihren Berufsgesohaften nach, und verbringen nur 
die freieu Stunden miteinander. Solche monogamen Beziehungen sind 
meist so unauffallig, daC selbst die nachste Umgebung, die mit dem 
Urning jahrelang unter einem Dache lebt, wie seine Verwandten 
und sein Personal ihren wahren Charakter nicht merken, geschweige 
denn ein Ethnograph. Es gibt persische und tiirkische Sprichworter, 
die besagen, wie vorteilhaft es ist, der Geliebte eines GroBen zu sein, 
eins, das in freier Ubersetzung lautet: „Das meiste erreicht ein Mann 
mit seinem GesaB, entweder indem er sich darauf setzt und arbeitet, 
Oder indem er es einem groBen Herrn zur Verfiigung stellt." 

Auch der zum GroBwesir und Schwiegersohn des Sultan Sulei- 
man aufgestiegene Rustan — von Geburt ein Kroate — wird von 
Stern*) und anderen als homosexueller Emporkommling bezeichnet. 

Der Koran verbietet den homosexuellen Verkehr nicht an sich, 
wendet sich vielmehr nur gelegentlich wie bei der Erzahlung, die 
von der Verletzung des Gastrechtes an den bei Lot abgestiegenen 
Fremden handelt, geeen die Ausschweifungen der Sodomiter, die, 
nachdem sie ihre Wollust bei Frauen gekiihlt, noch in ihrer Ziigel- 
losigkeit Manner begehren. 'Ein ^-usdriickliches Gesetz gegen den mann- 
mannlichen Verkehr findet sich in keiner Sure des Korans, auch nicht 
in der vierten, die von dem geschlechtlichen Leben handelt. Wie 
Pratorius^) mitteilt, soUen sogar die Hodschas im Unterricht 
einen miindlichen Ausspruoh iiberliefern, der den Armen gestattet, 
sich statt der dritten und vierten Frau einen Jungen beizulegen. 

Der Orientreisende v. Maltzahn, der vermutlich mit dem 
V. Maltzahn identisch ist, iiber dessen aufsehenerrecenden ProzeB 
Ulrichs in den „kritischen Pfeilen" berichtet^®)^ teilt mit^^), daB 
sich sogar im Vorhofe der Kaaba in Mekka Burschen zum homosexu- 
ellen Verkehre anbieten. 



8)Bernhard Stern, Medizin, Aberglaube und Geschlechts- 
leben in der Tiirkei. Mit Beiiicksichtigung der moslemischen, Nachbar- 
lander und der ehemaligen Vasallenstaaten. Berlin 1903. 

5) Aufs. i. d. Anthropophyteia. 

" L. c. p. 63 ff. 

A. Moll, 1. 0. p. 102. 



;:j 



Digitized by VjOOQIC 



599 

Allerdings herrscht auoh in muhammedanischen L^ndern 
vielfach eine ahnliche Unkenntnis der Bestimmungen liber homo- 
sexnelle Bet&tigung, wie wir sie in romanischen kennen lernten; 
auch unter Porschungsreisenden begegnen wir Meinungsver- 
schiedenheiten, so bejaht Baumann die Bestrafung, wahrend 
andere sie negieren. Wie gleichgtiltig man im Grunde die ganze 
Angelegenheit betrachtet, zeigt die Tatsache, daB man niohts 
dabei findet, wenn ein muhammedanischer Jtingling mit einem 
christlichen Manne oder ein alterer Moslem mit einem jungen 
jJFranken" in sexuelle Beziehungen tritt, wahrend selbst der 
leichteste Flirt zwischen einem Unglaubigen und einer itlir- 
kischen Frau die schwersten Gefahren flir beide Teile im Ge- 
folge hat. Ist doch selbst der Besuch eines muhammedanischen 
Bordells den Christen an den meisten l^latzen fast ebenso streng 
verboten wie der einer Moschee. Die meisten Mnhammedaner, 
selbst die, welche sich flir Lohn den Fremden anbieten, ver- 
weigern diesem allerdings, sich' passiv hinzugeben, sondern 
woUen ihrerseits aktiv vorgehen, oft lehnen sie sogar jede Be- 
rtihrung des Partners ab. Die Grunde sind, daJJ sie nach Tradi- 
tion und Instinkt sich zu demlitigen glauben, wenn sie sich 
einem Fremden gegentiber zum Weib erniedrigen, wahrend sie 
sich ihm umgekehrt tiberlegen ftihlen, wenn sie ihn zum Weibe 
machen. Es kommt hinzu, daB die noch unverheirateten Muham- 
medaner sehr wenig Gelegenheit haben, heterosexuell zu ver- 
kehren, da die Madchen und Frauen abgeschlossen in den 
Frauengemfichern leben und auf der StraBe, die sie nur tief- 
verschleiert betreten dlirfen, von Mannern nicht angeredet 
werden dlirfen. In den Harems selbst soil urnischer Ver- 
kehr haufig sein, besonders die „auparischtaka" benannte 
cunnilinctio. 

Was in bezug auf die Homosexualitat flir die Tlirken und 

Perser gilt, trifft flir die Muhammedaner im allgemeinen zu, 

sowohl f iir die in Arabien, Agypten und am Mittelmeer als flir 

die im tieferen Asien. Hier sei noch kurz einee Volkes gedacht, 

dessen homosexuelle Sitten uns neuerdings durch einen Aufsatz 

in den Sexualproblemen von Theo Herrmann naher ge- 

bracht wird, der S a r t e n , die in dem frliher von Perser n be- 

wohnten Turkestan anssLssig sind. Wenn auch die Auffassungen 

des Autors der neueren wissenbchaftlichen Erkenntnis nicht 

Rechnung tragen — er nennt die Paderastie bald die National" 

krankheit, bald das Grund 1 a s t e r der Sarten — so ist doch 

das von ihm beigebrachte Material sehr der Beachtung wert. 

Wie stark der homosexuelle Verkehr in diesem Volke geiibt wird, 
zeigt ein landesubliches Spricihwort, das lautet: „Es gibt ebensowenig 



Digitized by VjOOQIC 



600 

ej'n Graslein, das die Sense nicht gestreift, als einen Knaben, den 
kein Mann beriihrt." Auch hier scheinen wie in anderen muham- 
medanischen Landern auBere Griinde die homosexuelle Betatigung zu 
fordern, vor allem die strenge Absonderung der Geschlechter im 
Frauen- und Mannerabteil, ferner Sparsamkeitsriicksichten, da der 
Kaufpreis der Frauen ein verhaltnismaCig hoher ist, den viele der 
armeren Sarten sowohl nnter den Landarbeitern und Hirten, als unter 
den stiuitischen Kleinkramern, Fabrikanten und Teebudikern nicht 
aufbringen konnen. Wie viele unter ihnen echte Homosexuelle oder 
Bisexuelle, wie viele nur Pseudohomosexuelle oder Verlegenheitshomo- 
sexuelle sind, diirfte ungemein schwer zu sagen sein. DaB alle diese 
Kategorien vertreten sind, ist nicht zweifelhaft. Es gibt hier eine 
Menschenklasse, die in ganz besonders hohem MaBe das Ziel homo- 
sexueller Begehrlichkeit ist, die Batschas, junge, gutgcwachsene 
Burschen aus dem Volke, namentlich solche mit dunklen, strahlenden 
Augen, die eigene Schulen besuchen, die Batschbosliks, in denen sie 
von alten Leuten, die selbst friiher Batschas waren, in korperlichen 
Cbungen und geschmeidigen Tanzen, heiligen und unheiligen Gesangen, 
heitereu SpaBen und Wortspielen unterrichtet werden. Haben sie das 
alles gelernt, dann produzieren sie sich unter freudiger Erwartung, 
die sich meist zu Bewunderung und Begeisterung steigert, auf echt 
orientalischen Festlichkeiten, die die Sarten auf den Hofen ihrer 
Hauser veranstalten und die Basmen genannt werden. Der Mittel- 

Eunkt dieser Feste sind die Batschas, die durch ihre Tanze und 
ieder, begleitet von Trommeln und Floten, die Zuschauer formlich 
berauschen. Welche Rolle diese Jiinglinge spielen, zeigt foleende 
Schilderung: „Der Batscha erfreut sich groBer Liebe und volks- 
tiimlichkeit. Die Manner verlieben sich in ihn, verfertigen ihm zu 
Ehren Verse, seinetwegen richten sie sich zugrunde, lassen W6iber 
und Kinder im Stich, seinetwegen kommt es oft zu blutigen Eifer- 
suchtshandeln und zum Totschlag. So kamen im Jabre 1906 im ein- 
lieimischen Teil Taschkents der Batschen wegen wiederholt blutige 
Dramen vor, was die Richter des Syr-Darja-Gebietes veranlaBte, die 
Veranstaltung von Basmen zu verbieten. , Dessenungeachtet erhielten 
sicii die Basmen in friiherer Bliite. Zur Zeit der Chane batten die 
Basmen noch viel weitere Verbreitung. Am Hof des Chans gab es 
gewohnlich einen ganzen Staat von Batschen, imd der Lieblings- 
batscha des Chans iibte groCere Macht aus als der erste Wesir (Mi- 
nister). Fiir die allerhiibschesten Batschen im Syr-Darja-Gebiet gelten 
die Sairamaschen. Hochgewachsen, grazios, mit matter Gesichtsfarbe, 
schwarzen, brennenden Augen und zarter Stimme machen sie einen 
groBen Eindruck auf die Menge. Um ihre Liebe bemiihen sich, wie um 
ein groBes Gliick, einfluBreiche, begiiterte Sarten. Der Unterhalt 
eines solchen Batschas kostete nicht wenig — bis 1000 Rubel im 
Jahr — was dem praktischen Sarten auBerordentlich viel erscheint." 

Eine ahnliche Stellung, wie die Batschas bei den Mannern, haben 
die Batschenmadchen bei den Sartenfrauen, die sie ebenfalls 
durch Gesange, Spiele und Mimik unterhalten. Im iibrigen sind es nicht 
nur die Sarten, die in Turkestan, Samarkand und Bucliara homo- 
sexuellen Verkehr pflegen, sondern auch die Manner und Jiinglinge 
persischer, kirgisischer und russischer Abkunft. Alle wetteifern form- 
lich in seelischer und nicht nur in dieser, sondern auch korper- 
licher Urningsliebe, wenngleich aiich hier die leichteren Formen ero- 
tischer Zartlichkeit, namentlich gegeniiber der Pedikation, bei weitem 
zu iiberwiegen scheinen. 

Diese Angaben stimmen ganz iiberein mit einer Arbeit, die schon 
im Jahre 1900 vonderChoven^s) veroffentlichte ; er ftihrte aus, daB 

^2) Choven, v. der, Cber sexuelle Perversionen im Orient. 
(Obozr^ni6 psiahiatrii V. 1900). 



Digitized by VjOOQIC 



601 

in alien Stadten Asiens von den Ufern des Marmarameeres 
bis zum Yang-tze-kiang den jungen Burschen, genannt Batscha, 
die Tanze und Gesange iibertragen ^eien, die ganz und gar die RoUe 
unsrer Schonheiten aus dem Vari6t6 erfiillten. Kritische Berichte iiber 
diesen Artikel bringen P. K 6 r e v a 1 1^) in den Archives de Neurologie 
und Numa Prat orius ^^). 

Urn die Darstellung der Liebes- und Ehegebrauche dm 
alien und modemen I n d i e n hati sich Eichard Schmid t^^) 
hervorragende Verdienste erworben. Doch hat ihm die Fiille 
heterosexuellen Materials fur die Darstellung der gleichge- 
schlechtlichen Liebe wenig Raum gelassen, auch mangelt ihm 
hierzu anscheinend die erforderliche Objektivitat und Vorurteils- 
losigkeit. Wenn nun im folgenden der Versuch gemacht werden 
soil, Schmidts Arbeiten nach dieser Richtung hin zu ergauzen, 
so Jcann es sich flir einen Nicht-Sanskritisten bei dem' ge- 
waltigen Umfang der indischen Literatur, die noch dazu bis 
jetzt keineswegs voUstandig in abendlandische Kultursprachen 
libersetzt ist, naturgemafi nur um die Zusammenstellung gelegent- 
licher Lesefrtichte handeln ; eine voUstandigere methodische Dar- 
stellung muB einer kundigeren Feder spaterer Tage vorbehalten 
bleiben. Doch auch mit dem Wenigen wird der Beweis moglich 
sein, daB schon dem altesten indogermanischen Kulturvolk die 
gleichgeschlechtliche Liebe nichts Unbekanntes war und daB die 
Gelehrten und Weisen dieses Volkes sich bereits auf dem Wege 
zu einer wissenschaftlichen Erklarung dieses sexuellen Prablems 
befanden. 

Zwar laBt sich aus den alteren Werken der vedisch-brahma- 
nischen Periode nicht allzuviel Bestimmtes anfiihren. Die Ubersetzer 
scheinen sich manchmal selber im Ungewissen zu befinden, und die 
Kommentatoren schweigen sich iiber derartige Stellen i)eharrlicli aus. 
Wir miissen uns daher hier mit einer bloBen Auffiihrung gefundener 
Stellen begniigen. 

So finden sich im Rig- Veda, dem altesten Lieder- und Hymnen- 
buch der indischen Literatur, u. dem Atharva-Veda, der ♦ altesten 
Sammlung von Zauberspriichen viele Satze, in denen auf die Androgynie 
der Gottheiten Bezug genommen wIrd (Rig- Veda VIII, 33, 19; Ludwig 
Bd. II Nr. 699)16); Rig- Veda 1. 164, 16 (L. 11. Nf. 951); Atharva- 
Veda VIII, 8. 25 (L. Ill, p. 525); Ri^-Veda X, 85, 36 (L. II, 
Nr. 905); Ric-Veda X, 60. 7 (L. II Nr. 993); von Brahma heifit es 
an zwei Stellen der Qvet^9vatara-Upanishad IV. 3: 
Du bist das Weib, du bist der Mann, das Madchen und der Knabe, 
Du wachst, geboren^ allerwarts, du wankst als Greis am Stabe. 

und V, 10: 

Er ist nicht weiblich, nicht mannlich, 
Und doch ist er auch sachlich nicht. 



18) 24. ann6e Marznummer 1902 p. 236 ff. 

1*) Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. V, 2, p. 953. 

15) Rich. Schmidt, Beitrage z. ind. Erotik. 1902. Liebe 
und Ehe i. alten und modemen Indien. 1904. Kamasutra des Vatsya- 
yana. 3. A. 1907. 

i«) Rig- Veda, iibers. v. Alfr. Ludwig, 6 Bde. 1876—1888. 



Digitized by VjOOQIC 



602 

Je naoh dem Leib, den er wahlte, 
Steokt er in diesem und dem. ^i) 

Ein interessantes Stiick ist in der kurzen Garbha-Upanishad 
folgender (III.) Abschnitt 23) : „Beim Uberwiegen des vaterlichen 
Samens entsteht ein Mann, beim Hberwiegen des mutterlichen Samens 
ein Weib, beim Gleichgewicht des Samens beider ein Z w i 1 1 e r ; bei 
Benommenheit des Gemiits entstehen Blinde, Lahme, Bucklige und 
Zwerge. Geht der duroh die beiderseitigen Winde eingeprefite Same 
entzwei, so wird auch der Korper zwiefach und es entstehen Zwil- 
linge." 

Eine ebenso groUe RoUe wie das Problem der gottlichen Andro- 
gynie spielt in der indisclien Literatur die Erscheinung menschlicher 
Geschlechtsverwandlung. Nur eine der vielen uns bekannten G e - 
schleohtsverwandlungssagen sei angef iihrt : 

Im Matsja-Purana wird dem Manu ein Sohn Ida geboren. Bei 
eiuer Rundreise durch seine Besitzungen gerat dieser aus Versehen 
in einen Hain, in dem einst Qivas Gattin Parvati zur Unzeit von Weisen 
gestort war. Infolgedessen hatte Qiva seiner Gattin versproohen, 
dal3 jeder Mann, der diesen Hain betreten wiirde, sioh in eine Frau 
verwandeln solle. So wird denn auch Ida sogleich verwandelt und 
zu einer Id§,. Durch ein Pferdeopfer an Qiva wird sie zu ein^oi 
Zwittergeschopf (kimpurusha), Namens Sudyumna zuriickverwandelt, 
welches abwechselnd einen Monat Mann und einen Monat Weib war* 

Einen bisexuellen Charakter tragt die zu grofier Bertihmt- 
heit gelangte Legende von Rishyasringa (Mahab. Ill, 
110 f £28). Er ist der auf wunderbare Weise von einer Gazelle 
geborne Solin eines Heiligen und wachst (ein altindischer Simpli- 
zissimus) in einer Einsiedelei im Walde auf, ohne irgend einen 
andern Menschen auBer seinem Vater je gesehen zu haben. 
Vor allem hat er nie ein Weib erblickt. Einst entstand nun 
im Reich des K5nigs L o m p a d a eine groBe Dtirre und die 
Weisen des Landes erklarten, daB die Gotter erztirnt seien 
und es nur dann regnen wiirde, wenn es dem Konig gelinge, 
Rishyasringa in sein Land zu bringen. Des Konigs 
Tochter Santa iubernimmt nun die Aufgabe, den jungen 
HeiUgen in das Land zu locken. 

Aus kiinstlichen Baumen und Strauchern wird eine schwimmende 
Einsiedelei hergestellt, in welcher Santa zum Wohnsitz des Rish- 
yasringa segelt. In der Nahe der Waldeinsiedelei angekommen, 
steigt die Konigstochter ans Land und benutzt die Abwesenheit von 
Rishyasringas Vater, um sich dem jugendlichen BiiBer zu niihern. 
Sie gibt ihm herrliche Friichte und kostlichen Wein und schmiegt sich 
in zartlicher Umarmung an ihn, der da glaubt, einen Knaben, wie er 
selbst einer ist, vor sich zu haben. Darauf kehrt das Madchen wieder 



21) P. Deussen, 60 Upanishads d. Veda 1897, S. 300 und 306. 
23) Deussen, 1. c. S. 608. 
2«) W i n t e r n i t z , 1. c. S. 342. 

Holtzmann, Ind. Dagen. I, 109. 

Holtzmann, Mahabar. I, 25 ; II, 78. 

Jacobi, 1. c. S. 141. 

H. Liiders in Nachricht. d. Getting. Gesellsch. d. Wissen- 
schaft. 1897 und 1901. 



Digitized by VjOOQIC 



603 

auf ihre Insel zuriick, da sie das Nahen des alten Einsiedlers bemerkt. 
Der Alte iiber die Aufregung seines Sohnes verwundert, fragt ihn, 
was gesohehen sei. Dieser berichtet nun sein Erlebnis mit folgenden 
Worten : 

Ein Scbiiler mit geflochtnem Haar war hier, ganz weiB von Angesicht, 
Mit schwarzen Augen und lachelndem Munde, mit schmalem Leib 

und hoher Bnist. 
Wie wenn im Mai der Kuckuck singt, so lieblicb klang es, wenn er 

sprach, — — 
Dann fafite micb der Knab' am Haar und zog mein Haupt zu sich (hinab 
Und setzte seinen lieblichen Mund auf meinen Mund und machte da 
Ein klein Gerausch; das machte, daU mir ein Schauder durch die 

Glieder fuhr. 
Nach diesem Schiiler sehn' ich mich ; wo er ist, mochte ich immer sein. 
Mir ist so iibel, im Herzen so web', seit ich ihn nicht mehr sehen 

kann. 
Darauf der Vater: 
„Mein Sohn, in also schoner Gestalt geh'n Teufel in den Waldern um, 
Um frommer Leute BuB' und Heil zu storen; traue ihnen nicht!" — 

Kaum ist der Vater fortgegangen, so begibt sich Rishyas- 
ringa auf die Suche nach seinem vermeintlichen jungen Freunde. 
Bald hat er die sohone Santa gef unden, wird von ihr auf die schwim- 
mende Einsiedelei gelockt und in Lompadas Reich entfiihrt. In dem 
Augenblick, wo der junge Heilige das Land erblickt, beginnt es in 
Stromen zu regnen. Der Konig aber macht ihn zu seinem Schwieger- 
sohn, nachdem er den alten Einsiedler durch reiche Geschenke ver- 
sohnt hat. Wie beliebt dieser Schwank war, zeigt nach Winter- 
nit z der Umstand, daiJ er in verschiedenen Versionen auch in Tibet, 
China und Japan bekannt ist und selbst in der Einhorn-Sage des 
Abendlandes Spuren hinterlassen hat. AuBerungen hochgestei^erter 
Freundsohaftsgefiihle zwischen Mannern begegnen uns — ein Beispiel 
fiir viele — in „Mricchakatika" (S. 88): „Zweierlei freilich ist hier 
auf dieser Welt Mannern iiber alles lieb, — Freund und Weib", und 
(S. 184) beabsichtigt M a i t r § y a , seinem Freunde Tscharu- 
datta in den Tod zu folgen: „Mein Freund, denkst du vielleicht, ich 
konnte ohne dich noch mein Dasein fristen? . . . Ich kann nun ein- 
mal getrennt vom lieben Freunde nicht langer leben . . . ich will 
dies Leben von mir werfen und dem lieben Freunde folgen." — 

iWenn wir uns heute der Anfange einer Sexualwisfeeox- 
schaft rtihmen, so konnen wir darin bereits die alten Inder als 
unsre Vorlaufer begrtiJJen, die hiertiber schon eine umfangreiche 
und eingehende Literatur hinterlassen haben, der gegeniiber 
Ovids Ars amatoria zu einer bloBen Liebesfibel wird. — 
Wenn audi nicht zeitlich, so doch inhaltlich steht an der Spitze 
dieser ganzen Literaturgattung Vatsyayanas Kamasutra, 
d. h. ,,Kamas Gesetz**, ein Werk, dessen Entstehen ;(swischen 
das II. vorchristliche und VI. nachchristliche Jahrhuridert zu 
setzen ist. Es ist kein Originalwerk, sondern das Sammelbecken 
der Meinungen ,altrer Meister, ein Auszug aus zum Teil auBer- 
ordentlich umfangreichen Werken seiner Vorganger. Auf alle 
Falle ist es aber ein verhaltnismaBig altes Erzeugnis der 
Sanskrit-Literatur und enthalt eine Ftille Stoffes, der uns auf 
anderm Wege nicht mehr (oder noch nicht wieder) zuganglich 



Digitized by VjOOQIC 



604 

ist. AuJJerdem besitzen wir zu Vatsyayanas Werk noch 

einen altern und wertvoUen Kommentar von Yasodhara aus 

dem VII. bis VIII. nachchristlichen Jahrhundert, dessen Kennt- 

nis uns Richard Schmidts f leiBige Ubersetzungskunst 

gleichfalls zuganglich gemaoht hat^^). Sowohl auf die mannliche 

als auch auf weibliche Homosexualitat wird in diesen Werken 

Bezug genommen. 

Als die gebrauchlichstc Form gleichgeschlechtlichen Verkehrs 
unter Mannern gait bei den alten Indern das Auparisthaka, der 
Coitus ore conficiendus, also irrumatio oder fellatio. Daus Kama- 
sutra (fol. 165) bezeichnet als solche, die hauptsachlich os suum 
munera vulvae verrichten lassen, trtiya prakrtit, das dritte 
Geschlecht. Dieses ist von zweierlei Art, entweder vom Aus- 
sehen einer Frau, si coitus oralis a viro in femina exercetur, 
oder vom Aussehen eines Mannes. Diese letzteren sollen aber ihrc 
Wiiasche verheimlichen und, falls sie einen Mann kapern wollen, das 
Geschaft eines Masseurs betreiben. Wahrend des Massierens driicke 
der Betreffende die Schenkel des G^liebten, indem er sie mit seinen 
Gliedern gleichsam lunarmt. Bei vorgeschrittener Vertrautheit be- 
riihre er die Verbindungsstelle der Schenkel samt der Schamgegend et 
illius membrum, cum erectum esse intelligit, manu fricans excitet und 
tadle ihn gleichsam mit Lacheln wegen seiner Aufgeregtheit. Wenn 
er von dem Manne, obwohl dieser das Merkmal erwachter Begierde 
tragt und die perverse Art des Masseurs durchschaut hat, nicht auf- 
gefordert wird, das Auparisthaka auszufiihren, so schreite er von 
selbst dazu: von dem Manne aber dazu aufgefordert, widerstrebe er 
und nur unter Strauben willige er ein. — Die Ausfiihrung des Aktes 
hat folgende acht Stufen (fol. 167), quorum confectio duplex est, 
exterior et interior. Modi exteriores sunt hi : I. Penem manu 
comprehensum ad labra adducens atque feriens contra os moveat ; 
hie modus m e n s u s est. — II. Manu glandem oiDeriens labrisque a 
latere sine dentium cooperatione premens „haec hactenus" tranquil- 
lans inquiat, hie morsus lateralis est. — (fol. 168.) III. Porro 
invitata labris conclusis illius partem anteriorem premens atque quasi 
adducens dimittat, hie est forceps exterior. — Sequuntur modi 
interiores: IV. Hie invitatus, postquam glans praeputio denu- 
data est, penem paulo longius introducat usque ad glandis nodum et 
ille anteriorem partem labris premens exspuat (sive emittat), hie est 
forceps interior. — V. Si penis manu comprehensus sicut labrum 
corripitur, osculatio est. — VI. Cuius in confectione si glans 
undique linguae parte feritur atque lambitur vel si lingua in orbem 
circumagitur, contactio est. — VII. Huiusmodi penem libidine 
semi-introductum semel atque iterum crudeliter premat, deinde dimit- 
tat, hie est suctus pomi amri. — VIII. Ad viri voluntatem penem 
devoret, premat usque ad finem (donee semen ejaculetur), haec est 
devoratio. — Auch bei diesen einzelnen Phasen mufi der Be- 
treffende immer wieder tun, als mache er nur ungern mit, auch konnen 
zur Erhohung des Genusses verliebte Schreie und ebensolche Schlage 
ausgeteilt werden. — AuBer diesen Amateur- Masseurs, die Yasho- 
dara (fol. 67) zu den Eunuchen rechnet, da sie weder das Wesen 
des Mannes noch das des Weibes besitzen, erweisen nach dem Kama- 
sutra (fol. 172) vor allem junge schongeschmuckte Sklaven ihren Herren 
]ene Gunst, wenn diese namlich von kiihlem Temperament (wohl gegen 
Weiber) abgelebt (man sieht, daB die Fabel von den abgelebten homo- 

25) Das Kamasutra des Vatsyavana, iibers. von Rich. 
Schmidt. 3. A. 1907. 



Digitized by VjOOQIC 



606 

sexuellen Rou^s schon auf ein respektables Alter zuruckschaut), iiber- 
maUig dick sind oder an Frauen keinen Gefallen finden. Y a s h o - 
d a r a zitiert dazu eine Strophe, welche besagt, daB die Sklaven ver- 
trauenswiirdig und schon geschmiickt sein sollen und dafi der Bart 
noch nicht sprieBen darf, da letzteres fiir einen Fehler gilt. — SchlieB- 
lich besorgen das aber auch gewisse Urbani, die einander befrenndet 
sind, gegenseitig, (fol. 173) indem sie auf Beiderseitigen GenuB be- 
dacht sind. 

Je nach dem Grade ihres Verlangens begehen sie den Akt nach- 
einander oder gleichzeitig inversis corporibus. — Nach S c h m i d t ^o) 
soil im heutigen Indien an Stelle des Auparisthaka zumeist die 
Pedikation getreten sein. — Vatsyayana nennt (fol. 128) das 
Auparisthaka als besonderes Kennzeichen der Bewohner des Binnen- 
landea, der Fliisse Vipar, Satadru, Iravati, Candrabagha, Vitasta 
und Sindhu, wahrend die Bewohner der siidlichen Gegenden 
(fol. 146) die Pedikation, sowohl beim Manne wie bei der Frau 
vorzieheu sollen. Zum SchluB des Abschnittes wamt Vatsya- 
yana (fol. 174, wie auch schon fol. 169) jedoch die Brahmanen, 
Minister und Ratgeber der Konige davor, das Auparisthaka bei sich 
ausfiihren zu lassen, da sie dadurch sonst ihren guten Ruf und 
ihre Wiirde beeintrachtigen und der Makel der Schimpflichkeit, der 
jener Sache anhaftet, schwer zu tifeen sei; und zwar wird die Aus- 
fiihrung des Auparisthaka sowohl bei einem Manne wie bei einem 
Weibe einschlieBlich der Ehefrau geriigt, denn Vasistus sagt nach 
Yasodhara (zu fol. 170): „Qui in ore uxoris suae legitimae 
coitum conficit, illius manes XV annos non edunt", d. h. nehmen die 
gespendeten Ahnenopfer nicht an. — Auch M a n u s Gesetzbuch, d. h. 
das Dharmasastra, das den Namen des Manu tragt, aber erst dem 
2. bis 3. nachchristlichen Jahrhundert entstammt, gebietet nach 
Schmidt'^): „Wer mit einem Manne oder mit einer Frau auf 
einem Kuhwagen, im Wasser oder am Tage als Zweigeborner (Brah- 
mane) geschlechtlich verkehrt, soil bekleidet ein Bad nehmen" und ein 
anderes Gesetz lautet (ibid.) : „Wenn der Mann den Koitus mit einem 
Manne oder bei einem Weibe anders als in der Vulva, in die Luft 
(wohl coitus interruptus), im Wasser, am Tage oder auf einem Kuh- 
wagen aiiffiihrt, soil er bekleidet ein Bad nehmen." 

Ebenso kannten die alten Inder bereits den amor lesbicus, 
wenn auch, wie fast iiberall, die Nachrichten hieriiber spar- 
licher vorliegen. ' So finden wir bei Yasodhara (zu fol. 173) 
eine Strophe, in der es heiBt, daB gewisse Haremsdamen, die mitein- 
ander vertraut sind, wenn sie keine Manner erlangen konnen, inter 
se in vulvam voluptatem ore conficiunt. — Auch Susruta kennt noch 
(II, 2)82) die Tribaden: „Si uxor maritum in imo ponit atque ita coi- 
tum init, filia nascitur, quae sicut vir agit. Quamvis enim muliebri 
forma praedita, tamen sicut vir feminam ascendit ejusque vul- 
vam sua ipsius vulva perfricat." — Vatsyayana gibt auch 
(fol. 192) den Rat, daB man beim Freien ein Mannweib, d. h. ein 
Madchen mit dem Aussehen eines Manncs, vermeiden soil. Auch in 
dem V. Abschnitt iiber die fremden Frauen kommt Vatsyayana 
noch einmal (fol. 295) auf die gegenseitige Befriedigung der Weiber 
uutereinander zuriick, die die Milchschwester, Freundin oder Sklavin 
nach Art eines Mannes schmdcken und ihr Verlangen stillen durcli 
an Form gleiche Glieder in Gestalt von Knollen, Friichten oder kiinst- 
lichen Phalli. — Eine merkwiirdige Ansicht auBert Yasodhara noch 
(zu fol. 80) : „Denn so gut die Frau in der Vereinigung mit dem Manne 
empfangt. ebensogut auch infolge der Vermischung mit einer andern 

30) Schmidt, Licbe u. Ehe. S. 263. 

81) Schmidt, Beitrage s. 53.5. 

82) Schmidt, Liebe u. Ehe. S. 281. 



Digitized by VjOOQIC 



606 

Frau,** so heiBt es im Susnita: „Weim Frau und Frau zur Begattung 
schreiten, lassen sie gegenseitig Samen entstromen, woraus ein knochen- 
loses Wesen entstelit." — Auch auf sakralem Gebiet erscheint die 
Tribadie hier eine Rolle zu spielen. Denn auch in Indien gibt es 
nach S c h m i d 1 33) Gebrauche, ahnlich denen der Bona Dea im alien 
Rom, an denen nur Frauen teilnehmen, wahrend die Manner davon aus- 
geschlossen sind. Nacklheit der Teibiehmerinnen soil dabei oftmals 
ein Haupterfordernis der Feier sein. 

Cber das gegenwartige Indien schreibt ein Korrespondent Molls, 
dafi er gleioh am ersten Abend seiner Ankunft in Bombay eine Zu- 
sammenkunft mit einem Eingeborenen hatte, der sich ihm fiir zwei 
Rupien hingab. In Poona, einer Gebirgsstadt in der Nahe Bombays, 
verkehrte er an einem Abend mit drei Eingeborenen. Der eine war 
ein Kutscher. Er fragte ihn, ob er ihn zu einem Madchen fiihren 
solle, und auf die verneinende Antwort bat er ihn zu ihm auf den 
Kutschersitz zu kommen. „Obwohl wir uns kaum verstandigen konn- 
ten,'* schreibt er, ,,wuBten wir beide was die Glocke geschlagen hatte. 
In Madras und in anderen Teilen des siidlichen Indiens sei es nicht 
anders. Wenn ich darauf ausgehe," fahrt er fort, „finde ich jeden 
Abend mit Leichtigkeit einen Eingeborenen, mit dem ich fiir Geld 
und gute Worte geschlechtlichen Umgang haben kann." 

Zahlreiche Bericihte tiber die Verbreitung der Homosexuali- 

tat erhielt ich aus Niederlandisch-Indien. HolUndische 

Urninge suchen sich dort namlich mit Vorliebe als Beamte, 

Kaufleute und Arzte einen Wirkungskreis, und viele von ihnen 

kamen auf ihren europaischen Urlaubsreisen zu mir und machten 

mir Mitteilungen, die durch Literaturangaben von Forschungs- 

reisenden wertvoU erganzt warden. 

Erst vor kurzem hielt sich ein hollandischer Forstbeamter in 
Berlin auf, der im Verlauf eines mehr als 15 jahrigen Aufenthalts 
dortselbst mit iiber 100 Sundanesen, Javanesen una Maduresen in 
sexuellen Verkehr getreten war. Einen ganz reinen Fall von a u s - 
schlieBlicher Homosexualitat will er unter den Eingeborenen aller- 
dings nur ein einziges Mai beobachtet haben, namlich in Pali (Mittel- 
Java), wo ein verh^irateter Javane mittleren Alters unzertrennlich mit 
einem jiingeren, jetzt 25 jahrigen Landsmann zusammen lebt, ohne 
jemals sein Weib beriihrt zu haben. Sonst hatten die Javaner, mit 
denen er Umgang gepflogen, ihm immer geantwortet, daB sie mit 
beiden Geschlechtern verkehrten, sie hielten den homosexuellen Ver- 
kehr fiir harmlos und weniger gefahrlich (hinsichtlich Ansteckung), 
„es mache ihnen Vergniigen, und sie bekamen noch Geld dazu, was 
konnten sie mehr verlangen". Die jiingeren Leute, sagte mir dieser 
Gewahrsmann, seien, bis sie verheiratet sind und Kinder haben, ohne 
Ausnahme zuganglich, allerdings nicht jedem Fremden, sondem nur 
denen, die sie kennen imd die ihre Sprache verstehen. Fast allgemein 
zur sexuellen Verfiigung gegen Lohn standen die jiingeren Kutscher, 
auch viele altere, namentlich die der Mietkutschen in groBeren Stadten. 
Da man mit dem Kutscher Seite an Seite oder Riicken an Riicken 
in engem Kontakt saCe, steigerte sich die Korperberiihrung ganz all- 
mahlich zu intimeren Akten. Drei Einrichtungen sind es, die auf den 
zahlreicheu Inselgmppen zwischen Asien und Australien dem Leben 
der Homosexuellen inren besonderen Stempel aufdriicken, wenn auch 
nicht in gleichmaBiger Verbreitung : die Tanzjungen, in At jeh an 
der Nordkuste von Sumatra „sedatti" genannt ; die gemeinschaftlichen 



33) Schmidt, Liebe und Ehe. S. 17. 



Digitized by VjOOQIC 



607 

Schlafhauser der unverheirateten jungen Manner vom Tage ihrer 
Beschneidung (8. — 12. Lebensjahr) bis zu ihrer EheschlieBung und 
die Mannerbiinde. In den Mannerhausern iiberuachten auch die 
Fremden des Orts, und soUen geschlechtliche Handlungen zwischen 
diesen und den Insassen, sowie der zusammenwohnenden Jiinglinge 
unt^reinander sehr gewohnlich sein. Auch in den muhammedanischen 
Priesterschulen, den „santri", in denen junge Leute vom 12. — 22. 
Jahre zusammenschlafen, soil mutuelle Masturbation ein alltagliches 
Oder wobl richtiger allnachtliches Vorkommnis sein. Als Zeichen eines 
Knabenbauses findet man iiber der Tiir vielfach eine holzerne Figur 
angebracht, die einen Mann darstellt, der mit beiden Handen sein in 
Erektion befindliches Glied umfaBt halt. Auch die Tiiren selbst 
zeigen eingeschnitzt ahnliche Bilder. Ich erhielt vor einiger Zeit 
aus Niederlandisch-Neu- Guinea von einem Urning solche Holzfigur 
und Tiir eines Mannerhauses, deren Entfernung neuerdings die 
europaischen Regierungen angeordnet haben, iib^rsandt und ver- 
leibte sie ebenso wie die Photographien javanischer Tanzknaben 
unserer sexo-ethnographischen Sammlung ein. In seinem Buche „Aijeh 
en de Atiehers" (1877, p. 63) schreibt Kruigt iiber diese Tanz- 
knaben : „Bei den Atjeh (NW.) s*) erheitern Knaben von 9 — 12 Jahren, 
die Sedattis, meist von Nias eingefiihrt, teils in Seide gekleidet und 
mit goldenen und silbernen Hand- und FuBspangen geziert, die Manner- 
welt am Abend und wahrend der Nacht durch Gesang und Tanz. 
Den meisten Oberhauptern gehoren einige dieser Sedattis als person- 
liches Eigentum, sie liefern aber gewohnlich ein Paar davon an die 
Bevdlkerung ihrer abgelegenen Pflanzungen zu deren Vergniigen. Die 
zur Bewachung dort zuruckgebliebenen Leute ergeben sich, ohne 
Frauen, mit den jungen Tanzknaben geschlechtlichem Verkehr. Nach 
J a c o b s 3^) soil in Atjeh Paderastie nicht verbreiteter sein als in 
jedem anderen, auch europaischen Gemeinwesen. Ebenso ist Tribadie 
nach demselben Gewahrsmann unter den alteren Madchen und Frauen 
keinc Seltenheit, jedoch auch nicht haufiger als anderswo. Die Gan- 
drungs ^6) von Bali (Ost-Java) sind gleich den at jehischen Sedatti 
Enaben im Alter von 10 — 12 Jahren, die als Madchen verkleidet 
Tanze auffiihren. Ihre Kleidung besteht aus einem prachtigen Sarong 
mit dem um die Hiiften geschlungenen Salendang, dessen Enden frei 
herabhangen. Dazu kommt noch ein hochaufgelMiuter, reichverzierter 
Kopfschmuck und bisweilen prachtige Armbander und ein Facher. 
Manner aller Stande und Rangstufen der balinesischen Gesellschaft 
huldigen ihnen und fiihren mit ihnen Tanze auf. Tribadie soil nach 
Jacobs dort beinah in gleichem MaBe, doch heimlicher mit Hilfe 
von Pisangfriichten, wachsernen Instrumenten oder bloB Finger und 
Zunge betrieben werden. Auch besitzt der balinesische Sprachschatz 
Worte fiir Frauen in Mannskleidern, wie fiir als Manner gekleidete 
Tempeldienerinnen. — Wahrend auf Bali paderastischer Liebesbefrie- 
digung kein Hindernis im Wege steht, soil auf dem benachbarten 
Lombok Paderastie sowie das Auftreten von Gandrungs streng ver- 
boten gewesen sein. 

Die Bewegungen, welche die vielfach weiUgeschminkten Tanz- 
jungen, die javanisch auch „selawaddan" heiUen, mit den Fingern, 
Hand- und Armgelenken ausfiihren, sollen, wie mir mein Gewahrs- 
mann berichtet, sehr feminin sein. Ubrigens tragen sich bei den 
Maduresen, wie auch sonst vielfach in Niederlandisch-Indien, Manner 
und Frauen voUkommen gleich. Nur tragen die Frauen niemals Kopf- 
bedeckung, so daO der Verkleidungstrieb transvestitischer Manner sich 

3*) I. A. Kruigt, Atjeh en de Atjehers, 1877, p. 63. 
35) Jul. Jacobs, Familie- en Kampongleven op Gr. Atjeh, 
1894, I, 80 ff. 

3«) Jul. Jacobs, Eenigen Tijd onder de Baliers, 1883, p. 13 f. 



Digitized by VjOOQIC 



608 

auch HUT auf die Barhauptigkeit erstreckt. Wenn sich auf Java 
Prinzen oder Regenten eine BsSlettruppe halten, so besteht diese nicht 
selten zumeist aus Jiinglingen in Frauengewandern. — Bei den Ma- 
laien in Ost-Java^?) kennt man mannliche und weibliche Personen 
mit von Kindheit an bestehenden kontrarsexuellen Neigungen, welche 
sich in jeder Lebensrichtung auBern. Sie fuhren in beiden Ge- 
sciilechtern die Bezeichnung Wandu. Ihre geschlechtliche Befriedi- 

fung soil durch bloBe Beriihrung herbeigefiihrt werden. — Auf der 
leinen Insel Madura an der javanischen Nordkiiste wird die Pad- 
erastie offentlich gepflegt, ohne daB irgend etwas Tadelnswertes darin 
erblickt wird, sogar Kriminalfalle rasender Eifersucht sind daselbst 
nicht selten 8^). 

Hinsichtilch B o r n e o s hatte schon 1846 H u p e 3^) hervorge- 
hoben, dali bei den Dajaks die Paderastie allgemein sei, und daiJ man 
solchen Menschen noch eine besondre Achtung bekundete. Eine ge- 
schlossene und hochgeehrte Paderastengesellschaf t bilden die B a s i r s, 
die sich den Bilians, den Pries terinnen, anschlieCen, sich wie diese 
kleiden und mit ihren kraftigen Stimmen einen Sangerchor bilden, 
auch dienen sie als Arzte, Wahrsager und Zauberer und lassen sich 
von den Mannern zu gleichen Zwecken wie die Priesterinnen ge- 
brauchen. Auch nach Hardelands*^) Versicherung sind die Basire 
als Weiber gekleidet, sie werden bei Gotzenfesten und zu sodomitischen 
Praktiken gebraucht, manche sind formlich an andre Manner ver- 
heiratet. Desgleichen versichert Perelaer a^), gleichgeschlechtlichen 
Verkehr treffe man bei den Dajaks in alien Standen unter beiden 
Geschlechtern an, imd er eei in ihren Sitten so tief eingewurzeit, 
daU man annehmen konne, es gabe nur wenig Manner, welche sich 
seiner nicht schuldig gemacht hatten. Er kommt auch in der Reli- 
gion zmn Ausdruck, indem sich die Dajaks das Jenseits eben so von 
Bilians (Tempeldirnen), ahnlich den muhammedanischen Huris, wie 
von Basirs als dajakischen Gan}Tneden bevolkert denken. Auch die 
Manangbali der See-Da jaks kleiden sich nach Ling-Roth *2) als 
Weiber und lassen sich als solche behandeln. Wenn es ihnen gelingt, 
einen jungen Mann zu bereden, die Nacht bei ihnen zu schlafen, ent- 
lassen sie ihn bei Tagesanbruch mit einem Geschenk und prahlen 
mit ihrer Eroberung. Wenn es die Vermogensverhaltnisse eines Ma- 
nangs irgend gestatten, nehme er sich einen Ehemann, um seine an- 
genommene Wiirde als Weib noch vollstandiger auszugestalten, zeige 
sich auch alsdann sehr eifersiichtig. Der Manangbali ist stets eine 
Person von groBem EinfloB, nicht selten bringt er es zum Dorfvor- 
stand, auch fungiert er haufig als Friedensrichter, so daB er bei den 
See-Dajaks geradezu als Staats- bzw. Stammeseinrichtung besteht. 

B r o o k € *3) erzahlt, daB auf Celebes unter den Bugis manche 
planner ihr Leben hindurch als Frauen und manche Frauen als 
Manner gekleidet gingen und auch den Beschaftigungen und Pflichten 
der angenommenen Geschlechter sich unterzogen. Dazu geeignete 
Knaben werden haufig den Rajahs als Geschenk angeboten und er- 
langen oft groBen EinfluB auf ihren Herrn. — Auch unter den Bugis 

37) Cf. C. M e m s e , Handbuch der Tropenkrankheiten, Bd. I, 
1905, p. 210. 

38) Cf. Bijdragen tot de taaland en volkenkunde van Nederland- 
sche Indie, 1889, p. 380. 

89^ In Tijdschrift v. Neerlands-Indie. 1816, S. 127. 

*0) A. liar de land, Dajakisch-Deutsch. Worterbuch. 1895. 

*i) M. T. H. Perelaer, Enthnogr. Beschrijving d. Dajaks. 1870. 
p. 32 ff. 

*2) H. Ling- Roth, The Natives of Sarawak. 1896. I, 270. 

*3) Cf. R. M u n d y , Narrative of events in Borneo and Celebes. 
1848. I, 01 und 82. 



Digitized by VjOOQIC 



609 

an der Ostkiiste von Borneo gab es effeminierte Manner, Tjolebei 
genannt*^), die sine besondere Neignng fur schone wohlgebaute Jiing- 
linge verrieten und diese mit LielSosungen zu iiberscLutten ver- 
sucliten, nicht selten jedoch auch Objekte aller moglichen Prellereien 
wurden. AuBer diesen Tjelebei kennen die Makassaren und Buginesen 
noch einen besondern aus Paderasten bestehenden Stand, die Bissus *^), 
die audi als Priester und Zauberer fungieren. 

Tahiti besaB nach Wilson*') eine Klasse von Mannern, 
welche sich wie Weiber kleideten, weibliche Beschaftigungen trieben, 
denselben Gesetzen unterworfen waren wie die Weiber und gleich 
diesen die Gunst der Manner zu gewinnen strebten; sie zogen dabei 
diejenigen alien andern vor, welche mit ihnen zusammen lebten und 
auoh ihrerseits allem Umgang mit Weibern entsagten. Solche Manner 
hiefien Mahhous. Sie erwahlten die angedeutete Lebensweise bereits 
in friiher Jueend und wurden vorzugsweise von den vornehmsten An- 
fiihrern begehrt und unterhalten. Auch von den Weibern wurden 
diese Menschen nicht verachtet, sondern beide lebten miteinander 
in Freundschaf t. E 1 1 i s *8) fiigt hinzu, daB dieser Branch nicht 
nur die Sanktion der Priester fand, sondern sogar auf das vorbild- 
liche Beispiel einer Gottheit zuriickgefiihrt wurde. 

Auf den Sandwichs-Inseln sollen nach Bastian*^) Falle 
von wahrer Leidenschaft und Liebe unter den Mannern nicht zu den 
Seltenheiten gehoren. Als starkster Beweis der Freundschaft gilt 
der Namenstausch *°). Umarmungen mit Nasenberiihrung ist die leiden- 
schaftlichste Art der BegriiBung. Mehrfach wird von leidenschaft- 
liclien, sogar eifersiichtigen Freundschaften zwischen Personen mann- 
lichen Geschlechtes berichtet ^i), von Freundschaften, die zwischen 
Angehorigen derselben Insel oder verschiedener Inseln, deren Be- 
wohner, auch wenn sie miteinander in Feindschaft lebten, doch diesen 
Freundschaften keine Hindernisse bereiteten, oder sogar zwischen Ein- 

feborenen und Personen fremder Rassen geschlossen werden. Solche 
reunde waren einander tayo. Dagegen beruht nach K a r s c h der von 
U 1 r i c h s ^2) angeblich aus D u m o n t d'U r v i 1 1 e entlehnte Bericht 
iiber formlich priesterlich eingesegnete urnische Liebesbiinde auf einem 
Irrtum. D'Urville berichtet nichts davon. Auf den Fidschi-Inseln 
finden*^) pedikatorische Akte bei der Beschneidungsfeier der Jiing- 
linge statt. Auch existieren unter den jungen Leuten dort Waffen- 
biindnisse intimer Art wie zwischen Verheirateten, die beim Ein- 
gehen einer wirklichen Ehe gelost werden. Bei solchem kriegerischen 
Liebesverhaltnis endet nicht selten nach dem Fall des einen auch 
der andere durch Selbstmord. — Nach B. See-mann^*) hat auch jeder 
nichtmilitarische Fidschianer seinen Busenfreund, an den er sich durch 
die starksten Bande leidenschaftlicher Zuneigung gefesselt fiihlt. 

Lesbische Liebe soil bei den obszonen Frauentanzen der Puber- 
tatsweihen junger Madchen der Tami-Insulaner an der Ostkiiste Neu- 



**) Cf. Indisch Archief. 1850. p. 442. 

*5) Cf. Verhandeling. d. Kon. Akademie v. Wetenschapp. 1872. 
*') J. Wilson, A. Missionary Voyage to the Southern Pacific 
Ocean, 1799, p. 311 f. 

*«) W. Ellis, Polynesian Researches, 1834/35, I, 340. 
*9) A. B a s t i a n , Z. Kenntnis Hawaiis. 1883. p. 35. 

50) I. Jarves, History of the Hawaiian Islands. 1813. p. 90. 

51) D u m o n t d'U r v i 1 1 e , Voyage au Pole Sud. 1840/46. IV, 343. 

52) K. Ulrichs, Memnon. 1868. p. 97. 

^3) Thom. Williams, Fiji and the Fijians. 1860. I, 45. 
5*) Berth. Seemann, Viti. Cambridge 1862. p. 192. 
Hirschfeld, Homosexualitftt. 39 



Digitized by VjOOQIC 



610 

Guineas vorkommcn. ^'O — Yon den Neuen Hebridcn erzahlt Som- 
m e r V i J 1 e ^6) von einer alten „Lady", die als Hauptlingswitwe un- 
abhangig gelebt, bei den religiosen Tanzen sicli das Gesicht wie ein 
Mann beraalt und mit den besten Tanzern getanzt habe. 

In Neu-Caledonien herrsclit nach dem Marinechirurg V. d c R o - 
c h a s •'•■) ein „graBliches iinqiialifizierbares Laster". Foley •'•5) l)e- 
riclitet,. dat^ Paderastie dort Volkssitte sei. Die Manner stelien unter- 
einander in einer mit Paderastie eng verflochtenen, vielleicht auf ihr 
beruhenden Waffenbriiderschaft, die sich eines starken Konkurrenz- 
neides seitens der weiblichen Buhlerinnen erfreut. 

Sehr haufig soli, wie mir mitgeteilt wird, die weibliche Homo- 
sex iialit^t aui den hollandischen Antillen, besonders in Cura9ao imter 
den Mischlingen (Hollandern, Spaniern und Negern) sein. Es gibt 
dorfc viele Frauen, die zu zweit zusammen leben. Natiirlich besteht 
auf alien diesen Inseln, wie sonst iiberall, die liebliche Gewohnheit, 
daO ein Volk von einem andern behauptet, daB erst durch sie die 
gleichgeschlechtliche Liebe eingeschleppt worden sei. Auf Java wer- 
den bald die Europaer, bald die Araber, von denen es einige Tausende 
als Kaufleute auf der Insel gibt, bald die Chinesen von einheimischen 
und reisenden Heterosexuellen dafiir verantwortlich gemacht. Zu 
dieser irrtiimlichen Auffassung tragt viel die Beobachtung bei, daC 
haufig Personen verschiedener Rassen, die sich gesellschaftlich fremd 
gegeniiberstehen, geschlechtlich miteinander verkehren. So gibt es 
in Meester Cornelis bei Batavia einen besonderen Strich, auf dem sich 
europaische Soldaten mit Javanern abgeben. Namentlich von den 
chinesischen Arbeitern, die nach Sumatra, Banka und Biliton kom- 
men, wird ahnlich wie in Nordamerika behauptet, daB sie fast alle 
Pedikation pflegen. Als Ursache wird das Fehlen von Frauen ange- 
nommen, die bekanntlich nicht aus Asien mitgenommen werden. Oft 
halt sich iibrigens eine chinesische Kongsie (Arbeitsgruppe) eine iava- 
nische Frau zum gemeinsamen Gebrauch. Auch die Angabe von Ant. 
de M org a 60), daB auf den Philippinen der Homosexuellen-Yerkehr, 
der auch unter den Frauen dort ziemlich haufig vorkommen soil, 
erst durch die Spanier und vor allem durch die Chinesen eingefiihrt 
sein soil, muB mit Recht bezweifelt werden. 

Die mongolischen Volker, namentlich die Chinesen, teilen 

mit zahlreichen Nationen das Geschick, von den vielen, die 

den Splitter im Auge des anderen eher sehen, als den Balken 

im eigenen, als besonders der Paderastie ergeben geschildert zu 

werden, schon die altesten Reiseschriftsteller erzahlen geheimnis- 

voU, daO bei ihnen „die Stinde, die man nicht nennen darf**, „das 

Laster der Asiaten*', slark im Schwange sei. Auch hier hat 

erst die neuere Forschung, und zwar nicht sowohl die rein ethno- 

logische als die sexualwissenschaftliche mehr Licht gebracht. 

Eine der ersten zuverlassigen Arbeiten erschien im Jahrbuch 
fiir sexuelle Zwischenstufen unter dem Titel ^i) : Nan shok, die Pad- 
erastie in Japan, von meinem Freunde, dem friiheren Lektor in Berlin, 

^5) Cf. Zeitschrift f. Ethnologic Jahrg. 34. 1902. p. 333. 

S6) Im Journal of the anthropol. Institutd of Gr.-Brit. XXIII. 1871. 

^7) Victor de Rochas, La Nouvelle Caledonie 1862. 

s^) Im Bullet, de la Soci^t^ d'anthropologie de Paris. Ser. 3, 
tom. II. 1879. p. 604 u. 675. 

«o) Ant. de Morga, The Philippine Islands. Transl. b\' Stanle\', 
1868, p. 304. 

61) Jahrb. f. sex. Zw. Bd. IV. p. 264 ff. 



Digitized by 



Google 



611 

Sujewo Iwaya; es folgte im nachsten Bande ein kurzer Artikel 
liber dio Ainofrauen^^). Kurze Zeit darauf erhielt ich eine wertvoUe 
Studie eines homosexuellen Diplomaten, der 10 Jahre iu Japan lebte ; 
sie ist bei K r a u B ^s) veroffentlicht. Dann kam das Werk von 
K a r 8 c b s*) iiber das gleichgeschlechtliche Leben der Ostasiaten, ge- 
stiitzt auf zahbreiche Literaturqaellen. Alle authentischen Forschun- 
gen bcstatigen, was nach dem gegenwartigen Stande der Wissenscbaft 
theoretisch vorausgesetzt werden konnte: alle Arten gleichgeschleclit- 
licher Beziehungen, nahezu dieselben Orte homosexueller Betatigung 
wie in Europa; das gleiche Schauspiel von Angebot una 
Nacbfrage in den Anlagen von Tokio und Yokohama, Tien- 
tsin und Peking, wie im Zentralpark von New York und im 
Tiergarten von Berlin. Die Unterschiede von Kasse, Sprache und 
Tracht erscheinen fast geringfiigig gegeniiber dem gemeinsam Typi- 
schen. Mit demselben Rechte, wie eines der beliebtesten Lokale 
der Berliner mannlichen Halbwelt den stolzen Namen Mikado fiihrt, 
konnte sich ein von Homosexuellen frequentiertes Teehaus der japa- 
nischen Hauptstadt nach irgendeinem europaischen Herrscliertitel 
beuennen. Es wird behauptet*^), daB in Japan die Mannerliebe 
mehr im Siiden, besonders in dem durch die Tapferkeit 
seiner Bewohner beriihmten Satsuma, in China mehr im Norden, nach 
anderen mehr an der Ostkiiste in und imi Shanghai und Hongkong zu 
Hause sei , ich glaube aber, daB alle diese Angaben iiber ein ortliches 
Plus Oder Minus mit groBter Vorsicht aufzunehmen sind, ebenso wie 
die der Nachpriifung sehr bediirftigen Angaben, daB es einige Stande 
seien — man nennt vor allem die Bonzen, Mandarinen und Militar- 
personeJi — die hauptsachlich homosexuellen Verkehr pflegten. Es 
ist nicht nur per analogiam klar, sondern wird auch durch eingehen- 
dere Forschungen bestatigt, daB, wie anders\<ro, so auch in China 
alle Gesellschaftsklassen, vom Sohn des Himmels oder wenigstens 
seiner Familie herab bis zum geringsten Kuli, von Homosexualitat 
durchsetzt sind, ohne daB die Sache selbst oder die ihr Anhangenden 
auch nur der geringsten MiBachtung ausgesetzt waren. Sie wird im 
allgemeinen als sozial vollkommen gleichberechtigtes Institut neben 
der heterosexuellen legitimen oder illegitimen Liebe angesehen. „Ich 
werde dich pedicieren^ gilt hier wie auch im klassischen Altertum ^6) 
als mehr oder minder scherzhafte Drohung. 

Unter den Kaisern zahlt K a r s c h aus der Zeit vom 3. vor- 
christlichen bis zum 19. nachchristlichen Jahrhundert nicht weniger 
als ein reichliches Dutzend auf, die der gleichgeschlechtlichen Liebe 
ergeben wareii. Den Beginn macht ein ungenannter Kaiser der Han- 
Dynastie (206 a. Chr. bis 263 p. Chr.), der von einem seiner Minister 
sich vollig beherrschen lieB. Nach M a t i g n o n «^) bildet diese 
Notiz die erste literarische Erwahnung der Paderastie in China. — 
Kaiser G a i t i (7. Jahrh. a. Chr.) hatte bestandig einen jungen Mann von 
schoner Figur urn sich, welchen er zu den hochsten Stellen erhob, 
so daB dieser bald der eigentliche Kaiser war, ja er woUte ihm so- 



62) Jahrbuch f. sex. Zw. V, 2. p. 240 f.: Der Bart der Ainofrauen 
von W. Cohn-Antenorid. 

63) Das Geschlechtsleben in Glauben, Sitte und Branch der .Fapaiior 
von Dr. Friedrich S. KrauB. Leipzig 1907. p. 81 ff. „I)ie VtMbrei- 
tung der Paderastie in Japan. Eine Studie von Doriphorus- 
Tokio.** 

64) Das gleichgeschlechtliche Leben der Ostasiaten, Miinchen. 
6^) Cf. Iwaya, 1. c. 

66) Cf. Catullus, c. 16: pedicabo ego vos et irrumabo. 

67) J. J. M a t i g n o n , Superstition, crime et mis^re en Chine. 
3. ^d. 1902. p. 194. 

39* 



Digitized by VjOOQIC 



612 

gar, wio einst J a o dem S c h u n (2225 a. Chr.), den Thron abtreten. 
— Die Kaiser Hoti (89—106 p. Chr.), Schunti (126—145) und 
H u e n t i (147 — 168) wahlteii ihre Lieblinge vorzugsweise aus den 
Kreisen der Verschnittenen, wahrend Kaiser 1 1 s o n g (gest. 873 p. 
Chr.) den seinigen vom Stallknecht zu hohen Ehren erhob und 
Tschoangtsang (924 — 936) und Hoeitsong (11. Jahrhundert) 
mehr den Schauspielerstand bevorzugten. Kaiser Tschinghoa (1466 
bis 1488) schenkte seine Gunst wieder einem Verschnittenen, wah- 
rend Kaiser Tschienlung (18. Jahrhundert) seinen Liebling C h e - 
S c ii e n g , einen Mandschu niedern Standes, zum ersten Minister 
beforderte. — Sein Sohn, Kaiser K i a - k i n g (1795 — 1821), liebte 
wieder vorzugsweise Schauspieler und soil die Paderastie besonders 
in der Nordprovinz Petschili begiinstigt haben. — Die Institution 
kaiserlicher Beischlafer soil sogar bis in die neueste Zeit unter staat- 
licher Sanktion und kultusministerieller Aufsicht in einem besonderen 
Palast^ bestanden haben. 

Uber gleichgeschlechtlichen Verkehr unter den Bonzen wird schon 
aus dem 9. nachchristlichen Jahrhundert berichtet und derselbe auf 
Weibermangel zuriickgefiihrt. Die hoheren Beam ten (Mandariuen) 
pflegen sich stets von ihrem Pfeifentrager bcgleiten zu lassen, dem 
nicht selten auch die Rolle des Lieblings zufallt. Diesem Gebraucli 
sollen ganz besonders die Beamten der chinesischen Sittenpolizei hul- 
digen. Der Chinese bezeichnet seinen Liebling als Kindlein, Briider- 
chen, Katzchen, scherzhait wohl auch als Rauberjunge. Die Objekte 
gleichgeschlechtlicher Neigungen rekrutieren sich im allgemeinen aus 
zwei, allerdings wohl kaum scharf getrennten Schichten, den Sian- 
K6n, d. h. jungen Herren, mondanen Professionells, die von Jugend 
auf durch korperliche und geistige Erziehung durch einen Tschaka- 
eul (Manager) auf ihren spateren Beruf vorbereitet werden, in dem- 
selben je nach Veranlagung eine mehr oder minder glanzende Rolle 
spieJeu und nicht selten unter Protektion ihrer Liebhaber auch ihre 
amtlichc oder private Karriere machen, und der allgemein zugang- 
lichen Gelegenheitsprostitution, die ihrem Gewerbe in Bordells mit 
einem Tarife von 1 — 4 Mk., Rasierstuben, Gasthausern, Theatern und 
auf den Kanalbooten nachgeht. 

Der Schauspielerstand soil sowohl zur ersten, wie zur zweiten 
Klasse ein ganz besonders starkes Kontingent stellen, wozu noch be- 
merkt Werden mag, dafi auf der chinesischen Biihne, wie auf der 
antiken und mittelalterlichen des Abendlandes, auch die Frauenrollen 
von jiingeren mannlichen Personen (oder Eunuchen) dargestellt wur- 
den. Hieriiber gibt Henri Borel folgende Schilderung: ,, Besonders 
10 r den Kiinstler, welcher die Konigstochter Han-Lee Hoa darstellte. 
habe ich sehr groBe Bewunderung. Diese Han-Lee Hoa war gar keino 
Frau, es wai* ein Mann, der diese ErauenroUe spielte. Als ein chine- 
sischer Freund, mit welchem ich der Vorstellung beiwohnte, mir 
sfigte, daii in Amoy niemals Frauen in TheaterroUen auftreten, und 
dai3 diese Han-Lee Hoa in der Tat ein Mann sei, wollte ich es ihm 
nicht glauben. Ich habe absichtlich in meiner obigen Beschreibung 
. betont, wie geschmeidig und fein weiblich der Korper Han-Lee Hoa^ 
war, und wie alle ihre Bewegungen jenes Innig-Zarte, Sanfte und 
Ruhige hatten, welches nur manche Frauen und niemals Manner be- 
siizen. Auch war ihr Korper sehr zart und geschmeidig, beinahe gleicli 
einem Blumenstengel, so schlank und zart vom Boden sich erhebend 
und in ihren Augen war wundersames Licht. . . . Wie er so absolut 
erhaben diese FrauenroUe spielen konnte, wird fiir mich stets ein 
Riitsel bleiben, das sich vielleicht nur durch die Annalmae losen laBt, 
daB dieser einfache Chinese, seiner GroBe sich gar nicht bewuBt, 
in der Stunde, wo er auf der Biihne auftritt, ein begnadeter Kiinstler 
ist, einer jener Kiinstler, die immer verborgen bleiben und keinen 
Namen hinterlassen, an die aber derjenige, der so gliicklich war, ihnen 



Digitized by VjOOQIC 



613 

eimnal zu begegnen, sein Leben lang mit dankbarer Bewunderung 
denkt. Dieser Schauspieler ist denn auch der erste unter der Truppe. 
Er ist speziell fiir die Darstellung erster Frauenxollen erzogen, kann 
aber aucb Manner- Heldenrollen spielen." ^s) 

Die Bordellbesitzer soUen nicht selten ihre mannlichen Schutz- 
befohlenen zahlungsfahigen Reflektanten zu Gastereien ausieihen. Denn 
der bessere manmiche Prostituierte pflegt sich in China vor seineu 
weiblichen Genossinnen durch groBere geistige Ausbildung \md Reg- 
sarakeit zu seinem Vorteil zu unterscheiden. So geschieht es in 
Xord-China, der Provinz Petschili mit Peking, der Hauptstadt,' und 
Tientsin, dem chinesischen Sodom, so unter den mittleren Breiten in 
Shanghai und Sutschau, der groJ3en Seidenstadt, von der auch ^n 
dieser Beziehung das chinesische Sprichwort gelten soil: .,Oben ist 
der Himmel. hier unten aber ist Sutschau.", so auch in den siidlichen 
Provinzen in Fokien und Kuangtung (Kanton). — Aber auch in der 
Fremde vermag der Chinese diese Neigungen nicht zu verleugnen, sei 
es als Bergwerksarbeiter in Hollandisch-Indien, sei es als Kuli in den 
Pflanzungen Javas und Sumatras oder in den kalifornischen Chinesen- 
stadten. \ 

DaB eine so alte und so weit verbreitete Sitte auch in der Lite- 
ratur und Dichtung ihren Niederschiag finden muBte, ist ohne weiteres 
anzunehmen. Nur zwei Proben lyrischer Gedichte als Beispiele vieler. 
Fei-tschang dichtet : 

Donk" ich traurig, dafi ich meinen Schatz nicht sehen soil, 
Auf den roten Treppensteinen steh* ich kummervoll. 
"Wenn der Vorhang sich beweget, hoff ich, er sei da, 
Und wenn sich der Donner reget, daC sein Wagen nah. 
Ach, im Norden sind die Frauen alle wunderschon, 
Und es mogen wohl die Schlauen ihm den Kopf verdrehn. 

Und Kaiser Hou-tschou (583—588): 
Es weilt jetzt mein Geliebter im Staate Yen im Nord, 
Drum schweift von der Wei-fluB-Buche. mein Blick in die Feme fort. 
Stets heft'ger wird mein Kummer beim hellen Mondenlicht, 
Wenn auch vor der Briider Blicken der Tranenquell versiegt. 
Iclx kann dem Geliebten nicht kiinden, wie weh es mir ums Herz, 
Den Saiten meiner Zither vertrau ich meinen Schmerz. 

Wenn F o r k e ^^) hierzu bemerkt (S. XIII) : — „Ein eigentiimlicher 
Zug der chinesischen Lyrik ist, dafi in den meisten Gedichten die 
reciende Person eine Frau (?) ist und die ganze Situation vom weib- 
lichen Standpunkt aus beschrieben wird. Vielleicht gestattot die 
chinesische Sitte, welche Liebesverhaltnisse im europaischen Sinne fast 
ganz ausschlieDt, dem Manne nicht, seine Gefiihle offen zur Schau 
zu tragen, und notigt ihn, sie seiner Geliebten zuzuschreiben", — so er- 
scheint diese Erklarung insofern nicht stichhaltig, als sich hinliing- 
lioh genug Gedichte finden, deren Verfasser ohne Scheu ihre Gefiihle 
fiir die Geliebte zum Ausdruck bringen. Viel einleuchtender wird 
jedem nicht Voreingenommenen die Erklarung erscheinen, dal3 os sich 
in den genannten Liedern um Bekundungen stark gesteigerter Fround- 
scliaft oder direkt gleichgeschlechtlichen Liebesgefiihles handelt, dcssen 
Darlegung F o r k e mit seiner gewundenen Ausfiihrung anschcinend 
aus dem Wege gehen wollte. Auf jeden Fall erscheint eine eingehende 
Xachpriifung der Originaltexte von seiten sexualwissenschaftlich nicht 
ganz unerfahrener Sinologen unbedingt geboten. 



^'^) Henri Borel, AVeishoit u. Schonhoit aus China. Deutsch 

V. E. Kcller-Soden. 1898. p. 181. 

^^) Bliiten chinesischer Dichtung v. 11. Jahrhundert an bis 

VI. Jahrhundert p. Chr. libersetzt von A. Forke 1898. 



Digitized by VjOOQIC 



614 

A Is Dichter, der die gleichgeschlechtliche Liebe ganz besonders 
feierte, nennt Karscli Li-Tai-Pu (699 — 762), der unter den 
Dichterii seiner (der Tang-) Zeit unbestritten die erste Stelle ein- 
nalini und auch noch heute in aller Miinde ist. Er besang nicht nur 
die Liebe. sondern auch den Wein und ist in dieser Hinsicht am besten 
mit dem 6 Jahrhunderte spater lebenden Perser Hafis zu vergleicben. 
742 kam der Dichter an den glanzenden Hof des kunstliebenden Kaisers 
M i n g - H o a n g (7] 2 — 762), (bei F o r k e : H s U a n - T s u n g). wo sich 
zwischen Dicliter und Kaiser ein Freundschaftsverhaltnis entspann, 
das in den Annalen der chinesischen Geschichte vvohl einzig dastehen 
diirfte. Der Kaiser ging in seiner Zuvorkommenheit gegen den Dichter 
so weit. dai*. er ihm einmal hochst eigenhandig das Mahl serviert haben 
soil. Doch wurde der Dichter durch Intriguen von des Kaisers Fa- 
voritin, die er durch satirische Anspielungen verletzt hatte, gestiirzt 
und starb nach einem genialen Wanderleben 762. Unter den von 
F o r k e iibersetzten Gedichten finden sich zwei, ,,Die Kameraden" und 
,.Das Geleit" (S. 129), die die Mannerfreundschaft preisen. Das 
letzte Gedicht teilt auch K a r s c h mit. Andre sind von C. H. 
PM o r e n z ^^) iibersetzt. — Bemerkt sei noch, da6 Li-Tai-Pu ein- 
mal das Freundespaar Pau-schu und K u a n - y i erwahnt, die 
Forke (S. 135) den Hellenen Damon und Phintias vergleicht. 

Kong-fu-tse (551 — 478 a. Chr.), der Begriinder der chine- 
sisclien Morallehre, nimmt der Gleichgeschlechtlichkeit gegeniiber 
lediglich einen prophylaktischon 8tandpunkt ein, indem er die Jugend 
vor einem derartigen Verkehr warnt: j.^Ieidet einen inversen Mann, 
aber ohne daU es aussieht, als ob ihr ihn miedet ; denn das vviirde ihn 
in einen euch gefahrlichcn Feind verwandeln**. Ferner wird auch den 
Knaben von der Teilnahme an Gastmiihlern und dem Besuch von Schau- 
spielhausern abgeraten. Ln XVIL Jahrhundert schreibt Xavarrete 
(1, 13) von einer Bestrafung der Pedikation durch Verurteilung zur 
Dienstleistung in den Militargarnisonen an der GroBen Mauer, also durch 
disziplinare Strafversetzung ; aber wenn alle, so meint er resigniert, 
die diesem Laster huldigen, bestraft wiirden, so miifite China ent- 
volkert werden und die GroBe Mauer eine ungeheure Garnison er- 
halten. 

Gleichgeschlechtliche Befriedigung wird nach G. Schlegel 
(18('>6) von den chinesischen Frauen, besonders in den Siidprovinzen, 
mit instrumentaler Beihilfe gepflegt. Ehescheu, vielleicht aus gleich- 
goschlecht lichen Griinden, soil viele Cliinesinnen in die taotistischen 
luid buddhistischen Nonnenkloster fiihren, nicht selten aber auch zum 
Solbstniord treiben oder. wie de Joux^') mitteilt, dazu veranlassen, 
ihren Mann aus der Welt zu schaffen, um in ruhiger "VVeibergemein- 
schaft leben zu konnen. In der Provinz Kanton existiert nach den Mit- 
teilungen von B r a n d t s "'-) ein Weiberlnmd, ,.Die goldne Orchideen- 
gesellschaft*', deren Mitglieder. falls sie sich verohelichen, verpflichtet 
sind. bei- ihren Eltern zu leben imd ihren Mann nur zu Neujahr und 
an den Quartalsfesten zu besuchen. — Von starker Virilitat bei Chine- 
sinnen wird mehrfach berichtet. Als Beispiel sei die chinesische Jung- 
frau von Orleans M u - 1 a n angefiihrt, die als Stellvertreterin ihres 
altersschwachen Vaters und unmiindigen Bruders 12 Jahre Kriegs- 
dienste tat. Als sie die Kriegsgewandung ablegte, sprachen die Kampf- 
gefahrten: 

,.Zwolf Jahre waren's, seit sie dient' in unserm Heere, 
Dennoch haben nie geahnt wir, dafi sie eine Jungfrau ware." 



70) In Mitteilungen d. deutschen Gesellsch. f. Natur- und Volker- 
kunde Ostasiens i. Tokio. 42. Heft. Juli 1889. Bd. V, S. 44 ff. 

•i) O. de Joux, Die Enterbten dos Liebesjjliicks. 1893. S. 219. 
'-) M. von Brandt, Sittenbilder aus China. 2. A. 1900. S. 25. 



Digitized by VjOOQIC 



615 

Deux letzten mir aus der R e p u b 1 i k China zugegangenen Be- 
richte entnehme ich folgende Einzelheiten: 

„Wie groB der Prozentsatz der Homosexuellen zurzeit bei den 
Chinesen ist, laBt sich schwer feststellen. Fragt man einen gebildeten 
Chinesen nach Homosexualitat, mannlicher Prostitution oder gar 
Knabenbordellen, so weiB er nichts davon, hat nie davon gehort, ja 
weist mit Entriistung eine derartige Frage zuriick: „So etwas gibt es 
bei uns nicht", selbst wenn er wiederholt an groBen Essen mit „sing- 
sang-boys" teilgenommen hat. Mir personlich sind unter reichlich 
einem halben Hundert Chinesen, mit denen ich geschlechtlich oder 
sonst verkehrte, nur zwei echte Homosexuelle bisher begegnet, ein 
t'iinfundzwanzigjahriger Hotelangestellter (viril) und ein vierzigjahriger 
Kaufmann mit stark femininem Einschlag. 

Homosexuelle Praktiken einschlieBlich pedicatio finden sich in 
Internaten, Kasernen, Schulen, sind bei den niedersten Volksklassen 
(Kulis) infolge Geld- und Weibermangels allgemein verbreitet, und bei 
reichen und gebildeten Chinesen bilden sie eine Spielart der Liebe ent- 
sprechend dem Spruche „variatio delectat". Das aus alien Provinzen 
in Peking und den offenen Hafenplatzen zusammenstromende Gesindel 
stellt die meisten mannlichen Prostituierten. Ein weiterer Teil re- 
krutiert sich aus den Schaubudenkiinstlern der Messen und Markte: 
Akrobaten, Schauspielern, Gauklern, deren jugendliche Elemente findige 
Unternehnier bei schlechten Zeiten den Eltern fiir eine Keihe von 
Jahren abmieten oder bei Hungersnoten abkaufen, aus entlaufenen 
Kindern und jungen Landstreichern, letztere bilden zumeist die lusassen 
der Knabenbordelle. Badediener und Bordellzutreiber gehoren gleich- 
falls mit zur mannlichen Prostitution, gehen in verkehrsreichen StraUen 
auf Geschaft und Strich. Aufgefallen ist mir, daB bessere Prosti- 
tuierte meist ein Taschentuch, das der Chinese doch sonst nicht 
kennt, in der Hand tragen. 

Unter dem Mandschuregime war in Peking das osterreichische 
Glacis, wo sich Soldatenkneipen, Bordello und allerlei anriichige euro- 
paische und amerikanische Lokale befinden, jahrelang der frequentier- 
teste Strichpunkt, ein weiterer die Stadtmauer am Hatamon und Chien- 
mon, und bessere Prostituierte, namentlich die Bordellzutreiber in 
schwarzer Robe, wagten sich auch ins Legationsviertel, wo es ja auch 
nicht an Kunden fehlte. Von Zeit zu Zeit wurden diese Striche polizei- 
lich gesaubert, ernstlicher geht man gegen sie unter der jetzigen repu- 
blikanischen Regierung vor. 

Im Mai 1910 brachte die Peking Daily News einen Artikel aus der 
Feder eines hervorragenden amerikanischen Missionars, der folgenden 
Passus enthielt: „The foreign concessions in the treaty ports of the 
„far east" are Sodoms and Gomorrhas, worse, I believie, than Sodom 
and Gomorrha of old, because more intelligently, more delibeiatly, 
wicked. All the vices of our western civilisation are pouring into the 
east." Und unter dem 28. Mai ds. Js. schrieb die gleiche Zeitung in 
eiueni Leitartikel: „Undesirable establishments" bei Besprecliung des 
Treibens am osterreichischen Glacis : „ — — prostitutes and cata- 
mites infect the neighbourhood, and every form of vice is indulged 
without let or hindrance from the authorities, foreign or Chinese." 
Daraufhin erfolgte seitens der chinesischen Polizei die Vertreibiuig 
der „catamites" mit dem Erfolge, daB diese ihren abendlichen Bummel 
nur etwas weiter die StraBe hinauf, gegen das italienisch- japan ische 
Glacis verlegten. 

Diese Prostituierten sind fiir geschlechtliche Betatigungen jeder 
Art zu haben, doch wird fellare und passive pedicatio von ihnen be- 
vorzu^t. Zu letzterer bieten sich alle an, ohne bei dem Akte eine 
Erektion zu bekommen, wohl weil der aktive Chinese dies nicht liebt 
(vide Matignon), richtiger vielleicht, weil sie ais normalgeschlechtlich 
keinerlei Reiz dabei empfinden. Ihre Kunden sind zumeist die fremden 



Digitized by VjOOQIC 



616 

Soldaten und unter diesen speziell die Franzosen. Die Preise be- 
wegen sich hier zwischen 20 — 50 Cents. Besseren Prostituierten, die 
in die Wohnung kommen, zahlt man 1 — 2 Dollars. 

Die Chinesenstriche auf der Stadtmauer sind seit kurzem voUig 
vcrschwunden, dafiir ist aber ein fremder Soldatenstrich entstanden, der 
auch seine Kunden hat. Hier stehen die Franzosen obenan, ihnen 
zunachst Italiener und Amerikaner, wahrend andere Nationen nur 
bochst selten vertreten Isind. 

Knabenbordelle, die friiher zahlreich gewesen sein sollen, gibt 
es jetzt niu* noch vereinzelt, und selten kommt da ein Fremder hinein. 
Ein in Tientsin viel frequentiertes — man sagt, es ware das einzige — 
hatte ich Gelegenheit mit einem Eingeweihten zu besuchen. Es be- 
findet sich auSerhalb der japanischen Niederlassung in einer chine- 
sischen Herberge niedersten Ranges. Die Knaben dort gehoren teils 
zum Personal des Hauses, sind wohl oft auch Herbergsgaste, was daraus 
zu eninehmen, daB, wie mir mein Begleiter sagte, fast bei jedem Be- 
suche neues Material da ist. An dem betreffenden Abend standen 
vier Jungen, da von der jiingste etwa 14, der al teste 20 Jahre alt, zur 
Verfiigung. Die obligate Taxe (an den Wirt) fiir eine Stunde Auf- 
enthaltes betragt 2 Dollars. Die Jungen sind zu allem erbotig. 
(Cf. auch 'Otto Ehlers, Im fernen Osten, Aufenthalt in Tien- 
tsin, wo Detring ihm die „sing-sang-Boys", „eine Spezialitat 
Tienlsins" zeigte.) Einen Strichpunkt besitzt Tientsin gleichfalls. 
Auch in Peking lernte ich ein Haus kennen, in dem der 
Verkehr mit besseren Jungen (Theaterschiilern, auch Schauspielern) 
angebahnt wird. Das Haus befindet sich im Prostituiertenviertel, 
aulerhalb Chien mon. Von dem „marLager** chinesiscli hoflichst be- 
griiBt, wurden wir in den Empfangsraum gefiihrt, dann wurden ims 
mit heiBem Wasser getrankte Handtiicher zum Waschen des Gesichts 
und der Hande gereicht sowie Tee und gerostete Erdniisse gebracht. 
Nach einiger Zeit trat ein gutgekleideter etwa ISjahriger Junge ein 
und meldete uns, daB gleich noch einige seiner Freunde kommen 
wurden. Nach etwa einer halben Stunde, wahrend welcher uns der 
Junge mit dem Manager Gesellschaft leistete, kamen drei weitere ganz 
hiibsche Jungen, von denen der jiingste, ein auBcrst zartes Biirschchen, 
etwa 12, die beiden anderen etwa 16 — 17 Jahre zahlten, die sich uns 
ungeniert vertraulich naherten. Dann wurde ein blinder Saitenspieler 
hereingefiihrt und der Tisch mit einer Fiille von Obst, Kuchen und 
sonstigen chinesischen Schleckereien bedecTct. Als Getranke gabs fiir 
die Jungen Limonade, fiir uns Bier. Nun sang einer nach dem anderen 
in der Fistel, unter Begleitung einer Art Guitarre, ein chinesisches 
Lied — die Verve des Kleinsten war groBartig — ; sie setzten sich 
nach dem Abtreten zu uns. Zwischen Essen und Trinken gab es eine 
lustige ausgelassene Unterhaltung. Nach ungefahr einer Stunde be- 
deutete uns der Manager, daB die Jungen nach Hauso miiBten. Zum 
Abschied iiberreichte uns noch jeder ein Kuvert mit seiner Adresse 
(und der Adresse des Empfangshauses), dann entfernten sie sich mit 
dem "Wunsche auf Wiedersehen. Die Rechnung fiir dieses „Vcrgniigen" 
betrug ca. 25 Mark. Damit ist der Verkehr mit diesen Jungen ange- 
bahnt. Man schreibt nun dem Gewiinschten, ladet ihn ein paarmal 
in ein gates Restaurant zum Essen, macht ihm G(\scheuke und kommt 
so friiher oder spater zum Ziele. Wohlhabende Chinosen lassen es 
sich Hunderte von Dollars kosten, freilich finden sich unter den 
Schauspielern oft ausgesucht schone Leute. DaB sich reichc Chinesen 
hiibsche Jungen oder Eunuchen zu diesem Zweck als Diener im Hause 
halten, ist iiberfliissig zu bemerken, auch die Fremden machen es so. 
Homosexuelle gibt es aus wohlbckannten Griinden, wie iibcrall im Aus- 
lande, auch unter den Fremden in Tientsin und Peking nicht wenige. 
Aber wenn es selbst die Spatzen auf den Diichern pfeifen, daB sie „so" 
sind, im personlichen Verkehr wissen diose Herren nichts davon, haben 



Digitized by VjOOQIC 



617 

von Homosexualitat nichts gehort und wollen nichts davon wissen. 
Wozu auch? ,,\Vir haben, was wir brauchen, wir sind hier sicher, was 
kiimmern uns die anderen!'* — Einen Strafparagraphen ^ la ,,175" 
kennt das chinesische Strafgesetzbuch nicht. Erpressung aus diesem 
Grunde ist unbekannt. Wie man den Yerkehr beurteilt? Der Gebrand- 
raarkte ist nur, wer sich zum Verkehr hergibt. Wird es bekannt, 
„verliert er sein Gesicht", setzt sich dem Spotte aus, wird „ta-pi-ku** 
genannt, Der Liebhaber dagogon ist ein ^lann von Geschmack, dem 
seine Mittel solche Extra vaganzen gestatten. 

Gcschleclitskrankheiten wie Gonorrhoe des Rectums, syphilitische 
Geschwiirsbildungen und Wucherungen am Anus, Kondylome, Biibonen 
sind bei mannlichen Prostituierten nicht solten. Als Kuriosum will 
ich noch anfiihren, daC sich imter 50 ein Polydactylus, ein 
Monorchist, ein Kryptorchist und ein Albino befanden. Von 
eincr Literatur iiber den gleichgeschlechtlichen Verkehr, ahn- 
lich der Xan-shok-Literatur Japans, ist mir nichts bekannt ge- 
worden. Das vielverrufene „Chin-ping-raei" scheint entgegen der An- 
sicht K a r s c h s und anderer nichts derartiges zu enthalten. Mein 
Freund Dr. Rudelsberger- Miinchen hat es auf meinen Wunsch 
daraufhin durchgesehen und schrieb mir, daB sich alle Schilderungen 
dieses groBen pornographischen Workos ausschlioBlich auf heterosexu- 
elle Extravaganzen beziehon. Auch in dem mir vorgelegten, dazu 
gehorigen Illustrationsbande konnte ich kein diosbeziigliches Bild 
linden. Ich habe mich oft bemiiht, fiir meine Sammlungen ein Bild 
aufzutreiben. wie es Laufer vor einigen Jahren in der „Anthro- 
pophyteia** publizierto und Nvsclirieb : was mir abor gcbracht wurde, 
waren solche allerneuesten Datuma fiir Globetrotter aufgemacht oder 
miserable Falschungon. Unter den vielen schonen, neuen wie alten, 
erotischen Bildern und Arbeiten, die mir wahrend meines bisherigen 
hiesigen Aufenthaltes zum Kaufe angeboten wurden, fand sich auch 
nicht ein einziges, das einen homosexuellen Akt dargcstellt hatte." 

Wie wenig das Volk im Grunde genommen an homosexuellem 

Verkehre AnstoB nimmt, lehrt wohl am besten die Tatsache, 

daD dici Eltern selbst sowohl Tochter als Sohne oft schon in 

jugcndlichem Alter an offentliclie Hauser abgeben, weil sie 

glauben, ihnen so eine bessere Zukunft zu sichern, als sie selbst 

sie ihnen zu bieten vermogen. Vater und Mutter besuchen 

ihre Kinder auch an diesen Statten, und l>eiderseits wird auf 

die Aufrechterhaltung guter Familienbeziehungen trotz des Ge- 

werbes, das unsrer allgemeinen Auffassung so schmachvoll 

erscheint, groBer Wert gelegt. Lieber noch als in Bordelle 

verhandeln manche Eltern ihre Sohne an vornehme Herren, 

womoglich - gar als Pfeifentrager an einen Mandarinen, 

obwohl sie genau wissen, daB gie nicht nur Pfeife, Mantel 

und Laterne, sondern auch den Leib ihres Herrn tragen; sie be- 

reiten sie sogar durch korperliche Eingriffe und einen Unter- 

richt, ahnlich wie wir ihn bei den Batschas kenncn, auf ihren 

spateren Beruf vor und spiegeln sich in ihnen, wenn sie es 

in ihrer Laufbahn zur hochsten Stufe bringen, zu einem Sian- 

Kon, dem mit allem erdenklichen Luxus umgebenen Geliebten 

eines reichen Chinesen, der in kostbaren Seidengewandern lierum- 

getragen wird. 



Digitized by VjOOQIC 



618 

Sprachlich zwar von den monosyllabischen Chinesen ver- 
schieden, ethnographisch aber mit ihnen verwandt erscheinen die 
J a p a n e r , die, wahrscheinlich zu Beginn des ersten vorchrist- 
lichen Jahrtaus3nds, die von der Slidspitze Koreas bis iiber den 
45. Breitengrad hinausreichende Inselgruppe in Besitz 
nahmen iind dort das Reich der ,,aufgehenden Sonne*' be- 
grlindeten. Schon der Missionar Japans, der spanische Jesuit 
Franciseus Xaverius, zog 1549, nur 7 Jahre nach der 
dnrch den Portugiesen Mendez Pinto 1542 erfolgten Ent- 
deckung der Inselgruppe, in seinen Predigten gegen das „unsag- 
liehe Laster** los. Noch altere Daten bieten uns die einheimischen 
Quellen. So berichten u. a. die 720 p. Chr. in 30 'Btichern, voll- 
endeten Japanischen Annalen (Nihongi)^^) aus dem III. nach- 
christlichen Jahrhundert von der innigen Freundschaft zweier 
Shintopriester, von denen der eine seinem Freunde unmittel- 
bar im Tode nachfolgte und auch im gleichen Grabe mit ihm 
bestattet wurde. Das Verhaltnis selbst nennt der Japaner 
Naushoku oder Daushoku, den aktiv Liebenden Naushokuka oder 
Okitsu, den Effeminiertcn Okama, wahrend die Kosenamen fur 
den jugendliehen Geliebten wieder auBerst zahlreich sind; iinter 
ihnen sind Kosho als Geliebter eines Samurai (Ritter) und Chigo 
als Gelicb'er elnes Bodzu (Bonzen) hervorzuheben. Derartige 
Verhaltnisse sollen besonders in den sudlichen Provinzen, auf 
Kiushiu, vor allem in dem auch durch seine Porzellane be- 
riihmten Satsuma verbreitet sein. Jedenfalls kann man nicht 
das erst im VI. nachchristlichen Jahrhundert erfolgte Ein- 
dringen des Buddhismus und dan von ihm geforderten Zolibat 
seiner Priester und Monche daftir verantvvortlich machen ; denn 
schon der altjapanische Militaradel, die Samurai, pflegten neben 
ihren Frauen junge Manner als Koshu zu halten, ein Verhaltnis, 
das, dem kriegerischen Charakter der Kaste gemaO haufig zu 
festen Blutsbriiderschaft^n flihrte^ in seiner Leidenschaftlichkeit 
nicht selten Eifersuchtsszenen und Duelle veranlaOte und durch 
manche einer gewissen Romantik nicht entbehrende Ztige auch 
eine literarische Darstellung fand, die besonders in der Toku- 
gawa-Zeit (1603 — 1867) florierte und noch bis in die Gegen- 
warfc hineinreicht. 

Als prominente Persoulichkeiteu nennt in dieser Hinaicht F 1 o - 
r e n z (361) besonders den Kanzler und Feldherrn Oda Nobunaga 
(1532—1582), der die weltlichen Machtgeliiste der groCen buddhisti- 
sclien Kloster brach und das Ashikaga-Shogunat beseitigte. Als von 
iliDi protegiert und seinem Protektor treu ergeben lernen wir Hide- 



'3) Karl Florenz, Geschichte der japan. Literatur. 190G. 
f<. 5(). K a r s c h , 1. c. S. 75. 



Digitized by VjOOQIC 



619 

y o 3 h i (gest. 1598) kennen^ der es vom ehemaligen Stall jungen zum 
Keldherrn und Staatsmann brachte, zugleich aber auch von der Kunst 
tines Utamaro (cf. unten p. 621) in Gesellschaft des schonen Jung- 
lings Ishida Mitsunasi dargestellt wurde. — Auch soil T s u n a- 
y o s h i , der fiinfte Takuwara-Shogun, (1680 — 1709), stark der Jiing- 
iingsliebe gehuldigt haben. — Nach Ansicht vieler Ja(paner sollen die 
Liebhaber von Jiinglingen mannlicher und tiichtiger, die von Wei- 
bern schlaffer und manchmal liederlicher sein. Die japanische Volks- 
meinung deckt sich hier mit der Ansicht des Griechen 
Platon. Die starke Volksvermehrung in der Takuwara-Periode (1603 
bis 1867) bedingte auch ein Anwachsen der geschlechtlichen Be- 
diirfnisse. so daiJ in dieser Zeit auch die allgemein zuganglichen 
Teehauser mit ausschlieClich mannlichen Personen, den Yaro, auf- 
karaen. Auch die Theater stellten. wie in China, ein starkes Kon- 
tingent, zumal hier wie dort lediglich mannliche Personen beschaf- 
tigt wurden. Desgleichen brauchte auch in den Gasthausern sowohl 
in den Stadten und Flecken als auf der LandstraBe keinerloi 
Geschmack Not zu leiden ; ebensowenig wie in den Bordellen, deren 
weibliclie wie mannliche Insassen unter behordlicher Koutrolle s tan- 
den und auf einen Tarif von 3 — 6 Mk. verpflichtet waren. So sollen 
im 18. Jahrhundert in Yeddo (Tokio) allein 50 Bordelle mit etwa 
225 mannlichen Insassen bestanden haben, die hior wie auch anders- 
wo auf Verlangen gleichfalls zu privaten Gastereien ausgeliehen wer- 
den konnten. Doch wurden im 19. Jahrhundert die Polizeivorschrif- 
ten fiir die Teehauser und Knabenbordelle allmahlich strenger ge- 
handhabt, bis sie endlich gegen 1840 zum Teil verboten und mit Be- 
ginn der neuen Ara (1868) voUig (?) abgeschafft wurden, natiirlich 
um die StraCenprostitution desto lebhafter aufbliihen zu lassen. 

Es liegt nahe, daC das gleichgeschlechtliche Leben auch in der 
japanischen Literatur^*) einen bedeutenden Niederschla-g ergeben hat. 
Leider ist noch bei weitem nicht alles bekannt gegoben, namentlich 
lehlt auf dem Gebiete der Lyrik noch jeder Nachweis, und selbst die 
eingehendsten Darstellungen japanischer Literaturentwickelung be- 
schranken sich hier auf sparliche Proben. 

Ganz besonders reich an Chigo-Monogatari (Jiinglingsgeschicli- 
ten) ist die Muromachi-Periode (1334 — 1460). F 1 o r e n z fiihrt meh- 
rere auf, von denen eins als Beispiel erwahnt sei: Der Held des Tori- 
be- yama-M onoga tar i (die Geschichte vom Toribeberg) ist ein Laien- 
milglied der buddhistischen Kirche, namens Mimbu-kyo, aus dem Ost- 
land. Bei einem Besuch in Kyoto lernt er den jungen Fiyi-no-Ben, 
Sohn eines Staatsrates, kennen und schlieBt mit ihm einen Liebes- 
bund. Als er kurze Zeit darauf nach seiner Heimat zuruckkehrt, wird 
Ben vor trauriger Sehnsucht krank. Die um ihn besorgten Eltern 
erfahren den Grund seines Leidens und schicken nach dem Freunde, 
doch stirbt Ben noch vor seiner Ankunft. Mimbu erfalirt dies unter- 
wegs, geht die Eltern zu trosten und begibt sich dann nach Toribe- 
no, wo Ben begraben liegt, um dort durch seine eigene Hand zu sterben. 
Doch miCIingt sein Yorhaben, worauf er sich als Einsiedler in die 
Berge zuriickzieht, um fiir das Seelenheil des Geliebten zu beten. Einige 
Zeit spater verschwindet er spurlos. 

Aus dem letzten Jahrzehnt des 16. Jahrliunderts stammt die 
Erzahlung „Shizuno-Odamaki" (Der Fadcnknauel) ^'0, das ungedruckte 
Erzeugnis eines ungenannten Ycrfassers, das aber gleichwohl noch jetzt 
fast jeder junge Mann von Kagoshima auswendig wissen soil. Es ist 
eine echte Samurai-Geschichte und schildert das zwei Jahre dauernde 
Liebesverhaltnis des 23 jahrigen Samurai Yoshida-Daizo mit dem 

^*) Eine ziemlich reichhaltige Bibliographic siehe im Jahrbuch fiir 
sexuelle Zwischenstufcn, Bd. II, 1900. S. 439. 

7^^) Florenz 1. c. S. 361. Karsch, 1. c S. 110. 



Digitized by V:iOOQIC 



620 

iiingern Hirata Sangoro. Beide nehmen an dem zweiten Kriege Japans 
gegen Korea (1597) teil. Als Yoshida hier gefallen ist, sucht und 
findet aucli Hirata den Heldentod durch Feindeshaud. Die Novella 
schlieBt mit den Worten: „Hiratas Tod war die alleinige Folge seines 
dem Yoshida gegebenen Treuversprechcns, und desscn aufopforndc 
Freundschaft notigte ihm selbst solch tragisches Schicksal auf. Allein 
solche Bliite ritterlicher Tapferkeit der feudalen Zeit ist ja alien 
bekannt und auch wie diese Art Licbesverkelir viel gepriesen und diese 
Art Sterben viel bejammert wurde." Wir sehen, daB die gleich- 
geschlechtliche Liebe hier im fernsten Osten diesel))cn Friichte zei- 
tigte wie im klassischen Hellas zu Sparta und Theben. 

Als der begabteste und popularste Novellist spaterer Zeit gilt 
Ihara Saikwaku (1642 — 1693) aus Osaka. Er ist der spezi- 
fische Vertreter realistischer Erotik sowohl auf heterosexuellem al< 
auf gleichgeschleclitlichem Gebiet, dem altromischen arbiter elegan- 
tiarum Peironius nicht nachstehend, ja an Eindringlichkeit und Drastik 
der Schilderungen ihn noch iibertreffend. Als sein Haupt- 
werk auf homosexuellem Gebiet gilt das 1687 veroffentlichte ,,Nan- 
shoku-Okagami" (Der groBe Spiegel der Mannerliebe). 

Saikwaku schildert, wie in friiheren Zeitcn die der gleicli- 
geschlechtlichen Liebe ergebenen Jiinglingo und Manner edit mann- 
liches Auftreten gezeigt batten, die juiigen Manner seiner Zeit da- 
gegen vielfach der Untatigkeit verfallen seien und sich sogar in 
weiblicher Kleidung gefielen. Seine Schilderungen erstrecken sicli 
iiber alle Gesellschaftsklassen. Die Krieger (Samurai) pflegtcn, auch 
wenn sic ein Weib genommen und Kinder gezeugt hatten, deimoch der 
Jiinglingsliebe ergeben zu bleiben ; denn beide Arten von Liebe seien 
doch durchaus verschieden, die Schonheit des Woibes eine durch- 
aus andere als die des jungen Mannes. — Als Vorbilder stelJt er 
den 66 jahrigen Hanimon und den 63 jahrip^en Mondo hin ; diese lernten 
einander als 19-, bezw. 16 jahrige Jiingliiige kennen, fast ein halbes 
Jahrhundert lebten sie so in immer gleiclier Frische ihre Tage da- 
hin, ohne je ein Weib zu beriihren. Ferner schildert er die Liebe 
zweier Sohne von Shinto-Priestern, des jungen Okura zu dem achtzehu- 
jahrigen Geki, die nach zweijiihriger Dauer Okuras Tod trennte, wor- 
auf Geki von Okuras Vater als Adoptiv- und Schwiegersohn aufgonnm- 
men wurde. — 

Nach Iwaya-Tokyo beherbergen die sudlichen Provinzen 

Japans (Kyushu, besondei^ Satsuina), in denen die Paderastie 

von alten Zeiten hor (schon um das Jahr 1200 spielte sie 

bei den Bittern und Daimyos, den Flirsten, eine groCe llolle) 

ganz besonders verbreitet ist, auch zugleich die mannlichste 

und robusteste Bevolkerung. 

Ein anschauliches Bild gleichgeschlechtlichen Lebens im li e u - 
tigen Japan entwirft der erwalmle D o r i p li o r u s "*^). Nach ihm 
lebt, wenn sich auch auCerlich die Ansc}iauung(ni iiber gleichge- 
schlechtliche Liebe geandert haben, die alte Auffui-sung der Samurai 
im stillen in wohl kaum verminderter Weise wciler, und ihr Haupt- 
trager ist nach wie vor der Soldatenstand gebliebon. Doriphorus 
schildert, wie jiingere Soldaten von hubschem AuOern sich oft einer 
ganzen Schar von Bewerbern erfreuen : wie in den jiingsten Kriegcn 
gegen China und RuCland auf den Schlaclitfeldern der Mandschurci 
die Soldaten fiir ihren geliebtcn Kameraden das Lebcn in die Schanze 
sohlugen und sich einem gewissen Todc opferten, nur um ihrem ge- 
liebten Freunde das Leben zu erlialten. Und die gleichen VerhJUt- 

7«) Doriphorus bei KrauB, 1. c. S. 159 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



621 

niase sollen auch iu der Marine herrschen. — Ebenso sind iinter den 
Geschaftsangestellten oft einige die bevorzugten Lieblinge der an- 
dern oder stellen sich besonders geschatzten Kunden zur Verfiigun^. 
Auch die Schiilerfreundschaften sollen, zumal in den Alumnaten, sel- 
ten einer erotischen Unterstromung entbehren. Besonders aber soil 
die gleichgeschlechtliche Liebe unter den Studenten verbreitet seln. 
DaB die Japanerinnen und Chinesinnen auch gleichgeschlechtliche 
Liebe pflegen. geht aus den zahlreichen erotiscnen Bildern hervor, 
die nicht selten von groCen Kiinstlern, wie U t a m a r o herriihrend, 
die lesbische Liebe zum Vorwurf haben. Im iibrigen weii3 
selbst K a r s c h von Frauen wenig Einzelheiten beizubringen. 
Er berichtet nur (S. 118) von einem iiberaus schonen jungen 
Madclien im Yoshiwara zu Yeddo, dem die Manner stark, aber er- 
folglos den Hof machten, wahrend es fiir dichterische Wettkampfe 
als japanische Sappho und Bootfahrten mit den Freudenmadchen 
schwa rmte. — Von der zahlreichen anmutigen weiblichen Dienerschaft 
voruehmer Japanerinnen berichtet Maron '7) ziemlich eindeutig, doch 
ohne weitere Details. Natiirlich beweist dies geringe Material hoch 
keineswegs das Kichtvorhandensein derartiger Neigungen. Andere 
Momente lassen sogar ziemlich stark darauf schlieBen, so die reiche 
Zahl japanischer „Blaustriimpfe", die im 10. bis 11. Jahrhundert fast 
ausschlieBlich die Literatur ihres Vaterlandfcs vertraten. Unter ihnen 
zeichneten sich nach F 1 o r e n z (S. 207) besonders zwei aus, die 
Hofdame Murasaki Shikibu die geistig hochbegabte Verfasserin 
des 1004 voUendeten Genji-Monogatari, der Erzahlung vom Prinzen 
Gen ji, und ihre Zeit- und Standesgenossin Sei Shonagon, die 
Verfasserin der „Makurano-vSoshi", der „Kopfkissen-Hefte", einer 
Sammluug von Essays iiber alle moglichen Dinge. Wahrend 
jene bei aller virilen Begabung — ihr Vater pflegte oft zu 
sagen: „ich woUte, du warest ein Junge!" — dennoch immer 
noch weibliche und miitterliche Ziige aufwies, zeichi^ete sich 
diese nach Florenz (S. 220) durch Sarkasmus und 'riicksichtslos 
zur Schau getragene geistige tJberlegenheit aus. Es war fiir sie eine 
wahre Wonne, andere zu ducken, und namentlich den auf ihr Wissen 
stolzen Mannern deutlich zu zeigen, daB auch eine Frau ihnen 
miudestens ebenbiirtig sein konne. Sie lieB sich furchtlos mit jeder- 
mann in Disputationen ein, an witziger Schlagfertigkeit war ihr nic- 
mand gewachsen. Sie soil auch eine starke Sake- (Reisschnaps, Arrak)- 
Trinkerin gewesen sei^, war niemals verheiratct, hatte aber haufige 
Liebscbaften, die jedoch ihr Herz nicht tief beruhrt zu haben scheinen. 
Zur Frau und Mutter war sie offenbar nicht geschaffen. Der kultur- 
geschichtliche Wert ihror Essays ist vielleicht noch groBer als der des 
Uenji-Monogatari, da Frau Murasaki trotz allem Realismus immer 
noch Riicksichten obwalten lieB, welche die Shonagon nicht kennen 
woUte und „mit mannlicher Faust" manches ans Licht zog, was die 
zarter fiihlende Murasaki im Verborgenen lieB. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daB wenn erst einmal die 
japauische Literatur in weiterem Umfange durch Ubersetzungen zu- 

gaiiglich sein wird, sie uns noch manche Bliite gleichgeschlecntlicher 
>ichtung offenbaren wird. Die bisherigen Proben haben gezeigt, daB 
sie in dieser Beziehung der hellenisch-romischen Literatur nur wenig 
nachstehen diirfte. 

Mancherlei Material nicht nur iiber mannliche, sondern 
auch iiber weibliche Homosexualitat im transvestitischen Ge- 
wande bietet die Geschichte der japanischen Biihne. 



•7) II e r m. M a r o j;i , Japan und China. 1863. I, 44. 



Digitized by VjOOQIC 



622 

F 1 o r e n z teilt mit, dafi schoa im XII. Jahrhundert die Shira- 
byoshi, die weiBgekleideten professionellen Sangerinnen und Tan- 
zeriunen, immer als Mann verkleidet waren. Zu Anfang des XVII. Jahr- 
huuderts begriindete O - K u n i , eine ehemalige Tanzerin des Shinto- 
Tempels von Idzumo, zu Kyoto im Verein mit dem Ronin (de- 
klassierten Samurai) Nagoya Sanzaburo das moderne japanisclie 
Theater. Er tanzte in weiblicher, sie in mannlicher Tracht. Ihr 
Erfolg rief viele Nachahmungen hervor. Besonders nahmen die Dirnen 
von Kyoto und Yeddo an den Schaustellungen, die ihnen zugleich 
als Reklame fiir ihre personlichen Reize dienten, regen Anteil ; die 
Keisei-Kabuki (Dirnen-Theater) entstanden. Docli verbot bereits 1629 
die Regierung aus Sittlichkeitsgriinden nicht nur die Dirnentheater, 
sondern iiberhaupt jedes Auftreten von Frauen auf der Buhne. Eiri 
noch scliarferes Verbot erging 1645 mit strengen Strafverfiigungen. 
Dock hat, vvenn wir uns der auch im Abendlande gastierenden S a d a 
Y a k k o erinnern, die Neuzeit hierin eine MiJderung eintreten lassen. 

~ Japan ist tibrigens das einzige Land, in dem audi Mannern 

das Anlegen von Frauenkleidern auBerhalb der Biihne gesetzlich 

verboten ist^^). Es scheint dies daher zu kommen, dafl hier 

wie in China die Geschlechtsverkleidung oft zu unlauteren Vor- 

spiegelungszwecken benutzt wurde. So erzahlt Renon die Ge- 

schiehte eines Abenteuers, das einem franzosischen Seeoffizier 

auf der Reise nach China passiert ist: Derselbe habe sicli bei 

einer Theatervorstellung in die Heldin des Sttickes verliebt 

und sic durch Vermittelung eines der offiziellen Kuppler, welche 

gleichsam zur Theatergesellsehaft gehoren, auf den anderen 

Abend zu sich bestellen iassen. Die Schone sei unter Begleitung 

von Laternentragern und Musikanten erschienen. Im Sclilaf- 

zimmer habe sie sich dlann zum Entsetzen des Offiziers als 

eine Person mannlichen Geschlechts entpuppt. 

In Korea, dem Land der Morgenrote, soil das mannliche Ge- 
schlecht nach Karsch (S. 130) sehr vveibisclien Aussehens und 
Wesens sein. Die Knaben, die bis zu ihrer Verheiratung lange Zopfe 
und Mittelscheitel tragen, erlangen hierdurch etwas so stark Madchen- 
haftes, dafi sie leicht und oft mit ihren Altersgenossinnen verwechseit 
werden. ^ber auch die erwachsenen Manner sollen vielfach dieses 
weibische Aussehen bewahren. Pagegen zeigen die koreanischen Frauen 
hinwiederum oft recht manuliclie Eigenschaften. So wurde die 1895 
von den Japanern ermordete Konigin Min der einzige Mann in ihrem 
Lande genannt. Bezeichnend ist, daC zwei koreanische Arzte, die 
mich nach dem internationalen ArztekongreB in London aufsuchten, imi 
noch Naheres iiber die „sexual transitions" zu erfahren, versicherten, 
„iu Korea gabe es dergleich^n nicht*'. 

Gleichgeschleehtliches Leben tritt allerdings in Korea bei dem 
Mangel an Theatern, Teehausern und Bordellen weniger sinnfallig 
an die Offentlichkeit als in China und Japan. Gleichwohl be- 
richten sowohl P. Da lie f^^), ein franzosischer Missionar, daU 
,,Sodomie und andre Verbrechen gegen die Natur in Korea 



7*^) Cf. I w a y a 270 und Transvestiten. 

7i*) C. H. Dalle t, hist, de I'eglise dc Coree. 1871. I, 155. 



Digitized by VjOOQIC 



623 

hfiufig vorkommen und die Monchs- und Nonnenkloster Statten 
unztichtigen Lebenswandels eeien, wie auch der deutsche Arzt 
Scheube^^), daO Pedikation viel getrieben wird, besonders in 
der Hauptstadt Saoiil. Von He sse- Wartegg^^) gibt an, 
daB im Palast zu Saoul junge hiibsche Pagen das Regiment 
flihren. 

Beenden wir nun unseren Rundgang, indem wir von 
Korea nach dem benachbarten Sibirien gehen, um von dort 
liber die Lander an der Polargrenze wieder nach unserem Aus- 
ganspunkt, dem nordliehen Europa, zuriickzukehren, so ist zu 
beraerken, daO auch bei den arktischen Volkerschaften das hohen 
Nordens den Forschungsreisenden schon frlihzeitig feminine 
Sitten und Gebrauche bei Mannern, maskuline bei Frauen auf- 
gefallen sind, die sie oft, wenn auch sicherlich nicht selten 
ohne Berechtigung, mit Homosexualitat identifizierten. Der 
eigentliche Uranismus, dessen Erkenntnis einen tiefen Einblick 
in das ihrem Verstandnis fast unzugangliche intimste Gefuhls- 
leben der betreffenden Stamme voraussetzen wlirde, hat sich 
den Beridxterstattern meistens entzogen. Sie konnten uns 
hochstens Analogieschllissa verstatten. Bei den Bewohnern der 
nordliehen Polargegenden, den Hyperboraern, wird das Verstand- 
nis abnormaler Sexualveranlagung noch dadurch erschwert, daB 
sie vielfach imGewande geheimnisvoller religioser Riten und Ge- 
brauche auftritt. Das bisexuelle Moment, das vielleicht einen 
Grundzug des Priesterstandes tiberhaupt darstellt, spricht sich 
hier deutlich in der Priesterkaste der Schamanen aus. 

Al8 wesentlichste Gruppen der Hyperboraer, deren Hassenzuge- 
horigkeit zu entwirren noch immer nicht gelungen ist, miissen wir, 
den Kiisten des Polarmeeres f olgend, die Tschuktschen, Kor- 
j a k e n und Eskimos ansehen. Bei den ersteren soil die homo- 
sexuelle Betatigung besonders auffallig in die Erscheinung treten. 
Schon W r a n g 8 1 ^2)^ der im ersten Drittel des vergangenen Jahr- 
hunderts diese Gegenden bereiste, hatte dieses bemerkt; cr erstaunte 
dariiber um so mehr, „da die Bewohner doch keinen Mangel an Weibern 
hatten." Spatere Forschungsreisende, besonders Jochelson^s) und 
B o g o r a s ^*), wiesen auf die Zusammenhange zwischen Uranismus 
und der im Schamanismus zutage tretenden verweiblichimg hi 11. Sie 
iinterscheiden in dieser drei Grade. Im ersten beschrankt sich der 
durch die Gottheit in ein Weib verwandelte Priester auf das An- 
legen weiblicher Haartracht. Der zweite Grad wird gekennzeichnet 
durch Annahme weiblicher Kleidung und gestattet die Ehe und Kinder- 

®") B. Scheube, Die vener. Krankheiten i. warm. Landern. 
S. A. 1902. S. 15. 

^i)E. von Hesse- Wartegg, Korea. 2. A. 1904. S. 155. 

82) F. von Wrangel, Reise langs der Nordkiiste von Sibirien, 
herausgegeb. von Ritter 1839. II, 227. 

^^) J o c h e 1 s o n. Cf. Memoirs of the American Mus. of natur. 
history vol. XIII. 1910. 

«*) Cf. American Anthropologist, vol. III/IV. 1901—1902. 



Digitized by VjOOQIC 



624 

zeugung. Der dritte Grad bezeiclinot erst die voUstiindige Verwand- 
luiig. Ein junger Mann nimmt plotzlich die Sitten und Beschaftigung 
von Weibern an. Seine Sprechweise schlagt von der mannlichen in 
die vveibliche um. Gleichzeitig verandert sich sein Korper in seinen 
Filliigkciten und Kriiften. Auch sein ganzes eeelisches Wesen andert 
sich. Ganz allgemein gesprochen wird er cin Weib mit den Iciblichen 
Eigenschaften eines Mannes. Er beginnt sich als Weib zu fiihlen, 
sucht die Gunst und das WohlwoUen von Mannern zu gewinnen. Die 
andern jungen Manner wetteifern mehr, als er nur wiinschen kann, 
um seine Zuneigung. Aus seinen Freiern sucht er sich einen Lieb- 
haber und nimmt nach Ablauf einer gewissen Zeit einen Ehemann. 
Die Ehe wird mit den auch sonst iiblichen Feierlichkeiten voll- 
zogen und dauert oftmals bis zum Tode des einen der beiden Partner. 
Das Volk hegt eine auBerordentliche Ehrfurcht vor diesen verwandelten 
Schamanen, die auch in ihren Sagen Ausdruck gefunden hat. Auch 
glauben sic von jedem vervveibten Mann, er habe unter den Geistern 
einen besonderen Schiitzer, der als das wahre Haupt der Familie gilt 
und dessen Anordnungen der Effeminierte vermittle, wodurch in einem 
solchen Haushalt natiirlich die Stimme des „Weibes" an Obergewichl 
gewinnt. — Auch Weiber soUen sich bisweilen in Manner metamor- 

Chosieren und als solche junge Madchen heiraten. Waren sie nun 
ereits vorher verheiratet oder legten sie sich nach der Umwandluug 
• ier Nachkommenschaft halber noch einen Nebenmann zu, so bildete 
sich nach Bogoras' Berichten eine menage k trois, die sich in voll- 
kommener Harmonic abspielt. Bogoras hebt hervor, daB wider- 
natiirliche Laster . den Tschuktschenweibern gelaufig und ein ge- 
trocknetcr Renntiermuskel das zu seiner Befriedigung beliebteste Werk- 
zeug sei. Nach Jochelson^^) waren auch bei den Korjaken in 
Weiber verwandelte Schamanen keine Seltenheit. Sie gingen Ehon 
mit Mannern ein, und eine bereits vorhandene Frau wurde alsdann zur 
Kebciifrau des neuen Mannes degradiert. Die kiiaftigen Schamanen 
seien haufig nervose junge Manner, die an hysterisclien Anfallen leiden, 
wahrend deren die Geister mit ihnen verkehren. Auch werden Marchen 
erzahlt, nach denen in alten Zeiten verwandelte Schamanen sogar 
Kinder zur Welt gebracht haben. Die ganze Einrichtung indessen, 
die sich unter den Tschuktschen bis auf den heutigen Tag behaupten 
konnte, soil gegenwartig bei den Korjaken in Abnahme begriffen sein. 
Den verwandelten Schamanen erkennt man an seiner Tracht, den 
langen, weiten und gestreiften Wcibcrhosen. Auch bei ihren Gotten) 
und zahlreichen Gestalten der Sage ist das Geschlecht wandelbar, und 
die Uberlieferung, daB Manner zum Geburtsakt schreiten muBten, 
keine Seltenheit. — Von Verwandlung weiblicher Schamanen in Manner 
liat Jochelson Spuren in den Volksmarchen gefunden. Sie wurden 
von den Korjaken fiir sehr machtig gehalten, und nur die Geburt eines 
Kindes konnte den vollstandigen oder wenigstens zeitweiligen Ver- 
lust der schamanistischen Kraft zur Folge haben. 

Georgi86) berichtet, daB die Kamtschadalen den gleicli- 
geschlechtlichen Verkehr fast offentlich betrieben batten. Doch scheint 
unter der Herrschaft der Russen sich diese Landessitte betrachtlich 
geandert zu haben, denn Erman versichert, daB auf seiner Reise 
(1828/30) ihm von dem abnormen Hang zu mannlichen Beischlafern, 
welche sich ehedem viele Kamtschadalen neben ihren Ehefrauen hiel- 
ten, nicht ein Beispiel voi*gekommen sei ; man habe ihm aber in 
Tigilsk von der ehemaligen AUgemeinheit dieser Sitte ziemlich un- 
umwunden erzahlt. — Nach W e 1 1 e r haben auf Kamtschatka auch 
Weiber mit W^eibern Unzucht getrieben. 

s^) Jn Memoirs of the Americ. Mus. of natur. hist. vol. X. 1905. 
^^) Georgi, Beschreibg. all. Nationen d. russ. Reiches. 1776 
bis 1777. Ill, 332. 



Digitized by VjOOQIC 



625 

Auf Alaska gibt es nach D a 1 1 '^^) Weiber, welclie sich weigern, 
Manner zu ehelichen und es vorziehen, selbst miinnlichen Bcschafti- 
gungeu, wie Jagen und Fischen, nachzugeben. 

Von den Aino auf den Kurilen teilt Kracheninnikow mit, 
daB sie ebenso wie die Korjaken und Kamtschadalen ihre Kojik- 
tschutschi Oder verweibten Manner hatten und dai3 sie im gleich- 
gesclilechtlichen Umgang nichts Unerlaubtes oder Anstofiiges fanden. 
S c h e u b e ^^) berichtet von dem Kranichtanz der Aino ; die Pausen 
dabei werden von den jungen Frauen oder Madchen mit gegenseitigen 
Xeckereien haufig obszoner Natur ausgefiillt. Die bekannte uralte 
Sitte der Aino, den Madchen einen Bart zu tatowieren, hat C o h n - 
Antenorid®^) auf den EinfhiB eines. gleichgeschlechtlich veran- 
la^ten Fiirsten, von Romer^^) auf die androgynische Gottheits- 
idee der Aino zuriickzufiihren versucht. — ■ Nach Lisianski^^) 
fiihren bei den Eskimos die Manner in Weibertracht den Namen 
JSchopan oder Schupan; sie leben mit Mannern zusammen und ver- 
treten bei diesen in alien Dingen die Stelle der Weiber. Auch zeremo- 
nielle Elieschliei3ungen sollen bisweilen fiir solche Verhaltnisse be- 
gehrt werden. — D a w y d o vv^-) berichtet : „Es gibt auf Kadjak 
Manner mit tatowiertem Kinn, die nur weibliche Arbeit verrichten, 
stets mit den Weibern zusammenwohnen und gleich diesen Manner, 
manchmal sogar zu zweien haben. Solche nennt man Achnutschik. 
Sie werden keineswegs verachtet, sondern genieBen Ansehen in den 
Ansiedlungen und sind meistens Zauberer. Der Konjage, der statt eines 
Weibes einen Achnutschik hat, wird sogar als glucklich betrachtet. 
Die Eltern bestimmen den Sohn schon in friihester Kindheit dazu, 
wenn er ihnen madchenhaft erscheint. Die allgemeine Verbreitung 
der Paderaslie auf Kadjak (sowie fiir die Kamtschadalen und Aleuten) 
wird auch von Schelechow^s) bestatigt. 

Die Gronlander besitzen nach K n u d R a s m u s s e n 9*) Marchen 
tribadischen Inhalts, auch berichten Holm und F r. N a n s e n ^s) 
mehrfach von Madchen und Frauen, die ganz die Lebensart der Manner 
fiihrten und sich in Mannertracht kleideten. 

Fassen wir das liber die ethnographische Verbreitung t>e- 
fundenc zusammen, so ergeben sich folgende Satze: 

1. Es gibt kein Volk und kein Land, bei dem nicht sowohl 
unter den Mannern und Frauen neben der Mehrheit, die sich 
zum andern Geschlecht hingezogen fiihlt, eine nicht unbetracht- 
liche Minderheit existiert, die tells ausschlieUlich, teils daneben 
von Personen des oigenen Geschlechts angezogen wird. 

2. Bei alien Volkern gibt es Personen, die, ohne selbst 
homosexuell zu sein, namentlich im jugendlichen Alter, gleich- 



87) W. H. Da 11, Alaska and his resources. 1870. p. 139. 
8**) In Mitteilungen d. Deutsch. Gesellsch. f. Nat.- und Volker- 
kunde Ostasiens. Hft. 3, 1880—1884. 

89) Im Jahrb. f. sex. Zwischenst. Jahrg. V, 1903. 

90) Ibid. 

9') Urey Lisianski, A voyage round the world. 1814. p. 199. 

92) In Acta soc. scient. Fennic. tom. IT, 2. 1856. p. 281. 

93) In Zeitschrift f. Ethnol. Jahrg. III. Berl. 1871. p. 149. 
9*)Knud Rasmussen, Nye Mennesker, Kopenhagen J 905, 

p. 202. 

95) F r i t h j o f N a n s e n , Eskimo-Leben, iibersetzt von Lang- 
feldt, 1903 p. 104. 

Hirschfeld, Homosexualitit. ^q 



Digitized by VjOOQIC 



626 

geschlechtlich verkehren, und zwar aus verschiedenen Griinden, 
unter denen Mangel an heterosexuellem Verkehr und der 
Wunsch einer besseren Lebensgestaltung die hauptsach- 
lichsten sind. 

3. Die beiden genannten Gruppen stehen zueinander im Ver- 
ba Itnis von Nachfrage (Gruppe 1) und Angebot (Gruppe 2); 
es verkehren aber auch vielfaeh Angehorige ein und derselben 
Gruppe, vor allem solche der ersten, untereinander. 

4. Die Forschungsreisenden sehen liberall in e r s t e r Linie 
die sich gegen Entgelt anbiet3nden Personen — die homosexuelle 
Prostitution — , in zweiter Linie die starker durch ihr Aufleres 
oder ihre Gewohnheiten (Kleidung) vom Gesehlechtstypus ab- 
weichenden Personen, also die virileren Frauen und feminineren 
Manner. Die sich vom Typus ihres Gesehlechts nicht oder nur 
wenig abhebenden homosexuellen Manner und Frauen entgehen 
ihnen fast voUig (sexuelle Mimikry) ; ebensowenig nehmen sie 
die sich auf das Haus beschrankenden monogamen Beziehungen 
wahr. Daher geben ihre Mitteilungen ein ebenso einseitiges wie 
unvollstandiges Bild, zumal ihnen die ftir differentialdiagno- 
stische Schlusse notwendigen Vorkenntnisse fast ganzlich fchlen. 

5. Der Behauptung, welcher man selbst in der auf Wissen- 
schaftlichkeit Anspruch erhebenden Literatur nicht selten noch 
begegnet, daU die Homosexualitat ein Produkt der tlberkultur 
und ein Stigma v5lki$cher Dekadenz sei, widersprechen sicher- 
gestellte Beobachtungen bei Volkern, denen gegeniiber aller 
Verdacht ausgeschlossen ist, dafi Verfeinerung der Sitten, Vlber- 
drufi am Normalen und t)berkultur in irgendeiner Richtung von 
Einf lufi gewesen sind. Schon Friedrich von Hellwald 
schrieb 1875, dafl Homosexualitat nirgends haufiger als gerade 
unter wilden Stammen zu f inden sei. Von Volkern gilt 
hier dasselbe wie von Individuen; die abgelebten homo- 
sexuellen Wiistlinge sind auch in der Ethnologic zur Fabel ge- 
worden. 

6. Die Beurteilung der Homosexualitat laBt ethnographisch 
drei Stufen erkennen. Sie folgen sich in der Kulturentwick- 
lung zeitlich, finden sich aber, da die Kulturhohe der Volker 
cine verschiedene, dennoch gleichzeitig vor. 

Die e r s t e Stuf e ist die der naiven Tolerierung und Nutz- 
barmachung der Homosexualitat. Die Gleichgeschlecht.lichkeit 
tritt hier schon als sozialer Faktor auf, indem die ihr Zuge- 
horigen als unterschiedliche Stammesgruppe erkannt, anerkannt 
und fiir gewisse soziale Funktionen verwandt werden. Diese 
sind fiir die Virilen teils kriegerischer Art (Beispiel: der 



Digitized by VjOOQIC 



627 

legSgloxog der Thebaner), teils padagogischer Art (Beispiel: die 
kretisch-dorische Jugenderziehung) ; f lir die Feminineren 
sind es Dienstbarkeiten im weitesten Sinne, hausliche Arbeiten, 
sanitare Verrichtungen (Florida). Die Mittelgruppe, die 
weder ausgesprochen viril und feminin, aber doch zugleich beides 
ist, erhebt sich vielfach liber das Niveau dier Stamtnes^genossen als 
Priester, Zauberer, Arzte, Weise, Seh'er, Dichter, Sanger und 
Ktinstler. 

Auf der zweiten Stufe gewinnen die sexuejlen Kontra- 
instinkte der Mehrheit die Oberhand; sie ftihren zji einer Ver- 
folgung der Homosexuellen, deren allgemeine konseqfuente Hand- 
habung sich jedoch tiberall in der Praxis als undurchftihrbar 
erweist, und die daher nur in Ausnahmefallen zur VoUstreckung 
gelangt. Dabei hat PrStorius^^) recht, wenn Qr ausftihrt: „dafi 
in den Landern, wo Straffreiheit existiert, die Homosexualitat 
nicht starker in die Offentlichkeit tritt als in Landern mit 
Strafandrohung, ja daU sich eher das Gegenteil behaupten laBt". 
Ebenso scheint zuzutreffen, was Urninge auf Grund ihrer Er- 
fahrungen vielfach angeben, daB im ganzen mit der Strafver- 
folgung die Quantitat homosexueller Handlungen zu-, die 
Qualitat homosexueller Beziehungen abnimmt; die homosexuelle 
Prostitution und Halbprostitution wachst auf Kosten monogamer 
2usammengehorigkeit. 

Die dritte Stufe ist die der gedanklichen Durchdringung 
und wissenschaftlichen Erforschung der Homosexualitat und ver- 
wandter Naturerscheinungen ; das beste Beispiel hierf iir bdetet 
zurzeit Deutschland. Gelegentlich schlieBt wie bei Plato 
die dritte Stufe sich unmittelbir an die erste an, doch blieben 
dies bisher Ausnahmen ohne Durchschlagskraft. 

7. In j e d e m Volke herrscht die Gepflogenheit, und zwar fae- 
steht hier kein Unterschied zwischen Natur- und Kulturvolkern, 
Alter turn und Neuzeit, von einem anderen, und zwar meist einem 
ihm feindlichen zu ^behaupten, daB es die Homosexualitat bei 
ihm eingeschleppt haben. Wie die Franzosen vom deutschen, 
sprechen die Bulgaren vom tiirkischen, die Japaner vom chine- 
sischen, die Argentinier vom brasilianischen Laster; so sprachen 
.auch schon die Romer von griechischer Liebe, die Griechen von 
persischen Gewohnheiten. VoUkommen irrtiimlich ist auch die 
Annahme Richard Burtons, dieerin den „Arabian nights** 
A^ertritt, daB die Paderastie als endemische Erscheinung an 
geographische Grenzen gebunden sei. Ihr Verbreitungsbezirk, den 



•7) Jahrb. f. sex. Zwischenst., Jahrg. IV., p. 800. 

40* 



Digitized by VjOOQIC 



628 

er sotadische^^) Zone nennt, soil sich von den Grenzlandern des 
Mittelmeers nach iJ^leinasien erstrecken, dort schmaler werden, 
um sich in Indochina wieder zu erweitern, soli dann von China 
bis zu den Stidseeinseln reichen nnd schlieBlich ganz Amerika 
umfassen, bei dessen Entdeckung sich die „sotadische Liebe" 
tiberall vorfand. Mit Recht waiidte sich schon J. A. 
S y m n d s^^) gegen diese Auf f assung seines Landsmanns, indem 
er viele Volker auBerhalb dieses Bczirks namhaft machte, unter 
denen die Homosexualitat genau so verbreitet nnd beurteilt wird 
wie in der „sotadischen Zone*'. 

8. Trotz der Verschiedenheit der Beurteilung ist die tjber« 
einstimmung homosexueller Erscheinungsformen und die Gleich^ 
heit homosexuellen Lebens von den primitivsten bis zu den 
kultiviertesten Volkern unter alien Rassen und Klassen so unge- 
mein groB, daB esganz unmoglich ist, daB hier etwas 
anderes als ein tief in der Menschheit wurz eludes 
Naturgesetz obwalten kann. 

•8) Vgl. oben p. 25. 

99) Symonds, Ein Problem der heutigen Ethik, 1896, 



Digitized by VjOOQIC 



NEDNUNDZWANZIGSTES KAPITEL. 

Die HomosexualitSt im Tierreich. 

Das Kapitel liber die Verbreitung der Homosexualitat wlirde 
unvollstandig sein, wenn wir nicht auch noch der Verbreitung 
dieser Erscheinung bei anderen Lebewesen, insonderheit bei den 
Tioren. einige Worte widmen wlirden. 

Das Vorkommen homosexueller Betatigung bei Tieren 
ist bisher wissenschaftlich noch wenig erforscht, noch weniger 
naturgemafi das Bestehen homosexueller Neigungen, deren 
Feststellung besonders lange und griindliche Beobachtungen er- 
forderlieh machen wlirde. DaU solche einstweilen selten 
durchgefuhrt sind, kann nicht weiter wundernehmen, wenn 
man die Klirze der Zeit in Betracht zieht, seit der das homo- 
sexuelle Problem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung ist. 
Das vorliegende Material beschrankt sich daher im wesentlichen 
auf gelegentliche Einzelbeobachtungen, die als Kuriosa lange- 
sprochen wurden und fiir uns nur gewissermaUen als Stich- 
proben in Betracht kommen konnen. Immerhin bieten sie so viel 
Charakteristisches, daB sie mancherlei Schllisse gestatten .und 
vor allem w^ertvoUe Anregungen und beachtenswerte Hinweise 
ftir wei teres Forsehen geben. Die einzige bisher existierende 
zusammenfass:nde Arbeit liber „Paderastie und Tribadie bei den 
Tieren (auf Grund der Literatur)** rlihrt von dem Berliner 
Zoologen Prof. K a r s c h ^a) her. 

Im Gegensatz zu der friiheren Auffassung, die Casper noch in 
der Mitte des vorigen Jahrhunderts vertrat, daC Homosexualitat bei 
Tieren iiberhaupt nicht vorkomme, wissen wir heute, dafi wir ilir 
nahezu in alien Gruppen des Tierreiches, soweit wir von diffe- 
renzierten geschlechtlichen Regungen iiberhaupt sprechen konnen, be- 
gegnen. 

In der Proklamation an die Burger von Konstantinopel aus 
dem Jahre 559 nennt Kaiser Justinian die gleichgeschlechtlichen 
Akte „verabscheuungswerte und des gottlichen Zornes wiirdige" Hand- 
lungen, deren sich nicht einmal die unverniinftigen 

%) Jhb. f. sex. Zw. Bd. II, S. 126—161. 



Digitized by VjOOQIC 



630 

Tiere schuldig machten, und der heterosexuelle Transvestit 
Ulrich von Lichtenstein, der es ablelmte, sich mit Mannen, 
die „den Mann minnen" im Turnier zu messen, hebt in seinem .,Frauen- 
buch" vom Jahre 1257 dabei hervor, daB nicht einmal das Tier der- 
gleichen tne. Es heifit darin^) : . 

„Stat daz wol, daz nu diu man 

Mit einander daz begant, 

Des vogel noch tier niht willen ban t." 

Die gegenteilige Ansicht aus gleicbem Affekt verfocht der Reichs- 
tagsabgeordnete Heckscher, der im deutschen Parlameut Homo- 
sexualitat ,,Hundemoral" nannte, eine Bemerkung, die sich spater im 
ProzeB gegen Harden Oberstaatsanwalt Isenbiel zu eigen machte. 
Von Mannern der Wissenschaft sagt Eduard Meyer 2): „Die Homo- 
sexualitat ist bei Menschen und Tieren iiberall verbreitet" 
und W e s t e r m a r k 3) schreibt : „Diese Erscheinung, der wir auch 
bei den Tieren sehr oft begegnen, kommt wahrscheinlich, 
wenigstena sporadisch, bei alien Rassen der Menschheit vor und ist 
bei raanchen Volkern so verbreitet, daB sie als eine nationale Ge- 
wohnheit gelten kann", wozu er in einer Anmerkung noch erweiternd 
hinzufiigt: „Die Mitteilung, die Homosexualitat sei bei diesem oder 
jenem Volke unbekannt, bedeutet selbstverstandlich noch nicht, daB 
sie nicht insgehteim geiibt wird." 

Da unsere Kenntnis vom Seelenleben der Tiere auBerst be- 
schrankt ist, wird es schwer sein, im Einzelfalle zu unter- 
scheiden, ob es sich um homosexuelle Akte infolge von Mangel 
andersgeschlechtlieher Partner oder von Tauschungen irgend- 
welcher Art oder um Wahlbevorzugung des eigenen Ge- 
schlechtrf handelt. De Kerville*), der im Jahre 1896 in der 
Pa riser Entomologischen Gesellschaft liber homosexuelle Betati- 
gung von Maikafern beriohtete, hob diesen Unterschied bereits 
hervor, indem er, ahnlich wie bei den Menschen, von ,,pederastie 
par necessite** und „pederastie par gout** sprach. Er glaubte, 
solchc mannliche Maikafer zu den letzteren zahlen zu dtirfen, 
die trotz der Anwesenheit von Weibchen anderen Miinnc^hen 
den Vorzug gahen. Ulrich s glaubte, die passiven Partner 
mannlicher Maikaferpaare deshalb als urnisch ansehen zu 
miissen, weil sie fast regelmaBig auch in ihrem Korperbau an 
das weibliche Geschlecht erinnerten, beispielsweise dicker waren, 
als andere Mannchen. 

Ein anderer Umstand, aus dem man bei Tieren auf Homo- 
sexualitat aus Neigung schlieBen konnte, wurde sein^ wenn 



1) p. 614. 20. 

2) Eduard Meyer, Geschichte des Altertums. Bd. 



L 2. II. A. 



1907. S. 94. 

3) Edward Westermark, Ursprung und Entwicklung der 
Moralbegriffe. Bd. II. Kap. 36. 1909. 

*) D e K e r V i 11 e , H. G., Perversion sexuelle chez les coleoptires 
males e. t. c. Bulletin de la Soci^te entomologique de France du 
2G. II. 1896. 



Digitized by VjOOQIC 



631 

man sie trotz der Gegenwart andersgeschlechtlicher Individuen 
fortge«etzt und ausschlieUlich mit ihren Geschlechtsn 
genossen verkehren sehen wlirde. Solche Beobachtungen lassen 
sich naturgemaU nur bei Haustieren oder bei Tieren in der Ge- 
fangenschaft anstellen, und sind hier in der Tat — namentlich 
bei Hlihnern, Entenvogeln und Tauben — mehrfach gemacht 
worden. 

Es ist naheliegend, daC wir auch bei Tieren wie beim Menschen 
den Ausgang homosexueller Neigungen in ihrer urspriinglich zwei- 
geschlechtlichen Anlage zu sehen haben. Der korperliche Hermaphro- 
ditismus ist im Tierreich als Normalzustand weit verbreitet; bei den 
Ringelwiirmern und Weichtieren noch vorherrschend, finden wir ihn 
vereinzelt noch bei Wirbeltieren, namentlich bei Fischen. Nicht selten 
finden wir aber bei hoheren Tieren Zwitterbildungen aller Art als 
Ausnahmeerscheinungen, besonders Halbseitenzwitter bei den 
Schmetterlingen, Pseudohermaphroditen bei den Wiederkauern und 
mannigfaltige androgyne Stigmata bei alien Tierarten, sexuelle Varian- 
ten in der Farbung und Korperbildung der Insekten, dem Gefieder der 
Vogel, in den Zalin-, Geweih- und Behaarungstypen, sowie der Milch- 
driisenentwickelung der Saugetiere, kurz nach ' jeder Richtung hin^). 

Vielfach nehmen Tiere in vorgeschrittenerem Alter korperliche 
Gesclilechtscharaktere des anderen Geschlechts an. Bei manchen 
Tieren ist es ferner die Kegel, daC Mannchen Funktionen und Gewohn- 
heiten des Weibchens iibernehmen und umgekehrt. Bei bestimmten 
Fisch- und Vogelarten ist die Brutpflege Sache der Mannchen, wahrend 
wir bei Insekten, bisweilen aber auch bei hoheren Tieren, die Weibchen 
als Beschiitzer und Ernahrer der Familie finden. Bei einzelnen Arten 
sind sie von der Natur zu diesem Behufe besonders „kriegsmafiig" aus- 
gestattet. Was hier die Kegel ist, tritt bei anderen Tierarten voriiber- 
gehend und unter dem Zwange auBerer Umstande auf. 



6) Zahlreiche Beispiele dafiir, sowie fiir Begattungsaversion und 
gleichgeschlechtliche Intimitaten finden sich in B r e h m's Tierleben, 
so Bd. II. S. 263 (Lippenbar), S. 275—76 (Hiihnerhund und Waschbar), 
S. 453 (Siebenschlafer), S. 627, 629 u. 633 (Hasen) ; Bd. III. S. 18 
(Elefant), S. 167 (Auchenia vicugna), S. 637 (Pottwal) ; Bd. IV. S. 20 
(Stubenvogel), S. 258 (Sommerrotvogel) ; Bd. V. S. 425 (Lachtauben)^ 
S. 559 (Wachtelmannchen), S. 609 (Truthuhn) ; Bd. VI. S. 446 (Geier)^ 
S. 689 (Emu); Bd. VII. S. 76 (Basilisk), S. 219 (Schlangen), S. 316 
(Ringelr^atter), S. 404 (Kreuzotter), S. 444 u. 454 (Klapperschlange), 
S. 471 (Otter), S. 668 ff. (Wasserfrosch), S. 672 (Grasfrosch), S. 701 
(Erdkrote); Bd. VIII. S. 8 (Fische), S. 36 u. 45 (Barsch), S. 218 
(Quappe), S. 250 (Karpfen), S. 257 (Griindling), S. 277 (Blei), S. 324 
u. 333 (Lachs), S. 337 (Lachsforelle), S. 341 (Forelle), S. 396 (Aal), 
S. 400, 405, 409 (Seeaale), S. 491 (Mvxine glutinoia, Inger) ; Bd. IX. 
S. 17 u. 18 (Insektenzwitter), S. 85 (der heilige Pillendreher), S. 131 
(Maiwiirmer), S. 300 (Wespen), S. 391 (Tagfalter), S. 393 (Totenkopf), 
S. 424 (Schmetterlingszwitter), S. 546 (Svlphiden), S. 562 (Termiten), 
S. 748 (Bartierchen) ; Bd. X. S. 13 (Krebse), S. 60 (Fischasseln), S. 68 
(RankenfiiBer), S. 72 (Sacculine), S. 98 (Radertiere), S. 104 (Gastro- 
trichen), S. 113 u. 114 (Regenwiirmer), S. 119 (Nereiden), S. 139 
(Blutegel), S. 154 (Nematoden), S. 169 (Seitenwiirmer), S. 187 (Sau^- 
wiirmer), S. 189 (Diplozoon paradoxon), S. 193 (Zweimauler), S. 210 
(Mikrostomeen), S. 215 u. ff. (Strudelwiirmer), S. 220 (Moostiere), S. 241 
(Ascidien), S. 249 (Salpen), S. 295 (Ruderschnecken), S. 303, 322 
(Schnecken), S. 427 (Auster), S. 577. 605 (Korallen), S. 629 (vSpongien). 



Digitized by V:iOOQIC 



632 

Im Zvsammenhange mit diesen hermaphroditischen Erscheinungen 
finden wir — analog den Verhaltnissen bei Menschen — auch bei 
hoheren Tieren, Affen, Hunden, Wiederkauern iisw., den Geschlechts- 
trieb in der Jugend indifferenziert. Es besteht oit in der Wahl 
des Sexualobjekts anfangs eine voUige Kritiklosigkeit gegeniiber beiden 
Oeschlechtern. Auch in hoherem Alter laCt das sexuelle Unterschei- 
dungsvermogen oft im Zusammenhange mit dem Hervortreten anders- 
geschlechtlicher "Geschlechtscharaktere vielfach nach. Auf Gnmd solcher 
entwicklungsgeschichtlicher Erwagungen bezeichnet B 6 1 s c h e hohere 
Tiere und auch Menschen, die sich homosexuell betatigen, als „zoo- 
iogische Reaktionare". 

Hinsichtlich der homosexuellen Betatigung der Tiere konnen 
wir folgende drei Grujppen unterscheiden : 

1. Tiere, die sich aus Not oder infolge von Tauschung mif 
geschlechtsgleichen Individuen paaren ; 

2. solche, bei denen diei Entscheidung, ob es sich nicht auch 
um Neigung handeln kann, zweifelhaft ist, und 

3. solche, bei denen man auf Grund der Begleitumstande 
oinc ausgesprochen gleichgeschlechtliche Neigung annehmen muB. 

Zur ersten Gruppe miissen wir Haussiiugetiere und Vogel 
zahlen, die nach Geschlechtern getrennt, abgesperrt sind und 
sich untereinander betatigen, ebenso Mannchen, die andere 
Mannchen attackieren, kurz nachdem diese den Akt mit einem 
Weibchen vollzogen und den Duft derselben noch an sich haben, 
oder solche, die sich mit anderen Mannchen in der Nahe von 
Weibchen paaren, deren Ausdunstungen sie irreleiten. Auch 
der von Scherer in Sainen neuerdings in der Zeitschrift flir 
wisscnschaftliche Insektenbiologie (VIII, II) veroffentlichte Fall, 
der unter der tJberschrift : „Homosexuelle Betatigung eines 
Zitronenfalters** durch die Presse ging, scheint in diese Kategorie 
zu gehoren. Verschiedene Forscher, die solche Falle zu beob- 
achten Gelegenheit hatten, nehmen, wie beispielsweise Fere^), 
an, daU ausschlieBlich diese Formen bei Tieren vorkommen, eine 
Homosexualitat aus Neigung bzw. aus Anlage bei ihnen aber 
nicht zu finden ist. Erne ganze Reihe in der Literatur veroffent- 
lichter Falle, die wir unserer zweiten Gruppe zuzahlen muBten, 
erwecken aber berechtigte Zweifel an dieser Auffassung. Schon 
de Buffon^) berichtet von Klihen und Hiihnervogeln, die 
trotz der Anwesenheit andersgeschlechtlicher Tiere ihrer Art 
sich Individuen ihres eigenen Geschlechts sexue.l naherten. Es 
erscheint sehr fraglich, ob man hierin, wie de Buffon glaubt, 
nur eine besonders starke Libido zu sehen hat, oder ob nicht 



7) Fere, Ch., Les perversions sexuelles chez les animaux, 
Paris 1897. 

«) D e Buffon, G. L. L., Histoire naturelle, 9 Vols. Paris 
1770/83. 



Digitized by VjOOQIC 



633 

vielmehr eine spezifische Anlage vorlag. — Auffallend erscheint 
die Tatsache, daB die Maikafermannchen, die man bei j^leich- 
ge«chlechtlichen Paarungen in passiverRollefand, f ast regelmaBig 
auch feminine Korperformen zeigten. Diese Weibahnlichkeit ging 
in einigen Fallen so weit, daB man, wie Doebner^^) berichtet, 
znnachst glaubt, es handle sich um Weibchen mit abnormer 
Fuhlerbildung. Es liegt nahe, in solchen Fallen einen Zusammen- 
hang zwischen konstitutioneller Anlage und Neigung anzu- 
nehmen. 

In einer Reihe anderer Fa He treten derartige Zusammen- 
hange mit charakteristischer Deutliehkeit zntage ; es ist in Uinen 
die Konstanz der Neigung iiberdies so einwandfrei beobachtet, 
daB ich keine Bedenken trage, sie der dritten Gruppe zuzuzahlen. 
Es erscheint allerdings auffallend, daB die hierher gehorigen 
Beobachtungen fast ausschlieBlich Haustiere betreffen. Die An- 
nahme von Peters^^), daB das Zusammenleben mit den 
Menschen hier storend in den Entwicklungsgang eingegriffen 
und krankhafte Triebe hervorgerufen habe, ist aber in keiner 
Weise bewiesen. 

Dem widersprechen auch die folgenden, wertvollen Angaben, die 
ich Herru Dr. O. Heinroth, I. Assistenten des Berliner Zoologischen 
Gartens, verdanke, der seit vielen Jahren sich mit der Erforschung 
der Ethologie und Psychologic der Wasservogel beschaftigt, und der 
als einer der ersten grundlegende Arbeiten iiber das Liebesleben und 
-werben der Anatiden, der Entenvogel, veroffentlichtei2). Er sagte mir: 

„Man kann bei den verschiedensten Entenarten oft die Beobachtung 
machen, dal5 sich zwei mannliche oder zwei weibliche Tiere miteinander 
paaren, und zwar handelt es sich hierbei nicht um Akte gewaltsamer 
Notziichtigung, sondern die beiden Partner, seien es nun zwei Mann- 
chen, Erpel genannt, oder Weibchen, treffen dieselben Vorbereitungen 
wie zu einer gewohnlichen Begattung. Diese bestehen bei den Braut- 
enten z. B. darin, daB das Mannchen zunachst auf das Weibchen 
zuscliwimmt und zum Zeichen der Aufforderung den Schnabel ins 
Wasser taucht ; hierauf legt sich das Weibchen wie tot auf das 
Wasser, und nach langerem Liebesspiel erfolgt dann die Begattung. 
Ein ahnliches Spiel sehen wir bei homosexuellen Akten zwischen zwei 
Mannchen: beide tauchen zunachst die Schnabel ins Wasser; dann 
legt sich der eine Partner auf das Wasser, und der zweite besteigt* es ; 
auch bei dem Verkehr zweier Weibchen miteinander spielt das eine 
den passiven Teil, der langgestreckt ruhig auf dem Wasser schwimmt, 
wahrend das andere es besteigt. Auch das Liebesnachspiel ist das- 
selbe wie nach dem Akt zwischen Mannchen und Weibchen: der aktive 
Partner umschwimmt den ruhig liegen bleibenden femininen Teil. — 
Es ist auffallend, daB dergleichen homosexuelle Akte zwischen Tieren 



*o) D o e b n e r , E. Ph., Uber scheinbar abnorme Antennenform 
bei Melontha vulgaris Entomologische Zeitung, Stettin, 1850. 

ii) P e t e r s , E., Die W^ahrheit iiber das dritte GescUlecht, Bremen. 

12) O. H e i n r o t h , Beitrage zur Biologie, namentlich Ethologie und 
Psychologic der Anatiden. V. internationaler Ornithologen-KongreB. 
1910. Beobachtungen bei einem Einbiirgerungsversuch mit der Braut- 
ente. Journal f. Omith. 1910, Heft I, 101—156. 



Digitized by VjOOQIC 



634 

vorkommen, die in groBerer Gesellschaft leben, und denen geniigend 
Geiiossei. des anderen Geschleohts zur Verfiigung stehen. Man kann 
fast auf jedem Ententeiche Freimdespaare des gleichen Geschlechts 
beobachten, die getreulich zusammenhalten und sich gegenseitig gegen 
andere verteidigen. — Bisweilen jedoch werden diese innigen Freund- 
schaften gestort, wenn ein neuer schmucker Erpel oder eine frische 
Ente hinzukommt, die dann von den normalen Partnern umworben 
werden. — Neben diesen mehr „bisexuellen" Biindnissen hatte Dr. 
H e i n r o t h aber auch Gelegenheit, echte homosexuelle Verhaltnisse 
zu beobachten. So erzahlte er, daB vor einigen Jahren der Berliner 
Zoologische Garten ein Paar Trompeterschwane besaB, die er stets fiir 
Mannchen und Weibchen hielt; sie hielten stets treu zusammen und 
begatteten auch einander. Als der mannliche Partner starb, wurde 
das angebliche Weibchen einem hollandischen Zoologischen Garten 
iibcrsandt; es dauerte aber nicht lange, so wurde es von dort miW der 
erstaunten Bemerkung zuriickgesandt, daB es sich ja urn ein miinn- 
liciies Tier handele ; die manuelle Untersuchung bestatigte in der Tat 
diese Angabe. Die Verwechselung war in diesem Falle um so er- 
klarlicher, als bei Trompeterschwanen Mannchen und Weibchen rein 
auBerlich schwer unterschieden werden 'konnen. Das so entlarvte 
Mannchen wurde nun mit einem Weibchen und Mannchen derselben 
Art in einen Teich gesetzt ; es kiimmerte sich aber nicht um die 
feminine Genossin, sondern befreundete sich bald mit dem anderen 
Mannchen, von dem es nach einiger Zeit auch begattet wurde. — 
Ein Gegenstiick zu diesem ,.femininen Homosexuellen" bildete ein 
mannlicher Ganser, der mit einem anderen in so inniger Freund- 
scliaft lebte, daB beide fiir ein Paar gehalten warden. Als der ;weib- 
liche Teii starb, stellte es sicli heraus, daB es sich um ein Mannchen 
gehandelt hatte. Der iiberlebende Genosse suchte alsbald die Freund- 
schaft eines anderen Gansers ; dieser war zunachst wenig crbaut von 
der zartlichen Anniiherung des Mannchens und suchte sich seinem 
Liebeswerben durch die Flucht zu entziehen ; nach einiger Zeit jedoch 
hatte er sich mit ihm angefreundet und lieB sich die Besteigung ge- 
fallen. — Die beobachteten echten homosexuellen Verhaltnisse zwi- 
schen den verschiedenen Entenvcigeln zeichneten sich durch ihre Be- 
standigkeit aus ; die Freunde hielten Sommer und Winter, oft bis 
zum Tode zusammen. — Weibliche Freundschaftsverhaltnisse wer- 
den sehr haufig auch bei Tauben beobachtet ; es ist vielen Ziichtern 
bekannt, daB sie oft im Neste zweier angcblich verschieden geschlecht- 
licher Tauben vier Eier statt zwei vorf inden ; es waren zwei weibliche 
Tauben, welche zusammen lebten, und die nur sehr schwer mit 
Taubern zusammengebracht werden konnten. 

Ahnliche Falle finden wir bereits mehrfach in der fachwissenschaft- 
lichen Literatur und begegnen ihnen auch bisweilen in Zeitungsnotizen. 
So berichtete die „Potsdamer Tageszeitung" vom 10. VIII. 1912 von 
zwei Taubern die sich paarten. Als die Zeit zum Briiten kam, jagte 
einer den anderen aufs Nest. Als man ihnen nun ein Hiihnerei unter- 
legte, war die Freude . der beiden Taubcr groB, und sie stritten sich 
ordentlich um das Briiten. Als analoge Erscheinungen beim Jagdwild 
glaube ich die von R a e s f e 1 d^^), E u 1 e f e 1 d**), W u r m^*) u. a. 
mitgeteilten Beobachtungen auffassen zu diirfen, nach denen die nach 
mannlicher Art gehornten Ricken, auch wenn kein Hermaphroditismus 
der Sexualorgane besteht, in der Regel ,,Geltgeisen" sind und in ihrem 
Liebesleben von den normalen Ricken entschieden abweichen. — 

Wiederholt wurden mir Hunde vorgestellt, die trotz reichlicher 
Gelegenheit, mit Hiindinnen zu verkehren, um diese herumgingen, da- 
is) Raesf eld, I. V. „Das Hochwild", Berlin 1899. 
i*^Eulefeld, A. „Das Rehwild*', Berlin 1896. 
") Wurm, Dr. W. „Die Jagdtiere Mitteleuropas", Berlin 1897. 



Digitized by VjOOQIC 



635 

gegen sicb in unver^vennbar libidinoser Weise mannlichen Genossen 
jiaberten; mehrere dieser Hunde zeigten „weiblicbe Einscblage". 

Fassen wir unsere Erfahrungen zusammen, so steht es 
zunachst zweifellos fest, daU homosexuelle Betatigung bei 
Tieren vielfach vorkommt. Hinsichtlich der Feststellung der 
Athiologie stehen wir ahnlichen Schwierigkeiten gegeniiber wie 
bei primitiven Volkern, insofern ein Eindringen in das Seelen- 
leben uns hier wie dort durch den Mangel an Verstandigungsf- 
moglichkeit nnd die namentlich bei den Tieren zu verschieden- 
artige psyehologische Konstitution erschwert ist. 

Immerhin weisen manche charakteristische Zusammenhange 
mit anderweitigen sexuellen Abweichungen und Analogien mit 
iibereinstimmenden Erscheinungen beim Menschen darauf bin, 
daB auch bei den Tieren in vielen Fallen eine endogene homo- 
sexuelle Triebrichtung besteht, als deren Grundlage wir die in 
der onto- wie phylogenetischen Entwicklung durchweg nach- 
weisbare bisexuelle Anla^e ansehen miissen^^). 

Wenn man demgegenliber einwendet, daB die Homo- 
sexualitat dann etwas den Entwicklungs'prinzipien Znwi'der- 
laufendes sein muB, so ist dem entgegenzuhalten, daB die Natur 
durchaus nicht immer auf dem geraden Wege der Fortpflanzung, 
sondern vielfach anch auf Nebenwegen durch scheinbar unzweck- 
maBige Entwicklungstypen das Ziel biologischen Fortschritts 
erreicht, ferner, daB die Fortpflanzung nur eines der Mittel 
zur Artvervollkommnung ist, dem andere biologische Faktoren 
erganzend zur Seite stehen. 



*^) Vgl. die Abbandlung „Gonocborismus und Hermapbrodismus". 
Ein Beitrag zur Lebre von den Gescblecbts-Umwandlungen (Mela- 
ptosen). Von Ernst Haeckel, Jena, im Jabrb. f. sex. Zw. Bd. XIIT 
S. 259 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



DREISSIGSTES KAPITEL. 

Die Rolle homosexueller Manner und Frauen inner- 

halb der menschlichen GesellschafL 

Symbiose der Homosexueilen. 

t'berschauen wir das liber die Verbreitung de& Uranismus 

Gesagte, so legt sowohl die Quantitat ala die Qualitat der 

Homosexueilen die Vermutung nahe, daB sie als sozialer Faktor 

fiir das Gesellschaftsganze nicht belanglos sind. Diese An- 

nahme findet in den Tatsachen ihre Bestatigung. Wer viele 

Urningf; gesehen hat, fiir den kann es audi nicht dem ge- 

ringsten Zweifel unteriiegen, daB der Homosexuelle von Natur 

au3 ein eminent soziales Wesen ist, bestrebt iiber sich hinaus 

zii wachsen und zu wirken, bemliht teilzunehmen an der Fort- 

entwicklung der sich aus einzelnen zusammensetzenden Ge- 

samtheit. Nftcke^) bemerkt einmal, daB die „Syinbiose mit 

den wahren Invertierten, die zum groBen Teile edle, aufojpfernde 

Mensehen seien, den Heterosexuellen nur ntitzlich sein konne.** 

Wird der Urning ein Einsiedler, ein Einspanner, so sondert er 

sich selten aus primarem Empfinden ab, sondern meist aus 

MenschenScheu, die nach und nach in ihm die Oberhand gewann, 

als «r die Erschwerungen gewahr wurde, die sich seiner Ent- 

faltung oft genug schon dann hindernd entgegenstellten,. wenn 

von sexueller Entspannung noch gar keine Rede war. Trotz 

dieser WiderstSnde, an denen mancher Urning vor der Zeit 

zerschellte, ist die Summe der Kulturwerte, ethischer, Ssthe- 

tischer, und sonstiger, die die Menschheit den Uraniern yer- 

dankt, nicht gering zu veranschlagen. 

Was groBe Urninge im groBen, leisteten kleine im kleinen. Schon 
ini „Urnischen Mensehen"^) und den „Naturgesetzen der Liebe" habe 

1) N a c k e , P. Angebot und Nachfrage von Homosexueilen in 
Zeitungen, Archiv fiir Kriminalanthropologie und Kriminalistik von 
Gross. 8. Bd. 3. u. 4, Heft, 1902. p. 319/350. 

2) Der Urnische Mensch, p. 157. 



Digitized by VjOOQIC 



637 

ich ausfiihrlich klarzulegen versucht, daB auch die Liebe, der keine neue* 
Lebeweseu entspringen, produktiv ist. Ich f ragte : Haben denn Michel- 
angelo und Friedrich der GroBe ihren Naturzweck verfehltv 
weil sie keine Kinder hinterlieBen ; bedeuteten sie nicht dem Ganzen 
uiehr al.s eine Schar ihrer Zeitgenossen, die zusammen tausend Kinder 
zeugten? Nutzlos ist nur der Tatenlose, zwecklos nur, wer am gemein- 
samen Werke der Vervollkommnung nicht mitarbeitet. Der Wert eines; 
Menschen hangt von den Wei*ten al), die er erzeugt. In d'est^m Sinne hal:en. 
sich die Uranier durch das, was sie bildeten und form ten, durch Ge- 
danken und Taten vielfach als treibendo Krafte, Forderer und Vor- 
kampfer erwiesen und hatten es sicherlich in noch hoherem MaBe- 
tun konnen und getan, wenn sie nicht so oft in ihrem Innersten ver-- 
letzt und verstiimmelt worden waren. 

Der Berliner Hochschullehier Josef Kohler hat einmal. 
empfohlen, diejenigen Homosexuellen straflos zu Lassen, die be- 
deiitende Leistungen aufzuweisen hatten. Ist dieser Vorschlag. 
auch undurehflihrbar, so laBt sich der Idee, die ihm zugruadfe- 
liegt, daU namlich durch ein geistiges Plus ein korperliohes 
Manko ausgeglichen werden konne, eine gewisse Berechtigung 
nicht absprechen. Berg^) stellt dies geradezu als Forderung 
auf. Er sagt: „Die Homosexuellen konnten und soUten uns 
helfen, hohere Kultur zu schaffen, den Geist, die Kunst und die 
Schonheit zu befreien. Sie sind es der Ge sells oh aft 
sogar schuldig als Ersatz ftir ihre physische TJn- 
fTUchtbarkeit." 

Tatsachlich sehen wir, daU man selbst dort, wo die gleich- 

geschlechtliche Liebe verpont ist, bei bedeutenden und volkstum- 

lichen Personen oft dartiber hinweggesehen hat. 

Namentlich tritt dies bei Biihnenkiinstlem hervor. So war um 
die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert einer der geschatztesten Man- 
ner Berlins, ,^leich groB als Patriot und edel als Mensch", der Schau- 
spieler und Biihnenleiter August I f f 1 a n d , trotzdem alle Welt, voran 
die Koni^in Luise, wuBte, daB er homosexuellen Neigungen nach- 
hing. Ahnlich war es einige Jahrzehnte spater mit Hermann 
Hendrichs, der zwar seines Engagements am Kgl. Schauspielhause 
verlustig ging, als er einmal nachts verhaftet wurde,. weil ein von ihm 
umworbener Soldat Larm schlug, der aber, als er nicht lange danach 
die Btihne des Viktoriatheaters betrat,. um so enthusiagtiacher von der 
uber ihn vollkommen unterrichteten Berliner Bevolkerung begriiBt 
wurde. In Wien war der groBe Baritonisd T he-odor Reichmann 
trotz seiner stadtbekannten Mannerliebe- Jahrzehnte lang eines der be- 
liebtesten Mitglieder der Hofoper. Noch. zahlreiche ahnjiche Beispiele 
homosexueller Kiinstler und Kiinstlerinnen aus fniherer und jetziger 
Zeit konnte ich anfiihren, deren Popularitat durch. das Bekannt werden 
ihrer gleichgeschlechtlichen Neigungen keine EinbuBe erlitt. Und wie 
bei Kiinstlern ist es bei vielen andei^en verdienten und hervorragenden 
Personlichkeiten. Als Dante seinen, Lehner Brunette Latini^ 
einen der gelehrtesten Florentiner seiner Zeit^), in der Holle im 
Zuge der Paderasten erblickt, redet er. ihn. mit hochster Ehrerbietung 



*)Leo Berg, Geschlechter^ 2. Band der II. Serie der Sammr- 
lung ,,Kulturprobleme der Gegen.wart!* p. 1.66.. 
6) Er lebte von 1220—1294:.. 



Digitized by VjOOQIC 



638 

jan : „ Ach Herr Brunefcto, seid I h r hier" und sieht .,betrubteii 
Geistea danii sein treues gutes Vaterangesicht voruberschweben". Es 
lieiCt von diesem Zuge im 15. Gesang der Holle: 

,,Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint 
Von groBem Ruf, die einst besudelt waren 
Mit jenem Fehl, den jeder nun beweint." 

Kein Volk hat es bekanntlich in so hohem Mafle ver- 
:standen, die gleichgeschlechtliche Empfindung dem Staatsganzen 
nutzbar zu machen wie das hellenische. Von den drei der 
Homosexualitat gegentiber vorhandenen 'Verhaltungsmoglioh- 
keiten — ihrer Verfolgung, Duldung oder sozialen Ausnutzung 
^ — hat es den dritten Weg gewahlt und nicht zum Schaden des 
Landes. 

Der estnische Dichter Alexander Freiherr von U n g e r n - 
Sternber g^) legt dem Archaologen JohannJ. Winckelman n') 
dariiber folgende Worte in den Mund: „Was ich auch dem Christentum 
in die Schuh schiitte, ist die Niedertretung und Nichtbeachtung eines 
kosllichen Instituts, eines Instituts, aus dem das Heidentum seine groii- 
ten Manner, seine ehrwiirdigsten Philosophen, der Staat seine besten 

Biirger zog Staunen miissen wir, wenn wir erwSgen, was alles 

die Griechen fiir geistige Krafte aus dem Institute der Freundschaft 
hervorzauberten, was sie wirkten, indem sie das innige Zusammenleben 
der Manner begiinstigten, ja sogar es staatlich beforderten. Gleieh, 
•wenn die Jahre der Entwickelung voriiber waren, wurde der Knabe 
den weiblichen Handen genommen und der mannlichen Leitung iiber- 
tragen. Manner von gereiftem Verstand, von Kenntnissen und von Ver- 
diensten um den Staat nahmen sich des jungen Weltbiirgers an, und 
lUuter der Form der zartesten Anhanglichkeit, der vorsorglichsten 
Zartlichkeit wuclis er unter ihrer Leitung zum Manne heran. Es war 
fur den jungen Menschen eine Ehre, eine Auszeiehnung, oft viele 
eolche Freunde um sich besorgt zu wissen, und das Streben dieser 
Manner ging wiedej dahin, sich das Vertrauen und die Hingebung der 
ani meisten befS,higten Jiinglinge zu erwerben. Wahlte der, der seine 
Studien beendet hatte, eine von den vielen Anstellungen im Staate, 
so sorgte der Freund dafiir, daB ihm die Wege g«ebnet wurden, daB 
Iceine Schwierigkeiten ihn hemmten, er sah zu, daB die Leistungen des 
jungen Mannes gliicklich ausfielen, denn er war fiir sein Wissen, seine 
Fortschritte verantwortlich, er litt mit ihm, wenn es ihm schlimm 
ging, auf ihn fiel ein groBer Teil der Schmach, wenn man den Un- 
befahigten fiir unwiirdig zur Fiihrung eines offentlichen Amtes erklarte, 
und er triumphierte mit ihm, wenn er den riistig Ringenden das Ziel 
.erreichen sah. Was ist gegen eine solche seelenvolle Leitung unser 
kiimmerlicher Schuldienst, wo bezahlte Lehrer dem Jiingling ein paar 
Stunden opfern, sich spater aber nicht im mindesten um ihn kiimmern? 
Was ist gegen diese Vorsorge, die das verstandige Auge des Vaters 
mit der sorgsam pflegenden Hand der Mutter gleichsam verbindet, 
(Jie kalte pflichtmaBige Aufmerksamkeit, die unsere Zeit dem werdenden 
Menschen und Staatsbiirger widmet?" Die gleiche Anschauung finden 
•wir von Plato bis auf dea heutigen Tag mehr oder minder maBvoll 
ausgedriickt bei vielen Autoren, die sich in die ethische Seite des 
homosexuellen Problems veijtief tern, am krassesten wohl bei B. Fried- 



«) 1806—1868. 

') Kunstlerbilder, 3 :B^pde. Leipzig 1861. 2. Band: W^inckel- 
.m a n p. 



Digitized by VjOOQIC 



639 

lander, wo sie sich zu dem paradoxen Satze versteigt: ,,nur ein 
guter Paderasi kann ein guter Padagoge sein". 

Neben ktinstlerischer und padagogischer Wirksamkeit liegt 
der Natur vieler urnischer Manner und Frauen sehr eine phil- 
anthropische Tatigkeit, die iiber die Familienliebe hinausi eine 
innigere Verbindung zwischen isolierteren Einzelwesen derselben 
Art herzustellen geeignet ist. In mehr als einer, ja fast nach 
jeder' Richtung eignen sich Homosexuelle hierzu in hervor- 
ragendem Grade. Schon. der chinesische Denker L a o t s e sagte : 
„Wer mannliches Wesen versteht und gleichzeitig zum weiblichen 
halt, wird der Mittler der ganzen Welt sein.** Zunachst be- 
fahigt sic ihre Wesenheit, in der mannliche und weibliche Eigen- 
schaften mehr im Gleichgewicht zueinander, stehen, beiden Ge- 
sch lech tern das gleiche Verstandnis entgegenzubringen, sie 
pradestiniert sie, beiden gerecht zu werden, den alten Kampf, 
der trotz aller Geschlecht^liebe von jeher zwischen beiden Ge- 
schlechtern bestand, zu mildern ; zum z w e i t e n stellt ihre Nei- 
gung zwischen den verschiedenen Jahrgajigen desselben Geschlechts 
eine Briicke her, zwischen jiingeren und alteren Leuten, der 
reifen Frau und dem reifenden Madchen, dem heranwachsenden 
und erwachsenen Manne. Dann aber gleicht die gleichgeschlecht- 
liche Liebe viele Unterschiede aus zwischen Klassen, Kasten, 
Kassen und Volkern. Wie oft sieht man, daO gerade der urnische 
Aristokrat eine Vorliebe flir den Mann aus der Arbeiterklasse hat, 
wie haufig kommt es vor, daJJ sich der nordische Homosexuelle 
besonders ftir stidlandische „interessiert**, wie oft ftihlen sich 
christliche Urninden nur von jtidischen, jlidische nur von christ- 
lichen angezogen. Sicherlich handelt es sich hier um 
Attraktionskrafte, die viele hemmende Schranken, so manchen 
fichwerwiegenden Gegensatz auszugleichen geeignet sind. 

In den Bekenntnissen des Grafen C a j u s s) heilit es : ,,. . . Zwar 
gehore ich selbst einer edlen Familie an, und mehr als ich brauche, ward 
mir zuteil. dennoch sehe ich im Geringsten meinen Bruder, so ist es 
fast bei uns alien; ich habe Handwerker in den Hausern von Fiirsten 
frei sich bewegend gesehen. Viele Beispiele urnischen Doppellebens 
konnte ich hier anfiihren; erst neulich stellte sich mir ein CJrning der 
russischen Aristokratie vor, der das Maurerhandwerk erlernt hatte, 
um sich in dem ihm so sympathischen Milieu aufhalten zu konnen. 
Ich will aber nur einen extremen Fall schildern, der sich vor cinigen 
Jahren in Paris ereignete. Bei einer von mehreren Sicherheitsbeamten 
dort vorgenommenen Razzia wurde unter anderen Obdachlosen ein in 
Kleidung und Aussehen vollstandig heruntergekommener Mensch mit 
Namen Henri B. aufgegriffen. Auf die Frage des Polizeikommissars 
entgegnetc B., dafi er es nicht notig habe, ein solches Leben zui fiihren, 
da er iMillionar sei. Nur aus Liebe zu nachtlichen Streifzvigen mit Strol- 
ohen und Vagabunden habe er auf Geld und . Bequemlichkeit ver- 
zichtet. Der Seamte maB diesen Angaben keinen Glauben bei, zog 

8) Casper, Klinische Novellen, Berlin 1883. 



Digitized by VjOOQIC 



640 

dann aber auf Wunsch des Verhafteten bei einem ilim naher bezcich- 
neteii Reclitsanwalt der franzosischen Hauptstadt Erkundiffungen ein 
und erfuhr iu der Tat, daC B. bei dom Reclitsanwalt 500 000 Franken 
deponiert und auBerdem von seiner GroBmutter ungefahr zwei Millioneri 
Franken geerbt babe. Da B. welter keine Straftat zur Last gelegt 
werden konnte, wurde der homosexuelle Freund der Vagabunden wieder 
entlassen. 

Ich selbst habe schon in einer frliheren Arbeit ausgefiihrt: 

,,Die Unterschiede des Standes, der Religion, der Rasse und der 

Nationalitat spielen beim Urning nicht im entferntesten die 

Rolle, wie bei dem normalen Manne ; seine Eigenschaften be- 

fahigen ihn ungemein zum Altruisten und Vermittler, zum 

Friedensstifter und Cberwinder sozialer Gegensatze." Bertz, 

der diesen Satz zitiert, wendet sich dabei gegen Moll, der gesagt 

hat, daB gerade in der Welt der Homosexuellen ausgesprochene 

Standesunterschiede existieren, die hochstens durch die besondere 

Art der urnischen Leidenschaften zeitweise verwischt wiirden. 

Bertz 1^), der sicher ein sehr guter Kenner des Problems ist^ 

mcint: ,,da6 eine tiefe Humanitat, der alles heilig ist, was 

Menschenangesicht tragt, geradezu zur Wesenheit des hoheren 

Homosexuellen gehort, halte ich flir unbestreitbar." 

Wenn wir audi nicht so weit gehen konnen wie Friedlander, der 
glaubt, daB auch lieute noch jede menschliche Vergesellschaftung 
letzten Grundes auf dem Triebe beruht, den wir den homosexuellen 
nennen, so ist doch nicht zu leugnen, daB die bewuBte imd unbewuBte 
Homo- und Bisexualitat neben der zur Familiengriindung vor allem 
bestimmten Heterosexualitat eines der starksten Bindemittel ist, wel- 
ches aus Einzelindividuen eine Gesellschaft, aus den socii eine societas 
schafft. Es ist auch bemerkenswert, daB gleichgeschlechtliche Akte 
bisher besonders bei den sozial lebenden Arten beobachtet wurden, 
wie iiberhaupt eine Differenzierung der Geschlechter in mehr als 
zwei nur bei Tieren vorkommt, bei denen auch eine Staatenbildiing 
besteht, wie bei Termiten, Ameisen, Bienen, Wespen, so daB A r i s t o - 
t e 1 e s ^1), als er den Menschen als C(f'ov jtoAinxov bezeichnete, bereits zum 
Vergleicli die Bienen heranzog, auf deren Geschlechtsverhaltnisse seit- 
dem mehrfach bei Erorterung der menschlichen Homosexualitat Bezug 
genommen wurde. 

Einige Sehriftsteller iiber die Homosexualitat, wie Frei- 
mar k^^) und vor allem Carpente r^^), haben zum Ausdruck 



10) Bertz, Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. VII, 2. p. 231. 

11) Aristoteles, Politicorum libri Octo, cum vetusta Trans- 
latione Guilelmi de Moerbeka rec. (Fr. Susemihl Lipsiae, Tb. 
MDCCCLXXII.) S. 7 — 8: ^^Aion dk JioXirixov l^coov 6 av&QCOJiog Tid" 
arjg jbiektTTt]g xal navrbg dyeXalov ^qiov fidXXov^ rf^Aor." „Es ist 
klar, daB der Menscli ein in hoherem Grade soziales Tier ist als jede 
Biene und jedes Herdentier." 

^2) Freimark, Der Sinn des Uranismus, Leipzig, p. 44. 

13) Carpenter, Cber die Beziehungen zwischen Homosexualitat 
und Prophetentum und die Bedeutung der sexuellen Zwischenstufen 
in friiheren Kulturepochen. In Vierteljahrsberichte desWHK. 11. Jahrg. 
p. 289 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



641 

gebracht, dafl die Homosexuellen durch ihre ,,mittlerischen*' 

Fahigkeiten ganz besonders fiir das Priesteramt geeignet er- 

ficheinen. 

F r e i m a r k schreibt : „ Wer zur Hoherpf lanzung der Menschen- 
f o r m e n bestimmt ist, den schickt das Leben in den Kampf der diffe- 
renzierten Geschlechter. daB er sich seines Daseins Gefahrtin erringe, 
um mit ihr vereint edleren vollkommeneren Wesen, als sie beide sind, 
ein liebendes Elternpaar zu sein. Wer aber zur Hoherzeugiing des Men- 
schen g e i s t e s ersehen, der eint Mann und Weib in sich, damit er 
Gestalt gebe dem Wissen vom Geiste in den Schmerzen und Freuden 
der Seele, auf dafi es vor die Menschen trete, eine zwingende Kunde 
ewiger Wahrheit^*)." C a r p e n t e r ^5) sucht dafiir eine kulturgeschicht- 
liche Erklarung zu geben. Er meint, daB in ganz primitiven Gesell- 
scbaftszustanden die „ganz normalen" Manner Krieger und JiLger waren, 
wabrend sich die Frauen der Haus- und Landwirtschaft widmeten, viel- 
leicht ware das wilde Leben niemals iiber diese primitiven Phasen 
binausgegangen, wenn nicht Zwischenstufen aufgetaucht waren, die 
mehr oder weniger femininen Manner, und dementsprechend mehr 
Oder weniger maskulinen Weiber. Es sei ganz natiirlich, daB die un- 
kriegerischen Manner und die unhauslichen Frauen neue Ablenkungen 
fiir ihre Energien suchen muCten. Sie suchten andere Beschaftigiingen 
als die des gewohnlichen Mannes und Weibes, und tun es heute noch. 
Sie wurden Traumer, Denker, Entdecker und Lehrer und schufen so 
die ersten ,,GrundIagen des Priestcrtums, der Wissenschaft, Literatur 
und Kunst." 

Tatsache ist jedenfalls, daC, wenn Volker die Uranier 

nicht verfolgtren, sie ihrem Wesen leicht etwas OeheimnisvoU- 

damonisches, Mystisch-magisehcs untorlegten. Es kann dies nicht 

wundernehmen, da eben unter denen, die von ihnen als 

Zauberer, Magier, Medizinmanner und Propheten einerseits, 

als Hellseherinnen, Wahrsagerinnen, Medien und Hexen anderer- 

seits teils geflirchtet, teils geliebt waren, stets viele gleich^ 

geschlechtlich Empf indende waren, so daB sich selbst noch altere 

Kulturvolker die allmachtige Gottheit vielfach, wenn nicht bi- 

sexuell empfindend, so doch bisexuell geartet dachten. 

Wir nennen als Beispiel nur Brahma, der in der Hindu- 
Mythologie oft zweigeschl^chtlich dargestellt ist, Qiva, die volks- 
tiimlichsto unter den indischen Gottheiten, dossen linke Seite oft 
weiblich erscheint, wahrend die rechte mannliche Konturen aufweist, 
den syrischen Gott Baal, den persischen Mithras, die bartige 
1 8 i s der Agypter, den Aphroditos der Griechen und die nor- 
dische F r e y a , die ebenso wic ihr mannliclies Seitenstiick F r i g g o 
mit den Teilen bcidor Geschlechter abgebildot wurde. In den orphi- 
schen Hymnen heiBt es : j^Z e u s war Mann, und Zeus war auch 
ewige Jungfrau." Von Adonis wird gesagt : ,,IIure mich, du viel- 
namige und boste der Gottheitcn, du mit doinem anmutigen Haar, 
der du Jungfrau und Jiingling bist, o Adonis"; ja selbst der 
27. Vers der Genesis, welcher lautet: ,,Elohim erschuf den Menschen 
nach seinem Ebenbild ; Mann und Weib erschuf er ihn" wurde 
vielfach so ausgelegt, daB damit nicht nur gesagt sein solltc, daC der 
erste Mensch Hermaphrodit war, sondorn dali auch der Schopfer selbst 

1*) Hans F r e i m a r k , a. a. O. p. 44. 
15) L. cit. p. 310. 
H irschf eid , HomosexualitMt. 4[ 



Digitized by VjOOQIC 



642 

hermaphroditisch war. Weit^re Beispiele bringt die wertvolle Arbeit 
„Cber die androgynische Idee des Lebens" von Dr. von Romer, 
Amsterdam, welche im fGnften Bande des Jahrbuchs fiir sex. Zw. 
(1903) zu finden ist. 

Im iibrigen wissen wir aus dem, was ich oben iiber die 

Verbreitung der Homosexualitat nach Berufen ausfiihrte, dali 

diese sich keineswegs auf bestimmte Stande beschrankt, sondern 

daO einzelne Homosexuelie in alien Kreisen und Arbeitsgebieten 

vorkommen, wo sie tiberall unbeschadet ihrer Anlage und Nei- 

gung ihren Platz ausfuUen, ja oft genug den Durchschnitt ihrer 

BerufskoUegen an Tlichtigkeit tibertreffen, vor allem dort, wo 

es anf eine gute Mischung weiblicher Eindrucks- und mannlicher 

Ausdrucksfahigkeit ankommt. 

Als vor einiger Zeit in einer Berliner Lehrerzeitung ^') ein I^hrer 
aiiBerte, daC man in Anbetracht der wissenschaftlichen Forschungs- 
ergebnisso sich wohl oder iibel mit der Frage beschaftigen miisse, wie 
die Homosexuellen „auf eine den Zwecken der Gesellschaft forder- 
same Art** in dieselbe einzureihen waren, erwiderte ich bereits, daC in 
Wirklichkeit dieses Problem der Symbiose langst gelost sei, ohne 
daU allerdings die Mehrzahl der heutigen Menschen sich dessen bewuUt 
sei. „Wo ist, fragte ich, in Berlin ein Kunstfreund, der sich nicht 
an der Darstellungskunst einer urnischen Tragodin, wo ein Musik- 
freund, der sich nicht am Gesange eines urnischen Liedersangers 
erfreut hatte ! Bist du denn sicher, ob nicht der Koch, der deine 
Speisen bereitet, der Friseur, der dich bedient, der Damenschneider, 
der deiner Frau Kleider fertigt, der Blumenhandler, der deine Woh- 
nung ziert, urnisch empfinden? Vertiefe dich in die Meisterwerke 
der Weltliteratur, durchmustere die Helden der G^schichte, wandle 
in den Spuren groCer einsamer Denker, immer wirst du von Zeit zu 
Zeit auf Homosexuelie stoBen, die dir teuer sind, und die groB waren 
trotz — manche behaupten sogar durch — ihre Sonderart. Ja, weiBt 
du gewiB, ob unter denen, die dir am niichsten stehen, die du am 
zartliclisten liebst, am meisten verehrst, ob nicht unter deinen besten 
Freunden, deinen Schwestern und Brudern ein Urning ist? Kein 
Vater, keine Mutter kann sagen, ob nicht eines ihrer Kinder dem 
urnischen Geschlechte angehciren wird." 

Noch einiges liber die Homosexualitat in heterosexuellen 
Verbanden: schon dei" Prozentsatz und die all'gemeine Ver- 
breitung der Homosexualitat laCt den SchluB zu, dafi man 
homosexuell veranlagten Personen in fast alien an Mitglieder- 
zahl umfangreichen Vereinigungen begegnen wird. Eine genauere 
Prlifung lehrt, daU wir im Vereinsleben meist eine den zu er- 
wartenden durchschnittlichen Prozentsatz iibersteigende Zahl 
Homosexueller finden. Diese Tatsache kann uns nicht in Er- 
stauneii setzen, wenn wir die nach Geselligkeit strebenden 
Anlagen der Uranier, ihre Familienlosigkeit, ihre mannigfachen 
Talent'^ berucksichtigen, die sie befahigen, im Vereinsleben eine 



^') Pada^ogische Zeitung 33. Jahrgang, Nr. 33, Berlin, 18. August 
1904. Leitartikel: Die Erziehung und das dritte Geschlecht von Paul 
S o m m e r. 



Digitized by VjOOQIC 



643 

RoUe zu spielen. Hierzu kommt der Reiz, den das ein^eschlecht- 
liche Milieu vieler Vereine auf die Homosexuellen schon ihrer 
besonderen Triebriehtungj halber auslibt, und das gesteigerte 
Interesse, das sie an sportlichen und kiinstlerischen Betatigungen 
ihrer Gesehlechtsgenossen aus asthetischen und oft unbewuBt 
sexuellen Grlinden nehmen. Der feminine Einschlag ihrer Indi- 
vidualitat, der sich vielfaeh in einem starken Anpassungsver- 
incgen und verbindlichen Formen auBert, macht sie geeignet, 
die schrofferen Personiiehkeiten ihrer vbllmannlichen Kameraden 
ausgleichend einander naher zu bringen und zusamm^nzuhalten. 

Wir finden sie demgemaB auch vielfaeh in fuhrender Stellung in 
eingeschlechtlichen Vereinen, sei es, daU sie solche als 
Griinder ins Leben rufen, sei es, daB sie zu Vorsitzenden und anderen 
ehrenamtlichen Vertrauensstellungen gewahlt werden. Es kann sich 
dabei sowolil um Vereine handeln, an denen die Homosexuellen als 
aktive Mitglieder beteiligt sind, als auch um solche, deren Bestre- 
bungen sie als altere Gonner und Forderer unterstiitzen. In beiden 
Fallen ist es ihnen aber nur m(3glich, ihre Stellung zu behaupten, 
solange ihre Veranlagung nicht bekannt wird. 

In studentischen Korporationen aller Art kommt die Be- 
liebtheit urnischer Mitglieder darin zum Ausdruck, daB man 
sie vielfaeh zu Chargierten wahlt und ihnen auch oft die 
Vertretung der Verbindung beim Besuche befreundeter Korporationen 
auf anderen Hochschulen anvertraut. Bringt ein gelegentliches Vor- 
kommnis die abnorm-geschlechtliche Veranlagung der Betreffenden 
zur Kenntnis ihrer Verbindungsbriider, dann ist das Entsetzen iiber 
ihre vermeintliche Immoralitat um so groBer, je mehr man sich durch 
dieselbo enttauscht fiihlt. Man vergiBt dabei vollig oder ahnt viel- 
mehr nicht, daB gerade die Eigenschaften, um derentvvillen man den 
Vereinsbruder ehedem besonders schatzte, die Grundlagen seiner ab- 
norm sexuellen Veranlagung bilden, um derentwillen man ihn jetzt 
verdammt. Die besondere Beliebtheit der Homosexuellen beruht ja 
vorwiegend auf Eigenschaften, die dem spezifischen Einschlag 
ihrer Individualitat zuzuschreiben sind, ihrem weichen, nach- 
giebigen Wesen, ihren kiinstlerischen Talenten. Ahnlich wie in stu- 
dentischen Korporationen ist die gesellschaftliche Stellung der Ura- 
nier in Offizierkorps, in denen sie meist sehr wohl gelitten 
sind, so lange man ihre Veranlagung nicht kennt. An der neuzeit- 
lichen Erweckung gymnastischen Lebens in Deutschland hat das ur- 
nische Bevolkerungselement einen sehr erheblichen Anteil. In den 
Vereinen fiir Korperkultur, fiir Schwimm-, Ruder- und Segelsport, 
den A^'erbanden fiir Leicht- und Schwerathletik, in den Vereinigungen 
fur die aus England iibernommenen Sports, wie Golf, Hockey und 
Tennis, in FuBballklubs und den zahlreichen Vereinigungen fiir 
Jugendwandern, iiberall sind es Jlomosexuelle, die als Mit- 
begriinder, dann aber auch als Teilnehmer eiiie von den anderen in 
ihren letzten Ursachen nicht erkannte Wirkung^ entfalteten. Namentlich 
die alteren urnischcn Vereinsmitglioder haben hier vermoge ihrer 
natiirlichen piidagogischen Anlngen hiiufig einen groBen EinfluB auf 
die jiingeren Kameraden. 

Mir selbst sind homosexuelle Hcrren bekannt, die aus ihren Mitteln 
PalJistren und ahnliclie Institute zur Pflege von Leibesiibungen griin- 
deten, diese fortlaufend unterstiitztea, teilweise auch selbst als Leiter 
und Lehrer an ihnen tiitig waren. Ein Bild aus dem Berliner Volks- 
leben gab icli in den GroCstadtdokuraenten ; es heiBt dort : „Wir 
betreten einen Athletenklub, wclcher mit Homosexuellen im Zusammen- 

41 • 



Digitized by V:iOOQIC 



644 

hange steht. Die zablreichen Athletenvereine der Hauptstadt setzen 
sich zumeist aus unverheirateten Arbeitern zwischen dem 18. und 
dem 25. Lebensjahre zusammen; grdfitenteils sind es Schlosser, 
Schmiede oder sonstige Eisenarbeiter. Bei diesen Leuten gilt Kraft, 
Grefalir, Kiihuheit alles. Im Nebenzimmer einer kleinen Gastwirtschaft 
wird „gearbeitet". Der kleine Raum ist von 01-, Metall- und SchweiB- 
genicli erfiillt. jener eigentiimlichen Ausdiinstung, wie sie den Kor- 
pern der Eisenarbeiter zu entstromen pflegt. Auf dem Boden liegen 
feisenstangen, Ilanteln, Gewichte von hundert und mehr Pfund, daneben 
eine Matratze, auf der gerungen wird. Acht bis zehn kraftstrotzende 
Athleten sind zugegen, teils in schwarzem Trikot, teils mit ent- 
bloBtem Oberkorper. Brust und Arme tatowiert. An der Fensterseite 
des Zimmers steht ein schmaler langer Tisch von Banken umgeben, 
auf denen Herren sitzen, deren vornehme Ziige und Anziige mit denen 
der starken Manner seltsam kontrastieren. Oben am Tisch sitzt der 
Prasident oder Protektor des Athletenklubs, ein Damenschneider. 
Kein Uneingeweihter wiirde in ihm ein Mitglied des Athleten- 
klubs — geschweige denn Klessen Prasidenten vermuten. Auf 
dem Tisch befindet sich eine Sparbiichse, in welche die 
Gaste ibr Scherflein zur Deckung der Unkosten, Anschaffung von 
Gewichten und Matratzen tun. AuBerdem berichtigen sie die Zechen 
ihrer Athleten, die vor und wahrend der Arbeit in Selter, Limonade 
und Zigaretten, nach dem Gewichteheben und Ringen in Bier und 
Abendbrot bestehen. Die urnischen Freunde sorgen, daB fleiBig geiibt 
wird, die plastische Schonheit der Bewegungen, das Spiel der Muskeln 
wird von den sachverstandigen Gonnern eifrig verfolgt, jeder „Gang" 
auf das lebhafteste kritisiert." 

Eine andere Gruppe von Vereinen, an denen die Homo- 

sexuellen sich in hervorragender Weise zu beteiligen pflegen, 

sind die auf religioser oder gemeinnutzig-sozialer Basis be- 

ruhenden. Auch hier mag, wie beispielsweise bei den 

„Junglingsvereinen*\ zum Teil das eingeschlechtliche, sexuell zu- 

sagende Milieu anreizend mitwirken. Vielfach ist aber auch das 

Bestreben, den Sexualtrieb abzulenken, zu sublimieren, das 

sich bewuiJt, aber auch unbewuBt iiufiern kann, der Grundy dafl 

sich Uranier mit besonderer Hingabe in den Dienst derartig ge- 

meinnlitziger Bestrebungen stellen. Die Mafiigkeits- und Keusch- 

heitsvereine in ihren verschiedenen Modifikationen bieten ihnen 

ein weites Feld zu derartiger Betatigung, und sowohl unter den 

Rittern vom b 1 a u e n wie vom w e i B e n und r o t e n Kreuz habe 

ichHomoscxuelle lechtzahlreich vertretengefunden. Viele Uranier 

zeigen eine starke Hinneigung zur Religiositat und zum Mysti- 

zismus, die sie an Orden, Logen, theosophischen und okkulti- 

stischen Gesellschaften Anschlufi suchen laBt. Sehr erklarlich 

bei Uraniern, :wie bei sexuell abnorm Veranlagten tiberhaupt, 

ist das Bestreben, den Trieb, der mit vielfachen Gefahren flir 

die Betreffenden verbunden ist, moglichst zu untcrdriicken, mit- 

hiu ein starker Zug zur Askese. DaB eine solche gewaltsame Sin- 

dammunf^ nattiilicher Triebe riicht ohne Gefahr ist, beweisen 

die recht haufig vorkommenden Entgleisungen abnorm veranlagter 

Mitglieder von Sittlichkeitsvereinen. 



Digitized by VjOOQIC 



645 

So wurde in letzter Zeit die Offentlichkeit dadurch in Erstaunen 
pesetzt, dafi ein Herr, der lange Zeit von der Kriminalpolizei gesucht 
wurde, weil er jsich mit halbwiichsigen Knaben abgab, bei der Ver- 
Iiaftun^ sich als der Schriftfiihrer der deutschon Sittlichkeitsvereine, 
Pastor V. H., entpuppte. Ein anderes Beispiel bringe ich in den GroB- 
stadtdokumenten : Vor etwa zehn Jahren veranstaltete ein Missionar 
in einem religiosen Zwecken dienenden Hause groBe VersammlungeD 
und Feiern, die sich eines ungewohnlich regen Zuspruchs erfreuten. 
j.Das gewinnende, liebenswiirdige Wesen dieses Mannes zog wie ein 
Magnet." Er war eine Personlichkeit von angenehmsteni AuBern, Mitte 
der DreiBig, sehr begabt und ein trefflicher Redner. „Er brauchte nur 
zn bitten und die Gaben flossen in Massen, iiberall war er maB- 
gebcnd, geliebt und verehrt, besonders bei den Frauen." Man fand 
nicht Worte genug iiber seine Herzensgiite. Er selber berichtete in 
den Versammlungen haufig, wie er in den Gefangnissen so oft und 
gem Trost spendete, wie er nachts junge Menschen in den Anlagen 
obne alle Mittel gefunden, sie mit nach Hause genommen und bei sich 
beherbergt babe. Er hatte dabei ein ini Grunde frohliches Gemiit. Wer 
ilin auf den sommerlichen Ausfliigen des Vereins beobachtete, wie er 
mit seinen Schiilern Kampfspiele veranstaltete, mit ihnen rang und 
ausgelassen tollte, freute sich ohne Argvvohn der anscheinend so hann- 
iosen Freudigkeit des unermiidlichen Gottesstreiters. Eines Tages aber 
bemachtigtc sich tiefe Betriibnis und groBe Entriistung des frommen 
Vereines. Herr \V. war wegen unziichtiger Handhingen rait jungen 
Mannern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhandlung bekundeten 
12 Jiinglinge, daB W. sie unziichtig beriihrt habe, sogar hinter der 
Kanzel, an der Orgel und in der Sakristei habe er solches getan und 
jedesmal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer schweren 
Freiheitsstrafe verurteilt. Ich verdanke diesen Bericht einem sehr 
ehreuwerten Uranier, der demselben christlichen Verein angehorte. 
„Nie hattc ich,*' so schrieb er mir, „geglaubt, daB dieser geehrte Herr 
so jah aus seiner Hohe stiirzen konne, daB meine inneren Empfin- 
dungen, die ich in harten Kampfen unterdnickte, um deren Cberwal- 
tigung willen ich jene fromme Gesellschaft aiifgesucht hatte, so denen 
ihres Leiters glichen. Als sich das geschilderte Trauerspiel zuti*ug, 
dachte ich in Demut: ,Herr, sei mir Siinder gnadig' und bin mit vielen 
auderen aus dem schwer geschadigten Verein geschieden.** 

Eine besondere Stellung im Vereinsleben unserer Zeit nimmt 
die sogenannte „Wandervogelbewegung'* ein. Aus dem roman- 
tischen Bedlirfnis der Jugend als Gegengewicht gegen den 
Schematismus des SchuUebens und die Cberkultur der GroB- 
stadt erwachsen, ergab sich bald, daB in dieser durchaus ,ein- 
geschlechtlichen Bewegung, die Jiinglinge und Knaben im 
Drange schwarmerischer Begeisterung, unter prinzipieller Ab- 
lehnung der Annaherung an das Weib zueinander 20g, eine 
stark ,,homo2rotische** Komponente sieckte^^). Wahrend fiir die 
normalen Jiinglinge der Wandervogel mit seinem eingeschlecht- 
lichen Milieu und seinen erotisch gefarbten Jugendfreund- 
schaften nur eine Durchgangsstation des in geschlechtlicher 
Beziehung noch nicht differenzierten Entwicklungsalters ist. 



1*) B 1 ii h e r , Hans, Die Deutsche Wandervogelbewegung als 
erotisches Phanomen. Ein Beitrag zur Erkenntnis der sexuellen In- 
version, Berlin-Tempclhof 1912. 



Digitized by VjOOQIC 



646 

bleiben die Homosexuellen ihm vielfach auch weiter treu, 
indeni sie als ,,Fuhrer" ihre padagogischen Talente und ihre 
Zuneigung zur hcranwachsenden mannlichen Jugend betatigen. 
Es soil damit aber nicht etwa gesagt sein, daB alle ,,Fuhrer" der 
Bewegung homosexuell sind. 

Denselben Ziigen begegnen wir in der Mehrzahl ahulicher Jugend- 
verbiudungen — ich erwaline nur noch die „Boy Scouts" ia En^land^^) 
— in den verschiedensten Modifikationen. Wir warden unwillkiirlich 
an jene Bliitezeit des klassischen Altertums erinnert, in der die 
Gleichgeschlechtlichkeit — in der Form der Liebe des reifen Mannes 
zum heranwachsenden Jiingling — ein so wesentliches Kulturraoment 
darstellte. Damals spielten Mannerbiindnisse ausgesprochen erotischen 
Charakters auf den verschiedensten Gebieten des sozialen Lebens eine 
uberaus bedeutungsvoUe Rolle. Wie die Schulen homosexueller Philo- 
sophen und Kiinstler ausschlaggebende Gruppen bildeten, schlossen 
sich an urnische Offizicre die Untergebenen mit sinnlich gefarbter 
Hingebung und Treue an. 

Richard Wagner auBert sich iiber diese Verhaltnisse ein- 
m£A im „Kunst\verk der Zukunft'* wie folgt: ,, Diese Liebe, die in dem 
edelsten sinnlich-geistigen GenieCen ihren Grund hatte — nicht unsere 
briefpostlich-literarische, vermittelte, geistesgeschaftliche, niichterne 
Freundschaft — war bei den Spartanern die einzige Erzieherin der 
Jugend, die nie alternde Lehrerin des Jiinglings und Mannes, die Ord- 
nerin der gemeinsamen Feste und kiihnen Unternehmungen, ja, die 
begeistertc Helferin in der Schlacht, indeni sie es war, welche die 
Liebesgenossenschaften zu Kriegsabteilungen und Heeresordnungen ver- 
band und die Taktik der Todeskiihnheit zur Rettung des bedrohtcn 
Oder zur Rache fiir den gefallenen Geliebten nach unverbriichlichsten, 
naturnotwendigsten Seelengesetzen vorschrieb." In ahnlicher Weise 
schreibt ,G u s t a v e Flaubert iiber die karthagischen Soldner in 
„Salambo": „. . . . ohne Familie, wie sie waren, iibertrugen sie ihr 
Bediirfnis nach Zartlichkeit auf einen der Gefahrten. Sie entschlum- 
merten Seite an Seite unter demselben Mantel beim Schimmer der 
Sterne. Und wahrend sie in aller Herren Lander in blutigen Taten und 
Abenteuern umherirrten, bildeten sich eigenartige geschlechtliche Ver- 
einigungen, die ebenso ernsthaft waren wie Ehen, wo der Starkere den 
Jiingeren im GewUhle der Schlacht verteidigte, ihm iiber Abgriinde 
hinweghalf, den Fieberschweifi von seiner Stirne trocknete, ja Nahrung 
fiir ihn raubte ; und der andere, der als Kind vom Wege aufgelesen, 
spater zum Soldner geworden war, belohnte diese Aufopferung durch 
tausenderlei zarte Fiirsorge und Gefalligkeiten einer Gattin." Und 
weiter: ,,Bisweilen blieben zwei Manner blutiiberstromt stehen, fielen 
einander in die Arme und starben unter Kiissen." 

In wieweit bei den B 1 u t s - und Waff enbrudersehaf ten in den 
Mannerbiinden und Eitterorden des Mittelalters und der Neuzeit 
homosexuelles Empfinden mitspielt und homosexuelle Betatigung 
vorkommt, lafl-t sich gegenwartig noch nicht libersehen. Von 
einigen, so von einem mir bekannten russischen Urning, dessen 
kaukasische Blutsbriider ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit 
hatte, wird versichert, daB Geschlechtsverkehr (auch weehsel- 
seiiige Onanie) unter Blutsbrtidern sehi' verpont sei, doch liegen 
andererseits viele Anhaltspunkte vor, daB alle diese Institutionen 

^9) Cf. Pa via, Mannliche Homosexualitiit in England. A. a. O. 



Digitized by VjOOQIC 



647 

zum mindesten stark von seelischer Homosexualit^t durch*- 

setzt sind, ja daB diose sogar vielfach, wenn audi nicht immer 

bewuBt, die treibende Kraft ist. 

Gehen wir den Wurzeln dieser bei vielen der Kultur zustrebenden 
Volkern noch vorhandenen Erscheinungen bis zu den N a t u r volkern 
nach, so tritt uns das zu Grunde liegende sexuelle Moment deutlicher 
entgegen. So schreibt S c h i d 1 o f ^^a) : „Bei vielen polynesischen Vol- 
kern besteht der Gebrauch der Blutsfreundschaft, die zwei Manner 
auf Lebenszeit miteinander eng verbindet. Solche Blutsfreundschaften 
haben nichfc selten einen erotischen Charakter." Man erinnere ^ich 
auch an die homosexuellen Zustande, wie sie bei dem ProzeB und 
der Auflosung des Tempelherrnordens zur Sprache Jcamen — bei den 
Deutschmeistern war es ahnlich . — und an den beriihmten Hoch- 
meister Ulrich von Jungingen, der das Gebiet des Deutschen 
Ordens mit so viel Tapferkeit gegen Polen und Litauer verteidigte, 
bis er 1410 in der ungliicklichen Schlacht von Tannenberg mit 
dreifiigtausend seiner Getreuen sein Leben lieB. L e e x o w**>), der in 
seiner Schrift viel Beachtenswertes iiber Homosexualitat und Waffen- 
briiderschaft sagt, meint sogar, daC „die Vermischung des Samens" 
ahnlich wie die des Blutes „eine Art von Verwandtschaft" bewirken 
sollte. 

In dem Vorstehenden beschaftigte uns die Bedeutung homo- 
sexueller Manner im eingeschlechtlichen Vereins- und Gruppen- 
leben. Nicht weniger wichtig ist aber aucli die RoUe, die 
Urninden im eingeschlechtlichen Milieu weiblicher Vereini* 
gungen spielen. Durch ihre virilen Eigenschaften, ihre Selb- 
standigkeit, ihr Interesse flir offentliche Fragen, ihr ausgepragtes 
Verstandesleben einerseits, ihre familiare Unabhangigkeit 
andererseits erscheinen eie hier von vornherein zu flihrenden 
Stellungen berufen. In der Tat begegnen wir der homosexuellen 
Frau in alien rein weiblichen Vereinsgruppen, geselligen, be- 
ruflichen oder sozialen Charakters. Sie ist somit von hervor* 
ragender Bedeutung flir die in unseren Tagen machtig empor- 
strebende Emanzipations- und Selbstandigkeitsbewegung der 
Frauen, die wir kurz als „Frauenbewegung** bezeichnen. Dtirfen 
wir diese natiirlich nicht als ausschlieBlich oder auch nur vor- 
wiegend auf urnischen Elementen basierend ansehen, so aind 
doch die Zusammenhange zwischen ihr und der weiblichen Homo- 
sexualitat vielfache und innige, indem die Urninden, ihren be- 
sonderen natiirlichen Anlagen entsprechend, sich als Vorkampfe- 
rinnen und Bahnbrecherinnen weiblicher Unabhangigkeit vom 
Mamie betatigen. Nicht ohne Berechtigung schreibt Anne v. d. 
E k e n : (a. a. O. p. 13) : „Nicht die Frauenemanzipation — die 
bekanntlich kaum eine Generation alt ist — hat diese mann- 
lichen Frauen geztichtet, (wie sehr viele gedanken- 
los behaupten), sondern die Natur hat diese Wesen geschaffen, 



**a) S c h i d 1 o f , Sexualleben der Australier und Ozeanier. 
^0) Armee u. Homosexualitat, p. 39. 



Digitized by VjOOQIC 



648 

und erst die Frauenbewegnng gab ihnen den Platz, wo sie ihren 
mannlichen Geist, ihre hervorragenden organisatorischen Talente 
f lir das Wohl ihrer Mitsdiwestern betatigen konnten. Danken 
wir ihnen. Denn welche streng weiblieh denkenden und emp- 
findenden Frauen entwickeln so viel Energie und Tatkraft, 
soviel klares zielbewuBtes WoUen.** 

Nicht nur in eingeschlechtlichen, sondern auch in geschlechtlich 
gemischten -Gruppen beteiligen die Homosexuellen beiderlei Qe- 
schlechts sich meiner Erfahrung nach zahlreich und intensiv. Der 
Grund dafiir mag oft nur in dem unbewuBten Bestreben, Aquivalente 
fiir das ihnen fehlende Familienleben zu scliaffen, zu suchen sein; 
auch besondere Beanlagung auf literarischem oder kiinstlerischem Ge- 
biete mag vielfach den AnstoB zum Eintritfc in entsprechende Vereine 
geben. Am politischen Leben allerdings nimmt der mannliche Homo- 
sexuelle meiner Erfahrung nach geringeren Anteil als der normale 
Mann; augenscheinlich entsprechen die vorwiegend praktischen Ge- 
sichtspunkte seinen mehr auf vermittelndo Momente gerichteten 
Anla^en weniger. Die virile Urninde ist dagegen bisweilen eine recht 
streitbare Politikerin und stellt vol! und gaaz im politischen Vereins- 
leben ihren Mann. 

Lehrt so eine objektive Wtirdigung der Homosexuellen, daB 
sie sich im allgemeinen — von Ausnahmen abgesehen — als eine 
der Gesamtheit durchaus forderliche und dienstliche Masse er- 
weisen, so wird eine weitere vorurteilslose, rein biologische Prii- 
f ung ergeben, daB sie auch fiir den einzelnen im ganzen mehr 
vorteil- als nachteilbringend sind. Lassen wir einmal die keines- 
wegs schlankweg zu bejahende Frage auBer adit, ob und inwie^ 
weit der GeschlechtsveAehr des Timings, wenn er tatsachlich 
vorgekommen ist, fiir den Partner eine Schadigung bedeutet, so 
steht eins auBer Zweifel, daB der positive Nutzen, den die 
Homosexuellen (selbst unter schweren Verfolgungen) dem ein- 
zelnen, dem ihre Liebe gait, und damit der Gesellschaft leisteten, 
ein eminenter gewesen ist. Wir konnen auch hier vollkommen 
Carpenter beistimmen, wenn er im ,,Mittelgeschleeht**2i) eagt: 
„,t}ber einen Punkt scheint mir keine Meinungsverschiedenheit 
mehr moglich zu sein, namlich dariiber, daB eine betrachtliche 
Anzahl Mittelgeschlechtlicher hochst wertvoUe soziale Leistungen 
ausflihrt, und zwar infolge und auf Grund ihrer spezielien An- 
lage. Diese Tatsache wird nicht so allgemein berlicksichtigt, wie 
man (^ wohl erwarten soUte, und fe:War aus dem, einfachen Griftide, 
wcil man den Urning als solchen meist nicht orkennt, und dieser 
noch die schon erwahnte Neigung hat, sein yEmpfinden der 
Offentlichkeit gegentiber zu verheimlichen. Ohne Zweifel, wenn 
es allgemein bekannt wiirde^ welche Leute von uranischer 

'0 p. Ill f. 



Digitized by VjOOQIC 



649 

Natur sind. dann wiirde jedermann tiberrasdht sein, so viele 
unserer groBen und fiihrenden Geister unter ihnen zu finden." 

Am besten konnen wir dies wahrnehmen, wenn wir die 
Liste bertihmter Homosexueller liberblicken. Man hat 
es vielfach getadelt, dafl die Urninge und deren Vorkampfer eich 
so oft darauf bsrufen haben, daU so viele hervorragende Person- 
lichkeiten nachweislidh gleichgeschlechtlich empfunden haben. 
Dieser Vorwurf ist unberechtigt. Denn es ist in der Tat ein 
wertvoUes Verteidigungsmittel der Urninge, denen manche 
nur die Wahl zwischen Irren- und Zuchthaus lassen .woUten, 
darauf hinzuweisen, daJl dies nicht nur durch die Quantitiat, 
sondern auch durch die intellektuelle und ethische Q u a 1 i t & t 
ihrer Schicksalsgenossen eine absolute Unmoglidikeit sein wiirde. 
Nach dem alt-en Satze „solamen miseris socios habuisse malorum" 
ist es auch ein Trost flir die Homosexuellen, zu wissen, daB 
Menschen auf so hoher Lebensstaffel innerlich dasselbe litten 
wie sie, und ein Ansporn^ flir sie, trotz aller drohenden Ge- 
fahren aus sich heraus das Beste zu entwickeln. Nicht gan^ 
leicht ist es zu entscheiden, ob der Prozentsatz urnisch Emp- 
findender unter den bertihteten Personlichkeiten ein unver- 
haltnismaBig hoher ist, will sagen, den ftir die allgemeine 
Bevolkerung von 2o/o Homosexuellen und 4o/o Bisexuellen wesent- 
lich libersteigt. Fast scheint es so. Sicher ist allerdings, dafl 
manche hervorragende Manner grundlos in den Ruf der Homo- 
sexualitat gekommen sind, ebenso sicher, daB nicht wenige unter 
ihnen ihr Geheimnis in das Grab genommen haben. Beides kann 
nicht wundernehmen bei diesen Janusnaturen, jliber die ein 
Wissender schreibt: „Jeder Uranide zerfallt in zwei Person- 
lichkeiten: eine pffizielle, die allgemein in schonem Ansehen 
steht und sich liberall Achtung zu verschaffen weiB, da sie 
tadellose Mannlichkeit, peinliche Reinheit der Sitten und Inte- 
gritat des Charakters nach jeder Richtung hin zeigt, und in eine 
nicht offizielle, geheime, welehe der urnischen Natur den 
gebieterisch eingeforderten Tribut zoUt, der AUgemeinheit je- 
doch vollkommen unbekannt bleibt." Wir haben ja gezeigt, 
wie schwer in manchen Fallen die Differentialdiagnose zwischen 
Homosexualitat und verwandten Erscheinungen zu ziehen ist; 
wir wissen auch, daB das Sexualleben der „ Intel lektuellen** 
sich, unabhangig von der Homosexualitat, in mehr als einer 
Beziehung anders abspielt, wie das der groBen Masse. Denken 
wir an so sublime und sublimierende Gestalten wie 
Immanuel Kant und Soren Kierkegaard, die man, 
(wenn es das gibt) als asexuell rubrizieren mliBte. Auch 



Digitized by VjOOQIC 



650 

scheinen unter den ganz GroBen bisexuell Geartete, deren weibr 
liche Komponente Mannliches und deren mannliche Wei'bliches 
anziehi, besonders haufig zu sein. Hier bleibt noch viel Wert- 
voUes zu erforschen librig. Am besten werden wir iiber die 
Homosexualitat unter namhaften Menschen einen Cberblick ge- 
winnen konnen, wenn wir eine Epoche wahlen, in der «*ich 
niemand gleichgeschlechtlicher Empfindungen schamte. Dazu 
eignet sich keine besser als das griechisch-romische Altertum, 
in dem ein Jiingling ohne Liebhaber ein ahnliches Ansehen hatte, 
wie in unseren Zeiten ein „sitzeng3bliebenes Madchen". Allerdings 
ist es selbst fiir jene Zeitperiode unmoglich, eine voll- 
sta ndige Liste berlihrnter Homosexueller aufzustellen, ge- 
sehweige denn fiir spater. Libanios^^) aus Antioehia in 
Syrien^ ein Rhetor und Philosoph des vierten nachchristlichen 
Jahrhunderts (314 — 393), der Glinstling des Kaisers Julian 
Apostata, kommt in seiner Rede ,,fur die Tanzer" auch auf 
die mannmannliche Liebe zu spreehen. Nachdem er eine statt- 
liche Zahl von Mannern angefiihrt hat, die er ^Xvdgiai d. h. 
Effeminierte nennt, und viele andere hinzufiigt, die ,,das^ Mann- 
liche begehrten", sagt er: ,,wollte man alle aufzahlen, so wtirde 
man dazu wohl ganze fiinf Jahre gebrauchen." Was Libanios 
schon damals nieht vermochte, wird uns heute gewiiJ nicht 
gelingen und wird vor allem nicht fiir Zeitlaufe moglich 
sein, in denen ein jeder seine Homosexualitat wie ein noli me 
tangere hiitete. So wird unsere Zusammenstellung nur ein 
schwa cher Versuch sein ; aber auch so wird die Ftille und der 
Klang der Namen, deren Trager zweifellos homosexuell 
waren, manchem die Augen offnen. 

Wir lassen die Namen aus dem Altertum nun in alpha- 
betischer Reihenfolge mit Quellcnangabe folgen. 

A g e s i 1 a o s , bekannter Konig von Sparta, Sieger in der Schlaclit 
von Koroneia (394 v. Chr.) ; hochbedeutend als tapferer und entschlos- 
sener Feldherr, starb nach langer Regierung im Alter von 84 Jahren. 
Am bekanntesten ist seine Liebe zu dem sclionen Megabathes, 
deren Geschichte Xenophon (Ages. cap. 5, 4 ff.) erzahlt. 

Alexander der GroBe (Konig 336—323 v. Chr.), einer der 
groBten Eroberer und Weltbeherrscher trotz seiner „unbandigen Leiden- 
scbaft fiir schone Knaben" (A t h e n. XIII 603 a). Wichtige Einzel- 
lieiten dariiber in den Werken der Historiker Dikaiarchos und 
Karystios (zitiert bei A t h e n a e u s a. a. 0.), Plutarch, Leben 
Alexanders, cap. 67. 

Alkaios aus Mytilene (um 600), tapferer Kampfer, Poli- 
tiker und beriihmter Lyriker; feiert die puerile Schonheit, was die 
Reste seiner Dichtungen noch deutlich erkennen lassen. Seine Lieb- 



22) Libanii sopliistae orationes et declamationes rec. I. J. Reiske. 
Bd. III. (Altenburg 1795.) Seite 380. 



Digitized by VjOOQIC 



651 

huge waren: Lvkus und Meron. Nachweise: Jahrbuch f. sex. Zw. 
Bd. Vni S. 637. 

Alkibiades, Sohn des K 1 e i n i a s , aus Athen. „Als Knabe 
wurdc er von vieleu Mannern geliebt, darunter von Sokrates (s. d.) ; 
als er herangewachsen war, liebte er selbst nicht weniger viele". Nepos, 
Leben des Alcibiades, cap. 2, 3. 

Anakreon aus Teos (um 550), lyrischer Dichter, Giinstling 
des Polykrates. Seine ganze Poesie ist der Liebe zu schonen 
JiinglingeD geweiht. Reste seiner Dichtung bei Bergk Bd. Ill 
S. 253 ff. Sehr groB die Zahl seiner Lieblinge, von denen die nam- 
haftesten Smerdis, Kleobulos, Bathyllus, Megistes, 
Leukaspis, Simalos. Xachweise: Jahrbuch Bd. VIII, b. 642 ff. 

Antigonos, einer der beriilimtesten Feldherren aus der Schule 
Alexanders des GroCen. Er liebte heftig (otp^dga tjga) den Zither- 
spieler Aristokles. Nachweis : Athen. XIII 603 e. 

A r i a i o s , Freund und Statthalter des jiingeren K y r o s in Sar- 
des, einer der Befehlshaber in der Schlacht bei Kunaxa (401 v. Chr.V. 
Seine „Freude an schonen Knaben" bezeugt Xenophon (anab. 
lib, 28). 

Aristides, beriihmter athenischer Staatsmann, Marathon- 
kampfer; vom Volke „der Gerechte" genannt. Seine Liebe zu dera 
jungen Stesileos erweckte die Eifersucht des Themistokles 
(8. d.). Nach dem Zeugnis des A r i s t o n war diese Eifersucht der 
erste Anfang der spateren Feindschaft der beiden bedeutenden Manner. 
Quelle : Plutarch, Leben des Themistokles, cap. 3. 

Aristoteles (384 — 322 v. Chr.), der beruhmte Philosoph, einer 
der grofiten Gelehrten aller Zeiten, uuterlag nach dem ausdriicklichen 
Zeugnis des Athenaeus (XIII 566 e) der Schonheit seines Schiilers 
aus Phaseios. 

Asklepiades aus Gamo, Lehrer des T h e o k r i t , f orm- 
vollendeter griechischer Dichter. Elf Epigramme auf schone Jiinglinge 
sind erhalten. Nachweise : Jahrbuch Bd. IX, S. 261 ff. (Vgl. auch 
S. 220 ff.) 

Athenaios aus Naukratis in Agypten (zweites Jahrhundert 
nach Chr.), der Verfasser des „Sophistengastmahles". Das VVerk ist eine 
unerschopfliche Fundgrube fiir die antike Sexualitat. Zumal das 
XIII. Buch ist ganz erotischen Fragen gewidmet, besonders dem 
homosexuellen Problem. Eine eingehende Analyse dieses Buches in 
„Sexual-Probleme", 5. Jahrgang (1909). S. 812 ff. 

Augustus, Caesar Octavianus, Kaiser von Rom (31 v. Chr. — 14 
n. Chr.) ; Feldherr und Staatsmann von weltgeschichtlicher Bedeutung. 
Uber seine homosexuellen Neigungen vgl. S u e t o n , vita divi August! 
cap. 68. (Cberwiegend heterosexuell.) 

Bacchylides aus Keos (um 505 — 430 v. Chr.) ; gefeierter 
Lyriker, preist die Knabenliebe als Segnung des Friedens. Nachweise: 
Jahrbuch Bd. VITI S. 658. 

Bion aus Smyrna (drittes Jahrhundert v. Chr.) ; namhafter 
griech. Dichter (Bukoliker) ; feiert in seinen Gedichten seinea Lieb- 
ling Lvkidas und andere schone Hirtenknaben. Nachweise : Jahrbuch 
Bd. VIII S. 672 f. 

Caesar, Caius Julius, der bedeutendste Staatsmann der 
R6m(.'r, einer der groBten Feldherren aller Zeiten. In seiner Jugend 
hielJ es von ihm, daC er „allen Mannern Weib und alien Weibern Mann" 
gewesen sei. Nachweise iiber seine zahllosen homosexuellen Erleb- 
uisse cfr. Antonii Panormitae Ilermaphroditus S. 231 ff. Lateinisch 
nach der Ausgabe von C. F r. For berg (('oburg 1824) nebst einer 
deutschen metrischen Ubersetzung und der deutsclien t)bersetzung der 
Apophoreta von C. F r. For berg. Leipzig 1908. Privatdruck. 

Catullus, Caius Valerius, aus Verona, der bedeutendste 
Lyriker der Romer (87 — 54 v. Chr.). Catull ist aus dem Altertum das 



Digitized by VjOOQIC 



652 

am meisten charakteristische Beispiel fiir das, was die heutige Wissen- 
schaft bisexuell nennt. Sein „Buch der Lieder" ist ebenso homosexuell 
wie lieterosexuell. Seine homoerotisclien Gedichte sind von verzehren- 
der Sinnlichkeit. 

Chariton und Melarippos, beriihmtes Liebespaar, von dem 
eine ganz ahnliche Geschichte aufopfernder Freundschaft erzahlt wird 
wie die, welche durch Schillers „B\irgschaft" von Damon und Phin- 
tias allgemein bekannt geworden ist. Ihre Liebe wurde vom Del- 
phiscben Orakel durch den Mund der Pythia heilig gesprochen {&eia 
^ddttjg). Nachweis: Aelian, var. hist. II 4. 

Demetrios Phalereus, zehn Jahre iang (317 — 307 v. Chr.) 
Leiter des athenischen Staates ; das dankbare Volk errichtete ihm zahl- 
reiche Statuen; bedeutender Staatsmann, ausgezeichneter Redner und 
(Jelehrter. Von seiner Liebe zu dem Jiingling Theognis und der 
daraus entstehenden Eifersucht anderer Jiinglinge berichtet intim K a - 
r y s t i o s bei A t h e n. XII 542. Wie er die Liebe des schonen, aber 
Bproden Demokles zu gewinneu suchte, erzahlt Plutarch (De- 
metr. cap. 24). 

Epameinondas, einer der groBten Feldherren aller Zeiten, 
der Sieger der Schlachten von Leuktra (371 v. Chr.) und Mantiuea 
(362 V. Chr.). Von seinen Lieblingen ist der bekannteste der jugend- 
licho Asopichos, der „in der Leuktrischen Schlacht den Ruhm 
des Sieges mit seinem Freunde teilte** (Jacobs, vermischte Schriften 
III 220). Spater Kaphisodoros, „der in der Schlacht bei Man- 
tinea neben ihm kampfte, an seiner Seite starb und an derselben 
Stelle mit ihm begraben wurde" (Jacobs a. a. O.J). Nachweise : 
A t h e n. XIII 605 a. P 1 u t. amat. cap. 17 (mor. p. 761 d.). 

Episthenes aus Olynth, namhafter Mitkiimpfer im Zuge des 
jiingeren Cyrus. Von seiner Liebe zu einem schonen Jiingling und der 
aufopiernden Todesverachtung der beiden erzahlt Xenophon (anab. 
VII 4, 7 ff). 

Euripides (um 480 — 406) gefeierter griechischer Tragiker ; man 
nannte ihn den Entdeoker der weiblichen Seele. Sein Liebeshandel 
mit dem schonen A g a t h o n (vgl. Pausanias); um seine Gunst 
zu erwerben, brachte er ein Drama Chrysippos auf die Biihne ; 
in diesem Drama war der jugendliche Chrysippos nach dem Vorbilde 
Agathons vom Dichter erschaffen, wahrend der Dichter sich unter 
dem Laios verbarg, dessen Wiinsche ziemlich unverbliimt ausgesprochen 
wurden. Nachweise : cf. Anthropophyteia, Bd. IX S. 310 f. 

Galba, Servius Sulpicius, Romischer Kaiser (68 — 69 n. Chr.). 
Seine homosexuellen Neigungen bezeugt Suetonius, vita Galbae 
cap. 22. 

Jladrian, Romischer Kaiser (117 — 138), friedliebender. treff- 
licher Regent von hohem Knnstsinn. Seine leidenschaftliche Liebe zu 
dem schonen bithynischen Jiingling A n t i n o u s , der sich freiwillig 
fiir den Kaiser opferte, wurde immer wieder von Poesie und bildender 
Kunst dargestellt. Nachweise : Spartianus, Leben des Hadrian, 
oap. 14. 

Hamilkar, Hasdrubal, Hannibal, die drei tapfersten 
Feldherren Karthagos, von denen zumal der letzte durch seine Klug- 
Leit und Tapferkeit weltberiihmt wurde, mit der er Rom jahrelang 
in Angst erhielt. Ihre homosexuellen Neigungen bezeugten N e p o s im 
Lebeu Hamilkars cap. 3 u. Livius. Hannibal war der Liebling 
seines Schwagers Hasdrubal. 

Harmodios und Aristogeiton, beriihmtes Freundespaar 
in Athen, die im Jahre 514 v. Chr. den Tyrannen Hip parch us er- 
mordeten. Bis in die spateste Zeit wurden sie als Befreier Athens 
gepriesen, denen man (erhaltene) Bildsaulen setzte, und die man in 
Liederu feierte. Der sinnliche Charakter ihrer Freundschaft ergibt 
sich unzweifelhaft aus T h u k v d i d e s VI 54. 



Digitized by VjOOQIC 



653 

Heliogabalus, Sonnenpriester zu Emesa in Syrien, romischer 
Kaiser (218 — 22 n. Chr.). Von seinen homosexuellen Liisten berichtet 
u. a. Lampridius im Leben des Heiiogabalus cap. o (deutsch 
im Hermaphroditus, p. 234). 

H i e r o n , Konig von S yrakus. liochherziger edler Fiirst, Be- 
schiitzer der Kiinste und AVisseuschaften ; von Pindar gefeiert ; 
an seinem Hofe verkehrten die beriihmtesten Dichter der Zeit, 
Aeschylus, Simonides, Bakchylides. Cber seine Homo- 
sexualitat sind wir durch Xenophon eingehend unterrichtet (Hieron, 
cap. 1, 29 ff.). Der bekannteste seiner Lieblinge hieB Dailochos. 

Ilippothales und Lysis, die Helden des Platonischen Dia- 
loges „Lysis", in dem gezeigt wird, wie der Altere seinen Liebling 
gewinneu und ihn sittlich veredeln kann. 

H o r a t i u s , Q. Placcus, gefeierter romischer Dichter (65 — 8 v, 
Chr.), Freund des Augustus und Maecenas. Seine auf uns gekommenen 
Werke sind neben heterosexuelleu reich an personlichen und unperson- 
lichen homosexuellen Episoden. 

Ibykus aus Rhegium (um 550), beriihmter Dichter, hiefi im 
Altertum wegen seiner unbandigen Leidenschaft fiir schone Jiin^linge 
^^EQoyTOfiaviaxaKx; jttQt xa ftetgdxia^^. Seine Poesie gait nur diesen. Lieblinge : 
Euryalus, Gorgias. Reste seiner Dichtung bei B e r g k Bd. Ill 
S. 638 ff. 

Kallimachos aus Kyrene (um 310 — 240 v. Chr.), bedeu- 
tender griech. Dichter, namliaftor Padagog und Grammatiker, hervor- 
ragender Mitarbeiter an der beriihmten Bibliothek zu Alexandria. Uber 
seine padophile Poesie Jahrbuch Bd. IX, zumal S. 264 ff. 

Kleomenes (255 — 220 v. Chr.), einer der edelsten Manner der 
alten Geschichte, beriihmter Ilorrscher von Sparta, „der geborene 
Herrscher und Konig" (Polyb. V 39). In seiner Jugend war er der 
Liebling eines Xenares ; spiitor liebte er den P a n t e u s , den „sch6n- 
sten und mutigsten Jiingling in Sparta". Nach dem freiwilligen Tode 
des Kleomenes gab sich auch P a n t e u s den Tod. Nachweis : 
Plutarch, Leben des Kleomenes, cap. 3. 37. 38. 

K r i t i a s , der bedeutendste der sogenannten dreiCig Tyrannen, 
die nach dem Peloponnesischen Kriege die Ilerrschaft iiber Athen 
fiihrten. Am bekanntesten ist seine Liebe zu dem schonen E u t h y - 
demos ; iiber die starksinnliche Seite dieser Liebe ist nach der von 
Xenophon (mem. 12, 29 f.) erziihlten Geschichte kein Zweifel 
moglich. 

Likymnios aus Chios (4. Jahrh. v. Chr.), namhafter griechi- 
scher Lyriker; feiert die Liebe des Hypnos und Endymion sowie dea 
Hymenaios zu Argynnos. Nachweise: Jahrbuch Bd. VIII S. 058. 

L u k i a n o s (2. Jahrh. n. Clir.), namhafter Schriftsteller. Seine 
Werke sind eine Fundgrube fur die Frage der Padophilie. Nachweis: 
Christ S. 738 ff. 

L y k u r g o s , der groBe Gesetzgeber Spartas, einer der groBten 
Staatsmanner aller Zeiten (um 800 v. Chr.), erkliirte in seinen Gesetzen, 
auf denen die sprichwortliche Tiichtigkeit der Spartaner beruht, dafi 
„niemand ein tiichtiger Biirger sein konne, der nicht einen Freund im 
Bette habe". Nachweise: cfr. Hermaphroditus, S. 235. 

Martialis, Marcus Valerius aus Bilbilis in Spanien, bedeu- 
tender Satiriker (zirka 40 — 102 n. Chr.). Seine geistspriihenden Epi- 
gramme, die das soziale Leben Roms in all seiner Nacktheit schildem, 
sind eine unerschopfliche Fundgrube fiir die Erkenntnis der Selbst- 
verstandlichkeit und ungeheuren Verbreitung der Paderastie im da- 
maligen Rom. 

Meleagros aus Gardara (letztes Jahrhundert v. Chr.), 
namhafter griech. Dichter ; begeisterter Verehrer der Jiinglingsschon- 
heit; 37 Gedichte an schone Knaben sind erhalten; sie sind analysiert 
und zum groBten Teil iibersetzt im „ Jahrbuch" Bd. IX S. 248 ff. Unter 
Beinen zahllosen LiebUngen nimmt M y i s k o s die erste Stella ein. 



Digitized by VjOOQIC 



654 

M € n o n , thessalischer Soldnerfiihrer im Zuge des jungeren Kyros 

fegen Artaxerxes (401 v. Chr.)- Homosexuelles Verhaltnis zu Tharypas 
ezeugt Xenophon (anab. II 6, 28). 

Minos, beriihmter prahistorischer Gesetzgeber auf Kreta, fiihrte 
angeblich die Mannerliebe dort ein und sanktionierte sie, iim der 
Ubervolkerung vorzubeugen. Quelle : Aristoteles de republ. II 10, 
p. 1272 Bekk. 

Nero, Romischer Kaiser, (54 — 68 n. Chr.). LieB sich u. a. den 
jungen S p o r u s durch Heiratszeremonie antrauen und verlangte, daD 
man ihn offiziell als seine Gemahlin anerkenne ; lebte mit dem spa- 
teren Kaiser O t h o in sexuellem Verkelir (S u e t o n , vita Othonis 
cap. 2). Quelle : Suetonius, vita Neronis, cap. 28. Tacitus, 
poinales XV 37. 

N e r V a , Marcus Cocceius, Komischer Kaiser (96 — 98 n. Chr.). 
Seine homosexuellen Neigungen ervvahnt H e 1 p m a n n p. 44. 

Nikomedes, Konig von Bithynien. Sein Lustknabe war kein 
geriugerer als C. Julius Caesar, der spatere Herrscher der da- 
maligen Welt. Nachweise ausfiihrlich bei S u e t o n , vita I)vi luli 
cap. 49. Hermaphroditus S. 231. 

Orpheus, Sanger aus Pieria in Thrakien in vorhomerischer Zeit. 
Wird von ekstatischen Frauen zerrissen, weil er sie verschmahte und 
mit Jiinglingen verkehrte. Nachweis: Ovid, metam. X 148 ff. 

O t h o , Marcus Salvius, Romischer Kaiser (69 n. Chr.) ; ehemaliger 
Liebling Neros (s. d.) ; seine feminine Natur bezeugt Suetonius, vita 
Othonis cap. 12. 

O V i d i u s , Publius Naso, beriihmter romischer Dichter und Ero- 
tiker (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.). Sein Hauptwerk, die Metamorphosen^ 
sind reich an padophilen Episoden. Er selbst huldigte der Frauen- 
liebe, wenn er auch gesteht, sich auch an Knaben zu erfreuen (ars 
amatoria II 683). Nachweise in Brandts Ausgabe der Ars ama- 
toria (Leipzig 1902), Seite 254 unter Knabenliebe und in Brandts 
Ausgabe der Amores (Leipzig 1911) S. 236 unter Knaben und Knaben- 
liebe. 

Parmenides von Elea, zweiter groBer Philosoph der eleati- 
schen Schule, liebte seinen Schiiler Z e n o. Nachweis bei P 1 a t o n. 

Pausanias aus Sparta, der beriihrate Sieger von Plataa (479 
V. Chr.). Von seinem Liebling A r g i 1 i u s und der starksinnlichen 
Art ihres Verhaltnisses erzahlt N e p o s im Leben des Pausanias 
cap. 4, 1. 

Pausanias, geistreicher Athener von feinster Bildung und 
Hnmanitat ; besonders bekannt durch die glanzende Rede, die er 
in Platons „Gastmahl" zum Preise des Eros halt. Unter seinen zahl- 
reichen Lieblingen nimmt die erste Stelle der schone A g a t h o n 
(vgl. Euripides) ein. Hauptquellen : P 1 a t o n , Gastmahl ; Pla- 
ten, Protagoras p. 315 e. Xenoph. symp. 8, 32, wo er seine Meinung 
ausfiihrlich darlegt, daB durch paderastische Verhaltnisse die kriege- 
rische Tiichtigkeit gesteigert wurde. 

Petronius Arbiter, beriihmter Schriftsteller Roms (gest. 66 
n. Chr.). In seinem umfangreichen Roman, von dessen zwanzig Bii- 
chern nur Triimmer erhalten sind, spielt die Jiinglingsliebe in alien 
ihren Formen eine solche Rolle, daB man mit ihrer Schilderung be- 
quem ein groBeres Buch fiillen konnte. 

Phanokles, beriihmter griechischer Dichter des dritten Jahr- 
hunderts v. Chr. Dichtete einen Elegienkranz "EQcoxsg rj >eaXot\ in dem er 
die Liebe zu schonen Jiinglingen an Beispielen aus der Welt der Getter 
und Heroen in gliihenden Farben besang. Erhalten ist der Abschnitt 
von der Liebe des Orpheus zu dem schonen K a 1 a i s , die seinen 
tragischen Tod zur Folge hatte (vgl. Orpheus). Franz G u s e - 



Digitized by VjOOQIC 



655 

th i li 1 , Geschichte der griechischen Literatur in der Alexandriner- 
zeit 2 Bande. Leipzig 1891. 1892. 

Pheidias aus Athen, gefeierter Bildhauer und einer der groBten 
Kiinstler aller Zeiten. Schopfer des olympischen Zeus und vieler an- 
derer Meisterwerke. Die Statue eines schonen Jiinglings, der sich 
die Kopfbinde (ratyia), anlegt, stand in Olympia; in ihr erkannte 
man seinen Liebling Pantarkes aus Elis. Nachweise : Pausanias V 
11, 3. 

P h i 1 i p p 8 , Konig von Mazedonien, Vater Alexanders des 
G r o B e n. Er fiel von der Hand des Pausanias, den er ver- 
gewaltigt hatte. Nachweise: Hermaphroditus S. 231. 

Philostratos (2. Jahrh. n. Chr.), angesehener griechischer 
Schriftsteller. Von ihm haben wir eine Anzahl anmutiger Liebesbriefe 
an schone Jiinglinge. Nachweis und tJbersetzung von 21 dieser Briefe 
in Anthropophyteia Bd. VIII, S. 216 f f. 

Pindaros aus Theben, (522 — 442 v. Chr.), groBter und 
gowaltigster aller griechischen Lyriker; seine Epinikien (Liebeslieder) 
sind voil der Verherrlichung pueriler Schonheit. Er erklart das Ver- 
schwinden des P e 1 o p s als einen Raub durch Poseidon, der sich 
in den Jiinglin^ verliebt hatte. Lieblinge : A g a t h o n und zumal 
Theozenos, m dessen Armen er hochbetagt im Theater zu Argos 
starb. Auf ihn hat er kostliche Lieder gedichtet; ein Fragment ist 
erhalten, es gilt als eines der vollendetsten Liebeslieder in griechischer 
Sprache. Nachweise : Jahrbuch Bd. VIII S. 652 f f . 

Platon aus Athen (427 — 347), beriihmter Philosoph und 
Schriftsteller. Schiller des Sokrates. Griindet nm 386 in Athen die 
bekannte Philosophenschule, „die Akademie". Das Thema der Knaben- 
liebe kehrt teils episodisch, teils in breiter Ausfiihrung an sehr zahl- 
reichen Stellen seiner Schriften wieder. Unter seinen Lieblingen, 
die er in Gedichten verherrlicht, sind namentlich zu nennen A g a - 
thon, Dion, Alexis, Aster. Nachweise : Jahrbuch Bd. VlII 
S. 635. Christ 422 ff. 

Polykrates, Herrscher von Samos (gest. 522 v. Chr), hielt 
sich einen Hofstaat der allerausgesuchtesten Edelpagen; seine Eifer- 
sucht auf die Lieblinge des Anakreon. Errichtet im Junotempel 
eine Statue seines Lieblings Bathvllus. Nachweise : Jahrbuch Bd. 
VIII S. 642 ff. 

Propertius, Sextus, gefeierter romischer Dichter (49 — 15 v. 
Chr.). Auch bei diesem Verkiindiger der weiblichen Liebe fehlt die 
homosexuelle Komponente nicht; man vergleiche folgende Stellen seiner 
Werke (Ausgabe von Roths te in): I 20. II 4, 17 ff. II 30, 30. 
II 34, 73. Ill 7, 21 ff. IV 8, 25 ff. 

Rhianos aus Kreta (drittes Jahrhundert v. Chr.), Aufseher 
in einer Knabenringschule, nicht ungewandter Poet. Seine piidophilen 
Dichtungen im Jahrbuch Bd. IX (S. 267 ff.). 

Sokrates aus Athen (469 — 399 v. Chr.), bekannter Philosoph, 
vom Delphischen Orakel als der „weiseste aller Sterblichen" erklart, 
begeisterter Verehrer der Jiinglingsschonheit. Sein Liebling der 
fichone Alkibiades; doch lehnte Sokrates die sinnliche Betati- 
^ gung ab und verwarf sie auch bei anderen im UbermaB, wie des- 
gleichen das Obermafl der heterosexuellen Liebo. Ilauptquellen : Pla- 
ton und Xenophons philosophische Schriften. 

Solon aus Athen (um 640 — 560 v. Chr.). Bcriilimter Staatsmann 
und Gesetzgeber; einer der sieben Weisen des Altertums. Gefeierter 
Dichter, der die Jiinglinge unter die erstrebenswerten Tdeale eines 
gliicklichen Mannes rechnet. Organisiert in Athen die Jiinglingsliebe 
durch staatliche Gesetze, welche sie fiir die Sklaven beschranken und aJs 
Reservatrecht des freien Atheners bestimmen. Bostraft Verfiihrung 
Minderjahriger und Kuppelei. Reste seiner Dichtungen bei Bergk, 



Digitized by VjOOQIC 



656 

Bd. II. Das Gesetz iiber die Paderastie : P 1 u t. amat. cap. 4 ; vit. Sol, 
cap. 1. Nachweise: Jahrbuch Bd. VIII, S. 627 f. 

Sophokles (496 — 406 v. Cbr.), beriihmter griechischer Tra- 
giker. Tanzt als 163ahriger Knabe bei der Siegesfeier der Schlacht von 
Salamis im Chor der Knaben. Im Kriege mit der Insel Samos (441 bis 
439) ist er Feldherr der Athener. Freund und Schiitzling des groBen 
Staatsmannes Perikles und des Geschichtsschreibers H e r o d o t. 
443 — 442 war er Hellenotamias, d. h. Schatzmeister der Kasse des atti- 
schen Seebundes. Auch ein priesterliches Amt hat er bekleidet. All- 
seitig geriihmt wegen seiner Liebenswiirdigkeit. War verheiratet; 
Vater des spateren Dichters J o p h o n. Liebe zu Epheben und Umgang 
mit ibnen einwandfrei und mehrfach bezeugt. Lieblinge: der schone 
Knabe von Chios ; der von Athen ; Demophon, Smikrines. 
Nachweise : Athen. XIII, 582 e f f. Jahrbuch Bd. VIII 632—634. 

Stesichoros aus Ilimera (um 640 — 555), groCer und un- 
gemein vielseitiger Dichter ; von ihm werden auch jtaideia (Lieder auf 
schone Jiinglinge) bezeugt. Nachweise: Jahrbuch Bd. VIII S. 652. 

Straton aus Sardes, namhaf ter griechischer Dichter zur 
Zeit Pladrians. Er veranstaltete eine uns erhaltene Sammlung von 
Gedichten auf Jiinglinge. Die Sammlung umfal3t 258 Gedichte ; Stra- 
ton selbst hat 94 Gedichte beigesteuert ; auCer ihm sind neunzehn 23) 
andere Dichter vertreten ; 35 Gedichte sind ohne den Namen des Ver- 
fassers iiberliefert. Dieses „hohe Lied des Eros" ist eingehend analy- 
siert und zum groCten Teil iibersetzt im „Jahrbuch" Bd. IX, S. 230 ff. 

Themistokles, beriihmter athenischer Staatsmann, Sieger in 
der Seeschlacht von Salamis (480 v. Chr.). Bekannt ist seine Liebe 
zu dem schonen Stesileos, einem Jiingling von der Insel Keos, 
in den sich auch A r i s t i d e s (s. d.) verliebt hatte. Quelle : Plu- 
tarch, Leben des Themistokles. cap. 3. 

Theognis aus Megara (um 540 v. Chr.). Anhanger der Adels- 
partei bei den inneren Kampfen seiner Vaterstadt. Beriihmter Dichter; 
erhalten sind 388 Verse politisch-moralischen Inhaltes. Die letzten 
160 Verse gelten ganz der Jiinglingsliebe. Hauptliebling : der junge 
adlige K y r n o s , dem das ganze Gedicht gewidmet ist, und dem der 
Dichter Unsterblichkeit durch sein Lied verspricht. Die Verse atmen 
zum Teil gliihende Leidenschaft ; die Gedichtsammlung war lange 
Zeit in Athen Schulbuch. Ausgabe: Bergk Bd. II. Nachweise: Christ, 
S. 130 ff. Jahrbuch Bd. VIII S. 628—631. Bergk = Poctae Ivrici 
graeci recensuit Theodorus Bergk. 3 Bde. 4. Auflage. Leipzig 1882. 

Theokrit aus Syrakus (um 310 — 245), beriihmter Dichter 
(Bukoliker) ; von den dreifiig erhaltenen Gedichten sind acht aus- 
schlieBlich der Jiinglingsliebe gewidmet; auch die andern sind vol! 
padophiler Anspielungen (darunter sehr derb erotische). Nachweise: 
Jahrbuch Bd. VIII S. 660 ff. 

Tiberius, Romischer Kaiser (14 — 37 n. Chr.). Seine homo- 
sexuelle Leidenschaft bezeugt Suetonius, vita Tiberii cap. 44. 

Tibullus, Albius, gefeierter romischer Dichter (54 — 19 v. Chr.). 
Unter seinen tiefen und sinnigen Gedichten finden sich auch die 
Marathuselegien, Gedichte auf den schonen Knaben Marathus, die 
zu dem Schonsten gehoren, was der homoerotischen Muse gegliickt ist 
(das 4. 8. und 9. Gedicht des I. Bandes). Fabricius in seiner Aus- 
gabe des Tibullus (Berlin 1881, S. VIII) nennt sie allerdings die 
widerlichen, ja scheuBlichen Produkte einer loider im Siiden Europas 
damals wie noch jetzt besonders im Oriente heimischen Knabenliebe." 



23) Es ist nicht angiingig, diese neunzehn Dichter samtlich einzeln 
anzufiihren. Dazu kommen noch die zahllosen Dichter homoerotischer 
Gedichte, die in den anderen Biichern der Palatinischen Anthologie uns 
erhalten sind. Auch diese sind analysiert und zum groBten Teil iiber- 
setzt im Jahrbuch Bd. IX S. 213—312. 



Digitized by VjOOQIC 



657 

Titus, Flavius Vespasianus, Romischer Kaiser (79 — 81 n. Chr), 
milder und weiser Herrscher, genannt „die Liebe und Wonne des 
Menschengeschlechtes" (amor et deliciae generis humani). Seine homo- 
sezuellen Neigungen bezeugt S u e t o n , vita Titi cap. 7. 

Trajanus (98 — 117 n. Chr.), Romischer Kaiser, trefflicher Re- 
gent tmd Feldherr. Auf seinem siegreichen Zuge durch den ganzen 
Orient begleitete ihn ein „Padagogium, eine Schar schoiier Jiinglinge, 
die er tags und nachts in seine Anne rief ". Nachweise : Spartianus, 
Leben Trajans. 

Vergilins, Publius Maro, gefeierter romischer Dichter (70 — 19 
V. Chr.). Unter seinen Gedichten ist ein Lied auf den schonen, 
aber sproden Alexis (eel. 2.). 

Cberblicken wir diese Liste namhafter Homosexueller a\is 
dem Altertum, auf der Herrscher wie Agesilaos und Ale- 
xander der GroBe, Feldherren wie Epaminondas und 
Caesar, Staatsmanner wie Lykurgos und Aristidcs, 
Philosophen wie Sokrates und Platon, Dichter wie 
Sophokles und Pindar und von romisehcn Caesaren, neben 
entarteten wie Nero und Heliogabal, die treffliehsten, wie 
Trajan und Hadrian stehen, so dtirfte allein diese Zu- 
sammenstellung gentigen, uns den sicheren Bewe!s zu erbringen, 
da6 ein Volk, das gleichgeschlechtlich empfindenden Personen 
prinzipiell ihre Entfaltungsmoglichkeiten nimmt, sich selbst 
Schaden zufiigt. Dies wird auch durch die nun folgende Zu- 
gammenstellung beatatigt, in der wir alphabetisch geordnet die 
Namen weiterer Personlichkeiten^ die fiir homosexuell gehalten 
werden, bringen. 

Auch hier kann es sich nur um eine A u s w a h 1 handeln, auch 
hier diirften manche, wie Shakespeare u- a. nui- bisexuell emp- 
funden haben, aber auch hier zeigt die Ubersicht derer, die ganz 
zweifellos homosexuell lebten und tiihlten, daB eine Liste verbreche- 
rischer, lasterhafter, kranker oder „minderwertiger" Menscheu auders 
ausschauen wiirde. Von Anfiihruug noch lebeiidor Pcrsonlichkeiten wurde 
selbsverstandlich Abstand genommen; hier moge die Versicherung 
geniigen, dafi auch imter ihnen viele urnisch siud, auf deren Sein uud 
Wirken die Mitwelt sicher nicht leicht verzicliten mochte. paJ3 unter 
den homosexuellen Frauen verhaltnismaCig Beriihmtheiten so viel scl- 
tener sind als unter homosexuellen Mannern, diirfte darin seinen Grand 
haben, daB die auBeren Entwicklungsmoglichkeiten fiir das Weib — 
auch fiir das urnische — im allgemeinen immer viel schwicrigeie 
waren, als fiir den Mann, des weiteren darin, daB der mannliche Ein- 
schlag im Weibe zwar ausreichte, sie iiber ihr Geschlecht hinaus in die 
Hohe eines tiichtigen Mannes, besonders eines scharf denkenden und 
disponierenden Geschaftsmannes, oder eines Abenteurers, auch eines 
Organisators und Politikers zu heben, sie aber selteu dariiber hinaus 
zu der Kraft eines schopferischen Genies auf dem Gobiete der Kunst, 
Technik und Wissenschaf t befahigte. Mit anderen Worten : das z u r 
weiblichen Intelligenz tretende Manulichkeits- 
lua steht in seinem Ge sam t r e s ul t a t dur c h s c hni 1 1 - 
ich dem zur mannlichen Grundlage sich hinzuge- 
sellenden Weiblichkeitsplus an produktiver Gestal- 
tungskraft nach. Es folgen nun die Namen, wobei wiederholt 
bemerkt werden muB, daB nicht alle Quellen ^,ls gleichwertig zu 
Hirschfeld, Homosexualitat. 42 



? 



Digitized by V:iOOQIC 



658 

era ch ten sind. Vorbildlich diirften die in unseren Jahrbuchern ver- 
offeiitiiclien Urniiigsbiograj)hien sein, vvahrend viele Autoren, nament- 
lich Kcrtbeny, Frey, Notthafft, de Joux, selbst Ulrichs iind Moll, 
von Auslandem Burton und Pisanus Fraxi viele Namen ohne Angabe 
von Griinden nennen. Was soil man beispielsweise sagen, wenn auf der 
Liste von Burton Namen wie Napoleon I. und Saint Beuve figurieren. 
Zuverlassiger ist die „Naamlijst** des Hollanders Helpman^^a). Aber 
sowohl unter seinem als auch den hier aufgefiihrten Namen befinden 
sich einige, deren Uranismus zwar von den angegebenen Autoren be- 
hauptet, aber keineswegs bisher ausreichend mit Beweismaterial ge- 
stiitzt wird. Deshalb sind viele Namen wie Karl v, Holtei, Moliere 
und Tasso, von denen Moll sagt, dafi sie „zu den Homosexuellen 
gezablt werden", von mir fortgelassen worden. 

Abn Now&s, beruhmter arabischer Dichter unter H a r u n a 1 
R a s o h i d , der „ Sanger der Kinaden", vgl. dieses Handbuch I, 802 
bis 803. 

A c c o r s o , Franz von, gest. 1292. Beriihmter Florentiner Jurist. 
Vgl. Undine Freiin v. Verschuer. Die Homosexuellen in Dantes 
Gottlicher Komodie. Jhb. VIII S. 355. 

A 1 b e r o n i , Giulio, 1664 — 1762, Spanischer Kardinal und Staats- 
mann im 18. Jahrhundert. Wurde 1720 in Rom wegen seines laster- 
haften Privatlebens vor das papstliche Gericht gefordert; wird als 
homosexuell bezeichnet in den Brief en der Elisabeth Charlotte von 
der Pfalz (in der Bibliothek des Stuttgarter Literarischen Vereins). 
Bd. 88. Vgl. Jhb. XIII. S. 62 u. ff. 

Aldobrandini, Tegghiajo, gehorte zu der gleichnamigen be- 
riihmten Toskanischen Familie; lebte im 13. Jahrhundert. Aufgefiihrt 
bei Dante, Inferno XVI. Gesang, Vers 41, im Zuge der Paderasten. Vgl. 
Undine v. Verschuer 1. c. p. 355. 

Alexander I., Kaiser von RuBland, 1777 geb., regierte seit 
1801 — 1825. Freundschaftliches Verhaltnis zu Eugen Beauharnais und 
M. Armfelt (s. Gustav III.) vgl. A. Moll, Beriihmte Homosexuelle, 
Wiesbaden 1910, S. 63. 

Alex an der VI. (Borgia) eigentlich Rodrigo Lenzuolo, 1431 
bis 1503, ab 1492 romischer Papst. Widmete sich erst dem Kriegs- 
wesen und der Rechtswissenschaft, durch seinen Oheim Calixt III. 
zum Bischof von Valencia und papstlichen Vizekanzler ernannt. Vgl. 
Actius Syncereus Sannazarius, „Epigrammata". , (U n s i c b e r.) 

A 1 1 e r s , bekannter Zeichner. Verf olgung wegen eines homo- 
sexuellen Vergehens in Capri, der er sich durch die Flucht entzog, 
ca. 1902. Seitdem spurlos verschollen. 

Andersen, H. Christian, 1805 — 1873. Beriihmter danischer Mar- 
chendichter. Nachweis seiner Homosexualitat im Jhb. III. S. 203 
durch Alb. Hansen- ;Kopenhagen. 

Anglesey, Marquis of, gest. 1905. Bekanntes Mitglied der 
englischen Aristokratie von femininem Aussehen; imitierte auf Spe- 
zisLlitatenbiihnen Loie Fuller. Vgl. D ii h r e n , Englische Sittenge- 
schichte Berlin 1912. II. Bd. S. 49. 

Anna Leopoldowna von Braunschweig- Wolfenbiittel. 
Homosexuelles Verhaltnis mit Juliane von Mengden. Vgl. Stern, Ge- 
schichte der offentlichen Sittlichkeit in RuBland. 

A n s b a c h , Alexander, letzter Markgraf "von Bay rent h. Vel. 
Vehse, Geschichte der deutschen Hofe seit der Reformation Bd. 40. 
S. 157. Hambuig 1857. (Unsicher.) 

A r n o u 1 d , Sophie, 1744 — 1803, beriihmte franzosische Schau- 
spielerin und Opernsiineerin, vgl. La nouvelle Sapho ou histoire de la 
secte anandryne, publiee par la C. R. Paris 1791 und spater. 



23a) Vgl. De Neigung tot het eigen Geslacht. (Baarn.) p. 41 ff. 

Digitized by VjOOQIC 



659 

Andlegh, Mervin, bekannter Lord, wurde 1631 wegen homo- 
sexuelleu Verkehrs mit seinem Diener hingerichtet. Vgl. D ii h r e n , 
Englische Sittengeschichte Berlin 1912 II, 11. 

August der Gliickliche, von Gotha und Altenburg, 1772 
bis 1822. Stammvater des gegenwartigen Hauses in Deutschland und 
England. Sehr femininer transvestitischer Bisexueller ; vgl. Das Quellen- 
material von B^arsch im Jhb. Bd. V, S. 616 und 693. 

Augustinus, Aurelius, 354—430 aus Tagaste in Numidien. 
Heiliger und christlicher Kirchenlehrer. Vgl. David und der Heilige 
Augustinus, zwei Bisezuelle Jhb. II. Bd. S. 289 ff . und Augustinus, 
Confessiones lib. IV. 

Bacon, Francis, Lord Verulam and Saint Albans, 1561 — 1626, 
Philosoph, Dichter, auch Eanzler unter Konig James I* Viele glauben, 
dafi er die Schauspiele, welche Shakespeare zugeschri^ben sind, auch 
die Songtte und andere Gedichte, ceschrieben hat. In jungen Jahren 
war seine Homosexualitat bekannt, oesonders seine Vorliebe fiir schone 
Diener etc. Vgl. „Is it Shakespeare?" by a Graduate of Cambridge. 

Bang, Herman, benihmter danischer Dichter, 1868 — 1912. Vgl. 
das Lebensbild von Hans Land in „Vierteljahrsberichten" III. Jahrgg. 

&335ff. Ein nachgelassenes Manuskript, worin er sich iiber die 
omosexualitat auBert, und von dem er bestimmte, dai^ es nach sei- 
nem Tode veroffentlicht werde, wird von seiner Familie und seinem 
Testamentsvollstrecker (Peter Nansen) noch immer der Offentlichkeit 
vorenthalten. 

Barbarigo, Marco, 1486 geb. Venetianischer Nobile. Bekannt 
durch sein homosexuelles Freundschaftsbiindnis mit Francesco Tre- 
visauo. Vgl. Frey, Eros und die Kunst S. 142. (Unsicher.) 

Barnefield, Richard, 1574—1627. Englischer Dichter. Von 
seinem Leben ist wenig bekannt, aber aus seinen Gedichten, besonders 
„The affectionate Shepheard" und „Cynthia" geht eine unverkennbare 
Liebe zu schonen Jiinglingen hervor. Vgl. „The complete poems of 
Ricbard Barnefield" ed. by B. Grossart, London 1876. Havelock- 
Ellis, Studies of the Psychology of Sex. S. 23. Philadelphia 1901. 

B a z z i , Giovanni Antonio, genannt „il Sodoma", 1477—1549. Be- 
ruhmter Maler der Renaissance. Von Mit- und Nachwelt, worauf auch 
der Beiname hinweist, als homosexuell betrachtet. Vgl. Biographic von 
Elisar von Kupffer Jhb. IX. p. 71 ff. 

Beckford, William, 1769—1844. Englischer Schriftsteller und 
Millionar. Schrieb unter dem Pseudonym „Lady Harriet Marlow". Be- 
kannter Weiberfeind. Seine Schriften hatten groBen EinfluB auf Byrons 
Dichtungen. Vgl. Diihren, Engl. Sittengeschichte, Berlin 1912, Bd. II, 
S. 24. 

Benedikt IX. Romischer Papst von 1033 — 1046. Cberaus femi- 
niner Uming. Seines lasterhaften homosexuellen Verkehrs halber ent- 
setzt. Vgl. L. Frey, Eros u, die Kunst. 

Blavatzky, Helena Petrovna, 1831—1891. Bekannte Theo- 
sophin, Tochter des Generals von Hahn. AuBerst mannlicher Cha- 
ra&ter. Nannte sich „Jack", wahrscheinlich bisexuell. Vgl. Hans 
Freimark, Helena Petrovna Blavatzky. Leipzig. 

Bolle, Dr. Karl, gest. 1909. Bekannter Dendrologe. Bekannte 
sich selbst als hdmosexuell. In seiner Jugend Freund Alexandef 
von Humboldt s. 

Bonfadio, gest. 1691. Bekannter Geschichtsschreiber. Wegen 
homosexueller Liebe in Genua verbrannt. Vgl. Jhb. VII, p. 44 ff. 

Bonneval, Claude, Alexander, Graf von, spater Achmed Pascha, 
1676 — 1747. Abenteurer, der sich im Tiirkenkrieg unter Prinz Eugen 
auszeichnete. Trat 1729 zum Islam iiber. Vgl. Jahrb. VII S. 44 f. 
und Vandal, Une embassade frangaise sous Louis XV. Paris 1887. 

42* 



Digitized by VjOOQIC 



660 

B o n h e u r , Rosa, 1822 — 1899. Beriihinte franzosische Tier- und 
Landschaftsmalerin. Virile Transvestitin. Vgl. Jhb. II. 

Bouillon, Kardinal von, Eberhard von der Mark, Erzbischof 
von Valencia. Beriihmt zur Zeit K a r 1 s V. Vgl. Jahrbuch VII, S. 44. 

Branciforte, von, Papstlicher Nuntius, vgl. D ii h r e n , Mar- 
quis de Sade, Berlin 1904. 

B r ii h 1 , Heinrich von, 1700 — 1763. Minister August des III. von 
Sachsen und Polen, nach ihm die Briihlsche Terrasse in Dresden. Vgl. 
V e h s e , Geschichte der deutschen Hofe seit der Reformation. 33. Bd. 
Hamburg 1854 p. 139 und 3G7 und Notthafft, 1. c. II. Band 
p. 558. 

Bruno, Giordano, 1548 — 1600., Beriihmter freigeistiger Philosoph. 
Seine Veranlagung kam als erschwerendes Moment in dem zu 
seiner Verbrennung fiihrenden Prozel3 in Betracht. Vgl. L. F r e y , Eros 
und die Kunst p. 146. (Unsicher.) 

Bulthaupt, Heinrich, geb. 1849, Schriftsteller, Bibliotheka^ 
in Bremen. Erwahnt von M e i s n e r in „Uranismus" p. 16. 

Byron, George Gordon Noel, Lord, 1788—1824. Bisexuell. Vgl., 
Byrons Jugendgedicht „Hours of idleness" und den Brief Shelleys an 
Peacock (1818) (s. Vierteljahrsberichte des W.-h.-K. HI. Jahrgang. 
p. 298 — 299. Auch Morris' „Life of Byron" und Byrons „ Journals." 
Und Xavier Mayne, „The intersexes" p. 167 ff. und p. 356 ff., wo er 
scbreibt: ,, Byron was greek in his intellectual and sexual nature, he 
was Englishman by birth, but Athenian by heart." 

Oagliostro", Alexander Graf von, 1743 — 1795. Erwahnt von 
Kertbeny in Jhb. VII. p. 44 f. 

Cambac6res, 1753 — 1824, Kanzler des I. Kaiserreiches unter 
Napoleon I. Urheber des Code Napoleon. Vgl. Jhb. VII, 44 ff. ; vor 
allem Jhb. XIII : Dr. Numa Pratorius, „Cambac^res" p. 22 ff. 

Casa, Giovanni della, 1503 — 1556. Italienischer Dichter, der 
Plato und Aristoteles iibersetzte und die hochsten geistlichen 
Wiirden erlangte (Erzbischof von Benevent und papstlicher Nuntius). 
Soli angeblich ein Gedicht verfaBt haben „In laudem Sodomiae". Vgl. 
E. V. Kupffer 1. c. p. 96 und 201. 

Castlereagh, Robert Stewart Viscount of (spater Marquis 
of Londonderrv) 1769 — 1822. Kriegsminister wahrend der englischen 
Kriege gegen Napoleon. Beging Selbstmord, um einer Rotte von Er- 
pressern zu entkommen (nach Pavia). 

Cellini, Benvenuto, 1500 — 1571. Beriihmter italienischer Bild- 
hauer, vgl. seine von Goethe iibersetzte Autobiographic, wo er auf seine 
homosexuellen Neigungen zu sprechen kommt, bes. Buch I, Cap. IV ; 
Buch 111, Cap. VII; Buch IV, Cap. Ill und VIII. 

Changarnier, de, 1793 — 1877. Franzosischer General, Gou- 
verneur in Algerien. Nach den Selbstbekenntnissen seines Freundes, 
des Divisionsgenerals de Lamoricidre bei A. H a m o n d „La France 
sociale et politique" homosexuell veranlagt. 

Chauffeurs, Etienne Benjamin de, gest. 1726. Edelmann aus 
Lothringen. Hingerichtet wegen „schandlicher Unzucht". Vgl. M^moires 
des Sanson ; mis en ordre, redig^s et publies par H. Sanson, ancien 
ex^cuteur des hautes oeuvres de la cour de Paris. Paris 1863. 

Christian VII., Konig von Schweden, Norwegen und Dane- 
mark, 1749 (Konig seit 1766) bis 1808. Bekannt seiner Palastre volution 
wegen und durch die Gefangennahme seiner Frau Karoline Mathilde 
von England. Schon als Kronprinz homosexuelles Verhaltnis mit einem 
Pagen S p e r 1 i n g und seinem Kammerdiener Kirchhoff. Aul3er- 
dem homosexuelle Beziehungen (als Konig) zu Brabdt und dem Grafen 
Hoick. Spater von seiner Gemahlin geschieden. Vgl. August Fjel- 
s t r u p , JEhescheidungsprozeB zwischen Konig Christian VII. und 



Digitized by V:iOOQIC 



661 

Konigin Karoline Mathilde nach nduei^ bisher anveroffent- 
lichten Urkunden zusammengestellt, Berlin o. J. 

Christine, Konigin von Schweden, 1626—1689, Tochter GrU- 
stav Adolf 8. Bekannt durch ihr mannliches Auftreten tlnd tranS" 
Vestitisohe Gewohnheiten. Kameradschaftliche Verhaltnisse mit Man- 
nern, wies alle Freier ab. Homos exuali tat aus dem negativen Verhaltexi 

tegeniiber dem mannliohen Geschlechte ihrer starken Virilitat und 
er Freundschaft zu der Graf in Ebba Sparre gefolgert. Vgl. 
Jtb. Vltl. Hochstetter, und deten Quellen, and Briefe der Eli- 
sabeth Charlotte von der Pfalz vom 28. Nov. 1719. 

CI air on, Louise, 1723—1803. Eigentlich: Claire Josephe Hip- 
polytft Legris de la Tude, beriihmte frz. Schauspielerin, vgl. M^moires 
secrets pour servir k Thistoire de la R6publique des lettres vom 11. Juli 
1774 und Pierre Pic, Les heures libres 2e s6rie Paris 1910 p. 263; 
und „La nouvelle Sapho" Abdruck aus dem beriihmten Erotikon 
,,L*e8pion anglais" (auch ins Deutsche iibersetzt). 

C o n d 6 , der GroBe, 1621 — 1686, beriihmter franzosischer Feld- 
herr, vgl. Pisanus Fraxi, Centuria librorum absconditorum, Lon- 
don 1879, ]p. 41L 

Gonti, Prince Louis Armand de, 1695 — 1727, natiirlicher Sohn 
von Francois Louis, vgl. Jhb. VII. p. 44 ff. und H. M i c h a e 1 i 9 
Vierteljahrsberichte des W.-h. K. IV. S. 77. 

Cordoba y Aguilar, Gonzalo Fernandez de, 1443 — 1616. Her- 
vorragender spanischer Heerfiihrer. Vgl. Joannis Meursii Ele- 
gantiae latini sermonis Colloquium VII. p. 122. 

Cornbury, Lord, englischer Gouverneur des Staates New York 
unter der Konigin Anna, vgl. D ii h r e n , Englische Sittengeschichte, 
Berlin 1912, Bd. II S. 49. 

Correggio, Antonio da, 1494—1534. Italienischer Maler. Vgl. 
Jager Jhb. II. 85. (Unsicher.) 

Cumberland, Ernest Augustus, Herzog von, 1771 — 1857, Bruder 
des Konigs Georg III. Er hatte ein Liebesverhaltnis mit einem Diener 
und totete oder lieB einen zweiten Diener, der davon wuBte, toten, um 
Erpressungen vorzubeugen. Dies im Jahre 1810. Vgl. D ii h r e n , Engl. 
Sitteng. IT. Bd. S. 39. 

Cygnaeus, Frederik, finnischer Universitatslehrer und Redner 
1807 — 1881. Homosexuell laut miindlichen Uberlieferungen. 

Desgouttes, Franz, Advokat in Bern, Dr. der Rechte. Hin- 
gerichtet, well er seinen Liebling Daniel Hemmeler ermordete. 
&ab dadurch AnlaB zu Hosslis „Eros". Biographic von Karsoh im 
Jhb. Bd. V, 1. p. 557. 

Dubois, Guillaume, 1656 — 1720. Kardinal und Minister. Elisa- 
beth Charlotte von der Pfalz schreibt in ihren Briefen, daB er einen 
kleinen Favoriten gehabt habe. Vgl. M i c h a e 1 i s Jhb. XIII. p. 62 ff . 

Duquesnoy, J6r6me, 1612 — 1654. Beriihmter flamischer Bild- 
hauer. Seiner Homosexualitat wegen 1654 in Gent verbrannt. Vgl. 
Biographic von Eeckhoud, in Jhb. II, p. 277 ff. und Ph. Baert, 
M6moires sur les sculpteurs et architecteS des Pays-Bas ; und Bulletin 
de la Commission royale d'histoire. Bd. XIV. S. 76. 

Edward IL, Konig von England 1284—1327. Seine leidenschaft- 
liche Liebe ziun adligen Piers Gaveston wurde sein .Untergang. Er 
wurde auf schreckliche Weise (man fiihrte ein gliihendes Rohr in 
seinen Anus und ziindete seine Eingeweide an) in SchloB Carnarvon 
in Wales ermordet. Vgl. D ii h r e n , Engl. Sittengesch. II. ; T^ F r e y 
Eros und die Kunst p. 153 und H. Prutz, Staatengeschichte des 
Abendlandes im Mittelalter von Karl dem GroBen bis auf Maximilian, 
2. Bd. Bin. 1887, p. 218 und „Gehcime Geschichte der Lieblinge der 
Fiirstcn**. 2. Teil, Leipzig 1795, S. 188. 

Eugen, Prinz von Savoyeu, 1663 — 1736. Beriihmter Feldherr in 
den Tiirkenkriegen, 'genannt „Prinz Eugen, der edle Bitter", nach Vehse, 



Digitized by VjOOQIC 



662 

Gesohichte der deutschen Hofe seit der Reformation, 12. Band, Ham- 
burg 1852, S. 259, wurde er in Paris Madame Sim one und Madame 
Cansienc genannt und als passiver Paderast bezeichnet. 

Eueton, Earl of, englischer Aristokrat, war 1889 in der Cleve- 
land Street Affaire verwickelt. Vgl. Duhren, Engl. Sittengesch. 
II, 43. 

Fahrenbeid-Beynuinen, von, bekannter Kunstliebbaber, 
der seine Besitzung in OstpreuBen durcb Kunstsammlungen, die dem 
Publikum zuganglich sind, zu einer iiber die Provinz hinaus bekannten 
Sebenswiirdigkeit gestaltete. Seine Horn osexuali tat war in den Kreiscn 
Gleichveranlagter kein Gebeimnis. Freundscbaft mit v. Salpius. 
Gemeinsames Grabdenkmal mit v. Fabrenbeid. 

Farnese, Pietro Luigi, 1503 — 1547. Natiirlicber Sobn des Pap- 
stes Paul III., von diesem legitimiert und zum Herzog von Parma und 
Piazenza gemacbt. In Piazenza ermordet, weil er angeblicb dem scbonen 
Biscbof von Farnya Gewalt antun wollte. Vgl. Affio, Vita di Pierluigi 
Farnese, Mailand 1821. 

Findlater, Earl of, der Letzte eines schottiscben Adelsge- 
scblecbts, starb 1820. Ober seine Homosexualitat vgl. die naberen 
Angaben bei D ii b r e n , Engliscbe Sittengescbicbte II, 37 — 38. 

Fitzgerald, Edward, 1809—1833. Engliscber Scbriftsteller, 
besonders Ubersetzer aus dem Orientaliscben. Zweifellos bomosexuell. 
Hatte unter anderen ein inniges Verbaltnis mit einem scbonen Fiscber. 
Vgl. Fitzgerald, „Life and letters" 2 vols. ed. by Aldis Wrigbt. 

Fletcber, Jobn, 1679—1626. Engliscber Biibnendicbter. Hatte 
ein durcb viele Jabre dauerndes Liebes verbaltnis mit dem mannlicberen 
Francis Beaumont, mit dem zusammen er viele Stiicke dichtete. Vgl. 
auch Beaumont in „Cbambre*s Biograpbical Dictionary". 

F o o t e , Samuel, 1720—1777. Engliscber Biibnenscbriftsteller und 
Komiker. Er war besonders groBartig in seiner Darstellung alter Wei- 
berrollen. 1776 wurde er von einem Bedienten wegen eines wider- 
natiirlicben Angriffs (criminal assault) angeklagt, jedoch freige- 
sprocben. Vgl. Walter Sichels Biograpbie von S. T. Foote und den 
Artikel iiber ibn in „ Dictionary of national biograpby". 

F r i e d r i o b I., Herzog von Osterreicb, gest. 1330. In den Tiroler 
Ciironikeu gescbildert als tapferer und mit vortrefflicben Gemuts- 
gaben ausgestatteter Mann. Vgl. v. M ii 1 1 e r , Gescbicbte schwei- 
zeriscber Eidgenossenscbaften. III. Bd. p. 26 und Anm. 42. 

Friedricb L, Konig von Wiirttemberg, 1797—1816. Vgl. L. 
Freiben* von Wolzogen, Memoiren aus dessen NacblaB mitgeteilt von 
Alfred Freiberrn von Wolzogen. Leipzig 1851, p. 31 ; V e b s e , Ge- 
scbicbte der deutscben Hofe XVI. und L. F r e y , Eros und die Kunst 
8. 239. 

Friedricb II. der GroBe, von PreuBen. 1712—1786. Stand bei 
den Zeitgenossen im Rufe der Homosexualitat. Spottverse, Epi^amme 
des Herzogs von Cboiseul. Abgeseben von Biograpben, bei denen 
man Gebassigkeit vermuten konnte (Voltaire, la vie priv^e, der 
welfiscbe Onno Klopp), sprecben sicb aucb sebr gute und ernst- 
baf te Kenner F.'s Biiscbing, Freyer, Fontane u. a. f iir seine 
Homosexualitat aus. Er selbst bat sicb nicbt nur in seiner Korrespon- 
denz sebr frei iiber die Homosexualitat geauBert, sondern sie aucb 
zum Stoffe eigener Dicbtungen gemacbt (namentlich „Le Palladion" in 
den Oeuvres postbumes). Ob „Les matinees du roi de Prusse par lui 
m§mo**, worin er ganz offen von seiner bomosexuellen Anlage spricht, 
autbentiscb sind, erscbeint fraglicb. Sein Verkebr mit dem weib- 
licben Gescblecbt in jugendlicbem Alter wiirde ebensowenig gegen 
seine bomosexuelle Veranlagung sprecben, wie seine Beziebungen zur 



Digitized by VjOOQIC 



663 

Barbarini, vgl. hieniber Olivier und Norbert, Barbarini Cam- 
panini, eine Geliebte Friedrichs des GroBen. Berlin 1910. Besonders 
wiohtig seine entschieden erotische Korrespondenz mit Fredersdorf. 
Die iiberschwengliche Freundschaft zu Katte und Keyserlingk (Cae- 
sarion) fallt noch in die indifferenzierte Jugendzeit, deshalb weniger 
beweiskraftig. Dagegon ware zu erwabnen sein entschieden feminines 
Wesen, das schon sein Vater des ofteren hervorhebt und viele seiner 
besten Bekannten bestatigen. (U. a. der Arzt Zimmerman n.) 

Georg III. von England und Hannover 1760 — 1820. Intimes 
Verbal tnis mit seinem Kammerherrn Lord Bute. Vgl. Raffalo- 
V i c h , Uranisme p. 228 und Havelock Ellis, Sexual inversion 
II. Bd. p. 21. I 

Georg, Prinz von PreuBen, 1828 — 1902. Schrieb unter idem 
Pseudonym Georg Conrad. Einer der ersten Forderer des wissenschaft- 
lich*humanitaren Komitees. Vgl. Jahrb. V. p. 1298. 

G e r m i n y , Graf von, f ranzosischer Advokat, eine „Koryphae 
der katholischen Partei", wurde am 6. Dezember 1876 in einer Be- 
durfnisanstalt in den Champs Elysees bei einem homosexuellen Akt 
mit einem gewissen C h o u a r d iiberrascht und zu zwei Monaten Ge- . 
fangnis verurteilt. Vgl. Pisanus Fraxi, Centuria libror. abscondi- 
torum. London 1879 p. 435 Anmerk. 

Gleim, Johann, Ludwig, Wilhelm, 1719—1803. Deutscher Dich- 
ter. Leidenschaftlicher Briefwechsel mit Joh. Georg Jacob i. Seine 
Briefe, besonders an Jacobi, waren mit fast weiblicher Zartlichkeit 

feschrieben. „ Gleim war unverheiratet, sein Herz hatte nur fiir die 
'reundschaft Raum." Vgl. Korte, Gleims Leben, Halberstadt 1811 
und Briefe zwisohen Gleim, Wilhelm Heinse und Jacobi, herausgegeben 
von Korte. Ziirich 1806. Cber die psychologische Bewertung seiner 
Briefe vgl. A. Moll, Beriihmte Homosexuelle p. 12 ff. 

Gordon von Khartoum, den Carpenter im ,,Mittelgeschlecht" als 
einen „unserer vortrefflichsten Philanthropen und von urnischem Geiste 
beseelt** bezeichnet hat. Vgl. Carpenter, Mittelgeschlecht, p. 12. 

Gries, Johann, Dietrich, 1775 — 1842. Bekannter Literaturhisto- 
riker in Weimar und Jena, der mit Goethe, Schiller und Herder freund- 
schaftlich verkehrte. Vgl. Frey, Eros und die Kunst p. 261. (Un- 
sicher.) ; 

Grillparzer, Franz, 1791—1872, beriihm tester osterreichischer 
Dramatiker. Wohl bisexuell. Vgl. Hans Rau, Franz Grillparzer und 
sein Liebesleben, Berlin 1904. L. Frey, 1. c. p. 279 und E. von 
Kupffer, 1. c. p. 143. 

Guidoguerra, Feldherr Karls von An jou. Dante erblickt ihn 
ebenfalls im „ Inferno" im Zuge der Paderasten. Vgl. v. Verschuer, 
Jahrb. VIIL S. 356. 

GninceUi, 1240 — 1276. Dantes verehrter Lehrer, den er im 
Inferno in die Paderastenholle versetzt. Vgl. v. Verschuer, Jahrb. 
VIII. p. 365. 

G u s t a V III., Konig von Schweden, 1746 — 1792, homosexuell zu- 
folee zeitgenossischer Memoiren und Briefsammlungen. Er umgab sich 
mit jungen Edelleuten von schonem AuBerem. IJnter diesen seien 
Adolf Fredrik Muell, Johann Aminoff und G u s t a v 
Mauritz Armfelt, alle spater Grafen, genannt. Das Geriicht 
erzahlte von dem Erstgenannten, er sei der richtige Vater des Konigs 
G u 8 1 a V rV. Adolf, da Gustav III. selbst zu geschlechtlichem 
Verkehr mit seiner Konigin nicht fahig war. Armfelt war der 
m9.chtigste dieser Giinstlinge. Der Konig sah ihn zum erstenmal auf 
einer Reise in Spa 1780. Armfelt war damals 22 Jahre alt. 
Gustav III. wurde von dem jungen Mann dermaBen eingenommen, 
dafi er seinen Gunstling in dessen 25. Jahre schon zum Generaladjutant 
und seinem machtigsten Ratgeber bef ordert hatte. Den schonen Arm- 
felt, welcher Finnlander von GelDurt war, finden wir nach dem Tode 



Digitized by VjOOQIC 



664 

G u s t a V s III. und nacli Finnlands Vereinigung mit RuBland, als den 
ijiachtigstcu Giinstling des Kaisers Alexander I. wieder. Vgl. dort. 

Giistav, Prinz von Schweden und Norwegen, Herzog von 
I'PpIand, 1827 — 1852, beriihmt wegen seiner auCerorde at lichen Schon- 
lieit, reich begabt sowohl als Dichter und Komponist ; hatte ein 
ziemlich bekanntea Liebesverhaltnis mit einem Adjutanten, dem Leut- 
nant Bystrom. 

G u s t a V W i 1 h e 1 ra von Mocklenburg-Schwerin, 1851 gestorben ; 
wird von U 1 r i c h s erwahnt. Ulrichs, Ai-gonauticus p. 78. 

IT a f i s , S c h f m s e d - d i n IVI o h a m m e d , geb. zu Anfang des 
14. Jalirhnndcrls in Schiras, gest. 1389. Der groBte Lyriker Persiens ; 
sriuc Gcdichtsammlung ,,Diwan", die zuletzt von F. v. Boden- 
s t c d t iibersetzt wurde. Sie enthalt viele, die Jiinglingsliebe ver- 
horrlichendc Gedichte. Vgl. dieses Ilandb. Bd. I, 803. 

Ila r 1 e y , Eobeit,. Graf von Oxford, 1G61— 1724. Englischer Staats- 
mann und Lordschatzsekreiar. Vgl. Kertbeny, Jahrb. VII, S. 44. 

Heinrich, Prinz von PreuCen, 1726 — 1802, zeigte in seinem 
Geschlochtsleben viel Almlichkeit mit seinem Bruder Friedrich 
d. G r o 13 c n. Lebte in keiner ehelichen Gemeinschaft mit seiner 
G email lin und verheimlichte seine intimen Beziehungen zu seinen 
Migiions nicht. Untcr diescn am bekanntesten Kaphengst und der 
lu^tcri&ch liomosexucllc Sanger Mara. Die Beziehungen zu dem letz- 
teren werden in der Korrespondenz Goethes an Zelter erwahnt. 
Die Hoinosoxualitat H.'s berichtet u. a. Mirabeau. Fontane und 
Vohse beliaiideln sie als etwas Sclbstverstandliches. Auch der homo- 
soxuelle 8clirjftstollor v. Ungern-Sternberg benihrt gelegent- 
lich (lie If«'in(»se::ualiult des Prinzen. Prinz H. war bei seinen liervor- 
jMpciideu 'I'alentcn auf militarischem und kiinstlerisch-literarischem 
(iebit U.' aur<f'rord<-ntlich feniinin, lebte in Rheinsberg ganz seinen Nei- 
gniii;en in j^rulli- ruler Opposition gegen seinen beneideten Bruder, 
A\'eil>erreind und Sonderling zeigte er entschieden Neigung zu Aben- 
(euirn und war unsteten Sinnes. Verhaltnis mit dem 173ahrig|en 
Graicn d e la U o c h e - A y m o n. Friedrich der GroBe soil die In- 
sclirilt an einrm Freandschaftstempel, welchen Heinrich einem seiner 
FreundL* gewidnut hatto, ,, testimonium grati animi", ihn verspottend 
modifizierl haben. indem er die letzte Silbe „mi" durch eine Rosette 
bcdocken lieU. Vgl. Mirabeau, ,,Histoire secrete de la cour de 
I»erlin ou Correspondence d'un voyeur frangais". Tome second 1789 
S. 98 und 131 und ,,Les matinees du Roi de Prusse par lui-m^me", 
Ik-riin 17GG, S. 29. 

Heinrich III., Konig von Frankreich und Polen, 1574 — 95. 
Wegen honi<L,exueller Neigungen sehr bekannt, man nannte seine 
IJegicrung ,.le r^gne des mignons". Ausfiihrliche Biographic von 
Rcimcr, Jahrb. IV. S. 572 ff. Bekanntes Spottbild mit der Inschrift 
„Pars est una i^^»atris, cetera matris habet" u. a., abgedruckt als Titel- 
bild zu Eomers Biographic. 

H e n d r i c h s , Hermann, beriihmter deutscher Schauspieler 
lun die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ging seiner Stellung am Kgl. 
Schauspiellianse eines homosexuellen Abenteuers mit einem Soldaten 
halber verlustig. 

Henriette, Anna von Orleans, 1644 — 1670. Erste Frau P h i - 
1 i p p s V. Orleans (auch homosexuell). Dber ihr Verhaltnis mit der 
Graf in von Monaco vgl. Brief der Elisabeth Charlotte v. d. Pfalz vom 
14. Oktober 1718. 

H e r v e y , John, Lord Ickworth, 1696 — 1743, spielte eine hervor- 
ragende Rollc in der Politik seiner Zeit. Wurde unbarmherzig von Pope 
kaiikiert. der ihn stels „Lord Fanny" nannte. 

ITobart, J^liU, Hofdame unter Karl II. von England, vgl. 
Diihron, Engl. Sitteng. II, 49—53. 



Digitized by VjOOQIC 



&6& 

Hoi stein, i'rahz von, 1826—1^78. Bekannter Komponist der 
^Haideschlachl" und anderer Opera; \gl. u. a. Meisner, „Uraiu«- 
tnua" p. 16. , 

Hoseli, JFieihrich, 1784—1801. SchweiiRer Schriftsteller, Ver- 
tasset des »Elros**. Vgl. K a r s c h s Qucllenmaterial und die Biographie 
Von deknselben im Jahrb. V, p. 447 ff. (Anscheinend bisexuell.) 

Howard, Kathai^ina, fiinfte Gomahlin Heinrichs VIII. von Eng- 
land. Vgl. A. F. i?ollard, Henry VIII. Edinburgh 1902 p. 271; 
und TV lifer, Life of King Henry tlie Eighth, Edinburgli 1J^.1 Jp. 4B.^ f^ 

Humboldt, Alexander, Freiherr von^ 1769— iSsS. Verfasser 
Aes Kosmos. Soil nie ein Wcib beriihrt haben. Nach zuverlassi^eit 
mundlichen Uberlieferungen homoficxlicll. Seinen Freund, der bei ihm 
aJs Kammerdiener lebte, setzte er als Universalerben ein. Viele femininiB 
Stigmata, auch seine HancJschrift ist charakteristisch. 

Iffland, -beriihmter Schauspieler, 1759—1814. Das Material 
iiber seine tlomosexualitat von Kiirschner zusammengestellt. Sein^ 
BerufUn^ nach Wien scheitette an seiner Veranlagung. Bemerkung 
von Kleist in seinem Btiefe: „Wenn das Kathchen von Heilbronn ein 
Junge gewesen Ware". Vgl. Hajdecki: In der Halbmonatsschrift 
>,Erdgeist" Und Vossischo Zeitune vorn 23. Februar 1908. ""[ 

Jfttnes I., Konig von Schottland, spater auch von England, 
1666 — 1626. Seine Favoriten, die er zu groBen Stellungen avancierte, 
Ynahnen an die Mignons von Henri III., von Frankreich. Die be- 
deutendsten waren Robert Cari", nachher Lord Somerset, der 
^chotte junge Herzog von Buckingham und Stuart Herzog von 
Arran. Vgl. Diihren, Engl. Sittengesch. Bd. II, S. 11. 

Jodelle^ Etienne, 1623 — 1673. Franzosischer Dramatiker, def 
zusammen tiiit seinen Freunden seine eigonen Werke auffiihrte. Vgh 
Kerbbfeny, Jahrb. VII, S. 44. 

Johann Friedrich der Groi3miitige, Kurfiirst von Sachseni 
1508 — 1554. Fiihrer des Schmalkaldischen Bundes* Cber seine Homo- 
sexualitat. Vgl. Brief von Philips an Bucer 3. Jan. 1541. In 
„Publicationen der preuBischen Sfcaatsarchive" V. 1880—1891 p. 302. 

Johann Wilhelm, Herzog von der Pfalz, Julich und Berg, 
regierte 1690 — 1716. Wegen seiner Prachtliebe bekannt; starb kinder- 
los. Ihm folgte in der Regierung sein ebenfalls kinderloser Bruder 
Karl Philipp. Uber seine Homosexualitat vgl. Brief der Elisabeth 
Charlotte v. d. Pfalz vom 9. Miirz 1709 und Jahrb. XIII, S. 62u.f. 

Johann XII., roraischer Papst von 955—963, abgesetzt von 
Otto L, deutschem Kaiser. Vgl. Maimbourg, Histoire de la 
decadence de I'empire. 

Julius IL, Papst seit 1503—1513, geb. 1443. Eigentlicher Name 
Criulio della Rovera. Neffe Papst Sixtus' IV. Verlieh einem geliebten 
Diener die Kardinalswiirde. Unter ihm groBe Verbreitung der Homo- 
sexualitat bei Bischofen, Priilaten und Kardinalen. Vgl. Gir. Priuli, 
Diarion IL, 102—101 und IIL 42; auch L. Frey 1. c. p. 106. Be- 
schutzer Bramantes und Michelangelos. GroBe Verdienste um die 
Kunst. Bau der Peterskirche. 

Julius IIL, Papst von 1550 — 1 555. Vgl. R a n k e , die rdmischen 
Papste in den letzten vior Jahrhunderten. Lpz. 1889. 

Jungingen, Ulrich.von, gest. 1410 in der Schlacht bei Tannen- 
berg. Beriihmter Ilochmeister des deutschen Ordens. Als homosexuell 
u. a. erwahnt bei Ungern- Sternberg. Jahrb. IV. p. 458 f f . 

Karl I. von Wiirttem berg, 1823—1891. Seine Homosexuali- 
tat wurdc dadurch bekannt, daB er in einen Skaudal verwickelt wurde, 
der seine Giinstlinge — junge Amerikaner — betraf. Vgl. Baron 
St .... r: Hof und Gesellschaft in deutschen Residenzen. Berlin 
1895, S. 292 f. 

Karl II. und Karl III. von Parma. Vgl. Pisanus Fraxi, 
Catena librorum tacendorum, London 1885 p. XIV, Anm. 9. 



Digitized by VjOOQIC 



la 



666 

Karl XII., Konig von Schweden, geb. 1682 (Konig seit 1697), 
gest. 1718. Von seiner Weiberfurcht und intimem Verkehr mit den 
Kriegern seines Heeres wird viel erzahlt. Vgl. Anders Fryxell, Be- 
rattelser ur svenska historien. Bd. XXI, S. 49, 224, 301. Vgl. auch: 
„Ge8chichte Karls XII." von Hofprediger J. A. Nordberg. (Zeit- 
genosse Karls XII.) und Franzosische Ministerbriefe : Relation de Tetat 
de la Su6de. Oktober 1718. — Seine Freunde waren u. a. Axel' Wacht- 
meisier, General Rehnskold, General Stenbock und Prinz Maximilian 
von Wiirttemberg. 

Karl XV., Konig von Schweden und Norwegen, .geb. 1826, gest. 
1854, zeitgenossischer Traditionen zufolge bisexuell, stand in intimem 
Verhaltnis zu einigen Adjutanten. 

Katharina II. von RuBland, Sophie Auguste von Anhalt-Zerbst, 
eb. 1729 (Kaiserin seit 1762). Verheiratet mit Peter III. von RuB- 
iand, der auch als homosexuell gait. Bekannte Verbal tnisse mit der 
Furstin Daskow, mit der Prot^-sow und der Branitzka. Vgl. 
Stern, Geschichte der of fentlichen Sittlichkeit in RuBland, und 
Chevalier, Une maladie de la personalite. p. 123. (Wohl bisexuell.) 

Kierkegaard, Soren, Danischer Schriftsteller. Seine Homo- 
sexualitat behauptet Hansen in seiner Biographie iiber Andersen Jhb. 
III. p. 203. (Unsicher.) 

K u I k e , Eduard, gest. 1894. Dichter und Schriftsteller. Homo- 
sexuell nach eigenem ^ekenntnis. Biographie von F. K r a u s s in 
Jahrb. IX. S. 313. 

K u n s t , Wilhelm, 1799 — 1859. Beriihmter Berliner Schauspieler. 
Aus Wien wurde er 1840 wegen eines nachtlichen homosexuellen Skan- 
dals ausgewiesen. Vgl. L. Frey 1. c. p. 168. 

Kutusoff, beriihmter russischer Generalfeldmarschall. Starb 
an Herzschlag wahrend eines homosexuellen Exzesses mit einem Sol- 
daten im groBen Feldzuge gegen Napol6on. 

Lamorici^re, Christophe, 1806 — 1865. Franzosischer Divisions- 
general. Befehlshaber in Algenen. Homosexuell nach eigenem Gestand- 
nis in A. H a m o n d , La France sociale et politique. 

Larochfoucauld, Marquis von, GroBcomthur des als homo- 
sexuell bekannten Ordens der Rosenkreuzer in Frankreich. Vgl. Otto 
de Joux, Die Enterbten des Liebesgliickes. p. 126. 

Latini, Brunetto, 1210 — 1294. Italienischer und franzosischer 
Schriftsteller, Verfasser einer groBen Enzyklopadie. Vgl. Verschuer. 
Jahrb. VIII, S. 364. 

L e c 1 e r c q , Theodore (1777 — 1851), franzosischer Dramatiker, vgl. 
M^moires do Philar^h Charles, Paris 1876, Bd. I S. 310. 

Lefroy, Edward, Cracroft. 1858—1892. Englischer Dichter. 
Seine Gedichte verraten eine stiirmische Bewunderunc athletischer 
Jiin^linge. Gab eine Sammlung „Echoes from Theocrit" heraus. (Nach 
Pavia.) 

Leigh ton, Francis Lord, 1830—1896. Englischer Maler und 
Bildhauer. Nach Pavia wird seine Homosexualitat von maBgebender 
Seite bekundet. 

Leo X., romischer Papst, geb. 1475 (Papst ,von 1513 — 1521). 
Eigentlich Giovanni di Medici. 2. Sohn Lorenzo di Medicis. Mehr fiir 
Kunst und Wissenschaft als fiir Religion begeistert. Vgl. iiber seine 
homosexuelle Anlage : Paulus Jovius: „ Vitae Leonis^* Buch IV. 

Leominier, Professor am College de France, Mitarbeiter der 
,, Revue des Deux Mondes**, vgl. Pisanus Fraxi, Centuria librorum 
absconditorum, London 1879, p. 411. 

Leonardo da Vinci, 1452 — 1519. Vielseitigster Kiinstler und 
Gelehrter der Renaissance. Im Alter von etwa 20 Jahren homosexuellen 
Verkehrs wegen verurteilt. Inniges Freundschaftsverhaltnis zu Cesare 
Borgia. Starb in den Armen seines Lieblingsschiilers Melzi. Unter 
den italienischen Urningen herrsoht die Cberlieferung, daB jdie vier 



Digitized by VjOOQIC 



667 

JuDglingsstatuen an den Sockelecken seines Denkmales in >failand 
seine homosexuellen Lieblingssohuler gewesen seien, die er als Modelle 
und Schuler bei sich anfnahm. VgL u. a. L. Frey, 1. o. p. 14 q und 
Waiter Pater, Die Renaissance, Studien in Eunst nnd Poesie, 
Lpz. 1902, und Sigmnnd Freud, Eine Eindheitserinnerung des 
Leonardo da Vinci. Wien. 

Lorrain, Jean, beruhmter franzosischer Romanschriftsteller. — 
Numa Pratorius hat Originalbriefe von ihm in Handen gehabt, in 
deneu er sich aufs deutlichste uber seine homosexuellen Empfin- 
dungen auslafit. 

L u d w i g IL, Eoni^ von Bayem, 1845—1886. Seine homosexuellen 
Neig^ngen scheinen zweifellos. Uber die Aufhebung seines Yerldbnisses 
mit Sophie, Prinzessin von Alen9on, vgl. Beilage zum ,,Haus- 
doktor" Nr. 329 1897 vom Verfasser, und Jhb. V^ i p. 83 ff. L. Frey, 
1. c. p. 83 und E. von Eupffer, 1. o. p. 166. 

Ludwig XL Eonig von Frankreich, geb. 1423 (Eonig seit 
1461), gest. 1483. Bekannte homosexuelle Verhaltnisse mit seinen 
Hoflingen und „Beischlafem" Philippe de Commines und Louis de Cres- 
sol. VgL Muller, Greschichte der schweizerischen fEidgenossenschaf ten. 
rV. b£ p. 621 und Amn. 252 und 253. 

Ludwip XIIL Eonig von Frankreich. 1601 (Eonig seit 1610) 
bis 1643. Seine Giinstlinge waren Marquis von Cinq - M a r s und 
Graf de Luynes. Vgl. Batifol „Louis XIII. k vingt ans." unid 
Tallemant des Reaux, Les Histonettes 3. A. Paris 1862. II. Teil 
p. 87. Pratorius hat eine bisher noch nicht veroffentlichte Arbeit 
zum Nachweis seiner Homosexualitat beendet; er halt es fur falsch, 
da0 Oiuq-Mars homosexuell war; im Gregenteil, gerade seine Liebe zu 
Weibern, die ihn oft hinter dem Rucken des Eonigs aus dem Palast 
trieb, war mit an der Erbitterung des Konigs gegen ihn schuld. 

Ludwig XVIII., Eonig von Frankreich (regierte von 1814 bis 
1824), hatte nach Thierry ein Liebesverhaltnis mit dem Grafen 
d'Avaray. VgL Pisanus Fraxi, Catena librorum tacendorum, Lon- 
don 1886, p. xrv. 

Lully, Giovanni Battista, 1633 — 1687, beruhmter franzosischer 
Eomponist. VgL Pisanus Fraxi, Centuria p. 411. 

Macdonald, Sir Hector, 1850—1903, englischer Feldherr. Be- 
ing Selbstmord infolge der Entdeckung homosexuellen Verkehrs in 
^eylon. VgL Jhb. V, 2. p. 1322. 

Machiavelli, Niccold, 1469 — 1521. Italienischer Staatsmann 
und Geschichtsschreiber, beriihmt durch seine Schriften uber das 
Wesen des Staates. VgL Eertbeny, Jahrbuch VII S. 44. (Unsicher.) 

Magnus Eriksson, Eonig von Schweden und Norwegen, 
geb. 1316. Wurde Eonig von Schweden im Jahre 1319, heiratete die 
Graf in Blanche de Namur und hatte mit ihr drei Sohne. Seine 
Regierui^ war ungliicklich, zum groBen Teil weil er durch Bevorzugung 
lunger Giinstlinge Neid und Feindschaft bei den machtigen alten 
Familien in beiden E6nig|reichen hervorrief. Besonderes Argernis 
erregte sein Freundschaftsyerhaltnis zu einem jungen Mann von ge- 
ringer Geburt, namens Bengt Algotsson, den er zum Herzog 
ernannte. Eonig Magnus wi^e seiner Neigungen wegen Smek (= der 
Schmeichelnde, Zartliche) genannt. Er wurde im Jahre 1363 vom 
Throne verjagt und starb von alien verlassen ala Landfltich tiger 
ungliicklich im Jahre 1374. Vgl. Spuren von Eontr§,rsexualitat bei den 
alten Skandinaviern. Jhb. IV. p. 244—263. 

Maillard, Jean, franzosischer G^lehrter des 16. Jahrhunderts. 
Vgl. dieses Handbuch II, 212. 

Manuel I. Eaiser des ostromischen Reiches. 1143 — 1180. VgL 
Herzberg, Geschichte der Byzantiner. p. 292. 



g 



Digitized by VjOOQIC 



668 

Maria Adelaide von Savoyeii, Tochter des VikW Ama- 
deus, Konigs von Sardinien. Homosexuelle Verhaltnisse mit Mnie. de 
Main tenon, der Herzogin von Villeroi, Mme. du Ras und 
der Mar^chale d'Etr^es. Vgl. Briefe der Elisabeth Charlotte 
von der Pfalz, vom 4. Nov; 1718 und 26. Mai 1719: 

Maria Kai-olina, Konigin von Neapel und beider Siziiieri, ge- 
borene Erzherzogin von Osterreich, Tochter Maria Theresias und 
Franz' I. 1752 — 1814; AuUerst mannlicher und herrschsiichtiger Cha- 
rakter, fiihrte die Regierung fiir ihren schwachen Gemahl Ferdi- 
nand I. Vgl. M. Brosch, Konigin Maria Karolina von Neapel, in 
Historische Zeitachr. Bd. 53. 

Marie Antoinette von Osterreich, Konigin von Frankreich. 
1766—1793. Tochter Maria Theresias; Soil nacheinander zwei Verhalt- 
iiisse mit der Graf in von Polignac und der PrinsieSsiii. Von Lamballd 
^ehabt haben. Vgl. Essai historique sur la vie priv6e de Marie-Antoi- 
nette d'Autriche, reine de France, 1789, p. 13, und Dreux de Ra^ 
d i e r , Memoires historiques et anecdotes sur des Reines et regente^ 
de France, Paris 1827, Tome 6 me. (Sehr fraglich.) 

Marlowe, Christopher, 1564—1593. Englischer Biihnendichter. 
Mysterioser Tod bei entstandener Schlagerei wegen „unziichtiger Liebe". 
In „ Edward the Second" malt er die homosexuelle Liebe in iiber- 
zeugenden Farben. 

Maupin, Mademoiselle de, 1673 — 1707, sehr virile transvesti- 
tische Urninde, Opefnsangeriri. und Fechtmeisteriti, deren abenteuer- 
liches Leben, das sie im Kloster endete^ bereits Ulrichs in „Protiie* 
theus" erwahnte. Uber ihre Biographie und ihre Homosexualitat vgl. 
Karsch in Jhb. Bd. V. 

Mazarin, Jules, 1602 — 1661. Kardinal und Erzieher Lud- 
wigs XIV. Vgl. Pierre Dufour, Histoire de la prostitution chez 
tons les peuples du monde depuis Tantiquite la plus recul6^ jusqu'^ 
nos jours. .8. Band S. 186. Bruxelles 1861. (Unsicher.) 

Medici, Coeimo di. • Erwahnt von Kertbeny Jhb. VII. 
p. 44. 

Michel, Louise, 1833—1905. Mit dem Beinamen „la vier^e 
rougo**. Franzosische Revolutionarin. Vgl. v. Levetzows Studie m 
Jhb. VII, S. 307 ff. 

Michel Angelo Buonarotti, 1474—1565. Beriihmlier Kiinst- 
ler der Renaissance. Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter. Homo- 
sexualitat tritt unzweifelhaft in seinen Sonetten und Briefen zutage. 
32 jahriges Freundschaf tsverhaltnis mit Cavalier i. Nicht erotische 
Freundschaftsbeziehungen zu Vittoria Colonna. Vgl. Jhb. II. Prato- 
r i u s , Michel Angelos Urningtum S. 254 ff. auch Ludwig Scheff- 
1 e r , Michel Angelo. 

Montmorency, Herzog von, geb. 1595. Von v. R 6 m e r in 
seiner Biographie Heinrichs III. als Homosexueller angefiihrt. Jhb. 
IV. S. 572 ff. 

Mosenthal, Salomon, 1821 — 1877. Schauspieldichter. Cf. u. a. 
Moll, Contrare Sexualempfindung, p. 142. 

Mil Her, Johannes von, 1752 — 1809. Beriihmter Geschichtsschrei- 
ber, dessen homosexuelle Veranlagung aus seiner Korrespondenz, be- 
senders an den jungen v. Bonstetten, hervorgeht. Vgl. auch G o e t he s 
Bemerkung iiber ihn in seinen Gesprachen mit Eckermann. Seine 
Biog;raphie von K a r s c h in Jhb. IV. p. 349. 

Mure t us (Muretius), Marc Antoine, 1562 — 1585. Beriihmter 
Historiker, Philosoph und Jurist. Seiner Homosexualitat halber gefangen 
genommen, entzog sich dem Feuertode durch die Flucht nach Italien. 
Vgl. F o i s s e t , Bibliographic universelle. L. Frey. 1. c. p. 146. 

Neuhoff, Theodor, Baron von, 1686—1756. Der Sohn eines 
westfalischen Edelmanns, der als Abenteurer die Welt durchstreifte ; 



Digitized by VjOOQIC 



669 

1736 — 1738 Konig von Korsika. tJber seine Homosexualitat vgl. Car- 
penter, Die homogene Liebe S. 79. 

Oldenburg, Herzog Elimar von. Von Otto de Joux, des- 
sen Gonner er war, als homosexuell erwahnt. 

Orleans, Philipp, Herzog von, Sohn Ludwigs XIII. Haupt- 
quelle die Briefe seiner Gattin, Elisabeth Charlotte von der Pfalz 
(cf. Michaelis, Aus den Briefen der Herzogin Elisabeth Charlotte von 
Orleans Jhb. XIII p. 62 ff.). Am 25. VI. 1721 schrieb sie: „Es ist 
leider bait 50 jahr, dasz ich von hausz weg bin wider meinen willen 
undt danck; denn der ehestandt ist mir ebensowenig zugestanden 
alsz Euch, liebe Louise. . . ." In den Chroniques pittoresques et 
critiques de I'Oeil de Boeuf (Paris 1823) wird iiber ihn gesagt: „De 
plus, un ton, un air, des attitudes f^minines, et le goiit strange de 
s'habiller presque tons les jours en femme, pour se renfermer deux oxr 
trois heures chez le cHevalier de Lorrain, son favori.** 

Paget, Henry Cyril, 1875 — 1905. Bekannter, sehr frauenhafter 
Englander, der in Weiberrollen zu tanzen und zu singen liebte. 

Pater, Walter, Horatio, 1839—1904. Englischer Schriftsteller, 
Kritiker und Gelehrter. Einer seiner Biographen, Benson, „W. Pater, 
English men of letters series" (London 1906), sagt von ihm: „He was 
condemned by temperament to a certain isolation; he was outside 
the world and not of it. His genius was for friendship rather than for 
love and his circumstances and environment were favourable to celi- 
bacy and thus he passed through life in. a certain mystery, though the 
secret is told for those who can read it in his writings." Vgl. auch 
Carpenter, Das Mittelgeschlecht, p. 114. 

Paul II., Formosus, romischer Papst von 1464 — 1471. Eigent- 
licher Name Pietro Barbo. 25eigte sich nie ohne Schminke. Wegen 
seiner.groJJen Riihrseligkeit hatte er den Beinamen „Notre dame de la 
Piti6*'. Vgl. Prudhomme, Vergehungen der Papste vom heiligen 
Peter bis auf Pius den VI. 1793 S. 527 und Gregorovius, Ue- 
schichte der Stadt Rom im Mittelalter vom V. bis zum XVI. Jahr- 
hundert. 7. Band, Stuttgart 1894, S. 211. 

Peter der GroBe, Kaiser von RuBland. 1672 (Kaiser seit 
1682^ bis 1725. Am bekanntesten unter seinen vier Freunden ist M e n - 
tscliikoff, den er als Backer jungen kennen lemte und allmahlich 
zum einfluBreichen Kanzler aufsteigen lieU. 

Platen- Hallermund, August Graf von, 1796—1836. Be- 
riihmter deutscher Dichter. Seine Homosexualitat j^eht zweifellos aus 
seinen Gedichten und vor alien aus seinen Tagebuchem hervor. Der 
von Heinrich Heine auf ihn gemiinzte Spott in der Reise nach 
Lucca erregte grofies Aufsehen. Freundschafts verbal tnis mit L i e - 
big, vgl. L. Frey, Jhb. VL S. 367 ff; Moriz Carriere, Liebig 
una Platen in „Lebensbilder" Leipzig 1890, und vor allem seine Tage- 
biiel^er, herausgegeben von Scheffler. 

'PolizianO (Angelo Ambrogini Bassi), 1464 — 1494. Dichter und 
Schriftsteller der Friihrenaissance, ein Freund Ludovico Sforzas. 
Ubersetzte die Ilias Homers. Vgl. R 6 m e r s Androgynische Idee des 
Lebens. Jhb. VII. 2. 

R a u c o u r t , Marie Antoinette, 1763 — 1816. Beriihmte franzosische 
Schauspielerin, Zeitgenossin der ebenfalls homosexuellen Sophie Ar- 
nould, und der Clairon. Vgl. Pierre Pic, Les heures libres. 2 e s6rie 
Paris 1910 S. 263. 

Reiohmann, Theodor, 1849—1903. Hervorragender Sanger an 
der Wiener Hofoper und in Bayreuth. Legte seinen homosexuellen 
Neigungen sehr wenig Ziigel an und wurde mehrfach in Skandale 
verwickeU, was aber seiner grofien Beriihmtheit keinen Einhalt tat. 
Vgl, Meisner 1. c. p. 17, und „Das perverse Berlin", S. 47. 



Digitized by VjOOQIC 



m 

Rhodes, Cecil, Begriinder der siidafrikanischen Union, soil 
bomosexuell gewesen sein, ebenso wie seine Sch wester, Vgl. Monats- 
berichte des W.-h.-K. April 1905. 

Rimbaud, Jean- Arthur, 1854—1891. Franzosischer Dichter. 
Freund von P. Verlaine. Er durchstreifte fast die ganze alte AVelt, 
nacbdem 1871 Verlaine auf ihn aus Eifersucht geschossen hatte. 
Rimbauds Homosexualitat bestreitet sein Verwandter Pater Berrichon 
aufs entschiedenste. 

Robert von der Normandie, beruhmter Heerfuhrer. Al- 
tester Sohn Williams I., des Eroberers von England. Vgl. Raffalo- 
vich, Uranisme et unisexualit6 p. 189. 

Rochester, John Wiknot, Earl of ^ 1647— 1680. Englischer 
Dichter, Giinstline Earls II. War eine der aulfallendsten Pers5nlioh- 
keiten des da.maTigen sittenlosen Hofes. V^rfasser des Paderasten- 
dramas „ Sodom". • 

Romano, Giulio, (Giulio Pippi), 1492 — 1646. Italienischer Ma- 
ler und Architekt, SchUler Rafaels. YrI. Eertbeny, Jahrb. VII, S. 44. 

Rudolf II. von Habsburg, deutscher Eaiser, 1576 — 1612. Bekannt 
wegen homosexueller Neigungen zu seinem Diener Philipp Lang. 
16 Jahre mit der Infantin Isabella von Spanien verlobt, ohne sich 
zur Ehe entschlieBen zu konnen. Eunstliebhaber und Forderer ]der 
Wissenschaften. Freund Ee piers und Tycho von Brahes. Vgl. 
L. Frey, 1. c. S. 151, und Moll, Contrare Sexualempfindung, S. 113 
bis 114. 

Sadi, beriihmter persischer Dichter. Vgl. dieses Handbuch, 
Bd. I, 803. 

So ha ok, Adolf, Friedrich, Graf von, beriihmter Dichter und 
Literaturhistoriker. In Molls kontr§,rer Sexualempfindung ohneNach- 
weise als homosexuell bezeichnet. S. 143. 

Schle^el, August Wilhelm, von, 1767 — 1845. Beriihmter Eri- 
tiker und Orientalist. Bedeutender tJbersetzer Shakespeares. 1804 Ehe- 
scheidung. Eertbeny Jahrb. VII, p. 44 ff. (Unsicher.) 

Schomberg, von, Friedrich Armand, Graf, 1615 — 1690. Elisa- 
beth Charlotte v. d. Pfalz berichtet ausfiihrlich iiber seine Homo- 
sexualitat. Nach dem Edikt von Nantes verlieB er den Hof Lud- 
wigs XIV., an dem er eine hervorragende Rolle gespielt hatte^ und 
begab sich nach Brandenburg. Dort prominente SteUung, G6n6ral en 
chef samtlicber Truppen. Nach dem Tode des GroBen Eurfursten mit 
Wilhelm von Oranien, seinem Freunde, nach England, dort gefallen. 
Vgl. Michaelis, Jahrb. XIII. p. 62 ff. und „Das perverse Berlin". 

Schweitzer, Johann, Baptist, von, 1834 — 1875. Vorkampfer 
der deutschen Sozialdemokratie. 1862 wegen homosexuellen Verkehrs 
in Mannheim verurteilt. Lassalle trat bei dieser Gelegenheit fiir 
ihn ein und brach' fiir die Homosexuellen eine Lanze. (Vgl. oben p. 522.) 

Selwyn, Greorge, 1719 — 1791. Abgeordneter, hervorragend in der 
Gesellschaft seiner Zeit. Seine Indifferenz Frauen gegeniiber war 
notorisch. Bei einer Hinrichtung erschien er einst in Weiberkleidem. 
Seine Homosexualitat behauptet, aber nicht erwiesen, vielleicht nur 
-Trsfisvestit. 

Sixtus IV., Papst von 1471—1484. Eigentlicher Name Fran- 
cesco della Rovere. Soil seine Lieblinge zu Eaxdinalen gemacht haben. 
Auf ihn bezieht sich der Vers: 

Roma quod ab inverse delectaretur amore 
Nomen ab inverse nomine fecit amor. 
Es wird berichtet, daU er einigen Eardinalen auf ihre Bitte, in der 
heifien Jahreszeit Sodomie treiben zu diirfen, dies erlaubt habe. Nach 
Stefano Infesuras „Diarion** bisexuell. 

Soleime, de, beriihmter Bibliophile. VgL Pisanus Fraxi, 
Genturia p. 411. 



Digitized by 



Google 






671 

St ad ion, Emmerich, Graf von, gest. 1900. Osterreichisoher 
Schriftsteller. Bekannt als der homosexuelle Freund Vacanos. Bild 
mit ihm in den „€reschlechtsuberganKen*^ 

Stein, Graf von, gest. 1860. Osterreichisoher General, in tiir- 
kischen Diensten Ferhad Paschas. Homosexuell nach eigenem 
Bekenntnis. Erwahnt in Ulrichs „Ara spei'*. 

Sullivan, Sir Arthur, 1842—1900. Komponist des „Mikado" 
und anderer bekannter Operetten. Seine Homosexualitat wird von mafi- 
gebender Seite versichert. 

Susse, de la, franzosischer Vizeadmiral unter Napoleon III. 
Vgl. M^moires du Oomte Horace de Viol Gastel, Paris 1883, 
Bd. II, S. 196—196. 

Swift. Jonathan, 1667—1746. Schriftsteller und Prediger. Be- 
rohmter Weiberfeind. Krafft-Ebing hielt ihn ffir asexuell, andere 
fur sublimiert homosexuell. 

Swinburne, Algernon Charles, 1837 geb. Bekannter englischer 
Dichter, der durch seine „Poems and Balmds" (1866) in England 
hef tige Entriistung erregte und dadurch zu einer Rehabilitietongsschrif t 
fast gezwungen wurde. (Unsicher.) 

S y m o n d s , John Addington. Beruhmter englischer Literar- 
historiker und Schriftsteller. Mitarbeiter von Havelock Ellis. Ober 
seinen Besuch bei Ulrichs in Aquila berichtet Bertz lin Viertel- 
jahrsberichte des W.-h.-K. Band I. 1909. p. 5. Vgl. auch Horatio 
F. Brown, John Addington Symonds, a biography. 2. A. London 
1903 p. 467. 

Tennyson, Alfred, 1809—1892. Poeta laureatus. Von Car- 
penter, Mittelgeschlecht, p. 46, als homosexuell genannt. 

Tschaikowsky, Peter, 1840 — 1893. Beriihmter russischer Kom- 
ponist. Homosexuell nach eigenem Bekenntnis. Soil durch Selbstmord 
geendet haben. 

Udall, Nicholas, 1606 — 1666. Verfasser der ersten englischen 
Kcnnodie. Im Jahre 1641 wegen homosexuellen Verkehrs angeklagt, 
Restand er seine Schuld ein und wurde fur kurze Zeit eingekerkert. 
MuBte sein Amt als Head-Master von Eton aufgeben. Vgl. Havelock 
Ellis, Studies in t(he Psychology of sex. Sexual inversion, Philadelphia 
1901 p. 23. 

ulrichs, Karl Heinrich, 1825 — 1896. Einer der besten moder- 
nen Kenner der lateinischen Sprache. Herausgeber der lateinischen 
Zeitschrift „Alaudae". Vorkampier der Homosexuellen. Selbstbekennt- 
nisse in seinen Schriften und Verwandtenbriefen. 

Ungern-Sternberg, Alexander, Freiherr von, 1806 — 1868. 
Deutsch-russischer Romanschriftsteller, der in seinen Werken das 
Problem der Homosexualitat vielfach und vielseitig behandelt hat. Hin- 
sichtlich seiner eigenen Homosexualitat vgl. Biographie von K a r s c h , 
Jahrbuch IV, S. 458. 

Vacano, Emil Maria, 1840 — 1892. Osterreichisoher Schriftsteller. 
. Homosexueller Freund des Grafen Stadion. Ihr Bild als Freundespaar 
findet sich in „Geschlechtsiibeigange". Bevor er sich der Literatur 
zuwandte als Kunstreiterin MiU Corinna beriihmt und gefeiert. Cber 
seine wechselvolle Lebensgeschichte vgl. Otto de Joux, Die Ent- 
erbten des Liebesgliickes. p. 230 ff. und L. Frey, 1. c. p. 270. 

Vandoeuvre, Nicolas, Bourbon de. Englischer Dichter, der 
um 1636 in London lebte. tJber seine Homosexualitat vgl. A. W o 1 1 - 
mann: „Hans Holbein und seine Zeit". Bd. L S. 406, Lpz. 1874. 

V e r 1 a i n e , Paul, 1844—1896. Dichter und Schriftsteller. Seinen 
Werken nach bisexuell. Freundschaftsverhaltnis mit Rimbaud, auf 
den er schoB. E. v. Kupf f er, 1. c. p. 159 und 203. Moll, Beriihmte 
Homosexuelle. 



Digitized by VjOOQIC 



672 

V e s t V a 1 i , Felicitas von, (Anna Marie Stageman.n\ 
1829—1880. Sehr virile Schauspielerin und Theaterdirektorin. Sang 
und spielte hervorragend Mauaerrollen. Uber ihre Homosexualitat vgl. 
die Biographic von Rosa von Braunschweig im Jahrb. v , 
i. p. 437. 

Villars, Marschall de, 1653 — 1734. Franzosischer Feldherr. Als 
homosexuelJ bezeichnet in den Brief en der Elisabeth Charlotte 
von der Pfalz. 

V i s c o n t i , Philipp Maria, Herzog von Mailand. 1391 — 1447. 
Zweiter Sohn des Herzogs L u d w i g von Orleans. Mit ihm starb die 
miinnliche Hauptlinie der V i s c o u t i aus. Vgl. v. M ii 1 1 e r , Ge- 
schichte schweizerischer Eidgenossenschaften. II. Bd. p. 567/568. 

Walpole, Horace, spater Earl of Oxford, 1717—1797. Schrift- 
steller, Kunstliebhaber usw. Gait nach Pa via als homosexuell. Sein 
bester Freund war Selwyn. 

Whitman, Walt, 1819 — 1892. Einer der bedeutendsten Dichter 
des modernen Amerika. Der Nachweis seiner Homosexualitat ist in 
gewissenhafter und iiberzeugendster Weise von Eduard Bertz in „W. 
W., ein Charakterbild" im V^II. Bande des Jahrbuches (p. 153 — 287) 
gefiihrt auf Grund seiner Personlichkeit, seiner Dichtungen und seiner 
Beziehungen (das langjahrige uuzweifelhaft homosexuelle Verhaltnis 
zu Peter Doyle, einem geborenen Irlander, den W. als 19 jahrigen 
IStraJ3enbahnkondukteur keunen lernte). — Eine Entgegnung von Johan- 
nes Schlal veranlaBte Bertz zu eiuer Mouographie „Der Yankee- He iland" 
(Dresden 1900), in der der Nacliweis v^n W.s Homosexualitat, wenn 
moglich, noch zwingender als vorher erbracht wird, vor allem kommen 
in Betracht Kap. Ill „Leitende Charakterziige** (S. 37 — 45) und 
Kap. Xlli (S. 222 — 232) „Das Evaugelium der Kameradschaft". 1907 
folgten von Bertz: „Wiiitman-Mystenen. Eine Abrechnung mit Johan- 
nes Schlaf.'* Berlin. 1908: „Posthumes von Walt Whitman", Zeit- 
scLrift f. Sexualwissenschaft Nr. 6, S. 383/4. 1910: Iteferat iiber 
O. E. Lessings Aufsatz: Whitman and his German critics. Vierteljalirs- 
berichte des W.-h.-K. I. Jhgg. p. 420/1. 1911: Goldenes Buch der Welt- 
literatur, S. 332—333. Neues Kapitel iiber W. W. (Berlin und Stutt- 
gart). 1913: Referat iiber „Walt Whitman's Anomaly" by W. G. 
Kivers, in Jhb. XIII, S. 451 — 454. Neue heftige Angriffe gegen Bertz 
erfolgten neuerdings in Fraukreich durch Bazalgette (im Mercure 
de France}, die Bertz in drei „orrenen Briefon" im Mercure de France: 
A propos de Walt Whitman. Paris, 1. Juli 1913, 1. Okt. 1913, und 
15. November 1913, schlagend widerlegte. Das Kapitel Whitman-Bertz- 
Schlaf-Bazalgette ist iiberaus bezeichnend fiir die auf dem Gebiete 
der Homosexualitat noch heute geubte Vertuschungsmethode. Eine 
zusammenfassende Arbeit betitelt „Walt Whitman und die Seinen, 
nine abschlieljende Kritik" hat Bertz unter der Feder. 

Wilde, Gozewijn de, holliindischer Priisident, wurde 1446 wegen 
Siinde „gegen die Natur" enthauptet. Jahrb. VIII, 389. 

Wilde, Oscar, 1856 — 1900. Englischer Dichter, dessen Homo- 
sexualitat durch seinen Prozel3 im Jahre 1895 weltbekannt wurde. 
Vgl. Laupts, L'IIomosexualit6 et les types homosexuelles (Paris 1910), 
s. 125 ff. und Biographie von Dr. Pratorius im Jahrb. Ill, S. 265 ff. 
und s. S ero , Der ProzeiJ Wilde und das Problem der Homosexualitat. 
Leipzig 1896. 

W i 1 h e 1 m III., Prinz von Oranien, spater Konig von England, 
1650 — 1702. Seine Leidenschaf t fiir Bentinck, spateren Herzog 
von Portland, in dessen Armen cr starb. Vgl. die Briefe der Her- 
zogin Elisabeth Charlotte von der Pfalz vom 12. Okt., 4. Nov. 
und 13. Dez. 1701 (in der Bibliothek des literarischen Vereins in Stutt- 
gart. 1888), die auch seine Giinstlinge uud andere Homosexuelle 
Eng lands nennt. 



Digitized by VjOOQIC 



673 

William IL, Konig von England, 1087—1100. Seine Homo- 
sexualitat zu seinen Lebzeiten sehr bekannt, wurde durch einen Pfeil 
erschossen. Vgl. Diihren. Englische Sittengeschichte Bd. II. unci 
Raffalovich J. c. p. 31 und 222. 

Winckelmann, Johann Joachim, 1717 — 1768, geboren in Sten- 
dal, ermordet in Triest durch den Erpresser Arcangeli. Einer der be- 
deutendsten Kunsthistoriker und Archaologen allcr Zeiteri. An Lam- 
brecht schreibt Winckelmann: „Mein Auge weint vor innerster Sehn- 
sucht gegen dich. Mein Geist weicht nns den Schrariken, wenu ich 
an dich denke. Nun erkenne ich die .\lacht der Liebo." Als liomo- 
sexuell erwahnt von Goethe in seiner Schrif t ,, Winckelmann". Vgl. 
auch Walter Pater, Die Renaissance, Stndien in Kunst und Poesie, 
Leipz. 1902; Herbert Eulenberg, Neue Bildsr, Berlin 1912; 
L. Fray, 1. c. S. 199 ff.; E. v. Kupffer, 1. c. S. 112. 

Wood, John. Beriihmter Edinburgher Philanthrop. Vgl. Diih- 
ren, Engl. Sittengeschichte II, 38—39. 

Wortley-Montague, Lady Mary, 1713—1770, Reiscnde, 
geistreiche Schriftstellerin von stark mannlichem Charakter. Vorliebe 
fiir mannliche Homosexuelle, wie Lord H e r v e y , nach anderen selbst 
homosexuell. 

Ziuzendorf, Nikolaus Ludwig, Graf von, 1700 — 17 CO. Griinder 
der Sekte der Herrenhuter. Wird von Pfarrer P f i s t e r und K e r t - 
bony fiir homosexuell gehalten (falls ja, stark sublimiert). Vgl. ]'f i- 
ster, Die Frommigkeit des Grafen von Zinzendorf, Wien. Nr. VIII 
der Schriften zur angewandten Seelenkunde von Freud.) 

"Oberblicken wir diese Liste, konnen wir nicht anders, als 
Forel recht geben, wenn er ausruft: ,,Uas Urningtuin hat in der 
Weltgeschichte eine viel groBere Rol!e gespielt als man glaubt." 

Aus dem, was ich tiber die Symbiose des Homosexuellen 
mit der heterosexuellen Majoritat, sei es in kleineren Verbanden, 
sei es innerhalb der Gesaintheit, sagte, geht schon liervor, daB 
er den einzelnen, dem er seine Liebe zugewandt hat, in be- 
sonderem MaBe zu fordern bemiiht sein wird. DaB dies tat«- 
sachlich der Fall ist, konnte ich durch sehr viele Beispiele aus 
meiner Erfahrung und viele Zitate belegen. 

Die Zahl der heterosexuellen Jiinglinge, die auf Kosten Homo- 
sexueller hohere Schulen besuchten, Fachuntorriclit genossori, studierten 
Oder eine kiinstlerische Ausbildung orbielton, ist Legion. Es gibt viele, 
die entbehrten und darbteii, um iliren Froundeii vun ilirem ViMdienst 
ein ihren Fahigkeiten entsprechendes Studiurn zu ermr>gliclien. Das Bei- 
spiel, das ein anonymer Autor an Hand von Tagebuchorn in oiiieni 
„Triumph der Liebe" betitelten Schriftchen gibt, ist nichts P>csou- 
deres. Die groBe Fiirsorglichkeit homosexueller Manner und Fraiien 
fiir die von ihnen geliebten Persouen maolit es begreiflicli, daU 
Heterosexuelle so oft Uraiiiern in aufriclitigstcr Zuneigung uTirelxMi 
sind, so daB sie in manchen Fallen sogar, vvio oin llonms xneller 
schreibt, ,,dem urnischen Ilerzensf round, die Vorziige S'ine.s W-sinhJ 
erkennend, vor der Gattin, ja vor den Kindern den Vonang iansen, 
fiihlend, daB sie in ihm ein zweites S 4bst gefuiulen hab;.'n'*. Ab'Kr als 
einmal sagten mir Heterosexuelle, die in r><'<j:lei(un<j: ihrer Iiunio- 
sexuellen Freunde zu mir kamen, daB sie lioher „iiir Mad die i a's ihren 
Freund missen mochten; ein Weib fiindfn sie wieder, aber einen 
solchen Freund nicht". Allerdings liin(f(M-t di(; Sym|»athie tiir den ein- 
zelnen Homosexuellen sie oft niclit, der Homosexualitat als .^olchL-r 
Hirschfeld, Homosexualitat. 4;) 



Digitized by V:iOOQIC 



674 

nach wio vor antipathisch gegeniiberzustehen. A. v. d. Eken^t) hebt 
hervor, „daB fast alle alteren Urninge eifrig bestrebt sind, den jiin- 

fercn. Freund ethisch auf eine hohere Stufe zu heben". Homosexuelle 
'rauen stehen hinsichtlich der Opferwilligkeit urnischen Mannern 
nicht nach ; wir sehen sie aufs eifrigste fiir ihre Freundinnen bemiiht, 
keiiie Arbeit, keinen Weg scheueud, uin iliuen Stellungen, oder, wenn cs 
Kiinstlerinnen sind, Anerkennung zu verschaffen. Ich habe diesen Zug, 
der ja nicht der homosexuellen Liebe, sondern der Liebe an und fiir sich 
eigen ist, oft beobachten konnen. Das ist keine Schonfarberei, sondern 
eine einfache Wiedergabe von Erfahningstatsachen. Ei weist sich die hoxnc- 
sexuelle Liebe schon in Zeiten ihrer Vetfolgung sozial so forder- 
s a ni , urn wie viel mehr muB das der Fall gewesen sein, als sie sich frei 
entfalten konnte. Wir verstehen, wenn wir uns dies vor. Augen fiihren, 
die Worte, die Plato im Symposion dem Phadros in den Slund legt ; 
..Keinen groBeren Segen kenne ich, als fiir einen in das Leben eintreten- 
den jungen Mann einen tugendhaften Liebhaber oder fiir einen liiebhaber 
einen geliebten Jiingling. Denn das Prinzip, von dem sich alle Men- 
scheu, die ein edles Leben zu fiihreh wiinschen, leiten lassen sollten, 
dieses Prinzip, sage ich, ist weder die Verwandtschaft, noch die Ehre, 
noch der Reichtum, noch irgendein anderes Motiv so gut einzupflanzen 
imstande, als die Liebe" ; wir begreifen, wenn Carpenter die Homo- 
sexualitat als eine soziale Macht bezeichnet, und B e t h e -^), ohne 
das biologische Fundament der Homosexualitat zu kennen, lediglich 
auf Grund empirischen Geschiohtsstudiums ausruft: „Ist es nicht 
die wunderbarste Erscheinung In der Geschichte der menschlichen 
Kultur? Eine Handlung iiberheifier Sinnlichkeit, unnatiirlich, wird zur 
Sitte, wird anerkannt, geachtet, geheiligt, sie wird das Fundament 
reinen Strebens, unbedingter Treue, unbegrenzter Aufopferung, hoher 
Sittlichkeit." 



'■] 



Loc. cit., p. 40._ 
iibe 



B e t h e iiber ,,Die dorische Knabenliebe, ihre Ethik und ihre 
Idee", im Rh. Mus. f. Phil., Bd. 62, N.-F., Heft 3, p. 438—475. 



Digitized by VjOOQIC 



EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL. 

Gruppenleben und Sammelst&tten homosexueller Manner 

und Frauen. 

Wenden wir uns nun der Gruppenbildung der Homo- 
sexuellen untereinander ^u, so woUen wir zuniichst zwei weit- 
verbreitete Vorstellungen berichtigen; die eine geht dahin, daB, 
wenn Homosexuelle mit einander befreundet sind, zwischen ihnen 
auch ein sexueller Verkehr stattfindet. Nichts ist irrttimlicher 
als dies. 

Ein Urning erzahlte mir einmal, daB sein heterosexueller Bruder, 
dem er sich anvertraut hatte, ihm nicht glauben wolle, daB er mit 
seinem ebenfalls homosexuellen Kompagnon — beide hatten zusaminen 
ein Bankgeschaft, waren Mitte der Vierzig und ephebophil — nie 
geschlechtlichen Umgang gehabt hatte. Ahnlich berichtete mir ein 
osterreichischer Aristokrat, der schon seit seiner Schulzeit mit einem 
gleichveranlagten Schulfreund aus wohlhabcnder Biirgerfamilie eng 
befreundet war, daB des letzteren Mutter energischen Einspruch erhob, 
als sie sich einen gemeinsamen Haushalt griinden woUten. Schon friiher 
war ihnen aufgefallen, daB, wenn er seinen Freund besuchte, sich stets 
die Mutter oder deren Tochter mit einer Handarbeit in das Zimmer 
setzte, etwa so, wie man es bei Brautpaaren zu tun pflegt, um sie nicht 
in Versuchung zu fiihren. Es stellte sich nun heraus, daB tatsachlich 
die Mutter der Meinung gewesen war, daB beide, wenn sie allein in der 
Stube waren, ihren homosexuellen Trieb nicht wiirden beherrschen 
konnen, wahrend sic in Wirklichkeit nichts als bloBe Freundschaft 
verband ; das sexuelle Interesse bezog sich bei beiden auf Soldaten. Man 
iibersieht eben leicht, daB die Homosexuellen neben erotischen Bediirf- 
nissen ein naturgemaBes Verlangen nach Aussprache und Verstandnis 
haben, was sie bei Gleichgearteten am ehesten finden. 

Eine zweite, nicht selten geauBerte Anschauung, die eben- 

so unrichtig ist, wie die soeben gekennzeichnete, ist die, daB 

die Homosexuellen untereinander einen groBen Geheimbund 

bilden mit allerlei Zeichen, Schutz- und Trutzeinriditungen. 

In Wirklichkeit liegt es so, daB sie, von kleineren Konventikeln 

abgesehen, des Solidaritatsgefiihls fast ganzlich ermangein, ja 

daB es kaum eine zweite Menschenklasse gibt, die sich in so ge- 

ringem Grade zur Wahrnehmung gemeinsamer Rechts- und 

43* 



Digitized by V:iOOQIC 



676 

Lebensinteressen zu orgaaisieren verstanden hat, wie sie, so 
daB im wesentKchen auch heute noch das Wort eines ihrer 
Schilderer^) Geltung hat, dafl sie „nichts als eine ftihrerlose, 
verstreute Zahl rechtloser Parias'' sind. 

Der Griinde hierfiir sind mancherlei ; Xuriachst bei vielen eine 
uamenlose Scham und Angst, ein anderer konne wissen, daC sie homo- 
sexuell sind, selbst, wenn der andere auch homosexuell ist; habe ich 
doch Falle erlebt, in denen ein Homosexueller, der wuCte, daB sein Bruder 
homosexuell war, nicht wollte, daB dieser von ihm das gleiche erfuhr. 
Ferner besteht liaufig bei homosexuellen Mannern und Frauen eine 
Antipathie gegen Homosexuelle, namentlich mogen femininere urnische 
Frauen die mannlichen Weibertypen, virilere Urninge die feminineren 
„nicht ausstehen", wenn sie nicht etwa gerade sexuell durch sie 
angezogen werden, was aber selten ist. Ich habe von Urningen sagen 
horen, daB ihr ganzer Interessenkomplex einschlieBlich ihrer erotischen 
Richtung so sehr dem normalsexuellen Teil der Menschheit gehorte, 
daB fiir Homosexuelle nichts iibrig bliebe. Zu beriicksichtigen ist auch, 
daB die groBe Geschmacksdifferenzierung insofern eine Annaherung 
erschwert, als der ephebophile Mann dem gerontophilen, die homo- 
sexuelle Frau, die Madchen niederen Standes liebt, der Urninde, die fiir 
elegante Weltdamen empfindet, fast eben so fremd gegeniibersteht, 
wie einer Person des anderen Geschlechts. Lieben aber zwei oder 
mehrere ein identisches Genre, so fiirchten sie wiederimi den Wett- 
bewerb. Andererseits werden Verbande groBeren Umfanges auch da- 
durch erschwert, daB es trotz aller Bemiihungen schwer halt, das 
sexuelle Moment vollig auszuschalten, was leicht dann zu allerlei 
MiBhelligkeiten, vor allem zu Ablenkungen vom eigentlichen Ziele der 
Korporation, auch wohl zu Eifersiichteleien fUhren kann. 

Aus alledem geht hervor, wie schwer es ist, Homosexuelle 
selbst fiir ihre lebenswichtigsten Angelegenheiten, wie beispiels- 
weise ftir ihre Befreiung von sozialer und gesetzlicher Achtung, 
zu sammeln. Kleinere Verbande Homosexueller existieren aber 
gleichwohl und haben stets existiert, wobei sich nicht verkennen 
laBt, daB die Grenzen zwischen denen, die lediglich ges'ell- 
schaftlichen Zwecken dienen und solchen, in denen sexuelle 
Anknlipfungsabsiehten mehr oder weniger bewuBt hineinspielen, 
oft schwer zu ziehen sind. VerhaltnismaBig am seltensten sind 
solche, die den Charakter urnischer Klubs gder Logen tragen, 
immerhin dtirften sie etwas haufiger sein, als selbst cine Borg- 
same Durchforschung des Materials lehrt, da sie ihrem 
Charakter entsprechend sehr diskret gehalten wurden. 

Von Zeit zu Zeit kommt es vor, daB die Polizei in irgendeinem 
Orte eine solche homosexuelle Gemeinschaft entdsckt und — oft genug 
durch Verrat aus eigenem Lager — aushcbt. Der von den Mitgliedern 
dann meist angefiihrte Einwand, daB das sie einigende Binaemittel 
lediglich das aus der Gemeinsamkeit der Lebensschicksale sich er- 
gebende Gefiihl der Zusammengehorigkeit sei, findet bei der Behorde 
nur selten Glauben. Wir erwahnten oben einen solchen Fall aus 
Belgrad ; auch in Budapest ereignete sich kiirzlich ein ahnlicher. 



^) Das perverse Berlin, a. a. O. p. 102 f. 



Digitized by VjOOQIC 



677 

„Im schonen Wien", schreibt Otto de Joux*), „soll es, wenn 
wir den Schilderungen der Tagespresse Glauben schenken diirfen, einen 
ProzeB gegeben haben, ia welchem ein Uranidenbund, der sich ,Klub 
der Verniiiiftigen* nannte, an das Tageslicht gezerrt wurde. In Kom", 
fiigt er hinzu, „gibt es, in tiefstes Schweigen gehiillt, einen ,Club degli 
ignoranti*, in Briissel eine , Reunion philantropique*, deren unveroffent- 
lichte Statuten vom Geiste des Uranismus, im edelsten Sinne, durch- 
trankt sind." In Frankreich gal ten als homosexuelle Orden die Rosen- 
kreuz-Ritter, deren GroB-Komthure der Marquis von Larochefou- 
c a u 1 d und der Romanschriftsteller Sar Josephin P^ladan — 
wohlgemerkt nicht Joseph oder Josephine, sondern Josephin — waren. 
Als Hauptordensregeln waren auf^estellt : Strengste Keuschheit, Tugend- 
iibungen und Mildtatigkeit. Mitglieder sollten nur durchaus unbe- 
fleckto Manner vom Jiinglings- bis zum Greisenalter sein, die noch nie- 
mals weibliche Lippen gekiiBt. In England wurde mir vor Jahren von 
einem hochstehenden Homosexuellen ein Siegel gezeigt, das das ^b- 
zeichen einer sehr geheim gehaltenen Urningsloge sein sollte. Wahrend 
meines letzten Besuches in England (Sommer 1913) wurde ich in 
einen urnischen Klub eingefiihrt, an dessen Spitze ein englischer 
Major steht. Die wenig komfortablen Klubraume unweit vom Picca- 
dilly-Circus fiillten sich erst nach Mitternacht, waren dann aber 
iiberaus stark besucht. Die Klubmitgiieder — mehrere Hundert — 
gehoren alien Gesellschaftsschichten an. Eine Hauptunterhaltung 
bildete der Tanz, in dem viele der jiingeren „Urningsfreunde" her- 
vorragendes leisteten. D ii h r e n 3) gibt verschiedone Literaturbelege, 
dafi mi 18. Jahrhundert in London „mehrere geheime paderastiscne 
Klubs" existierten. Otto Fiirst von Bismarck erwahnt in seinen 
„G^danken und Erinnerungen"*), daB unter den „Untersuchungen", 
die er als junger Referendar in Berlin im Jahre 1835 zu fiihren 
^atte, den nachhaltigsten Eindruck bei ihm eine in Berlin weit- 
verzweigte Verbindung zum Zwecke der unnatiirlichen Laster hinter- 
lassen hatte. Er erwahnt die ,,Klubeinrichtungen der Beteiligten, 
ihre Stammbxicher, die gleichmachende Wirkung des gemeinschaftlichen 
Betreibens des Verbotenen durch alle Stande hindurch" und sagt: „Die 
Verzweigungen dieser Gesellschaft reichten bis in hohe Kreise hinauf. 
Es wurde dem EinfluB des Fiirsten Wittgenstein zugeschrieben, 
daB die Akten von dem Justizministerium eingefordert und, wenigstens 
wahrend meiner Tatigkeit an dem Kriminalgerichte, nicht zuriickge- 
geben wurden." Selbst an ganz kleinen Platzen ist man gelegentlich 
solchen geheimen Verbindungen auf die Spur gekommen. In einer 
GroBstadt Norddeutschlands gibt es einen Klub Homosexueller mit 
zahlreichen Mitgliedern, der den Namen fxihrt „zum griinen Jungfern- 
kranz***, in einer osterreichischen Hauptstadt einen Urningsklub mit 
dem Namen „entre nous", ein russischer Urningsklub heiBt „neuhelle- 
nischer Bund". In Moskau existierte lange Zeit ein Klub homosexueller 
Kunstler und Gelehrter, der nur zweimal im Jahr zusammentrat, ein- 
mal um Platons Symposion, das anderemal, um das Gastmahl des 
Trimalchio zu begehen. 

Unter den homosexuellen Frauen gibt es ganz entsprechende Ver- 
einigungen. Schon Jean Hervez^) erwahnt unter den „Liebe3ge8ell- 
schaften des XVIII. Jahrhunderts" die dem lesbischen Kulte gewid- 
mete Sekte der „Anandrynen". Wie Diihren^) im „Marquis de Sade 



*) Die Enterbten des Liebesgliickes. p. 126. 
8) Engl. Sittengeschichte II. p. 19—30. 
*) 1898 Stuttgart. I. Band p. 6. 

^)Hervez, Jean, Les soci^t6s d*amour au XVIIIe si^cle. 
(Paris 1906.) 

«) D u h r e n , Eugfen, Der Marquis de Sade und seine Zeit. 



Digitized by VjOOQIC 



678 

und seine Zeit" mitg^teilt hat, schildert H e r v e z die Gebrauche 
dieser Sekten, wie die Zeremonien bei Aufnahme einer Lesbierin. Beide 
Autoren stiitzen sich auf die Schrift „L'Espion ang-lais", in der sich 
ein Panegyricus auf die „Freuden zwischen Fran und Frau" findet, 
und die lesbische Liebe als eine fiir die Frau korperlich und geistig 
weniger schiidliche, edlere Liebe herausgestrichen wird. 

In Berlin erregte vor einigen Jahren ein Beleidigungsprozefi Auf- 
sehen, den die Vorsitzende eines homosexuellen Frauenklubs, der sich 
„neue Damengemeinschaft" nannte, gegen einen Zeitungsredakteur ange- 
strengt hatte. Eine Berliner Spezialitiit scheinen die Kegelklubs 
zu sein, deren Mitglieder ausschlieBlich homosexuelle Frauen aus dem 
Volke sind. Von einer etwas weitergehenden Exklusivitat abgesehen, 
unterscheiden sich diese Klubs nicht wesentlich von den Zusammen- 
kiinften, die in Berlin und anderen Stadten an regelmaCigen Abenden 
von Homosexuellen in bestimmten Lokalen veranstaltet werden; es ist 
gewohnlich eine Person, um die sich die anderen gruppieren, doch 
bewirtet sich jeder aus eignen Mitteln. Vielbesucht ist seit langen 
Jahren der „Klub Loliengrin", welcher sich um einen unter dem 
Namen „Die Konigin" bekannten Weinhiindler zusammenfand. Wahrend 
hier die Unterhaltung in musikalischen und deklamatorischen Dar- 
bietungen besteht, tragen andere dieser Vereinigungen, wie die „Ge- 
meinschaft der Eigenen", die „Platen-Gesellschaft" einen mehr lite- 
rarischen Charakter. 

Viel haufiger als solche vereinsthaBigen bilden die Urninge 
unter sich f reie gesellschaf tliche Z i r k e 1. Wenn auch die Mehr- 
zahl der Homosexuellen in selbstgewahlter Einsamkeit lebt, die 
nirgends so erreichbar ist, wie in weltstadtiseher Menschen- 
fulle, oder aber sich ausschlieJJlich einer einzigen Person widmen,' 
so ist doch die ^ahl derer ebenfalls groB, die mit anderen homo- 
sexuellen Personen gesellschaftliche Flihlung und Aussprache 
suchen. Viele Urninge, die durch ihr Wesen und Wissen jedem 
Kreise zur Ehre gereichen wtirden, ftihlen sich schlieBiich in 
normalen Gesellschaften iiberhaupt nicht mehr wohl. Die 
Heuchelei, beispielsweise die ihnen als Junggesellen immer wieder 
zuerteilten Damentoaste werden ihnen immer peinlicher, und 
wenn sie erst einmal die Geselligkeit kennen gelernt lia'ben, 
in der sie sich so geben konnen wie sie sind, ziehen sich nicht 
wenige aus anderen Kreisen mehr und mehr zurtick. 

Im allgemeinen sind derartige Urningszirkel nicht sehr grofi, 
sie umfassen selten weniger als 6 und mehr als 60 Personen, meist 
sind es ein bis zwei Dutzend, die sich in derartigen „ Kreisen" zu- 
sammenfinden. Vielfach beschranken sie sich auf eine bestimmte 
soziale Schicht, gewisse Stande und Klassen, doch werden die Gren- 
zen schon um der Freunde willen bei weitem nicht so streng inne- 
gehalten, wie dies bei Normals exuellen iiblich ist. Mancher Urning 
wiirde nichts so iibel nehmen, als wenn man seinem Freunde, imd 
sei er noch so einfachen Herkommens, die gesellschaftliche Eben- 
biartigkeit absprechen wiirde. Die Angehorigen eines homosexuellen 
Kreises laden sich gegenseitig ein, veranstalten Privatgesellschaften 
aller Art, Diners, Soupers, Fiinf-Uhr-Tees, an deren Stelle sich bei 
IIf>aiosexuellen aus dem Volk noch die alten Kaffeegesellschaften er- 
halten haben, geben wohl auch Hausballe, musikalische Soir6en, arran- 
gieren Picknicks, gemeinschaftliche Ausfliige, Sommerfeste. Ich bin 



Digitized by VjOOQIC 



679 

durch mein Eintreten ftir die Homosexuellen oft ersucht worden sol- 
chen Gesellschaften beizuwohnen, und wenn ich auch nur einen ganz 
kleinen Teil dieser Aufforderungeu annahm, so haben sie mir doch 
einen genugenden Einbliok in dats gesellige Leben der Urninge ver- 
schafft. AuUer in Berlin habe ich in Diisseldorf, Miinchen, Hamburg 
und anderen deutschen Stadten, ferner in Amsterdam, London, Paria^ 
Rom, Konstantinopel und anderswo solche Gesellschaften mitgemacht 
und wahrgenommen, wis ungemein ahnlich sie verlaufen: dieselben 
Typen, dieselben Themen, die gleiche Art des Benehmens hier wie 
dort. Im allgemeinen geht es auf urnischen Gesellschaften durchaus 
dezent zu und es kommt nur selten vor, dafi — wie Pavia'') es nament- 
lich von England berichtet — sexuelle Exzesse in Nebenraumen oder 
gar grofiere Orgien stattfindten. 

Diese urnischen Gesellschaften kommen in dreierlei Weise zu- 
stande, entweder durch zwanglose Besuche oder direkte Einladungen 
zu bestimmter Stunde, oder dswiurch, dafi ein Urning oder eine Urninde 
znr festgesetzten Zeit „empfangt" (jours fixes). In dem 3. Bande der 
„Berliner Grofistadtdokumente" habe ich ausfiihrliche Schilderungen 
urnischer Gesellschaften gegeben, von denen hier einiges auszugsweise 
zur Illustration des Gesagten folgen moge: 

Sehr bekannt war jahrelang der Sonntag-Nachmittags-Empfang 
bei einem urnischen Kammerherrn, auf dem viele Personen von Rang 
und Stand erschienen. Die leibliche Bewirtung besteht hier meist in 
Tee und Geback, die geistige in musikalischen Darbietungen. Letzten 
Winter war es besonders der Jour fixe eines urnischen Kiinstlers, der 
sich groBer Beliebtheit erfreute. Der iiberaus gastfreundliche Wirt 
empfing seine Gaste, unter denen sich viele homosexuelle Auslander, 
namentlich aus den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen 
Landern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, in einem eigen- 
artigen Zwischenstufengewand, einem Mittelding zwischen Schleppkleid 
und Schlafrock. Die Musikvortrage, zumal die Gesange des Haus- 
herrn in Bariton und Alt und das Klavierspiel eines danischen 
Pianisten standen kiinstlerisch auf der Hohe. Man sah dort regel- 
mafiig einen osterreichischen Studenten der Chemie, der stets schweig- 
sam da saB, sich aber sichtlich unter seinesgleichen wohlfiihlte, und 
immer wieder kam. Im Friihjahr, als die Zusammenkiinfte zu Ende 
waren, und der Russe Berlin verliefi, ging jener Student eines Abends 
in eine Urningskneipe, liefi sich vom Klavierspieler Koschats „Ver- 
lassen" spielen und nahm, als die melancholische Weise erklang, un- 
bemerkt ein Stiickchen Zyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos 
zu Boden streckte. „Selbstmord aus unbekannten Griinden" verzeichnete 
der Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbstmord eines Homosexuellen, 
wie er in Berlin etwas Alltagliches ist. 

Auch in minder bemittelten Urningskreisen sind in Berlin Ge- 
sellschaften sehr beliebt und verbreitet. Ich greife auch hier ein 
Beispiel aus der Erinnerung heraus. Ein mit Glucksgiitern nicht ge- 
segneter Homosexueller beging seinen Geburtstag. In einer kleinen 
Vorortskneipe batten sich die Geladenen, darunter seine zwei normal- 
sexuellen Briider, eingefunden. Man tat sich an Bockwiirsten mit 
Kartoffelsalat giitlich, wahrend der Sohn des Wirtes die Gassenhauer 
des Tages auf dem Klaviere zum besten gab. Dann trat „Schwanhilde", 
ein femininer Berliner Urning, auf. Er stellte erst eine Berliner 
Eochin, welche zum Theater gehen wollte, dar und wirkte besonders 
belustigend, als er zum Schlusse die BarfuBtanzerin Tsidora Duncan 
parodierte. Ein Damenimitator niedrigster Gattung, der zufallig im 
vorraum der Wirtschaft saB, wurde gebeten, sein Repertoire vorzu- 
tragen. Dazwischen trat ein echter Mann auf, ein Kohlentrager vom 
Landwehrkanal, ein „schwerer Junge", mit tatowierten Armen, glatt- 



') P a V i a J Die Homosexualitat in England, p. 36 f 



Digitized by VjOOQIC 



680 

aiigc^iogtem Scheitel, gestricktem Sweater und jener eigenturalichen 
iMi^cJiung von Plumphcit und Grazie, wie sie Arbeitern dieser Gattung 
eigen zu sein pflegt. Er sang eine groBe Reihe nicht eben priider 
Li^^der im Berliner Volkston mit vielen Sprachfehlern, obne eine 
Sjjur von Stimmc, jeden Satz unterstiitzt von grotesken Bewegungen, 
alles in seiner Ungeschicklichkeit aber so zusammenpassend, dafi es 
nicht olme Wirkung war. Allmahlicb riickte man Tische und 
StiiliJe boiseite, und ging zum Tanze iiber, bei dem sich eine Episode 
von schwer wiederzugebender Situationskomik ereignete. Als man mit- 
ten im Tanzen war, trat plotzlich — die Polizeistunde war langst 
iiberscbritten — ein Schutzmann mit strenger Amtsmiene herein. Nur 
einen Augenblick stockte die frohliche Stimmung, dann fafite einer 
der Anwesenden — ein urnischer Musiker — den Schutzmann rasch 
entschJossen um die Taille und walzte mit ihm los. Dieser war so 
verbliifft, da 13 er kaum Widerstand entgegensetzte, eifrig mittanztc 
nrid sicJi bald mit dem Wirtssohn und dem Kohlentrager in die RoUe 
des bcgehrtesten und aufgefordertsten Tanzers teilte. 

Als ein besonders einschneidendes Ereignis wird namentlich von 
feminine n Tlrningen im Volke d?r Abzug zum Militar begangen. Oft 
versamraelt der zukiinftige Rekrut einige Tage vorher seine gleichver- 
anlagtcn Freunde zu einem Abschiedskaffee um sich, wobei diese 
niclit sell en originelle Reden lialten, in denen sie den Gegensatz 
zwischen der femininen Eigenart des Scheidenden und dem mannlichen 
Soldatenberuf zum Ausdruck bringen. Ich gebe als Beispiel aus einem 
mir vurlift^^rnden Gedieht, das die Unterschrift tragt: ,,der Musque- 
t e u s (' in spe gowidmet von ihrem Rudi" einige charakteristische 
Verse : 

Es ist bestimrat in Gottes Rat, 

DaC jetzt ein Weibsbild wird Soldat ; 

Doch dieses Weibsbild ist ein Mann, 

Der keine Frauen lieben kann. 

Ich rate diesem Weibling sehr: 

Bewege dich beim Militar 

Zwar keB, doch niemals ordinar, 

Zier niemals dich nach Madchenart, 

ZiorL auch den Korporal der schonste Bart, 

Raff* nicht die Hos' wie einen Rock, 

Ergreif' nicht das Gewehr wie einen Damenstock, 

Nie muI3t du zu grazios dich in den Hiiften wiegen 

Und nie als wenn du schvvebst, durch deine Stube fliegen. 
VjH folgen nun noch eine Menge guter Ratschlage iiber sonstige Dienst- 
oblicgrnheilen, boispielsweise, dafi die Koppel nicht mit einem Korsett 
verwecLiselt werden darf ; dann heifit es weiter: 

Denn wenn man dich erkennt : Marstochter unter Sohnen, 

Dann wird man um dein Schicksal dich verhohnen, 

Nur am Geburtstag Seiner Majestat 

Tanz' auf der Biihne als Spezialitiit 

So fesch und schick wie ehedem, 

Dann bist der Kompagnie du ein Problem ; 

Als IMaid verbirgst und zeigst du dein Geschlecht, 

Du aber denkst dir: „echt bleibt edit". 
Eine Gesellschaft, der ich beiwohnte, fand in den Salen eines der 
vornehmsten Berliner Hotels statt. Ein wohlha bender Uranier feierte 
sein Xaniensfest. Es waren rait geringer Ausnahme nur Freundaspaare 
znpcgen, von denen die meisten schon seit Jahren zusammen leoten: 
jedcr fiihrte sein ,,Verhaltnis" zu Tisch. Dem Festmahl ging im Neben- 
snal auf einer aufgeschlagenen Biihne eine Theatervorstellung voraus, 
bei der aussehlieBIich Homosexuelle mitwirkten. Nach einigen Solo- 
scherzen trug d^r Gastgeber vortrefflich in Maske und Spiel eine Szene 



Digitized by VjOOQIC 



681 

als Falstafl" aus den Lustigen Weibern von Windsor vor, dann gab man 
Nestroys Wiener Posse : „Eine Vorlesnng bei der Hausmeisterin". 
Alle weiblichen Rollen, an denen es in diesem Stiicke nicht fehlt, 
lagen in den Handen femininer Urninge, namentlich erregte ein be- 
kannter Baron in der TitelroUe durch seine natiirliche Darstellungs- 
weise stiirmische Heiterkeit. 

Eine andere Gesellschaft bestand aus lauter homosexuellen Prin- 
zen, Grafen nnd Baronen. AuCer der Dienerschaft, die nicht nur in 
Bezug anf die Zahl, sondern auch in Hinsicht auf ihr AuCeres besonders 
sorgfaltig ausgewahlt schien, unterschied. sich die Gesellschaft in 
ihrem Eindruck kaum von Herrengesellschaften derselben Schicht. 
Wahrend man an kleinen Tischen opulent speiste, unterhielt man sich 
anfangs lebhaf t iiber die letzten Auf fiihrungon Wagner scher Werke. 
Dann sprach man von Reisen und Literatur, fast gar nicht iiber Politik, 
um allmahlich zum Hofklatsch iiberzugehen. Sehr eingehend verweilte 
man beim letzten Hofball, auf dem das Erschcinen des jungen Plerzogs 
von X. viele Urningsherzen hatte hohcr schlagen lassen, man schwarmte 
davon, wie schon er in seiner blauen Uniform ausgesehen habe, von 
seiner bestrickenden Liebenswurdigkeit, und berichtete, wie man es 
erreicht hatte, Seiner Koniglichen Hoheit vorgestellt zu werden. Dann 
erzahlte man sich Anekdoten iiber abwesende Urninge der Hofgesell- 
I'chaft, von denen eine besonders bclacht wurde: Ein Fiirst war kurz 
zuvor bei einem homosexuellen Magnaten, von dessen urnischer Natur 
er so wenig eine Ahnung hatte, wie von der anderer Herren seiner 
Umgebung, zur Jagd geladen. Der hohe Gast war des Morgens uner- 
wartet friih aufgestanden, um sich im Schlofigarten zu ergehen.- Als 
er den Korridor kreuzte, erblickte er seinen Gastgeber, der in so 
zeitiger Stunde nicht auf eine Begegnung vorbereitet war, in einem 
hochst sonderbaren Anzuge oder besser Aufzuge ; der sehr korpulente 
Gutsherr trug eine rotsamtne, mit Blumon und Spitzen reichbesetzte 
Matinee. Der Anblick dieser Zwischonstufen-Gowandung war so komisch, 
daB der fiirstliche Besucher in einen formlichcn Lachkrampf verfiel. 

Es gibt natiirlich auch viele urnische Gesellschaften, die un- 

fleich ernsteren Charakter tragen. So sammolte ein alter Berliner 
rivatgelehrter jeden Winter mehrere Male einen kleinen Kreis um 
sich in seinem kiinstlerisch ausgestattetcn Heime. Es waren meist nur 
zehn bis zwolf Herren aus akademischen Standen zugegen, von denen 
zwei bis drei nicht homosexuell waren. Dor Alte, welcher seine Gaste 
mit schweren Siidweinen, Austern, Humraern und ahnlichen Lecker- 
bissen bewirtete, hatte noch Alexander von Humboldt und I f f - 
land gekannt, war mit Hermann Hendrichs und Karl U 1 - 
r i c h 8 befreundet gewesen und schien unerschopflich in der Wieder- 
gabe seiner Erinnerunoren. Die Gesprache drehten sich hauptsiichlich 
um das homosexuelle Problem. Da debattierte ein iiingerer katholischer 
Geistlicher mit einem schon ergrauten evangelischen Pfarrer iiber 
Uranismus und Christentum; mehrere Philolo^en stritten sich iiber 
Shakespeares Sonette, wahrond die Juristen und Mediziner die 
Frage erorterten, inwieweit sich der § 51 des RStrGB., welcher 
von dem AusschluB der freien Willensbestimmung handelt, schon jetzt 
zugunsten der Homosexuellen verwenden lieBe. Den crnstesten Cha- 
rakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge trac^en die am 
Weihnachtsheiligabend veranstnlteten Zusaramenkiinfte. Mehr als an 
jedem andern Tage fiihit an diesem Feste des Familiengliicks der 
urnische Junggeselle sein einsames Los. Viele wiirden den Abend noch 
trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht 
stets einer oder der andere ware, der die Heira- und Heimatlosen 
um sich sammelte. In den GroBstadtdokumentcn (Bd. TIT) habe ich 
auch die Weihnachts feste der Urninge nach dem Leben geschildert. 



r 



Digitized by VjOOQIC 



682 

Vielfach bilden kleinere Kreise von Hoinosexuellen nur 
Stammtische, an denen sie sich in regelmaBigen Abstanden 
begegnen, und izwar kommen sie entweder, um nicht aufzu- 
fallen, in sonst nur von heterosexuellen Stammgasten be- 
suchten Kestaurants zusammen oder sie treffen sich in all- 
gemeinen Lokalen, in denen eine grofiere Reihe von Tischen 
mit Homosexuellen besetzt sind. Meist nehmen diese dann einen 
bestimmten Toil der Wirtschaft ein. 

So sind in eineni Bierpalast der Friedrichstadt seit vie- 
len Jahren zwischen 8 und II Uhr stets an 100 Homosexuelle in 
den Parterre raumen zu finden. Auch in bestimmte Kaffeehauser ziehen 
sich Urningo hin, wobei alle paar Jahre ein Wechsel zu beobachten 
ist; meist. werden auch hier Abteilungen der Wirtschaften besonders 
bevorzugt. Die selten mehr als zwei oder drei Jahre andauernde 
Bevorzugung eines Kaffeehausos ist in Berlin meist so zu erklarcn, 
dai3 gewohnlich die neuesten Etablissements auf Urninge eine groDe 
Anziehungskraft ausiiben. Den Wirten ist ihre Kundschaft an- 
fangs sehr genelim. Sobald aber das LoTcal auch anderweitig viel 
Zuspruch erhalt, fiirchten sie, daB an den homosexuellen Gasten, trotz- 
dem sich diese fast immer durchaus rescrviert verhalten, die anderen 
AnstoB nehmen konnten. Sie lassen dann nicht selten durch die 
Geschaftsfiihrer den auffiilligen Urningen Briefchen iiberreichen mit 
dem •Ersuchen, das Lokal zu meiden, worauf sich dann allmahlich 
auch die anderen zuriickzuziehen pflcgen, um in eins der mittlerweile 
neu entstandencn Kaffeehauser iiberzusiedeln. 

AuBer in heterosexuellen Lokalen treffen sich in vielen 
Stadten, namentlich in Berlin, die Urninge in ganz oder 
fast ausschlieBlich von Homosexuellen besuchten Restau- 
rants. Die genaue Zahl solcher Wirtschaften ist schwer zu er- 
mitteln, da einige sich sehr geheim halten, sie schwankt auch 
sehr, da wcgen Konzessionsschwierigkeit-en viele urnische 
Restaurants oft ihre Besitzer und urnische Besitzer wiedcrum 
ihro Lokale "wechseln ; so kannte ich einen homosexuellen Gast- 
wirt, der in vier Jahren ein Dutzend urnischer Soldatenkneipen 
bewirtschaftet hatte. 

Ich selbst konne in Berlin zurzeit 38 „homosexuelle Lokale"^), 
die sich vom auBersten Westen iiber die Stadt bis zum weitesten 
Osten verteilen ; am zahlreichsten sind sie gegenwartig im Siidwesten. 
Doch hore ich in meiner Tatigkeit immer wiedor gelegentlich ur- 
nische Restaurationen erwiihnen, die mir bis dahin unbekannt waren. 
Jede dieser Wirtschaften hat ein besonderes Gepriige ; in der einen 
halten sich nur altere, in der andern nur jiingere, wieder in einer 



3) Au0er den in den GroCstadtdokumenton Bd. Ill, finden sich 
ausfiihrliche Berichte iiber diese homosexuellrn Lokale bei Nacke: 
„Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin. Mit Bemorkungen iiber 
Homosexualitiit". Archiv fiir Kriminalanthroy)ologie und Kriminalistik 
Band XV, 1901, ferner in der anonvmen Schrift: Das perverse Berlin, 
a. a. O., im Kapitel: Lukale der Homosexuellen p. 128. Ober altero 
fiokole berichtet FI u g o F r i e d 1 a n d (^ r im Jalirb. f. sex. Zv\'. TUl. XIV. 
N. 1. Ober Lokale in London und Paris berichten Pa via, Pra- 
t o r i u s u. a. 



Digitized by VjOOQIC 



683 

andem altere und jiingere Leute auf. Fast alle sind gut besucht, an 
Sonnabenden und Sonntagen meist iiberfuUt. Wirte, Kellner, Klavier- 
spieler, Coupletsanger sind fast ausnahmslos selbst homosexuell. 
Manch€, wie beispielsweise das friihere Biilowkasino in Berlin, nnd 
die Palmyr-Bar in Paris, werden auBer von homosexuellen Herren yon 
liomosexuellen Damen, meist Frenndinnen, besucht. 

Man kann diese Lokale in Verschiedene Kategorien ein- 
teilen, in solche, die fast nur der geselligen Aussprache der Ur- 
ninge dienen, die fiir viele ein groBes Bediirfnis ist, und in 
solche, die von Homosexuellen aufgesucht werden, um mannlidhe 
Personen zu finden, mit denen sie spater entweder „aus Liebe'* 
oder gegen Entgelt verkehren k5nnen. Beide Gruppen sind, trotz- 
dem viele Wirte sich' bemtihen, ihre Lokale prostitutionsfrei 
zu halten, nicht imtner sc^harf von einander zu trennen. Eine 
beeondere Gruppe ftir sioh bilden dann noch die von Homo- 
sexueller bevorzugten Soldatenkneipen. Die meisten Lokale be- 
stehen aus mehreren Raumen, in denen sich an den Haupttagen 
durchschnittlich 50 bis 100 Gaste aufhalten, in einigen weniger, 
in anderen mehr, jedenfalls kann man an den Sonnabenden und 
Sonntagen abends insgesamt tausend Uminge und mehr in den 
Berliner homosexuellen Lokalen finden. 

Ein sehr geachteter homosexueller Wirt, der lange Zeit Inhaber 
einer der beliebtesten Wirtschaften war, in der nur echte Homosexuelle 
verkehrten, erzahlte mir, daB er durchschnittlich jeden Abend min- 
destens zehn neue Gaste, auBer den alten, bei sich gesehen habe, 
im Jahre iiber 3000, in den zwanzjg Jahren, in denen er das Restaurant 
besaB, iiber 60 000 Homosexuelle. ^3 gibt Lokale fiir alle Gesellschafts- 
schichien, hochelegant ausgestattete Bars, in denen der geringste 
Satz fiir eine Konsumation eine Mark ist, bis hinunter zu den klein- 
burgerlichen Kneipen, wo das Glas Bier zehn Pfennige kostet. Preis- 
aufschlago mit Riicksicht auf den homosexuellen Charakter des Lokals 
sind nicht iiblich, doch werden oft sehr hohe Trinkgelder gegeben, die 
in einfachen Lokalen nicht selten die Hohe des Verzehrten iiber- 
steigen. Viele Herren geben dadurch der gliicklichen Stimmung Aus 
druok, die sie in diesen Lokalen beseelt, denn viele, die Tag fiir 
Tag, oft viele Jahre nie die Masken liiften konnten, fiihlen sich 
hier wie erlost. Man hat Homosexuelle aus der Provinz, die sich zum 
ersten Male in solchen Lokalen aufhielten, in tiefer seelischer Er- 
schiitterung weinen sehen. In den meisten Kneipen geht es durchaus 
anstandig zu, in vielen ist der Ton ein solcher, daB der Fremde, der 
sich zufallig einmal in ein solches Lokal verirrt, nicht vermuten kann, 
daB er sich zwischen lauter Gleichgeschlechtlich-Empfindenden be- 
findet. In anderen Restaurants allerdings lassen feminine Urninge 
ihrem weiblichen Wesen ungehemmt die Ziigel schieBen, oft in ao 
ausgelassener Weise, daB sich nicht nur Heterosexuelle, sondern auch 
virilere Homosexuelle dadurch abgestoBen fiihlen. Einige der ein- 
facheren Wirtschaften haben Nebenraume, in die sich hie und da 
die Pai'tner zum Zwecke geschlechtlicher Betatigung zuriickziehen. Es 
ist das aber streng verboten \md hat wiederholt nicht nur polizeilichen 
SchluB des Lokals zur Folge gehabt, sondern Anklaee der Wirte wegen 
Kuppelei. Personen unter 18 Jahren ist in den letzten Jahren der 
Zutritt zu diesen Lokalen verboten. 



Digitized by VjOOQIC 



684 

Im iibrigen verhalt sich die Berliner Polizei ebenso wie 
die ill Hamburg, Koln, Leipzig und an anderen Platzen diesen 
Lokalen gegenliber sehr tolerant. Weniger weil sie den Urningen 
das harmlose Vergniigen Lhrer Unterhaltung gonnt — auch das 
spricht mit — als in der richtigen Voraussetzung, daU diese 
Sammelplatze ihr die €bersicht iiber die Homosexuellen und 
diejenigen Elemente wesentlich erleichtern, die sich durch Er- 
pressung und Diebstahl an ihnen bereichern. Durch Erkundi- 
gungen, die sie bei den Wirten, Angestellten und Gasten dieser 
Lokale eingezogen haben, ist es der Polizei oft gelungen, wich- 
tigc Fahrten ausfindig zu machen, vor allem Verbrechern auf 
die Spur zu kommen, die an > Homosexuellen Gewalttaten be- 
gangen hatten. AuUerdem halt man es auch fiir richtiger, nach- 
dem man die Unmoglichkeit eingesehen hat, die Handlungen 
der Homosexuellen zu unterdrlicken, sie in geschlossrenen Lo- 
kalen unter sich bekannt werden zu lassen, als daU sie sich 
in unliebsamer Weise auf offentlichen Platzen und StraBen 
bemerkbar machen, was ohnehin oft genug vorkommt. 

Bemerkenswert ist, daB auch die Mitbewohner und Nachbaxn der 
Hauser, in denen sich homosexuelle Lokale befindenj an diesen keinen 
AnstoB nehmen, trotzdem sie ganz genau wissen, daB es Homosexuelle 
sind, die dort ein- und ausgehen. In einem Lokal befand sich sogar 
jahrzehntelang die Kneipe eines vornehmen studentischen Korps un- 
mittelbar iiber dem homosexuellen Lokal, Ein Schilderer^o) des Berliner 
Urningslebens schreibt dariiber: „0b wohl die zukiinftigen Richter und 
Slaatsanwalte wissen, wer dort unten verkehrt? Dann mochte ich 
ratcn, daB sie vorsprechen und Studicn machen. Sie konnen hier viel, 
viel sehen und kennen lernen: angeborenes menschliches Elend, wider 
das es keine Abhilfe gibt." 

Eine groBe Rolle spielt in homosexuellen Lokalen die 

Musik, die fast nirgends fehlt. Die Klavierspieler und Sanger, 

denen oft Frauennamen beigelegt werden, sind oft sehr beliebt 

und werden von den Gasten ebenso wie die Kellner, die oft 

die Verhaltnisse der Wirte sind, mit Komplimenten und freund- 

lichen Worten liberschuttet. 

Von mir bekannten Klaviefspielern nenne ich die Cosima, die 
Rita, die Miecke, die Pokahuntas, die Sachsin, die Miillerin und die 
verstorbene Engeln, die samtlich eine groBe Attraktion ihrer Lokale 
waren. Eine noch groBere Anziehungskraft aber bildet fiir viele 
Homosexuelle der Tanz. Wenn der Urning aus dem Volke sich mit 
seinem Freunde nach der Musik drehen kann, ist er iiberselig. Der 
weibliche Teil schmiegt sich mit sichtlicher Hingebung schmachtend 
dem mannlichen Partner an; die Musik materialisiert sich formlich 
in ihnen : wenn der Klavierspieler abbricht, schcint es, als ob sie 
aus melodientrunkener Tonseligkeit zu rauher Wirklichkeit erwachen. 
In noch hoherem MaBe tritt dies bei den B a 1 1 e n hervor, die von 
den Wirten urnischer Lokale von Zeit zu Zeit in groBeren Salen ver- 
anstaltet werden. 



10) Das perverse Berlin, p. 137 f. 



Digitized by VjOOQIC 



685 

Vielfach werden die homosexuellen Mannerlokale auch von 
urnischen Frauen frequentiert, fiir die es aber auch separate 
Lokale gibt, doch sind diese seltener. Es konnte dies zunachst 
befremdlich erscheinen, da doch die homosexuellen Frauen un- 
beanstandeter leben, doch ist zu bedenken, daU ihre Scheu, fiir 
„8o" gehalten zu werden, ebenso groB ist, wie die ihrer mann- 
lichen KoUegen, auBerdem fast jede froh ist, wenn eie eine 
„feste** Freundin hat, ndt der zusamtnen sie sich dann moglichstj 
von jeder Offentlichkeit zurliekzieht. Die Wirte und Kellnerl 
homosexueller Frauenlokale ipflegen virile Urninden zu sein,| 
die meisten bedienen in mannlicher Tracht. Charakteristischer- 
weise geht es in den homosexuellen Frauenlokalen im allgemeinen 
etwas derber zu, wie in den analogen Mannerkneipen, so waren 
die Vortr,age in einem Berliner Frauenlokal so obszon, daB die 
Vortragende, genannt „d6r Leutnant", wegen Erregung offent- 
lichen Argernisses verklagt und mit Gefangnis bestraft wurde. 

In frtiheren Jahren, vornehmlieh um 1900 herum, bildeten 

die groBen Urningsballe in ihrer Art und Ausdehnung eine 

Spezialitat von Berlin. Hervorragenden Fremden, namentlich 

Auslandern, die ;in der jlingsten der europaischen Weltstadte 

etwas ganz besonderes zu sehen wiinschten, wurden sie als eine 

der interessantesten Sehenswlirdigkeiten gezeigt. 

Sie sind auch wiederholt beschrieben, so von Oskar M6t6nier 
in „V€rtu8 et Yices allemands, les Berlinois chez eux". In der 
Saison von Oktober bis Ostern fanden diese Balle in der Woche 
mehrmals, oft sogar mehrere an einem Abend statt. Trotzdem das 
Eintrittsgeld selten weniger als 1,50 M. betrug, waren diese Veran- 
staltungen meist gut besucht. Fast stets sind mehrere Geheimpolizisten 
zugegen, die acht geben, daB nichts Ungeziemendes vorkommt; soweit 
icli unterrichtet bin, lag aber nie ein Anlafi vor, einzuschreiten. 
Die Veranstalter hatten Order, moglichst nur Personen einzulassen, 
die ihnen als homosexuell bekannt sind. Nach den grofien Skandal- 
prozessen des Jahres 1907 wurden diese Balle, man kann fast sagen 
— ut aliquid fiat — polizeilich inhibiert, wobei es fraglich ist, ob 
man gesetzlich dazu berechtigt war. Jedenfalls entsprach damals 
dieses Verbot der ungiinstigen Volksstimmung, um so schmerzlicher 
traf es viele Homosexuelle, besonders feminine. Ich erinnere mich, dafi 
ich damals Unter den Linden einen mir bekannten alten homosexuellen 
Grafen mit sehr weibischen Alliiren traf, der auf die Frage nach 
seinem Ergehen sogleich sehr niedergeschlagen berichtete, es ginge 
ihm nicht gut; ich fiirchtete schon, er sei in Erpresserhande ge- 
fallen, als er berichtete, er hatte sich fur diesen Winter bei dem 
ersten Pariser Damenschneider ein „wunderbares" neues Kleid arbeiten 
lassen, nun hinge es im Schrank, denn gerade als es fertig geworden 
sei, waren die Balle untersagt und wiirden wohl nie wieder erlaubt 
werden. Tatsachlich sind sie nach dreijahriger Pause wieder auf- 
genommen worden, haben aber ihren alten Glanz noch nicht wieder 
erreicht. Ich gebe nun die Schilderung eines homosexuellen Manner- 
und Frauenballes aus den GroBstadtdokumentea : „Eines besonderen 
Renommees erf rent sich der am ersten Sonnabend nach dem 
ersten Januar veranstaltete Neujahrsball. Als ich diesen Ball 



Digitized by VjOOQIC 



686 

vor einigen Jahreu mit mehreren arztlichen Kollegen besuchte, 
waxen gegen achthundert Personen zxigegen. Um 10 Uhr abends sind 
die groBen Sale noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen 
sich die Raume zu fullen. Viele Besucher sind im Gesellschafts- 
oder Slrafienanzug, sehr viele kostumiert. Einige erscheinen dicht mas- 
kiert in undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne 
dafi jemand ahnt, wer sie gewesen sind; andere liiften die Larve um 
Mitternacht, ein Teil kommt in Phantasiegewandern, ein grofier Teil 
in Pamenkleidern, manche in einfachen, ,andere in sehr kostbaren, 
viele in selbstgefertigten Toiletten. Ich sah einen Siidamerikanei , 
in einer Pariser Robe, deren Preis iiber 2000 Franken betragen sollte. 
Es war dies iibrigens derselbe, der spater in Breslau als sogenannte 
„mannliche Braut" Selbstmord veriibte. Nicht wenige wirken in 
ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich, daU es selbst 
Kennern schwer fallt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere mich, daB 
ich auf einem dieser Balle mit einem auf diesem Gebiete sehr er- 
fahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmadchen beobachtete, von 
dem der Beamte fest iiberzeugt war, dafi sie ein richtiges Weib sein 
miisse, auch ich hatte kaum Zweifel, um in der Unterhaltung mit 
ihr aber doch wahrzunehmen, dafi sie „ein Mann" war. Wirkliche 
Weiber sind auf diesen Ballen nur sparlich vorhanden, nur dann und 
wann bringt ein Uranier seine Wirtin, eine Freundin oder — seine 
Ehefrau mit. Man verfahrt im allgemeinen nicht so streng bei den 
Urningen wie auf analogen Urnindenballen, auf denen vielfach jedem 
„echten Manne" strengstens der Zutritt versagt ist. Am geschmack- 
lostesten wirken auf den Ballen der Homosexuellen die ebenfalls 
nicht vereinzelten Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes 
Oder gar Vollbartes „als Weib" kommen. Die schonsten Kostume 
werden auf ein Zeichen des Einberufers zumeist mit Tusch empfangen 
und von diesem selbst durch den Saal geleitet. Zwischen 12 und 1 Uhr 
erreicht der Besuch gewohnlich seinen Hohepunkt. Gegen 2 Uhrfindet 
die Kaffeepause, die HaupteinnahmequeUe des Saalinhabers, statt. 
In wenigen Minuten sind lange Tafeln aufgeschlagen und gedeckt, 
an denen mehrere hundert Personen Platz nehmen; einige humori- 
stische Gesangsvortrage und Tanze anwesender „Damenimitatoren" 
wiirzen die Unterhaltung, dann setzt sich das frohliche Treiben bis 
zum friihen Morgen fort. 

In einem der groBen Sale, in welchem die Urninge ihre Balle ver- 
ansialten, findet auch fast jede Woche ein analoger Ballabend fur 
Uranierinnen statt, von denen sich ein groBer Teil in Herrenkostiim 
einfindet. Die meisten homosexuellen Frauen auf einem Fleck kann 
man aber alljahrlich auf einem von einer Berliner Dame arrangierten 
Kostiimfest sehen. Das Fest ist nicht offentlich, sondern gewohnlich 
nur denjenigen zuganglich, die einer der Komiteedamen bekannt sind. 
Eine Teilnehmerin entwirft mir folgende Schilderung: „An einem 
achonen Winterabend fahren von 8 Uhr ab vor einem der ersten 
Berliner Hotels Wagen auf Wagen vor, denen Damen und Herren in 
; Kostiimen aller Lander und Zeiten entsteigen. Hier sieht man einen 
^. flotten Couleurstudenten mit machtigen Rinommierschmissen ankom- 
men, dort hilft ein schlanker Rokokoherr seiner Dame galant aus 
der Equipage. Immer dichter fiillen sich die strahlend erleuchteten 
weiten Raume; jetzt tritt ein dicker Kapuziner ein, vor dem sich ehr- 
furchtsvoll Zigeuner, Pierrots, Matrosen, Clowns, Backer, Landsknechte, 
schmucke Offiziore, Herren und Damen im Reitanzuge, Buren, Japaner 
und zierliche Geishas neigen. Eine glutaugige Carmen setzt einen 
Jockey in Brand, ein feuriger Italiener schlieBt mit einem Schnee- 
mann innige Freundschaft. Die in buntesten Farben sghillernde froh- 
liche Schar bietet ein hochst eigenartigos, anziehendes Bild. Zuerst 
starken sich die Festteilnehmerinnen an blumengeschmiickten Tafeln. 
Die Leiterin in f letter Samtjoppe heiBt in kurzer kerniger Rede die 



Digitized by VjOOQIC 



687 

Gjiste willkommeii. Danii werden die Tische fortgerauint. Die „Donau- 
wolleu" erklingen, iind begleitet von frohlicheu Tanzweisen, schwingen 
sich die Paaro die Nacht hiridnrch im Kreise. Aus den Nobenraumen 
hori man belles Lachen, Klingen der Glaser und munteres Singen, 
nirgends aber — wohin man sieht — werden die Grenzen eines Kostiim- 
festes vornehmer Art iiberschritten. Kein Miflton triibt die allgemeine 
Freude, bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten Dammerlicht des 
kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an dem sie sich unter Mit- 
empfindenden wenige Stunden als das traumen durften, was sie inner- 
lich sind. Wem es je vergonnt war, schlieBt Frl. R. ihren Bericht, 
ein derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehriicher Uberzeugung 
sein Leben Tang fiir die ungerecht verleunideten Uranierinnen eintreten, 
denn er wird sich dariiber klar geworden sein, daS es iiberall gute ; 
und schlechte Mensclien gibt, daB die liomosexuelle Naturveranlagung / 
aber ebensowenig wie die heterosexuelle von vornherein einen Menschen 
zum Guten oder Bosen stempelt." 

Auch in anderen Stadten werden homosexuelle Balle ver- 
anstaltet, aber nicht so regelmaJJig, und nur selten offentlich, 
in Paris finden seit altersher jeden Winter zwei groBe Urnings- 
balle am mardi gras und micareme statt, wozu viele Homo- 
sexuelle aus London heriiberkommen. Sie sind den Berliner 
homosexuellen Ballen zum Verwechseln ahnlieh. Im Gegensatz 
zu protestantischen ist es in alien katholischen Landern Sitte, 
dalJ feminine Urninge in grofier Zahl wahrend des Faschings als 
Frauen verkleidet Biille besuchen; oft geben sie sich gar nicht 
als Manner zu erkennen, sie tanzen mit den Herren, lassen sich 
von ihnen klissen, umarmen und traktieren, setzen sich ihnen 
auf den Schofl und genicBen alle Freuden ihrer Liebe 3nit dem 
Manne ihrer Wahl, der seinerseits ein Madchen zu liebkosen 
meint. 

„Wie mancher mag schon mit einem holden Madchen getanzt 
zu haben glauben, wahrend, was er in den Armen hielt, ein holder 
Urning war,** sagt U 1 r 1 c h s i^) einmal in Memnon, wo er aus- 
fiihrlich einen solchen Vorgang berichtet, der sich zwischen echten 
Mannern und Pseudofrauen auf einem Wiener Fiakerball abspielt. 

DaB feminine und namentlich transvestitische Urninge im Kar- 
neval yon der Geschlechtsverkleidung weitgehendsten Gebrauch machen, 
finde ich durch zahlreiche Mitteilungen aus Koln, Miinchen imd Italien, 
auch durch eigene Beobachtungen im Karneval von Nizza bestatigt. 
Schon Goethe erzahit in seiner italienischen Reise bei der Schil- 
derung des romischen Karnevals: ,,Im Karneval Ziehen viele junge 
Burschen im Putz der Frauen aus der geringsten Klasse umber, und 
scheinen sich darin sehr zu gefallen. Kutscher und Bediente sind als 
Frauen oft sehr anstandig und, wenn es junge, wohlgebildete Leute 
sind, zierlich und reizend gekleidet. Dagegen finden sich Frauenzimmer 
des mittleren Standes als Pulcinelle, die vornehmeren in Offiziers- 
tracht gar schon und gliicklichi*)." 

Ein nicht unwesentlicher Grund der Verbreitung der 
Urningsballe in Deutschland und der groBen Anziehungskraft, 



13) r 1 r i c h s , VJI, 145. 

'^) Cf. „Die Trans vest! ten." Kap. 15. p. 461. 



Digitized by VjOOQIC 



688 

die sie auf gleichgeschlechtlich veranlagte Personen ausiiben, 
diirfte librigens der sein, dafl bei uns das Tanzen von Mannern 
und Burschen untereinander auf offentlichen Tanzboden ver- 
pont, vielfach sogar verboten ist, im Gegensatze zu der gegen- 
iiber Madchen und Frauen herrschenden Auffassung, die von 
diesem Vorrecht des Miteinandertanzens weitgehendsten Ge- 
brauch machen. Ein guter Beobachter kann denn auch bei fast 
jedem Tanzvergnligen homosexuelle Freundinnen miteinander 
tanzen sehen, sie sind daran erkenntlich, daB sie jeden Tanz aus- 
nahmslos miteinander tanzen, die eine stets den Herrn markiert, 
auch im Kleidungsschnitt, den Verbeugungen und Biegungen den 
mannlichen Einschlaj^ verrat, wahrend die andere sicK voller 
Hingebung an die Partnerin schmiegt und auch in den Pausen 
keinen Blick von ihr laBt. 

In Gegenden, wo Burscheu miteinander tanzen — so in alien 
romanischen Landern — kann man unter ihnen ganz analogs Erschei- 
nungen wahrnehmen. In Ajaccio war ich einmal Zeuge einer wilden 
Eifersiichtsszene, die entstand, als ein junger Mann, der immer mit 
ein- und demselben Herrn getanzt hatte, der Aufforderung eines 
anderen Folge leistete. Ahnliches sah ich einmal in Metz, wo das 
Tanzen unter jungen Leuten ebenfalls noch gang und gabe ist. Ich sab 
dort in einem Tanzsaal der Vorstadt unter 80 tanzenden Paaren min- 
destens 5 stark auf Uranismus verdachtige, die mir von einem homo- 
sexuellen Arbeiter spater als ihm bekannte Gefiihlsgleiche bestatigt 
wuj'den. . . . Es gibt Homosexuelle besserer Gesellschaftskreise, die mit 
Vorliebe Gegenden bereisen, wo der Miiunertanz iiblich ist, sie konneu 
stundenlang den rh3'thmischen Beweguiigen ihnen sympathischer Paare 
zuschauen, beteiligen sich auch schlieUlich selbst inkognitp am Tanz 
mit den Burschen. 

Die zahlreichen homosexuellen Restaurants dtirften der 
Hauptgrund sein, daB zwei Arten von Sammelplatzen von 
Homosexuellen, die in anderen GroBstadten sehr beliebt sind, in 
Berlin eine weniger groBe RoUe- spielen : die Theater und die 
Badeanstalten. 

Unter den Berliner Theatern war es eigentlich nur „Kroir*, 
das im letzten Viertel des vergangeneu Jahrhunderts ein Treffpunkt 
Homofiexueller war, wenn auch nicht in dem Grade wie etwa das 
Lundoner „Colosseiim** oder die „Alhambra*' in Paris ; friiher in den 
sechziger und siebziger Jahren begegneten sich vielfach die Berliner 
Urninge im Foyer des Viktoriat heaters, wo auch der umische 
Dichterprinz G. eine nicht seltene Erscheinung war. Wahrend 
in Asien, nameutlich Ostasien, in PJrmangelung der Restaurants 
die Theater noch ietzt die hauptsachliclisten homosexuellen Zusammen- 
kunftsstatten sind, etwa wie es im Orient und RuBland die Bade- 
anstalten sind und es im Altertum die Gymnasien waren, ist es in 
Eiiropa jctzt nur mx'h Loruloii. wo das Theater unter den Rendezvous- 
Orten an erster Stelle zu nennen ist. Bald ist das eine, bald das 
andere Theater en vogue. Wie es in manchen Fallen zugeht, schildert 
Pavia^^a) in seinem I3ericht iiber „die mannliche Homosexualitat in 

^*a) Pavia, Die mUnnlicho Ilomosexualitiit in England mit be- 



Digitized by VjOOQIC 



689 

£ngland'\ in dem es iL a. heifit: „0a8 Parterre des Empire-Theaters 
war am Sonnabend eine Sehenswiirdigkeit, desgleichen man wohl 
anderswo selten gesehen hat. Man stefle sich ungefahr 200 Ifrninge, 
Soldaten, Kynaden und Pseudohomosexuelle Kopf an Kopf gedrangt 
vor; das Licht im Saale diskret geaug, um die ,Intimitaten*, die viel- 
tach ausgeiibt warden, nicht alizu aufdringiich erscheinen zu lasseii, 
und als besondere Spezialitat einen Portier von unverkeonbar uruischeu 
Neigungen, welcher Paare, gegen eine maBige Entrichtung, in die 
SicberLeit eines der ihm anvertrauten Riiume hineinliefi, um nach 
Ablauf von wenigen Minuten an die Tiire zu klopfen, weil ein ahn- 
liches Duo EinlaC begehrte." Die eigenartigste Spezialitat, die ich auf 
diesem Gebiete in London sah, war ein Vorstadttheater, dessen (Jalerie 
fast ausschliel31icli von urnischen Lakaien vornelimer Herrschaften be- 
sucht war. 

Einer grofien Beliebtheit erfreut sich das Theater xinter 
den Homosexuellen auch Insofern — und das gilt nicht nur flir 
England sondern flir alle Orte, in denen es Biihnen gibt ■ — 
als es ihnen gestattet, einige Stunden Seite an Seite mit ihren 
Freunden in unauffalliger Weise zu verbringen. Viele sitzen 
wahrend der ganzen Vorstellung, unbemerkt von ihren Nachbarn, 
Hand in Hand. 

Ich kenne einen vornehmen Uranier in Berlin, der jungen Stu- 
dcnten, an denen er Gefallen findet, anonym teure Platze zu guten 
Theaterstijcken schickt; gewohnlich findet er dann auch die Person, 
an dercn Bekanntschaft ihm gelegen ist, abends neben sich. Ein 
anderer, ein Versicherungsbeamter, der sehr heftig aber unglucklich 
einen Bureaukollegen liebte, schenkte diesem regelmaBig Theater- und 
Zirkusbilletts, die er angab, umsonst erhalten zu haben. In Wirk- 
lichkeit waren es aber gar keine Freibilletts, sondern waren von ihm 
bezahlt worden, nur um den Platz neben dem Menschen, der iiberhaupt 
nicht wuBte, daB er geliebt wurde, inne zu haben. Unter den inter- 
nationalen Biihnenstadten ist wahrend der Festspielzeit vor allem 
Bayreuth^^) ein sehr beliebter Sammelplatz von Uraniern aus aller 
Herren Landern, die teils allein, teils mit ihren Freunden dorthin 
kommen. Besonders soil auf sie die „Manneroper" Parsifal eine groBe 
Wirkung und Anziehungskraft ausgeiibt haben. Von vielen homo- 
sexuellen Paaren, und zwar nicht nur aus n i e d e r e n Volkskla.ssen, 
werden'in neuer Zeit die Kincmatographentheater bevorzugt, und zwar 
nicht nur zum Zwecke gemeinsamer tlnterhaltung, sondern auch inn 
im Dunkeln wechselseitige Kontakte vorzunehmen. In friiheren Zeiten 
waren die Ansammlungen vor den offenen Marionettentheatern ahn- 
liche Pradilektionsstellen der Toucheure und Frotteure ; einige von 
diesen, wie die Guignols in den Champs Elysees, die Kasperletheater in 
St. Pauli (Hamburg), erfreuen sich noch heute unter Urningcn eines 
internationalen Rufes, zumal Kasperle nicht selten drollige Bemerkungen 
iiber die „\Varmen" einflieBen laBt. Auf dem Spielbudenplatz in Ham- 
burg ruft Kasperle: „Jungs, he het mi anfoten" (er hat mich ange- 
faBt). „He is en Warmen" (er ist ein Warmer). Darauf ruft eine 
andere Stimme: „Kasperl, geh mit hem, he gif de naher en Daler" (geh 



sonderer Beriicksichtigung Londons, Vierteljahrsber. d. W.-h. K. III. Jiig. 
p. 45/46. 

^^) Cf. Oscar P a n i z z a , Bayreuth und die Homosexualitiit. In 
„Die Gesellschaft** Jahrg.»1895 p. 88 ff. und Hanns Fuchs, „Kichard 
Wagner und die Homosexualitat. Unter besonderer Beriicksichtigung 
der sexuellen Anomalien seiner Gestalten." Berlin 1903. 

Hirschfcid, Homosexualitat. 44 

Digitized by V:iOOQIC 



690 

mit ihm, er gibt dir nachher einen Taler). Eine ahnliche Zugkrafi 
haben an vielen Platzen auch bestimmte Depeschensale .groCerer 
Zeituiigon, in denen sich stets vor den neuesten Bildern und Nach- 
richtcn eine groBe Menge beschaftigungsloser Menschen staut, sowie 
fijr homosexuelle Frauen die Ausstellungen in Warenhausern. Nament- 
lich soUen neuerdings die nur Frauen zuganglichen Vorfiihrungen der 
Mannequins — lebender Modepuppen — von Urninden stark frequen- 
tiert werden. 

In viel hoherem Grade als alle die bisher aufgeftihrten 
Orte, die immerhin hauptBachlieh nur der Anknlipfung homo- 
sexueller Bekanntschaften und Beziehungen dienen, erftillen die 
nunmehr zu nennenden B a d e anstalten nicht nur diesen Zweck, 
sondern auch den der sexuellen Betatigung gielbst. Ich er- 
wahnte bereits, daB sie in Deutschland hierftir nicht die Be- 
deutung gewonnen haben, wie in vielen andern Landern, nament- 
lich solchen, wo, wie in Osterreich, die Danvpfbader mehr odor 
wenigei* nach tlirkischem Muster eingerichtet sind. Ah'nlich 
wie die Lokale kann man auch die Bader in z w e i Kategorien 
teilen, in die, welche den Verkehr Gleidhveranlagter aus beider- 
scitiger Neigung vermitteln, und die, welche flir den Umgang 
mit Prostituierten Gelegenheit geben. Aber auch hier sind die 
Grenzen nicht dmmer scharf gezogen. Doch gibt es sicherlich 
eine Reihe homosexueller Bader in Paris, Wien, Berlin, New 
York und anderen Stadten, in denen ein sexueller Verkehr gegen 
Entgelt zu den Ausnahmen gehort, wahrend er in anderen 
Badern das libliche ist, und zwar nicht nur dort, wo sich Bade- 
diener und Masseure selbst zur Verfiigung stellen. 

Die Besitzer letztgenannter Anstalten setzen sich in Deutschland 
dadurch, daB sie, wie es im Gesetze lautet, gewohnheitsmaCig oder 
gewerbsmaCig der Unzucht Vorschub leisten, der Gefahr aus, wegen 
Kuppelei belangt zu werden. Erst vor einigen Jahren-wurde ein In- 
haber eines Bades aus diesem Grunde in Berlin zu einem Monat Ge- 
fangnis verurteilt. In anderen Landern kommt mehr der Strafbegriff 
des offentlichen Argernisses in Frage, der beispielsweise in Paris 
wiederholt zur behordlichen SchlieBung der Anstalten fiihrte. Dabei 
ist aber zu beriicksichtigen, daB die Anstaltsinhaber keineswegs immer 
iiber die Vorgange in ihren Badern unterrichtet sind, namentlich 
werden haufig Wanuenbadeanstaltcn mit sogenannten Doppelzellen von 
horaosexuellen Parchen ohne Wissen der Besitzer aufgesucht, um un- 
gestort Verkehr zu pflegen. Auch bei der Untersuchung, die im 
Jahre 1909 gegen das Maximilianshofbad in Miinchen wegen homo- 
sexueller Vorkommnisse schwebte, ergab sich aus eidlichen Bekun- 
dungen, daB der Inhaber des vornehmen Etablisscments von den zwi- 
schen den Badewartern und Badegiisten vorgenommenen „unsittlichen 
Beriihrungen" keine Kenntnis gehabt, vielmehr selbst, nachdem er 
davon erfuhr, die Anzeige erstattet hatte. Wie es in homosexuellen 
Badern zugeht, habe ich bereits oben^^) an einem Beispiel aus Paris 
beschrieben. In meinem Aufsatze „Die Homosexualitat in Wien" (Wie- 
ner Klinische Kundschau, Nr. 42, 1901) findet sich eine eingehende 
Schilderung einer groBen Badeanstalt der osterreichischen Hauptstadt, 



Digitized by VjOOQIC 



691 

in der sich an einem Tage der Woche mehrere hundert Homosezuell/e 
treffen. 

Auch die Volksbader, Schwimmhallen und Brausebader bilden 
nicht selten Treffpunkte Homosexueller ; doch werden sie weniger 
zwccks sexueller Betatigung aufgesucht, als urn sich am Anblick sym- 
pathischer Gestalten zu weiden. In noch hoherem Grade gilt dies 
von den Luftbadern, Gymnastikhallen. Bezeichnend war, dafl in einem 
der ersten Berliner Lichtluftbader in der aufgehangten Badeordnung 
ein Paragraph enthalten war, welcher lautete; „Homosexuelle Herren 
werden ersucht, sich ihre Anlage nicht merken zu lassen." Tatsachlich 
wurde spater dort einigen homosexuellen Herren der Zutritt verboten, 
lediglich auf Grund ihrer bekannt gewordenen seelischen Neigung 
zum gleichen Geschlecht. Im iibrigen haben homosexuelle Bader- 
skandaie schon wiederholt zu Gerichtsverhandlungen gefiihrt. So wurde 
im November 1909 auf ein anonymes Schreiben bei der Budapester 
Stadthauptmannschaft im Ofener Volksdampfbad des St. Lukas-JBades 
eine Gesellschaft von 24 Mannern \md Burschen ausgehoben und zur 
Oberstadthauptmannschaft gebracht, die spater — es waren alles junge 
uiigarische Handwerker, Selcher, Schneider, Farber und Steinmetzen — 
ebenso wie der Bademeister, Badediener und Besitzer der Anstalt zu 
Gefangnisstrafen verurteilt wurden. 

DaB in vielen Badeanstalten die Badediener iie Vermitte- 

lung homosexuellen Verkehrs als ergiebiges Nebengesohaft be- 

treiben, ist nach libereinstimmenden Mitteilungen aus^ ver- 

schiedenen LSndern gewiiJ. Manche dieser Angestellten grtinden 

sich, wenn sie sich eine entsprechende Summe gespart und 

viele Homosexuelle kennen gelernt haben, eigene Institute, in 

die sich Urninge besserer Gesellschaftsklassen in tiefstem 

Inkognito begeben, um- dort mit bestellten oder gerade an- 

wesenden Partnern Verkehr zu pflegen. 

Eines dieser „Massage-Institut e", das viele reiche Urninge 
Jahre hindurch frequentierten, wurde in den Berliner Skandalprozessen 
des Jab res 1907 wiederholt erwahnt. Oft sind die Besucher den Be- 
sitzern selbst nur unter Decknamen oder Vornamen bekannt. 
Andrerseits bedienen sich diese zu eigner Legit imierung gegeniiber 
den nicht ohne Grund miBtrauischen Wirten bei ihrem ersten Kommeu 
gewisser geheimer Stichworte, wie etwa: „Einen schonen GruB von 
Xante Sophie." Die Preise, welche die Inhaber solcher Hauser erhalten, 
oft der gleiche Betrag, den die von ihnen besorgte Person erhalt, sind 
verhiiltnismaBig nicht hoch, wenn man in Betracht zieht, daB sie 
stets ein Verfahren wegen Kuppelei riskieren. Namentlich werden sie 
auch viel von Offizieren auswartiger Garnisonen benutzt, die sich 
au3 wohlbegriindeter Furcht, Erpressern, Verbrechern oder Verratern in 
die Hande zu fallen, an diese Vertrauenspersonen wenden, damit sie 
ihnen etwas „ganz Sicheres" besorgen sollen. Wie mir verbiirgt mit- 
geteilt wurde, gibt es Vermittler, bei denen sich Herren miindlich 
und schriftlich, ja sogar telegraphisch, Personen unter ^Vngabe aller 
moglichen fetischistischen Liebhabereien bestellen. Fast alle findeo 
dann zu der bestimmten Stunde das Erbetene vor. Auch fur urnische 
Damen existieren ahnliche Vermittlungslokale. 

Es liegt auf der Hand, daB diese Quartiere eine unmittel- 
bare Folge der durch die Verfolgung der Homosexuellen ge- 
schaffenen Verhaltnisse sind. Diese bewirkt, daB der Timing im 
Gegensatze zu dem Heterosexuellen seine Privatwohnung nach 

44* 



Digitized by V:iOOQIC 



692 

Mfiglichkeit von sexuellem Verkehr freitalt, einerseits um das 
Geheimnis seines Namens zu wahren, andererseits nin sich 
nicht in seinem Hause hinsichtlieh seiner Neigung verdachtig 
zu machen. Er ist daher in viel hoherem Ma Be als der Normale 
darauf angewiesen, zur sexuellen Entspannung auBerhalb seines 
Hauses gelegene Statten aufzusuehen. Zu diesen gehoren auBer 
den bisher angeftihrten in fast jeder groBeren Stadt gewissei 
Hjotels, die vielfach selbst in Handen von homosexaellen 
Hoteliers, von Urningen als maisons de passe gebraucht werden. 

Die glanzenden Namen dieser Absteigequartiere — Hotel de la 
iumiere, de la patrie, Albergo d'Eletritta — kontrastieren oft eigen- 
artig mit ihrem obskuren Chsirakter. Die Urninge kommen hier mit 
ibren Partnern bin, tragen sicb als Onkel und Neffe, als Bruder oder 
Gescbaftsfreunde, die sicb von auBerbalb verabredet haben, ein, neh- 
men zwei benachbarte Zimmer, oder eins mit zwei Betten. Halten 
die Besitzer solcber Hauser selbst Personen fiir ihre Besucher zum 
Geschlechts verkehr bereit, die womoglich gar bei ihnen wohnen, so 
fltehen solche Etablissements den eigentlichen Bordellen, von 
denen spater noch einiges zu sagen sein wird, recht nahe. Eine hobere 
Stufe wie letztbeschriebene nehmen gewisse Hotels und Pensionate 
ein, in denen auswartige Homosexuelle selbst auf einige Zeit, oft 
Monate, Wohming nehmen. In Berlin kenne ich etwa zwolf in diese 
Kategorie gehorende Pensionen, die von homosexuellen Mannern und 
Frauen fiir ihresgleichen gehalten werden, darunter einige in sehr 
vornehmem Stil. Manche Urninge wahlen sie gem, weil sie sich in 
ihnen geborgener und ungenierter fiihlen. Die Besitzer der Pensionen 
sind sich oft gewiB nicht daniber klar, dafi auch sie dabei G^fahr 
laufen, mit dem Kuppeleiparagraphen des Strafgesetzbuches in Kon- 
flikt zu geraten. Vor einigen Jahren erregte ein ProzeB wegen homo- 
sexueller Kuppelei ziemliches Aufsehen, der gegen einen alten Uranier 
angestrengt wurde, welcher mit einem Freunde im Westen der Stadt 
ein Pensionshotei fvihrte, das fast nur von homosexuellen Damen und 
Herren aufgesucht wurde. Trotzdem die Angeklagten — meines Er- 
achtens nicht mit Unrecht — darauf hinwiesen, dafi sie keine hoheren 
Preise forderten und erhielten, wie sie in ahnlichen Etablissements 
iiblich sind, ferner, dafi sie sich nicht fiir befugt hielten, zu kontrol- 
lieren, was ihre Giiste, zu denen ein vielgenannter Reichstagsabge- 
ordneter gehorte, auf ihren Zimmern mit ihren Besuchem taten, wur- 
den beido zu einer Gefangnisstrafe von einem Monat verurteilt. 

In sehr viel hoherem Grade als an alien bisher genannten 
Sammelplatzen vollzieht sich nun aber die Ankntipfung 
vortibergehender homosexueller Beziehungen (aus denen sich oft 
audi dauernde entwickeln) an demjenigen Orte, an dem man 
sich verhaltnismafiig am siehersten fuhlt, und der zugleich 
seiner universellen Zuganglichkeit halber jedem Geschmacke J'(* 
Moglichkeil einer entsprechenden Wahl gestattet: Das ist die 
StraBe. Die Begegnungen zwisehen homosexuellem Angebot 
und Nachfrage spielen ^ich hier in ganz iihnlieher Weise 
ab, wie unter Heterosexuellen. Wahrend die Nachfrage natur- 
gemaU nur von Uraniern ausgeht, die Personen suclien, die ihrem 
so sehr differenzierten individuellen Geschmacke entsprechen, 



Digitized by VjOOQIC 



693 

setzt sich das Angebot aus den verschiedensten Elementen zu- 

sammen; aus Homosexuellen, die mit der Befriedigung ihrer 

geschlechtlichen Neigungen inaterielle Vorteile verbinden 

mSchten, aus Heterosexuellen, denen es lediglich auf die letzteren 

ankommt und schlieBlich aus Elementen, denen die Anbahnung 

sexueller Beziehungen nur das Mittel zum Zwecke verbreehe- 

rischer Bereicherung duroh Diebstahl oder Erpressung ist. 

Die Formen, in denen sich die Begegnungen abapielen, sind in 
den ihrem Endzweck nach verschiedenen Fallen annahernd die gleichen 
und nicht wesentlich von denen im Verkehr zwischen Mann und Weib 
verschieden. Eine haufige Art ist folgende: Der ein Abenteuer suchende 
Urning bemerkt eine ihm zusagende mannliche Person; er trachtet 
sich ihr bemerkbar zu machen, sieht sie an, bleibt stehen, sieht sicb 
um und wartet, ob der andere auf diese Zeichen reagiert. Scheint ihm 
dieses der Fall zu sein, so versucht er ihn an einen Ort zu dirigieren, 
an dem eine Ansprache ungestort bewerkstelligt werden kann, in eine 
stille SeitenstraBe oder vor ein Schaufenster, an eine Anschlag- oder 
Wettersaule. Auf dem Wege dahin vergewissert er sich nochmals durch 
Umschauen und Innehalten, ob der Betreffende auch folgt. Sind nun 
beide an einem geeigneten Orte angelangt und nahe genug beieinander, 
danu leitet der Uranier, falls der Erwahlte ihm nicht zuvorkommt, 
dio Ankniipfung entweder mit einer gleichgiiltigen Bemerkung iiber 
iigend eincD Gegenstand in der Schaufensterauslage oder einer An- 
kiindigung an der Anschlagsaule, einer Bitte um Feuer, einer Frage 
nach der Zeit, einer AuBerung iiber das Wetter ein. Eine Anekdote, 
die ich in ahnlicher Weise in verschiedenen Landern horte, besagt, 
dafi ein Urning, der in einem Parke einen Soldaten hoflich nach der 
Zeit fragte, nicht wenig perplex war, als er a tempo folgende Antwort 
erhielt: „Ich besitze keine Uhr, rauche keine Zi^aretten, habe keine 
Ziindholzer, gehe nicht ein wenig mit Ihnen spazieren und gebe mich 
liberhaupt nicht geschlechtlich mit Mannern ab." Andere wieder suchen 
auf Umwegen zum Ziele zu kommen, indem sie den anderen auffordern, 
sich mit ihnen zu treffen oder sie zu besuchen, sie mochten ihn photo- 
graphieren, zeichnen, ihm belehrende Biicher, Bilder, x\pparate zeigen. 
Auch eine sonst unmotivierte Einladung zum Glase Bier oder Abend- 
essen laBt die Absicht erraten. Nicht selten kommt es auch vor, daB der 
Homosexuelle eine beliebige Person, die ihm gefallt, wie einen alten Be- 
kannten begriiBt, um sich auf das Erstaunen, des Angeredeten hin zu 
entschuldigen, er habe ihn mit jemandem verwechselt, der dem Be- 
treffenden ganz auBerordentlich ahnlich sei. In anderen Fallen geht 
die Initiative vom Angebot aus, sei es, daB der Betreffende durch 
einen, wenn auch fliichtigen — aber von ihm nur zu gut verstandenen 
— Blick des Homosexuellen auf diesen aufmerksam wird, sei es, daB er 
auf Grund lauger Erfahrung aus gewissen Merkmalen, etwa seinem 
AuBeren, seinen Bewegungen in ihm den Urning vermutet. Er sucht ihn 
nun auf sich aufmerksam zu machen, folgt ihm, streift ihn im 
Vorbeigehen mit dem Armel, sieht sich auffallig nach ihm um oder 
purscht sich direkt an ihn heran, indem er ihn um Feuer bittet, nach 
der Zeit oder einer StraBe fragt oder auch, falls er seiner' Sache sicher 
zu sein glaubt, ihm direkt sein Angebot macht. 

Soweit spielen sich derartige Anknupfungen ganz analog 
denen im normalen Sexualverkehr ab. Es ist auch nicht richtig, 
daB Homosexuelle sich einer geheimen, gleichsam frei- 
maurerischen Zeichensprache zur Verstandigung unter sich 
bedienen. 



Digitized by VjOOQIC 



694 

Bisweileu werdeu all Tdings auch besliramto Gesten, die auf ge- 
wiflse Betatigungsarten anspielen sollen, als Verstandigungsmittel an- 
gewandt: Hinhalten der Faust als Symbol der mutuellen Onanio, 
mehrmaliges Hervorstreckcn der Zunge, das auf coitus oralis hindeuten 
soil, und ahnliches raehr. In manchen Landern driickt Kratzen der 
Kopfhaut, in andorcn ein Schlag der rechten Hand gegen die hohl- 
gehaltene linke Faust die Bereitwilligkeit zum sexuellen Verkehre 
aus. Auch spielende Bewegungen der Finger der in der Kreuzbein- 
gegend gehaltenen Hand bedeuten dasselbe und als internationalstes 
Ausdrucksmittel ist der zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmte 
Daumen zu nennen, und zwar sowohl fiir homosexnellen als fiir hetero- 
sexuellen Verkehr. Ein urnischer Leutnant zur See sagte mir, er sei 
diesera Zeichen in Singapore und Tsingtau ebenso begegnet wic in 
Island und Gronland. Von anderen wird das Umiippen des 
Mittelfingers in den Handteller des anderen als ein Zeichen an- 
gefiihrt, mit dem jemand seine urnische Empfindung sagen und die 
des anderen erfragen will. Oft geniigt zur Verstandigung ein beira 
Handedruck ganz leise zugefliistertes „auch?**. Besonderheiten in der 
Kleidung werden von Horaosexuellen ebenfalls oft als Erkennungs- 
zeichcn angegeben, bei Mannern ein Ketten- bei Frauen ein Siegel- 
ring am kleinen Finger, bestimmte Schmucksteine wie Saphire, eigen- 
artig geschlungene Krawatten. In den dreiBiger Jahren des vorigen 
Jahrhunderts gait in Berlin ein weiBes Taschentuch, welches aus der 
oberen Rocktasche hervorlugte, als sehr „verdachtig". Auch andere 
sehen das Tragen des Taschentuches in der Hand als bezeichnend an. 
Ob die ehemals in Frankreich angewandte Bezeichnimg ., Chevalier de 
la manchette** fiir einen Kontrarsexuellen nicht auch in homosexnellen 
Toiletteneigentiimlichkeiten ihren TJrsprung hatte? Endlich hat man 
bestimmte Blumen im Knopfloch als typisch angesehen, namentJich 
Nelken in England^^). Doch darf die Bedeutung aller dieser Zeichen 
nicht liberschatzt werden^^). 

Manche Urninge bedienen sich zu ihrer Verstandigung der 
Anschlagsaule, wo sie mit Bleistift nur dem Eingeweihten 
verstandliche Zeichen und Zeitbestimmungen hinkritzeln. 
Haufiger aber leistet, wenn auch wohl fast stets unbewufit^ 
die Presse den Umingen Mittlerdienste. In manchen Blattern 
findet man fast taglich mehrere Inserate, die homosexuellelii 
Zwecken dienen, wie ,,junge Frau sucht Freundin**, ,,junger 
Mann sucht Freund**. Ich gebe hier einige Beispiele derartiger 
Annoncen wieder, die innerhalb k u r z e r Zeit Zeitungen ver- 
schiedenster Parteirichtungen entnomtnen wurden. 

Alterer Herr, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaf t mit 
Gleichgesinnten. Zuschr. erb. u. S. O. 2099 an die Exped. deS* Blattea. 

Alterer Junggeselle wiinscht gleichgesinnten „AnschluB", Mor- 
genpost, Biilowstrafie. 

Herr, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates" Haupt- 
expedition, KochstraBe, erbeten. 

Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m. led. 
gleichges. Herrn in alt. Jahren. Off. A. B. 11. Postamt 76. 

1^) Cf. H i c h e n s , „The green carnation". Eine Persiflage Oscar 
Wildes. 

18) Cf. Moll, Wie erkennen und verstandigen sich die Homo- 
sexuellen untereinander? In G r o B* Archiv 9. Band 2. und 3. Heft 
1902, S. 157 — 159 und Besprechungen dieser Arbeiten von Prato- 
rius in Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen Bd. V, 2. Teil p. 993* 



Digitized by VjOOQIC 



695 

Jang. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m. ener- 

fisoh herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erbeten unt. T. L. W. 
Ixped. d. Blattes. 

Fraulein, anstand., 24 Jahre, sucht hiibsches Fraulein als 
Freundin. Offerten unt. Nr. 3654 an die Expedition erbeten. 

Dame, 36, wiinscht f re undschaft lichen Verkehr. Postamt 16, 
„Plato". 

Herzensfreundin, nette, sucht geistvolle, lebenslustige Dame, 
23. Psyche. Postamt 69. 

Suche cebildete Freundin, Anfang 30, am liebsten Blondine. Off. 
u. H. R. 1622 Exped. d. Blattes. 

Schneiderin, 22, wiinscht „Freundin". Postamt 33. 

Wohlhabende lebensfrohe Witwe in den 60 er Jahren sucht eben- 
solche zum gemeinschaft lichen Verkehr. Offerten unter „Fritz". 

17 jahriges, vermogendes Fraulein wiinscht die Bekanntschaft und 
treue Freundschaft mit einem ebensolchen Fraulein aus vornehmem 
Hause zu schlieCen. Zuschriften unter „F r e u n d's c h a f t s 1 i e b e" an 
die Tagespostexpedition. 

N a c k e ^^), der sich auch mit dem Gegenstand der homo- 
sexuellen Annonce wiederholt beschaftigt hat, teilt einmal foigende 
ihm von einem KoUegen aus Hamburg aus einem groBen. Hamburger 
Blatte stammende Annonce mit: „Frauenfreundschaft." „Gebildete, 
geistreiche, freidenkende Dame sucht die Bekanntschaft einer reichen 
Dame zwecks freuadschaftlichen Verkehrs. * Offerten erbeten. an 
,S a p p h o* hauptpostlagernd Hamburg." In einem anderen Artikel 
bringt er 25 Annoncen von Weibern, 6 von Mannern, in denen Freund- 
schaft mit einer Person des gleichen Geschlechts gesucht wird. Sie 
stammeii aus Miinchener Zeitungen., aus denen sie ianerhalb fiinf 
Wochen von einem Studenten gesammelt wurden. 

Aus einer der groBten siiddeutschen Zeitungen wurde mir foigende 
Annonce iibersandt: „Distinguierter junger Herr, welcher Maskenballe 
und Redouten in schickem Damen-Kostiim besuchen mochte, sucht 
feinen Herrn, der ihn als Kavalier begleiten will. Briefe unter D. D. 
28 506 bef. die Expedition." 

Oskar Panizza^%) druckte folgendes Inserat als charakteristisch 
ab: „Welcher junge Bicyclist, Christ, bis 24 Jahre, aus sehr gutem 
Hause, wiirde sich ebensolchem (Auslander) anschlieBen, um im August 
eine schone Radreise nach Tirol zu unternehmen. Erwiinscht sehr gutes 
AuBere, distinguierte Manieren, schwarmerischer Charakter. Beant- 
wortet werden nur Antrage mit Photographic, die sofort retourniert 
wird. Unter ,Numa 77* postlagernd Bayreuth." 21. Juli 1894. 

Uber den Erfolg solcher Annoncen berichtete ich schon oben«<*), 
wo von der Verbreitung der Homosexualitat die Rede war. Ich teilte 
da mit, daB auf die elfmalige kleine Anzeige eines „25jahrigen Dok- 
tors, der einen X7- bis 21 jafi-igen Freund suchte", rund 140 Personen 
reagiert hatten, unter denen 111 hochstwahrscheinlich homosexuell 
waren. »i) 

1^) Nacke, Homosexuelle Annonce (unter Kleinern Mitteilungen) 
im Archiv von GroB. Bd. 9, Heft 2 u. 3. S. 217 u. 218, und Nacke, 
Zeitiingsannoncen von weiblichen Homosexuellen im Archiv von GroB. 
Bd. 10. Heft 3. S. 225—229. 

"a) Oskar Panizza: „Bayreuth und die Homosexualitat" in 
„Die Gesellschaft" 1896 p. 88. 

«o^ p. 471 f. 

*^) Cf. hierzu: Dr. B. (anonym): Eine praktische Enquete iiber 
die Haufigkeit der Homosexualitat in „Friihrot", freiradikale Zeitschrift ; 
herausgegeben von Robert Heymann. Nr. 8, 9, 10, 11, 12 und 
13. (1901). Besprechung dieser Arbeit von Dr. Numa Pra t orius im 
Jahrbuch f. sex. Zwischenstufen, Bd. V, 2. Teil p. 950 f. 



Digitized by VjOOQIC 



696 

In den letzten Jahren werden ubrigens ahnliche und oft sogar 
harmlose Annoncen als der Horn osexuali tat verdachtig von den Inse- 
ratenannahmen der meisten Zeitungen abgelehnt. 

Wic im normalen Verkehre sind auch im homosexuielleii 
bestimmte StraBen und Stadtgegenden als Treffpunkte 
bevorzugt. Es gibt Urninge, die eine Reihe von Stadtplanen 
besitzen, auf denen die von Homosexuellen bevorzugten StraBen- 
ztige mii blauen oder roten Strichen markiert sind. 

In erster Linie sind dies die belebten StraBen im Zentnim der 
Stadt, ganz besonders Passagen, die Umgebung der Fern- und Stadt- 
bahnhofe, in der sich gewohnlich leicht versteckte Stellen zur Aus- 
sprache und Verabredung finden lassen^ die Nachbarschaft be^timmter 
Bediirfnisanstalten und Normaluhren, endlich auch besonders in den 
Abendstunden die Wege an der Peripherie grofier Parkanlagen, deren 
Winkel oft gleich nach der Begegnung zu einer fliichtigen fietdtigung 
Unterschlupf gewahren. DaB auch die Biirgersteige unmittelbar vor 
bekannten Treffpunkten der Homosexuellen, Lokalen, Badeanstalten, 
Theatern, oft der Schauplatz solcher Begegnungen sind, diirfte selbst- 
verstandlich sein. Uranier mit einer spezifischen Geschmacksrichtung 
sleht es naturgemafi in Gegenden, die die ihnen zusagenden Begeg- 
nungen in Aussicht stellen. Entsprechend der Bevorzugung bestiramter 
Typeu sind daher in dieser Beziehung die StraBen in der Nahe der 
Kasemen, der Hafen, der Ladeplatze (,,Rollm6pse"), der Postanstalten 
(Depeschenboten), usw. beliebt. 

AuBer den eigentlichen Strichen, auf denen die Homosexuellen 
auf- und abzugehen pflegen, gibt es oft im ortlichen Zusammenhang 
mit ihnen gewisse Punkte, meist sind es Kreuzungsstellen groBerer 
StraBenziige, an denen die Urninge sowohl wie die sich ihnen an- 
bietenden Heterosexuellen langere Zeit Posto fassen. Von typischen 
Beispielen soldier Standorte, die aus fast alien GroBstadten anzu- 
fiihren waren, nenne ich die Kranzlerecke an der Kreuzung der Linden 
in Berlin, den Platz am Stachus in Miinchen, die Puerta del Sol in 
Madrid, den Raadhuspladsen in Kopenhagen. den Fischmarkt in 
Kairo usw. 

GewissermaBen Reservate gleichgeschlechtlicher Ankniipfung, schon 
deshalb, weil sie nur Personen des gleichen Geschlechts zugangig sind, 
stellen auf den StraBen aller Stadte die Bediirfnisanstalten 
dar, besonders die offentlichen Rotunden fiir Manner, in denen durch 
GenitalentbloBung Gelegenheit zur sexuellen Anlockung und Erregung 
geboten wird. Diese Anstalten werden vor allem gem von Leuten 
aufgesucht, die im Zeigen oder Betrachten der Genitalien ihre Be- 
friedigung finden, von Exhibitionisten und Voyeurs. Femer bieten sie 
aber auch die Moglichkeit zu einera besonders ungenierten Angebot, 
indem Prostituierte namentlich tieferer Kategorien sich oft taglich 
viele Stunden in ihnen henmidriicken, bald spahend, dann wieder an 
ihren Genitalien spielend, sobald sie bei einem Besucher Interesse 
und Entgegenkommen vermuten. Andrerseits gibt es viele Homo- 
sexuelle, die mit Vorliebe derartige Lokale aufsuchen, sei es, weil es 
ihnen geniigt, sich durch verstohlene Blicke sexuell zu erregen, sei 
es. weil die sich dort anbietenden Personen ihrem speziellen Ge- 
schmacke entsprechen und sie auf diesem Wege leicht mit ihnen Be- 
ziehungen ankniipfen konnen. DaB das bloBe Anschauen oder gar ein 
fliichtiges Beriihren prasentierter Genitalien nichts weniger als un- 
gefahrlicb ist, zeigt, daB nicht selten die schwersten Erpressungen 
sich an solche Vorkommnisse angeschlossen haben, beispielsweise die 
furchtbare Verfolgung des Landgerichtsdirektors H. aus Breslau, der 
schlieBlich nach volligera finanziellen und korperlichen Zusammenbruch 
auf seinen Erpresser schoB. E& entspricht den Tatsachen, wenn damals 



Digitized by VjOOQIC 



697 

ein Anonymus bemerkte: ,,Schon dafiir, daU man ihn in der Bediirfnis- 
anstalt nur ansah oder auf seinen entbloDten Schamteil blickte, verlangt 
der Lustbube Entgelt. Und der verschiichterte Homosexuelle, der um 
nichts in der Welt mit der Polizei etwas zu schaffen haben mag, 
obwohl ihm doch in dem geschilderten Falle kein Gott und kein 
Menscb etwas anhaben kann, laBt sich rupfen und fleddern. Es ist 
fiirchterlich, aber es ist leider wahr." Es sind immer nur einige 
bestimmte, meistens in der Nahe von Strichen gelegene Bediirfnis- 
anstalten, die zu derartigen Zwecken von Urningen besucht werden, 
einige von diesen besitzen geradezu eine internationale Beriihmtheit 
in Urningskreisen. Wahrend man in vielen Rotunden kaum jemals 
etwas bemerken wird, was auf Homosexualitat der Besucher schlieBen 
lassen konnte, wird man in anderen wieder den Eindruck gewinnen, 
daB sie. wie der „warme Kessel" in Hamburg, nahezu ausschlieBlich 
von Urningen besucht werden. Die Inschriften und Zeichnungen, die 
man in Bediirfnisanstalten antrifft, enthalten oft Hinweise auf die 
Homosexualitat, sei es, daB sie lediglich gleichgeschlechtliche Ob- 
szonitaten in Wort und Bild behandeln, sei es, daB sie bestimmte An- 
gebote, Nachfragen oder Verabredungen zum Gegenstand haben. Ich 
sagte eben, daB die von Homosexuellen am meisten frequentierten 
Bediirfnisanstalten in der Nahe von bekannten Strichen liegen. Zu- 
treffender wiirde man sagen miissen, daB diese letzteren sich 
vielfacli den offentlichen Pissoirs anschlieBen, so daB sie gewisser- 
maBen Stationen des Striches bilden. So fiihrt in einer mitteldeutsclien 
GroBstadt der jeden Abend von zahlreichen Urningen und Prostituierten 
begangene Strich vom Bahnhof durch eine breite StraBe zur Kreuzungs- 
stelle der Anlagen, geht hier durch diese links ab bis zu einem groBen 
Platz und von diesem — dem Strichzentrum — durch die Anlagen 
weiter zu einem alten Stadttor. im ganzen etwa eine halbe Stunde 
Weges mit sieben Anstalten als Stationen ; in Berlin erstreckt sich ein 
Strich von einer Bediirfnisanstalt in Wilmersdorf iiber eine zweite 
bis zu einem Platz in C harlot tenburg, 20 Minuten lang, ganz ahnlich 
ein Strich in Kopenhagen iiber vier Austrittsstellen auf einer Strecke 
von 2G Minuten. Nicht selten kommt es seitens erregter Urninge auf 
den Bediirfnisanstalten auch zu mutueller Onanie, was schon oft zu 
Anklagen wegen Erregung offentlichen Argernisses gefiihrt hat. Viel- 
facli Ziehen sich auch die Partner in geschlossene Aborte zuriick, wo 
sie vielfach von War tern oder Besuchem iiberrascht wurden. Auch 
hier werden durch Wandinschriften wie „heute abend 9 Uhr am 
.... denkmal** Verabredungen getroffen, oder es wird durch Spaltep 
und Locher in den Zwischenwanden eine Verstandigung bewerkstelligt- 
Diese Gucklocher dienen auch oft homosexuellen Voyeurs zur Beob- 
achtung ihres Nachbars bei intimen Verrichtungen ; die Visionisten 
halten sich manchmal sehr lange an solchen Ortlichkeiten auf, bis 
das benachbarte Abteil von einem Besucher betreten wird, der ihr 
„ralV' ist, und der in dem Glauben nicht beobachtet zu sein, durch 
sein ungeniertes Benehmen, vielleicht auch dadurch, daB er ona- 
nistische Handlungen an sich vornimmt, sie fiir stundenlangcs Warten 
eintschadigt. Zu diesem Zwecke werden von solchen Voyeurs nicht 
selten Offnungen in die Zwischenwande der Aborte hineingeschnltten 
oder gebohrt, vorhandene erweitert und vergroBert. Wird dies auf- 
fallig, laBt die Verwaltung, wie dies beispielsweise schon auf fast alien 
Berliner Bahnhof en geschehen ist, die Gucklocher durch „Schutz- 
bjeche" verdecken und die Voyeurs miissen „umziehen". Merkwiirdiger- 
weise lockt den echten Voyeur nur die g e h e i m e Beobachtu ng. So 
wurde mir einmal von einem aus Schweden heimgekehrten Voyeur, 
dem gegeniiber ich auBerte, daB ihn wohl das nackte Baden angezogen 
hatte, meine mangelhafte Kenntnis der Voyeurpsyche vorgehalten, der 
durch den Anblick offen zur Schau getragener Geschlechtsteile keinc 
Genuge geschehe. 



Digitized by VjOOQIC 



698 

Auch die Striche wechseln von Zeit zu Zeit, aber in viel 
langeren Zeitraumien als die Lokale. So ist der frtiher sehr 
belebte Abendstrich im Berliner Kastanientvaldchen zwisohen 
Universitat, Singakademie und Opernhaus an dem Tage ein- 
geejangen, als die Kaiserpassage eroffnet. wurde. Hingegen hat 
sich ein anderer Strich, im Tiergarten, der im Volksmunde der 
,,schwule Weg" genannt wird, durch Jahrhunderte bis in unsere 
Tage erhalten, ebenso wie die Striche in den Champs Ely sees und 
im Hydepark. Die Erfahrung zeigt, da6 alle homosexuellen Ver- 
kehrsstatten von der Behorde immer nur verschoben, disloziert, 
nie aber unterdrtickt werden konnen. 

Als einmal ein Berliner Polizeipriisident bei einer Orientienings- 
reise meinte, dafi eine bessere Beleuchtung dem „schwulen Weg" im 
Tiergarten den Garaus bereiten konnte, wurde ihm von seinem Be- 
gleiter mit Recht erwidert, daB diese Mai3regel nur eine Abwanderung 
derselben Elemente nach einer dunkleren Stelle bewirken wiirde. 

Man sieht auf den homosexuellen Strichen sehr oft seltsame 
Erscheinungen. So berichtet der Verfasser des „Perversen Berlin": 
„Am Waterlooufer fiel mir ein Gelahmter auf, der stets in seinem 
Wagen sitzt. Sobald die Dammerung hereinbricht, laBt er sich dicht 
an das Wasser fahren. Hier verbleibt er oft lange Stunden, immer war- 
tend, dafi sich jemand zu ihm geselle, mit dem er Beziehungen ein- 
gehen konne. Jungen, mittel- und stellungslosen Burschen gewahrt 
er Aufenthalt in seiner Behausung. Wie man mir sagt, um geringes 
Geld, aber um so mehr Zuneigung. Ob diese Beziehungen geschlecht- 
licher Art sind, vermag ich nicht zu entscheiden. Der Arrae ist schon 
gliicklich, gleichgeschlechtliche Personen, die ihm gefallen, um sich 
zu wissen, sie zu beherbergen und ihnen Freundlichkeiten erweisen 
zu diirfen. Mehrmals riihmte man mir die Herzensgiite des Kranken. 
Von dem Wenigen, das er besitzt, gibt er willig ab. Einmal sah ich 
elnen formlichen Kreis von Leuten um ihn versammelt. Alle Welt 
kennt ihn dort und seine Neigungen. Trotzdem hat man ihn gern. 
Ja. man wacht dariiber, dal3 ihn niemand verhohnt oder gar ,Er- 
pressungen an ihm ausiibt." 

Von einem anderen Original ist in den GroBstadtdokumenten 
die Rede: ^,Seht ihr dort die ausgedorrte, gekriimmte Gestalt im 
struppigen Graubart," heifit es dort. Das ist ein russischer Baron, 
der erspaht sich abends eine einsame Bank, laUt sich dort nieder una 
ruft „r^, rab" ; aus unsichtbaren Wegen tauchen auf diesen 
Lockruf einige „kesse Schieber" hervor, es sind seine Freunde, unter 
denen er die „Platten", gewohnlich 3 — 5 Mark, verteilt, die ihm von 
seinem Tageszins geblieben sind." Zu diesen Originalen gehorte auch 
der „BeschlieBer des Tiergartens", ein anderer verarmter Homosexueller, 
bei dem man sich am Eingang des „schwulen Weges" ein „Eintritts- 
Billett" fiir 10 Pfennige loste, wofiir man dann auch mancherlei Aus- 
kiinfte erhielt, vor allem ob „die Luft rein" und keine „Greifer" in der 
Nahe seien. 

Eine ganz besondere Rolle bei der Ankniipfung von Be- 
ziehungen epielen auch im homosexuellen Leben die grofi- 
stftdtischen Verkehrsmittel, Wagen, Omnibusse, StraBen-, Hoch- 
und Untergrundbahnen. 

In dieser Beziehung sind es in erster Linie die abgeschlossenen 
Einzelkupees, die haufij^ von. umisohen Liebesparohen als Unterschlupf 



Digitized by VjOOQIC 



699 

zu Touchierungen vvahrend der Fahrt benutzt werden. Es sind mir ii) 
Berlin verschiedene Homosexuelle bekannt, deren Liebesleben sich fast 
ausschlieBlich auf den Stadtbahngleisen abspielt, sie umkreisen oft 
mehrmals den Stadtring, bis der Zufall ihnen ein zusagendes bereit- 
williges Objekt in einem von Mitreisenden freien Kupee zufiihrt. Dabei 
werden gewisse Kunstgriffe nicht selten ausgefiihrt, wie Umsteigen in 
ein leeres Kupee, in einen anderen Zug usw., um ein ungestortes Bei- 
sammensein zu lermoglichen. Oft beschrankt sich das Zusammensein 
auf der Bahn nur darauf, dafi eine Verabredung zwischen den beiden 
Partnern getroffen wird. Sehr viel werden von homosexuellen Liebes- 
parchen ebenso wie von heterosexuellen zu ungestortem tete h t§te 
die privaten und intimeren Verkehrsmittel der GroBstadt (Droschken 
und Automobile) benutzt. Der Berliner Droschkenkutscherjargon hat 
sogar einen ganz bestimmten Ausdruck fiir solche „Fuhren". Auch 
die Wasserfahrzeuge aller Art, vor allem Ruder-- und Segelboote ver- 
mitteln Homosexuellen ungestorte Stunden des Beisammenseins. In 
Neapei zeigte mir ein Urning einen reichen Voyeur, der mit einem 
weittragenden Perspektiv den Golf von Neapei nach homosexuellen 
Liebesparchen absuchte. Wie rasch die homosexuelle Liebe mit alien 
Zeiterrungenschaften mitgeht, moge der Umstand belegen, daB mir 
zwei Uranier bekannt sind, die ihren ersten erotischen Kontakt, der 
zu einem dauernden Verhaltnis gefiihrt hat, als Pilot und Fluggast 
auf einem Aeroplan angekniipft haben. 



Digitized by VjOOQIC 



ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL. 

Biindnisformen homosexueller MSnner und Frauen. 

Lassen wir die mannigfachen Orte, an denen Homosexuelle 
sich die Befriedigung ihrer seelischen und korperlichen Nei- 
gungen verschaffen, Revue passieren, so hat es, oberflachlich 
betrachtet, den Anschein, als ob unter ihnen der kaufliche 
und auf bloBen GeschlechtsgenuB bedachte Verkehr weit haufiger 
vorkomme, als hohere Formen der Liebe. Dies trifft aber in 
Wirklichkeit nicht zu. Man tibersieht, da6 alles das, was sich 
innerhalb der vier Wande der Wohnung des Urnings abspielt, 
der Beobachtung entzogen ist, daU aber nur hier die auf wirk- 
lichem Vertrauen und tiefer dauernder Zuneigung begrlindeten 
Verhaltnisse ihre stille Statte finden. Die Grundnatur der 
meisten homosexuellen Manner und Frauen ist eine monogamo. 
Wer viele von ihnen vorurteilslos kennen zu lernen sich be- 
mtlht hat, wird wahrnehmen, da6 fast alle Uranier nach einem 
einzigen Freund verlangen, und dafl auch bei den Uranie- 
rinnen eine Freundin zu lieben, die groBe starke Sehnsucht 
ihres Lebens ist. Wenn gleichwohl die homosexuelle Prosti- 
tution so weit verbreitet ist, so rlihrt dies daher, daO die 
Anschauungen liber die Homosexualitat den kontrarsexuell Emp- 
findenden dorthin treiben, wo moglichst niemand weiB, wer er 
ist, auf die StraBe, in offentliche Bader und Lokale. Wtirdeu 
sich dio Anschauungen iiber die mannliche Homosexualitat 
andern, waren sie etwa nur die gleichen wie liber die homo- 
sexuellen Frauen, dann wlirden sicherlich die mannlichen Homo- 
sexuellen sich ebenso wie diese und die Heterosexuellen hin- 
sichtlich ihres Liebes- und Geschlechtslebens ungleich mehr auf 
ihre Behausung beschranken, zum mindesten wlirden sie in 
der Offentlichkeit nicht bemerkbarer sein, als die weiblichen 
Homosexuellen. 

Man kann daher auch konstatieren, daB die gleichgeschlechtliche 
Prostitution, je ur^iinstiger sich in einem Lande die Gesetze gegen'den 



Digitized by VjOOQIC 



701 

Uranismus stellen, um so starker hervortritt, daB ferner in L^adem, 
in denen die Auffassnngen tolerantere sind, die Hauptkundschaft der 
Prostitution aus Fremden besteht, die aus Gegenden stammen, wo die 
Anschauungen iiber sie schlechtere sind. Der Uranismus der Ein- 
heimischen, der mit dem kauflichen Yerkehr der StraBe wenig zu 
tun hat, tritt demgegeniiber fast vollig zuriick. 

Im ganzen findet man unter den Homosexuellen dieselbeii 
drei Hauptformen sexueller Verbindungen wieder, wie sie 
sich im heterosexuellen Liebesleben als Produkte innerer Nei- 
gungen und auBerer Lebensumstande entwickelt haben : E h e. - 
artige Btindnisse, gekennzeichnet durch die Aussdhliefilich- 
keit und lange Dauer der Beziehungen, das Zusammenwohnen 
und den gemeinschaftlichen Hausstand, die Gemeinsamkeit aller 
Interessen, nicht selten auch durdh faktische Gtitergemeinschaft. 
Sie sind unter homosexuellen Frauen etwas haufiger, als unter 
Urningen; zweitens freiere Liebesverhaltnisse von meist nicht 
so lang3m Bestand und relativ groUerer Selbstandigkeit beider 
Partner, drittens kaufliche Betatigung mit homosexuellen 
odor heterosexuellen Personen, die aus dem Geschlechtsverkehr 
materielle und zwar meist pekuniaxe Vorteile ziehen. Die Grenzen 
zwischen diesen verschiedenen Kategorien konnen bei den Homo- 
sexuellen nicht immer scharf gezogen werden. Zunachst sind 
die beiden ersten Gruppen oft schwer zu trennen, weil das 
Hauptunterscheidungsmerkmal der Staatsehe vom f r e i e n 
Liebesverhaltnis — die Sanktionierung — f ehlt. Richard 
Wagner sagt in der Schrift „Ein Problem der griechisohen 
Ethik" von der dorischen Kriegskameradenliebe, da6 ^e sich 
nicht weniger fest als ein Ehebund erwiesen habe. Ferner 
tauscht die finanzielle Abhangigkeit der geliebten von der 
liebenden Person oft ein prostitutionsartiges Verhaltnis vor, 
wahrend es in das Heterosexuelle libertragen nichts anderes 
ist, als wenn ein wohlhabender Mann fair ein von ihm stark 
geliebtes Madchen viel Geld ausgibt, gleichviel ob er sie heiratet 
oder nicht. 

Dem Gedanken, der sich in einer der von Krafft-Ebing^) 
mitgeteilten Autobiograpliien findet: „Gabe es eine Ehe zwischen 
Mannern, so glaube ich, wiirde ich eine lebenslangliche Gemeinscliaft 
nicht scheuen, welche dagegen mit einem Weibe mir etwas Unmogliches 
erscheint,'* habe ich von Homosexuellen oft ahnlich Ausdruck geben 
horen. Sexuelle und materielle Momente sind im Liebesleben oft, ja 
man kann sagen, immer, so fest verbunden, daB es vielfach eine Un- 
moglichkeit ist, sie absolut voneinander zu trennen. Hierin sind sich 
die heterosexuellen und die homosexuellen Biindnisse vollig gleich ; bei 
der Ehe ware die Mitgift der Frau einerseits, der von dem Manne 
der Frau gewahrte Unterhalt andrerseits zu nennen ; im freien Liebes- 
verhaltnisse ist meist der Mann, nicht selten aber auch die Frau der 



^) V. K r a f f t - E b i n g , P.s ychopathia sexualis, p. 249. 



Digitized by V:iOOQIC 



702 

finanziell starkere und abgebende Teil; die Prostituierte beispielaweise 
lebt vom Gelde des Mannes, das sie oft genug wieder nach eigenem 
Bediirfnisse mit einer von ihr geliebten Person teilt. 

AUefti das findet darin seine Erklarung, da6 die Liebe 
und das Geschlechteleben als hohes Wertobjekt empfunden war- 
den, fiir die Gegenwerte von den meisten gem geopfert werden. 
Die Alten sagten mit feinem Instinkt, da6 die Liebe ein Kind sei 
von t)berfluJJ und Mangel, Poros und Penia. Aus diesen Grtinden 
scheint es mir auch recht bedenklich zu sein, im Liebesleben oft 
so schwer zu beurteilende Begriffe wie die dor Abhangig- 
keit und der GewerbsmaJJigkeit als besonders straf- 
wtirdig zu erachten. Nur die Freiwilligkeit der Liebe 
ist zu schlitzen. Gewalttatigkeiten, um sich in den Besitz 
sexuellen oder finanziellen Gewinnes zu setzen, sind zu be- 
strafen. Mehr ist vom Ubel. 

Ebenso wie ungeschwacht mit gleicher Liebesstarke fortbestehende 
Ehebiindnisse im normalgeschlechtlichen Leben nur saltan sind, zum 
mindestan eine Abschwachung dar grobsinnlichan Libido die Regal 
ist, wird auch dam monogam varanlagten Homosexuellen das ihm 
als hochstas Ideal vorschwebende dauernde, auf gegenseitiger 
gleichar Liebe basierende Fraundschaftsverhaltnis in nur sparlichen 
Fallen zur Wirklichkeit. Ist doch fiir sie die Aussicht, cinen Partner 
zu finden, der ihre Gafiihle erwidart, schon darum eine geringere, weil 
der Prozeutsatz glaichempfindendar Manner gegeniiber den waib- 
iiebenden an und fiir sich ein kleinerer ist und die Neigung vieler 
Homosexueller sich zudem auf vollmannliche Typen erstreckt, die 
naturgemaC mehr bei Haterosexuellen zu finden sind, die also ihre 
Liebe niemals erwidern konnen. Dasselbe gilt mutatis mutandis von 
Homosexuellen weiblichen Geschlechts. Es kommt hinzu, dafl ebenso 
wio bei Normalgeschlechtlichen der Partner, wenn er alter wird, dem 
Geschmack nicht mehr so vollig entspricht wie in jiingeren Jahren. 

War der eine von beiden heterosexuell, so ergibt sich eine 
Losung der monogamen Beziehung nacli einiger Zeit meist von selbst 
dadurch, dafi bei dem Normalen friiher oder spater der Drang 
zum Weibe sich mit so unbezwinglicher Gewalt einstellt, daB er 
ihm nachgoben muB. Auch in diesen Fallen bestahen oft die freund- 
schaftlichen Beziehungen, selbst nach der Verheiratung des Normalen, 
oft noch jahrelang, bisweilen bis zum Lebensende des einen fort, doch 
werden sio naturgemafi gewohnlich wenigcr innig sein, als die zwischen 
zwei Homosexuellen, da das gegenseitige Verstandnis fiir ihr ver- 
schiedenartiges Liebesempfinden ein geringeres ist, abgesehen davon, 
dal3 die Anforderungen der Ehe und des Familienlebens den Hetero- 
sexuellen zu sehr in Anspruch nehmen. Mehr aber noch stehen 
auBere Schwierigkeiten dem AbschluB und der Durchfiihrung fester 
homosexueller Verhaltnisse im Wage, beispielsweise dadurch, daB sie 
das ersehnte vollige Zusammenleben der beiden Liebenden unmoglich 
machen. Solche Hindernisse konnen im Unterschied des Alters und 
der sozialen Stellung bedingt sein, Momente, die ja auch oft normale 
Ehen unmoglich machen. Verstarkt werden sie noch dadurch, dafi 
das Zusammenwohnen zweier nicht vcrwandter Personen des gleichen 
Geschlechts bei unseren heutigen Kulturbegriffen an und fiir sich 
etwas Auffallendes ist, was allerdings fiir Manner in hoherem Grade 
zutrifft als fiir Frauen. 

Trotzdem bestehen derart eheartige, viele Jahre, bisweilen das 
ganzo Lobon au.«»dauerndo feste Freuiulschaftsbiindnisse monogamer 



Digitized by VjOOQIC 



708 

Romosezueller auch jetzt noch vielfach und sind mir in nicht ge- 
rinffer Anzahl bekannt. Carpenter ») erzahlt von Biindnissen, welche 
Liebendc desselben Geschlechtes oft durch einen langen Zeitraum 
vou Jahren miteinander vereinten „in so unfehlbarer gegenseitiger 
Zartlichkeit der Behandlung und Riicksichtnahme, wie sie sich sonst 
nur in den gliicklichsten Ehen kundgibt", und auch Moll 3) be- 
richtet, dafi die Liebe vieler Urninge, die sich in der Jugend ent- 
wickelte, mitunter das ganze Leben hindurch bestehen bleibt. 

Von diesen Biindnissen flihren flieBende tfbergange zu den 
tempor^ren, mehr oder weniger fasten Verhaltnissen, die^ auch 
ganz den analogen Erscheinungen im normalen Liebesleben ent- 
sprechen. Wir finden da einmal intime Beziehungen zwischen 
gesellschaftlich Gleichstehenden, die sowohl durch sexuelle wie 
durch goistige Interessen ftir ktirzere oder langere Zeit mitein- 
ander verbunden sind; derartige Verhaltniss© konnen nach- und 
nebeneinander in grofler Anzahl bestehen; es gibt Urninge, die 
meinen, da6 durch die Vielseitigkeit solcher Beziehungen ihr 
sozialer Wert erhoht wird. Ein charakteristisches Beispiel derart 
wechselnder, teilweise gleichzeitig bestehender^ aber doch fester 
und inniger homosexueller VerhUltnisse bieten die Beziehungen 
Heinrichs des III. zu eeinen Mignons, die Dr. von 
Romer*) so eingehend geschildert hat. In anderen Fallen 
wiederum neigen Urninge der hoheren Stande dazu, festere Ver- 
hi^ltnisse von langerer oder klirzerer Dauer mit Angehorigen 
der unteren Kreise anzukntipfen, wahrend Homosexuelle niederen 
Standes sich oft gern an geistig und ^gesellschaftlich hoher 
Stehende anschlieUen, wodurch ebenfalls Beziehungen von so- 
zialem Werte geschaffen werden konnen, indem das Verstand- 
nis der oberen Zehntausend ftir die Bedlirfnisse und Inter- 
essen des Volkes gesteigert, und das geistige Niveau sozial 
tiefstehender, aber emporstrebender Personen gehoben wird. Ver- 
breiten diese die gewonnenen ideellen Werte in ihrem Kreise 
weiter, kommen sie auch breiteren Schichten zugute. Ihrer 
Art nach konnen derartige Verhaltnisse so iiberaus verschieden- 
artig und mannigfaltig sein, daB eine Schilderung der Einzel- 
heiten BSnde fiillen konnte. Eine nach auBen unauffallLge 
Form ftir solche Verhaltnisse wird oft dadurch hergestellt, daB 
der besser Situierte den Freund als Privatsekretar, Gcschafts- 
ftihrer, Reisebegleiter, Diener, bei den Persern als ,,Schenken'*, 
bei Ttirken und Chinesen als Pfeifenstopfer engagiert. Es wtirde 
natiirlich widersinnig sein, ein derart sekundar aus erotischen 



2) Die Homogene Liebe p. 39. 

3) Moll, a. a. O. p. 119. 

*) p. 672 ff. : „H e i n r i c h der D r i 1 1 e , Kouig von Frankreich 
und Polen.** Im IV. Bande des Jahrbuchs f. sex. Zw. 

Digitized by VjOOQIC 



704 

Griinden hervorgegangenes Abhangigkeitbverh&ltnis als straf- 
verscharfend bei der gerichtlichen Verfolgung homosexuellen Vei> 
kehrs anzusehen, da alle Voraussetzungen eines Zwanges oder 
einer Verftihrung dabei fehlen. 

Eine ziemlich haufige Erscheinung des homosexuellen Liebes- 
lebens ist das gleichzeitige Bestehen eines monogamen Verbal tnisses 
bei polygamen Beziehungen des einen oder beider Partner. Es gibt 
Individualitaten, die zu einer derart doppeiseitigen Erotik wie 
disponiert erscheinen. Beispielsweise empfindet ein Urning einem 
alteren Freund gegeniiber feminin, indem er sich bingebend an ibn an- 
lehnt und sich gem lieben 1 a B t , wahrend er jiingeren gegeniiber 
viril fiihlt, seinerseits den Verkehr mit ihnen sucht, sie unter seinen 
Schutz nimmt und in seinem Verbal ten ihnen 'gegeniiber aggressiv und 
aktiv ist. Einer derartigen Natur wiirde demnach ein dauerndes testes 
Verbal tnis mit einem alteren Homosexuellen und daneben wechselnde 
fliichtigc Beziehungen zu Jiinglingen entsprechen. Es sind dies der 
Bisexual itat nahestehende Erscheinungen, aus der sich ahnliche Ver- 
haltnisse ergeben; ein monogam homosexueller Freundschaftsbund 
neben polygamer normalgeschlechtlicher Betatigung des eine^i Part- 
ners. Besonders in eheartigen Frauenfreundschaften der Urninden 
werden dem „Vater" nicht selten Seitenspriinge als gutes Recht kon- 
zediert, die dieser, wenn sie die „Mutter" beginge, schwer ahnden 
wiirde. Also auch hier gibt es eine doppelte Moral. 

Sehr haufig kommt es, namentlich wenn beide Partner homo- 
sexuell waren, nach einer grande passion von mehr oder weniger 
langer Dauer vor, dafi eine leidcnschaftliche Liebe in kameradschaft- 
liche Freundschaft abklingt. Ich kenne Freundespaare, die, nachdem 
ihre geschlechtlichen Beziehungen aufgehort batten, bis zu ihrem 
Lebensende in treuester Zuneigung verbunden blieben. In einigen 
Fallen kniipfen die Betreffenden dann iiberhaupt keine erotischen 
Beziehungen mehr an, sondern finden in ihrer Freundschaft und ander- 
weitigen Bestrebungen Ersatz, in anderen wieder unterhalten beide 
Oder der eine von beiden nebenbei wechselnden Verkehr mit Persone'n, 
die in physischer Hinsicht ihrem Geschmacke entsprechen, ohne daC 
diese fliichtigen Beziehungen das alte Verhaltnis storen. Der Freund 
bleibt vielmehr dauernd der Vertraute und Mitwisser auch aller ero- 
tischen Erlebnisse. 

Cberblicken wir ein nach Tausenden ^ahlendes Material, 
so kommen wir zu dem Resultat, dafi wir alle die fein nuan,- 
cierten Abstufungen sexueller Beziehungen, denen wir im 
normalen Liebesleben begegnen, von festesten, eheartigen Ver- 
haltnissen bis zu polygamer Universalitat der Neigungen, de 
facto auch bei homosexuellen Mannern und Frauen finden. 

Unter 100 homosexuellen Mannern und Frauen meiner 
Statistik hatten durchschnittlich 33 nur fllichtige, wechselnde 
Beziehungen, 67 langdauernde „eheartige** Blindnisse ; 
8 der letzteren sprachen von ,,rein platonischen" Verhaltnissen ; 
59 von den 67 bezeichnen sich als eiferslichtig. 

Mil nichts hat Ulrichs seine Zeitgenossen, und zwar 
die homosexuellen nicht weniger als die h'eterosexuellen, so 
frappiert, wie mit seiner Forderung sanktionierter Urningsehen ; 
nichts ist ihm so verdacht worden und hat ihn so sehr in den 



Digitized by VjOOQIC 



706 

Ruf eines Sonderlings gebracht, als diese Idee, die dem einen 
als ein bizarres Hirngespinst, anderen geradezu als eine Blas- 
phemie erschien. So schreibt Capellmann^) : „Diese Forde- 
rung kann nur gestellt werden von solchen, denen natlirliches 
und gSttliches Sittengesetz nur mehr leereWorte sind.** leh kann 
mich diesen Auffaseungen nicht anschlieflen, finde vielmehr, daJJ 
gerade dieser Gedanke zeigt, wie ernst und heilig Ulrichs 
die homosexuelle Liebe begriff, wobei er sich auQerdem auf 
Beispiele aus der Geschichte und Gegenwart, die\ wir seit ihm 
wesentlich zahlreicher kennen gelernt haben, berufen konnte, 
die beweisen, daJJ tatsachlich sanktionierte Biindnisse zwischen 
Personen gleichen Geschlechts ziemlich haufig geschlossen eind. 

tjber das Eingehen urnischer Liebesbiindnisse in Kreta wird bei 
Besprechung der Homosexualitat im Altertum (nachstes Kapitel) aus- 
fuhrlich berichtet. Die wiederholt, unter anderen schon von Urquhart 
iu den dreiBiger Jahren des vorigen Jahrhunderts jberichtete^) Tat- 
sache, daB auch noch im heutigen Griechenland, in Epirus und in 
anderen entlegenen Provinzen des Balkans sich bisweilen zwei Jiing- 
linge von griechisch-katholischen Priestern ganz in den dortigen For- 
men der Ene zusammengeben lassen, wird von Nacke und anderen 
auf diese uralten hellenischen Traditionen zuriickgefiihrt. 

Sehr bekannt geworden sind die mit aller Feierlichkeit vorge- 
nommenen EheschlieBungen romischer Oasaren mit ihren Lieblingen. 
So hat sich Nero zweimal mit jungen Mannern verheiratet: in Grie- 
chenland mit S p o r u 8 , in Rom mit Pythagoras, der nach Sue- 
tonius nicht Pythagoras, sondern Doryphorus hiefi, beide 
Male unter alien Solennitaten der romischen Ehe. Tacitus erzahlt : 
(annal. 16, 37.) „Den Pythagoras heiratete der Kaiser in solenner 
Hochzeit. Gattin war dabei er selbst. Er lieB sich das hochzeitliche 
weibliohe Haarnetz aufsetzen (flammeum). Zwei Haruspices wurdenaus- 

fesandt." (Um aus dem Vogelflug eine gute Vorbedeutung fiir die 
!he zu entnehmen.) „Nicht lehlten Brautbett und Hochzeitsfackeln." 
Aurelius Victor (de Caes. 5, 5 und epit. 5, 5) sagt von dieser 
Hochzeit: „Angetan mit dem Hochzeitsgewande einer Braut, erschien 
er im versammelten Senate und setzte dem Brautigam die ihm zuzu- 
bringende Mitgift aus. AUe muBten die iiblichen Formalitaten er- 
fullen. Er heiratete nach den Formen der strei^en romischen Ehe, 
der ,in manum conventio*, so daB er sich unter die eheherrliche 
Gewalt des Mannes begab." Auch Martial schildert Liebesbiindnisse, 
die in Rom unter Feierlichkeiten eingegangen wurden ; z. B. : 
„Barbatus rigido nupsit Oallistratus Apro 
Hac, qua lege viro nubere virgo solet. 
Praeluxere faces ; velarunt flammea vultus, 
Nee tua defuerunt verba, Thalasse, tibi. 
Dos etiam dicta est." (Lib. 12, 42.) 
Von des Kaisers Heliogabalus Ehe mit dem Hierokles sagt 
Lampridius: „Nupsit, ita ut et pronubum haberet." Petronius 
schildert ausfiihrlich das eheartige Liebesbiindnis zwischen dem Urning 
Eukolpius und seinem „frater" Giton. Um dem Kaiser Helio- 



5) Pastoral-Medicin. 16. Aufl. Aachen 1906, p. 145. 
*) „Ana8tasius: Fahrten eines Griechen im Orient" von 
Urquhart, einem englischen Gesandten; Deutsch von Lindau; er- 
schienen etwa 1830—1840. 

Hirschfeld, HomosexualiUt. ^g 



Digitized by V:iOOQIC 



706 

g a b a 1 u s zu gefallen, sind sogar Heterosexuelle soweit gegarigen, 
mit MJinnerii Liebesbiindnisse einzugehen, als waren sie selbst Urninge. 
Lampridius erzahlt : „Erant amici improbi, . . . qui caput reticulo 
componerant . . . qui maritos se habere jactarent" (cap. 11), sie tnigen 
das weibliche Haarnetz (reticulum oder flammeum) und riihmten sich. 
gleich dem Kaiser Ehemanner zu haben. 

Die Hochzeitsfeste romischer Casaren mit Jiinglingen, von denen 
die alten Schriftsteller berichten, waren weder ein Vorrecht der Casaren 
noch der Antike. Die unterbrochene Hochzeitsfeier des Amerikaners 
W i t li n e y mit einem preuBischen Ulanen erregte vor einigen 
Jahren in Berlin groBes Aufsehen, aber dieser Fall steht durchaus nicht 
vereinzelt da. Vor vielen Jahren hatte ich selbst einmal Gelegenheit, 
einem solchen Vorgang beizuwohnen. Ein Urning, der mein Interesse 
fiir dieses noch so wenig erforschte Gebiet menschlichen Lebens kannte, 
schrieb mir, ob ich der Trauung eines homosexuellen Paares beiwohnen 
wollte. Ich willigte ein und fand mich zur angegebenen Stunde Sonn- 
tag nachmittags in dem bezeichneten Lokal der Friedrichstadt ein. 
Als ich eintrat, sah ich gegen 50 Herren, die offenbar den besseren 
Standen angehorten, in Gesellschaftstoilette versammelt ; ein Altar, 
von Blattpflanzen umgeben, war errichtet, zahlreiche Kerzen brannten : 
nicht lange, und es erschien ein alterer bartloser Herr in der Tracht 
eines Geistlichen und betrat den Altar. Auf dem Harmonium wurde 
ein weihevolles Lied gespielt, in das die Versammelten einstimmten. 
Unter diesen Klangen zog das Brautpaar, von Brautjungfern, ebenfalls 
Herren, gefiihrt, ernst und feierlich in den Raum: es waren zwej 
junge Leute, der eine Ende, der andere Anfang der Zwanziger, beide 
im Frackanzug, der altere trug einen MyrtenstrauB im Knopfloch, der 
jiingerc einen Myrtenkranz und einen lang herabwallenden Schleier. 
Der Pseudogeistliche hielt eine Rede, in welcher er auf die Innigkeit 
dieser Freundesliebe, den EntschluB, auch auBerlich den Bund zu be- 
siegeln, hinwies, und beide aufforderte, in alien Lagen des Lebens treu 
zueinander zu halten. Beim Wechseln der Ringe sagte er: 

Und nun vereinigt euch das Sakrament, 
Bis Zwietracht oder Tod euch trennt. 

Dann wieder Musik und allgemeines Begliickwiinschen. Auf mein Be- 
I'ragen teiltc mir der „ Kaplan" — so nannten sie den Geistlichen — 
mit, daB er zum neunten Male in dieser Weise amtiere^^). 

In Berlin gab es ein urnisches Schauspielerpaar, bei dem der 
jiingerc den Namen des alteren angenommen hat. Ein schwedischer 
liming erzahlte mir, daB es sein hochster Wunsch ware, einen Freund 
zu finden, der seinen Namen fiihre. Deshalb halte er auch in seiner 
ausgebreiteten Familie unausgesetzt nach einem urnischen Verwandten 
IFmschau. Er hatte die „fixe Idee", daB er erst, wenn er einen solchen 
als Freund gefunden hiltte, seinen Namen zu Recht fiihren wiirde. In 
urnischen Frauenbiindnissen nimmt ebenfalls haufig die „Mutter" den 
Namen des „Vaters" an und wird in ihrem Bekanntenkreise nur mit 
diesem angeredet. Und auch hier findet man bei Naturvolkern schon 
ganz analoge Sitten. So hat man bei den Balondas i*) und anderen 
afrikanischen Stammen regelrechte Verlobnis-Zeremonien zwischen 
Freunden beobachtet, bei denen jeder einige Tropfen von seinem Blute 
in den Trank des anderen flieBen laBt. „Dann tauschen sie ihre Namen 
aus und beschenken sich gegenseitig mit dem Kostbarsten, was sie be- 



^^) Geschildert in dem Artikel: Sind sexuelle Zwischenstufen zur 
Ehe geeignet? Von Dr. Hirschfeld. im Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. III. 
p. 69/70. 

^2) Cf . „Naturgeschichte des Menschen" von J. G. Wood. Band 
„Afrika" p. 419. 



Digitized by VjOOQIC 



707 

sitzen. ^^) Es liegen auch ,'von anderen Volksstammen ganz ver- 
schiedener Himmeisstriche Berichte iiber rite geschlossene Manner- 
und Frauenbiindnisse vor. ^*), so erst wieder neuerdings von B r e i t e n- 
s t e i n ^^) und H. Roth i«), nach denen in Borneo nicht selten die 
I'riester formliche Ehen mit jungen Mannern schlieBen. 

Wiederholt ist es auch vorgekommen, daB Urninge ebenao wie 
Urninden ohne ihr wahres Geschlecht anzugeben, sich mit Personen 
ihres Geschlechts verlobten. So notifizierte der von Frankel als homo 
mollis 1853^'^) beschriebene Urning SiiBkind Blank eines Tages 
offentlich unter dem Namen „Friederike Blank" seine Verlobung 
mit einem fremden Handwerker. Blank totete sich spater, ebenso 
wie ein „Seitenstiick" von ihm, der als „mannliche Braut" bekannt 
gewordene Paradeda, der sich in Paris mit einem Lehrer verlobt 
hatte, dem er nach Breslau gefolgt war. 

Im Verfolg seiner Anschauungen vertrat U 1 r i c h s den Stand- 
punkt, daB das Bundnis eines Homo- mit einem Heterosexuellen — 
die Beziehun^en dieser beiden, nicht die von Urningen untereinander 
beschaftigte ihn fast ausschlieBlich in seinen Schriften — zwar eben- 
so fest und feierlich gekniipft werden soUe, die Losung aber erheb- 
lich leichter sein miisse, wie diese, einmal weil der Heterosexuelle 
„dem^ LiebesgenuB am Weibe, seiner geschlechtlichen Hauptbestimmung 
nicht zeitlebens entzogen werden durfe und zweitens, weil die Ehe 
wesentlich nur wegen desjenigen ihrer Zwecke fiir schwer losbar, 
bzw. unlosbar erklart sei, welcher auf Kindererzeugung und Kinder- 
aufziehung gerichtet ist, dieser Zweck aber beim urnischen Liebes- 
biindnis wegfallt." 

Haufiger als bei homosexuellen Mannern findet man bei 
homosexuellen Frauen das Bestreben, ihren Beziehungen einen 
eheartigen Charakter zu geben. H. E 1 1 i s^^) erwahnt einen 
Fall aus England, in dem eine zeremonielle Trauung zwischen 
zwei Frauen ohne jede Tauschung vor sich ging. Eine von 
Geburt inverse Englanderin von liervorragenden geistigen Fiihig- 
keiten verband sidli mit der Frau eines Geistliehen, der in 
voUer Kenntnis der Sachlage die beiden Damen in seiner 
eigenen Kirch e vernxahlte. 

Diihren^^a) teilt mit, daB am 4. Juli 1777 in London eine Frau 
zu 6 Monaten Kerker verurteilt wurde, die sich, als Mann verkleidet, 
schon dreimal mit verschiedenen Frauen verheiratet hatte. 

In Friedreichs Blattern fUr gerichtliche Medizin^^) wird iiber den 
Fall eines Mannweibes berichtet, das mehrere Jahre mit einem Weibe 

^3) Cf. auch Livingstones ^Expedition nach dem Zambesi" 
Murray 1865, p. 148. (Zitiert nach Carpenter, Das Mittelgeschlocht, 
p. 42). 

1*) Cf. Ulrichs VII, p. 102 und XII, p. 32. 

") Cf. Sexualprobleme 1912, p. 818 und Anm. 93, p. 857: H. 
Breitenstein, 5,Einundzwanzig Jahre in Indien", Bd. I. (Leipzig 
1899), p. 226. 

16) Cf. ibidem und Anm. 94, p. 857: H. Ling Roth, „The 
Native Tribes", Bd. I, S. 270. 

1^) Medizinische Zeitung des Vereins fiir Heilkunde in PreuBen 
Bd. XX IL 1853. S. 102/3. 

18) H. Ellis, Sexualinversion. P. 146, FuBnote. 

i®a) Duhren, Engl. Sittengeschichte II. Band p. 54. 

19) „Ein weiterer Fall von kontrarer Sexualempfindung" mitge- 
teilt von Dr. F. C. Miiller. 1891, p. 279. 

46' 



Digitized by V:iOOQIC 



708 

verheiratet war. Als es schlieBMch doch aufkam, wurde sie in Unter- 
suohung gezogen, wegen Sodomie zum Tode verurteilt und mit dem 
Schwerte hingerichtet. Die Miihlhaberin, ihr Weib, will voa dem 
Geschlechte ihres „Gemahls** keine Kenatnis gehabt haben. Aus den 
Gerichtsakten seien einige Stelle wiedergegeben : 

„Im Jahre 1717, nachdem sie bei 4 Kontingenten Soldatendienste 

fetan, ging sie in Manneskleidern nach Halberstadt, gab sich fiireinen 
[attunfarber aus, kniipfte mit der Miihlhaberin ein Liebesverhaltnis 
an und heiratete dieselbe noch im selben Jahre. Nach der Hochzeit 
hatten sie zusammen als vermeinte Eheleute gelebt, waxen zusammen 
zu Tisch und Bett gegangen, sie habe ein von Leder gemachtes, aus- 
gestopftes mannliches Glied, woran ein Beutel von Schweinsblasen 
gemachi und zwei ausgestopfte von Leder gemachte Testiculi ge- 
nanget mil; einem ledernen Kiemen an ihre Scham gebunden gehgubt, 
und wenn sie mit ihrer vermeinten Frau zu Bette gegangen, habe sie 
derselben solch ein ledern Ding in den Leib gesteokt una solcher Ge- 
stalt den Beischlaf mit ihr wirklich verrichtet." 

„Einen Mann habe sie niemals erkannt, habe sich auch das lederne 
Instrument niemalen selbst appliziert oder applizieren lassen, und als 
dieselbe letzlichen gefragt wird, wie sie gedachte, dergleichen be- 
gangenc Missetaten vor Gott zu verantworten, so sagt sie: Dafi sie 
sich in Mannsjtleider gesteokt, das hatten ja mehr Weibsleute getan. 
Im iibrigen wisse sie wohl, dafi Gott verboten hatte, dafi ein Weib 
kein Mannskleid anziehen solle, solches ginge aber nur die Weiber 
an und ^eine Jungfer. DaB sie sich mit der Coinquisitin offentlich 
proklamieren und kopulieren lassen, das dachte sie vor Gott schon 
zu verantworten." Die „vermeinte" Ehefrau bekundet: „Inqui3it habe 
immer in den Hosen ^eschlafen und hatte sie ihm nicht diirfen in die 
Hosen greifen, sie hatte zwar, wenn sie ihn pissen gesehen, an^e- 
merkt, daB er die Schuh allzeit ganz naB gei^acht, solches ware ihr 
verdachtig vorgekommen, und hatte sie zu ihm ges2^t: andere Manns- 
leute konnen ja so weit pissen imd du bepiUt allzeit die Schuhe. Er 
hatte sic aber Bestie und Kanaille ceheiBen und zu schlagen gedroht." 

„Sie lief oft meilenweit nach einem schonen Frauenzimmer." 
Bericliterstatter schlieBt seine Angaben mit den Worten: „Fruher 
hat man die sexuell Perversen verbrannt, heutzutage erklart man sie 
fiir blodsinnig. Unser Jahrhundert hat ebensowenig die Wahrheit 
erkannt wie die vorhergehenden, aber wir sind derselben naher ge- 
kommen." 

B a u m a n n 20) erzahlt aus Paris f olgendes Erlebnis : . 

In einer Maison meubl6e wohnten zwei in der Mitte der zwan- 
ziger Jahre stehende Fraulein. Die eine war eine imposante Er- 
scneinung von i ausgesprochenem siidlandischen Typ mit krausen, 
schwarzeu Haaren. Sie stand als Direktrice einem bedeutenden Moden- 
geschafte vor. Die andere, eine allerliebste Blondine, hatte als Eben- 
bild des deutschen Gretchens gelten konnen, wenn sie blaue Augen, 
statt der feurigen dunkelbraunen gehabt hatte. Sie war Sekretarin 
in einer der vielen Privatkliniken. Ofters drang Streit aus der Wohnung 
dieser Damen zu mir heriiber, und ich wurde anfanglich durch das 
wiederholte, leidenschaftlich ausgesprochene „Je tiens, que tu seras 
tout k feit k moi, je te le r6p6te une fois de plus I" zur Meinung ge- 
brachl, diese Worte seien an den Liebhaber einer der Damen ge- 
richtet, dessen Benehmen dieser nicht voile Garantie fiir seine Treue 
biete. Im iibrigen schenkte ich der Sache keine Beachtung. Nun 
traf ich eines Sonntags zufallig in einem der „Robinsons" genannten 
Restaurants, die in der Umgebung von Bourg-la-Reine unter den 
Kronen der uralten, gewaltigen Baume errichtet sind, mit den beiden 
Dameu zusammen. Wir kamen ins Plaudern; bisher hs^te sich unser 

w) A. a. O. 



Digitized by 



Google 



h 



709 

Verkehr auf das beim Begegnen im Hause iibliche GruBen beschrankt. 
Wie nun das" in Paris vorzukommen pflegt, daB sich selbst bei Lenten, 
die sich volllg fremd waren, ein zufalliges Zusammentreffen an einem 
Vergnugungsorte rasch zu einem recht gemiitlichen Beisammensein 
gestaltet, so wnrde auch beschlossen, daB wir den Tag zusammen ver- 
bringen wollten. Nun sah ich, daB beide Damen Eheringe trugen und 
als ich dieselben frug, ob sie eigentlich verlobt oder verheiratet seien, 
bekani ich zur Antwort: „Mais nous sommes marines, nous deux!*' Die 
Betonung, mit welcher das „nous deux" gesagt worden war, machte 
mich stutzig; mir fiel plotzlich der Streit ein, den ich ofters schon 
gehort hatte. Da muB ich klar sehenl Ich fragte deshalb nach ihren 
Mannem. Die beiden lachten hell auf, und die Direktrice sagte in 
einem Tone, als ware das etwas ganz Natiirliches : „Mais voilk, ma 
petite femmel" indem sie die herzige Blondine an sich zog \md die- 
selbe dabei mit einem Gesichtsausdruck ansah, der kein gluhenderes 
Verlangen bei einem jungen Ehemanne hatte zeigen konnen, der sein 
Weibchen in die Arme schlieBt. Ich muB bei dieser Erklarung auBer- 
ordentlich dumm ausgeschaut haben, denn die beiden Fraulein bra- 
chen in lautes Gelachter aus. „Comme ils sont drdles, les Suisses I" 
rief der „Mann** aus, und beide machten sich iiber meine , Verstandnis- 
losigkeit" lustig. Das war es aber weniger als wie die Uberraschung, 
daB die Damen die Sache als etwas Selbstverstandliches behandelten, 
die mich momentan staunen lieB. Aus dem, was ich jenen ersten Tag 
und sodann auch in der Folge, namentlich aus den Gesprachen mit 
der Sekretarin vernommen hatte, die mir Vertrauen schenkte und 
ofters mir ihr Leid wegen der Eifersucht ihrer Freundin klagte, will ich 
einiges hier wiedergeben. 

Die beiden Damen, von denen die Blondine eine Pariserin war, die 
andere aus dem siidfranzosischen Departement der Alpes-Maritimes 
stammte, hatten sich im gleichen Geschaft kennen gelernt. Als sie 
auf einem gemeinschaftlichen Spaziergange sich auf dem Rasenplatze 
einer Lichtung des Waldes von Meudon ausruhten, umarmte die Siid- 
franzosin plotzlich ihre Begleiterin und sagte in stiirmischer Auf- 
wallun^: „Ah, je vous aimer* Dann herzte und kiiBte sie sie leiden- 
schaftlich, und da kam der Blondine ihre Neigimg zum gleichen Ge- 
schlechte zum BewuBtsein. Von nun an waren sie unzertrennlich. Sie 
nahmcn eine gemeinschaftliche Wohnung und kauften sich Eheringe 
zum Zeichen der zwischen ihnen geschlossenen ,,Ehe", wie sie diese Ver- 
bindung selbst nannten. Da sich aber die Direktrice in ihrer anor- 
malen Leidenschaft nicht zu beherrschen wuBte, wenn sie sich in 
G^enwart ihrer Freundin be f and, wurde zur Vermeidung unliebsamer 
Vorfalle beschlossen, daB die Blondine ihre Bureaustelle wechseln 
sollte. So kam diese in die Privatklinik, wo bald ein Flirt zwischen der 
hUbschen Sekretarin und einem der Arzte entstand. Dadurch wurde 
die letztere ihrem „Manne" untreu, denn der Umgang rait dem Herrn 
entzucktc sie kaum weniger, als der mit der Freundin. Sie war eben 
nicht, wie diese, rein homosexuell veranlagt, und eine angenehme 
Abwechslung boten ihr auch die Einladungen des Arztes zum Besuche 
von Theatern usw., wobei, wie sie sagte, die Begleitunoj eines Kava- 
liers doch etwas ganz anderes sei, als die einer Freundin. 

Es dauerte denn auch nicht lange, bis die letztere von diesem 
Flirt Kenntnis erhielt. Die Blondine legte ein um so aufrichtigeres 
Gestandnis ab, als sie glaubte, daB ein Flirt mit einem Manne ja 
nur ein „Amusement passacer" von eanz anderer Art sei, als das 
homosexuelle Verhaltnis mit ihrer Freundin. Dieser Meinung aber 
war die letztere nicht. Sie sagte kategorisch: „Quoiqu'il en soit, 
de tes caresses cet homme-1^ consume la meme jouissance telle que 
moi, et j'exige absolument que tu seras k moi seulel" Immerhin gab 
sie den Bitten der Freundin nach, sich von diesem Arzte zu Ver- 
gnugungen fiihren zu lassen: „Je t*aime trop, pour te contraindre !" 



Digitized by VjOOQIC 



710 

fxigte sie der.widerwillig gegebenen Erlaubnis bei. Die Liebe der Siid- 
franzosin ziir Pariserin war eine schwarmerische. Aber die sinnliche 
Leidenschaft zugleich eine derart gesteigerte, daB, wahrend ihre Freun- 
diu von der erteilten Erlaubnis Gebrauch machte, sie sich mit den 
peinigendsten Eifersuchtsgedanken qualte und ihr bei der Riickkehr 
die lieftigsten Vorwiirfe machte. Ein psychologisches Ratsel blieb mir 
immer, dafi die Blondine die Gewaltherrs.chaft, welche ihre 
Freundin auf sie ausiibte, ertrug und auch, daB alle die Storungen in 
der Harmonie dieser „Ehe" rasch voriibergehende waren. Die Sekretarin 
liatte auf meine diesbeziigliche Frage ein einfaches : „Elle m*aime 
tant !" zur Antwort. GewiB, sie wurde von der Direktrice sehr geliebt ; 
die Beweisc? dafiir waren zahlreich. Und diese Liebe wurde wenigstens 
in ihrer sinnlichen Begierde unzweifelhaft aufs warmste erwidert. 
Das bezeugten, neben andern Tatsachen, auch die Liebkosungen der 
beiden, von deren wild-stiirmischer Art das Echo beredtes Zeugnis 
ablegte. 

Wenn hier von „Gewaltherrschaft" die Rede ist, welche die 
mannlichere Homosexuelle auf die feminine ausiibt, so entspricht dies 
meiner Beobachtung, nach der die starksten Falle sexueller Horigkeit 
in den eheartigen Verhaltnissen vorkommen, die homosexuelle Fiauen 
miteinander eingehen. Ich konnte hier kaum glaubliche Beispiele an- 
fiihren, in denen die eine Freundin tatsachlich „Wachs" in der Hand 
der andern war, in einem Falle, in dem der Ehemann der einen 
die Freundin samt seiner Ehefrau herauswarf und dann die Ehe- 
scheidungsklage einleitete, erklarte die Freundin unverbliimt, als ich 
ihr vorhielt, daB das Verhaltnis der verheirateten Frau mit ihr einem 
Ehebruch gleichzusetzen sei, „es sei doch wohl Ehrensache, daB man 
fiir die Geliebte in solchen Fallen einen Meineid schwore". 

Aus Paris wurde 1907 gemeldet, daB die Marquise de Morny 
und die Schriftstellerin Colette Willy auf das Standesamt ge- 
gangen seien, um die Heirat nachzusuchen. Der verbliiffte Standes- 
beamte habe jedoch die EheschlieBung abgelehnt, obgleich er be- 
merkte, daB er „keinen Text gefunden habe, der eine solche Heirat 
verbiete*'. d'Estoc (Paris-Eros S. 58) berichtet von einer dreiBig Jahre 
dauernden Tribaden-Ehe. In „The Lancet Clinic"-^ wird ein mehr 
als flinfzehnjahriges Biindnis zwischen einer Frau G. und D. be- 
schrieben. Der SchluB des Artikels lautet: „Sie hat in ihrem ganzen 
Leben nur fiir diese eine Frau Zuneigung empfunden; sie kann nichts 
Unrechtes in dieser Liebe finden und halt ihr Biindnis fiir ebenso 
heilig wie die Ehe. Dabei wird Frau G. von alien ihren Verwandten 
und Freunden sehr hoch geschatzt, kurz von alien Menschen, mit 
denen sie jemals in Beriihrung gekommen ist, auch hat sie in ihrem 
Fache wirklich Hervorragendes geleistet. Niemand ahnt, daB ihre 
sexuello Veranlagung abnorm ist." Mir selbst ist in Berlin ein Fall 
bckannt, indem es einer homosexuellen Frau, die als Mann lebte, ge- 
lang, daL^ sie, ohne daB man ihr wahres Geschlecht ahnte, mit ihrer 
. Freundin — sie lebten bereits zehn Jahre zusammen — kirchlich und 
standesamtlich getraut wurden. Am bekanntesten von ahnlichen Fallen 
ist wohl der von Krafft-Ebing begutachtete der S a r o 1 1 a (C h a r- 
lotte) Grafin Vay geworden, die unter dem Namen Graf S a n - 
d o r V a y im Jahre 1888 in Ungarn sich mit einer von ihr schwar- 
mcrisch geliebten Lehrerin Marie S. eine von einem Pseudopriester 
eiugesegnete Scheinehe einging. 



2^) Ubersetzung aus „The Lancet Clinic" vom 2. November 1912. 
— Vol. C VIIL No. 18. Seite 187/90. Einige Bemerkungen 
iiber die Psychologic der ..sexucllen Inversion" bei 
F r a u e n. 



Digitized by VjOOQIC 



711 

Wie weit das Ehegeftihl homosexueller Frauen, die zu- 
sammenleben, gehen kanji, zei^t nicht nur die volkstlimlidhe 
Bezeichnung der Partnerinnen als Vater und Mutter, sondern 
daU tatsachlich beide oft nichts po schmerzlich empfinden, als 
die Unmoglichkeit, ein eigenes Kind zu besitzen. Manche 
adoptieren ein fremdes Kind oder halten sich wenigstens als 
Symbol eine grofle Puppe. Ein Pariser Madchen einfacher Her- 
kunft, das mit einer Berliner Ktinstlerin ein sehr l^idenschaft- 
liches Verhftltnis hatte, schrieb mir einmal : ,,Je vis avee une 
amie, je desirerais vivement avoir un bebe d'elle." Dann 
ging es weiter : „Comlne je sais que vous pouvez tout faire .... 
auriez vous la bonte d© nous indiquer un moyen; nous nous 
aimon» passionnement, done rien est nous impossible". Ich 
Aahm zuerst einen Scherz an und lieB mir die Franzosin 
kommen, um zu erfahren, da6 sie in der Unschuld ihres Herzens 
tats&ehlieh an die Erflillbarkeit ihrer Sehnsucht geglaubt hatte. 
Sie verlieB mich ebenso bekiimtnert wie enttauscht^ als ich ihr 
die Unentbehrlichkeit des Mannes bei der Fortpflanzung ausein- 
andersetzte. 

Ein Beispiel von der Innigkeit aolcher eheartigen Frauenfreund- 
sohaften findet sich in den „Gro6stadtdokumenten . Es heiBt dort: 
„Ich behandelte einst eine adlige Dame, die seit vielen Jahren mil 
einer Freundin zusammenlebte, an einem schweren Nervenleiden. Weder 
vorher noch nacbher habe ich in meiner Krankenpraxis ein so liebe- 
volles Aufgehen eines Gesunden in einen Kranken gesehen, wie in 
diesem Fall, weder unter Ehegatten, noch selbst bei Miittern, die sich 
um ihre Kinder bangten. Die gesunde Freundin war keine angenehme 
Mitburgerin, sie hatte viel Riicksichtsloses und Eigenwilliges, wer 
aber diese wahrhaft ergreifende Liebe und Sorgfalt sah, dieses unab- 
lassige Bemiihen bei Tag und Nacht, hielt ihr um dieses starken 
Allruismus willen vieles zugute ; sie war mit ihrer Freundin tatsachlich 
wie verwachsen. Beriihrte man ein schmerzliches Glied der Kranken, 
zuckto die andere reflektorisch zusammen, jedes Unbehagen der Lei- 
denden spiegelte sich in ihrem Gesichte wieder, mangelhafter Schlaf 
und schlechter Appetit iibertrugen sich auf die gesunde Freundin. 
Der Fall war iibrigens auch dadurch bemerkenswert, daU auch das 
Personal der Patientin, sowohl Ki*ankenschwester wie Dienstmadchen, 
einwandfrei urnisch waren." 

DaB das Symbol des Ringwechsels sowohl von homosexuellen 
Mannern als Frauen in eheartigen Biindnissen haufig vorgenommen 
wird. bedarl nach allem wohl kaum der Erwahnung. 

Ich fuhrte bereits aus, daJJ die etarke Verponung des niann- 
mannlichen Verkehrs die mannliche Prostitution wesent- 
lich befordert hat ; diese Verponung ist der wesentlichste Grund, 
daU der Homosexuelle sich scheut, eine von ihm geliebte Person 
zu sich zu nehmen, sioh mit ihr standig zu zeigen oder sich 
ihr in sichtlicher Weise zu widmen, weil er stets in Furcht 
ist, der erotische Charakter dieser Beziehung konne entdeckt, 
das Verhaltnis beargwohnt werden. Daher sucht er die geistige 



Digitized by VjOOQIC 



712 

Seite seines Sexualtxiebes m5glichst zu verstecken und die korper- 
liche recht geheim und unerkannt zu befriedigen. Es liegt auf 
der Hand, daB der Geschlechtstrieb dadurch auf .eine tiefere, 
man k5nnte auch eagen auf eine tierischere Stufe herabgedrtickt 
wird, andererseits eine Menschenklasse groflgezogen wird, die 
sich aus der vorlibergehenden Hingabe ein eintraglioihee, 
bequemes Gewerbe ^chafft. 

Es soil damit allerdings nicht behauptet warden, dafl diese soziale 
und gesetzliche Achtung die ausschlieBliche Wurzel der mannlichen 
Frostitution ist; daB dies nicht richtig ist, geht schon daraus her- 
vor, daB sie, wenn auch nicht in der gleichen Ausdehnung wie in 
Landem mit Strafbestimmungen, in Gegenden und vor allem in Zeiten 
nachweisbar ist, wo das Verstandnis fair die gleichgeschlechtliche 
Liebe ein gUnstigeres war, als im antiken Griechenland und Rom. 
Mehr als ein Dichter und Schriftsteller jener Epochen wendet sich 
mit Eifer bereits gegen Jiinglinge, die dem Meistbietenden fell sind. 
Offenbar gehoren zu den Kunden mannlicher Prostitution auBer denen, 
die sich nicht festere Verbindungen einzugehen trauen, viele, die bisher 
das ihrer Triebrichtung vol! entsprechende noch nicht gefunden haben, 
ferner solche, die neben einer starkeren monogamen Beziehung auf 
polygame „Seiten8prunge" nicht ganz verzichten konnen und woUen, 
sowie endlich Leute, die gerade unter den Prostituierten die ihnen 
seelisch und leiblich zusagenden Typen finden. Fiir manche Homo- 
sexuelle soheint es geradezu ein psychisches Bediirfnis zu sein, zum 
Teil wohl in einem instinktiven 6e^iihl der Uberlegenheit begrundet, 
den Partner zu bezahlen. AUes in allem sind es fast die gleichen 
Ursachen, die auch den normalsexuellen Mann zur weiblichen Pro- 
stituierten drangen, trotzdem er diese sozial eher noch mehr miBachtet, 
wie der homosexuelle Mann den Strichjungen. 

Auch weibliche Prostituierte gibt es, die nur Urninden zu Gebote 
stehen. Bloch^ia) schreibt dariiber: „I>iese tribadische Prostitution 
ist besonders umfangreich in Paris. Man nennt sie ,gouines* oder 
jgougnottes* oder ,chevali6res du clair de lune*2ib). Auch Tribaden- 
bordelle gibt es in Paris." Unter den Masseusen groBer Stadte gibt 
es stets einige, die tribadischen Verkehr gegen Entgelt als Spezialitat 
pflegen. 

Was aber treibt den mannlichen Prostituierten selbst zu 
seinem Gewerbe? Hier sind die Ursachen teils endogene, in den 
individuellen Besonderheiten der Prostituierten gelegene, teils 
exogene, durch auBere Umstande bedingte. Zu den ersteren ge- 
horen in erster Linie gewisse, meistens auf degenerierter Anlage 
beruhende Schwachen und Defekte der psychischen Konstitution, 
ein Mangel an Arbeitslast und Energie, der die Betreffenden an 
kOrperlicher oder geistig anstrengender und gleichmaBiger Tatig- 
keit keinen Gefallen finden und sie den miihelosen Verdienst, 
den sie sich durch Preisgabe ihres Korpers verschaffen kSnnen, 
bevorzugen IfiBt. Die Bereitwilligkeit zur Prostitution hat ferner 
eine Abstumpfung des normalen Schamgef tihls zur Voraussetzung, 



21a) Bloch, a. a. 0. p. 587. 

21b) Vgl. Martial d'Estoc, Paris-Eros, S. 59. 



Digitized by VjOOQIC 



713 

wie wir ihr ebenfalls besonders hftufig bei Degenerierten b'e- 

gegnen, die dann naturgemaU in der fortgesetzten Ausiibung 

dieses Gewerbes sich welter entwickelt. Der Hang zum GenuB- 

leben, zu dessen Befriedigung die Prostitution eine der leichr 

testen Moglichkeiten bietet, ist flir einem sinnlichen Lebens- 

genuJj zuneigende Naturen bei beiden Arten gewerblicher Un- 

zucht ebenfalls haufig das treibende Motiv. Dafl die eigene 

sexuelle Neigung weni^er haufig ursachlich in Betracht kommt, 

geht schon daraus hervor, dafl die Zahl der homosexuell ver- 

anlagten m&nnlichen Prostituierten gegentiber den heterosexu- 

ellen relativ nur klein ist, und unter diesen die Falle, in denen 

sich die bezahlte Hingabe auf Personen besdhrankt, die dem 

eigenen Geschmack der Prostituierten entsprechen, ein ver- 

schwindend geringer ist. 

Es gibt aber eine bestimmte Gruppe von Prostituierten, die durch 
eineu gewissen inneren Drang zum Verkauf ihres Korpers geti'ieben 
warden. Es scheint in dem Umstand, dal3 die Liebesdienste pekuniar 
belohnt werden, ein Erf ordernis ihrer sexuellen Individualitat zu liegen. 
Einige Homosexuelle gaben mir of fen zu, daB ihnen nur der bezahlte 
Verkehr GenuB ^ewaiire. Es wird dadurch auch psychologisch er- 
klarlicher, daB vielfach Jungen der besseren Stande sich fiir relativ 
geringes Entgelt prostituieren. Vor eini^en Jahren suchte mich einmal 
ein hochst elegant gekleideter ISjahriger Amerikaner auf, der auf 
einer Berliner Schule erzogen wurde, um mir folgendes Gestandnis zu 
machen. Er sei Primaner, stamme aus einer Newyorker Millionars- 
familie, sei so gestellt, daB er sich keinen Luxus zu versagen brauche; 
seit seinem 14. Lebensjahr verspiire er das Verlangen, sich gegen Ent- 
gelt Mannem hinzugeben. Um von ihnen angesprochen zu werden, 
setzc ei sich nachmittags in die Empfangs- und Teeraume der vor- 
nehmen Hotels. Ein- bis zweimal die Woche erreiche er sein Ziel, 
der Verkehr sei nur mit Herren moglich, die ihn reichlich bewirteten 
und beschenkten, sonst fehlte jede Erregung ; er bezeichnete sich selbst 
als geborene Kokotte. Post actum verabscheue er sich und das so ver- 
diente Geld, er habe es bisher noch nie fiir sich verwandt, sondern an 
Wohltatigkeitsinstitute gegeben; trotz aller Reue und Selbst vor wiirfe 
unterliege er aber nach wenigen Tagen wieder seiner „Ob8ession". 

Gegentiber den inneren Momenten, die zwar in keinem 
Falle fehlen, aber naturgemafl weniger in die Erscheinung treten, 
sind die auBeren Veranlassungen der mannlichen Prostitution 
mannigfacher und augenfalliger. In erster Linie ist es die 
inaterielle Not, die bei den mannlichen wie bei den weiblichen 
Prostituierten als ursachliches Moment in Betracht kommt. Es 
kann sich dabei sowohl um einen mehr dauernden Zustand 
wie um eine voriibergehende, durch Arbeitslosigkeit oder Krank- 
heit bedingte Verlegenheit handeln. Der Mehrzahl nach rekru- 
tiert fiich aus diesem Grunde ^die mannliche Prostitution aus 
den niederen, unbemittelten Volksschichten. 

Ein Gelegenheitsprostituierter antwortete auf die ihm von einem 
Kriminalbeamten vorgelegte Frage: warum er sich auf dem Strich 
herumtreibe, kurz und vielsagend: „nm nicht zu stehlen". 



Digitized by V:iOOQIC 



714 

Set unglaublich es klingt, es kommt tatsachlich vor, daB mittel- 
lose Ellern ihre heranwachsenden Sohne und Tochter — namentlich 
wenn sic durch ein anziehendes AuBere ihnen dazu besonders geeignet 
erscheinen — zu diesem traurigen Gew^rbe anhalten. Von einem der 
bekanntesten Berliner Prostiiuierten wird zuverlassig berichtet und 
von ihm selbst bestatigt, daC seine eigenen Eltern ihn bereits in 
seinem 14. Jahre in diese Laufbahn brachten. Ein Urning teilte mir 
aus der Unterhaltung, die er mit einem Prostitutierten hatte, folgendes 
mit: j.Der Junge erzahlte mir, dafi ihm seine Mutter gesagt habe, er 
solle nie Geld f o r d e r n , sondern mit dem zufrieden sein, was ihm 
die Herren freiwillig gaben." Ganz erstaunt forschte ich weiter, und es 
stellte sich heraus, dl,B seine Mutter selbst das Gewerbe einer Prosti- 
tuierten in Eisenach betrieb. Hier stromen im Sommer viele Fremde, 
besonders viele Studenten der umliegenden Universitaten zum Besuche 
der Wartbui-g zusammen. Da habe er, als er 17 Jahre alt war, durch seine 
Mutter einst einen Studenten kennen gelernt, dem er besser als seine 
Mutter gefallen habe, und habe diese ihn dann dem homosexuellen 
Verkehre zugefiihrt. 

In vielen, in der GroBstadt wohl in den meisten iFallen, 
wirkt das Beispiel anderer Prostituierter ansteckend 
oder verfiihrend, sei es, daB diese den betreffenden Jungen direkt 
auf die angenehlne und leichte Erwerbsquelle aufmerksam 
machen, sei es, daB er durch eigene Beobachtung auf ihr Treiben 
aufmerksam wird und sich entschlieBt, ihrem Beispiel zu 
folgen. Nur ausnah'msweise kommt es vor, — und solche 
Falle k5nnen nicht scharf genug verurteilt werden — daB ein 
Homosexueller einen Burschen zur Prostitution verfiihrt, indem 
er ihn dem Geschafte, in dem er arbeitet, entzieht. H-aufiger 
schon kommt es vor, daB ein junger Mann, welcher, auBer 
Stellung geraten, sich vergebens bemliht, wieder in Bret zu 
kommen, die Bekanntschaft eines Urnings macht, mit dem er 
gegen Entgelt intim verkehrt. Dieser gibt ihm Essen und 
Kleidung, behandelt ihn gut, flihrt ihn in besser^ Kreise ein, 
was seiner Eitelkeit schmeichelt. Der bequeme Verdienst, der ihm, 
falls er selbst homosexuell veranlagt ist, noch dazu Vergntigen 
bereitet, das Faulenzerleben werden ihm so sehr zur Gewohn- 
heit, daB er nicht mehr davon lassen kann, auch wenn ihm 
Gelegenheit geboten wlirde, in ein ehrliches, arbeitsames Leben 
zuruekzukehren. 

Sehr oft spielt sich der Vorgang etwa folgendermaUen ab: Ein 
armer, zerlumpter, hungernder und frierender Jimge steht seit Tagen 

obdachlos an einer Ecke der F straBe. Bald wird er die feinen 

„Herrchen" gewahr, die von 8 Uhr ab Nacht fiir Nacht stundenlang 
die StraBe auf- und abschlendern, t)is sie ein vornehmer Herr an- 
spricht, mit dem sie erhobenen Hauptes von dannen Ziehen. Er roacht 
zuerst schiichterne, dann kiihnere Versuche, es dem Vorbilde nach- 
zutun und eines Tages gliickt es ihm auch. Denn manche der 
Herreu lieben gerade diese armlichen Burschen mit ihren 
schmutzigen Kragen und Schuhen, den fadenscheinigen Rocken und 
zerrissenen Beinkleidern. Ist es ihnen einmal gelungen, dann halten 
sie ihrc Position fast, es ist ihnen gar zil schlecht gegangen, als daB 



Digitized by VjOOQIC 



715 

sie zurucktauschen mochten. Mit den s o z i a 1 e n Ursachen der mann- 
lichen Prostitution hangt es aiich zusammen, daB sich manche be- 
sonders gering entlohnte Benifsklassen diesem Gewerbe als Neben- 
erwerb ei^eben ; Schreiber, Depeschenboten, StraBenkehrer, Mitfahrer 
usw., die teils voriibergehend durch die Preisgabe ihres Korpers sich 
ein „Taschengeld" verschaffen, teils dauernd ihr Einkommen dadurch 
zu veigroBern suchen. Es kommt sogar vor, daB Familienvater durcb 
die in ihrer Familie herrschende Notlage dazu veranlaBt werden, sich 
Homosexuellen, die reife Manner bevorzugen, gegen Entgelt anzubieten. 
Zeiten wirtschaftlicher Not, Streiks und Teuerungen geben hierzu 
nicht selten Veranlassung. 

Gewisse Sammelplatze der Armsten und verkommensten Be- 
volkerung kommen besonders als Brutstatten niannlicher rrosti- 
tution in Betracht, da eine groBe Zahl ihrer iBesucher tmit 
diesem Gewerbe bereits Bekanntschaft gemacht haben und gem 
erb5tig sind, den Neulingen gegenliber den Lehrmeister abzugeben. 
Zunachst sind hier die Nachtasyle ftir Obdaehlose zu nennen, 
in denen der gleichgeschlechtliche Verkehr von den Obdachlosen 
selbsi als surrogative Betatigung viel geiibt wird. Es ergibt sich 
von eelbst, daB die Homosexualitat hier einen wielfach be^ 
handelten Gesprachsstoff bildet Sie horen dort, daB mancher, 
der noch voriges Jahr wiei sie in der „Palme*' oder Wiesenburg 
einkehren muBte, jetzt „in dufter Schale zur Kieler Woche 
fahrt." Mancher junge Mann, der im ObdachI mit der an&nn- 
lichen Prostitution theoretisdh bekannt geworden ist, sucht schon 
am nachsten Tage die erworbenen Kenntnisse praktisch zu ver- 
werten. Ahnlich liegen die Verhaltnisse bei der Flirsorge- 
erziehung. Sehr haufig sind die Zoglinge, namentlich soweit 
sie der GroBstadt entstammen, nicht nur mit der homosexuellen 
Betatigung, sondern auch mit der Prostitution schon eingehend 
bekannt und teilen ihre Erfahrungen den in diesen Fragen noch 
unbewanderten Kameraden nur allzugern mit, die nach ihrer 
Entlassung Gebrauch davon machen und sich auf diese Weise 
einen Erwerb schaffen, der ihnen um so willkommeher ist, als 
sie zu anstrengender Tatigkeit oft wenig Neigung haben und 
es den entlassenen Ftirsorgezoglingen bisweilen auch schwer 
fallt, Arbeit zu finden. Noch boser pflegen in vielen Fallen 
die Belehrungen zu wirken, die jungen Leuten in Gefangnissen 
und Strafanstalten von Insassen zuteil werden, die auf diesem 
Gebietc bereits Erfahrungen gesammelt haben. Werden sie doch 
meistens von diesen gleich iiber die naheliegenden Beziehungen 
der mannlichen Prostitution zu kriminellen Handlungen — 
namentlich Diebstahlen und Erpressungen — unterrichtet, wo- 
durch sie in Versuchung geraten, sich der gewerbsmaBigen Un- 
zucht gleich mit der Nebenabsicht zu ergeben, sie zu verb'reche- 
rischen Zwecken auszunutzen, eine Verlockung, die bei ont- 



Digitized by VjOOQIC 



716 

arteten und kriminell veranlagten Individualitaten naturgemaB 
auf besonders glinstigen Boden trifft. 

Schon aus den verschiedenartigen Motiven, die zur mann- 
lichen Prostitution ;ftLhren, laBt sich entnehmen, da6 sie sich 
aus sehr heterogenen Elementen zusammensetzt, die man von 
den verschiedensten Gesichtspunkten aus in Gruppen zusammen- 
fassen kann. Zunachst ist eine solche Einteilung der Prosti- 
tuierten nach ihrer gesohlechtlichen Veranlagung in Hetero- 
sexuelle und Homosexuelle moglich. 

Da bei den ersteren naturgemafi nicht die innere Neigung, son- 
dern nur die Aussicht auf materiellen Vorteil als Beweggrund in Be- 
tracht kommt, finden wir vorzugsweise, wenn auch keineswegs aus- 
schlieBlich, unter ihnen jene Individuen, die mit der Prostitution einen 
unrecbtmaBigen Gelderwerb zu verbinden suchen. Natiirlich gibt 
es auch Normal veranlagte, die sich mit dem ausbedungenen Lohn fiir 
ihre Liebesdienste begniigen, namentlich ist dieses dann der Fall, wenn 
sii3 durch voriibengehende Not gezwungen werden, sich gelegentlich 
zu prostituieren oder dieser Verkehr Jfiir sie nur einen Nebenerwerb 
darstellt. 

Unter den homosexuellen Prostituierten miissen wir wieder 
solche unterscheiden, die sich ohne Riicksicht auf ihren eigenen Ge- 
schmack jedem preisgeben, von dem sie etwas zu verdienen hoffen, 
und solche, die mit dem Verdienste auch die eigene Befriedigung 
verbinden wollen und sich daher nur Mannern zur verfugung stellen, 
die ihren sexuellen „Fair' reprasentieren. Zur ersten Kategorie ge- 
horen Homosexuelle, die selbsc „jung" lieben, gegen Bezahlung aber 
auch alteren Liebhabern gefiLUig sind. Es gilt fiir diese, die natiirlich 
die Prostitution auch aus rein materiellen Griinden betreiben, im 
groBen und ganzen dasselbe, was ich fiber die heterosexuellen mann- 
lichen Prostituierten erwahnte. In derselben Weise wie diese ver- 
binden sie mit dem unziichtigen Verkehr nicht selten Eigentumsver- 
gehen aller Art. Auch kommt bei ihnen eine besondere, ihrer Ver- 
anlagung entsprechende Form des Zuhaltertums vor, indem sie junge 
mannliche Personen, mit denen sie selbst gesohlechtlichen Verkehr 
unterhalten, auf den „Strich" schicken und sie bisweilen auch als 
Lockvogel fiir Erpressungen und ahnliche kriminelle Handlungen be- 
nuizen. Die kleine Gruppe homosexueller Prostituierter, die sich auf 
den ihrer Geschmacksrichtung adaquaten Verkehr beschrankt, wird 
natui^emaC -selten auf verbrecherische Bereicherung ausgehen, abge- 
sehen von den Fallen, in denen sie sich durch Rache oder aus ver- 
schmahter Liebe oder Eifersucht zu solchen Schritten hinreiBen lassen. 

Der Haufigkeit und AusschlieBlichkeit nach, in der die 

Einzelnen dem Unzuchtsgewerbe nachgehen, lassen sich die 

Prostituierten in gewerbsmaliige und gelegentliche 

einteilen. 

Wenn auch die Heterosexuellen aus bcgreiflichen Griinden nur 
in deu seltensten Fallen ihr ganzes Leben lang einem ihnen wenig 
zusagenden, oft sogar abstoBenden Geschlechtsverkehr nachgehen wer- 
den und gewohnlich auch schon deshalb, weil sie in hoherem Alter nicht 
mehr oder weniger begehrt werden, ihr Gewerbe aufgeben miissen, so 
gibt es doch auch unter ihnen Elemente, die infolge von Tndolenz und 
Gewohnung an dem bequemen Verdienst und das muBige Leben, viele 
Jahre hindurch der Prostitution nachgehen und daher mit Recht 
als Gewohnheitsprostituierte bezeichnet werden konnen. Da- 



Digitized by VjOOQIC 



717 

neben unterhalten sie, wie bereits erwahnt, vielfach normalgeschlecht- 
liclien Verkehr; ja es kommt vor, dafi sie auch nach der Verheiratun« 
ilir unziichtiges Gewerbe noch fortsetzen. — Leichter gewohnen sicii 
homosexuelle „Strichjungen** an die Prostitution, von der sie sich um 
so weniger trennen konnen, als der weibliche Verkehr ihnen keinen 
Ersatz dafiir bietet. 

Zu der gewerbsmaBigen mannlichen Prostitution gehoren auch 
diejenigen — in Berlin gibt es zirka 30 — , die in Weiberkleidern jhrem 
Gewerbe nachgehen, sich heterosexuelle, meist etwas angetrunkene 
Manner suchen, denen sie, um den Coitus zu umgehen, vorreden, sie 
hatten ^erade ihre menses ; sie konnten sich oaher nur auf die 
„franz6sische Tour" (penilinctio) einlassen. Einige von diesen ti-agen 
auch aus tierischer Haut kiinstlich hergestellte weibliche Genitalien. 
Ihrer eigenen Triebrichtung nach diirften sie fast sluntlich homo- 
sexuell sein. Die weiblichen Prostituierten, die sich im dbrigen mit der 
mannlichen Eonkurrenz meist gut stehen, weil sie genau wissen, dafi 
ihr Kundenkreis nicht der gleiche ist, sind auf die letztgenannte 
Gruppe der femininen Manner in Frauenkleidern nicht gut zu sprechen, 
lassen sie aber gleichwohl selten „hochgehen". 

Die Sitze der gewerbsmlLfiigen mannlichen Prostitution Bind 

naturgemlB die groBen Stsldte, in denen sie in einer Vielgej- 

staltigkeit und Mannigfaltigkeit auftritt, von denen man in 

kleinen Stfidten keine Vo'rstellung hat. 

Die Menge der sich auf den StraBen von Paris, namentlich auf 
den groBen Boulevards herumtreibenden Prostituierten ist verhaltnis- 
maBig nicht so groB, wie in Berlin. Pherander zahlte auf den 
Boulevards des Italiens und Montmartre wahrend der besten „Ge8chaft8- 
zeit" 20 — 30 kaufliche Manner, wahrend er zu derselben Zeit in dem 
belebtesten Teil der Berliner FriedrichstraBe 60 — 60 beobachtete. Je 

froBer die Stadt ist, umso umfangreicher ist die mannliche Prostitution, 
n Deutschland sind Berlin, Hamburg, Miinchen, Dresden, Leipzig, 
Breslau und Koln die Hauptzentren, welche aus diesem Grunde auch 
haufig von Urningen aus kleineren Stadten oder vom Lande aufge- 
sucht werden. Reine Prostituierte, die ganz von ihrem „Berufe" leben, 
berechnet Pherander in Berlin auf 400, die Anzahl der Halb- 
prostituierten, welche den gleichgeschlechtlichen Verkehr als Neben- 
verdienst betreiben, dagegen auf 10 — 12000. Von ihren stdjidigen 
Quartieren, den groBen Stadten, aus machen die gewerbsmaBigen Pro- 
stituierten nicht selten Ausfliige nach auBerhalb. Namentlich bieten 
Veranstaltungen, die ein groBes Publikum anlocken, wie Ausstellungen, 
Einweihungsfeierlichkeiten, Volksfeste, auch den mannlichen Prosti- 
tuierten Veranlassung, sich in groBerer Anzahl an den betreffenden 
Orten einzufinden. „ln Kiel", scnreibt ein Herr, „hatte sich wahrend 
der Eieler Woche, in der alle moglichen Regatten abgesegelt werden, im 
Summer 1902 aus Hamburg eine Reihe mannlicher Prostituierter ein- 

fefunden, um auf Fang und Erpressung auszugehen. Das groBe Publi- 
um hat gewiB nichts davon gemerkt, wahrend ich selbst nach wenigen 
Tagen ihre Anzahl, die sich auf 12 belief, festgestellt hatte, und zwar 
alle in der Diistembrocker AUee gegeniiber den Anlegebanken fiir 
Marineboote. 

Zum Schauplatz ihrer Tatigkeit wahlen sie in erster Linie die 
belebten HauptstraBen, in denen einzelne viele Stunden lang suchend 
auf- und abflanieren, wahrend andere wieder abwartend an bestimmten 
Standorten, StraBenkreuzungen, Bahnhofs- und Passageeingangen her- 
um stehen. Aber auch die abgelegenen Wege der offentlichen Parks, 
namentlich in der Nahe von Bediirfnisanstalten, werden viel von ihnen 
frequentiert. 



Digitized by VjOOQIC 



718 

Andere wieder hali^n sich in Lokalen auf, die von Homosezuellen 
besncht werden, wo sie ihrer eigenen „Aufmachung" und ihrem Ge- 
schmacke nach die Wahl zwischen Restaurants von raffiniertester 
Eleganz bis herunter zu den obskursten Keller- und Winkelkneipen 
haben. Wahrend StraBe und Lokal nur der Ankniipfung der Bekannt- 
sohaft dienen, konnen die „feinen" Prostituierten zum intimen Ver- 
kehr den Liebhabern ihre oft mit raffiniertem Luxus eingerichtete 
Wohnung zur Verfiigung stellen, wahrend es andere vorziehen, mit 
ihrem Harm seine Wohnung oder ein Hotel aufzusuchen. 

Einigen bringt ihr Erwerb so viel ein, daB sie sich recht luxu- 
riose Wohnungen leisten konnen. Je teurer und eleganter sie woh- 
nen, desto groBere Anspniche und Anforderungen stellen sie auch an 
die Borse uirer Kunden. Manche erwerben sich durch hohe Preise 
und Erpressungen ein kleines Vermogen, wovon sie auf ihre alten Tage 
leben konnen. Ein sehr beriichtigter und bekannter Berliner Strich- 
jungc auis guter Familie, dessen Hauptgeschaft lange hinter ihm liegt, 
und der den Eindruck eines vollkommenen Eavaliers macht, w^ohnt 
jetzt sehr komfortabel in einem Appairtement, das durch seine Aus- 
stattung beweist, wie sehr es sein Besitzer verstanden hat, seine „Er- 
spamisse** gut anzuwenden. Er soil friiher einen ganz enormen Ein- 
fluB auf seine Koll^en vomFach ausgeiibt haben, und sein Name wird 
noch in einer Art Ehrfurcht unter den Berliner Strichjungen genannt. 
,,Ich habe manche andere Wohnung |der Prostituierten gesehen", schreibt 
einer unserer Gewahrsmanner, „ui& mich dabei vom Augenschein iiber- 
zeugt, daB das Geschaft mehr einbringen *muB, als man denken sollte." 
Ein Berliner Strichjunge, in seiner Jugend der freche Oskar genannt, 
fiihrt jetzt, nach dreiBigjahriger Tatigkeit, in seiner eigenen Equipage. 
Ein Strichjunge aus Koln hatte sich, als er wegen Vagabundage in 
Paris verhaftet und zu drei Jahren Gefangnis verurteilt wurde, in zehn 
Jahren 80 000 Franken erspart, ein anderer • — ebenfalls Rheinlander 
~ in 12 Jahren iiber 50 000 Mark. 

Die Gelegenheits- und Halbpros tituierten re- 

krutieren sich aus alien Berufs- und Gesellschaftsschichten. Be- 

sonders sind unter ihnen die jugendlichen Uniformierten ver- 

treten, die ihrer kleidsamen Tracht wegen von den Homo- 

sexuellen bevorzugt werden, und deren Beruf eine Ankntipfung 

auch vielfaeh erleichtert. 

In erster Linie trifft dies fur die Hotelangestellten, Pagen und 
Liftboys, fiir Messengerboys, Telegraphen- und Paketfahrtboten zii. 
Ich hatte einen Urning zu begutachten, der an sich selbst Tele- 
gramme schickte, um die jugendlichen Telegram mbesteller in seine 
vVohnung kommen zu lassen, ein anderer pflegte nach einem „roten 
Radler*' zu telephonieren, der ihm irgend eine Besorgimg machen sollte. 

Um sich anziehender oder begehrlicher zu machen, bedienen 

sich die prostituierten Manner ganz ahnlicher Anlockungsmittel, 

wie ihr6', weiblichen Genossen. 

Die Eleganteren, die Klasse-Jungen, wie sie sich in Berlin gem 
nennen horen, verwenden alle Toilettenkiinste, die dazu dienen, jiinger 
und schoner zu erscheinen, genau so wie B 1 o c h '*) uns dies schon 
von den antiken Strichjungen geschildert hat, sie schwarzen sich die 
Aiigenbrauen, legen rouge auf die Wangen, schminken sich blafi oder 
braun, bestreichen sich die Lippen mit Lippenpomade, pudern sich, 
entfernen sich jedes Harchen aus dem Gesicht oder gar vom Korper, 

") Iwan Bloch, Dieses Handbuch Bd. I p. 333 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



719 

brennen und krauselu sich das Kopfhaar, traufeln sich Tropfen auf 
die Augenbindehaut, um die Pupillen zu vergroBern, polieren und far- 
ben sich die Nagel rosig, sauberij sich auf das Sorgfaltigste und 
verwenden auch wohl diskrete Parfums. Mit demselben Kaffinement, 
mit dem sie sich „raxen*', so bezeichnen sie in ihrem Jargon diese 
Korperpflege, kleiden sie sich an, viel Wert wird auf sogenannte 
„Reizwasche** gelegt, bunte Hemden aus feinem Gewebe, auf lange, 
teure Striimpfe, durchbrochen und bunt gemustert, womoglich von der- 
selben Farbe wie die Krawatten, sie nennen .sie selbst „ perverse" 
Striimpfe, auf rosa oder lila Strumpfbander, farbige Unterhosen und 
Unterjacken, „kokette" Hosentrager, bunte Westen, dazu Anziige und 
Hiite nach neuester, moglichst extravaganter Fagon und vor allem 
recht in die Augen fallende Fui3bekleidung, wie Halbschuhe aus Lack 
mit breiten Bandern und Schleifen oder Schniirschuhe in sattestem 
Grelb mit Wildleder oder Gamaschen, wie es gerade die allerletzte 
Mode erheischt. Auoh Ringe und Armbander fehlen selten, dagegen sind 
Stocke und Schirme verpont, in Ubereinstimmung mit einer an Fetisch- 
haU grenzenden Abneigung vieler homosexueller Herren gegen diese 
Gegenstande; so sagte mir einmal ein englischer Homosexueller, daB 
jede Moglichkeit sexueller Betatigung fiir ihn ausgeschlossen sei, wenn 
ein im iibrigen noch so anziehender Mensch einen Stock, eine Brille 
oder Zugstiefei triige. Viele mannliche Prostituierte sind sehr bemiiht, 
bestimmten fetischistischen Geschmackseigentiimlichkeiten Rechnung 
zu tragen. Manche legen aus diesem Grunde hohe Stiefel an mit Sporen 
oder Sportsanzuge, Sweater, locker geschlungene Halstiicher, Jockey- 
und Schirmmiitzen ; selbst kleine Medaillen oder kleine Lederriemen 
im Knopfloch erweisen sich schon als Fetische wirksam. Man kann 
auf dem Berliner Strich, und in Paris und London ist es nicht anders, 
Matrosen finden, die nie ein Schiff, Bereiter, die nie ein Pferd bestiegen 
haben, Chauffeure, die nie ein Steuerrad, Soldaten, die nie ein Ge- 
wehr in der Hand hielten. Wiederholt sind mannliche Prostituierte 
in Berlin wegen unerlaubten Tragens von Uniformen bestraft worden. 
Unter den mannlichen Prostituierten Berlins gibt es einen in 
Wilmersdorf geborenen, der stets als Tyroler geht, trotzdem er nie das 
Weichbild der Stadt verlassen, zwei, die als Forster erscheinen, ob- 
wohl der einzige Wald, den sie kennen, der Tiergarten ist, mehi-ere 
die stets Schlachteranziige tragen; das kurioseste aber waren zwei 
Schulknaben, die jeden Nachmitta^ zwischen 5 und 7 Uhr auf der 
TauentzienstraBe Arm in Arm flanierten, mit kurzen Hosen, Schiiler- 
miitzen und Biicher imterm Arm ; man hielt sie fiir 14 jahrig, in 
Wirklichkeit waren es Prostituierte von 22 oder 23 Jahren. 

Auf den Pariser Boulevards machte ein Prostituierter gute Ge- 
schafte, indem er sich als Anlockung eines breiten Trauerflors um 
den Unterarm bediente. Viele Fremde fielen darauf hinein, weil sie 
sich nicht recht vorstellen konnten, daB dieser Leidtragende ein 
Preller sein konnte. 

(Per anspruchsvoUere Teil der mannlichen Halbwelt erscheint 
meist erst am Nachmittag auf der Bildflache. Bis Mittag, oft bis 
zwei, drei Uhr liegen sie im Bett. Dann folgt die Toilette, die oft 
eine Stunde in Anspruch nimmt. Der iibrige Tag pflegt dann so zu 
verlaufen, daB nach einem leichten ImbiB im Restaurant — der reich- 
lichere wird fur den Abend in Gesellschaft eines „Freiers" erwartet 
— der Prostituierte seine Nachmittagstour unternimmt, wobei er ge- 
wohnlich an einer anderen Stelle wie des Abends flaniert oder in 
einem Kaffee- oder Teeraum auf der Lauer liegt. Von 7 — 10 Uhr macht 
er eine Ruhepause, entweder in seiner Wohnung, oder auch wohl in 
einem Konzertcaf^ oder Theater, um dann die „groBe Tour" zu be- 
ginnen, die um Mitternacht ihren Hohepunkt erreicht und oft erst 
gegen 3 Uhr und spater endet. Bei dem groBen Angebot auf dem 
rrostitutionsmarkt kommt es vor, daB einer zwei, drei oder auch 



Digitized by VjOOQIC 



720 

■melirere Abende vergebens lauft, der Durchschnitt findet in der 
Woche 2 bis 3 Freier, die in der Mode befindlichen doppelt so viel, 
viele aber auch weniger. 

Ein Berliner Prostituierter, der gerade sehr en vogue war, be- 
richtete, dafi er im Monat durchschnittlich 20 bis 25 Herrei) 
„hatte*', im Jahre 300 fast, von diesen seien hochstene 10 Prozent 
Berliner, 60 — 60 Prozent seien Provinzler, 30 — 40 Prozent Auslander, 
besonders Russen, Franzosen und Amerikaner. Er fiihrte dariiber ge- 
schaitsmafiig Buch. 

Das Zusammensein des Herrn mit einem Prostituierten spielt sich 
gewohnlich in folgender Weise ab: Der Strichjunge sieht einen Herrn 
an, dieser fangt den Blick auf, beide lacheln sich an, der eine geht 
dem andern nach, einer bleibt vor einem Laden oder einer Anschlag- 
saule stehen oder biegt an einer Ecke in eine dunklere SeitenstraSe 
ein. Der andere tut das gleiche. Dann bittet der eine den anderen 
um Feuer — auch die Nichtraucher unter den Urningen sind zum 
Zweck der Ankniipfung fast stets mit Zigaretten und Feuerzeug ver- 
sehen — , und die Unterhaltung beginnt in harmlos tastender Weise:. 
„Sch6ner Abend heute" oder „wieder recht schlechtes Wetter" oder 
„gehen Sie noch so spat spazieren?" Nach diesen Praliminarien 

fehen Geiibtere gewohnlich rasch auf den eigentlichen Zweck ihres 
usammenseins iiber, wobei zunachst das Wo? erortert wird. Haudelt 
es sich um einen „feineren" Prostituierten, so schwankt die Wahl 
zwischen einem Absteigequartier, wofiir man sich in der Mehrzahl der 
Falle entscheidet, oder der Wohnung des Herrn, die sehr selten, und 
der des Jungen, die etwas haufiger genommen wird. 

Auf dem Wege dorthin wird gewohnlich der Preis akkordiert, 
der in sehr weiten Grenzen schwankt. Die Jungen pflegen bei diesem 
Thema gewohnlich zu erzahlen, welche Betrage sie schon friiher er- 
halten hatten, wobei Unwahrheiten an der Tagesordnung sind. Immer- 
hiu ist es nicht selten, daB ein besserer Prostituierter 20 Mk., 50 Mk. 
und mehr fiir ein einmaliges Zusammensein erhalt, doch sind im all- 
gemeinen die Preise fiir die mannlichen Prostituierten geringer wie 
fiir die entsprechenden Klassen der weiblichen. So rechnen sich 
schon 10-Mark- Jungen zu den „Kla8se-Pupen", sehr viele haben 6 Mark 
„Taxe**, und dann geht es herimter auf drei, zwei, eine Mark und 
noch geringere Betrage. Im allgemeinen sind die professionellen 
teurer wie die Gelegenheitsprostituierten. Die Bezahlung selbst er- 
folgt gewohnlich nicht wie bei den weiblichen Prostituierten vorher, 
sondern nach vollzogenem Verkehr. .Dieser ist, in der grofien Mehr- 
zahl der Falle, ein onanistischer, am zweithaufigsten sind orale Akte, 
wobei wiedenmi der lambitus am membrum des Partners ofter vor- 
genommen zu werden scheint als die immissio membri in os alterius. 

Der Hombsexuelle bevorzugt im Verkehr mit dem JProsti- 
tuierten meist aus Angst die etraflosen, der Prostituierte aus 
Gewinnsucht die strafbaren Formen, nach denen er, sei es 
im Guten oder Bosen, reichliche Entlohnung erhofft. Der ge- 
werbsmaflige Prostituierte laBt es meist nicht zur Ejakulation 
kommen, es sei denn, daB er selbst homosexuell und der Freier 
seiu Fall ist. Dagegen 'besitzen sie oft eine groBe Fahigkeit, 
Erektionen bei sich herbeizuftihren, um so den anderen starker 
zu erregen. Legt der Partner auf die Ejakulation des Prosti- 
tuierten Wert, so erh'oht sioh dadurch der Preis. Nach dem 
Akt kommt der finanzielle und meist heikelste Teil des Zu- 



Digitized by VjOOQIC 



721 

sammenseins zur Erledigung. Beide, die eben noch sich an Lieb- 
kosuiig3n nicht genug tun konnten, nehmen Abstand und ver- 
wandeln sich in kiihl kalkulierende Geschaftsleute. War der 
Preis vorher ausgemacht, was gewohnlich viel Ungelegenheiten 
erspart, so begntigt sich' der „reelle** Prostituierte mit dem ver- 
einbarten, gewohnlich nooh durch ein kleines Trinkgeld erhohten 
Satz, oder er geht, wie er es nennt, auf die jjSchtnustour", in- 
dem er durch Schilderung seiner Notlage, meist unter Hinweis 
auf seine zerrissenen Stiefel, oder durch Schmeicheleien einen 
hoheren Betrag herauszuschlagen sucht. Diesen beiden „soliden 
Touren** — ich bediene mich der charakteristischen Ausdrticke 
dieser Kreise selbst — stehen die beiden „Krampftouren** gegen- 
liber, die ,,Klautour**, bei der es auf ,,B^ischlafdiebstahle", und 
die „Prelltour**, J>ei der es auf Erpressungen abgesehen ist. 
Die beiderseitigen Namen werden in dem Zusammensein nicht 
genannt, auch die Vornamen werden gewohnlich nicht 
richtig angegeben. Bei der Verabschiedung wird gewohnlich 
eine weitere Verabredung getroffen, die aber oft nur eine 
Formsache ist, da eine Innehaltung von beiden Seiten stillschwei- 
gend nicht vorausgesetzt wird. Der Wunsch fast jedes Prosti- 
tuierten ist es, ein langer dauerndos Verhaltnis zu finden, um 
ftir einige Zeit der Unsicherheit seiner Existenz uberhoben 
zu sein. In vielen Fallen lernt er friiher oder spater einen wohl- 
habenden Herrn kennen, dessen Geschmack er so wehr ent- 
spricht, dafl er ihn einige Wochen oder Monate bei sich behalt. 
Haufig nehmen solche Herren dann den Prostituierten mit acuf 
Reisen, wobei sie sich in den Gasthausern als nahe Verwandte, 
oft als Onkel und Neffe oder, wenn der Abstand im Eindruck 
zu groB ist, als Herr und Diener eintragen. Diese Verbindungen 
halten meist nicht sehr lange vor, da der an Freiheit ge- 
wohnte Junge sich im Umgange als schwierig, oft auch als trage, 
storrisch und unehrlich erweist, so daB das Verhaltnis nicht 
seiten „mit Ach und Krach" nach kurzem wieder in die Briiche 
geht. Hie und da halt es aber auch langer vor, vielfach bis 
zur Militarzeit des Jlingeren, oder bis ftir ihn eine Stellung 
gefunden ist. Es ist immerhin ein nicht geringer Prozentsatz, 
der schlieBlich in dieser Weise von homosexuellen Herren wieder 
vom Strich gerettet wird. 

Die Militarzeit stellt iiberhaupt im Leben diesor jungea Leute 
einen wichtigen Weiidepunkt dar, als sie ihrer gefahrlichen „Laur*- 
bahn ein energisches Ende bereitet. Fiir beliebte „Strichjungeii" wird 
von ihren Freiern und Kameradon nicht seiten vor ihrem Abgange 
zum Militar ein solennes Abschiedsfest gefeiert. Das durchschnittliche 
Alter, in dem der mannliche Prostituierte zu seinem Gewerbe gelangt, 
ist das 17., doch sind auch jiingere vom 14. ab keineswegs seiten. Die 
H i r s c h f e I d , HoInosexualita^ 4g 



Digitized by VjOOQIC 



722 

m'eisten konnen sich wegen der aufriickenden jiingeren Konkurrenz tiur 
6 Jahre auf dem Strich halten, einige bis zum 25. Jahre. Doch gibt 
es Virtuosen, die sich mit 36 Jahren noch das Aussehea eines 18- 
jahrigen zu geben wissen, auf dem Berliner Strich keone ich einen, der 
seit 20 Jahren Nacht fiir Nacht seiner gleichformigen Tatigkeit ob- 
liegi; dabei noch jetzt wie achtzehnjahrig aussieht. Als sich vor 
einigen Jahren*^) die Zentralstelle fiir Jugendfiirsorge in Berlin an 
das Kgl. Polizeiprasidium wandte mit dem Ersuchen „um Einschreiten 
gegen das Gebaren minderjahriger Burschen in der Nahe des Bahn- 
hofes FriedrichstraBe, da diese Burschen sich hier offensichtlich zum 
Zwecke homosexueller Prostitution herumtteiben und den Ankommenden 
sich anboten", indem sie bitte, „eine scharfe polizeiliche Beobachtung 
eintreten zu lassen und die etwa Cberfiihrten der Fiirsorgeerziehang 
zu iiberweisen", erwiderte der Polizeiprasident, daU dies bereits ge- 
schehe, daC es sich dabei aber nicht immer um Minderjahrige han- 
delte, sondern dafi die sogenannten mannlichen Prostituierten vielfach 
in hoherem Alter standen und nur sich durch kiinstliche Hilfs- 
mittel, Haartracht, Schminke usw. ein jugendliches Aussehen gaben. 

Im allgemeinen aber kommt die Zeit, wo der Prostituierte 

dem Alter seinen Tribut pollen muB, viel friiher heran als 

fiir die weibliche Rivalin. AUes Rasieren, „Zurechtmacheii" 

und „Raxen" hilft nichts mehr. Es finden sich zwar noch 

einige, die den vollentwickelten Mann dem Jiingling vorziehen, 

aber davon kann man nicht existieren, und so mu6 man wohl 

oder libel nach einem anderen Erwerbszweig suchen. Hat man 

Ersparnisse gemachi, so eroffnet man ein kleines Geschaft oder 

eine Eestauration. Ein Teil kommt zum Militar und danach auf 

gute We^e, ein Teil findet einen homosexuellen Gonner, der ihn 

etabliert, viele aber konnen sich' nicht mehr an ein re^elmaBiges 

Leben gewohnen und werfen sich schliefllich ganz dem Ver- 

brecher- oder Zuhaltertum in die Arme, zu dem sie auf Grund 

ihrer Veranlagung und ihres Milieus hiochst wahrscheinlich 

auch ohne ihre Prostituiertenjahre gekommen waren. Eins laBt 

sich deutlich verfolgen. Kein heterosexueller Prostituierter 

erwirbt durch Gewohnheit gleichgeschlechtliche Triebe, ebenso- 

wenig wird ein homosexuell veranlagter Strichjunge aus tlber- 

sattigung am Manne heterosexuell. 

Viele „zehreu", wenn sie alter werden, j,von Erinnerungen", in- 
dem sie ihnen als homosexuell bekannte Personen, die ihren Stand- 
ort kreuzen, um kleine Geldbetrage „anbohren", was sie als ^Zinsen- 
einholen" oder „tirachen" bezeichnen. Vielfach fiihren die mannlichen 
Prostituierten auch Spitznamen, wie Lippenfritz, Fiillfeder-Otto, Stu- 
dentenemil, Fosenrichard ; die feminineren Madchennamen : wie Hunde- 
lotte, Lotle aus dem Weston, Georgette, die Wienersche, die „pom- 
mersche Gans**, besonders viele Namen beziehen sich auf das hau- 
figo Auf suchen von Bediirfnisanstalten, wie Blechkonfektionose, 
Rotundelein, Locusblume, Pilitazie. Tardieu^*) fiihrt folgeiide „8ur- 

23) Cf. Tatigkeitsbericht der Zentralstelle fiir Jugendfiirsoi-ge fiir 
das Geschaftsjahr 1905/6. 

2*)Ambroise Tardieu, Etude modico-legale sur les atten- 
tats aux moeurs. 5me ^d. Paris, 1867, p. 187. 



Digitized by VjOOQIC 



72S 

noms** Pariser Prostituierter auf : „Pi8tolet, la Grille, le Paletot, Macaire, 
le Gendarm, Coco, Pisse-Vinaigre, Tuyau de Po§le, la Marseillaiae^ 
la Nautaise, la Pep^e, la Bouch^re, la L^ontine, la Folle, la Fille k 
la mode, la Fille k la perruque, la Reine d' Angle terre." 

Ini iibrigen stellt die Ausdrucksweise der Prostituierten ein Ge- 
misch der Verbrechersprache mit dem bomosexuellen Jargon dar. In 
den GroBstadtdokumenten2*a) gab ich noch einige Bei8pieli3: ,,Die 
schwule Bande", die „warmen Briider*' oder die „Tanten" teilen sie ein 
nacli ihrer Zahlungsfahigkeit in „T61en", „Stubben" und ;,Kavaliere", 
sich selbst unterscheiden sie in „Klassepuppen", „Pennerjungen", 
j.Rabeu*', ,,Raut)tiere" oder nach der Gegend: in ,„Kurfiirstendainm- 
jungen", „FriedrichstraCenjungen", „Tiergartenjungen" etc. Geld haben 
heiut ,,iu Form sein", in Not sein nennen sie „im Bruch sein", schla- 
feji jjpennen*', betteln ,,abwackeln", Furcht vor der Polizei ,,Lampen 
haben", kommt ihnen etwas in die Quere, so sagen sie „die Tour 
sei ihnen vermasselt", fortlaufen heifit ,,tiirmen", werden sie von den 
„Greifern**, d. h. den Kriminalbeamten oder den Blauen — das sind 
die Schutzleute — abgefaBt, so nennen sie das „auffliegen'*, „alle 
werden" oder „verschiitt gehen''. Dann kommen sie erst auf die 
„Polente'*, das Polizeibureau, dann ins „Kittchen", das Untersucliungs- 
gefangnis, um dann, wie sie sich euphemistisch ausdriicken, in einen 
„Berliner Vorort'* zu Ziehen, darunter verstehen sie Tegel, Plotzensee 
und Rummelsburg, die Sitze der Strafgefangnisse und des Arbeitshauses. 
Das Erpressen selbst in seinen verschiedenen Abstufungen nennen sie: 
„abkochen", „hochnehmen", „prellen", „neppen", „abbiirsten", „rupfen", 
„klemmen" ; anzeigen heifit „pfeifen" oder „hochgehen lassen". Jeder 
Geschlechtsakt hat mehrere besondere Bezeichnungen, beispielsweise 
heifit die Masturbation ,,Handarbeit", die fellatio „blasen**, die immissio 
in anum „verkacheln" usw. Die Herbeifiihrung des Orgasmus nennen 
sie „fertig machen". Die Ausdriicke, „er ist gut oder schlecht be- 
schlagen**, beziehen sich auf die GroBe des membrums. Der Charakter 
eines Prostituierten wird durch die gegensatzlichen Worte ,,kess", 
was so viel wie dreist, gewitzt und ,,dow**, was naiv, gutmiitig bedeutet, 
bezeichnet. Ist ein Strichjunge, der in Berlin auch -vielfach eine 
„Pupe" oder ein „Pupenjunge", heiBt, selbst homosexuell, so nennt 
er sich „a. s." (auch so), in den letzten Jahren wohl auch „h. s." (liomo- 
sexuell). Mit den gleichen Buchstaben werden auch die „Freier*' charak- 
terisiert ; von einem zum Verkehr bereiten Heterosexuellen sagen sie 
m. m. (macht mit), in Osterreich hat man fiir heterosexuelle Prosti- 
tuierte den Ausdruck „franke Burschen*' ; die Abkiirzung t. u. (total 
unverniinftig) bedeutet einen vollig normalen, was die Bereitwilligkeit 
zum Geschlechtsverkehr nicht ausschlieBt. Es ist durchaus nicht 
leicht zu entscheiden, welcher Kategorie die sich auf den Sti*aBen 
und in Lokalen Feilbietenden angehoren, sehr viele, die absolut normal 
sind. spielen sich auf „echt" heraus, w^eil dies die ..Freier" unbesorgter 
macht. Andere, die homosexuell sind, geben sich als ganz normal aus, 
weil sie meinen, daC sie dies begehrenswerter macht und ihnen eine 
bessere Bezahlung sichert. Der in Osterreich fiir Homosexuelle viel 
cebrauchte Ausdruck Busseranten soil von dem beim Billardspiel von 
hinten a la buzzera (italienisch) gefiihrten StoB herriihren. 

Sehr merkwiirdig sind viele nur dem Eingeweihten ver- 
traute Satzbildungen. Die meisten Ausdriicke dieser Geheim- 
s p r a c h e haben eine mehr ortliche Verbreitung. So bieten sich 
in Hamburg oft Leute aus dem Volke Homosexuellen mit den 



**a) Berlins drittes Geschlecht. GroBstadt-Dokumente Bd. 3. 
15. Aufi., Berlin u. Leipzig, p. 67. 

46 • 



Digitized by VjOOQIC 



724 

Worten an: „Wir stellen ock Kommoden urn*' (wir stellen auch 
Kommoden um). Als ich bei einer Ftihrung durch St. Pauli diese 
Worte zum ersten Male horte, waren sie inir, wie den meisten 
Premden, ganz unverstandlich. Von meinem Begleiter erfuhr 
ich ihren Sinn. Vor vielen Jahren lebte in Hamburg ein Timing, 
der die Gepflogenheit hatte, auf den Arbeitsmarkt zu kommen, 
wenn sich die Arbeitslosen dort Stellen suchend • drangten. 
Er suchte sich unter den Burschen den aus, der seiniem 
Geschmack am meisten zusagte und fragte ihn auf Ham- 
burger Piatt, ob er ihm wohl gegen ein kleines Entgelt 
helfen wollte, Kommoden in seiner Wohnung umzustellen. Jeder 
nahm bereitwilligst an und straubte sich auch nicht, wenn er 
in der Behausung des Herrn angelangt, wahrnahm, daB dieser 
ganz andere Wiinsche, als die vorgegebenen hatte. Nadidem' 
sich dieser Vorfall mehrfach wiederholt und allmahlich herum- 
gesprochen hatte, begegnete es dem Herrn, dafl, wenn er auf dem 
Arbeitsmarkt erschien, ihm bereits eine ganze Anzahl Burschen 
entgegenkam mit den Worten: ,,Wir stellen ock Kommoden um''. 
Nach und nach nahm nun dieser Satz den Charakter eines ge- 
fltigelten Wortes an, das sich liber den Sammelplatz der Ar- 
beitslosen hinaus verbreitete, besonders unter den Schiffern am 
Hafen, den Obdaehlosen der Parks und alien denen, die sich aus 
Geldmangel gegen eine Kleinigkeit Homosexuellen zum Verkehr 
anbieten wollten. 

Eine vcrwandte Redewendung in Berlin lautet: „Karl maoht Cber- 
stunden**, womit von jemandem, der im iibrigen arbeitet, ausgedriickt 
werden soil, dafi er sich durch homosexuellen Verkehr Nebeneiunahmen 
verschafft ; sie riihrt davon her, daB eininal die Mutter eines solchen 
Burschen, als sein Vater sich erregt dariiber aussprach, wo er denn die 
halben Nachte zubrachte und woher er das Geld bekame, um sich so 
schone Wiische und Ringe anzuschaffen, beschwichtigend erwidert 
haben soil: „Du solltest Karl nicht schelten, er macht Oberstu^iden." 
In Siiddeutschland hort man nicht selten von jemand: „Er wohnt in 
der Gabelsbergergasse", womit ein Urning einem anderen iiber einen 
Prostituierten mitteilen will, er werde, falls er mit ihm verkehre, 
eine Enttauschung erleben. Als Ursprung dieser Geschichte wird fol- 
gendes angefiihrt. In Miinchen sei einmal am Karlsplatz tief in der 
Nacht ein Fremder von eineni Strichjungen angesprochen und aufge- 
fordeio worden, mit in seine Wohnung zu kommen, sie sei ganz nahe, 
in der Gabelsbergergasse. Der Herr, welcher sehr ermiidet war. und 
keine rechte Lust hatte, gab dem Drangen des Jungen nach, und ging 
an seiner Seite einen ihm endlos scheinenden Weg, der in einer weit 
abgelegenen droschkenleeren Gegend endete. Als sich im Zimmer 
nun beide entkleidet hatten, hetastete der Herr seinen Begleiter, 
wobei ihm, als er ,,nichts" fiihlte, plotzlich die Geduld riB; wiitend 
sprang er aus dem Bett, warf sich in die Kleider und stiirzte mit den 
Worten davon: „und um so etwas lockt mich dieser Mensch nach der 
Gabelsbergergasse". 

Solche Redensarten, die auf einen gewissen Vorfall zuriickgehend 
nur einem kleinen Kreise verstandlich sind, von nicht uuterrichteten 



Digitized by VjOOQIC 



725 

aber ganz anders gebraucht werden, finden sich unter den UrningeD 
fast a 1 1 e r Lander. 

Alls Cuzco (Peru) berichtete mir ein Urning, dafi die Dortigen von 
jemandem, der das weibliche Geschlecht meidet und im Verdacht 
solitarer oder mutueller Onanie stande, zu sagen* pflegen, „er hjat 
ein Verhaltnis mit Senora Manuel a . Mein Korrespondent 
merkte erst allmahlich, dafi Manuela in diesen Fallen nicht den dort 
sehr verb reite ten Madehenvornamen bedeute, sondern von mano = die 
Hand abzuleiten sei. 

Auch die parasitaren Anhangsel der Prostitution : das Z u - 
halter-, Bordell-,Kuppler- und Schlepperwesen, 
fehlen der gleiehgeschlechtlichen Prostitution nicht voUig. DaB 
sie nicht haufiger sind, diirfte darin begrtindet sein, daB die 
voriibergehende und Gelegenheitsprostitution ungemein viel ver- 
breiteter ist als die gewerbsmaBige, ferner darin, daB die mann- 
lichen Personen immerhin eine ungleich groBere Selbstandigkeit 
besitzen, die vor alien Dingen auch darin zum Ausdruck kommt^ 
daB sie ihren Geldverdienst anoglichst fiir sich allein zu be- 
halten und zu verwerten trachten. 

So sehen wir, daB es eigentlich nur die unselbstandigen, schutz- 
bediirftigen Elemente sind, die sehr jungen und femininen, die in 
dieser Weise ausgenutzt werden. Der gewohnlichen Wohnungskuppelei 
leistet naturgemafi groCen Vorschub die fiir den Homosexuellen be- 
sonders schwierige Unterschlupfsfrage ; iu seine Wolinung den Prosti- 
tuierten mitzunehmen. tragt er begreifliche Scheu, dieser sclbst ver- 
fiigt aber oft auch nicht iiber ein ungeniertos oder geeignetes Quartier, 
ist vielleicht sogar obdachlos ; in nicht geschlossenen Raumen wiederum 
droht die Gefahr der Erregung offentlichen Argernisses. Wir wiesen 
oben bereits darauf hin, wie leicht sich alle Besitzer von Af- 
steigequartieren, maisons de passe, Badern, ja selbst von liokalen 
und Privatwohnungen der homosexuellen Kuppelei schuldig machen 
konnen. und es liegen auch nicht wenig Falle vor, wo Anklagen mit 
Aburteilungen aus diesem Grunde erfolgten. 

Einen Schritt weiter geht noch der Kuppler, der nicht nur den 
Raum, sondern auch das Objekt der Betatigung zur Verfiigung stellt, 
sei es gewerbsmaCig gegen oder gewerbsmaBig oline Entgelt. Hat er 
die Burschen nun noch bei sich wolinen, nimmt fiir den Verkehr der 
Herreu mit ihnen seinerseits die Bezalihmg entgegen, schafft ihnen 
dafiir Kost und Kleidung an und entlohnt sie nach einem bestimmten 
Satze Oder laBt sich von ihnen die Hiilfte oder einen Teil ihres 
Verdienstes abgeben, so ist das richtige Bordell fertig. Ihre Existenz 
ist vielfach in Zweifel gezogen, es ist aber ganz sicher, daB sie vor- 
gekommen sind und auch heute noch existieren, wenngleich selten. 
In China unterschied man bis vor kurzem Weiberbprdelle, die in 
der Hauptsache dem Mannerverkehr, ausnahmsweise aber audi dem 
homosexuellen Frauenverkehr dienten, sowie Mannerbordelle, die fast 
ausschlieBlich dem homosexuellen Mannerverkehr, selten dem Verkehr 
heterosexueller Frauen dienten, und gemischte Bordelle, in dencn alle 
vier Arten des Verkehrs vorkamen, wenn schon im wesent lichen so- 
wohl die weiblichen als die mannlichen Insassen von heterosexuellen 
und homosexuellen Mannern besucht wuraen. 

Libermann26) erzahlt, daB urn die Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts, als er China bereiste. sich allein iu Tientsin 800 junge mann- 
liche Prostituierte in 35 Bordellen aufhielten. 



Digitized by VjOOQIC 



726 

Aus Peru berichtete mir ein Heterosexueller, dafi in fast alien 
Limenser Bordellen sich auBer den weiblichen auch einige mannliche 
Proslituierte zur Verfiigung stellten. U 1 r i c h s 2^) veroffentlicht fol- 
gende Stellen aus dem Brief e eines tiirkischen Generals: „Tn einer 
Gasse von Galata Jaat die Gottin der Lust ilir Zelt aufgesclilagen. 
Diese Hauser existicren in Wirklichkeit, existieren als offentliche, 
vom St-aate geduldete Anstalten. Ich sah diese Buben, das llaupt um- 
wallt von iippigem Lockenhaar, gekleidet in goldgestickte Kleider, mit 
vielen Zieraten behangt, das Gesicht reizend geschminkt." ,,Die 
Quartiere, die sie bewolmen, sind zugleich als Kaffeehauser einge- 
richtet. Uben die Buben ihr Handvverk nicht^ so unterhalten sie die 
Gasl<3 mit Gesang, Tanz, Gaukeleien und Mandolinenspiel. Tag und 
Nacht sind die Hauser von einer '^Unzahl von Giisten belagert." 

Ich selbst konnte bei meinem Besuch in der Tiirkei in Galata 
und auch in Pera keine eigentlichen Knabenbordelle mehr ausfindig 
machen, dagegen wurde mir eines in Stambul nahe Karaba<rdscJie 
gezeigt. Es gehorte einem Griechen und enthielt sieben jungen 
von 1*1 bis 20 Jahren, meist Griechen, alle mit Fez. Man trat 
in ein armliches Empfangszimmer, das leer war. Die Jun- 
gen schliefen oben in einem Raum zusammen. Der Haushiiter 
tragte, was fiir einen dschotschuk (Jungen) die Herren ungefahr 
haben wollen, und brachte dann einige zur Auswahl. Der Besucher 
sog sicli mit einem in ein separates Zimmer zuriick, nachdem er 
vorher dem Wirt 25 Piaster behandigt hatte. Der dtschocschuk er- 
hielt nur ein geringes Bakschisch, das ihm vermutlich der Hausinhaber 
auch noch abnahm. Diese Bordelle sind nicht auf den Orient be- 
schrankt. Ulrichs schreibt: „Vom Staate zwar nicht de jure 
vollstandig, aber de facto geduldet, existieren sie auch in Neapel, 
Palermo, Madrid, Lissabon usw. heimlich und vor der Polizei keinen 
Augenblick sicher, auch in Paris, ja, sogar in Berlin." 

Mir selbst liegen verbiirgte Schilderun^en u. a. aus Marseille, Briis- 
sel, Rotterdam vor. Cber Berlin finde ich einen Bericht vor aus dem 
J a lire 1785, enthalten in den ,,Briefen aus den Galanterien von Ber- 
lin*'. In einem dieser Briefe, der in seinen Irrtiimem und Kontra- 
instinkten ebenso bemerkenswert ist wie in seinem sachlichen Inhalt, 
schreibt der Verfas^ser: ,,Ich habe Ihnen schon gesagt, dafi die Knaben- 
liebe hier sehr im Schwange ist. Ich sagte,Ihnen auch schon, daI3 es hier 
sogar Hauser gabe, wo die Bubchen sich, wie die Miidchcn in den 
ofientlichen Hausern, darstellen. Ich konnte mir von der Beschrei- 
bung keine Vorstellung machen, die man mir davon gab. Ich gestehe, 
ich war neugierig genug, mich durch Herrn W . . . hinfiihron zu 
lassen. O, Freund, wie bebt der rechtschaffene Mann vor dem Anblick 
solcher Unflatereien zuriick. Eine Versammlung von 10 bis 12 Knaben 
vou verschiedenem Alter — Manner von verschiedenen Charakteren 
an ihrer Seite — auf jedem Gesicht e FrauenwoUust — und so weiter. 
Mit Verwunderung sah ich den Liebkosungen zu, mit welchen die 
alteren Bocke den jiingeren begegneten. Weder SiilJigkeiten uoch Un- 
kosteu wurden gespart, das Biibchen zu ^ewinnen. Da trank ein 
vierschrotiger Bacchant seinem Ganymed aus voUen Weinbechern zu. 
Dort schmiegte sich ein zweiter zu dem seinigen mit dem warmsten 
Gefiihle von Entziicken ; hier tandelte wieder im Gegenteile ein loser 
Bube uui den Bauchgiirtel seines Zeus, und dort verschwand der Sieger 
mit seinem thrakischen Raube. Kurz, Freund, es iibersteigt alle Er- 



26) Libermann, H., Les Fumeurs d'Opium en Chine. Etude 
m6dicale. Paris 1862. p. 64 ff. 

27) Ulrichs, Ara spei, p. 9. 



Digitized by VjOOQIC 



727 

warlung. die man sich von der wilden Brunst dieser Versammlung 
macht. Ich konnte dem abenteuerlichen Spektakel unmoglich lange 
zusehen. Der Gedanke erregt schon Grauen in mir — und der wirk- 
liche Anblick, sollte es der nicht auch? — Ich schlich mich bald 
wieder aus dieseni Sodomitentempel zuriick. Bestiirzt von der Wild- 
heit der meuschlichen Leidenschait — und betaubt von den ekel- 
haften Eindriicken, die der Anblick derselben auf mich wirkte, kam 
ich nach Hause. — Ich beteure Ihnen, dafi ich meine Neugierde noch 
bis diese Stunde mir nicht vergeben kann. Seit diesen Tagen mache 
ich fast taglich neue Entdeckungen. Man versicherte mich, daC diese 
Ausschweifung erst seit den Zeiten Voltaires hier Mode vvurde. 
Durch den ZusammenfluB der Fremden von alien Nationen ware dieses 
Laster noch allgemeiner geworden. Der Italiener habe auch in der 
kiilteren Zone Berlins nicht seinen Geschmack ablegen konnen, und 
dies um so mehr, da er hier, gegen Italien gerechnet, ur^leich mehrern 
Reiz an hiesigen Ganymeden fand. Der Reiz der Neuheit, die Schwierig- 
keiten, die anfangs dam it verknupft waren,- und dann die Kaprizen — 
alles dies trug mit bei, daU man anfing, eine Lieblingsidee aus der 
Knabenliebe zu machen. 

Der erste Eifer ging soweit, daB sich die jungen Biirschchen, die 
sich der Paderastie bestimmten, durch sichtbare Kennzeichen ira An- 
zuge von den iibrigen unterschieden. So war lange Zeit ein Jiingling 
mit einem starken Haarzopf, stark bepudertem Riicken und einer 
dicken Halsbinde ein Zeiclien, daU er in die Gesellschaft der Warmen 
gehore. Die Mitkonsorten wurden aber, da man an den dicken Zopfen 
und stark bepuderten Riicken und dergleichen bald als einer neuen 
jliode ein Wohlgefallen fand und nachahmte, sehr oft in ihrer Er- 
wartung hintergangeu." So ging es im Jahre 1785 in Berlin zu. 
Auch in einem Werk 29) aus der Mitte der vierziger Jahre wird be- 
richtet, dali die Polizei in Berlin ein ordentliches, auf diesem Laster 
basierendes Bordell aufgohoben hat. Auch Moll 3®) berichtet,, daB 
es friiher eine Art Bordell fiir die mannliche Prostitution ' in Berlin 
gegeben haben soil, wo ein iilterer Mann die „Oberaufsicht" iiber 
die daselbst getriebene Unzucht fiihrte, und wo es natiirlicli auf 
Erpressung abgesehen war. Dieses ,, natiirlicli" ist insofern unan- 
geciracht, als gerade die Bordellwirte im allgemeinen darauf Acht 
geben, daO bei ihnen keine Erpressungen vorkommen, um sich nicht 
selbst in Verwicklungen zu bringen. 

Gegenwartig sind mir eigentliche B o r d e 1 1 e in Berlin nicht 
bekannt, dagegen horte ich von einer Anzahl von Quartieren, 
deren Wirte den Besuchern Burschen besorgen, von denen sich 
einige gewohnlich an Ort und Stelle aufhalten ; bei raehreren 
wohnen die Jungen direkt im Hause, so daC an dem Begriff 
des Bordells nicht mehr viel fehlt. 

Verbreiteter als die Bordelle ist zweifellos das homosexuelle 
Zuhaltertum. Dieses tritt so in die Erscheinung, daB ein 
alterer Bursche, der friiher meist selbst Prostituierter war, ofter 
es auch noch ist, einen jtingeren zum Mannerfang anhalt, von 
dessen Erwerb er „ganz oder teilweise" lebt. Haufiger ist der 
jtingere ein femininer Homosexueller, der in den alteren heftig 



• # 

29) Cit. bei O s t w a 1 d , Das Berliner Dirnentum : Mannliche 
Prostitution, Bd. 5, 4. Aufl. Leipzig. 

30) A. Moll, I. c. p. 250. 



Digitized by VjOOQIC 



728 

verliebt ist, ahnlich wie eine Dime in ihren Zuhalter, and 
der deshalb wie diese alles tut, was man ihm sagt. Es entwickelt 
sich dann nicht selten ein sexuelks Horigkeiteverhaltnis. 

Empfinden die Zuhalter in diesen Fallen meist selber homo- 
sexnell oder bisexuell, so gibt es andrerseits auch Verhaltuisse, in 
denen sich ein homosexueller Zuhalter — meist ein herabgekommener, 
aus seinem Kreise gestoBener Urning — mit einem Burschen, gewohn- 
lich einem heterosexuellen, zusammentut, dam er beibringt, wie Homo- 
sexnelle zu nehmen und hochzunehmen sind. So ergab sich vor einigen 
Jabren in einem ErpresserprozeB gegen einen Schlachter, der einen 
Aristokraten zum Selbstmord getrieben hatte, daB der Angeklagte 
mit einem Graf en zusammenlebte, der ihm augenscheinlich Zuhiiltcr- 
dienste geleistet hatte. 

Zwischen Homosexuellen imd Zuhaltern bestehen noch andere 
eigenartige Beziehungen. Der Urning aus dem Volk, welcher oft in 
naiver Weise glaubt, daB das staatliclie Recht, welches ihn fiir einen 
Verbrecher halt, auch „recht" habe, fuhlt sich mit den Zuhaltern 
durch die gleiche soziale Verfehmung und Furcht vor der Polizei vor- 
bunden, wobei sich viele, auch aus besseren Kreisen zu ihnen als 
Typen hingezogen fiihlen. Diese Beziehungen finden ihren Ausdruck 
audi in gemeinsamen Festen. So werden in Berlin von Zeit zu 
Zeit Herrenabende veranstaltet, mit Liebhabervorstellungen, bei denen 
die mannlichen Rolleu alle von Zuhaltern, alle weiblichen von femiiiinen 
Homosexuellen gegeben werden. Das sehr zahlreiche Publikum dieser 
Theatervorfiihrungen setzt sich ebenfalls teils aus Homosexuellen, teils 
aus Zuhaltern und deren Anhang zusammen. Besonders kommt das 
Voyeurtum bei diesen Darbietungen auf die Kosten, da bei diesen in 
geschlossenen Kreisen stattfindenden Vorfiihrungen Szenen mit kiinst- 
licheu Phalli aufgefiihrt werden, die jeder Beschreibung spotten. 

Zahlreicher als die Zuhalter mannlicher sind die Z u h a 1 1 e - 
r i n n c n weiblicher Prostituierter. Das gemeinsame beider Kategorien 
besteht in der Homosexualitat der Prostituierten selbst, wahrend sonst 
gerado umgekehrt, im mannlichen Betriebe die Zuhalter der Jungen 
meist heterosexuell, ihre „Freier" homosexuell, im weiblichen die Zu- 
halterinnen der Madchen homosexuell, deren Freier heterosexuell zu 
sein pflegen. 

tJnsere Gesetze — der Zuhalterparagraph 181 a — beriicksichtigen 
librigens weder die Zuhalterin noch den Zuhalter eines mannlichen 
Prostituierten. Dabei sind die weiblichen Zuhalterinnen durchschnitt- 
lich noch brutaler als ihre mannlichen Berufskolkgen ; so ereignete 
sich im Jahre 1905 in Berlin der folgende Auftritt zwischen einer 
Zuhalterin H. und ihrer „Freundin** R., iiber den wie folgt berichtet 
wird: Im Moabiter Krankenhause wurde die 21iahrige Kellnerin H. 
mit einem Schiidelbruch eingeliefert. Auf einer Ballfestlichkeit hatte 
diti H. mehrfach mit einem Ilerrn getandelt, worauf sie die 11. in der 
Garderobo zur Rede stellte. Es kam zu einer Auseinandersetzung, in 
deren Verlaufe die R. die H. die Treppe hinunterstieB. Sie blieb 
schwerverletzt am FuBe der Treppe liegen und erlitt einen schweren 
iSchadelbruch. ^i) 

Einen verwandten Fall berichtet B a u m a n n ^2) aus Paris ; er 
schreibt: Das zweite Duell homosexueller Frauen, zu d?m ich zufallig 
nachts gogen zwolf Uhr kam, spielte sich zwischen zwei Prostituierten 
ab, in der Rue Quincampoix, einer der StraBen des iibelberiichtigten 



30 Cf. Monatsberichte des W.-h. K. 1905, Wr. IV. p. 10. 

s?) Cf. „Die Zeitschrift", Herausgeber Alber Helms, 3. Jahrg., 
Heft 2, 2G. Oktober 1912 p. 54 f: ,.Duelle homosexueller Frauen in 
Paris. Ein Sittenbild" von F. Baumann (Paris). 



Digitized by VjOOQIC 



729 

Faubourg- Quartiers, inmitten der Stadt. Aus einer Winkelkneipe 
schallte mir heftiger Streit entgegen, der in der oden, schmalen StraUe 
eiu Echo fand. Es waren Frauenstimmen, die sich darum stritten, wem 
„la petite Margot" gehore. Schallendes Gelachter einiger Burschen 
von nicht gerade vertrauenerweckendem AuBern begleitete die gegen- 
aeitigen Insulten, die sich die AVeiber zuriefen. Es ist selbstverstand- 
lich nicht ratsam, sich einer solchen Gesellschaft zu zeigen, und so 
stand ich im Schatten eines Torbogens dieser sparlich beleuchteten 
Strafie. „Si tu n'es pas une canaille, tu sors avec moil" rief die eine. 
Diese in den Apachenkneipen iibliche und auch von den Prostituierten 
akzeptierte Herausforderung war kaum gefallen, als auch schon die 
beiden Weiber auf die StraBe traten. Beide waren, dem Aussehen nach, 
altere Prostituierte, ziemlich haBliche, magere Gestalten, um die sich 
die librigen Anwesenden gruppierten. Die eine der Hetaren zog aus 
der Tasche ihres Unterrockes ein blinkendes Stilet, wahrend erleich- 
zeitig die andere ihrem Corsage ein Fleischermesser entnahm und 
sofort auf ihre Gegnerin eindrang. Sie stachen mit einer unbeschreib- 
lichen AVildheit auf einander los. Die paar Burschen, welche die duel- 
lierenden Weiber umstanden, munterten sie durch Zurufe auf. Das 
Schauspiel, das ich so mit ansehen muBte, war ein geradezu grauen- 
haftes. AVilde Bestien konnen sich nicht wiitender zerfleischen, .als 
diese beiden rasenden Weiber es taten. Die Schauderszene scliien 
mir eine Ewigkeit zu dauern, und doch waren noch nicht fiinf 
Minuten vergangen. als eine der Kampfenden mit einem Aufschrei zu 
Boden fiel. „La Tinette a son affaire !" rief einer und hielt das 
andere AVeib zuriick. Dieses stand einen Moment still, setzte sich dann 
mit einem „ Je pense bien ! Alors Margot sera la mienne" auf den 
Trottoirrand. Im gleichen Moment fuhr in raschem Tempo, unhorbar, eine 
Patrouillo der Agents cyclistes daher. Im Nu waren die drei Polizisten 
vou ihren Velos abgesprungen. Doch es gelang ihnen nur noch, einen 
der Burschen festzunehmen ; die andern hatten die Flucht ergriffen. 
Sie wurden auch von den Schutzleuten nicht verfolgt, als ich diesen 
erklart hatte, daB die Burschen lediglich Zuschauer des Frauenduells 
gewesen seien. Uberdies hatten sie genug mit den Weibern zu tun. 
Die eine lag entseelt in ihrem Blute. Die andere blutete aus 
mehrereii Wunden und war einer Ohnmacht nahe. Diese wurde ra- 
schestens ins Hotel Dieu getragen, in welchem Spitale die Arzte sieben 
Stichwunden feststellten, von denen aber keine direkt lebensgefahr- 
lich war. 

Die Untersuchung des Vorfalles ergab, daB „La petite Margot", 
um deren Gunst die beiden Weiber, von denen das eine 38, das andere 
46 Jahre alt war, gebuhlt haben, eine vierzehnjahrige Prostituierte 
war, die aber ihrer korperlichen Entwicklung nach als achtzehnjahrig 
gelten konnte. Die Getotete soil manchmal tagelang nur trockenes Brot 
gegessen und wiederholt Geld, das sie in Ausiibung ihres Handwerkes 
eben eingenommen hatte, dem jungen Madchen, wenn sie ihr gerade auf 
der StraBe begegnete, eingehandigt haben." 

Eine weitere, im homosexuellen Betriebe relativ starker als im 
helerosexuellen verbreitete Kategorie sind die Besorger und Zu- 
fiihrer. Wohlhabende Homosexuelle haben ahnlich veranlagte Freunde, 
mit denen sie nicht geschlechtlich verkehren, die ihnen aber Personen 
verschaffen, mit denen sie sich ohne Risiko einlassen konnon. Es 
sind dies meist Vertrauenspersonen, die sie als Sekretare, Reise- 
begleiter oder Diener beschaftigen, und die sich so in den Geschmack 
ihres Herrn hineingelebt haben, daB sie genau wissen, womit sie 
ihn „erfreuen". Es Uegt auf der Hand, daB diese Klasse von „S c h 1 e p- 
pern" stark durch die Gefahren und VorsichtsmaBregeln gefordert 
wird, die der homosexuelle Verkehr mit sich bringt. 



Digitized by VjOOQIC 



730 

Wie Iwan Bloch in seinem groflen Werke liber die 

Prostitution nachweist, hat die Prostitution historisch sich 

meistens im AnschluB an religiose Kulte entwickelt, und dem- 

entsprechend auch topographisch ihren Ausgangspunkt entweder 

dii*ekt von den religiosen Verehrungsstatten (Tempelprostitution) 

genommen oder eich eng an diese angeschlossen, indem die 

ersten Bordelle in unmittelbarster Nahe berlihmter Tempel — 

namentlich der Liebesgottin Astarto (Aphrodite) — angelegt 

wurden. Sowohl die Tempelprostitution wie diese Bordelle galten 

dent heterosexucUen und homosexuellen Liebesverkehr, beher- 

bergten daher Lustknaben wie Dirnen. Noch jetzt gibt es 

auf Borneo^^), Celebes^^) und sogar unter den zum Christen- 

tum libergetretenen Einwohnern der Insel Luzon^^) Priester, 

die sich weiblich kleiden und sich gegen Bezahlung zu 

homosexuellem Verkehr hergeben. 

Die „gastliche" Prostitution lehnte sich unmittelbar an die reli- 
giose, indem den oft von fernher kommenden Verehrern der Gottheit 
neben sonstiger gastfreier auch sexuelle Bewirtung geboten wurde. 
Bei der voUigen Analogic der mannlichen und weiblichen Prosti- 
tution hinsichtlich ihrer Entsteliung im Anschlufi an religiose Kulte 
ist es selbstverstandlich, dal3 auch die Entwicklung der gastlichen 
aus der religiosen Prostitution sich in gleicher Weise fiir den homo- 
sexuellen wie den heterosexuellen Verkehr vollzog. Als die religiose 
Prostitution sich profanierte, verschwand die gastliche nicht voU- 
slandig, wenn auch das Bediirfnis nach ihr mit der leichten Zuganglicli- 
keit der allgemeinen Prostitution immer geringer wurde. la Kudi- 
menten hat sich aber gerade die homosexuelle Form der gastlichen 
Prostitution bis in unsere Zeit erhalten. Als gesellschaftliche Sitte 
begegneii wir ihr noch gegenwartig gelegentlich in homosexuellen 
Kreisen, sei es, daB der urnische Gastgeber anlaBlich einer Festlich- 
keit Jiinglinge zur Ergotzung seiner Gaste einladet, sei es, daB 
der homosexuelle Wirt einem ebenso veranlagten Logierbesuch einen 
Bettgenossen fiir die Nacht zur Verfiigung stellt. — 

Wie schwer im homosexuellen Verkehr die Grenzen der 
Prostitution zu ziehen sind, zeigt nichts mehr als das Beispiel 
der mit Unrecht oft so benannten Soldaten prostitution. So 
lange es Krieger gibt, haben diese auf homosexuelle Manner eine 
besonders groBe Anziehungskraft ausgetibt, und auch unter den 
Soldaten selbst ffab es stets eine erkleckliche Anzahl nicht 



3*) Cf. Sexualprobleme, 1912, p. 843: Die sexuelle Moral der 
primiliveu Stamme Indonesiens. Von H. B e r k u s k y. Fortsetzung 
und SchluB. 

Ci. auch ibid. p. 857: Anm. 92: H. Ling Roth: „The Native 
Tribep" Bd. II, S. 176. 

35) Ibid. Anm. 95. A. C. K r u y t , Beobachtungen an Leben und 
Tod, Eho und Familie in Zentral-Zelebes, Zeitschrift fiir Sozialwissen- 
schaft, Bd. 6, S. 710. 

^^) II. K e r n , Een Spaansch schri jver over den godsdienst der 
heidensche BikoUers, Bijdra^en VI. Folge Bd. 6, S. 231. 



Digitized by VjOOQIC 



731 

nur selbst urniscli veranlagter, die sich gem an Homosexuelle 
angeschlossan haben. Im allgemeinen pflegen sie es nur wahrend 
ihrer Militarzeit zu tun, und lieUen es schon dadurch zweif el- 
haft erseheinen, ob es sich wirklich um Prostituierte handelt, 
die von einer geregelten Arbeit nicht viel wissen mogen. Sehr 
mit R3cht sagt Pratorius^^) einmal, da6, wenn ein 
Heterosexueller aus Freundschaft, aus Dankbarkeit ,usw. 
ein Bundnis mit einem Homosexuellen eingeht, deshalb ein 
solche« Verhaltnis nicht einem prostitutiven gleichgestellt werden 
konne, zumal wenn flir den Heterosexuellen ethische Momente, 
wie erzieherische Wirkung, Bildung seines Charakters, Forde- 
rung seiner Fahigkeiten usw. durch den gtinstigen, liebevoUen 
EinfluB der Homosexuellen in Betracht kommen. Dies gilt fiir 
die Soldatenfreundschaft in ausgesprochenstem MaBe. 

Die Griinde, welche den Soldatea zum A^erkelir mit Homosexuellen 
veranlassen, sind mannigfach ; einmal der Wunscli, sich das Leben 
in der GroBstadt etwas komfortabler zu. gestalten, besseres Essen, 
mehr Getranke, Zigarren und Vergniigungen (Tanzboden, Theater) zu 
haben: dazu kommt, dafi der oft sehr bildungsbediirftige Landwirt, 
Handwerker oder Arbeiter im Verkehr mit dem Homosexuellen geisti^ 
zu profitieren hofft ; dieser gibt ihm gute Biicher, spricht mit ihm 
iiber die Zeitereignisse, geht mit ihm ins Museum, zeigt ihm, was sich 
schickt, und was er nicht tun soil ; das oft droUige Wesen des Urningai 
tragt audi zu seiner Erheiterung bei. Weitere Momente sind der Mangel 
an Geld oder an Madchen, die dem Soldaten nichts kosten, die Furcht 
vor Geschlechtskrankheiten und die gute Absicht, der daheim bleiben- 
den Braut treu zu bleiben, der man beim Abschied die Treue ge- 
schworeu hat, und die in jedem ,,Schreibebrief" angstlich an diesen 
Schwur gemahnt. Als ich einmal in einer urnischen Soldatenkneipe 
Berlins einen reichen Bauernsohn, der bei den Dragonern diente, 
fragte, weshalb er mit Mannern verkehrte, erwiderte er: „Um meiner 
Braut treu zu bleiben". Man muC die Innigkeit solcher Beziehungen, 
den Stolz auf der einen, die Anhanglichkeit auf der andem Seite oft 
zu beobachten Gelegenheit gehabt haben, um zu erkennen, dai3 die 
Vorstellung, welclie wir mit dem Worte Prostitution verbinden, die 
Sache nicht deckt. - 

Lereits in den ,.Grofistadtdokumenten" sprach, ich mich dahin aus, 
„dafi die Soldatenprostjtution in einem Lande um so 
starker ist, je mehr die Gesetze die Homosexualitat? 
V e r f o 1 g e u. Offenbar hibigt diese Tatsache damit zusammen, daC man 
in Landern mit Urningsparagraphen von den Soldaten am wenigstcn Er» 
pressungen und andere Unannehmlichkeiten zu befiirchten hat". Ich' 
zitierte auch an dieser Stelle einen Gewahrsmann, der London, wo sich 
in den belebtesten Parks und StraBen vom Spatnachmittag bis nach 
Mitternacht zahlreiche Soldaten in unverkenn barer Weise feilbieten, 
Berlin, Stockholm, wo sogar Patrouillen auf Soldaten fahndeten, die zu 
dem erwahuten 2wecke „herumstreichen", Helsingfors und Petersburg auf 
der einen und auf der anderen Seite, Paris, wo er „in 18 Monateu 



3") Bei Besprechung des Buches von Hanns Fuchs: Ideen 
zur sozialen Losung des homosexuellen Problems. Leipzig 1906. Im 
Jahrbuch f. sex. Zwischenstufen, VIIL Bd. 1906 p. 752. 



Digitized by VjOOQIC 



732 

nur Kudimente eines militarisch^n Striches" nachweisen konnte, sowie 
Amsterdam, Briissel, Rom, Neapel und andere Stadte ohne Urnings- 
paragraphen miteinander verglich und zu dem Schlusse gelangt, daU 
in alien europaischen Landern mit strengen Strafbestimmungen gegen 
den homosexuellen Verkehr die Hingabe von Soldaten in einer Weise 
auftritt, die man nicht fiir moglich halten sollte, wenn man es nicht 
mit eigenen Augen beachtet hat, wahrend man in Landern ohne 
Urningsparagraphen fast nichts von dieser Erscheinung bemerkt. Der 
„militarische Strich", auf dem die Soldaten einzeln oder in Paaren 
gehend Annaherung an Homosexuelle suchen, findet sich gewohn- 
lich unmittelbar an den Kasernen oder unweit dieser vor gewissen 
Soldatenkneipen. Auch in diesen selbst, die in den Stunden von Feier- 
abend bis zum Zapfenstreich am besuchtesten sind, finden sich vielfach 
Homosexuelle ein, die die Soldaten freihalten und so Beziehungen mit 
ihneii ankniipfen. Geschieht dies in starkerer Weise, so sind diese 
Lokair meist von kurzem Bestand. Fast immer werden sie dem Militar 
nacli kurzer Zeit durch Regimentsbefehl verboten, nachdem irgend ein 
Unbekannter gewohnlich aus Brotneid oder Rachsucht, „gepfiffen" hat. 
Es tun sich dann stets bald wieder ein oder zwei, auch mehrere ahn- 
liche Lokale in derselben Gegend auf. Wiirde ein Normalsexueller 
diese Lokale betreten, er wiirde sich vielleicht wundern, daB dort so 
viele feingekleidete Herren mit Soldaten sitzen, im iibrigen aber wohl 
kaum jemals etwas AnstoiJiges finden. Die hier bei Bockwurst mit 
Salat uijd Bier geschlossenen Freundschaften zwischen Homosexuellen 
und Soldaten halten oft iiber die ganze Dienstzeit, nicht selten dar- 
uber hinaus, vor. So mancher Urning erhalt, wenn der Soldat schon 
langst als verheirateter Bauer fern von seiner geliebten Garnison Berlin 
in heimatlichen Gauen das Land bestellt, „Frischgeschlachtetes" als 
Zeichen freundlichen Gedenkens. Es kommt sogar vor, dafi sich diese 
Verhaltnisse auf die nachfolgenden Briider ubertragen; so kenne ich 
einen Fall, wo ein Homosexueller nacheinander mit drei Briidern ver- 
kehrte, die bei den Kiirassieren standen. 

Uber den Charakter dieser Beziehungen habe ich friiher einmal^s) 
folgende Schilderung gegeben: „Gewohnlich kommt der Soldat, wenn 
der Dienst zu Ende, in die Wohnung seines Freundes, der ihm bereits 
eigenhandig sein Lieblingsessen gekocht hat, dessen gewaltige Mengen 
hastig verschlungen werden. Dann nimmt der junge Krieger in ge- 
sundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa Platz, wahrend der Urning, 
bescheiden auf dem Stuhle sitzend, ihm die mitgebrachte zerrissene 
Wasche flickt. Wahrenddessen werden all die kleinen Einzelheiten 
des koniglichen Dienstes bosprochen ; was der Alte (Hauptmann) beim 
Appell gesagt hat ; was morgen fiir Dienst ist, wann man auf Wache 
mul5, und ob man ihn nicht am nachsten Tage irgendwo vorbeimar- 
schieren sehen konne. SchlieBlich geleitet man ihn bis in die Nahe 
der Kaserne, nicht ohne vorher die Feldflasche mit Rotspohn ge- 
fiillt und die Butterstullen eingepackt zu haben. Am Paradomorgen 
aber steht der Urning an der Belle- Alliance- StraBe an der verabredeten 
Stelle schon ganz friih, um ja noch in der ersten Reihe Platz zu be- 
kommen. Hoffentlich ist sein Soldat Fliigelmann, daC man ihn auch 
ganz genau sieht. Und nachher wird ausgeharrt, bis er zuriickkommt, 
und abends hat er dann Urlaub, dann geht es zu „Buschen" in den 
Zirkus, nachdem er zuvor die 50 Pfennige, die er an diesem Tage aJs 
Extrasold erhielt, in die bei seinem Freunde stationierte Sparbiichse 
versenkt hat. Ein noch groCerer Feiertag aber ist das „Kaisergeburts- 
tagskompagnievergnugen**. Da geht der Homosexuelle als „Kousin" 



39) GroCstadtdokumente, Berlins drittes Geschlecht, p. 48 f. 



Digitized by VjOOQIC 



733 

mit seinem Freunde hin. In riihrender Gliickseligkeit tanzt er mit 
dem Madchen, mit welchem gerade zuvor sein Soldat getanzt hat, er 
hat keine Ahnung wie sie aussieht, denn er hat nur auf ihn gesehen, 
und wahrend er das Madchen umfaBt hielt, nur an ihn gedaclit. Wo- 
moglich spricht auch der Hauptmann mit ihm als Kousin seines Ge- 
freiten oder Unteroffiziers. Es kann sich aber auch ereignen, daB 
der Homosexuelle zu seinem Leidwesen diesem Festtage fernbleiben 
muB, wenn er namlich einige Tage zuvor mit einem der anwesenden 
Offiziere irgendwo an demselben Diner teilgenommen hat." 

Hier von Prostitution zu reden, wie es beispielsweise H. 
Ostwald*^), diese Bezeiehnung lebhaft verteidigend, in dem 
Buche ,,Mannliche Prostitution** tut, scheint nicht gerecht- 
fertigt. 

Wie bedacht die Militarbehorden sind, die Annaherung zwischen 
Homosexuellen und Soldaten zu verhindern, geht daraus Uervor, daB 
deswegen nicht nur manche Restaurants, sondern auch manche Spazier- 

fango der Garnison Berlins streng verboten sind, so das Waterloo- 
■fer am Halleschen Tore, der Weg am „schwarzen Zaun", unweit 
des Tempelhofer Feldes, einige Promenaden im Tiergarten. Neuer- 
dings wird in vielen Regimentern in der Instruktionsstunde 
den Soldaten besonders der Verkehr mit Homosexuellen unter- 
sagt, es nutzt aber wenig, im Gegenteil, manche Unwissende werden 
dadurch erst ,,auf die Idee gebracht", sich homosexuellen Umgang 
zu suchen. Wirksamer war vielleicht ein Verfahren, das eiu alter 
Wachtmeister von den Gardekiirassieren anwandte. Von dieser „Mut- 
ter der Schwadron" heil3t es in einem Bericht: „Besonders verhaBt 
war ihm, wenn Briefe aus Berlin an einen Mann der Schwadron kamen. 
Auch Urlaub gab er an Wochentagen hochst ungern, weil er mit Recht 
immer Beziehungen zu Homosexuellen witterte. Wenn manch* einer 
in seiner Schwadron sich von weniger charakterfesten Kameraden 
nicht auf Abwege zerren lieB, so war das nicht zum mindesten dem 
bi*aven, alten Gottlieb zu danken. ,Mein Sohn, du tust mit die warmen 
Briider verkehren ! Wenn du das nicht lal3t, so schreibe ichs an 
deine Eltern!* So sagte er, vaterlich ermahnend, unter vier Augen 
und blickte dem Kiirassier dabei scharf und zugleich mild bis tief 
m die Seele." i 

Vollkommen unrichtig ist die Meinung, da6 der erste Schritt 
in den Beziehungen zwischen Soldaten und Homosexuellen infmer 
von diesen ausgeht. Wenn seinerzeit Kriegsminister von 
Einem im Deutsehen Reichstage sagte: „Die Tatsache steht 
(allerdings) fest, daB unsere Soldaten sich nur mit Mtihe der 
Angriffe erwehren konnen, die von diesen Buben auf sie gemacht 
werden**, so zeigte er sich iiber den wahren Sachverhalt wenig 
orientiert, ganz abgesehen da von, daB schon die Vorstellunjg, 
die Riesen unserer Garde konnten sich' der Angriffe unsfei^er 
Urninge nicht erwehren, dem Kenner geradezu lacKerlich' er- 
scheinen muB. In Wirkliehkeit tibertrifft das Angebot der sich 
zur Verfiigung stellenden Soldaten die Nachfrage der Homo- 
sexuellen meist um ein Betrachtliches. Gewohnlich ist es ein 



0) Hans Ostwald, a. a. O., p. 77 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



734 

Kamerad, der von den anderen in der Stube gefragt, wo er 
denn das viele Geld bekomme, wer ihm die schone Extrauniform 
gekauft hatte, den einen oder anderen in sein Vertrauen zieht, 
mitnimmt, und „einfuhrt**. Es ist auch schon vorgekommen, 
daB sich ein junger Burseh, der sich vorher Mannern fur .Geld 
feilbot, freiwillig flir ein Regiment meldete, das eine recht 
kleidsame Uniform tragt, weil er glaubt2, in der pelzverbramten 
Atiila und den enganliegenden Beinkleidern, die Sonntags in 
hohen Lackstiefeln stecken, sem Geschaft eintra^licher gestalten 
zu konnen. 

So sehr seitens der Behorde dieseni Treiben entgegengearbeitet 
wird, so wenig laUt es sich verhindern. Entsprechead dem traditionellen 
Charakter der Erscheinung begegnet man ihr in bestimmten Regi- 
mentern mit besonderer Konstanz und Haufigkeit, namentlich in sol- 
chen, deren Uniform dem fetischistisch-asthetischen Geschmack der 
Hcimosexuellen einen besonderen Anreiz bietet. Einer starkeii Beliebt- 
beit nach dieser Richtung bin erf rent sich daher auch die Marine, 
deren Garnisonen gesuchte Statten gleichgeschlechtlichen Verkehrs sind. 

Wie wenig dabei Strafverfolgungen niitzen, hatte ich kiirziich in 
Kiel zu erfahren Gelegenheit, wo ich in einem ProzeB Gutachter war, 
der gegen eine Anzahl homosexueller Herren wegen ihrer Beziehuugen 
zu Matrosen eingeleitet war. Trotzdem sowohl die Herren als auch die 
Seeleute zu erheblichen Strafen verurteilt wurden, war an dem Abend 
nach dem Termin, wie mir ein urnischer Student dor Kieler Universi- 
tat versicherte, das Matrosenangebot ,,auf dem Strich" nicht nur 
nicht geringer, sondern bedeutend starker als v o r dem ProzeB. 

Im librigen gibt es kaum eine internationalere Erscheinung, als 
die ausnahmslos in alien Landern bestehenden Beziehungen zwischen 
Urningen, Soldaten und Matrosen. 

Einiges noch liber die Bekampfung der Prostitution im 
allgemeinen. Sie kann nur eine vorbeugende und verhiitende 
sein. Man hat zwar vorgeschlagen, die mannliche Prostitution 
als solehe zu bestrafen. Im Vorentwurf zu einem Deutsehen 
RStrGB. ist eine Zusatzbestimmung eingefiihrt, ,,wonach 
mit Gefangnis bis zu zwei Jahren bestraft wird, wer sich zu 
der Tat gewerbsmaBig anbietet oder bareit erklart** ; 
in Danemark ist bereits vor einigen Jahren ein analoges Gesetz 
eingefiihrt. Diese Strafandrohungen sind ungerecht, zweeklos 
und schadlich. Ungerecht, weil die mannliche Prostitution vom 
ethischen Standpunkte nicht anders beurteilt werden kann als 
die weibliche ; aussiehtslos, weil eine so tief in sozialen und 
biologischen Ursachen und MiBstiinden wurzelnde Erscheinung 
sich erfahrungsgemaC nicht auf diesem Wege ausrotten oder 
auch nur eindammen laBt, und schadlich, weil es nicht gut 
tut, einer Anzahl junger Leute, von denen die Erfahrung lehrt, 
daO sie sich in der Mehrzahl spater sozial noch gut entwickeln, 
einen nicht Hiehr auszuloschenden Verbreeherstempel aufzu- 



Digitized by VjOOQIC 



735 

pragen, der ihre Zukunft, und dadurch indirekt die Gesellschaf fc, 
schwer beeintrSchtigt. 

Das franzosische Gesetz vom 11. April 1908 bestimmt : 
^, Minder jahrige unter 18 Jahren, die sich gewohnheitsHiaflig 
der Prostitution ergeben, sollen, wenn notig, durch Richterspruch 
in eigens zu diesem Zweeke bestimmten Erziehungsinstituten 
untergebraeht werden/* Das gleiche kann iibrigens bei uns auf 
Grund der allgemeiner gehaltenen Bestimmungen des Gesetzes 
vom 2. Juli 1930 liber die Fiirsorgeerziehung geschehen. 

Im iibrigen lassen sich gegen die Einfiigung des Wortes „ge- 
werbsmaBig** in den § 175 folgende Einwendungen machen: a) der 
Begriff gewerbsmaBig ist zwar in den Kommentaren zum Strafgesetz- 
bucL (§§ 361, No. 6, 260, 284, 294, 302 d) zu normieren versucht wor- 
den, aber dennoch in der praktischen Anwendung unbestimnit und 
dehnbar, denn 1. nach den Kommentaren kann schon eine einmalige 
Geldannahme das Merkmal der GewerbsmaCigkeit bilden, wenn aus inr 
festzustellen ist, daB der Empfanger gleiche Fortsetzung beabsichtigte, 
und der Geldempfang nur das erste Glied in einer beabsichtigten Kette 
bildete. — 2. Es ist ferner nicht notig, daB eine Person nicht aus- 
schlieBlich ihren Lebensunterhalt durch Geldannahme fiir sexuelle 
Handlungen bestreite. Es geniigt schon, daB ein wesentlicher Teil 
ihres Lebensunterhaltes dadurch bestritten wird. — Es konnten bei 
dieser Auffassung auch Freundschaftsverhaltnisse zwischen einem Be- 
mittelten und einem minder Bemittelten einen strafbaren Charakter 
gewinnen. — 3. Ferner ist zu beriicksichtigen, dafl durch jene Einfiigung 
gewissermaBen ein Schutz und ein A^orrecht der Wohlhabenden gegen- 
iiber den Unbemittelten geschaffen wird. Wenn auch nicht wahr- 
scheinlich, so ist es doch nicht ausgeschlossen, daB hin und wieder 
eine Verkehrung der jetzt bestehenden Verhaltnisse stattfindiet derart, 
daB spaterhin der Minderbemittelte in ein unter Umstanden gefiihr- 
liches Abhangigkeitsverhaltnis von dem Wohlhabenden gerat. 

Die Prophylaxe der mannliehen Prostitution muB auf die 
Beseitigung ihrer Ursachen gerichtet sein. Als solche 
lernten wir in einer Reihe von Fallen, namentlieh dort, wo 
krimiuelle Motive mitsprechen, die bestehenden Straf bestim- 
mungen und das herrschende Vorurteil jgegen die homosexuelle 
Veranlagung und den homosexuellen Verkehr kennen. Die Elimi- 
nierung dieser beiden Umstande wtirde mithin schon eine er- 
hebliche Einsehrankung der mannliehen Prostitution bewirken. 
Vermutlich wiirden pich ohne diese Gesetze und Vorurteile in 
dieser Hinsicht die Beziehungen homosexueller Manner ganz 
ahnlieh gestalten wie die gegen wart igen homosexueller Frauen, 
unter denen eine Inanspruchnahme prostituierter Weiber, trotz- 
dem sie so reichlich zu Gebote stehen, nur eine verschwindend 
geringe RoUe spielt. Die Iibrigen prophylaktischen Maflnahmen 
beziehen sich teils auf die personlichen, in Degeneration und 
erblicher Belastung beruhenden^ teils auf die in sozialen MiB- 
standen begrlindeten Momente. Alle Bestrebungen, welche cine 



Digitized by VjOOQIC 



736 

Besserung der nervosen und seelischen Gesundheit unserer Be- 
volkerung, vor allem auch im Sinne der Rassenhygiene und 
Eugenik dienen, ferner alle die, welclie die soziale Notlage 
auf wirtschaftlichem und moralischem Gebiete zu bese|itigen 
oder zu mildern geeignet sind, tragen wesentlich dazu bei, die 
Ursache der mannlichen Prostitution und damit diese «elbst 
zu beseitigen. 



Digitized by VjOOQIC 



DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL. 

Die Geschichte der Homosexualitat 

Die Homosexnalit&t im klassischen Altertam. 

Nachdem wir iiber die ortliche Ausbreitung der Homo- 
sexualitat und ihre Erscheinungsformen in der Gegenwart 
einen tlberbliek ^egeben haben, soil nun der letzte Haupt- 
abschnitt dieses Werkes ihrer zeitlichen Geschichte ge- 
widmet sein. Bei der Unmoglichkeit, historisch ihrer universellen 
Verbreitung gerecht zu werden, muiJ allerdings auch hier auf 
Vollstandigkeit von vornherein Verzicht geleistet werden. Dem 
einheitlichen Aufbau dieser Arbeit wird es am ehesten ent- 
sprechen, wenn wir uns auf den Kulturkreis beschranken, der 
uns am nachsten steht, den europaischen. Hier werden wir drei 
Perioden ins Auge zu f assen haben : die Homosexua^litat 
im klassischenAltertumbis zur Einflihrune der auf ihre 
Betatigung gesetzten Todesstrafe im Jahre 326 durch den zum 
Christentum libergetretenen Kaiser Konstantin, die Verfolgung 
der Homosexuellen von jener bis in unsere Zeit und 
die gegen diese Verfolgung gerichtete Bewegung, die auf dem 
Boden moderner Natur- und Kulturansc*hauung er- 
waohsen ist. 

Die Wissenschaft ist sich dariiber einig, die Wiege unserer 
Kultur in den vier groBen Stromtalern des Nil, Euphrat, Indus 
und Hoangho zu suchen. Ohne auf den Prioritatsstreit zwischen 
Agypten und dem vorderasiatischen Zweistromland naher ein- 
zugehen, wollen wir unsere Betrachtung iiber die Homosexualitat 
im klassischen Altertum mit dem Nilland beginnen. 

WeDn auch, wie Breastedt^) ausfiihrt, das Studium der iigyp- 
tischen Archaologie noch in den Kinderschuhen steckt und iiberreiches 
Malerial einer erschopfenden Jiohandlung harrt, so ist doch ein iiberaus 
bedeutsamer Fund fiir die Frage des kontraren Geschlechtsverkehrs 



1) H. Breastedt, Geschichte Agvptens. Deutsch von H. 
Rauke. 1910. 

Hirschfeld, Homosexualitat. 47 

Digitized by V:iOOQIC 



738 

aus Alt-Agypten zu verzeichnen, auf den von 6efele») aufmerksam 
macbt. Er behandelt den Rachekampf des Horus gegen Set mit ein- 
gebeuden Details. Von Oefele, der den Text eines von Flinders Petric 
am Eiiigang zum Fayfim aufgefundeneri Papyrus wiedergibt, schreibt: 
„Dies Fragment ergibt eine Verbreitung der Paderastie v o r beinah 
bereits vierhalbtausend Jahren im alten Agypten, so dafi dieselbe 
sogai* den Gottern in ihrem gegenseitigen Verkehr zugeschrieben und 
als uralter Gebrauch betrachtet werden konnte." ~ Auch D u p o u y s) 
is*; der Meinung, daC bei den Mysterien der Isis und des Osiris in 
-f^gypten homosexuelle Akte vorgekommen seien. — E r m a n *) be- 
riclitet von cilicischon Gefangenen, die man zur Zeit Ramses' III. (um 
1100) zu koniglichen Lieblingssklaven gemacht habe, welche 
ahnlicii den Mameluken der agyptischen Sultane des Mittelalters spater 
zu hoheu Staatsamtern gelangten. 

Wie empfiinglich viele der alten Agypter fiir mannliche Jugend- 
schonheil waren, beweist ein von Wiedemann*) mitgeteilter Hym- 
nus auf den Gott A m m o n - R a aus der Zeit der 20. Dvnastie (1200/ 
1090). Es heiUt darin: 

Die schone G^stalt, gebildet von Ptah, 

Der Jiingling, der ischon ist durch Liebe, 

Der schon kommt aus dem Lande von Nordarabien, 

Schon von Angesicht, schoner in bezug auf sein Diadem. 

Es freuen sich die G5tter seiner Schonheiten, 

Sie leben, wenn sie ihn sehen. 

Es lieben die Gotter deinen Anblick, 

Die Liebe zu dir geht durch die Welt. 

Deine Schonheit erobert die Ilerzen, 

Die Liebe zu dir macht sinken die Arme, 

Die Herzen vergehen bei deinem Anblick 

Nirgends lesen wir auch nur das geringste von einer moralischen, 

feschweige denn strafrechtlichen Verurteilung gleichgeschlechtlicher 
-iebe, weder in den W^eisheitsspriichen des K a g e m m i (Kemni, IV. 
Dynastie), des Ptahotep (V. Dynastie), Amenemhets I. (XIT. Dv- 
nastie), des Schreibers D u a u f u. a. s), noch in den Tempelinschriften 
von Denderah und Edfu ^), die schon bis in die Ptolemaerzeit hinab- 
reichen. obwohl in letzteren der Geschlechtsverkehr mit Weibern inner- 
halb dor Tempelraume verboten wird, noch in dem beriihmten 125. 
Kapitel des Toten-Buches 8), das fiir uns in Ermangelung ander- 
weitiger Kodifikationen bis jetzt die ergiebigste Quelle der altagyp- 
tischen Rechtes ist, noch weiB Diodorus (I, 91, 75) davon zu be- 
richten. 

AJs Kuriosum sei angefiihrt, dafi in der pharaonischen Hofrangliste 
auch die mannlichen Erzieher der koniglichen Kinder die Bezeichnung 
„Ammen*' des Prinzen oder der Prinzessin fiihrten, ein Titel, der in 



2) In Monatsscbrift f. prakt. Dermatol., Bd. 29. 1899. Nr. 9, 
S. 409. 

2) E d m. D u p o u y , La prostitution dans Pantiquite. 1887. S. 19. 

*) Ad. Erman, Agypten und agypt. Leben im Altertum. 1886. 
S. 131 u. 156. 

*)A. Wiedemann, Die Religion der alten Agypter. 1890. 
8. 63 f. 

«) Am besten zusammengestellt bei Herm. Schneider, Kultur 
und Denken im alten Agypten. 1909. S. 139ff., sonst auch vereinzelt 
in der alteren Literatur angefiihrt. 

') H. Brugsch i. Deutsche Revue. 1880. IV, 4. 

«) Wiedemann, 1. c, S. 132. 



Digitized by V:iOOQIC 



739 

seiner Groteskheit schon die Verwuiiderimg des Altmeisters der deut- 
schen Agyptologie ^) erregte. 

Ein Gregenstiick zu diesen mannlichen Ammen berichtet Brea- 
stedt'o^, wonach unter den Herrschern der 26. Dynastie gegenEndedes 
VII. Jahrhunderts 60 Jahre hindurch der jedesmalige Hohepriester 
des Ammon ein Weib war. Auch sonst begegnen uns in der agyptischen 
Geschicbte, ebenso wie in der des benacbbarten Athiopiens ^^), Frauen 
von sehr virilem Charakter. So regierte zum Ende der 12. J^ynastie 
nach dem Tode ihres Bruders und Gemahls Amenembet IV. die 
Koni^in Sebeknafrure^s) fast vier Jahre (1792—1788) das Land, 
und der Ketzerkonig Amenhotep IV. (Echnathon)^2a) in der zweiten 
Halfte des XIV. Jahrhunderts (18. Dynastie) stand stark unter dem 
EinfluC seiner Mutter T e j e ^3). Unter seinen Vorgangdrn ist aber vor 
allem die Konigin Hats'chepsut, die Tochter T 6 u t m o s i s' I., 
Stiefschwester und Mitregentin von Thutmosis II. und III., zu 
nennen. Sie erscheint nach L e p s i u s i*) auf ihren Denkmalern nie 
als Frau dargestellt, sondern stets in mannlicher Kleidung, sogar mit 
dem falschen Spitzbart der Pharaonen geschmiickt, und nur die In- 
schrifteu verraten, soweit sie noch erhalten sind, ims ihr Geschljcht. 
Erman^^) nennt sie eine agyptische Katharina II., Breastedt^^) 
bezeichnel sie als die erste grofle Frau, der wir in der Geschichte be- 
gegnen. Ihre mehr als 20jahrige Regierung ist u. a. durch gewaltige 
Tempelbauten zu Der-el-bahari ausgezeichnet, in deren Reliefs ihr 
Leben dargestellt wurde. Der Kiinstler der Geburtsszene konnte sich 
nicht enthalten, die Neugeborene als Knabe darzustellen. WertvoU er- 
scheint hierzu die Bemerkung W i e d e m a n n s i^) : „Eigentiimlicher 
Weisc denkt sich namlich der Agypter den Verstorbenen, auch wenn 
er sein irdisches Leben als Frau verbracht hatte, im Jenseits als Mann, 
bezeichnet ihn daher als Osiris und gibt ihm einen mannlichen Seelen- 
vogel." Die Zwischenstufenidee war iiberhaupt bei den Agyptern sehr 
au.sgebreitet. Beispielsweise wurde der Nilgott Hapi als bartiger, 
kraftiger Mann mit stark entwickelten weiblichen Briisten dargestellt^^), 

Jlinger noch als die wissenschaftliche Agyptologie ist die 
eingehendere Kenntnis des b aby lonis ch-assy rischen 
Altertums, der Wiege der vorderasiatisohen Kultur. Wie ftir das 
Gebiet der andern semitisohen Kulturen, so sleht gleickgd- 
schlechtliches Leben auch bei den Babyloniern fest. 

So gibt W i n c k 1 e r 19) eine Erganzung der bereits von Herodot 
(I, 199) geschilderten weiblichen Tempelprostitution „nach der un- 
natiirlichen Seite hin" durch die Heiligung der Buhlknaben zu. Ein 
direktes Zeugnis daf iir bieten die Gesetze Hammurabis^o) (2260 

9) Rich. Lepsius, Briefe a. Agypten. 1852. S. 104 ; ferner E r - 
man, 1. c. S. 117 u. a. 

Breastedt, 1. c. g. 417. 

Lepsius, 1. c. S. 179 u. 217; W. Max Miiller, Athio- 
pien i.' Der alte Orient (A. O.) VI, 2. 1904. S. 29. 

12) E d. Meyer, Geschichte d. alten Agvptens. 1887. S. 198. 
i^a) K. Abraham, Amenhotep IV. (Echnathon). Psycho- 

analytische Beitr. z. Verstandnis s. Personlichkeit u. d. monotheist. 
Aton-Kultes. In „Imago", 1912. 

13) Schneider, 1. c. S. 18. — i*) Lepsius, 1. c. S. 281. 
") Erman, 1. c. S. 71. 

i«) B r e a s t e d t , 1. c. S. 238. 

") A. Wiedemann i. alten Orient II, 2. 3. A. 1910, S. 17. 

i») Wiedemann, 1. c. S. 79; Schneider, 1. c. S. 413 u, a- 

19) A. a. O. Ill, 2/3. 2. A. 1903. S. 61. 

20) A. a. O. IV, 4. A. 1906. S. 31. §§ 187, 192 u. 193. 

47* 



"I 



Digitized by VjOOQIC 



740 

a. Chr.), in denen neben den Buhldirnen auch die „BuWen" genannt 
werden. in § 187 solche im Palastdienste. Ihr GewerlDe war in Bab-ilu, 
der Stadt der Gottespforte, ebensowenig anriichig^i), ^j© das ihrer 
weiblichen Kolleginnen, wenigstens finden wir weder in Hammu- 
rabis Gesetzen, noch in den noch alteren und in der Bibliothek 
A^ urbanipals wieder aufgef undenen sumerischen Familien- 
gesetzen22) auch nur den geringsten Hinweis auf eine moralisclie oder 
gar strafrechtliche Verurteilung ihres Standes. Auch der groBe ]Iymnus 
auf den Sonnengott Schamasch, aus Asurbanipals Biblio- 
thek, als Gott der Gerechtigkeit, der das Gute belohnt und das Bose 
bestraft, enthalt in seiner ausfiihrlichen Aufzahlung aller moglichen 
Vei^ehen, wie Meineid, Ehebruch, Bestechung, Wucher, Lugen, Be- 
nutzung falschen Gewichtes, gottlose Reden usw., nichts iiber gleich- 
geschiechtlichen Verkehr. 

Ein hohes Lied der Freundesliebe finden wir in dem babylonischen 
Gilgamesch- (Nimrod-)Epos. Alfr. Jeremias^s) sagt dariiber : 
„Wie tief empfunden ist die Szene im Gilgamesch-Epos, in der Gil- 
gamesch, der Konig von Erech, mit Entsetzen sieht, dafi sein geliebter 
Freund Eabani tot ist; es heifit da: 

,Was ist das fiir ein Schlaf, der dich gepackt hat? 

Du bist diister und horest mich nichtl* 

Da beriihrte er sein Herz, aber es klopfte nicht; 

Da verhiillte er den Freund wie eine Braut. 
jMein Freund ist zu Erde geworden, soil ich auch mich wie er zur 
Ruhe legen und nicht aufstehen in alle Zukunft V " 

Ein Seitenstiick zu der Agypterin Hatschepsut finden wir 
in der von der Sage vielfach umrankten Gestalt der assyrischen Konigin 
Semi r amis. Hommel^*) sieht in Sammuramat eine babylonische 
Prinzessin des IX./VIII. Jahrhunderts, die nach dem Tode ihres assy- 
rischen Gemahls lange Jahre die Regentschaft fiir ihren minder jiihrigen 
Sohn leitete, und schildert sie als eine auBerst energische, virile 
Frau, welche eine ganze Reihe (mindestens 9) Kriege durch ihre 
Feldherren fiihren lieB, so daB es kein Wunder ist, wenn die Sage 
diese Fiirstin mit dem Nimbus einer Weltherrscherin umkleidet hat 
und sie siegreich bis nach Indien und Libyen ziehen laBt. Auch hier 
hat einiges historischen Kern, wie daB sie in Medien (Ekbatana) die 
hangenden Garten, Wasserleitungen und StraBen an legen lieB. 

In gleioher Weise hat die Sage und Dichtung noch eine spiitere 
hervorragende Personlichkeit aus der assyrischen Geschichte — hier 
freilich ad peius — stark umgewandelt. Es ist der Konig A s u r b a - 
n i p a 1 (6G8/28), der uns in der griechischen Historik als Sardana- 
palos entgegentritt. D i o d o r , wohl auf K t e s i a s , den griechischen 
Leibarzt des Artaxerxes II., zuriickgehend, berichtet (II, 23) von 
ihm: „Er lebte ganz wie ein Weib. Unter den Kebsweibern seine Zeit 
hinbringend, spann er Purpur und die feinste Wolle. Er trug ^in 
Frauenkleid, und sein Gesicht und den ganzen Korper hatte er durch 
Schminke und andre Mittel der Buhlerinnen so entmannlicht, daB 
kein wolliistiges Weib weichlicher aussehen konnte. Auch eine weib- 
liche Stimme hatte er sich angewohnt. . . . Den Trieb der Wollust 
befriedigte er sowohl mit Mannern als mit Weibern. . . . Ein Mann 
von solcher Sinnesart muBte nicht nur selbst ein schmahliches Ende 



21) Ibid. S. 30, Anm. I; fern. i. A. O. IX, I. 1907. S. 16. Herm. 
Schneider, Kultur u. Denken d. Babylon, u. Juden. 1910. S. 647. 

22) A. a. O. IV, 4. S. 43. 

23) A. a. O. I, 3. S. 6 u. 36. — Cf. auch Iwan Bloch, Ursprung: 
d. Syphilis, Bd. II. 1911. S. 479. 

24) Fritz Hommel, Geschichte Babyloniens u. Assvriens. 
1885. S. 029 ff. Schneider, 1. c. S. 44. 



Digitized by VjOOQIC 



741 

nehmen, sondern er fiihrte auch die vollige Zerstorung des assyrischen 
Reiches herbei." Aristoteles hatte bereits diese Uberlieferung 
in Zweifel gezogen (Pol. V, 8. 14), und seit Alfr. voixGutschmidts 
Forschungen ist die Oberzeugung von -der Unglaubwiirdigkeit der kte- 
sianischen Berichte als gesicherter Besitz der Geschichtswissenschaft 
anzusehen. 

Wir kennen Asurbanipal 25), den vierten der Sargoniden, jetzt 
nicht nur als den machtvollen Herrscher eines Weltreichs, sondern 
auch als tapfern Krieger, kiihnen Jager (Relief im Berliner Museum), 
groBzugigen Bauherrn und Macen der Wissenschaft (Bibliothek). — 
Ob seine vita sexualis in utramque partem balancierte, laBt sich zur 
Zeit wohl weder mit Sicherheit behaupten noch bestreiten. 

Mit der Idee einer voUig person] iohen Zueigengebung an 
die Gottin der Liebe (Aschtoret-Astarte) verkntipfte sich auch 
in Phonikien, wie in Babylon, das Institut der weiblichen 
Tempelprostitution, zu der sich auch hier das mannliche Gegen- 
sttick in den Kebalim (Kalbalim oder Kalbalonim) ausbildete. 
Um die Verlegung ihres Geschlechtes: auBerlich zu kennzeichnen, 
legten diese ,,GeweilLten** Weiberkleider an^^). 

Die Phonikier waren als See- und Handelsvolk auch die bedeu- 
tendsten Kulturpioniere der altesten Zeit. Als erste und nachstliegende 
Etappe ihrer kolonisatorischen Betatigung kommt Kypros in Frage. 
Kypros ist als Wiege des Hermaphroditos anzusehen. Diese 
Gestalt findet ihren Kern in dem Aphroditos 27), dem mannlichen 
Komplement der Astarte-Aphrodite, der zu Kypros und bei 
den Pamphyliern verehrt wurde, und bei dessen Festen die Manner in 
weiblicher, die Frauen in mannlicher Kleidung, erschienen. Spater 
wird Aphroditos auch in das griechische Mutterland importiert, er 
wird bei Philochoros und Aristophanes (fr. 702) erwahnt, 
wahrend seine plastische Darstellunc in Hermengestalt als H e r ra a - 
p h r o d i t o s 28) sich erst bei T h eophrast (char. 16) nach- 
weisen laBt. 

Genauere Nachrichten, wenn auch nicht aus erster Hand, iiber 
das Vorkommen gleichgeschlechtlicher Liebe liegen uns aus einer 
andren phonikischen Kolonie, dem lybischen Karthago, vor. Und 
zwar war es einer der bedeutendsten Kriegshelden der Punierstadt, 
Hamilkar Barkas (gest. 228 a. Chr.), der Vater Hannibals, der 
den jungen Hasdrubal, seinen spatern Schwiegersohn, nach N e p o s* 
Bericht (Hamilc. 3, 2) plus diligebat, quam par erat. — Und von der 
Liebe des als Feldherr nicht minder tiichtigen Hasdrubal (gest. 
220) zu seinem 18 jahrigen Schwager Hannibal und dem wohl 
mehr von politischen als moralischen Besorgnissen dagegen diktierten 
Einspruch der G^e^partei unter Fiihrung Hannos berichtet L i v i u s 
(21, 3f. )- 

Uber die Kultur der auf die Phonikier folgenden kanaanitischen 
Stamme der Amurri (Amoriter) und der Chabiru (H e b r a e r, d. h. das 



25) Fr. Delitzsch, Asurbanipal i. A. O. XI, L 1909. 

2«) Rich. Pietschmann, Geschichte d. Phonikier. 1889. S. 183 
u. 222. Cf. hierzu auch das „Hundegeld" als Unzuchtslohn i. Deu- 
teronom. 23, 19 u. die Zusammenstellung der kynes und poruoi i. 
Apocal. 22, 16. 

27) In Pauly-Wissowa I, 1894. Sp. 2794. 

28) L:i Roschers Lexikon I, 2. 1890. Sp. 2314. 



Digitized by VjOOQIC 



742 

Volk Israel nebst Moabitern, Ammonitern und Edomitern '^) sind wir 
vor der Hand groBtenteils auf die altjudischen Berichte angewiesen. 

Aus dem schauerlichen Eindruck, den die Umgebung des Toten 
Meeres macbte, schloB schon der judaische Jahvist um die Mitte des 
9. Jahrhunderts, daB hier einmal ein scbreckliches Gottesgericht. 
infolge einer groBen Siinde geschehen sein miisse. Was aber fiir eine 
Siinde? — Blinder Eifer altester bis neuester Zeit las aus dem Be- 
richt des Jabvisten sofort heraus, daB die „Sodomiten" lediglich wegen 
der beabsichtigten Schandung der zwei von Lot beherbergten Engel den 
Feuer- und Schwefelregen verdient haben, und hat diesen Namen bis 
auf unsre Tage zur Brandanarkung ihm unverstandlicher Neigungen 
gebraucht. Diese Eiferer iibersehen, daB das von den kanaanitischen 
Mannern beabsichtigte Vergehen gleichgeschlechtlicher Unzucht hier 
in Idealkonkurrenz mit dem Verbrechen der Notzucht und der fiir den 
Orientalen alter wie neuerer Zeit hochst verabscheuungswiirdigen Ver- 
letzung des heiligsten aller Rechte, des Gastrechtes (cf. v. 8. fin.), 
ersolieint, worauf schon der Kirchenvater Ambrosius'®) und in 
neuerer Zeit L u z z a t o ^i) hinweisen. Auch darf man nicht "iiber- 
sehen, daB die Stadte keineswegs um dieses einen Vorkommnisses 
willen zur Strafe fiir diese eine, gleichgeschlechtlichen Motiven ent- 
sprungene Tat, die noch dazu nur im Stadium des Versuchs blieb, dem 
Untergang geweiht wurden. Sagt doch der Prophet Ezechiel (16, 
49): „Die Missetat Sodoms war Stolz, gesattigt von des Brotes tTber- 
fluB reichten sie bei ihrem und ihrer Tochter MiiBiggang den Diirf- 
tigen und Armen ihre Hand nicht", und der Siracide (16, 9) spricht: 
„Jahve verabscheute die Einwohner wegeu ihrer iibermiitigen Worte." 

Auch verbietet schon die ruhige Cberlegung die Annahme, daB 
die ganze mannliche Bevolkerung der beiden Stadte homosexuell gc- 
wesen sei. Wollte doch in dem Gesprach mit Abraham Jahve der 
Stadte noch schonen, selbst wenn nur wenige (10) Gerechte darin 
befunden wurden (Gen. 18, 32). Und warum muBten auch die Weiber 
und Kinder dieselbe Strafe erleiden? Denselben Tatbestand wie in der 
biblischen Geschichte von Lot finden wir in der Erzahlung des Richter- 
Buches (c. 19, bes. v. 22) von dem Frevel der Manner zu Gibea, und 
zwar noch in verscharfterem MaBe : Verletzung des Gastrechts und 
Notzucht, diesmal als vollendete Handlung mit todlichem Ausgang. 
Hier aber racht nicht Jahve, sondern das Schwert der Volks- 
genossen den Frevel an den Tiitern und ihren Schiitzern. 

Das Institut mannlicher Hierodulen, als gleichgeschlecht- 
licher Tempelprostitution, ist uns im Siidstammereich Juda schon fiir 
die Regierungszeit des Rehabeam (933/17) belegt (I. Kon. 14, 24). 
Konig Asa (913/873) trieb sie zwar aus dem Lande (15, 12); des- 
gleichen Josaphat (873/49) den Rest der der Unzucht Geweihten, 
die zur Zeit seines Vaters Asa iibrig geblieben waren (22, liy, 
und zwei Jahrhunderte epater sah sich Konig Josia (640/9) zur 
gleichen MaBregel veranlaBt (IL Kon. 23, 27). 

Auch fiir das phonikischen und syro-aramais(?hen Einfliissen noch 
starker ausgesetzte Nordstammereich Israel, in dem u. a. die tyrische 



29) A. a. O. I, 1 S. 14. 

30) A m b r o s i u s , de patriarch, lib. I. c. 6 : „die Gastfreund- 
schaft seines (Lots) ehrbaren Hauses, die doch sogar bei den Barbaren 
unverletzlich ist." 

81) L u z z a t o , Lezioni di teologia mor. isreal. 1870, cap. II, 
136: „La principale colpa degli abitanti di Sodoma e Gomorra non 
era la cosi detta sodomia, ma era la mancanza di piet^ verso i poveri 
ed il brutale oltraggio che permettevansi di fare a chi recavasi appo 
loro, tendeva ad evitare il concorso dei forestieri." — Cf. auch „Homo- 
sexual. u. Bibel" i. Jahrb. IV, 1902. S. 210. u. Gasp. Wirz V. D. M., Der 
Uranier v. Kirche u. Schrift, ibid. VI, 1904. S. 80; 2. A. 1906. S. 48. 



Digitized by VjOOQIC 



743 

Isebel als Gattin des Omriden A h a b (876/54) offiziell den Baal-Kultus 
begiinstigte, diirfen wir das Bestehen mannlicher Hierodulen anneh- 
men32). Dagegeii sind die von D u f o u r ^3) und in starker Anlehnung 
an ihn von Schulze-Malkowski^*) gelieferten grotesken Nacht- 
gemalde paderastischer Baalsverehrung wohl in das Gebiet der Phan- 
tasie zu verweisen. Aus der Makkabaerzeit berichtet der Epitomator des 
Jason von Kyrene (II. Makk. 4, 9 ff .), daB der Hohepriester 
Jason, eine Kreatur des syrischeu Hofes, unterhalb des Tempei- 
berges ein griechisches Gymnasion einrichten lieB und die edelsten 
Jiinglinge vjiojihaaov tjyev (Vulg. : in lupanaribus ponere ausus est). Man 
darf hierbei, wie Holtzmann^s) bemerkt, nicht vergessen, daB Ja- 
son solche Einrichtungen gar nicht hatte treffen konnen, wenn er 
nicht eine groBe griechenfreundliche Partei hinter sich gewuBt hatte; 
wie denn auch der Epitomator weiter (v. 14) berichtet, daB sogar 
die Priester des Altardienstes vergaBen und unter Vernachlassi- 
gung der Opfer auf den Ringplatz liefen, um der Auffiihrung 
iiackter Kampfspiele beizuwohnen. — Zwar fanden sich auch Gegner, 
so Pseudo-Phokylides 8^), ein alexandrinischer Jude des II. vor- 
christlichen Jahrhunderts, der in seinem Lehrgedicht mehrfach gegen 
die „mannliche Kypris" eifert, den Vatern rat, ihre Sohne gegen die 
„mannliche Verbindung des Eros" zu schiitzen, und auch den Madchen 
verbietet, das „Bett der Manner nachzuahmen". — Nichtsdestoweniger 
berichtet Josephus (37 — 95 p. Chr.) in seinem „Jiidischen Kriege" 
(I, 18, 2) von dem letzten Hasmonaerkonig Antigonos (Mattha- 
thias), dem jiingeren Sohn von Aristobulos II., daB der romische Legat 
S o s i u s ihn bei seiner Gefangennahme (37 a. Chr.) als „Antigoua" 
begriiBt habe, doch „lieB er inn nicht wie ein Frauenzimmer ohne 
Bewachung herumgehen, sondern gefesselt verwahren**. Und von Alex- 
ander, dem alteren Sohn des groBen H e r o d e s aus idumaischem 
(edomitischem) Geschlechte, erzahlt Josephus 5^), daB er drei 
junge und schone Eunuchen seines Vaters durch Geschenke elg xa jiaidixv 
verfiihrte und so dem argwohnischen Vater sogar den Gedanken an ein 
geplantes Attentat eingab^s). 

Als leuchtendes Vorbild innigster Freundesliebe hat von jeher 
der Bund zwischen David und Jo n a t h a n gegolten, dem David 
in seinem Klageliede (II. Sam. I, 17 ff.) um den Freund, dessen Liebe 
ihm „wundersamer gewesen ist denn Frauenliebe" (v. 26), ein dauerndes 
Denkmal gesetzt hat, das bis auf unsere Ta^e zu den edelsten Perlen 
hebraischer Poesie zahlt. Die Tiefe dieses Seelenbundes wird uns bei 
einem Eingehen auf die Berichte des I. Samuelis-Buches (cap. 18, 1 — 3 ; 
20; 23, 16 — 18) gegenwartig und laBt den Argwohn, der aus Sauls 
Schmahworten hervorklingt (20, 30: ,,Ich weiB wohl, daB du dem Sohn 
Isais anhangst, dir selbst und der Scham deiner Mutter zur Schmach", 
begreiflich erscheinen. Doch darf man nicht vergessen, daB beide 
verheiratet waren, denn Jonathans Sohn war Meribaal (Me- 
phibosetli, II. Sam. 9, 6), und daB David sogar spater durch Griindung 
eines Harems in echt orientalischer Weise den Glanz seines Hofes zu 
heben suchte 39). 



s«) Stade, 1. c. I. S. 479. 

88) D u f o u r , 1. c. S. 30. 

8*) Geschlecht und Gesellschaft. 1907. Heft 11. 

3ft) Stade, 1. c. II. S. 313 und Wellhausen 1. c. S. 264. 

86) Jahrb. f. sex. Zw. VIII. 1906. S. 628. 

87) Josephus, Bell. jud. I, 24, 7. 

88) Holtzmann bei Stade, 1. c. II, 499 u. Wollhausen, 
1. c. S. 342. 

89) David u. Augustin, zwei Bisexuelle, i. Jalnbuch f. sex. 
Zw. IL 1900. Stade, 1. c. I. S. 270. 



Digitized by VjOOQIC 



744 

Wir dttrfen das Semitentum nicht verlassen, ohne nocth 
einen Blick auf seine Urlieimatj Arabien zu werfen. In dem 
alien Reich der Minaer, der Konige von Machin (XIV. bis 
VII. Jahrh. a. Chr.) sind von besonderem Interesse die 
minaischen Hierodulenlisten, in denen wir ein Seitenstiick zu 
den mannlichen und weiblichen Quadeschen des kana- 
an^isch-jtidischen Kultus zu erblieken haben*^). 

Die Herrschaft der Minaer wurde duich die Sabaer abgelost, die 
von Nordarabien nach Siiden wanderten, und denen 115 a. Chr. die 
himjarischen Herrscher f olgten. Doch blieb der Name Sabaer als 
AUgemeinbezeichnung bestehen. Hier erscheint auch wieder eine Frau 
auf dem Throne, die als Konigin von Saba in poetischer Verklarung 
von den spateren jiidischen Chronisten *i) als Geistesebenbiirtige mit 
Konig S a 1 o m o in Verbindung gebracht wird. 

In ihrem Streben von Siiden nach Norden traf die semitische 
Volkerbewegun^ schon in frvihester Zeit auf die Stamme der Chetiter, 
die wir als Mitani in Syrien schon durch die Tel-Amarna-Briefe des 
XV. vorchristlichen Jahrnunderts als eine Agypten und Babylon eben- 
biirtige GroBmacht kennen lernen. Mit dem Cheta^onig Chattusar 
hatte Ramses II. (1292/25) vielfach zu tun. Ihr Gebiet erstreckte 
sich durch ganz Kleinasien von Lydien bis zum Van- und Urmiasee 
nnd siidlich weit nach Syrien hinein. Betreffs ihrer Religion stellt 
die Cberlieferung iiberall fiir Kleinasien imd Nordsyrien die Verehrung 
einer Gottin, der „groBen Mutter" fest, die in Kappadokien Ma (aucn 
Enyo) *2), in Phrygien Kybele, in Syrien Attar (Astarte), am Ida- 

febirge Rhea*^) genannt wurde und der zahlreic»he Priester und 
riesterinnen dienten. Erstere waren, zumal in den westlichen Land- 
schaf ten, durchweg Verschnittene, Galli. Der Mythos fiihrt 
den Kultgebrauch der Selbstentmannung auf A 1 1 i s , den Geliebten 
der Kybele, zuriick und hat in Catulls groBartigem Stimmungsbild 

ic. 63) die packendste Darstellung **) gefunden. Der Ursprung des 
kauches ist nach Ed. M e y e r *^) darin zu suchen, daB die Selbst- 
entmannung das groBe Opfer bedeutet, durch das die Verbindung mit der 
Gottheit vollzogen wird; durch sie gleicht der Mann sich dem Wesen 
der Gottin an, soweit es irgend moglich ist, er kleidet sich daher auch 
fortan in Weibertracht und gibt sich der Prostitution preis. Daher 
vermutet auch Meyer*^) in den weiblich gekleideten Gestalten der 
Felsskulpturen des kappadokischen Boghazkoi Manner, d.- h. die Prie- 
ster der Gottin in Frauengewandung. Auch die lydische Sage, die einen 
Heros oder Gott in sexueller Horigkeit weibliche Sklavendienste ver- 
richten laBt, ist wohl hierauf zuriickzufiihren. Wie die einheimische 
Gestalt hieB, die ihr zugrunde liegt, wissen wir nicht (vielleicht 
S a n d o n), bekannt ist nur, daB die Griechen spater dies Motiv in 
ihre Heraklessagen verwoben. — Mannliche Hierodulen werden uns 
ferner von S t r a b o fiir das kappadokische (XII, 2, 535), wie fur das 
pontische Komana (XII, 3, 557) nachgewiesen. 



*o) O. Weber, Arabien vor d. Islam i. A. O. Ill, i. 2. A. 
1904. S. 18. 

") I. Kon. 10. 

«5 Strabo XII, 2, 535. 

**) L u k i a n , de dea Syr. c. 15. 

**) Cf. die Ubers. v. H. Griebenow i. Catulls Buch d. Lieder. 
1889. S. 36. 

") Ed. Meyer, Geschiohte d. Altertums. I, 2. 2. A. 1909. S. 649 f. 

*«) Ibid. S. 634. 



Digitized by VjOOQIC 



745 

Aus den Steppen Zentralasiens stammend, drangen die 
Skythen in frlihester Zeit in das slidliche Ruflland vor und 
unternahmen von dort als leicht bewegliche Nomadenvolker zahl- 
reicho Raubziige gegen die vorderasiatischen Reiehe. Von ihnen 
berichtet nun Hero dot (I, 105): „Diejenigen Skythen, welche 
den Tempel (der uranisehen Aphrodite) in Askalon (Syrien) 
gepliindert haben^^), und ihre Nachkommen suchte die Gottin 
auf ewige Zeiten mit einer Weiberkrankheit (^Isia vovaog) heim. 
Das sei, wie die Skythen sagen, der Ursprung dieser Krankheit, 
und jeder Besucher des Skythenlandes konne sehen, was es 
fur eino Bewandtnis mit den sogenannten Enarern habe.** 

Es handelte sich, wie Aristoteles ^^) angibt, um Effemination als 
endemische, dauernde Erscheinung. Genauere Mitteilun^en, als sie 
die kurze Andeutung Herodots hieriiber bietet, finden wir in der in die 
hippokratischen Schriften aufgenommenen klimatologischen Abhandlung 
jiegldiQCOVfVddzcoVfXOTKOv ,,t)ber Luft, Wasser und Gegenden" *»). Sie 
zeichnen sich durch ihre niichterne, naturwissenschaftliche Auffassung 
aus. Nachdem der Verfasser in Kap. 19 — 21 in sehr anschaulicher 
Weise die geringe sexuelle Differenzierun^ der Skythen aus der Natur 
ihres Landes una ihrer Lebensweise abgeleitet hat, indem er die haufige 
Impotenz der Manner auf das fortwahrende Reiten, die der Frauen 
auf ihre Korpuleuz zuriickfiihrt, fahrt er in Kap. 22 fort^o) : ,,Im iibrigen 
siud aber auch die meisten Leute im Skythenlande Eunuchen, gehen 
weiblichen Berufen nach, gebarden sich und reden genau so wie die 
SVeiber und heiBen dvavdgieig (d. h. die Unmannlichen, Weibischen). 
Dort zu Lande fiihrt man dies auf die Gottheit zuriick und verehrt diese 
Leute und sieht sie fur Heilige an (nach Ilerodot IV, 67 trei- 
ben die Enarer auch Wahrsagerei) aus Furcht, es konne jedem andern 
auch so gehen. Auch mir scheint diese Art von Leidenschaft und alle 
andern onne Ausnahme auf gottlichen EinfluB zuriickzugehen. . . . 
Und doch hat jede dieser Leidenschaften wieder ihr Natiirliches und lauf t 
niemals der Natur zuwider. Wie aber gcradc dieses Leiden nach meiner 
Ansicht zustande kommt, will ich erklaren ^i). Infolge des bestandigon 
Reiiens bekommcn die Skythen Fliisse (ziehende Schmerzen in den 
Lenden), da ihre FiiOe bestandig von den Pferden herabhangen. Spater 
werden sie, falls sie schwer erkranken (die Schmerzen starker werden), 
lahm und bekommen Geschwiire in der Huftgegend (die Hiiften Ziehen 
sich krampfhaft zusammen). Sie kurieren sich aber auf folgende Art 
(nach Bloch ist hier zu erganzen : falls sie einmal bei einem Sturze 
mit dem Pferd sich den Kopf verletzt haben). Sobald die Krankheit 
beginnt, offnen sie beide Venen hinter dem Ohr, ist nun das Blut 
ausgestromt, so kommt Schlaf iiber sie infolge der Schwachung und 
sie schlummern ein. Hiemach wachon sie auf, einige wenige gesund, 
andere krank. Bei einer solchen Behandlung geht, wie mir ycheint, 

*') Nach Ed. Meyer, Geschichte d. a. Agypt. S. 380 ist der von 
Herodot berichtete Streifzug i. d. J. 625 zu verlegen. 

*8) Aristoteles, Ethic. Nicom. VII, 8, 6. 

*^) Hippocratis opera ed. Kuehn. Tom. I. 1825. p. 555 ff. 

50) Hippokrates' Werke. Deutsch v. R. Fuchs. Bd. L 1895. 
S. 399. Kap. 29 ff. 

^n Das Verdienst, die folgende Stelle zuerst fachwissenschaftlich 
aufgeklart und richtig gestellt zu haben, gebiihrt Dr. med. I w a n 
Bloch i. s. Werk „Der Ursprung d. Syphilis" Bd. IL 1911. S. 601 
bis 610. Wir geben B 1 o c h s Erlauterungen in (. . . .)• 



Digitized by VjOOQIC 



746 

der Same zugrunde (d. h. nicht infolge der Venaesectio, sondern 
infolge der Kopfverletzung). Wenn man namlich die Venen hinter dem 
Ohr offnet, werden die so zur Ader Gelassenen unfruchtbar, und 
gerade diese Venen, glaube ich, durchschneiden sie. Wenn sie sich als- 
dann ihreu Frauen nahern und nicht imstande sind, geschlechtlichen 
Umgang mit ihnen zu pflegen, so spiiren sie anfanglich gar kein 
Verlangen danach, sondern verhalten sich ruhig; sofern sie jedoch 
bei dem zweiten oder dritten Versuch oder bei noch haufigeren Ver- 
suchen auch nicht mehr Gliick haben, glauben sie die Gottheit. auf 
welche sie die Schuld schieben, beleidigt zu haben, (da sie den natiir- 
lichen Ursprung der auf homosexueller Basis sich entwickelnden Effe- 
raiuation nicht kannten), ziehen Frauenkleider an, gestehen somit 
ihre Untiichtigkeit ein, leben wie die Frauen und tuen dieselben 
Verrichtungen wie jene auch." 

Dieses Leiden ist durchaus nicht etwa ein nur den Skythen 
eigentiimliches, sondern der Verfasser erklart zum SchluB ausdriicklich, 
da.J3 auch bei alien anderen Menschen andauerndes und anhaltendes 
Reiten jene sexuelle Apathie und Impotenz hervorrufen konne, die als 
Vorstadium der allerdings den Skythen und einigen anderen Volkern*^) 
allein eigentiimlichen vovoog ^Xeia zu betrachten ist. 

Der Verfasser der genannten hippokratischen Schrift gibt 
uns aber auBerdem noch eine interessante und liberaus wichtige 
Notiz liber virile Erscheinungen bei den skythischen Weibern. 

Er schreibt Kap. 24 (ed. Kuehn) : „In Europa unterscheidet sich 
das Skythenvolk, welches in der Umgebung des Maiotischen Sees 
(Asowsches Meer) wohnt, sehr von den iibrigen Volkern. Ihre Weiber 
reiten, handhaben den Bogen, schleudern den Wurfspeer vom RoB 
herab und kampfen mit den Feinden, solange sie Jungfrauen sind. 
Und sie legen die Jungfriiulichkeit nicht eher ab, als bis sie drei 
Feinde getotet haben, und kommen nicht eher mit den Mannern zu- 
sammen, als bis sie dies Opfer dem Gott nach heimischer Sitte gebracht 
haben. Sobald aber eine sich einen Mann erwahlt hat, ist sie vom 
lleiterdienst bcfreit, auOer wenn die Notwendigkeit eines alien gemein- 
samen Feldzuges bevorsteht. Die rechte Brust aber fehlt ihnen. Denn 
den Madchen brennen, Wenn sie ^och Kinder sind, die Miitter mit; einem 
hierzu hergerichteten und gliihend gemachten Eisen die rechte Brust 
aus, damit sie nicht wachse, sondern alle Kraft und Nahrung sicli 
auf die rechte Schulter und den Arm iibertrage." — Diese Schil- 
derung stimmt so ziemlich mit dem dberein, was H e r o d o t (IV, 
110 ff.) von den Amazonen berichtet. Von einer Verstiimmehing der 
rechten Brust schreibt allerdings H e r o d o t nichts, eine solche ist 
auch durch die bildende Kunst nicht iiberliefert, die Legende davon 
bcruht wahrscheinlich auf der nicht ganz sicher gestellten Etymologie 
(d- fid^oveg) der alten Autoren. Jedenfalls ist uns durch den Historikor, 
wie durch den Mediziner eine s^tarke Verbreitung eminent viriler Ziige 
bei deii Skythenweibern verbiirgt. Die Amazonen der Hsiung-nu, eines 
mongolischen oder Turkstammes am Baikalsee, schildert der chinesische 
Dichter Litaipo im VIII. Jahrhundert n. Chr. f olgendermaBen : 

Die Frauen machen lachelnd zu Pferde ihren Ritt 
Mit Backen wie Schalen von rotem Nephrit, 
Die fliichtigsten Tiere ihr PfeilschuB erlegt, 
Sie taumeln im Sattel, vom Weine erregt s-^). 



62) ed. Kuehn, torn. Ill, 218 ; bei F u c h s Bd. Ill, 139. 

63) A. Forke, Bluten chines. Dichtung. 1898. S. 119. 



Digitized by VjOOQIC 



747 

Wir kommen nun zu Hellas. 

Bereits F. G. Welcker^*) auBerte im Gegensatz zu denen, 
die die AuBerungen gleichges chlech tlicher Liebe in 
Griechenland als spatre Dekadenzerscheinung auf f aOten, 
die Meinung, daB diese Liebe schon lange vor der geschicht- 
lich kenntlichen Zeit in Griechenland getibt worden sei, doch 
konnte er keinen andern Beleg dafiir beibringen als die be- 
kannten Erwahnungfen des Ganymedesraubes in der Ilias (5, 266 ; 
20, 231). 

Wir finden in dieser Erzahlung die uralte Form der Liebeswerbung 
dujch den Kaub, wie er uns auf homosexuellem' Gebiet spater in Kreta 
wieder begegnet. Deutlicher als diese nur kurzen Erwahnungen spricht 
fiir das Vorkommen, ja fiir die Hochschatzung gleichgeschlechtlicher 
Liebe in der Zeit des Entstehens der homerischen Dichtungen (9. bis 
8. Jahrhundert v. Chr.) die Schilderung des Verhaltnisses zwischen 
Achilleus und Patroklos. Zwar nat der Dichter sentimentale 
Schilderungen ihres Liebesbundes durchweg vermieden, auch sind die 
beiden keineswegs als einseitig homosexuell Fiihlende dargestellt. Schon 
das 9. Buch (v. 663) schildert uns, wie sie nachts zwar in leinem 
Zeit ruhen, jeder aber an der Seite eines kriegsgefangenen Mad- 
chens ; die B r i s e i s riihmt in ihrer Klage um Patroklos dem Toten 
Dach (11. 19, 297), daB er seinen EinfluB habe aufbieten wollen, 
damit Achilleus sie nach Beendigung des Krieges als .seine ehe- 
liche Gattin heimfiihre. Und Mutter Thetis gibt ihrem im Schmerz 
um den gefallenen Freund sich verzehrenden Sohn den Rat (II. 24, 130) : 

„Gut war' es, ein bliihendes Weib zu umarmen", 
den dieser, wie v. 674 zeigt, auch keineswegs verschmaht. Aber doch 
bildet fiir ein Drittel des ganzen Werkes, vom 16. — 24. Buche, das 
Verhaltnis zwischen den beiden so sehr den Angelpunkt der ganzen 
Handlung, daB man mit II. L i c h t ^^) den ScnluBteil der Ilias 
einen Hymnus auf die Mannerfreundschaft nennen darf. DaB das 
griechische Altertum selbst in dem Verhaltnis der beiden Helden 
mehr sah als bloBe Kriegskameradschaft und Jugend- 
genossenschaft, kann durch zahlreiche Literatur- 
stellenbewiesenwerden. 

In den um etwa um ein Jahrhundert spater alsl die alteren 
Teile der homerischen Dichtungen entstandnen hesiodei8.chen 
Dichtungen (cc. 700 a. Chr.) begegnen wir zuerst dem bei Homfer 
noch nicht vorkommenden Eros. Er erscheint hier „als 
schonster der ewigen Gotter, welcher die Sorgen vertreibt und 
der Gotter und samtlicher Menschen Herz im Busen bezwingt.** 

In den sogen. homerischen Hymnen^s), die mit ihrer Entstehungs- 
zeit (nach Ed. Meyer) bis ins VII. Jahrhundert hinabreichen, be- 
gegnet uns nochmals (v. 202) der Ganymedes mythos im AnschluB 
an die homerische Darstellung, nur daB seine sexuelle Wurzel hier 
unverhullter erscheint; der Hymnus beginnt mit den Worten: 
„ Ganymedes, den blonden, entfiihrte Zeus, der Berater, 
Wogen der schonen Gestalt, daB unter den Gottem er 

weile" .... 

5*) F. G. Welcker, Sappho i. d. Kl. Schriften II. 1845. S. 89. 
'^^^ n. L i c h t , Die Homoerotik i. d. homer. Gedichten ' i. d. 
Anthropophyteia IX. 1912. S. 291 ff. 

*«) Hynini homeri<?i rec. A. Baumeister. Lips, 1865. 



Digitized by VjOOQIC 



748 

Ln der Oidipodeia^^) des Lakedamoniers Kinaithon (763 a. 
('hr.) findet sich als motivierendc Yorgeschichte zu dem aus der Odysee 
(11. 271) bekannten Sagenstoff von dem Vatermord des Oidipus 
die Erzahlung von dem paderastischen Verhaltnis des L a i o s zu 
dem Pelopiden Chrysippos nnd dem hierdurch bedingten Zorn der 
eheschiitzenden (yafiooivXog), Hera ^s). Es ware dies in den uns iiber- 
lieferten Triimmern der aitern griechischen Dichtung die erste Er- 
wabnung einer Opposition gegen die Jiinglingsliebe. Doch darf man 
nicht iibersehen, daB es sich hier um einen Raub wider den Willen 
der Verwandten handelte, djer den Zorn< der Gotter olinehin herauf- 
beschworen konnte. Hierzu stimmen die SchluCworte des Laiosorakels : 

„. . . . so hat entschieden 
Zeus, der Kronid', gehorsfsun den grimmen Gebeten des Pelops, 
Wolchem du raubtest den Sohn . . .^9)." 

Groflere, wenn auch durch der Zeiten Lauf stark geminderte 
Ausbeutc bieten die Reste der elegischen, jambischen, melischen 
und chorischen Dichter des VII — V. Jahrhunderts^^). 

So schliefit der Kolophonier M i m n e r m o s (um 630) seine Klagen 
iiber die Plagen des Alters mit den bezeichnenden Worten: 
„Knaben lieben ihn nicht und die Weiber achten nicht seiner^^)." 

In besonders hohem MaBe scheint A 1 k a i o s von Mytilene (600) 
der Jiinglingsliebe gehuldigt zu haben ; von ihm, der zugleich ein wack- 
rcr Verteidiger biirgerlicher Freiheit gegen die Tyrannis des M y r s i - 
1 o s war, erwahnt Horaz (I. 32) Diclitungen iiber ,,des L y k o s Reiz 
mit den schwarzen Augen und Locken^s)", und Cicero ssagt in seinen 
Tusculanen (IV, 33, 71): „Was hat nicht Alkaios iiber die Liebe zu 
Jiinglingen gedichtet, — und war doch in seinem Staat als so tiich- 
tiger Mann bekannt." 

Von Solon von Athen (639 — 559), den nicht nur das 
spatere Griedientum unter die Zahl seiner ,,Sieben Weisen" auf- 
nahm, sondern den auch Ed. Meyer^^) eine der idealsten, Ge- 
stalten nennt, welc^he die Geschichte kennt, und zugleich als 
die typische Verkorperung des Griechentums seiner Epoche be- 
zeichnet, schreibt Plutarch in seiner Biographie des groBen 
attischen Staatsmanns, (C. 1.) „da6 er gegen schone Jting- 
linge nicht ganz fest war und nicht Kraft genug hatte, wie 
die Fechter mit der Liebe zu kampfen, ist nicht nur aus seinen 
Gedichten zu ersehen, sondern auch aus einem seiner Gesetze, 

worin er den Sklaven verbietet Knaben zu lieben, so 

daO er dies unter die anstandigen und ehrbaren ^eigungen zahlt 

*') Epicorum graec. fragmenta coll. G. K i n k e 1. Lips. 1877. 

^8) W i 1 h e 1 m Christ, Geschichte d. griech. Literatur 4. A. 
1905. S. 88. 

^^) F. G. W e 1 c k e r , Der epische Cyclus. Rhein. Museum Suppl. 
II. 1849. S. 315. 

^o)E. von Kupffer, Lieblingminne u. Freundesliebe i. d. 
Weltliteratur Lpzg. v. J. (1900). — P. Brandt, T>qt Ttaidoiv ^qcdq i. d. 
griech. Dichtung i. Jahrbuch YIII (1906) S. 621 ff. 

61) Kupffer, 1. c. S. 20. 

62) Hor. c. I, 32, II. Et Lycum nigris oculis nigroque crine de- 
corum. I 

«») Ed. Meyer, Geschichte ctes Altertums. II, 648. 



Digitized by VjOOQIC 



749 

und gewissermaUen die Wiirdigen dazu auffordert, wovon er 
die Unwlirdigen ausschlieUt." — Dies beweist audi ein von 
Plutarch ( Amator. 5) iiberlief ertes Distiehon des groBen 
Atheners, spwie sein Ausspruch (Fragment 23), daU zu den 
erstrebenswerten Idealen eines gltioklichen Mannes audi 
Tialdeg (piXoi gehoren. 

€ber Stesichoros (610—555)6*), den groBen Vorganger Pin- 
dars, berichtet Athenaios (XIII, 631a), „da6 er diejenige Art von 
Gesangen einfiihrte, welche seit alters Jiinglings- oder Lieblingslieder 
genannt werden". 

Und Schillers „frommer Dichter" Ibykos*^)! — Von ihm hebt 
Platon im Parmenides (p. 137 a) ausdriicklich hervor, daJ3 ihn auch 
noch im Alter die Leidenschaft zu schonen Jiinglingen durchgliiht 
habe. Cicero schreibt in seinen Tusculanen (1. c): „am meisten von 
alien scheint, nach seinen Werken zu urteilen, Ibykos aus Rhegium 
fiir 'diese Liebe gegliiht zu haben". Ein jiingerer Zeitgenosse 
des Ibykos, der auch mit ihm zugleich langere Zeit am Hof des 
Polykrates von Samos verweilte, war Anakreon von Teos (6^0)^*). 
Polykrates war selbst, wenn wir dem A e 1 i a n ^7) glauben diirfen, 
der Jiinglingsliebe stark ergeben und hielt zahlreiche schone Pagen an 
seinem Hof. Von diesen hatte Anakreon besonders den S m e r d i s , 
den Liebling des Polykrates, wegen seiner dunkeln Lockenpracht 
im Liede gefeiert. Die Liebe des Dichters wird auch von anderer Seite 
bezougt. So sagt Maximus Tyrius^s) (XXVI p. 309): „Smerdi8 emp- 
fing von Polykrates Gold und Silber und W2is sonst natiirlicherweise ein 
schoner Jiingling von einem Machtigen, der ihn liebt, erhalt; von 
Anakreon aber Lieder und Lobspriiche und was sonst ein liebender 
Dichter schenkt." 

Doch nicht S m e r d i s allein entflammte das leicht entziind- 
liche Herz des Sangers. Maximus Tyrius sagt (XXIV, 9 p. 297) * 
„Er liebte alle schonen Jiinglinge und pries sie alle ; seine Lieder siud 
voll vom Lobe der Locken des S m e r d i s , der Augen des K 1 e o b u - 
1 o 8 und der Jugendschone des Bathyllo s." 

Das Fr. 4, das in G e i b e Ps Ubersetzung lautet : 
„Knabe, du mit dem Madchenblick, 
Dein verlang ich, doch horst du nicht ; 
Merkst nicht, wie du die Seele mir 
Sanft am Ziigel dahinlenkst I" 
soil sich auf Kleobulos bezogen haben, von dem der Dichter singt 
(Bloyk IIL p. 1013): 

KXeopovXov juh eyoyy igcb 
KXeo^ovXov <$' ijii/btaivofiai 
KXeo^ovlov dk diooxico. 

Ernstere Tone in der Jiinglingsliebe sdilagt Theognis 
(540) aus (dem nisaischen) Megara an^^). 

Seine Elegien richten sich groBtenteils an K y r n o s , einen jun- 
gen megarischen Adligen, dem der Dichter mit starker Leidenschaft 
I 

c*) Brandt, 1. c. S. 627. 

65) Brandt, 1. c. S. 638 f. 

66) Brandt, 1. c. S. 641. 

67) Aeliani, Varia historia, Lips. 1819. Lib. IX, 4. 
68)Maximi Tyrii. Philosophumena, ed. H. H o b e i n. Lips. 

1910. 

6») Brandt, 1. c. S. 628. 



Digitized by VjOOQIC 



750 

zngetan war. Er gesteht, daB er selbst als Knabe sich an wackre 
Manner angeschlossen habe ; so solle K y r n o s nun von ihm lernen. 
Er verlangt von seinem Liebling vor allem Offenheit ; wenn er ihn 
nicht lieben kann, so soil er es ehrlich eingestehen : er droht sogar, 
sein Leben zu enden, damit der Jiingling merke, was er an ihm verlor. 
Auf die Hohe sakraler Chorlyrik wurde aber der Paidon Eros von dem 
Thebaner Pindaros (522—442)^0) gefiihrt. Schon in der I. olym- 
pischen Ode (476 od. 472) nimmt die Liebe des Poseidon zu dem 
Tantaliden P e 1 o p s einen verhaltnismaOig breiten Raum ein. Neben 
andern Stellen, in denen jugendliche Kraft und Schonheit gepriesen 
wird (01. 8, 19; 9, 94; Nem. 3, 19), sei besonders die 11. olympische 
Ode (484) hervorgehoben, in dor neben der Freundschaft des A c li i 1 - 
1 e u s und Patroklos (v. 24) des Ganymedes gedacht wird und 
vor aliem der Eingang der 8. nemeischen Ode mit seiner Gleichstellung 
der Liebe zu beiden Geschlechtern : 

„Heilige Jugend, Botin 
Kyprias und himmlischer Wonnen der Liebe, 
Die du, thronend auf der Jungfrauen Wimpern, 
Auf der Jiinglinge Blick, 
Einen hier in sanftcii Zwangcs Armen wiegst, 
Dort andre stiirmisch erregst. . . .** 
llnter P i n d a r s Fragmenten f inden wir auch das tief empf undene 
Skoliou auf den tenedischen Jiingling Theoxenos, seinen Geliebten, 
iu dessen Armen der greise Dichter, als er zu Argos im TheatjCr 
einem Schauspiele beiwohnte, yerschieden sein soil. 

Pindar gedenkt wiederholt der gymnischen Wettkampfe 

der Griechen zu Olympia, Delphi, Nemea und auf dem korin- 

thischen Isthmos, wie sie uns auch von andern Orten Griechen- 

lands mit starker Hervorhebung des paiderotisehen Elements 

tiberliefert werden. So aus dem euboischen Chalkis. Plutarch 

heriehtet (Amat. e. 17 p. 761) : „Im Kriege der Thessalier gegen 

Eretria entstand den Chalkideern ein Retter in der Person des 

Kleom aches aus Pharsalos, eines Mannes mit der Seele eines 

Helden. Er sollte zuerst auf die feindlichen Reiter eindringen 

und fragte daher seinen anvvesenden Geliebten, ob er ein Zeuge 

des Kampfes sein wolle. Der junge Mann bejahte es, kuBte 

und umarmte ihn und setzte ihm den Helm auf. Da ward 

Kleomachos von klihner Freude ergrif fen, nahm die Besten 

der Thessalier mit sich, fcTierte sie mutig an und fiel so liber 

die Feinde her, daB die feindliche Reiterei verwirrt wurde 

und sich zur Flucht wandte so siegten die Chalkideer 

mit Macht. Jedoch den Kleomachos ereilte der Tod. Sein 

Grab zcigcn die Chalkideer auf dem Markte, wo bis heute 

noch die groBe Spitzsaule steht." 

II e s y c h i o s hebt hervor, daB seitdem ;ifaAxidC«>' gleichbe- 
deutend mit jraidFoaaxslv war. Dies bestatigt auch Athenaios 
(XIII 601 c), der noch hinzufiigt, daB die Chalkideer wie auch mehrere 
andro auf die Ehre Anspruch erhoben, daB aus einem Myrtenhain in der 
Niihe ihrer Stadt der schone Ganymedes geraubt sei ; mit Stolz 



0) Brandt, 1. c. S. 652. 



Digitized by VjOOQIC 



761 

seigten sie den Fremden diese Stelle, die sie Harpagion d. h. Raub- 
statte nannten. 

lu dem schon durch Theognis beriihmten nisaischen Megara 
wurden bei Beginn des Friihlings die Diokleen, Spiele zu Ehren des 
Nationalbelden D i o k 1 e s , abgehalten. Uber seinen Tod erzahlt man, 
dafi er im Kampfe an der Seite seines Lieblings gefochten und im 
Augenblick der Gefahr ihn mit seinem Schilde gedeckt und gerettet 
habe, dabei aber selbst gefallen sei. Ihm zu Ehren wurden spiiter die 
Diokleia gefeiert, bei denen zum Andenken an seinen Opfertod fiir 
seinen Liebling ein Wettkampf der Jiinglinge im Kiissen stattfand, den 
Theokrit (XII, 30) schildert: 

„Nabt sich der Friihling, so sammeln an seinem Grabe sich immer 
Junglinge eifernd im Kampf, um die Palme im Kiissen zu ernten; 
Wessen Lippen am siiBesten sich vermahlen den Lippen, 
Greht dann heim zu der Mutter, geschmiickt, ja belastet mit Kranzen. 
Selig ist, wer als Richter entscneidend priifet die Kiisse 1" 

Im AnschluB an den uralten Kult des Eros in dem boiotischen 
Thespiae wurden daselbst auch alle fiinf Jahr die E r o t i d i e n , wie 
Plutarch (Amat. c. I) in lokalpatriotischem Stolz berichtet, mit 
uberaus prachtigen und gianzenden Kampfspielen gefeiert. J)aB neben 
gymnastischen auch musische Wettkampfe daselbst ausgefochten wur- 
den, erfahren wir aus dem II. Kapitel von Plutarchs Schrift, und 
es wird iiberliefert, daB an denselben auch Preislieder auf den Paidon 
Eros, wie solche schon Stesichoros gedichtet, gesungen wurden. 

Vor allem beweisen, dafl gleichgeschlechtliche Liebe, selbst in 
ihrer sinnliclisten Form, nicht erst ein Produkt der Verfallzeit des 
Griechentums war, die vom Freiherrn Hiller von Gartring'en 
auf der Insel T h e r a (jetzt Santorin), einer der siidlichsten C ycladen 
im Agaischen Meer, aufgefundenen Inschriften, die, aus dem VII. Jahr- 
hundert stammend, iiberhaupt zu den altesten der bisher aufgefun- 
denen Inschriften gehoren und an drastischer Eindeutigkeit ihres In- 
halts nichts zu wiinschen iibrig lassen. Dafl wir es hier keineswegs mit 
Obszonitaten zu tun haben, sondern mit der Bekundung einer staatlich 
anerkannten, altgeheiligten Institution eines Verhaltnisses zwischen 
Mannern und Jiinglingen, hat niemand klarer ausgesprochen als Erich 
Be the, indem er in seiner Besprechung des Hillerschen Werkes 
iiber die theraischen Ausgrabungen (1899 ff.)'!) sagt: „Was uns als 
unnatiirliches Laster erscheint, wird hier offentlich verkiindet, fiir 
alle Zeiten unausloschlich in den Fels gegraben. Beim Fest der Gott- 
heit (den Karneien) spinnt sich das Band; unter seinem Schutz, in 
seinem Heiligtum wird das Verhaltnis besiegelt, der Gott ist Zeuge 
und heiligt es. Jeder frivole Gedanke liegt weltenfern. Man braucht 
sich nur die ernste Strenge alter ReligionsuDungen zu vergegenwiLrtigen, 
um zu erkennen, daB wir vor einer heiligen Handlung stehen. Mann und 
Jiingling verbinden sich zu einem ernsten, ehrwiirdigen Bunde unter des 
Gottes Augen, wie die Ehen im Tempel geschlossen werden." — 

Eine ahnliche Institution nimmt B e t h e '2) auch fiir Theben an, 
wo nach Aristoteles (cf. Plutarch, Pelopidas c. 18 u. Erotic, c. 17) 
am Grab des Heros Jolaos, des Genossen des Herakles. die Liebhaber 
und Geliebten ihre Treuversprechungen tauschten. Zu Aristo- 
teles' Zeiten, so schreibt B e t h e , wird man sich in Theben mit einer 
feierlichen symbolischen Form begnugt haben, die der EheschlieBung 
vor gott lichen Zeugen entsprach. Urspriinglich diirfte aber auch in 
Theben gerade auf dem heiligen Platz im Angesicht des heroischen 



'0 Cf. Beilage z. Allgemein. Zeitung. 1900. Nr. 15. H. L i c h t 
i. d. Zeitschrift f. Sexualwissensch. 1908. S. 491. 

'2) E. B e t h e , Die dorische Knabenliebe i. Rhein. Museum Bd. 62. 
1907. S. 438 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



752 

Vorbildes und Schiitzers der Jiinglingsliebe der Akt wie in Thera aus- 
geiibt worden sein. 

Ein ungunstiges Geschick, mehr noch die Verstandnislosig- 

keit der Nachwelt hat es verschuldet, daB von den griechischen 

D r a m e n , welche nach den Mitteilungen der Alien in nieht ge- 

ringer Zahl den Paidon Eros behandelten, nieht ein einziges 

erhalten blieb, so daB wir hier nur auf dlirftige Fragmente 

und literargeschichtliche Notizen angewiesen sind*^^). Wir 

brauchen aber nieht die Worte des Athenaios (XIII, 601a) 

in Zweifel ziehen, der von der Zeit der beiden groBen Tragiker 

schreibt: ,,Niemand machte ^us der Paiderasteia ein Hehl, so 

daB Aischylos, der doch ein groBer Dichter war, und ebenso 

Sophokles diese Liebe sogar auf die Blihne brachten. Darum 

nennen einige die Tragodie geradezu eine Statte der Paderastie, 

und die Zuschauer erfreuten sich daran." 

Aus dem Dionysosmythos, der alien Quelle iragischer Kunst, 
schopfte Aischylos die Tetralogie der Lykurgeia. Hier ist eine 
interessanie Sielle erhalten, die uns das weibische AuBere des neuen 
Gottes durch den rauhen Thraker Lykurgos schildern laCt : 

„Du Fremdling, Weib fast? welche Heimat sandte dich? . . . 

Wie kommi das Haarband, wie das Saffrankleid zum Speer, 

Wie Busengnrt und Myrrhen? das paBt nimmermehr. 

Wie hat der Spiegel gar Gemeinschafi mit dem Schwert? 

So schlank geschenkelt bisi du wohl halb Mann, halb Weib?^*)" 

Ob Aischylos selber dem Paidon Eros gehuldigt habe, ist 
nieht iiberliefert, wohl aber sind uns aus dem Leben seines groBen 
Nachf olgers Sophokles (496 — 406) mannigfache Zeugnisse hierfiir 
erhalten. Zuerst die von seinem Zeitgenossen, dem Tragiker Ion von 
Chios in seinen „Epidemiai" (Reiseerinnerungen) nach personlichem 
Erlebnis berichtete Episode aus dem Hause des Hermesilaos, 
des athenischen Konsuls auf Lesbos (Athen. XIII, 603 e) : „Den Dich- 
ter Sophokles habe ich in Chios getroffen, als er auf der Fahrt nach 
Lesbos als Feldherr begriffen war, und ich lernte in ihm einen Mann 
kennen, der schone Knaben wohl leiden mochte und bei einem Becher 
Wein ein angenehmer Gesellschafter war. Es war im Hause des 
Hermesilaos, der ihm zu Ehren ein Gastmahl gab, und da ge- 
schah es, daB der Knabe, der am Herdfeuer stand und den Wein zu 
mischen hatie, ihm gar sichtlich wohlgefiel. So sprach er denn zu dem 
Knaben: .Willst du wohl, daB mir der Wein rechi gut schmeckt?* — 
,Natiirlich,* antworiete dieser, und Sophokles fuhr fort: ,Dann 
muBt du selbst den Becher nahe an meine Lippen bringen I' Da nun auf 
den Wangen ides Knaben die roten Rosen aufbliihten, sprach er zui einem 
der Gaste : ,Wie schon ist doch das Wort des Phrynichos: 

,Es leuchiet auf den purpurnen Wangen das Feuer der Liebe*. — 
Nach einem kleinen Disput wandte sich Sophokles wieder an den 
Knaben, der eben mit dem Finger ein Halmchen vom l^nde des Bechers 
nehmen wollte, mit der Frage, ob er das Halmchen sahe. Da er dies 
bejahte, so^ie der Pichter: ,Nun gut, so blase es mit dem Munde 



^3) F. G. W e 1 c k e r , Die griech. Tragodie. Rhein. Mus. Suppl. 
1839. — H. L i c h t , D. Paidon Eros i. d. griech. Dichtung V. i. d. 
Anthropophyteia IX, 1912. S. 300 ff. 

'*) Drey sen, 1. c. S. 470. 



Digitized by VjOOQIC 



753 

fort, damit du dir den Finger nicht naB machsti' Wie nun der Enabe, 
um das zii tun, den Becher seinem Munde naherte, zog S o ph o k 1 e s 
den Becher seinem eignen Munde naher, damit Kopf an Kopf und 
Wange an Wange kame. Und als sie nun ganz nahe bei einander 
waieu, da umschlang er den Knaben mit dem Arm und kilBte ihn. Da 
klatschten alle und riefen ihm lachend Beifall, daB er den Knaben so 
schon iiberlistet hatte, er aber sprach : ,Ich iibe mich in der Feld- 
herrnkunst, ihr Freunde, da doch P e r i k 1 e s sa^te, ich verstande mich 
zwar auf die Poesie, aber nicht auf die Strategic. 1st mir nun dieser 
Feldzug nicht trefflich gegluckt?*'*^)" — 

Athenaios erwahnt (XIII, 604 d), nach einer Mitteilung des 
Aristoteles schiilers Hieronymos von Rhodes, daB der Dich- 
ter sogar einmal bei einem zart lichen Stelldichein Ifw wZ/orc (vor 
dem Tor) das Opfer einer Prellerei geworden sei, wobei er seinen Mantel 
eingebiiflt und dazu noch den Spott des Euripides geerntet habe. 
Athenaios nennt an dieser Stelle, gestiitzt auf eine iiberlieferte 
AuBerung des Sophokles, den Euripides zwar (ptXoyvvrfg, es wird 
auch von einer zweimaligen Ehe des Dachters gesprochen, doch be- 
richten sowohl Plutarch im Erotikos (c. 24) wie Aelian (V. H. 
XIII, 4) von einem Liebesveirhaltnis zwischen ihm und dem Dichter 
A g a t h o n , obwohl letzterer ^chon etwa 40 Jahre zahlte, wobei 
Euripides das Auffallende seiner Neigung zu einem „Bartigen" mit 
deu Worten entschuldigte : „Bei den ,Sch6nen* erwartet man auch einen 
schonen Spatsommer". -^ Agathon, von dessen femininem Cha- 
rakter Aristophanes in den „Thesmophoriazusen" (v. 13 ff.) eine er- 
gotzliche, wenn auch iibertriebene Charakteristik gibt, war keiner der 
unbedeutendsten Dichter, einer seiner dramatischen Siege gab (416) 
Gelegenheit zu dem Symposion, das P 1 a t o n in seinem Meisterdialog 
verewigt hat, und auch Aristoteles hat fiir ihn nur Worte der An- 
erkennung. 

Unter des Euripides Werken ist uns das einzige voll- 

standig erhaltene Satyrdrama der alten Btihne der Kyklops 

tiberliefert. Tritt uns in dem ernsten Drama der Paidon Eros, 

soweit es die spar lichen Fragmente erkennen lassen, durchweg 

in seinem Pathos entgegen, so bot das Satyrdrama, wie schon bei 

Aischylos und Sophokles, Raum zu seiner humorvoUeren 

Behandlung. 

Das zeigt der Kyklops des Euripides. Der Stoff ist der be- 
kannleu Erzahlung aus dem 9. Gesang der Odyssee vom Abenteuer des 
Odysseus bei dem unholden Kyklopen Polyphemos entnommen. 
Als der Kyklop in seiner Trunkenheit die Charitinnen vor sich zu er- 
blick^n glaubt, spricht er (v. 581): 

„Ich kiiB' euch ^ichtl Geht, laBt mich los, ihr Huldinnenl" 
(Er greift paiach dem alten Seilenos, der vor ihm kauert) 

„Mir genugt der Ganymedes hier, ein schoner Kerl, 

Bei alien Huldinnenl Schatz' ich stets ein Biibchen doch 

Mit einem Bart weit hoher als ein Madchenkinn." 
Seilenos (sich wehrend) : 

„Du irrst dich, Herr! Ich bin des Zeus Ganymedes nicht." 
Kyklop (indem er aufsteht und den Alten f ortschleppt) : 

„Bei Zeus, du bist'sl Stracks raub' ich dich." 
Seilenos: 

„Weh mir! Des Weines bittre Hefe schmeck* ich nun I" 



75) E. V. Kupffer, 1. c. S. 189. — P. Brandt i. JahrbuchVIII 
(1906) S. 632. 

Hirschfeld, HotnosexualitSlt. ^ 



Digitized by VjOOQIC 



754 

Der Kyklop schleppt ihn darauf taumelnd in die Grotte hinein^*). 
Aus den Fragmenten der andern dramatischen Dichter hat Licht^^) 
Stellen, die sich auf den Paidon Eros beziehen, zusammengestellt. 

Bparlich rinnen die Quellen liber unser Thema bei 

Hero dot von Halikaraassos (484 — 425), dem sonst so viel- 

seitigen und reichhaltigen „Vater der Gesehichte**. Kultur- und 

KuDstgeschichtliches, Mythologie und Sexualleben flihrt er in 

buntem, kaleidoskopischem Wechsel vor unsern Augen voriiber. 

Namentlich auf letzterem Gebiet ist er eine reiche Fundgrube 

ftir die Hochzeits- und Ehegebrauche der alteren Kultur- und 

Naturvolker. Selbst Erscheinungen, wie den heterosexuellen 

Analcoitus (I, 61), Incest (II, 131), Zoomixie (II, 46) und 

Nekrophilie (II, 89 ; V, 92) erspart er dem Leser nicht. Um so 

merkwtirdiger muB es erscheinen, dafi er des Paidon Eros nur an 

einer einzigen Stelle und auch da in nicht gerade sympathischer 

Weisc gedenkt. Es ist dies die Bemerkung, dafi die Perser 

erst von den Griechen die Jtinglingsliebe gelernt hatten. 

Aus dem Zusammenhang dieser Stelle geht im Verein mit dem 
sonstigen voUigen Verschweigen des Paidon Eros im Gegensatz zu 
den zahlreichen Anfiihrungen anderer sexueller Anomalien, Varia- 
tionen und Aberrationen ,wohl deutlich hervor, daB Herodot der Er- 
scheinung unsympathisch gegeniiberstand. Denn weder gedenkt er 
beim Zuruckbleiben des Herakles auf der Argonautenfahrt (VII, 
193) seiney Lieblings Hylas, der nach der Sage Soch die eigentliche 
Ursacbe hiervon war, noch bei der Erwahnung des Aristogeiton 
und Harmodios (V, 35 u. VI, 123) ihres bekannten Freundschafts- 
und Liebesbundes. Erklarlich erscheint uns des Halikarnassiers rigorose 
Stellungnahme durch die Bemerkung des Pausanias im plato- 
nischen „Symposion** (C. 9, 182 b), dai5 „in Jonien und sonst an vielen 
Orteu, welche unter der Herrschaft von Barbaren leben, der Paidon 
Eros, wie auch die Philosophic und Gymnastik fiir schimpflich und 
unerlaubt galten, da den dortigen Machthabern engere Biindnisse freier 
Manner politisch unbequem werden konnten. — Im 105. Kapitel 
des I. Buches, sowie im 67. des lYj, Buches spricht Herodot voa den 
schoii erwahnten skythischen Enarern und I, 175 u. VIII, 104 findet 
sich der sonderbare Bericht von der Virilisierung der Athenepriesterin 
bei den Pedasern, einem Volksstamm in der Nahe von Halikarnassos. 
„Denn so oft denselben und auch ihren Nachbarn ein Ungliick bevor- 
steht, bekommt die Priesterin der Athene einen langen Bart' und das 
hat sich schon dreimal begeben." Man konnte hier vielleicht annehmen, 
daB diese Priesterin p.us gewissen kultischen Griinden einen kiinst- 
licheu Bart angelegt habe, doch ist Genaueres hieriiber wohl noch 
nicht ermittelt. 

Wir kommen zu Thukydides (460 — 400). Aus seinem 
Geschichtswerk (460 — 400) ist ftir uns besonders die Schilderung 
bemerkenswert, welche er von der Vertreibung der Peisistratiden 
gibt. 



'*) Die Dramen d. Euripides. Verdeutscht v. J. M i n c k - 
witz, Bd. II. 

") H. Licht, 1. c. S. 316. 



Digitized by VjOOQIC 



766 

Thukydides erzahlt (VI, 64 ff .) : „Des duroh Jugendschonheit 
ausgezeichnetea Harmodios erfreute sich Aristogeiton, ein 
Burger aus dem Mittelstande, als begiinstigter Liebhaber. Harmo- 
dios erhiell aber auch von Hipparchos, dem (jiingeren) Peisistra- 
tiden, Antrage ; doch lieB er sich zu nichts iiberreden, sondern be- 
klagte sich dariiber beim Aristogeiton. Dieser nahm das in 
seiner Verliebtheit sehr iibel auf, und aus Furcht, der machtige Hip- 
parchos mochte jenem Gewalt antun, iiberlegte er, wie er mit seinen 
Mitteln die Gewaltherrschaft stiirzen konne. Hipparchos dagegen, 
der den Harmodios trotz wiederholter Antrage nicht zu gewinnen 
vermochte, wollte zwar vor der Hand keine Gewalt gegen ihn ge- 
brauchen, sann aber darauf, sich bei einer minder in die Augen fallen- 
deji Gelegenheit, als ob es nicht gerade deshalb geschahe, an ihm durch 
einen Schimpf zu rachen. Durch eine schimpfhche Beleidigung seiner 
Sch wester auf Veranlassung des Hipparchos fiihite sich Harmo- 
dios noch mehr gekrankt, und um seinetwillen wurde auch Aristo- 
geiton noch mehr zur Rache aufgereizt. Sie verabredeten daher alles 
mit den Teilnehmern der Verschworung, warteten jedoch die groBen 
Panathenaen ab, den einzigen Tag, wo unverdachtigerweise Biirger, 
die den Festzug leiteten, sich in Masse bewaffnet zeigen konnten (67). 
Beim Beginn des Testes wax nun H i p p i a s auBerhalb der Stadt auf 
dem Kerameikos inmitten seiner Leibwache mit Anordnungen iiber 
die Einzelheiten des Festzuges beschaftigt. Harmodios imd Ari- 
stogeiton schritten mit Dolchen bewaffnet zur Ausfiihrung. Als 
sie jedoch wahrnahmen, daB einer ihrer Mitverschworenen sich ver- 
traulich mil H i p p i a s unterredete, da er ja von jedermann sich leicht 
sprechen lieB, so gerieten sie in Furcht, daB alles entdeckt sei und sie 
sogleich festgenommen wurden. Sie wollten aber doch, wenn irgend 
moglich, wenigstens noch an dem, der sie gekrankt und durch dessen 
Schuld das ganze Wagnis veranlaBt war, zuvor noch Rache nehmen und 
drangen deshalb ungesaumt zum Tore hinein. Da trafen sie den 
Hipparchos beim Leokorion und fielen unversehens mit iiuBerster 
Wut, der eine aus Eifersucht, der andere durch Beleidigung gekrankt, 
iiber ihn her, verwundeten und toteten ihn. Aristogeiton ent- 
kam zwar fiir den Augenblick im Getiimmel des Volksauflaufes der 
Leibwache, wurde aber bald ergriffen^ und spater getotet. Harmodios 
dagegen wurde augenblicklich auf dem Platze niedergemacht. So ge- 
schan es, daB gekrankte Liebe fiir Harmodios und Aristogei- 
ton die erste Veranlassung zu der Verschworung wurde, wahrend der 
plotzliche Schrecken sie zu der unbesonnenen Ausfiihrung des Wag- 
nisses hinriB." Thukydides ist der erste Autor, der von dem Liebesbund 
des Harmodios und Aristogeiton berichtet und dessen Glaub- 
wiirdigkeit und Zuverlassigkeit keinen Zweifel zulassen. Wir wissen, 
daB ihr Nimbus der Vaterlandsbefreier gleichwohl in der atti- 
scheu Tradition lange fortdauerte, doch blieb auch ihr Ruhm als treue 
Hiiter ihres Liebesbundes ungemindert, dessen Heiligkeit und Unver- 
letzlichkeit mit bewaf fneter Hand zu verteidigen, zu rachen und mit 
ibrem Tode zu besiegeln, sie sich nicht scheuten. 

Reiches, ja liberreiches Material zur Gesehichte des grie- 
chischen Paidon Eroar hat die „attische Biene**"^^), der Athener 
Xenophon (430 — 355) zusammen getragen. Fast keine seiner 
zahlreichen Schriften ermangelt dessen, so dafi er in der klas- 
sischen Zeit des Hellenentums neben Platen die Hauptquelle 
fiir unsre Untersudhungen bildet, ja in bezug auf Reichtton! 

") Bei P h o t i o 8 cod. 0X0. 
'9) Antholog. graec. Ill, 174. 

48* 



Digitized by VjOOQIC 



756 

der personlichen und historischen Details diesen noch iiber- 

trif f t, wahrend in spaterer Zeit nur noch Plutarch, Lukian 

und Athenaios isich ihm zur Seite stellen dtirfen. 

Doch hat er vor diesen den Vorzug*, fast durchweg aus unmittelbarer 
Gegenwart und Umgebung zu schopfen. Selbst in seinem ,,Jagd- 
biichlein" (Kynegetikos) hat er sich nicht enthalten, eine auf den 
Paidon Eros gegriindete Hauptregel lakonischer Jugenderziehung mit 
einzuflechten (c. 12, 20) : ,,Denn sobald jemand von seinem Geliebten 
geselien wird, so sucht jcder sich selbst zu iibertreffen; auch spricht, 
noch tut er etwas Schimpfliches oder Schlechtes, damit er nicht dabei 
von jenem gesehen werde." 

Unter Xenophons historischen Schriften hat man von jeher 
die „ Anabasis**, den Feldzug der Zehntausend, wegen der Unmittelbar- 
keit und Frische der Schilderungen am hochsten geschatzt. Auch 
fiir die Beurteilung des Paidon Eros ist sie von hohem Wert. Schon in 
der Charakteristik der in der Schlacht bei Kunaxa (401) in Vertrags- 
bruch von den Persern ermordeten Feldherren bildet der Paidon Eros 
eiu wichtiges Moment. So wird der auch durch P la tons gleich- 
naraigeu Dialog bekannte Thessaler M e n o n als ihm sehr ergeben ge- 
schildert (II, 6, 28). Er war in jiingeren Jahren zu Larissa der Geliebte 
des Aleuaden Aristippos gewesen (Platon, Menon p. 70), spater 
licbte er den Tharypas, „als Bartloser einen Bartigen**, wie X e n o - 
p h o n besonders bemerkt. Auch die hellenischen Soldner fiihrten 
auf ihrem Riickzug durch das Gebirgsland der Karduchen (Kurdistan) 
nicht nur kriegsgefangene Weiber, sondern auch Jiinglinge als Konter- 
bande mit sich. Typisch ist die Geschichte, die Xenophon von der 
Intervention des Episthenes erzahlt, „als Seuthes die gefangenen 
Thyner (Ostkiiste der heutigen Provinz Adrianopel) toten lieB** (VII, 
4, 7) : ,, Als namlich Episthenes bei dieser Gelegenheit einen 
schonen, bewaffneten Jiingling sah, der gleichfalls sterben sollte, eilte 
er zu Xenophon und bat ihn, jenen zu retten. Dieser wandte sich 
an Seuthes mit der Bitte, dem Jiingling das Leben zu schenken 
und erzahlte ihm dabei, daO Episthenes einmal bei Anwerbung einer 
Schar nur auf schone Leute gesehen und sich mit diesen sehr brav 
im Felde gehalten habe. Seuthes fragte den Episthenes daher : 
,,Wiirdest du wohl fiir den Jungling sterben?** — Da hielt Episthe- 
nes seinen Nacken hin und sagte: „Hau nur zu, wenn es der Jiingling 
befiehlt und meiner dafiir dankbar gedenken will.** — Seuthes fragte 
darauf den Jiingling, ob er nun den Episthenes statt seiner toten 
solle. Der ging jedoch keineswegs darauf ein, sondern sagte, Seuthes 
moge ihnen beiden das Leben schenken. Da umschlang Episthenes 
den Jiingling und sprach: „Nun muBt du dich mit mir um ihn schla- 
gen, denn im Guten laB' ich dir den Jungen nicht.** Da lachte Seu- 
thes und lieD es dabei bewenden.** 

Aus einer groBen Anzahl der iiberlieferten Inschriften ersehen 
wir, daB das Attribut der „Schonen** ixaXoi) als Kollektivbezeichnung 
fiir die der Liebe ihrer alteren Geschlechtsgenossen begehrenswerten 
Jiinglinge gait. So erfahren wir auch in Xenophons „Hellenischer 
Geschichte (II, 46) gelegentlich des Uberfalls bei Phyle (404) den 
Tod des Atheners Nikostratos, des ,, Schonen**, und II, 3, 56 trinkt 
Theramenes, der „Danton** der DreiBig, mit grimmen Todeshumor 
den Giftbecher aufs Wohl seines politischen Gegners K r i t i a s , des 
„Sch6nen**, den wir auch in Xenophons „Sokrati8chen Denkwiirdig- 
keiten** (I, 2, 29) und bei Platon (Charm;ides u. Politeia II, 10 p. 368) 
als Anhanger des Paidon Eros kennen lernen. Von ganz besonders 
starker personlicher Sympathie war Xenophon fiir den Spartaner- 
konig A g e s i 1 a o s (gest. 361/60) erfiillt, dem er eine eigene nistorische 
Monographie in Form eines Nekrologs widmete. Hier kommt er im 



Digitized by VjOOQIC 



757 

5. Kapitel auch auf den Paidon Eros des Konigs zu spreohen und riihmt 
dessen Enthaltsamkeit im Liebesgenufi, die so groiJ gewesen sei, dafi 
beispielsweiso er, „der den Megabates, des Spithridates 
Sohu, liebte, wie nur die heftigste Natur den schonsten Jiingling lieben 
kann '^a), doch, als Megabates ihn nach der Landessitte der Perser 
kussen wollte, sich mit alien Kraften dagegen straubte". Dabei war, 
wie mannigfach bezeugt ist, gerade in Sparta der Paidon Eros 
nach B e t h e 8 ^^b) Worten die denkbar inniffste Verbindung zweier 
Geschlechtsgenossen, aus der in reichster Fiille hervor sprolten die 
edelsten Triebe eigner Vervollkomnmung im Wettstreit mit dem andern 
und unbedingte Hingabe fiir den Geliebten in jeder Gefahr und 
bis zum Todc mitten in des Lebens Friihlingsbliite". 

Auf dem Gdbiet' der griechiscjhen Philosophie®^) hat sich, 

nach den vorhandenen Fragmenten zu urteilen, zuerst P a r - 

men ides (616 — 460), der groBe Philosoph der eleatischen 

Schule, mit sexuellen Fragen beschaftigt. Der gleichnamige 

platonische Dialog schildert ihn zur Zeit des jungen Sokrates 

(geb. 469), ganz weiBhaarig, edlen Ansehens, etwa 65 Jahr alt, 

wahrend sein Schtiler, Zenon von Kittion, der zugleich auch 

als sein Liebling gait, etwa 40 Jahre zahlte. — Dem Par- 

menides gait der Eros als kosmogonisch schaffendes und 

ordnendes Prinzip (fr. 13). 

Im II. Teil seines groDen, uns nur in Triimraern iiberlieferten 
Lebrgedichtes „iiber die Natur" ist von besonderer Wichtigkeit Fr. 18, 
das uns allerdings nur in dem etwa neun Jahrhunderte jiingeren 
Werke des numidischen Arztes Caelius Aurelianus „iiber akute 
und chronische Krankheiten" (IV, 9) erhalton ist. Aurelianus 
schreibt: „Parmenides sagt in den Biichern, welche er iiber die Natur 
geschrieben hat, daB durch einen Zufall bei der Empfangnis bisweilen 
sich feminin unterwerfende Menschen (subacti homines = pathici) 
entstanden. Das heifit in die Sprache unserer Tage iibertragen: Schon 
Parmenides bemiihte sich, wie die altindischen Weisen, die Ilomo- 
sexualitat auf biologischem Wege zu erklaren, er suchte, wie jene, 
ihre Wurzeln in der Stunde der Empfangnis, sah sie mithin als an- 
geboren an, wie Aurelianus im weiteren dies mit den Worten be- 
statigt: „Viele medizinische Schulhaupter behaupten aul3erdem, daC 
diese Leidenschaft angeboren sei und deswegen mit dem Samen auch 
auf die Nachkommenschaft gelange." jEmpedokles von Agrigent 
(geb. 496) kommt ebenfalls auf das Gesetz der Doppelgeschlechtig- 
keit der organischen Wesen zu sprechen und erwahnt Fr. 61 : ,.M i s c h - 
geschopfe, hier manner-, dort frauengestalti g". 

Von dem Pythagoraer Philolaos von Kroton, einera Zeit- 
genossen des Sokrates, ist ein auf den Paidon Eros beziip^licHes 
Fragment (16) erhalten, in dem es heiBt: „Daher haben wir gewisse 
Vorstellungen und Leidenschaften nicht in unserer Gewalt, wie auch 
gewisse Handlungen, die auf solchen Vorstellungen und Oberlegungen 
beruhen. Es gibt vielmehr gewisse Motive, die starker sind 
a 1 s w i r .** 



'»a) Cf. Ivo Br uns, 1. c. S. 130. 

79b) B e t h e 1. c. 

^^) Fragmente der Vorsokratiker, gricch. u. deutsch von 11 e r ra. 
D i e 1 s , 2. A. 1906. Die Vorsokratiker. In Auswahl iibers. v. W i 1 h. 
Nestle. 1908. 



Digitized by VjOOQIC 



768 

Unter den mehr oder minder aphoristisch iiberlieferten Fragmenten 
des Atomistikers Demokritos yon Abdera (geb. 460), oes ,,la- 
chenden Philosophen", finden ,sich mehrere, die die Freundesliebe 
besonders preisen, so z. B. Fr. 99: Wer keinen einzigen braven Freund 
besitzt, ist nicht wert zu leben; und 103: Wer niemand liebt, kann 
meines Bediinkens auch von niemand geliebt werden. 

Dem Demokritos ungefahr gleichaltrig war der be- 
rtihm teste Arzt des hellenischen AltertumS, Hippokrates von 
Kos (geb. 460). Wir konnten seiner schon bei der '^^Xeia vovaog 
der Skythen gedenken; unter seinem Namen veroffentlichte in 
spaterer Zeit eine groBe Anzahl medizinischer Autoren ihre 
Sehriften, so dafi die einzelnen Bestandteile des Corpus Hippo- 
crateum heute nicht mehr ganz leicht voneinander zu trennen 
und zeitlich zu bestimmen sind^^). Im hippokratischen, noch 
jetzt gebrauchliehen Arzteeid muBte der junge Asklepiade 
geloben, sich in den Hausern seiner Patienten von gescftlecht- 
lichem Verkehr jeglicher Art mit Mannern und Weibern, Freien 
und Sklaven fern ^u halten. 

In bezug auf das Problem der Zwischenstufen erscheinen folgende 
Stellen von hohem Interesse „Uber die Diat", Lib. I, 28. (F u c h s , 
1, 303; Kuehn, I, 650): 

jjWenn nun die beiden abgesonderten Korper (Samen- und Eizelle) 
zufallig mannlich sind, so nehmen sie je nach dem Vorhandenen zu, 
und das werden dann Manner von glanzendem Geist und starkera 
Korper, wofern sie nicht durch die spatere Lebensfiihrung Schaden 
leiden. Wenn aber vom Manne Mannliches, vom Weibe hingegen Weib- 
liches abgesondert wird und das Mannliche die Oberhand erlangt, so 
mischt sich die schwachere Seele mit der starkeren, denn sie findet 
in dem Vorhandenem nichts, was ihr mehr verwandf ware, nimrnt doch 
die kleine Seele die grofiere auf und die groBere die kleinere. Ge- 
meinsam aber beherrschen sie das Vorhandene. Der mannliche Korper 
nimmt zu, der weibliche dagegen ab und wird zu einem andern Schick- 
sal ausgeschieden. Diese Manner sind zwar weniger glanzend als 
die vorigen, gleichwohl aber werden sie, weil ja das Mannliche, welches 
vom Manne kam, gesiegt hat, mannlich und sie tragen diese Be- 
zeichnung mit Recht. 

Wird jedoch von dem Weibe Mannliches abgesondert, 
von dem Manne dagegen Weibliches und siegt das Mann- 
liche, so nimmt dieses auf dieselbe Art zu, wie das Vorhergenannte, 
jenes aber nimmt ab. Diese warden Woibmanner (a n d r o g y n o i) und 
werden mit Recht so genannt. 

(Kap. 29) : Das Weibliche aber entsteht auf dieselbe Art und 
Weise. Wenn namlich von beiden Weibliches abgesondert wird, so 
entsteht ein Wesen von hochster Weiblichkeit und groBtcr Schonheit. 
Ist aber das vom Weibe koramende weiblich, das vom Manne kommende 
dagegen mannlich und siegt das Weibliche, so nimmt es auf dieselbe 
Art zu und es entstehen mutigere Frauen als die vorgenannten, gleich- 
wohl aber sind auch sie anmutig. 

Ist endlich das vom Manne kommende weiblich, das vom Weibe 
kommende hingegen mannlich und siegt das Weibliche, so nimmt es 
auf die namliche Art zu und es entstehen verwegenere Weiber als die 
vorgenannten, man nennt sie mannliche Weiber (andreiai). 
t 

81) Hippokrates' Werke. Deutsch v. Dr. R. Fuchs. 1895. 
2 Bde. 



Digitized by VjOOQIC 



759 

Zwei eigentiimliche Falle anscheinender Geschlechtsumwandlung 
werdeii in dem VI. Buch der „Epidemieii" (Kap. 8, 32) berichtet 
(Fuchs, II, 291; Kuehn, III, 630): „In AMera (Thrakien) liatte 
Phaetusa, die Haushalterin des Pytheas, friiher Kinder gehabt; nach- 
dem ihr Mann aber verbannt worden war, blieb bei ihr der Monats- 
fluB lange Zeit aus. Darauf stellten sich Schmerzen und Rotung 
in den (felenken ein. Nachdem das geschehen war, bekam ihr Korper 
ein mannliches Aussehen, er bekam (iberall Haare, Bart sproBte hervor, 
die Stimme wurde rauh und, obwohl wir alles unternahmen, was dazu 
dienen konnte, den MonatsfluC wieder hervorzurufen, kam er doch 
nicht, sondern Patientin erlag, nachdem sie noch kurze Zeit gelebt 
hatte." — Auch Nanno, der Frau des Gorgippos, auf der Insel Thasos, 
war dieses Schicksal beschieden. Alle Arzte, mit welchen sie zu- 
sammenkam, , glaubten, es bestehe nur eine einzige Hoffnung, dafi Pa- 
tientin wieder zur Frau werden wiirde, wenn namlich die l)ei den 
Frauen natiirlichen Vorgange (MonatsfluB) wiederkehrten. Doch auch 
bei dieser Patientin konnte man, obschon man alles versuchte, den 
MonatsfluU nicht wieder hervorrufen, vielmehr starb sie nach kurzer 
Zeit." 

Vorbereitet von den viel geschmachten, in Wahrheit aber, 
wie sie Be the nennt, unvergleichlich verdienten Sophisten hat 
in der zweiten Halfte des V. Jahrhunderts zu Athen des 
Sophroniskos und der Phainarete Sohn dem hellenischen 
Geist und somit der geistigen Entwicklung der gesamten Kultur- 
welt eine entscheidende Wendung gegeben, von der auch der 
Paidon Eros nicht unbeeinfluCt blieb. Von den Zeiten desi ehr- 
wiirdigen J. M. Gessner (1691 — 1761)^^) bis zu unseren 
Tagen®'') ist die Frage iiber Sokrates* Stellung zum Paidon 
Eros «ine oft diskutierte geblieben. Heute, wo wir an das 
Problem Sokrates mehr den MaBstab des Sexualforschers als 
den des Philologen anlegen, diirfen wir das Ergebnis unserer 
Untersuchungen wohl dahin zusaminenfassen, daB Sokrates 
den pandemischen Eros zu einem uranischen sublimieren, der 
sinnlichen Betatigung moglichst enge Schranken ziehen wollte, 
um der geistigen den weitesten Spielraum zu lassen. Er wollte, 
wie dies M. H. E. Meier®^) tVefflich ausdriickt, Atjien zur 
Stadt der philosophischen Jtinglingsliebe machen. 

In Athen hielten sich damals in den Bordellen, die eine hohe Steuer 
trugen, auch Jiinglinge feil. In einem dieser Hauser sah Sokrates zum 
ersten Male Phaedon (Diogenes Laertius II, 105). Dieser ungluckliche 
Knabe war in Elis geboren. Als Kriegsgefangenor wurde er auf offenem 
Markte verkauft, und der Kaufer fuhrte ihn der Prostitution zu, um 
das Geld, das er mit seinem Korper verdiente, fiir sich zu behalten. 
Ein Freund des Sokrates kaufte ihn von seinem Herrn^ und so 
wurde er einer der Hauptteilnehmer des sokratischen Kreises. Der 
Dialog Plat OS iiber die Unsterblichkeit tragt Phaedons Namen, 



w) J. M. G e s s n e r , Socrates sanctus paederasta. 

w) O. K i e f e r , Sokrates u. d. Homosexualitat i. Hirschfelds Jahr- 
buch IX, 1908. S. 199. 

8*) M. H. E. Meier, Paederastie in Ersch u. Gruber, Allgem. 
Encyclopaedie III, 9. 1837. S. 149 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



760 

er griindete spater die sogenannte Eleatisch-Sokratische Schule. 
„Kem Leser Plato s", sagt S y m o n d s ^5), „wird die S telle ver- 

fessen, wo Sokrates am Abend vor seinem Tode das schone lange 
faar des Jiinglings streichelt und ihm sagt, er wiirde es bald als 
Zeichen der Trauer fiir seinen Lehrer abschneiden miissen". 

Die hochste Entwicklung der von Sokrates iiber den Paidon 
Eros vertretenen Anschauungen werden wir bei P 1 a t o n finden, vor- 
erst mag uns die Darstellung Xenophons beschaftigen, der wir 
wohl ein treueres und subjektiv weniger beeinflnCtes Bild von der 
Personlichkeit und den Lehren des Sokrates verdanken. Nach 
Xenophons Schilderung sah es Sokrates nicht als die kleinste 
seiner Aufgaben an, im taglichen Verkehr seine Schiiler und Zuhorer 
vor den Verlockungen und Gefahren des Eros pandemos eindringlicbst 
zu warnen und ihnen die Hoheit und Heiligkeit des Eros ,Uranios mit 
begeisterten Worten zu preisen. Als getreuen Eckart der athenischen 
Jugend laBt ihn Xenophon in den „Erinnerungen"8«) auftreten. 
Vor allem in drei ausfiihrlichen Gesprachen laBt er den Meister 
die Gefahren des Eros pandemos schildern. Zuerst sucht Sokrates 
K r i t i a s von seinen aufdringlichen und weitgehenden Bewerbiingen 
um den „sch6nen" Euthydemos abzubringen, indem er ihm vor- 
stellt (I, 2, 29 f.), ,^wie wenig es sich fiir einen freien, edeln Bind 
guten Mann zieme, den Geliebten, dem er doch besonders achtungswert 
erscheinen wolle, zu bitten, wie ein Bettler im Staube knieend und 
um ein Almosen flehend, und dabei um was fiir eine Gabe!" Als 
Sokrates erfuhr, daB Kritobulos den schonen Sohn des A 1 k i - 
b i a d e 8 gekiifit habe (nach X e n o p h. Sympos. 4, 12 ff.), vergleicht 
er mit warnenden Worten in einem Gesprach mit Kritobulos und 
Xenophon (I, 3, 8 ff.) die Kiisse der ,, Schonen" mit dem BiB der 
Giftspinne, ja jene seien noch weit mehr zu meiden, da sie nicht' nur 
bei korperlicher Beriihrung, sondern sogar durch ihren bloCen An- 
blick gefahrlich wurden und nur eine langere zeitliche und ortliche 
Entfernung aus ihrem Bannkreise gegriindete Aussicht auf Heilung 
biete. 

Wir diirfen bei einer Wiirdigung dieser mehr oder minder dra- 
matisch gestalteten Unterredungen die bekannte von P 1 a t o n zu 
glanzendster Darstellung gebrachte Ironie des Sokrates nicht uber- 
sehen, von der auch ein Abglanz in Xenophons Mitteilungen er- 
scheint. Denn aus all den verschiedenen Tonarten, dem lebhaften Ent- 
setzen iiber die Tollkiihnheit des Kritobulos, der Emporung iiber 
Xenophons gleichen Wagemut, der Drastik der Vergleiche schaut 
der Schalk Sokrates' heraus, der die TJnterredung mit den feinsten 
Bliiten attischen Humors wiirzt, in der tJberzeugung, hierdurch mehr 
zu wirken als durch trocknen Dogmatismus und griesgramiges Schel- 
ten (Memor. IV, 11). — Der gleiche ironische Humor kommt auch in 
dem d r i 1 1 e n , wiederum mit Kritobulos gefiihrtem Gesprach (II, 6) 
iiber die Wahl und Gewinnung von Freunden zum Ausdruck, in dem 
Sokrates den Eros des Kritobulos zur Philia, zur sinnlich unbe- 
einfluBten obiektiven Freundschaft umzuwandeln sich bemiiht. 

Man darf nicht iibersehen, daB Sokrates nicht nur gegen 
die „sexuellen Entgleisungen" im Gebiet des Eros Paidon polemi- 
siert, sondern auch im heterosexuellen Geschlechtsverkehr vor dem 
ObermaB und Uberschwang warnt und zur Enkrateia und Sophrosyne 
rat. Uberhaupt miBt Sokrates, wie aus zahlreichen Stellen der 
xenophontischen ,,Erinnerungen" hervorgeht, vom Standpunkt seiner 

**) j.Das kontrare Geschlechtsgefiihl" von Havelock Ellis 
und J. A. S y m o n d s. Deutsche Original Ausgabe von Dr. Hans 
Kurella. Leipzig 1896. p. 91. 

w) Xenophons Erinnerungen an Sokrates. tJbertr. v. O. K i e - 
fer. 1906. 



Digitized by VjOOQIC 



761 

Etbik heterosexuell und homosexuell mit gleichgerechtem und gleich- 
strengem MaBstabe, und ea ergibt sich fiir die heterosexuelle Majori- 
tat moderner Kulturvolker keine Moglichkeit, gestiitzt auf seine Autori- 
tat, die homosexuelle Minderheit einseitig zu verurteilen. 

Eine Nutzanwendung dieser Ansichten tiber den Paidon 

Eros gibt Xenophon in seinem ,,Symposion*', das er inx 

Jahre des Friedens des Nikias (421) den spartanischen Konsul 

zu Athen, den reichen K alii as, Stiefsohn des PeriklesJ 

(Plutarch, Perikles 24) und Schwager des Alkibiade.s 

(Plutarch, Alkib. 8), zu Ehren seines Lieblings Autolykos, 

dee jugendlichen Faustkampfsiegers, veranstalten und durch 

Sokrates' Anwesenheit verherrlichen laBt. In stetiger Subli- 

mierung tritt uns im Verlauf dieses Gelages der Paidon Eros 

entgegen. 

Zuerst in grobsinnlicher vulgarer Form in der Person des syra- 
kusiscben Gauklers (4. 52). Mit plumper Naivitat gibt dieser fzu, 
sich nach Gefallen an der Jugendschonheit seines Kunstschiilers zu 
er^otzen, wobei er Jedoch eifersiichtig daruber wacht, daJ3 ibm dabei 
kem anderer ins Gehege kommt. Er muB sich dafiir eine acharf- 
sarkastische Abfertigung von Sokrates gefallen lassen. 

Auf einer hoheren Stufe treffen wir Kritobulos, der hier als 
Liebhaber von Kleinias, dem Vetter oder jiingern Bruder des 
Alkibiades, erscheint. Er reprasentiert die vornehme Jugend sei- 
ner Zeit. Bei ihm paart sich das nicht mehr so derb gezeichnete sinn- 
liche Verlangen bereits in lebhaft ausgesprochener Form mit der Be- 
wunderun£ und der Freude an der Schonheit des um ein geringes 
alteren Geliebten, zu dem er schon in der Schulzeit die lebhafteste 
Zuneigung empfunden hatte. Der Geliebte ist ihm ein und alles, nicht 
oft genug kann er seinen Namen wiederholen, seine Schonheit be- 
geistert preisen und seine Anhanglichkeit und Ergebenheit fiir ihn 
versichern. Des Kleinias Anblick ist ihm lieber als alle Schatze 
der Erde, er ziirnt der Nacht und dem Schlaf, daB sie ihm den Anblick 
des Geliebten entziehen, mit Freuden wiirde er sich ihm als Sklave zu 
eigen geben und fiir ihn selbst durch 's Feuer gehen. Seine Rede 
gipfelt in einem Paneg3'ricufl auf die Schonheit, deren Besitz ihm 
wiinschenswerter erscheint als alle Schatze des Perserkonigs. Auf einen 
verwunderten Einwurf des Hermogenes, des Biniders des K a 1 1 i a s, 
wie Sokrates diesen Gefiihlsiiberschwang des Kritobulos so gelassen 
auhoren konne, riihmt sich dieser schalkhaft-ironisch seiner bisherigen, 
allerdings recht minimalen Erfolge in der Heilung des vom Eros Er- 
griffenen und muC auf die Einrede des Charmides zugeben, ge- 
legentlich selbst einmal nicht ganz unempfindlich goo^en des Krito- 
bulos Schonheit gewesen zu sein. Eine weitere Sublimierung erfahrt 
der Paidon Eros dann in der Schilderung der Liebe des K a 1 1 i a s zu 
Autolykos. Trotzdem dieser in seiner jugendlichen Siegerschon- 
heit gleich zu Anfang des Symposion durch don fast dithyrambischen 
Schwung verratenden Vergleich mit „dem in dunkler Nachtstille auf- 
flammenden Feuerschein" eingeftihrt wird und aller Augen auf sich 
lenkt, 80 weiB doch Kallias im ganzen Verlauf des Gelages als ein 
gefestigter Charakter seine Haltung zu bewahren, iiber den die Sinn- 
lichkeit keine Gewalt zu erlangen vermag, und darf deshalb auch das 
liob des Sokrates (c. 8, 8) voU fur sich in Anspruch nehmen. 
Das ganze ausgedehnte 8. Kapitel fiillt die Hauptrede des Sokrates 
uber den Eros Uranios. Ausgehend von seiner Allgewalt, dem alle 
Wesen unterworfen sind, was durch ein Selbstgestjindnis und eine 
knappe Charakteristik der Anwesenden naher begriindet wird, und an- 



Digitized by 



Google 



762 

kniipfend an die im platonischen Symposion (C. 9) des weitern aus- 
gefiihrtc Unterscheidnng zwisclien der Aphrodite Pandemos und der 
Aphrodite Urania fiihrt Sokrates den JBeweis von der Superioritat 
der seelischen Liebe liber die rein korperlich-sinnliche. Mit einer 
wiederholten lobenden Anerkennung fiir K a 1 1 i a s , die fast wie ein 
konzilianter Dank fiir die freundliche Bewirtung erscheint, schlieBt 
Sokrates seine Kede. 

Wir sahen also, wie Xenophon die anfangs vollig ;m 

Fahrwasser gleichgeschlechtlicher Sinnlichkeit gleitenden Ge- 

sprache des „Symposion** durch Sokrates' Eingreifen 'rich 

in die sublimere Sphare des rein Psychischen erheben laBt. Ganz 

ahnlich verfahrt er in dem mehr philosophischen alg historischen 

Eonxan der ,,Kyropaideia*', der die reifste und eigentumlichste 

Frucht der xenophontischen Muse ist. Durch diesen Roman, den 

altesten der uns erhaltenen griechischen Romane, zieht sidi wie 

ein roter Faden die Schilderung von der Zuneigung des vor- 

nehmen Meders Artabazos zu dem jiingern Kyros hin- 

durch, die Xenophon gleich zu Anfang (I, 4, 27) einen Logos 

paidikos, eine Liebesgeschichte nennt, und deren Einfadelung 

durch Artabazos so bezeichnend geschildert ist, daB wir sie 

ungekiirzt wiedergeben woUen : 

,.Als Kyros (nach langerem Aufent!halt am medischen Hofe 
seines miitterlichen Grofivaters A s t y a g e s) in seine vaterliche Hei- 
mat Persien zuriickkehren sollte, kiiBten ihn beim Abschied an der 
Landesgrenze alle seine Verwandten. Ein anderer vornehmer Meder 
(\T, I, 9 wird er Artabazos genannt) stand, von der Schonheit des 
Kyros ganz aus der Fassung gebracht, anfangs bei Seite. Als 
nun die iibrigen sich entfernt hatten, trat auch er zu Kyros mit den 
Worten : ,Willst du, lieber Kyros, mich allein nicht als deinen Ver- 
wandten anerkennen?* — ,Wie denn, bist du denn auch mit mir ver- 
wandt?* — jAllerdings.* — ,Deshalb sahst du mich wohl auch immer 
so an, denn ich glaube dies mehrmals von dir bemerkt zu haben?* — 
,Ja, auch wollte ich immer schon zu dir herantreten, aber mich hielt, 
bei den Gottern, eine gewisse Scheu zuriick.* — ,Das ware doch nicht 
notig gewesen, da du ja mein Verwandter bist.* Mit diesen Worten ging 
Kyros auf ihn zu und kiiCte ihn. Da fragte ihn der Meder: ,Herrscht 
denn auch unter den Persern die Sitte, die Verwandten zu kiissen?* — 
jGewifi, beim Wiedersehen nach langerer Zeit und beim Abschied- 
nehmen.* — ,Da ware es nun an der Zeit, daB du mich noch einmal 
kiiiJtest, denn ich reise, wie du ja siehst, jetzt ab.* — Da kiiflte ihn 
Kyros nochmals und wandte sich zur Weiterreise. Aber noch hatte 
er keine groBe Strecke Weges zuriickgelegt, als der Meder auf schweifi- 
triefendem RoB wieder zuriickkara. Als ihn Kyros erblickte, sagte 
er: ,Du hast wohl vergessen, mir noch etwas mitzuteilen?* — ,Nein, 
bei Gott, ich komme nur nach einiger Zeit wieder zu dir.* — ,Die Zeit 
ist aber fiirwahr recht kurz, lieber Vetterl* — ,Wie, kurz? WeiBt du 
nicht, daB mir sogar ein Augenblick ungeheuer lang erscheint, wenn 
ich deine Gestalt nicht sehe?* — Da lachelte Kyros unter Tranen 
und hieB ihn beim Abschied gutes Mutes sein, da er ja nach kurzer 
Zeit wieder zu ihnen kommen werde, wo er ihn dann, so oft er woUe, 
unvcrwandten Blickes anschauen konne." 

Von dem in den „Erinnerungen'* ofter erwahnten Kritias 
(455 — 403), wird das folgende .merkwiirdige Fragment laus 



Digitized by VjOOQIC 



763 

einer Schrift „uber die Natur der Liebe** iiberliefert: „Die 

schonste Form istbei mannlichen Wesen die weib- 

liche uad ,bei weib lichen umgekehrt die mann- 

liche.** Diese Bemerkung laBt sich in Parallele bringen mit 

dem Umstand, daC auch die bildende Kunst der Griechen den 

mannlichen Gotterbildern einen ausgesprochen weiblichen, den 

weiblichen einen ausgesprochen mannlichen Charakter verlieh, 

worin Driesmann s^^) den Ausdrnck eines Harmoniegef iihls 

der Griechen im Geschlechtsverhaltnis ihrer kiinstlerischen Dar- 

stellungen findet, welches ihnen den Idealtypus in der Ver- 

einigung und Vermischung der jedem Geschlecht zukommenden 

Vorziige zeigte. 

Im weiblichen Korper sei das mannliche, ira mannlichen das 
weibliche Element latent vorhanden und die Betonung gerade dieses 
gewissermafien unterdriickten Geschlechts in der Absicht, die ge- 
schlechtliche Harmonie mid menschliche Totalitat kiinstlerisch als 
hochstes Menschentum zmn Ausdruck zu bringen, habe im Gefiihl der 
Griechen gele^en mid ein dahin gehendes Bestreben sei in ihren Kunst- 
werken deutlich zu erkennen. Driesmanns hebt die Aphrodite von 
Melos (Venus von Milo, Louvre) hervor, die in der ganzen Haltung und 
Bildung etwas entschieden Alannliches zeijgt, den mannlich-herben 
Charakter der Hera Ludovisi, den strengen-kriegerischen der Pallas 
Athene, den knabenhaft-wilden der Artemis (Diana von Versai|lles, 
Louvre). Auf der anderen Seite kann man den weichlich-weibischen 
Habitus des Apollo Kitharoidos, das fast Madchenhafte des Apollo 
Sauroktonos und des Eros von Centocelle aniiihren. 

Ganz beeonders entwickelt war der Paidon Eros in Kreta. 

E p h o r o s berichtet dariiber f olgendes : „Eigontiimlich ist den 
Kretern eine Sitte in der Liebe. Denn sie gewinnen sich ihre Lieblinge 
nicht durch Uberredung, sondern durch Raub. Und zwar kiindigt der 
Liebhaber den Verwandten des Jiinglings etwa drei oder mehr Tage 
vorher an, daB er den Raub beabsichtige. Diesen wiirde es nun zum 
groCten Schimpfe gerechnet, wenn sie den Jiingling verbergen oder 
ihu nicht den verabredeten Weg gehen lassen wollten, da sie damit 
eingestehen wiirden, daC der Jiingling dieses Liebhabers nicht wiirdig 
sei. Wenn nun der Raubende nach Stand und auch sonst dem %T\ing- 
ling gleich oder gar vornehmer ist, so fiihren sie ein Zusammentreffen 
herbei, leisten anfangs etwas Widerstand und verfolgen ihn (den 
Rauber) auch wohl eine Weile, um dem Gesetz zu geniigen. Tm iibrigen 
lassen sie aber die Entfiihrung willig zu und nur Unwiirdigen wird der 
Jiingling entrissen. Die Verfolgung hort auf, sobald der Jiing- 
line bis zur Behausung (Andreion) des Raubenden gelangt ist. Zur 
Liebe gibt aber nicht Schonheit, sondern mannhaftes und zugleich 
sittsames Betragen den Ausschlag. Nachdem nun der Liebhaber den 
Jiingling beschenkt hat, fiihrt er ihn nach Belieben in irgend eine 
Gegend des Landes (Herakleidcs Pont. 3: ins (rebirge oder auf seine 
Giiter), und es geleiten sie die, welche zugegen waren. Dort nun bringen 
sie gemeinsam zwei (nach anderer tTberlieferung drei) Monate, denn 
langer darf der Jiingling nicht zuriickbehalten werden, mit Schmau- 
sereien und Jagdziigen zu und kehren sodann zur Stadt zuriick. Bei 



^')H. Driesmanns, Das Geschlechtsempf inden d. Griechen 
i. Magazin f. Literatur 1900. No. 51/52. — Cf. Bespreohung von P r ac- 
tor i us im Jahrbuch f. sex. Zw. IIL 1901. S. 393. 



Digitized by VjOOQIC 



764 

der Entlassung erhalt schlieBlich der Jiingling ein Kriegsgewand, 
eiaeii Stier und einen Becher als gesetzliche Geschenke. Er bekommt 
aber nocn mehrere andere Kostbarkeiten, so daB oft auch die Freunde 
des Liebhabers wegen der GroBe der Unkosten eine Beisteuer leisten-^**). 
Der Jiingling opfert den Stier dem Zeus und bewirtet die Begleiter 
seiner Riickkehr. Sodaiin berichtet er, ob ihm der Umgang mit dem 
Liebhaber angenehm gewesen oder nicht, denn das Gesetz gestattet 
ihm, wenn inm bei (nach) dem Raube irgendwie Gewalt angetan 
wurde, sofort auf Bestrafung anzutragen und jenen zu verlassen. Fiir 
schono und vornehme Jiinglinge erachtet man es jedoch als Schaade, 
wenn sie keinen Liebhaber findcn, da man dann ihrem Charakter Schuld 
dafiir gibt^^). Die ,Parastatai*. d. h. Nebenmanner in der Schlacht- 
reihe, aber. denn so nennen sie die Geraubten^o), stehen in hohen Ehren 
und bei Wettlaufen und Versammlungen haben sie die ehren veil sten 
Platze^*). Auch diirfen sie sich der vom Liebhaber geschenkten Klei- 
dung als Auszeichnung bedienen und nicht nur zu dieser Zeit, sondern 
auch als Erwachsene tragen sie besonders ausgezeichnete Kleidung, 
woran jeder, der einmal „xX€iv6g'\ (im Sinne gleich dem attischen 
xaX6g) gewesen, kenntlich ist. Denn den Geliebten nennen sie kleinos, 
den Liebhaber aber philetor." 

Durcn diese Stelle wissen wir, dafi im alten Kreta die gleich- 
geschlechtliche Verbindung unter der uralten Zeremonie des Liebes- 
raubes stattfand, und gewichtige spatere Zeugnisse lassen ims ver- 
muten, dafi dies in den altesten Zeiten auch in andern dorischen 
Staaten, wie etwa Korinth, der Fall war. Ebenso finden sich in der 
heroischen Sagendichtung Spuren davon, wir brauchen bloC an 
den Raub des Ganymedes und den des Pelopiden Chrysippos 
durch L a i o s zu erinnern. DaB die gesetzliche Bestimmung: „wenn ihm 
bei (nach) dem Raube irgendwie Gewalt angetan war . . . ." eine sinn- 
liche Betatigung wahrend der Dauer des Liebesbundes nicht ausschloB, 
findet darin seine Bestatigung, daB das alte, aus dem V. vorchristl. 
Jahrhundert stammende Stadtrecht des kretischen Gortyn (Tit. II, 
§ G ff.)92) auf die gewaltsame Notziichtigung einer Person, sei es 
mannlichen, sei es weiblichen Gcschlechts cine nach Geburt und Stand 
abgestufte Geldstrafe, die bei Beleidigung von Freigeborcnen 100 Sta- 
teren (etwa 300 Mk.) betrug, wahrend es im Fall frciwilliger Ilingabe 
sich um nichts kiimmerte. 

DaB der Paidon Eros als zum Teil staatlich sanktionierte, 
zum Teil tolerierte soziale Erscheinung des Hellenentums auch 
in den griechischen Volks- und Gerichtsreden 
seine RoUe spielen muBte, bedarf keiner weitern Begrtindung. 
Wir sehen sogar, wie sich fiir ihn eine besonderei Unterart der 
epideiktischen (Prunk-) Rede, der Logos erotikos, die 



88) Hock, Kreta. Bd. III. S. 106 iibersetzt: So daB wegen der 
Menge dessen, was er empfangen, auch die Freunde ihren Teil be- 
kommen. 

89) Cf. Cicero, de re publica ap. Serv. ad Acneid. IV : Opprobrio 
fuisse adulescentibus, si amatores non haberent. 

90) Dies war wohl eine Bezeichnung des spateren Verhaltnisses 
und bezog sich auf die Stellung im Chor und Heere. Cf. 7iaQaoidxt}g in 
Aristoteles, Politik III, 1, 4. 

91) Dies scheint nach Meier bei Ersch u. Gruber, 1. c. fiir die 
Dauer des Verhaltnisses zu sprechen. 

9^)F. Biicheler n. E. Zitelmann, Das Stadtrecht von 
Gortvn i. Rhein. Mus. N. F. 40. Suppl. 1885. F. Bernhoft, Die 
Inschrift von Gortyn 1886. F. G. H. I p. 300 fr. 133. 



Digitized by VjOOQIC 



766 

Liebesrede heranbildete, die weniger die Praxis des taglichen 
Lebens berlicksichtigte, als vielmehr, zumeist angeregt durch 
das Wirken des Sokrates, sich' mit prinzipiellen Untersuchungen 
iiber den Ursprung, das Wesen und die Arten der Liebe bt3- 
schaftigte. 

Von den attischen Rednern vor Demosthenes gewahrt nach 
dieser Richtung reichere Ausbeute besonders L y s i a s (445 — 380) aus 
syrgdcusischem Geschlecht ; von ihm ist uns das erste Beispiel eines 
Logos erotikos, einer Liebesrede, in authentischer Form erhalten. Zwar 
besafi nacb des Sokrates Worten im platonischen P h a i d r o s (c. 10 
f. p. 236 c f.) das Altertum noch andre, schon aus den Teigen /der 
Sappho und des Anakreon, die uns jedoch verloren sind. DaB 
der lysianische Erotikos nicht der einzige seiner Zeit war, beweist 
uns riatons „Ly8is" (204 f.) mit dem Hinweis auf die starke Konkur- 
rcnz, die zu jener Zeit die paiderotische Lyrik durch die erotischen 
R^den fand, in denen die attische Jugend ihren Geist tummelte, und 
durch deren mehr oder minder glanzenden Esprit sie sich die Nei- 
guug der Geliebten zu erringen suchte. Dafi aber der Erotikos des 
Lysias allein erhalten ist, verdanken wir wiederum P 1 a t o n , der 
ihn in seinem „Phaidros", dessen Szenerie um 404 anzusetzen ist, als 
Ausgangspunkt der ganzen Unterredung zwischen Sokrates und 
P h a i d r o s benutzte. P h a i d r o s , des Pythokles Sohn, aus dem 
myrrhinusischen Demos, ein groBer Bewunderer der lysianischen Rheto- 
rik, hatte im Ilause des Epikrates die Rede aus des Lysias Munde 
gohort und war von ihr so eingenommen, dafi er sich das Manuskript 
ausbat, um sich in landlicher Einsamkeit noch tiefer in seinen Inhalt 
zu versenken. Dort trifft ihn Sokrates, und der junge Enthusiast 
kann nicht umhin, dem Meister im Schatten einer Platane am Ilissos- 
ufer die gauze Rede vorzulesen. 

Lysias verf icht hier die sonderbare These, daB ein Jiingling 
einem ihn nicht Liebenden eher zu Gefallen sein miisse, als einem 
Liebenden, und sucht die Richtigkeit dieses Satzes durch eine lange 
auf antithetischer Charakteristik eines Liebhabers und eines Nicht- 
liebenden aufgebaute Reihe von Griinden zu beweisen. Wir vermogen 
nicht, wie Blass will, diesen Erotikos als „Erzeugnis bloBen Scherzes 
und sophistischer Spielerei" anzusehen, „wolcher sich darin gefallt, 
ein moglichst widersinniges Thema mit allem Aufputz der Erfindung 
und des formellen Schmuckes herauszuputzen" ; wir sehen vielmehr 
in ihm ein Spiegelbild jenes Kampfes, welcher bereits in dem Athen 
des V. vorchristl. Jahrhunderts iiber die Berechtigung der gleichge- 
schlechtlichen Liebe in ihrer sinnlichen Betatigung durch Sokrates 
angefacht war. Vom Standpunkt moderner Sexualwissenschaft diirfen 
wir in dem j,Liebenden" des Lysias den Typus des rein Homo- 
sexuellen erblicken und in den „Nichtliebenden" den Bisexuellen, der^n 
sexuelJes Begehren nicht ausschlicBlich und nicht mit so gesteigerter 
Energie nach gleichgeschlechtlichem LiebesgenuB verlangte, eine Gruppe, 
die im Altertum mehr als heutzutage in Erscheinung treten konnte 
und trat. 

Auf Lysias, der mit klarem, nuchternen Blick das Leben 

seiner Zeit uberschaute, folgt Isokrates (436 — 338), der 

Theoretiker, der durch die Schule des Sokrates gegangen war, 

ja, wenn wir dem SchluC des platonischen Phaidros (p. 279 a, c) 

Glauben schenken diirfen, sogar zu den Lieblingsschlilern des 

Meisters zahlte. Es mag darauf hingewiesen werden, daB Iso- 

k rates der erste war, der es sich angeiegen sein lieJl, in 



Digitized by VjOOQIC 



766 

aktuellen Tagesfragen durch das geschriebene und vervielfaltigte 
Wort, durch Flugschrif ten und Broschiiren liber den Kreis seiner 
unmittelbaren Zuhorer und Schiiler und tiber die Grenzen seines 
heimatlichen Stadtstaates hinaus auf weitere Kreise zu wirken, 
so daB wir in ihm den ersten Publizisten der griechischen Lite- 
ratur begrtiBen diirfen. Des Sokrates EinfluB konnen wir in 
des Isokrates Behandlung und Beurteilung des Paidon Eros, 
wie des sexuellen Lebens iiberhaupt konstatieren. 

'Der Schule des Isokrates wird jetzt allgemein ein ^Dokument 
iiber die horaosexuelle Liebe zugewiesen, das senr lange versehentlich 
unter die demos thenischen Reden geraten war. Es ist die erotische 
Lobrede auf den Jiingling Epikrates. In seiner Einleitung pole- 
misiert dieser Erotikos wieder ganz im sokratischen Sinne gegen idie 
miBbrauchliche d. h. rein sinnliche Betatigung des Paidon Eros, warnt 
aber die Jiinglinge, sich gegen jene ablehnend und unfreundlich zu ver- 
halten. die mit Anstand und ,verniinftiger MaCiguug ihren I'ingang 
suchen. 

Es wird dann das Idealbild eines attischen Jiinglings gezeichnet, 
der die Freude seiner Eltern ist und audi die Achtung aller Ver- 
wandlen und Bekannten geniefit, und deshalb ein wurdiges Objekt 
fur die Zuneigung seines Liebhabers ist. Da der Jiingling auf der 
Grenze zum Manne, vor seiner Vorbereitung zur Teilnahme am Staats- 
lebeu steht, ist es an der Zeit, dai3 die vorhandenen guten Anla^en 
weitere Ausbildung erfahren, und der Liebhaber lialt es daher fiir 
seine Pflicht, um sich auch seinerseits der Zuneigung des Jiinglings 
wiirdig zu erweisen, ihm als Fiihrer und Leiter in seiner intellektuellen 
Weiterbildung zu dienen. Er stellt ihm daher die Wichtigkeit eines 
verniinftigen Lebensplanes vor, den er nur auf Grundlage einer ge- 
nii^enden philosophischen Durchbildung sich formen konne, da die 
philosophische Durchbildung einer bloB empirischen weit vorzuziehen 
sei. (§ 37 — 44.) Dies wird an den Beispielen athenischer Helden 
und Staatsmanner aus alterer und jiingster Zeit nachgewiesen. Wir 
findeii in diesem Erotikos einen ziemlich ungetriibten Niederschlag 
des sokratischen Paidon Eros, der das dem Menschen eingeborcne phy- 
siologische Bediirfnis zu veredeln und zu vergeistigen trachtet und 
in der Betatigung des Alteren dem Jiingeren gegeniiber auch wieder 
nach der Weise des Sokrates hauptsilclilich das padagogische Mo- 
onent betont. 

DaC die Enthiillung sexueller Intimitaten mit der Zeit ein be- 
liebtes forensischcs Kampfmittel bei den attischen Rednern und Poli- 
tikern wurde, konnen wir bereits bei A.ntiphon, Andokide/s 
und L y s i a s mehrfach nachweisen. Doch niemals wurde so zahlreich, 
so ohne alle sachlichen Griinde und in so skrupelloser Weise davon 
Gebrauch gemacht, wie zur Zeit des Demosthenes und bedauer- 
licherweise auch von diesem selbst. 

Schon in seiner ersten groBeren Rede, die er 355 fiir D i o d o r o s 
gegen den Isokrateer Androtion wegen gesetzwidrigen Antrziges 
schrieb, hat er im Interesse der personlichen Rachsucht seines Klien- 
ten, der, wohl ungerechtfertigterwcise, von Androtion des Vater- 
mordes bezichtigt war, das Vorleben des Gegners mit riicksichtslosester 
Schiirfe durchwuhlt. Er beschuldigt ihn (§ 21 ff., spez. § 57), daB 
er oft Entehrung und Beschimpfung sich habe gefallen lassen, indem 
er sich mit Leuten einlieB, „die ihn zwar nicht liebten, aber doch 
bezahlen konnten, wodurch er sich zu einem Handwerksgenossen der 
gewohnlichsten Freudenmadchen, einer S i n o p e und Phanostrate 
(§ 56) herabgewiirdigt und so sich jedes Rechtes der Teilnahme an den 



Digitized by VjOOQIC 



767 

gemeinschaftlichen Beratungen, wie iiberhaupt am offentlichen Staats- 
leben unwiirdig gemacht habe. Denn schon S o 1 o n s Gesetze verboten 
(§ 30 ff.), daB einer, der sich gewerbsmafiiger Unzucht schuldig gemacht 
habe, Gesetzesvorschlage einbringen diirfe". 

In ahnlicher Weise stellte Demosthenes in seiner Rede, 
die er in einer Bagatellsache, einer bloBen Schlagerei wegen, fiir A r i - 
s t o n gegen K o n o hielt, den Gegner an den Pranger : er gehore einem 
Klub an, dessen Mitglieder sich in Selbstironie als Ithyphallen und 
Autolekythoi (Selbstolkrugtrager) bezeichnen. Der erste Name, aus 
der Komodie entlehnt (Athen. 622 b), erklart sich als Symbol jugend- 
licher Sexualpotenz (in Sachsen wiirde man ,,Hartmanner" eagen), 
der zweite bedeutet Leute, die in Ermangelung eines Sklaven sich selbst 
ibr Olkriigleiu in die Palaistra bringen nnd sich dessen dort eigen- 
hand^ bedienen. 

Es ist bei diesem Verbal ten des Demosthenes nicht ver- 
wunderlich, daB Aischines in seinem Kampf gegen Demosthe- 
nes auch seinerseits gegen Timarchos, einen Parteiganger des De- 
mosthenes, eine Untersuchung wegen unziichtigen Lebenswandels 
beantragte. Die Rede, die Aischines in dieser Angelegenheit hielt 
— die T i m a r c h e a — , setzt uniS in den Stand, so ziemlich den ganzen 
Abschnitt der Sittlichkeitsparagraphen des attischen Strafrechts ken- 
nen zu lernen, da er, um seiner Anklage einen hoheren Grad von 
Feierlichkeit zu gebeu, einen groBeren Ten von ihnen der eigentlichen 
Priifung von Timarchs Leben vorausschickt. Wir haben danach in dem 
paiderotischen Verhaltnis urspriinglich zwischen dem Erastes, dem 
alteren Xiebhaber, und dem Eromenos, dem jiingeren Geliebten, zu 
unterscheiden. Als Erastes konnte jeder auftreten mit Ausnahme der 
Sklaven.'. „Denn ein ^klave", so lautet das Gesetz So Ions, „soll 
weder gymnastische tTbungen treiben, noch auf den Turnplatzen sich 
salben, noch soil er einen freigeborenen Knaben lieben, noch ihm nach- 
laul'en, oder er ^rhalt 50 Schlage mit der offentlichen GeiBel." — 
Unter sich war den Sklaven ein derartiger Verkehr gesetzlich nicht 
verboten, hier konnte hochstens der betreffende Herr soin personliches 
Machtwort sprechen. Es sollte lediglich das SuperiorittitsgefUhl der 
Freigeborenen durch das Verbot eines allzu intimen Verkehrs zwischen 
ihren Erben und den Sklaven geschiitzt werden. „Den Freien aber", so 
fahrt Aischines fort, ,,hat der Gesctzgeber weder die Liebe noch 
den Umgang, noch das Begleiten untersagt ; auch glaubte.er 
nicht, daB ein Nachteil fiir den pais die Folge davon 
s e i n w e r d e." 

Fiir die Eromenoi, die Geliebten, dagegen war eine ganze Reihe 
von Schutzbes'timmungen erlassen, die Aischines ^ach den Alters- 
stufen der Eromenoi auffiihrt. Fiir die Knaben galten folgende (C. 5 f) * 
„Die Knabenlehrer sollen die Schulen nicht vor Aufgang der Sonne 
offnen, sie aber vor Untergang der Sonne schlieBen, indem hauptsach- 
lich, wie Aischines erlauternd vorausschickt, die Einsamkeit imd die 
Finsternis AnlaB zu MiBbrauch und Verfiihrung geben konnten." — 
„Auch soil denen, die iiber das Knabenalter hinaus sind, der Zutritt 
zu den Schulen nicht gestattet sein, wahrend die Knaben darin ver- 
weilen, ausgenommen dem Sohn des Lehrers, seinem Bruder oder 
Schwiegersohn. Drangt sich aber einer dennoch ein, so soil er mit 
dem Tode bestraft werden." 

„Ferner sollen (C 6) die Turnaufseher (Gymnasiarchen) keinem 
Alteren irgendwie Zutritt bei den Hermesfesten gestatten. LaBt dies aber 
ein Turnwart zu und schlieBt sie (die Alteren) nicht vom Turnplatz 
auB, so soil ihn die Strafe des Gesetzes iiber die Verfiihrung der Freien 
treffen." „Drittens sollen die vom Volk eingesetzten Chorfuhrer (Cho- 
regen) iiber 40 Jahre alt sein." Der platonische Lysis u. a. zeigt 
indessen, daB alle diese Bestimmungen schon am Ende des V. Jahr- 
hunderts nicht mehr allzu streng genommen wurden. 



Digitized by VjOOQIC 



768 

Eiu anderes Gesetz war gegen die Verkuppelung minderjahriger 
Aiigehoriger (die schwere Kuppelei des modernen Strafrechts) ge- 
richtet. Es lautet (C. 7): „Weiiii ein Vater, Bruder, Oheim oder Vor- 
mund Oder eonst ein Familienhaupt einen zur Unzucht vermietet, 
so soil dieser Knabe nicht wegen Unzucht (Hetairesis) angeklagt war- 
den. Wohl aber soil den Vermieter, wie den Mieter die gleiche Strafe 
treffen. Und wenn der zur Unzucht vermietete Knabe herangewachsen 
ist, so sei er nicht verpflichtet, den Vater zu ernahren, noch ilim 
Wobnung zu geben ; nur im Todesfalle soil er ihn begraben und die 
ublichen Gebriiuche erfiillen." — Aischines setzt noch hinzu, daB 
ein verkuppelter und gemifibrauchter Knabe spater des' Rechtes, offent- 
lich aufzutreten, verlustig, also atimos, geworden ware. Fiir den 
Fall der Kuppelei von nicht angehoriger, fremder Seite war das Gesetz 
bestimmt (C. 8) : „Wenn einer einen freien Knaben oder ein Weib 
verkuppelt" — mit seiner Fortsetzung in C. 74 (§ 183): „so befiehlt 
das Gesetz, sie zu verklagen und, wenn sie iiberfiihrt werden, mit dem 
Tode zu bestrafen, weil sie ihre Schamlosigkeit u m L o h n anbieten 
und denen, die zu Vergehungen zwar Lust haben, aber noch zogern 
und sich schamen, miteinander zusammen zu treffen, Gelegenheit 
darbieten, sich zu eehen und zu sprechen." 

Sobald aber einer in das Biirgerbuch, das Lexiarchenregister, 
was etwa unserer militarischen Stammrolle entsprechen wiirde, ein- 
geschrieben war, was mit dem vollendeten 17. Lebensjahr geschah, 
er also, wie Aischines sagt, bereits das Gute und Bose zu unter- 
Rcheiden weiB, so gait folgendes Gesetz iiber die Hetairesis (C. 9) * 
„Wenn eiu Athener sich zur Unzucht brauchen liiCt (sich als hetairos 
in passiver Rolle geriert), so soil ihm nicht gestattet sein: 

a) unter die 9 Archonten zu treten, noch 

b) ein Priesteramt zu bekleiden, noch 

c) vor dem Volke als Anwalt (syndikos) aufzutreten, noch 

d) irgendein Amt zu verwalten, sei es im Land oder auOerhalb, 
sei es ein Losamt oder ein Wahlamt. Er soil auch nicht 

e) zum Gesandten oder Herold gebraucht werden, noch 

f) einen Spruch (in der Bule oder Ekklesia) tun, noch 

g) den Opfern des Staates beiwohnen, d. h. iiberhaupt nicht die 
offentlichen Heiligtiimer betreten, jnoch 

h) bei den gemeinsamen Festziigen bekranzt sein, noch 

i) innerhalb der geweihten Schranken der Volksversammlung sich 
aufstellen diirfen. 

Wenn aber einer dies tut, iiber den das Urteil ergangen ist, dafi 
er sich habe zur Unzucht gebrauchen lassen, so soil er mit dem Tode 
bestraft werden. Hierzu trat nun noch fiir die spateren Lebensjahre 
das Gesetz iiber die Priifung (Dokimasie) der Volksredner (C. 13): 
„Wenn einer vor dem Volke sprechen will, der 

a) seinen Vater oder seine Mutter schlagt, oder sie nicht ernahrt, 
oder ihnen keine Wohnung verschafft, oder wer 

b) nicht die Feldziige mitgemacht hat, die ihm aufgetragen wor- 
den, Oder wer 

c) seinen Schild weggeworfen hat, oder wer 

d)sich als Hurer nenogvev^ivoq oder Buhle ^xaiQtfHtog 
aufgefiihrt hat, oder wer 
er ist, 

e) seine vaterlichen Giiter verschwendet hat oder die, deren Erbe 
alle diese schlieBt das Gesetz von der Rednerbiihne aus, diesen ver- 
bietet es, als Volksredner aufzutreten. Wenn aber einer diesem Gesetz 
zuwider nicht alle in als Redner auftritt, sondern, so fiigt Aischines 
im eignen Interesse ein, auch als Verleumder sich frech betragt, und 
wenn der Staat einen solchen Mann durchaus nicht mehr duldeu 
kann, so fordere ihn einer der Athener, wer will und darf, zur Prii- 
fung (Dokimasia) vor." 



Digitized by 



Google 



769 

Es sind hier die Begriffe der Hetairesis und Porneia festzustellen. 
Kritiklose Voreingenommenheit hat unter der Hetairesis jede Art 
gleichgeschlechtlicher Hingabe verstanden. Da diirfte wohl selbst bei 
nicht allzu rigoroser Anwendung des Gesetzes die Zahl der athenischen 
Archonten, Priester, Richter, Anwalte, Herolde, Gesandten, Verwal- 
tungsbeamten arg dezimiert worden sein. Eine derartige Interpre- 
tation widerspricht jeder historischen Kenntnis. Aischines selbst 
sagt in einer Anmerkung zum IV. Abschnitt des Gesetzes iiber die 
Dokimasie: „denn der Gesetzgeber glaubte, wer seinen Leib zur Schan- 
dung vermietet h£U>e, werde auch die Staatsgiiter leicht- 
sinnig verauBern." Auch C. 22 laBt sich noch anfiihren : „denn wer einem 
dies tut und u m L o h n dies tut, hzi fiia^^j der scheint mit der Hetai- 
resis sich schuldig zu machen". Das gemeinschaftliche Cha- 
rakteristikum fiir beide Vergehen ist also die Ent- 
lohnung, der Unterschied jaber zwischen ihnen be- 
dteht darin, dafi der Hetairos sich nur von einem 
aushalten laBt, der Pornos dagegen, wie es im f olgenden 
heiBt, „freiwillig mit vielen und um Lohn sich pro- 
s t i t u i e r t !" 

Bestatigt wird dieser Unterschied auch durch den Vorwurf, den 
A n d o k i d e s in der Mysterienrede (§ 100) jgegen Epichares erhebt : 
„Ein Mensch, der nicht mit einem Liebhaber zufrieden war, das ware 
ihm noch riihmlich cewesen (Aischines sagt 51 : „so hatte er noch 
ziemlicli anstandig genandelt"), aber nicht einer, der mit jedem solche 
Verlialtnisse um eines geringen Gewinnes wegen angekniipft hat"; 
besUitigt wird es auch in gewissem Sinne durch die weiblichen Paral- 
lelen der Hetaira, der Maitresse und der Porne, der Gassenhure. 

JDer attische Sittenkodex unterschied also zwischen Ero- 
menoi, den freiwillig und nur aus Zuneigung sich Hingebenden, 
und den Hetairoi und Pornoi^ den sich fiir Entlohnung Prosti- 
tuierenden, und unter ddesen wieder den Hetairos, den indir 
viduell Ausgehaltnen, vom Pornos, dem allgemeinen Strichj- 
jungen. — Um die Eromenoi klimmerte sich der athenische Staat 
nicht, die beiden letztern diffamierte er. Gegen den alteren 
Liebhaber wurde in keinem Falle eingeschritten. 

Nach diesem einleitenden und ziemlich ausgedehnten strafrecht- 
lichen Abschnitt geht nun Aischines zu seiner eigentlichen Auf- 
gabe, der Priif ung von Timarchos Leben, iiber. Er will zwar ein 
ziemlich reichhaltiges Material aus dem Vorleben des Angeklagten 
zusammengebracht haben, der zur Zeit des Prozesses in der Mitte 
der vierziger Jahre stand, indes stehen die Beweise hierfiir auf ziem- 
lich schwachen FiiCen, ein Mangel, den Aischines nach Kraften durch 
rhetorischc Mittel und Stimmungsmacherei zu Timarchos' Ungunsten 
zu verdeckeu sucht. Bedeutsamer sind die Ausfiihrungen des Aischi- 
nes gegen den Verteidiger des Timarchos, der dem Vermuten nach 
63 dem Klager zum Vorwurf machte, dafi er hier den Paidon Erosi ver- 
folge, wahrend ihm doch selbst solche Neigungen durchaus nicht 
fremd seien, die ja auch bei den Vorfahren und in den Tagen der 
Heroen hoch gepriesen wurden (C. 54). Dabei gi})t Aischines selbst 
zu, ein Liebh2U)er schoner Jiinglinge gewesen und es auch jetzt noch 
zu sein, sich in paiderotischen Poesien versucht und nicht selten auch 
Rivalitaten im Handgemenge zum Austrag gebracht zu haben. Und 
im AnschluC hieran konstatiert er aufs neue den Unterschied zwischen 
dem Eros dixaiog, der rechtlich erlaubten Liebe, und der Hetairesis und 
Porneia. Denn ebenso wie auf seiten des Erastes die Liebe zu schonon 
und sittenreinen Jiinglingen die Empfindung eines menschenfreund- 
Hirschfeld, Homosexualitlt. 49 



Digitized by V:iOOQIC 



770 

lichen und edeldeukenden Gemutes, die Uuzucht mit einem fiir Geld 
gemieteteu aber Sache eines ansschweifenden und pobelhaften Maanes 
Bci, so sei es fiir den Eromenos audi riiliuilich, auf unverdorbene Weise 
geliebt zu warden, schandlich aber um Lohnes willen Buhlerei zu 
treiben. Von jener Art sei die aus Liebe eutstandene Freundschaft 
de8 Achilleus und Patroklos und die gegenseitige Anhanglich- 
keit zwischen Harmodios und Aristogeiton gewesen, die jetzt 
uoc]i als Wohltater der Stadt gepriesen wiirden (C. 57 f). Denn wenn 
auch Homer das Verhaltnis zwischen Achilleus und Patrok- 
los nicht direkt Liebe nenne, so gehe doch aus allem deutlich hervor, 
daB der Eros die Wurzel ihrer Freundschaft gewesen sei. Von der 
andcren Art aber seien die Beziehungen zwischen Hegesandros 
und Timarchos gewesen. Zuletzt fiihrt Aischines noch eine 
Reihe von Zeitgenossen (C. 63) auf, von denen K r i t o n , der Sohn des 
Astyochos, Perikleides von Perithoidai, Polemagenes, 
Pantaleon, der Sohn des Kleagoras, Timasitheos und 
Ant ikies, der Schnellauf er, Timarchos, der aus Rhamnus ge- 
biirtige Namensvetter des Angeklagten, und P h e i d i a s , der Bruder 
des M i 1 e s i o s , als die schonsten ihrer Zeit auch die meisten und 
ziichtigsten Liebhaber hatten und doch von niemand darum getadelt 
wurden, wahrend Leute, wie „die Waise" Diophandus, Kephi- 
6 o d o r o s , genannt „M o 1 o n", und M n e s i t h e o s , der Sohn des 
Mageiros, wegen ihres Lebenswandels von alien verachtet wurden 
(C. 6-1). 

Zum SchluC bemiiht sich Aischines, die Richter zur Ver- 
urteilung des Angeklagten zu drangen, der „zwar deui Leibe nach ein 
Mann sei, aber weibische Siinden begangen und sich g e g e n die 
Natur geschaudet habe" (C. 75). — Wir finden hier, falls keine 
spatere Interpolation etwa von christlicher Hand vorliegt, zum zweiten- 
mal in der griechischen Literatur das Auftreten jenes Begriffes der 
widernatiirlichen Unzucht^^a), der sich bis zum modernen Strafrecht er- 
halten hat. ,,Schon die Riicksicht auf die offentliche Zucht und 
Ordnung, so fiihrt Aiscliines aus, erfordere die Verurteilung. „Wie 
konne man fiirder Leute bestrafen, die sich bei sittlichen Vergehungen 
immerhin noch in den Grenzen der Xatur (xara qrvotv) gehalten hatten, 
wenn man Verge hen wider die Natur (.Taga tpvaiv) ungestraft hingehen 
la^se.** Falls die Worte wirklich als echt zu betrachten sind, miiQte 
man hier gegen den Redner den Vorwurf der Inkonsequenz und des 
logischeu AViderspruchs erheben. Denn die Widernatiirlichkeit kann 
doch unmoglich in der Hingabe um Entlohnung, sondern nur in der 
Ilingabe an das gleiche Geschlecht gesehen werden; diese hat er aber 
im vorhergehenden nicht nur den alten Heroen supponiert, ihre Zu- 
lassung durch Solon bestatigt, sondern auch sich selbst dazu be- 
kannt und andere seiner Zeitgenossen darum geriihmt. Auf Grund 
dieser Erwagungen sind wir geneigt, diese StelJe als spatere Inter- 
polation zu erachten. 

Die Durchfuhrung dieses Prozesses war fur Aischines ein 
Parteimanover. Mag auch das Vorleben des Timarchos nicht ganz 
einwandfrei gewesen sein, so war er doch wohl kaum schlimmer als 
viele semes Standes und Alters. Ein solcher Abschaum der Unsittlich- 
keit, wie ihn Aischines darstellt, ware wohl schwerlich zu den 
hucljsteu Staatsiimt^rn und zu der politischen Genossenschaft des 
Demosthenes gelan^t. Jedenfalls war das Beweismaterial des 
A 1 s c h 1 n e s jiiristisch in jeder Beziehung unzulanglich, und der Klager 
war sich dessen wohl bewuCt, denn mehr als einmal sucht er des langen 
und hreiten die Mangelhaftigkeit seined Zeugenbeweises zu entschul- 

^-a) Der Aiisdruck jraga <pvaiv findot sich zum e r s t e n Male in 
riatos ,,Pliaidr()i5*^ Vgl. 8. 774 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



771 

digeOj um sich dann jedesmal auf die namentlich in Sittliqhkeitssachen 
mehr oder minder auf Klatsch gegriindete oder wenigstens von ihm 
geniihrte ^ox populi zu berufen. Es war ja auch schlieBlich in der 
Praxis die Grenze zwischen dem Eromenos und dem Hetairos, zwischen 
Cieschenk und Entlohnung nicht allzu leicht zu Ziehen, und die Fest- 
stellung eines juristisch faBbaren Tatbestandes in voTlig einwandfreier 
Form begegnete hier sicher nicht geringeren Schwierigkeiten als nach 
deutschem Strafrecht etwa die Feststellung der nach § 176 strafbaren 
Handlungen. Es gait fiir Aischines also vor allem Stimmung 
gegen den iVngeklagten zu machen, und daB ihm dies gelungen, lehrt der 
fiir Timarchos ungliickliche Ausgang des Prozesses, der dessen 
fernere biingerliche Existenz und Tatigkeit voUig unterband und ihn 
ins Elend der Fremde trieb. Vom Standpunkt des riicksichtslosen Poli- 
tikers mag der Angrif f des Aischines gerechtfertigt erscheinen, 
vom Standpunkt des Kulturhistorikers indes, so dankbar ihm dieser 
auch fiir das iiberlieferte strafrechtliche und sittengeschichtliche Ma- 
terial sein muB, ist er es nicht. 

Wir kommen zur griechischen K o m o d i e , fiir deren Auff as- 
sung der gleichgeschlechtlichen Liebe bereits eine vortref fliche Spe- 
zialarbeit von Hans Lich t^^) vorliegt, in der die elf erhaltnen 
aristophanischen Komodien nebst den Fragmenten dieses ,,ui^ge- 
zognen Lieblings der Grazien** und der librigen attischen Lust- 
spieldichter — fiir die Fragmente der dorischen und sizilischen 
Koinodie liegen noch keine Vorarbeiten voir — in subtilster Weise 
behandelt sind und die literarische und sachliche Wurdigung des 
Stoffes auCerdem noch durch ein reichhaltiges Glossarium 
eroticum unterstlitzt wird. 

Wir haben es hier, wie L i c h t mit Recht bemerkt, init der 
iibersprudelnden Laune attischen Humors zu tun, die uns ein stark 
ins Groteske verzerrtes Abbild des wirklichen Lebens bietet, weshalb 
man ^ich sehr hiiten muB, seine Kenntnis der attischen Jiinglingsliebe 
lediglich aus den lasziven Anspielungen der Komiker zu schopfen, da man 
audi hier, ganz wie bei den Rednern, nicht alles als bare Miinze hin- 
nehmen darf. Dieser Fehler ware nach M i c h a e 1 i s ^*) Bemerkung 
nicht geringer, als wenn die uns nachfolgenden Geschlechter den Stand 
unserer Geistlichen nach den Darbietungen Thomas Theodor 
Heine scher Kunst im Simplizissimus bewerten oder nach E. T h o - 
n y s Zeichnungen verallgemeinernde Schliisse auf die Qualitaten un- 
serer Offizierkorps Ziehen woUten. 

DaB neben den bizarren SpaBen, die viel dazu beigetragen haben, 
daB in spatercn Zeiten die Paiderasteia mit analem Koitus, mit dem sie 
urspriinglich nichts weniger als zusammenfiel, identifiziert wurde, in 
der Komodie auch die edlere Freude der Hellenen an „ephebischer 
Schonheit** zum Ausdruck kommt, moge als Beispiel ein Fragment aus 
einer Komodio des Damoxenos^^) zeigen, in dem es heiBt: 

„Ein Knabe warf den Ball 

— An Jahren mocht er siebzehn zahlen wohl — 

Auf Kos, wo Gotter wandeln, wie es scheint. 

So oft uns streifte dieses Knaben Blick 



93) I. d. Anthropophyteia VII, 1910, S. 128—175. 
9*) H. M i c h a e 1 i 3 , Die Homosexualitiit i. Sitte u. Recht. 
1907. S. 30. 

9^) Of. Comicor. attic, fragmenta ed. Theod. Kock, 1880—1884. 

49* 



Digitized by V:iOOQIC 



772 

Beim Werfea oder Fangen seines Balls, 

Laut schrien wir auf: Wie ist der Knabc schon I 

Die Anmut und der Glieder Harmonie 

In der Bewegung oder wenn er sprach — 

Ein Schonheitswunder ! Niemals hort ich je, 

Noch sah ich friiher solcher Anmut Reiz. 

Uni Schlimmern zu entgehen, eilt ich fort: 

Und ach, schon krankt vor Liebe mir das Herz." 

Es geht aus den Komodien des Aristophanes (Plutos, 
153—159; Vogel, 704—707), wie tibrigens auch aus der Movaa 
noudixij (44, 237, 239), hervor, daB es ^war fur unanstandig 
gait, Geld von dem Liebhaber zu empfangen, hingegen aber die 
Sitte gcstattete, Tiere, wie Kampfhahne, Hunde und 'Pferde, 
Kleider und auch sonstige Luxusgesehenke anzunehmen. 

Die^ starkste Forderung erf uhr der von Sokrates ge- 
streute Same dureh Plato n (427 — 347), Aristons Sohn aus 
dem attisehen KoUytos, der, wenn auch von den Pythagoraern 
und Eleaten spater nicht unbeeinfluBt geblieben, doch die Grund- 
lagen seiner Philosophie auf dem Unterricht des Sokrates 
aufbaute, dessen Verkehr er von seinem zwanzigsten Lebensjahr 
(408/7) bis zu des Meisters Tode (399) so gut -wie ununter- 
brochen genieBen konnte. 

Ihm schloB er sich, mit einziger Ausnahme der Apologie, auch 
in der Form seiner Schriften aufs engste an, die man als eine Wieder- 
gabe der Art auf fassen kann, in der Sokrates auch nach X e n o - 
p h o n s Zeugnis mit seinen Sclmlern zu verkehren pflegte. Gleich- 
wohl diirfen wir Platons Dialoge keineswegs als bloB erweiterte Aus- 
gabe wirklicher sokratischer Gesprache auf fassen, dazu war Platen 
ein viel zu selbstandiger Denker, sondern es sind eben Platons 
eigene, wenn audi auf sokratischem Fundament weitergebildete Ge- 
danken, denen er nur als iiuBeren Rahmen die Form eines im sokra- 
tischen Kreise gehaltenen uud vom Meister geleiteten Gesprachs gibt. — 

Dies gilt namentlich von den Gesprachen, in denen die Liebe, 
und zwar fast durchgehends die zu dem gleichen Geschlecht, ausfiihr- 
lich behandelt oder gestreift wird. Den Reigen dieser Gesprache er- 
offnet der „Lysis**, ein Dialog, der an die Zuneigung des Jiinglings 
H i p p o t h a 1 e s zu dem schonen Knaben Lysis, des Demokrates 
Sohn von Aixone, ankniipfend in AVechselgesprachen zwischen Sokra- 
tes, Hippothales, Lysis und Menexenos, dem etwas rei- 
feren Altersgenossen des Lysis, nicht von der Liebe (Eros), son- 
dern von der Freundschaft (Philia) als der den Knabenjahren an^emess- 
neren Form geselliger Verbindung handelt. Mit dem Hinweis, daB 
auch die Freundschaft in ihrem letzten Grund und Wesen der Eros, 
die im Gegenstand ^hrer Neigung ihre Ergiinzung suchende Liebe, 
sei (§ 41), deutet Plat on bereits in diesem Jugenddialog auf den 
wichtigsten Punkt seiner spiiteren Philosophie des Eros bin und 
Kiefer^^) bezeichnet daher den Lysis mit Recht als ein Praludium 
zu den spateren, deutlicheren und ausfiihrlicheren Abhandlungen iiber 
dieses Thema. 

LaBt P 1 a t o n hier den Meister im Kreise von Knaben und kaum 
dem Knabenalter entwachsenen Epheben weilen, so fiihrt er ihn im 

5«) O. K i e f e r , Platons St^llung zur Homosexualitat i. Jahrbuch 
Vir, 1903, S. 109 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



773 

„C li a r m i d e s" mit einer Schar gereifterer Jiinglinge zusammen, die 
Sokrates, von der Schlacht bei rotidaia (422) zuriickkehrend, in der 
Palaistra des Taiireas antriff t und iinter denen E r i t i a s and C h a r - 
mides, Platons Oheime von Mutterseite her (beide 403 gestor- 
ben), besonders hervorragen. 

Sokrates wird auf seine Frage, wer zur Zeit von den „Sch6nen" 
der attischen Jeunesse dor6e sich durch Schonheit und Verstand aus- 
zeichne, von K r i t i a s auf seinen Vetter Charmides, des G 1 a u - 
kon Sohn, verwiesen (Plat on s Mutter Periktione war eine 
Schwester des C h a r m i d e s). Interessant ist die Schilderung des 
Eindruckes, den des Charmides Eintreten sowohl bei Sokrates 
wie bei den iibrigen Anwesenden erregte. P 1 a t o n laBt den ^leister 
sagen (C. 3) : ,,Danials jedoch erschien mir jener Charmides als ein 
Menscii von bewundernswerter GroBe und Schonheit, die andern aber 
alle glaubte ich fiir seine Verehrer halten zu diirfen, so befangen und 
erregt erschienen sie mir bei seinem Eintritt; aber auch in seinem 
Gefolge befanden sich viele andere Liebhaber desselben. Und bei uns 
Mannern i^^r das weniger auffallend ; jedoch richtete ich meine Auf- 
merksamkeit auch auf die Jiinglinge und sah, wie keiner von ihnen 
anderswohin blickte, auch der kleinste nicht, sondern alle ihn wie 
ein Gotterbild anschauten .... (C. 4) und als er kam, gab sein Er- 
scheinen viel Stoff zum Lachen ; denn jeder von uns, die wir safien, 
wollto Platz machen und drangte deshalb seinen Nachbar eifrig zur 
Seite, damit Charmides ^ich neben ihm niederlieBe .... Der 
neue Ankommling setzte sich zwischen mich und Kritias. Doch jetzt 
geriet ich in Verlegenheit und meine fruhere Keckheit, vermoge der ich 
ganz leiclit eine T^nterredung mit ihm fiihren zu konnen geglaubt hatte, 
war ganz weg. Als er aber mich mit seinen Augen auf eine unbeschreib- 
liche AVeiso anschaute . . . ., da warf ich einen Blick unter sein Ge- 
wand und loderte auf und war nicht mehr Herr meiner selbst." 

Selbst einen Sokrates laBt Plat on mi thin beim Anblick eines 
schonen Jiinglings gefesselt und erregt werden und fiir den Augenblick 
die Fassun^ verlieren. Doch bald gewinnt der Meister diese wieder, um 
alsdann mit eben diesem Jiingling von der Sophrosyne, der auf 
Selbsterkenntnis beruhenden und durch sie zu gewinnenden Selbst- 
beherrschung zu plaudern. Deutlich zeigt dieser Dialog, welch groBe 
Rollo die Junglingsliebe in der attischen Gesellschaft damaliger Zeit 
spielte. 

Auf ein hoheres Niveau philosophischer AnschauuAgen uber 
den Paidon Eros erhebt sich Platon sodann im „P h a i d r o s**, der 
an den Logos erotikos des Lysias iiber das Thema, daC man die 
Liebesgunst eher dem Nichtliebenden als dem Liebenden erweisen 
mtisse (Kap. 6 — 9), ankniipfend eine zwiefache Ausfuhrung des 
Sokrates liber das Wesen des Eros bietet. Der einzige Zuhorer 
von des Meisters Worten ist hier der junge Phaidros von 
Myrrhinus, den spatere Medisance (Diog. Laert. Ill, 31) zu 
einem Geliebten Plato ns gemacht hat^^). Ausgehend von ciner 
Erorterung des von der Gottheit verliehenen und die Menschen 
begliiekenden Wahnsinns (Enthusia&mos) der Seher, Priester 
und Dichter gelangt er zu einer Schilderung der menschlichen 
Seele, welcher der Eros Krafte aus der Welt der Ideen verleiht. 



9^) K. Prantl, Cbersiclit d. griech.-rom. Philosophic. 1854. 
S. 72 ; cf. auch desselb. Einleitung zu seiner Phaidros-Ubersetzung 1886. 



Digitized by VjOOQIC 



774 

So oft der Mensch die Schonheit des Geliebten sielit, regen sicb 
die Schwingen seiner Seele. Doch wenn er wieder von ihm getrennt ist 
und nach ihm verlangt, dann versiegen die Quellen und die Flii^el der 
Seele schlieCen sich. Da also Freuden und Leiden in ilir gemischt sind, 
wird die Seele sich selbst fremd, rast- und hilflos kann sie hei Nacht 
nicht schlafen und hat am Tage nirgends Ruhe ; sehnsiichtig eilt sie 
dorthin, wo sie den glaubt erblicken zu konnen, der die Schonheit hat. 
Darura will sie auch nicht mehr vom Geliebten lassen, sie stellt nichts 
iiber ihn und ist bereit, dem Geliebten zu dienen, will bei ihm liegon 
und in seinen Armen sein. Diesen Zustand aber nennen die Menschen 
Eros. — Der nicht Geweihte dagegen, der Lust sich hingebend. ge- 
bardet sich wie ein Tier und sucht den Zeugungstrieb zu befriedigen, 
und indem er frevelhaft Umjgang iibt, hat er nicht Furcht und nicht 
Scham davor, widernatiirlicher Lust nachzugehen. — In 
Verbindung hiermit sucht Platon nun weiter das schon bei Parmenides 
(fr. 1) vorkomm^nde Bild der Seele als eines Zweigespannes zu bringen. 
Bei den besten Menschen behalt hier stets der Wagenlenker die Ober- 
hand und halt seine Rosse zuriick, mag auch das unbandige RoC (der 
Trieb) beim Anblick des Geliebten noch so stiirmisch das Gespann fort- 
zureiBen suchen. Wenn aber das unbandige Rofi hinreichend gezalimt 
ist, folgt es gedemiitigt dem vorsichtigen Denken des Wagen- 
lenkers .... Doch verurteilt Platon auch die Menschen nicht, 
bei denen infolge einer niedrigeren nnd unphilosoj)hischen Lebcnsweise 
bei Trinkgela^en oder sonst in sorglosen Stunden der sinnliche Trieb, 
das unbandige RoB, fiir die lange Entsagung sicli ein wenig 
entschadigt und „das, was die Vielen so gliicklich macht (die von 
der Menge gepriesene Richtung) wahlt." 

In anderer Weise nimmt Platon das Thema liber die Liebe 

im ,,Sy mposion" wieder auf. Hatte er sich im ,,Phaidros** 

lediglich mit der Auffassung, die ein Lysias von der Liebe 

hegte, auseinander gesetzt, so versammelt er im Symposion, dem in 

seiner Komposition kunstreichsten Dialog, eine ganze Schar aus 

den verschiedenlsten Standen, Berufen und Anschauungskreisen, 

um sie nacheinander iJir SDrtichlein liber den Eros saojen zu 

lassen, d. h. P 1 a t o n bemliht sich hier eine moglichst umfassende 

Enquete iiber die Anschauungen, die liber jene in das soziale 

Leben d^s attischen, ja des gesamthellenischen Volkes so tief 

einschneidende Frage herrsehten, zu veranstalten, um seinem 

Partner dann wieder durch den Mund des Sokrates tlichtig 

seine Meinung zu sagen. — 

Der Zeitpunkt, in den das Symposion verlegt ist, ist das Jahr 
41G, in dem der Tragiker Agathon zu Ehren seines draraatischcn Sie- 

fes eine mehrtagige Feier veranstaltete ; als Jahr der Abfassung des 
>ialoges nimmt man 385 oder ein nicht viel spiiteres an. Die Veran- 
lassung der Gesprache bildet der Umstand, daD melirere der Versam- 
melten, unter ihnen besonders Pausanias, der Komodiendichter 
Aristophanes und der Pestgeber selbst noch vom vorhergehen- 
den Tage einen tiichtigen „Kater" haben, weshalb man auf Veranlas- 
sung des Arztes Eryximachos sich mit Gesprachen ergotzen will 
und zwar, um einem lang gehegten Wunsch des P h a i d r o s entgegen- 
zukommen, mit Gesprachen liber den Eros. 

Phaidros beginnt (C. 6) die Reihe der Redonden, indem er in 
Ankniipfung an Hesiod, Akusilaos und Parmenides aus- 
fiihrt^ daB Eros einer der altesten Goiter (als kosniologisches Prinzip 



Digitized by VjOOQIC 



776 

Kedacht) sei und den Sterblichen zwei der besten Gabcn verleihe, die 
§cham vor und den Opfermut fur den Geliebten. „K6nnte man also 
irgendwie bewirken, daB ein Staat oder ein Heer aus Liebhabern und 
Lieblingen bestande, so konnten sie ihr Gebiet wohl nicht trefflicher 
bewohnen, als dadurch, dafi sie sich alles Schandlichen enthielten und 
gegenseitig miteinander wetteiferten." 

Nach P h a i d r o s ergreift P a u s a n i a s (C. 8) das Wort, um 
in seiner schon tiefer greifenden Ausfiihrung zu zeigen, dafi wie es 
eine doppelte Aphrodite, eine gemeine „Pandemo8" und eine liimm- 
lische ,,Urania** gabe, so auch einen doppelten Eros, von welchen der 
pandemische auf Angehorige des weiblichen und mannlichen Geschlechts 
gerichtet sei, bei denen er aber nur den Leib liebe, der himmlische aber 
allein auf das mannliche Geschlecht als das starkere und verniint'tigere. 
In sophistischer Weise unterwirft er sodann (C. 9) die bestehenden Ge- 
setzgebungen der verschiedenen hellenischen Stamme einer Kritik und 
bezeichnet u. a. die ionischen, welche sie schlechthin verbieten, ala 
Produkte . einer despotischen Gesinnung, der engere Biindnisse freier 
Manner unter Umstanden unbequem werden konnten, „da ja auch die 
Liebe von seiten des Aristogeiton und die unwandelbare Anhanglichkeit 
von seiten des Ilarmodios die Herrschaft der hiesigen Gewalthaber 
(Peisistratiden) stiirzte". Dagegen stellt er in starkem Lokalpatrio- 
tismus die attische Gesetzgebung als uniibertrefflich hin, welche gerade 
die rechte Mitte treffe und so das mit Liebe verbundene Streben nacb 
Weisheit fordere, so daU in Athen das wahrhaft richtige Verhaltnis 
bestehe. 

In knappen, den Mann der Wissenschaft charakterisierenden Wor- 
ten verallgemeinert darauf der Arzt Eryximachos (C. 12) des P a u - 
s a n i a s Theorie von den zwei Eroten auch auf die iibrigen Lebens- 
und Wissensgebiete, so auf die Heilkunst und Naturkunde, Gymnastik, 
Ackerbau und Tonkunst, namentlich diese sei „eine Wissenschaft der 
Liebe in der Tone Zusammenstellung und ZeitmaB"; ferner sieht er 
sie im Wechsel der Jahreszeiten und der Witterung, im Gottesdienst 
und in der Wahrsagerkunst. 

In einem Mythos erweitert alsdann der Dichter Aristophanes 
(C. 14) das schon seit den Tagen des Philosophen Empedokles ven- 
tilierte Problem der Androgynie, indem er ausfiihrt, wie die Urmenschen 
teils als Mannweiber (Androgynen), teils als Doppelweiber, teils als 
Doppelmanner die Erde bevolkerten, wegen ihres libeln Frevelmutes 
aber von Zeus gespalten wurden. Je nachdem nun einer zu diesem ^®^ 
zu jenem der drei Geschlechter gehort habe, deranach sei auch der 
Gegenstand seiner Sehnsucht und Liebe vcrschieden. Die aus Andro- 
gynen Entstandenen sehnen sich bestandig nach dem andern. Ge- 
schlechte. die aus Doppelweibern Entstandenen werden zu Tribaden, 
wahrend diejenigen, welche ihren Ursprung auf einen Doppelnaaan ^' 
riickfiihren konnen, in der Jugend Geliebte (paidika), im mannliclxeD 
Alter Liebende (Erasten) ' werden. — Nach einem spottischen ^®^ ^* 
hieb auf A^athon und Pausanias und deren anscheinend ^^^y' 
bekanntes \erhaltnis schlieBt der Dichter mit dem Wunsche, dap^^i" 
jeder ein solches Komplement fande, das zu ihm als eine ancle re Haute 
gehore und das nach seinem Sinne sei. . , 

Als letzter vor Sokrates ergreift nach kurzer <^^"^"^^*'*^^^ 
dialogischer Unterbrechung nun auch der Festgeber A g a t li o n aas 
Wort (C. 18), um im Stile seiner mit Wortklangen und epigranaima- 
tischen Antithesen spielenden Manier weniger die Gaben unci f^^^. ^^i^' 
ken des Eros als diesen selbst zu preisen als den — in polemischer 
Wendung gegen Phaidros — jungsten, gliicklichsten, sclion- 
sten und besten der Gotter, der in den Gemutern und Seelen. <^gt irotter 
und Menschen wohne, am liebsten aber immer in der Gesellschait^ aer 
Jugend verweile, weshalb ihm auch jeder freiwillig und ^^^^ diene. 
Doch sei er auch der starkste der Gotter, da er selbst den. ge wait i gen 



Digitized by 



Google 



776 

Ares bezwang, andererseits audi als Urheber der Harmonie bei 
Gottern und Menschen der weiseste. 

Verfolgen wir den Verlauf des Symposion im ganzen bis hier- 
hirij so tritl uns niclit, wie beim xeaophontischeiit eine gradlmig ver- 
laufende Klimax entgegen, sondern in stetem Wechsel von Steigerung 
und Senkung vollzieht sich hier der allmahliche Aufstieg zur Kronung 
des Ganzen, den Worten des S o k r a t e s. Auf die etwas nichtssagen- 
den Worte des P h a i d r o s folgen des Pausanias temperamentvoUe 
Ausfiihrungen, auf des Eryximachos wissenschaf tlich gehaltvoUe, 
aber etwas lederne Deduktionen des Aris'tophanes feiner und 
tiefemptundener Mythos, wahrend das Phrasengeklingel des Aga- 
t h o n wieder den Worten des Sokrates zur Folie dienen soil. 

S o k r a t e s (C. 22 ff.) gibt zunachst ein Gesprach, das er einst 
mit der weisen D i o t i m a von Mantineia liber dasselbe Thema gehabt 
liabe, und in dem ihn diese von dem Irrtum geheilt habe, als' ob Eros 
ein groBer Gott ware. — Eros sei, weil er auf das Schone gerichtet sei, 
selbst nicht schon und gut, aber ebensowenig sei er haDlich oder sterb- 
licli Oder bose, sondern er sea ein Mittelding zwischen dem 
Schonen und Nichtschonen, dem Guten und Nicht- 
guttMi, dem Sterblichen und IJnsterblichen, nicht ein 
Gott, sondern ein Damon, nicht der Sohn der Aphro- 
dite, sondern des Poros (Fiille) und der Penia (Armut), 
aber geboren am Geburtstag der Aphrodite. Genau genommen 
sei jegliche Begierde nach der Gliickseligkeit Eros, die Be- 

fierde, daB das Gute dem Begehrenden zuteil » werde. I Die 
Tenschen nennen aber nur die Begierde, welche eine gewisse Art 
des Guten erstrebe, mit dem allgemeinen Namen des Eros. Auch sei er 
nicht sowohl auf das Schone selbst gerichtet, als auf das Begehren, 
im Sclionen zu zeugen. Denn die menschliche Natur hat, sobald sie in 
ein gewisses Alter getreten ist, den Zeugungstrieb, welcher etwas Gott- 
liches und Unsterbliches ist. Es gibt nun aber eine doppelte 
Zeuguugslust und Zeugungstrieb, der eine dem Leibe 
nach, und die von ihm Ergriffenen wenden sich zuden 
Weibera und betatigen sich auf diesem Wege ero- 
tisch, indem sie durch Kinderzeugung Unsterblich- 
keit erstreben. Der andere ist der geistige Zeugungs- 
trieb, und die von ihm Ergriffenen sehnen sich zu 
zeugen, was der Seele geziemt, d. h. die Tugend. Wer 
nun von dieser Zeuguugslust getrieben wird, geht aus nach dem Scho- 
nen, da ja im HaClichen niemand zeugen mag, und erfreut sich so auch 
an schonen Leibern, am meisten aber an einera solchen, welcher sowohl 
leibliclj wie geistig (seelisch) schon ist. Mit diesem spricht er von der 
Tugend, unterweist ihn und erzeiigt mit ihm (geistig) das, wozu 
sie beide in sich die Lust tragen, und erzielit dann auclil mit ihm das 
gemcinschaftlich Erzeugte, und diese Gemeinschaft ist eine viel dauern- 
dere, als selbst die Ehe und jede andere Freundschaft, weil sie durch 
das Band viel schonerer und unsterblicherer Kinder unterhalten wird, 
namlich durch Geisteswerke wie die eines Homer, Hesiod, Lykurgos 
und Solon. Die vollendete AVeihe der Liebe bleibt aber Jiierbei nicht 
stehen, sondern wenn er auch mit einem schonen Leibe angefangen und 
mit diesem einem schone Reden erzeugt hat, wird er bald inne, daB 
das Schone in diesem verwandt sei mit dem Schonen in anderen Lei- 
bern, und findet es bald toricht, dem einzelnen Schonen nachzugehen 
statt dem Schonen in den Leibern liberhaupt, wogegen das einzelne 
Schone doch nur etwas Geringfiigiges ist. Demnachst findet er, daB die 
Seelenschcinheit ehrbarer als die Leibesschonheit sei, und es geniigt 
ihm, wenn, wo er eine schone Seele findet, auch nur eine geringe 
BliJte des Leibes da sei, und er wird auch solche lieben und derartige 
Reden mit ihr zeugen, welche die Jiinglinge bessfarn, damit er darauf 
. das Schone in den Beschaftigungen und Gesetzen sehen konne. Sodann 



Digitized by VjOOQIC 



777 

aber wird es ihm eine Kleinmeisterei erscheinen, dem Schonen ira ein- 
zeJnen nachzugehen, er wird sich vielmehr zu dem Schonen in den 
Wissenschaften wenden und auch da, nachdem er sich aufs hohe 
Meer hinausgewact, viel erhabene Reden und Gedanken in unermiidetem 
Eifer nach Weisheit zeugen, bis er hier gestarkt eine Wissenschaft 
sieht, die des Schonen. — Zuletzt sieht er dann das Schcine 
an sich, das ewig und immer dasselbe biei^bt, unter 
alien Verhaltnissen und fiir alle, das ohne Gestalt ist, an keiner 
anderen Sache, nicht an der Erde, nicht am Ilimmel haftet, woran 
alles, was schon ist, Anteil hat, ohne daC er selbst dadurch affiziert 
wird. Das ist die rechte Stufenfolge in der Liebe, dafl man, ausgehend 
von dem Schonen am einzelnen Leibe, am Ende stehen bleibe bei dem 
Schonen an sich. Wem es aber zu teil wird, dieses gottliche Schone 
an sich zu schauen, der wird kein schlechtes Leben fiihren, und, 
wenu von irgend einem Menschen, so wird man von ihm sagen kon- 
nen, daB er von Gott geliebt und unsterblich sei. 

Und so sei Eros der beste Heifer, unx zum Bssitz der 
wahren Tugend zu gelangen^^). — DaB Platen dieses hohe 
Lied auf den Eros, den leiblichen wie Jen geistigen, dem Munde 
einer Frau entstammen lalJt, beweist, wie weit entfernt or sich 
von einer Herabsetzung des weiblichen Geschlechtes wuBte. In 
hochst kunstvoller Weise laBt P 1 a t o n am SchluB den Beweia 
ftir die Ausf lihrungen ,des Sokrates an der Person des 
Meisters selbst durch den Mund des von einem Gelage kom«- 
menden Alkibiades fiihren, v — in jener Szene, die uns 
durch die Meisterhand eines Anselm von Feuerbach auch 
im Bilde dargestellt ist. — Geschickt unterscheidet Alki- 
biades zwischen dem silenenhaf ten AuBern des Meisters und 
seinem Wesen, das die mit ihm Umgehenden unweigerlich in 
seinen Bann zwinge, und schildert ihn, wie er weit entfernt sich 
um die Gunst der ,, Schonen** zu bemlihen, diese vielmehr notige, 
sich ihm unterzuordnen. So sei es auch ihm ergangen, der teils 
von jugendlicher Eitelkeit teils von Wissensdrang getrieben den 
Sokrates auf jede mogliche Weise als Liebhaber habe ge- 
winnen wollen und ihn nach mancherlei anderen Versuchen beim 
Ringkampf und Gastmahl auch einmal nachts bei sich behalten 
habe, wobei er ihn formlich zum LiebesgenuB verlockt und sich 
sogar an seine Seite unter seinen Mantel gelegt und ihn mit 
beiden Armen umschlungen habe — und nicht anders aufge- 
standen sei, als wenn er bei seinem Vater oder altern Bruder ge- 
schlafen hatte. Gleichwohl aber sei es ihm nicht moglich, sich 
demEinfluB jenes wundersamen Mannes zu entziehen, und gleich 
ihm eei es auch andern ergangen, wie dem Charmides und 
Euthydemos. Mit einer seherzhaf ten Plankelei zwischen 
Alkibiades, Agathon und Sokrates^, der nach des 
Alkibiades Worten wieder alle ,, Schonen** ftir sich in Be- 



99) M. H. E. M e i e r in Ersch u. Gruber III, 9. 1837. 



Digitized by VjOOQIC 



778 

schlag nehme, endet das Gesprach, das woTil das bedeutsamste 
Dokiiment hellenischer Paiderotik genannt werden darf. 

In seinem groBziigig gedachten politischen Reformwerk, dero 
„S t a a t*' (Politeia), der unter den Utopien der Weltliteratur einen her- 
vorragenden Platz einnimmt, setzt sich P 1 a t o n auch nochmals mit 
dem Paidon Eros auseinander. „Kennst du wohl, heiBt es hier u. a. 
II J, 12 (p. 403). eine groCere und heftigere Lust als die am Geschlechts- 
triebe? — Die Art der wahren Liebe aber ist es, einen Sittsamen und 
Schonen auch besonnen und musisch zu lieben. Nichts Tolles also und 
der Ungebundenheit Verwandtes darf man zur wahren Liebe hinzu- 
bringen. Also darf man auch jene Lust (am Geschlechtstriebe) nicht 
hinzubringen, noch diirfen Liebhaber und Geliebter Teil an ihr haben, 
die wahrhaft lieben und geliebt werden wollen. Dergestalt also, wie 
sich zeigt, wirst du die Sitte feststellen in der von uns gegriindeten 
Stadt. dai3 der Liebhaber den Jiingling lieben, mit ihm umgehen und 
des Schonen wegen anhangen darf, wie einem Sohne, wenn es mit 
dessen guten Willen geschieht ; im iibrigen aber miisse jeder, um wen 
er sich auch bemiihe, mit diesem so umgehen, daB es auch nie den 
Schein gewinne, als erstrecke sich ihr Verhiiltnis noch weiter, sonst 
verfallo er in den Vorwurf des Unmusisclien und Gemeinen." — 

In den N o m o i (Gesetze), dem AbschluBwerk seines achtzigjiihrigen 
Lebens, deren von mancher Seite bezwcifelte Echtheit allerdings durch 
das Zeugnis des Aristoteles gestiitzt wird, nimmt Plat on schlieBlich 
der Ilomoerotik gegeniiber eine durchaus verwerfende Stellung ein. 
Wie in anderer Beziehung das Werk einen Abfall (Christ) von den 
friiheren Anschauungen iiber den Idealstaat bedeutet, wie er die Ehe, 
Erziehung, Verwaltung, Rechtspflege, Kultus und Militarwesen seines 
fingierteu kretischen Zukunftsstaatcs vom Standpunkt des trockensten 
Utilarismus in eine subtil ausgekliigclte, aber engherzige Gesetzgebung 
einschniirt, ebenso verwirft er aus ,,seuileui Empfinden heraus" 
(Kiefer)^oo) jede Sinnenlust als durchaus siindhaft, die Ehe ist 
nur ein Propagationsinstitut, die Freundschaft eiu rein geistiges Verhalt- 
nis und jede sinnliche Betatigung in derselben etwas 'VVidernatiirliches. 
DaB in den Gesetzen auch die Person des Sokrates ganzlich fehlt, mag 
man als ein bewuBtes oder unbewuBtes Zugestandnis des Greises P 1 a t o n 
dfiriiber auffassen, wie weit er sich mit seinen Altersanscliauungen von 
den Gedanken des auch im hoheren Lebensaltor noch mitten im Kreise 
seiner Umwelt stehenden Sokrates entfernt hatte. Es ist wohl 
nicht zu bezweifeln, daB Plat on selbst, der Zeit seines Lebens- 
unvermahlt blieb, auch in seinen Jiinglings- und Mannesjahren person- 
lich von den Empfindungen beseelt war, die er so oft in seinen Dialogen 
schilderte. Doch ist auBer einer knappen Notiz Aelians (V. H. IV, 
21), die von seiner Liebe zu Dion, dem Schwager des alteren Dio- 
n y s i o s von S yrakus (gest. 354), spricht, und der schon erwahnten 
Mitteilung des Diogenes Laertius (III, 31) iiber sein Verhalt- 
nis zu P h a i d r o s sowie einigen in der Anthologie erhaltenen Epi- 
grammen nichts iiberliefert. Auch von drei beriihraten Schiilern P 1 a - 
tons wissen wir, daB sie dem Paidon Eros gehuldigt, so war E u d o - 
X o s von Knidos der Geliebte des Arztes Theomedon (Diogen. Laert. 
VIII, 87), Xenokrates von Chalkedon der Liebhaber des P o 1 e - 
mon (ibid. IV, 19), und dem groBen Stagiriten Aristoteles wer 
den sogar drei Geliebte zugewiesen, namlich H e r m e i a s , der Herr- 
scher von Atameus und Assos in Mysien, Palaiphatos (cf. Sui- 
d a s) und Theodektes aus Phaselos, Athenaios XIII, 566 E). 
Doch sind derartige erst aus spaterer Zeit iiberlieferte „Hist6rchen" mit 
einiger Vorsicht zu iibernehmen. 



0) Kiefer 1. c. S. 125. 



Digitized by VjOOQIC 



779 

Das glciche gilt von den Nachrichten des Diogenes Laertlos 
(TV, 21 — 24. 29 u. 40) iiber die paiderotischen Verhaltnisse zwif jheo 
den auf P 1 a t o n folgenden Schulhauptern der Akademie — „P o 1 e - 
m o n liebte den Krates, Krantor den Ankesilaos, Arke- 
s i 1 a o s selbst, der der Paderastie in hohem MaBe ergeben war, liebte 
den Leochares aus Myrlea, der auch von Demochares und 
Pytliokles geliebt wurde, und den Demetrios, den schonen Sohn 
des Demetrios Poliorketes (gest. 284), den Bruder des A n t i - 
gonos Gonatas, der fiir kurze Zeit Gemahl der Berenike md 
Konig von Kyrene war." — Derartige Nachrichten, wie namentlich die 
der Stoiker gegen Arkesilaos bei Diogenes Laertios (TV, 
40) beruhen vielfach auf Scheelsucht und Klatschsucht. 

'Wic auf den Lebenspraktiker Lysias in der Entwicklung 

der attischen Rhetorik der Idealist Isokrates folgte, so folgt 

in der Philosophie umgekehrt dem Idealisten P 1 a t o n der 

Realist Aristoteles, der aber zugleich mit universalem Geiste 

die naturwissenschaftlichen, erkenntnistheoretischen, ethischen, 

asthetischen und politisehen Probleme seiner Zeit umfaiJte. So 

verdanken wir ihm auch auf dem Gebiet der Homoerotik in ver- 

schiedenster Beziehung manches Beachtenswerte ; vor allem 

euchtc er den Weg fortzusetzen, den bereits die Hippokrateer 

beschritten hatten, den Weg naturwissenschaftlicher Erklarung 

des Problems. 

Er zieht daher nicht nur das Sexualleben des Menschen, sonderD 
auch das der Tiere in den Kreis seiner Beobachtungen und schreibt 
iiber die Geschlechtsdifferenzierung und ihre gelegentliche Verwischung 
in seinem Werke „iiber die Tiere" (de animalibus III, 16, 2) : „Da» 
mannliche Geschiecht hat sowohl bei den iibrigen Tieren als beim 
Menschen in der Rogel keine Milch, gleichwohl geschieht es bei einigen, 
wie denn aut Lemnos ein Bock aus den Zitzen, deren er zwei neben der 
Jtute hatte, so viel Milch gab, daB man kleine Kasclien daraus machte, 
und als er zum Bespringen kam, ereignete sich bei einem von ihm er- 
zeugten fSproBling wiederum dasselbe. . . . Auch bei Mannern (cf. auch 
I, 10, 1) liiCl sich zuweilen zur Zeit der Mannbarkeit etwas heraas- 
driicken, unu beim Saugen kam sie bei einigen schon reichlich zum 
Vorschein." Bei den Erorterungen iiber die Pubertatserscheinungen 
bemerkt er V, 12, 4: ..Daher veriindern auch die Verschnittenen die 
btimmc in umgekehrter Weise, die Verschnittenen schlagen namlicb 
in das Weibliche um." — VII, 1, 1 heiUt es : .,Der Mann beginnt aber 
ill der Kegel zuerst nach voUendeten zweimal sieben (14) Jahren Samen 
zu fiihreu, gleichzeitig beginnt auch die Behaarung der Scham, wie 
aucn Alkmaion, der Krotoniate, sagt, daD die Pflanzen, bevor sie 
Samen zu tragen sich anschicken, erst .bliihen* ". Von Tribadie faute 
de mieux bei den Tauben berichtet er VI, 2. 10: ,,Ferner auch be- 
steigen die Weibchen einander, wenn kein Mannchen vorhanden isi 
(cf. r 1 i n. hist. nat. X, 79), nachdem sie sich wie mit den Mannchen 
schnabelten, und ohne einander etwas mitzutoilon (d. h. ohne Befruch- 
tung), legen sie p&ahlreichere Eier als die durch Zeugung entstan- 
denen ; aus ihnen kommen indes keine Jungen, sondern alle der- 
artigen sind Windeier*'. Von geborenen Eunucheii berichtet VIT, 1, 5: 
,,Es bleiben auch manche von Haus aus unmannbar und infolge einer 
Verkiimraerung der Schamteile unfruchtbar, in gloioher Weise bleiben 
auch Weiber von Haus aus unmannbar" ; besonders beachtenswert 
erscheint folgende Bemerkung in VIII, 2, 5: ,,Die Natur aller dieser 
(Ampbibien) scheint gewissermaBen vordreht, gerade wie raanche Manner 



Digitized by VjOOQIC 



780 

ein weibischea, manche Weiber ein mannliches Aussehen Laben. 
Wenn namlich die Tiere in kleinen Teilen eine Verschiedenheit an- 
nehmen, so scheinen sie sich nach der Beschaffenheit des gauzen 
Korpers bedeutend zu unterscheiden. (§ 6.) Dies ist bei den Ver- 
schnittenen offenbar; das Tier schlagt namlich, wenn es eines kleinen 
Teiles beraubt ist, dns Weibliche um ; daher ist eg klar, dafr audi bei ider 
urspriinglichen Bildung, wofern ein einziges Teilchen der GroBe nach 
sich umgestaltet, sobald dieses ein wesentliches ist, bald ein Mann- 
chen, bald ein Weibchen entsteht, wenn es aber ganz hinweg genommen 
wird, keines von beiden (d. h. ein Individuum neutriusque sexus, 
eine Zwischenstufe). Es sind dies zwar nur Ansatze zu einer n a t u r - 
wissenscliaftlichen Behandlung des Sexuallebens, aber immor- 
hin Ansatze, die auf dem richtigen Wege vergleichender Forschung zu- 
stande gekommen sind. 

Auch in seiner von seinem Sohn Niko machos heraus- 
gegebenen Ethik kommt Aristoteles bei den Erorterungen 
iiber die Unenthaltsamkeit (Akrai?eia) auf die physiologische 
Seite des homoerotischen Problems zu sprechen. 

Er schreibt dort (VII, 5, 3 ff) : „Andere Geliiste und Geniisse sind 
teils krankhafter Art, teils Folgen von iibler Angewohnheit ; auch die Lust 
an mannlicher Unzucht gehort hierher, denn sie ist teils Folge von an- 
geborener Naturneigung, teils entspringt sie aus Gewohnung. D i e - 
jenigen nun, bei welchen sole he Neigungen natiir- 
lichc Anlagen sind, die kann niemand unenthaltsam 
nennen, so wenig wie man die Weiber darum schelten 
kann, daB sie nicht aktiv, sonde rn passiv sich dem 
M a n n c g e g e n ii b e r v e r h a 1 1 e n ; und ebenso ist es mit denen, 
welche durch Gewohnung imit krankhaften (Jeliisten behaftet sind. 
(5) Solch(i Neigungen an sich zu haben fiillt auBerhalb der Bestim- 
mungen der sittlichen Schlechtigkeit. Wenn einer, der sie hat, sie 
beherrscht oder von ihnen beherrscht wird, so ist das nicht Unent- 
haltsamkeit im einfachen und eigentlichen Sinne, sondern man be- 
zeichnet es nur so der Ahnlichkeit wegen, gleichwie man auch den- 
jenigen, der sich von dieser oder jener Leidenschaftsaufwallung 
beherrschen lafit, nur als unenthaltsam mit dem Zusatz in der und 
der Leidenscliaft bezeichnet, aber nicht unenthaltsam schlechtweg 
nennen darf/' d. h. er kann in jeder anderen Beziehung ein tiichtiger 
und braver Mensch sein (cf. auch Topika VI, 8, 4). 

Die rein ethische Seite des Problems beliandelt Aristoteles 
sodann in dem 8. und 9. Buch desselben Werkes, die von der Freund- 
flchai't handeln und ehedem eine eigene Schrift .-regi tpiUag bildeten, von 
den spiiteren Redaktorcn jedoch in die Nikomachische Ethik ein- 
gefiigt wurden. So heiBt es hier. nachdem IX, 9, 10 der Freund das 
zweite Ich genannt wurde, in IX, 10, 4 : „Ich sollte meinen, es sei 
iiberhaupt und aus demselben Grunde gar nicht moglich, vielen innig 
Freund zu sein, aus welchem es audi nicht moglich ist, viele zu 
lieben. Denn Liebe beansprucht ihrem Wesen nach, der hochste Grad 
von Freundschaft zu sein. Ein solcher hochster Grad aber findet nur 
statt in bezug auf e i n Individuum und ebenso innige Freundschaft 
nur gegen wenige. (6) Dal3 es wirklich sich also verhalt, ersehen wir 
audi aus den Tatsachen des Lebens, denn da kommen nicht viele 
Freunde in der wirklichen Bedeutuiig der Kameradeufreundschaft vor, 
und bei den von den Dichtern besungenen ist immer nur von einem 
Freundespaar die Rede," und welter: .,Wie es fur die Liebenden das 
allererfroulichste ist, den Gegenstand ihrer Liebe zu sehen, und wie 
sie diese Sinnesempfindung alien iibrigen Sinnesempfindungen vor- 
ziehen, weil durch sie alleiu die Liebe vermittelt wird und entsteht, 
ebenso ist auch fiir die Freunde das Wiinschenswerteste, mit ihren 



Digitized by VjOOQIC 



781 

Freundea zusammen zu leben. . . . Und was es immer sein moge, 
worin fiir jeden das Sein besteht, oder urn dessentwillen er zu leben 
wiinscht, immer ist sein Sinn darauf gestellt, in diesem Element ver- 
eint mit dem Freunde sein Leben zu niliren. Daher trinken die einen 
mit ihren Freunden, die andern wiirfeln, noch andere tumen oder jagen 
Oder philosophieren mit ihnen, kurz, jeder verbringt seine Tage mit 
seineu Freunden in demjenigen, was er selbst in seinem Leben am 
liebsten treibt und tut. Zus^mmenleben hamlich ist es, was aile mit 
ihren Freunden wollen, und daher tun und treiben sie rait ihnen 
dasjenige, was fur ^ie die Lebensgemeinschaft ausmacht." 

Schon in der vor der Ethik geschriebenen Rhetorik hieB es 
(J, 11, 11): „So macht den Verliebten das Sprechen und Schreiben 
iiber den Geliebten und die bestandige Beschaftigung mit demselben 
Freude, indem sie dabei, stets erinnert, gleichsam einen Eindruck 
vom Geliebten zu empfinden glaubeu, Und das ist jederzeit der Liebe 
Anfang, wenn man nicht allein bei der Gegenwart eines Menschen 
Freude, sondern auch in. der JErinnerung an den Abwesenden Liebe Jfiihlt. 
Dajum ist diese auch vorhanden, wenn man durch das Nichtdasein 
desselben betriibt wird"; und II, 4, 2: „Freunde sind die, welche 
bereits nur eine Freude und nur ein Leid haben; so auch die, 
welche dieselben Menschen als Freunde und dieselben als Feiude be- 
trachten, denn ihre Wiinsche miissen dieselben sein. So ist denn offen- 
bar der ein Freund, der fiir den andern dasselbe wie fiir sich will." 
„Unter entgegengesetzten Charakteren," sagt Aristoteles VIII, 8, 6, 
„8cbeint vorzugsweise diejenige Freundschaft stattzuhabeu, welche auf 
dem Nutzen basiert, so z. B. kann der Arme dem Reichen, der Un- 
wissende dem Gelehrten Freund sein, denn was einer notig hat, danach 
verlangt er und gibt dafiir anderes als Gegengabe. Daher erscheinen 
denn auch die Liebhaber zuweilen lacherlich, wenn sie verlangen, 
ahnlich leidenschaitlich geliebt zu werden, als sie lieben, Waren sie 
freilich ahnlich liebenswert, dann konnten sie es meinetwegen ver- 
langen; haben sie aber keine ahnlich liebenswerten Eigenschaften, 
dann ist ihre Praten^ion lacherlich.** — „Zuweilen beklagt sich (IX, 
1, 2) der Liebhaber, daO er in dem Verhaltnis, das auf Liebe beruht, 
fiir seine iibergroBe Liebe keine Gegenliebe empfange — moglicherweise 
weil er gar nichts Liebeuswiirdiges an sich hat — , bald der Geliebte, 
daB jener, der friiher alles mogliche versprach, jetzt nichts von 
alledem erfiillt. (3) Dergleichen geschieht ihnen aber in solchen Fallen, 
wo der Liebhaber den Gegenstand seiner Neigung nur um des Ge- 
nusses willen liebt, der letztere dagegen in dem Verhaltnis zu seinem 
Liebhaber nur seinen Vorteil sucht und beide dann diese Dinge nicht 
zu gewahren vermogen. Denn wo dies die Motive der Freundschaft 
sind, da erfolgt die Auflosung derselben, sobald dasjenige, weswegen 
sie einander liebten, nicht erreicht wird. Denn sie liebten ja nicht eiher 
des andern Selbst, sondern nur etwaa, was sie besaBen, und zwar etwas, 
was nicht bleibend ist, daher denn auch die darauf basierte Freund- 
schaft ebenso verganglich sein muB." 

Viel Interessantes iiber die Ilomosexualitat findet sich auch 
in den historisch-politischen Schrifteii des Aristoteles. Leider 
ist uns von dem groBen Sammelwerk der Politeiai, die iiber niclit 
weniger als 158 Staatsverfassungen handelten, nur die der Athener 
verhaltnismaBig vollstandig iiberliefert. Hier polemisiert er u. a. C. 17 
gegen die Nacnrede, daB P e i s i s t t a t o s der Geliebte S a 1 o n s jsre- 
wesen sei. Dies Verhaltnis sei schon aiis chroiiologischen Griindeu 
ais unmoglich zu erweisen, da man nur die Lebenszeit und' das Todes- 
iahr der beiden Manner (Solon gest. 559, Peisistratos gest. 
627) in Berechnung zu Ziehen brauche." So ganz unmoglich erscheint 
dies jedoch nicht, da die Einrichtung der solonischen Verfassung in 
das Jahr 594 und die erste Tyrannis des Peisistratos in die Jahre 



Digitized by VjOOQIC 



782 

660 — 554 verlegt werden, beider Lebenszeit also um etwa 30 Jahre dif- 
feriert. 

Eiigiebiger noch zeigen isich die wahrscheinlich zwischen 338 
und 332 geschriebenen Politika des Aristoteles, in denen er u. a. 
auf den kretischen Paidon Eros zu sprechen kommt und seine staat- 
liche Sanktionierung als prophylaktische MaOregel gegen Cbervolkerung 
begriindet. Er schreibt (II, 7, 5): „Und um die Manner zuweilen von 
dem Umgang mit ihren Weibern zu entfernen, damit sie nicht zu viel 
Kinder in die Welt setzen, hat er (Minos) die Triebe der Manner 

§egen ihr eigenes Geschlecht begiinstigt. — II, 6, 6 bemerkt er von 
en Kelten, daU .bei ihnen ,,der Verkehr mit dem mannlichen Ge- 
schlechte offensichtlich in Ehren gestanden habe . . . wie denn iiber- 
haupt alle kriegerischen Volker diese Triebe, sei es gegen das eigene 
Geechlecht, sei es gegen das andere viel starker zu fiihlen scheinen." 
Hier moge noch eine Anekdote von Aristoteles Platz finden, 
die unter den sog. Apophtegmata des Philosophen (Fr. 33 f.) iiber- 
liefert ist. Als ihn einst ein schongestalteter, aber schlecht beleu- 
mundeter Jiingling schalt und sagte, er wiirde sich schon langst 
auf^ehangt haben, wenn er seinen Mitbiirgern so, wie er, verhaBt ware, 
enx'iderte Aristoteles: „Und ich wiirde mich au&ehangt haben, wenn 
ich gleich dir von den Mitbiirgern geliebt wiirde. 

Einen langeren Abschnitt des V. Buches widmet Aristoteles 
in dieser Schrift dem Nachweis, dafi durch hetero- wie homosexuelle 
Verfehlun^en nicht selten politische Zwistigkeiten und Fehden ent- 
standen smd. So schreibt er (V, 3, 1) : „Es entstehen demnach die 
biirgerlichen Unruhen nie um kleiner Zwecke willen, wohl aber aus 
kleinen Veranlassungen. Diese kleinen Veranlassungen aber sind dann 
am fahigsten (Umwalzungen zu erzeugen), wenn sie Personen be- 
treffen, die von Gewicht und EinfluD sind, So geschah es z. B. in 
Syrakus in den alteren Zeiten, dafi die ganze Staatsverfassung sich 
aus Veranlassung eines Streites zwischen zwei Jiinglingen anderte, 
die wegen eines Liebeshandels miteinander uneinig wurden, wahrend 
sie eben damals ansehnliche Amter verwalteten. ' Da namlich der eine 
in Abwesenheit des andern dessen Lieblin^ verfiihrte, und dieser 
hinwiederum, um eich an dem ersten zu rachen, dessen Frau zur 
Untreue bewog, so entstand daraus eine Zwistigkeit zwischen beiden, 
welche durch die Teilnahme der Anhanger von beiden zuletzt die ganze 
Stadt in zwei feindliche Parteien teilte. ... So kam auch (V, 8, 9 ff.) 
der Aufstand gegen die Peisistratiden in Athen daher, da0 Hippar- 
c h o s die Schwester des Harmodios beschimpft, den Harmodios 
selbst aber insultiert hatte. Nun verschwor sich Harmodios gegen 
ihn, um seine Schwester zu rachen, Aristogeiton aber um seines 
Freundes Harmodios willeii. — Gegen Periander, den Tyrannen 
von Ambrakia, verschwor man sich, weil er bei einem Gelage mit seinen 
Lieblingen einen derselben fragtc, ob er schon schwanger von ihm 
sei. (10) Philippos (von Makedonien) wurde von Pausanias 
umgebracht, weil er diesen ungestraft von einem seiner Hofleute, 
dem A 1 1 a 1 o s , hatte beschimpfen lassen." 

Aristoteles hatte seine Bemerkung in der Politika (II, 
6, 6), dalJ alle kriegerischen Volker sexuellen Trieben, sei es 
gegen das eigene Geschlecht, sei es gegen das andere, ganz be- 
sonders unterworfen seien, allein schon durch einen Hinweis auf 
seine Landesgenossen, die Makedonen selbst, den nordlichsten 
der griechischen Stamnie, begrtinden konnen. Unter ihren Herr- 
schern haben wir durch ihn (Pol. V, 8, 9) Archelaos, 
A m y n t a s und P h i 1 i p p o sll. , den Vater A 1 e x a n d e r s d c» s 



Digitized by VjOOQIC 



783 

G r B e n , sowie diesen selbst der gleichgeschlechtlichen Liebe 
huldigend kennen gelernt. 

In seinem „Philippika" auCerte sich schon der Isokrateer T h e o - 
p o m p o 8 , daQ F h i 1 1 p p II. alles Lumpengesindel aus ganz Hellas 
und den Barbarenlandern um. sich gesammelt habe, Menschen, die 
,,als Manner sich nicht entblodeben, sich den ganzen Eorper zu ra- 
sieren und zu glatten und als Bartige miteinander Unzucht zu treiben. 
Auch fiihrten sie immer zwei oder drei „Lieblinge" auf ihren Feld- 
ziigen mit sich und liberlieBen sich selbst anderen zu gleichen Diensten. 
Daher hatte man sie wohl mit Recht nicht die Freunde, sondern die 
„Freundinnen** des Konigs, nicht Soldaten, sondern Huren nennen 
konnen.** Die Ubertreibung dieser Ausdriicke entzieht schon an sich 
der Schilderung einen guten Teil Glaubwurdigkeit. Da ferner T h e o - 
p o m p o 6 bereits im Altertum (N e p o s , Alcibiades 11) das Epitheton 
eines „maledicentissimus scriptor" erteilt wurde, so diirfen wir auch auf 
dem Gebiet des Paidon Eros seine bissigen Invektionen keineswegs als 
bare Munze nehmen. Immerhin mag er als Gewahr;/smann fiir eine nicht 
allzu sparliche Verbreitung gleichgeschlechtlicher Liebe auch bei den 
Makedunen dienen, wie desgleichen seine Angaben iiber die bisexuelle 
Natur Konig Philipps, die auch durch anderweitige spatere Mit- 
tcilungen gestiitzt werden, nicht in Zweifel zu Ziehen sind. 

Auf Theopompos soil (nach M ii 1 1 e r s Vermuten) auch die 
Steile dea Justinus (VIII, 8) zuriickgehen, die von einem Liebes- 
verhaltnis des Konigs zu seinem jugendlichen Schwager Alexan- 
der I. von Epeiros, wieder in schmahenden Worten, erzahlt : ,.P h i - 
1 i p p o s lieD Alexandres, den Bruder seiner Gemahlin Ol^mpias, 
einen Knaben von edlen Schonheit, im Namen der Schwester nach Make- 
donien kommen, bot alles auf, ihn durch die Aussicht auf den Thron 
anzulocken und trieb ihn sodann, Liebe heuchelnd, zu einem un- 
ziichtigen Umgang, um sich einer grofien Hingebung desselben, sei 
es wegen des beschamenden BewuBtseins oder wegen der Verbindlich- 
keit fiir den Thron, zu versichern. Als dieser 20 Jahre erreicht hatte, 
iibergibt fer die (dem Arrubas entrissene) Herrschaft dem noch ganz 
jungen Menschen, an beiden ein Frevler." 

€ber die Ermordung des Konigs findet sich bei Justinus 
(IX, 6) folgender Bericht: „Inzwischen feiert Philippos (336 zu 
Aigai) die v ermahlung seiner Tochter Kleopatra mit Alexan- 
der, den er zum Konig in Epeiros gemacht hatte. Es war dies ein aus- 
gezeichnet prunkvoller Tag, entsprechend der Gr6i3e beider Konigc, 
sowohl dessen, der die Tochter vermahlte, als dessen, der sie zur 
Gemahlin nahm. Auch an herrlichen Spielen fehlte es nicht, und als 
Philippos, um diesen beizuwohnen, ohne Leibwache hinging, in 
der Mitte der beiden Alexander, des Sohnes und des Eidams, 
stoBt Pausanias, ein junger Makedonier von Adel, der niemand 
verdachtig war, in einem schmalen Hohlweg, den er besetzt hatte, 
den Philippos im Vorbeigehen nieder und macht so den zur 
Freude bestimmten Tag zu einem abscheulichen Trauertag. Dieser 
Pausanias hatte in den ersten Jahren der Mannbarkeit von At ta- 
lcs gewaltsame Schandung erlitten; das Emporende dieser Handlung 
war aber durch folgende Schandlichkeit erlioht wordon. A 1 1 a 1 o s 
hatte ihn namlich zu einem Gastmahl zu locken gewuCt und ihn sodann 
im Zustand der Trunkenheit nicht nur zum Werkzeug seiner eigerien, 
sondern auch der anderen Gaste Wollust, wie einen gemeinen Ilurer, 
dienen lassen, und unter seinen Altersgenossen zum allgemeinon Ge- 
spott gemacht. Voll VerdruB dariiber hatte Pausanias oft seine 
Klagen vor Philippos gebracht. Da er mit mancherlei leeren 
Hoftnungen nicht ohne Spott hingehalten wurde und iiberdies seinen 
Gegner mit der Feldherrnwiirde beehrt sab, kehrte er seinen Zorn gegen 



Digitized by V:iOOQIC 



784 

r h i 1 i p p o s selbst und voUzog die Rache, die er an dem Gegner 
nicht vollziehen konnte, an dem ungerechten Richter." 

DaB auch Philipps Sohn, Alexander der G r o B e , 
der Liebe zum eignen Geschlecht nicht abhold war, laBt sich 
durch mehrfache Zeugnisse des Altertums belegen. Zwar sind 
die Berichte seiner Zeitgenossen uns nur noch in Triimmern 
und Splittern erhalten, weshalb wir lediglich auf Berichte a us 
zweiter und dritter Hand angewiesen sind. Unter ihnen be- 
richtet schon Diodoros (XVII, 37, 5) von der Freundschaft 
zwischen Alexander und Hephaistion, die in dem be- 
kannten Wort Alexanders bei dem Zusammentref fen mit 
der Muttar des Dareios: ,,denn auch dieser ist ja Alexander^* 
ihren Ausdruck fand. (cf. Cur tins III, 12 und Arrian II, 
12, 6). 

Nach dem Tode des Freundes (324) betrieb er (D i o d o r , XVII, 
114, 1) die Anstalten zu der Leichenfeier mit solchem Eifer, dafl sie 
nicht nur glanzender wurde als alle Leichenbegangnisse der friiheren 
Zeiten, sondern es auch in der Zukunft nicht moglich war, ihn darin 
zu iibertreffen. Denn er liebte ihn mehr ahs seine vertrautesten Freunde, 
und nach dem Tode erwies er ihm eine Ehre, die iiber allerf E^^S' ^^ 
hatte ihn, solange er lebte, alien vorgezogen, wiewohl Kra- 
teros sein Nebenbuhler war. Als namlich einmal einer seiner Vertrauten 
sagte, K r a t e r o s sei nicht weniger geliebt als Hephaistion, 
cYVi idertc^A lexander, Krateros sei des Konigs Freund, H e - 
phaistion aber Alexanders Freund (cf. Plutarch 47). Zu- 
letzt kam auch P h i 1 i p p o s , einer seiner Freunde, und brachte einen 
Sprucli vom Ammon, daD man dem Hephaistion als einem Gott opfern 
solle/' 

Plutarch berichtet C. 67 : „ Als Alexander die Haupt- 
stadt von Gedrosien erreichte, lieC er das Heer, um Feste zu feiern, 
von neuem ausruhen. Er sah hier, wie man erzahlt, berauscht dem 
Wettstreit der Chore zu, wobei sein Liebling B a g o a s , der als Chor- 
fiilirer den Preis davon trug, im vollen Schmuck iiber das Theater ging 
und sich neben ihn setzte. Als die Makedonier dies sahen, klatschten 
sio ihm Beifall zu und schrien, er solle ihn doch kiissen, lieBen auch 
nicht eher nach, bis er ihn umarmte und ihm einige Kiisse gab." Dieser 
B a g o a s war nach Curtius (Vl, 5, 18) ein Verschnittener von un- 
gemeiner Schonheit und noch in der Bliite der Jugend. Nabarzanes 
hatte ilm ehedem in Hyrkanien dem Konig geschenkt, lun sich in Gunst 
zu setzen, und seitdem war Bagoas der erklarte Liebling Alexanders 
geworden (cf. auch Curtius X 1, 4). Nach Plinius (XlII, 9) be- 
zeichneten die Pcrsor mit dem Namen B a g a o s die Verschnittenen, welche 
zu ^einer Art Herrschaft (heute Vezirat). gelangten. Aufier den erwalmten 
Hephaistion und Bagoas nennt Curtius auch noch zwei 
andere Lieblinge Alexanders (IV, 8), den Hektor, des Parmenio 
Sohn, einen ,,Jiingling in der schonsten Bliite der Jahre, den Alexander 
wie wenige liebte" uud VII, 9 (38) don Excipinus, ,, einen noch 
solir jungcn Menschen, den Alexander wegen seiner Jugendbliite 
lieb gewonnen hatte, und der, obgleich er dem Hephaistion an Korper- 
^estalt gleich, ihm an Anmut, die freilich nicht ein Vorzug der Manner 
1st, nicht gleichkam". 

In der Schlacht von Chaironeia (338) wurde die politische 
Selbstandigkeit der griechischen Stadtstaaten vernichtet, doch 
der hellenische Genius folgte den Spuren des jugendUchen make- 



Digitized by VjOOQIC 



786 

donischen Eroberers Ibis an die Grenzen des damaligen Uni- 

versunirt und fand in den Stadten der hellenistischen Diadochenv- 

reiche, in Alexandria, Antiochia, Pella und Pergamon nicht 

minder fdrdernde Pflegestatten wie in der alten Heimat. Aller- 

dings wurde die geistige und literarische Tendenz in andre Bahnen 

gelenki. Der Gelehrte wurde duxch die Schaffung der groUen 

Bibliotheken in Alexandria und Pergamon ein pelbstandiger 

Typus des geistigen Lebens, und seine Polymathie farbte auch 

auf die anderen literarischen Gebiete ab. Auch die homosexuelle 

Literatur blieb hiervon nicht unbeeinfluflt. 

Kallimachos (310 — 240), von Ptolemaios Philadel- 
p b o s an den Hof und die Bibliothek zu Alexandria gezogen, verband 
mit ausgedehnter Gelehrsamkeit poetische Neigungen, die auch dem 
homosexuellen Gebiet nicht fern blieben. Unter seinen 65 (erhaltenen) 
Epigrammen finden sich neben zahlreichen Grabschriften auf tote 
Jiinglinge auch ziemlich viele Liebesgestandnisse an lebendige. Hier 
nur eine Probe^^^^): 

Schenke mir ein auf Diokles' Wohl; dooh bleibe das Wasser 

Fern dem geweihten Pokal, schenke mir lauteren Wein. 
Schon ist der Knabe fiirwahr, zu schon ; wenn einer dies leugnet. 
Nun dann bin ich es allein, der sich auf Schonheit versteht. 
Asklepiades von S a m o s , der Lehrer des Theokritos, 
legt in seine Epigramme die ganze Weichheit eines* verliebten Dichter- 
herzens. Bald treibt ihn in stiirmischer Kegennacht die Sehnsucht 
vor die Tiir des schonen M o s c h o s ; bald beklagt er den friihverstor- 
beneu Botrys ; bald schildert er uns Eros selbst, wie der schelmische 
Gott seiner Mutter entlauft, um in der Gesellschaft holder Jugend zu 
weilen. Einmal sehen wir auch den Dichter mit seinem Liebling 
Nikagoras fleiBig dem Becher zusprechen, bis diesem das Kopfchen 
niedersinkt und der Kranz von den Locken fallt. 

Dioskorides von Alexandria, der unter Ptolemaios III. 
lebte, scheint in seinen Neigungen sehr wechselnd gewesen zu sein. 
Kaum dem Theodores entronnen, ist er sogleich wieder in den Banden 
des Aristokrates gefangen. Von ihm ist das von Brandt (S. 266) 
mitgeteilte Epigramm: 

Zephyr, wehe du sanft und bring mir gesund meinen Jungen, 

Wie du den siiCen empfingst, gliicklich zum Ufer zuriick. 
Kiirze der Monate MaB, denn selbst nur wenige Tage, 
Ewig erscheinen sie dem, welchen die Liebe ergriff. 
Der letzte der Dichter, die hauptsachlich auf dem Gebiet des 
Epigramms ihren Kuhm erwarben, bildet der der kynischen Schule 
angehorige Meleagros aus dem syrischen Gadara, der selbst ein 
namhafter Epigrammatiker war und im letzten Viertel des I. vorchrist- 
licben Jahrhunderts eine stattliche Anzahl der besten Epigramme 
seiner Vorganger und Zeitgenossen zu einer alphabetisch geordneten 
Anthologie, dem Grundstock der nach mehrfachen Erweiterungen im 
X. nachchristlichen Jahrhundert von Konstantinos Kephalas 
herausgegebenen Sammlung bildet, die wir als Anthologia Pala- 
t i n a xennen. 

Der Eaum verbietet es, Proben von Meleagros' paiderotischer 
Lyrik zu bringen, und wir miisseai deshalb fiir weiteres auf Brandts 
Abbandlimg verweisen. 



101) Jahrbuch f. s. Zw. IX (1908), S. 219 ff. 
Hirschfeld, Homosexualit&t. 5() 



Digitized by VjOOQIC 



786 

Auch die bukolische Idyllenpofesie, dieses antike „Ile- 
tournons a la nature*', ist, wenn auch von der alteren Dichtung 
eines Epicharmos und Sophron beeinfluBt, ein Eigengewachs 
hellenistischer Zeit. Der Begrtinder und Hauptvertreter tier 
Idyllenpoesie des Altertums ist Theokritos (geb. um 305). 
Docli nicht alle uns noch erhaltenen Dichtungen Theokrits 
sind bukolische (landliche) Idyllen ; drei von ihnen (2, 14, 15) be- 
zeichnet man als die stadtischen Idyllen, dazu kommen noch 
mythologische Epyllien, enkomiastische Hymnen (an Hieron 
und Ptolemaios), Epigram'me u. a. In vielen treibt der 
Paidon Eros sein heiteres, bisweilen auch als fiagvg &e6g sein 
tragisches Spiel. 

So iin XII., das dea Titel A i t e s , die uralte dorische Bezeichnung 
fiir den Geliebten (der Liebhaber hieB Eispnelas), fiihrt und der 
Freude iiber das Wiedersehen mit dem Liebling, sowie dem Wunsche 
Ausdruck gibt, daC ihre Liebe immer der ahnlicher werden mochte, 
wie sie die Megarer empfanden, die, dem Attiker Dickies zu Ehren die 
Wettkampfe im Kiissen eingesetzt batten (of. o.). 

Die Gedichte XXIX und XXX sind direkt als Paidika iiber- 
schrieben. Das erste enthalt eine Klage iiber die Treulosigkeit und den 
Wankehnut eines geliebten Jiinglings, wahrend das zweite ein Gespriich 
eines nicht mehr ganz jugendlichen Liebhabers mit seinem eigenen 
Hcrzen enthalt: zwar will er den Liebesgedanken entsagen, aber sein 
Plerz belehrt ihn, daB der Kampf mit Eros ein vergebliches Unter- 
fangen ist. 

Von Anspielungen auf mythologische Stoffe nennen wir die Er- 
wahnung des Ganymedes (XII, 35; XV, 124; XX, 41), des Achilleus 
unci Patroklos (XXIX, 34), das paiderotische Begehren des Pan und 
Priapos nach dem schonen Daphnis (Epigr. 3) und die das ganze, 
dem Freunde Nikias gewidmete, XIII. Gedicht fiillende Liebe des 
Herakles zu dem jugendlichen Hylas, dem er sich widmete (v. 14): 
DaB ihm ganz jiach dem Herzen werde gebildet der Zogling 
Und, seiner selbst wohl machtig, zum redlichen Manne gediehe. 
Von dem Smyrnaer B i o n , der langere Zeit seines Lebens als 
jiingerer Zeitgenosse des Theokritos auf Sizilien lebte, riihrt ein 
Gedicht her, das einen Katalog der beriihmten Freundespaare des 
Altertums enthalt: 
Gliicklich der Liebende, dem sein Lieben belohnt wird; 
Gliicklich ein Theseus, dem sich ein Peirithoos bot zum Begleiter, 
Als sie herunter sich wagten zum unbarmherzigen Hades ; 
Gliicklich Orest in den Noten des unheilbriitenden Meeres, 
Als er an Pylades' Seite des Irrsals Pfade betreten ; 
Selig Achill, der Pelide, solang ihm Patroklos lebte, 
Gliicklich im Tod, weil ihm den Gefahrten zu rachen vergonnt war. 

(Mahly.) 
Dem B i o n wird neuerdings auch (Ch r i s t) das in die theokritische 
Sammlung (XXIII.) gekommene Gedicht D y s e r o s (Der ungliick- 
liche Liebhaber) zugoschrieben. JEs enhalt die letzten Klagen eines 
ungliicklich Liebenden, bevor er Selbstmord vor der Tiir des Geliebten 
begeht, und die Rache, die der beleidigte Eros an dem hochmiitigen 
Jiingling vollzieht. indem er den Badenden durch seine marmome 
Bildsaule zerschmettern laBt. Ob in den Phainomena, dem astrono- 
mischen Lelirgedicht des Aratos aus dem kilikischen Soloi, paidero- 
tische Reminiszenzen aus alten My then vorkommen, ist zurzeit noch 



Digitized by VjOOQIC 



787 

nicht festgestellt. Wohl aber haben wir von dem Bichter, dessen 
paiderotische Neigungten schon T h e o k r i t beriihrt, ein Epigramm, 
au3 dein hervorgeht, daU man die Namen geliebter Jiinglinge selbst auf 
Griiber schrieb, ebenso wie man sie auf Vasen oder Saulen verewigte 
Oder sie in die Rinde der Baume einschnitt. Es helBt bei A r a t o s : 
„Philokles der Argiver Jst schon, das verkunden die Saulen von 
Eorinth und die Graber von Megara. Das steht auch sonst zu lese«n 
bis zu dem Bade des Amphiaraos (eine Quelle in der Nahe des boioti- 
schen Oropos), dafi er schon ist. Aber was bedarf es des Zeugnisses der 
Steine; jeder, der ihn kennt, wird das eingestehen^^*)." 

Unter den elf von R h i a n o s erhaltenen Epigranmien sind nicht 
weniger als sechs auf Junglinge gedichtet, von denen eins Jautet: 

Dexionikos stellt Im Schatten der griinen Platane 
Jiingst einer Amsel nach, fing sie am Fliigel behend. 

K<)nnto ich tauschen mit ihrl Wie cem von dem Kns^en gefangen^ 
Siii3 mit der Tranen Tau mocht' ich ihm netzen die Hand. 

Eigenartig erscheint die Stellung Z e n o n s aus dem kyp- 
rischen Kittion (364 — 263), des Griinders der stoischen Schule, 
der nach Sextus Empiricus (P. H. Ill, 245 u. adv. Ethic, 
p. 190) den Geschlechtsakt sowohl im hetero- wie im homo- 
sexuellen Sinne f iir ein Adiaphoron. erklart, das seine 
akzidentellen Eigenschaften erst durch die begleitenden Um- 
stande erhalte. In der Aufstellung des ojiovdaiog Igcog, dessen 
Wirken darin besteht, den zur Tugend Veranlagten, aber noch 
nicht darin Vollkommenen voUig auszubilden, n&hert sich Z e n o n 
wieder der platonischen Lehre. 

Ferner heifit es bei ihm und seinen Nachfolgern, nur der Weise 
sei schon, der Torichte und Schlechte aber haiilich. Die sich zeigende 
Sch6nheit(iJ e/Afpaoi;rov xdXXoi^g oder to ijuipatvo/Aevov xdkkog) scheint bei 
den Stoikern die itechnische Bezeichnung gewesen zu sein fiir ein 
Ankniipfungsmittel der Liebe. Diese aber erschien ihnen teils als 
eine Jagd (cf. P 1 a t o n Protag. c. 1) auf einen in der Tugend jnoch 
nicht vollkommenen, aber zu ihr veranlagten Jiiiigling und dahor die 
Erotik als die Wissenschaft dieser Jagd. Die Liebe sei ein durch die 
sich zeigende Schonheit veranJaBterVersuch zumWohltun oder zur Freund- 
schaftsbezeugung, indem die Liebe nicht auf den sinnlichen GenuB (Synu- 
sia), sondern auf das Wohlwollen (Philia) gerichtet sei. Bei E p i k u r o s 
scheint nach M. H. E. M e i e r^***) die Homosexualitat keine besoudere 
Betrachtung gefunden zu haben. Cber die Reste eines sympotischen 
Dialogs von ihm schreibt F r. U 1 1 r i c h^<>^) : „Da nun durch den 
Weingenufi die Gemiiter der leinhtlebigen jungen Leute erhitzt sind, 
so kommt das Gesprach von selbst auf den Liebesgenuii. Man erortert 
ernstlich die Frage, welcher Zeitpunkt hierfiir am giinstigsten ^ei. 
Epikuros, der erfahrene Lebenskiinstler, sucht die Leidenschaften der 
Jiiugliuge abzukiihlen, er belehrt seine Zuhorer, daB die Sache keinen 
Xutzeu bringe, wohl aber ofter Schaden stifte. indem sie Beunruhi- 
guugen und Aufregungen verursache, bei einem Ma hie aber und vollends 
nach einem solchen sei sie sehr nachteilig. 

Eine rigorose Stellung gegentiber dem Paidon Eros scheint 
Diogenes von Sinope (f 323), der Stifter der kynischen 

102) Cf. P. Brandt i. Jahrbuch f. sex. Zw. IX (1908). 
1^) L. c. in Ersch u. Gruber. 
iw) L. o. II S. 8. 

60 • 



Digitized by VjOOQIC 



788 

Schule, trotz seiner sonstigen Ungeniertheit in sexualibus ein- 
genommen zu haben. 

Sein Namensvetter mit dem Beiuamen L a e r t i o s fiihrt dar- 
iiber (Yl, 46, 53 f., 58 f. u. 61) u. a. folgende Anekdoteu an: Er Labe, 
aJ3 er einen Jiingling mit einem Satrapen zu Tisch gehen sah, denselben 
fortgezogen, zu seinen Verwandten zuriickgebracht und ihrer Aufsicht 
empfohlen. — Zu einem andern Jiingling, der sich auffallig geschmiickt 
hatte und ihn nach etwas fragte, sagte er, daB er ihm nicht eher 
antworten wolle, als bis er sein Gewand heraufgenommen und ihm 
sein Geschlecht gewiesen hatte. — Einmal, als zwei Kinaden sich vor 
ihm versteckten, rief er ihnen zu: „Scheut euch doch nicht, ein Hund 
friCt' keine Beete (Mangold)." — Als er einmal nach dem Vaterland 
eines prostituierten Jiinglings gefragt wurde, gab er zur Antwort: ,.Er 
ist ein Tegeate**, wodurch er an die Nebenbedeutung des Wortes xeyog 
(Bordell) erinnerte. 

Aristoxenos von T a r e n t , ein Aristoteles schiiler, er- 
zahlt Fr. 9 (nach Jamblich, Vit. Pyth. 233) die aus Schillers 
„Biirgschaft" bekannte Geschichte von der Freundschaft des Damon 
und P h i n t i a s aus den Tagen des Tyrannen D i o n y s i o s , die Ari- 
stoxenos aus des Dionysios eignem Munde gehort haben will. 
— Fr. 25 erwahnt er der Liebschaft zwischen Sokrates und seinem 
Lehrer, dem Philosophen Archelaos, und Fr. 31a erfahren wir von 
einer solchen zwischen Alkibiades und A n y t o s , dem spateren 
Anklager des Sokrates. Der Spott des Sokrates iiber dieses Ver- 
hiiltnis soil nach Aristoxenos den A n y t o s zu seiner Feind- 
schaf t gegen Sokrates getrieben haben. 

Von einem Liebesverhaltnis zwischen dem Philosophen E m p e - 
d o k 1 e s und dem Pausanias aus dem Geschlecht der Asklepiaden 
weiB Satyr OS (fr. 12) nach Diogenes Laertius (VIII, 58) 
zu berichten ; ebenso erzahlt er von dem Philosophen S t i 1 p o n (fr. 19), 
dafi er einst bei einem Gelage die Hetare G 1 y k e r a beschuldigte, 
dafi sie die Jiinglinge verderbe. Doch diese erwiderte schlagfertig * 
„Hierin, mein lieber S t i 1 p o n , sind wir beide gleich schuldig. Denn 
auch von dir sagt man, daB du die, welche mit dir verkehren, verdirbst, 
indem du sie unniitze und verliebte TrugschliissV^ lehrst, genau so 
wie ich. Es ist nun kein Untetrschied fiir die, welche verdorben und 
ungliicklich gemacht werden, ob sie mit einem Philosophen oder mit 
einer Hetare verkehren." — 

Einen Beitrag zur lakedaimonischen Paidagogik gibt Aga- 
thar chides von Knidos (um 130) in Fr. 6: „Bei den Lakedaimo- 
niern wurde es fiir ganz besonders schimpflich gehalten, wenn einer 
in bezug auf seinen Korper zu wenig mannlich ersehien oder einen 
zu starken Bauch hatte, wenn an jedem zehuten Tage sich die Jiing- 
linge den Ephoren nackt zur KontroUe darbieten muBten. Es inspi- 
zierten auch die Ephoren taglich sowohl die Kleiduiig wie das Lager 
der Jiinglinge. . . . Und als Naukleides, der Sohn des P o 1 y - 
blades, wegen seines schwelgerischen Lebens iibermaBig korpulent 
und wanstig aussah, wurde er von den Lakedaimoniern mitten in die 
Volksversammlung gefiihrt und von L y s a n d e r als ein Schwelger 
hart gescholten und ware beinah aus der Stadt vertrieben worden: 
immerhin drohten sie ihm damit, wenn er nicht sein Leben anderte." — 
Nacli Fr. 8 verboten die Ephoren auch den Jiinglingen, mit einem 
gewissen Gnosippos wegen seines schwelgerischen Lebens zu 
verkehren. 



Wie uns E p h o r o s von Kyme Gewahrsmann fiir den 
Paidon Eros im alten Kreta ist, so gibt uns sein Zeitg^enosse 



Digitized by VjOOQIC 



789 

Thcopompos von Chios (geb. 376) interessante Mitteilungen 

liber das gleichgeschlechtliche Liebesleben der alten Etrusker: 

„. . . Und sie verkehren zwar viel mit Weibem, aber auch an dem 
Umgang mit Knaben und Jiinglingen ergotzen sie sich. Denn diese 
sind bei ihnen sehr schon, da sie ja vortrefflich leben und ihren 
Korper glatt machen. Denn alle gegen Westen wohnenden Barbaren 
clatten ihre Korper teils mit Pech, teils mit dem Schermesser und 
besonders bei den Etruskern sind viel derartige Werkstatten und 
Kiinstler, welche diese Fertigkeit ausiiben, gleich wie bei uns die 
Barbiere. Wenn sie zu diesen kommen, bieten sie sich ihnen zur Be- 
Landlung mit Pech oder Schermesser in jeder Weise dar, ohne Scham, 
daB sie jemand erblicke oder dazukomme. Es haben diesen Oebrauch 
aber viele, sogar von den in Italien wohnenden Hellenen, die es von 
den Samniten und Messapiern gelemt haben." 

Auch im rdmischen Staate lassen sich homosexuelle 

BeMtigungen schon in verhaltnism^aBig frtiher Zeit konstatieren. 

Der erste Bericht daruber liegt aus der Zeit der Decemviralgesetz- 
gebung vor (449). Livius lai3t (III, 57) den Verginius Klage liber 
den Decemvir Appius Claudius fuhren, weil er die f reigeborene 
Tochter eines Biirgers einem Schiitzling, dem Lustdiener seines Schlaf- 
gemaches, zur Leibeigenen gegeben habei<^«). Aus der Zeit des zweiten 
Samnit^rkrieges (326—304) berichtet Livius (VIII, 28), daB ein 
Wucherer versucht habe, einem schonen Schuldgefangenen Gewalt an- 
zutun. Dem Gefangenen gelang es, obwohl sonon blutig gepeitscht, 
zu entkommen; es entstand ein Auflauf, und der Senat sah sich 
infolge dieses Vorfalles genotigt, das Institut der Schuldknechtschaft 
abzuschaffenioT). 

Nach 289, dem Jahr der Einsetzung der Triumviri capitales, 
muB sich folgender von Valerius Maximus (VI, 1, 10) berichteter 
Voi-fall zugetragen haben : „C. Pescennius lieB als Triumvir capi- 
talis den (Primipilaren) Cornelius wegen unziichtigen Verkehrs mit 
einem edelgeborenen Jiingling in das Staatsgefangnis setzen, obwohl 
dcrselbe ein verdienter Krieger und wegen seiner Tapferkeit viermal 
vom Feldherrn zum Anfiihrer der ersten Linie der Triarier ernannt 
worden war. Cornelius wandte sich an die Tribunen, indem er das 
Vergehen eingestand, aber Beweise anbot, daB dieser Jiingling offent- 
lich und unverhohlen das Gewerbe der Unzucht getrieben habe. Allein 
sio verweigerten ihm ihre Vermitlelung. Und so muBte er im Ge- 
^ngnis sterben. Die Tribunen glaubten, daB der Staat nicht notig 
habe seinen Tapferen um ihrer auswarts bestandenen Gefahren willen 
Freiheit zur Ausgelassenheit in der Heimat zu erteilen." Im Jahre 227 
forderte nach Valerius Maximus (VI, 1, 7)^08) m. Claudius 
Marcellus (der spatere Sieger von Nola) als Aedilis curulis den 
Volkstribun C. S c a (n) tinius Capitolinus vor das Volksgericlit, 
weil er seinem (des Marcellus) Sohne unziichtige Zumutungen ge- 
macht hatte. Scantinius versicherte nachdriicklich, daB er als 
unverletzliche Person nicht verbunden sei, vor Gericht zu erscheinen, 
imd rief den Beistand der anderen Tribimen fiir seine Sache an. Allein 
diese Behorde schlug jede Verwendung ab, welche die Untersuchung 
wegen jenes Verbrechens hemmen konnte. Der Beklagte wurde dem- 



io«) Cf. Fragmenta histor. graec. ed. Mueller. I, 315 fr. 222. 
Vgl. dariiber auch Dionysios XI, 40 f. 

107) Weitere Falle: Valerius Maximus VI, 1, 9 u. 11; Dio- 
nysios, XVI, 8 u. 9, XVIII, 24; Livius, XXIX, 17, 19; XXXIX, 
8ff. u. 42. 

108) Auch bei Plutarch, Marcellus c. 2. 



Digitized by VjOOQIC 



790 

nach voi^eladen, und der einzige Zeuge, den man in Anspruch nahm, 
-veranlaBte seine Verurteilung. Es ist namlich bekannt, dafi man 
den JiJngling vor die Rednerbiihne brachte. Hier heftete er seinen 
Blick zur Erde und beobachtete ein fortwahrendes Stillschweigen. 
Dies verschamte Schweigen bewirkte hauptsachlich, dafi er Genug- 
tuung erhielt." Der ProzeB ist insofern besonders bemerkenswert, 
als an den Namen des Verurteilten spater die Herleitung der bekann- 
ten Lex Sca(n)tinia |gekniipft wurde. 

Ein dbles Licht auf die Grepflogenheiten der romischen 
Legionare wirft die Schilderung des Vibius Virrius aus 
dem Jahre 211: „ich will nicht isehen, wie jneine Vater- 
stadt (Capua) zerstort und in Brand gesteckt wird und die 
campanischen i Frauen und Jungfrauen und edelbvirtigen Knaben 
zur Entehrung (von den Romern) fortgeschleppt werden (rapi ad 
stuprum)**. P o 1 y b i o s verdanken wir eine sehr wichtige Stelle aus 
dem romischen Militarstrafrecht. Es heiBt VI, 37, 9: „Die Stockschlage 
sind ferner die Strafe derer, welche im Lager steblen, ein falsches 
Zeugnis ablegen oder wenn einer erfunden wird, daB er in der Bliite 
seiner Jahre seinen Korper mifibrauche" (d. h. sich als Fassiver ge- 
brauchen iasse). 

In seinen „Attischen Nachten" hat uns A. Gellius das Bruch- 
stiick einer Rede des jiingeren Scipio Africanus (gest. 129) 
aufbewahrt, das sich mit scharfen Invektiven gegen P. Sulpicius 
Gallus wendet. Es heifit daselbst (VII, 12; ed. Hertz VI, 12): 
„Denn ein Mensch, der taglich gesalbt vor dem Spiegel sich schmiicken 
lS,Bt, der mit rasierten Augenbrauen, Bart und sogar mit rasierten 
Schenkeln einhergeht, der fals junger Mann bei Gelagen in Beglei- 
tung seines Liebhabers mit einer langarmeligen Tunika bekleidet sich 
auf das niedrigste Bett legt, der nicht nur den Wein, sondern audi 
die Liebkosungen des Mannes sucht (qui non modo vinosus, sed 
virosus quoque sit), tut der etwa was anderes, als was Brauch der 
Kinaden ist?" 

Plutarchos berichtet in seiner Biographie des M a r i u s 
(o. 14)'08a): „Am meisten aber gefiel den Soldaten des Mar i us 
die Unparteilichkeit, die er als Richter bewies, woven folgendes 
Beispiel angefiihrt wird : Sein Schwestersohn C. L u s i u s diente 
unter ihm als Offizier. Dieser war in einen jungen Menschen von 
seiner Kohorte, namens Trebonius, verliebt und machte mehrere 
Versuche bei ihm, die aber alle abgewiesen wurden. Endlich lieB er 
ihn zur Nachtzeit durch einen Diener zu sich rufen. Der Jiingling 
kam, weil er gegen den Befehl nichts einwenden durfte, und wurde 
zu ihm ins Zelt gefiihrt.- Da aber L u s i u s Gewalt brauchen woUte, 
zog er das Schwert und stach ihn auf der Stelle nieder. Dies geschah 
in der Abwesenheit des M a r i u s , der bei seiner Zuriickkunft iiber den 
Trebonius Gericht hielt. Viele traten als Kliiger gegen ihn auf, ohne 
daB jemand ^ich seiner annahm; allein er trat selbst rait groBer 
Unerschrockenheit hin, erzahlte den Verlauf der Sache und stellte 
Zeugen auf, daB er schon viele Versuche des Lusius abgewiesen und 
sich fiir keinen noch so hohen Preis zu schandlichen Dingen ver- 
standen habe. Marius, voller Verwunderung und Freude, lieB sich 
den Eranz bringen, womit die Romer riihmliche Handlungen zu lohnen 
pflegten, und setzte ihn mit eigener Hand dem Trebonius auf, 
weil er zu einer Zeit, die an guten Beispielen so arm ware, die schonste 
Tat verrichtet hatte." 



io«a) Of. auch Plutarch, Apophthegm. Rom. Mar. 3. Ebenso 
nimmt Quinctilianus (Institut. Ill, 11, 14 imd Deolamat. 3) auf 
dieeen Vorfall Bezug. 



Digitized by VjOOQIC 



791 

Moritz Voigt hat im ,,Zivil- und Kriminalrecht der 
Zwdlf Tafeln" (1833) unter strengster Kritik der einschlagigen 
Falle aufs evident'este nachgewiesen, daB bis zum ErlaC der 
Zwolftafelgesetze (450) iiberhaupt kein Fall einer gerichtlichen 
Verurteilung homosexueller Vorkommnisse vorliegt, und daU, 
was auch M o m m s e n zugibt, in den nachsten Jahrhunderten 
die von L i v i u s und Valerius Maximus angef tihrten Falle 
samtlich mit Notzucht konkurrieren und zwar als MiU- 
brauch der Dienstgewalt seitens militarischer Vorgesetzter, oder 
gegen Schuldgefangene von seiten der Glaubiger begangen waren, 
wogegen die Volkstribunen als gegen eine p r o d i t i o (d. h. treu- 
loses Handeln) mit durchgangig erfolgreichen Kriminalklagen 
einschritten. 

Jedenfalls bestand in der ersten Halfte des I. vorchrist- 
lichen Jahrhunderts bereits das Scantinisehe Gesetz. Leider 
sind wir liber Inhalt und Fassung desselben ebensowenig wie 
liber die Zeit seiner Entstehung genau unterrichtet. Hochstwahr- 
scheinlich richt^te es sich aber nur, wie auch die spatre Lex 
Julia, lediglich gegen die Verf lihrung, bezw. die Notzlichtigung 
freigeborener Knaben und Jlinglinge^^^). Denn da die Sklaven, die 
pueri venales, ,,Sache** ihrer Herren waren, sah der romische 
Staat durchaus keine Veranlassung, in derartige Verhajltnisse 
einzugreifen. — tlber die von der Lex Scantinia festgesetzte 
Strafe berichtet Quinctilianus (Institut. or. .IV, 2, 69): 
„Ingenuuin stupravit et stupratus se suspendit, non tamen 
ideo stuprator capite ut causa mortis punietur, sed decem milia^ 
quae poona stupratori constituta est, dabit*', desgleichen 71 : 
,,tu tamen ingenuum stuprasti, solve decem milia" und VII, 
4, 42. Es war also eine Geldstrafe von 10,000 As (840 M.) ver- 
hangt, was sowohl mit dem frlihern Branch von 227 (cf. o.) wie 
mit einer Stelle des spatern P a u 1 1 u s libereinstimmt, der gleich- 
falls flir die Kaiserzeit eine Geldstrafe erwahnt. Das Gesetz 
mag wohl spater in Vergessenheit geraten oder laxer gehandhabt 
sein, denn Juvenalis lafit in seiner 11. Satire (v. 43) die 
L a r n i a sagen : 

Will man Gesetze einmal aufstobern, so muB man vor atlem 
An das scantinisehe gehen ; erst richte den Blick auf die Manner 
Und durchmustere sie . . . . 



109) Cf. auch Dr. jur. N. P r a e t o r i u s i. Jahrl)uch I (1899), 
S. 105: ,,Sovi€l scheiut aber gewiI3, daB nui* die Scliauduug imbeschol- 
tener romischer Jiinglinge, und zwar wahrscheinlich nur minder jajbriger, 
von jeher bestraft wurde. 



Digitized by VjOOQIC 



792 

Charakteristisch fiir die milde Auffassung, mit der Anklagen 
nacli der Lex Scantinia betrachtet wurden, ist ein Brief des 
M. Caelius Rufus aus dem Jahre 60 v. Chr. an den in 
Cilicien weilenden Cicero. Caelius berichtet, daU er 
von dem Censor Appius Claudius Pulcher auf Grund 
der Lex Scantinia belangt worden sei, und er ihn nach 
demselben Gesetze wieder belangt habe. Der letztere ProzeB 
soUte vor dem Prator Drusus verhandelt werden^ der mit 
Erfolg ebenfalls nach der Lex Scantinia ha.tte belangt werden 
k5nnen : ,,Komm baldm^glichst, um dich satt zu lachen Uber das, 
was tier vorgeht, wie ein Drusus tiber Stinden gegen da« 
Scantinische Gesetz zu Gericht sitzf. Aus dem Briefe geht klar 
hervor, daB die erste Anklage nicht aus moralischer Entrtisiung 
war erhoben worden, eondern nur dazu dienen soUte, den 
Coelius fiir die Zeit des Schwebens des Verfahrens politisch, 
aber nicht gesellschaftlich mundtot zu machen. 

Als Personen, die gleichgeschlechtliche Neigungen batten, finden 
wir erwahnt : den Diktator Sulla (Plutarch, Sulla, c. 2.), L. L u - 
cullus (Plutarch, Luc, c. 43V C. Verres den jiingeren als kauf- 
lich (Plutarch, Cicero c. 7) Aulus Gabinius (Cicero, Se- 
natsrede nach Riickkehr aus der Verbannung c. 4.) ; iiber das Verhaltnis 
des C. Curio mit dem jungen M. Antonius berichtet Cicero. 
(Briefe an Att. I. 14, 6; or. pro domoi c. 24 und 48; 2. Philip, c. 18.) 
Von dem Diktator Caesar erzahlt u. a. Suetonius, dafi er als 
junger Mann dem Konig von Bithyen seine Keuschheit preisgegeben 
habe, woruber noch 30 Jahre spater seine dem Triumphwagen folgenden 
Soldaten unter anderen lustigen Liedem auch das sehr populate 
Soldatenliea sangen: 

Caesar unterwarf sich Gallien, doch den Caesar Nikomedes; 
Im Triumphzug zieht jetzt Caesar, da er Gallien bezwang; 
Nikomedes aber triumphiert nicht, der doch Caesarn unterwarf. 

Cassius Dio bemerkt hierzu (43, 20) : „Was die Soldaten uber 
seinen Um^ang mit Nikomedes ihm nachsagten, argerte ihn gewal- 
tig. Er wollte sich rechtfertigen und schwur, dafi es nicht wahr sei, 
wurde aber dafiir noch obendrein ausgelacht." Caesar lieB sich aucb 
auf heterosexuellem Gebiet mancherlei zuschulden kommen. Sue- 
tonius fahrt daher (52) fort : „Da6 er wegen seiner Unkeuschheit 
und Ehebriiche in dem allenibelsten Kufe stand, geht am deutlichsten 
daraus hervor, dafi Curio, der Vater, ihn einst in einer Rede „den 
Mann aller Frauen und die Frau aller Manner" nannte. (71) Weiter sagt 
Suetonius iiber ihn : (45) ... in der Sorgfalt fiir seinen Korper 
ging er soweit, dafi er nicht nur sein Haar schneiden und den Bart 
sorgfaltig scheren lieB, sondern auch, wie einige ihm vorgeworfen 
haben, sich die Haare ausrupfen lieB; (47) . . . schlanl^ewachsene 
und gebildete Sklaven kaufte er fiir einen so ungeheuren Preis, daB 
er sich selbst dessen schamte und derselbe nicht in seine Rechnungen 
mit eingetragen werden durfte; (76) er iibergab Aufsicht und Ober- 
befehl iiber aie drei in Alexandria zuriickgelassenen Legionen seincm 
unziichtigen Geliebten Rufio, dem Sohn eines seiner Freigclassenen." 

Auch in der rSmischen Literatur fand die Homosexualit&t 
verhiLltnismaBig frlih iliren Niedeo^chlag. 



Digitized by VjOOQIC 



793 

Schon bei Plautus finden sich iiberaus zahlreiche Anspielungen 
hierauf. Iin Curculio lautet die Ermahnung des Sklaven Palinurus an 
seinen jungen Herrn Phaedromus (I, 1, 35): . 
Niemand verwehrt das Gehen auf offener StraBe dir, 
Wenn nui* durch ein umzauntes Grundstiick du den Weg 
Nicht suchst, von Ehefrauen, Witwen, unbescholtnen 
Jungfraun und freigebornen Knaben fern dich haltst^^^), 
So magst du lieben, was du willst. 

Es ist charakteristisch, dai3 bei Schilderungen sexueller Exzesse 
fast stereotyp Frauen, Madchen und edelgeborene Knaben in einem 
Atem genannt werden. 

In der Mostellaria heiBt es im Zwiegesprach der Sklaven des 
Kallidamates (IV, 2): 

„Mich kennt der Herr." — 
„Er wird doch wohl aein Ruhepolster kennen." 

Der bekannte Polyhistor und Enzyklopadist M. Teren- 

tiiis Varro aus Reate (116 — 27) verspottete, wie Bloch^^^) 

bemerkt, in seiner Satire Eumenides die weibischen Moden 

der Manner, spricht von den partim venusta muliebriore ornati 

stola und vergleicht diese Effeminierten wegen ihrer durch- 

sichtigen Ge wander mit den Najaden. Als Gegenstlick da^u 

geiBelte er in den Meleagri die ausgesprochen. mannliche Klei- 

dung mancher Prauen und beschreibt das Kosttim einer a la 

Atalante aufgeschiirzten Jagerin sehr anschaulich: non modo 

suris apertis, sed paene natibus apertis ambulans, cum etiam 

Thais Menandri tunicam demissam habeat ad talos. — 

Uber Augustus schreibt Suetonius (c. 68): „In seinen 
]ungen Jahren wurden ihm mancherlei schandliche Dinge nachgesagt. 
Sextus Pompeius sagte ihm nach, er lasse sich als Weib g e - 
brauchen; Marcus Antonius, er habe durch Unzucht die An- 
nahme an Kindes statt von seinem (Groi3-)Oheim (Caesar) verdient ; 
der Bruder dieses Marcus aber, Lucius Ant'onius: er habe 
seine zuerst von Caesar entehrte Keuschheit nachher auch dem 
Aulus Hirtius in Hispanien fiir 300 000 Sestertien (52 500 M.) 
pr^is^egeben, und um ein zarteres Haar zu bekommen, es an den 
Schenkeln mit gliihenden NuBschalen absengen lassen. (71) Von alien 
diesen Schmahungen und Verleumdungen widerlegte er den Vorwurf der 
Paderastie am leichtesten, und zwar durch die Enthaltsamkeit, welche 
er damals und nachher bewies. 

Von der Sittengesetzgebung des Augustus interessiert 

uns hier die Lex Julia de adulteriis vom Jahre 18 a. Chr. Sie 

richtete sich auch gegcn gleichgeschlechtlichen Verkehr. Dieses 

Gesetz anderte jedoch nach Numa Praetoriu s^^^) wahr- 

scheinlich lediglich die Strafe der Lex Scantinia. Aus der Lex 

Julia ersehen wir, wann Unzucht zwischen Personen mann- 

lichen Geschlechtes bestraft wurde; denn die Stellen, welche 



110) Vgi. dariiber Dr. I wan Bloch im I. Bande dieses Hand- 
Imchs, S. 227. 

"1) Iwan Bloch, Urspr. der Syphilis, Bd. IL S. 568. 

1") Kibbeck, 1. c. S. 251. 

"») Jahrbuch f. s. Zw. I. 1899. S. 106 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



794 

uns ,uber den nahern Inhalt des Gesetzes AufschluC geben, 
sprechen nur von der Strafbarkeit des Stuprum pueri, d. h. der 
Schandung des Knaben, des unerwachsenen Jtinglings, und zwar 
erwahnt (der Rechtsgelehrte) Paulus an einer Stelle seiner 
Sententien, daC nur der puer praetextatus, d. h. der Jiing- 
ling bis zum 16. oder 17. Lebensjahr, geschiitzt sein soUte^^^). Es 
gentigte aber noch nicht, daB der Geschandete minder jahrig, bezw. 
noch puer praetextatus war, sondern er muBte auch unbescholten 
sein, damit den Schander die Strafe traf. Dies geht aus folgen- 
deni hervor : Das Stuprum einer Frau wurde nur bestraft, wenn 
die Frau zu den honeste {yiventes gehorte, d. h. ehrbar und 
unbescholten war (D. XLVIII, 5 1. 6 pr. u. 1. 35 § 1.). — 
Das Stuprum des puer wird mit dem Stuprum 
der virgo auf eine Stufe gestellt, und die Lex 
Julia hat beide gleich behandelt; dies zwingt zu dem 
SchluB, daB das Gesetz auch' nur die Schandung des ehrbaren 
Jtinglings im Auge hatte, nicht den Verkehr mit cinem 
Exoletus, einem mannlichen Prostituierten^^^). 

Der Schandung, d. h. der immissio penis in anum wurden ver- 
mutlich auch andere besonders anstoBige geschlechtliche Akte gleich- 
geachtet ; denn Paulus sagt, daB derjenige, welcher stuprum oder 
sonstiges flagitium impurum an einem puer praetextatus vor- 
nimmt, d. h. eine sonstige unziichtige Schandtat, bestraft wurde. 
(Paulus Sent. II, 26 § 13: Qui voluntate sua stuprum flagitiumve 
impurum patitur, dimidia parte bonorum suorum multatur, nee testa- 
mentum ei ex maiore parte facere licet.) J. Fr. Christ, historia 
legis Scantiniae, Hal. 1737, (c. 20), erklkrt, daB wahrscheinlich da5 
ore motigerari, d. h. Unzucht per os, zu diesen strafbaren Handlungen 
gezahlt wurde. 

Die Strafe der Lex Julia war fiir den Verfiihrer, Mittater und 
Verkuppler bei vollendeter Schandung Todesstrafe, bei bloBem Ver- 
such Deportation (of. Dig. XLVII, 11 1. 1, 2 Paulus Sent. V, 4 
§ 14). Ferner auch fiir den verfiihrten Jiingling Konfiskation der 
Halftc seines Vermogens und Unfahigkeit iiber die Halfte seiner Giiter 

11*) Digestae, XLVII, 11 (De ext. crim.) 1. 1, 2 (Paulus): Qui 
puero stuprum abducto ab eo vel corrupto comite persuaserit aut mulie- 
rem puellamve interpellaverit quidve impudicitiae gratia fecerit, donum 
praebuerit pretiimive, quo is persuadeat, dederit perfecto flagitio pu- 
nitur capite, imperfecto in insulam deportatur, corrupti comites summo 
supplicio afficiuntur. — Und in den Sententien des Paulus, aus 
welchen diese Stelle entnommen ist, heiBt es noch deutlicher (Pau- 
lus Sent. V, 4, § 14): Qui puero praetextato stuprum aliudve flagitium 
abducto ab eo <vel corrupto comite persuaserit .... Ferner Dig. 
XLVIII, 6 (Ad. leg. Jul. de adult, coerc.) 1, 35, 1 (Modestinue 
libr. primo regular um) : Stuprum in vidua vel virgine vel puero com- 
mittitur. Aus einer Stelle Tribonians in den Institutionen (Inst. 
IV, 18 de public, judic, 54) konnte man vielleicht entnehmen, daB die 
Lex Julia die Unzucht zwischen Mannern an sich bestraft habe. Diese 
Stelle beabsichtigt jedoch nur die zu Justinians Zeiten erlassene 
Strafe unter dem fiir Sittlichkeitsgesetze gebrauchlichen Saomielnamen 
„Lex Julia** anzugeben. 

"6) Ibid. 



Digitized by VjOOQIC 



795 

zu testieren (cf. Paulus Sent. 11, 26 § 13). D-ie wider Willen des Ge- 
schandeten voUzogene Stuprierung (N o t z u c h t) wurde ebenfalls mit 
dem Tode bestraft, wahrscheinlich wurde kein Unterschied gemacht, 
ob der Greschandete minderjahrig oder erwachsen war. 

„Qui masculum liberum invitum stupraverit, capite punitur." 
Fiir das Militar scheint das Gesetz unter bestimmten Urn- 
stand e n noch strenger gewesen zu sein. Nach Quintilianus 
soil iiber diejenigen, welche im Kriegslager widematiirliche Unzucht 
verubten, die Todesstrafe verhangt worden sein. Ob die Strafe tat- 
sachlicb angewendet wurde, diirfte wohl bezweifelt werden.** (Cf. 
Schrader, Corpus jur. civ. T. I. p. 758, 1832.) 

Noch einiges tiber die Literatur der augusteischen Zeit, aus 

der am deutlichsten hervorgeht, daB Gesetz und Gesellschaft 

damals die gleichgeschlechtliche Liebe als solche nicht ver- 

warfen. Da ist P. Vergilius Maro^^^) zu nennen, der in 

seinem JugendXverk, den Eclogae, auf den Bah'nen Theokrits 

wandelte. 

So behandelt scbon die zweite (alteste) Ekloge die ungliick- 
l(iohe Liebeswerbung des reichen Herdenbesitzers Corydon um den 
schonen Alexis, den Liebling seines Herrn. Er trostet sich mit dem 
Gedanken. noch einen anderen Alexis finden zu konnen, wenn dieser 
Lhn andauernd verschmahe. 

Unter den Freunden des H o r a t i u s ^i^) lernen wir den Kon- 
sularen Lucius Sestius als jiinglingliebend kennen. Der Dich- 
ter ermuntert ihn In einem Friihlingsgedicht, das Leben zu genieBen, 
denn (C. I, 4, 16): 

Bald deckt dich Nacht und fabelhafte Schatten, 
Bald das plutonische Haus, das nichtige, wo du ferner nicht mehr 

Die Konigswiirde beim Gelag erlosest, 
Lycidas nimmer bewunderst, den lieblichen, dem jedweder Jiingling 

Schon jetzt entbrennt und bald die Madchen lodern. 
Auch dem Elegiendichter A 1 b i u s T i b u 1 1 u s ist die gleich- 
geschlechtliche LiehS nicht fremd. Als der jugendliche Mar a thus 
dem Dichter manche Sorge bereitet, wendet er sich an P r i a p u s 
mit der Bitte um guten I&,t, wie man die Jiinglinge dauernd fessele. 
Der gartenbehiitende Gott antwortet (I, 4, 9ff.)i^8): 

.... der Folgsame siegt docli in der Liebe zumeist. 
Straube dich nicht, als Begleiter zu gehen, ob lang auch der Weg scheint, 

Ob auch die lechzende Glut dorrend die Fluren versengt, 
Mochte er fechten, so spiele du mehr so leicht mit der Hechten, 

Gib dir auch Blofien oft, daB er zu siegen vermag. 
Dann wird er hold dir gesjnnt, laBt siiBe Kiisse sich rauben; 

Straubt er sich auch, er gibt dennoch, so viele du willst; 
Rauben laBt er flie erst, bald folgt er von selbst deiner Bitte, 

Ja, verlangend umschlingt — er dir den Nacken nachher. — 
Du aber, der du zuerst die Liebe verkaufen gelehrt hast, 

Wer du auch immer seist, schwer soil die Erde dir sein. . . . 
Wen der Dichter besang*, der lebt, solang Eichen noch rauschen, 

Sterne am Himmel stehen, Wasser in Fliissen noch stromt .... 
Jeder hat seinen Ruhm und ich berat in der Liebe 

— ' ' ' ' ' '■ ^1 1 

"«) Ferner Eel. 3, 7, 10. Aen. I. 28, IV, 215, V. 569, X. 323, 
XIL 390; die Episode Nisus und Euryalus behandeln V. 295, IX. 
176, 432. I I 

1") Ferner Ep. 11 und 19. 9. Carm. I. 32, 5. IV, 1. V, 34. 
Sat. I, 2, ai6. I, 4, 27. II, 3, 325. Epist. L 18, 22, 72. II 2. 
"•) Ribbeck, L c. Bd. IL S. 192. 



Digitized by VjOOQIC 



796 

Alle, die ungliicklich sind, alien ja helfe ich gem. 
Kommen wird emmal die Zeit, da raich als den Meister der Liebe 

Hoch im Alter umschwarmt gliihend der Jiinglinge Schar. 
Ach, wie Marat bus micb qualt mit eigensinniger Liebe I 

Air meine Kunst mir versagt, all* meine List mir versa^! 
Schone mich, Liebling, icb bitte, sonst werd' icb am Ende zu Scbanden, 

Da man den Meister verlacht, wenn er sich selber nicht hilft. 
Anscheinend ohne homoerotische Wiinsche verlief das Leben des 
Elegikers Sextus Propertius i^^), wenigstens lassen sich weder 
in seinen Werken noch sonst irgendwo Anhaltspunkte dafiir auffinden. 
Doch war er weit entfernt, die Homoerotik zu befehden, im Gegenteil, 
als es ihm einmal bei seiner Cynthia oder sonst einer Schonen recht 
schiecht erging, klagt er (II, 4, 27): 
Wer mir von Herzen verhaBt, dem wiinsch* ich, daB Madchen er liebe, 

Wen als Freund ich erkannt, mag sich an Jiinglingen freun. 
Diesem hat oft schon das Herz ein einziges Wortchen gewendet, 

Jene besanftigt man kaum, wenn man sein Blut aucn verspritzt 
Eine durchaus heterosexuelle Natur war auch P. O v i d i u s 
N as 0^20), (jer groBe Liebestheoretiker des romischen Altertums ; in 
seiner Ars amatoria (II, 684) sagt er: 
Nicht lieb ich den GenuB, in dem nicht beide zerschmolzen ; 

Weniger zieht darum Liebe der Knaben mich an. 

Die Berichte des Suetonius und Tacitus liber die Aus- 

schweifungen des Tiberius (14 — 37) sind von der neueren 

Kritik durchweg ftir unglaubvvlirdig erwiesen worden. Schon 

Adolf Stahr^^i) stellte sie als psychologische Unmoglich- 

keiten hin und dedkte ihre Widersprtiche mit den spns'tigen 

Angaben tiber die Personlichkeit Tibers auf. 

Zwei Stellen des Tacitus richten sich gegen die beiden 
alteren Sohne des Germanicus und GroBneffen des Tiberius, 
den 30 gestorbenen Nero und den 33 gestorbenen D r u s u s ; ersterem 
soli der Kaiser (V, 3) Liebschaften mit Jiinglingen uud Unkeuschheit. 
letzterem Schandung des Leibes (VI, 24) vorgeworfen haben. Von 
Tibers Nachfolger, seinem dritten GroBneffen, C. Caesar CaTi- 
g u 1 a (37 — 41) berichtet Suetonius : (36) Seine eigene Keuschheit 
schonte er ebensowenig als die anderer. Er soU mit dem M. Lepidus 
M n e s t e r , einem Pantomimen und einigen Geiseln in gegenseitiger 
Unzucht gelebt haben. Valerius Catullus, ein junger Mann 
aus konsularischem Geschlechte, erklarte laut, er habe den Caligula 
geschandet, und ihm selbst sei die Brust infolge der Unzucht mit dem- 
selben ganz schwach geworden." (52) .... zuweiLen trug er seidene 
Kleider und einen Frauenmantel . . . oder Weibersocken . . . zuwoilen 
sah man ihn auch in der Tracht der Venus . . . (55) Wen er aber 
einmal lieb hatte, fiir den war er bis zum Wahnsinn eingenommen. Den 
Pantomimen M n e s t e r kiiBte er offentlich im Schauspiele, und maclite 
iemand, wahrend derselbe tanzte, auch nur ein geringes Gerausch, so 
lieB er ihn vor sich bringen und peitschte ihn mit eigener Hand. . . A^-) 
Von dem bereits genannten M n e s t e r berichtet Dio Cassius 
(60, 28) noch, daB er einst, als das Volk ihn auf da& angelegentlichste 

ii») El. I, 20. IV, 6, 21. V, 8, 25. 

120) Ars. am. I, 505. V, 109. Heroid. IX, 72. XXI, 15. Fast. II, 
351. Remed. 589. Trist. I, 5, 19. L 9, 27. II, 3, 43. V, 4, 25. V. 6, 25. 

121) Adolf Stahr, Tiberius. 1863. S. 283 u. a. 

i2«) Cf. M. K a u f m a n n , Das Sexualleben des Kaisers Nero. 
Lpzg. o. J. mit ausfiihrl. Angabe der modernen belletrist. Tiiteratur 
iib. Nero. 



Digitized by VjOOQIC 



797 

bat, bei einem Lieblingsstiick aufzutreteU) es wagen konnte, hinter der 
Szene hervor zu schauen und sich damit zu entschuldigen, daB er 
gerade mit Orestes in einem Liebeswerk begriffen sei. 

Auf Caligula soil auch das bekannte Epigramm des A u s o - 
n i u s gemiinzt sein : 

Tres uno in lectu, stuprum duo perpetiuntur 

Et duo committunt, quattuor esse reor. 
Falleris, extremis do singula crimina, et ilium 
Bis numeres medium, qui facit et patitur. 
Uber Caligulas Nachfolger Tib. Claudius (41 — 54), den 
jiingeren Bruder des Germanicus, und Oheim des Caligula, 
sagt Suetonius (c. 33) : die Frauen (Messalina, Agrippina, 
d. J.) liebte er leidenschaftlich, aber von Mannern hielt er sich fern 
(marium omnino expers). 

Die sexuellen Ausschweifungen Caligulas wurden noch 
iiberboten duroh Nero(54 — 68), denStiefsohn des Claudius, 
der als kaum 17jahriger auf den Thron kam. Suetonius 
berichtet von ihm (c. 26) : 

„. . . Den Knaben S p o r u s , welchen er hatte entmannen lassen, 
wollte er gar noch in eine Weibernatur verwandeln, lieB ihn unter den 
gewohnlichen Hochzeitsfeierlichkeiten samt Mitgift und Brautschleier 
mit groBem Geleit sich zufiihren und lebte mit ihm als einer Frau. 
Dariiber machte jemand den treffenden Witz, es wiirde mit der Welt 
gut stehen, wenn sein Vater Domitius eine solche Frau gehabt 
hatte. Diesen S p o r u s , der wie eine kaiserliche Frau aufgeputzt in 
einer Sanfte getragen wurde, begleitete er auf die Gerichts- und Han- 
del splatze in Griechenland und spater zu Rom auf den Bildermarkt 
und kiifite ihn dabei oftmals. (29) Seine eigene Keuschheit gab er in 
dem Grade preis, daB er, nachdem fast alle Glieder seines Korpers 
durch Unzucht befleckt waren, zuletzt noch eine Art Spiel erfand, wo- 
bei er in ein Tierfell gehiillt, aus einem Kafig herausgelassen wurde 
und nun auf die Schamteile von an Pfa'hlen gebundenen Mannern imd 
Weibern losging und dann, wenn er sich vollig ausgetobt hatte, von 
seinem Freigelassenen Doryphoros erlegt wurde ; mit diesem letz- 
teren hatte er sich, in gleichem Verhaltnis wie Sporus mit ihm, 
als Frau verheiratet und machte dabei auch das Schreien und Jammern 
geschandeter Jungfrauen nach (nach Suet. c. 21 hatte er auch als 
Tragodienspieler in Maske u. a. die gebarende Kanake gespielt). Von 
mehreren horte ich, er habe die feste Uberzeugimg gehabt, daB kein 
Mensch keusch oder an irgend einem Teil seines Korpers unbefleckt 
sei, aber die meisten wiiBten ihre Fehler zu verheimlichen und schlau 
zu verdecken, und daher habe er solchen, die ihm ihre Unkeuschheit 
of fen gestanden, auch ihre iibrigen Vergehen verziehen. (35) ..." 

Tacitus (XIII, 17; XIV, 61 u. 60; XV, 37) und D i o Gas s ius. 
erganzen die suetonische Biographic durch eine Anzahl ahnlicher 
Mitteilungen. Tacitus berichtet namentlich von T i g e 1 - 
1 i n u 8 , den der Caesar zum Oberbefehlshaber der pratorischen 
Kohorten ernannte, nachdem er „ihn zu seinen geheimsten Geliisten 
gebraucht**, so daB er sich sogar von einer Sklavin der O k t a v i a 
sagen lassen muBte : Oktavias Scham sei reiner als sein Mund 
(XIV, 60). Dio Cassius (61, 10) fiigt hinzu, daB N e r o s Lehrer, 
der Philosoph L. Annaeus Seneca, der selbst trotz glanzender 
Heirat an BuJhljungen Gefallen fand, dabei aber ein so strenger Sitten- 
prediger war, daB er Nero bat, ihn nicht zu kiissen, diesen zu seinen 
Mannerliebschaften angeleitet habe. Vom psychologischen Stand- 
punkt am interessantesten ist das Verhaltnis Neros zu seiner 
verstorbenen (lattin Poppaea Sabina. Es wird iibereinstim- 



Digitized by VjOOQIC 



798 

mend berichtet, da6 er an Sporus ao groBes Gefallen fand, 
ihn entmannen lieB und heiratete, well er mit der Sabina so 
groI3e Ahnlichkeit hatte. Anderseits teilte er sich selbst wieder die 
Maske und Rolle der Sabina zu, so dem freigelassenen Pytha- 
goras (Doryphorus) gegeniiber. So berichtet Dio Cassius 
(63, 9): Die weiblichen Masken (in denen Nero auf der Biihne auf- 
ti*at) waren immer der Sabina nachgebildet, um sie auch noch 
nach ihreni Tode zu feiern . . . Einer gab, als jemand ihn fragte, was 
der Kaiser tue, zur Antwort: „Er kreiBt", denn Nero stellte gerade 
die Kanake vor. Den Sporus aber nannte er Sabina, nicht 
bloB weil er wegen seiner Ahnlichkeit mit ihr entmannt worden war, 
sondern auch weil sich Nero wie friiher mit jener, in Grieohenland 
of fentlich mit ihm vermahlte, wobei Tigellinus nach der Vorschrift 
des Gesetzes, die Ausstattung iibernahm. Diese Vermahlung feierte 
ganz Griechenland, indem man unter anderen iiblichen Gliickwiinschen 
audi den vorbrachte, daJ3 die Ehe mit rechtmaiJigen Kindem gesegnet 
werden mochte. Hierauf wohnten dem Nero Pythagoras als Mann 
und Sporus als Weib bei, und unter ^nderem wurde letzterer auch 
Herrin, Fiirstin, Gebieterin betitelt. 

Von Neros Nachfolger, dem 73jahrigen Serv, Sulpiclius 
G a 1 b a , dem bisherigen Statthalter des tarraconensischen Spaniens, 
der als erster die Reihe der Soldatenkaiser eroffnet, schreibt Sue- 
tonius (c. 22): „Zur WoUust zog er Manner vor, aber nur -sehr 
Starke und ausgewachsene. Man erzahlte, dafi er in Spanien den I c e - 
1 u s , einen seiner alten Beischlafer, als er ihm die Nachricht von 
Neros Tode brachte, nicht bloD offentlich mit hef tigen Kiissen emp- 
fangeu, sondern auch gebeten habe, er mochte sich unverweilt scheren 
lassen, und ihn dann beiseite fiihrte." 

Gegen G a 1 b a erhob sich noch im gleichen Jahre M. S a 1 v i u s 
1 h o , um seinem Vorganger wenig Zeit zu lassen, „seine Jugend zu 
genieiSeu", wie die spottlus tigen Soldaten sagten, als sie Gal has 
Kopf auf einer' Speerspitze imihertrugen. Wir haben ihn schon als 
einen der Freunde Neros kennen gelernt (Suet. 2). Dio schreibt 
von ihm (64, 8) : „sein iibriger Lebenswandel und daJ3 er an Sporus 
(der als einer letzten Getreuen seinen Herrn auf der Flucht b^leitet 
hatte, aber mit dem Leben davongekommen war) seine Lust befriedigte 
und die andern Giinstlinge Neros beibehielt, lieB alle nichts Gutes 
von ihm erwarten". — Suetonius gibt im Schlul3kapitel (12) seiner 
Biographic folgendes Bild von dem AchtunddreiBigjahrigen : „sauber- 
licli fast wie die Weiber hatte er einen haarlosen Leib und trug /auf 
dem Kopf wegen Kahlheit eine so passend anliegende Periicke, daU 
niemand einen Unterschied merkte, ja er lieB sich taglich das Gesicht 
rasiereii und mit feuchtem Brote reiben und trieb es so vom ersten 
Flaumhaar an, um nie einen Bart zu bekommen ; auch habe er das Isis- 
fest oft ganz offentlich in einem leinenen Pries tergewande gefeiert." 
J u v e n a 1 i s nennt noch in seiner II. Satire (v. 99) den Spiegel „da5 
Gerat des weibischen O t h o" (Othonis pathici). Doch war er bei 
den Pratorianern allgemein beliebt (Suet. 1. c). 

Der dritte, von den germanischen Legionen zum Imperator aus- 
gerufene, Thronpratendent war Aulus Vitellius. Er hatte eine 
bewegte Vergangenheit hinter ^sich. Seine Knaben- und ersten 
Jiinglings jahre brachte er, wie Suetonius (c. 3) schreibt, zu 
Capreae unter den Lustknaben des Tiberius zu und erhielt dort 
den Beinamen S p i n t r i a (= Sphinkter), und man glaubte, 
daB seine korperlichen Reize den ersten AnlaB und spateren 
Grund zur Beforderung seines Vaters gaben. (4) Die Regierung fuhrte 
er groBtenteils nach dem Rat und den Einfallen der gemeinsten Schau- 
spieler und Wagenlenker, namentlich des Freigelassenen Asiatic us. 
Diesen schandete er als jungeji Menscheu in wechselseitiger Unzucht, 
und als or ihm spater aus CberdruB entlief, lieB er ihn in Puteoli, 



Digitized by VjOOQIC 



799 

wo er Essigwasser verkaufte, wieder ergreifen und in Fesseln achlagen, 
flfab ihn aber gleich wieder frei uad trieb wieder seine Lust mit inm. 
Zum zweitenmal sodann, da ihm sein Trotz und seine Wildheit zu 
arg wurde, verkaufte er ihn an einen auf Markten herumziehenden 
Gladiatorenfechtmeister, nahm ihn aber, als er bis zum Ende eines 
Fechterspieles aufbehalten wurde, diesem unversehens wieder und lieB 
ihn erst frei, als er die Verwaltung einer Provinz erhielt. Am ersten 
Tage seiner Regierung sodann beschenkte er ihn iiber der Tafel mit 
dem goldenen Ringe (Zeichen des Ri tiers tandes), wahrend er noch am 
Morgeu dieses Tages, da alle fur ihn darum baten, aufs strengste 
seinen Abscheu iiber eine solche Beschimpfung des Ritterstandes aus- 
gesprochen hatte. (Cf. Tacitus, Hist. II, 95). Dio Oassius be- 
richtet noch (65, 10), dai3 unter seiner Regierung S p o r u s als ent- 
fiihrtes Madchen auf der Biihne erscheinen sollte, diese Schmach 
aber unertraglich fand und sich selbst das Leben nahm. 

Eine der ergebnisreichsten Quellenschriften fiir das homo- 
sexuelle Leben der rdmischen Kaiserzeit ist das Satirenfragment 
des T. Petronius Arbiter, des arbiter elegantiae am nero- 
nischen Hofe. — Petronius hatte in seinem Werk die menip- 
peische Satire zum Roman und zwar zum Erstmodell des 
Schelmenromans erweitert, in dem sich an lockerem Faden Aben- 
teuer an Abenteuer zu Wasser und zu Lande phantasftiHiah 
reihen, wahrend reich ausgeftihrte Episoden hetero- und homo- 
sexueller Natur den Gang der Erzahlung unterbrechen. Die 
Handlung spielt in den letzten Jahren des Tiberius, doch 
nicht ohne Hineinbeziehung von Erscheinungen und Zustanden 
der neronischen Zeit. Es sind uns von den 16 Buchern des 
ganzen Werkes nur das XV. und XVI. in groBeren/ Partien und 
kleineren Bruchsttickev erhalten. Die beiden fahrenden Gesejlen, 
Eucolpios und Ascyltos, sind auf ihren Wanderfahrten zusammen 
mit dem jungen Giton, der den Gegenstand ihrer beiderseitigen 
Eifersucht bildet, nach, wie Ribheck^^^) annimmt, Cumae 
gekommen. Ihre Abenteuer daselbst, deren eines das bertihmte 
„Gastmahl des Trimalchio** bildet, die Leiden einer 
Seefahrt und ihre Schicksale im bruttischen Croton bilden 
den Inhalt der erhaltenen Fragmente. Wilhelm Heinse, 
der Verfasser des „Ardinghello**, hat die Fragmente 1772 ins 
Deutsche Ubertragen und nut kongenialer Erfassung des Stoffes 
die zahlreichen Lticken, manchmal vielleicht etwas zu reichlich, 
ausgefiillt, so daB bei der Lekttire dieser Ubersetzung immerhin 
eine KontroUe durch den Urtext zu empfehlen ist. Im' ersten 
Bande dieses Handbuchs hat bereits Iwan Bloch eine ein- 
gehende WOrdigung des Romans in sexueller Beziehung ge- 
geben^^*). 



123) Ribbeck. 1. c. Bd. Ill S. 152 ff. 
i2<) Dieses Handb. T, S. 520—523. 



Digitized by VjOOQIC 



800 

Von Kaiser Vespasianus (64 — 79), der, von den 
syrischen Legionen zum Imperator ausgerufen, die Ara der Kaiser 
aus dem flavischen Hause begrtindete, sind keine urnischen 
Neigungen tiberliefert. Wohl aber berichtet Suetonius solche 
aus der Juerendzeit seines Sohnes und Nachfoleers Titus f79 
bis 81). 0. 7 heiCt es bei Suetonius: ,,AuiJer seiner Grau- 
samkeit wurde man aueh noch auf seine Schwelgerei aufmerk- 
sam, weil er die Gelage mit seinen ausgelassensten Freunden 
oft ibis Mitternacht forjsetzte; ebenso auf seine Unztichtig- 
keit wegen einer Mange von Lustknaben und Verschnittenenj 
die er um sich hatte, und wegen seiner auffallenden Liebe zu 
der Konigin Berenike, der er auch die Heirat versprochen haben 

fiollte Kurz man glaubte und sagte of fen, daC er ein 

zweiter Nero sei. AUein dieser schlimme Ruf hatte gute Folgen 
bei ihm und verwandelte sich seit seiner Thronbesteigung in 
das jhochste Lob, als man keinen Fehler mehr, im Gegent-eil 

nur die hochsten Tugenden an ihm entdeckte Auch horte 

er auf, einige seiner Lieblinge reichlich zu unterstlitzen und 
wollte sie tiberhaupt nicht mehr in offentlicher Gesellschaft 
sehen, obvvohl sie solche Tanzklinstler waren, daB sie spater 
auf der Biihne eine jgroBe Rolle spielten.'* 

Voii des Titus jiingerem Bruder und auBerst unahnlichem Nach- 
folger Domitianus (81 — 96) berichtet Suetonius (c. 1): ,,es 
ist allgeraein bekannt, daB der gewesene Prater Clodius Pollio, 
auf welcheu es ein Gedicht von Nero unter dem Titel ,Luscio* gibt, 
eiu eigenhandiges Schreiben von ihm besaC und hier und da schen lieB, 
worin er ihm eine Nacht versprach ; ebenso gab es Leute, welche be- 
haupteten, Domitianus sei auch von N e r v a , der spater sein Nach- 
folger wurde, geschandet worden." Trotzdem verurteilte er mehrere 
Mitglieder beider Stande (der Senatoren und Ritter) nach dem Scan- 
tinischen Gesetze. 

Dio Cassius erganzt diese Charakteristik in seinem 07. Buche 
noch durcn folgende Mitteilungen : „(2) Aus keinem andern Grunde 
geschah es, daB er trotz seiner Liebe zu dem Verschnittenen E a r i n o s 
zur Vcrhohnung des Titus, welcher zu den Verschnittenen groBe 
Z^ineigung fiihlte, im ganzen romischen Reich die Entmannung ver- 
bieten lieB. (6) Er war namlich nicht nur trag und feige, sondern auch 
in Bezug auf Weiber und Lustknaben im hochsten Grade ausschweifend 
und liederlich.'* 

In der Dichtung der flavischen Zeit ragen die Poesien des 
M. Valerius Martialis hervor; so reich wie er hat kein 
Bomer je, weder vor tl^th noch nach ihm, das Feuerwerk epigram- 
matischer Kleindichtun^ spielen lassen. Hier wird uns auch in 
stets wechselndem kaleidoskopisch buntem Spiegelbilde das ganze 
geschlechtlch^Leben deskaiserllchenBom vorgefuhrt; keine sexu- 
elle Variation und Anomalie wird uns geschenkt, sei es daB uns 
sein Spiegel in feingeschliffenen Facetten Lebemanner und Lebe- 
frauen in mancherlei Eheirrungen vorftihrt, sei es, daB er das 



Digitized by VjOOQIC 



801 

Treiben alter Liebhaber oder das freche Gebahren der Kokotten 
und Kinaden geilielt oder uns Blicke in das Leben und Treiben 
der Tribaden eroffnet. Da er jedoch mehr die prostitutionelle 
Seite der zeitgenossischen Homosexualit&t enthtillt und ihm in 
dieser Beziehung bereits Iwan Bloch hinreichende Beach tung 
und Wtirdigung geschenkt hat, so mag hier auf diese treff lichen 
Zusammenstellungen verwiesen eein^^^). 

Von M. Cocceius Nerva (96 — 98), dessen wir schon 
bei Domitianus gedachten, wurde der ans Spanien stam- 
mende M. Ulpius Traianus adoptiert, der 98 als ersfter 
Anslander den xomischen Kaiserthron bestieg (98 — 117). Die 
Cassius schreibt von ihm (68, 7): „Zwar weiC ich wohl, 
dafi er Jiinglinge liebte und gerne Wein trank; er ware aber 
hier in bloU zu tadeln, wenn er sich dabei zu Schandlichkeiten 
und Lastertaten hatte verleiten lassen; so aber konnte er einmal 
viel Wein vertragen, ohne betrunken zu werden, und gebrauchte 
Huch in der Liebe keinen Zwang. Viel ist in Geschichte und 
Dichtung alterer wie neuerer Zeit iiber das Verhaltnis |dee 
Kaisers P. Aelius Hadrianus (117 — 138), Traians Vetter, 
zu seinem Liebling, dem Bithynier Antinous geschrieben 
wordeni26). Dio Cassius berichtet dartiber (69, 11): „In 
Agypten lieil Hadrianus auch die sogenannte Stadt des 
Antinous aufbauen. Antinous stammte aus einer Stadt in 
Bithynien, die auch Claudiopolis heiCt. Etrl iwar der Lieb- 
ling des Hadrianus und starb in Agypten, sei es nun, daB er 
in den Nil fiel, wie Hadrianus berichtet, oder daC er ein 
Opfer wurde, wie es wohl richtiger ist. Wie Hadrianus 
tiberhaupt sehr wiBbegierig war, so lieB er sich auch auf Wahr- 
sagereien und magische Kunste ein. Entweder also aus Liebe 
zu Antinous oder weil er ihm zu Liebe starb, denn er be- 
durfte zu dem, was er vorhatte, der freiwilligen Aufopferung 
eines andern, ehrte er ihn so hoch, daB er an dem Orte, wo 
er starb, eine Stadt erbauen lieB und sie nach ihm benannte und 
fast im ganzen romischen Reich ihm zu Ehren Bildsaulen oder 
vielmehr Brustbilder aufstellen lieB. Am' Ende wollte er sogar 
einen besonderen Stern des Antinous am Himmel sehen und 
horte es gerne, wenn seine Gesellschafter ihm das Marchen 
ausschmticken half en, daB aus der Seele des Antinous wirk- 
lich ein Gestirn entstanden und damals zuerst sichtbar geworden 
sei. 



126) Dieses Handbuch I, 395, 399, 406, 411—412, 416, 426. 
"6) Cf. O. Kiefer i. Jahrbuch f. sex. Zw. VIII (1906), S. 667 ff. 
Hirschfeld, Homosexualitlt. 5]^ 



Digitized by V:iOOQIC 



802 

Spartianus teilt iiber Hadrian und A n t i 6 n u s f olffendes 
mit (c. 10): ,,(13) Nachdem er {Arabien durchreist, kam er nach Peluaium 
.... verlor aber auch bei einer Spazierfahrt auf dem Nil seinen 
Liebling A n t i n o u s , den er auf eine weibische Art beweinte, und 
zwar weil er iiach einigen fiir ihn freiwillig als ein Siihneopfer starb, 
Oder nach andern, aus einer ganz andern Ursache, welche des Knaben 
Schonheit und Hadrians ausschweifende Wollust leicht erraten 
lassen (cf. u.). Sehr gem sah es daher Hadrianus, daB ihn die 
Griechen vergotterten und ihm sogar Orakelspriiche zuschrieben, welche 
aber Hadrianus selbst soil verfertigt haben. ... In der *Liebe war 
er ausschweifend, verfertigte viele Liieder auf seine Lustknaben und 
schrieb verliebte Gedichte. (22) . . . Er entschloB sich, den Eidam des 
N i g r i n u s , der sich ehedem wider ihn verschworen hatte, den 
Ceionius Commodus, einen jungen Mann, dessen schone Figur 
ihm gefallen hatte, zu adoptieren. Diesem EntschluB gemaB erklarte er, 
so sehr auch seine Wahl jedermann miBfiel, diesen Ceionius unter 
dem Namen (L.) Aelius Verus zum Nachfolger." In der Bio- 
graphic dieses Caesar Aelius Verus schreibt Spartianus 
(c. 3) : „Die jenigen, welche Hadrians Leben am genauesten 
beschrieben haben, versichern, daB derselbe des Verus Horoskop sehr 
penau gekannt und wohl gewuBt habe, daB derselbe keineswegs die zum 
Thron erf orderlichen Eigenschaften besitze ; er habe ihn bloB adoptiert 
um seiner sinnlichen Neigung willen und, nach einigen, um dem ge- 
heimen eidlichen Versprechen der Adoption als dem Preis des Ge- 
nusses dieses schonen Mannes Geniige zu leisten. (5) Verus war 
im Umgang auBerst angenehm, mit den Wissenschaften bekannt, aber, 
wie einige MiBgiinstige melden, bei Hadrianus mehr der Schonheit 
als seiner vorziiglichen Eigenschaften wegen beliebt." 

0. Th. S c h u 1 zi27) und nach ihm 0. K i e f e r (1. c.) haben in 

eingehender Prxifung der Quellen die Cberlieferung von dem 

Opfertod des Antinous in das Reich der Legends verwiesen; 

der kaiserliche Liebling ist nach ihnen das Opfer eines bloflen 

Ungliickfalls geworden. — 

Von den Kaisern Antoninus Pius (138 — 161) und M. A u r e - 
lius (161 — 180) sind keinerlei homoerotische Ziige iiberliefert. Uber 
des letzteren Sohn und Nachfolger Commodus (180 — 193) schreibt 
Aelius Lampridius: „(3) Den Sohn des Salvius Julianus, 
der bei dem Heere den Oberbefehl fiihrte, suchte er, wiewohl vergeblich, 
zu seinen Liisten zu raifibrauchen, und von der Zeit an dachte er auf 
des Julianus ITntergang. . . . Den von seinem Vater fast sieg- 
reich geendeten Krieg lieB er unvollendet . . . und kehrte nach Rom 
zuriick. Bei seinem Einzug in diese Stadt wandte er sich ofters zuriick 
und kiiBte seinen Liebhaber A n ,t e r o s , der hinter ihm auf dem 
Triumphwagen stand, ganz offentlich, welches er im Theater eben- 
falls zu tun pflegte. ..." 

Unter den Dichtern dieser Zeit ragt in einsamer GroBe 

D. lunius Invenalis (C. 60 — 140) hervor, der das, was 

Martialis in Kleinigkeiten mit leichteren Strichen skizzierte, 

diirch griinmige Sittenbilder in weiterem Rahmen darstellte. 

Die elfte Satire, die Einladung zu dem Friihstiick an Persicus, 
ist (von V. 143 ab) interessant durch den Gegensatz in der Bedienung, 
die ein reicher Schlemmer und die ein Mann wie Juvenalis seinen 
Gasten bietet. Weder iippige Sklaven phrygischen oder lykischen Stam- 

1") o. T h. S c h u 1 z , Leben des Kaisers Hadrian 1904. 



Digitized by V:iOOQIC 



803 

mes, noch Musikanten und Tanzer will er als Hausherr seinen Qasten 
bieten, sondern nur schlichte, unverdorbene Bauernburschen von seinem 
tiburtinischen Laadgut wartea anf, die nur der latinischen Mundart 
kundig, im groben G^ewand und mit gestutztem Haar, das nur vom 
Eamme gescneitelt ist, erscheinen; dooh edles Gesicht und edle Scham 
kennzeicnnen den Knaben, der sich noch nicht die Achseln glatt 
rupfen lieB. — Ebenso wird in der fiinften Satire, dem Mahl des rei- 
ohen Virro, dem der arme Elient Trebius bei minderwertigor Abspeisung 
zuschaut, die Bliite von Asiens Jugend als Schenkknaben des Grast- 
gebers erwahnt (v. 56) ; in der sechsten, gegen das weibliche Ge- 
schlecht gerichteten Satire will Postumus heiraten; der Dichter stellt 
ihm alle Schattenseiten und Nachteile dieses Schrittes vor Augen 
(V. 34): 

Warum ins Bett nicht lieber dir legen ein Biirschlein? 

Das fangt nicht in der Nacht ein Gekeif an, fordert im Bette 

Eeine Geschenkchen und murrt nicht, da6 du dich schonest und 

nicht 60, 
Wie er es habe gewunscht, in Gekeuch und Hitze gerietest. 
Unter den Nachteilen der Ehe wird auch der genannt, daB die kiinftige 
Gattin die pueros (v. 272) hafit. Das „concumbunt graece" (v. 191) ist 
wohl ill trioadischem Sinne zu fassen. Auf weibliche Homosexualitat 
bezieht sich auch der Abschnitt Hber die Gladiatorenubungen fder 
Frauen (v. 262 — 267). Ganz in tribadisohem Sinne sind wohl das „inque 
vices equitant** (v. 311), sowie weitere Details des Kybelefestes zu 
verstehen (v. 321 ff.). 

Sehr charakteristisch flir die Verbreitung der Homosexuali- 
tat in jenen Zeiten ist der Umstaud, daB der Biograph des 
Gegenkaisers Clodius Albinus, Aelius Lampridius, 
folgendes zu erwahnen flir notig findet : (e. II) „V o n W e i b e r n 
war er ein aufieror den tlicher Freund, aber ein 
erkl&rter Feind der Venus aversa und ihrer An- 
il anger.** Im Jahre 218 n. Chr. gelangte Heliogabalus 
(Elagabal), Vorher Sonnenpriester im syrischen Emesa, im 
Alter von 15 Jahren (nach anderen von 11 Jahren} auf den 
Thron (218 — 222). Er ist wohl der homoses;uellste Kaiser; eine 
ganzlich effeminierte Natur. Die Geschichte seiner Regierung 
ist nahezu ausschlieBlich eine Aufzahlung seiner sexuellen Er- 
lebnisse. 

Dio Cassius berichtet u. a. : Er heiratete viele Frauen und 
hielt noch viel mehr ohne gesetzlichen Titel in seinem Harem, nicht 
als ob er ihrer bedurft hatte, sondern um bei dem LiebesgenuB mit 
j^einen Buhlen ihre Kunstgriffe nachzuahmen und sie zu Genossen 
seiner Schandlichkeiten zu nehmen, indem er sich immer unter ihnen 
herumtrieb. Viele Unziichtigkeiten, die nachzusagen oder anzuhoren 
man gar nicht aushalten wiirde, tat er mit seinem Korper und lieB 
sich tun. Nur einige Liederlichkeiten, welche vor aller Augen ge- 
trieben, nicht verhehlt werden konnen, will ich erzahlen. Er ging bei 
Nacht in Schenken, durch falsche Haare maskiert, und versah, was 
die Wirtinnen in solchen Hausem zu tun pflegen. Er kam in beriich- 
ti^te Lusthauser, trieb die Dirnen hinaus und trieb selbst dort mit 
seinen Lustknaben sein Unwesen; er bestimmte endlich in dem Palast 
ein eigenes Zimmer fiir seine Geilheiten, stand nackt wie die Lust- 
dimen unter der Trir, zog den in goldenen Ringen hangenden Vorhang 
zuruck und suchte die Yoriibeigehenden mit schmachtender gebrochener 

61 • 



Digitized by V:iOOQIC 



804 

Stimme herbei zu locken. Es kamen dena auch iramer welche, die her- 
beschieden waren. Wie in anderen Dingen, so hatte er auch hierfiir 
seine Aufspurer in Menge, durch welche diejenigen ausgekundschaftet 
wurden, welche am besten seine unziichtigen Liiste befriedigen konnten. 
Dafiir muBten sie jedoch zahlen und er tat sich auf solchen Erwerb 
viel zu Gute, stritt mit den Genossen seiner Ausschweifungen und be- 
hauptete mehr Liebhaber als sie zu haben und mehr sich zu erwerben. 
(14.) Dies tat er mit alien, die mit ihm fleischlichen Umgang hatten. 
Einen begiinstigten Mann jedoch hatte er, den er deshalb zum Caesar 
ernannt wissen wollte. ... iEr vermahlte sich einem Gemahl, lieB 
sich Frau, Gebieterin, Augusta nennen, spann Wolle, trug eine Art 
Netzhaube und schminkte sich mit BleiweiB und Karmin die Augen. 
Einmal lieB er sich den Bart scheren und gab deshalb ein Fest, 
spater aber lieB er sich die Haare ausrupfen, um auch hierin Weib 
zu sein, oft nahm er auch im Bette Besuche der Senatoren an. (15) Der 
Gemahl der neuen Augusta war Hierokles, ein karischer Sfclave, 
friiher Lustknabe des G o r d i u s , von dem er auch das Wettfahren 
erlernte, wobei er sich auf eine ^^sonderbare Weise die Gunst E 1 a - 
gabals gewann. Er sturzte bei einem Wettfahren vom Wagen, gerade 
vor dem Sitz des Kaisers nieder, verier beim Fallen den Helm und vor 
ihm stand er mit dem glatten Kinn und dem blonden Lockenhaar und 
ward alsbald in den Palast fortgerissen. Hier gewann er durch seine 
nachtlichen Verdienste ihn bald so, daB er hoch zu Ehren kam und 
mehr als der Kaiser selbst vermochte. Er wollte, um auch hierin die 
unziichtigsten Frauen nachzuahmen, dafiir angesehen sein und lieB 
sich oft geflissentlich auf der Tat ertappen, woriiber er denn von dem 
Hanne (Hierokles) tiichtig ausgescholten wurde und Schlage er- 
hielt, daB er oft blaue Male im Gesichte davontrug. Jenen aber liebte 
er nicht bloB mit oberflachlichem Ungestiim, sondern ernstlich und mit 
uachhaltiger Leidenschaft, so daB er dariiber nicht nur nicht imwillig 
ward, sondern im Gegenteil ihn darob nur imisomehr liebte und ihn 
sogar zum Caesar ernennen wollte. . . . Die Leibwachen fingen einen 
Aufstand an \md gaben sich nicht eher zur Ruhe, als bis Elagabal 
in das Lager kam, demiitig nm sein Leben bat und sich die Auslieferung 
einiger seiner Schandgenossen abdrangen lieB. Fiir Hierokles bat 
er aufs klaglichste und unter Tranen, bot selbst seine Kehle dar und 
spra<;h : ,,Nur den einen laBt mir am Leben, was ihr auch von ihm 
denken mogt, oder totet mich lieber," 

In der Zeit von Heliogabalus bis zu dem ersten christ- 
lichen Kaiser Konstantin (306 — 337) sind noch die Kaiser 
Alexander S e v e r u s (222— 235) Philippus Arabs (244 
bis 249) zu erwahnen, Weil sie in Eom zuerst mit scharf eren Maflr 
regeln gegen die mannliche Prostitution einschritten. Ale- 
xander Severus lieB sogar, wie sein Biograph A el i us 
Lampridius mitteilt (c. 24 und 34), einmal eine ganzeSehar 
rqmischer „Strichjungen** aufgreifen und liber das Meer depor- 
tieren, wofcei alle durch Schiffbruch' ume Leben kamen. 

Es mufi noch ei!n kurzes* Wort gesagt werden iiber die Werke 
der griechisjchen Literatur, welche unter rSmischer Heiiischaft 
entetanden, die Homosexualitat zum Gegenstande haben. Auf 
poetischem Gebiet sind hier die Dichtef zu nennen, welche bei 



"8) Cf. L. von Scheffler i. Jahrbuch f. sex. Zw. Ill (l^Ol), 
8. 231. 



Digitized by VjOOQIC 



806 

der Vermehrung der meleagrischen Sammlung durch Philip- 
p o s von Thessalonike unter Caligula dem alten Stamm 
der Epigrammatiker hinzu geftigt wurden. Es sind auBer 
Philippos selbst hauptsachlich Krinagoras von Mytilene, 
Euenos, Automedon, Erykios von Kyzikos, Boethos 
von Tarsos, Leonidas von Alexandria, Tullius Laurea, 
ein Freigelassener Ciceros, M. Argentarius, Tullius 
Gem in us und vor allem Straton von Sardes, der unter 
Hadrianus oder bald nachher unter dem Titel ,,Mus'a> 
paid ike" eine Sammlung von Epigramlnen auf schone Jiing- 
linge veranstaltete, welche jetzt den Grundstock des zwolften 
Buches der Anthologia Palatina bilden. Wir finden hier viel 
Zartes, doch auch viel Derbes und tJnverhulltes, das der Zote, 
sehr nahe kommt^^^). 

Auch die sogenannten Pseudo-Anakreontea sind zum 
groliea Teil wahrscheinlich in der Zeit Hadrians entstanden. Ge- 
schickt werden St off und Form des Alten von Tecs nachgebildet. Bei 
weitem liberwiegt jedooh in dieser Epoche die Prosa und unter dem 
Erbaltenen die Geschichtschreibung. Einige der hier zu nennenden 
Historiker kamen bereits f riiher zu Worte, so der Sikuler Diodoros, 
der Halikarnassier Dionysios, der Jude Josephus, der Bithy- 
nier Flavins Arranius und sein Landsmann Cassius Dio. Von 
den nur fragmentarisch iiberlieferten Historiensammlem des II. imd III. 
Jahrhunderts verdient Plutarchos von Chaironeia Beachtung. Er hat 
nicht nur in seinen Biographien aus dem griechischen und romischen 
Altertum zahlreiche homosexuelle Einzelheiten iiberliefert, wobei seine 
Beurteilung des Problems je nach der benutzten Quelle nicht selten 
stark zu schwanken scheint, sondern auch in seinen philosophischen 
Schriften, den sogen. Moralia, die gleichgeschlechtliche Liebe mehr- 
fach eingehend beriicksichtigt, so besonders in den Symposiaka, den 
Tischgesprachen, und in seinem Logos erotikos, der in dem Streit iiber 
die Vorziige des hetero- und homosexuellen Triebes sich mehr auf die 
Seite der crsteren stellt. Der interessante Dialog lafit den Plutarch 
in einem ahnlichen Lichte erscheinen, wie den Sokrates des pla- 
tonischen Phaidros, indem Autobulos, Plutarchs Sohn, einem 
gewissen Flavianus das Gesprach wiedererzahlt, welches seinVater 
ehedem an den thespischen Erotidien mit anderen Freunden gehalten 
habe. In den Dialog ist eine gleichzeitige Liebesgeschichte zwischen 
der vornehmen, aber schon alteren Ismenodora und dem jugend- 
schonen Bacchion eingewoben. Der Schrift angehangt erscheinen 
noch die kleinen erotischen Novellen, die iganixal ditjyi^oeigf von 
denen die 11. und III. gleichfalls dem Paidon Eros gewidmet sind. 
Neben dem Geographen Strabon ist Pausanias, der Perieget 
zu nennen, der in seinem antiken „Baedeker" manches hierher gehorige 
aus alterer Zeit luher Sagen Und Kulte iiberliefert hat. Zu erwahnen sind 
ferner die Dialexeis des Maimo von Tyros, der in diesen , .Philoso- 
phischen Untersuchungen" sich mehrfach (XVIII— XXI, XXXII u. 
XXXV) eingehend mit der Homosexualitat beschaftigt. Auch dem der 
Schule der Skeptiker angehorenden Arzt Sextus Empirikus 
verdanken wir einige wichtige Mitteilungen ^^hieriiber, sowie in 



i2») Cf. P. Brandt i. Jahrbuch f. sex. Zw. IX. 1908, S. 219 ff. 
Cf. id. ibid. VIII, 1906, S. 648 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



806 

reioher Fiille dem Diogenes Laertios, dem Geschichtschreiber 
der antiken Philosophie. Auf dem Gebiete der Sophistik ist D i o 
Clir3'sostomos, der Oheim des Historikers Cassius Dio, zu 
neiineD, der sowohl in seiner Schrift „iiber die Schonheit", im Melan- 
koma« II. und in der I. tarsischen Rede sich iiber die gleichgeschlecht- 
liche Liebe, wenn auch keineswegs sympathisch, auBert. Unter den 
73 dem Philostratos zugescnriebenen Briefen meist erotischen 
Inhalts sind nicht wenig^r als 21 an Jiinglinge gerichtetl^^^*) 

Aus dem Kreise der Poikilographen, deren Werke etwa dem „Ver- 
mischten** unserer Tageszeitungen ahnein, hat Claudius Aelia- 
n u s fiir uns groBeres Interesse, da er sowohl in seinen „Tierge8chich- 
ten", wie in den „Vermischten Geschichten" (Variae historiae) auBer- 
ordentlicli reiqhhaltiges Material izu unserer Frage beigesteuert hat. 

Von den Paradox ographen, den Erzahlern von Wundergeschichten, 
ist auBer P h f e g o n von T r a 1 1 e s , dem Freigelassenen des Kaisers 
Hadrianus,* der Traumdeuter, Artemidoros von Ephesos aus 
der Zeit der A n t o n i n e anzufiihren, der in seinen „Traumdeutungen" 
auch homosexuelle Traume (I, 78 u. 79 fin.; V, 66 u. 87) zu deuten 
sucht. 

DalJ der Naukratite Athenaios in seinen „Deipno- 
sophisten'*, besonders im XIII. Buche, das den speziellen Titel 
„Erotikos Logos** ftihrt, eine der Hauptquellen zur Kenntnis 
des antiken Uranismus hinterlassen hat, ist bereits des oftern 
erwahnt worden. 

Einen sehr breiten Raum hat Lukianos von Samosata 
der gleichgeschlechtlichen Liebe in seinen Schriften . gewidmet, 
sei es daO er in den Gottergesprachen die alten homosexuellen 
Mythen parodiert, in aiideren die ephebophilen Geliiste der 
Philosophen und Sophisten geiUelt, in seinen Lucius-Boman, 
ahnlich wie Apuleius^^^), homoerdtische Zlige hinein ver- 
webt, nach dem Muster Plutarchs in seinen Erotes (amores) 
die Weiber- und Jtinglingsliebe gegen einander abw&gt oder end- 
lich, daB er in den Hetaren-Gesprachen uns in das Leben und 
Treiben der Tribaden einftihrt. 

Besonders wichtig erscheint hier wieder der Logos erotikos der 
„Erotes", der allerdings von einigen Kritikern jetzt dem Lukianos 
abgestritten wird. Hier werden, wie schon gesagt, die verschiedenen 
Arten der Geschlechtsliebe einander gege niiberstellt : Theomnestos 
preist die Liebe der Frauen, Kallikratides die Junglingsliebe, 
wobei er, wie es durch den rhetorischen Charakter der Schrift geboten 
erscheint, den Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht herabsetzt -und 
nur als ein notwendiges tJbel gelten laBt. Dagegen schildert er den 
sittsamen, an Geist und Korper ebenmaBig ausgebildeten Jiingling 
(C. 46 f.) und fragt dann : Wer mochte nicht der Liebhaber eines sol- 
ohen Jiinglings sein? Wer mochte ihn nicht lieben, einen Hermes 
in der Ringscnule, einen Apollo im Saitenspiel, einen Kastor zu Pferde 
und ein Abbild jeder himmlischen Tugend im sterblichen Korper^ 
Mochten mir doch die Gotter verleihen, ohne UnterlaB einem solehen 
Freunde gegeniiber zu sitzen, seine siiBen Reden zu horen, ihn zu 
begleiten und in 'jeder Sache mit ihm Gemeinschaft zu haben. — 
L 

"0) Cf. H. Licht i. d. Anthropophyteia VIII, 1911. 
1") Cf. id. ibid. IX, 1912. S. 316. 



Digitized by VjOOQIC 



807 

„Stirbt er", ruft pr aus, „so will auch ich nicht langer lebeu und 
mein letzter Auftrag an meine Freunde wird sein, uns beide in ein 
gemeinsames* Grab zu legen, unsere Gebeine zu mischen irnd selbst die 
gefuhllose Asche beider nicht zu sondem." 

Den Kallikratides sucht nun Theomnestos zu widerlegen, er er- 
klart alles, was jener zum Lobe des Paidon Eros gesagt hat, fiir hoch- 
miitige und prunkende Reden und redet dafur der Derbheit des sinn- 
licheu Genusses das Wort. Zwischen die streitenden Freunde tritt nun 
Lykinos, unter dem man Lukianos selbst vermutet hat, und erklart, 
dafl die Ehe eine fur das Leben niitzliche und, wenn sie gelange, selige 
iSache sei. Die Jiinclingsliebe aber gehore fiir die Philosophen, sofern 
sie iu den Grenzen Keuscher Freundschaft bliebe. Deshalb muBten alle 
anderen heiraten, den Philosophen aber sei diese Liebe zu gestatten, 
weil in den Frauen doch keine vollkommene Tugend sei. 

Auf dem Boden der Sophistik ist der griechische Rom an der 
Spatzeil entstanden. Den Stoff bildete, wie s^chon ihr griechischer 
Titel Logoi erotikoi verrat, durchgangig eine Liebesgeschichte, 
und wie bereits der alte Xenophon bei seinem Erstroman der 
griechischen Prosa der Kyropadie der Liebe in beiderlei Ge- 
stalten nicht entraten konnte, so blieb die Liebe sub utraque 
forma auch in alexandrinisdhei' Zeit und sp&ter ein noti- 
wendiges Requisit des griechischen Romanciers. So finden sich 
homosexuelle Episoden bei Partjhenios in den ,,Liebe9- 
leiden**; in den Ephesiaka des Xenophon aus Ephe/sos 
(Liebe des Hippotihoos zu Hyperanthes), in „Kleitophon 
und Leukippe** des Alexandrineris Achilleus Tatios.^^^)^ 
sowie auch in dem Hirtenroman ,,Daphnis und Chloe** des 
Longos von Lesbos (IV, 11 ff.). Auch in den erdichteten 
Brief en, einer Abart des griechischen Romans, finden wir nicht 
selten die GleichgeschlechtUchkeit vertreten. Besondere Beachtung 
verdienen hier die Briefe des Alkiphron, in denen auch die 
sapphische Liebe ihren Ausdruck gefunden hat. 

Fassen wir zusammen, was sich aus einer Durchsicht der 
zahlreichen Literaturreste des Altertums ergibt, die unseru 
Gegenstand behandeln und von denen wir hier nur Bruchstticke 
bringen konnten, so lassen sich folgende S§tze aufstellen: 

I. Die Homosexualitat war im klassischen Altertum eine 
uberjJl verbreitete und tolerierte Erscheinung. 

II. Die gesetzlichen Bestimmungen, welche liber sie erlassen 
waren, hatten nie auf ihre Betatigung an und fiir sich Bezug, 
sondern immer nur auf gewisse Nebenumstande; in erster 
Linic soUte die sexuelle Freiheit gewahrleistet werden, (so wurden 

. Notzucht, Mifibrauch der Dienstgewalt gegeniiber Freigelassenen 
oder Freigeborenen usw. hestrafffc). AuBerdem richteten sich 



"2) Cf. Christ, L c. S. 845 und von K u g f f e r , 1. c. S. 66 
ttttd 70. 



Digitized by VjOOQIC 



808 

die Anschauungen und Vorschriften gegen den Verkauf des 
mannlichen Korpers (die mannliche Prostitution). Mit be- 
sonderer Klarheit geht dies aus dem Wortlaut der Bede djes 
Aischines gegen Timarchos hervor, in der es heiBt : „Ich 
behaupte auf das bestimm teste, da6 zwar die Liebe zu schonen 
und mfiBigen Jtinglingen der Menschheit Ehre macht und von 
GroJJherzigkeit zeugt, dafi es aber von Schamlosigkeit und 
schlechter Erziehung zeugt, wenn jemand einen freien Knaben 
zu Ausschweifungen kauft. Geliebt zu werden ist eine 
Ehre, sich zu verkaufen eine Schande'*^^^). 

III. Es gab nachweislich im Altertum, gerade so wie in 
spatteren Zeiten, Manner und Frauen, die sich aussch'lieB- 
lich zu l^ersonen des gleichen Geschlechts hingezogen fiihlten, 
und zwar sowohl feminine als virile Homosexuelle in alien Ab- 
stufungen; es gab ferner Heterosexuelle, die dem Verkehr mit 
dem eignen Geschlecht subjektiv abhold waren und auch objek- 
tiv nichts von ihm wissen woUten ; es gab endlich Bisexuelle, die 
sexuell zu beiden Geschlechtern neigten. In welchem Zahlen- 
verhaltnis diese drei Gruppen zueinander standen, laBt sich 
jetzt kaum noch feststellen. Da die gleichgeschlechtliche Liebe 
im offentlichen Leben und vor allem in der Literatur frei und 
offen zutage trat, gewinnt man leicht den Eindruck, als seien 
ihr fast alle Menschen damaliger Zeit ergeben gewesen. Doch 
ist dies absolut unbewiesen. Haufiger als in der Gegenwart 
scheint die bisexuelle Betatigung gewesen zu sein, namentlich 
war der homosexuelle Verkehr bei Jtinglingen im indifferen- 
zierten Alter (von der Reife bis zur Verheiratung) nahezu all- 
gemein, auDerdem pflegten aber auch viele Altere neben dem 
Verkehr mit ihrer Ehefrau homosexuelle Beziehungen. 

IV. Der Charakter dieser beziehungen war bei einigen ein 
sehr vergeistigter (Sokrates und Phaedon), bei anderen ein 
sehr sinnlicher (Nero und Sporus), bei den meisten nahm 
er eine Mittelstellung ein, die zwischen seelischem Geben und 
korperlichem Nehmen lag (Hadrian und Antinous). 

V. Die gleichgeschlechtliche Liebe stand im Altertum in 
naher Verbindung mit der korperlichen und geistigen Jugend- 
erziehung. In Vorstellung und Wirklichkeit hing sie eng mit 
kiihnen Taten, gymnastischen Wettkampfen (Sport), politischer 
Freiheit, philosophischen und wissenschaftlichen Studien, liber- 
haupt mit geistigem Leben und Mafligkeit im Gegensatze zu' 
orientalischem Luxus zusamtnen. 



»^3) Aischines bei Dobson, Oratores Attici, Bd. XII. p. 59. 



Digitized by VjOOQIC 



809 

VI. Dementsprechend trug die mannliche Homosexualitat 
im Altertiim wesentlich den Charakter der Ephebophilie, des 
naidiov egwg, doch sind auch Beispiele ausgesprochener Andro- 
philie (auch Liebe von ,,Bartigen** nntereinander) iiberliefert. 

VII. Die griechische Kunst, Literatur, Ethik und Kultur, 
deren auBerordentliche Hohe allgemein anerkannt ist^ verdanken 
ihre Blute nicht zum kleinsten Teil dem Paidon Eros. Mit der 
Entartung oder Zerstorung der alien Volker hat die ant ike 
Homosexualitat als solche nichts zu tun, da sie im heroischen 
Zeitalter, im Aufstieg und in der Bliitezeit dieser Volker ebenso 
nachweisbar ist wie wahrend ihres Niedergangs. Dali der homo- 
sexuelle ebenso wie der heterosexuelle Verkehr namentlich unter 
den Casaren zu starken Aiisschweifungen AnlaB gab, lag nicht 
an ihm selbst, sondern an der allgemeinen Leichtfertigkeit, der 
tippigkeit und Schwelgerei, besonders der wohlhabenderen Stande 
jener Zeit. Wer sie urn ihrer Ausartungen willen ganzlich 
verponte, ,,schuttete das Kind mit dem Bade aus." 



Digitized by VjOOQIC 



VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL. 

Die Verfolgung homosexueller MMnner und Frauen durch 
Gesetz und Gesellschaft. 

Das Kapitel, dem wir jetzt unsere Aufmerksamkeit zu- 
wenden, ist das dtistersite dieses Werkes, vielleicht eines der 
diistersten der Menschheitsigeschichte tiberhaupt. Durch mehr 
als 1500 Jahre sehen wir unendlich vi,ele Menschen zu Ver- 
brechern gestempelt, viele von ihnen zum Tode verurteilt durch 
Feuer und Schwert, noch mehr in freiwilligen Tod getrie^ben; 
wir sehen Tausende in die Gefangniisse geworfen, ihrer Ehre 
beraubt, in ihrer Existenz vernichtet, friedlos, freudlos, heimat- 
Iqs herumgejagt von Ort zu Ort, von Land zu Land, bis sie 
ihr seelisches Gleichgewicht und die Widerstandskraft ihres 
Nervensy stems verloren und manche in Angst und Qual schlieB- 
lich von formlichem' Verfolgungswahn befallen wurden ; wir sehen 
eine Menge von ihnen Erpressern und Vampyren als willkom- 
menes Ausbautungsprojekt preisgegeben, zu einem Leben inLtige 
und Heuchelei gezwungen. Und warum dies alles ? Um einer Liebe 
willen, die sich von der der Mehrzahl nur durch die Richtung, 
nicht durch die Starke und Art unterscheidet. Wer die Verhalt- 
nisse kennt, weiB, daB das angedeutete MaB der Verzweiflung 
und Schande, dem die Jiomosexuellen Manner und Frauen so 
lange ,ausgeliefert waren, nicht libertrieben ist, sondern kaum 
die vollige Wahrheit erreicht. 

Nehmen wir eininal au, es stande fest, daO die, die solches er- 
duldeten, naturgewollte sexuelle Varietaten und keine Verbrecher ge- 
wesen waren, und es steht fest, so wird man zugeben miissen, 
daO wir hier in der Tat eine der grausamsten Folgen menschlicher 
Unwissenheit vor uns haben. Mit Recht sagt einmal der Straf- 
rechtslehrer Gross: „Wir sind vor unserem Gewissen' verpflichtet, 
diesem Gegenstand die groiJte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Heute 
sperren wir die Homosexuellen ein, und geschieht dies ohne Berech- 
tigung, so werden so und so viele Menschen ungerecht ihrer Freiheit 
beraubtj und etwas Argeres konnen wir (iberhaupt niclxt tuix," 



Digitized by VjOOQIC 



811 

Ehe wir die Berechtigung der gegen die Homosexuellen ge- 
richteteii Strafbestimmungen prlifen, woUen wir untersuchen, 
wie denn liberhaupt diese grimmige Feindseligkeit, diese fast 
einzigartige Verfolgung in ihrem Triebleben abweichender Per- 
sonen entstanden ist. Wir mlissen hier genau untersbheiden 
zwischen den Motiven, die den Strafbestimmungen gegen die 
Homosexuellen zugrunde gelegt worden sind, und den inneren 
Ursachen, welche- dazu fuhrten, daB die Homosexualitat als 
etwas Verachtliches und Verabsdheuungswiirdiges betrachtet 
wurde. Wenn wir den psycho I ogischen Motiven nach- 
forschen, denen die Verfolgung der Homosexualitat entsprang, 
mlissen wir sowohl das spezifische Seelenleben der Normal- 
geschlechtlichen als auch' das der Homosexuellen berticksichtigen. 
Dem Heterosexuellen ist das Geschlechtsempfinden des Urnings 
etwas, woflir seiner subjektiven Sexualitat die Reaktionsfahigkeit 
fehlt. Es ist aber eine in sexuellen Fragen oft zu beobachtende 
Tatsacbe, dafi eine dem subjektiven Empfinden anti- 
pathische Erscheinung nur unter groBten Schwierigkeiten ob- 
jektives Verstandnis f indet. So erklart sidi in erster 
Linie psychologisch das Verhalten der Heterosexuellen gegen- 
tiber der Homosexualit&t. Ebenso wie andere Ausnah'me- und 
Obergangserscheinungen auf geschlechtlichem Gebiete — der 
Hermaphroditiemus und Pseudohermaphroditistaus, der Trans- 
vestitismus und die Androgynie ^- war der Uranis!mus den 
„Normalen** etw^a^ Unheimliches, das in ihnen entweder* mysiisch- 
religioso Verehrung oder Abscheu hervorrief. Namentlich bei 
Volkern, bei denen Opportunitatsgrlinde, wie Rlicksiehtnahme 
auf die Volksvermeh'rung, diese instinktive Abneigung unter- 
st,utzten, rief sie einen heftigen HaB hervor. 

Dem primaren Horror des Normalsexuellen, der erst sfekun- 
dar nach Motiven als einer objektiven Erklarung seiner Aversion 
sucht, entsprach auf seiten der Homosexuellen ein fast ebenso 
starkes Geftihl der Beschamung und Furcht. Dieses ist nicht 
erst durch die Verfolgung der Heterosexuellen entstanden, 
sender n wurzelt zum groBeren Teile in der Natur der Homo- 
gexuellen selbst. 

Diese Erkenntnis drangte sich mir auf, als ioh die enormen Wider- 
stande gewahr wjirde, unter denen sich Homosexuelle selbst da, wo sie 
auf voiles Verstandnis zahlen durften, zum Eingestandnis ihrer Nei- 
gungen bequemten. Ein siiddeutscher Professor der Medizin sagte 
mir einmal: „Glauben Sie mir, wenn ich uber meine Homosexualitat 
nicht zu sprechen vermag, ist es nicht Feigheit, sondern Nervositat. 
Wiederholt wollte ich zu meinem besten (nicht urnischen) Freunde 
dariiber reden, es war nicht moglich, die Kehle war mir wie zuge- 

1) Cf. Hirschfeld: § 175 im Urteil der Zeitgenossen. p. 50. 



Digitized by VjOOQIC 



812 

schniirt, ich konnte keinen Laut hervorbringen, es war mir, als ob 
mein Herz seinen Dienst versagte." Ahnliche Bemerkungen habe ich 
oft gehort. Erotisch anziehenden Personen gegeniiber erweist sich 
zwar oft die Libido der Scham liberlegen, es gibt aber auch Homo- 
sexuelle, bei denen infolge solcher Hemmungen ein oft ihnen selbst 
in ihreii Ursachen nicht recht bewuBter ProzeU eiatritt, den man als 
„Cberkompensation" bezeichnet hat, ein Vorgang, der dadurch 
charakterisiert ist, daB aus dem starken Ankampfen gegen die psy- 
chischc Besonderheit sich eine iibermaBige Betonung des VViderspiels 
entwickelt, die bis zu einer oft falschlich fiir Heuchelei gehaltenen 
Befiirwortung moglichst strenger Bestrafung homosexueller Betatigung 
fiihren kann. Dieser sinnenfeindliche, asketische Zug beruht auf einer 
komplizierten Tiefenreaktion, die selbst iiber heterosexuellen 
Geschlechtsverkehr noch in unseren Tagen einen Lanz-Liebenfels 
sagen laBt: „Wir werden spater den Menschen nicht mehr (durch 
fleischliche Vermischiing, sondern durch Strahlung zeugen," und 
ahnlich Freimark: „lst denn der Gedanke gar so wunderlich. daB 
komraende Geschlechter zum Zwecke der Zeugung des .korperlichcn 
Kuutaktes nicht bediirfen werden ?"2). 

Auf die Ekelgefiihle andersgeschlechtlich und die Schamgefiihle 
gleichgeschlechtlich Empfindender ist es auch zuriickzu fiihren, daB 
man sich lange Zeit nicht einmal iiberwinden konnte, den Namen 
solcher Handlungen auszusprechen. Noch das Allgemeine Landrecht 
fur die preuBischen Staaten von 1794 Teil II, Tit. 20, § 1069 spricht 
von „unnatiirlichen Siinden, welche wegen ihrer Abscheuliclikeit nicht 
genannt werden konnen". Vergleichen wir mit diesen subjektiven Be- 
weggriinden die fiir die Bekampfun^ homosexueller Handlungen an- 
gegebenen Motive, so stimmt mit ihnen noch am ehesten der kurze 
Satz iiberein, mit dem im alten Testament an drei Stellen die An- 
drohung deiv Todesstrafe erklart wird; sie lauten: 3. Mose Kap. 18, 
Vers 22: „Du sollst nicht bei Knaben liegen, wie beim Weibe, denn 
es ist ein Greuell" Vers 29: „Denn welche diese Greuel tun, 
deren Seelen sollen ausgerottet werden von ihrem Volke." und 3. Mose 
Kap. 20, Vers 13: „Wenn jemand beim Knaben schlaft, wie beim Weibe, 
die haben ein Greuel getan, und sollen beide des Todes sterben, 
ihr Blut sei auf ihnen." (Nach Luther.) Es ist wohl moglich, daB 
das Wort Greuel hier nicht nur etwas Abscheuliches schlechthin be- 
deutet, sondern, daB es den Nebensinn hatte von heidnischem 
Greuel, da die Juden wie vor und nach ihnen fast alle Volker der 
Meinung waren, es handle sich hier urn von auBen eingeschleppte, ihnen 
selbst fremde Gewohnheiten. 
i 

Noch das mittelalterliche Christentum brachte die Homo- 

sexualitat bestandig mit Gotzendienst, Heidentum und Ketzerei 
in Verbindung. Carpenter glaubt in t)bereinstimmung mit 
Westerm'ark^), daB die „heftige Verurteilung und Be- 
strafung der Homosexualitat ihren eigentlichen Ursprung mehr 
darin hatte, daB die allgemeine Meinung sie mit Ketzerei in 
Verbindung brachte, als daB eine direkte Abneigung gegen die 
Sacho selbst geherrscht hatte; daB also die Motive mehr reli- 
gidser als weltlicher Art waren." Fiir diese Auffassung scheint 
die sonst schwer begreifliche Tatsache zu sprechen, daB noch 
die Juristen des XIII. Jahrhunderts die Mannerliebe noben 



^) Freimark, Der Sinn des Uranismus p. 41. 
») Moral ideas, Bd. 2 S. 489. 



Digitized by VjOOQIC 



813 

der Gotteslasterung und der Ketzerei zu den ,,crimina ecclei- 

si as tic a*' zahlten. 

DaB die gesetzlichen Bestimmungen des Leviticus uud Deutero- 
nomiums gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr keineswegs auf 
Moses zuriickzufiihren sind, ist von der alttestamentlichen wissen- 
schaf t jetzt durchgangig anerkannt. Chronologische Ordnung in die 
vielfacli verworrenen Schichten des jiidischen Priestergesetzes gebracht 
zu haben, ist das Verdienst von S t a d e und Kautzsch. — Als 
altester, aber gleichwohl erst im VII. Jahrhundert entstandener*) Tell 
gilt ihnen das sogen. „Bundesbuch" (2. Mos. 20, 24 — 32, 19). Dieses 
verbietet lediglich (22, 18) die Unzucht mit Tieren und bestraft sie 
mit dem Tode^). — Als zweitalteste Schicht gilt der Kern des Deutero- 
nomiums (Kap. 6 bezw. 12 — 26), der als Fiktion einer letzten Rede 
Moses' an das Volk unter Konig Josias (623) im jerusalemischen Tempel 
von dem Priester Hilkia gefunden wurde (2. Kon. 22-^23)6). Er enthalt 
u. a. Verbote gegen den Kleidertausch der Geschlechter (22, 5) und 
gegen Kastration (23, 2), die in den phonizisch-syrischen Kulten iiblich 
waren, „denn sie sind Jahve ein Greuel". Ferner soil es unter den 
israelitischen Madchen keine im Dienst einer heidnischen Gottheit 
„Geweihte*' geben, noch darf es unter den israelitischen Knaben einen 
„Geweihten** geben. Auch soil nicht aus AnlaU irgend welches Ge- 
liibdes Hurenlohn als „Hundegeld" in das Haus Jahves gebracht werden, 
denn beides ist Jahve ein Greuel (23, 19). — Es wird also, kurz gesagt, 
nur die Tempelprostitution in beiderlei Form verboten, doch 
keine Strafe verhangt in Gesetzen, wie sie mit den historischen Daten 
der um 600 entstandenen Konigsbiicher iibereinstimmen. — S t a d e ') 
ist sogar der Meinung, daB dies Verbot der Hierodulen erst spater in 
das Urdeuteronomium hineingearbeitet sei. 586 brach das Verderben 
iiber Juda herein: der kleine jiidische Staat erlag der Ubermacht des 
neuhabylonischen (chaldaischen) Heeres unter Nebukadnezar II., 
Jerusalem und der Tempel gingen in Flammen auf, der Konig Z e d e - 
kias und ein Teil des Volkes wurden nach Babylon exiliert, ein ge- 
ringer Rest mit J e r e m i a f liichtete nach Agypten. — In Babylon 
verfiel ein Teil der Exulanten dem dortigen Kultus*). Als Reaktion 
hiergegen entstand das sogen. „Heiligkeitsgesetz", zu dem uns ein 
vorarbeitender Entwurf in Ezechiel (cap. 40 — 48) vorliegt, dessen 
Abfassung durch den Propheten selbst zu Tel-Abib am Flusse Chebar 
keinem Zweifel begegnet^). Auch hier wird (Ezech. 43, 7 — 9) nur die 
Tempelprostitution verboten. — Das wahrscheinlich gleich- 
falls auf babylonischem Boden im Kreise der dortigen Priester ent- 
standene Heiligkeitsgesetz haben wir nun in dem Abschnitt des 
Leviticus Kapitel 17 — 26 zu suchen. Beziiglich der uns hier inter- 
essierenden Verbote diirfen wir aber wohl annehmen, daB, da dieselben 
in zweimaliger Wiederholung vorkommen (Lev. 18, 22-— 30 und 20, 
13 — 16), die erste Fassung, die den Mannem gleichgeschlechtlichen 
Verkehr und beiden Geschlechtern den Geschlechtsverkehr mit Tieren 
als Greuel und Schandtat untersagt, gleichwohl aber nur im all- 
gemeinen eine Austilgung aus dem Volke androht (i^oXo^Qutf^aerat 
sx xov Xaov)y worunter man auch bloBen Landesverweis verstehen kann, 
die altere Jurisdiktion des Heiligkeitsgesetzes enthalt. 



*) Stade, Gesch. d. Volkes Israel, 1887, S. 634. 

5) Kautzsch, D. hi. Schrift des A. T., Beilagen. 2. A. 1894. 
S. 150. 

6) Kautzsch, 1. c. S. 166. 
■) Stade, 1. c. S. 657. 

s) E. Kautzsch, i. c. S. 188. 



Digitized by VjOOQIC 



814 

Erst die zweiteFassung (Lev. 20, 13—16) fordert 
gegeu die genannten Vergehen ausdrticklich Hie Todes- 
st^afe, die hier auch auf das betreffende Tier sieh mitr 
erstrecken soil. Diese von der ersten doch zu stark abweichende 
Passung, als daB man sie als blofie nachdruckliche Wieder'holung 
desselben Verfassers gelten lassen konnte, darf man somit wohl 
unbedenklich auf das Konto der endgtiltigen Redaktion des 
Priesterkodex setzen, die von Kautzsch in dae Ende des 
VI. Jahrhunderte jVerlegt wird. Esra bradite 458 diesen 
Priesterkodex mit jiadh. Judaa, doch erst 444 erfolgte seine offi- 
zdelle VerSffentlidhung und die feierliche Verpflichtung der 
neuen jerusalemiscJien Gemeinde auf seine Normen. (Nehem. c. 8). 

Es ist friiher^o) die Ansicht aufgestellt worden, daB das judischc 
Priestergesetz im Einklang mit der legendaren VerheiJQung Jahves an 
den mythischen Stammvater des Voikes ^Gen. 22, 17), dafi seine 
Nachkommen so zahlreich werden soUten, wie die Sterne am Himmel, 
and der Sand am Meere, geglaubt habe, zu so drakonischen Bestim- 
mungen gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr der Manner greifen 
zu miissen, um so auch der gering^ten unfruohtbaren Verschwendung von 
Zeugungsstoff entgegenzutreten. Doch ist der Grund auf anderem 
Qebiet zu suchen. Jahve, urspriinglich nur der Stammgott des Stam- 
mes Juda, war durch seine Priester zum Weltgott befordert, neben 
dem die Stammgotter der andern Volkerschaften, sowohl der Baal- 
Berit zu Sichem, wie der moabitische Eamosch, der ammonitische Mil- 
kom, der phonikische Tamuz usw. zu Gotzen degradiert wiirden. Jahve 
wohnte zu Jerusalem und durfte nur dort vere^t werden, jede andere 
Kultstatte und Kultform war ihm, d. h. seinen Priestern, ein Greuel. 
Daher wurde zuerst mit der Beseitigung des Hohendienstes auch die 
^seitiguujg der Tempelprostitution gefordert. Als nun nach dem 
Fall des ]iidischen Staates an die Stelle des weltlichen Konigtums 
die Hierarchic trat^i), wurden die Bestimmungen, die bis dahin nur 
fiir den Tempeldienst galten, auf das ganze Volk als die „Beisaasen 
Jahves*" ausgedehnt. — So entstand die von Holtzmann scharf gekenn- 
zeichnete, „geradezu widerliche Vermengung juristischer und rein 
ethisch-religioser Fragen, die die Signatur des spateren jiidischen 
Schriftgelehrtentums bildet". — Und mit wie fanatischem Radikalis- 
mus auch in anderer Hinsicht die jiidischen Priester vorgingen, beweist 
die (Esra c. 9 — 19) dekretierte und riicksichtslos durchgefiihrte L6- 
sung aller Mischehen zwischen Juden und den benachbarten, stamm- 
verwandten Volkern, die in dem exklusiven Jahvismus ihre Wurzel 
'hatte. 

GleichWohl findet pidh in der doch nicht spariichen nach- 
exilischen Literatur der Hagiographen und Apokryphen keine 
Stelle, die eine praktische Durchf lihrung des Blut- 
gesetzes gegen mannmannlichen Verkehr verriete. Dies blieb 
erst dem christlichen Mittelalter vorbehalten. Hin und wieder 
wurde nur von stronger Gesinnten auf die Vorschtiften des 



*o) U. a. von H. M i c h a e 1 i s . Die Homosexualitat in Sitte 
und Recht. 1907. S. 26. 

11) J. Wellhausen, Israelitische u. jiid. Geschichte. 6. A. 
1904. S. 18a 



Digitized by VjOOQIC 



816 

Gesetzes Bezug genommen, so von Josephusin der Streitschrift 

gegen den alexandrinischen Philosophen Apion (II, 24 und 30) 

und am scharfsten von dem jiidisch-hellenistechen Neuplatoniker 

Phil on von Alexandria (20—54 p. Chr,)^^). 

In „de specialibus legibus" (782 C) sagt dieser: „Es hat sich 
aber in den Stadten ein anderes und bei weitem groBeres Ubel als die 
Hurerei eingeschlichen, die Paderastie namlich, deren bloBe Erwahnung 
friiher ein gewaltiger Schimpf war, jetzt aber ein Ruhm nicht nur 
fUr die Ausfiihrenden, sondern auch fiir die Leidenden ist, von denen 
man gewohnlich sagt, daB sie an der weiblichen Krankheit leiden, 
die Seele und Korper ergreift und jeden Funken von Mannlichkeit 
erstickt. Denn offentlich tragen sie dsts Haupthaar geflochten und 
geschmiickt, bemalen sich das uesicht mit BleiweiB, Schminke und ahn- 
lichen Sachen und fetten sich mit wohlriechenden Salben ein. . . . 
Und nicht erroten sie davor, durch FleiB und Kunst die mannliche 
Natur zur weiblichen umzugestalten. Gegen diese muB man mit der 
Todesstrafe vorgehen, wenn man dem Gesetze gehorchen will, das 
da befiehlt, den Androgynen, der das Gesetz der Natur verletzt, 
straflos zu toten, keinen Tag, ja keine Stunde leben zu la^sen, da er 
eine Schande seiner selbst, seines Hauses, seines Vaterlandes, ja des 
ganzen Menschengeschlechtes ist. Der Jiinglingsliebhaber muB aber 
dieselbe Strafe erleiden, weil er nach einem widernatiirlichen Vergniigen 
hascht und die Stadte, soviel an ihm liegt, verlassen und leer von Be- 
wohnern macht, indem er die Kindererzeugung vernichtet." Zu be- 
merken ist hierbei besonders, daB dieser jiidische Schriftgelebrte, den 
man wohl mosaischer denn Moses bezeichnen kann, nicht mehr den 
exklusiven Jahvismus als Grund seiner Polemik ins Feld fiihrt — damit 
hatte der Apologet des Judentums in dem aufgeklarten Alexandria 
und zu Rom werfig Gliick gehabt, sondern daB er seine Ausfiihrungen 
mit dem Hinweis auf die Bevolkerungsminderung drapiert. 

Die biblische Auff assung, daB diese Stinden heidnisch 
seien, fand ihre voile Bestatigung, als man erfuhr, welche groBe 
Rolle die TtaideQaarla hei den Griechen und Romern spielte. Es 
verbreitete sich unter den Christen die Ansicht, dafl diesie 
groBen Volker dadurch entart^t und zu Grunde gegangen seien, 
trotzdem die alten Geschichtsschreiber doch keinen Zweifel lieBen, 
daB ihre Verbreitung keine geringere war, bevor und als Hellas 
und Rom in hochster Bltite standen. Als der christliche Kaiser 
Valentinian das Gesetz^^) erlieB, nach dem die Homosexu- 
ellen den ,,flammis vindieibus** zu tiberliefern seien, begrlindete 
er ihren Feuertod nicht sowohl mit der Sorge ftir die Sittlich- 
keit der Untertanen, als mit der ftir das Staatswohl, weil das 
Laster „die Volkskraft ^chwache". 

Begntigte sich das alte Testament bei seinen Verboten mit 
der bloBen Feststellung, dafl die Mannerliebe ein Greuel sei, so 
fligte das neue Testament einen Grund hinzu, der seine Durch- 
schlagskraft bis zum heutigen Tage erhalten hat, den der tlber- 
sattigung und Naturwidrigkeit. An der bekannten Stelle im 

**) Philonis Judaei opera. Francof. 1691. 
") L. 6 Cod. Theod. ad leg. Jul. TX., 7. 



Digitized by VjOOQIC 



81Q 

Romerbrief (I., 27) ist von Mannern die Rede, die den nattir- 
lichen Gebrauch des Weibes verlassen haben, dcpivreg irp* (pvaixrjv 
XQ^loiv Ttjg 'OrjAelag, relicto naturali usu feminae. 

Diese Vorstellung, die der alttestamentarischen Vorschrift: „seid 
frucbtbaj und mehret euch" Rechnung trug, hat sich in den Gesetzes- 
vorschrif ten von Konstantin, der von dem Verbrechen spricht i*), 
bei dem „ Venus mutatur in alteram formam", bis in unsere Zeit er- 
halten ; hat man doch erst in dem Vorentvvurf der Strafrechtskom- 
mission vom Jahre 1912 den Ausdruck „widematiirliche Unzucht" durcb 
die Bezeichnung „beischlafsahnliche Handlungen zwischen Personen 
mannlichen Geschlechts" ersetzt. Schon friih bemerkten ailerdings die 
Gesetzgeber, dafi die schweren Todesstrafen mit der im Grundc iiatur- 
wissenschaftlichen Betonung der Widernatiirlichkeit doch nicht aus- 
reichend motiviert seien; sie suchten daher nach weiteren Erklarungen, 
um das Gebot einleuchtender und gottgewollter zu gestalteii. Schon 
Justinian, der zwei Jahrhunderte nach Konstantin lebte, hob 
in der Novelle 77 hervor, daC diese Menschen vernichtet werden miiCten, 
Weil sie sich in der Gewalt des Teufels befanden, vjio ifjg dia^ohxrjg eveg- 
yelag ovvexojuevoi, und besonders in der Novelle 141 vom 15. Marz 569 be- 
tonte er, dab diese Handlungen ebenso wie Gotteslasterungen den Zorn 
des Allerhochsten — ^Qyr] tov xQEirxovog ^*) — entflammten, was or da- 
durcli kundgebe, dafi er schreckliche Flag en iiber Gerechte und Un- 
gerechte ausgiefie ; als solche nannte er in Sonderheit d r e i Erdbeben, 
Hungersnot und Pestilenz. Man erinnert sich bei diesem Motiv an 
die biblische Geschichte, nach der Sodom iind Gomorrha wegen homo- 
sexueller Umtriebe vernichtet sein soUen, und an die Plagen, welche 
als Ursachen der agyptischen Judenverfolgung genannt wurden. 

Karl der Grofie fiigte in seinem Kapitulare noch eine v i e r t e 
Plage hinzu, die auf die Siinde der Mannerliebe zuriickzufiihren' sei : 
die Sarazenennot : „Dominus talium criminum ultrices poenas per 
Saracenos venire permisit." Als vollends dann 829 auf dem Pariser 
Konzil die Bischofe erklarten: „Die auBeren Gefahren des Reiches, 
ebenso auch die Hungersnot und die Pestilenz, durch welche das 
Volk gepeitscht wird, riihren her von den Siinden einzelner, in 
erster Reihe von der Mannerliebe" (Acta concilii Paris, sexti, 
lib. 3. Kap. 2.), beeilte sich Ludwig der Fromme, in- 
dem er diese Worte wiederholte, die unnachsichtliche Verbren- 
n u n g aller Urningc zu fordern, deren man habhaf t werden konne. 
In den Motiven zu den 1120 auf dem Reichstage zu Neapolis- 
Sichem beschlossenen Gesetzen des Konigreiches Jerusalem findet sich 
noch eine fiinfte Plage auf das Schuldkonto der Urninge gesetzt, 
die Landplage erschrecklich dicker und gefrassiger Feldmause. 
(,,edacibu9 muribus." Wilhelmus Tyrius, belli sacri lib. 12 cap. 13., 
gestorben etwa 1185). Und noch eine sechste — die inundationcs 
— erwahnt der beriihmte sachsische Jurist Carpzovius. 

In seinem grundlegenden Buche vom Jahre 1652 stellt 
dieser protestantische Gelehrte die sechs Landplagen zusammen, 



1*) Diefie Vorschrift aus dem Jahre 326 n. Chr. lautet: 1. 3 Cod. 
Thedd. ad legem Jul. IX., 7 = 1. 31 C. ad legem Jul. IX., 9.: „Cum 
vir nubit in feminam viris porrecturam, quid cupiat, ubi sexus per- 
didit locum, ubi scelus est id, quod non proficit scire, ubi Venus 
mutatur in alteram formani, ubi amor quaeritur nee videtur? lubemus 
insurgere leges, armari iura gladio ultore ut exquisitis poenis subdatntur 
infames, qui sunt, vel qui futuri sunt rei." 

1^) Of. Agath. historiar. V.. 3. 4. 6. 10. 



Digitized by VjOOQIC 



817 

welchc die Urninge auf deni fiewisseii liaben : Erdbeben, 
Hungersnot, Pestilenz, Sarazenen, dicke Feld- 
m a u s e und Cberschwemmungen, (Carpzovii prac- 
tica nova rerum crim. 1652 ; Hi q. 76, § 6). Bis in die erste 
Halfte des XIII. Jahrhunderts finden wir in den juristischen 
Lehrbtichern diese konkreten Ursadhen der Urningsverf ol- 
gung angafiihrt, die von da ab allmahlich wieder durch die ur- 
sprtinglicheren, mehr allgemeinen Motive ersetzt werden. Man 
bedient sich dabei nicht sowohl der geflihlsmaBigen Begrtindung 
der Bibel: „es ist ein Greuel*', sondern beruft sich auf das an- 
gebliche Volksempfinden, "das ,,in diesen Handlungen nicht 
bloB ein Laster, sondern ein Verbrechen sieht**. Neben dem 
Volksempfinden finden sich in dem jetzigen Vorentwurf zu einem 
Eeichsstrafgesetzbuche nach dem Vorgange Wachenfelds 
noch zwei weitere Motive angefiihrt, die denen Valentiniains 
gleichen: „das Interesse der Allgemeinheit und das unmittel- 
bare Staatsinteresse**. 

Einen eigenartigen Grund der Bekampfung der Homosexualitat 
iu alter Zeit f iihrt Pausanias in Platons Gastmahl an, wo er 
von der homosexuellen Liebe sagt: „In Jonien und in anderen griechi- 
scben Staaten Kleinasiens, die unter Barbarenherrschaft stehen, gilt 
diese Gewohnheit als schandlich. Die Liebesverbaltnisse tcilen den 
iiblen Ruf der Philosophie und Grammatik, weil sie der Tyrannei 
feindselig gegeniiberstehen; denn die Interessen der Herr- 
scher erfordern, dafi die Untertanen geistig arm bleiben, und daJ3 es 
zwischen ihnen keine atarken Bande der Freundschaft oder Genossen- 
schatt gibt, welche gerade diese Liebe vor alien anderen Be.weggriindeu 
zu kniipfen vermag, wie unsere atheniensischen Tyrannen wohl er- 
fahren haben." Das ist ein Motiv, das allerdings fiir die Straferlasse 
der ersten christlichen Herrscber wohl kaum maBgebeud gewesen sein 
diirfte. Wenig glaubbaft erscheint auch eine von Aureliiis Vic- 
tor iiberlieferte Version. Er erzahlt (De Caesaribus — in Philippo), 
daU Kaiser Philippus der erste, der die Urningsliebe mit hohen 
Strafen belegt habe, gewesen sei. Er hatte einen Sohn gehabt, „der 
im Schmuck der Jugend prangte". In Rom hatte damals ein junger 
Menscli gelebt, der mit seinem Korper ein Gewerbe trieb; dieser sah 
dem princeps juventutis tauschend ahnlich. Des Kaisers Zorn dariiber 
ware der erste AnstoB gewesen, daB in Rom die zuvor straffreie Ur- 
ningsliebe mit immer gesteigerten Strafen (zuletzt mit dem Feuertode) 
belegt worden sei. Aurelius Victor schlieBt diesen Bericht 
mit dem Satze: „Verum tamen manet". Trotzdem blieb sie bestehen. 

DaB unsere heutigen Gesetze und Auffassungen iiber die 

Homosexualitat in denen des Juden- und Christentums 

ihre historische Grundlage besitzen, kann nicht dem ^eringsten 

Zweifel unterliegen. 

Diese Anschauung ist neuerdings von W a c h e n f e 1 d ^6) he- 
kiimpft worden, der behauptet, daU auch Athen und Sparta wie die 

^6)Wachenfeld, Homosexualitat und Strafgesetz, A. a. O. 
H i r s c h f e 1 d , Home texualitSt. 52 



Digitized by VjOOQIC 



818 

Romer die homosexuelle Betiitiguiig bestraften, Und daB voUends- bei den 
Germanen die „Mannerliebe*' zu den verpontesten Straftaten gezahlt 
wurde. Er beruft sich auf Tacitus^'), der berichtet, daiJ idle 
„corpore infames", worunter unbestritten namentlich Veriiber wider- 
natiirlicher Un^zuclit zu verstehen seieni^)^ lebendig begraben wur- 
den*\ Diese Behauptungen sind, so apodiktisch sie Wachenfeld 
aucL auBert, mehr als zweifelhaft. Denn da der Wortlaut aller dieser 
Gesetie verloren gegangen ist, sind wir nur auf Vermutungen an- 
gewiesen, die sich auf Einzelfalle stiitzen, und diese sprechen schr 
dafiir, daB der gleichgeschlechtliche Verkehr in vorchnstlicher Zeit 
iiberall nur unter ganz bestimmten Qualifikationen bestraft wurde, 
ctwa wenn er, wie angeblich von T i m a r c h i^), gegen Entgelt voll- 
zogen wurde, oder an Soldaten unter MiBbrauch der Dienstgewalt 
Oder an Minderjahrigen. 

Sehr mit Eecht hat Mittermaier^^) einmal hervorge- 
hoben, daB es sehr „verkehrt** sei, von einer Bestrafung homo- 
sexueller Handlungen zu reden, wenn nur ganz bestimmte Be- 
ta tigungsformen geahndet warden, „denn esf kommt eben nur 
darauf an, ob sie ohne Qualifikation strafbar ist.** Im Gegen- 
teil kann man aus der Tatsache, dafi in der Antike die 
homosexuelle Betatigung nur unter besonderen Bedin- 
g u n g e n bestraft wurde, den SchluiJ ziehen, daB sie im librigen 
durehaus nicht verurteilt, sondern gerade durch diese geaietz- 
lichen Einschrankungen als gewissermaBen anerkannte Erschei- 
nungsf orm des Jjiebeslebens geregelt wurde. 

Wa.s die taciteische Stelle von den „corpore infames** betrifft, 
so erwahntc schon M. E. Wilda in seinem „Strafrecht der Germanen" 
(1842 S. 153), daB er „in alien Rechtsquellen fast nicht eine Stelle 

fefunden habe, die auf Paderastie hindeute", wahrend doch uber 
Ihebruch, Schandung, Inzest usw. die ausfiihrlichsten imd unter- 
schiedlichsten Straf bestimmungen gegeben seien. Wilda berichtet 
dann einiges iiber das Vorkommen mannmannlicher Geschlechts- 
beziehungen bei den alten Germanen und fahrt dann fort: „"Weitere 
Spuren finden sich aber in den germanischen Rechtsquellen nicht, 
und insbosondere nichts von Bestrafung als Vergehen." Damit stimmt 
eine Bemerkung iiberein, die sich in dem Aufsatz eines norwegischen 
Gelohrten-i) findet: „Auch bei den Nordgermanen sind Strafbestim- 
mungen gcgen die Ausiibung mannmannlicher Liebe erst durch das 
Christentum eingefiihrt worden." Derselben Meinung sind von Sach- 



17) Tacitus, Germania, Kap. 12. Vgl. auch Tacitus, An- 
nalen I. 73. 

18) Baumstark, Urdeutsche Staatsaltertiimer 1873. Seite 449. 
1^) Cf. A e s c h i n e s' Rede gegen Timarchos. 

20) Vergleichende Darstellung des Deutschen und AuslandiscboD 
Strafrechtes. Besonderer Teil Bd. IV. Bearbeitet von den Professoren 
Dr. ]\f i 1 t e r m a i o r , Dr. Liepmann, Dr. v. Lilienthal, Dr. 
Kohlrausch. Berlin 1906. p. 149 

~i) Spuren von Kontriirsexualitat bei den alten Skandinavierru 
Mitteilungen eines ncrwogischen Gelehrten. Im Jahrbuch fiir sex. 
Zw. Bd. IV. 1902. p. 244 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



819 

kennern u. a. M i c h a e 1 i s 22), P r ;S. t o r i u 8 *') und Martens 2*). 
Auch daB noch der bayrische „Ruodlieb" im 10. Jahrhuadert das 
taciteische Ersticken iin Sumpf — ia der Kloake — fiir den E h e - 
b r u c h kennt, spricht eher dafiir, daB as sich bei den acht in 
Niederdeutschland aufgefundenen Moorleichen^s), von denen nnr fiinf 
als mannlichen Geschlechts erkannt wurden, eher urn ehebrecherische 
als um homosexuelle Personen handelt. 

Fiir die altera romischa Zeit gentigt es, auf M m m s e n s^^) 
Romisches Strafrecht tzu verweisen, in dam es haiUt: ,yBei 
den aus dam 5. Jah'rhundart berichtatan wenigjgesicharte^n 
Fallen varsuchter oder atisgafuhrtar Padarastie konmit zu dieser 
salbst tails Vergawa-ltigung, tails das Soldatenverhaltnis 
hinzu/' 

Auch der von Wachenfeld zum Beweise seiner Behauptungen 
iierangezogene Prozefl gegen Valerius Maximus aus dem Janre 326 
V. Chr. wegen „Schandung eines Freigelassenen" laBt Bich nicht in 
deni Sinne verwerten, daB jeder gleicngeschlechtliche Verkehr straf- 
rechtlich geahndet wurde. Denn wie aus der betreffenden Stelle^^) 
hervorgeht, erbot sich der Verhaftete, den Grenotziichtigten als ge- 
werbsmaBigen Lustknaben zu erweisen^s). Bleibt noch die dem Wort- 
laute nach nicht mehr erhaltene Lex Scantinia zu erwahnen. DaB diese 
aber ebenso wie die bei einigen hellenischen Stammen bestehenden 
Strafvorschrif ten lediglich einen beschrankenden Charakter trug, 
vor allem gegen die mannliche Pjrostitution gerichtet war, und 
keineswegs die homosexuelle Betatigung unter Erwachsenen schlecht- 
bin verbot, habe ich in dem vorigen Kapitel iiber die Horn osexuali tat 
im klassischen Altertum eingehend klargelegt. 

1st es nach allem eina vollkomman willktirlicha Bahauptung, 
daB die homosaxualla Betatigung an und ftir sich auch ohne 
qualifizierende Nebenumstande l)areits im Altertum strafbar 
war, so muB doch zugestanden werden, daB bei vielen Volkern 
Asiens und Europas die gegen die Homosexuellen herrschenden 
Vorurteile und Antipathien stark genug waren, um den ErlaB 
strenger Strafbestimmungen zu ermoglichen. 

Vor allem ist hier Persien vor dem Islam zu nannen. Mit heiligem Eifer 
wendet sich der Zendavesta gegen die sinnliche Betatigung gleich- 
geschlechtlicher Liebe. jjWer Paderastie treibt oder sich zu ihr miB- 



25^) Mi chael i s , § 175! Homosexualitat in Sitte und Recht- 
Berlin 1907. 

23) Pratorius, Bibliographie, I. Teil, Homosexualitat und Straf- 
geseiz von Dr. F. Wachenfeld. Inhaltsangabe und Kritik des 
Buches. In Jahrb. f. sex. Zw. Bd. IV p. 670 ff. Leipzig 1902. Pra- 
torius veroffentlichte auch die e r s t e ausfiihrliche geschicht- 
1 i c h e Darstellung der strafrechtlichen Bestimmungen gegen mann- 
liche Homosexualitat im J. f. sex. Zw. Bd. I. Leipzig 1899, p. 97 ff. 

2*) Cf. Zeitschrift fiir Sexualwissenschaft 1908. p. 197 ff. 

25) Cf. Bericht 42 des schleswig-holsteinischen Museums fiir vater- 
liindische Altertiimer. Kiel 1900. 

26) M o m m s e n , Romisches Strafrecht, Leipzig 1899. S. 703, 
Anm. 3. 

27) Val. Max. 6, 1, 10; Mommsen S. 703, Anm. 3. 
'*'^) Pratorius, 1. c, p. 681. 

52* 



Digitized by VjOOQIC 



820 

brauchen laBt, so heiBt es Vendidad VIII, 3 i ^9), der ist ein Teufel, ein 
V'orohrer der Teufel, ein GefaU der Teufel, der ist ein Buhldirne der 
TeufeJ, der gleicht einem Teufel und ist selber ein Teufel, der ist vor 
dern Tode schon ein Teufel und nach dem Tode ein unsichtbarer Unliold." 
Die Strafe aber, Krankheit und Siechtum des Korpers, folgte nach der 
Anschauung des Avesta (Vendidad XVIII, 54), diesem Laster auf dem 
FuBe nach: „Wenn ein buhlerischer Mann nach seinem fiiufzehnten 
Lebensjahr umherlauft, nackt und dem Nichtstun frohnend, nachdem er 
sich zum viertenmal hat miBbrauchen lassen, dorren wir ihm die Zunge 
aus und das Fell." — Man ging in dieser strengen Beurteilung gleich- 
geschlechtlicher Liebe so weit, daB man liberhaupt die Moglichkeit 
einer BuBe leugnete und jeden, der sich in dieser Weise betatigte 
als der ewigen Verdammnis unrettbar verf alien betrachtete. Als an die 
Stelle der wahrend der Jugendzeit der zoroastrischen Gemeinde hervor- 
gekehrten Harte und Strenge mehr duldende Milde und Nachsicht trat. 
sail man sich veranlaBt, das friiher unerbittliche Verdammungsurteil 
etwas abzuschwachen und dem Siinder wenigstens einen Weg aur Ret- 
tung seiner Seele offen zu lassen. Durch die Religion und die Hin- 
gebung an sie kann auch der tiefstgefallene Mensch wieder mit der 
Gottheit versohnt werden. So Vendidad III, 40—42 und VIII, 28—30. 
Gerade das fortwahrende Eifern des Avesta beweist uns aber, daB 
solcho sittlichen Exzesse haufig genug vorkamen. So klagt schon der 
Vendidad (I, 12), daB in Vehrkana, dem griech. Hyrkanien (Wolfsland), 
vom Siidufer des Kaspi-Sees bis zum Oxus, die unsiihnbare Siinde des 
unziichtigen Umganges zwischen Mannern bestehe^o), und H e r o d o t 
erwahnt (I, 135), daB gleichwie die Perser von den Medern die weite 
vveichliche Tracht annahmen, sie von den Griechen die Jiinglingsliebe 
lernten. Es ist diese letztere Ansicht zwar ein starker Irrtum des 
iialikarnassiers, und er muB sich bier mit Recht die Riige des spatern 
P 1 u t a r h 31) gefallen lassen, der ausfiihrt : „Wie konnen die Perser 
den Griechen hierfiir Lehrgeld schuldig sein, da nach iibereinstim- 
mender Annahme bei ihnen die Sitte, die Knaben zu verschneiden, be- 
st^nden hat, noch ehe sie das jonische Meer gesehen?" Plutarch 
spielt hier deutlich auf die Verwendung der Eunuchen nicht nur zu 
Harem swach tern, sondern auch zu homosexuellen Praktiken an. In 
Xenophons Roman der Kyropadie wird (II, 2, 28) der Perser S a m - 
b a u 1 e s wegen seiner Vorliebe fiir einen etwas ungeschlachten 
Jiingling mit deutlicher Anspielung auf die hellenische Sitte arg 
gestichelt, und in den Erwagungen des Kyros iiber die Auswahl 
seiner Getreuen (VII, 5, 59) fehlen auch die nicht, welche, „v o n 
der Natur gezwungen, Jiinglinge am meisten lieben"^^). 

Den Grund fiir die rigorose Stellung des Zendavesta gegeniiber 
gleichgeschlechtlicher Liebe, wie gegen jede andre Art illegitimer 
scxueller Betatigung, konnen wir in Ubereinstimmung mit G e i g e r ss) 
darin sehen, daB die Religion des Avesta keine Volks-, sondern eine 
Priesterreligion war. „Der Religion der Avesta- Volker fehlte, so sagt 
dieser hervorragende Kenner eranischer Kultur, wie man auf den 
erfiten Blick wahrnimmt, voUkommen die poetische Frische und Un- 
mittelbarkeit, welche einer Naturreligion eigen zu sein pflegt. Sie 
ist daher auch gewiB nicht spontan aus dem Volk heraus entstanden, 
sondern stellt das Produkt priesterlicher Spekulation dar. Hier sind 

29) W i 1 h. G e i g e r , Ostiran. Kultur i. Altertum 1882. S. 214, 
ibid. S. 341 ff. 

80) Geiger i. c. S. 125. 

3^) P 1 u t a r c h , de malignitate Herodoti c. 22. 

32) Diese Stelle ist von dem Reclam-Hbersetzer C. W o y t e (S. 336) 
in ihrer eigentlichen Bedeutung arg verwischt. Xenophon schreibt 
ausdriicklich jiatdtxd. 

33) L. c. S. 328. 



Digitized by VjOOQIC 



821 

die Gottheiten lauter farb- und leblose Wesen, an denen wir durch- 
aus das frische Kolorit vermissen, welches die Gestalten des vedischen 
und homerischen Pantheons in so glanzender Weise auszeichnet. Der 
natursymbolische Gehalt der Religion tritt vollstandig zuriick." Ebenso 
sind auch die Moralvorschriften des Avesta von einseitigem, rein doktri- 
narem Pries terstandpunkt aus auj^estellt. Zu bemerken ist allerdings, 
daU, wie einerseits der Mazdapriester eine Absolution von der Siinde 
des Fleisches lediglich der Religion und der Hingebung an sie, d. h. 
seiner Vermittlung vorbehalt, er andrerseits auch die Strafe a u s - 
schliefilich der Gottheit zuweist, ohne irgendwie den Arm 
weitlicher Gerechtigkeit in Anspruch zu nehmen. 

Dies geschah erst um die Mitte des 4. Jahrhunderts, als 

das Christentum ;iin romischen Reiche Staatsreligion ge- 

worden war. Als damals die Todesstrafe auf gleichgeschle<5ht- 

lichen Verkehr gesetzt wurde, verhielt sich die heterosexuelle 

Majoritat, soweit sie nicht den Homosexuellen direkt feind- 

selig gesinnt war, gleichgliltig gegeniiber einer Strafver- 

fligung, die flir sie selbst bedeutungslos war, wahrend die 

scheuen Homosexuellen sich stdllschweigend duckten und sich 

nicht wehrten, wenn sie auch in ihrem Innern sich auBerstande 

flihlten, das Gesetz zu befolgen. Allerdings richten sich (diese 

Gesetze nur gegen ganz bestimmte Akte, die flir die meisiten 

Homosexuellen keine condjitio sine qua non waren. Die Jiau- 

figeren Formen sexueller Entspannung blieben straffrei, so da6 

hier ein Ausweg gegeben war, ganz abgesehen von der groBen 

Schwierigkeit des Nachweises eines von zwei in gleicher Weise 

strafbaren Personen aneinander im geheimen vorgenommenen 

Delikts. Die starke Abncigung riehtete sich im wesentlichen 

gegen idie immissio in anum, von der man nach alter t)ber- 

lieferung, die sich ja bis zum heutigen Tage erhalten hat, 

annahm, daB eie die gewohnliche Art homosexueller Betati- 

gung isei. 

Andere Forraen wechselseitiger Befriedigung wurden mehr als der 
Onanie nahestehende leichtere Grade der Unkeuschheit angesehen. 
DaB in Wirklichkeit der seelische T r i e b und der durch ihn herbei- 
gefiihrte Orgasmus den Ausschlag gaben (demgegeniiber die Technik 
nur eine sekundare Bedeutung hatte), wuCte man nicht. Manche Richter 
suchten, als »ie dies schlieClieh doch gevvahr wurden, den Tat- 
bestand zu erweitorn, wobci ihnen die unbestimmte Ausdruckiiform der 
Gesetze zu Hilfe kam, die der Auslegung und der Rechtsiibung wei- 
testen Spielraum liefi. Carpzow^*) forderte sogar, dafi die „Selbst- 
schandung*' ebenfalls als coitus contra naturam zu erachten und zu 
bestraf en sei, und noch in neuerer Zeit sprach sich H e f f t e r s'^) dahin 
aus, daD auch „Unzucht zwischen Personen verschiedenen Geschlechts, 
Masturbation und Unzucht unter Benutzung lebloser Gegenstande" 
unter den Begriff der widernatiirlichen Unzucht falle und kriminell 
wie gleichgeschlechtlicher Verkehr zu bewerten sei. 



8*) Carpzow, a. a. O. Qu. 76, Nr. 10, 15 ff. 

95) Heffter, Lehrbuch des .Strafrechts. 6. Aufl. § 440. 



Digitized by VjOOQIC 



822 

Ganz konsequent ist in dieser Hinsicht in Europa nur 
RuBland geblieben, dessen Strafgesetzgebung sich iiberhaupt erst 
mehr als 1000 Jahre spater als andere christliche Lander mit 
der widernaturlichen Unzucht befaUte (1447), unter der es bis 
heute ausscElieBlich imtnissio in anum^^) begriffen hat. Nur 
auf diese setzte es etetig sich mildernde Strafen, die mit dem 
Feuertod begannen, spater Sibirien, dann Zwangsarbeit iind 
Zuehtliaus forderten, um sich neuerdings auf Gefangnis zu be- 
schranken. Am weitesten dagegen ist Osterreich in der Aus- 
dehnung gegangen, das allmahlich dahin gelangte, jede von Mann 
mit Mann oder Weib mit Weib vorgenommene Geschlechtsbetati- 
gung mit schtveren Kerkerstrafen zu bedrohen^^). Fast eben- 
so umfassend sind die englischen Gesetze, welche nur den 
Verkehr derFrauen untereinander aus dem Spiele lassen, dafiir 
aber „den MiBbrauch der Frau durch den Mann** — womit die 
pedicatio mulieris gemeint ist — mit einbeziehen. Eine M i 1 1 e 1 - 
stellung zwischen seinem russischen Nachbar einerseits, Oster- 
reich und England andererseits, nimmt Deutschland ein, das 
unter „widernaturlicher Unzucht" nur die beischlafahnlichen 
Handlungen, und unter diesen nur den coitus in anum, in 03 
und inter femora begreift; es laflt damit zirka 40o/o der 
Homosexuellen, die 3ich nur maiiuell, sei es durch wechselseitige 
oder eins3itige von ihnen oder an ihnen ausgelibte Onanie be- 
ta tigen, straff rei. Auch der homosexuelle Frauenverkehr steht 
gegenwartig nicht .unter Strafe. Es ist wiederholt geauUert, 
daB die Ursache dieser scheinbaren Inkonsequenz in der Unkennt- 
nis der Gesetzgeber zu erblicken sei, die von ihrem Vorkom'men 
nichts wuBten. Das dlirfte kaum zutreffen. Findet sich doch 
die lesbische Liebe nicht nur in der Literatur der Alten, sondern 
auch in der so oft herangezogenen Stelle des Romerbriefes 
(Kap. I. Vers 26, 27, 32) erwahnt, die mit den vorwurfsVoUeu 
Worten des Apostels Paulus beginnt: ,,Denn ihre Weiber 
haben verwandelt den natiirlichen Gebrauch in den unnatiir- 
lichen." Dementsprechend heiBt es auch noch in der peinlichen 
Gerichtsordnung Karls V. im art. 116: ,,So ein Mensch mit 
einem Vieh, Mann mit Mann, Weib mit Weib Unkeuseh 
treibet, die haben das Leben verwirkt, und man soil sie der 



36) Cf. Mi ttermaier, J. c, p. 148. 

37) Nach der Revision vom 27. Mai 1852 werden aach § 129 als 
Verbrechen auch nachstehende Arten der „ Unzucht" bestraft: I. Un- 
zucht wider die Natur, d. i. a) mit Tieren ; b) mit Personen desselbeu 
Geschlechts ; § 130: „Die Strafe ist schwerer Kerker von einem bis 
zu fiinf Jahren . . . ." Bei Anwendung von gefahrlicher Bedrohung, 
Gewalt, Betaubung erhoht sich die Strafe auf 5 — 10 Jahre. 



Digitized by VjOOQIC 



823 

gemeinen Gewohnheit nach mit dem Feuer vom Leben zu dem 
Todo richten." 
Im Original: 

6tTaff bet mUu]i^t ]o toiber bie natui 6e[(^i(^t. 
(^Xem |o ei)n menfc^ mtt epnem x>\f)t, mamt mit mantt, 
(\3iDeib mit wtlb, onfeuf^ treiben, bie ^aben au4 has 
(eben oermfirdt, onb man foU fie ber gemeinen geii>o^n^et)t 
no^ mit bem feii>ec oom leben jum tobt tic^ten. 

Selbst das bis zur volligen Beseitigung jeder Urningsver- 
folgung (1813) in Bayern geltende Gesetz bestimmte (Teil I 
Kap. 6, § 10) : „Fleischliche) Vermischung mit dem Vieh, toten 
Korpern oder Leuten einerlei Geschlechts, als Mann mit Mann, 
Weib mit Weib, werden nach vorgangiger Enthauptung 
durch dai Feuer gestraft ....*' 

Dafi die Frauen in den Gesetzgebungen der meisteii Lander 
allmahlich ausgelassen warden, oder die Behorden von den Gesotzen, 
wo sie wie in Osterreich und der Schweiz (auBer in Glarus, Basel, 
Solothurn, Neuenburg) bestanden, keinen Gebrauch machten, beruht 
weniger auf einer Galanterie gegeniiber dera weiblichen Geschleclite, 
als auf Gefiihismomenten, die sich iiber das irrelevante und liarmlose 
solcher Handlungen weniger tauschten. 

Dal5 bei der Fortlassung der Frauen gelegentlich audi der Zufall 
seine Hand mit im Spiele hatte, zeigt das Beispiel Preufions. Ilier 
stand bis zum Jahre 1817 wie in den iibrigen deutschen Staaten audi 
„die widernatiirlidie Unzucht zwisdien Frauenspersonen" unter Strafe. 
Wachenfeld39) sdiildert, wie diese Bcsditankung in das Gesetz ge- 
kommen, ohne daC sie beabsiclitigt war. Es geschah namlich durch die 
t)bertragung der urspriinglidien Fassuug ,,widernatUrliche Woilust" 
in Sodomie und der „iiu luteresse der Fra^estellung an die Ge- 
schworenen gefordert'ju Riickiibersetzung in deutsche Ausdriicke*', wo- 
bei man versehentlich nur an die Unzucht ,.zwischen Persoiien 
mannlichcn Gesclilechts dachte- DaB man mit der iiikorrekten Cber- 
tragung eine sachliche Anderuug vornahm, ist man sicli nicht bewuCt 
gewesen. 

Nicht ohne Interesse sind die in den verschiedenen Straf- 
paragraphen mit den Homosexuellen. zusammengenannten Misse- 
tater: in erster Linie finden wir die Homosexuellen bis zum 
heutigen Tage mit Personen vereinigt, die mit Tieren Unzucht 
treiben, dann mit solchen, die tote Korper benutzen, wobei zu 
bemerken ist, daU in den meisten Landern gegenwartig die 
Leichenschandung nicht mehr als Straftat aufgeflihrt wird; 
nicht selten wurde in mittelalterlichen Gesetzbtichern aber auch 
die Unzucht zwischen Christen und Juden neben der gleichge- 
schiechtlichen angeflihrt, so in dem vom Schwabenspiegel ab- 
hangigen deutschen ,,Land- und Stadtrechtsbuch von 1328", 
desseii § 132 den Feuertod flir alle, die sich mit Men'i^chen 
gleichen Geschlechts oder Juden vermischten, festsctzto. 

Haufig wurde auch der coitus per anum mulieris (nicht der un- 
gleidi haufigere per os mulieris) als widornatiirliche I'uziiolit or- 

3») Wachenfeld, 1. c, p. 38. 



Digitized by V:iOOQIC 



824 

achtet, eine SchluBfolgerung, die zeigt, daB man vielfach bei dem 
Begriff contra naturam weniger an das verkehrte Geschlecht, als an 
die verkehrte Offnung dachte. Die groBe Mehrzahl der Gesetzgebungcn 
wollte allerdings von dieser heterosexuellen Erweiternng des Tatoe- 
standes nichts wissen, so dafi Wachenfeld die Seltsamkeit hervor- 
hebt, dai5 ein „Ehemann keine Strafe erleidet, wenn er eine fremde 
Frau zu widernatiirlicher Unzucht verfiihrt, dagegen aber bestraft 
wild, wenn er mit ihr auch nur natiirliche Befriedigung versucht 
hat". Tatsachlich werden uns aus dem Mittelalter eine gauze Reihe 
von Fallen^o) berichtet, in denen Manner enthauptet wurden, weil sie 
an ihren eigenen Gattinnen naturwidrige Akte ausgefuhrt batten. 
(Contra naturam camaliter cognoverant.) 

Ein ebenso "buntes Bild wie der erforderte Tatbestand zeigen 

auch die auf die homosexuellen Akte festgelegten Strafen. 

Lange Zeit erstreckte sich diese Verschiedenheit allerdings nur 

auf die Form der verhangten Todesstrafe. Die iiblichste war der 

Feuertod, wobei, damit von der unnennbaren Slinde auch nicht 

die geringste Spur librig bleibe, vielfach die Prozeilakten 

mitverbrannt wurden; als mildere Strafe gait es, den Korper 

des Verurteilten, bevor er der „rachenden Flamme** libergeben 

wurde, mit dem Schwert zu enthaupten. 

In England zog man nach dem Fleta-book, einem im 12. — 13. Jahr- 
hundcrt von einem im Fleet-Gefangnis zu London eingekerkerten 
Richter geschriebenen Gesetzbuch vor, die „Sodomiten bei lebendigem 
Leibe in die Erde zu vergraben", auch war der Galgen l)eliebt ebenso 
wie in Holland, wo aber aufierdem das Erdrosseln und Ertranken als 
Vernichtungsmittel der Sodomiter im Gebrauch war — so wurden 
1730 wegen gleichgeschlechtlicher Vergehen 38 Mann erdrosselt, 15 ge- 
hangt, ]e zwei ertriinkt und enthauptet. Nebeu der Todesstrafe war 
weit verbreitet die Kastration, nach dem alten Rechtsgrundsatze, 
worn it du gesdndigt hast, sollst du auch gestraft werden, wobei aller- 
dings in diesem Falle wohl die bis heute noch nicht erloschene Arinahme 
mitwirkte, daB ohne ihre Geschlechtstcile die Homosexuellen ganz 
niitzliche Mitglieder der menschlichen G^sellschaft sein wiirden. So 
erfahren wir denn durch Properz, Zonaras und Cedrenus, 
daii schon Justinian oft anstatt mit dem Tode, mit Abschneiden 
der Geschlechtstcile gestraft haben soil. Auch die lex Visigothorum 
setzte auf die Betatigung gleichgeschlechtlicher Liebe als „verab- 
scheuungswiirdiges und auf ewig fluchwiirdiges Verbrechen" die Strafe 
der Kastration und AusstoBung aus der kirchlichen Gemeinschaft 
(III. 5, 7, 14). Dieses westgotische Gesetz beeinfluBte hauptsiichlich 
Spanien und Frankreich ; infolgedessen finden sich in dem Fuero Juzgo 
fiir Cordoba von Ferdinand III. von Kastilien aus dem 
Jahre 1299 ausschlieBlich Kastration und einige Jahre spater in dem 
Fuero Real von Alphons X. aus dem Jahre 1255, gleichsam als Cber- 
gang zur ausschlieDlichen Todesstrafe, Entmannung mit Hangen 
als StrafmaB angegeben, wahrend in Frankreich die Somme rurale de 
Jean Bouteiller aus dem Jahre 1479 bestimmt, daB derjenige, 

*o) Man vergleiche hierzu C a r p z o w : pract. nov. rer. crim. 1652 
II. 9. 76. § 18: „quando vir cum femina Venerem praeposteram 
exercet" ; ferner C e 1 1 a : Uber Verbrechen und Strafe in Unzuchtsfallen 
1787. Procop. Histor. arc. cap. 20.; ferner Chauveau, th6orie 
du code p6nal. tome VI. 1840, S. 173. Ober die Haufigkeit der Weiber- 
padikation berichtet u. a. Parent-Duch^ telet: „De la prO' 
stitution dans la ville de Paris. I. S. 225." 



Digitized by VjOOQIC 



825 

welcher dieses Verbrechens zum e r a t e n Male iiberfiihrt ist, die? 
Testik?!, das zweitemal die natiirlichen Telle einbiiBen und das dritte- 
mal lebendig verbrannt werden soil. 

Aucb der Reichstag von Bergen bestimmte in der zweiten Half to 
des XII. Jahrhunderts, daB, „wenn cin Mann Leibeslnst treibt mit 
irgend einem anderen lebendigen Wesen als einem Weibe", er kastriert 
werden solle*^). 

AuBer der Kastration wurden vielfach nacb andere Leibe^ 
strafen gcgen Homosexuelle angeordnet, die gleich 2^\i toten mart 
Bedenken trug, so das Ohrenabschneiden, Augeiia^usstecheii^ 
Fastenstrafen (besonders in Klostern), Anschmiedung tliid var 
allem die Priigelstrafe in alien Art^n vom SpieBrutenlaufen bis^ 
zur Anwendung des Staupbesens, der Staupung, sowie die 
Brandmarkung. 

So findet sich im VII. Jahrbuch' f. sex. Zw. ein altcs Schimpfbild 
wiedergegebcn, welches in sehr anschaulicher Weise die angebliche 
Brandmarkung C a 1 v i n s wegeii angeblicher Piiderastie darstellt^^). 
Bolsec*5)^ eine „Kreatur des Bischofs von Lyon", schrieb namlich. 
13 Jahre nach C a 1 v i n s Tode einc Biographic (1577 zu Paris ge-' 
drnckt). deren V. Abschnitt betitelt ist: „Wie Calvin Z^u Noyort 
mit einem heiBen Eison auf der Schulter gebrandmarkt wurde'*.- , Dariit- 
heiBt es : „daB Calvin, der eine Pfnrrpfriinde und eine Kapelfe inne- 
hatte, ob der Siinde der Sodomie iiberrascht oder iiberwiesen Wifrdo,. 
weswegen er Gefalir gelaufen liatto, durch Feuer zu strrben, was cJier' 
gewohnliche Form der Strafe fiir eine solche Siinde ist ; 
daB aber der Bischof dieser Stadt aus Mitleid die erwahnte Strafe 
milderto zur Brandmarkung mit einer gluhendcn Lilie auf der Schul- 
ter.** (,,. . . p^che de sodomie, pour lequel il fust a danger de mort 
par feu, comment est la commune formo de tcl p6ch6; 
mais que Tevesque de la ditte ville, par compassion, feifc moderor la 
ditte peine en une marque de fleur de lys cha.ude sur I'espaule.'*) 

Bereits das Konzil von Toledo vom Jahre 003 hatte auf das ,, Vet' 
brechen verabscheuungswiirdiger Begicrden*' 100 Stockhiebe undschimpf- 
liche Scherung des Haupthaares gesetzt, nebst AusstoBung aus jeder 
christlichen Gemeinschaft, allerdings nur fiir Laien, wahrend fiirGeist^ 
liche Amtsentsetzung und lebenslangliche Verbannung geniigend schien. 

Oft in Verbindung mit Korperstrafen — so in Schwaben^''') mit 
Ohrenabschneiden fiir den, der der Natar abscheuliche Schandtaten Ver-- 
sucht — , haufiger aber noch selbstandig wurde das Prangerstehent 
gegen Homosexuelle angewandt, namentlich gegon solche, die gleich^ 
geschlechtlichen Verkehr nur versucht, aber nicht vollfiihrt hatten. 



*2) Cf. Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. IV. 1902 p. 244: Spuren von 
Kontrarsexualitat bei den alten Skandinaviern. Mitteilungen eines nor- 
wegischen Gelehrten. 

**) P. 288 : Die vermeintliche Padcrastie des Reformators Jean 
Calvin. Von H. J. Schouten-Utrecht, ehem. Pfarrer in den 
Niederlanden. 

*5) „Histoire de la vie, moeurs, actes, doctrine et mort de Jean 
Calvin, jadis grand ministre de Geneve. Dodie au reverondissime 
archevesque, comte de TEglise de Lyon et primat de France." (Paris, 
1577.) 

,,Chap. V. Comme Calvin est flestry et marque d*un fer chaud sur 
Tespaule k Noyon." 

*<^) Nach dem Wiirttembergischen Landrecht von 1586 (S. 271 
§ 27). 



Digitized by VjOOQIC 



826 

Jn Frankreich wurde ihnen eine Tafel umgehangt, auf der die Worte 
standen: „Verderber der Jugend"*^). 

Was es mit dam Prangerstehen auf sich hatte, zeigt eine von 
D ii h r e n *®) wiedergegebene Schildening ans dem Jahre 1810, in der 
dieses Martyrium eingehend beschrieben wird. Es waren damals sieben 
Mitglieder eines in Vere Street entdeckten Paderastenklubs zur Schau- 
stellung am Pranger auf dem Haymarket verurteilt. In dem Bericht 
heifit 88 : „Der Abscheu, den alle Gesellschaftsschichten iiber die ver- 
abscheuenswerten Handlungen dieser Elenden empfanden, veranlaBte 
viele Tausende a Is Zuscliauer boi ihnM- Bestrafun^ gegenwiirtig zu 
sein. . . . Um halb ein Uhr kamen die Sheriffs und Cityvorsteher mit 
mehr als hundert berittenen und mit Pistolen bewaffneten Konstablern 
und mit hundert Polizisten zu FuB an. Diese Mannschaft wurde nach 
dem Old Bailey Yard beordert, wo ein Wagen, der gelegentlich fiir den 
Transport Gefangener von den Londoner Gefangnissen zu den Galeeren 
beniitzt wurde, fiir die Aufnahme der Verbrecher bereit stand. . . . Der 
erste den Verbrechern dargebrachte GruB war eine Salve von Sohmutz 
und eine Serenade von Zischen, Zurufen und Verwiinschungen, wodurch 
sic genotigt wurden, sich mit dem Angesicht auf den Boden des IWagens 
zu werfen. Der Pobel, insbesondere die Wciber, hattcn groBe Mengen 
von StraBenkot aufgehauft, um den Gogenstanden ihrer Indignation 
einen warmen Empfang zu bereiten. . . . Der Schmutzregen hielt wiih- 
rend der Fahrt zum Haymarket an. Bevor sie noch den lialben Weg 
zum Orte ihrer Ausstellung zuriickgelegt batten, waren sie schon 
nicht mehr als menschliche Wesen erkennbar. Wenn der Weg noch 
langer gewesen ware, wiirde der Wagen vollkommen iiber ihnen mit 
Unrat angefiillt worden sein. Der Gastwirt, der etwas abseits von 
den iibrigen saB, ein groBer starker Bursche, konnte sich nicht so 
leicht wie die anderen kleineren Manner verbergen. Daher, und auch 
weil er sehr bekannt war, wurde er mit doppelter Wut bombardiert. 
Tote Katzen und Hunde, Abfalle, Kartoffeln, Riiben usw. regneten von 
alien Seiten auf ihn nieder, wobei anscheinend mannliche Haltimg ihm 
besondere Verwiinschungen eintrug, und nur das Weiterfahren des Kar- 
rens seine sofortige Ermordung verhinderte. Um ein Uhr wurden vier 
von ihnen an einem neuen Pranger ausgestellt, welcher eigens fiir 
diesen Zweck angefertigt wurdo. Die beiden iibrigen, Cook und Amos, 
genossen die Ehre, allein am Pranger zu stehen. Bevor sie den Platz 
des Prangers erreichten, waren ihre Gesichter durch Schlage und 
Kot vollig entstellt und beim Besteigen (des Prangers) sahen sie wie 
ein Dreckhaufen aus. Etwa fiinfzig Weiber erhielten die Erlaubnis, 
sicli im Kreise herumzustellen und bewarfen sie unaufhorlich toiit 
Schmutz, toten Katzen, faulen Eiern, Kartoffeln und mit Blut, Abfall 
und Diinger enthaltenden Eimern, die von einigen Schlachtern vom 
St. James Markt herbeigebracht worden waren." So geht die Schil- 
derung noch eine ganze Weile weiter. 

DaB die Urninge alien Beschimpfungen gegentiber ,,vogel- 
frei*' waren, kann um so weniger wundernehmen, als sie in 
frtiheren Gesetzen vielfaeh ausdriicklich fiir friedlos erklart 
wurden, so findet sich im Sachsenspiegel eine Glosse, die lautet : 
,,Dagegen sind andere, welche sich schwerer verwirken als Obcr- 
hurer, die unnatlirliche Unkeuschheit treiben, das sind die Sodo- 



*•) Cf. Michael is, a. a. O. p. 8fi. 

*8) Diihren, Englische Sittengcschichtc, Berlin 1912 (Bd. II, 
p. 31 ff.). 



Digitized by VjOOQIC 



827 

miter und Gomorrer, Morder und Rauber an alien Enden 
f r i e d 1 o s", und im kirchenrechtlichen Abschnitte des nor- 
wegischen Gulathingsgesetzes Kap. 32 vom Jahre 1164 heiOt 
es: „Wenn zwei Kerle Leibeslust zusammenmischen und dessen 
iiberfiihrt werden, dann sind sie beide friedlose Manner.** 
Hier wie anderswo bestanden ausdruckliche Strafbestimmungen 
gegen Personen, die jemanden, der es nicht war, Sodomite ge- 
fcchimpft hatten. Es hatte sich namlich, und zwar gilt dies audi 
heutc noch flir alle Lander und Sprachen, die Sitte eingebtirgert, 
mit Vorl-ebe Schimpfworte zu gebrauchen, die auf gleichge- 
schlechtlichen und anderen Verkehr anspielten. In einem inter- 
nationaLn Schimpfworterlexikon wtirden diese Ausdriicke einen 
groCcn Raum beanspruchen. Bei manchen dieser Schimpfworte 
hat to sich durch die< Haufigkeit ihrer Anwendung der urspriing- 
liche Sinn voUkommen verfliichtigt, wie bei dem durch Goethes 
Gotz von Berlichingen zu einer gewissen Bertihmtheit gelangten 
Aufforderung zur anilinctio (leek' usw.), mit der bis in unsere 
Zeit ein Mann aus demi Volke gern einem anderen seine Ver- 
achtung bekundet. 

Ill manchen Landern bestrafte man die Urninge auch mit „Ab- 
cchaffung*\ — in RuBland mit Verschickung nach Sibirien, verbunden 
mit Zwangsarbeit, in Frankreich mit Verbannung auf die Galeeren. 
Anderswo, wie in Osterreich und England, war iibermaBig harte oder 
(iffentliche Arbeit ein Zubehor der iiber Homosexuelle verhangten 
Kerkerstrafe. Was die hard labour fiir geistig hochstehende verfei- 
nerLe Manner, wie es unter den verurteilten Homosexuellen so viele 
gab, bed'iitete, hat Oscar Wilde in seiner erschiitternden Ballade 
vom Zuchthaus zu Reading, diesem unverganglichen Dokument von 
unsere V Zeiten Schande, der Nachwelt iiberliefert. 

Am seltensten sind gegen Homosexuelle Geldstrafen in Anwendung 
gebrachl worden, immernin berichtet Ulrichs, daU 1862 in Hamburg 
70 von einem urnischen Kellner an die Polizei verratene Urninge 
zu der dort iiblichen Geldstrafe von 400 Mark Banco, im Unvermogens- 
falle zu vierwochiger Gefangnisstrafe verurteilt wurden. 

Auch jetzt noch schwanken die Freiheitsstrafen ftir homo- 
sexuelle Akte zwischen einem Tag Gefangnis in Deutsichland 
und lebenslanglichem Zuchthaus in England. Und nichts zeigt 
vielleicht mehr die Unsicherheit der Gesetz^eber in der homo- 
sexuellen Frage, dafl dieselbe Tat, welche jenseits des Kanals 
mit Verlust der Freiheit auf Lebensdauer geahndet werden 
soil , diesseits des Kanals ganzlich straf los ist, daB sich um 
cine Handlung, die auf der einen Seite der Alpen mit schwerem 
Kerker bedroht ist, auf der anderen Seite kein Gesetzbuch 
bekiimmert. 

Es gibt auch wohl keine Gesetzesvorschrift spgeiiannter 
Kulturvolker, die so vielen Abanderungen unterworfen gewesen 
ist wie diese. 



Digitized by V:iOOQIC 



828 

Wenn wir gegenvvartig leseii, wie in jedein Vorentwurf zu einem 
neueu deutschen Reichsstrafgesetzbuch die friihere Fassung korrigiert 
wird, so miissen wir nicht glauben, daB das etwas Neues, etwa durcb 
die moderne wissenschaftlichc Forschung bedingte Erscheinung ist: 
viclmehr sehen wir, daC es friilier nicht anders war, daI3 man niemals 
recht wuBte, was man eigentlich tun sollte ; beispielsweise erfahren 
wir, daB unter den zehn preuBischen Entwiirfen, welche dem § 143 
vom Jahre 1851 vorausgingen, fast jeder den voraufgegaagenen Vor- 
schlag aufhob und umgestaltete ; die Entwiirfe von 1827 und 1830 
enthaiten im § 360, 3 von Feuerbach und dem bayrischen Gesetz 
beeinfluBt Strafandrohungen gegen Homosexuelle nur im Falls der 
Erregung offentlichen Argernisses. Der Entwurf von 1833 tritt dieser 
milden Auffassimg entgegen, und die Motive der Entwiirfe von 18-15 
und 1847 fiihren iibereinstimmend aus, daB dieses Verbrechen eine 
solche Herabwiirdigung des Menschen zeige, daB das Strafgesetz darauf 
Riicksicht nehmen miisse, und die Bestrafung nicht vom Eintritt eines 
offentlichen Argernisses abhangig machen diirfc. Die rheinischen 
Standc hatten hierzu einen Antrag eingebracht, welcher -viinschte, 
daB die Tat ignoriert und dem eigenen Gewissen des Taters iiberlassen 
wcrde — links vom Bhein gait namlich damals noch der Code Napoleon 
und damit bis zur EinfiilSrung des preuBischen Strafgesetzbuches im 
Jalire 1851 die Straffreiheit homosexueller Betatigung. — Dagegen 
f orderten die westfalischen und sachsischen Stande Ver- 
scliarfung, namentlich erstere wollten Zuchthaus als einzige Strafe. 
Wahrend dor Entwurf von 1830 bei Verkehr mit einer Person unter 
18 Jahren als Mindeststrafe zwei Jahre Zuchthaus vorschlug, und eben- 
so die Entwiirfe von 1843 und 1845, drohte der Entwurf von 1851 nur 
(iefangnisstrafe von sechs Monaten auf warts an, wobei es dann auch 
die zwanzig folgenden Jahre verblieb. Das Geschlecht des Taters wurde 
in den preuBischen Entwiirfen bis 1847 ebensowcnig wie in den 
iibrigen deutschen Entwiirfen und Gesetzen nicht genannt. Erst voa 
da ab wird ,,die widernatiirliche Unzucht zwischen Frauenspersoncn" 
nicht mehr unter Strafe gestellt. So schwankt der Paragraph hin 
und her, so daB man fast sagen kann, daB es nicht nur dem Zufall 
preisgegeben war, wer unter 100 000 ahnlich Handelnden dem Gesetz 
zum Opfer fiel, sondern daB auch das Gesetz selbst ein Zufalls- 
produkt, abhangig von der jeweiligen Zusammensetzung und Stimmung 
der beratschlagenden Kommission, ist. 

Wir vvollen nun im folgenden zunachst einen kurzen histo- 
r i s c h e n iind dann einen vergleichenden tjberblick der gegen- 
w a r t i g zu Recht bestehenden Gesetze geben : Die ersten staat- 
lichen Strafbestimmungcn gegen gleichgeschlechtliehe Akte wur- 
den von Kaiser Konstantin. und seinen Nachfolgern im 4. Jahr- 
hundert nach Christi Geburt erlassen. 

Wahrend vorher in den Beschliissen der Synoden nur kirchliche 
Disziplinarstrafen angedroht waren, — so bestimmte die Synode von 
Elvira vom Jahre 306 im Kanon 71, daB Paderasten auf dem Sterbe- 
lager nicht zur Kommunion zugelassen werden sollten, und die Sy- 
node von Ancyra (314) setzte spezialisierte Kirchenbufien fiir diese 
Siinder fest — erlieB im Jahre 326 Konstantin der GroBe 
eine Konstitution gegen die gleichgeschlechtliehe Liebe, in der es 
heiBt, daB da, wo das Geschlecht seine natiirliche Statte verliert — 
ubi sexus perdidit locum — , ubi scelus est id quod non proficit scire, 
wo das Verbrechen vorliegt, dessen Kenntnis sich nicht einmal gezieme, 
dort, ubi Venus mutatur in alteram formam, die Gesetze sich mit dem 
Racheschwert, gladio ultore, bewaffnen soUen, ut exquisitis poenis 



Digitized by VjOOQIC 



829 

subdantur infames *^). Nach anderen Quellen *^) wurde diese Verord- 
nung nicht von Konstantin, sondern erst von seinen Sohnen 
Konstantinus und Konstans getroffen. 

Weder der strafbare Tatbestand noch auch die Strafe sind 
in dem authentischen Gesetz Konstantins genau aiigegeben, es 
vvird aber angenommen, daC als ,, coitus contra naturam" nur 
die pedicatio bestraft wurde, und zwar die pedicatio mulierum 
ebenso wie die pedicatio masculorum. Die Unbestimmtheit der 
angedrohten poena exquisita veranlaBte Valentinian (364--375), 
die Strafe durch den Feuertod — flammis vindicibus — 
anzuordnen. ,,Wir konnen nicht dulden", fiigte Kaiser 
Valentinian hinzu, ,,d^fi Rom, die Mutter aller Tugenden, 
noch langer durch die effeminati befleckt werde" (non 
patimur urbem Romam virtutum omnium matrem diutius 
effeminati in viro pudoris contaminatione foedari et caetera.)^^)- 
Justinian nahm in seiner Kodifikation des romischen Rechtes 
die Constantinische Verordnung auf, ,,milderte'* aber die von 
Valentinian festgesetzte Verbrennung in die Todesstrafe durch 
das Schwert. 

In den Jaliren 538 und" 539 richtete Kaiser Justinian speziell 
Proklarnationcn an die Homosexuellea Konstantinopels mit der dringeu- 
den Bitte, doch von ihrom Triebe abzulassen ; ihr Tun sei zwar vei- 
abscheuuiigswiirdig, doch wolle er fiir diejenigen, welche sich der 
Kirchenstrafo soit^ns des Patriarchen unterzogen, Gnade fiir Pieclit 
ergehen lassen und nur die unbuBfertigen und wiederhoit riickfalligcn 
Siinder mit den scharfercn Strafen treffen, damit nicht Gottes Zoru 
zu aller Verderbcn gereizt werde." 

Numa Priitorius bcmerkt zu diesen Erlassen, daB Justinian 
danach nicht so sehr die einzelne Handlung, als die zur Gevvohnheit 
gewordene eino^efieischte Siinde im Auge hatte ; er scheint die Ahnung 
gehabt zu haoon, daB es sicli meist um einen tiefeingowurzelten, 
schwer zu unterdriickcnden Trieb handelte. 

DaB vom 4. Jahrhundert ab die Todesstrafe in fast alien 
christlichen Landern fiir gleichgeschlechtliche Betatigung einge- 
fiihrt und durch anderthalbtausend Jahre auch in vielen Fallen 
vollzogen wurde, daB selbst heute noch auf ihrer Ausiibung schwere 
Freiheitsstrafen stehen, ist zweifellos auf die eben angefiihrten 
Kriminalgesetze zuriickzuluhren, welche unter hierarchischem 
EinfluB zuerst von den christlichen Kaisern des romischen 
•Reiches erlassen wurden. Es scheint aber, als ob man zunachst, 
als das romische Recht in die deutschen Volksreehte einzudrin^^en 



^u) :i Cod. Theod. ad \vg. Jul. IX, 7. 

fti) Cf. Michael is, a. a. O. p. 46 und Cod. Thoodos. IX, 7, 3, 
u. Cod. Justin, 9, 30. 

52) Die genauen Texte dieser und der folgenden Gesetze finden 
sich u. a. in der Arbeit von Numa Pratorius im Jahrbuch f. sex. Zw. 
Band I. : Die strafrechtlichen Bestimmungen gegen den gleicli- 
geschlechtlichen Verkehr historisch und kritisch dargestellt. p. 97 — 160. 



Digitized by VjOOQIC 



830 

begann, sich nicht so recht entschliefien konnte, auch die gegen 
die Paderastie gerichteten Strafandrohungen in die neuen Ge- 
setzesbucher aufzunehmen ; wenigstens lassen sich weder im ost- 
gotischen Recht, nicht einmal in dem speziellen Sittendekret Konig 
Athalarichs (536/44), noch in Cassiodors (Variar. lib. 
IX, 18), noch im langobardischen Recht, noch in der lex 
Romana Burgundiorum vom Jahre 506 Spuren davon nach- 
weisen. Auch in der Gesetzessammlung Konig Eurichs 
(466/84) findet sich noch keine Strafbestimmung gegen gleich- 
gjeschlechtliche Akte. Erst die als Breviarium Konig A 1 a - 
rich 8 II. (505) bekannte, unter Beihilfe des Klerus entstandene 
lex Romana Visigothorum griff die Jurisdiktion Kaiser 
Valentinians auf und bestimmte gegen mannlichen Ge- 
schlechtsverkehr den offentlichen Feuertod. In praxi wurde anf 
Grund dieses Gesetzes allerdings vielfach nur auf Kastra-tion 
nebst AusstoBung aus der christlichen Gemeinschaft erkannt. 
Diese westgotische Lex Romana wurde nach Brunners Deut- 
scher Rechtsgeschichte (I. 358) bis weit in das XII. Jahrhundert 
hinein als brauchbarstes romisches Rechtsbudh (nebst Alarichs 
Breviarium) von der christlichen Kirche und den romischen Be- 
am ten liberall in Anweudung gezogen, wo auf das romische 
Recht Bezug genomtnen wurde. Letz teres aber war in Frank - 
reich, Deutschland, England, Spanien und den kleineren Staaten 
Europas fast ausnahmslos der Fall. 

Ahnlich wie Kaiser Justinian erliefi auch Kaiser Karl der 
G r o 13 e zwei Proklamationen, in denen er sich eingehend mit gleich- 
geschlechtlichen Handlungen befaCte ; es sind dies die Admonitio 
eeneralis vom 23. Marz 789 (ed. Boretius I. 57) und das strenger ge- 
naltene Capitulare generale vom Jahre 802 (ed. Boretius I. 94), in 
dem er vor allem das hiiufige Vorkommen dieses Lasters im Monch- 
stanide beklagte, „von dem doch eigentlich fiir alle Christen die 
groCte Hoffnung auf das Heil komraen, und der darum an Keuschheit 
und Heiligkeit vollkommener als alle sein sollte. Der Kaiser 
wdnscht. daU niemals wieder solche Klagen an sein Ohr kommen, 
andernfalls er sowohl von den Tatern, wie von denen, die es zuge- 
lassen hatten, eine derartige BiiBe heischen wiirde, dafi kein Christen- 
mensch, der davon hore, solches fernerhin zu tun sich herausnehmen 
wiirde." Wir konnen die Synodalbeschliisse iibergehen, die sich in 
den folgenden Jahren und Jahrhunderten vielfach mit den „Schand- 
taten** der Homosexuellen beschaftigten — namentlich vvaren die 
Synoden von Paris (anno 829), Rheims (1049) und London (1102) zu 
erwahnen — , indem wir auf ^as corpus decretorum verweisen, in 
dem der Bologneser Gratian um die Mitte des XII. Jahrhunderts 
das kirchliche Recht kodifizierte. Hier finden wir (cans. 32, quaest. 7, 
Kap. 11 — 15) unter Berufung auf die Kirchenvater Angus tin us, 
Hieronymus und O r i g c n e s sowohl die widernatiirliche Unzucht 
zwischen Mann und Weib, wie die zwischen Miinnern als die schwerste 
aller Fleischessiinden verurteilt. Im Jahre 1232 sah sich Papst G r e - 
g o r IX. veranlaBt, die Pxedigermonche aufzufordern, dem Laster 
namentlich in Osterreich entgegenzutreten und die Siinder gleich 
Ketzern zu behandeln (Rippol. Bullar. praedic. I, 39). DaB der fast 



Digitized by VjOOQIC 



831 

um die gleiche Zeit (1230) erlassene Sachsenspiegel E y k e von 
R e p k o w s ebenso wie das Meifiener Rechtsbuch keinerlei Bestim- 
mungen gegen sodomitische Vergelien enthalten, und .eine spatere 
Glosse des Sachsenspiegels (nach C. E. Jarckes „Handbuch des ge- 
meiueii deutschen Strafrechtes [1830 Bd. III. S. 173 ff.]) gegen die, 
„so unnaturliche Unkeuscliheit treiben, die Sodomiter und Goinorrer" 
iiur die Strafe der Friedlosigkeit festsetzte, mag als Beweis dafiir an- 
gesehen werden, dafi viele volkische Rechte sich nach wie vorstraubten, 
sich den Standpunkt der lex Romana zu eigen zu machen, wenn schon 
man nicht iibersehen darf, daD von der Kirche die gleichgeschlechtliche 
irnzucht vielfach dem Al!geineinbegriff der Ketzerei subsumiert wiirde, 
gegen die sie kurzerhand den Feuertod forderte. 

Hatten die Homos^xuellen im stillen gehofft, daB mit der 

Reformationszeit und nach nun schon tausendjahrig^r Verfol- 

gung auch flir sie bessere Zeiten anbrechen wtirden, so fanden 

sie sich in dieser Erwartung bitter enttauscht. Es soUten noch 

drei weitere Jahrhunderte vergehen, bis durch die groBere 

Tolerierung menschlicher Freiheit im allgemeinen auch fiir sie 

mildere Anschauungen und Strafen Platz griffen. Vorderhand, 

und das gilt flir das 16., 17. und 18. Jahrhundert, zeigten die 

verschiedenen Gesetzbiicher christlicher Staaten kaum eine Spur 

von Besserung. 

So bestimmte die Carolina, Kaiser K a r 1 s des F li n f t e n „Pein- 
liche Halsgerichtsordnung" von 1532, die erste von Reichs we^en er- 
gangene Kodifikation, im Artikel 116 fast in wortlicher Ubereinstim- 
raung mit „Bambcrgische Halsgerichtsordnung von 1507" (der mater 
Carolinae) Johann von Schwarzen bergs (Art. 141): „. . . so 
Man mit Man, Weib mit Weib, Unkeusch treiben, die haben das Leben 
verwuerkt.** In gleicher Form ist der Text in niederdeutscher Uber- 
setzung in die soror Carolinae, die Brandenburgisich-Frankische Hals- 
gerichtsordnung von 1516, und deren revidierte Ausgabe von 1582 
(Art. 143) iibergogangen. Mit verschwindenden Ausnahmen verharrten 
auf dem Standpimkte dieser karolinischea Bestimmungen alle parti- 
kularen Landesgesetzgebungen nachkarolinischer Zeit. 

Sowohl die Hennebergische Landesordnung von 1539 (VIII, 5, 6) 
als die Neureformierte Landesordnung von Tirol von 1573 (VIII, 19), 
wie das churpfalzische Landrecht von 1611 (V, 32) und das Land- 
recht fiir das Herzogtum PreuBen von 1620 (VI, 6, 5), ebenso wie das 
verbesserte preuBische Landrecht Kon'g Friedrich Wilhelms I. 
von 1721 (P. Ill B. VI. Tit. VII, Art. 7) verhangen gegen alle fiir 
ziichtigc Ohren nicht erziihlbare Unkeuschheit „so wider die natur 
und in sonst was weise es immer geschehen kann", begangen wird, 
unnachlaBlich den Feuertod. In Niederogterreich trat 1656 an Stelle 
der Carolina die neue peinliche Landgerichtsordnung Kaiser Ferdi- 
nands III. (die Ferdinandea), die sich in Tl. II Art. 73 in ausfiihr- 
licher Weise mit dem Verbrechen der widernatiirlichen Unzucht beider 
Geschlechter beschaftigt und dort folgendes „End-Urtl" festsetzt: „Ein 
Knabenschander aber ocler da sonst ein Mensch mit dem andern sodo- 
mitische Siind getrieben hatte, soil aiifangs enthauptet, folgends dessen 
Korper sambt dem Kopf verbrennt, niemalen aber in den Urtlen das- 
jenige, so Ergernuss geben mochte, offentlich abgelesen werden." Von 
den meisten Rechtsgelehrten wird angcnommen, daB der Tatbestand, 
welcher die Todesstrafe voraussetzte, immissio membri et emissio semi- 
nis voraussetzte, doch scheint beides oft genug schon als erwiesen an- 
geseheu worden zu sein, wenn man ein mannliches Liebespaar im ge- 



Digitized by VjOOQIC 



832 

moinsameu Bette iibcrraschte, da man die Pedikatio fiir die ge- 
;\ohnliche Betatigungsart dor .,Sodomiter" ansah. Im iibrigen enthalt 
die Ferdinandea wie audi spater die Theresiana einen Zusatzpara- 
graphen, der Milderungsgriinde vorsah. Er lautete: „Fallt bei dem 
CJmbstanden des Taters Jugend, Unverstand oder dieses mit ein, daU 
er sich der Siind zwar angemaBt, selbige abor nicht vollendet Ijatte, soil 
man alios fleissig erwagen, und nach Gcstalt der Sachen die Lindigkeit 
der Schiirfe vorziehen, jedoch sich vorher, wie in dergleichen zu ver- 
fahren ist, bei den Rechtsverstandigen Rats erholen." Auch die 1711 
fiir Bohmen, Mahren und Sclilesien erlassene „Neue peinliche Hals- 
gerichtsordnung** (Art. 19, § 19) bestimmt, dafi die „sodomitische 
8iinde eine unzulassige und wider die Natur strebende Wollust sei, 
welche geschieht, wenn Mann mit Mann, oder Weib mit Weib, oder 
audi Weib mit Mann wider die Natur etwas Fleischlidies veriibe; 
derley zum Abscheu d/er Natur selbsten sich versiindigende Unmenschen 
konnen nach Schwere der Missetat gleich lebendig verbrennet, oder vor- 
erst gekopft und alsdann verbrennet werden, geschieht sie aber zwi- 
schen Mensch und Vieh, so ist der Tater lebendig und das Vieh samt 
ihm zu verbrennen." Und die Constitutio criminalis der Kaiserin 
Maria Theresia, fiir die osterreichischen Erblande von 1769 (die There- 
siana), setzt (Art. 74 § 1) noch dazu: „wozu auch drittens (neben 
Paderastie und Bestialitat) die von jemanden a 1 1 e i n begangenen 
widernatiirlichen Unkeuschheiten zu rechnen sind", macht indes (§ 8) 
die ordentliche Strafe von der emissio seminis abhangig, anderenfalls 
die Feuer- oder Schwertstrafe in pine angemessene Leibesstrafe um- 
gewandelt werden konne. 

Ahnliche furchtbare Strafen galten bis gegen das Ende des 
18. Jahrhunderts in fast alien christlichen Landern Europas, 
in den romanischen ebenso wie in den germanischen und 
slavischen. Und wenn auch die Zahl der hingerichteten Homo- 
sexuellen nur einen verhaltnismaBig sehr geringen Bruchteil 
derer bildete, die in ihrem Leben insgeheim hundertfach das 
gleichc Kapitalverbrechen verubten, so darf doch die Menge 
derer, die ftir die Betatigung ihrer angetorenen homosexuellen 
Leidenschaft mit Feuer und Schwert auf das grausamste ver- 
nichtet wurden, auf viele Tausende veranschlagt werden. Man 
mufl bedenken, daB die Chroniken nur einen verschwindend 
kleinen Teil der Todesurteile fur eine Handlung liberlieferiien, 
die vor ,,zuchtigen Ohren" zu nennen selbst eine Siinde war. 
Wurden doch auf besondere Anordnung \delfach so^ar die 
ProzeBakten verbrannt, damit keine Spur des Verbrechens tibrig 
bleibe. Gleichwohl wissen wir von vielen, die in jenen dunklen 
Zeiten als sodomitische Ketzer, in Wirklichkeit als Opfer 
menschlicher Beschranktheit auf dem Scheiterhaufen ^tarben. 

In Augsburg wurde im Marz 1409 ein Gerber der Sodomiterei 
wegen lebendig verbrannt, desgleichen ein Priester namens W e r a • 
lach, ein Geistlicher der Johanniskirchc, Ulrich Frey, Jakob 
K i e s s und ein Dominikaner auf Veranlassung Bischof Eber hards. 
Sie wurden in einem „holzernen Turm aufn Perlach Turm, mit ge- 
schrenkt gebundenen Iliinden und FiiDen hirausgeheukt und mit Hunger, 
den sie von Samstag an biss auf den folgouden Donnorstag und Freitag 



Digitized by VjOOQIC 



833 

erlitten, getotet, nachmals von den Henkern unter dem Galgen begraben 
worden"*^). 

Um nur ganz wenige Beispiele herauszugreifen : wurden 1474 
18 lombardische Soldner wegen dieses Verbrechens zu Basel offentlich 
verbrannt^*). Hier wurde auf dem Kohlenberge allerdings, wie Fried- 
r i c h Fiirst W r e d e *^) erzahlt, auch einmal ein Hahn lebendig ver- 
brannt, weii er ein Ei gelegt hatte. 

Zu StraUburg im ElsaB wurden nach Walters Chronik von 
1647 — 71. also in einem knappen Vierteljahrhundert, nicht weniger als 
12 Personen wegen derartiger Vergehen teils lebendig verbrannt, teils 
gekopft. Langere Zeit zuvor war diese Stadt in eine weitlaufige Fehde 
mit Ziirich geraten %vegen des letzten Sprosses aus dem Greschlecht der 
Puller, Richards von Hohenburg. Der Prozefi und das Leben 
dieses zweifellos homosexuellen Ritters ist im Jahre 1893 in den 
Beitragen zur Landes- und Volkskunde von ElsaB-Lothringen 
(XVI. Heft) von Dr. Heinrich Witte eingehend geschildert wor- 
den. Seine Arbeit gewahrt einen ^ehr anschaulichen Einblick in die 
barbarischen Anschauungen jener Zeit. Am 24. September 1482 wurde 
der letzte Puller zusammen mit dem Burschen „ A n t o n M a t z 1 e r 
von Lindau, einem Barbier seines Zeichens und geschicktem Lauten- 
schlager" zur Richtstatte gefiihrt, „barfus's, in langem Rock gleich 
einem Schacher", ohne daB er ein auBeres Zeichen von Reue gab. Im 
Beisein von 10 000 Menschen, die den Ritter brennen sehen wollten, 
erlitt er samt „seiner in siden silber ufgemutzten buhlschaft" auf dem 
Fischmarkt in Ziirich den Feuertod. 

In Niirnbeiig bestiegen im XVI. Jahrhundert nachweislich sieben 
Sodomiten den Scheiterhaufen. Im Jahre 1731 schenkte Friedrich 
W i 1 h e 1 m I. von PreuBen, der Soldatenkonig, der Stadt Potsdam 
die Kosten, welche durch die Hinrichtung der Kindesmorderin Petsch 
und des Sodomiten Lepsch der Stadt erwachsen waren. Jene war 
„gesackt** worden, fiir diesen hatte man 16 Taler und 6 Groschen fiir 
3 Haufen Holz, Stroh und Teer aufgewendet*'). Ausfiihrlich fiihrt 
J o u s s e , Rat am Presidiat d'Orl^ans, eine ganze Reihe von Todes- 
urteilen an, die in der Zeit von 1519 bis 1759 wegen gleichgeschlecht- 
lichen Verkehrs ergingen und vollstreckt wurden. Noch wenige Jahre 
vor der franzosischen Revolution wurde ein Kapuziner namens P a s - 
c a 1 i II in Paris wegen Paderastie hingerichtet^^). 

In London erlitten 1810 der Fahnrich John Newball Hep- 
burn und Thomas White wegen eines gleichgeschlechtlichen 
Aktes die Todesstrafe. In Italien wurde nach Joseph Kohler 
(„Strafrecht der italienischen Statuten vom 12. — 16. Jahrhundert", 
„Studien aus dem Strafrecht") die Todesstrafe durch Verbrennung in 
Bologna 1250 fiir Sodomiter eingefiihrt, in Padua 1329, hier aber nur 

fegen den aktiven Paderasten, in Rom 1363, in Florenz 1415, hier nur 
ei Riickfall, in Parma 1494. In Reggio wurden 1500 die Schuldigen 
zuerst gehangt und dann verbrannt, desgleichen in Soncino (1532) 

**) Cf. Dr. H. W i 1 1 e , Der letzte Puller v. Hohenburg. Dargestellt 
von Numa Pratorius in den Vierteljahrsberichten des W.-h.-K. 
III. Jahi^. S. 207—230. 

55) Fiirst Wrede, Das Liebesleben des Menschen. Zitiert nach 
Monatsberichten des WHK. 1907 p. 143. 

56) Vgl. „Zur Geschichte des biirgerlichen Lebens und der offent- 
lichen Gesundheitspflege sowie insbesondere der Sanitatsanstalten in 
SiiddeutschlanJd. Ein Beitrag zur Geschichte der Cultur und der 
Medizin.** Von Dr. Lammert. Mr. F. D. H. K. Bezirksarzt in Stadt- 
amhof. Regensburg 1880. 

57) Mitteilungen des Vereins f. d. Geschichte Potsdams N. 253 
N. F. II. Tl. Bd. VII, p. 130. 

58) Ct. V a r 6 e , Curiosit^s judiciaires. 

Hirschfeld, Homosexualitlt. 53 



Digitized by VjOOQIC 



834 

und Ferrara (1534) und in Massa Carrara wurden sie (1692) ebenfalls 
aufgehangt und dann mit „rachendem Feuer von der lebendigen Erde 
vertilgt". Aus Bologna berichtet Benvenuto da Imola, dafi 
um 1375 zahlreiche Homos^exuelle, die er „vermes nati de cineribus 
Sodomorum** (Gewiirm aus Sodoms Asche) nennt, verbrannt wurden. Be- 
sonders grausam ging die Inquisition in Spanien gegen die Urninge 
vor. So erlitten im Jahre 1506 in Sevilla 10 homosexuelle Manner l^i 
einem Auto da Fe die Strafe des Scheiterhaufens. Als indessen nach 
der Verurteilung und Verbrennung einer groBen Anzahl Sodomiten die 
Inquisition von Arragonien in die Gefangnisse des Offiziums auch 
mehrerc Priester einsperren lieB, die desselben Verbrechens angeklagt 
werden sollten, erhielt der Erzbischof von Saragossa ein papstliches 
Breve, welches fiir die Genannten minder strenge Strafen forderte. 
Das hinderte jedoch nicht, daB nach der Entlassung der wegen dieses 
Verbrechens verhafteten Priester und Monche die Inquisitoren fort- 
fuhren, wegen derselben Tat die L a i e n aller Stande zu verf olgen, 
unter denen sich auch einmal der Vizekanzler von Arragonien ver- 
dachtigt fand, der seine Freisprechung, wie es scheint, nur seinem 
Namen und seinem EinfluB verdankte. Besonders zeichnete sich das 
heilige Offizium zu Valencia gegen Ende der Amtstatigkeit des GroB- 
inquisitors Fernando Valdez, Erzbischof von Sevilla (1547 — 1566, 
gest. 1568), durch eine lebhafte Tatigkeit in der Aufsuchung von Per- 
sonen aus, die der Paderastie yerdachtig waren, und auch von Wei- 
bern, welche geschlechtlichen Verkehr miteinander unterhalten batten. 
In der Zeit von kaum 20 Jahren zahlte man unter diesem GroB- 
inquisitor iiber 19 000 „ketzerische" Opfer (taglich etwa drei), von 
denen 2400 in Person, 1200 in effigie verbrannt und ca. 16 000 ein- 

?ekerkert oder auf die Galeeren geschickt wurden. 1575 klagte die 
nquisition auch den GroBmeister des Ordens von Montesa, Peter 
Ludwig von Borgia, und den Prinzen von Farnese der Sodomi* 
an. docli wurden beide freigesprochen. 

In Belgien wurde am 28. September 1654 J6rdme Duques- 
noy, den Georges Eekhoud in seinem Aufsatz im Jahrbuch IP^) 
mit Recht „un des plusgrands sculpteurs du XVII e si^cle" nennt, in 
der Vollkraft seines kiinstlerischen Schaffens, well er mit einem 
Jiingling. der ihm Modell stand, in geschlechtlichen Beziehungen ge- 
standen haben sollte, verbrannt, convaincu de sodomie, k etre a un 
poteau, 6trangl6 et son corps x6duit en cendres sur le marche aux 
Grains de la dite ville. 

Es scheint, als ob zeitweise das Gesetz gegen Urninge beinahe 
in Vergessenheit geraten war, um gelegentlich dann um so rigoroser — 
fast mit dem Charakter einer psychischen Epidemic — in Kraft ux 
treten. So wurde in Holland 1730 eine formliche Uranierverfolgung 
veranstaltet. In diesem Jahre hatten die Provinzen Holland, West- 
friesland und Groningen Bekanntmachungen erlassen gegen die- 
ses „abscheuliche Verbrechen, diese schrecklichen Greuel, die 
execrable Missetat, die himmelschreienlde Siinde, vor der die Katur 
selber einen Abscheu hat, und |die unter redlichen Menschen nicht 
weniger, denn unter Christenleuten wader bekannt sein, noch genannt 
werden sollte." Den Denunzianten wurde bei etwaiger Teilnahme StrsLf- 
losigkeit und auBerdem noch eine Pramie von 100 Silberdukaten ver- 
sprochen. Von 250 wegen gleichgeschlechtlicher Vergehen in Unter- 
suchungshaft genommenen Personen wurden allerdii^s „nur" 48 ge- 
totet, wahrend 91 mit lebenslanglicher Verbannung, mehrere andere mit 
Zuchthaus bestraft wurden. Aus dem gleichen Grunde wurden nooli 
1764/65 in Amsterdam 7 Todesurteile (Erdrosselung) gefallt fiir eine 
Handlung, die einige Jahrzehnte spater, durch die Einfiihrung des code 

^9) Georges Eekhoud, „Un illustre uraniste du XVIIe allele" 
J^r6me Duquesnoy. Sculpteur Flamand. p. 277 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



835 

p^nal (1811) als vollig straflos angesehea wurde. In Holland wurde 
auch einmal einer der hochsten Staatsbeamten, der Statthalter von 
HolJand iind Friesland Gozewijn de Wilde, ob der „stummeD 
Siinde**, des ,,peccatiim sodomiticum", enthauptet^^a). 

Die Anzeige gegen ihn hatte ein Kastellan erstattet, den er recht- 
maBig des Mordes beschuldigt hatte ; das Ende dieses Prozesses schil- 
dert der folgende Bericht: „Nachdem nun diese Sache einundeinhalbes 
Jahr, 78 Wochen, geschwebt hatte, brachte man den Prasidenten aus 
dem Hause Heusden nach dem SchloU Loevesteyn in Haft. Dort kamen 
eines Tages die Inquisitoren und Richter zu ihm, lieBen ihm die Fesseln 
abnehmen, zeigten ihm ein grofies brennendes Feuer auf der einen 
und einen roten ausgebreiteten Teppich auf der anderen Seite und 
sprachen zu ihm: ,Meister Gozewiyn, halte nicht langer mit der 
Wahrheit zuriick ; du siehst den Tod vor Augen, denn wir wissen genau, 
daB du schuldig bist und daB du sterben mufit. Weil du aber immer 
ein ehrbarer Mensch gewesen bist, wollen wir dir , die Gnade er- 
weisen, dich deine Todesart selbst wahlen zu lassen. Gestehst du 
namlich, daB du schuldig bist, ^o soUst du enthauptet werden ; ge- 
stehst du aber nicht, so wirst du verbrannt. Denn wir wissen und ken- 
nen deine Schuld genau und zweifellos.* Als er dies horte, erschrak er, 
fiirchtete sich sehr und sprach seufzend: ,Wehe mir unseligen Men- 
schen, ich habe schwer gesiindigt*, und er gestand seine Schuld und 
erzahlte alles, was er begangen hatte. Nachdem dies geschehen war, 
und er seine Beichte gesprochen Jiatte, wurde er auf der Stelle ent- 
hauptet.*' ' I 

Die ersten Gesetzbucher christlicher Nationen, welche mit 
der Todesstrafe gegen die Homosexuellen aufraumten, waren das 
Josefs II. von Osterreich aus dem Jahre 1787 und das vom 
Geiste Friedrichs II. erfullte allgemeine preuUische Landrecht 
vom Jahre 1794. 

§ 71 im Teil II der Josephina lautete : „Wer die Menschheit in 
dem Grade abwiirdiget, um '^ich mit einem Vieh, oder mit seinem 
e i g e n e n Geschlechte fleischlich zu vergehen, macht sich eines p o 1 i- 
tischen Verbrechens schuldig." § 72: „Ist das Verbrechen so be- 
gangen worden, daB dasselbe offentliches Argemis erregt hat, so ist 
zur Strafe Ziichtigung mit Streichen und zeitliche offentliche Arbeit 
bestimmt. Ist dasselbe nur weniger bekannt geworden, so ist der 
Tater mit zeitlichem strengeren Gefangnisse zu belegen, das durch 
Fasten und Ziichtigung mit Streichen zu verscharfen ist. Auch soil 
der Tater von dem Orte, wo er offentlich Argernis gegeben hat, ab- 
geschafft werden." 

§ 1064 des Allgemeinen Landrechts fiir die preuBischen Staaten 
bestimmte: „Sodomiterei und andere dergleichen unnatiirliche Siin- 
den, welche wegen ihrer Abscheulichkeit hier nicht genannt werden 
konnen, erfordern eine ganzliche Vernichtung des Andenkens. — Es 
soil daher ein solcher Verbrecher, nachdem er ein- oder mehrjahrige 
Zuchlhausstrafe mit Willkommen und Abschied (d. h. mit Priigel) aus- 
gestanden hat, aus dem Ort seines Aufenthaltes, wo sein Laster be- 
Kannt geworden ist, auf immer verbannt und das etwa gemiBbrauchte 
Tier getotet, oder heimlich aus der Gegend entfernt werden. — Wer 
jemand zu dergleichen unnatiirlichen Lastern verfiihrt und miBbraucht, 
der ist doppelter Strafe schuldig. — Machen sich Eltern, Vormiinder, 
Lehrer oder Erzieher dieses Verbrechens schuldig, so soil gegen die- 
aelben 4 — 8 jahrige Zuchthausstrafe mit Willkommen und Abschied 
stattfinden. — ** 



Ma) Cf. Vierteljahrsberichte des WHK. Bd. II. p. 64 f. 



53' 



Digitized by V:iOOQIC 



836 

Wahrend aber in beiden Gesetzbiichern noch schwere Frei- 

heitsstrafen, — im preuJJischen als geringstes MaB ein Jahr 

Zuchthaus — unter gewissen Umstanden auch Korperstrafen wie 

Prtigel, Anschmiedung, Fasten vorgesehen waren, machte das 

dritte, vom modernen Aufklarungsgeist erfiillte Greefetzbuch 

Napoleons I. vom Jahre 1810 ganze Arbeit, indem es die 

Paderastie als Verbrechen vollkommen ausschaltete. 

Ob die Josephina die Verbrennung der „Sodomiter" lediglich 
deshalb beseitigte, weil es die Todesstrafe iiberhaupt abschaffte — 
wie Wachenfeld^o) behauptet — qder wie Pratorius annimmt, weil die 
Auffassung iiber die Strafwiirdigkeit des Verbrechens eine ganz andere 
geworden war, scheint xms von untergeordneter Bedeutung; bemerkens- 
werter, daB es die widernatiirliche Unzucht unter die politischen 
Verbrecher rechnet, „al80 offenbar nur wegen der dem Staat angeblich 
drohenden Schadigung, sowie der durch Sekanntwerden der Tat ent- 
stehenden offentlichen Aigerniserregung" straft, nicht wegen der Im- 
moralitdt als solcher, die, wie namentlich der grofie bayerische Rechts- 
gelehrte Anselm von Fenerbach auseinandersetzte, allein ohne 
KechtsverletzuDg eine Strafe nicht rechtfertigen konne. Auf Feuer- 
bachs £infl\ii3 ist es zuriickzufiihren, daB auch Bayern in seinem neuen 
Strafgesetzbuch von 1813 von der Todesstrafe unmittelbar zu volliger 
Straflosigkeit iiberging, ein Beispiel, dem spater eine Reihe anderer 
deutscher Staaten folgte, wie Wiirttemberg (1839), Braunschweig imd 
Hannover (1840) — die n\ir noch auf Antrag eines Geschadigten oder 
bei der allerdings verschieden aufgefaBten offentlichen Argernis- 
erregung straften — wahrend andere Lander sich unmittelbar an den 
code Napol6on anlehnten. Es waren dies auBer Frankreich: Italien, 
Spanien, Portiigal, Belgien, Holland, Monaco, Luxemburg und die 
bcbweizer Kant one Grenf, Waadt, Wallis und Tessin. Alle diese Lander 
bestrafen auch jetzt nur, wenn dieHandlung gewaltsam oder offentlich 
vorgenommen wird (outrage public k Ja pudeur) oder an Kindem, wobei 
das Schutzalter zwischen 12 Jahren in Italien, Spanien, Portugal und 
13 in Frankreich, bis zum Miindigkeitsalter (21) in Holland, schwankt. 

Die letzten Lander, welche, die Todesstrafe gegen die Homo- 
sexuellen aufhoben, waren England, welches sie 1861 durch 
lebenslangliche, und Schottland, welches sie ers?t im Jahre 
1889 durch zeitliche Zuchthausstrafe ersetzte. Gegenwartig gibt 
es nur noch ein Land, welches die Todesstrafe beibehalten hat, 
und zwar ist dies der australische Staat Victoria, allerdings 
nur, wenn die Paderastie an einem Knaben unter 14 Jahren 
vollzogen wird. 

England hat sich nicht damit begniigt, die lebenslangliche Zucht- 
hausstrafe fiir Pedikation (dort br^gery genannt) beizubehalten — 
auch die der Frau soil in gleicher Weise geahndet werden — , sondern 
hat im Jahre 1885 ein weiteres Gesetz akzeptiert, nach dem alle 
ubrigen gleichgeschlechtlichen Handlungen einschliefilich Onanie, ja 
selbst der Versuch und die Beihilfe dazu mit Gefangnis und Zwang^s- 
arbeit bis zu 2 Jahren bestraft werden, ein Paragraph, dem wenige 
Jahre nach seinem Bestehen Oscar Wilde zum Opfer fiel. 

Zeigt eine rechtsvergleichende €bersicht, daB auCer in England, 
Xeu-Siid-Wales und Victoria nirgends zwei Gesetze fiir die immissio 

«o) Wachenfeld a. a. O. p. 26. 



Digitized by VjOOQIC 



837 

in anum einerseits und die iibrigen gleichgeschlechtlichen Handlungen 
andererseits bestehen, so ist doch auch anderswo die Tendenz unver- 
kennbar, mit der allmahlichen Milderung des Straf- 
maBes den Umfang des Tatbestandes zu erweitern. 
Besonders charakteristisch liegen in dieser Hinsicht die Verhaltnisse 
in Deutschland. Wahrend im Allgemeinen preuCischen Landrecht von 
1794 noch e i n Jahr Zuchthaus das niedrigste StrafmaB war, bestimmte 
1851 das neue „Strafgesetzbuch fiir die preuBischen Staaten" in § 143, 
daB gegen widernatiirliche Unzucht zwischen Personen mannlichen Ge- 
schlechts oder von Menschen mit Tieren Gefangnisstrafe von 6 Monaten 
bis zu 4 Jahren ev. mit zedtiger Untersagung der Ausiibung der 
biirperlichen Ehrenrechte erkannt werden soUe, Zuchthausstrafe bis 
zu 20 Jahren hingegen nur, wenn eine unziichtige Handlung als Not- 
zucht, gegen willens- oder bewuBtlose Personen oder gegen Kinder unter 
14 Jahren veriibt war. Dieser § 143 ging 1872 als § 175 in das 
Deutsche Reichsstraigesetzbuch iiber, wobei aber das Strafminimum 
von 6 Monaten auf einen Tag herabgesetzt wurde. Bedeutete dies 
fiir PreuBen einen immerhin nicht zu unterschatzenden Fortschritt, 
so war es ein um so groBerer Riickschritt fiir Bayern, das seit fast 
60 Jahren gleichgeschlechtliche Akte Erwachsener einschlieBlich Pedi- 
catio iiberhaupt nicht mehr als Straftaten kannte. Noch als 1865 die 
bayerische Regierung einen entsprechenden Paragraphen wieder ein- 
fiihren wollte mit der Motivierung, es handele sich um einen Schritt 
zur R^chtseinheit Deutschlands, da die Bestimmung in den Nach- 
barstaaten (vornehmlich PreuBen und Sachsen) gelte, verwarf die 
bayrische Kammer den Antrag mit folgender Erklarung: „Keine Strafe 
ohne Rechtsgrund. Es gabe keinen Rechtsgrund fiir die Bestrafung 
einer geschlechtlichen Handlung, welche von zwei erwachsenen Indi- 
viduen unter gegenseitiger Einwilligung ausgefiihrt werde. Erst wenn 
offentliches Argernis vorliege, diirfe eingeschritten werden. Was die 
Regierung geltend mache, enthalte nicht den Schatten eines Rechts- 
grundes. Eine Ubereinstimmung mit den Nachbarstaaten konne e b e n - 
sogut auf umgekehrtem Wege herbeigefiihrt werden, 
namlich dadurch, daB von diesen eine Bestrafung abgeschafft wiirde, 
fiir welche ein Rechtfertigung«grund nicht vorhanden aei." 

Viel verhangnisvoller als die territoriale Ausdehnung |des 

Paragraphen war aber die Erweiterung seines Tatbestiandes 

durch das Reichsgericht, nach weleher mindestens fiinfmal so 

viel Personen unter Strafe gestellt wurden, als vor 1872 straf- 

bar waren. 

Dieser Vorgang ist um so befremdlicher, als das Reichsgericht 
in einer seiner Entscheidungen, in der es unter Aufhebung eines er- 

fangenen Urteils gegenseitige Onanie unter Mannern fiir straffrei er- 
lart, selbst wortlich sagt: ,,Aus den Motiven zum StrGB. ergibt sich 
mit voUer Bestimmtheit, daB die widernatiirliche Unzucht in der 
Beschrankung auf Scdomie und Paderastie, wie solche bereits 
durch die preuBische Praxis beziiglich des dem § 175 des R.-Str.-G.-B. 
entsprechenden § 143 des preuBischen Str.-G.-B. festgestellt worden 
war, hat unter Strafe gestellt werden sollen." Nachweislich hatte 
man mit dem § 143 den art. 116 der Carolina iibernehmen woUen, 
von dem C a r p z o w ^i) ausdriicklich hervorgehoben hatte, daB er nur 
„den coitus contra naturae ordinem", nicht andere Unziichtigkeiten, 
qualis est fricatio vel manustupratio gemeint hatte, ebenso wie B o h - 
m e r ^3) fiir die Strafbarkeit des weibweiblichen Verkehrs auf Grund 

ci) C a r p z o w , Practica nova imperialis Saxoniae rerum Cri- 
minalium. Pars III. Quaestio 76. 

62) B o h m e r , Meditationes in Constitutionem Criminal^m. 



Digitized by VjOOQIC 



838 

diesea art. 116 einen concubitus per anna artificilia fiir notwendig hielt 
und bloBe fricatio zwisclien Weibern nicht fiir geniigend erachtete. 
Deshalb hatte auch das preufiische Obertribunal^^) seinerzeit die Be- 
straf ung anderer Akte mit f olgeader Begriindung abgelehnt : „Bekanntlich 
wurde der § 116 von den Lehrern des gemeinen Rechts in der Kegel 
nur aiif die sog. sodomia propria ratione sexus et generis, nicht 
aber auf die sodomia impropria als manustupratio, onania und dgL 
bezogen." Die Beschrankung des § ^75 auf die Strafbarkeit der im- 
missio penis in anum erkennen auBer Liszt z. B. auch Berner an: 
S. 461, Lehrbuch des Straf rechts, 18. Auflage, ferner Binding: 
Grundriii Bd. II, S. 100. Pratorius sagt hieriiber in seiner Kritik 
Wachenfelds, der die vom Reichsgericht getroffene Ausdehnung 
gutheiBt: „Steht nun fest einerseits, daU die Carolina nur die im- 
missio penis in anum bestrafte, 'daii andererseits das preuBische und 
deutsche Straf gesetzbuch iiber den art. 116 nicht hinausgehen, 
sondern den von diesem Artikel betroffenen Fall des gleichgeschlecht- 
lichen Verkehrs zwischen Mannern strafbar erklaren wollte, dann ist 
es unzulassig, einen Teil der im Gegensatz zur immissio penis in anum 
straf los gelassenen sonstigen „Unziichtigkeiten" als beischlafahnliche 
HandJungen unter den § 175 einbeziehen zu wollen." 

Erst dem Reichsgericht in Leipzig war es vorbehalten, die frii- 
heren Voraussetzungen der Strafbarkeit, die immissio membri in anum 
et emissio seminis fallen zu lassen, indem es die ejaculatio iiberhaupt 
nicht mehr fiir erforderlich hielt und im iibrigen den Begriff der „b e i- 
schlafsahnlichen" Handlungen schuf, unter dem es in einer Ent- 
scheidung vom 23. IV. 1880^*) auch den coitus inter femora und in einer 
vom 28. V. 1888^^) den coitus in (os, in einer weiblichen (3. II. 1890) jauch 
die receptio penis alterius in .os proprium fiir strafbar erklai*te, im 
iibrigen entschied, daB auch, wenn membrum appremitur alicui parti 
corporis alterius, der Akt als ein beischlafahnlicher zu erachten sei, 
wenn Friktionen, sogenannte StoiJbewegungen, ausgeiibt worden seien. 
Wiederholt hat sich das Reichsgericht mit der Frage beschaftigt, ob 
der Tatbestand des § 176 auch dann erfiillt sei, wenn der eine oder 
beide Partner bekleidet waren. Im Widerspruch zu einem am 20. IX. 
1880 gefallten Urteil entschied der Strafsenat am 8. VI. 1898, daB 
der Korper des passiven Teils nicht entbloBt sein brauche, „es ge- 
niige zum Tatbestand des Vergehens nur die Beriihrung des (entbloB- 
ten) mannlichen Gliedes mit dem bekleideten oder unbekleideten Kor- 
per einer anderen mannlichen Person". Trotzdem ist es bei dem ver- 
abschiedeten Offizier v. A. auch schon vorgekommen, daB ein deut- 
sches Gericht^^) einen Homosexuellen rechtskraftig za fiinf Monaten 
Gefaiignis verurteilte fiir zwei Falle, in denen „beischlafahnliche Hand- 
lungen ohne EntbloBung des Gliedes des aktiven Teiles und ohne 
Beriihrung des nackten Korpers des passiven Teiles ausgefiihrt 
wurden*'. Dberhaupt sind die Unteiigerichte wiederholt noch iiber 
den vom Reichsgericht formulierten Tatbestand hinausgegangen, am 
krassesten vielleicht in einem Falle, in dem das Landgericnt Liegnitz^^) 
einen 62 jahrigen Tapezierer K. zu einer Gefangnisstrafe von einera 
Jahre und zum Verluste der biirgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer 

<53) Entscheidung des preuBischen Obertribunals B. III. 

") Entscheidungen, Bd. I. S. 396. 

65) Reichsgericht 28. V. 1888, R., Bd. X, S. 416; 3. IL 1890, E., 
Bd. XX, S. 225; 23. IV. 1880, E., Bd. I, S. 395. 

<^6) Das Bezirks- und Obergericht zu Windhuk. Cf. Jahrbuch f. 
sex. Zw. Bd .VIII. p. 910. Bericht und kritische Besprechung von 
^^uma Pratorius. 

6') Der Fall ist nebst kritischen Bemerkungen dargestellt voxk 
Numa Pratorius im Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen, 
Bd. VIII, S. 900—910. 



Digitized by VjOOQIC 



839 

von zwei Jahren, den mitangeklagten 29 jahrigen Kellner H. wegen 
des gleichen mit K. veriibten Vergehens zu einer Gefangnisstrafe von 
einem Jahr und sechs Monaten verurteilte, indem es den Tatbestand 
des § 175 lediglich aus (d^m verliebten und leidenschaftlichen Ton 
ihrer Korrespondenz folgerte, ohne dafl in diesem Briefwechsel AuBe- 
rungen iiber eine besondere Art des geschlechtlichen Verkehrs ent- 
halten waren. Die 1 e t z t e hierher gehorige Entscheidung des Keichs- 
gerichts findet sich in der Juristischen Wochenschrift vom 1. Oktober 
1913 (42. Jahrgang, Nr. 17, Seite' 935); sie lautet: 

§ 175 Str.-G.-B. Beischlafsahnlichkeit. Beleidigende Wirkung. 

Nach den Feststellungen hat der Angeklagte seinen eigenen und 
den Geschlechtsteil des 16 jahrigen R., welche beide entbloBt und 
erregt waren, der Lange nach mit der Hand erfaBt und sie langere 
Zeit zu wiederholten Malen aneinander gedriickt. Dabei war die beider- 
seitige Stellung genau diejenige, bei der im Stehen der wirkliche Bei- 
schlaf ausgeubt wird. Die Strafkammer erachtet hierdurch den Tat- 
bestand des § 175 Str.-G.-B. erfiillt, weil der Angeklagte mit seinem 
Tun auf Befriedigung seiner Geschlechtslust abzielte und schon die 
einfachc Beriihrung der mannlichen Glieder, „geschweige denn" daa 
hier angefiihrte Aneinanderbringen mit wiederholtem Aneinander- 
driicken, als widernatiirliche Un^ucht zu gelten habe. Diese Auf- 
fassung ist indessen rechtsirrig. Wie das KG. in standiger Rechts- 
sprechung angenommen hat, gehort zum Begriff der widernatiirlichen 
Unzucht gemaii § 175 Str.-G.-B. die Vornahme einer der naturwidrigen 
Befriedigung des Geschlechtstriebes dienenden, dem natiirlichen Bei- 
sclilafe lahnlichen Handlung (vgl. RGSt. 31, 245 und die dort be- 
zeichneten Urteile), und der erkennende Senat hat ausgesprochen, daB 
eine Beischlafsahnlichkeit beim Verkehr unter Mannspersonen nur 
da vorliegt, wo die eine bei beischlafsahnlichem Ge- 
brauche des mannlichen Gliedes den Korper der anderen 
mit dem Gliede beriihrt hat (vgl. RGSt. 36, 32). Danach ist also nicht 
schon jedwedes zwischen zwei Miinnern bewirkte einfache Sichbe- 
riihren der beiderseitigen Geschlechtsteile ohne weiteres, sondern erst 
dann eine beischlafsahnliche Handlung, wenn mindestens das eine 
Glied ahnlich wie bei der natiirlichen Beischlafsvollziehung, z. B. 
durch Reiben an dem Korper des anderen oder DagegenstoBen, ver- 
wendet wird. Ein solcher Gebrauch ist vom ersten Richter auch da- 
durch nicht festgestellt, daB der Angeklagte die beiden erregten Glie- 
der mit seiner Hand zusammengebracht und mehrfach aneinander ge- 
driickt hat und zwar um so weniger, als eine beischlafsahnliche 
Verbindung oder Vereinigung zweier mannlicher Geschlechtsteile mit- 
einander der Natur der Saclie nach von vornherein ausgeschlossen ist. 
Das bisher fiir erwiesen erachtete Gebaren des Angeklagten liegt daher 
bloB auf onanistischem Gebiet, das von der Strafdrohung 
des §175a. a. O. nicht mit umfaBt wird (vgl. RGSt. 6, 211; RGRspr. 4, 
493). Soweit die Strafkammer etwa daranf Gewiclit gelegt haben sollte, 
daB die Beteiligten genau die gleicTie Stellung wie bei einem zwischen 
Mann und Weib im Stehen ausgeiibten Beischlaf eingenommen haben, 
so wiirde auch dieser Umstand die vorstehenden Darlegungen nicht zu 
beeinflussen vermogen, da hierdurch allein eine an sich nicht bei- 
schlafsahnliche Handlung niemals in ihr Gegenteil verwandelt werden 
kann. Hiernach war das angefochtene Urteil aufzuheben, und zwar 
ohne daB es eines Eingehens auf die iibrigens unbegrundeten ProzeB- 
beschwerden bedurfte. Dagegen war dem Antrag des Beschwerde- 
fiihrers auf sofortige Freisprechung nicht stattzugeben, da der rich- 
tigen ftechtsauffassung geniigende Feststellungen bei erneuter Ver- 
handlung nicht ausgeschlossen erscheinen und im Fall der noch 
moglichen Stellung eines Straiantrages durch den gesetzlichen Ver- 
treter des erst 17 jahrigen R. die Anwendbarkeit des § 185 StrGB. unter 



Digitized by VjOOQIC 



840 



fi 



Beriicksichtigung der in RGSt. 29, 398 (vgl. auch Bd. 41, S. 392) aus- 
esprochenen Grundsatze zu priifen bliebe. Urt. d. IV. Sen. v. 18. April 
913 (103/13). 

Ohne die GericMsentscheidungen gegen die Homosexuellen hier 
einer Kritik unterziehen zu wollen — das wird Aufgabe eines spatercn 
Kapitels sein — seien iiber die reichsgerichtlichen Entschei- 
dungen nur die zweier Juristen wiedergegeben, von denen die leine 
lautet^^) : „daB die Theorie des Reichsgerichts von den beisclilaf- 
ahnlielien Handlungon unhaltbar iind deshalb aufzugeben ist", wabrend 
ein anderer — Been^^) — schreibt: „Die Entscheidimgen des Reichs- 
gerichts iiber die widernatiirliclie Unzucht sind wohl die imgliick- 
lichsten, die es jemals erlassen hat." 

Noch viel schlimmer als in Deutschland ist die Rechtslage der 
Homosexuellen in Osterreich. Einmal geht der Tatbestand der „Unzucht 
wider die Natur" des osterreichischen § 129 weiter als derjenige des 
§ 175 StrGB. Denn die osterreichischen Gerichte bestrafen nicht 
nur beischlafahnliche Handlungen, sondern auch gegenseitige Onanie, 
ja sogar jede „Selb8tbefleckung mit Benutzung des Korpers einer Person 
desselben Geschlechts". Ferner ist nach osterreichischem Recht der 
Versuch strafbar, nach deutschem nicht, und zwar wird sogar^*^) die 
erfolglose Aufforderung zum gleichgeschlechtlichen Verkehr als Ver- 
such bestraft, des weiteren wird die bloBe Vorschubleistung zu diesem 
Verkehre, selbst wenn keine Vollendung der Haupttat stattgefunden 
hat, geahndet, alles Delikte, die das deutsche StrGB. nicht kennt, 
deiin es bestraft nur dann gewohnheitsmaCiges Vorschubleisten als 
Kuppelei. wenn die Haupttat selber, der gleichgeschlechtliche Ver- 
kehr, wirklich stattgefunden hat. Endlich ist auch die Strafe des 
schweren Kerkers eine hartere und entehrendere als diejenige des 
Gefangnisses. 

AYie mir mehrfach berichtet wird, gehen unter diesen L^mstanden 
osterreichische Urniiige dem strafbaren Tatbestand vielfach dadurch 
aus dem Wege, daB sie unter gegenseitigen Kiissen und Umarmungen 
j e d e r f ii r s i c h masturbieren. 

Ich lasse nunmehr eine vergleichende Darstellung der sich 
auf den gleichgeschlechtlichen Verkehr beziehenden Strafbestim- 
mungen folgen, die mit geringen Ausnahmen alle Lander der 
Erde umfaBt. 



^^) „Eros vor dem Reichsgericht. Ein Wort an Juristen, Mediziner 
und gebildete Laien zur Aufklarung iiber die griechische Liebe." 
Von einem Richter. Leipzig p. 31. 

«9) Been, 1. c. p. 34. 

70) Bibliographic Jahrbuch VIII. S. 811 und S. 817. 



Digitized by VjOOQIC 



Vergleichende Uebersicht der antihomosexuellen 
Strafgesetze. 

Die Quellen, auf denen die ADgaben der Straftabelle beruhen, sind; 

A. Verschiedene Strafgesetzbiicher in OriginaJausgabe. 
£. Auskiinfte deutscher Eonsulate. 
0. Literatur: 

1. Been, § 176 des .Reichsstraufgesetzbuches. StraUburg und Leip- 
zig 1912. 

2. Cyclopedia of Law and Procedure, William Marck L. L. D. Editor 
in Chief. New York, The American Law Book Company 1910. 
Sodomy: by Alexander Karst. Vol. XXXVI. p. 501—507. 

3. Goltdammers Archiv fiir Straf recht. Jahrgaiig 1906. 
S. 148. 

4. Havelock Ellis und Symonds, Das kontrare Ge- 
schlechtsgefiihl. (Bibliothek der Sozialwissenschaft. Heraus- 
gegeben von Kurella.) Leipzig 1896. 

5. Jahrbuch fiir sexuelle Zwischenstufen. Heraus- 
gegeben vom wissenschaftlich-humanitaren Komitee. Leipzig, 
Janrg. I, S. 95 ff. N u m a P r a t o r i u s , Die straf recht lichen 
Bestimmungen gegen den gleicheeschlechtlichen Verkehr. Jahr- 
gang V, S. 1159 ff. Nabokoff, Die Homosexualitat im russi- 
schen Strafgesetzbuch. 

6. Liszt und Crusen, Strafgesetzgebung der Gegenwart, Berlin 
1894—1899. 

7. Sammlung auBerdeutscher Strafgesetzbiicher. 
Herausgegeben von der Redaktion der Zeitschrift fiir die ge- 
samte Strafrechtswissenschaft. Berlin 1881 — 1909. 

8. Vergleichende Darstellung des deutschen und 
auslandischen Strafrechts. Vorarbeiten zur deutschen 
Strafrechtsreform. Herausgegeben von den Professoren Birk- 
meyer u. a. Besonderer Teil Band IV, Verbrechen und Ver- 
gehen wider die Sittlichkeit. Bearbeitet von Mittermaier. 
Berlin 1906. 

9. Vierteljahrsberichte des Wissenschaftlich-humanitaren Komitees. 
Jahig. II, Heft 3, Leipzig 1911. 

10. Wachenfeld, Homosexualitat und Strafgesetz, Leipzig 1901. 



Digitized by VjOOQIC 



842 



A. 



Staat 



Bestrafnng 

gleichgeschlechtlichen 

Verkehrs als solchen? 

In welchem Umfange? 



Auch bei 
Franen? 



Straf verf olguDg. ^) 

a 
Unbe- 

dingt? 



Bedingt? 



Belgien. 



Bnlgarien. 



Bfinemark. 



Dentsches Bcich. 



England nnd 
Irland. 



K e i n e Bestrafnng. 



Widernatiirliche Un- 

zucht zwischen Personen 

iiber 16 Jahren (d. i. 

Paderastie). 



Widernatiirliche Un- 
zucht : 

a) zwischen Mannern, 

b) zwischen Mann und 
Frau bei Umgang ge- 
gen die Natur. 

Widernatiirliche Un- 
zucht, d. i. beischlaf- 

ahnliche Handlungen 

zwischen Personen 

mannlichen Geschlechts. 

a) S o d o m i e , d. i. im- 
missio penis in anum 
(auch bei heterosexu- 
ellem Verkehr). 

b)andere unziich- 
t i g e Handlungen 
zwischen Mannern 
(auch gegenseitige 
Onanie). 



Nein. 



Ja. 



Nein. 



Nein. 



Nein. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



^) j.Unbedingt** ist die Strafverfolgung, wenn die Straftat von 
Amtswegen, also ohne Strafantrag des Verletzten oder seines Ver- 
treters erfolgen m u fi ; „ bedingt" dagegen, wenn sie nur auf Antrag 
Oder untei besonderen Umstanden (z. B. offentliches Interesse) statt- 
findet. 

^) Schutzalter ist das Lebensalter, bis zu dem ein erhohter straf- 



Digitized by VjOOQIC 



843 



Europa. 



5 


6 


7 

Schutzalter^) 


8 


Strafgesetz. 


strafe. 


a 

fiir 

Kinder bis 


b 
dariiber 
hinaus. ') 


Besonderes. 


Code penal 





16. Jahr. 


bis zum 21. 


Bes trailing unter den 


Beige von 






Jahre bei 


gleichen Voraus- 


1867, Art. 372. 






Kuppelei *) setzungen wie der 


373, 379, 385- 








heterosexuelle Ver- 


u. Gesetz vom 








kehr, also falls: 


15. Mai 1912. 








i) offentlich. 

b) gewaltsam. 

c) mit Jugendlichen 
(8p. 7a — Zuchthaus- 
strafe). 


Strafgesetz- 


Gefangnis 
von 6 Mona- 


13. Jahr. 


bis zum 16. 




buch V. 1816, 




Jahr Bestra- 




Art. 214—216, 


ten bis zu 3 




fung, aber 




232. 


Jahren. 




nur auf An- 

trag und bei 

fehlender 

Einwilli- 

gung Oder 

fehlender 

Einsicht d. 

Jugend- 

liclien. 




Strafgesetz- 


Korrektions- 


12. Jahr. 





— 


buch V. 1866, 


haus von 6 








§ 177. 


Monaten bis 
zu 6 Jahren. 








Strafgesetz- 


Gefangnis, 


14. Jahr. 




_ 


buch V. 1871, 


d. i. von 1 








§ 175. 


Tag bis zu 5 
Jahren. 








Zu a): Offen- 


zu a) lebens- 


16. Jahr; 


___ 


Zu a): bei Versuch: 


ces against 


langliches 


bis zul3. 




Zuchthaus bis zu 


the Person 


Zuchthaus. 


erhohter 




10 Jahren. 


Act 1861. 


zu b) Gefang- 


Schutz. 




Zu b): Beihilfe, An- 


Zu b): Crimi- 


nis und 






stiftung, Versuch 


nal Law 


Zwangsarbeit 






unterliegt glei- 


Amdt. Act 


bis zu 2 






cher Strafe. 


1885. 


Jahren. 









rechtlicher Schutz oder — sofern grundsatzlich Strafe nicht ein- 
tritt — iiberhaupt ein Schutz voigesehen ist. 

8) Zu Spalte 7b: Schutz jugendlicher Personen, die nicht mehr 
im Kindesalter stehen. 

*) d. h. derjenige, der eine Person unter 21 Jahren verkuppelt 
wird bestraft. 



Digitized by VjOOQIC 



844 



Staat 



Bestrafnng 

gleichgeschlechtlicheri 

Verkehrs als solchen? 

In welchem Umfange? 



Auch bei 
Franen? 



Strafverfolgnng. 
a 

Unbe- 
dingt? 



Bedingt? 



Frankreioh. 



K e i n e Bestrafung. 



Oriechenland. 



Holland. 



Italien. 



Widernatiirliche Un- 

zucht, d. i. unziichtige 

Handlungen zwischen 

Personen gleichen Ge- 

schlechts. 

Die gleichgeschlecht- 
liche Unzucht zwischen 
Mlindigen und Unmiin- 
digen, aber strafbar nur 
an dem Miindigen, der 
die Unmiindigkeit des 
anderen Teils kennt oder 
vermuten muB. 

K e i n e Bestrafung. 



Laxembarg. | K e i n e Bestrafung. 



Monaco. 



K e i n e Bestrafung. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Bestrafunj^ 
I unter den 
Voraus- 

setzungen 
der Spalte 7 

gnindsStz- 

lich nur auf 

Antras. 

Aber onne 
Antrag. falls 

dffentlich, 
bei nachtei- 
ligenFoleen, 

bei MiB- 
brauch eines 

Autoritflts- 
verhUtnisses 



^) Zu Spalte 7 b bei Frankreich : wie zu Anmerk. 4. Nach Jahr- 
buch I, S. 145 sowie Wachenfeld, S. 67 ist auch derjenige strafbar, der 
selbst die Unzuchthandlungen veriibt. Dagegen aber vgl. Darstellung 



Digitized by VjOOQIC 



845 



Strafgesetz. 




Schntzalter 



a 

fiir 
Kinder bis 



b 
dariiber 
hinaus. 



Besonderes. 



Code p6iial 

von 1810, 

Art. 330 fg. 



13. Jahr. 



Griechisches 

Strafgesstz- 

buch, Art. 

282. 

Strafgesetz- 

buch von 

1881 und Ge- 

setz von 1911 

§ 248 bis. 



Codice penale 
von 1889. 



Gefan^nis 

von minde- 

stens 1 Jahr 

imd Polizei- 

aufsicht. 

Gefangnis 

bis zu 4 

Jahren. 



12. Jahr. 



16. Jahr; 

bis zul2. 

erhohter 

Schutz. 



12. Jahr. 



bis zum 21. 

Jahxe bei 

gewohn- 

heitsmaiii- 

ger Verlei- 

tung zur Un- 

zucht, 

Art. 3345). 



Bestrafung unter den 

gleichen Voraus- 

setzungen wie der 

heterosexuelle Ver- 

kehr, also falls: 

a) offentlich oder so, 
dafi ein anderer die 
Handlung bemer- 
ken kann. 

b) gewaltsam. 

c) mit Jugendlichen. 



bis zum 21 

Jahre (siehe 

Spalte 2) 



a) bei Un- 
zuchtshand- 
lungen mit 
unbescholte- 
ner Person 
bis zum 16. 

Jahre. 

b) bis zum 
21. Jahre 

beiKuppelei. 



Code p6nal 

LuxemDour- 

geois V. 1879. 



Gesetz von 
1874. 



15. Jahr. bis zum 21. 
Jahre (siehe 
Belgien). 



13. Jahr. 



bis zum 21. 
Tahre (siehe 
Frankreich). 



Weitere Bestmfung 

wie bei Frankreich 

(dort Spalte 8). 



Bestrafung unter den 

gleichen Voraus- 

setzungen wie der 

heterosexuelle Ver- 

kehr, also falls: 

a) offentlich od. an e. der 
offentl. Wahmehmung 
ausgesetzten Orte 

b) an Jugendlichen 
(Spalte 7). 

c) unter jgewissen 
Qualifikationen(Ge- 
wait, A bhangigkeits- 
verbal tnis). 

Bestrafung unter den 

gleichen Voraus- 
setzungen wie der 

heterosexuelle Ver- 
kehr (siehe Belgien). 

Desgleichen 
(siehe Frankreich). 



des Strafrechts, Besonderer Teil IV. S. 27, und Urteil des Kassations- 
hofes in Paris vom 9. Marz 1905 (s. Goltdammers Archiv fiir Straf- 
recht 1906, S. 148). 



Digitized by VjOOQIC 



846 



8taat 



Bestrafung 

gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs als solchen? 
In welchem CJmfange? 



Auch bei 
I Francn? 

I 



Strafverfolgung. 



a 

Unbe- 
dingt ? 



Bedingt ? 



Montenegro. 



Norwegen. 



Osterreich. 



Portugal. 



Bnmfinien. 



Bufiland. 



K e i n e Bestrafung. 



Unziichtiger Verkehr 

zwischen Personen 

mannlichen Ge- 

schlechtes (also auch 

wechselseitige Onanie). 



Unzucht wider die Na- 

tur. Darunter fallt nach 

der Rechtspre^hung 

auch wechselseitige 

Onanie. 

K e i n e Bestrafung. 



K e i n e Bestrafung. 



Mannesbeischlaf 
(Mujelojstwo), d. i. coi- 
tus per anum zwischen 
Personen mannlichen 
Geschlechts. 



Nein. 



Nein. 



Wenn 
allge- 
meine 
Buck- 
sichten 
es er- 
fordern. 



Ja. 



Ja. 



Nein. 



Ja. 



«) Bisher nicht ermittelt. 



Digitized by VjOOQIC 



'847 



Digitized by VjOOQIC 



848 



Staat 



Bestrafnng 

gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs als solchen ? 
In welchem Umfange? 



Auch bei 
Frauen? 



Strafverfolgong. 



a 

Unbe- 
dingt? 



b 
Bedingt? 



o 

a, 
a, 

o 



Finnland. 



Schottland. 



Schweden. 



Schweiz. 

A. Die Einzel 
k a n t o n e : 
a) Aargau 



b) Appenzell 



c) Basel (Stadt 
und Land) 

d) Bern 



e) St. Gallen 



f) Glarus 



ff) Luzern 



Widernatiirliche Un- 
zucht. 



i) Sodomie (immissio 
penis in anum). 

b) sonstige unziichtige 
Handlungen zwischen 
Mannem. 

Widernatiirliche Un- 
zucht. 



Unzucht wider die 
Natur. 

Widernatiirliche Wol- 

lust (unnatiirliche 
korperliche Vereinigung) 



Widernatiirliche Wol- 
lust. 



Desgleichen. 



Desgleichen, aber auch 

andere grobunzuchtige 

Handlungen. 

Widernatiirliche Wol- 
lust. 



Unnatiirliche Befriedi- 
^ung des Geschlechts- 
triebes. 



Ja, 



Nein. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 


Ja. 


Nein. 


Ja. 


Ja. 


Ja. 


Ja. 


Ja. 


Nein. 


Ja. 


Ja. 


Ja. 



Digitized by VjOOQIC 



"849 



5 

Strafgesetz. 


6 

Strafe. 


7 

Schntzalter 
a b 

fiir dariiber 
Kinder bis hinaus. 


8 

Besonderes. 

1 


Strafgesetz- 

buch vom 

19. Dez. 1889 

21. April 1894. 


•Gefangnis 

bis zu 
2 Jahren. 


17. Jahr; 
bis zum 
12. und 
15. Jahr 
erhohter 
Schutz. 






Gesetz von 
1887. 


Zuchthaua 

Oder 
Gefangnis. 


12. Jahr. 


"■^ 


Strafbar auch der 
Versuch. 


Strafgesetz- 

buch vom 

16.rebr. 1861 

20. Juni 1890. 

Strafgesetz- 
bucher von 


Gefangnis. 


15. Jahr; 
bis zum 
12. Jahr 
eilhohter 
Schutz. 






1867. 


Zuchtpolizei- 
strafe. 


Mann- 
barkeit. 


— 


— 


1878 u. 1899. 


GeldbuBe und 

Gefangnis 

Oder Zucht- 

haus bis ^u2 

Jahren. 


-"" 


- — 


— 


1872/73. 
1866/67. 


Gefangnis. 

Gefangnis 
bis £u 60 Ta- 
gen Oder Kor- 
rektionshaus 
bid 1 Jahr od. 
GeldbuBe bis 

500 Fr. 


16. Jahr 
bei Ver- 
fiihrung. 

16. Jahr. 


— 


Sbraferhohimg bei 

Not^ucht, Inzest (hier 

auch bei Frauen). 

Sferaferhohung bei 

Abhangigkeitsver- 

haltiiis. Ebenso bei 

Gewaltanwendung. 


1886/99. 


Zuchthaus. 


Mann- 
barkeit. 


— 


-- 


''1899. 


^beits- Oder 
Zuchthaus 

bis zu 
2 Jahren. 


16. Jahr. 


— 


Zu 7a: Zuchthaus bis 

zu 10 Jahren. Solches 

auch bei Zwang. 


• 1860/61. 


Zuchthaus 

bis zu 
6 Jahren. 


16. Jahr. 


21. Jahr. 


Zu 7b: 
Straferhohungen. 
Solche auch bei 

Zwang. 



H i r • c h f e I d , Homosexualitat. 



54 



Digitized by VjOOQIC 



850 



Staat 



Bestrafung 

gleichgeschlechtlichen 

Verkehrs als solohen ? 

In welcliem CJmfange? 



Auch bei 
Frauen ? 



I Strafverfolgung. 






h) Unterwalden 
ob dem Wald 



Unnatiirliche 
Befriedigung des 
Geschlechtstriebs. 



Ja. 



g 



i) SchaffhauBen 
k) Schwyz 

1) Solothurn 
m) Thurgau 

n) Zurich 

o) Zug 

a) Freiburg 



Widernatiirliche Un- 
zucht. 



Befriedigung des Ge- 

schlechtstriebes wider 

die Natur. 



Widernatiirliche Un- 
zucht. 

Widernatiirliche Wol- 
lust. 



Desgleichen. 

Desgleichen. 
Sodomie. 



b) Graubiinden 



Widernatiirliche Un- 
zucht. 



c) Neuenburg Sodomie. 

^) Bisher nicht ermittelt. 



Ja. 
Ja. 

Nein. 
Ja. 

Ja. 

Ja. 
Ja. 



Ja. 



Nein. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



Ja. 



[Auf An- 
trag Oder 
bei Er- 
reffung 
offent- 
lichen 
Arger- 
nisses. 

OffentL 

Aigernis 

schon bei 

Ruch- 

barwep- 
den,son3t 
wie zu a. 

IWie zua. 



Digitized by V:iOOQIC 



861 



54 • 

Digitized by VjOOQIC 



852 



1 11 2 1 3 




4 




Bestrafung 1 , , . 
gleichgeschlechtlichen ^^^h bei 
Verkehrs als solchen? Franen? 


Stralverfolgong. 


Staat 


Unbe- 


b 

Bedingt? 




In welchem Umfange? 


dingt? 


^ ,a) Genf 






















p< 

2 


b) Tessin 
o) Waadt 


K e i n e Bestrafung. 




" 




^. 


d) Wallis 










£. Der neue 


Widernatiirliche Un- 


Ja8). 


Ja. 


— 


, Entwurf. 


zucht des Volljahrigen 

mit einem Minderjahri- 

?en. Strafbar aber nur 

der Volljahrige. 








Serbien. 


A. bisher: 

Keine Bestrafung. 

B. nacli dem Entwurf zu 


-r 


-~ 


— 




Nein. 


— 


Auf An- 




einem neuen Strafgo- 






trag Oder 




setzbuch : Wider- 






mitRuck- 




natiirliche Unzucht 






sicht auf 




des Miindigen mit 






die allge- 




einer mannlichen Per- 






meine 




son von 15 — 21 Jah- 






Sittlich- 




ren. 






keit. 


Spanien. 


Keine Bestrafung. 


' 


• 






TIkrkei. 


Keine Bestrafung'). 









•) Nach der Veigleichenden Darstellung des Strafrechts (Mitter- 
niaier) zweifelhaft. 

*) Fiir die Auslander, die sich in der Tiirkei aufhalten und die 



Digitized by VjOOQIC 



853 



Strafgesetz. 



Strafe. 



Schntzalter 



a) 1874. 



b) 1873. 

c) 1843/44 u. 
1901. 

i) 1858/59. 



Entwiirf 
§ 261. 



Codigo penal 
reformado 
von 1870. 



Strafgeaetz- 

buch von 

1858, Art. 

197, 198, 

202; Ministe- 

rial-Verfii- 

gung vom 25. 

Marz 1874; 

Verordnung 

vom 14. Febr. 

1861 ; Gesetz 

vom 4. April 

1911. 



a 

fur 
Kinder bis 



b 

dariiber 
hinaua. 



Besonderes. 



a) 14. J. 



Gefangnis 
nicht unter 
6 Monaten. 



15. J. 
15. J. 



d) 12. J. 
16. Jahr. 



i) bis zum b) bis zum 13. Jahre 
21. Jahre bei I erhohter Strafschutz. 
Kuppelei. Zu a— d: Bestrafung 
nur, falls mitGewalt, 
offentlich oder mit 
Jugendlichen. 



21. Jahr 

(siehe 
Spalte 2). 



— 15. Jahr.! — 

Gefangnis. 15. Jahr.' — 



12. Jahr.|bis zum 21. 
I Jahre bei 
I Begiinst igg. 
der Unzucht 
I (Kuppelei) 



16. Jahr. I — 



Bestrafung unter den 
gleichen Voraus- 

setzungen wie der 
heterosexuelle Ver- 
' kehr, also: 

a) offentlich. 

b) gewaltaam. 

3) mit Jugendlichen. 

Bestrafung unter den 

gleichen Voraus- • 

setzungen wie der 

heterosexuelle Ver- 

kehr, also : 

a) offentlich. 

b) gewaltsam. 

3) mit Kindern. Straf- 
bar auch, wer sich 
einer jugendlichen 
Person gegeniiber 
unanstandi^er Aua- 
driicke bedient od. 
sie in unanstandi- 
ger Weise beriihrt. 



der Gerichtsbarkeit der Konsulate unterstehen, gilt das Strafrecht 
ihrer Nationaiitat. 



Digitized by VjOOQIC 



864 



Staat 






Bestrafnng 

leichgeschlechtlicfaen 
erkelu*8 als solchen? 
In welchem Umfange? 



Auch bei 
Franen f 



StrafTerfolgmifj;. 

a I b 

^^^"^ Bedingt? 



dingtl 



Ungarn. 



Widernatiirliche Un- 
Eucht. 



Nein. 



Ja. 



Siehe 

Spalte 8 

ktzter 

Absatst. 



B. 



Britisch-Ost- 
indien^o). 



Britisch-Nord- 
borneo nnd 
Labuan^^). 

Ceylon mit 
Maledivon. 



China. 

Cjrpern. 
Hongkong. 



Japan. 



Widernaturlicher Ge- j Ja. 
3chlechtsverkehr (carnal | 
intercourse against the i 
order of nature), aber ' 
penetration is sufficient 
— also immissio penis. 

Widernatiirliche Un- Nein. 
zucht. 



Widernatiirliche Un- 

zucht (wie in Ost- 

indien). 



Paderastie. 



Ja. 



Ja. 



a) fiir die Turken: tiirkisches 

b) im iibrigen gilt englisches 



a) Sodomie mit Men- 
3chen (buggery), d. i. 
anscheinend wie in Eng- 
land immissio penis in 

anum. 

b) Grob unziichtiger 
Verkehr zwischen Man- 

nem. 



Eeine Bestrafung. 



Nein. 



Ja. 



10) YuT die sog. Straits-Settlements (Wellesly, Perak, Malacca, 
Singapore) gilt ein besonderes Strafgesetzbuch vom 9. August 1871, 
das oem Indischen nachgebildet ist und nur unwesentlich von ihm 
abweicht. In den Vasallenstaaten (Native allied States) ist das In- 



Digitized by VjOOQIC 



856 



5 


6 


7 

Schntealter 


8 


Strafgesetx. 


Strafe. 


a 

fiir 

Kinder bis 


b 
daraber 
hinaus. 


Besonderes. 


Strafgesetz- 

buch vom 

21. Juni 1880. 


Gefangnls 
bis zu 1 Jahr. 






Erhohte Strafe bei 

Gewalt, Drohung od. 

todlichem Ausgaage 

Oder bei Unzucht 

zwischen Brudern. 

rjetzterenfalls wird 

aber nur auf Antrag 

der Eltern bestraft. 



Asien. 

Indian Penal 

Code von 

1860/64. 



Indian Penal 

Code von 

1860. 

Penal Code 
von 1883 (wie 
der . Indische 
Penal Code). 

Codex 
von 1727. 



Deportation i 
auf Lebens- | 
zeit Oder Ker-i 
ker bis zu ' 
10 Jahren. i 



Vierwochige 
Einspemmg 
und hundert 
Bambushiebe. 



Recht. 
Recht. 



(Siehe Tiirkei.) 



Ordinance of 

Offences 
against the 
Person 1865. 



a) G^fangnis 
tnit Zwangs- 
arbeit lebens- 
langlich oder 
bis zu 10 Jab 



ren; 



b) Gefangnis 
bis zu 2 Jah- 
ren mit Oder 
ohne Zwangs- 
irbeit. 



Strafgesetz- 
buch v. 1907. 



I Bei wiederholter Ver- 
I urteilung Priigel- 
strafe zusatzlich zu- 
lassig. 



Wie in England. 



Wie in Britisch-Ostindien. 



13. Jahr. 



zu a) Strafbar auch 
der Versuch. 



13. Jahr. 



disohe Strafgesetzbuch teils formell eingefuhrt, teils seinem wesent- 
licheii Inhalte nach in Geltung. 

^^) In Borneo eilt fiir die Eingeborenen das einheimische und 
daa mohammedanische Recht. 



Digitized by VjOOQIC 



856 



Staat 



Bestrafiing ! 

gleichgeschlechtlichen |Auch bf?i 
Verkehrs als eolchen? ■ Franen? 
In welchem Umfange? | 



Stralverlolgang. 
a 

Unbe- 

dingt? 



Bedingt 7 



Niederllindisch- 
Ostindien. 



Persien"). 



Siam^s). 



Sibirien. 
Tongking nnd 
Cochinchina. 
Asiat. Tttrkei. 



Abessinicn. 



Algier. 
Agypten^*). 



K e i n € Bestrafung. 



Gleichgeschlttchtlichcr 

Verkehr (Sodomie, Tri- 

badismus). 



Ja. 



?U) 



Keine Bestrafung. Siehe 
Sp. 8. 



(Siehe Europa 
Fiir Europaer gilt mutmaBlioh 

(Siehe Europa 

c. 



Keine Bestrafung. 



Eb gilt franid 



Das Gesetzbuch lehnt sich an das franzo 



^2) Fiir Europaer diirfte Konsulargerichtsbarkeit gelten, also das 
betreffende Heimatsrecht in Betracht kommen. 

13) Die Angehorigen der meisten fremden Staaten unterliegen der 



Digitized by V:iOOQIC 



867 



5 


6 


7 

Schatzalter 


8 


Strafgcsetz. 


Strafe. 


fur 


b 

dariiber 


Besonderes. 






Kinder bis! hinaus. 




ft) fiir die 





13. Jabr. 


bis 21. Jabr 


Be^tmfung unterden 


Europaer 






bei 


gleichen Voraus- 


Strafgesetz- 






Kuppelei. 


setzungea wie der 


buoh vom 








heterosexuelle Ver- 


10. Februar 








kebr (siebe 


1866. 








Frankr^icb). 


b) fiir die Ein- 










geborenen 










Stralgesetz- 










bnch vom 










6. Mai 1872. 










Das schii- 


Todesstrafe. 


" 


__ 


tn der Praxis wird 


tisch-geist- 
liche Recbt. 


Diese bei 






das geistlichd Straf- 


Frauen aber 


i 


recbt in den letzten 




nur im 






Jabren sehr lax ge- 




viertea Wie- 






bandbabt. Eine Ver- 




derholimgs- 






arteilung wegen des 




falle, sonst 






bier fraglicben De- 
Uktes ist der deut« 




fiir jene 100 








Peitscben- 




schen Gresandtscbaft 




hiebe. 






nicht bekannt ge- 
worden. 


Siamesisches 


— 


12. .Tahr. 





Strafbar der Verkehr 


Strafgesetz- 








a) mit Kindem 


buch. 




* 




(Spalte 7 a), 

b) unter Gewalt od. 
Drobung, 

c) mit Abkommlin- 

een. 


— RuBland.) 






frarixosiscbes 


Reohti*). 









— Tiirkei.) 

Afrika. 



— . N^acb dem G^setzes- 
kodex Fetha NegesI 

(d. i. „K6nigs- 
gesetze") steht aller- 
dings auf den gleicb- 
^eschlechtlichen Vexw 
kehr die Todesstrafe^ 
nacb Gewobnheits- 
recht bleibt er aber 
straflos. 
siscbes Recht. 
Gesetzbucb 
von 1883. 

s i s c h e Strafrecht an, also grundsatzlich keine Bestrafung. 

" — ' ■ ■ ' i 

Konsulargerichtsbarkeit, es gilt fiir sie daher ihr Heimatsrecht. 
1*) Naheres war bislang nicbt zu ermitteln. [nalitat. 

15) Die Europaer unterstehen daselbst dem Strafrechte ihrer Natio- 



Digitized by V:iOOQIC 



858 



1 
Staat 


2 

Bestrafang 

gleichgeschlechtlichcn 
Verkehrs als solchen 7 
In welchem Umfange ? 


Auch bei 
Franen? 


4 

Strafverfolgang. 

ai^V. Bedingt^ 


BritfBch-OstafHka. 


Die Nicht-Eingeborenen stehen unter Konsular 


Deutsche 
Sehntzgebiete 

(Ostafrika, Sud- 

Westafrika, Togo^ 

Kamerun). 


Deutsohes Strafrecht. 

Dies gilt aber fiir die Eingeborenen, d. h. die 
nur, soweit sie der deutschen Gerichtsbexkeit beson 


Engl. Kolonion: 

a) Goldkiiste 
(Oberguinea), 

b) Ascension/^ 
Gambia, St. He- 
lena, Lagos, 

Sierra Leone. 


Im wesentlichen wie in England. 


Kapland. 


Sodomie, d. h. der ge- 

schlechtliche Verkehr 

Yon Mann mit Mann 

(auch gegenseitige 

Onanie). 


Nein. 


Ja. 




Kongostaat. 


Anlebnung an das Belgi 


sche Strafgesetz yon 1867. 


Madagaskar. 


Es gilt franzosisches Becht. 


Marokko 

(soweit es dem 
franzosischen 
Protektorat 
untersteht). 


Fiir Europ&er ist das Strafrecht naoh Art des 


Natali«) 


Geschlechtliche Hand- 

lungen zwischen Man- 

nern (Vornahme wie 

auch Duldung solcher 

' Handlungen). 


Nein. 


Ja. 




Oranje-Freistaat. 


Das zur Zeit der Anste 


lung engiischer Bichter im 


Sudan. 


Im wesentlichen wie in England. 


Tonis. 


Fiir Europaer franzosisches Becht. 


TranfTaal. 


Geschlechts verkehr 
unter Mannern. 


Nein. 


Ja^O. 


1 - 



16) Die Angaben l>eruhen auf privater Auskunft: Damit stimmt 
im wesentlichen uberein die Auskuuft des deutschen Konsulates iiber 



Digitized by VjOOQIC 



869 



Strafgesetz. 



6 

strafe. 



Schntzalter 

a I b 

fdr dariiber 

Kinder bis I liinaus. 



Besonderes. 



gerichtsbarkeit ; es gelten also die verschiedenen nationalen Rechte.. 

heimischen Stamme und die Angehorigea sonstiger farbigen Stamme 
ders unterstellt sind. 



a) The Cri- 
minal Code 

1892, 

b) Common 
Law. 



Common Law 
of South- 
Africa. 



Verordnung 
vom 7. Jan. 

1886 und 
26. Mai 188a 



Im wesentlichen wie in England. 



Todesstrafe, 

aber nach Er- 

messen des 

Gerichts 

leichtere 

Strafe. Letz- 

teres regel- 

maO. Praxis. 



Es gilt franzosisches Recht. 



in Frankreich geltenden Code p6nal geregelt. 



Akt 22 
von 1898. 



Freiheits- 

strafe bis za 

1 Jahr mit od» 

ohne Zwangs- 

arbeit. 



Kaplande giiltige Hollandisch-Romische Recht (siehe oben Kapland). 



Penal code 
1899. 



Order 16 von 
1908. - 



Im wesentlichen wie in England". 



Zuchthaus bis 

zu 2 Jahrcn 

und Ruten- 

streiche 

bis 24. 



Nach Order 46 von 
1903 ist die Prostitu- 
tion als solche in 
^leicher Art strafban 



die herrschende Praxis, wahrend theoretisch die cnglischen Straf- 
bestimmungen iiber Sodomie noch zu Recht bestehen sollen. 
1') Bisher noch nicht festgestellt. 



Digitized by VjOOQIC 



860 



8taat 



Bestrafnng 

gleichgeschlechtlichen [A^uch bei 
Verkehrs als solchen? Fraucn? 
lu welchem Umfange ? \ 



D. 

I. Nord- 



StrafrerfolgiiDg. 



Kanada. 



Mexikoi8). 

(Der Biindes- 

distrikt u. Terri- 

torium Nieder 

kalifomienX 



New York. I 



Die andern Staa- 

ten and Terri- 

torien der Ver- , 

einigten Staaten i 

von Nord- ; 

amerikai9)20). 



Im wesentlichen wie in England. 



K e i n e Bestraf ung. 



Verbrechen wider die 
Natur. (Es geniigt je- 
des, wenn auch noch so 
geringes Eindringen in 
anum, aber auch immis« 
sic in. 08.) 

Sodomie, d. i. fleisch- 
liche Verbindung per 
anum — in einzelnen 
Staaten (Georgia, Loui- 
siana, Wisconsin) auch 
anders als per anum; 
insbesondere auch im- 
missio in os in Louisiana 
und Wisconsin. 



Ja. 



In 
Texas. 



Ja. 



Ja (7). 



Wie in England. 



II. Zetitral- 

Die zn England 
gehOrigen Kleinen 
AntiUen (Barba- 
dos, Trinidad, 
Windward- Inseln, 
Tobago). 

i«) Die Mehrzahl der Einzelstaaten des Bundesstaates Mexiko 
haben ein gleichlautendes oder nur unwesentlich abweichendes Straf- 
gesetz angenommen. 

") In Iowa, Ohio, Texas ist die Sodomie erst in neuerer Zeit 
unter Strafe gestellt. 

20) Die Angaben hierzu beruhen auf der Cvclopedia of Law and 
Procedure, William Mack L. L. D. Der Artikel "beriicksicht zwar aus- 



Digitized by VjOOQIC 



861 



Amerika. 

Amerika. 



5 


6 




7 


8 


' 


Schntzalter 




Strafgesetz. ' Strafe. 


a 

fiir 


b 

dariiber 


Besonderes. 






Kinder bis 


hinaus. 




Crimmal 





14. Jahr. 


■ 





Code von 










1892. 










Strafgesetz- 


— 


14. Jahr. 


Bis 


Bestrafung des An- 


buch von 






18. Jahr bei 


griffs gegen das 
Schamgeiiihl ; er- 


1871. 






Kuppelei. 










hohte Strafe, wenn 
sich der Angriff ge- 
gen einen Jugend- 


















lichen richtet. 










(Spalte 7a.) 


Strafgesetz- 


Einsperning 


— 


— 


— 


bucn von 


von 6—20 








1881. 


Jahren. 








§§ 303 fg. 










In den mei- 


Freiheitsstra- 




__ 


a) Der Versuch ist 


sten Staaten 


fen (Gefang- 






strafbar. 


besondere Ge- 


nis od. Zucht- 






b) In einzelnen Staa- 


seize. Sonst 


haus), u. z^. 






ten (Connecticut^ 


das alte Hecht 


teils zeitige 






Wisconsin) wM, 


von England 


von langerer 






wenn der eine TeU 


(common law) 


Dauer, teils 






ein Kind ist (boy 


unter Beriick- 


aufLebenszeit. 






of tender age) nur 


sichtigung 


Verelnzelt 


i 


der Erwachsene be- 


der 


auch Geld- 


J 


straft. 


ortlichen Ver- 


strafen. In 








haltnisse. 


Texas fiir Per- 

sonen unter 

16 Jahren Er- 

ziehungs- 

anstalt. 









Amerika. 



driicklich nur 23 Staaten der Union, doch soil das in den anderen 
Staaten gultige Recht in der hier firaglichen Materie keine wesent- 
liche Verschiedenheit aufweisen. Die in dem Artikel beriicksichtigten 
Staaten sind auBer New York f olgende : Alabama, California, Connecticut. 
Georgia, Illinois, Indiana, Iowa, Kentucky, Louisiana, Massachusetts, 
Maryland, Michigan, Missouri, Montana, North-Dakota, Ohio, Pennsyl- 
vania, Texas, Virginia, Vermont, Washington, Wisconsin. 



Digitized by VjOOQIC 



862 



Staat 



Bestrafnng | , , . 

gleichgeschlechtlichen jAuch bei a 

Verkehrs als solchen? iFrauon?! Unbe- 

Id welchem Umfange? | | dingt ? 



StrafTerlolgimg. 



Bedingt? 



S. Domingo. 



Gnatemala. 



Haiti. 



Argeatiniea. 



Bolivia. 



Brasilien. 



Siebe Frankreicb. 



Eeine Bestrafung. 



Eeine Bestrafung. 



Widernatiirlicbe Un- 
zucbt (sodomia). 



Eeine Bestrafung. 



Eeine Bestrafung. 



2>) Bisber nocb nicbt ennittelt. 



?«) 



UI. S6d- 



Ja. 



Digitized by VjOOQIC 



868 



Stralgesetz. 



6 

Strafe. 



Schutzaltor 



a 

fiir 
Kinder bis 



b 
dariiber 
hinaufl. 



Besonderea. 



Code p6nal 

umgearbei- 

tet, veroffent" 

licht 1884. 

Stiafgesetz- 

buch Yom 

15. Februar 

1889. 



Strafgesetz 
von 1866. 



Atneiika. 

C6digo penaJ 

von 1886. 

§ 129. 



C6digo penal 

vom 3. No^. 

1834. 

Gesetzbuoh 

vom 11. Okt 

1890. 



Siehe Frankreich. 



12. Jahr. 



Minderjah- 
rigkeit bei 
Kuppelei. 



Siehe Spalte 8. 



Bestraf ung : 

a) falls mit Eindern 
(Spalte 7a). 

b) bei Grewalt oder 
Einschiicbtening. 

o) beiUnzurechnunRs* 
fahigkeit des anae* 
ren Teiles. 

Stiafbar: 

a) Erregung offent^ 
lichen ibqgernisses 
diirch Unzucht. 

b) Sodomie oder Pa* 
derastie mit J u- 

fendlichen za 
em Zwecke, Aus- 
schweifung odef 
Verderbnis hervoiv 
Burufen oder zo 
fordem. 
o) Au&eizungJugenc^ 
licher zur Aos* 
Bchweifung. 



Die Strafe f iii 

Notzucht, d. L 

1—6 Monati 

Haft Oder 

3—6 Jahre 

Gefangnis. 



12. Jahr. 



12. Jahr. 



12. Jahi; 



Bis 21. Jahr 

bei 

Kuppelei. 



Siehe Spanien und 
Portugal. 

Bestrafung nur 

a) bei offentlichec 
Schamverletzung ; 

b) der mit Gewalt 
oder m o r a I i- 
scher Vergif- 
t u n ^ begangene 
Angriff an das 

Schamgefuhl 
(Zuchthaus). 



Digitized by VjOOQIC 



864 



Staat 



Bestrafnng i , , .1 Stralverfolgung. 

gleichgeschlechtlichen |Aucli bei a lb 

Verkehrs als solchen? i Frauen? Unbe- Ti^^^.^o-f* 

In welchem Umfange?| | dingt? [^^Q^^^- 



ChUe. 



Columbia. 



Sonador. 



Falklanda- 
Inseln. 

Niederlftndisch- 
Oaayana 
(Surinam) 
u. Curasao. 



Paraguay. 



Pern. 



Sodomie. 



Der geschlechtliche Ver- 

kehr zwischen ©rwach- 

senen Personen dessel- 

ben Geschlechts. 



PS^erastie. 



Ja. 



Ja. 



Nein. 



Ja. 



Englisches Recht. 
K e i n e Bestrafiing. 

E e i n e Bestrafung. 



SodomiB (sodomfa). 
UmfaBt anscheinend so- 
wohl Paderastie — im 
Cregensatze zu Bestiali- 
tat — als auch wider- 
natiirliche Unzucht zwi- 
schen Mann und Weibi 



Nein (7). 



22) Bisher noch nicht festgestellt. 



Digitized by VjOOQIC 



865 



5 


6 


7 

Schutzalter 


8 


Strafgesets. 


Strafe. 


a 

fiir 
Kinder bis 


b 
dariiber 
hinaus. 


Besonderes. 


Gesetzbuch 


Zuchthaus. 


12. Jahr. 


Bis 20. Jahr bei 


Strafbar auch die 


von 1874. 






MiUbrauch 
in unzuchti- 

ger Weise, 

Strafe abet 

geringer ais 

zu 7a. 


Verletzung 

des Schamgefiihls 

Oder der guten 

Sitten duxch Hervoiv 

rufung schweren Ar» 

gemisses. 


Gesetzbuch 


Gefangnis 


Mann- 


Bis 16. Jahi 


a) Erhohte Strafe bei 


vom 18. Okt. 


von 


bax- 


bei Ver- 


Betrug, Verfiih- 


18m 


3—6 Jahreu. 


keit [d. i. 

bis 12. 

Jahr (?). 


fiihriing. 


rung, Boswilligkeiti 
b) zu Spalte 7a: 
Zuchthaus von 3 
bis 6 Jahren; der 
Gesch&echtsunreife 
selbst bleibt straf- 
los. 


Gesetzbuch 


Zuchthaus 


14. Jahn 


Bis 21. Jaht 


_^ / 


vom 9. Sept 


von 




bei 




1890. 


4—16 JahreiL 




Kuppelei. 





Englisches Recht. 



Straf gesetz- 
buch vom 
1. Mai 1869. 



Gesetzbuch 

vom 21. Juli 

1880. 



— I 13. Jahr. 



16. Jahi; 



C6digo penal 
vom 23. S.pt. 
1862, Art. 27a 



722) 



Bis 21. Jahr 

bei 

Kuppelei. 



Bis 20. Jalit 



aber nur fiir den Fall 



bei Ge 

waltan- 
wendung, 
Erhohter 

Schutz 
fiir die- 
sen Fall 
bis zu 11 

Jahren. 

12. Jahc 



der Ver- 
fiihrung. 



Bestrafung nur unter 
den gleichen Voraus- 
setzungen wie der 
heterosexuelle Ver- 
kehr (siehe 
Frankreich). 

Im iibrigen siehe Spj^ 
nien und Portugal. 



Siehe Spanien und 
Portugal. 



Hirschfeld, Homosexualitilt. 



55 



Digitized by VjOOQIC 



866 



Staat 



Uruguay. 



Venezuela. 



Bestrafung 

gleiohgeschlechtlichen 
Verkehrs als solchen ? 
In welchem Umfaage? 



Auch bei 
Frauen? ! 



K e i n e Bestrafung: 



K e i n e Bestrafung. 



Strafverfolgung. 
a 

Unbe 



dingt? 



b 

Bedingt ? 



QueenBland. 



Sfid-Australien. 
Neu-Sfld-Wales. 



Tasmania. 
Victoria. 



E. Australien 

Im wesentlichen wie in England. 



Im wesentlichen wie in England. 



a) Paderastie (buggery^, 
d. i. immissio penis 
in anum, 

b) jeder sonstige un- 
ziichtige Angriff auf 
iemand — auch bei 
JEinverstandnis des 

letzteren. 



Nein. 



Nein. 



Nut in 

ganz be- 

sonderen 

Fallen 

von 

Amts- 

wegen ; 

sonst auf 

Anzeige. 



Im wesentlichen wie in England. 



a) Paderastie (buggery), 
d. i. immissio penis 
in anum, 

b) jeder sonstige un- 
ziichtige Angriff auf 
jemand ohne desseii 
Einwilligung. 



Nein. 



C?)**). 



(0^*)- 



23) Nicht mit Sicherheit ermittelt. 



Digitized by VjOOQIC 



867 



und Ozeanien. 

Crimanal I Im wesentlichen wie in England. I Wenn der aktive Teil 
Code 1899. f ! unter 14 Jahre alt 

ist, der passive da- 

gegen erwachsen, 

bleiben b e i d e 

straflos. 



New South zu a) Zucht 

Wales Cri- haus aiif Le- 

Qies Act 1900 bensdauer od. 

Art. 79—81. jaiif Zcit, letz-' 

t ere n falls 

mindestens j 

auf 6 Jabre. 

zu b) Zucht- 1 

haus bis I 

zu 5 Jahren. 



1 



zu a) der passive 
Teil bleibt straflos, 
wenn er unter 14 
Jahre alt ist. Zwei- 
felhaft ist, ob der 
aktive Teil, falls 
unter 14 Jahre, be- 
st raft werden kann ; 
zu b) strafbar auch 

der Versuch, mit 

Zuchthaus, bis zu 5 

Jahren. 



Im wesentlichen wie in England. 



Crimes Act 

1890. 
.Art. 58—60. 



zu a) Ge^ng- 14. 
nis bis zu 51 
Jahren. Bei 

fehlendem 
Einverstand- 
nis des an- 
! dern Teils 
' Oder, falls 
dieser unter 
I 14 Jahren, 
' Todes- 

strafe. 

jzu b) Gefang- 

nis zis zu 10 

Jahren. 



Jahr.l 



Der Versuch ist 

strafbar. Strafe: Ge- 

fangnis bis zu 

10 Jahren. 



2*) Konnte bislang nicht festgestellt werden. 



55' 



Digitized by VjOOQIC 



868 



Staat 



Bestrafiing | , , J Strafverfolgung. 

gleichgeschlechtlichen A^ich bei, ^ 



Verkehrs als solchen? 
In welchem Umfange? 



Franen? 



Unbe- 

dingt? 



b 

Bedingt ? 



West-Anstralien. 



Im wesentlichen wie in England. 



Neu-Seeland. 



jJede mannmannliche se- 
xuelle Betatigung. 



Neu-Guinea 

(Deutsches 

Schutzgebiet) und 

MarschalMnseln 

Die anderen deut- 

Bchen Schutz- 

gebiete : 

Samoa, Carolinon, 

Marianen. 



Nein. 



Ja. 



Deutsches Strafrecht. Gilt aber fiir die 
Stamme nur unter Benicksichtigung 



Deutsches Strafrecht. Gilt aber fiir die 
Stamme nur, soweit sie der deutschen 



Weit mehr Homosexuelle als dem Strafgesetz zum Opfer 
fallen, werden durch ihre Veranlagung frliher oder spater aus 
ihrer gesellschaftlichen Stellung, Hirer Laufbahn, und damif 
nur allzu oft aus ilirer Lebensbahn gerissen. Schon wahrend 
der Schuljahre kommt es bisweilen vor, dafl kaum dem 
Knabenalter entwachsene Jiinglinge von ihrer Lehranstalt, be- 
sonders von hoheren Schulen, Internaten, militarischen Er- 
ziehungsinstituten gleichgeschlechtliciher Betatigung — meistens 
gegenseitiger Onanie — halber fortgejagt werden. 

Da seiche Akte auf dieser Entwicklungsstufe in der Zeit des noch 
undifferenzierten Geschlechtstriebes sowohl von spater hetero- wie 
homosexuellen Jungen und Madchen in Unzahl vorgenommen werden, 
kann man allerdings kaum je mit Bestimmtheit entscheiden, ob nun 
gerado in dem e i n e n Fallc, den ein Zufall zur Kenntnis der Lehrer 
gebracht, wirklich homosexuelle Anlage vorlag oder nicht. Geahndet 
wird flchon in diesem Stadium weniger die Tat, als „das Pech", 
ein ungliicklicher Nebenumstand, der zum Verrater wurde. Welche 
„Griinde" nicht selten bei der Schulverweisung maBgebend sind, hat 
niemand besser als Mirbeau in „ Sebastian Roch" geschildert. Aus- 
gesprochener . liegen die Verhaltnisse schon in der spateren Vor- 
bereitungszeit auf den Beruf, fiir (den Akademiker wahrend der Stu- 
dentenzeit, fiir den Offizier wahrend der Fahnrichszeit und auf Kriecs- 
schule, fiir den angehenden Kaufmajin oder Handwerker wahrend der 
spateren Lehrlings-, Volontar-, Gehilfen- oder Gesellenzeit usw. In 
diesem Alter pflegt der Geschlechtstrieb meist bereits differenziert 
und der homosexuelle Verkehr vielfach schon so verpont zu sein, 
daB, abgesehen von der Hingabe aus Gewinnsucht oder Gefalligkeit, 
fast nur homosexuell Veranlagte eine gleichgeschlechtliche Betatigung 
vornehmen. Dieses Wagnis ist um so groBer, je scharfer der Kasten- 



Digitized by VjOOQIC 



869 



5 

Strafgesetz. 


6 

Strafe. 

1 


7 

Schntzalter 
a b 
fiir dariiber 
Kinder bis 1 hinaus. 


8 

Besondereg. 


Criminal 
Code V. 1902. 

Criminal 
Code V. 1803 
u. Gesetz v. 

1912/13. 


Siehe 
EnglaacL 

Zuclithaus 

nicht unter 

10 Jahren u. 

Priigelstrafe 

von 25—50 

Hieben. 


14. Jahr. 
16. Jahr. 




— 



Eingeborenen und die Angehorigen anderer farbiger 
des Opportunitatsprinzipes. 



Eingeborenen und die Angehorigen anderer farbiger 
Gerichtsbarkeit besonders unterstellt sind. 



geist in der Gesellschaftsgruppe, welcher der Betreffende angehort, 
ausgepragt und je strenger die Aufsicht und Beobachtung ist, denen 
er unterliegt. Beides pflegt in den meisten Fallen zusammenzutreffen 
und tritt in den Kreisen, die bewuBt eine gewisse Exklusivitat wahren, 
am starksten hervor. Es erscheinen demnach in dieser Periode der 
angehende Offizier (Junker oder Fahnrich) und der einer Korporation 
angehorende Student besonders gefahrdet. In der Tat kommen meiner 
Erfahrung nach in diesem Lebcnsabschnitt homosexuelle Skandale 
auch besonders haufig gerade in diesen Kreisen vor und treffen den 
Beteiligten nm so schwerer, als der AusschluB aus Heer, Marine 
Oder studentischen Korps fiir ihn in den meisten Fallen den Verlust 
seiner sozialen Stellung, haufig auch der Achtung und Liebe seiner 
Familie nach sich zieht. Manche duxch derartige Verbal tnisse bedingte 
erschiitternde Tragodie habe ich im Laufe der Jahre beobachtet. Es 
wiirde zu weit fiihren, Beispiele dieser „Entgleisungen** anzufiihren. 
Nicht selten ist es vorgekommen, ^B die Eltern, das Offizierskorps 
Oder die studentische verbindimg erst dadurch, daB der betreffende 
junge Mann seinem Leben ein Ende machte, auf seine Veranlagung und 
dadurch auf das Bestehen der Homosexualitat iiberhaupt autmerksam 

femacht wurden. Unter den zirka 750 Direktoren und Lehrern hoherer 
rehranstalten, welche die Petition fiir die Aufhebung des Urningspara- 
graphen unterschrieben, begleitete einer, der seinen Sohn verloren 
natte, seine Unterschrift mit folgenden Worten: „Noch bei der Er- 
orterung des Falles Krupp gehorte ich, vollig unbekannt mit der hier 
in Rede stehenden Materie, zu denen, die an die Notwendigkeit des 
§ 176 glaubten. Erst jiach dem T.ode eines edlen, fiir das Schone, Wahre 
und Gute begeisterten Jiinglings, dem die Entdeckung kontrarsexueller 
Neigungen den Revolver in die Hand driickte, sind mir die Augen iiber- 

§egangen und aufgegangen. Ein schwergebeugter Vater dankt 
em Wissenschaftlich-humanitaren Komitee «0 fiir sein menschenfreund- 
liches Wirken!" 



68) Cf. „Was soil d. Volk v. dritten Geschlecht wissen?" Leipzig. 
1914, p. 8f. 



Digitized by VjOOQIC 



870 

Ist eine derartige Katastrophe eingetreten, pflegt in vielen 
Fallen den Angehorigen unter der Einwirkung der tragischen 
Erschtitterung die Eigenart des armen Opfers erst verstandlich 
zu werden. Anders liegt die Sache, vertraut sich der junge 
Mann, bei Lebzeiten, unter dem Drucke der Verhaltnisse den 
Seinen an. Nur in Ausnahmefallen begegnet er bisher voUem Ver- 
standnis seitens der El tern oder auch nur dem guten Willen, sich 
objektiv mit der in Betracht kommenden Materie zu beschaf- 
tigen. Meist wird kategorisch die Forderung gestellt, der Be- 
treffendo solle sich „andern" oder „bessern", die er sich ver- 
geblich zu erfiillen bemliht,' bis sie ihn zur Verzweiflung treibt, 
oder endgiiltig von seiner Familie trennt. — Viele Angehorige 
denken wie der Gerichtsprasident, der einem Angeklagten, als 
er seine ungltickliche Veranlagung schilderte, erwiderte: „Sie 
haben einfach nicht homosexuell zu sein." 

Ausnahmen bestatigen die Kegel. So konnte ich mehrfach er- 
leben, daB Vater mit groBter Eneargie fiir ihre homosexuellen Sohne 
eintraten, und habe daoei besonders einen angesehenen Kollegen im 
Sinne, dessen Sohn, der ebenfalls Arzt ist und dem gleichen Korps 
wie sein Vater angehorte, gleichgeschlechtlicher Veranlagung bzw. 
Betatigung halber von seiner Verbindung a-usgeschlossen wurde. Er 
vertrat seine Rechte in einer iiberaus sachlich ausgearbeiteten Recht- 
fertigungsschrift dem Kosener S. C. gegeniiber, wobei er von seinem 
Vater durch ein Promemoria nachdriicklichst unterstiitzt wurde ^Sa). 

Eine ganz ahnlich gehaltene Denkschrift hat vor einigen 
Jalii'en ein alter Vater der kurlandischen Ritterschaft, aus der sein 
Sohn wegen homosexueller Neigungen ausgeschlossen werden sollte, 
iiberreicht. 

Mit dem Eintritt ins Berufsleben vermehren sich naturge- 
mfiU die Gefahren ftir den Homosexuellen, und zwar ist seine 
Lage um so kritischer, je strenger das ehrengerichtliche Ver- 
fahren in dem betreffenden Stande ausgebildet ist. Obenan steht 
hier das Offizierskorps mit eeinen besonders scharf f ormu- 
lierten, in Satzungen und Institutionen festgelegten Ehrbegriffen. 

Ich erwahnte die hier bestehenden Gefahren im Hinblick auf 
den jungen Offizier. Aber auch weiter hinauf in der Stufenleiter der 
militarischen Dienstgrade kommen disziplinarische und ehrengericht- 
liche Bestrafungen Homosexueller prozentuell haufiger vor, als in 
iigendeinem anderen Stande. So gingen binnen kurzem der englische 
General Macdonald, der als Liebling seiner Soldaten „The 
fighting Mac" genannt wurde, und der amerikanische Admiral Barry 
in den selbstgewahlten Tod, weil gegen sie der Verdacht homosexueller 
Betatigung geauBert wurde, und an deutschen Offizieren, die gleiches 
aus gleichem AnlaB taten, ist kein Mangel. 

Als ich einmal an einem Oberkriegsgericht ein Gutachten iiber 
einen Oberleutnant zur See abzugeben hatte, der nach meinem Dafur- 
halten ohne Grund beschuldigt war, einem Matrosen „zu nahe ge- 



68a) Cf. Monatsberichte des W.-h. Komitees, 1905. 



Digitized by VjOOQIC 



871 

kommen zu sein", sagte mir der zur Verteidigung bestimmte Kapitan- 
leutnant: „Es ist wirklich ein Jammer, wie viele unserer tiichtigsten 
und fahigsten Offiziere wir infolge homosexueller Sachen verlieren." 
Dabei kann man sich kaum vorstellen, wie schwer es einem Offizier, 
der wegen Homosexualitat verabschiedet ist, gemacht wird, einen ehr- 
lichen Erwerb zu finden. Selbst im Auslande, selbst dort, wo keine 
Gesetze gegen Homosexuelle vorhanden sind, fiihlen sich die offiziellen 
Vertreter des Deutschtums nioht selten bemiiUigt, durch Bekaantgabe 
seiner homosexuellen Neigungen ersohwerend in seine Existenz ein- 
zugreifen. 

Ahnlich wie im Of f izierskorps liegen die Verhaltnisse im B e - 
amtenstande. Auch hier bezif f ert sich die Zahl braiielil)ar6r 
Manner in h5heren und mittleren Staatsstellungen, die den 
iiber die Homosexualitat ver'breiteten Anschauungen zum Opfer 
fallen, nach Hunderten. 

Viele schtitzen, sobald sie die Anwartschaft auf eine halb- 
wegs auskSmmliclie Pension haben ,,allgemeine NerVenscliwache*' 
vor, um ihre Entlassung nachzusuchen, bevor sie womoglidi ohhe 
Pension verabschiedet werden. In Wirklichkeit konnten sie ihren 
Staatsposten noch sehr gut ausfiillen. Andere schlagen iHnen 
angebotene Stellungen, auf deneij sie vermutlich Ausgezeichnetes 
leisten wlirden, wegen ihrer homosexuellen Neigungen von vorn- 
herein aus. So kenne idi einen Fall, in dem ein hervorragender 
Beamter einen hohen Posten, flir den er besonders geeignet war 
und zu dem er sidi an und flir sich auch sehr hingezogen fiihlte, 
angeblich aus Gesundheitsriicksichten, in Wirklichkeit aber ledig- 
lich mit Hinblick auf seine Homosexualitat ablehnte; er sagte 
sich, je hoher die Stelle sei, in der er sich befande, um so groBer 
ware die Gefahr (Bilder in illustrierten Zeitungen), daB das 
tiefe Geheimnis, mit dem er eine Anlage und Betatigung umgab, 
geltiftet werden konne. 

Aber selbst in den „freien Berufen" herrschen in diesem Punkte 
oft febenso rigorose wie kuriose Ehrbegriffe; sie kommen — soweit 
diese Berufe, wie der A r z t e - und Anwaltstand — sich' korpora- 
tiver Standesvertretungen erfreuen, bisweilen in recht drakonischen Ent- 
scheidungen zum Ausdruck. So erklarte es beispielsweise in Sachsen 
ein arztliches Ehrengericht fiir mnstatthaft, daB ein Arzt einen Homo- 
sexuellen irgendwie als Gehilfen beschaftigte. Im Klerus ist die Be- 
handlung „homo8exueller Fragen" in den Lagem der einzelnen Kon- 
fessionen etwas verschieden. Wahrend die katholische Geistlichkeit, 
so schrofl sie die Homosexualitat in der Theorie verdammt, in der 
Praxis den einzelnen homosexuellen „gefallenen" Kleriker nach Mog- 
lichkeit deckt und oft dadurch schiitzt, daU sie ihn in einem Kloster 
verschwinden lafit, befolgt die evangelische Theologie mehr den Modus 
des Beamtenstandes imd entledigt sich ihrer homosexuellen Glieder, 
soweit sie ihr bekannt geworden sind, durch AusstoBung. Der Schade, 
den nutzbringende Homosexuelle durch die Vernichtung ihrer Existenz 
erleiden, wird nicht n\ir ihnen, sondern in erhohtem MaBe dem Teil 
der Menschheit ziagefiigt, dem sie von Nutzen wareii. Garpenter^^) 

«») Carpenter, Das Mittelgeschlecht, p. 116. 

Digitized by VjOOQIC 



872 

fiihrt folgendes gute Beispiel an: „Em armer Junge erzahlte mir eia- 
mal mit Tranen im Auge, wie viel Gutes ein Mann fiir ihn getan 
habe. Dieser habe ihn aus der Gewalt truaksiichtiger Eltem gerettet, 
ihn aus dem Sumpfe hervorgeholt und ihm mit Unterstutzung einer 
Gesellschaft ins Leben herausgeholfen. In derselben Weise soil er auch 
andere zu Dutzenden gerettet haben. Aber bei einer solchen Gelegen- 
heit wurden ihm Schwierigkeiten bereitet; man bezichtigte ihn un- 
gehoriger Vertraulichkeiten. Keine Kechtfertigung, kein Hinweis auf 
seine nutzliche Wirksamkeit hatten Erfolg. Jedes leere Gewasch, 
jede Verleumdung wurde geglaubt, jede niedrige Absicht untergeschoben, 
und es blieb ihm zuletzt nichts iibrig, als seine Stellung aufzugeben. 
Sein Lebenswerk war zerstort, um nie wieder aufgebaut zu werden." 
Da nach heutigen Ehrbegriffen Personen tatsachlich durch die 
Nachrede der Homosexualitat leicht „die Ehre abge- 
schnitten" werden kann, ist es wohl zu verstehen, wenn auch 
Gerichte wiederholt eine 'solche Nachrede mit schweren Strafen 
ahndeten. Gab es doch, wie wir sahen, friiher in manchen Landem 
besondere Gresetze, die, selbst dort, wo die gleichgeschlechtliche Be- 
tatigung als solche n i c h t strafbar war, Personen unter Strafe stellten, 
welch e unschuldige Leute der Paderastie beschuldigten (z. B. West- 
g6tagesetz:buch. Ketlosoe Balk Kap. 5 § 2). Man sollte allerdings 
bei der Straf zumessung beriicksichtigen, ob der Angeklaete, der 
jemandem Homosexualitat nachsagte, sich noch im Banne alter un- 
naturwissenschaftlicher Anschauungen befand oder auf ;dem Boden 
moderner Sexualforschung stand, die in der homosexuellen Natur- 
anlage keinen Makel sieht. In iiberzeugender Weise hat L o e w e n - 
f e 1 d^o) bereits 1907 dies klargelegt, und auch ich'<>) habe unter Hin- 
weis auf den BeleidigungsiprozeB Biilow-Brand ausein- 
andergesetzt, daB man logischerweise einem wegen Beleidigung An- 
geklagten zugute halten miiBte, ob er in der Homosexualitat einerj 
Schimpf sieht oder, wie es bei Brand der Fall war, die Homosexualitat 
stets als eine gute und schone Gefiihlsrichtung gefeiert hat. Auch 
die Zumutung homosexuellen Verkehrs ist oft als Beleidigung auf- 
gefaBt, ebenso wie Antrage heterosexueller Manner an Madchen und 
Frauen oft als solche geahndet wurden. Immerhin ist in Betiacht 
zu Ziehen, ob der Gekrankte auch wirklich den Antrag als 
Beleidigung angesehen hatte. Es sind namlich des ofteren Falle 
vorgekommen, wo jemand eine sexuelle Handlung an sich vornehmen 
lieB und erwiderte, ja sogar provozierte und „post festum" Anzeige 
wegen Beleidigung erstattete. In manchen dieser Falle erklaren sich 
die Betreffenden spater gegen hohe Entschadigung bereit, den Straf- 
antrag zuruckzunehmen, so daB der Gedanke an ,,verkappte Erpressung" 
nicht fern liegt. 

Die schwerste Verfolgnng, die die Homosexuellen isu er- 

leiden haben, geht allerdings nicht von den genannten Faktoren, 

sondern von ^anz anderer Stelle au^. Auf 10 Homosexuelle, die 

dem Gesetz verfallen, kommt, wenig gerechnet, die hundert- 

fache Anzahl, liber die ein Erpresser zu Gericht eitzt. Und 

diese Erprefiser tiben eine furchtbare Gerichtsbarkeit aus, bei 

der sie nicht nur ftir homosexuelle Neigungen und Handlungen 

hohe Geldstrafen verhangen, sondern Tausenden unter starksten 

Folterqualen Freiheit, Gesundheit und Leben rauben. ^ieser 

einzigartigen Verfolgung wenden wir uns jetzt zu. 

^ I ;[ ^ ! .■ ■ ■': 

^0) Sexualpsychologie und Volkspsychologie. Eine epikritische 
Studio zum HardenprozeB. Leipzig 1908. 



Digitized by VjOOQIC 



FttNPUNDDREISSIGSTES KAPITEL. 

Die Verfolgung der Homosexuellen durch Erpresser und 

Chanteure. 

Die Erpreesungen an Homosexuellen sttitzen sich auf die 
Kenntnis eines Umstandes, der diese materieU und gesellschaft- 
lich', sei es durch kriminelle Verfolgung oder soziale Achtung, 
zu vernichten oder auf das schwerste zu schadigen geeignelj 
ist. Pieses Wissen empfindet der Erpresser als 
etwas, dessen Verschweigen ftir den, von dem er 
es weiB, einen hohen Wert besitzt, und diesien* 
Wert sucht er fUr sich in bare Mtinze umzu^etzen. 

Es ist klar, da^, wenn dem gewiiBten Tatbestand ganz oder teil- 
weise der schadigende Gharakter genommen wird, damit auch den Er- 
pressungen ganz oder teilweise die Moglichkeit entzogen sein wiirde. So 
wird kaum jemand auf den Gredanken kommen, einen Mann zu erpressen, 
weil er vor der Ehe mit einer weiblichen Prostituierten in Geschlechts- 
verkehr gestanden hat, einfach, weil er sich bewuUt ist, dafl das 
Bekanntwerden dieses Vorganges den ErpreBten weder materiell noch 
gesellschaftlich zu schadigen vermag. Deshalb ist es auch ein gutes 
Mittel, um den Erpresser zu entwaffnen, daB man ihm beweisen oder 
begreiflich machen kann, die von ihm zwecks Einschiichterungen 
vorgebrachten Behauptiin^en seien fiir den ErpreBten gleichgultig. 
Der Homosexuelle wird dies allerdings selten in iiberzeugender Weise 
dartun konnen, immerhin habe ich wiederholt beobaohtet, daB die 
Erpresser ablieBen, wenn der ErpreBte einzuwenden in der Lage war, 
daB die Tatsachen, mit deren Enthullung gedroht wurde, denen, as 
deren Adressen sie sich rich ten soil ten, here its bekannt waren oder 
wenn dem Erpresser etwa aus der Beschaffenheit seines Vorlebens 
gezeigt werden konnte, daB seine Aussagen jeder Glaubwiirdigkeit 
ermangelten. 

Der Tatbestand, jmi desben Bekanntmachung gedroht 
wird, beruht entweder auf Wahrheit oder ist vollkommen aus 
der Luft gegriffen, oder aber — und das ist bei weitetm dai^ 
hHufigste — ein wahrer Kern wird mit allerlei naheliegenden 
Cbertreibungen und Entstellungen umkleidet, die dem zugrunde 
liegenden Vorgang ein viel schlimmeres Ansehen geben, als er 
in Wirklichkeit hat 



Digitized by VjOOQIC 



874 

So geniigt beispielsweise sehr oft die bloBe Kenntnis, dal3 jemand 
homosexuell ist, um mit der Vorgabe des Wissens homosexueller Be- 
tatigungen schwere Erpressungen zu veniben. Oder ein fluchtiges 
Beriihren der von einem „chaiiteur provocateur" in einer Bediirfnis- 
anstalt Lingehaltenen Genitalien bildet, wie im Fall des Breslauer 
Landgerichtsdirektors H., den Ausgangspnnkt jahrelanger Erpressungen 
unter der Behauptung stattgefundener Pedikation. Wiederholt habe ich 
Falle erlebt, in denen sich an einen KuB, den ein Homosexueller in 
einer schwachen Stunde einem Bettler oder Boten aufdriickte, spater 
schwere Erpressungen schlossen, die in einem Falle schlieUlich zum 
Selbstmord des Opfers fiihrten. Vor ajlem wird der straflose Tatbestand 
mutueller Onanie in die Schilderung eines strafbaren Aktes verwan- 
delt, den der Erpresser, bevor er sich als solcher zu erkennen gibt, 
audi meist herbeizufiihren bemiiht ist. Dabei weiU er den Entschei- 
dungen des Reichsgerichts mit erstaunlichem Geschick zu folgen. 
Findet sich bis Ende der siebziger Jahre, solange nur immissio in 
anum bestraft wurde, ausschlieBlicn dieser Akt als vorgekommen in den 
Erpresserbriefen au^efiihrt, so liest man seit Anfang der achtziger 
Jahre, nachdem das Reichsgericht die immissio in os in den Umfang 
des § 175 einbezog, viel haufiger: „Sie haben bei mir gel . . . ." Der 
Erpresser bedient sich dieser Angabe um so lieber, weil er glaubt, 
daB der von ihm behauptete coitus analis moglicherweise bei dhm 
und deni Partner mangels nachweislicher Spuren als erlogen wird 
erkanut werden konnen, wahrend er bei der Fellatio, die keine Spuren 
hinterlaBt, dies nicht fiirchtet. 

Vielfach werden diesen Unwahrheiten iiber den vorgekommenen 
Akt noch andere hinzugef iigt iiber positive Schadigungen, 
die man durch den homosexuellen Verkehr erfahren haben will; so 
findet sich sehr haufig die Behauptung, man sei infolge des Umganges 
krank geworden, beispielsweise mundkrank, oder man sei seitdem der 
bis dahin vollig unbekannten Onanie oder Homosexualitat rettungs- 
los verfallen, oder man hatte eine innegehabte Stellung verloren, 
da die Leute im Geschaft durch Zufall davon erfahren hatten, oder es 
heiBt: „Bis ich Sie kennen lernte, war ich ein anstandi^er .Mensch, 
jetzt habe ich alien moralischen Halt verloren." In der weitaus groBen 
Zahl der Falle handelt es sich dabei um bewuBte Liigen, doch sind mir 
auch Beispiele bekannt, in denen es tatsachlich den Anschein hatte, 
als ob die Erpresser glaubten — meist waren es dann von Haus ana 
schwer neuropathische Menschen — ein nervoses Leiden auf statt- 
gehabten Homosexualverkehr zuriickfiihren zu miissen. Besonders ist 
mir nach dieser Beziehung ein Fall in Erinnerung, in dem die Eltern 
eines an dementia praecox leidenden Jiinglings in subjektiv gut- 
fflaubiger, objektiv zweifellos erpresserischer Weise mit groBen Geld- 
forderungen an einen Kaufmann herantraten, den sie fiir den Zustand 
ihres kranken Sohnes verantwortlich machten, nachdem sie durch 
aufgefundene Briefe hinter das erotische Motiv seiner Unterstiitzungen 
gekommen waren. 

Da der Erpreeser sich meist selbst innerlich sagt, Wie 
schandlich es ist, aus den harmlosen Handlungen, an denen 
er doch freiwillig, oft sogar nachdem er sich dazu angeboten, 
teilgenommen hat, unter Bedrohung Geld zu ziehen, sucht er 
fast stets sein Vorgehen durch irgend welche weitere 
Grundangaben zu entschuldigen. Diese bilden meist den 
auBeren Ausgangspnnkt der Erpressungen, vor allem auch fast 
jeden Erpresserbriefes ; auch diese Angaben sind wie die tiber 



Digitized by VjOOQIC 



876 

den Verkehr nicht selten wahr, haufiger aber ganz oder halb 
erlogen, zum mindesten entstellt und tibertrieben. 

Der Erpresser schildert die groBe Not, in der er sich befande, 
er habe schon seit drei Tagen nichts mehr gegessen, daher sei ihm 
j e t z t alles gleich, er habe ja doch nichts zu verlieren ; oder es 
ginge ihm so schlecht, daU er sich entschlossen habe, sich selbst 
aer Polizei wegen des begangenen Sittlichkeitsverbrechens zu stellen, 
dann habe er wenigstens ein Unterkommen („eine Bleibe"), oder er 
miisse noch heute die Miete bezahlen, sonst wiirde er exmittif.rt und 
da er niemanden hatte, der ihm helfen konne, nahme er nun zu dem 
Adressaten seine Zuflucht, oder — ebenfalls sehr haufig -— er hS,tte 
Geld unterschlagen oder einen Diebstahl begangen, und wenn er 
nicht bis morgen mittag das Gestohlene ersetze, kame er ins Ge- 
fangnis ; wenn es aber so weit kame, solle noch ein anderer mit. 

In mehreren Fallen schrieben Erpresser, sie batten ihrer Braut 
die Frucht abgetrieben und miiiJten jetzt fliehen, oft behaupten ^ie 
auch, sie hat ten jetzt Gelegenheit, sich eine sichere Existenz zu 
griinden, sie konnten sich an einem sehr lukrativen Geschaft be- 
teiligen, miiBten aber zuvor eine Geldsumme als Sicherheit hinter- 
legen, oder sie wollten sich verheiraten und branch ten dazu unbedingt 
dieses oder jenes. In einem FaJle sandte ein Preller einen schwarz- 
umranderten Eilbrief, sein Vater sei im Krankenhaus gestorben, er 
woUe zur Beerdigung nach Bielefeld, ihm fehle aber dks Fahrgeld, 
auch miisse er sich noch einen schwarzen Anzug vom Leihamt aus-. 
losen. Als der Herr nicht reagierte, erschien am anderen Tag der an- 
geblich tote Vater mit seinem Sohn in der Wohnung des Adressaten 
und machte „Krach"; es sei unerhort, daB der Herr seinem Sohne, 
der ihm zu Willen gewesen sei, nicht einmal zu seiner, des Vaters Be- 
erdigung, Geld gegeben hatte; eigentlich miiBten sie ihm dafiir „alles 
in Klump schlagen" aber — ; ein sehr beliebter Vorwand ist auch 
die Bitte um Reisegeld, auf die der ErpreBte besonders leicht „herein- 
fallt**, weil sie ihn in die Hoffnung versetzt, er wiirde den Erpresser 
dadurch los werden. Diese Hoffnung ist in fast alien Fallen trugerisch, 
ganz abgesehen davon, daB auch aus dem Auslande die Erpressungen 
und Bedrohungen fortgesetzt werden konnen und zwar oft um so 
heimtiickischer und ausdauernder, als der Erpresser selbst schwerer 
zu fassen ist. Meist ist die angeibliche Abreise iiberhaupt eine „Falle". 
Viele meinen sicherer zu gehen, wenn sie dem Erpresser die Fahr- 
karte selbst kaufen. Aber auch dann weiB er sie noch in Geld um- 
zusetzen oder er kommt bald zuriick. In einem Falle wollte ein Er- 
presser zu seinen Verwandten nach Galveston in Texas. Der Herr 
besorgte ihm die Eisenbahn- und Schiffbillette. Als er den Zug ab- 
fahren sah, atmete er auf, aber nur drei Teige wiegte er sich in 
Sicherheit, da tonte schon abends spat wieder in seine stille Ge- 
lehrtenstube der ihm nur zu wohlbekannte schrille Pfiff des Pei- 
nigers. Er trat ans Fenster und richtig, da stand er, den er auf dem 
Meer vermutete, wie ein Schreckgespenst vor seiner Tiire und winkte 
EinlaB begehrend nach oben. Ein gleichfalls ziemlich verbreitetes 
Manover aer Erpresser ist die Vorgabe, sie wiirden selb.st erpreBt ; 
irgend jemand sei dahinter gekommen, daB sie mit dem Adressaten 
oder einem dritten in homosexuellem Verkehr gestanden hat ten; dieser 
drangsaliere sie nun aufs auBerste. Sie wiiBten sich keinen Ausweg, als 
die Hilfe ihres Mitschuldigen in Anspruch zu nehmen. Manche lassen 
sich sogar zu diesem Zwecke Erpresserbriefe, beispielsweise von ai^- 
scheinend eifersiichtigen Frauen, schreiben, die sie dann ihrem An- 
liegen beifiigen. Kiirzlich nahm sich im Moabiter Untersuchimgs- 
gefangnis ein Erpresser das Leben, der lange Zeit gleichzeitig an sich 
selbst und seinen Freund, einen Assessor, anonyme Erpresserbriefe 



Digitized by VjOOQIC 



876 

gerichtet hatte. Beide erstatteten gemeinsam die Anzeige. Man kann 
sich die Verbliiffung des Assessors denken, als es dem Kriminal- 
kommissar Dr. K o p p gelang, den liickenlosen Beweis zu erbringen, 
daB nur der mitanzeigende Freund iselbst der Erpresser sein 
konnte. Uberfiihrt gestand dieser reumiitig seine Schuld. 

War sind die Erpresser? Entweder diejenigen selbst, 

mit denen die strafbare oder belastende Handlung geschehen 

ist, oder fast ebenso hftufig zweite und dritte Personen^ die da- 

von erfahren haben. In den meisten Fallen erpressen letztere 

in Gemeinschaft und miti Wissen des sexuellen Partners, wenn 

sie auch oft vorgeben, daB dieser niehts davon ahnt, hie und 

da aber geschieht es^ auch ohne dessen Kenntnis. Friiher nahm 

man an, die Erpresser der Homosexuellen rekrutierten sich 

hauptsHchlich aus der gewerbsmaOigen mannlichen Prostitution. 

Dies ist aber nicht richtig. 

Die eigentlichen Prostituierten gehen viel lieber auf die so- 
genannte „Schmustour", als auf die „rrell- oder Krampftour", suchen 
also im Guten mehr ale ihnen versprochen ist, „abzuschmeicheln", 
feilschen und handeln auch wohl einige Zeit post actum mit idem 
Partner, gehen aber nur selten zu ernstlichen Erpressungen iiber. Es 
herrscht sogar in mannlichen Pros tituiertenkrei sen haufig eine aus- 
gesprochene Feindseligkeit gegen erpresserische Kollegen, die bis zu 
geheimen Anzeigen geht, weiisie, und wohl nicht mit Unrecht, der Mei- 
nung sind, daB die „unreellen" den „reellen" Jungen das Greschaft ver- 
der^n, es ihnen, wie sie sich ausdriicken, „vermasseln", indem die 
Herren, eingeschuchtert, auch ihnen den „anstandigen" dann nicht 
mehr trauen. Es soil damit aber keineswegs behauptet werden, daB 
nicht auch ziemlich haufig gelegentlich von eigentlichen Pro- 
stituierten Erpressungen versucht und ausgeiibt werden, namentlich 
dann, wenn sie — was nicht selten vorkommt — auf Homosexuelle 
stoBen, die einen sehr verschiichterten Eindruck maohen, oder wenn 
sie dadurch in Versuchung gefiihrt oder in Rage versetzt werden, 
daB Herren, die sie maBig entlohnten, mit kostbarem Schmuck iiber- 
laden sind. 

Der eigentliohe Gelegen'heits erpresser ist der jenige, 
welcher zufallig die Zuneigung eines homosexuellen Herrn ge- 
wonnen, sich diesem zum Verkehr hingegehen hat und nun der 
inneren Lockung nicht widerstehen kann, aus seinem wert- 
voUen Geheimnis Kapital zu schlagen. Diese Personen wtirden 
nicht prellen, wenn sie nicht wtiBten und flihlten, wie sehr 
der Homosexuelle das Bekanntwerden seiner Neigung zu Ifiirchten 
hat. Es ist ganz zweifellos, daQ das Gesetz und die soziale 
Achtung diese Parasiten groBzieht. Das geht auch daraus her- 
vor, daJJ die den Gesetzen nicht unterstellten homosexuellen 
Frauen fast niemals Erpressungen ausgesetzt sind. 

Neben den Gelegenheitserpressern — die nach meiner 
Schatzung nahezu dreiviertel aller ausmachen — gibt es die 
gewerbsmaUigen, f lir die der Prostitutionsverkehr — bei 
dem eie sich kaum jemals selbst erregen — nur ein Vorwaad, 



Digitized by VjOOQIC 



877 

eiD Mittel ist, dessen rie sich lediglich zum Zwecke der fftr die 
Auspltinderung ndtigen Anlockung bedienen. Sie gebrauchen be- 
stiminte Tricks, sind meiflt bemtiht, strafbare Akte zu provo- 
zieren, und haben fast immer Komplizen. 

Oft werfen sie einen durch hiibsches Aussehen auffallenden Bur- 
sclien als Lockspeise an Orte iaus, die von Urningen viel besucht 
warden. Wahrend der Homosexuelle noch mit diesem spricht, tiitt 
der bis dahin in unsichtbarer Entfernung folgende Hauptpreller mit 
der Miene sittlicher Entnistung hervor. „Was geht hier vor? Was 
haben Sie mit meinem Bruder getan?" herrscht er den nichtsahnend 
in das Netz gegangenen Urning an; dabei beginnt der Lockvogel meist 
jammerlioh zu weinen. 

Auch in dem Schulfall des Landgerichtsdirektors H. stiirz- 
ten in dcm Moment, als der imgliickliche Richter das hinge- 
haltene membrum des 20 jahrigen Giinz beriihrte, die Erpresser mit 
den Worten in die Bediirf nisanstalt : *,Was haben Sie mit nnserem 
Bruder getan? Fol^en Sie uns zur W^hel" Lieber noch als im 
Freien wird die Fafle in der Behausimg des Prellers gestellt. Mitten 
wahrend des Geschlechtsverkehrs, ofter unmittelbar nach diesem, da- 
mit auf Flecken in der Bett- oder Leibwasohe mit einem „aha" gezeigt 
werden kann, klopft es auf ein Husten des Lockvogels an der Tiu*, 
Oder der Erpresser tritt hinter einem Schrank oder kriecht imter 
dem Bett hervor und beginnt an dem vor Schreck fast wahnsinnigea 
Homosexuellen sein grauenerregendes Geschaft. Oft geben sich die 
Komplizen als Verwandte, besonders gem als der altere Bruder oder 
noch lieber als der Vater aus, auch als Onkel oder Cousin, haufig auch 
als Wirte, in Parks als Parkwarter, im Tiergarten als der „Tiergarten- 
inspektor", in Badeanstalten als Bademeister; nicht selten spielen 
sie auch die Rolle eines Kriminalbeamten, wobei sie sogar eine Marke, 
die in "Wirklichkeit allerdings oft nur eine Hundemarke ist, prasen- 
tieren; auch gerieren sie sich gem als wohlmeinende „Vermittler". 
Vor kurzem wandte sich ein Rittmeister an mich, der am Abend von 
Kaisers Gebuitstag im berauschten Zustand in die Hande einer Er- 
presserbande geraten war, die ihn wahrend des Schlafes vollkommen 
ausgeplundert hatte; am anderen Tage erhielt er einen sehr hof- 
licheii Brief eines Vermittlers, der durch Zufall von dem MiBeeschick 
des Offiziers erfahren haben woUte, er sei bereit ihm zu helfeii, und 
bot ihm zunachst die Brief tasche, dann die librigen Sachen, die er 
selbst von den gefahrlichen Strolchen zu hohen Preisen erworben, 
zum Riickkaufe an. Er spielte seine Rolle so geschiokt, dafi der Ritt- 
meister nicht merkte, daB der Helfershelfer mit den anderen unter 
einer Decke steckte; er fing erst zu zweifeln an, als dieser trotz der 
„VermittelungsgebUhr" von 1000 Mk., die er neben der hohen Riiokkauf- 
summe erhaften hatte, nach einigen Wochen wieder 1000 Mk. fiir 
spater festgestellte „Versaumniskosten" forderte. Auch in einem ande- 
ren Erpressungsfall, in dem das Opfer um Inehrere hunderttausend Mark 
gebracht werden sollte, gab sich der Haupttater das Air eines Ver- 
mittlers, der den hochgestellten Homosexuellen vor groBen Ungelegen- 
heiten ischiitzen woUe, die er sonst unweigerlich zu gewartigen 
haben wiirde. 

Auch die Gelegenheitserpresser haben wie die gewerbs- 
maUigen Komplizen, aber sie sind nicht von vornlierein im 
Komplott, sondern finden sich erst nachtrlglich ein. Mitbe- 
teiligt eind auch hier vielfach Angehdrige, aber nicht wie bei 
der gewerbsmaBigen Klasse vorgebliche, sondern wirkliche; so 



Digitized by VjOOQIC 



878 

kommt es nicht selten vol', daB ein Preller eich verheirafet 
und dio Ehefrau beteiligt sich an den Erpressungen. 

Icli kenne einen Fall, in dem ein Kammerherr von der Frau eines 
Mannes erpreBt wurde, mit dem der Homosexuelle vor 24 Jahren — 
als er Offizier und der Mann sein Bursche war — verkehrt hatte. Die 
Frail hatto von dem Manne, mit dem sie jetzt in Scheidung lebte, 
das Geheimnis im Anfang ihrer Ehe erfahren und drohte, vermutlich 
auf Veranlassung ihres jetzigen Geliebten, wenn sie nicht reichlich 
„ent8chadigt** wiirde, dem Herrn mit Enthiillung seines Vorlebens 
in der Presse ; eine Anzeige kam bei dem langst ver jahrten Tatbestand 
nicht mehr in Betracht. In einem anderen Falle gingen die Erpres- 
sungen von der Schwester eines Schauspielers aus, die durch die 
Korrespondenz ihres plotzlich an Blutvergiftung gestorbenen Brudere 
von seinen vielfachen homosexuellen Beziehungen Kenntnis erhal- 
ten hatte. 

Von den Erpressern sind etwa die Halfte jiineer als 21 Jahre. 
Wenn Dr Keinhold^) in seinem sonst so vortrefflichen Buche uber 
die Chantage sagt: „Das Kupfertum weist folgende Merkmale auf: Die 
Tater stehen durchweg im jugendlichen Alter, was auf den engen 
Zusammenhang zwischen mannlioher Prostitution und Chantage zuriick- 
zufiihren ist, „Rupfer" im Alter von 16 — 18 Jahren gehoren nicht zur 
Seltenheit. Die Chantage wird in vielen Fallen von mehreren Kom- 

Slizen begangen, die banden- oder komplottmafiig organisiert sind. 
>ie Rolle des Urhebers oder Anstifters dbernimmt ein Kuppler oder 
Knabenhandler", so weisen diese sich wohl hauptsachlich auf Ulrichs 
stiitzenden Satze, wie wir teilweise bereits zeigten und zum Teil 
noch zeigen werden, in mehr als einer Beziehung Ungenauigkeiten auf. 

Unter 200 wegen Erpressungen an Homosexuellen Bestraften 
befanden sich 104 im Alter von 21 Jahren und darunter; 
5 waren flinfzehn, 2 sechzehn, 11 siebzehn, 18 achtzehn, 26 neun- 
zehn, 27 zwanzig, 15 einundzwanzig Jahre alt. Aus dieser Sta- 
tistik geht hervor, daB durch die Beseitigung des Urnings- 
paragraphen bei Beibehaltung eines hohen Schutz- 
alters, wie es vielfach vorgeschlagen wurde, den Erpressungen 
k 6 i n wesentlicher Einhalt geboten werden wiirde. 

Ihrem Stande nach gehoren die Erpresser keineswegs nur den 

unteren Klassen an, im Gegenteil sind die Gentlemanverbrecher 

in Lack und Claque nicht minder zahlreich unter ihnen ver- 

treten, allerdings mehr imitierte Elegants, die sich der luxu- 

rioson Toilette als einer Art Berufskleidung bedienen, mit der 

sie den „abzukochenden" Partner in die Illusion versetzen, er 

habc es mit dem Angehorigen einer glei(^hen oder hoheren 

Schicht zu tun. 

Ein langjahriger Beamter der Berliner „Paderastenpatrouille" 
sagto mir einmal, er hatte sich oft iiber die erstklassige Aufmachung 
gewundert, in der junge Leute plotzlich auftauchten, die er noch 
wenice Wochen zuvor als arme Jungen in abgerissenen Kleidern und 
Schuhen auf den Rummelplatzen oder am Ein^ang der Passage sich 
hatte herumdriicken sehen; sie seien kaum wiederzuerkennen. Aucb 



1) Dr. Josef Reinhold, Die Chantage, Ein Beitrag zur Reform 
der Strafgesetzgebung, Berlin, 1909. 



Digitized by VjOOQIC 



879 

io]i traf vor kurzem auf dem Kurfiirstendamm vor einem bekannten 
Kaffee einen jungen Herrn im teureu Pelz und Zylinder, der ziemlich 
betroffen war, als ich in ihm einen Bekannten aus dem Gerichts- 
saale — er war als Hotelangestellter auf die „Prelltour" gegangen — 
wiedererkannte. 

Von 528 Urningserpressern, deren Beruf festgestellt werden 
konnte, waren 75 Kellner, 43 Diener, 57 Arbeiter, 45 Kaufleute; die 
iibrigen gehorten alien moglichen anderen Standen an; so befanden 
sich unter ihnen Studenten und Schauspieler, ferner zwei Schutzleate, 
ein friiherer Rechtsanwalt, ein Geistlicher und ein Staatsanwalt. Dem 
Soldatenstande gehorten unter diesen 528 Erpressern 13, darunter 
zwei der Kriegsmarine, an. 

Es ist also nidit ganz richtig, wenn gesagt wird, daiJ 
Soldaten nicht erpressen. Ich verflige iiber eine Anzahl von 
Fallen, in denen sie es nicht nur sogleich nadb. ihrer Entlassung, 
sondern sogar wahrend ihrer Dienstzeit taten. In einem der 
schwersten Falle, den ich- kenne, ©mpfing ein katholischer Geist- 
licher von einem aktiven Dnteroffizier mehrere Hundert Er- 
presBiingsbriefe. In einem anderen Falle zwang ein Soldat einen 
Hauptmann, mit dem er von der Militarzeit in sexuellen Be- 
ziehungen gestanden hatte, in erpresserischer Weise, ihm 
zur Desertierung Beihilfe zu leisten ; er bekam von ihm Geld zur 
Fluchi nach England und Zivilkleider. 

Die Zahl der eine Person gleichzeitig verfolgenden Er- 

presser, sei es, daU sie unabhangig von einander oder mit ein- 

ander verbunden arbeiten, ist oft eine erhebliche. 

Ein wohlhabender Homosexueller erzahlte mir einmal, dafi er seit 
langen Jahren in sein Jahresbudget einen Posten von 1500 Mk. als 
„Erpresserunkosten" aufgenommen habe. AUerdings war sein Ge- 
schmack ein so eigenartig masochistischer, daB er ihn direkt zu 
Prellern fiihrte. Wie weit sich aber auch sonst die an einem ein- 
zigen veriibten Erpressungen ausdehnen konnen, zeigt das Beispiel 
des Bankkassierers Kehrmann, dessen Fall im Jahre 1875 in 
Frankfurt a. M. verhandelt wurde. Nicht weniger als 24 Erpresser 
waren angekljigt. Ulrichs^) hat diesen ProzeB noch in seiner 
letzten Schrift erwahnt, und es lohnt sich seine pathetische aber an- 
schauliche Schilderung wiederzugeben : „Ein ganzer Schwarm von 
Rupfern war nach una nach iiber den Urning Kehrmann hergefallen, 
wie ein Schwarm blutsaugerischer Insekten iiber ein gebunden am Wege 
liegendes Tier. 24 Rupfer konnten am 25. September 1875 verurteilt 
werden. Eine bedeutende Anzahl anderer konnte nicht ermittelt oder 
nicht beigebracht werden. Pie Erpressungen wuiden etwa 6 Jahre 
lang betrieben, anfangs nur von wenigen. Von Monat zu Monat mehrte 
sich der Schwarm. Von Monat zu Monat flogen neue Sanger herbei, 
angelockt durch den siifien Geruch. Endlich, als die erprefite Summe 
schon 242 000 Mk. betrug, kam die Sache ans Licht, aber o h n e 
Kehrmanns freigewoUtes Zutun. Noch immer war es ihm nicht moglich, 
die Anzeige zu machen. Noch immer erstickte ihm der Paragraph 
die Stimme. Es kam so. Die Geldforderungen wurden immer hoher, 
die Drohungen immer beangstigender. Als K. sich vor den Vampiren 
gar nicht mehr anders zu retten wuCte, griff er die Kasse eines Bank- 
hauses an, die er verwaltete. Von nun an war er resigniert. Er ergab 

2> U 1 r i c h s , Kritische Pfeile, p. 87. 



Digitized by VjOOQIC 



880 

sioh in sein Sohicksal. Die Hupfer setzten ihre Erpressangen fort und 
er setzte seine Unterschlagungen fort. Die Entdeckung der Unter- 
schlagungen war nur eine Frage der Zeit. Die Entdeckung erfolgte ; und 
ietzt, als Freiheit und Ehre fiir ihn doch einmal dahin waren, erst 
jetzt zeigte er die Erpressun^en an, die an ihm veriibt waren." Ich 
kenne eine ganze Reihe ahnlicher Falle, in denen Urninge aus An^jst 
vor den Erpressern Unterschlagungen, Diebstahle und Betriigereien 
veriibten. Erst in diesem Winter kam einer in Osnabriick und ein 
anderer in Berlin — der des Bankdefraudanten H. ' — zur Ver- 
handJung. 

Wie wird die Erprestfung ausgefiihrt? Teila 
mtindlich, teils schriftlich, oft auf beiderlei Wegen, hie und da 
auch mittels Druckschriften. Oft tragt schon die blofie Gegen- 
wart fiolcher Mensclien einen erpresserischen Charakter, bei- 
spielsweise wenn sie unvermittelt die Wohnung oder das Kontor 
ihree Opf era aufsuchen, w&hrend eioh etwa nebenan seine Familie 
oder das Personal befindet, und das Zimmer nicht eher veiV- 
lassen zu woUen erkl&ren, bia ihre „Bedingungen" erftillt sind. 
Oder wenn ein solcher Mensch Tag fiir Tag als lebendes Auf- 
rufungszeichen vor dem Hause seines Opfers auf- und ab- 
wandelt, diesem, wenn er heraustritt, folgt, urn dann an dem 
Orte, wo er zu tun hat, weiter zu warten. 

In einem Falle, in dem der ErpreBte in seiner Angst zu mir kam, 
klopften drei halbwiiohsige Burschen, deren einem gegeniiber er sich 
eine Unvorsichtigkeit hatte zuschulden kommen lassen, jede Woche 
mehrmals an das Fenster seines zu ebener Erde gelegenen Dienst- 
bureaus, wo er seit 8 Jahren beschaftigt war. Es kommt auch vor, 
d&Q der Erpresser auf den Wagen seines Opfers zu springen eucht, 
wie es vor einigen Jahren einer der gefiirchtetsten Erpresser Berlins, 
der Bereiter Assmann tat. SchlieBlich spnang er sogar auf die Equi- 
page eines Verwandten unseres Eaisens, in die dieser soeben einge- 
stiegen war, so daB dem Herm — der Fall ging damals auch durch 
die Presse — niohts weiter iibrig blieb, als Anzeige zu enstatten, die 
dem Erpresser zwar eine schwere Straie einbracnte, dem ErpreBten 
selbst aber Position und Reputation kostete. 

Besonders gefiirchtet ist es, wenn die Erpresser Ihren Opfem aus 
den GroBstadten 'in ihre Heimat nachreisen, in kleine Provinzialstadte 
Oder auf ihre Landgiiter, alles Falle, die aurofiaus nicht, zu den Selten- 
heiten gehoren. Ein Erpresser klebte immer nur Zettel an die Tur 
seines Opfers mit der Aufschrift: „A .... f ... . r". 

Nicht selten suchen die Erpresser die Homosexuellen auch da- 
durch in Verle^enheit zu bringen und einzuschiichtern, daB sie sie 
durch verdachtige Boten aus ihren Geschaften herausrufen lassen 
oder — und das ist seit einigen Jahren besonders en vogue — sie an 
das Telephon kommen lassen. 

Das verbreitetste und charakteri^ischste Dokument ihrer 
Wirksamkeit ist aber auch' heute noch der Erpresserbrief- 
Wer viele Erpresserbriefe gelesen hat — in meiner Sammlung 
befinden sich weit liber tausend — kdnnte glauben, daB es wie 
einen Briefsteller ftir Liebende auch einen solchen ftlr 
Erpresser gibt; so stereotyp ist die mit Scheinheiligkeit, oft 



Digitized by VjOOQIC 



'881 

sogar mit Schmeicheleien gemischte Bedrohung, die uns bei ihrer 
Lektiire entgegentritt. Ein echter Erpresserbrief enthalt vor 
alleni dreierlei: einmal die Angabe der eigenen N o 1 1 a g e , 
zweitens die der Geldforderung und drittens die mehr oder 
minder verkappte Einschlichterung, die oft erst im Post- 
skriptum enthalten ist, etwa folgendermaCen : „Sollte ich bis 
morgen keine Ant wort bekommen, nehme ich an, daB Sie selbst 
gerichtliche Entscheidung wlinsehen. Mein Leben ist durch Sie 
ja ohnehin zerstort.** 

Der Erpresserbrief hat vielfach sohon ein charaktcristisches 
Kuvert. Meist wird er eingeschrieben oder durch Eilboten geschickt, 
cdcr enthalt Aufschriften wie: „eigenhandig abzugeben", ., strong ver- 
tra\iJich". „dfingend**, „pers6nlich**. Auch „Nachnahmebriefe" mit der 
vulleu Namensunterschrift des Erpressers auf dem Umschlag ohue 
begicilendo Zeilen kommen vor. Dieses Dringliche und Eiutiringlichc 
findet sich auch im Inhalt wieder. In der Art wie der BriefschroibHr 
rasches Handeln und schnelle Entschliisse herbeizufiihren sucht, verriit 
sich oft das Gewalttatige seines Vorgehens. Womoglich wird telegra- 
pliischo Sendung des ueldes erbefcen. Erfolgt keine Antwort, wird, 
um den Druck zu verstarken, haufig zu offenen Postkarten iiberge- 
gangen. Sehr bezeichnend ist weiterhin der eigentiimliche Gegen- 
satz zwischen dem bedrohlichen Inhalt einerseits und der Uber- und 
besonders der Unterschrift andei*erseits, die oft selbst in schwerstcMi 
Erpresserbriefen von ausgesuchter Hoflichkeit ja Zartlichkeit sind. 
Es ist nichts Ungewohnliches, daB ein Brief, in dem „mordsmai3iger" 
Skandai vou dem Erpresser in Aussicht gestellt wird, falls nicht post- 
wendend drei „blaue Lappen" geschickt werden, mit den Worton : 
„GeJiebter Freund" oder „mein Mauschen" begonnen und ,,mit tausend 
Kiissen von Deinem siilJen Heini" oder „Deinem Liebling" beschlossen 
wird. Im iibrigen enthalten viele Erpresserbriefe die voile Namcus- 
unterschrift und Adresse des Prellers, weil er dadurch seine Furcht- 
losigkeit ausdriicken will; es gibt aber auch anonyme Erpresser, ferner 
solcne mit gefalschten Namen oder eigentiimlichen Schreck- und Spitz- 
namen, wie „the devil" oder „Dein Verhiingnis" oder „die kalte Hand" 
oder es unterschreibt jemand — alles Beispiele aus der Praxis — „es 
kiiBt Dich innigst Deine Schraube ohne Ende". Ein rair, wahrend 
ich dies gerade schreibe, von einem Homosexuellen vorgeleg^ter Er- 
presserbrief hat folgenden Wortlaut: „Hierdurch teilen wir l)ir mit, 
daB Du dem Boten 20 Mark geben sollst. Wenn die Boten nicht in 
5 Minuten mit dem Gelde unten sind, kommen 6 scharfe Luden hcrauf 
mit Revolvern bewaffnet und iibergeben Dir der Sittenpolizei wegen 
.... nach § 175 tmd 177. AchtungsvoU sechs Mitglieder der schwarzen 
Hand." Unter der Unterschrift ist ein Dolch, ein Schlagring und ein 
Kreuz gezeichnet. An Stelle der vier Punkte stehen vier Ausdriickc 
sexueller Akte, die so unanstandig sind, daB ihre Wiedergabe nicht 
moglich ist. Auch das ist fiir Erpresserbriefe sehr charakteristisch. 
Der Erpresser spekuliert darauf, daB der Homosexuelle sich schiimt, 
andere so gemeine Worte lesen zu lassen. 

Was fordert der Erpresser? Die erpreUten Geldsummen 
schwanken in sehr weiten Abstanden. Oft handelt es sich um 
ganz geringfligige, oft aber auch um Betrage, die in die Hundert- 
tausende gehen. Die Beangstigung kann in beiden Fallen gleicli 
groIJ sein, die Hohe des Abgenotigten hangt von der Vermogens- 

Hirschfeld, Homosextialitat. g5 



Digitized by VjOOQIC 



S82 

lage und der Stcllung des Opfers, dem Ort des Zusammen- 
treffens und der Dauen der Erpressung ab. 

Selir hiiufig l)etont der Erpresser, daO er die geforderten Suiiiiueii 
niclit geschenkt, sondern niir gelieheii haben will, sehickt iin voraus 
unterfertigte Sclmldscheinc und Quittungen ein, da er selbstversta:id- 
licli alles ,,^^d Heller und Pfennig**, womciglieli „mit Zins und Zinses- 
zins ' wiedererstattea wird. Hat der Homosexuelle seincn Namen zu 
verbergen gewuBt, hat der Verkehr auOerhalb seiner Wohnung stati- 
gefunden, so hat es oft mit einer einmaligen niehr oder minder 
groBen Ausbeutung sein Bewenden, viel sciiliniiner iiegt es, weiiii 
(k'r Preller die Personal ien seines Opfers kennt, die er natiirlich 
iiieist, wenn auch nicht immer, zu erfahren bemiiht .ist. Ich kenne 
FiiUe, in denen er sich sogar, um die njiheren Verhaltnisse seines 
Opfers zu erfahren, an Auskunftsbureaus und Detektive wandte. Dabci 
hegniigt er sich keineswegs mit dem, was der Homosexuelle selbst 
bositzt. Es ist wiederholt vorgekommen, daB er ihn, um seine eigene 
Habsiicht zu befriedigen, gezwungen hat, Schulden zu maciien, ja, 
sic) I an fremdem Eigentum zu vergreifen. Ich erwijlmte oben bereils 
als Beispiel den Fall Kehrmann, der 212000 Mark veruntreut 
hatte, um seine Vampire zu befriedigen. Hinsichtlich der Hohe der 
Summe steht diescr Fall nicht vereinzelt da, ja, er wird von anderen 
iibertroffen ; im Falle des Chanteurs W o 1 f 1 , dor vor einigen Jahren 
in Miinchen zum ^erichtlichen Verfahren fiihrte, handelte es sich 
um reichlich 515 000 Mark, die einem homosexuellen Rechtsanwalt 
erprefit waren. Ungefahr die gloiche Summe, genau stand die Hohe 
nicht fesl. schien der Rennfaluvr ?> r e u e r nach und nach nus dem 
Miihlenbesitzer Matt one t herausbokommen zu haben. In einem 
anderen Erpressuiigsfcldzug, den ein Gentlemanverbrecher mit groBera 
Raffincment und noch groBerer Ziihigkeit gegen einen Jiomosexuellen 
(xroBgrundbesitzer fiihrte, wurde nahezu eiiie Million Mark gefordert. 
Einen weiteren Fall kenne ich, in dem ein Erpresser von einem eben- 
falls hochgestellten Herrn auf einmal die Kleinigkeit von 212 000 Mark 
begehrte. Der Herr war zu einor freiwilligen Abfindung von 20 OUO Mark 
erbotig. Wir hielten ihn davon zuriick, und es gelang, den Erpresser 
mit ziemlicher Miihe gilnzlich von ihm abzuschiitteln. Ein Erpresser, 
dem ich auf Wunsch eines alteren Offiziers ins Gewissen redete, 
hatte von diesem kurz zuvor auf ein Brett 20 000 Mark erhalten. Dem 
Amerikaner Robert B. waren, bevor er im Dezember 1905 im Hause 
seiner Mutter Selbstmord veriibte, von seineiii Erpresser, einem ge- 
wissen John H., 30 000 Dollars unler Drohungeii abgerungen worden. 

In dem Frtril') ge«^en die drei P>resUni<r Erjucsser des Landgerichts- 
direktors H. heiCt es : ,,I>ie Beweisaufnahme hat oi>,^'ben, daB die drei An- 
geklagU a geuieinschaftlich 2G 400 Mark von 11. orpreBt haben. Liichel 
hat alsdann die Erpressungen selbstiindig fortgesetzt mid fiir seinen 
I'eil noch 14 000 Mark von H. erpreBt. Bei der 8trafzumessung war zu 
erwiigen, daC sie die Erpressungen gegen den Landgerichtsdirektor H. 
in der raffiniertesten Weise begangen und dieses Treiben auch noch 
fortgesetzt haben, als ihnen bekannt war, daB H. keinen Pfennig mehr 
besaB, sondern sich das Geld borgen muBte." 

in den Pariser Polizeimemoirm von Carlier*) wird hericlitet, 
daB sich mehrere Pariser Rupins — so lieiBen dort die Erpresser der 
Homosexuellen — ,,sich ein Vermogen zusammengerafft haben, welches 
ihnen gestattete, nach Niederlegung ihres Geschaftes als Rentiers 
auf ihren Lorbeeren zu ruhen in Villen vor Paris, denen weder Garten- 
salon noch Bibliothekzimmer fehlte**. Ein Berliner Erpresser legte 

•^) C'f. Monatsl)erirhte des W.-h.-K. 1905 Xr. 2, p. 2ff., Xr. S, 
p. 'ML, Nr. 4, S. 2 f f . 
*) Paris 1855. 



Digitized by VjOOQIC 



883 

in vier Jahren 30 000 Mark „auf die hohe Kante", ein ebenso raffi- 
nierter wie vorsichtiger Londoner Preller, der auf eine nnbeanstandete 
Laufbahn von 20 Jahren zuriickblickt, bezifferte sein durchschnitt- 
liches Jahreseinkommen auf 800 Pfund Sterling. 

Bei den Erpressungen handelt es sich durehaus nicht immer 

um bares Geld, sondem oft um Wertobjekte anderer Art, 

namentlich Uhren, Brillanten, goldene und silberne Sch'muck- 

sachen, Ringe, Zigarettenetuis und dergl. Entweder werden diese 

Gegenstande direkt abgefordert, oder sie werden, und das ist 

das haufigere, gewaltsam entrissen oder heimlich entwendet und 

mit den hohnischen Worten: ,,Bitte zeigen Sie mich doch an" 

behalten. 

In einem Erpresserbriefe heiUt es: „Lieber Freundl Ich nehme 
Dir Deine samtlichen Goldsachen, auf deutsch: ich stehle sie Dir, 
woriiber Du gewiB nicht sehr erfreut sein wirst. Das tut aber nichts : 
irh habe Geld notig und Du kannst die Sachen entbehren. Willst Du 
mich nun anzeigen, so steht es ganz bei Dir, ob Du Dich blamieren 
willst. Ich fiir meine Person mache mir nichts daraus. Ich will 
Dir nur sagen, daU Du diesmal einem Preller in die Hande gefallen 
bist." Der Erpresser weiU nurzu gut, was dem ErpreBten den Mund 
verschlieBt und die Kehle zuschniirt. Diese erpreBte Duldung an ihnen 
begangener Verbrechen gehort zu dem Schrecklichsten auf diesem 
an Schrecknissen gewiB nicht armen Gebiet. Es ist sicher nicht 
iibcrlrieben, wenn ich auf Grund meiner Praxis behaupte, daB jahrlich 
die Anerkenntnis von Hunderten gefalschter Unterschriften 
erpreCt wird. Ein Trick vieler Erpresser ist es namlich, Wechsel aiif 
den Namen ihrer Opfer zu falschen. Wenn dieser ihnen am Verfall- 
tage zu ihrem Erstaunen prasentiert wird — meist ist der Akzeptant 
mit im Komplott — so ist der Urning gewohnlich so verbliifft und 
verangstigt, daB er die fingierte Unterschrift als seine annimmt und 
zahlt. Vor einiger Zeit kam es vor, daB ein Erpresser mit der Unter- 
schrift seines Opfers, ohne daB dieser eine Ahnung davon hatte, an einc 
Bank um telegraphische Ubersendung einer hoheren Summe aus seinem 
Depot — die Depotnummer war ^beigefiigt — depeschierte. Das In- 
stitut ging nicht in die Falle, wie iiberhaupt diese Delikte sicherlich 
noch viel haufiger sein wiirden, wenn nicht die in Frage kommenden 
Zahlstellen, vor allem also die Banken, sich bereits groBer Vorsicht 
befleiBigten. Sehr viele Beispiele konnte ich auch anfiihren, in denen 
die Erpresser leichtsinnige Schulden auf den Namen ihrer Opfer 
machten, oft begniigen sie sich dann, die Bezahlung der Schuld 
zu verlangen, ebenso liilufig lassen sie aber direkt dem angeblichen 
Verwandten die Schneider-, Schuhmacher- oder Wascherechnung zur 
Begleichung ins Haus schicken. Die Bezahlung dieser Schulden fallt 
dem Homosexuellen oft um so schwerer, als die von dera Erpresser 
gemachteu Ausgaben meist auf das scharfste mit seiner eigenen be- 
scheidenen Lebensfiihrung kontrastieren. So wurden in Dres<len einem 
Herrn Rechnungen iiber fiinfzig Krawatten und acht Paar Schuhe vor- 
gelegt, die sein vorgeblicher Neffe an einem Tage eingekauft hatte. 

Im allgemeinen werden die erpreBten Gelder den ange- 
gebenen Zwecken nur selten zugeflihrt, vielmehr meist leicht- 
fertig verschleudert, besonders haufig mit weiblichen Prosti- 
tuierten, noch ofter im Spiel. 

Auch B r e u e r hatte die Hunderttausende Mattonets „ver- 
jeut**. Ich erinnere mich eines Falles, in dem jemand 500 Mark 

56* 



Digitized by VjOOQIC 



884 

forderte, well seine Mutter schvver krank und die Not bei ihm zu Hause 
unertriiglich sei. Als er das Geld bekommen hatte, fubr or auf die 
Rennbahn, setzte die Summe auf ein Pferd und hatte bereits eine 
Stunde nach dem Empfang nichts mehr in der Tasche. Oft werden 
auch Renten, meist in monatlichen oder vierteljahrlichen Raten zahl- 
bar erpreBt. Solange der Preller ,sie erhalt, ist meist aJles ruhig, 
doch wehe, wenn man ihn einen oder mehrere Tage iiber den Verfall- 
termin warten laBt. dann setzen sogleich wieder die Droh- und 
Scbmahbriefe ein. Ich kannte einen woblhabenden Berliner Rentier, 
der vielo Jahre bis zu seinem Tode an vier Erpresser durch einen 
Anwalt „Pensionen" zahlen lieB, einer erhielt 200 Mark, zwei 125 
Mark und einer 100 Mark ; cr bemerkte, daB diese Summe zusammen 
dem entsprache, was er selbst monatlich fiir seine eigane Person zu 
verzv hren hatte. Auch Verschreibungen von Grundstiicken, Vermacht- 
niss \ letztwillige Verfiigungen, kurz, Urkunden aller Art, werden er- 
prel-i. Als vor einigen Jahren ein homosexueller Arzt eines plotz- 
lichcn und geheimnisvollen Todes starb und man in seinem Testa- 
ment als Universalerben einen jungen Menschen angegeben fand, der 
ihn friiher erpreBt hatte, wurde bei der Familie der Verdacht laut, 
ob nicht der Erbe den Tod veranlaBt haben konne ; doch muBte das 
Ermittelungsverfahren mangels Beweises eingestellt werden. 

Ill Ehescheidungsprozessen sucht die heterosexuelle Partei 
oft genug ihre Bedingungen durchzudrticken, indem sie dem Ehe- 
partner die Enthtillung seiner homosexuellen Natur androht. So 
benutzte, als sich vor einigen Jahren der Sohn einer Pariser 
Millionarsfamilie von der Tochter eines bekannten Kiinsitlers 
scheiden lieiJ, deren Familie die Gelegenheit, der Ehefrau cine 
jahrliche Rente von 50000 Frs. gegen Verschweigen der Homo- 
sexualitat des jungen Gatten, (die librigens viel bekannter war, 
als dieser vermutete) zu sichern. Ich kenne mehr als einen 
ProzeB, weiB von mehr als einer Vermogens-, Geschafts- oder 
Rangstreitigkeit, in denen ein Gegner den anderen, und zwar 
meist den im Recht befindlichen, zum Nachgeben zwang, indem 
er mehr oder weniger plump durchblicken liefl, er wisse von 
seiner Homosexualitat. Ein urnischer Arzt in Suddeutschland, 
der auf dem Lande praktizierte, zeigte mir eine ihm zugegangene 
anonyme Karte, auf der die Worte ptanden: ,,Raumen Sie 
baldigst das Fold; D. ist genau liber Sie unterrichtet". D., ein 
jlingerer Konkurrent, der sich seit einem Jahre in dem gleichen 
Orte niedergelassen hatte, war der Schreiber der Postkarte 
selbst, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Der bedrohte Arzt gab 
seine gute Praxis auf. 

1st auch die Gefahr, erpreBt zu werden, fiir einen Urning v.m so 
groBer, jo wohlhabender er ist, und kann ich recht wohl den Stand- 
punkt eines verarmten adligen Homosexuellen verstehen, der mir ein- 
mal in einer Herbcrge, wo ich ihn traf, bemerkte: „erst seitdem man 
mir nichts mehr nehmen kann, kann ich mich des Lebens freuen," 
so vermag ich doch nicht U 1 r i c h s beizustimmen, wenn er einmal 
meint: „Nur gut situierten Urningen ist der Rupfer gefahrlioh. Einem 
nrmeii Teufcl tut or nichts zu leidc. Dieser darf ruhig sein in der 
Njihe des Gefahrlichsten. Cantabit vacuus coram latrone viator." 



Digitized by VjOOQIC 



885 

Ich Labe wiederholt gesehen, daU Arbeiter, Handwerker, Tagelohner von 
Brpressern um ihr sauer verdientes Brot gebracht warden. Besonders 
ist mir ein Fall in Erinnerung, in dem ein Preller einen kleinen An- 
gestellten jeden Sonnabend abfing, um ihm fast den ganzen Wochen- 
iohn abzunehmen. Auch Erpressungen an jungen Leuten, die noch 
nicht selbstiindig verdienen, Studenten, ja Gyranasiasten, kommen vor. 
In den armeren Klassen wird nicht selten die Beihilfe zu Ver» 
brecben, vor allem Hehlerei, erpreBt. So lernte ich zwei Falle kennen, 
in denen die Erpresser gestohlen batten und ihre Opfer notigten, 
ihnen die Sachen zu „verscharfen", sonst wiirden sie mit den Homo- 
sexuellen kurzen ProzeC machen. 

Womit droht der Erpresser ? Mit allem was den Urning 
in Gef ahr bringt, seine Stellung, Ansehen, Freiheit und Existenz 
zu verlieren, also mit Anzeige bei der Polizei, Denunziation bei 
der Staatsanwaltschaft, Mitteilung an die vorgesetzten Behorden, 
„Meldung beim Rsgiment", Berichten an Verwandte, namentlich 
Gattin und Eltern, mit offentlichem Skandai. In ,den letzten 
Jahren ist hinsichtlich des Inhalts der Drohung eine wesent- 
licho Wandlung eingetreten. Wahrend friiher am haufigsten ge- 
richtliche Schritte in Aussicht gestellt wurden, stehen 
jetzt Anktindigungen von Zeitungsartikeln an erster Stelle. 

Es sind besonders Blatter mit charakteristischen Titeln, 
denen der Erpresser seine Enthiillungen zu iibersenden droht, der Laterne, 
Leuchte, der Sonne, dem Wachter, dem Beobachter, dcra Unabhangigen, 
Freimiitigen, der Glocke, der Wahrheit. In einem Falle drohte der 
Erpresser, er wolle ein Blatt griinden mit der Aufschrift: „Der Pran- 

fer". Ein spaterer Etymologe, der gewalir wiirde, mit welcher Haufig- 
eit die Erpresser unserer Zeit mit Veroffentlichungen in der Presse 
drohten, konnte fast auf den Gedanken kommen, dafi das Wort 
Erpresser nicht von „pressen", sondern von „Presse" seinen Ursprung 
genommen hat. 

Bei prominenteren Personen stellt der Erpresser nicht selten 
auch das Erscheinen einer besonderen „Broschiire" oder eines Flug- 
blattes in Aussicht, deren „sensationelle Enthiillungen nicht verfehlen 
werden", das allergroBte „Aufsehen zu erregen". Manchmal legt der 
Erpresser sogar das Manuskript der Schmahschrift vor und fragt an, 
ob der Herr ihm wohl fiir den Schaden aufkommen wiirde, der dem Ver- 
fasser naturgemaB erwiichse, wenn er sein Buch, das sicherlich leiBen- 
den Absa^z finden wiirde, zuriickhalte. Da er lediglich sein Geschafts- 
interesse im Auge liabe — fiihrt er fort — , so hatte er nicbts dagegen, 
wenn der Herr, sollte ihm etwa der Inhalt der Schrift unangenehm 
sein, es vorzielie, seinerseits die bereits druckfertige Auflage aufzu- 
kaufen. Mehr als ein Mann von Bedeutung ist auf dieses Anerbieten 
hereingefallen, selbst wenn das Pamphlet nichts als Unwahrheiten und 
Verdrehungen enthielt. Es hat sich dieses Entgegenkommen aber 
stets als ein verhangnisvoller Fehler erwiesen, denn nach ganz kurzer 
Zeit pflegt der Autor dann mit einer neuen Druckschrift wieder- 
zukommen, oder er maclit es, wie es kiirzlich in einem Falle, der sich 
im Ausland ereignete, geschah, er teilt mit, daU bei dem beriihmten 
Namen, dessen sich der Erprefite in der Offentlichkeit erfreue, jetzt 
siclier schon eine zweite oder dritte Auflage notig sein wiirde, die er 
dem Herrn — natiirlich nur aus reinster Menschenfreundlichkeit — 
gern wiederum vor Drucklegung zur Verfiigung stelle. In dem er- 
wahnten Falle hatte der Ilerr — ein bekannter Gelehrter — nach und 
nach z e h n bis zwolf der imagiiiaren Auflagen erworben. Als schlieB- 



Digitized by VjOOQIC 



886 

lich dem Verzweifelten die Geduld riB und er Anzeige erstattete, wan- 
derte der Erprcsser, der in geschickter Weise das „wenii nicht — dann** 
vermieden hatte, fiir kurze Zeit wegen Beleidigung ins Gefangnis. 
wahrend der ErpreBte seino hohe Stellung daran geben und, was ihm 
schnierzlicher war, es erlebcn muBte, dafi eine auf seinen Lieblin^s- 
jiinger gefalleno Wahl als Direktor eines Instituts infolge der in aer 
Skandalschrift cnthaltenen, den Tatsachen keineswegs entsprechen- 
den Andeulungen ruckgangig gemacht wurde. In einem ahnliehen Falle 
in Deutschland hatte der Erprcsser, der aber bereits vor Erscheinen 
der ersten Auflage zu einer langeren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, 
seine Schrift: „ En thiil lunge n aus dem Konigreich Uranien" benannt. 
Meist tritl der Pampliletist nicht direkt an sein Opfer heran, sondern 
es stellen sich dritte Personen — „die es mit ihm gut raeinen" — , 
beispielsweise der Drucker oder Verleger ein, und erteilen den Rat, 
doch dem Skandal zuvorzukommen ; sie wiirden sich ihrerseits Miihe 
geben, den Verfasser zu beruhigen, vielleicht konne man sich dann 
noch im Guten einigen. Oft handeln diese Vermittler bona fide, meist 
aber stecken sie mit dem Preller unter einer Decke. 

Haufiger als man im allgemeinen annimmt, droht auch 

der Erpresser der Homosexuellen mit Handgreiflichkeiten und 

korperlichen Gewalttatigkeiten. Wiederholt sind mir Vorgange 

berichtet, die sich etwa wie folgt abspielen. Unmittelbar nach 

dem Verkehr, auch wohl schon wahrend oder vor demselben 

verlangt der Erpresser eine hohere Summe, als die vereinbarte 

oder freiwillig gegebene. Auf die Gegenrede des Herrn erwidert 

er: ,,Wenn Sie nicht woUen, brauchen Sie mir ja die 50 Mark 

nicht zu geben; ich! zeige Sie nicht an, ich tin kein Erpressier. 

Aber meine Faust — • er halt sie ihm vor die Augen — werden 

Sie zu spliren bekommen, daU Sie an mich denken." Bei dem 

senaiblen Homosexuellen verfehlt diese Einschtichterung selten 

ihre Wirkung. Waffen bedient sich der Erpresser dagegen nur 

selten. 

Immerhin weiB ich von mehreren Fallen, besonders bei roma- 
nischen Volkern, in denen auch das geziickte Messer eine Rolle spielte, 
und andere, in denen der Erpresser drohte, sein Opfer ,,einfach liber 
den Haufen zu schieBen". Die vielfach bildlich bei Erpressangen 
gebrauchte Redensart: die Pistole auf die Brust setzen, hat noch nicht 
ihre tatsachliche Grundlage verloren, von der sie offenbar urspi-unglich 
hergeleitet ist. Zunachst schwerer verstandlich ist die verhaltnismaiiig 
haufige Drohung des Erpressers, er wiirde, wenn er nicht das Ge- 
fordertj erhielte, in der Wohnung des ErpreBten „alles kurz und 
klein" schlagen, eine Ankiindigung, die offenbar meist weniger von 
^^^ut und Rache, als von der Absicht diktiert ist, durch Larm und 
Skandal die Aufmerksamkeit der Hausbewohner zu orwecken, was 
der Homosexuelle natiirlich in hohem MaBe scheut. Oft ist auch die 
Erpressung mit Freiheitsberaubung verbunden, indem der Peiniger 
innen vor der verschlossenen Ausgangstiir des Zimmers Aufstellung 
nimmt und von dem Geangstigten ein Losegeld fordert. So geschah 
cs vor kurzem in Berlin einem jungen Priester. Nachdem der Preller 
ihn giinzlich ausgepliindert hatte, verstellte er ihm den Ausgang und 
sagte : „Und nun verlange ich noch von Ihnen das Ehrenwort, daB Sie 
nicht liber das Vorgefallene mit Dr. Hirschfeld sprechen." Nachdem 
er dies Versprechen erhalten, lieB er ihn heraus. Am andern Morgen 
kam der Geistliche sehr friih in meine Wohnung, um mit unserem 



Digitized by V:iOOQIC 



887 

Sekrt^tar zu reden. mir selbst konne er sc-in Anlicgen nicht vortrn^orcn. 
da er durcli scin Wort gebundoa sei. 

Hat. der Verkelir sicb in der Wohnung des Ilomosexuellen abgespielt, 
so ereiguet sich wolil aucb das Umgekehrte, daB namlich der Erpresser 
sich ^nergiscb weigert, die Wolinung zu verlassen. So crklarte in 
einem Fall, in deni ich jiingst zu Rate gezogen wurde, ein Diener dem 
Herrn, der ihm gekiindigt liatto. er gint!;o nirbt aus dem Hause. wenn 
er nicht erst .,fiir seinen Scbaden" mit 10 000 Mark gedeckt wiirde. Es 
blieb nichts weiter iibrig, als ihn mit Hilfe der Polizei zu entforuen. 
Fn zwei mir bekannt gewordenen Fallen sperrte der Erpresser sein 
Opfer in kalter Winternacht auf den Balkon seiner Wohnung. Wieder- 
holt sind Fiille vorgekommen, in denen Erpresser Gewalltatigkeiten am 
membrum virile der Opfer veriibten, beispielsweise an diesem so lange 
rissen, bi.^ die geforderte Summe bewilligt war, oder gar hincin bissen ; 
so land (lehcimrat Leppmann bei dem wogen Totung eines Er- 
piessers angeklagtcn Dioner R. Narben am Gliede, die. wie er in soinero 
Gut.'K-btcn ausfiihrto. von BiBwimden stammtcn. die ihm von einem 
friiberen Erpresser beigebracht waren. 

Nicht selten wird die Frage aufgeworfen, ob die Erpresser 
ihre Drohungen in Handlungen umsetzen? Im allgemeinen mu6 
dieses verneint werden, aber doch nur bis zu einem gewissen 
Grade. Im Grundo hat ja der Preller nur eins im Auge : Geld 
und wiiulerum Geld ; an einer Bestraf ung, Benachteiligung oder 
gar Verniehtung seines Opfers liegt ihm an sich nichts. Des- 
halb kenne ich auch kaum] einenFall, in dem ein Erpresser vor 
seiner Verhaftung die in Aussicht gestellte Anzeige bei den 
Gerichten erstattet hat. Er ist sich niir zn gut bewuBt, da6 
ihm dies keinen materiellen Vort^^il, moglicherweise aber 
schweren Nachteil bringen kann. Nur wenn der Erprefite gegen 
seinen Vampir vorgegangen ist, macht der letztere, und auch 
das keineswe^us regelmafiig, gewohnlich aus dem Gefangnis eine 
Gegenanz'^igo, teils um sich zu rachen, teils um sein Vorgehen 
zu entschiildigen. Auch die angeklindigten Zeitungsartikel 
schreibt der Erpresser fast nie, es sei denn, daU er selbst* ein 
Rcdakteur oder Journalist von der Art ist, die man als 
Re vol V e r jcurnal's'eu lezeichnet hat, ein sehr treffender 
Name, well die Sehreibfeder in der Hand dieser Leute tatsach- 
lich oft genug nicht nur als Androhungs- sondern auch als Ver- 
nichtungsinittel die Wirkung einer SchulJwaffe hat. 

Auch an die vorgesetzte Behorde schreibt der Erpresser in Wirk- 
lichkeit selten, um so eher dagegen an die Verwandten, den Vater, 
die Mutter, die Ehofrau, von denen er hofft, daC sie aus Fiirc^ht 
und Liebc um den ErpreBten diesem zureden werden. Geld herzugel)e'i. 
Wir geben das Beispiel eines solclien Erpresserbriefes an die flutter: 
j.Guadige Frau es tut mir ser leid, ihnen mitzuteilen, daB ihr Sohn 
mich geschandet hat. Als ich im November hier in W. auBer Arbeit 
war und keine Wohnung hatte, nam mich ihr Sohn mit nach IlauB zura 
schlafen. Als wir dann im Bette waren, hat er mich dermaBen genot- 
ziichtigt, daB ich jetzt noch kriinklich bin. Ich habe seit dieser Zeit 
8c hmerzciv und kann nicht Arbeiten. Als mich mein Vater frachte, 
was mir fehle logte ich ihm die Sache auseinander, wie mirs gegangcn 



Digitized by VjOOQIC 



888 

ist. Meine Eltern koanen die Mittel nicht auftreiben, was ich dadurch 
schon gekostet habe. Mein Vater wird die Sache anzeij^en, wenn ich 
nicbt dafiir entschadigt werde, was ich versaumt an Arbeit nnd Doktor. 
Es ist besser so, als wie am Gericht, wo es vielleicht eine bose Sache 
werden kann. Und daQ ist es was ich mit ihnen sprechen wollte, 
Gnadige Frau. Es griiUt Sie N. A. B i 1 1 e A n t w o r t.*' 

Tatsachlich komint es auch vor — ich konnte mehr als ein 
Beispiel anfiihren — , daB Verwandte sich in ihrer Angst bereit fanden, 
das Stillschweigen der Erpresser zu erkaufen, sogar ohne daO sie der 
Person, auf die sich die vorgebrachten Enthiillungen und Beschuldigungcn 
bezogen, Mitteilung machten. Briefe des Erpressers an Verwandte ihres 
Opfers dienen meist nicht dem direkten Zwecke der Schadigung", 
sondern dazu, ihrer Erpressung selbst starkeren Nachdruck zu geben, 
ebenso wie wenn der Erpresser sein Wort einlost, er werde im Hause 
Krach machen oder den Betreffenden auf der StraOe „b'.amieren", 
wofiir er oft den Fachausdruck anwendet, er werde ihn „aufbieten". 
Auch dann wagt er sich gewohnlich gerade nur so weit vor, daU zwar 
allerlei Unannehmlichkeiten, aber nicht die ihm durchaus unerwiinsch- 
ten gerichtlichen Verwicklungen eintreten. 

Anders ist es wieder zu beurteilen, wenn der Rupfer angedrohte 
Gewalttatigkeiten wahr macht. Dann will er eben das, was cr auf 
dem einen Wege — dem der gewohnlichen Erpressung — nicht 
erreichte, durch das zweite ihm zu Gebote stehende Mittel — das der 
riinberischen Erpressung — durchsetzen. Das ihm nicht f rei- 
willig oibergebene Portemonnaie nimmt er einfach fort, er entreiOt 
die Uhr, streift dem Urning den Ring vom Finger, (einen Fall sah ich 
vor einiger Zeit, in dem dabei der Fingernagel abgerissen wurde). zieht 
ihm die Busennadel heraus, kurz, beraubt ihn in brutalster Weise. 
Derselbe Mensch, der sich noch vor einer Viertelstunde kiissen und 
kosen lie!) und selbst mit Judaskiissen nicht sparte, verwandelt sich 
in eineu unerbittlichen Feind, in ein wahres menschliches Ungeheuer. 

IVr c i s n e r s) schreibt einmal: ,,Mit welcher Frechheit solchc 
Strauchdiebe operieren, beweist der Fall, wo ein Uranier auf dem 
Platz voj dem Brandenburger Tor in Berlin vollstandig ausgeraubt 
wurde, und sich nicht zu riihren wagte, trotzdem swanzig Schriit 
davon ein Schutzmann stand." '^amentlich in romanischen Laiideru 
sind rauberische Erpressungen sehr hauf ig ; mehr als ein Urning 
suchte mich mit Wunden auf, die er bei solchen ErlebnisseJi in Paris, 
Briissel, Neapel und anderswo empfangen hatte. 

DaB ein Erpresser seinem Opfer sc^hwerere Verletzungen bei- 
bringt, als die zu seiner Beraubung erforderlichen, ist nicht 
gerade haufig, noch seltener> daB er schliefilich sein Opfer totet. 

JDoch kommt es ausnahmsweise vor. Ich gab iiber diesen Punkt in 
dem Trierer ProzeC gegen den des Mordes angeklagten Rennfahrer 
B r e u e r das vom Staatsanwalt von mir erforderte Gutachten wie 
folgt ab: 

„Morde an Homosexuellen, namentlich solche im Zusammenhang 
mit einer Chantage, erscheinen zunachst theoretisch unwahrscheinlich. 
da mit der Totung die sonst immer noch vorhandene Aussicht. Geld 
aus dem Opfer herauszupressen, schwindet. Es liegen aber doch eine 
ganze Reihe derartiger Falle vor. Ich habe mit Bezug auf di3 heut'ge 
Verba ndlung die vorhandene Literatur durchstudiert und konnte zirka 
zwanzig hierher gehorige Falle anfiihren. Allein in Berlin sind 
in den letzten Jahren fiinf homosexuell Veranlagta getotet: ein Lutter- 
handler E n g e 1 , ein Kaufmann L e h m a n n , einer namons Bern- 
stein, ein Militarinvalide namens Rose, ein franzosischer Kamraer- 

^) Der Uranismus p. 68. 



Digitized by VjOOQIC 



889 

diener Gaudin; in Paris wurde im Februar d. J. eia Schrifts teller 
nameiiri Paul Barreau von zwei Burschen ermordet, mit denen er 
homosexuell verkehrb hatte; am 30. September d. J. wurde in Budapest 
gegen den 23jahrigen Schauspieler Stefan L i s z k a y verhandelt, der 
elnen homosexuell veranlagten Hypothekenmakler S z i 1 a s i ermordet 
hatte. Die Motive, die bei diesen und ahnlichen Verbrechen in Frage 
kommen, sind folgende: 

Entweder handelt es sich um einen Raubmord; der Chan- 
teur bringt sein Opfer, das ihm gutwillig nichts mehr geben will, um. 
Aus diesem Grunde totete beispielsweise der Italiener Arcangeli in 
Triest den homosexuellen Kunsthistoriker Joh. Joach. Winckel' 
mann. Ein anderes, selteneres Motiv, das nach Saohlage des vor- 
liegenden Falles auch hier nicht voUkommen ausschaltet, ist die 
F u r c h t des Chanteurs, der ErpreBte konne ihn der Staatsanwalt- 
schaft iibergeben. Zeugen der Bluttat sind bei dem geheimen Oharak- 
ter der sich zwischen dem Erpresser und dem ErpreBten abspielenden 
Vorgange kaum vorhanden oder zu fiirchten. Daher ist die Wahr- 
scheinhchkeit grofier, daB die Totung eher ungesuhnt bleibt als die 
Korperverletzung. In Wirklichke'it werden auch die Morder allein- 
wohnender Homosexueller fast nie ausfindig gemacht. Ein drittes 
Motiv ist R a c h e , im Falle der ErpreBte energisch jede weitere Zu- 
wendung ablehnt. Ein viertes Motiv ware die Ausfiihrung einer, weil 
einmai ausgesprochenen, manchmal fast autosuggestiv wirkenden Dro- 
hung. Im allgemeinen setzen zwar die Chanteure ihre noch so be- 
stimmt vorgebrachten Einschiichterungsversuche nicht in die Tat um; 
doch kommt auch das Gegenteil vor; so erhielt beispielsweise vor 
einigen Jahren ein Stockholmer Rechtsanwalt V. von einem Berliner 
Chanteur, mit dem er in homosexuellen Beziehungen gestanden hatte, 
eine ihm in Aussicht gestellte sogenannte Hollenmaschine tatsachlich 
zugesandt. j i i :: ' il 

DaB ein Chanteoir sein Opfer im A f f e k t , in einer Aufwallung 
von Jahzorn oder Wut totet, ist nicht sehr wahrscheinlich, da sich 
gerade diese Verbrecher, der ganzen Art ihres Vorgehens entsprechend, 
dadurch auszeichnen, daB sie wohliiberlegt vorgehen. Wortwechsel 
zwischen Homosexuellen und Chanteuren spielen sich gewohnlich auBer- 
lioh verhaltnismaBig ruhig ab, mehr nach Art eines 'gegenseitigen 
Feilschens. Jeder sucht dem anderen durch scheinbare Kalt- 
bliitigkeif und Unerschrockenheit zu imponieren. 

Eher wiirde ich es fiir moglich halten, dafi die Totung fahrlassig 
eifolgte, indem etwa Breuer dem Mattonet den Revolver zur Ein- 
schiichtirung vorhielt, dabei sagte: ,,Wenn du mich im Stich laBt, 
mir das Venangte nicht gibst, dann knalle ich dich nieder", \ind die 
Waffe dann losging. Fiir letztere Moglichkeit wiirde die Behauptung 
Breuers sj>rechen, daB er mit der Handhabung der Browningpistole 
nicht Bescheid gewuBt haben will, sowie die Aussage eines Zeugen, 
daB der Angeklagte sich iiber den Leichnam gebeugt und weinend ge- 
rufen hatte: „Fredi, du bist doch nicht tot?" 

Die schwierige Entscheidung, ob und welche von den Straftaten, 
die ich als Sachverstandiger nach meiner Erfahrung imd psycho- 
logischeii Kenntnis der hier in Frage kommenden Verhaltnisse fiir 
moglich halte, im Falle Breuer tatsachlich vorliegt, diese Ent- 
scheidung wird der hohe Gerichtshof auf Grund der Beweisaufnahme 
zu fallen haben. 

Neben der einfachen und rauberischen Erpressung 

gibt es noch eine dritte Form, die verkappte oder verschleierte 

Erpressung, die sogenannte Chantage, wohl die haufigste und 

schlimmste von alien. Die sehlimmste deshalb, weil dem Er- 

prefiten doppelt die Hande gebunden sind, einmai durch das Ge- 



Digitized by VjOOQIC 



890 

heimnis seiner Homosexualitat, das er niclit preisgeben will, 

dann dadurch, dafl der Chanteur gesetzlich nicht zu fassen ist, 

weil seine Kunstfertigkeit el en darin besteht, „sich durch raffi- 

nierte Ausflihrung der Chantage Straflo^igkeit zu sichern. Auch 

cr betont seine eigene Notlage, die Verantwortlichkeit und Schuld 

des anderen, geht aber peinlich urn die direkte Drohung lierum, 

vermeidet vor allem den sonst ftir Erpressungen so charakteri- 

stischen Konditionalsatz — ,, falls* niclit, dann" — er kleidet 

seine mit versteckten Anspielungen geschickt durchsetzten An- 

forderungen in die Form dringlioher Bitten, wobei er es meist so 

einzurichten sucht, daU der andere ihm ein Angebot macht, oder 

er verlangt ein Darlehn, eine Entschadigung, eine Anfftellung, 

immer wieder seine Anstandigkeit hervorhebend „ich will — 

heiBt es in einem solchen Briefe — Sie ganz sicher nicht aus- 

ziehen, wenn ich das wollte^ konnte ich ja noch einen anderen 

Posten hervorbringen, den mit dem Burschen bei der'SchieB- 

iibung — ich will es aber nicht in Erwahnung bringen, damit 

Sie nicht denken, ich will Sie ausziehen.** 

Der Leiter eines groBen Werkes suclite mich einmal in vollster 
Verzweiflung auf, er wiirde auf Schritt uud Tritt von einem seiner 
Bureaugehilfen, mit dem er einmal masturbiert hatte, bedniiigt, dieser 
woilte nichts weiter, als daB der Chef ihm als Gegenleistuug fur sein 
Entgegenkommen eine bestimmte Position in seineiii Uiiternchmen 
iibtrtrug, zu der er weder seinem Alter noch seinen Fiihigkeiten nacli 

feeignet erschien. Er bestand darauf mit seltsamor Ilartnackigkeit, 
is dem Direklor nach langen vergeblichen Verhandluriij^on mit ihm und 
seiner Familie schlieBlich doch nichts anderes iibrig blieb, als die 
Hilfe des Gerichts in Anspruch zu nehmen. 

Keinhold^), dem wir die beste Monographic liber |die 
Chantage verdanken, definiert den Unterschied zwischen d.or 
Erpressung und Chantage wie folgt: „Der Erpresser 
bedient sich der Gewalli oder of fener Drohung, der Chanteur 
verkappter Drohung; der Erpresser droht mit einem an sich 
rechtswidrigen Verhalten, der Chanteur stellt in Aussicht ein an 
sich nicht notwendig rechtswidrigcs, ein rechtmaOiges t)bel; 
der Erpresser verletzt neben dem Vermoi^en die Freiheit des 
Opfers; die Chantage ist ein Vermogensdelikt, welches zugleich 
die Ehre des Opfera gefahrdet. Der Erpresser forde:t die Lei- 
stung vom Opfer; der Chanteur erwartet in der Kegel die Initia- 
tive zur Leistung vom Opfer. Der Erpresser versotzt sein 
Opfer in einen Zustand, in welchem es, der normalen Freiheit be- 
raubt, in die Leistung einwilligt; der Chanteur f indet in der 
Kegel ohne sein Zutun' eine Lage des Opfers vor, die er aus- 
beutet.'* 



6^ R e i n h o 1 d , a. a. O. p. 27 f. 



Digitized by VjOOQIC 



891 

Der Ausdruck Chantage stammt aus der franzosischen Verbrecher- 
sprache. Er hat hisher nur in der Literatur und in der praktischen 
Rcchts.sprechung, dagegen nicht in den Gesetzbiichern Aufnahme ge- 
funden. Die einen (L i 1 1 r 6 , Dictionnaire, K 1 6 p p e r , Franzo- 
sisches Reallexikon I, S. 794) fiihren den Ausdruck auf eine alt- 
franzosische Sitte zuriick, nach welcher der Hausherr seine Gaste 
beim Mahle auf alle mogliche Weise dazu brachte, ein Lied zu singen. 
,Cette coutume 6tait telle, qu'on n'admettait pas d'excu.ses.* Eine 
and ere Erklarung finden wir in den Pandectes beiges ; sie fiihren die 
Worte , fa ire chanter* auf die Inquisition zuriick : II parait certain 
qu'autrefois les bourreaux faisaient , chanter* leurs victimes. Telle 
6tait du moins la fa9on de qualifier les aveux ou les d6clai*ations 
arracheei* aux patients dans les douleurs de la torture. Peut-etre est-on 
parti de 1^, surtout dans le monde oil fleurit Target, pour assimiler 
k I'accusC* mis k la question et forc6 de confesser des crimes r^els 
ou imaginaires, la personne qui devient la proi de quelque habile 
coquin et qui, expose k une veritable torture morale, se voit contrainte, 
elle aussi, de c6der k la volont6 de son bourreau. (Pand. beiges, Chan- 
tage Nummer 5)." Bruno ^I e y e r ^) gibt folgende Erklarung: 
„Das Wort .chantage* ist ein Kunstausdruck der Jagerei und Fischerei 
und bedeutefc ,Larmjagd*. Es bezeichnet jene Art des Jagerei- und 
Fischereibetriebes, bei der die Tiere durch allerlei laute Gerausche und 
andre Mittel aufgescheucht, hin- und hergehetzt, in bestandiger Angst 
und Aufregung erhalt^n und so endlich den Jagern oder Fischern als 
leichte Beute zugetrieben werden. Dasselbe bisher durch keln Gesetz 
verbotene Spiel treibt der ,Chanteur* mit seinem Opfer. Ohno ihm 
Gewalt anzutun oder ihm irgend welche Unannehmlichkeit in Aussicht 
zu stellen, sogar ohne ihm irgend etwas abzuverlangen, laBt er ihm 
keinen Augenblick Ruhc, bis er weich geworden ist und von s e 1 b e r 
entgegenkommt — mit dem Versuche sich loszukaufen. Das ist 
danu selbstverstandlich keine Erpressung; aber wie bei einer recht- 
schaffenen Erpressung l^eginnt dasselbe Spiel nach jedem Erfolge 
imd einer gewissen kurzen Anstandspause wieder von neuem — cum 
gratia in infinitum.** 

Wenn Wachenfeld in seinem Werke „Homosexualitat und 
Strafgesetz** (S. 121) sagt: „Man glaubt, mit der Aufhebung des 
§ 175 wiirden die Erpressungen aufhoren. Das ist eine naive An- 
schauung. deren Richtigkeit schon durch die Tatsache widerlegt ist, 
daU der terminus technicus fiir diese Art Erpressung, , chantage* ge- 
rade in einem Lande aufgekommen ist, das keinen ,Urning3paragraphen* 
kennt", so iibersieht er, daB dieser Ausdruck schon v o r Aufhebimg 
dieses Paragraphen existierte. Er kommt zwar im „Dictionnaire de 
TAcademie frangaise Paris 1811** noch nicht vor. Wohl aber findet sich der 
Ausdruck „faire chanter quelqu'un: „0n dit, qu'on a fait, qu*on fera 
chanter un homme, pour dire, qu'on la r^duit, qu*on le reduira k la 
saison.** Wachenfelds Behauptung ware aber auch ohnedies un- 
richtig, denn die Strafbestimmungen in Frankreich und besonders 
deren Interpretation sind derartig (z. B. die der offentlichen Ver- 
letzung der Schamhaftigkeit), dafl dabei der Chantage ein ausgiebiges 
Feld eingeraumt wird. Cbrigens findet sich im Nouveau Larousse fol- 
gende Stelle : .,Cliantage (deriv6 de chanter, au sens argotique de ce 
mot) n. m. Action d'extorquer de I'argent k une personne en exer^ant 
sur elle une contrainte morale, en la mena^ant de revelations scan- 
daleuses : Lo chantage est une invention de la presse anglaise. (Balzac.)** 

In England und Amerika bedient man sich zur Bezeichnung der 
Chantage des ebenfalls seltsamen Wortes „b 1 a c k m a i 1**. Ober den Ur- 
sprung dieses Wortes teilt F e 1 1 o n (cit. S. &S8) nach Websters 
Worterbuch mit: „ Autrefois, les contr6es de TEcusse m^ridionale et 



') A. a. O. p. 321. 



Digitized by VjOOQIC 



892 

du Norcl de TAngleterre etaient tellement infest^es de brigands que 
les habitants se trouvaient reduits, pour se preserver corps et biens. 
k contracter une sorte de march6 avec les pillards. lis payaient Ik. 
des affilies une certaine dime en argent ou en nature, moyennant La- 
quelle on s'engageait k les garantir contre les attaques des brigands. 
Voil^ cc qu'on appelait: ,blackniair. On disait: pr61ever iin black- 
mail.** 

Die D a u e r einer Erpressung ;ist sehr verschieden. Oft 
hat es, namentlich wenn; der Rupfer nicht Namen und Wohnort 
seines Opfers weiB, bei einer einmaligen Erpressung se'in 
Bewenden, nicht selten aber ziehen sich die Verfolgungen eines 
Prellers durch Jahre, Jahrzehnte, ja durch das ganze Leben 
des ErpreBten hin. Es gibt sogar Falle, und sie sind nicht ver- 
einzelt, in denen sie das Leben tiberdauern und an den 
Hinterbliebenen erfolgreic'h fortge:etzt werden. Es ist daherdurch- 
aus folgerichtig, wenn das neue russische Strafgesetzbuch^) 
eigens betont, dalJ auch derjeni^e wegen Erpressung bestraft 
wird, der sich oder anderen einen Vermogensvorteil zu ver- 
schaffen sucht, indem er mit der Veroffentlichung erdichteter 
oder wahrer Mitteilungen droht, die nicht nur ihn oder ein 
lebendes, sondern auch ein verstorbenes Mitglied der Familie 
zu entehren bestimmt sind. 

B 1 o c h 3) schreibt : „Oft peinigen diese gemeingefahrlichen Sub- 
jekte jahrelang ihre unglucklichen Opfcr. T a r d i e u berichtet von 
eiuem beriihmten Gelehrten, dessen Geldbeutel die Erpresser als deu 
ihrigeu ansehen durften. Er wurde mehr als zwanzig Jahre hindurch 
durch mehrere Generationen von Gaunern ausgebeutet, die einander 
dieses sichere Einkommen vermachten." 

Vor langerer Zeit wurde mir ein Fall vorgetragen, in dem die Er- 
pressungen noch immer fortgesetzt wurden, trotzdem b e i d e Man- 
ner, die vor 35 Jahren geschlechtlich miteinander verkelirt- hatten, 
langst gestorben waren. Die Ehefrau des urspninglich an Tuberkulose 
verstorbenen Erpressers setzte in Gemeinscliaft mit ihrem zweit^n 
Gatten die Erpressungen an den Sohnen des verstorbenen Homo- 
sexuellen fort. Diese entschlossen sich, die von ihrem Vater zu 
Lebzeiten der Frau bezahlte Monatsrente weiter zu entrichten, weil sie 
den beriihmten Namen ihres Vaters nicht durch die angedrohte Blofl- 
stellung seiner geschlechtlichen Beziehungen herabgesetzt . wissen 
wollten. 

Es gibt Erpresser, die immer wieder zu bestimmten Zeiten wie 
aus einer Versenkung emportauchen, beispielsweise kurz vor Weih- 
nachten. Dberhaupt nimmt die Gesamtkurve der Erpressungen in 
gewissen Abstanden — so kurz vor imd nach dem Monats- und 
Quartalsersten wegen der falligen Miete — sichtlich zu. Auch in 
Perioden der Arbeitslosigkeit und des wirtschaftlichen Niedergangs 
vermehren sich die Erpressungen. Kriminalkommissar Dr. K o p p hat 
in einem Vortrage, den er 1909 auf dem Berliner Polizeiprasidium vor 
einer Versammlung hoherer Polizeibeamten iiber das jgewerbsmaBige 
Erpressertum hielt, betont, daB auch „die bekannten homosexuellen 
Skandalprozesse die Zahl der Erpressungen ganz auCerordentlich ver- 
mehrt hatten**. Nach meiner Erfahrung starkt auch jede Bestrafung 

^) § 015 des russischen Str.-G.-B. vom 22. III. 1903. 
^) r> 1 o c h , Das Sexuallebcn unsercr Zeit, p. 575. 



Digitized by VjOOQIC 



893 

eines von Erpressem oder ihren Helfershelfern aus Revanche ange- 
zeigten Homosexuellen ungemein die Position und die Riihrigkeit 3er 
Erpresser. Sie wissen nur zu genau, daB die Furcht der ohnebin angst- 
lichen Homosexuellen „mithineinzufallen", und infolgedessen ihre Scheu, 
die Preller anzugeben, nun zunachst sehr zunehmen wird und niitzen 
diese ciinstige Chance — wie ich in Berlin wiederholt ganz deutlich 
feststellen konnte — mit Eifer und Erfolg aus. 

Als Regal darf gelten, daB sine geglttckte Erpressung 
fast stets wiederfiolt wird, dagegen mit jedem miBgltickten Er- 
pressungsversuch die Wahrscheinlichkeit den Erpresser los zu 
werden wachst. Das oft angewandte Wort von der Schraube 
ohne Ende hat in der Tat seine Bichtigkeit. Nichts ist torichter, 
als der von fast alien, auch den schwerslen Erpressem ange- 
gebenen Versicherung, es sei nun aber wirklich das letzte 
oder allerletzte Mai, Glauben zu schenken. Ich besitze Erpresser- 
korrespondenzen, in denen diesf 30 und mehr mal hintereinander 
immer wieder ,4ioch und heilig** versprochen wurde. 

Das schlieBliche Ende einer Erpressung kann vom Er- 
presser oder vom ErpreBten ausgehen, je nach dem im Kampf 
beider — denn um einen solchen handelt es sich — sich der eine 
oder der andere als der Starkere . und tlberlegene erweist. Ich 
habe Erpresser, mit denen zu verhandeln mich Homosexuelle 
ersuchten, oft davon zu liberzeugen gesucht, daB der ErpreBte 
ihnen gegentiber sich imj Zustande der Notwehr befindet, daB 
sie, wenn nun gegen sie die Offens'ive ergriffen werden 
wiirde, trotz ihrer hSufigen Einrede „sie hatten ja doch nichts 
zu verlieren**, den Klirzeren ziehen wlirden. Gelingt es, ihnen 
dies klar zu machen, so ist dies sehr viel wirksamer als ein 
Appell an das Mitleid, der bei diesen ebenso hartnackigen wie 
hartherzigen Menschen fast stets versagt. Macht ©s auf sie doch 
nicht einmal einen Eindruck, wenn der ErpreBte, die Waffe in 
der Hand^ ihnen glaubhaft versichert, daB, wenn sie nicht den 
Erpressungen Einhalt tun wlirden, er seinem ©igenen Leben 
ein Ende bereiten wiirde; es irritiert sie ebenso wenig wie den 
Revolverjournalisten, der, wenn eines ihrer Opfer sich getotet 
hatte, keinen Anstand nimmt, sofort ein neues Jagdwild aufs 
Korn zu nehmen, zu hetzen und zur Strecke zu bringen. 

Eines der besten Mittel, das der ErpreBte gegentiber dem 
Erpresser anwenden kann, ist passive Resistenz. Dem 
intensiven Andrangen dieser Individuen zu widerstehen, er- 
fordert allerdings nicht nur Furchtlosigkeit, sondern vor allem 
eine Standhaftigkeit, Pestigkeit und Nervenkraft, wie sie sie 
unter den Homosexuellen nur wenige besitzen. Und doch ist 
dieser Anschein von Ruhe und kaltbltitiger Gleichgliltigkeit eine 
der erprobtestsn Verteidigungsmaximen gegentiber Menschen^ die, 



Digitized by VjOOQIC 



894 

wenn sic die absolute Vergeblic'hkeit ihrer Bemiihungen ein- 
sehen, wenn sie merken, daU die Person, die fiir sie lediglich als 
subjektives Ausbeutungsobjekt, nicht aber als zerstorenswert an 
und fiir sich in Frage kommt, unerschiitterlich bleibt, dann 
schlieBlich doch ablassen, so wie ein Blutegel zu saugen auf- 
hort, wenn er aus den ^lutgefaBen keinen Nahrungssaft mehr 
herauspressen kann. 

Oft. freilich treibt es der Erpresser mit seinen Belastigungen 

— offenen Postkarten, BloBstellungen auf der StraOe, Haus- 
friedensbrtichen, Freiheitsberaubungen und anderen Gewalttatig- 
keiten — so arg, dafl es mit der passiven Resistenz allein selbst 
bei groBter Aufwendung von Geduld nicht mehr geschehen ist, 
auch nicht mit Warnungen von dritter Seite, daB vielmehr nun 
nichts mehr tibrig bleibt, als sich entweder fiir eine kurze 
Spanne Zeit durch Bewilligung der Forderungen Frieden — der 
aber fast immer nur ein vortibergehender Waffenstillstand ist 

— zu erkaufen oder zum Angriff iiberzugehen. 

Gelegentlich kommt es auch vor, daB der Homosexuelle seinen 
Peiniger los wird, indem dieser durch anderweitige Delikte, Einbruche, 
Zuhalterei, in das Gefangnis kommt, vielleicht so^ar auf Veranla-ssung 
des Erprefiten, der, ohne daB seine Sache einbezogen wurde, den 
kriminellen Charakter seines Vampirs aufzudecken in der Lage war. 
Aber das sind doch nur Ausnahmefalle. In der groBen Anzahl der Falle 
muB der ErpreBte einen der beiden genannten Wege wahlen, und da 
ist es gewiB hochst bemerkenswert, daB von 1000 kaum einer den 
der Anzeige beschreitet, 999 z a h 1 e n. 

Was der Miinchener Neurol oge Dr. Loewenfeld^**) sagt, ist 
durchaus richtig: „Von verschwindenden Ausnahmen abgesehea, ver- 
meiden es die Homosexuellen 'peinlichst, gegen ihre Erpresser An- 
zeige zu erstatten, nicht lediglich aus Furcht, auf Grund des § 176 mit 
aut der Anklagebank erscheinen zu miissen, sondern aus einer sehr 
wohl begreiflichen Scheu, etwas iiber ihre homosexuellen Neigungen in 
die Offentlichkeit gelangen zu lassen"; er fiigt hinzu .„recht be- 
zeichnend ist eine Mitteilung, die ich von Herrn Rechtsanwalt Dr. von 
Pannwitz erhielt. Dieser berichtete mir gelegentlich, daB er in etwa 
40 Fallen einer ^rpressung auf Grund des § 175 zu Rate gezogen 
wurde und in keinem dieser Falle gerichtliche Anzeige erf olgte." 

Der gegen die Erpresser gerichtete § 253 des Str.-G.-B. lautet: 
„Wer, nm sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Verraog^ns- 
vorteil zu verschaffen, einen andern durch Gewalt oder Drohung zu 
einer Handlung, Duldung oder Unterlassung notigt, ist wegen Er- 

pressung zu bestrafen." Was man unter Drohung zu ver- 

stehen hat, erlauterte das Eeichsgericht wie folgt: RGSt. X. 217: 
„Fiir das Wesen der Drohung ist es geniigend, daB der Tater die 
Drohung als geeignet, auf die willensfreiheit des anderen einzawirken, 
erkannte.** 

Sogar der preuBische ^Minister des Innern, Freiherr von 
Hammerstein, sagte im Abgeordnetenhause am 15. Februar 1905 
in bezug auf das homosexuelle Erpresserwesen (laut stenograph isoheno 
Protokoll S. 10 020/21) wortlich folgendes: „Wie gering ist derProzent- 

10) Loewenfeld, Ilomosexualitat und Strafgesetz. Wiesbaden 
1908. p. 29. 



Digitized by 



Google 



895 

satz (ItM Erpres.ser, die iiberhaupt vor die Gerichte kommen. in den 
ailt.rmoi^Un Fail ti hiudort oin ganz ungewohnliches Schamgefiihl den- 
jeiiigen. der derartiger Erpressimg erlegen ist, die Sache vor Gericht 
zii bringeri : or wird bis aufs Blut gequalt, bis eine Katastrophe seinem 
Leben ein £nde macht, wobei nachher niemand in der Aufienwelt weiB, 
wad der Grund gewesen ist. In der Verabscheuung dieses Zustandes 
stimme ich also mit dem Herrn Abgeordneten uberein, und ich weiB 
micli dariii eins mit dem Hohen Hause und der ganzen gebildeten Welt. 
Abei, meine Herren, geben Sie ein Mittel an, wie dem entgegenzutrcten 
ist I Aiigenblicklicli versagen, wie gesagt, die der Staatsregierung zur 
V(^rfiigung gestellten Mittel vollstandig. In welcher Weise & zu helfen 
sein wird, kann ich nicht angeben. Ich kann nur bitten, moge ein 
solches Mittel gefunden werden, mogen wir dahin kommen, daU wir 
w(Mii^stenH dieser Ausartung Herr werden, und zwar griindlich Herr 
werden." (Lebhafter Beifall.) 

Wie ist es zu erklaren, da6 ein ErprelJter so selten Anzeige 
erstattet? Die Grlinde, die ihn davon zuriickhalten^ die Hilfe 
der Behcirden in Anspruch zu nehmen, sind Furcht, und so 
merkwtirdig es zunachst klingen mag, in einigen Fallen auch 
Liebe. Wenn auch im allgemeinen die Zune^^gung des Homo- 
sexuellen erliseht, sobald er merkt, daB diese auf der anderen 
Seite nur mit niederer Gewinnsucht erwidert wird, so gibt es 
doch Falle, in denen der Urning trotz aller Bedrohungen^ Und 
Erpressungen so fasziniert ist, daU er sidi dem EinfluU nicht 
entziehen kann, den die Augen, die Stimme, die G^stalti desi 
Geliebten auf ihn ausuben. Er ist sich iiber das erpresserische 
Vorgehen des aaderen, der ihn womoglich zwingt, selbst Dieb- 
stahle zu begehen, voUig klar; er ist oft nahe daran, ider 
unwiirdigen Sklaverei ein Ende zu bereiten, schreckt aber 
zuletzt immer wieder davor zuriick, nicht aus Angst, sondern 
aus Mitleid. 

Meist sind es masochistische Naturen. Einen besonders krassen 
Fall lernte ich in England kennen, einen hohen Beamten, der sich 
abt'.iclitlich oft unter Lebensgefahr berauben liefi. Wohlweislich steckte 
er sich allerdings, wenn er sich zu diesem Zweck in gewisse Ver- 
brecherlokale begab, immer nur 5 Pfund Sterling in die Tasche, die er 
seinem Vergniigea zu opfern l)oreit war. 

Ich habe in mcinem Gutachten^^) im Breuerprozefi einige Bei- 
spiele angefiihrt, in denen Homosexuelle noch zu ihren Chanteuren Zu- 
neigimg empfanden, wie es mir auf Grund verschiedener Indizien 
auch in dem Verhaltnis zwischen dem damals Angeklagten und seinem 
Wchltiiter und Opfer wahrscheinlich schien. 

A lies in allem aber sind diese Falle doch so rar, daB sie mehr 
ein psychologisches als praktisches InteTesse in Anspruch nehmen 
diirfen und kaum gegeniiber denen in Betracht kommen, in denen ledig- 
lich die Angst den ErpreBten abhalt, den todlich gehaUten* Peiniger 
anzuzeigen. Fiirchtet er auch nicht so sehr seine Gegenanzeige, nicht 
seine si)aterie Rache, so bangt es ihm doch vor der offentlichen Blofi- 
slellung, vor der Gefahr, in seinen Neigungen erkannt zu werden, in 
Boziehungen, wie die zu dem Angeklagten, die so seltsam mit seiner 



11; Vgl. Vierteljalirsberichte des W.-h.K. Jahrg. II 1910, p. 146 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



896 

sonstigen gesellschaftlichen Stellung und Spbare kontrastieren. Die 
Erpresser haben nur zu recht, wenn sie immer wieder betonen, daB 
ihr Einsatz gering ist gegeniiber dem, was fiir ihre Opfer auf dem 
Spiele steht. Vor einiger Zeit entschloB sich einmal ein Offizier in 
WestpreuBen, einen ihm ganzlich unbekanuten Erpresser, der aber von 
seiner Homosexualitat durch einen Soldaten erfahren hatte, anzu- 
zeigen: er war vorher namenlos gepeinigt worden. Was war die Folge? 
Der vielfach vorbestrafte Erpresser kehrte fiir einige Jahre wieder 
in das Zuchthaiis zuriick. Der Offizier aber muBte „des Konigs Rock" 
ausziehen. Sein Vater, ein hoherer Militararzt, verstieB ihn, nicht 
einmal der Bestattung seiner Mutter durfte er beiwohnen, jetzt ist er, 
der mit Leib und Seele Soldat war, Vertreter eines Mobelabzahlungp- 
gescliafts und hatte wie viele seiner Standesgenossen sich langst 
die erlosende Kugel in die Brust gejagt, wenn nicht seine religiose 
Uberzeugung ihn abgehalten hatte. 1st es verwunderlich, wenn ein 
Urning, bevor er dieses Risiko von Schmach und Schande lauft, 
sich ausziehen und auspliindern laBt, so lange und so weit es irgend 
moglich ist? 

Noch ein anderes kommt hinzu: Die Furcht vor dem 
Zeugeneid. Der Anzeigende weiB zwar, daU man ihm unbe- 
scliadet seiner Homosexualitat mehr Glauben schenken wird, als 
dem Angeklagten, es war auch kein Dritter dabei, der aus- 
sagen konnte, ob der zwisohen beiden stattgehabte Verkehr in 
strafbarer oder straf loser Weise voUzogen wurde; man hat dem 
homosexuellen Herrn auch zugesichert, da6 die vorangegangenen 
sexuellen Beziehungen bei der Verhandlung liberhaupt jiicht 
berlihrt werden wiirden, die Erpresserbriefe seien als Beweis- 
material voUkommen ausreic^hend ; wer aber garantiert ihm, 
daB, wenn selbst Richter und Staatsanwalt die verhangnisvollen 
Fragen unterlassen, sie nicht der Verteidiger stellt, in der 
Meinung, dadurch den Hauptzeugen zu belasten und 'seineji 
Klienten zu entlasten? 

Oft ist diese Besoi^gnis des homosexuellen Zeugen unnotig, da er 
nach § 51 StPrO. die Auskunft auf solche Fragen verweigern kaim, 
wenn „deren Beantwortung ihm selbst oder einem der im § 51 Nr. 1 — 3 
bezeichneten Angehorigen (Verlobte, Ehegatte, in gerader Linie Ver- 
wandte usw.) strafgerichtliche Verfolgung zuziehen wUrde", aber in- 
direkt gibt er mit jeder derartigen Verweigerung zu, daB otwas Straf- 
bares vorgekommen ist, denn sonjst brauchte er ja die Aussage nicht 
zu verweigern. Er hat aber dann bei einem iibelgesinnten Staatsanwalt 
zu gewartigen, daB nach Aburteilung des Erpressers, gestiitzt auf 
die verweigerung der Aussage des Homosexuellen und der belastenden 
Angabe des Erpressers, Anklage gegen ihn erhoben wird. Ein besonders 
gefahrlicher Trick der Staatsanwalte, der noch heute manchmal an- 
gewendet wird, ist folgender: Man urteilt zuniichst von zwei wegeu 
§ 175 Angeschuldigten den willensschwacheren ab ; ist dieser ^er- 
urteilt, schreitet maii zur Verhandlung gegen den andern, gegen den 
man nun einen guten Zeugen hat, den schon verurteilten fJrsten. 
Denn jetzt, wo dieser schon abgeurteilt ist, kann er den E i d nicht 
mehr verweigern und muB iiber die Tat unter Eid aussagen. Besonders 
wenn Militiir und Zivil mitbeteiligt sind, habe ich dieses Verfahren 
wiederholt — so erst kiirzlich bei einem homosexuellen MarineprozeB 
in Kiel — beobachten konnen. 



Digitized by VjOOQIC 



Am Khein stellte sich vor nicht langer Zeit ein hoinosexuell3r 
Jurist freiwillig dem Gericht; er hatte vor vielen Jahren einen Mein- 
eitl geschworen, als man ihm die Frage vorgelegt hatte, ob or mit dem 
von ihm angezeigten Erpresser geschlechtlichen Umgang gehabt hatte ; 
seitdem fande er keine Ruhe mehr; die Handlungen aus § 175 seien 
zwar nun verjahrt, wegen des Meineids aber, mit dem er in seinem 
Gewissen nicht fertig werden konne, bate er um die gebiihrende Strafe. 
Noch einen zweiten ahnlichen Fall von Selbstdenunziation 
kenne ich. 

Es hat Leute gegeben, welchfe die Erpressungen und alles was 
damit zusammenhangt, als „das gerechte Verhangnis" der Homo- 
sexuellen erklart haben, seien doch die Erpresser z u v o r die 
Opfer der Urninge gewesen. Diese Behauptungen zeugen von 
yolliger Unkenntnis des wahren Sachverhalts. Denn fast uie 
hat ein Erpresser von einem Homosexuellen einen Schaden er- 
litten, zumal der Erpresser in den meisten Fallen der aggressive 
Teil zv, seiin pflegt. Es ist sehr bezeichnend, dafl in Berlin 
seit vielen Jahren dasi Erpresserdezernat zugleich dasjenige fur 
homosexuelle Angelegenheiten ist; aber nicht minder lehrreich 
ist es, daU trotzdem; relativ nur ganz wenige Homosexuelle ihre 
Erpresser anzeigen. Denn wenn auch unsere Polizei — wie 
dankbar anerkannt werden mu6 — den denkbar vemiinftigsten 
Standpunkt einnimmt, wenn sie auch grundsatzlich den Er- 
presser ftir unglaubwtirdig erachtet — „Dem Erpresser glaubt 
man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht**, — so kommt 
es doch vereinzelt — und das gentigt — immer wieder vor, 
daC ein Staatsanwalt, vielleicht nur geblendet von der die Denun- 
ziation der Erpresser einschlieflenden Selbstanzeige (in 
Wirklichkeit kommt es diesem aber ,,auf ein paarWochen mehr" 
nicht an), nachtraglich auch gegen den Homosexuellen die An- 
klagc aus§ 175 erhebt. Mogen auch diese Falle nur selten sein, so 
sah ich doch mehr als einmal Urninge neben ihren notorisohen 
Erpressern auf der Anklagebank, und nie werde ich den schrill- 
gellenden Schrei vergessen, mit dem einmal ein greiser Urning, 
als verkiindet wurde, daC' er auf Grund des Zeu^nisses seines 
Erpressers wegen eines homosexuellen ,,Sittlichkeitsverbrechens** 
zu einem Jahr Gefangnis verurteilt sei, den Richtern das Wort 
pJustizmorder" entgegenschleuderte. DaO erfahrungsgemaO 
u n t e r 10 000 Homosexuellen dem Gesetz kaum 
einer, den Erpressern dagegen mehr als 3000 v e r - 
fallen, soUte allein schon ein Grund sein, mit Stumpf und 
Stiel eine Bestimmung auszurotten, deren Berechtigung ohnehin 
im hochsten Grade problematisch ist. Wer in der Erpresser- 
praxis steht, kann H o B 1 i nicht der t)bertreibung zeihen, wenn 
er ausruft: „Man wahnte ein ttbel, das nicht war, auszurotten, 
und zog eine Pest liber die halbe Welt ; man briLstete sich, Laster 

Hirschfeld, Hoitiosexualitlt. 57 



Digitized by V:iOOQIC 



898 

auszutilgen, die nie geWesen sind, und beging die gfAtienvollsteri 
Verbreehen an der Gesellschaf t, an Mensch und Natur, man gab 
Menschenrettung vor und versenkte Millionen in den Abgrund 
inneren Widerspruches und Juflerlicher Schmach und reltete 
keineni" 



Digitized by VjOOQIC 



SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL. 

Die Folgen der Verfolgung. 

Man konnte annehmen, daB die dreifache Verfolgung, 
welche, wio wir sahen, dem Homosexuellen von seiten der Ge- 
setze, der Gesellsehaft und dem Erpressertum droht, so 
starke Hemmungs- und Widerstandsmechanismen erzeugt, da6 
die gleichgeschlechtlichen Keflex- und Triebimpulse durch sie 
iiberboten und auf die Dauer unterdriickt werden. Die rein 
praktisohe Erfahrung lehrt aber, daB dies im allgemeinen nicht 
zutrifft, hochstens in Ausnahmefallen infolge besonderer Be- 
gleitumstande, etwa einer ungewohnlich groBen Triebschwache 
oder Willensstarke, und audi dann geschieht es meist auf Kosten 
des subjektiven Wohlbefindens, der Leistungsfahigkeit und 
Lebensfreudigkeit. Andererseits muB betont werden, daB in 
so bedrohlicher Weise auch die genannte Trias, nament- 
lich das Erpressertum, wie ein Damokles^chwert iiber den 
Ha up tern der Homosexuellen schwebt, schlieBlich es doch nur 
eine Minderheit ist, auf die dieses Schwert vernichtend her- 
niedersaust. An die Hoffnung, zu der vom Schicksal be- 
giinstigten Mehrheit zu geboren, klammern sich aber bewuBt 
oder unbewuBt fast alle, sonst wlirden wohl noch mehr, als 
es ohnehin tun, sich vorzeitig in ' Sicherheit zu bringen suchen. 
Die Zahl der Urninge, die sich vorbeugend den Gefahrdungen 
ihrer Existenz entziehen, ist gleichwohl eine nicht unbetracht- 
liche. Je nach ihrem' Temperament ergreifen manche schon die 
Flucht, wenn von einer Verdichtung der Gefahr, die ihnen droht, 
noch keine Rede sein kann, andere entweichen erst dann, wenn 
Sturmzeichen sie warnen, etwa ein Ermittelungsverfahren 
schwebt. Eine dritte Gruppe wartet bis zum auBersten. Viele 
gehen auBer Landes, viele in ein Land, axis dem es keine Wieder- 
kehr gibt. 

Die Menge der Homosexuellen, die jahrlich aus Furcht vor 
dem § 175 Deutschland verlaBt, rechnet nach Hunderten. Viele 

57 • 



Digitized by VjOOQIC 



900 

von ihnen berau'ben sich: nicht rnir selbst ihrer Heimat, sondern 
nehmen dem Vaterlande durch ihren Fortzug erhebliche mate- 
rielle und ideelle Werte. Audi manche unerklarlicheDeser tie- 
rung von Offizieren beruht auf Beftirchtungen, die init der 
homosexuellen Anlage der Fahnenfliichtigen zusammenhangen. 

Ein homosexueller Offizier schrieb mir einmal: „NaturgeinaB ist 
es fiir einen Kommandeur sowohl als fiir das Offizierskorps hochst 
unangenebm, wenn sich ein Offizier eines Vergehens im Sinne des 
§ 175 achuldig macht. Begeht der Angeklagte Selbstmord oder stellt 
er sich selbst dem Gericht, so wird von den Zeitungen viel mehr 
Staub aufgewirbelt, als bei Fahnenflucht. Letztere sieht manches 
Offizierskorps wohl noch am liebsten. Betrachtet man nun aber die 
Konsequenzen, so kann der Entflohene, so viel ich weiU, nicht unter 
10 Jahren zuriickkehren. Ein etwa vorhandenes Vermogen verfallt bei 
Fahnenflucht dem Staa-te. Bleibt er dagegen, so muB der Betreffende 
sich dem Gericht stellen und — muJJ ja nicht bestraft werden (§ 61). 
Ist er wirklich verurteilt worden, und geht er nach VerbiiBung der 
Strafe ins Ausland, so kann er in dringenden Fallen den Hieimatboden 
ungehindert betreten. Ich rate jedem homosexuellen Offizier im ge- 
gebenen Falle die Folgen der Fahnenflucht genau zu iiberlegen. Vor 
einem Selbstmord warne ich, denn es ist ein Unding, sich zu toten, 
wean man etwas begangen hat, fiir das man nicht kann, wenn es auch 
Gesetz und Gesellschaft verurteilen. Ich mochte sagen, bei einer Be- 
strafung durch den § 175 bestraft sich der Staat selbst, wenn der un- 
glUckliche Mensch auch leiden muB; aber Unrecht leiden ist besser, 
als Unrecht tun I" 

Hiomosexuelle Fliichtlinge suchen nicht immer nur Lander auf, 
in denen keine Strafparagraphen existieren, sondern auch andere, wie 
Amerika, England und RuBland; auch nach Deutschland kommen oft 
urnische Auslander, die in ihrer Hfeimat mit dem Homosexualitats- 
paragraphen in Konflikt gekommen sind. Sie halten das aus bestehen- 
den Strafvorschriften bestehende Risiko nicht fiir groB genug, um 
ein Land zu meiden, das ihnen sonstige Vorteile bietet, und manche 
haben nur den einen Wunsch, daB ihre Familie nicht durch ihre 
Diskreditierung oder Infamierung bloBgestellt wird. Die Familie 
selbst, welche vielfach in kenntnisloser Angstlichkeit die Gefahr sehr 
iiberschatzt, in der sich ein homosexueller Angehoriger befindet, 
kommen diesem Wunsche nicht nur gem entgegen, sondern sind es oft 
genug selbst, die das urnische Mitglied „abzuschieben" bemuht sind. 
Ich habe ofter eine alte Mutter zu trosten, die glaubt, sich dem Dmn- 
gen ihres Gatten und ihrer erwachsenen Sohne — samtlich Offiziere 
— nicht energisch genug widersetzt zu haben, als diese ihren JUng- 
sten, einen Fahnrich, dessen Hbmosexualitat ruchbar geworden war, 
nach Chile- „verfrachteten". Der kurze Satz, mit dem er am Jahres- 
tage seiner Ausreise von Hamburg die Familie von seinem Selbst- 
mord unterriclitete : „Nun seid ihr mich ganz los", brannte wie 
ein Flammenzeicheu in ihrer Seele. Ein urnischer Arbeiter erziihlt : 
„Ich hatte von meinem 19. — 21. Jahre ein sehr inniges Freundschafts- 
verhaltnis, mein Freund war ein Jahr jiinger als ich, von groBer 
Xatiirliclikeit und Frohlichkeit. Nichts ware imstande gewesen uns zu 
trennen. Da entdeckten seine Eltern in ihm den Urning und jagten 
ilui mit Schimpf und Schande aus dem Hause. Er ging nach Paris und 
ist seit vier Jahren verschollen. Damals lernte ich erkennen, daB auch 
icii vol! , und ganz zu jenen von der ehrbaren Welt Ausgeschlossenen 
gehore. ofter als einmal war ich nahe daran, diesem jammervoUen 
Leben ein Ende zu machen. Was ich infolge meiner urnischen Natur 
gekarai)ft und gelitten, vermag icli auch nicht annahernd zu schildern. 
\\'cnu irl: nicht losknallte, so ist es wahrhaftig keine Feigheit ge- 



Digitized by V:iOOQIC 



901 

wesen, sondern allein die Erkenntnis hielt mich ab, dafi ein gro- 
Berer Mut dazu gehort, auszuharren, und daB nicht die Natur, son- 
dern die kurzsichtige Menschheit in Verblendung den Fluch iiber iins 
geschleudert hat, welcher — ich sage leider — himdertfach auf sie 
znruckfiel, indem sie tausende von Menschen, deren geistige Tatigkeit 
fiir sie von groBtem Nutzen gewesen ware, zur Verzweiflung und in den 
Tod getrieben hat." 

In Anacapri traf ich einmal einen dieser Verschollenen. 
Er war ein Verwandter des berlihmten osterreichischen Admirals 
T. und selbst Offizier gewesen. Als seine Homosexualitat ruchbar 
wurde, verschickten ihn seine Eltern nach Argentinien. In 
Neapel hatte er vor Ausfahrt des Schiffes drei Tage Aufenthalt. 
Er benutzte diese zu einem Ausflug nach der Insel Capri. Hier 
ftigte es sich, dafi ihm eine Stelle als "Kellner angeboten wurde, 
von der er allmahlich zum Gesehaftsfuhrer aufrtiekte. Zwanzig 
Jahrc wohnte er nun bereits ohne Unterbrechung an dieaem 
schonen Platze. Nach Hause hatte er nie geschrieben und auch 
nie eine Nachricht von dort erhalten. Die Seinen mochten ihn 
langst flir tot halten. Vor etwa neun Jahren befand sich unter den 
fremden Besuchern, die auf der Terrasse des Restaurants den 
Kaffec einnahmen, sein einziger Bruder mit seiner Frau. Er 
erkannte ihn sofort, gab sich aber, als er ihn bediente, nicht 
zu erkennen. Als er die Tassen niedersetzte, sagte die Frau 
zu ihrem Manne: „Sieh nur, wie der Kellner zittert". Doch der 
Bruder erkannte ihn nicht. Als er fortging, ware ihm der 
Verschollene am liebsten nachgestiirzt, um zu fragen, ob die 
Mutter noch am Leben sei, die er liber alles liebte. Doch er 
ftihlte sich wie festgebannt, stumm starrte er dem Bruder nach, 
bis er an, der Wegkriimmung verschwand, dann lehnte er sich 
an die Mauer und lieB den Tranen zum ersten Male nach 
seinem Fortgang aus der Heimat freien Lauf. 

Oft wird von Uraniern die Frage aufgeworfen, ob ein be- 
stimmtes Land Homosexuelle ausliefert oder ausweist. 
Hier ist zu bemerken, daB in keinem Auslieferungsvertrag wider- 
natlirliche Unzucht speziell vorgesehen ist (wohl aber Unzucht 
mit Kindern unter 14 oder 12 Jahren). Nur zwischen Oster- 
reich und Deutschland besteht flir a He strafbaren Handlungen, 
also auch fiir die aus § 175 des deutschen und § 129 de^ oster- 
reichischen StrGB., Auslieferungsrecht und -pflicht. 

Hiervon abgesehen, kann man wohl sagen, daB der wegen homo- 
sexueller Verfehlungen Verfolgte in jedem anderen Lande, also nicht 
nur in Italien und Frankreich, sondern auch in England \md der 
Schweiz vor Auslieferung geborgen ist. Es ist mir auch bisher kein 
Fall begegnet, in dem von der deutschen oder einer anderen Behorde 
wegen gleicligeschlechtlicher Handlungen die Auslieferung verlangt 
wurde, so viele Homosexuelle ich auch kenne, die wegen homosexueller 
Strafverfolgung aus Deutschland oder nach Deutschland flohen. Bei- 



Digitized by VjOOQIC 



902 

spiels weise wurden, als vor einigen Jahren aus Danemark wegen dort 
eingeleiteter Ermittelungen zahlreiche Urninge nach Berlin und Ham- 
burg fluchteten, von Kopenhagen keinerlei Antrage nach dieser Rich- 
tung gestellt. Friiher scheint man strenger und willkiirlicher vor- 

fegangen zu sein. So berichtet Ulrichs^) sehr eingehend von dem 
'aill des Superintendenten Karl Forstner, der im Jahre 1869 iD 
Wien wegen „versuchter" Pedikation zu einem Jahre schweren Ker- 
ker verurteilt wurde, trotzdem er nur an einem Kanonier tactus geni- 
talium vorgenommen hatte. Forstner floh nach Bayern, dessen 
Strafgesetzbuch bereits 1813 die „naturwidrige Unzucht", wegen deren 
Veriibung er in Osterreich angeklagt war, aus der Reihe der Verbrechen 
gestrichen hatte. Nachdem er sich schon iiber zwei Monate in Miin- 
chen hauslich eingerichtet hatte, erschienen eines Morgens in seiner 
Wohnung zwei osterreichische Polizeioffizianten, welche ihn, trotz 
seines Protestierens, zwangen, ihnen ins Stadtgericht zu folgen. Er 
wurde dann nach Wien transportiert und gewaltsam dem Gefangnis 
iiberliefert. 

Wahrend Auslieferungen auf Grund homosexueller Delikte 

heute kaum noch vorkommen, sind Ausweisungen homo- 

sexuell Veranlagter noch vielfach im Schwange. 

Ich kenne eine ganze Reihe von Fallen, in denen Homosexuelle, 
die sich starker bemerkbar gemacht hatten, namentlich im Verkehr 
mit Soldaten, oft sogar auf ganz vage Denunziationen hin, als lastige 
Auslander des Landes verwiesen wurden. Erst vor kurzem erhielt em 
homosexueller russischer Aristokrat den polizeilichen Befehl, binnen 
24 Stunden das Gebiet des preuBischen Staates zu verlassen, widrigen- 
falls er mittels Transports an seine Landesgrenze geschafft werden 
wiirde. Auch aus anderen Landern, selbst solchen, die keine Urnings- 
paragraphen haben, wie Italien, sind mir Landesausweisungen be- 
kannt. Es gibt zwar auch Falle, in denen die Ausweisungen wieder 
zuriickgenommen wurden, namentlich wenn von einfluBreicher Seite 
interveniert wird, doch diirften die meisten Polizeiprasidenten ahnlich 
wie jener denken, der zu einem bittsuchenden danischen Uming 
sagte: „Wir haben inlandische Homosexuelle genug, um auch noch 
auslandische beherbergen zu sollen." 

DaB eine groBe Anzahl Homosexueller sich im Zusammen- 
hange mit ihrer geschlechtlichen Eigenart veranlaBt sieht, ihrem 
Leben ein freiwilliges Ende zu bereiten, steht auBer 
Zweifel. Nach Schatzungen, die sich auf Beobachtung an zirka 
iOOOO Urningen sttitzen, diirften sich von Hundert durchschnitt- 
lich drei selbst toten, wahrend etwa V* aller mehr oder minder 
ernste Selbstmordversuche begangen und sich % aller mit Selbst- 
mordgedanken getragen haben. Etwas geringere Zahlen fand Dr. 
vonRomer. In seinem Artikel „Ongekend leed", (S. 17) sagt er : 
„Untev 216 Personen (ich hatte damals nur diese Zahl Personen 
untersucht) waren 162, welche sich tief unglticklich flihlten, d. h. 
750/0. Unter diesen 162 befanden sich 100, deren Leid !zum 
LebensiiberdruB geworden war, d. h. 42,2 0/0. Und von diesen 100 
waren 55, die sich lange Zeit und oft heute noch mit Selbstmord- 



§ 62 



1^ Ulrichs, Argonauticus § 10 und flgde. § 72 ff. Prometheus 



Digitized by VjOOQIC 



908 

gedanken trugen, d. h. 25,46 o/o. Und von diesen 55 haben 16 
Personen, — oft mehrere — Selbstmordversuche verlibt, d. h. 
7,87 o/o. GustavJagers Gewahrsmann, Dr. med. M., erlebte in 
39 Jahren (1840/79) beinahe 100 Selbstmorde von Urningen^a). 
Sehr haufig sah ich bei korperlichen Untersuchungen 
Homosexueller Suizidialnarben, wie Schnittnarben in der 
Gegend der Pulsadern, oder Narben von SchuBverletzungen in der 
Herz- und Schlafengegend. Sehr viele Homosexuelle tragen stets 
Gift, am haufigsten eine kleine Dosis Zyankali, bei sich. Man 
kann die zahlreichen Selbstmorde Homosexueller in drei Grup- 
pen einteilen. In die erste fallen diejenigen, deren direkte, in die 
zweite, deren indirekte Ursache die HomosexuaUtat ist, wahrend 
in die dritte Selbstmorde zu zahlen sind, die von Homosexuellen 
aus ungllicklicher Liebe begangen worden. 

Ill einer Zusammenstellung, die ich iiber 100 mir bekannt ge- 
wordene Selbstmorde Homosexueller maohte — mehr als die 
Halfte davon kannte ich personlich — , befanden sich 61, die die Tat 
wegen eingeleiteter odea: drohender Strafverfolgimg begingen, 14, die 
sich durch Erpressungen dazu getrieben sahen; 2 toteten sich kuiz 
vox und nach der Hochzeit wegen Impotenz dem Weibe gegeniiber, 
8 wegen mit der Familie oder ihrer Umgebung entstandener Konflikte 
Oder aus Kummer iiber ihre homosexuelle Veranlagullg, 6 aus ungllick- 
licher Liebe,. einer entleibte sich aus Trauer iiber den verstorbenen 
Freund, und nicht weniger als 18, darunter 8 Frauen, veriibten Doppel- 
selbstmord, veranlaUt durch Umstande, welche sich ihrem Freund- 
schaftsverhaltnis entgegenstellten. Zu denen, die' ihrem Leben ein 
Ende bereiten, weil ;sie sich ihm als Homosexuelle nicht gewachsen 
zu fiihlen glauben, gehoren namentlich viele jiingere Leute zwischen 
dem 18. und 26. Jahr. Sie erkennen um diese Zeit immer deutlicher 
ihr negatives Verbal ten gegeniiber dem anderen Geschlecht, die 8chwie- 
rigkeit oder Unmoglichkeit einer Familiengriindung, ihre kaum noch 
zu bandigende Leidenschaft fiir den Mann, ihre Zugehorigkeit zu einer 
verachteten Menschenklasse, und so entschlieBen sie sich nach furcht- 
baren seelischen Kampfen, ein Dasein zu beenden, vor dessen Tragik 
iliuen grant. Vielfach empfinden sie ihre homosexuelle Neigung als 
etwas sie so Herabwiirdigendes, dafi sie sich selbst in hinterlassenen 
Briefeii die wahre Ursache ihres Todes mitzuteilen schamen. Sehr 
viele „ Selbstmorde aus unbekannten Griinden", bei denen die Ver- 
wandten „wie vor einem Ratsel stehen", gehoren in diese Kategorio; 
niemand hatte dem soliden, fleiUigen, ianspruchslosen, stillen Men- 
schen, der nie Selbstmordideen auflSrte, solche Untat zugetraut. 

In den „Gedichten eines Toten"^), dem markerschiitternden Auf- 
schrei eines gequalten Menschenherzens, schildert ein alterer Urning, 
wie er in einer fremden Stadt nach einem jiingeren Gefiihlsgenossen 
fragt, mit dem er dort vor Jahren verkehrt hatte. Es heifit da: 



la) Cf. Jhb. f. sex. Zw. Bd. II. p. 72. 

*) „Gedichte eines Toten." Sender- Abdruck aus Entrechtet! Eine 
Apologie von Peter Hamecher; nebst einer Gedichtf olge : „ Von 
der Stillen Fahrt" und einem Anhange: „Gedichte eines Toten". Leip- 
zig 1906. Vgl. auch: „Warum? ,Friede auf ErdenI* Zum Selbsmord 
des Frhr. v. Z." Von C. v. Peerz. Leipzig 1913. 



Digitized by VjOOQIC 



904 

„Und als ich endlich kam zunick 

Und wieder nach dir fragte, 

,Herr, tot ist lange, den ihr sucht!* 

Man mir als Antwort sagte. 

Das war ein Traumer. Er ging scheu 

Und einsam duroh das Leben, 

Bis er — kein Mensch erfuhr: warum — 

Sich selbst den Tod gegeben." 

Platens Verzweiflungsfuf „Zerschniettre mich denn, Gott, 
oder wie du didh nennen magst, nachdem du mich schimpflich 
um mein ganzes Dasein' betrogen!" hat sich in ahnlicher Weise 
den gepreBten Herzen unendlicli vieler Urninge entningen. 

Ein Urning aus Sachsen schreibt mir: „Ich habe friiher mit alien 
meinen seelischen Kraften gegen- den iibermachtigen Trieb gekampft, 
dooh fruchtlos. Ich habe mit meinen ewigen Seelenkampfen meine 
schonsten Jugendjahre eingebiiBt; einer, der es nicht selbst mitmacht, 
\cfLT\T) es sich unmoglich ausmalen, was ich ausgestanden. Meine 
Nerven sind ruiniert. Ich habe nur den einen Wnnsch, daB ich einmal 
mit dem 'Gesetze in Konflikt kommen mochte, damit ich einen Grund 
zum ErschieBen habe. Ich hatte es schon oft getan, doch besaB icb 
den Mut nicht. Wenn es so weit sein wird, dann gehe ich mit Freuden 
in den Tod, denn der Tod bedeutet eine endliche Erlosung fiir mich, 
dann lebt ein Ungliicklicher weniger. Ich beneide meinen Fremid, der 
sich vor drei Wochen erschossen hat. Niemand wuBte den Grund 
— ich wuBte ihn — und wef es ahnte, wagte nicht, es auszuspreclien. 
Anbei habe ich die Photographic des betreffenden Freundes beige- 
schJossen." 

Viele Urninge iiberschatzen allerdings in jugendlicher Unerfahren- 
heit die Schwere ihrer La^e, halten sich fiir „Enterbte des Liebesffliickes", 
j.Tscbandalas** der Liebe, meinen, ihre Sehnsucht sei unerfiillbar, und 
denken dann mit Schillers Max: „Was ist das Leben ohne Liebesglanz, 
ich werf es weg, weil sein Gehalt entschwunden" ; andere wiederum 
toten sich, weil sie sich in ihrer Unkenntnis tatsachlich fiir Verbrecher 
halten, einfach aus dem einen Grunde, weil das Gesetz sie dafiir halt. 
So erschoB sich vor einigen Jahren einmal ein Gefreiter in Kassel, 
der mit einem Offizier in sexuellem Verkehr gestanden hatte, indem er 
in einem hinterlassenen Schreiben sich selbst mit den Ausdrucken 
starkster Verachtung beschimpfte. 

In meiner Sammlung von Selbstmorderbriefen besitze ich 
etliche, die von Personen herriihren, die sich toteten, ohne daB ihnen 
Entehrung, Erpressung oder Strafverfolgung bereits im Nacken saB. So 
totete sich vor einigen Jahren ein Marburger Student. Nachdem er alles 
vorbereitet, an seine Eltern, Wirtsleute, einen Freund und mich Briefe 
geschrieben, kleidete er sich festlich an, besuchte am Nachmittag noch 
das Kolleg seines alten Lieblingslehrers, um sich von dort aus un- 
mittelbar auf den SchloBberg zu begeben, wo er sich, den Blick in 
die fnihlingsprangende Landschaft gerichtet, auf einer einsamen Bank 
die befreiende Kugel in die Schlafe jagte. Das Schreiben, das ich am 
Morgen nach seinem Tode von ihm empfing, lautete: „Mein sehr ge- 
ehrter Herr Doktor I In den letzten Wochen meines Lebens lieh ich mir 
von der hiesigen Universitatsbibliothek Ihre Jahrbiicher, und es drangt 
mich doch, am Vorabende meines Lebens Ihnen in Dank und Er- 
schutterune die Hande zu driicken. Ich habe ein schweres, qualen- 
reiches Leben gefiihrt unter Feme imd Fron, und es war mir eine 
Freude, noch kurz vorm Tode zu wissen, daB ein Mensch unter 
Entsagung und Anfeindung unsere Sache ans Licht tragen hiUt. Also 
seieu Sic nochmals freundlichst gegriiBt und bedaiijit von einem 



Digitized by VjOOQIC 



905 

Fremden, der sich inorgen friih die erlosende Kugel ins Herz senden 
wird. Kurt Bernhard B., stud. phil. aus Berlin. NB. Der Brief steht 
zu Ihrer vollsten Verfiigung." 

Ein anderer Abschiedsbrief eines Urnings lautet: .,Ich mache 
ein Ende. Tobende Schmerzen, ohnmachtige Verzweiflung, ihr furcht- 
barsten Kampfe, fahret dahin! Mit heiUer Inbrunst ersehne ich den 
Tod. Er wird mir den einzigen Lichtstrahl, das einzige Lacheln 
meines Lebens bringen, indem er es ausloscht. Mein gefoitertes Herz 
zieht sich krampfhaft zusammen aus Furcht vor der eisigen Umannung 
Gevatter Heins, obgleich er ein Mann ist, denn ich bin ja noch so Jung. 
. . . Aber in s e i n Sett darf ich liebend sinken, da hat kein Staatsanwalt 
der "Welt etwas einzuwenden. . . . Vater, Mutter, ach vergebt mir : ich 
kann ja nicht andersi Liebe Mizzi, verzeihe auch Du ! Ijeset 
die „Psychopathia sexualis", und ihr werdet mir nicht fluchen, dafi 
ich euch so schmahlich verlassen habe. Ihr ahntet ja nichts von dem 
Wiiten in meiner Brust, nichts von meinen wilden Schmerzen, an 
denen ich so oft zu verbluten glaubte. Liebling meiner Seele, Du 
mein Abgott, mein heiBgeliebter Karl, lebewohl fiir immer. Ich segne 
Dich noch in meinem letzten Atemzuge ! Du wolltest mich nicht 
verstehen und schaltest mich „verriiQkt". Doch bin ich es keines- 
wegs, mein Geist ist klar, auch jetzt, merkwiirdig klar sogar. . . . 
Ich werde wohl schrecklich entstellt sein. Bedeckt mich mit Blumen, 
mit recht vielen Blumen, dEimit ich den Menschen nicht auch noch 
im Tode Grauen erwecke. Gott behiite Euch alle. Vergebt mir, so 
wie auch ich vergeben habe." 

Zu den direkt durch. die Homosexualitat bedingten Selbst- 
morden rechne ich auBer den aus Kummer liber ihr UrniAg- 
tum an und flir sich verlibten drei weitere Untergruppen, 
einmal die, welche sich im Verlauf gerichtlicher Verfahren gegen 
Homosexuelle ereignen — sie sind ganz besonders haufig — , 
ferner die durch Erpresser veranlaOten, sowie die mit einem 
auftauehenden Skandal zusammenhangenden. Viele dieser Selbst- 
morde sind insofern „uberflussig**, als von dem verangstigten 
Urning das ihm drohende Ungltick sehr liberschatzt wird. 
Es hatte sich leicht applanieren lassen oder aucli von selbst 
verzogen. Mehr als einmal habe ich Homosexuellen, die im 
Begriffc standen, sich zu to ten, oder bereits einen ernstlichen 
Selbstmordversuch gemacht hatten, den Beweis erbringen konnen, 
wie unberechiigt ihre lebensverneinende Verzweiflung gewesen 
war. So treffe ich gelegentlich einen Lehrer, der nun schon seit 
langer Zeit in fester Gemeinsamkeit mit einem gleichflihlenden 
Freunde lebt, einen der gliicklichsten Urninge, den ich kenne, 
und werde von ihm dann wohl erinnert, wie ich vor 15 Jahren, 
da er in die Hande von Erpressern gefallen war, seinen geladenen 
Revolver an mich nahm, als er ihn eben in Tatigkeit ''6'etzen 
woUte. Gut die Halfte der direkt durch die Homosexualitat ver- 
ursachten Selbstmorde Homosexueller hangen mit eingeleiteten 
Straf- oder Ermittelungsverfahren zusammen. Viele toten sich 
schon, wenn sie eine Vorladung erhalten, andere bei der Ver- 
haftung. 



Digitized by VjOOQIC 



906 

Ulrichs3) gibt ein hierher gehoriges Beispiel, das in mehr 
als einer Hinsicht lehrreich ist: „Der Urning Hinkel zu Seckbach bei 
Frankfurt, am Main ward am 1. November 1868 w^en eines urnischen 
Vorganges vom Tage zuvor von drei Rupfern bis in seine Wohnung 
verfolgt. Dieselben gaben jsich fiir Polizeibeamte aus, erklarten ibn 
fiir verhaftet und forderten ihn auf, einen Wagen, den sie mitgebracht, 
zu besteigen, um in E"rankfurt der Behorde vorgefiihrt zu werden. Auf 
einen Augenblick begab er sich, „um sich umzukleiden", in den oberen 
Stock, wo er in der Verzweiflung mit einem Rasiermesser sich Luft- 
rcihre und Halsadern zerschnitt. Auf entstandenes Wehegeschrei er- 
griffen die drei Preller die Flucht, wobei sie in der Eile einen Regen- 
scbirm stehen liefien, inittels dessen sie die Nemesis der Polizei 
in die Hande Jieferte. Es waren: ein Kaufmann, 22jahrig, ein 31- 
jaliriger und ein !23jahriger Kellner. Welche kiimmerliche Siihne, 
sagt Ulxichs, war es den Manen des Geopferten, als am 26. Januar 
1869 die Strafkammex zu Frankfurt sie mit 2, 21/2 und 3 Jahren 
strafte?" 

Wiederholt haben sich Selbstmorde Homosexueller im 

Untersuchungsgefangnis ereignet. 

So totete sich im letzten Jahre ein sehr tiichtiger Privatbeamter 
aus Baden, der auf Requisition der Mannheimer Staatsanwaltschaft 
wahrend eines Ferienurlaubs in Berlin verhaftet wurde. Er sollte mit 
Artilleristen „wuste Orgien" gefeiert haben; tatsachlich hatte er eine 
schwarmerische Liebe fiir Soldaten, bestritt aber mit Entschiedenheit 
den sirafbaren Charakter seiner Beziehungen. Aus dem Gefangnis 
hatte er verzweifelte Eilbriefe an seine Familie, Firma und mich ge- 
schrieben. Da die Briefe den „Instanzenweg" liber Siiddeutschland 
gingen, wo die Sache anhangig war, erhielt ich von seiner flehent- 
licheii Bitto erst nach fiinf Tagen Kunde. In der eiusamen Zelle wurden 
dem Arms ten die Stunden und Tage zur Ewigkeit, er fflaubte pich, 
als er keine Antwort erhielt, von aller Welt verlassen. Als ich gleich 
nach Empfang seines Schreibens zu ihm eilte, fand ich ihn nicht 
mehr lebend vor. Er hatte sich kurz zuvor in seiner Zelle erhangt. 
Auch das Antwortschreiben seiner Firma, die ihm mitteilte, daB sie 
in Anbetracht seiner 26jahrigen treuen Dienste ihn selbst im Falle 
seiner Verurteilung wieder bei sich einstellen wiirde, sowie der Brief 
seiner Angehorigen, der ebenfalls trostlich gehalten war, trafen den 
Beschuldigten, der glaubte, daU .,drauBen niemand mehr etwas von 
ihm wissen woUte", zu spat. 

Auch bei der Urteiis verk u n digung gegen Homo- 
sexuelle sind ofter Selbstmorde vorgekommen. So sciioB sich 
im Februar 1910 im Sitzungssaale der 5. Strafkammer des 
Landgeric^hts Dresden ein 24 jShriger Kaufmann, als das auf ein 
Jahr Gefangnis lautende Urteil gegen ihn verktindet wurde, 
eine Kugel in die rechte Kopfseite. Nicht lange vorher floh in 
GieBen ein auf Grund des § 175 verurteilter Student aus dem 
Gerichtsgebaude und entleibte pich. Nicht selten greift der 
Homosexuelle erst zur Waffe, wenn er die Aufforderung zum 
Strafantritt erhalt. Bis zum letzten Augenblick ho f fen sie noch, 
alle Schritte — Revision, Wiederaufnahmeverfahren, Gnaden- 
gesuch, Begutachtung der Haftunfahigkeit — sind versucht wor- 



3) Ulriohs, Argonauticus, p. 104. 



Digitized by VjOOQIC 



907 

den. Morgen soil nun endlich die Strafe verbiiBt werden. Bisher 

war es gelungen, den Nadisten das Furchtbare — ihre Verurtei- 

lung als Sittlic'hkeitsverbrecher — zu verheimlichen. Da kommt 

ihnen ein geschickt ins^enierter Blutsturz, Gehirn- oder Herz- 

schlag zu Hilfe. So endete noch im letzten Sommer ein hoch; 

befShigter junger Schauspieler sein qualvoUes Leben. Wahrend 

des eigentlichen Straf vollzugs sind Selbstmorde Homosexueller 

Verhaltnism&Big selten. 

Ed ist im wesentlichen die moralische Idee, die dem Urning 
das Gefangnis so iinertraglich macht ; den Aufenthalt selbst vertragt 
und iiberlebt. er — bediirfnislos wie er haufig ist, und infolge seiner 
Anpassungsfahigkeit, Gefalligkeit und Bildung bei dem Aufsichts- 
personal gut angeschrieben — verhaltnismaBig gut. Dazu komrat das 
eingeschlechtliche Milieu. Ich habe einen Fall erlebt, in dem ein aus 
dem Gefangnis entlassener Homosexueller einen Selbstmordversuch 
machte, well er es vor Sehnsucht nach einem Einbrecher nicht aushalten 
konnte. den er im Gefangnis kennen gelernt hatte. Nicht ohne Inter- 
esse und nicht ohne Berechtigung war, daB, wie er anfuhrte, das Ge- 
fangnis fiir Homosexuelle „lange nicht so schlimm sei", wie fiir Iletero- 
seruelle. Die letzteren, meinte er, litten im Gefangnis auBer an der 
verlorenen Freiheit hauptsachlich an dem Mangel an Weibem. Der 
homosexuelle Mann und ebenso die homosexuelle Frau im Weiber- 
gefangnis fanden fast immer Objekte sexueller Anziehung, imd wenn 
es auch selten in direktem Geschlechtsverkehr kame (den iibrigens 
dieser Homosexuelle mit dem Einbrecher im Gefangnis verschiedent- 
lich gehabt hatte), so ware ihnen doch schon der bloBe Anblick, die 
BegriiBung und das Zusammensein mit erotisch sympathischen Indi- 
viduen eine groBe Erleichterung. 

Viele Beispiele konnte ich anfiihren von Homosexuelle^, 

die durch Erpresser zum Selbstmord gedrangt worden sind. 

Der Kontrast zwis^hen Schuld und Siihne ist in diesen Fallen 

umso starker, als das ungltiokliche Opfer der Erpressung in 

den Tod gehetzt wird, wahrend der schuldige Erpresser fast 

stets straflos davonkommt. Denn nur ganz selten er- 

stattet der zum Selbstmord Getriebene vor der Tat Anzeige. 

Auf der Hohe der Verzweiflung ist seine Apathie starker als 

die Antipathie, auch besiegt die Rticksicht auf die Familie das 

Rachegefiihl. So vemichten und verwischen nicht wenige, lihnlich 

wie der durch einen Chanteur zum AuBersten getriebene Ober- 

btigermleister von E moglichst vorher die Spuren, welche 

den wahren Grund ihrer unseligen Tat enthtillen konnten. 

Gelecentlich kommt es freilich auch vor, daB jemand, wie der 
Landgerichtsdirektor H., die Waffe auf seinen Erpresser richtet, bevor 
er sie auf sich lenkt oder zu lenken beabsichtigt, oder er schreibt 
vorher an die Staatsanwaltschaft oder die Polizei, wer und was sein 
freiwilliges Ableben verschuldete. Ich will nach authentischen Ge- 
richtsberichten zwei Beispiele von vielen wiedergeben, deren AbschluB 
zu beobachten ich selbst Gelegenheit hatte. „Vor der vierten Straf - 
kammer des Landgerichts I in Berlin fand," heiBt es in dem ersten 
Bericbte, „eine bis zum spaten Abend wahrende Verhandlung gegjen 
den Grafen T. und seinen Komplicen, den Schlachtei^gesellen Her- 



Digitized by VjOOQIC 



908 

maan K., statt. Beide waren l)eschul<iigt, im Zusammenhange mit 
Vergehungen gegen den § 176 schwere Erpressungen verubt zu haben. 
Die Vexhandlung fiihrte hinein in die Gefahren, die die Furcht vor 
dem § 175 des Stra%esetzbuches fiir homosexuell veranlagte Naturen 
im Gefolge hat. Aus der Urteilsverkiindung sei hervorgehoben, daB 
eines der Opfer dieser gemeingefahrlichen Subjekte, der 63jahrige 
homosexuelle Konsul K. v. Sch., Bruder des Wiesbadener Polizei- 
prasidenten und des Obersten v. Sch. war, der, nachdem er, wie 
sich der Vorsitzende ausdriickte, „bis anfs Blut gepeinigt war", in 
Buenos Aires gewaltsam ^einem Leben ein Ende bereitet hat. Graf 
T. wurde wegen Erpressung zu einem Jahr neun Monaten, wegen Ver- 
gehens gegen § 175 zu sechs Monaten, insgesanit zu zwei Jahren 
Gefangnis und fiinf Jahren Ehrverlust, K. wegen Erpressung zu einem 
Jahr drei Monaten, wegen Vergehens gegen § 175 zu vier Monaten, 
insgesamt zu einem Jahr sechs Monaten Gefangnis und drei Jahren 
Ehrverlust verurteilt." Der zweite Bericht lautet: „Durch E rpr es- 
se r in den Tod getrieben wurde der Gastwirt Ernst D. aus J. D. hatte 
sich vor einigen Jahren mit einem Hausdiener im Rausche in eioer 
Weise eingelassen, die nach § 175 St. G. B. bestraft wird. Der Bursche 
verstand es darauf, Herrn D. zu seiner standigen Geldquelle zu machen. 
Die standige Aufregung machte den Mann elend und kraak. T). 
auBerto wiederholt zu seinen Familienmitgliedern Serostmordgedanken, 
ohne sich fiber den wahren Sachverhalt offen auszusprechen. SchlieB- 
lich wurde er ixi seinem Lokal in J. mit einem Koch M. bekannt, 
der ihm versprach, Abhilfe zu schaffen. Nach einigen Tagen stellte 
ihn M. emem Baron von E. vor, der ihm Hilfe versprach. Tatsachlich 
zeigte der angebliche Baron nach einigen Tagen emen Brief des Er- 
pressers vor, in welchem er erklarte, von D. kein Geld mehr zu 
verlangen. Durch die Bekanntschaft mit dem Angeklagten, der in 
Wirkliohkeit der bereits im Jahre 1901 wegen Erpressung mit zwei 
Jahren Gefangnis vorbestrafte Artist und Damenschneider Ernst W. 
war, wurde D. nunmehr ganzlich ins Verderben gestiirzt. Der ,,Baron" 
lieB seine Maske fallen und zeigte sich dem D. gegeniiber als einer 
der gefahrlichsten Erpresser. Nachdem er sich schon eine Woche 
nach seiner Bekanntschaft mit D. von diesem 600 Mark hatte geben 
lassen, zog W. eine immer fester werdende Schlinge um den Hals 
des ungliicklichen D. Dieser wagte aus Scham und Verzweiflimg 
nicht, sich seinen nachsten Verwandten anzuvertrauen, sondern zahlte 
an den Blutsauger Summen von mehreren tausend Mark. In der hoch- 
sten Verzweiflung bat D. den Zigarrenhandler E., er solle ihm doch 
einen Revolver boi^en, damit er einen gemeinen Erpresser und dann sich 
selbst erschieBen konne. Von seiten des E. wurde der Kriminalpolizei 
Mitteilung gemacht, doch es war bereits zu spat. Am 21. Mai d. J. war 
W. wieder bei D. erschienen und hatte unter Drohungen, er werde den 
friiheren strafbaren Verkehr des D. in die Offentlichkeit und zur 
Kenntnis der Polizei bringen, 2000 Mark erpreBt. Dies nahm sich 
D. derart zu Herzen, dafi er in der Verzweiflung Hand an sich legte 
und sich erhangte. Der Strafkammer 8 a wurde der 23 jahrige 
W. gestern aus dem Untersuchungsgefangnis vorgefiihrt. Der Gre- 
richtshof erkannte mit Riicksicht auf die hochst traurigen Folgen, 
welche das schandliche und gemeine Treiben des Angeklagten gehabt 
hat, dem Antrage des Staatsanwalts gemafi, auf sechs Jahre Zucht- 
haus, 10 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht." 

Audi der folgende Fall eines Selbstmorders, den ich wenige 
Stunden vor seinem Ende noch selbst sprach, ist bezeichnend. 

Ich gebe ihn nach der kurzen Schilderung, die ein gut unter- 
richteter Freund des Verstorbenen einem Thiiringer Blatt ubersandte. 

„Der Student W. H. hat sich im Freibad Wannsee mit Zyankali 
veiigiftet und alsdann ertrankt. Der 22 jahrige junge Mann, der eu 



Digitized by VjOOQIC 



909 

den besten Hoffnungen berechtigte, studierte Philologie und Philo- 
sophie an der Universitat Jena. Auch hier wieder heiBfc es, wie so oft, 
„aus unbekannten Grunden"; eine Zeitung gibt als Ursache Schulden 
an. Aber den wahren Grund hat er selbst einem zum Wissenschaftlich- 
humanitaren Komitee zu Berlin gehorenden Herrn mitgeteilt, weil 
er wiinschte, daB dieser seinen Erpresser verfolgen lasse. Er litt 
namlicli an gleichgeschlechtlicher Naturanlage, und ein Jenenser Kell- 
ner hatte gedroht, der Verbindung H.s mitzuteilen, daB er von diesem 
intini beriihrc worden sei. Der Student hatte dem Eelhier den Betrag 
seines ganzen Monatswechsels und fast alle Wertsachen geopfert. In 
seiner verzweiflung fuhr er mit seinem letzten Gelde vorgestern naoh 
Berlin, irrte tief niedergeschlagen in der Weltstadt umher und beging 
dann den traurigen Selbstmord." 

Zu den Selbstmorden der dritten Untergruppe, der durch 
Rticksicht auf die Umgcbung bedingten, rechne ich vor alien 
diejenigen, in denen dem ungllicklichen Urning der Entschlufi 
von Angehorigen, Kameraden, Korpsbriidern nahe gelegt wurde. 
Ich kenne einen Fall — und er soil nicht vereinzelt dastehen — 
in dem der eigene Vater am Abend des Tages, an dem er von 
der homosexuellen Natnr seines Sohnes Kenntnis erhalten hatte, 
diesem die geladene Pistole auf den Bettisch legte. 

Einer meiner Patienten zeigte mir einmal den Brief seines Beicht- 
vaters, in dem ihm der Geistliche dringend, wie schon zuvor miindlich, 
zum Selbstmord riet. „Es sei besser, einen faulen Apfel zu ver- 
nichten," schreibt er, „damit andere gesund bleiben konnen, als den 
einen faulen Apfel zu schonen, durch den die anderen auch faul wiir- 
den." Selbst Arzte geben ahnliche Ratschlage. So berichtete mir ein 
am^rikauischer Patient, daB der Arzt, den er in Philadelphia seiner 
homosexuellen Leiden halber um Rat gefragt habe, ihm geantwortet 
hatte: „es gabe fiir ihn nur drei Moglichkeiten : Selbstbefriedigimg 
(use his right hand), freiwilligen Aufenthalt in einer Irrenanstalt 
(place himself in a madhouse) oder Selbstmord (or better commit 
suicide). In ahnlichem Sinne schrieb einmal ein ziemlich bekannter 
Berliner Schriftsteller *) : „In Fallen, wo die Leidenschaft nicht ge- 
biindigt werden kann, .halte ich den Selbstmord des Ungliicklichen 
fiir nicht so schrecklich, als ein Weiterleben im Gefiihl der Ent- 
wiirdigung und ein Weitertragen des Lasters in jugendliche Kreise." 

Seiner religiosen Familie zu Gefallen, die ihm immer wieder 
seine schwere sodomitische Siinde vor Augen hielt, totete sich auch 
vor einigen Jahren der mir gut bekannte Uranier Johannes S. Sein 
Lebensgang und Lebenseude ist fiir die Art und Weise, wie die noch 
heute bestehende Verfolgung den Homosexuellen zermiirbt, bis er 
schlieBlicli erliegt, so ungemein chaxakteristisch, daB ich aus der 
ihm von mir gehaltenen Gedachtnisrede das AVesentliche wiedergeben 
will. Es heiBt da: Joh. S. war vor etwa fiinfzig Jahren als Sohn eines 
reicheii Fabrikanten geboren; ^r war dazu bestimmt, in die alte 
angesehene Firma einzutreten, und hatte zweifelsohne bis an sein 
natiirliches Ende in Ehren fiir sie gewirkt, wenn ihn nicht bereits in 
seinem 20. Lebensjahre ein folgenschweres Ereignis aus der vor- 
geschriebenen Bahn geschleudert hatte. Ein junger reisender Hand- 
werksbursche bettelte eines Tages in seinem Kontor. S. fand an 
ihm Gefallen und lieB sich mit ihm in intimere Beziehungen ein. Der 
Handwerksbursche riihmte sich in der Herberge des Verkehrs mit 
dem reichen Kaufmannssohne ; die Sache wurde ruchbar, gelangte 

4) Cf. Hirschfeld, § 175 im Urteil der Zeitgeuossen, p. 31. 

Digitized by VjOOQIC 



91Q 

zur Kenntnis seiner Familie und nach langen Auseinandersetzungen, 
die seiner Mutter, welche besonders an ihm hing, fast das Herz bra- 
cheu, kam man iiberein, den ;,verlorenen Sohn" nach Amerika zu 
schicken. Dort begann er nun das fiir viele Uranier typische Va- 
gantenieben. Zu stoiz, um sich nach Hause zu wenden, fiihrte er in 
Amerika ein entbehrungsreiches Leben, das erst aufhorte, als er bei 
dem Theaterdirektor C. eine Steile als Sanger fand. Er zog nun jahre- 
lang .9,1s Sanger imd Schauspieler durch die Vereinigten Staaten, 
bis er endiich so viei gespart hatte, um wieder einmal nach der 
deutschen Heimat zuriickkehren zu konnen. Man nahm ihn imEltern- 
haus freundlich auf, zumai das nach seiner Flucht gegen ihn ein- 
geleitete Verfahren inzwischen niedergeschlagen war. Er wurde aus- 
ersehen, eine Filiaie der groBen Firma in H. zu errichten, tat dies 
auch mit gutem Erfoig, aber es wahrte nur einige Jahre, da ereiite 
ihn wieder sein Geschick. Er hatte mit einem Arbeiter sexuell ver- 
kehrt. Es kam heraus, und nun blieb diesem Manne, der im 
Grunde genommen eine so edle Denkungsart, ein so zartes Ge- 
miit hatte, auch das Furchtbarste nicht erspart. £r muBte 
ins Gefangnis. Als er es nach einigen Monaten verlieB, 
war Johannes S. ein anderer. Wohl fand er gelegentlich im 
Freundeskreise seinen sonnigen Humor wieder, wohl orach dann und 
wann sein von Haus aus hei teres, kindlich frohes Temperament durch, 
aber im Innem verwand er das Erlittene nicht, wie ein diisterer 
Schleier legte es sich iiber sein zukiinftiges Leben. Aufs neue begab 
er sich ins Aus land, zuerst nach England, dann irrte er unstat 
dxirch Frankreich und Italien. SchlieBlich bot man ihm an, eine neue 
Filiaie des vaterlichen Geschafts im straffreien Holland zu griinden. 
Er tat es, wiederum mit vielem Erfoig, und nun begann fiir ihn in 

A. — wenn auch dxirch die Wehmut der Vergangenheit beschattet — 
eine verhaltnismafiig gliickliche Zeit. Er fand gleichempfindende 
Menschen von Bildung, mit denen er sich aussprechen konnte; er 
suchte und fand AnschluU an das Wissenschaftlich-humanitai'e Ko- 
mitee und studierte eifrig die Literatur, die ihm ein unendlicher 
Trost wurde, well sie ihm die Selbstachtung, das Selbstvertrauen 
und den Glauben an sich wiedergab. Unter den jungen Leu ten aus dem 
Volke, zu denen er sich hingezogen fiihlte, fand er yiele. die mit 
riihrender Liebe an ihm hingen. Man muB gesehen haben, wie er mit 
diesen Menschen, oft den Armsten der Armen, sein Brot teilte, um inne 
zu vverden: was dieser Mann fiihlte und tat, war nichts Schlechtes, 
nichts Unrechtes ; es wurde nur schlecht, indem iiberhebende Men- 
schen es dafiii' hielten. Aber auch in A. blieb er am Ende Aicht 
von polizeilichen Behelligungen verschont. Es kam vor, als er eines 
Tages mit einem jungen Mann durch die Kalverstraat ging, dafi ein 
Kriminalbeamter hinzutrat und zu dem jungen Mann sagte: „Ich 
warne Sie vor Mynheer S., er ist ein Sodomiter." Das verbittert'e 
ihn wieder stark, und es war ihm daher nicht unlieb, als sich ihm 
im Friihjahr 1910 die Gelegenheit bot, die Leitung einer Filiaie in 

B. zu iibernehmen. Es geschah, aber obgleich er auch dort einige 
gute Freunde fand, konnte er nicht menr recht heimisch werden. 
Vielleicht fiirchtete er auch, es konnte ihm auf deutschem Boden 
wieder so ergehen, wie schon zweimal zuvor, und so setzte sich in ihm 
die Meinung fester ^und fester, er erweise sich und seiner Familie 
den groBten G«fallen, wenn er seinem Leben ein Ende machte, das 
ihm so viei Herzeleid und den Seinen so viel Argernis gebracht hatte. 
Am Sonnabend, den 9. und Sonntag, den 10. Juii 1910 war er noch- 
mals hier, um, ohne daB wir sein Vorhaben ahnten, Lebewohl zu sagen; 
ich sehe ihn noch, wie er, als er fortging, sich immer wieder fum- 
wandte und winkte. Am Tage darauf fuhr er nach D. zum Grabe 
seiner Eltern. Am Mittwoch, den 13. Juli, jagte er sich in Br. die 
erlosendo Kugel in die Schlafe, am Sonnabend, den 16. Juli bestattete 



Digitized by VjOOQIC 



911 

man ihn dort, wo er nun fern von der Heimat, fern von seinen Freun- 
den, fern von seiner Familie ruht, fern aber auch von den Ver- 
folgun^en und Bitternissen seines harten Lebens." 

Eine besondere Gruppe bilden auch die demonstrativen Selbst- 
morde von Mannern in Frauenkleidern und Frauen in Mannertracht, 
die zum Teil von homosexuell, zum Teil allerdings jauch von hetero- 
sexuell veranlagten Transvestiten *) herriihren. Ein typisches Bild 
war der Fall der mannlichen Braut in Breslau, eines brasilianischen 
8oh\\armerisch in einen deutschen Lehrer verliebten Homosexuellen, 
der sich, als der Polizeiarzt ihn untersuchen sollte, mit Zyankali 
vergiftete. 

Die zweite Hauptgruppe, bei der die Homosexualitat die 
indirekte Ursache ist, steht der letztgenannten sehr nahe. Sie 
unterscheidet sich von ihr nur dadurch, daB nicht die urnische 
Anlage mit ihren unmittelbaren Konsequenzen die Katastrophe 
herbeiflihrt, sondern daB zunachst die gleichgeschlechtlichen 
Neigungen dem Lebenslauf desUrnings die verhangnisvoUe Wen- 
dung geben, ihn aus seiner Bahn in unvorhergesehene Lagen her- 
ausschleudern, denen er alien Anstrengungen zum Trotz nicht ge- 
wachsen ist. Hierher gehoren die vielen Offiziere, die infolge ihrer 
Homosexualitat den Abschied genommen oder bekommen haben, 
dieanfangs ganz mutig den Kampf mit demLebenaufnehmen, als 
Agenten, Reisende, Journalisten ihr Fortkommen suchen, aber 
iiberall, als entlassene Offizier mit MiBtrauen empfangen, Schiff- 
bruch erlitten oder noch haufiger liberhaupt keine Stelle fanden. 
Waren sie nicht homosexuell, oder die Homosexualitat keine 
Schande, hatten sie es vermutlich bei ihrer Lust, Liebe und 
Vorbildung zum Soldatenstand zu hohen militarischen Posi- 
tionen gebracht. Ahnlich wie den Offizieren geht es den gemaB- 
regelten Beamten und zahlreichen anderen Urningen, deren Stel- 
lung durch das Bekanntwerden ihrer homosexuellen Neigungen 
unhaltbar wurde, die immer vvieder um ihre Existenz ge- 
bracht, ailmahlich in Vermogensverfall und Schulden geraten, 
um schlieBlich ihr Leben zu enden. t)ber diese indirekt durch 
die Verfolgung der Homosexuellen verursachten Selbstmorde gibt 
es keine Statistik, kann; es auCh keine geben, ihre Zahl festzu- 
stellen, ist unmoglich, da sie in der Selbstmordstatistik unter 
ganz anderen Rubriken: Schulden, Verarmung wenn nicht gar 
unter der banalen Marke ,,LebensuberdruB'* figurieren. 

Als Beispiel fiihre ich den Selbstmord des urnischen Arbeiters 
S. an, dessen Selbstbiographie sich im V. BandJ I. Teil, des Jahrbuches 
fiir sexuelle Zwischenstufcn^) findet. Vor seinem Ende schrieb 
er an einen Freund"'): „Ich bin zu Ende mit meinem Latein. 
Hin und her gehetzt, ohne Mittel, um den Krallen der Ge- 

^) Cf. „Transvestiten" p. 414 ff. 
6) Leipzig, 1903. 

■') Ein Opfer des § 175. Lebens- und Leidensgeschichte des ur- 
nischen Arbeiters Franz S. Stuttgart-Ostheim 1909. p. 17 f. 



Digitized by VjOOQIC 



912 

rechtigkeit zu entrinnen, jsehe ich ein, daB es fur mich und meine 
Familie das beste sein wird, wenn ich abtrete von diesen Brettern der 
Lebenskomodie. Ich tue es gem, nicht aus Feigheit, sondern well ich 
genaii weiC, daB ich meiner Familie damit den besten Dienst crweise. 
Es ist mir wenigstens vergonnt, in der letzten Stunde meines Lebens 
in der Nahe meiner Familie zu bleiben, denn immerhin habe ich die 
Meinen so lieb gehabt, wie es nur ein Mensch, wie ich einer bin, 
veiTDOchte. GriiBe alle guten Bekannten von mir. Sie sind allesamt 
so korrekl und rechtschaffen, daB sie von mir armen Lebensknippel 
wohl kaum noch Notiz genommen haben, und doch, ich Jiabe ge- 
kampft, o ja, sehr gekampft habe ich, nicht nur gegen zwei, nein, 
gegen hundert Welten und war so erbarmlich schwach. Lebt recht 
wohl, die freie Turnsache bliihe." An seine Familie richtete er fol- 
gende Zeilen: „Mein liebes Weib, meine armen Kinder Walli und 
Ida. Ich habe es immer und immer wieder versucht, Euch ein ordent- 
licher Vater und Gatte zu sein. Ich fiihle, daB mein Dasein nur eine 
fortgesetzte Quelle von Gram, Sorge und Kummer fiir Euch ist. 
Desna lb scheide ich aus dem Leben gem, weil ich weiB, daB ich Euch 
nur damit dienen kann. Ihr werdet dann endlich Ruhe haben fiir 
ein ferneres stilles Leben, wie es guten Menschen zukommt, ich war 
ja nicht gut, konnte es beim besten Willen nicht sein. Liebe Ma- 
thilde, Du legtest mir in Deinem Briefe die Frage vor: „habe ich es 
so verdient?** Nein, mein gutes Weib, so hattest Du es nicht verdient. 
Aber es war Dein Verhangnis, daB ich ungliickseliger 
Mensch Deinem Lebensweg begegnen muBte, so wie 
ich war und bis zum letzten Augenblick sein muBte, 
und doch habe ich einst geglaubt, Du konntest raich 
heilen von meiner „Krankheit". Es konnte nicht 
sein. Lebet wohl, meine lieben Kinder, werdet gute Menschen, besser 
als Euer Vat^r. Euer Vater und Gatte F. S." 

Anders wie die bis'her genannten ist eine letzte Klasse 
von Selbstmorden zu bewerten, die durcli die ungluckliche Liebe 
homosexueller Manner und Frauen zu einer Person desselben 
Geschlechts veranlaOt wird. Auch hier spielt nicht selten die 
Verfolgung der Homosexuellen durch die Gesellschaft inso- 
fem eine RoUe, als sie einer Vereinigung der Liebenden hindernd 
im Wege steht, aber das ausschlaggebende Moment ist doch 
die leidenschaftliche, an ein einzelnes Individuum fixierte Liebe 
an und fiir sich. Daher kann man auch nicht annehmen, daO 
diese Selbstmorde mit der Eehabilitierung der Homoseixuellen 
aufhoren werden, weder die, welche begangen werden, weil die 
Liebe des Homosexuellen auf eine ganzlich heterosexuelle Person 
gefallen ist, die, dem heiB Begehrenden ablehnend und abweisend 
gegenlibersteht, noch die, welche im Schmerz um den Verlust 
des Geliebten oder aus Eifersucht veriibt werden. Man wird sich 
liber diese Selbstvernic'htungen nicht wundern konnen, wenn 
man oft Gelegenheit gehabt 'hat zu beobachten, von wie enormer 
Heftigkeit der Affekt eines Homosexuellen fiir den Gegenstand 
seiner Zuneigung, namentlich in der negativen Richtung seiner 
Sehnsucht und Eifersucht, sein kann. 

Vor einigen Jahren totete sich in Berlin ein 23jahriger Arbeiter. 
Din eine Hand hielt den Revolver, die andere das Bild des Freundes 



Digitized by VjOOQIC 



913 

umspannt, dem zuliebe sich, beilaufig bemerkt, bereits kurz vorher 
ein anderer Uranier erschossen hatte, Ein anderer Uranier, der micb 
von Zeit zu Zeit wegen asthmatisclier Beschwerden aufsucht, tragt 
als Ausgangspunkt dieses Leidens seit etwa 15 Jahren ein (JescboB 
im Brustkorb, das bisher nicht entfernt werden konnte. Er hatte es 
sich als Student der Technik in Hannover beigebracht, weil ihn ein 
Kommilitone verschmahte, dem er in rasender Leidenschait zugetan 
war. Im Westen Deutschlands nahm sich vor einigen Jahren ein 
Leutnant das Leben, „weil sein Bursche starb". 

Wie im heterosexuellen, so ist ea auch im homosexuellen 

Liebesleben nicht selten vorgekommen, daC jemand, bevor. ef 

Hand an sich gelegt hat, die geliebte Person totete oder zu toten 

versuchte. 

So feuerte im Jahre 1909 in Kiel ein polnischer Edelmann auf 
einen jungen Kaufmann — ich hatte ihn spater selbst zu behandeln 
Gelegenheit — um unmittelbar darauf die Waffe auf seine eigene 
Person zu richten. In der Tasche des Leichnams fand sich ein Zettel 
mit folffenden Worten: „Ich liebte ihn wahnsinnig und aufrichtig. Ihn 
beimlicn zu entfiihren, taten mir seine Eltern zu leid, und da er 
meine Liebe verschmahte, und seine Neigung einem anderen gonnte, 
ist es besser, wir beide sind nicht mehr. 

Ill Berlin kamen in den letzten Wochen zwei Falle vor, in denen 
leidenschaftlich verliebte Homosexuelle die Waffe auf Freunde rich- 
teten, die sich von ihnen abgewandt hatten, und unmittelbar danach 
auf sich selbst. Drei dieser Personen hatten in ihrer Angst und Qual 
mich vorher aufgesucht, und ich hatte mich in langen Auseinander- 
setzungen abgemiiht, den Grad ihrer Affekte zu mindern. Die Angreifer, 
beide in der Mitte der Zwanziger — hatten zu gleichgeschlechtlichem 
Verkehr reichlich Gelegenheit gehabt, ihre Libido war aber so aus- 
schlieBlich an die e i n e Person gekniipft, daB die Existenz keines 
anderen Menschen fiir sie in Frage kam. 

DaC Doppelselbstmorde unter Homosexuellen ein relativ 
haufiges Vorkommnis sind, geht aus der oben angefiihrten 
Statistik hervor, nach der unter 100 urnischen Selbstmordern 12 
Manner und 8 Maddhen^ also 10 Paare sich gemeinsam. toteten. 
Sie Ziehen die Todesgemeinsamkeit der Lebenseinsamkeit, die 
Vereinigung im Sterben der spzial und gesetzlich . gebotenen 
Trennung vor. Erst vor kurzem wurden am Elbufer in Dresden 
die Leichen zweier Manner, die an den Handgelenken mit drei 
Taschentiichern fest zusammengebunden waren, aufgefunden. In 
den Toten wurde ein Fensterputzer und ein Stepper erkannt. 
Beide waren unter Gleichftihlenden als urnischeg JPreundespaar 
bekannt. Wer die Zeitungen nach solchen Nachrichten durch- 
sucht, wird keineswegs selten ahnlichen Notizen begegnen. 

In charakteristischem Gegensatze zu den vorher genannten 
Selbstmordkategorien finden sich unter den Selbstmorden ^us 
ungliicklicher Liebe, namentlich unter den Doppelselbstmorden, 
fast ebenso viele von urnischen Frauen als von urnischen 
Mannern. 

So erregte vor einigen Jahren ein Doppelselbstmord zweier Freun- 
dinnen in der Schweiz groBes Aufsehen, von denen die eine die be- 
Hirschfeld, Homosexualitftt. 5g 



Digitized by V:iOOQIC 



914 

ruhmte Pchriftstellerin Use Frapan war. Als Ursache des freiwil- 
llgen Todes er^b sich, daB die eine ein imheilbares Krebsleiden hatte, 
wahrend fiir die andere das Leben ohne Freundin jeglichen Wert ver- 
loren hatte. 

Ober einen anderen Fall berichtet der Pester Lloyd (8. V. 07): 
.jGestern nachmittag unternahmen zwei Fabrikarbeiterinnen, Therese 
K. und Cacilie St., in einem Hotel der Szovetsdgutcza Selbstmordver- 
suche. Cber das Motiv der Tat habea die beiden MMchen jede Aus- 
kunft verweigert; aus den bei der Polizei vorgenommenen Zeugen- 
verhoren ist jedoch die Ursache ermittelt worden, die die beiden ver- 
zweifelten Geschopfe zu ihrer Tat veranlaUte. Die K. und die St. 
waren schon in der Schule miteinander befreundet, und fhre Zu- 
neigung gestaltete sich mit der Zeit zu einem psychopathologischeD 
Verhaltnis, von dem die beiden Madchen trotz energischen Einschrei- 
tens der JEltern ^icht abzubringen waren. Vor einigen Tagen hatte 
sich die K. mit einem jungen Manne verloben sollen; sie wollte iedoch 
von der Ehe nichts wissen und beschloB, im Vereine mit ihrer Freun- 
din ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Die beiden Madchen werden im 
Rochussmtale gepflegt." Die Zeitung Friss Ujs^ schreibt dazu unter 
dem 8. v. 07: „Die beiden Madchen lagen im Bett bis aufs Hemd 
entbloBt, gleich zwei Verliebten, die ineinander das Gliick gefunden 
haben.'* Einige Jahre spater ereignete sich in derselben Stadt ein 
ahnlicher Doppelselbstmord. In einem der ersten Hotels waren abends 
zwei elegant gekleidete Damen ab^estiegen. Die altere fullte den 
Meldezettel als Frau Dr. Karl B., die andere als Frau Erwin P. aus. 
Am nachsten Morgen horte man plotzlich Hilferufe und gleich darauf 
dumpfes Stohnen aus dem Zimmer der Damen. Als man die Tur er- 
bracb, fand man die angebliche Frau B. auf einem Bette liegend mit 
einer SchuBwunde an der rechten Schlafe tot auf. Auf dem FuBboden 
lag rochelnd Frau P. Die beiden Damen hatten mit zwei Revolvern 
eleichzeitig auf einander geschossen. Neben den Leichen lag ein 
Zettel mit folffenden Worten: „Bitte, nach den Motiven unserer Tat 
nioht zu forschen." ^s er^ab sich, daB die eine jiingere der beiden 
Damen, eine bekannte Urnmde, die altere leidenschaftlich liebte. Da 
deren Ehemann aber seiner Gattin den Verkehr verbot und ihr, als 
sie nicht folgte, die heftigsten Sz^nen bereitete, beschlossen die „un- 
gliicklich Liebenden" gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. 

Meistens nehmen Freundes- und Freundinnenpaare, die zu- 
aammen aus dem Leben sciieiden, ihr Geheimnis jnit in das 
Grab, doch unterliegt es keinem Zweifel, dafl, wenn auch' ge- 
legentlich andere Motive wirksam sind, in der grofien Anzahl der 
Pa He, in denen zwei intim miteinander befreundete Menschen 
eines Geschlechts den Entschlufl gemeinsamen Sterbens fassen, 
das starke Zusammengehorigkeitsgefuhl, das die Voraussetzung 
solcher Tat ist, in der bewuUten oder unbewuflten sexuellen 
Identifizierung ruht. Was die von homosexuellen Selbstin5rdern 
angewandten Todesarten betrifft, so war diese nach meinen 
statistischen Aufzeichnungen in 54o/o der Falle ErschieBen; bei 
13o/o Vergiften; bei 12o/o Erhangen; 4o/o Ertranken; 2o/o Auf- 
schneiden der Pulsadern; 2o/o Durchfichneiden der Kehle, in lo/o 
Ersteehen mit einem Dolch. Der Selbstmord der Homosiexu- 
ellen ist nur selten eine Affekthandlung aus pl6tzlichem Impuls, 
sondern fast immer ein^e wohlbedachte und vorbereiteto Tat, 



Digitized by VjOOQIC 



915 

er ist nicht sowohl eine Tragodie an und ftir sich, als vielmehr 
der AbschluB einer Lebenstragodie. Die seelischen Martern, 
die ihm vorangehen, die Wirrsal, die sich keinen anderen Aus- 
weg wuUte, als den Tod, ist es mehr als dieser selbst, die 
uns den ungllicklichen Lebensfltichtling so beklagenswert er- 
scheinen lassen. Bei den meisten Urningen kann man wirk- 
lich sagen: „sie sind geselbstmordet worden.** Selbstverst^nd- 
lich ist, daO sich' nur in einem Bruchteil der Falle die Selbst- 
mordgedanken in die Tat umsetzen, liegt doch ^wischen dem 
Entschlufi und seiner Ausfiihrung der starke Instidkt der Todes- 
angst. 

AuBer der Flucht in das Ausland und ins Jenseits, stehen 
dem Timing noch andere Wege of fen, die Flucht zum' Alko* 
hoi, zum Morphium und sonstigen Beruhigungs- und Be- 
rauschungsmitteln, endlich der Verfall in schwere Neurasthenic, 
die Freud einmal die Flucht in die Neurose nannte. 
Bei diesen nervosen Zustanden mit ihren Zwangs-, Angst-, ja 
selbst Verfolgungs- und Wahnideen ist es oft fast unmoglich 
• zu entscheiden, was durch eine endogene neuropathische Konsti- 
tution bedingt ist, oden auf das Konto exogener Erregungen der 
durch die Verfolgungstrias erzeugten seelischen Verwundungen 
zu setzen ist, oder aber was auf die Verdrangung' und Unter- 
drtickung der homosexuellen Libido fallt. Wir werden hier 
zwei Falle unterscheiden mtissen: einmal den, dafl bei ge- 
sunder psyohischer Konstitution und normaler Widerstands- 
f Hhigkeit das Ma6 der auBeren Schwierigkeiten und der dadurch 
veranlaBten Konflikte ein so erhebliches wird, ,daC nervose und 
psychische Storungen als Folge resultieren, und den, daiJ 
neben der homosexuellen Veranlagung von vornherein eine 
psychopathische Konstitution vorliegt, mit der eine ver- 
minderte Widerstandsfahigkeit verbunden ist, so dafl schon aus 
geringen Ursachen pathologische Zustande auf nervosem und 
psychischem Gebiete sich entwickeln. 

Bei vielen homosexuellen Mannern ist das Affektleben sehr 
stark in den Vordergrund des iadividuellen Seelenlebens geriickt ; dem- 
entsprechend sind auch seine Storungen haufiger als * bei hetero- 
sexuellen Personen. Diese Erscheinung diirfte mit dem femininen 
Einschlag im Seelenleben der Urninge in Zusammenhang stehen. Wir 
finden bei ihnen — wie bei den Frauen ~ auch eine groBere Dispo- 
sition zu Affektschwankmigen, die sowohl in Form der „endogenen 
Verstimmung" als in einer starkeren Neigung zu Affektpsycbosen ihren 
Ausdruck findet. Da beide Krankheitszustande in hohem MaBe von 
aul5eren Momenten abhangig sind, geben die Skandale, in welche 
Homosexuelle verwickelt werden, die Konflikte, in welche sie ge- 
raten, oft auch nur der innere Zwiespalt und die seelische Zerrissen- 
heit, welche in ihnen durch ihr ihnen selbst oft unklares Empfinden 

58 • 



Digitized by V:iOOQIC 



916 

hervorgerufen ist, oft den AnlaB zu akuten Verschliminerimgen der 
Verstimmung — vorwiegend in depressivem Sinne — imd zu akuten 
Ausbnichen von Affektpsychosen. 

Zwischen den Fallen ausgesprochen psychopathischer Konstitution 
Oder Disposition und denen robuster psychischer Gesundheit liegen 
bei Homosexuellen eine groBe Reihe individueller Nuancen. Gerade 
bei ihnen ist die gesteigerte Sensitivitat, jener Zustand, den man 
medizinisch als „8chmerzliche Eeizbarkeit" bezeichnet hat, recht haufig. 
Viele fliichten sich in die Einsamkeit, sowohl rein auBerlich genom- 
men, indem sie sich von dem Verkehr mit anderen Menschen mehr 
und mehr abschlieBen, ^als auch in iibertragenem Sinne, indem sie 
seelisch nach und nach vereinsamen. Mancher Sonderling entwickelt 
sich auf diese Weise. In den moisten Fallen fiihrt dieser Weg psy- 
chischer Vereinsamung friiher oder spater in die Neurose, und zwar 
auBert sich dieselbe gewohnlich in ppezifischen Angstzustanden, 
Schmerzen und abnormen Gefiihlen in der Herzgegend (Phrenokardie). 
— Gerade dieser Krankheitszustand findet sich vielfach auch bei 
Homosexuellen, die von Hause aus psychisch vollig intakt sind. 

In diesen Fallen wird uns die Atiologie verstandlicher, wenn wir 
sie mit analogen Erkrankungen bei Heterosexuellen mit gesunder 
psychischer Konstitution veiigleichen. Die Ursache ihrer nervosen Leiden 
beruht auch hier in einer groBen Mehrzahl der Falle auf krankhaften 
Storungen des Sexuallebens. Namentlich wirken eine erzwungene sexu- 
elle Abstinenz, schreckhafte Uberraschungen beim sexuellen Akt, auch 
wiilkiirliche Unterbrechungen (der coitus interruptus) in diesem 
Sinne schadigend. Beriicksichtigen wir demgegeniiber die besonderea 
Schwierigkeiten und Gefahren, mit denen der geschlechtliche Ver- 
kehr fiir Homosexuelle fast stets verbunden ist, so wird uns die be- 
tonte Analogic ohne weiteres begreiflich. Sowohl in den Fallen, in 
denen der Homosexuelle seinen Trieb gewaltsam unterdriickt, vor- 
nehmlich, wenn eine ausreichende „Sublimierung" aus irgend einem 
Grunde ausgeschlossen ist, als auch in denen, die mit Gefahr vor 
Entdeckung oder anderen Unannehmlichkeiten verkniipft sind, sind 
die Bedingun^en zur Entwickelung der Neurose gegeben. Kommt nun 
noch irgendem auBerer Umstand, wie Erpressung oder Strafverfol- 
gung, hinzu, so ist ein schlimmer Ausgang in einer groBen Anzahl 
der Falle die unvermeidliche Konsequenz, mag dieser in einer Kata- 
strbphe oder im Ub^rgang in die Neurose oder rsychose bestehen. 

Schon einer der ersten urnischen Patienten, der wissenschaftlich 
studiert wurde^), sagte sehr bezeichnend zu seinem Arzte: „. . . . da- 
von hat mein Charakter seine Melancholic, obgleich ich von Natur 
aus heiter bin". 

Bei manchen bildet sich ein f ormlicher Verfolgungswahn 
heraus. Vor allem glauben viele, daB sie auf Schritt und Tritt von Kri- 
minalbeamten beobachtet warden. Es vergeht selten eine Woche, iu 
der ich nicht einem angsterfiillten Urning die Unsinnigkeit dieser nncl 
ahnlicher Einbildungen auseinanderzusetzen versuche. Bei anderen ent- 
wickeln sich Beziehungsvorstellungen, die fiir sie nichfc 
minder peinigend sind. So konnte ein (und noch dazu ein Rechea-) 
J^ehrer keine Exempel aufgeben, bei denen, wie etwa he\\ 5 mal 35, das 
Resultat 175 lautete, ein anderer bekam einen roten Kopf, wenn etwas, 
was er kaufen wollte^ 1 Mark 75 Pfennige kostete, derselbe iiberschlu^ 
in Biichern die Seite 175, er traute sich nicht in ein Theater zu gehen., 
aus Furcht, die Garde robemarke 175 zu erhalten. Einem anderen nonio- 

*) Vierteljahrsschrift fur gerichtliche Medizin und offentliches 
Sanitatswesen. (Herausgegeben von Dr. Hermann Eulenbur ^. 
Neue Folge. XVIII. Band.) Berlin 1873: „Bekenntnisse eines a,n 
perverser Geschlechtsrichtung Leidenden." Mitgeteilt von Dr. S c h u X x 
zu Bremen, p. 325. 



Digitized by VjOOQIC 



917 



sexuellen Neurastheniker passierte folgendes: Er suchte ein groCes 
Sanatorium auf. Das ihm zuerteilte Zimmer hatte die Nummer 175. 
Als ihn der Bademeister unter dieser Nummer zur Massage aufrief, 
erschrak er aufs hefti^ste, am anderen Tage traute er sich kaum in 
den Baderaum, am dntten Tage reiste er ab. 

DaB auch der Alkoholismus, der auf dem Boden mangelnder ge- 
schlechtlicher Befriedigung entsteht, bei Homosexuellen vielfach als 
Umweg zur nervosen oder psychischen Erkrankung in Betracht 
kommt, ist eine Tatsache, die ich durch recht viele Beispiele aus 
meiner Praxis belegen konnte. 

Mit dem was idi aui^gefiihrt habe, sind die Folgen der 
Verfolgung fiir den Homosexuellen nodi keineswegs erschopft, 
eine, unter der viele am meisten zu leiden haben — die Lebens- 
Itige — sei nur gestreift, eine andere, die Flucht in die Ehe, 
ist mit ihren Konsequenzen im Kapitel „B6handlung" gesohildert 
worden. Es liegt auf der Hand, dafi alle diese Folgen nicht 
nur ftir den Homoseixuellen selbst, sondern audi fiir seine 
Familie, die Gesellsdiaft und schliefilicli auch ftir den Staat 
von Bedeutung sind. Es kann fiir dies.en nidit gleidi'gtiltig 
sein, wenn so und so viele seiner Biirger als antisoziale Elemente 
ausgeschaltet werden, die es in Wirklidikeit keineswegs sind. 



SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL. 

Die zivil- und strafrechtliche Begutachtung homosexueller 
Manner und Frauen. 

Die eigentiimlidhe Rechts- und Gesellschaftsstellung, welche 
der Uranier gegenwartig nodh einnimmt, raumt der arztlichen 
Begutachtung der Homosexuellen in fast alien Fallen, welche 
zu Konflikten aus AnlaB seiner Veranlagung flihren, eine ent- 
scheidende Bedeutung ein. — Ich gebe im folgenden aus meiner 
reichen Erfahrung als Sachverstandiger auf di^sem Gebiete eine 
Cbersichi der am haufigsten in Frage kommenden Falle^). 

Mit dem Wunsche, sich selbst iiber die eigene sexufelle 

Veranlagung voile Klarheit zu verschaffen, verbindet sich 

haufig der praktische Zweck, der Familie oder eineni ber 

stimmten Bekanntenkreise gegeniiber einen Ausweis zu erbringen 

liber die Ursprlinglichkeit des Empfindens und das infolgedessen 

ftir ein adaquates Handeln ausscheidcnde oder ver- 

minderte Verschulden. 

Zur Illustration nachstehend ein von Burchard und mir er- 
stattetes Gutachten im Wortlaut : Unterlagen des Gutach- 
tens: Eine erbliche Belastung liegt bei Baron X. insofem vor, als 
sowohl vaterlicher- wie miitterlicherseits einige Onkel und Tanten an 
Krampfen gelitten haben. Der Vater war, namentlich in der Jugend, 
Alkoholiker. Die Entwicklung des Baron X. in den Kinderjahren 
vollzog sich ohne wesentliche Storungen, nur daC ein Hang zum Umher- 
streifen und zu phantastischen, die Wirklichkeit ausschmiickenden 
Erzahlungen bei ihm bestand. Er soil als Knabe recht madchenhaft 
ausgesehen und auch ein madchenhaftes Verhalten bekundet haben. 
Dagegen fiihlte er sich von Jugend an mehr zu Knaben hingezogen 
una bevorzugte deren Gesellschaft, nicht weil er ihre Spiele und Be- 
schaftigungen liebte, sondern weil sie ilin personlich anzogen. Nacb- 
dem er mit 91/2 Jahren in das Kadettenkorps gekommen war, nahm 
diese unklare Neigung festere Form an und verdichtete sich zu einer 
innigen Schwarmerei fur einen Altersgenossen. Mit der fortschreiten- 
den Entwicklung traten die erotischen, bezw. sexuellen Momente in 
den Gefiihlen des Barons zu Personen des gleichen Geschlechts immer 

^) Es sei bemerkt, daB in AVahrung des Berufsgeheimnisses die 
Anfangshuchstaben der Personennamen, 6owie die Ortsbezeichnnngen 
in den Gutachten geandert sind. 



Digitized by VjOOQIC 



919 

deutlicher zutage, ohne daB seine Eltern oder er selbst die aus- 
schlaegebende Bedeutung derselben fiir seine gesamte seelische und 
sexuelle Individnalitat richtig bewerteten. Bevor wir uns den Lebens- 
gang des Baron X., der auf das engste mit dieser Veranlagiing ver- 
kniipft ist, vor Augen fiihren, haben wir uns mit seiner Personlich- 
keit, in der wir die Grundlage seines sexuellen Empfindens finden, 
zu beschafti^en. 

Korperlich ist der Baron trotz stattlicher Figur und militarisch 
straffer Haltung nicht frei von femininen Ziigen. Die Korperformen 
sind abgerundet, die Muskulatur ist weich und mehr elastisch als fest, 
die Haut zart, die Korperbehaarung sparlich, das Haupthaar weich. 
Das Fettpolster ist nach femininem Typus verteilt und besonders an 
den Brusten stark entwickelt, die in Verbindung mit den ziemlicb 
breiten Warzenhofen dadurch ein entschieden weibliches Geprage 
erhalten. Auch die Bewegungen zeigen, obwohl militarische Stramm- 
heit in Haltung und Gang unverkennbar ist, feminine Anklange, 
namentlich in Mimik und Gesten. Ebenso spricht sich weibliche Zier- 
lichkeit in der eleganten, fliissigen Handscnrift aus. In psychischer 
Hinsicht dominiert bei Baron X. entschieden das Gefiihlsleben. Von 
weicher Gemiitsart, besteht bei ihm eine starke Empfanglichkeit fiir 
Freude und Schmerz, ein ausgesprochenes Anlehnungsbediirfnis und 
Liebebediirftigkeit. Seine Stimmung war von jeher leicht wechselnd 
und zwischen Extremen schwankend. Mit zunehmender Nervositat 
ist ein aufbrausendes, bisweilen launisches Wesen bemerkbar geworden. 
In intellektueller Beziehung gut beanlagt, entsprechen die Kenntnisse 
und Interessen des Baron A. seinem Bildungsgrade und seiner gesell- 
schaftlichen Stellung; sie bewegen sich vorwiegend auf schongeistigem 
Gebiete ; entsprechend einem von Jugend an bestehenden Wandertrieb 
interessiert sich Baron X. lebhaft fiir Volkerkunde und bevorzugt in 
seiner Lektiire Reisebeschreibungen und ahnliches. AuBerdem gehoren 
Sport- und Modefragen zu seinen Liebhabereien. Er besitzt musika- 
lisches Verstandnis und liebt namentlich emste, klassische Musik. 
Ordnungsliebend bis zur Pedanterie, neigt Baron X. zu einem mit 
Komfort und Geschmack verbundenen LebensgenuB, ohne sich vor 
ernster, gleichmaBiger Arbeit in seelischer oder korperlicher Be- 
ziehung zu scheuen. Er ist von Hause aus eine energische und ziel- 
bewuBte Natur. In seinem bewegten Leben hat er wiederholt Gelegen- 
heit gehabt, Beweise von Initiative und Konsequenz des Handelns 
zu geben. I ; , i 

Indem wir die wesentlichsten Ziige der Individnalitat des Barons 
skizzierten, ergab sich uns das Bild einer Personlichkeit, in dem mann- 
liche und weibliche Ziige sich in eigenartiger Weise, vielleicht mit 
etwas starkerem Hervortreten der femininen Komponente mischten, 
deren Anteil an der Gesamtpersonlichkeit noch erheblicher zutage 
tritt, wenn wir das Sexualleben des Barons mit beriicksichtigen. Hier 
ist die weibliche, also sich auf das mannliche Geschlecht beziehende 
Triebrichtung tiefer und intensiver ausgepragt, als es ihm von vorn- 
herein selbst bewuBt war. Es diirfte sich eriibrigen, auf die AuBerungen 
seiner Sexualitat im einzelnen einzugehen; erforderlich dagegen er- 
scheint es, ihre Bedeutung im Laufe der psychischen Entwicklung 
zu skizzieren. Schon in friiher Jugend faBte er ein besonders tiefes 
Freundschaftsgefiihl zu seinen Altersgenossen, das zu korperlichen In- 
timitaten, wie sie unter Spielgefahrten im spateren Knabenalter als 
harm lose AuBerungen eines unklaren Sexualdranges so iiberaus haufig 
sind, fiihrte ; er (mchte zunachst, es waren dies natiirliche, mit dem 
betreffenden Altersstadium verbundene Erscheinungen, die in starkerem 
oder schwacherem Grade bei jedem einmal eine KoUe spielen, um in 
spaterem Lebensalter ganzlich in den Hintergrund zu treten. 

Erst durch die negative Seite der gleichgeschlechtlichen Veraii- 
lagung, erst dadurch, daB sicli bei ihra nicht wie bei seinen Kaineraden 



Digitized by VjOOQIC 



920 

und Altersgenossen Liebesempfindungen flir das weibliche Gteschlecht 
einstellten, kam ihm seine Sonderstellung in psychosexueller Hinsicht 
zum BewuBtsein. Aber auch jetzt fehlte ihm noch das voUige Ver- 
standnis fiir die Verkettung der sexuellen Triebrichtung mit seiner 
psychischen Gesamtindividualitat. Er erblickte in ihr mehr ein neuro- 
pathisches, durch auBere Einf Idsse hervorgerufenes Symptom und glaubte 
dementsprechend, durch auBere Einwirkungen und psychische Beein- 
flussung eine Anderung herbeifiihren zu konnen. Dieser Umstand, in 
Verbindung mit dem ihm aus anderen Griinden zu derselben Zeit 
von Prof. V. L., der ihn eines Magenleidens halber behandelte, er- 
teilten Rat zu heiraten, den ein Nervenarzt aus sexualpsychologischen 
Griinden bestatigte, bestimmte Baron X., eine Ehe einzugehen. 

Erst hieraus resultierten die schweren inneren und zum groBen 
Teil auch die auBeren Konflikte, Erpressungen usw., denen der Baron in 
der Folgezeit ausgesetzt war. Mehr und mehr traten nach der Ver- 
heiratung bei ihm nervose Erscheinungen auf, Unruhe, Schlaflosig- 
keit, Schwindel- und Mattigkeitsgefuhl, Zittern einzelner Muskelgrup- 
pen. In Wechselbeziehung eu diesen krankhaften Symptomen stei- 
gerte sich das Bediirfnis sich zu betauben ; die Folge davon war ein 
temporar exzessiver Alkoholismus. In Verbindung mit der von dem 
Baron bis an die Grenzen moglicher 'Selbstbeherrschung durchgefiihrten 
sexuellen Abstinenz fiihrten diese nervosen Spannungen zu gelegent- 
lichen pathologischen Entladungen des geschlechtlichen Dranges, die 
sich im Zusammenhange mit den begleitenden Umstanden deutlich als 
Dammerzustande charakterisierten. Die Sachlage wurde durch dieses 
Ineinandergreifen krankhafter Momente und ungiinstiger auBerer Um- 
stande derart kompliziert, daB eine Scheidung der Ehe unvermeidlich 
wurde. In der Folge trat ein nervoser Zusammenbruch bei Baron X. 
ein, der zu wiederholtem langeren oder kiirzeren Aufenthalt in ver- 
schiedenen Sanatorien fiihrte. Inzwischen hielt sich X. teils in Ham- 
burg, teils im Auslande auf. Trotz seines eigenen Ankampfens gegeo 
seine homosexuellen Neigungen und trotz mehrfach auch gegen diese 
gerichteter Behandlung trat eine Anderung in dieser Hinsicht nicht ein. 

tJber die seelische Disposition des Barons, sein wechselndes sub- 
jektives Befinden hat er uns 'detaillierte Angaben gemacht, an deren 
Aufrichtigkeit und Zuverlassigkeit nicht die mindesten Zweifel be- 
stehen. Es ergibt sich aus diesen Schilderungen das folgende Zustands- 
bild : Die vorwiegend seelische homosexuelle Erotik des Baron X. 
bildet einen so integrierenden Bestandteil seiner psychischen Person- 
lichkeit, daB sehr erhebliche Storungen imd Ausfallserscheinungen 
auftreten. wenn eine Befriedigung der hieraus resultiisrenden Bediirf- 
nisse auf sehr lange Zeit gewaltsam unterdruckt wird. Wir nahmen 
wahr, daB gerade zu d e n Zeiten das Seelenleben des Barons ein har- 
monisches und seine Arbeits- und Leistungsfahigkeit eine ungeminderte 
war, wenn fiir ihn die Gelegenheit bestand, in psychischer Erganzung 
seiner gleichgeschlechtlichen Erotik ein seiner Veranlagung adaquates 
Leben zu fiihren. Sobald ihn der Zwang des eigenen Gewissens oder 
auBere Verhaltnisse daran hinderten, war die Folge eine Storung des 
psychischen Gleichgewichts, die zu nervosen Spannungen fiihrte. Diese 
wiederum hatten neuropathische Erscheinungen zur Folge, die sich 
bis zu Dammerzustanden steigerten, in denen die homosexuelle Kom- 
ponente der Sexualitat des Baron X. in Handlungen zum Ausdruck kam, 
die unter normalen Verhaltnissen seinem Fiihlen fremd sind. 

Gutachten. Nach dieser Darlegung des Tatbestandes ist uns 
die Aufgabe gestellt, nach bester Uberzeugung imd auf Grund unserer 
spezialistischen Erfahrung Vorschlage hinsichtlich der weiteren Lebens- 
fiihrung des Baron X., insbesondere auch des fiir ihn geeigneten Auf- 
enthaltsorts zu machen. Wir miissen dabei zunachst berucksichtigen, 
daB eine Befriedigung seiner homosexuellen Neigungen im Rahmen 
einer vorwiegend psychischen Erganzung ein Erfordernis.ist, dem au» 



Digitized by VjOOQIC 



921 

lebenswiclitigen Griinden Rechnung getragen werden muB. Nach dem 
oben Gesagten eriibrigt sich eine nahere Begrundung hierfiir. Sowohl 
nach dieser Richtung bin wie fiir eine voile Befriedigung seiner gei- 
stigen Interessen erscheint der Aufenthalt in einer deutschen GroB- 
stadt geeigneter als der von der Familie gewiinschte im Ausland. 

Auch aus auBeren Grunden wiirde ein solcher entschieden vor- 
zuziehen sein, da der einzelne Deutsche im Auslande, sowie in Klein- 
stadten oder auf dem Lande weit mehr Gegenstand der Beobachtung 
und Kritik seines Privatlebens ist, ganz abgesehen davon, dafi sich 
ihm in der GroBstadt bessere Gelegenheit zur Betatigung und Ent- 
faltung seiner geistigen Interessen bieten wiirde; unter den deutschen 
GroBstadten erscheint nun wieder Berlin ails Aufenthaltsort unter 
den vorliegenden Verhaltnissen vorwiegend geeignet, weil hier er- 
fahrungsgemaB die relativ geringste Beobachtung des einzelnen hin- 
sichtlich seines Privatlebens geiibt wird, ferner das weitestgehende Ver- 
standnis fiir homosexuelle Neigungen, namentlich in der bei dem 
Baron ausgesprochenen vorwiegend psychischen Porm besteht, 
und sich auch die in Betracht kommenden Behorden tolerant 
verhalten. AuBerdem wiirde auch in Berlin die Gelegenheit zu 
spezialarztlicher Kontrolle gegeben sein, deren Baron X. dringend be- 
darf, bis seine psychosexuelle Gesamtkonstitution den Grad stabiler 
Harmonic erreicht hat. Unserer Uberzeugung nach ist demnach fiir 
Baron X. in Anbetracht und unter Beriicksichtigung aller vorliegen- 
den Verhaltnisse ein Aufenthalt in Berlin fiir die nachste Zukunft 
entschieden am vorteilhaftesten. 

Ein charakteristisches Beispiel ahnlicher Art bietet das 
folgendc Gutachten, in dem Burchard und ich die Univer- 
sitatsbehorde tiber die wahre Natur eines vorwiegend seelischen 
Verhaltnisses zwischen zvvei homosexuellen Studen- 
t i n n e n zu informieren und namentlich den gegen die altere 
der beiden entstandenen Verdacht der Verfiihrung zu etitkraften 
hatten. 

Fraulein A. v. Z. hat uns ersucht, auf Grund unserer lang- 
jahrigen spezialistischen Erfahrung mit sexualwissenschaftlichen Fra- 
gen ein Gutachten dariiber auszustellen, wie wir im Hinblick auf die 
uns zur Verfiigung gestellten Unterlagen die geschlechtliche Ver- 
anlagung ihrer Freundin, des Fraulein K. Th., beurteilen, und wie wir 
in Anbetracht dieses Urteils das Verhaltnis zwischen den beiden Damen 
seiner Eigenart nach auffassen. Wir bemerken von vornherein, daB wir 
von den Schilderungen der Angelegenheit, die Fraulein v. Z. uns gab, 
keinen Gebrauch fiir unser Gutachten machten, da sie als befangen in 
der Sache angesehen werden konnte. Dagegen kamen fiir unser Gut- 
achten als Unterlagen zahlreiche Briefe des Fraulein Th. an Fraulein 
V. Z. in Betracht, aus denen die Personlichkeit der Schreiberin in so 
klarer, eindeutiger Weise hervortritt, daB wir uns eine auf sicherer 
Basis beruhende Uberzeugung bilden und in vollster Ubereinstimmung 
unser Gutachten abgeben konnen. 

Tatsachliches. Es kommt darauf an, tatsachliches Ma- 
terial beizubringen, das dazu dienen kann, festzustellen, ob Fraulein 
Th. geschlechtlich normal veranlagt und von Fraulein v. Z. zu homo- 
sexuellem Verkehr verfiihrt ist, oder ob sie selbst ebenfalls homo- 
sexuell veranlagt ist und aus eigenem Antriebe und aus dem ihrer Natur 
entsprechenden Empfinden heraus die Liebe derselben erwidert hat 
und das Verhaltnis mit ihr eingegangen ist. Nach der Schilderung 
des Frauleins v. Z. ist der Tatbestand kurz der, daB die beiden 
inngen Damen, welche ihr Studium auf der Universitat zusammen- 
fiihrte. sehr bald von einer heftigen Liebesleidenschaft erfaBt wur- 



Digitized by VjOOQIC 



922 

den, die zu einem intimen Verhaltnis beider fxihrte, das dadurch 
gelost bzw. verhindert wiirde, daU Fraulein Th. von nahestehenden 
Bekannteii in B., bei denen sie erzogen ist, von der Freundin getrennt 
wurde. Da es nun nicht moglich war, die Richtigkeit dieser Tat- 
sachen im einzelnen nachzupriifen, und wir, wie bereits erwahnt, 
die Angaben des Fraulein v. Z. nicht als einwandfreie, objektive 
Unlerlagen verwerten durften, waren wir darauf angewiesen, uns ein 
Bild von der Personljchkeit des Fraulein Th. zu bilden, wie es sich 
aus iliren Briefen an Fraulein v. Z. ergibt. In der Tat ermoglichen 
diese Briefe es, uns nicht nur iiber die gegenwartigen Neigungen des 
Fraulein K. Th. und ihre Empfindungen zu Fraulein v. Z. ein Urteil 
zu bilden, sondern auch retrospektiv ihre individuellen Anlagen, ins- 
besondere ihre sexuelle Veranlagung beurteilen zu konnen. Einleitend 
mochten wir erwahnen, jdaU die Handschrift des Fraulein Th. ent- 
schieden virile Ziige zeigt, und daB auch im Inhalte ihrer Briefe 
bisweilen eine gewisse Bestimmtheit der Auffassung und des Urteils 
hervortritt, die wir als mannliche Eigentiimlichkeit ihrer psychischen 

Individualitat ansprechen konnen Wir erwahnen diese 

Einzelheiten, da erfahrungsgemafi das Seelenleben homosexueller 
Frauen nicht frei von virilen Einschlagen zu sein pflegt, wir ihnen 
also eine gewisse symptomatische Bedeutung beimessen miissen, ohne 
sie als beweiskraftig ansehen zu diirfen. In gleicher Weise sympto- 
matiscli erwahnenswert ist es, daB Fraulein Tn. in ihren Briefen die 
Freundin fast stets mit mannlichen Bezeichnungen, wie „mein Ge- 
liebter**, „mein lieber, siifier Bub*" anredet und ebenso sich selbsfe 
mit „Dein Erni" unterzeichnet. Im iibrigen spricht aus der Form 
und dem Inhalt der Briefe an Fraulein v. Z. zweifellos ein echtes 
und tiefes Liebesempfinden, das sich in zahllosen Einzelheiten in 
unverkennbarer Weise verrat. In welchem MaBe diese Liebe ihr ganzes 
Seelenleben erfiillt und ihr als eigentlicher Zweck ihres Daseins er- 
scheint, geht aus dem nachstehenden Briefe hervor, den wir seiner 
charakteristischen Eigenart halber im Wortlaut folgen lassen: „Mein 
lieber, siiBer Bub* I Es ist so gut, mein Geliebter, so ganz in seiner 
Liebe aufzugehen, sein Leben nur in Dir zu leben una alles nur in 
bezug auf Dich zu tun. Ich habe friiher nie geahnt, daB so die Liebe 
sein wiirde und daB eben durch sie das Leben Zweck bekommt. Da- 
nach habe ich ja friiher immer gefragt und meistens keine Antwort 
gefunden, weil mir alles so leer und sinnlos vorkam. Aber nun ist 
es ganz gleichgiiltig, was man tut, wenn man dabei nur bei Dir ist, 
Deine Nahe fuhlt, oder an .Dich denkt und sich auf Dein Kommen freut. 
Und nun brauche ich selbst ja auch zu nichts anderem da zu sein, 
als nur Dir durch meine Gegenwart und Liebe Freude zu machen. 
Es ist wundervoll zu wissen, daB Du mich so lieb hast, daB ich 
Dich gliicklich mache, ohne etwas besonderes zu tun, denn wenn es 
davon abhinge, konnte ich es gewiB nicht. Aber so ist es ein schones 
freies Geschenk von Dir, iiber das ich mich jeden Tag wieder wie 
eine unverdiente Gabe freue und dank bar bin, daB sie immer noch 
da ist, weil ich doch kein Recht und keine Moglichkeit habe, sie 
zu halten. Oh, mein Lieber, ich habe nun so sicher, warm und fest 
das Gefiihl, bei Dir meine Heimat zu haben und unumstoBlich zu 
Dir zu gehoren, daB es in mir gar keinen Gedanken oder Gefiihl gibt, 
das nicht mit Dir in Verbindung stunde. Es ist ein ganz auBerliches 
Versprechen, wenn ich mal von B. als „zu Hause" spreche. Ich habe 
ja noch nie das Gefiihl einer Heimat gehabt und habe es nun erst 
durch Dich kennen gelernt; und seitdem wir in unsferem kleinen 
Hause sind, habe ich es erst recht bekommen, und es wird immer 
starker. Es war so schon, daB Du mir noch so lange winktest und 
ich freute mich dariiber, daB wir uns so lieb haben, daB wir eine so 
lange Trennung so ptark empfinden und uns so nach dem Wieder- 
sehen sehnen .. . . ." Besonder? bezeichnend fiir den ausgesprochen 



Digitized by VjOOQIC 



923 

sexuellen Charakter der Gefiihle des Fraulein Th. zu Fraulein v. Z. 
sind ferner Stellen in ihren Briefen, in denen sie den EinfluO hervor- 
hebt, "den die korperliche Nahe derselben auf sie ausiibt. So heifit es 
an einer Stelle: „. • . • Oh, mein Herz zittert, wenn du mich beruhrst, 
schon der Gedanke daran nimmt mir ein wenig die Besinnunp^ .... 
Aber ist es denn ein Mangel an Liebe, wenn das Gefiihl Deiner 
Nahe micJi gliicklich macht? .... und an einer anderen: „. • • • Ja. 
es war gewiB eine Gebarde der Liebe, als ich damals iiber Dein Haar 
streichelte und auch keine unbewuBte, obwohl unwillkiirliche, denn 
ich liebte Dich damals sehr, ja, es kommt mir oft vor, wie wenn 
ich Dich nie mehr wie in den Augenblicken geliebt hatte. Es steigt 
rair ganz warm im Herzen auf, wenn ich daran denke . . . ." Dies« 
Sehnsucht nach der korperlichen Nahe der Geliebten erfiillt. sie auch 
nachts im Schlafe und kommt in ihren Traumen zum Ausdruck. So 
schreibt sie: „. . . . Ich bin nun noch jede Nacht im vSchlafe auf- 
gefahren und woUte mit Dir sprechen, weil ich Dich neben mir 
fuhlte, und erst, wenn ich von meinen eigenen Worten aufwachte, 
merkte ich, daB es eine Tauschung war . . . ." Dieselbe Sehnsucht 
beherrscbt sie im Wachen und verdrangt jeden anderen Gedankenr 
„. . . . Ich sehne mich Tag und Nacht nach Dir. Es ist wie eine 
Betaubung. ich sitze oft stundenlang mit geschlossenen Augen vor 
meinem Schreibtisch und kann an nichts denken, als nur den Augen- 
blick, wo Du mich wieder umfaUt . . . Oh, meine Geliebte, nimm mich 
doch zu Dir, laB' uns doch schweigen von der Welt und den anderen 
Menschen . . . ." Wie es der Art der geschlechtlichen Liebe, und 
zwar nur dieser entspricht, iibertragt sie die zartlichsten und sehn- 
siichtigsten Gefiihle, die sie fiir ihre Freundin hegt, auf jedes Lebens- 
und Liebeszeichen, das von dieser kommt. Sie versichert, sich von 
den Bildern der Freundin nicht drei Tage trennen zu konnen. Ihre 
Briefe erwartet sie mit peinvollem Verlangen und ist schmerzlich 
enttauscht, bleibt ein erwartetes Schreiben aus: „. . . . Wenn ich 
wenigstens die Kraft hatte, bose zu sein, wie Du, wenn kein Brief 
kommt. Das macht es einem viel leichter, aber ich habe es mir an- 
gewohnt, schon eine Stunde ehe die Post kommt, keine Minute mehr 
still zu sitzen, herauszulaufen, auf die Uhr zu sehen, nach dem Brief- 
trager auszuschauen, und wenn die Post dann gliicklich kommt, und 
es ist nichts dabei, dann hat man wieder endlos qualvolle 24 Stunden 
vor sich, und weiB nicht, wie man sie ertragen wird . . . ." Alles, 
was von der Freundin kommt, ist ihr lieb und wert: „. . . , Lieber, 
suBer, im voraus schon vielen Dank, wenn es von Dir kommt, muB 
es mir ia gut gef alien. Mein Bub, es ist gut, daB man Deine schonen 
Briefe hat, sonst wiirde ich Deine Liebe zu sehr entbehren. All die 
zarten und giitigen Dinge, die Du taglich sasrst und tust, mit denen 
Du Deine Seele immer wieder neu aufschlieBt und mir diese unbe- 
kannten Schonheiten zeigst, von denen ich friiher nichts wuBte, und 
die ich oft immer noch nicht ganz in mich aufnehmen zu konnen 
glaube. Meine Geliebte, Du hast mir ein ganz neues Leben offenbart 
und es gibt nun nichts auf der Welt, das ich hoher einschatzen 
wiirde.** Die individuelle Eigenart ihrer Liebe charaktepisier.t sich 
zunachst in einem starken tTberschwange des Empfindens, wie es 
beispielsweise in folgenden Worten zum Ausdruck kommt: .,. . . Und 
wenn ich Dir einmal sagte, ich fiirchtete, Dich nicht genug zu lieben, 
so war es nur, daB mir immer meine Liebe fiir Dich nicht groB genug 
vorkommt, daB mir immer alles, was ich Dir geben kann, nicht genug 
fiir Dich ist, und ich alle die Liebe, die ich ihn zehn Jahren fiir Dich hegen 
kann, Dir in einem Augenblick vor die FiiBe lepen mochte. Und ich weiB, 
wie fn'oR und schon Deine Liebe ist, und deshalb kommt mir die meine 
daneben klein und klaglich vor . . . ." und ebenso in den folgenden: „. . . . 
Vielleicht bin ich auch charakterlos. gut moglich, e? i<»t mir aber alles 
gleichgiiltig, wenn ich nur weiB, daB ich in acht Tagen in Deinen 



924 

Armen bin. Ich kann nichts anderes mehr denken. Wie kannst Du 
glauben, ich hatte kein Vertrauen in Dich gehabt? Ich schrieb doch 
nur, ich hatte meiner Liebe mifitraut. Aber jetzt sind ja alle Zweifel 
vorbei, jetzt steht es so machtig vor mir und fordert ihr Recht, 
daB ich weiB, ich kann nur bei Dir Ruhe finden, wenn Du mich nur 
erst wieder kviBt f^ . . ." In dem Verhaltnis beider Freundinnen ist 
FniuleiiL Th. entschieden der mehr weiblich empfindende, anschluiJ- 
bedurftige Teil, was natiirlich mit den oben erwahnten virilen Einzel- 
ziigen ihres Wesens durchaus nicht im Widerspruch steht. Das kommt 
sehr charakteristisch in der folgenden Briefstelle zum Ausdnick: 
„. . . . Du weiflt, wie ich einmal zu Dir sagte, ich bliebe nicht in 
B . . . und Du dann meintest, es stiinde mir ja frei, an eine andere 
Universitat zu gehen, meine einzige Antwort war, das sei ja ohne 
Dich ausgeschlossen. Es ist mir so unmoglich, mir ein Leben ohuo 
Dich vorzustellen, daB ich es nicht einmal konnte, als ich neulich 
nach Deinem Briefe glaubte, es sei alles aus ....'* und noch prag- 
nanter in der folgenden: „. . . . Ich wiirde um Dich gerungen haben, 
bis ich Dich wiedergewonnen hatte, denn ich wurde mit Dir albn 
Glauben und alles Schone im Leben verloren haben. Du hebst mich 
iiber den Allta^ hinaus und laBt mich mit Dir die neuen gestelgerter 
Gefiihle und Dinge erleben, die ich friiher nur geahnt habe, und vor 
deneiL ich nie dachte, daB sie einmal wirklich zu mir kommen 
wiirden. Ohne Dich wiirde das Leben wieder kalt und leer sein 
und viel schlimmer, als zuvor, da ich nun weiB, was sein Inhalt 
sein kann. ... Im Glauben an imsere Liebe, ihre Heiligkeit und 
Schonheit bin ich noch nie einen Augenblick schwankend gewesen, 
und dariu konnte mich auch nie jemand erschiittem. Denn ich habe 
es ja selbsl. erlebt und kein anderer, ich weiB ja, was unsere Liebe 
ist . . . .*• Weibliohe Zuriickhaltung dokumentiert ihr Bestreben, ihre 
Liebe vor der Welt zu verbergen, das sich in folgenden Worten auBert: 
„. . . . Lieber sagte ich noch andern, Du hattest einen schlechten 
Charaktei*, als das Gegenteil. Ich bin nun mal so paradox in Gefdhls- 
sachen. Wenn mich einer fragte, ob ich Dich liebte, wiirde ich es 
nicht iiber die Lippen bringen, ja zu sagen. Nur zu Dir . . . ." DaB 
aber dieses homosexuelle Liebesempfinden bei Fraulein Th. nicht 
erst durch Fraulein v. Z. geweckt wurde, sondern daB sie in dieser 
nur den lange ersehnten Gegenstand ihrer sexuellen Zuneigung fand, 
beweist am deutlichsten folgende Stelle: „. • • • Aber das wiegt das 
jetzigo Gliick nicht auf, denn ich habe in Dir endlich den Menschen 
gefunden, auf den dch seit Jahren gewartet habe, von dem ich 
wuBte, daB er einmal in mein Leben treten wiirde. Nur in letzter 
Zeit war mein Glaube daran etwas erschiittert worden, weil ich so 
sicher geliofft hatte, die Freundin und Geliebte auf der Universitat 
zu finden und es nun in X. so gar nichts war, da dachte ich, es 
ware wohl nur so eine schone Illusion gewesen, die ich mir gemacht 
hatte, und die doch nicht verwirklicht werden konnte. Als ich Dich 
das erste- oder zweitemal gesehen hatte, tauchte so ganz leise der 
Gedanke in mir auf, daB Du es sein konntest, den ich aber schriell 
wieder verwarf. Du weiBt, warum. Siehst Du, die Liebe, die ich zu 
meinen anderen Freundinnen hatte, und sie zu mir, geniigte mir nicht 
. . . Und daB Du so ahnlich aussehen wiirdest, wie Du tust, hab 
ich audi vor Jahren schon getraumt . . . ." Auch die negative Seite 
der homosexuellen Geschlechtlichkeit, das Fehlen jedes Liebesempfin- 
dens gegeniiber dem Manne, kommt in den folgenden Stellen zum 
Ausdruck, in denen sie den Gedanken an ihre Verlobung oder Heirat 

mit einem Manne als unmoglich behandelt: „ Wenn ich doch 

erst bei Dir ware und meinen Kopf an Deine Schultern legen konnte, 
und Du kiiBtest mich. — Als mich neulich eine Freundin fragte, ob 
ich verlobt ware, hatte ich fast auf der Zunge „ja" zu sagen. Ich sah 
auf jeden Fall so strahlend aus, daB sie mir das „Nein" erst gar 



Digitized by VjOOQIC 



926 

uicht glauben woUte ....*' und „. • • • Sie sagte eben wieder auf 
einein Spaziergang, es ware so schade, wenn ich nicht heiratete. Ich 
mochte ihr so gerne dann sagen, daB ich ja das Gliick geffunden babe, 
daB es da ist, daB ich liebe. Aber ich weiB, sie wird mich nicht ver- 
fitehen ....** 

Gutachten. Wir glauben in den vorstehenden Ausfiihrungen 
den liickenlosen und einwandfreien Nachweis erbracht zu haben, daC 
bei Fraulein K. Th. angeborene homosexuelle Veranlagung 
vorliegt, zum mindesten eine iiberwiegend homosexuelle Komponente 
der geschlechtlichen Individualitat. Fiir uns, die wir Gelegenheit 
batten, eine grofie Anzahl von Personen, deren seelische und sexuelle 
Veranlagung der des Fraulein Th. entspricht, in analogen Verhalt- 
nissen eingehend zu beobachten, kann daran jedenfalls kein Zweifel 
bestehen. 

Die Liebe des Fraulein v. Z. wird von Fraulein Th. zum min- 
desten mit gleicher Starke erwidert. Da aus den Briefen des Fraulein 
K. Th. mit Deutlichkeit hervorgeht, daB sie in Fraulein A. v. Z. das 
iange ersehnte und lange gesuchte Ideal ihrer Liebessehnsucht ge- 
funden hat, von dem sie jahrelang getraumt hatte^ unterliegt es keinem 
Zweifel, daB von einer Verfiihrung durch Fraulein v. Z. gar keine 
Rede sein kann. Die sexuelle Attraktion beider aufeinander war eben 
eine so starke, daB sie mit Naturgewalt zueinander hingezogen bur- 
den. Die Artj j[n der das Liebesverhaltnis beider entstand und sich 
entwickelte, ist in jeder Hinsicht analog den erotischen Beziehungen 
zweier normal empfindender Personen verschiedenen Geschlechts. Es 
ist ferner der besonderen sexuellen Individualitat der beiden Beteiligtcn 
durchaus adaquat, mithin von ihrem Standpunkte aus — zum min- 
desten also subjektiv — normal. 

In diesem Verhaltnis ist Fraulein v. Z. der mannlichere, Halt 
gebende, Fraulein Th. der weiblichere, AnschluB und Anlehnung 
suchende und bediirfende Teil, so daB eine harmonierende Erganzung 
beider in psychischer Hinsicht entschieden vorliegt, in der wir die 
Wurzeln der sexuellen Attraktion finden. Es ist eine oft bestatigte 
Erfahrung, daB in derartigen Verhaltnissen die homosexuelle Ver- 
anlagung des weniger virilen Teiles durchaus ebenso endogen und 
durchaus ebenso ausgesprochen ist, wie die des virileren. 

Unser Gutachten geht demnach dahin: Es unterliegt keinem 
Zweifel, daB bei Fraulein K. Th. angeborene homosexuelle Veran- 
lagung vorliegt, die in einer leidenschaftlichen Liebe zu Fraulein 
A. v. Z. zum Ausdruck kommt. Von einer Verfiihrung des 
Fraulein Th. durch Fraulein v. Z. kann demgmaB keine 
R e d e s e i n. 

Das Gegenstlick zu Begutachtungen der ebenerwahnten Art 
diirf to die Feststellung des Nichtvorhandenseins homo- 
sexueller Triebrichtung darstellen in Fallen, in denen entweder 
bei dem Betreffenden selbst oder bei Personen seines Umgangs 
JZweifel an der normalen Triebrichtung entstanden sind. Natiir- 
lich kann sich ein derart negatives gutachtliehes Urteil nur 
auf die dem Sachverstandigen zur Verftigung stehenden Unter- 
lagen stutzen und involviert daher in besonderem MaBe die 
Beschrankung, daB es unter Voraussetzung derselben und 
auf Grund ihrer kritischen Wiirdigung abgegeben ist. Es kann 
unter Umstanden auch eine psychologische Priifung und kritische 
Wiirdigung derjenigen Personlichkeiten erforderlich 
werden, von denen der Verdacht der Homosexualitat &ui{geht. 



Digitized by VjOOQIC 



926 

Hecht bezeichnend fiir diesen Fall ist das f olgende von B u r - 
chard und mir abgegebene Gutachten. Es handelt sich um einen 
Marineof f izier, der unbegrundeterweise durch einen 
Untergebenen in den Verdacht der Homosexualitat gebracht war 
und sich dieserhalb vor demi Oberkriegsgericht zu verantworten 

hatte. 

Auf Ersuchen der Verteidigung des Oberleutnants z. S. Herrn L. 
g^ben wir auf Griind spezialistischer Erfahrung iiber sexuelle Ano- 
maiien einer- und die Frage krankhaft motivierter Anschuldigungea 
aiiderseits ein Gutachten dariiber ab, ob und inwieweit die den Ver- 
urteilten belastenden Angaben ides Zeugen N. aus psychologischen 
Griinden als krankhafte anzusehen sind. N. gibt an, er sei von dem 
Oberleutnant L. am 25. III. d. J. zum Schreiben in dessen WohnuDg 
bestellt worden. Dort habe L., wahrend N. am Tische schrieb, seinen 
Oberschenkel gegen seinen, N.s, rechten Ellenbogen gedrangt und spater 
mit iiber den Leib gefalteten Handen sich gegen den in derselben 
Stellung befindlichen N. gedrangt, wobei er einen Druck auf dessen 
Geachlechtsteile ausiibte, die Hande N.s unterfaBte und damit ab- 
wechselnd gegen ihre beiden Geschiechtsteile driickte, dabei sein Ge- 
sicht an N.s linke Backe legte und schlieBlich mit Daumen und Zeigo- 
finger von auBen an N.'s Geschlechtsteil rieb. Auf Grund dieser 
Aussage ist Oberleutnant z. S. L. zu 14 Tagen Stubenarrest verurteilt. 
Es hatte sich in drei anderen Anklagepunkten, in denen N. ebenfaljs 
behauptete, es seien von L. die gleichen oder ahnliche Bewegungen 
absichtlich ausgefiihrt worden, die vollige Harmlosigkeit des Beschul- 
digten herausgestellt. 

Ferner gelang es der Verteidigung, N. in einem wichtigen Punkte 
der Unwahrheit zu iiberfiihren. Er behauptete, daU der Angeklagte 
in der Woche im Februar, wahrend er den Adjutanten vertreten habe, 
taglich zwischen 6 und 7 Uhr etwa eine Stunde lang bei ihm ge- 
wesen sei und die in Frage stehenden Bewegungen mit ihm gemacht 
habe. Es wurde nun nachgewiesen, daU der Angeklagte in dieser Zeit 
nur an zwei Nachmittagen iiberhaupt zum Bureau gekommen ist uud 
zwar an dem einen Tage hochstens zehn Minuten und an dem 
andern Tage etwa eine Viertelstunde, die aber mit eingehendeu 
Arbeiten vollig ausgefiillt war. N. muBte dann auch schlieBlich 
zugeben, in diesem Pimkte die Unwahrheit gesagt zu haben. — 
Es ist nicht moglich, ohne genaue personliche Kenntnis des N. ein 
bestimmtes Urteil dariiber abzugeben, inwieweit bei ihm eine krank- 
hafte Disposition vorliegt, welche die Basis unrichtiger oder zum 
mindesten entstellter Darstellungen von seiner Seite bildet. — Es 
sind uns aber aus unserer langjahrigen Praxis eine ganze lleihe 
von Fallen bekannt, in denen ganz harmlose Handlungen in sexuelle 
Annaherungen umgedeutet wurden von Personen, bei denen eine 
Neigung zur Renommiersucht oder zu phantastischer Ausschmiickiing 
bzw. Entstellung der Wirklichkeit bestand. 

Es ist durchaus nicht erforderlich, dafi die Aussicht materielleu 
Vorteils, wie sie bei Erpressungen auf sexueller Basis bestimmend ist, 
liierbei mitspricht, obwohl auch dieser Faktor nicht selten bei der- 
artigen Anschuldigungen eine Rolle spielt. Vielfach aber handelt 
es sich bei den Anzeigenden durchaus nicht um eine boswillige oder 
absichtliche Falschung oder Erdichtung des Tatbestandes, sondern um 
eine unbeabsichtigte Selbsttauschung, die namentlich danu 
iiauf ig vorkommt, wenn die Phantasie des Betreffenden voreingenommen, 
also gewissermaBen unter diesem falschen Gesichtswiukel eingestellt 
ist. — So kommt es nicht selten vor, daB ganz harmlose Blicke oder 
zufilllige Beriihrungen von Leuten, die mit der Homosexualitat Be- 
scheid wissen, an Orten, wo sie mit der Mdglichkeit einer sexuellen 



Digitized by VjOOQIC 



927 

Annaheruug besonders rechnen, wie in Bediirfnisanstalten, Zirkus- 

falerien usw., als solche aufgefafit werden. Neben den unter ahnlichen 
rinstanden erfolgenden absichtlichen falschen Anschuldigungen fiilu-en 
erfahrungsgemafi gerade audi derartige Selbsttauscliungen recht liaufig 
zu irrtiimlichen Strafanzeigen. 

Man kann nun hinsichtlich der Anzeige N.s mit Bestimmtheit zum 
mindesten sagen, dafi die Sache ahnlich wie in diesen Fallen liegt. 
Dai3 bei N. die Neigung bestand, audi harmlose Handlungen des 
Oberleutnants L. unter dem Gesiditswinkel gleichgeschlechtlicher An- 
naherung zu beurteilen, daC bei ihm also von vornherein infolge 
der Annahme, L. sei homosexuell veranlagt, eine Voreingenommenheit 
bestand, geht mit Sicherheit daraus hervor, daU er audi in anderen 
FalJen, die jals hinfallig oder durchaus harmlos erwiesen sind, die 
gleiche Beschuldigung gegen diesen erhoben hat. Ferner geht aus 
diesen, dem N. nachgewiesenen Falschungen oder Entstellungen der 
Wirklichkeit — ganz abgesehen davon, ob sie beabsichti^t oder un- 
Deabsichtigt waren — mit Sicherheit hervor, daC bei ihm eine Neigung 
zu falscher Darstellung bzw. phantastischer Ausschmiickung von Hause 
aus vorliegt. Erfahrungsgemafi tritt diese Neigung — wissensdiaftlich 
pseudologia phantastica genannt — besonders lebhaft in die Er- 
scheinung, wenn die Phantasie des ihr Unterworfenen auf die Ver- 
mutung geschlechtlicher Vorgange gebracht und somit die Moglich- 
keit, sie in diesem Sinne weiter zu verarbeiten, ausgesetzt ist. 

Nicht selten entwickeln sich dabei so lebhafte und feste Phan- 
tasievorstellungen, dafi der Anzeigende von ihrer Realitat durchaus 
iiberzeugt ist. 

Unserer sachverstandigen Uberzeugung nach besteht demnach in 
Anbetracht der dem Zeugen N. nachgewiesenen Neigung zu unrichtiger 
und ungenauer Darstellung von Vorkommnissen und insbesondere in 
Anbetracht seiner ebenfalls nachgewiesenen vorgefafiten Ansicht iiber 
eine vermeintliche homosexuelle Veranlagung des Oberleutnant L. der 
begriindete Verdacht, dafi auch die Beschuldigungen des N., welche zu 
einer Verurteilung L.s gefiihrt haben, falsch bzw. das Produkt einer 
kraiikhaft eingestellten Phantasietatigkeit waren. ' 

In anderen Fallen kann ein besonders inniges Freundsahafts- 
verhaltnis AnlaB zu der Vermutung geben, es lage — mindestens 
auf der einen Seite — Homosexualitat vor. 

Wir haben mehrfach eine solche, in beleidigender Weise vor- 
gebrachte AuCerung auf Grund sorgsamer Anamnese gutachtl- 
lich zu widerlegen Gelegenheit gehabt. Bisweilen wird diese 
Behauptung aus Gehassigkeit, Gewinnsucht und anderen egoisti- 
Bchen Motiven erhoben; es konnen aber auch Personen, die 
Eigenarten aufweisen, welche wir erfahrungsgemaJJ relativ 
haufig bei Homosexuellen finden, in den Verdacht gleich- 
geschlechtlicher Veranlagung kommen. Besonders haufig ist dies 
bei dem Vorliegen ausgesprochen weiblicher Neigungen, wie z. B. 
bei dem Transvestiiismus, der Fall. Es ist f iir solche 
Personen unter den heutigen Verhaltnissen von groUter Be»- 
deutung, wenn dieser Verdacht gutachtlich entkraftet werden 
kann. Ich verweise auf das im Kapitel Differentialdiagnose 
angeftihrte Transvestiten-Gutachten. Wiederholt hatte ich Ver- 
anlassung, namentlich Ehefrauen gegeniiber, klarzulegen, daB der 



Digitized by VjOOQIC 



928 

Verkleidungstrieb keinesfalls immer mit hbmosexuellen Nei- 
gungen zusammenfallt. 

Diesen Begutachtungen, die mehr oder weniger aus pri- 
vaten Griinden irgendwelcher Art erfordert warden, reihen 
sicJi solche an, die den Gerichten erstattet werden, sei es, daJ3 
es sidi um zivilrechtliche oder strafrechtliche Kon- 
flikte handelt, in die Homosexuelle infolge ihrer Veranlagung 
geraten sind. Wie Numa Pratorius in einem Aufsate 
,,Homosexualitat und blirgerliches Gesetzbuch** (Jhb. f. sex. 
Zwischenstufen Bd. VI.) ausftihrt, kann die Frage der Homo- 
sexualitat einmal da eine Erdrterung notig machen, wo der Ein- 
f luB geistiger Storungen in Betracht kommt : bei der Verantwort- 
lichkeit fiir unerlaubte echadigende Handlungen, bei der Ge- 
sehaftsfahigkeit und der Frage einer eventuellen Entmtindigung. 
Abweichend von alteren Auffassungen, welche die Homosexuali- 
tat an sich als eine krankhafte Erscheinung auffassen, diirfte 
hier im konkreten Falle die Frage zu erwagen sein, ob sie 
mit krankhafter Storung der Geistestatigkeit verbunden ist. 
Ferner kann die Homosexualitat von Bedeutung werden bei den 
Voraussetzungen der Gtiltigkeit der Ehe und der Ehescheidung 
sowie bei gewissen iiber die Enterbung und die Alimentations- 
pflicht geltenden Grundsatzen. 

Es ware unmoglidh, die Ftille von Einzelf alien, die sich 
hier ergeben konnen, auch nur in kurzen Umrissen einigermalien 
umfassend zu skizzieren. Ich beschranke mich darauf , die beiden 
haufigsten Schwierigkeiten, die auf zivilrechtUchem Gebiete aus 
der ihomosexuellen Verahlagung erwachsen und gutachtlicher 
Klfirung bedlirfen k5nnen, zu erwahnen. Die eine dieser Fragen 
bezieht sich auf die Geschafts- undVerfiigungsfahig- 
keit der Homosexuellen, die andere auf die infolge der Homo- 
sexualitat des einen der beiden Ehegatten erforderlich werdende 
Ehetrennung. 

Die Geschaftsfahigkeit der Homosexuellen kann durch die 
von der Norm abweichende Veranlagung als solche natlirlich 
in keiner Weise in Frage gestellt werden. — Nlir dann, wenn 
anderweitige psychopathische Ziige sich mit ihr verbinden, bezw. 
sich auf ihrem Boden entwickeln, konnen Bedenken nach dieser 
ilichtung hin entstehen. Auch dann kann eine Beschrankung 
der Geschaftsfahigkeit geboten erscheinen, wenn der eine homo- 
sexuelle Partner in einem Liebesverhaltnis infolge mangelnder 
psyehischer Widerstandsfahigkeit in eine derartige Abhangig- 
keit von demanderen (die durch eine jugendliche oder feonst nicht 
genligend gefestigte, bezw. psychopathische Konstitution bedingrt 
sein kann) geraten ist, daB er Gef ahr lauf t, zu seinem oder dritten 



Digitized by VjOOQIC 



929 

Personen Schaden miiibraucht zu werden. Wir bezeichnen diesien 
— nicht nur im gleichgeschlechtlichen Liebesleben haufig vorkom- 
menden — Zustand als „sexuelle Horigkeit*'. Auch diesen 
Fall konnte ich durch verschiedene diesbozligliche Gutachten 
illustrieren. Besonders auffallend ist der bisweilen ganz unge- 
wohnlichen EinfluB, d;en virile Urninden auf jiingere gewinnen, 
und den man sidi nur aus dem sicheren und imponierenden 
Auftreten der mannlidier gearteten erklaren kann, dem sich' 
die feminine Partnerin, selbst wenn sie die homosexuellen Emp- 
findungen durdiaus nicht erwidert, nicht entziehen kann. In 
solchen Fallen ist es oft Aufgabe gutachtlicher Tatigkeit, die 
Geschaftsunfahigkeit der einen Freundin nachzuweisen, eobald 
eie durch ihre krankhafte Abhangigkeit von der anderen wirt- 
echaftlich gefahrdet erscheint. Als Gegensttick dazu mochte 
ich ein Gutachten mitteilen, in dem in einem zivilrechtlichen 
Streitfalle von Burchard und mir der Nachweis volliger 
Zurechnungsfahigkeit trotz Homosexualitat und entsprechender 
Begleiterscheinungen geflihrt wird. 

Fraulein Edith W., 22 Jahre alt, ist von iins wahrend melirerer 
Wochea eingehend beobachtet, wiederholt untersucht und exploriert 
worden. Auf Grund unserer Ermittelungen geben wir das nachstehende 
Gutachten iiber ihren Geisteazustand, insbesondere die Frage ihrer 
Zurechnungs- und G e s c h a f t s' f a h i g k e i t , ab. 

Unterlagen des Gutachtens: Die Eltern des Fraulein 
W. sind Cousin und Cousine und beide hochgradig nervos. Der Vater, 
dessen nervoser und psychischer Zustand sich in den letzten Jahren 
zunehmend verschlechtert haben soil, hat ein Jahr Gefilngnis wegen 
Vornahme unziichtiger Handlungen an Minderjiihrigen verbixBt. — Als 
Kind hat sich Fraulein W. einmal bei einem Kopfsprung eine Schadel- 
verletzung zugezogen ; im iibrigen verlief ihre Kindheit und Jugend 
ohne wesentliche Krankheiten und Storungen. Besonders bemerkens- 
wert ist es, daI3 Fraulein W. von jeher mannliche Ziige in ihrem 
Verhalten und in ihren Neigungen zeigte. Ihr knabenhaftes Wesen lieU 
sie UusschlieBlich an Jungenspielen Gefallen finden. AuBere Verhalt- 
nisse begiinstigten diese in ihrer Anlage begriindete Entwicjcelungs- 
richtung. Sie trieb als Landkind friihzeitig Sport, ritt, segelte und 
jagte mit Lust und Unerschrockenheit. iSibei zeigte sie auch auf 
geistigem Gebiete Fahigkeiten, die man sonst vorwiegend beim mann- 
lichen Geschlecht findet: eine ausgesprochene Begabung fxir logisches 
Denken und Mathematik. 

Fraulein W. kam in jungen Jahren in die Lage, ihren Vater bei 
der Bewirtschaftung seines Gutes zu entlasten, und konnte dabei 
die geschilderten Eigenschaften, vor allem aber auch die Konse- 
quenz und Energie ilires Willena verwerten und weiter entwickeln. — 
Entsprechend ihrer iiberwiegend miinnlich gearteten ixsychischen In- 
dividualitat zeigte auch Fraulein W.s geschlechtliches Empfinden von 
seinem Erwachen an unverhiindert eine mannliche Farbung ; sie empfand 
nie eine erotische Zuneigung zu Personen des anderen Gesclilechts, 
sondern fiihlte sich nur zu weiblichen Personen hingezogen. — Frau- 
lein W. zeigt auch in ihrem Korperbau Anklange an das mannliche 
Geschlecht, trotzdem eine Reihe wesentlicher Merkmale, die gut- 
entwickelten Briiste, das lange, weiche Haupthaar, die zarte Plant, von 
weiblichem Typus sind. 

Hirschfeld, Homosexualitat. 59 



Digitized by V:iOOQIC 



930 

Als virile Stigmata sind die Breite des SchultergCLrteis, welche 
die des Beckens libertrffft, die ziemlicli groiSen Hande und YiiQe und 
die Starke Behaaning der unteren Extremitaten anzusehen. Recht 
mannlich erscheinen vor allem die Bewegungen und Ausdrucksf ormen : 
Mimik, Gesten, Gang und Handschrift. — Der Oi*ganbefund ergibt 
keine krankhaften Erscheinungen ; ebensowenig bestehen Degenerations- 
zeichen oder nervose Symptome, abgesehen von einer etwas gestei- 
gerten GefaBerregbarkeit und Neigung zum Erroten und Erblassen. 

Unsere Beobachtungen des psychischen Zustandes ergaben auf 
dem Gebiete des Affektlebens eine gleichmai3ige, der Situation an- 

gemessene Stimmungslage, die in dem natiirlichen und ruhigen Wesen 
eutlich zum Ausdruck kam. In intellektueller Beziehung zeigt Fraulein 
W. vielseitige und ausgebreitete Kenntnisse und Interessen, Klarheit 
und Cbersicht der Anschauungen, sowie eine bestimmte und gereifte 
Urteilsfahigkeit. — Die Willenstatigkeit ist durch frische Initiative, 
Energie und Konsequenz charakterisiert. 

Gutachten: Aus den mitgeteilten Unterlagen ergibt sich auch 
nicht der mindeste Anhalt fiir das Vorliegen irgendwelcher psychischer 
Defekte bei Fraulein W. — Dariiber, daB homosexuelle Veranlagung 
an sich nicht als eine krankhafte Erscheinung, sondern als eine der 
zahlreichen tJbeiigangsformen auf der Basis geschlechtlicher Variations- 
moglichkeit anzusehen ist, diirften Zweifel bei den Sachverstandigen 
nicht mehr bestehen. Die in vieler Beziehung mannlich geartete 
Personlichkeit des Fraulein W. stellt eine zwar nicht regelmaCige, 
aber doch haufige Begleiterscheinuug der kontraren Sexualempfindung 
dar, welche in Verbindung mit dieser im vorliegenden Falle das Ge- 
samtbild einer durchaus harmonischen und fiir ihr Alter ungewohnlich 
gereiften Individualitat bediiigt. — Es bestehen mithin unseren Be- 
obachtungen und unserer tJberzeugung nach keinerlei Zweifel an der 
ps3xhi8chen Vollwertigkeit des Fraulein W. weder auf dem Gebiete 
des Affektlebens noch hinsichtlich der Qualitaten von Intelhgen* 
und Willenstatigkeit. Fraulein W. ist demn.ach, unserer 
gemeinsamen, iiber e i ns t immenden Oberzeugung 
nach, psychisch durchaus intakt, zurechnungs- und 
geschaftsfahig. 

Da die Homosexualitat sowohl als Grund zur Ehescheidung 

(§ 1565 BGB.) in Betracht kommen kann, wenn sie zu einer 

BetStigung ftihrt, die als unsittliches Verhalten bezeichnet 

warden muB, als audh zu einer Ungtiltigkeitserklarung der 

Ehc (aus § 1333 BGB.), wenn der andere Ehegatte bei ihrer Ein- 

gehung sich in Unkenntnis liber diese Eigenschaft des Partners 

befujiden hat, die ihn bei vernunftgemaUer Wurdigung des 

Wesens der Ehe davon abgehalten habsn wiirde, sie zu schlieBen, 

so wird es nicht selten Sache des Gutachters sein mlissen, durch 

eine genaue Darlegung der individuellen Eigenart mit Bezug 

auf den jeweiligen Tatbestand dem Geridht von Fall zu Fall 

die Unterlagen fiir eine entsprechende Beurteilung der Sachlage 

zu (schaffen. Gelegentlich dieser Gutachten diirfte auch die 

Fragc zu erortern sein, ob der Sachverstandige ohne personliche 

Kenntnis der in Frage stehenden Person ein Urteil iiber ihre 

sexuelle Veranlagung abgeben darf. — Er ist dazu sicher be- 

rechtigt, wenn die ihm vorliegenden Unterlagen ein positives 

Urteil liber die Triebriehtung gestatten. Wenn sich bei- 



Digitized by VjOOQIC 



931 

spielsweise in vorhandenen Briefen das homosexuelle Liebes- 
empfinden des Schreibers mit vollster Eindeutigkeit aus- 
spricht, dann darf der Gutachter mit Bestimmtheit sich dahin 
auBern, daB Homosexualitat jedenfalls vorliegt. — Er schlieBt 
mit dieser Behauptung naturlich nicht aus, dafl daneben auch 
eine heterosexuelle Komponente bestehen, die in Frage stehende 
Personlichkeit also bisexuell sein konnte. Ein Urteil liber das 
Nichtbestehen einer Triebrichtung abzugeben, wird dem 
Sachverstandigen schlechterdings unmoglich sein, weil es daflir 
objektive Merkmale nicht gibt. Hochstens darf er, wie ich ge- 
legentlich der gutachtlichen Beurteilung nicht vorhandener 
Homosexualitat ansftihrte, den Nadiweis erbringen, daB die 
vorhandenen Unterlagen eine solche Annahme nicht 
rechtfertigten. Ein Gutachten tiber das positive Vorliegen homo- 
sexueller Veranla^ng ist das nachstehende, das von Burchard 
and mir uber die durch eine Keihe tibereiastimmender und 
eindeutiger Unterlagen erwiesene Homosexualit&t des Ehemannes 
in einem EhescheidungsprozeB erstattet wurde : 

In der Eheanfechtungssache K. gegen R. geben wir auf Ersuchen 
des Vertreters der Elagerin das nachstehende vorlaufige Gutachten 
iiber die geschle'chtliche Veranlagung des beklagten Ehemanns R. ab. 
Unser Gutachten stiitzt sich auf die Angaben der Handakten der 
Rechtsanwalte N. N., insbesondere einen bei denselben befindlichen 
Brief des Beklagten an seinen CFreimd, einen' jgewissen P., und auf unsere 
jahrelange spezialistische Erfahrung in sexualwissenschaftlichen Fra- 
gen, speziell auf dem Gebiete der Homosexualitat, auf dem wir tausende 
von Fallen gemeinsam zu studieren und beobachten Gelegenheit hatten. 
Diese umfassende und eingehende praktische Kenntnis des in 
Frage stehenden Gegenstandes ermoglicht es uns, aus dem voriiegen- 
den Material ein bestimmtes und eindeutiges Urteil iiber die Veran- 
lagung des R. abzugeben. 

Aus dem Brief e des R. an P. spricht ein starkes Gefiihl seelischer 
Zuneigung. an dessen sexueller und zwar homosexueller Natur Zweifel 
nicht bestehen konnen. Selbst durch den iiberschwangiichsten Aus- 
druck schwarmerischer Freundschaft ware es nicht zu erklaren, wenn 
R. von dem Eindruck spricht, den fluchtige korperliche Benihrungen, 
ein Handedruck oder der bloBe Anblick des Geliebten auf ihn macht, 
wenn er die Qualen schildert, welche ihm die Trennung von K. ver- 
ursacht, und die Liebe zu ihm als „sein Verhangnis" bezeichnet. Cha- 
rakteristisch fiir die homosexuelle Veranlagung R/s ist nicht nur der 
Umstand, daB seine sexuelle Neigung auf einen Mann gerichtet ist, 
sondern auch die ausgesprochen rezeptive, weibliche seines Liebes- 
empfindens, der R. selbst pragnanten Ausdruck gibt, indem er schreibt, 
„er fiihle wie ein W e i b , §eit er P. gesehen babe". Auch die negative 
Seite der Sexualitat R/s, die sich in seinem fehlenden Empfinden fiir 
das weibliche Geschlecht, das in seinem Briefe ebenfalls deutlich zum 
Ausdruck kommt, ausspricht, reiht sich erganzend als ein charak- 
teristischer Zug dem Bilde seiner Homosexualitat ein. Es ist diesen 
unzweifelhaften seelischen Zeichen der vorliegenden gleichgeschlecht- 
lichen Veranlagung gegenuber irrelevant, daS R. sich mit P. auch 
sexuell betatigt hat, was deutlich daraus hervorgeht, daB or schreibt: 
„Sage mir, (SiO Du unseren geschlechtlichen Verkehr nicht wei- 
ter willst**. 

59* 



932 

Wie auch der Gerichtsarzt Dr. O. in seiner gutachtlichen AuDe- 
rung betont, ist es fiir das Vorliegen homosexueller Veranlagung ganz- 
lich belanglos, ob und in welcher Form eventuell eine gleichgeschlecbt- 
liche Betatigung stattgefunden hat. 

In Anbetracht dessen, daB die Homosexnalitat einen bestimmendcn 
Wesenszug in der gesamten Personlichkeit R.'s darstellt, mit sei- 
nem gesamten Fiihlen und Empfinden unzertrennlich verkniipft ist, 
konnen wir es als ganzlich ausgeschlossen bezeichnen, daB sie eine 
erst nachtraglich und gelegentlich entstandene Erscheinung sein 
konnte, sondern miissen sie mit aller Bestimmtheit als ein in der 
Anlage der gesamten psychischen Individual i tat begriindetes Merkmal 
seiner sexuellen Personlichkeit ansehen. Ein Entstehen einer derart 
ausgesprochenen und fixierten Triebrichtung bei einem reifen, er- 
wachsenen Manne durch irgend welche Einfliisse ist arztlicher Er- 
ftihrung nach ausgeschlossen. Somit bestand die homosexuelle Ver- 
anlagung R.'s unserer sachverstandigen tJberzeugung nach zweifellos 
schon vor und zur Zeit seiner Verheiratung. 

Audi hier liegt eine bemerkenswerte Inkonsequenz des Ge- 
setzgebers vor, indem sich zwar eine Frau von einem sich 
gleichgeschlechtlich betatigenden Manne scheiden lassen kann, 
nicht aber ein Mann von einem ebenso handelnden Weibe. Unter 
den von mir auf dem' Gebiete der Ehe bej^utachteten Fallen ist 
mir besonders einer in Erinnerung geblieben, in dem auf mein 
Gutaehten noch nach dem Tode des umischen Gatten dessen Ehe 
ftir un'gliltig erklart wurde. Es war ein Restaurateur in Char- 
lottenburg, der bereits dreimal seine Verlobung kurz vor der 
Hochzeit zurtickgehen lieB. Auf seiner Mutter Wunsch hatte er 
sich nun das vierte Mai mit einer tlichtigen ,,Kalten MamselV 
verlobt. Eine Woche vor der Hochzeit stellten sich nun wieder 
die furchtbarsten Angstzustande ein, die ich jemals gesehen habe. 
Der Mann fand Tag und Nacht keine Euhe und lief wie einVer- 
zweifelter umher. Umsonst bemtihte ich mich, der Braut aus- 
einanderzusetzen, dafl ihre Ehe zu nichts Gutem flihren konne, 
sie solle dem offenbar schwer gemlitskranken Menschen sein 
Wort zurlickgeben. Sie weigerte sich energisch. Am Tage nach 
der Hochzeit erzahlte mir die Mutter, daiJ ihr Sohn in der 
Kirche, als der Geistliche ihm das Jawort abverlangte, stumm 
geblieben ware, wahrend die Braut das ihrige mehr als ,,laut 
und vernehmlich" hiitte horen lassen. Der Prediger hatte den 
Ringwechsel gleichwohl vorgenommen, doch hatte der Sohn den 
seinen auf dem Heimweg fortgeworfen. Vier Wochen epiiter 
rief man mich wieder. Der Ehemann, der die Ehe nicht ein 
cinziges Mai konsumiert hatte, hing entseelt im Weinkeller. 
Als nun die junge Witwe ihr Erbteil antreten wollte, erhob die 
Mutter Einspruch. Ich gab mein Urteil dahin ab, daB der Ver- 
storbenc im Sinne des § 1325 des BGB. zur Zeit der Ehe- 
schlicBung geschaftsunfahig war ; darauf wurden der Frau die 
Rechte einer Ehe^attin aberkannt. 



Digitized by VjOOQIC 



933 

Haufigerwird die Tatigkeit des Gutachters in Ehesachen eine 
vermittelnde werden, indem es ihm gelingt, den anderen Eho- 
gatten tiber den unversehuldeten Charakter der Veranlagung auf?- 
zuklaren : nicht selten wird er dadurch namentlich da, wa eine 
geistige Harmonic der beiden Eheleute besteht, eine Aussohnung 
herbeiftihren. Es ist merkwiirdig, mit welcher Nachsicht oft 
Frauen alle Entsagungen und Qualen, welche die Veranlagung 
des Gatten fur sie mit sich! bringt, ertragen, wie sie ihm haufig 
in alien Schwierigkeiten seines Lebens in selbstloser Opferwillig- 
keit zur festesten Stutze werden. 

Das wichtigste arztlicher Begutaehtung liegt ftir die Homo- 
sexuellen nun aber auf strafr.echtlichem Gebiet. Audi 
hier kann der Sachverstandige in den verschiedensten Fallen 
und Fragen klarend eingreifen. Daher sollte, wenn es sich um 
einen homosexuellen Angeklagten handelt, niemals auf die Zu- 
ziehung eines arztlichen Sachverstandigen verzichtet wer'den. 
Zunaclist ergibt sich, falls das Gericht den Tatbestand des 
§ 175 als vorliegend ansieht, die Frage, ob der homos^exuelle 
Tat-er fiir das Delikt verantwortlich zu machen ist oder nicht. 
Soweit es sich um eine nicht durch anderweitige sexueilo 
Anomalien komplizierte Homosexualitat handelt, bedingt 
diese meiner — in diesem Falle wohl mit der iiberwiegenden 
Mehrzahl der Sachverstandigen libereinstimmenden — tlber- 
zcugung nach an sich die Voraussetzungen des § 51 StrGB. 
nicht. Wohl aber diirfte sie in Anbetracht der Starke adaquatear 
Sexualimpulse die psychischen Hemmungen in hohem Grade 
hferabsetzen, mithin als mildernder Umstand auf alle Falle 
in Betracht kommen. In der groBen Anzahl von Fallen aber, 
in denen die Homosexualitat mit psychopathischen Momenten 
verkniipft ist — mogen sie primar auf einer geschwachten oder 
krankhaften psychischen Konstitution oder sekundar auf ner- 
VGsen Krankheitszustanden, die als Folge der Veranlagung anzu- 
sehen sind, beruhen — , steigern sich die Zweifel an der Ver- 
antwortlichkeit des Taters erheblich, bis zur unzweifelhaften Ge- 
wiBheit fehlender Verantwortlichkeit und Zurechnungsfahigkeit. 
Als Beispiel gebe ich nachstehend ein Gutachten wieder, das 
in Bezug auf die SchluBfolgerungen insofern charakteristisch 
ist, als in der groBen Mehrzahl der Falle gerade diese be- 
grtindeten Zweifel an der f reien Willensbestimmung als 
exkulpierend in Betracht kommen. 

Seitens der Verteidigung des Kaufmanns Herrn G. M. in Munchen 
sind wir aufgefordert, ein Gutachten dariiber abzugeben, ob bei Herrn 
M. zur Zcit der Begehung ihm zur Last gelegter geschlechtlicher Delikte 
eine kraukhafte Storung der Geistestatigkeit vorlag, die seine freie 



Digitized by VjOOQIC 



934 

Willensbestimmung im Sinne des § 51 Str.-G.-B. ausschloB. Nachdero 
wir Herrn M. wahrend langerer Zeit beobachtet, eingehend exploriert 
und wiederholt untersucht haben, geben wir das gewiinschte Gut- 
achten im folgenden ab. 

Vorgeschichte: Herr M. ist das Kind gesunder Eltern. 
Der Vater starb im Alter von 81 Jahren an Altersschwache, die hoch- 
betagte Mutter lebt xioch und ist gesund und riistig. Belastungs- 
erscheinungen, insbesondere in nervoser Hinsicht, liegen in der uaheren 
Verwandtschaft nicht vor, abgesehen davon, daB zwei altere Briider 
ebenso wie er selbst an Leistenbriichen leiden. Als* Kind war M. zart, 
schiichtern und schreckhaft, litt viel an Kopfschmerzen, an angst- 
lichen Traumen und nachtlichem Aufschrecken. Sein Aussehen und 
Wesen batten etwas ausgesprochen Madchenhaftes, so daB er oft 
dieserhalb geneckt wurde. Da er schon wahrend der Schuljahre in 
seiner freien Zeit zur Arbeit (Handschuhnahen) angehalten wurde, 
fand er zum Spielen wenig Zeit, was er aber nicht vermiBte, da er an 
den wilden Knabenspielen seiner Mitschiiier keine Freude liatte und 
lieber fiir isich allein blieb. Die Geschlechtsreife trat spat, im 17. Lebens- 
jahre, ein, gleichzeitig machte sich ein leichtes Anschwellen der Bruste 
bemerkbar : auch nacli dem Stimmwechsel blieb Fistelstimme 
und Fahigkeit zum Sopransingen bestehen. Von Jugend auf an Arbeit 

fewohnt, hat sich M. sein Brot in den verschiedensten Stellungen im 
n- und Auslande als Handschuharbeiter, Portier und Geschaftsfiihrer 
verdient und hatte zuletzt ein eigenes kleines Zigarrengeschaft in 
Miinchen. 

Sein Geschlechtstrieb lieB von seinem Erwachen an die normale 
Tendenz zum weiblichen Geschlecht, das ihn vollig kalt lieB, vermissen, 
richtete sich dagegen von vornherein und unverandert auf jugend- 
liche, geschlechtsreife Personen des eigenen Geschlechts. Nur, indem 
er sich solche lebhaft vorstellte, gelang ihm einige wenige Male der 
Verkehr mit Weibern, hinterlieB aber keinerlei GenuB oder Bcfriedigung. 
Dagegen beschaftigten gleichgeschlechtliche Vorstellungen seine Phan- 
tasie im Wachen bei jahrelaug ziemlich haufig betriebener Onanie und 
bildeten auch ausschlieBlich den Inhalt seiner PoUutionstraume. Am 
meisten sexuelle Befriedigung gewahrte ihm die gegenseitige Onanie 
mit jungen Mannern. Seine Neigungen, Gewohnheiten und Interessen 
blieben vorwiegend die des weiblichen Geschlechts. Seine Lieblings- 
beschaftigungeu sind Kochen und Nahen ; er interessiert sich liir 
Damentoiletten, Modefragen und Blumen. Abgesehen von Kopfschmer- 
zen und Kopfdruck, an denen er von Kindheit an leidet, haben sich im 
Laufe der Zeit auch anderweit nervose Stornngen bei ihna 
eingestellt: Neigung zu depressiver Verstimmung, zu reizbarem, lauuen- 
haftem Wesen, zu Unruhe, gelegentlichem ' Angstgefiihl und Schlaf- 
losigkeit. 

B e f u n d : M. ist ein untersetzter, korpulenter Mann mit reich- 
lichem Fettgewebe, von zarter Hautfarbe und weichen, al^erundeten 
Korperformen. Namentlich die Schultern, die oberen und unteren 
Extremitaten zeigen eine ausgesprochene Annaherung an den weib- 
lichen Typus. Auch die Briiste sind starker entwickelt, als es beim 
mannlichen Geschlecht gewohnlich ist. Beoken- und Schultergiirtel 
sind von anniihernd gleicher Breite. Die Korperbehaarung ist sparlich 
und zeigt ebenfalls teilweise feminines Geprage, so besonders in der 
Unterbauch- und Schamgegend. Hande und FiiBe sind klein und 
zierlich gebaut. Der kleine Mund und die feminine Mimik, die wir als 
das Produkt dauernder natiirlicher Gewohnheit auffassen raiissen, brin- 
gen trotz des Schnurrbarts und der kraftigen Kieferbildung einen weib- 
lichen Gesichtsausdruck. Die Korperbewegungen, (lesten imd Gang- 
sind ebenfalls recht feminin. Abgesehen von doppelseitig bestehendeni 
Leistenbruch und gesteigerter Reflex- und GefaB-Erregbarkeit bietet 
der korperliche Befund keine krankhaften Erscheinungen. Psychisch 



Digitized by VjOOQIC 



935 

machtc Herr M. wahrend der Beobachtungszeit tells einen deprimiertcn 
und verzagten, teils einen apathischen, direkt stumpfen Eindruck. 
Sich selbst iiberlassen, saB er meistens mit leerem Ausdruck vor sich 
hinstarrend da und bekundete niemals eine Neigung, seinerseits eine 
Unterhaltung zu beginnen, ein Buch vorzimehmen oder sich sonst 
irgendwie zu beschaftigen. 

Trotz dieser Apathie war eine stark depressive Verstimmung aber 
unverkennbar und auBerte «ich haufig, indem er aus unerheblichem 
AnlaQ ein aufsteigendes Schluchzen nur miilisam unterdriicken konnte, 
auf Aufmunterungen mit einem miiden, schmerzlichen Lacheln reagierte, 
kurz eine so konsequente und schwere Depression bekundete, daB 
dieselbe auch trotz der durch seine Verurteilung fiir ihn bedingten 
ernsten Situation als psychisch abnorm bezeichnet werden muB. Seine 

feistige Regsamkeit ist auBerst gering. Durch plotzliche Anreden oder 
'ragen wird er sichtlich erschreckt, braucht Zeit sich zu sammeln 
und ist in seinen Antworten umstandlich und wenig prazis. Seine 
geistigen Interessen und Fahigkeiten scheinen gering und wenig aus- 
gebildet zu sein. Bezeichnend ist es, daB er Schiller als seinen Lieb- 
lingsdichter nennt, aber kein einziges groBeres Werk von ihm auch 
nur oberflachlich dem Inhalte nach kennt, sondern lediglich anzugeben 
weiB, daB ihn ein Satz aus einem „Geschichtsbuche" von Schiller be- 
sonders interessiert habe, au£ den er aber auch „momentan nicht 
kommen" konne. In gleicher Weise ist seine Assoziationsfahigkeit, 
sein Urteils- und Kombinationsvermogen ungewohnlich sparlich ent- 
wickelt und deutlich gehemmt. Auch seine Willenstatigkeit bekundet 
ausgesprochenen Mangel an Initiative und zielbewuBter Energie. 

Gutachten: Herrn M. ist zur Last gelegt, mit zwei jungen 
Mannern widernatiirliche Unzucht im Sinne des § 175 getrieben zu 
haben. Bei der psychiatrischen Beurteilung derartiger Handlungon 
ist eiumal die individuelle sexuelle Veranlagung des Tiiters, ferner 
die Frage seiner allgemeinen psychischen Disposition und des dadurch 
bedingten MaBes von Widerstandsfahigkeit und endlich der 
Umstand zu beriicksichtigen, inwieweit die besondere Sachlage 
der vorliegenden Falle auf diese Widerstandsfahigkeit schwiichend 
einwirken konnte. Uber die angeborene und ausschlieBliche homo- 
sexuelle Veranlagung des M. konnen nach den von uns festgestellten 
Anhaltspunkten unserer Uberzeugung nach Zweifel nicht obwalten. 
Seine eigenen, innerlich durchaus wahrscheinlichen und dem wissen- 
schaf tlichen Bilde der homosexuellen Veranlagung in jeder Beziehung ent- 
sprechenden Angaben iiber seine sexuellen Ncigungen — sowohl in positiv 
homosexuellem wie negativ heterosexuellem Sinne — finden eine er- 
hebliche Stiitze in der objektiv einwandfrei festzustellenden Femininitat 
seiner Personlichkeit auf psychischem wie ph\'sischem Gebiete. Sind 
derartige Ankliinge an spezifische Merkmale des anderen Geschlechts 
auch nicht eine notwendige und stets vorhandene Begleiterscheinung 
der homosexuellen Veranlagung, so begegnen wir ihnen bei dersolben 
doch in einem relativ so erheblichen Prozentsatz, daB sie in V e r - 
bin dung mit den ;sonstigen Angaben iiber die Kichtung 
des Geschlechtstriebes ein eindeutiges und in sich geschlossenes Urteil 
uber die bestehende Homosexual itiit ermoglichen, wie es im vorliegen- 
den Falle in vollstem MaBe zutrifft. 

Abgesehen von seiner gleichgeschlechtlichen Veranlagung kenn- 
zeichnet sich M. aber auch als recht schwere r Neuropatjh. 
Da eine erhebliche erbliche Belastung nicht vorzuliegen scheint, diirfte 
diese psychische Labilitiit in eincr Disharmonie der femininen und 
virilen Elemente seiner Personlichkeit begriindet und durch die infolge 
seiner homosexuellen Veranlagung erschwerten Lebensumstande ge- 
steigert sein. Jedenfalls dokumentiert sie sich gegenwartig deutlich 
sowohl in der depressiven Verstimmung des Affektslebens wie in der 
Boeintrachbigung der Intelligenz und der Abschwiichung normaler 



Digitized by VjOOQIC 



936 

Willonstatipkeit.' Es ist klar, daB in einer so auspresproclien iieuro- 
patbischen Konstitution ein die normale psychische Widerstandsfabig- 
keit stark herabseizendes Moment liegt, und daB diese Herabsetzuiig 
der Widerstandsfahigkeit in Anbetracht der horaosexuellen Veran- 
lagung M.s gegeniiber gleicbgeschlecbtlichen Anreizen eine ganz be- 
sonders erbebliche ist. Geniigten die ihm zu Gebote stebenden see- 
liscLen Hemmungen vielleicht aucb, ihn davon zuriickzuhalten, ag- 
gressiv eine homosexuelle Betatigung zu sucben, so diirften sie kauin 
ausreicben, wenn ihm von einer ihn sexuell anreizenden Person Avancen 
gemacht werden, und somit eine starke Versuchimg zur Befriedigung 
des seiner Veranlagiing adaquaten Geschlechtstriebes an ihn herantritt. 
Dieses scheint in den M. zur Last gelegten Fallen, in denen es sich 
um Partner bandelt, die aus ihrem gleichgeschlechtlichen Verkehr 
materiellc Vorteile zogen, zweifellos der Fall gewesen zu sein. 

EsbestehenmitbinbeiHerrnM. in Anbetracht seiner aus- 
gesprochen homosexuellen Veranlagung, seiner psychischen Labilitat 
und der ihm gebotenen Gelegenheit zum mindesten sehr be- 
griindete und erbebliche Zweifel daran, ob in die- 
sen Situationen bei ihm niclit eine krankbafte Sto- 
rung dor Geistestatigkeit vorlag, die seine freie 
Willensbestimmung im Sinne des § 61 Str. G. B. a u s - 
schloB. Wenn aber de\rartige Zweifel iiber die Ver- 
antwortlichkeit des Taters auf dem subjektiven 
Willensgebiete vorhanden sind, so geniigen solche 
nach der Entscheidung des Reichsgerichts im 21. 
Bande zur Freisprechung auf Grimd des § 61. 

Bevor idh dazu libergebe, solche Falle homosexneller Ver- 
anlagung zu bespredhen, welche durch anderweitige sexuelle 
Anomalien kompliziert sind, mochte ich kurz die Frage homo- 
sexueller Betatigung beriihren, die zur Feststellung oder 
AussehlieBung gewisser im Sinne des § 175 StrGB. beischlaf- 
fihnlieher Handlungen ^rztliche Begutachtung erforderlich 
machen kann. 

T a r d i e u und andere haben, wie wir oben mitteilten, in dier 
serHinsicht auf die korperliche Beschaffenheit der in Frage 
kommenden Teile groBen Wert gelegt, wir konnen aber auf Grund 
eines nach Tausenden zahlenden Materials heute mit Bestimmt- 
heit sagen, dafi sich aus der Beschaffenheit des Penis auch nicht 
der mindeste SchluB auf die Homosexualitat eines Menschen 
Ziehen laBt. Noch im ProzeB Breuer in Trier woUten zwei Gut- 
achter an dem Penis des Ermordeten solche Anzeichen wahr- 
genommen haben. Eher kann man schon gelegentlich bei Gewohn- 
heitspygisten gewisse Anzeichen am Anus finden, doch spricht 
ihr Vorkommen weder mit Sicherheit flir, noch namentlich ihr 
Mangel gegen analen Verkehr. Eher laBt sich in manchen Fallen 
schon die groBe Unwahrscheinlichkeit, wenn nicht Unmoglichkeit 
der behaupteten Analimmission aus einer sehr engen Beschaffen- 
heit des SchlieBmuskels bei dem passiven Teil schlieBen, bis- 
weilen in Verbindung mit der GliedgroBe des aktiven Partners. 



Digitized by VjOOQIC 



937 

Auch diese Eventualitaten mochte ich durch einige darauf be- 
ziigliche Stellen aus einem Gutachten belegen: 

Korperlich ist T. grazil, aber kraftig gebaut, von etwas abge- 
rundeten, welligen Korperbauformen, weicher Muskulatur, breitem 
Becken, zarter Hautfarbe und sparlicher Korperbehaarung, kurz leicht 
femininer Korperbildung. Die Genitalien sind dagegen kraftig ent- 
wickelt, namentlich ist das Glied von einer den Durchschnitt iiber- 
schreitenden GroBe ; in erigiertem Zustande soil es nach T.s Angaben 
23 cm lang sein und 14 cm Umfang haben. Bei M. ist der After, auf dessen 
Beschaffenheit es im vorliegenden Falle ^nkommt, eng, fiir einen 
Finger mit S eh w i e r ig ke i t und unter offenbar star- 
ken Schmerzen, fiir zwei Finger nicht passierbar. Bei 
leichter Beriihrung des Afters erfolgt eine starke 
re f le k t or i s c he Zusamm e n z i e h u ng der kraftig funk- 
tionierenden, in keiner Weise erschlafften SchlieU- 
muskeln. Die Analfalten sind nicht geglattet. 

Schon aus dieser Beschaffenheit des Afters bei M. kann man mit 
Wahrscheinlichkeit schliefien, daB, wie er selbst ja jetzt versichert, 
niemals ein mannliches Glied in denselben eingefiihrt worden ist oder 
iiberhaupt eingefiihrt werden kann. Mit Bestimmtheit kann man jeden- 
falls sagen, daB es ausgeschlossen ist, daB T. sein Glied bei dessen 
GroBc und Umfang in M.s After hat einfiihren konnen. Somit stellt 
sich der Tatbestand, dessen Annahme der Anklage und Verurteilung 
der beiden zugrunde lag, schon aus physiologischen Griinden als eine 
Unmoglichkeit dar. Es ist daneben nur von untergeordneter Bedeutung, 
daB bei T., was auch von einem Freunde, der wiederholt mit ihm ge- 
schlechtlich verkehrt hat, bestatigt wird. offenbar keinerlei Neigung 
zu einer derartigen geschlechtlichen Betatigung besteht. 

Abgesehen von der Unbestimmtheit und relativen Be- 
deutnngslosigkeit des objektiven Befundes, ist es auch nicht 
selten Aufgabe des Gutaohters, auf die Ungenauigkeit tind 
Unzuverlassigkeit subjektiver Angaben des einen der beiden 
Partner hinzuweisen. Namentlich verdienen Leute, die mit vielen 
Homosexuellen verkehren, sehr geringe Glaubwtirdigkeit. Es 
kommt vor, daB namentlich Prostituierte gar nicht mehr f^-hig 
sind, sich an die wirklich vorgekommenen Akte zu erinnern und 
vcllig verwechseln, mit wem «ie verkehrt, wann sie straflos 
und wann strafbar verkehrt haben, und trotzdem sagen sie 
spater mit Bestimtntheit aus, wie sie mit dem ihnen gegentiber- 
gestellten Homosexuellen verkehrt haben. Es kann dies in gutem 
Glauben geschehen, wer aber gewerbsmaUig taglich, oft tiiglich 
mehrere Male mit Herren sexuell verkehrt, mit mehreren spricht, 
mit anderen Bier trinkt usw.„ weiB bald nicht mehr genau, mit 
wem er gerade einen strafbaren Akt oder iiberhaupt einen Akt 
vornahm, da ihm ja die Person nichts, das Geld alles 
ist. Es ist auch zu b3rucksichtigen, daB Tauschungen hier des- 
halb leicht moglich sind, weil die genaue Lokalisation und Diffe- 
renzierung gerade in der Genital- und Analgegend nach arzt- 
licher Erfahrung besonders -schwierig und ungenau sind, und 
beispielsweise eine Verwechselung von Finger und 



Digitized by VjOOQIC 



938 

Penis am After, die unter Umstanden f tir die Beurteilung der 
Tat ausschlaggebend ist, sehr leicht vorkommen kann. 

In einem EhescheidungsprozeC behauptete eine Frau, daB ihr 
Mann sic pediziert hatte, wahrend dieser analen Verkehr mit Be- 
stimmtheit vemeinte und erklarte, die Frau lediglich a tei^o in 
vaginam gebraucht zu haben. Das Kammergericht legte mir auf, aus 
dem beiderseitigen Genitalbefuud zu ermittein, ob die Aussage des 
Ehemannes oder der Ehefrau glaubhafter teei. Nichfc selten wird nament- 
lich von Erpressern behauptet, sie seien von dem Homosexuellen per 
anum vergewaltigt worden. Schon C a s p e r 2) hat ein Gutachten ver- 
offentlicht, in dem er die pbysische Unmoglichkeit solcher Handlung 
nachwies. Audi die ebenso haufigen Angaben eines Zeugen oder Mit- 
angeklagten, die Straftat sei an ihm vorgenommen, wahrend er schlief, 
kann ein mit dieser Frage vertrauter SachverstSjidiger meist leicht 
widerlegen. 

Zuverlassiger als der durchaus nicht konstante, meist unzu- 

verlassige somatische Befund ist der makroskopische 

Nachweis von Formelementen des Samens (Spermatozoen), bezw. 

eine flir Samenfltissigkeit charakteristische chemische Reaktion 

ftir die Feststellung ev. stattgehabter homosexueller Betatigung. 

Als Untersuchungsobjekte kommen die Kleider, Unterwasche, unter 
Umstanden aber auch die Korper der Beteiligten in Betraxiht. So 
kann es von Bedeutung fiir den sicheren Nachweis einer bestimmten 
Art des sexuellen Verkehrs sein, wenn in einer Korperhohlc — meistens 
Mund oder After — Samen glefunden wird. Wenn beispielsweise der 
Verdacht eines Lustmordes besteht, kann dieser Nachweis forensisch 
iiberaus wichtig sein. Es kommen dabei im wesentlichen folgende 
Untersuchungen in Betracht: Die Spermatozoen sind mikroskopisch 
wie folgt charakterisiert : Sie bestehen aus einem eigentiimlich gefiig- 
teu, etwas platten und nach vorn stark zug^spitzten Kopfe, den 'man 
nacb seiner Gestalt vergleichen kann mit emer plattgedriickten Bime. 
An diesen Kopf, der durch seinen eigentiimlichen hellen metallischen 
Glanz auffallt, setzt sich ein Flimmerfaden (eine GeiCel) an. Dieser 
Faden stellt den Schwanz des Spermatozoen dar, und mit Hilfe dieses 
GeiBels konnen die Spermatozoen eine Eigenbewegung entfalten. Sie 
besteht in schwingenden und schlangelnden Bewegungen, die man am 
besteri mit den Bewegungen junger Fische durch Hin- und Herbewe- 
gung ihrer Schwanzflosse vergleicht. In ganz frisch entleertem Sa- 
men sieht man die schlangelnde Bewegung der Samenfaden so deut- 
lich, daC jedcr Arzt deren Vorhandensein bei entsprechender mikro- 
skopischer VergroBerung und bei richtiger Technik unzweifelhaft er- 
kennen muB. Falls der Nachweis von Samenfaden nicht gegluckt 
ist, priift man die Masse auf Samenfliissigkeit. Denn es kommt vor, 
dal3 ein Erwachsener an Azoospermie leidet, d. h. an einem Zustand, 
in dem er zwar Samenfliissigkeit entleert, aber ohne Samenfaden. Mit 
dieser Moglichkeit muB man auch rechnen. Dieser Nachweis wird in 
der Weise zu fiihren gesucht, dal5 man den in physiologischer Koch- 
salzlosung verteilten Massen etwas Florencesche Losung (in Eis ge- 
kiihlter Losung von 1,65 Teilen reinem Jodkalium und 2,54 Teilen 
metallischem Jod in 30 Teilen destilliertem Wasser) zusetzt. Dabei 
entstehen, wenn es sich um Samenfliissigkeit handelt, sofort ganz 
charakteristische, langgestreckte, nadelformige, mit eigentiimlichen 
rhombischen Spitzen versehene Kristalle, die den Haeminkristallen 
tauschend ahneln, und unter den Augen des Untersuchers sich dann 

2) Casper, Handbuch der gerichtlichen Medizin. Bin. 1881. 



Digitized by VjOOQIC 



939 

zusammenschieben und massenhaft entstehen, sobald die Flussigkeit 
mit der Samenfliissigkeit zusammentrifft. Weitere Methoden^) zum 
Nachweis von Samen Ibzw. Spermatozoen sind die folgenden: Ein 
verdachtiges Leinwandstiick von ungefahr 2 Quadratzentimeter wird 
in eine 4 ccm konzentrierte Schwefelsaure und 1 com Wasser enthal- 
tende Eprouvette gebracht. Durch tiichtiges Schiitteln erhoht sich 
beim Vermischen von Saure und Wasser die Tempera tur auf 82 Grad. 
Nun gieBt man rasch 15 ccm kalten Wassers in die vorher unter 
einem Wassers trahl erkaltete Eprouvette ein. Eine groBe Anzahl von 
Gasblaschen steigen an die Oberflache, sowie Kliimpchen, welche 
die Spermatozoiden und die Epithelzellen enthalten. Diese Klump- 
chen werden auf einem Objekttrager ausgebreitet und drei- bis vier- 
mal durcb die Flamme gezogen, um sie zu fixieren. Falls keine Kliimp- 
chen auf die Oberflache steigen, verdiinnt man die Schwefelsaure- 
losung mittels 16 Volumenteilen und zentrif ugiert ; dann befinden sich 
die Spermatozoiden im Bodensatz. Als Farbungsmethode empfiehlt 
sich, wahrend 10 Minuten 2 bis 3 Tropfen einer alkoholischen i/2prozen- 
tigen Eosinlosung einwirken zu lassen, dann mittels Wasser und nach- 
lier mittels absolutem Alkohol zu behandeln. Falls nur wenig Sperma- 
tozoiden im Praparat vorhanden sind, wird schlieBlich noch mit 
Lofflerblau wahrend einiger Sekunden gefarbt. — Demetrius Ga- 
8 i o *) gibt f olgende Methode an : Von aem zu untersuchenden Gewebe 
werden Stiickchen, die der Peripherie und dem Zentnmi des Sperma- 
fl:eckes angehorten, herausgeschnitten und 3 — 5 Minuten in eine 
1 : 1000 Quecksilberchlorid-(Sublimat)16sung gelegt, dann abgepreUt. 
1 Tropfen der Fliissigkeit wird bei leichter Flamme getrooknet und 
1 Minute in lo/o wasseriger Eosinlosung gefarbt; dann wird mit 
lo/o Jodkaliumlosung entfarbt bis zur Rosatonung. Die Farbung kann 
audi unterbleiben, ermoglicht aber die schnellere Auffindimg der 
Spermien. — Eine andere Methode stammt von B. Baeciiie*): 
1. Farbung eines ca. 1 qcm groCen Stiickes des befleckten Stoffes 
Vs — 1 Minute in einer der folgenden Losungen: lo/o saures Fuchsin oder 
Methylenblau 1 Teil, Salzsaures Wasser (1:100) 40 Teile oder lo/o 
saures Fuchsin, 1 o/o Methylenblau un 1 Teil, Salzsaures Wasser (1 : 100) 
40 Teile. 2. Abwaschen in salzsaurem Wasser (1 : 100). 3. Abtrocknen 
an der Luft oder Entwasserung in absolutem Alkohol. 4. Aufhellen 
in Xylol, auf dem Objekttrager Einbetten nach Belieben. Behufs mi- 
kroskopischer Untersuchung ist die starker gefarbte Seite des Stoffes 
nach oben zu wenden. Andernfalls miissen beide Seiten des JStoffes 
untersucht werden. Ferner ist zu beachten, daB, wenn die Flecke nicht 
frisch sind, ein, je nach den Fallen verschieden, von Vi — 24 Stunden 
dauerndes Auffrischen in 20 — 30 o/o Ammoniaklosung erforderlich ist, 
sowie spa teres Verbringen in destilliertes Wasser im Moment aer 
Farbung. 

Unter den Komplikationen 'homosexueller Veranlagung 
nehmen zunachst diejenigen Falle eine besondere Stellung ein, 
bei denen sich der Geschlechtstrieb vorwiee^end oder ausschlicBlich 
auf jugendliche Personen bezieht, so daB bei ev. Betatigung nicht 

3) Vgl. L. Marique, Neues Verfahren zum Nachweis von Sper- 
matozoiden, in Arch, internat. de med. 16gislat. Bd. I. S. Ill — 139. 
Referat von Z u n z in den Jahresberichten uber die Fortschritte der 
Tierchemie 1911, Bd. 40, S. 461. 

*) Zur Auffindung der Spermatozoen in alten Spermaflecken, 
Deutsche Med. Woch^nschrift Bd. 36, S. 1366—68. 1910. 

5) Vgl. „t}ber eine Methode zur direkten Untersuchung der Sperma- 
tozoen auf Zeugflecken." In Vierteljahrbericht fiir gerichtliche Me- 
dizin und offentliches Sanitatswesen. 1912. Heft 1. 



940 

nur der § 175, sondern in erster Linie der § 176,3 in Betracihit 
kommt. Soweit diese padophilen Neigungen auf dem Boden des 
von Burchard und mir als „sexueller Infantilism us** 
beschriebenen Zustandes sich entwickeln, und das trifft in der 
Mehrzahl der FaJle zu — mag es sich um Evolutions h e m - 
m u n g e n oder Involutions -Riickbildungen handeln — kann 
nur eine sachverstandige Begutachtung eine klare Beurteilung des 
Deliktes und seiner psychologischen Motive ermoglichen. Ein 
hierher gehoriges Gutachten habe ich bereits oben in dem Kapitel 
„Einteilung**^ a) mitgeteilt. 

Ebenso widitig ist die gutachtliche Klarstellung derjenigen 
Falle, in denen die homosexuelle Veranlagung mit anderweitigen 
sexuellen Anomalien verkniipft ist, wo dann weniger die Homo- 
sexualitat an und flir sich als eine auf dem Boden dieser Be- 
gleiterseheinungen erwachsene Handlung den Fall hat 
kriminell werden lassen. Es kann ^ich dabei um Triebe und 
Delikto mannigfacher Art handeln, von denen die exhibitio- 
nistischen und sadistischen strafrechtlich besonders in Be- 
tracht kommcn. Auch konnen krankhafte Zustunde, die an 
sidi nicht auf sexueller Basis beruhen, namentlich Affekthand- 
lungen hysterischer oder epileptischer Natur, in Verbindung mit 
homosexueller Veranlagung Gegenstand spezialistischer Begut- 
achtung werden. — Ein charakteristisches Beispicl dieser Art 
war der Fall des wegen Mordes angeklagten J)ieners E., den 
ich mit den Gerichtsarzten Leppmann und Hoffmann 
sowie den KoUegen K o e r b e r und Burchard zu begutachten 
hatte. Er hatte einen Jungen in auOerster Wut tiber eine von 
diesem vertibte Erpressung und in der Angst, durch sein Schreien 
verraten zu werden, erwiirgt und den Leichnam zerstiickelt. 
Da der betreffende Diener Epileptiker war und schon mehrmals 
an schweren Verwirrtheitszustanden gelitten hatte, wiesen wir 
auf die Wahrscheinlichkeit hin, daJJ auch der in Fragei stehende 
Affektzustand ein epileptischer gewesen sein konnte, und daB 
die freie Willensbestimmung zum mindesten nicht mit der er- 
forderten Sicherheit als erwiesen angenommen werden konnte. 
Das Gericht trug dem schweren krankhaften Zustande insofern 
Rechnung, daU es nur auf Totschlag mit Zubilligung mildernder 
Umstande erkannte. ' 

Es kommen endlich noch Komplikationen homos'exuicllejr 
Veranlagung in Betracht, die an sich nicht auf sexuellem Ge- 
biete liegen, zu denen der Homosexuelle aber in mittelbarem Zu- 
sammenhang mit seiner Veranlagung veranlaOt wurde. — In 

^a) p. 302 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



941 

erster Linie spielt ihier die pathologische auf geschlechtlichar 
Basis beruhende Abhangigkeit von einem verbrecherischen Indi- 
viduum eine Rolle, wie in dem Falle des Bankdefraudantea 
H., der auf Befehl eines Menschen, des Matrosenalex, in 
dessen Bann er geraten war, 100000 Mark unterschtug^). Doch 
konnen auch ohne eine derartige innere Abhangigkeit lediglich 
aulJere Verhaltnisse, welche die Ausnahmestellung der Homo- 
Bexuellen mit sich bringt, wie fortgesetzte Erpressungen und 
Ahnliches, diese zu Delikten treiben, bei deren Beurteilung und 
forensischen Bewertung — auch wenn es sich nicht um Affekt- 
handlungen handelt — eine sachverstandige Begutachtung uner- 
laBlich erscheint. Auch fiir diesen Fall lasse ich als Beispiel 
ein Gutachten folgen, das eine derartige Sachlage zum Gegen- 
stand hat. 

Der Kaufmann, Herr F. R. ist angeklagt, in den .lahren 1911 
und 1912 eine Reihe von Unterschlagungen begangen und zum Zwecke 
derselben eine Urkuude (Telegramm) gefalscht zu haben. Herr R. 
gibt an, daB er sich zur Zeit der Begehung dieser von ihm eingestan- 
denen Delikte durch fortgesetzte, gegen ihn gericlitete Erpressungen 
in einem Zustande voUiger seelischer Ratlosigkeit imd Verwirrtheit 
befand. die seine freie Willensbestimmung ausschloB. Wir haben Herrn 
R. mehrerc Monate hindurch spezialiirztlich beobachtet. Er ist in 
nervoser Hinsicht schwer belastet, insofern sein Vater und ein Bruder 
desselbeii an Gehirnerkrankungen gestorben sind. Als einziges, iiber- 
dies sehr schwachliches und kranklichcs Kind wurde er rait iiber- 
triebener Angstlichkeit erzogen, wodurch die bei ihm von Hause aus 
vorhandenen neurotischen Erscheinungen verstarkt warden. Diese be- 
stehen im wesentlichen in einer ausgesprochenen Neigung zu Affekt- 
schwankungen, namentlich depressiven Zustanden, Schreckhaftigkeit, 
Angstlichkeit und gelegentlichen Migrane- und Schwindelaafallen. 
AuBerdem liegt bei Herrn R. eine angeborene Inversion des Geschlechts- 
triebs vor, der isich von seinem ersten Auftreten an auf das eigene 
Oeschlecht richtete. Lediglich aus auBeren Griinden und in der irrigen 
Hoffnung, dadurch vielleicht eine Anderung seines Zustandes zu be- 
wirkeD, ging er eine Ehe ein. 

Falls die sehr detaillierten und innerlich wahrscheinlichen An- 
gaben, die R. iiber die gegen ihn unternommenen hartnackigen und 
dreisten Erpressungen macht, zutreffen, ist es unserer gemeinsamen 
Cberzeuguug nach allerdings mit groCter Wahrscheinlichkeit anzu- 
nehmen, daC er bei der erheblichen Labilitat seiner nervosen Kon- 
stitution durch dieselben in einen Zustand volliger Ratlosigkeit und 
Unzurechnungsfahigkeit versetzt wurde, der seine freie Willensbestim- 
mung im Sinne des § 51 ausschloB. 

^) Cf. Vierteljahrsberichte des vv.-h.-K. III. Jahrgang 1912. 
p. 3-10 ff. und vor allem Jahrbuch XIII p. 168 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



ACHTUNDDREISSIGSTES KAPITEL. 

Die Rehabilitierung homosexueller Milnner und Frauen. Vor- 
ISufer des Befreiungskampfes von Goethe bis Krafft-Ebing. 

In dem Kapitel iiber die Verfolgung der Homosexuellen 

haben wir gesehen, wie in den beiden letzten Jahrzehnten des 

XVIII. Jahrhunderts allmahlich die so iiberaus rigorosen Ge- 

aetze der christlichen Staaten gegen die Homosexuellen ins 

Wanken gerieten. Der fortschrittlichere Geist, der* sich in den 

Gesetzbiichern dreier verhaltnismaOig aufgeklarter Fiirsten — 

Friedriich II. von PreuOen, Joseph ll. von Osterreich' 

und Napoleon I. — aussprach, kam auch den homosexuellen 

Mannern und Frauen zugute. Von einer eigentlichen Eehabili- 

tierung der Homosexuellen war aber selbst dort, wo die Straf- 

(bieirtimmungen nicht nur gemildert, sondern gan5zlich ausge- 

merzt wurden, keine Rede. Die Gesichtspunkte, von denen die 

Gesetzgeber ausgingen, waren in der Hauptsache juristische 

und keineswegs von der Erkenntnis der Homosexualitat als einer 

biologischen Eigenttimlichkeit getragen. Man neigte dq^r Auf- 

fassung zu, daB es Aufgabe der Gesetze sei, Personen vor ge- 

waltsamen Eingriffen in ihre Rechte zu schiitzen, und folgerte 

darauS) daU auch der Mifibrauch, den zwei Erwachsene in 

ffeiwilliger t)bereinkunft mit ihren Korpern treiben, 

keine „unmittelbare Rechtsverletzung" sein konne. 

In seinen Anmerkuiigen zu Beccarias „Verbrechen und 
Strafe** *), das sich ia bezug auf gleichgeschlechtliche Strafakte selbst 
dahin auBerte, daB hier „nicht Strafe am Platze sei, sondern Beseiti- 
gung der Ursachen, Besserung und Erziehung", sagte der auf die Um- 
wertung der Anschauungen seiner Zeit so einfluBreiche Voltaire: 
yyDiese Handlun^ ist Unflath, Schmutz, Unanstandigkeit, aber kein Ver- 
brechen, weil sie niemandem das Seinige entzieht und nicht a us be- 
trugerischem, bosen Herzen entspringt, noch die Gesellschaft zerriittet." 
Noch wirksamer gegen die Straf verfolgung envies sich das Bedenken, daB 
durcb die Untersuchung die Kenntnis des Lasters noch weitere Verbrei- 

^) Beccaria: (deutsche Tbersetzung), Verbrechen and Strafe, 
Breslau, 1788. 



Digitized by VjOOQIC 



943 

lungen f inden konne. Grolmann^) meinte, man solle n u r d a n n 
bestrafen, „wenn solche Laster nicht mit dem Schleier des Geheimnisses 
bedeckt sinid", und in einem der bekanntesten Handbiicher der Strafrechts- 
wissenschaft aus dem Anfang des XIX. Jahrhunderts, dem von T i 1 1 - 
m a n n '). heiBt es, dafi „die dutch die Sodomie bewiesene Verworfen- 
heit des Charakters .tmd. die Idaraus lentstehende Besorgnis fiir die Tahig- 
keit zur StaatsbiirKerschaft zwar nicht geleugnet werden konne, ander- 
seits Bestrafung aber doch nur bei Erregung offentlichen Argernissea 
erwlinschl. ware, weil es der Sittlichkeit entgegen sei, mit umstand- 
licher Genauigkeit das Wesen der Tat nach alien ihren Bestandteilen 
in den Gericnten zu erforschen". Ahnliche Meinungen warden fur 
die Gesetzbiicher westeuropaischer Lander vielfach maOgebend; so 
heiBt es seitdem in einem Schweizerischen Kantonalgesetz *) : „La pour- 
suite na lieu que s'il y a scandale public ou sur la plainte" und 
in einem anderen *) : ^,11 n'y aura lieu k poursuivre d*office qu'en 
cas de scandale public"; vor allem fiihrten fiir den Code Napoleon 
Chauveau und Faustin H^lie^) als Hauptmotiv der Beseitigung 
des Urningsparagraphen „D ie Vermeidung der schmutzigen 
und skandalosen Untersuchungen an,^ welche so hauf ig das 
Familienleben durchwiihlen und erst recht Ai*gernis geben." Hatte 
doch schon der alte Rechtsgelehrte Cella') gesagt: „Soweit iiber- 
haupt einzuschreiten ist gegen die verschiedenen Arten von Fleisches- 
veiigehen wider dieNatur, muB dieses mit doppelter Vorsicht geschehen, 
dam it durcn die Nachforschung nicht erst das Argemis veranlaBt wird, 
dem man steuern will", und an anderer Stelle: „\Vehe der Polizei, die, 
um jedeu Ausbruch der Unkeuschheit zu erfahren, Eltern, Kinder und 
Gesinde zu Spionen macht und den Samen der Verraterei und des 
MiBtrauens in den SchoB der Familie streut." 

Man dart dabei nicht iibersehen, daB es in fruheren Zeiten meist 
nur ganz bestimmte Akte waren, die man als strafwiirdig im Auge 
batte, namlich die analen, fiir die man auch im wesentlichen nur 
den Begriff der Paderastie und Sodomie reserviert hatte. Heute, wo 
schon viel leichtere Akte als straffallig gelten, fallt dieser (xesichts- 
punkt, daB in Wirklichkeit meist erst die Untersuchung die 
Argerniserregung hervorbringt, viel schwerer ins Gewicht. Ander- 
seits war allerdings damals wie lieute noch vielfach die Vorstellung gang 
und giibe, daB fast alle, die mit Personen des gleichen Geschlechtes 
Liebesverhaltnisse unterhalten, solche analen Akte vornehmen. Diese 
Meinung wurde von den Urninjgen selbst durch ein UbermaB von Furcht 
und Scham genahrt, teilweise auch durch ihre Unwissenheit, indem sie, 
die Form der Betiitigung iiberschatzend, „die Paderasten" fiir eine 
ganz anders ^eartete Mcnschenklasse hielten, als sie selbst waren. 

Immerhin lassen sich aus dem XVIII. Jahrhundert schon 
eine ganze Anzahl Stimmen anfuhren, die sich liber die gleich- 
geschlechtliche Liebe recht einsichtsvoll auBern, so Heinse®), 
der 1787 in seiner Vorrede zu den Begebenheiten des Enkolp 
meint, „es miisse wohl die Natur sein, welche den griechischen 



2) V. G r o 1 m a n n , Grundsatze der Kriminalrechtswissenschaft, 
§ 398 

3) Tittmann, Handbuch der Strafrechtswissenschaft. 2. A. 
Bd. II. S. 664. 

*) Art. 282 St. G. B. fiir Neuenburg. 

^) Art. 401 fiir Freiburg. 

6) Theorie du Code p6nal, Tome VI, p. 110. 

7) C e 1 1 a , Uber Verbrechen und Strafe, 38 und 39. 
f) Zit. nach Jahrb. f. sex. Zw. Bd. I. p. 69. 



Digitized by VjOOQIC 



944 

und romischen Uraniern die Neigung zu Mannern eingepflanzt 

habe. Der Mensch sei anmaUend, wolle er seine Mutter (dio 

Natur) meistern und dieses Einpflanzen tadeln." 

Mit geringerem Rechte werden in dieser Zusammenstellung M e i - 
n e r 8 und R a m d o h r genannt. Der Gottinger Philosophieprofessor 
Christoph M e i n e r s hatte 1775 unter dem Titel : „Betrachtungen iiber 
die Mannerliebe der Griechen" eine aufsehenerregende Arbeit ercheinen 
lassen, in der er „die Wurzeln der schwarmerischen Liebe fiir die 
Schonheiten des mannlichen Geschlechts in den Heldenfreundschaften 
der friiheren Zeiten sah, die durch die Ausbildung der gymnastischen 
tJbungien und die Bildwerke der plastischen Kunst veredelt und durch 
die Lehren der sokratisch-platonischen Schule geistig verfeinert 
seien." Er meinte dann aber: „Diese Seelenliebe, die aus der edelsten 
Freundschaft entsprang;, und von den ehrwiirdigsten Gesetzgebern und 
Weisen in ihrer Reinneit gebilligt worden war, fing sehr friih an, 
unter den Griechen in unnatiirliche Lust auszuarten. Wenn 
auch Orpheus nicht, wie O v i d i u s Met. X, 83 erzahlt, der Urheber 
ihres fiirchterlichen Mifibrauches war, so ist doch gewiB, dafi zu 
Anakreons Zeiten unnatiirliche Knabenliebe keine Sunde der Fin- 
sternis mehr war, die man als etwas Schandliches hatte verstecken 
miissen. Die Kretenser, die Einwohner von Elis und die Thebaner 
versaiiken am meisten in dieses Laster, fiir das man kaum ehrbare 
und nicht beleidigende Ausdrucke finden kann." In ahnlicher 
Weise beurteilt Freiherr Friedrich Wilhelm Basilius von Ram- 
d o h r 1798 in seiner beriihmten „ V e n u s U r a n i a*' s) die 
gleichgeschlechtliche Liebe, indem er in bezug auf sie schreibt: 
„Bei uns wird der Abscheu gegen die Regungen solcher Liiste, 
die Religion, Vernunft, und Anstand auf gleiche Weise ver- 
dammen, der Jugend so friih eingefloBt, daU unsere ohnehin 
weuiger reizbare Natur gegen Anfalle einer solchen ebenso ekelhaften 
als verbotenen Sinnlichkeit, der Regel nach nicht einmal anzukampfen 
braucht. Wir sind daher berechtigt, die Beispiele, die man von 
«olchen Verhaltnissen zwischen uns antrifft, fiir Ausschweifungen 
unseres physischen, durch seine Verbindung mit dem moralischen be- 
sonders modifizierten Wesens zu betrachten und sie zu den Ver- 
irrungeu unserer einmal so gebildeten Natur oder zu Freveln zu ziihlen, 
wclche dio Verdorbenheit der Sitten nach sich zieht." Ramdohrs 
Stellung ist um so merkwiirdiger, als er an anderen Stellen seines 
Werkes ausdriicklich klarlegt, daB der Geschlechtsinstinkt, 
welcher zwischen Personen entsteht, ,,die auBeren Kennzeichen nach 
zu eineriei Geschlecht gehoren**, bereits bei den Tieren vorkommt und 
unter den roheren Volkern, besonders bei den siidlichen, noch heutzu- 
tage so allgemein sei, daB man gar nicht daran zweifeln kann, daB nur 
Griinde, die auBer den Gesetzen der Physik liegen, gewisse Menschen 
von dem Andringen ahnlicher Begierden voUig befreien." 

Den ebengenannten beiden Autoren an Verstandnis und 
Toleranz weit uberlegen waren die zu ihrer Zeit lebenden 
groBen deutschen Klassiker, die fast ausnahmslos das gleichge- 
schlechtliche Problem in einer Weise bertihren, die um so groflere 
Bewunderung verdient, je mehr sie mit der herrschenden Zeit- 
anschauung kontrastierte. Namentlich Goethe ist in Dich*- 
tungen, Prosaschriften und Briefen wiederholt auf den Gegen- 
stand zu sprechen gekommen ; da er wuOte, daU mehrere be- 



9) Leipzig, 1798, 3 Teile. 



Digitized by VjOOQIC 



d45 

tiitmte Persfinlichkeiten, filr die er sich lebhaft interessierte, 

wie J. J. Winckelmann, B. Cellini und Joh. von 

M tiller gleichgeschlechtliche Neigungen hatten, suchte er in 

ihrer Eigenart Erklarungen dafiir. 

Nur einige Stellen^**) seien erwahnt: Schon am 29. Bezember 1787 
schreibt er aus Rom an den Herzog von Weimar, daB er starker 
als anderswo dort „ein sonderbar Phanomen" beobachtet habe, es ist 
„die Liebe der Manner untereinander". Vorausgesetzt, daB sie selten 
bis zum hochsten Grade der Sinnlichkeit getrieben wird, sondern 
in den mittleren Regionen der Neigung und Leidenschaftlichkeit 
verweilt, so kann ich sagen, daB ich die schonsten Erscheinungen 
davon, welche wir nur aus griechischen Uberlieferungen haben (s. Her- 
ders Ideen, III. Band p. 171) hier mit eigenen Augen sehen und als 
ein aufmerksamer Naturforscher das Psychische und Moi*alische davon 
beobacliten konnte. Es ist eine Materie, von der sich kaum reden, 
geschweige denn schreiben JaBt, sie sei also zu kiinftigen Untorhal- 
tungen aufgespart i^)." 

Vor allem aber hat sich Goethe mit dem Problem der gleich- 
geschlechtlichen Liebe in der 1805 erschienenen Schrift : „Winckel- 
mann und sein Jahrhundert" 'beschaftigt. Hier heiJit es: 

„Waren die Alten, so wie wir von ihnen riihmen, wahrhaft ganze 
Menschen, so muBten sie, indem sie sich selbst imd die Welt behag- 
licli empfanden, die Verbindung menschlicher Wesen in ihrem ganzen 
Umfange kennen lernen. Sie durften jenes Entziickens nicht erman- 
geln, das aus der Verbindung ahnlicher Naturen hervorspringt. Auch 
hier zeigt sich ein merkwiirdiger Unterschied alter und neuer Zeit. 
Das Verhaltnis zu den Frauen, das bei uns so zart und geistig geworden, 
erhob sich kaum iiber die Grenzen der gemeinsten Sediirfnisse. Das 
Verhaltnis der Eltern zu den Kindern scheint einigermaBen zarter 
gewesen zu sein. Statt aller Empfindungen aber gaJt ihnen dieFreund- 
schaf t unter Personen mannlic.hen Geschlechts, ob- 
gleich auch Chloris und Thyia noch im Hades als* Freundinnen unzer- 
trennlich sind. Die leidenschaftliche Erfiillung liebevoller Pflichten, 
die Wonne der Unzertrennlichkeit, die Hingebung eines fiir den andern, 
die ausgesprochene Bestimmung fur das ganze Leben, die notwendige 
Begleitung in den Tod setzen u;ns bei Verbindung zweier Jiinglinge 
in Erstaunen ; ja man fiihlt sich beschamt, wenn uns 
Dichter, Philosophen, Redner mit Fabeln, Ereig- 
nissen, Gefiihlen, Gesinnungen solchen Inhalts 
und Gehalts uberhaufen. 

Zu einer Freundschaft dieser Art fiihlte Winckelmann sich 
Keboren, derselben micht allcin sich Ifahig, sondern auch imhochsten 
Grade bediirftig; er empfand sein eigenes Selbst nur unter der 
Form der jFreundschaft ; er erkannte, «ich nur tmter dem Bilde des durch 
einen dritten zu voUendenden Ganzen. Friihe schon legte er dieser Idee 
einen vielleicht unwiirdigen Gegenstand unter; er widmete sich ihm, 
fiir ihn zu leben und zu leiden; fiir densolben fand er selbst in seiner 
Armut Mittel, reich zu sein, zu geben, aufzuopfem, ja er zweifelt nicht, 
sein Dasein, sein Leben zu verpfanden. Hier ist es, wo aich 
Winckelmann, selbst mitten in No t und Druck, groB, 

^^') Andere Stellen aus Goethes Werken iiber Homosexualitat fin- 
den sich in dem Artikel „Notizen aus Goethes Werken iiber Homo- 
sexualitat** von Dr. med. Birnbaum- Berlin in Zeitschrift fiir 
Sexualwissenschaft. 1908. p. 179 ff. 

") Goethes Briefe, 8. Bd. p. 314. Weimar 1890. 
Hirschfeld, Homoscxualiiat. gQ 



9i6 

r.eich, freigebig \ind gliicklich fiihlt, well ei" dem 
etwas leisten kann, den er iiber alles liebt, ja, dem 
er sogar, als hochste Aufopfcrung, l^ndankbarkeit. 
zu verzcihen hat. . . . 

Und weiter fahrt Goethe fort : 

jjWenn aber jenes tiefe Freundschaftsbediirfnis sich eigentlich 
seinen Gegenstand erschafft und ausbildet, so wiirde dem alter- 
tumlich Gesinhten dadurch nur ein einseitiges, ein sittliches 
Wohl zuwachsen, die auBere Welt wiirde ihm wenig leisten, wenn nicht 
ein verwandtes gleiches Bedurfnis und ein befriedigender Gegenstand 
desselben gliicklich hervortrete ; wir meinen die Forderung des sinn- 
lich Schonen und das sinnlich Schone selbst ; denn das letzte Produkt 
del* sich immer steigernden N a t u r ist der schone Mensch. Weil 
es aber selbst ihrer Allmacht unmcjglich ist — folgerte Goethe — 
lange im Vollkommenen zu verweilen und dem hervorgebrachten Scho- 
nen eine Dauer zu geben. Der Mensch erhebt sich zur Produktion des 
Kunstwerkes, das neben seinen iibrigen Taten und Werken einen glan- 

zenden Platz einnimmt Fiir diese Schonheit war Winckel"- 

m a n n seiner Natur nach fahig, er ward sie in den Schriften der Alten 
zuerst gewahr; aber sie kam ihm aus den Werken der bildenden Kunst 
personlich entgegen, aus denen wir sie erst kennen lernen, um sie an 
den Gebilden der lebendigen Natur gewahr zu werden und zu schatzen- 

,,Finden nun beide Bedtirfnisse der Freund- 
schaft und der Schonheit zugleich an einem 
Gegcnstande Nahrung, so scheint das Gliick und 
die Dankbarkeit des Menschen liber alle Grenzen 
hinauszusteigen, und alles was er besitzt, mac 
er so gernc als schwache Zeugnisse seiner Au- 
hanglichkeit und seiner Verehrung hingeben. So 
fin den wir Winckelmann oft im Verhaltnis mit 
fschonon Jiinglingen, und niemals erscheint er 
belebter und liebenswtirdiger als in solchen, oft 
nur fliichtigcn A ugenb 1 i eke n." 

Verwandte Gedankengange wie Goethe hier entwickelt J o h a n n 
Gottfried Herder in seinen ,,Ideen 'zur Philosophic der Ge- 
schichtc der Menschheit", III: 

,, Nicht war das Weib in Griechenland der ganze Kampfpreis des 
Lobens. Das Band der Freundscliaft, das die Jiinglinge unter sicli 
Oder mit erfahrenen Miinnern kniipften, zog sie in eine Schule, die ihnen 
eine Aspasia schwerlich gewahren konute. Daher in mehreren Staaten 
die mannliche Liebe der Griechen von jener Xacheiferung, jenem Unter- 
richt, jener Dauer und Aufopferung begleitet ist, deren Empfindungen 
und Folgon wir im Platon beinahe wie einen Roman aus einem ferneu 
Planeten lesen. Mannliche Herzen banden sich aneinander in Liebe 
und Freundscliaft, oft bis auf den Tod. Der Liebhaber verfolgte deu 
Geliebten mit einer Art Eifersucht, die auch den kleinsten Flecken 
an ihm aufspahte, und der Geliebte scheute das Auge seines Lieb- 
habers als eine lauternde Flamme der geheimstcn Regungen seiner 
toele/* ; 

DaC die gleiche Toleranz auch Lessing erfiillte, zeigt sich 
in seinem ,.Leben des Sophokles", wo er schreibt: ,,Er war ein Dichter ; 
kitiii Wiindcr, daB er gegen die Schonheit ein wenig zu empfindsam war. 
Es kann leicht sein, daB es mit den verliebten Ausschweifungen, die 
man ihm Schuld gibt, seine Richtigkeit hat. Allein ich mochte mit 
uiacm ueiiou Skribenten nicht sa^cn, daB sein moralise her 



Digitized by VjOOQIC 



947 

Charakter darunter zweifelhaft wiirde. Er nimmt hier 
auf die Episode Bezug, welche Cicero in seinem Werke ,,iiber die 
Pflichten/* (I, 40), Valerius Maxim us (IV, 3) und P Jut arch 
in seiner Bitjgraphie des P e r i k 1 e s (c. 8) erzahlen, daB, als der 
athonische Staatsmann zusammen mit dem Dichter den Feldzug gegcn 
• Samos (410) leitete und dieser einmal einen schonen Jiingling un- 
gewohnlich bcwunderte, Perikles seinen Kameraden mit den Worten 
zurechtgewiesen habe: „Ein Feldherr, Sophokles, mufi nicht allein reine 
Hande, sondern auch reine Augen haben." 

Vor allem mull a'ber iii diesem Zusammenhange Schiller 

genanni werden, der sogar die Absicht hatte, ein homosexuelles' 

Drama ^Die Malteser'' zu schreiben. In dem uns erhaltenen 

Schema dieses Dramas gibt er uns eine Charakteristik des 

Helden, des Ritters Crequi, die sein vollstes objektives Ver- 

standnis fur das Problem der Homosexualitat bekundet. 

Sie lautet : „ Seine Leidenscliaft ist wahre Gesclijechts- 
1 i e b e und macht sicL durch eine kleinliche, zartliche Sorge, durch 
wiitende Eifersucht, durch sinnliche Anbetung der 
G e s t a 1 1 , durch andere sinnliche Symptome kenntlich. 
Auch die Geringschatzung, welche er gegen Weiber und W ei - 
berliebe bei Gelegenheit der Griechin zeigt und der Vergleich, 
deu er damit zum Vorteil seines Geliebten anstellt, gibt den Geist 
seiner Liebe zu erkennen. Seine Eifersucht erstreckt sich 
selbst auf La Valette, den er beschuldigt, daB er den St. Priest 
aus Rache aufopfern wolle, well er von ihm ver- 
schmaht worden sei. Wenn er sich von Ramiro erzahlen laJ3t, 
wie es St. Priest ergche, und dieser leidenschaftlich von ihm spricht, so 
erwacht seine Eifersucht auch gegen diesen. Er beneidet den 
Elmoischen Deputierten, weil sein G e 1 i e b t e r dort ist. St. Priest 
ist ein jugendlicher Rinaldo, seine Schonheit ist mit f urclitbarer 
Tapferkeil gepaart, er iibertrifft alle aiideren Rittiu* an Mut, sowic an 
Schonheit 12). 

Aus dieser Analyse einer homosexuellen Individualitiit, die 
in gleichcr Weise der positiven wie der negativen Seite der 
Triebrichtung Rechnung tragt, goht Schillers weitgehendes 
Verstandnis flir das Problem der Homosexualitat zur Gentige 
hervor. Ob, wie mehrfach behauptet, dieses dadurch zu erklaren 
ist, daB er selbst von subjektivem homosexuellen Empfinden nicht 
ganz frei war, erscheint dagegen jnehr als zweifelhaft. In 
seinen Werken begegnen wir zwar vielfach dem Ausdruck eines 
stark erotisch gefarbten Freundschaftsgefuhls — so besonders 
in deUvBriefen des Julius an Raffael, den Dialogen zwischen Don 
Carlos und Posa, Wallenstein und Max Piceolomini ; auch der 
Brief Schillers an Scharffenstein scheint stark erotisch gefiirbt. 
Aber abgesehen davon, dafi diese enthusiastische Ausdrucks- 
weise unter dem EinfluB des von Stolberg, Gleim, Jakoby 
und der Friihromantik in die deutsche Lyrik des XVIII. Jahr- 



12) Auszug aus dem Dramenfragment von Schiller: „Die Malteser", 
Akt 2, Szene 14, Charakteristik des Malteserritters Crequi. 

60* 

Digitized by V:iOOQIC 



948 

hunderts hineingetragenen Freundschaftskultus^^) steht, mtissen 
wir beriicksichtigen, daB Schillers ganze Natur von einem so 
.uberschwenglichen Liebesgeflihl durchdrungen und beherrscht 
war, dafl er seine dichterischen Schopfungen damit beseelen 
muBte. Man erinnere sich nur seiner Verse: 

,,Stund im All der Schopfung ich alleine, 
Seelen traumt ich in die Felsensteine 
Und umarmend kliBt' ich sie." 

Wie Joh. Joachim Winckelmann alle Klassiker — voran 
L e s s i n g und Goethe — die groflte Verehrung zollten, irotzdero 
keinem verborgen geblieben war, daB er der griechischen Liebe 
huldigte, so taten auch die mehr oder minder verblirgten Ge- 
riichte, die iiber einige der markantesten Ftirsten der Klassiker- 
periode, besonders liber Friedrich den GroBen und seinen 
Bruder Heinrich kursierten, ihrem Ansehen keinen Ab- 
bruch ; hochstens bewirkten sie wie bei Voltaire den Spott, 
nirgends aber die Verachtung der Zeitgenossen. 

Noch zu Goethes Lcbzeiten, im Jahre 1821, erschien ein 
Dialog nach platonisehem Muster von Heinrich Zschbk'ke, 
betitelt : ,,Der Eros oder iiber die Liebe**, in dem der Verfasser, 
ein nach der Schweiz verschlagener Magdeburger, der es in seiner 
neuen Heimat als Padago^e, Politiker und Poet zu groBem An- 
sehen brachte, das Problem der gleichgeschlechtlichen Liebe be- 
liandeltc. 

Ein edlei Ric liter naincns Holmar halt in dieser Schrift eine Lob- 
rede auf die griechische Mannerfreundschaft, die erst in den Tagen 
von „Roms greuelhafter Uppigkeit" in den Schlamm der Sinnliclikeit 
hinabgesunken sei. Im weiteren Verlauf seiner Ausfiihrungen wendet 
er sich mit Heftigkeit und Scharfe gegen die justinianischen iind spa- 
teren Strafbestimmungen, die den natiirlichen Trieb vieler Menschen 
als unnatiirlich und verbrecherisch achteten und so Veranlassung zu 
zabllosen ungerechtfertigten Verfolgungen und unverdienten Seelen- 
qualeu gaben. Mit ziemlicher Bestimmtheit wird hier auch B y r o n 
als einer von denen genannt, die „an den Wunden ihrer zerrissenen 
Scele verbluteten". 

L'nter andern heiBt es: „Dai3 der Eros, die im Altertum frei und 
edel auftretende von Mannern zu Mannern gehende Seelenliebe, s e i t 
fast zweitausend Jahren kaura noch genannt werden 
d a r 1' luid darum kaum noch genannt wird — sollte dies uns als 
Zeiignis gelten, sie selbst sei gar nicht vorhanden und bekannt? 
Wie vieles ist umgekehrt, das seit Jahrhunderten gekannt und genannt 
ward, und doch nie vorhanden war, wie Erscheinungen der Goister 
oder wie Macht der Hexen. Und doch wie tausend schuldlose Lcben 
wurden diesem Wahne hingoschlachtot, laut Kirchensatzungen und 
poinlichen Gesetzbiichern ! Der unzcrsturbare Naturtrieb aber, von wel- 
chem wir reden, ist unvertilgbar und wirklich noch unvertilgt, wenn 
gleicli aly Unnatiirlichkeit, als Ehre und Scham verletzend, geachtet 

'5) Vgl. dariiber die Mitteilungen bei Iwan Bloch, Das Sexual- 
leben unsercr Zoit. 7.-9. Aufl. p. 607—608. 



Digitized by VjOOQIC 



949 

und verdammt. Er macht sich noch immerdar bemerkbar und er- 
scheint als dunkler Zug in dea Geschichten der Menschheit. Aber der 
feindliche VVahn wider ihn ist es auch, der fortwahrend Elend zeiigt. 
Er ist der Unstern, der rachend iiber Leben und Regierung mancher 
Fiirsten und iiber der Hiitte manches Bediirftigen funkelt." VVahrend 
ein geistlicher Rat die Ausfiihrungen Holmars zunachst nur mit be- 
langloseren Einwiirfen unterbrochen hat, iibernimmt im SchluBkapitel 
B e d a die Fiihrung des Dialogs, um die Ansichten Holmars zu wider- 
legen. Er sucht nachzuweisen, dafl die gleiche Erscheinung, wie dies 
scuon Diderot bekannt war, auch beim weiblichen Gescnlecht sicb 
finde, daB der Eros eigentlich nur „ein verkappter Amor" sei, nichts 
anderes als eine der mannigfaltigen seltsamen Verirrungen des Gfe- 
schlechtstriebes, wie wir sie ahnlicn in dem Marienkultus, der ,,Adoratio 
crucis** der Kloster, im Pygmalionismus u. a. finden, und die im alten 
Griechenland durch die Trennung der Geschlechter mehr als bei uns 
gefordert wurde. Deshalb konne, ohne darum die Natur der Menschheit 
zu verstiimmeln, das biirgerliche Gesetz oder die offentliche Meinung 
sehr wohl dariiber „Verfiigungen treffen". Trotz aller Einwande und 
Gegenreden gelingt es Holmar nicht, Beda von seiner Auffassung zu 
iiberzeugen. 

Den SuJJeren AnlaB zu diesem Dialog hatte Zschokke 
ein Kriminalfall gegeben, der sich im Jahre 1817 im' Kanton 
Bern zugetragen hatte, woselbst der Advokat Dr. Desgouttes 
an seinem zweiundzwanzigjahrigen Schreiber Hemmeler den 
bereits erwahnten Eifersuchtsmord vertibt hatte; die Anregung 
empfing er von dem Putzmacher Heinrich HolJli aus Glarus, 
einem hochgelehrten Sonderling, auf dessen Gemiit seines Lands- 
manne.i „innere Zerriittung, sein Elend und sein schauervoUes 
Ende*' den nachhaltigsten Eindruck gemacht hatte. 

Dr. Desgouttes'- Schicksal bildete fiir ihn den Ausgangspunkt 
sorgsamster Studien, und da er sich selbst nicht die Fahigkeit 
zutraute, eine Schrift zu verfassen, die in iiberzeugender Weise 
das Ergebnis seiner Forschungen wiedergab, reiste er 1819 mit 
Buchern beladen nach Aarau zu dem damals beriihintesten 
Publizisten seines Landes, um ihn durch mlindliche Aufklarung 
und Darbietung literarischen Materials zur Abfassung und Her- 
ausgabe einer Schrift iiber ,,die Idee des Eros oder die gleich- 
gieschlechtliche Liebe als Natur- und Sittengesetz** zu veran;- 
lassen. Die Frucht seiner Bemuhungen war das? zwei Jahre 
spater erschienene ebengenannte Werk Zschokke s, das zwar 
manches Wort enthalt, welches ein tieferes Verstandnis fur 
die Seelenqualen der Homosexuellen und aufrichtiges Mitleid mit 
ihnen verrat, am Schlusse aber doch nicht den vulgaren Zeitl- 
anschauungen entgegenzutreten sich getraute. 

H 6 B 1 i war dariiber bitter enttauscht. In seinem handschrift- 
lichen NachlaB sagt er: „Ich erstarrte gleichsam iiber diese Schrift 
TEros), in der Holmar meistens meine eigenen Worte ausspricht — 
aamit die anderen ihn widerlegen konnen, verlor meinen Glauben an 
Mensch und Wahrheit — und nahm mir vor, zu schweigen und zu 



950 

sterben^^a)*' und an anderer Stelle: ,.Meiiie Idee ist mein Kind, von den 
innersten Falten des Lebens habe ich sie geboren, ohne ihr damals 
Obdach und Kleidung, Heimat und Pflege zu wissen; das arme Kind 
trug ich mil Vertrauen und Tranen zu ihm — aber er entlieU es zur 
ungliicklichen Schar der Heimatlosen." 

So machie er sich denn selbst daran, ein umfangreiches Werk 

zu schaffen, das er in einem Zeitraum von siebzehn Jahren voll- 

endete. Wie fast alle, die sich seit der Mittei des XVIII. Jahr- 

hunderts mit der gleichg.'schlechtli* hen Liele Le?chaftigt hatten, 

ging Hoflli von Griechenland aus. 

Er nannte dementsprechend sein Werk, von dem der erste Band 
183G in Glarus, der zweite 1838 in St. Gallen erschien^*) : „E r o s. 
Die Miinnerliebe der Griechen: ihre Beziehungen zur Ge- 
schichte. Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten." Diesem 
ObertiteJ folgt ein sehr bemerkenswerter Untertitel : ,.Die Unzuverlassig- 
keit der auBeren Kennzeichen im Geschlochtsleben des Leibes und der 
Seele ; oder Forschungen iiber platonische Liebe. ihre Wiirdigung und 
Entwiirdigung fiir Sitten-, Natur- und Volkerkunde" ; gewidmet ist das 
Buch dem „Schutzgeiste des menschlichen Geschlechts". Wir diirfen 
K a r s c h , dem begeisterten Biographen H o 6 1 i s , wohl beistim- 
men, wenn er sagt: „Seit des groCen griechischen Philosophen 1^1 at o 
,Gastmahr und ,rhadrus* ist Heinrich H 6131 is .Eros' das bedeu- 
tendste Werk iiber Mannerliebe". Wenn er aber dann fortfahrt : j,Was 
jene unsterblichen Schriften fiir das Altertum gewesen sein mogen, 
eben das bedeutet H o C 1 i s Eros fiir die Xeuzeit, oder wird es ihr 
noch bedeuten", sp scheint dies denn doch iiber das Ziel hiuaus- 
geschossen ; denn so sehr wir die tiefschiirfende Gelehrsamkeit eines 
Aulodidakten bewundern, der wiederholt von sich versichert, .,dai3 
er die Regehi der Schulen seines Landes nicht gekannt, ja nicht ein- 
mal eigentlich lesen und schreiben gelernt habe*', seinen erstauulichen 
YleiQ und Samraeleifer, der sich in den ,.Stimmen und Zeugen" seines 
Buches nicht nur auf die griechische, sondern auch auf die per- 
sische und anderweitige orientilische Literatur erstreckte — so konnen 
wir uns doch nicht verhehlen, daC die iiberaus schwerfallige, fast 
schwiilsti^e Schreibweise des Verfassers, die worthaufende Breite und 
Umstandiichkeit dessen, was er sagen will, die Lektiire seines Werkes 
fast ungenieBbar macht. Das war ein Hauptgrund, daB ein Erfolg 
des Buches vermutlich ganzlich ausgeblieben ware, wenn nicht 
der Rat von Glarus mit Konfiskation voi^cgangen — gewohn- 
lich bewirken ja solche behordliche ^FaBnahmen das Gegenteil — 
und der Restbestand des Werkes beim groBen Brande von Glarus, 
der im Jahre 18B1 die halbe Stadt einascherte, vernichtet worden ware. 
Mehr noch als dieser mangelnde Widerhall war es die Einsicht in das 
L'"nzureichende seiner Kraft, die HoBli — kleinmiitig und gedriickt, 
wie er von Anfang seiner groBen Aufgabe gegeniiberstand — vollkommen 
erlahmen lieB, so daB er sich in den 26 Jahren, die er nach dem 
Erscheineii des IF. Bandes des Eros noch lebte — er starb 1861 
80jahrig im Spital von Winterthur -- nicht mehr zur Vollendung des ge- 
planteii IIF. Bandes aufraffen konnte. Wie gering er iiber seine Arbeit 
dachte, zeigt ein Brief, den er einem der von ihm verschenkten Exem- 
plare beifiigte ; er schreibt : „BloB um Wort zu halten, kommt der Eros 
hier aucn mit. Sie werden ihn nicht lesen — wegwerfen, denn schlechter 

13a) Cit. nach Jahrb. f. sex. Zw. Ikl. V, 1, p. 187. 

»*) Erster Band, Glarus, 1836, bci dem Verfasser, XXXIII und 
304 Seiten. — Zweiter Band, St. Gallen, 1838. XXXII und 352 Sei- 
ten in Oktav. 



Digitized by VjOOQIC 



961 

ist kein Buch geschriebeii ; und es ist auch zum Teil dieses Gefiihl, 
diese Hberzeugung, daB ich den 3. Teil liegen lieU; je tiefer ich von 
der groBen Bedeutimg der Idee ergriffen bin, um so sicherer ist auch 
meine traurige Uberzeugung, dafi sie nur durch einen groBen, gebil- 
deten, gelehrten Mann unserer Zeit gemaB darstellbar ist; wie einst 
den Griechen durch Plato, der noch so praohtig dasteht. Der. Stoff, 
wie jedes Element der ganzen Schopfung ist immerwahrend vorhan- 
den, zum Heil oder zum Verderben." 

So blieb Ho 6 lis Eros ein Torso — um dessen Ausgrabung 
sich Karsch^^) ein hohes Verdienst erworben hat — , fcrotz 
seiner UnvoUstandigkeit aber ein bewunderunecswiirdiger Ver- 
«uch mit vielen lichtvoUen Stellen, von denen ich, um den 
Pfadsucher selbst sprechen zu lassen, aus jedem Bande je eine 
hier wiedergeben will. 

Aus dem ersten Bande: „Keinem Wahne ward je so viel geopfert 
als dem: Der Mensch kann seine Natur ausziehen, wie ein Kleid, 
Oder es gibt eine Zuverlassigkeit der auBeren Kennzeichen im Ge- 
schlechtsleben des Leibes und der Seele; was man auf diesen Tag 
noch wahnt, noch traumt, noch glaubt — namlich, daB jeder, der in 
einen Jiingling sich verliebe, zuerst seine Urnatur, die wir uaoh den 
auBeren Kennzeichen bestimmen, ausgezogen, mit FiiBen getreten und 
weggeworfen habe — — — das kann nur Unwissenheit wahnen, die 
welters wahnt, es sei jedes Geschlecht nur das andere zu lieben von 
der Natur angewiesen, von innen aus bestimmt und gestinmit; und 
jedes Wesen anderer Art und anderer Neigung sei nur Willkiir, Selbst- 
bestimmung . . . und liege in keinem Plan und Gang der Natur und 
sei daher reif zu aller Verfolgung, Schmach und Entwiirdigung .... 
Das Schandmal solchen Glaubens tragt unsere stolze Zeit (fiir die 
Zukunft als Stempel ihrer Unwissenheit und ihres Barbarentums) noch 
an ihrer Stime, sie sieht eine Blumenwiese (Plates Garten des 
Merischlichen) noch immerfort fiir einen Abgrund an ... . schmiedet 
noch Ketten fiir Wesen ohne irgend eine Schuld, mit denen und fiir die 
Plato einst so geredet, wie ich zeigen werde und es geschrieben steht 
in der heiligen Schrift der Klassiker und in der noch heiligeren der 
ewigen Natur, .... Gesetze ohne Wissenschaft sind Henker ohne 
Obr^keit." 

Im zweiten Bande (S. 233) sagt HoBli: „Der Lasterhafteste 
kann die Frauen und der Tugendhafteste die Manner lieben. Die Erde, 
die Geschichte ist dieser Erweise voll; keine Liebe ist an sich Tugend 
Oder Latter, so wenig als Wille und Selbstbestimmung. In diesen 
wenigen und einfachen Wahrheiten liegt wahrlich ebensosehr der Er- 
weis unseres Irrglaubens 9,1s unseres Irrwissens" . , . „Unsere gauze 
Behandlung dieser Erscheinung beruht lediglich auf dem Ausspruch: 
,Sie ist nicht Natur*. Das menschlichste una in sich klarste Volk, das 
je gelebt hat, vor dem wir nichts voraus haben, als etliche mechanische 
und physikalische Erf indungen und Maschinen, dieses Volk aber sagte : 
,Sie ist Natur*. . . . Der Griechen Menscliensinn und Menschen- 
behandlung war auf Menschennatur-Wissenscliaf t gogriindet ; unsere aber 
wurzeln in Zeiten, wo das Wort und der Begriff Natur auf den Scheiter- 
haufen fiihrte. Sollte es in der Tat noch nicht moglich und an der 
Zeit sein, sowohl der Griechen Ja als unser Nein auf die Wage echter 

15) Cf. Jahrbuch f. sex. Zw., V. Jahrgg. I. Band p. 4i9ff.: Quel- 
lenmaterial zur Beurteilung wirklicher und angeblicher Uranier. Zu- 
sammengestellt von F. K a r s c h , Dr. phil., Privatdozent in Berlin. 
4. Heinrich HoBli (1784—1864) mit fiinf Textbildern und einer 
Eupfertafel. 



962 

Menscben- und Naturforschung ^u legen? Im Namen der wissen- 
schaftlichen Dreifaltigkeit : der Wahrheit, der Menschlichkeit uad des 
Rechts, lege ich diese Frage an Gottes schonen Sonnenschein, ich 
weiC zwar nicht eigentlich wem vor; nehme sie auf war ihrer wert ist, 
gewiB ist sie ein Samenkorn des Bessern." 

1864, im Todesjahr von HoBli, erschien Ulrichs* erste 

Schrift Vindex, wie beilaufig bemerkt 1896, ein Jahr nach 

U 1 r i c h s ' Tode, meine ersie Arbeit iiber den Gegenstand, Sappho 

und Sokrates, ein um so seltsameres Zusammentreffen, als da- 

mals weder Ulrichs HoBlis noch ich Ulrichs' Schriften 

kannte, die beim Erscheinen seiner wie meiner Erstlingisarbeiteo 

teils yerschollen, teils vergriffen^^) waren. Standen Ulrichs 

auch dieArbeiten seines wichtigsten Vorlaufers nicht zuGebote, 

so fand er doch einige andere bedeutsame Werke vor, die 

bereits zu seinen Lebzeiten erschienen waren. 

V i e r Autoren verdienen hier besonders genannt zu werden. Zu- 
nachst der Philologe Moritz Hermann Eduard Meier (179f^ 
bis 1866), der 1837 in der beriihmten Enzyklopadie von E r s c h und 
G r u b e r ^^) einen sehr ausfiihrlichen Artikel iiber „Paderastie" ver- 
offentlicht hatte, in dem er ein groBes seither viel benutztes Quellen- 
material iiber die „griechische Liebe" zusammengestellt hat. Trotzdem 
Meyer wiederholt hervorhebt, daB sich bei den Griechen „die Freude 
iiber die Nahe des Geliebten, iiber jede leibliche Beriihrung mit ihm, 
und wieder der Schmerz der Entbehrung ganz in derselben Art, wie 
wir es bei der Geschlechtsliebe kennen", auBerte, war er doch zu sehr 
ein Kind seiner Zeit, um nicht am Ende hinzuzufiigen: „die Art aber, 
wie sicL die Empfindung des Liebenden aussprach, hat, wenn man 
bedenkt, daB ihr Gegenstand ein Mann ist, fiir uns etwas sehr Be- 
fremdendes und ist geeignet, einen peinlichen, ja widerlichen 
Eindruck auf uns zu machen." 

Am haufigsten nimmt Ulrichs Bezug auf den Geh. und 
Obermedizinalrat Joh. Ludw. Casper (1796 — 1864) welcher 
der erste Mediziner war, der mit Verstandnis ftir die Homo- 
sexuellen — er nannte sie noch Paderasten — eintrat. In seinen 
Arbeiten^®) verteidigte er namentlich vier damals verhaltnis- 
maBig sehr neue Ansichten: erstens ,,Die geschlechtliche Hin- 
neigung von Mann zu Mann ist bei vielen dieser Ungliicklichen 
angebor en**^^). 

^^) MuBtc doch, als ich im Jahre 1898 eine Neuausgabe der zwolf 
Ulrichsschen Biicher veranstaltete, fiir einzelne derselben der fiinfzig- 
fache Betrag ihres urspriinglichen Preises bezahlt werden. 

^') M. H. E. Meier: Paderastie. Allgemeine Realencyclopadie 
der Wissenschaften und Kiinste in alphabetischer Reihenfolge, heraus- 
gegeben von J. S. E r s c h und J. G. G r u b e r. Dritte Sektion, 0-Z, 
von M. H. E. Meier und L. F. Kamtz. 9. Teil. Leipzig 1837. 
p. 187 f. 

^^) Casper, Uber Notzucht und Paderastie. In Vierteljahrs- 
berichtc fiir gerichtliche Medizin. 1852. Klinische Novellen zur ge- 
richtlichen Medizin, Berlin 1863. Praktisches Handbuch der gericht- 
licheu Medizin, Berlin 1872. 

19) Gaspers Vierteljahrsschrift, Bd. I. 1852. p. 62. 



Digitized by VjOOQIC 



953 

Noch kurz vor seinem Tode schrieb Casper (in den „Klinischen 
Novellen zur gerichtlichen Medizin" 1883, S. 34): „Nach alien Er- 
fahrungen kann es als feststehend betrachtet werden, daB der" . . 
(mannerliebende Mann) . . ,.in vielen, vielloicht in den meisten Fallen, 
durch einen wunderbaren, dunflclen, und imerklarlichen eingebore- 
nen Drang sich ausschlicEIich zu Mannern hingezogen fiihlt und 
sich mit demselben Kkel von Weibern abwendet, wie der nicht so 
ungliicklich geborene Mann von Mannern. DaB dem so ist, weiO jeder 
wirkliche Fachkenner, nnd finde ich in meinen amtlichen Beobach- 

tungen fortwahrend bestatigt Auchfiir die Tribadie 

gilt ganz dasselbe .... Viele f iihlen sich zu dem Gegen- 
stande ihrei Sehnsucht hingezogen mit einer Glut, heiBer, als die in 
den verschiedenen Geschlechtern." 

Die zweite These^o), die er verfocht, lautete: ,,Die Paderastie 
ist gleichsam eine geistige Zwitterbildung" und die dritte^i) : „Die An- 
sicliten anderer Arzte, wie H e n k e s (Gerichtliche Medizin 1829), Clo- 
ses (in Ersch und Grubers Enzj^klopadie 1837), Tardieu'fi 
u. a., die alle, in Handbiichern wie in enzyklopadischer^ Werken, in 
seltener Hbereinstimmung dasselbe lehren", ,*,daB namlich durch dieses 
abscheuliche Laster (Handbuch He n k e § 183) teils ortliche, teils 
allgemeine Krankheiten entstanden, wie Entziindungen und Vereitenin- 
geu am After, Quetschungen, Lahmungen des SchlieBmuskels, Mast- 
darmfisteln und Vorfalle, Auswiichse, Verhartungen und als allgemeine 
Folgen Abzehrung, Schwindsucht, Epilepsie, Riickenmarksdarre, Was- 
sersucht sind ,A m m e n m a r c h e n*." ,,Forscht man nach", sagt Cas- 
per, ,,auf welchen Tatsachen diese mit vieler Sicherheit aufgestellten 
Angaben fuBen, so sieht man sich vergebens nach dergleichen Tat- 
sachen um." Ubrigens gibt es auch jetzt noch Autoren wie Braun- 
schweig**) und Wachenfeld 23)^ die von solchen langst als 
Fabel erwiesenen korperlichen Folgeerscheinungen sprechen. Der vierte 
Satz, den Casper als einer der ersten aussprach, war : Immissio 
membri in anum ist keineswegs, wie man annimmt, die gewohnliche 
Modalifiat der Paderastie, sondern ihre seltenste Form. Umarmungen, 
Brust an Brust mit Beriihrungen der Genitalien ohne Eindringen seien 
bei weitem haufiger. Dies wird von Casper schon 1852 in seiner 
Vierteljahrsschrift, auf Grund ausgedehnter Erfahrung, hervorgehoben 
(Bd. r, S. 76) und 1863 in seinen Klinischen Novellen (S. 34, 35) „auf 
das allerbestimmteste" bestatigt. Endlich hat Casper auch durch 
Mitteilung mehrerer Biographieen die wissenschaftliche 
Kasuistik der Homosexual itat eroffnet. Vor allem war es damals 
der Fall des Grafen C a i u s , eines hohen Aristokraten, der viel Auf- 
sehen erregte und auch Casper groBes Interesse abgewann. Die aus- 
fijhrlichen Tagebiicher dieses Urnings, in denen er unter Nennung von 
Namen alle seine Erlebnisse aufgezeichnet hatte, waren der Polizei 
in die Hande gefallen. Auch Friedrich Wilhelm IV. lieB sich 
dieselben vorlegen. Die Folge davon war eine lange Kriminalunter- 
suchung, in die viele langst zu ihren Familien entlassene Soldaten ver- 
wickelt wurden ; das schlieBliche Ergebnis war ein ProzeB gegen den 
Reichsfreiherrn von Malzan und Genossen, zu dem Casper als 
Sachverstandiger hinzugezogen wurde^*). 

*o) Casper, Handbuch der gerichtlichen Medizin, 4. A. 1864. 
Bd. r, p. 164. I ' 

2^) Vierteljahrsschrift fiir gerichtliche und offentliche Medizin. 
Herausgefreben von J. L. Casper. Berlin 1852. I. Band, p. 58. 

") Braunschweig, Das dritte Geschlecht. 

**) Wachenfeld, Homosexual itat und Strafgesetz. 

W) Casper hat aus den Tagebiichern und dem ProzeB Stellen 
veroffentlicht in einem Aufsatze von 1851: Caspers Vierteljahrs- 
schrift Bd. I. Heft 1, 1852 p. 68—71. 



Digitized by VjOOQIC 



954 

So sehr Ulrichs immer wieder die Verdienste Caspers 

hervorhebt, den er mit Vorliebe ,,den Redlichen" nennt, so 

heftig wendet er sich gegen seinen Pariser Zeitgenossen und 

gerichtsarztlichen KoUcgen Auguste Ambroise Tardieu 

(1818—1879)2*), dessen Arbeiten er als „von Gift und Geifer 

triefend und von Irrtlimern wimmelnd" bezeichnet. 

In der Tat entbielt das weitverbreitete, in viele Sprachon iiber- 
setzte Buck des angesehenen franzosischen Gelehrten neben (iiiigen 
guten Beobachtungen viele geradezu groteske Ansichten liber die Ur- 
sachen una Folgen der Paderastie,, (von denen wir eine, die von Casper 
wider]egte, der angeblich durch den homosexuellen Verkehr entstehen- 
den Kraniheiten eben erwahnt haben. Als vierter der fiir Ulrichs 
hauptsachlich in Frage kommenden Autoren muB Arthur Schopen- 
li a u r genannt werden. Ulrichs nimmt auf ihn, wie auf Meier 
uud Casper bereits in seiner ersten Schriftss) Bezug. Auch S c h o - 
p e n h a u e r hatte iiber das Tatsachliche, vor allem iiber die iibiquitare 
verbreilung der Homosexualitat yiel Bemerkenswertes beigebracht, 
umsomehr lieBen allerdings seine Hypothesen, wie beispielsweise die 
Vermutung, diese Neigung sei durch einen fehlerhaften Verlauf der 
nervi erigentes bedingt, zu wiinschen iibrig. 

Wir kommen nun zu Ulrichs selbst. Wenn wir heute 

das Ulrichssche Lebenswerk durchmustern, miissen wir niit 

wahrhafter Bswunderung den ungewohnlichen Fleifi und die 

Vollstandigkeit anerkennen, mit der der Verfasser nicht allein 

vom juristischen, sondern auch vom naturwissenschaftlich-medi- 

zinischen, thcologisehen und philosophischen Standpunkte seinen 

Gegenstand erfaBte. 

Karl H e i n r i c h Ulrichs war am 28. August 1825 zu 
Westerfeld bei Aurich geboren. Sein Vater war Baumeister, sein 
GroBvater evangelischer Superintendent. Er besuchte die Gymnasien 
zu Aurich, Detmold uud Celle, die Universitaten von Gottingen und 
Berlin. Nachdem er schon als Gymnasiast eine ungemein vielseitige 
Beanlagung an den Tag gelegt hatte und ihm in Gottingen fiir seine 
Schrift: de foro reconventionis der akademische Preis zuerkannt war, 
wurde er im Alter von 22 Jahren fiir seine Arbeit: de pace Westphalico 
von der juristischen Fakultat zu Berlin der goldenen Medaille fiir 
wiirdig befunden. Er beendete jedoch aus freien Stiicken schon als 
Amtsassessor seine Beamtenlaufbahn und lebte ganz seinen gelehrten 
Neigungen folgend anspruchslos und unbehelligt — in Hannover exi- 
stierte damals kein § 175 — in dem kleinen Orte Burgdorf. Er ,war 
ein Mann von universellcr Gelehrsamkeit, der nicht nur in seinen 
Hauptfachern, der Jurisprudenz und der Theologie, sondern auch in 
den Naturwissenschaften und der Philosophie vollig zu Hause war, auf 
einigen Gebieten, wie der Mathemati^ Astronomie, Archaologie, Miin- 
zen- und Schmetterlingskunde Hervorragendes leistete und das klas- 
sische Latein in so vollendeter Weise beherrschte, daB zeitgenossische 



2*a) A. A. Tardieu: Etude medico- legale sur les attentats aux 
moeurs. Paris 1858. 

26) „Vindex", p. 16 u. 18, ferner in den Briefen an die Ver- 
wandten iiber die Unausrottbarkeit der urnischen Liebe. Weiter zitiert 
Ulrichs Schopenhauer in „Inclusa*V P- 8, 10, 45 und 50; haupt- 
sachlich ebda. p. 64 ff . ; ebenfalls in „ Ara spei" p. 103 und „Memnon" 
pag. 60 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



966 

Kenner in ihm den ausgezeichnetsten Vertreter dieser Sprache er- 
blickten. Im Jahre 1864 erscheinen kurz nacheinander die ersten 
drei Schriften „Cber das Ratsel der mann-mannlichen Liebe, Vindex" 
„lnclusa" und „Vindicta". Seinen Verwandten zuliebe verschwie^ er, 
sehr wider seine Natur, auf den fiinf ersten Schriften seinen Namen 
und nannte sich „Numa Numantius", erst 18G8 bei Herausgabe von 
„Memnon", seinem Hauptwerke, warf er den Schleier der Pseudo- 
nym itat von sich. Der Veroffentlichung dieser Schriften war ein harter 
Kampf mit seiner Familie vorausgegangen, die von der Publizierung 
seiner Ansichten aufs energischste abgeraten hatte. 

Mehrere Jahre vor dem Erscheinen der Bticher hatte er in 
seinem so stark entwickelten Dran^e nach Wahrheit sich seinen 
Verwandten anvertraut. Die Briefe an seine Angehorigen wirken 
in ihrer Offenheit, Schlichtheit, Gediegenheit und Eindringlich- 
keit geradezu erschtitternd. 

Im ersten Bande der „Jahrbiicher fiir sexuelle Zwischenstufen" 
1899 habe ich vier der wichtigsten und bedeutendsten Briefe veroffent- 
licht. Sic wurden mir von U 1 r i c h s' damals noch lebender, einziger 
Schwester zur Verfiigung gestellt^^). Sie stammen aus der zweiten 
Halfte des Jahres 1862, und der damals 38jahrige UlrichS hat sich in 
ihnen schon in der entschiedensten Weise uber seine Ansichten und 
Forderungen ausgesprochen. In dem ersten dieser aus Frankfurt 
a. Main geschriebenen Briefe bekennt er sich seiner Schwester gegen- 
iiber of fen als reinen unvermischten „Uranier", der in der Richtung 
seiner geschlechtlichen Liebe Weib sei und zu einem „dritten Ge- 
schlechte**'gehore. Es folgt etwa zwei Monate spater ein z we iter 
Brief als Zirkularschreiben an acht Verwandte, in dem er die Hoffnung 
ausspricht, daB es bald zwischen ihm und ihnen Licht werden moge. 
„Dem Uranier sei seine weibliche Natur im Mutterleibe angeboren, 
Uranismus sei eine Anomalie der Natur, ein Naturspiel, wie die Existenz 
von Walfisch und Delphin, Saugetieren im Fischkorper, er sei eine 
Spezies des Hermaphroditismus oder noch wahrscheinlicher eine koor- 
dinierte Nebenform von ihm. Die weibliche Natur der Uranier sei 
keineswegs bloD geschlechtlich, sie dokumentiere sich vielmehr aucb 
in einem bereits von Kindesbeinen an bestehenden mehr weiblichen 
Charakter, der sich bereits in Abneigung gegen wildere Knabenspiele 
und Hang zu madchenhaften Beschaftigungen auCere. So habe seine 
Mutter bereits in seiner Kindheit geauBert: „Du bist nicht wie andere 
Jungen.** (Hier macht einer der Verwandten die Randbemerkung auf 
das Zirkularschreiben: „Einen solchen weiblichen Habitus glaube ich 
an Karl allerdings stets wahrgenommen zu haben.**) Keineswegs habe 
die dionaische (heterosexuelle) Maioritat das Recht, die menschliche 
Gesellschaft ausschlieBlich dionaisch zu konstruieren. Dies sei 
vielmehr ein emporender MiBbrauch, da auch der Uranier in der 
menschlichen Gesellschaft existenzborechtigt sei, genau so wie die 
hermaphroditisch veranlagten Schnaken und Austern in dem iibrigen 
Tierreich. , t 

Es schlieBen sich noch zwei Briefe an einen Onkel an, in 
denen U 1 r i c h s die Wichtijgkeit der in Begleitung von nacht- 
lichen Pollutionen auftretenden Traumbilder hervorhebt, seine An- 
sicht uber feste Verbindungen der Uranier auBert, fiir die noch der 
Naturzustand in Gelfung stehe, der aber keineswegs mit der Venus 
vulgivaga gleichbedeutend sei, sondorn vielmehr in einer Naturehe, 



w) Of. Jahrb. f. sex. Zw. Bd. I (1899) p. 36 ff. : „Vier Briefe von 
Karl Heinrich Ulrichs (Numa Numantius) an seine Ver- 
wandten.** 



956 

das heifit einem eheahnlich dauernden Liebcsbiindnis, wie wir es 
im alten Griechenland vielfach finden, zum Ausdruck kommen konne. 

• Schon in einer Nachschrift zum dritten Briefe hatte 

Ulrichs die Veroffentlichung aufklarender Schriften ange- 

klindigt; sein personliches Interesse und das seiner Schicksals- 

genossen lieBen ihm eine solche Publikation als ,,aufs aller- 

dringendste notwendig erscheinen.*' Trotz der Vorhaltungen und 

Einwftnde seiner Verwandten gab er daher im April 1864 im 

Selbstverlag unter dem Pseudonym Numa Numantius eine 

kurze eozial-juristische Studie liber die mannmannliche Gre- 

JBoUechtsliete mit dem Titel „Vindex" heraus. Als Vindex, 

als Beschlitzer und Befreier der Uranier von den Vorurteilen 

und Verfolgungen der dionischen (heterosexuellen) Majoritat! 

soUte die Sdhrift an die Offentlichkeit treten. 

Naoh einem tiefempfundenen, auf das lebhafteste an den In- 
tellekt und das Gerechtigkeitsgefiihl seiner Leser appellierenden Vor- 
wort, einer 'kurzen Ubersicht iiber die hauptsachlichsten friiheren 
Autoren und einer nach neueren Forschungen allerdings viol zu niedrig 
angesetzten Berechnung des Prozentsatzes der Urninge (0,002o/o statt 
2o/o), verteidigt Ulrichs zuerst seine Hauptthese von dem An- 
geborenseiD der manmnannlichen Liebe, um sodann den Vorwurf der 
Natunvidri^keit, auf den sich die Annahme ihrer Kriminalitat stiitze, 
zuriickzuweisen. Im zweiten Abschnitt gibt er den juristisohen Nach- 
weis, daD gleichgeschlechtliche Liebesakte f iir den geborenen Ur- 
n i n g keineswegs widernatiirlich, sondern durchaus nur seinem an- 
geborenen Triebe naturgemaiJ seien, so daU der Richter gegebeneo 
Falles die Pflicht habe, zuerst zu untersuchen, ob nicht dieser Straf- 
ausscblieBungsgnind vorliege. 

In der zweiten Schrift, den im darauffolgenden Monat 
Mai des gleichen Jahres erschienenen ,,Anthropologisclien 
Studien" der „Inclusa" wiederholt Ulrichs zunachst das 
Vorwort der ersten, um sodann unter Anftihrung mehrerer 
klassischer Sehriftsteller den Beweis zu erbringen, daiJ unter dem 
griechischen pais keineswegs Knaben im Sinne geschlechts- 
unreifer Kinder, sondern waffenfahige Jiinglinge zu verstehen 
sind27). 

In dem Hauptteil der „Inclusa" fiihrt Ulrichs den Beweis von 
der Moglichkeit bzw. der entwicklungsgeschichtlichen Notwendigkeit 
geistigen Zwittertums, des Uranismus, auf Grund des wissenschaft- 
lich nachgewiesenen Vorkommens korperlichen Zwittertums, das 
seine Ursache wiederum in der zweigeschlechtlichen Uranlage des mensch- 
lichen Embryos finde. Seine in Form eines lateinischen Distichons ^s) 
fiir diese Veranlagung gefundene Formel, die zugleich den Schliissel 
zum Schrifttitel entlialt, paCt allerdings nur auf einen Teil der Homo- 
sexuellen, wahrend von den anderen sicher die* meisten die SchluB- 



*^ J Dr. P. Brandt, Der paidon eros in der griechischen Dich- 
tung I. s. Jahrb. f. sex. Zw. Bd. VIII. 1906. p. 623 ff. 
*®) Sunt mihi barba maris, artus, corpusque virile ; 

His i n c 1 u s a quidem : sed sum maneoque puella. 



Digitized by VjOOQIC 



.»67 

oharakteristik : ,,8ed sum maneoque puella" mit Entschiedenheit ab- 
lehuen wurden. i ( 

Zuni ISchlusse fiihrt er aus, daB ebenso wie das heterosexuelle 
Geschlechtsbediirfnis von der Kultur zum Teil zu ideeller Holie ompor- 
eehoben ist, sich auch dem gleichgeschlechtlichen eine eminent ideelle 
Seite eigne. Als Beweis hierfiir verspricht er eine Sammlvmg urnischer 
Liebespoesien unter dem Titel „Nemus sacrum", von der er in der 
Folge einige Proben aus Ibykos, Theokritos u. a. mitteilt. 

Die dritte, etwas kiirzer gehaltene Schrift „V i n d i c t a", deren 
Erscheinen noch in den November des Jahres 1864 fallt, teilt sich in- 
haitlich und fast auch raumlich in zwei Halften. In dem ersten, dem 
„Vorbericht", schildert U 1 r i c h s den Erfolg seiner bisherigen Publi- 
kationen, die im Mai von der Leipziger Polizei konfisziert^^), durch 
GerichtsbeschluB jedoch wieder freigegeben wurden mit der Beginin- 
dung, daU „der gewahlte Stoff in durchaus ernster, wissenschaftlicher 
Form behandelt sei . . . unter unverkennbar vorsichtiger Vermeidung 
von VerstoBen gegen Sittlichkeit und Schamgefiihl". Im AnschluB 
hieran zitiert er mehrere deutsche PreBstiminen, Zuschriften, die ihm 
auch von Geistlichen, Juristen und Medizinern zugingen, von denen 
die seines Freundes, des Grazer juristischen Professors Dr. T e w e s , 
und Rudolf V i r c h o w s am bemerkenswertesten sind. V i r c h o w 
schreibt an Ulrichs unter dem 19. VIII. 64: „. . . Gegen Ihre Aus- 
einandersetzungen von dem weiblichen Gemiit in einem mannlichen 
Korper habe ich nichts einzuwenden. Dem Manne ihrer Wahl, Ihrem 
Geliebten, fiihlen Sie ^ich als Weib gegeniiber. Im Gegenteil: Das 
ist ein iiberaus wiclitiger Gegenstand, und Ihre Ausfiihrungen haben ihn 
in der Tat nicht ohne Erfolg dargelegt." 

Nach einem Zitat aus einem Aufsatz des hier von Ulrichs zum 
ersten Male erwahnten Dr. Richard Freiherrn v. Krafft-Ebin g^®) 
schlieBt das kurze, aber inhaltsreiche Schriftchen mit den Worten 
G o e t h e s (Faust II, 5) : „Nur der verdient sich Freiheit wie das 
Leben, der taglich sie erobern muB" ; einige Seiten zuvor ergeht an die 
Schicksals- und Leidensgenossen die Mahnung: „Als Urninge sollen 
und miissen wir auftreten. Nur dann erobern wir uns in der mensch- 
licben Gesellschaft Boden unter den FiiBen, sonst niemals" Und nur 
dann winkt ihnen die „Vindicta", der Freiheitsstab, mit dem der 
Pra-etor im alten Rom die Sklaven, denen die Freiheit geschenkt war, 
beriihrte. 

Hattc „V i n d i c t a" in ihrem Hauptteil die schon im „V in- 
dex" erorterte juristische Seite des Problems weiter gefiihrt, so 
schlieBt sich seine vierte Schrift (1865) „F o r m a t r i x" wieder an 
jjnclusa" an mit weiterem Material zu der Frage der zweigeschlecht- 
lichen Uranlage des Menschen und des Angeborenseins gleichgeschlecht- 
licher Neigungen, die ihre Stiitze finden in dem bereits in friihester 
Jugend konstatierten Auftreten urnischeir Neigungen und der Un- 
moglichkeit geschlechtlicher Selbstbestimmungs- und Umwandlungs- 
fahigkeit. Den SchluB dieser bedeutsamen Ausfiihrungen bildet eine 
Aufstellung „urnischer Stufen" und ihre Einreihung zwischen die Er- 
scheinungen des Vollmannes und Vollweibes, wobei er jetzt auch den 
viriler gearteten Uraniern im Gegensatze zu der bisher fast ausschlieB- 
lichen Beriicksichtigung der Weiblinge gerecht zu werden versucht. 
Mit dem Satz : „Der schaffonden Natur „natura f o r ra a t r i x" 



2^) In PreuBen verfielen sie im September dieses Jahres dem 
gleichen Schicksal. Cf. Formatrix p. 7. 

30) Aus einem Aufsatz iiber Sinnestauschungen in „Friedreichs 
Blattern fiir gerichtliche Medizin", Niirnberg 1864, p. 244: „Wo die 
Fahigkeit der freien Willensbestimmung gehindert ist, durch einen 
abnormen somatischen oder psychischen Pr6zeB, befindet sich das In- 
dividuum in einem psychisch unfreien Zustand." 



Digitized by VjOOQIC 



960 

(ct. Titei) gelingt es nicht, alle ihre Geschopfe regelrecht zu bilden," 
glaiibt er den Schliissel zu dem Riitsel der urnischen Liebe gefunden zu 
haben. 

Im AnschluC an die Ausfiilirungen der vier ersten Schriften auf 
naturwissenschaftlichem und juristischeru Gebiete gibt U 1 r i c h s in 
der fiinften, der gleichfalls 1865 erschlenenen ,.Ara spei", nacli 
einer scharfen Satire auf die extensive und willkiirliche Interpretation 
und strafrechtliche Anwendung der „Errcgung offentlichen Argernisses'* 
in Hannover einige Exkurse iiber das Verhaltnis urnischer Liebe zur 
Moral, Christentum und sittlicher Weltordnung. Einige poetische Bei- 
trage, unter ihnen drei Lieder von Haf is, die in Daumers allzu- 
freier Nachdichtung^i) angefiihrt sind, und cine eigene ein])findungs- 
reiche Dichtung „Antinous*' beschlieUen die Schrift, die Ulrichs als 
einen „Altar der Hoffnung" bezeichnet. 

Schon in der „Vindicta** hatte Ulrichs in der Sache des ver- 
urteilten Pfarrers H o f e r eine Eingabe an den deutschen Juristen- 
tag angekundigt, zu dessen Mitgliedern er selber zahlte. 1865 richtete 
er nun zusammen mit seinem Freunde, dem Grazer Professor der 
Jurisprudenz Dr. T e w e s , einen Antrag an die genannte Korperschaft, 
daB sie eine Revision des deutschen Strafrechts iiber die sogenannteu 
Fleischesvergehen in die Wege leite, und zwar in der Richtung, daB 
1. „angeborene Liebe zu Personen mannlichen Geschlechts nur unter 
denselbeii Voraussetzungen zu strafen sei, unter welchen Liebe zu Per- 
sonen weiblichen Geschlechts gestraft wird", niimlich nur bei Kompli- 
kation mit Vergewaltigung, MiBbrauch unerwachsener oder bewuBtloser 
Personen und Erregung offentlichen Argernisses, und dafi II. „die 
bestehenden, oft durchaus unklaren Strafbestimmungen iiber die Er- 
regung offentlichen Argernisses durch geschlechtliche Handlungen 
durch solche zu ersetzen seien, welche Rechtssicherheit gewahren". 
Dieser Antrag wurde von der zustiindigen Deputation des Juristcn- 
tages „als zu einer Beratung nicht fiiglich geeignet" von der Tages- 
orduung gestrichen. Ulrichs war indes nicht der Mann, sich bei 
dieser Ablehnung zu beruhigen, sondern legte auf dem Juristentag 
zu Miinchen am 29. August 1867 eine offizielle Rechtsverwahrung 
gegen diesen Absetzungs]>eschlui3 oin mit der Motivierung, dafi die bis- 
herigen gesetzlichen liestimmungen auf einem Irrtum des Gesetz- 
gebers beruhten und eine nach Tausenden zahlende Menschenklasse 
unverschuldeten und unverdienten Verfolgungen aussetzten, die nicht 
selten zum Selbstmord der Betreffenden fiihre. Derselbe Juristentag, 
der (eine Ironie des Zufalls) dem koniglichen Urning Ludwig II- 
von Bayern recht bald das Gliick der Ehe wiinschte, da sie das hochste 
Gliick des Mannes sei, hielt es nicht unter seiner Wiirde, diese voll- 
staudig ordnungsgemaB eingebrachte Rechtsverwahrung Jiiederzu- 
schreien, so daS Ulrichs eich gezwungen sah, mitten in seiner 
Rede die Rednertribiine zu verlassen. Selbst dem Bemiihen des greisen 
Priisidenten Geh. Rat Carl Georg von Wachter^z) gelang es 
nicht, eine ordnungsgemaBe Behandlung der Sache herbeizufiihren. 

Der historischen Darstellung dieses Holiepunktes seines 

Kampfes ftigt Ulrichs in der ^echsten, 1868 erschienenen 

Schrift ,,Gladius fur ens** noch einige Nachtrage bei. 

Er hatte in der Zwischenzeit Heinrich HoBlis „Eros** kennei) 
gelernt und sich zu eigcn gemacht. Er fordert nunmehr bei Straf- 

31) Cf. J. Scherr, Geschichte der Weltliteratur. 10. Aufl. 1899. 
Bd. I. p. 94 ff. 

32) C. G. V. Wilchter. (1797—1881) hat selbst viel bemerkens- 
wertes Material iiber die* Frage in seinen strafrechtlichen AVerken 
gi^sammelt. 



Digitized by VjOOQIC 



969 

verfolgungeH gegen Urninge einen nach Art der englischen ITremden- 
jury zur Halfte aus Urningen zusammengesetzten Gerichtshof. So- 
danii widerlegt er die Motive der PreuBischen Generalstaatsanwaltschaft. 
(und dcH alteren Joh. Anselm von Feuerbac h), die sich auf 
die angebliche sittliche Entartung der Urninge und ihren zerstorenden 
EinfluS auf die Volkskraft stiitzen durch einen Hinweis auf das Vor- 
kommen derselben Erscheinung bei den kraftigsten Naturvolkern, und 
geiBelt die Verschanzung hinter die Volksansicht und das „Rechts- 
bewuIJtsein im Volke" mit der Bemerkung, daU die Ketzer-, Hexen- 
und Judenverfolgungen auch bis weit in die Neuzeit hinein den sub- 
]ektiven Volksanschauungen entsprochen hatten. Kasuistische Mit- 
teilungen iiber Selbstmorde und Erpressungen beschliefien die Schrift, 
die bestimmt sein sollte, der Justitia, welcher nur das Racherschwert 
(Gladius u 1 1 o r) gegen wirkliches Unrecht zusteht, das Schwert der 
Raserei (Gladius furens) gegen Schuldlose * aus der Hand zu 
ringen. 

Die Ereignisse des Mtinchener Juristentages hatien 
U 1 r i c h s gezeigt, wie weit entfernt er noch von dem erstrebten 
Ziele sei. Auch hatte sich ihm in der Zwischenzeit Gelegenheit 
geboten, weiteres Material zu sammeln. So bietet denn der noch 
im gleichen Jahre wie Gladius furens (1868) erschienene ,,Mem- 
non*\ die umfang- und inhaltreichste aller Ulrichssfchen 
Schriften, eine reiche Flille neuen Stoffes und ausflihrlicher 
Nachtrage. 

E^ war nach den Erfahrungen auf dem Mtinchener Juristen- 
tage und bei der Fortdauer der vielen und harten Be- 
strafungen kein Wunder, wenn den rastlosen Kampfer bis- 
weilen ein Geftihl der Resignation iiberkommt und er daher diese 
Schrift mit den Worten pchlieBt: „Und in oder Wii^te tout 
meine Stimme, wie Memnons Saule, der Morgenrote eni- 
gegen/* 

Wie die Tat des Dr. Desgouttes seinerzeit den biederen 
Glarner Heinrich HoIJli in die Schranken gerufen hatte, 
so sah sich U 1 r i c h s gegen das Ende der sechziger Jahre 
durch einen sensationellen Berliner MordprozeC veranlaBt, 
wiederum die Feder zu ergreifen. 

In diesem ProzeB, der damals das groBte Aufsehen erregte, handelte 
es sich um die Verstiimmelung und die versuchte und vollendete Totung 
zweier Knaben, die begangen zu haben man den 48 jahrigen Leutnant a. D. 
K. E. von Z a s t r o vv , den Sprossen eines angesehenen Geschlechtes 
und Solm und Neffen zweier preuBischer Generate, beschuldigte. Schon 
friiher hatte U 1 r i c h s , wenn auch nur voriibergehend, hcrv^orgehoben, 
daB MiBbrauch von Kindern und Sadismus durchaus keine besonderen 
Eigenschaften der Urninge, sondern krankhaf te Erscheinungen f ii r 
sich seien, die ebenso bei Dioningen (Heterosexuellen) vorkamen. 
Durch einige PreBstimmen und die offentliche Meinung iiber den Fall 
Z a s t r o w , die geneigt war, Zastrows Namen als Gattungsnamen 
zu okkupieren, sah er sich nun gezwungen, dies Spezialgebiet noch 
einmai griindlich zu durchleuchten. 

So lieB er denn bereits im Mai 1869 den ,,Incubus" erscheinen, 
der eine auf ein zahkeichos kasuistisches Material aus iilterer und 
neuerer Zeit aufgebaute Darstellung jener sexucllen ,,Bhitgier" (da- 



Digitized by VjOOQIC 



ao. 



d 



961 

gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen ausgespro- 
chen nat. 

Im Jahre 1869 soUte ftir das gesamte norddeutsche Bundes- 
gebiet ein gemeinsames Strafrecht erlasaen werden, und die 
preuBische offiziose Presse hatte zugesagt, daB „b6i der Schaf- 
fung des norddeutschen Entwurfes diejenigen Harten ausgemerzt 
werden soUten, die man dem preuBischen Strafkodex vorge- 
worfen hatte." Trotzdem und obwohl sich viele gewichtige 
Stimmen fiir die Streichung des § 143 des preuBischen Straf- 
gesetzbuehes erklart hatten, vor al!em der damalige preuBische, 
frliher hannoversche Justizminister Leonhardt^^)^ sowie die 
gesamtc Kgl. preuBische wissenschaftliche Deputation fiir das 
Medizinalwesen, das hochste arztliche Kollegium des preuBischen 
Staates, dem auch die Geheimrate von Langenbeck und 
Bardeleben, beide zugleich Generalarzte der preuBischen 
Armee, angehorten, ging doch auf Betreiben des erzreaktionaren 
Ministers der geistlichen, Unterriehts- und Medizinalange- 
legenheiten Heinrich von Mtihler, hinter dem sich seine 
fromme Gattin Adelheid (geborene von GoBler) verbarg, 
der § 143 mit der Motivierung ^vom jjRechts'bewuBtsein im 
Volke** als § 152 in das Strafgesetzbtich des Norddieutedien 
Bundes uber. Das Gutachten der Koniglichen wissenschaftlichen 
Deputation fiir das MedizinaJwesen, abgegeben Berlin, den 
24. Marz 1869, lautete wortlich: 

„Wir sind aufge'fordert, uns gutachtlich dariiber zu iiuBern, wie 
die medizinische Wissenschaft jene Unzuchtsfalle beurteiit. 

Was zunachst die Unzuclit von Menschen mit Tieren betrifft, 
so soil die dagegen. gerichtete Strafbestimmung wesentlich auf der 
friiheren Annahme beruhen, daB eiae solche Vermischung fruchtbar 
sei und Bastardarten zwischen Mensch und Tier erzeugen konne. Diese 
Ansicht ist in friiherer Zeit entstanden durch eine ganz unrichtige 
Beurteilung der sog. MiBgeburten, d. h. miBgebildeter menschlicher 
Leibesfriicnte, bei denen man nicht ohne erhebliche Mitwirkung der 
Phantasic in einem oder dem anderen abnorm geformten Korperteile 
einc Ahnlichkeit mit entsprechemden Korperteilen irgend eines Tieres 
zu erkennen glaubte. Dies fiihrte zu der Vorstellung, daB eine solche 
Leibesfrucht halb menschliche, halb tierische Bildung habe und zu dem 
SchluB, daB sie das Produkt einer geschlechtlichen Vermischung eines 
Menschen mit einem Tiere sei. Seitlier hat die Wissenschaft langst 
gezeigt, wie durch krankhafte Entwickelung oder das Zuruckbleiben 
gewisser Korperteile in ihrer Ausbildung die sogenannten MiBgeburteD 
zustande kommen. Andernteils hat sie die Unmoglichkeit einer frucht- 
baren Vermischung von Menschen und Tieren auBer Zweifel gestellt. 
Wenn hiernach der wesentliche Grund der betreffenden Strafoestim- 



^ 3S) § 143 (leg preuBischen Strafigesetzbuches vom 14. April 18ol 

1^/^ und seine Aufrechterhaltung als § 152 im Entwurfe eines Strafge- 

1'^^ setzbuches fiir den Norddeutschen Bund. Offene,. fachwissenschaftlicne 

•^ Zuschrif t an Seine Excellenz Herrn Dr. Leonhardt, konigl. pre^- 

^^ iiischen Staats- und Justizminister. 



Hirschfeld, Homosexualiifit. 51 



Digitized by VjOOQIC 



962 

mung hinfallig wird, so sind auch andere Griinde fiir die Beibehaltung 
derselben vom medizinischen Standpunkte aus nicht beizubringen. 

Die Falle von Unzucht mit Tieren sind uberhaupt nur selten iind 
betreffen meistens auf sehr niedriger Bildungsstufe stehende Bauern- 
burschen, Hiitejungen usw., welche viel mit dem Vieh lebend, durch 
Einsamkeit und Langeweile zu dieser unnatiirlichen Art der Befrie- 
digung des Geschlechtstriebes gefiihrt werden. DaB ihnen aus der- 
selben ein Nachteil fiir ihre Gesundheit erwachse, laBt sich nicht 
behaupten. Es konnte dies nur durch die Haufigkeit der Ausubung 
jenes Aktes geschehen, und wiirde dann derselbe in ahnlicher Weise 
wie die O n a n i e wirken. Letztere mui3 als ein ungleich gefahrlicheres 
Laster bezeichnet werden, und ist bei der Verbreitung, die sie bisher 
.erlangt hat, ihr gegenuber die Unzucht mit Tieren als kaum der Be- 
achtung wert anzusehen. Wichtiger ist jedenfalls die Unzucht unter 
Personen mannlichen Geschlechtes, und kommt bei diesem Verbrechen 
namentlich auch in Betracht, daD dieselbe in inniger Beziehung zu den 
im § 144 (Personen unter 14 Jahren) des PreuBischen St-G.-B. vor- 
gesehenen Handlungen steht. 

Das Motiv fiir die im Preuflischen St.-G.-B. erlassene Straf- 
androhung wegen Unzucht zwischen Personen m§,nnlichen Geschlechts 
besteht darin, daD dieselbe „eine so groBe Entartung und Herabwiir- 
digung des Menschen bekunde, und so gefahrlich fiir die Sittlichkeit 
sei, daB sie nicht unbestraft bleiben konne". Dagegen enthalt der 
Entwurf zu dem Osterreichischen St.-G.-B. keine Strafandrohung fiir 
die in Rede stehenden Handlungen und fiihrt in seinen Motiven aus, 
daB diese spezielle Art der Unlzucht sich von anderen, bisher niigends 
mit Strafe bedrohten nicht unterscheide, moge man dieselben nach 
ihrer Beschaffenheit als unziichtige, oder als gesundheitsschadigende 
Handluncen auffassen. Hiergegen TaBt sich in Beziehung auf den letz- 
ten Punkt von seiten der medizinischen Wissenschart nichts ein- 
wenden, und namentlich wenn das Konigliche Ober- Tribunal in ver- 
schiedenen Entscheidungen die von Mannern gegenseitig aneinander 
geiibte, Manustupration als Unzucht zwischen Personen mannlichen 
Geschlechts nicht gelten laBt, miissen wir der Auffassung des Oster- 
reichischen Entwurfes vollig beistimmen. In gesundheitlicher Bezie- 
hung wiirde gerade auf jene Onanie allfein Gewicht gelegt werden kon- 
nen, wahrend eine zwischen mannlichen Personen ausgefiihrte Nach- 
ahmung des Koitus, abgesehen von etwa zustandekommenden ort- 
lichen Verletzungen, im wesentlichen, ebenso wie der gewohnliche 
Koitus, nur durch den ExzeB nachteilig werden kann. 

Ein Urteil dariiber, ob in der zwischen Personen mannlichen Ge- 
schlechts veriibten Unzucht eine besondere Herabwiirdigung des Men- 
schen und eine besondere Unsittlichkeit gegeniiber anderen Arten der 
TJnzucht liegt, wie sie in widerwartigster Weise zwischen Mannern 
und Weibern, oder gegenseitig unter Weibern bekanntermaBen zur 
Ausfiihrung kommen, diirfte kaum zur Kompetenz der medizinischen 
Sachverstandigen gehoren. Hiernach sind wir nicht in der 
li age, irgend welche Griinde dafiir beizubringen, daB, 
wall rend andere Arten der Unzucht vom Strafgesetze 
unberiicksichtigt gelassen werden, gerade die Un- 
zucht mit Tieren oder zwischen Personen mannlichen 
Geschlechtes mit Strafe bedroht werden sollte. Wir 
geben schlieBlich anheim, zu erwagen, ob die eventuelle Aufhebung 
des § 143 vielleicht von EinfluB auf die Fassunc des § 146 (gewerbs- 
maDige Unzucht) des PreuBischen St.-G.-B. werden konnte." 

Unterzeichnet war dieses Gutachten von: 1. Lehnert, Dr. O., 
zweiter Arzt des Elisabethkrankenhauses, Koniggratzer Str. 126 II. 
2. J ii n g k e n. 3, v. H o r n , Dr. W., Geh. Obermedizinalrat, Unterbaum- 
straBe 7* 4. B. v. Langenbek, Dr., Geh. Ob.-Med.-Rat, Professor 
der Universitat usw., SommerstraBe 4. 5. Housselle, Dr. C, Geh 



Digitized by VjOOQIC 



963 

Ober-Med.-Rat, vortragender Rat im Kultus-Minist., KrausenstraBe 39. 
6. Martin, E., Geh. Med.-Rat und Professor, Dorotheenstr. 6. 7. Dr. 
Kadolf Virchow, Professor, Schellingstr. 10. 8. A. W. Hof- 
m a n D , Professor der Chemie, Mitglied der Akademie, Dorotheenstr. 10. 

9. Bardeleben, Dr., Geh. Med.-Ilat, ord. Professor der Universi- 
tat, Dir. der chiruiKischen Klinik in der Charite, Schiffbauerdamm 18. 

10. S k r z e z k a , C, prakt. Arzt, Professor, gerichtlicher Physikus, 
Linkstrafie 14. 

Als Justizminister Leonhardt dem Kultusminister Mlihler 
dieees Gutachten iibersandte, antwortete der letztere (12. April 
1869): 

,lch halte die in den Motiven zu § 143 des St.-G.-B. 



vom 14. April 1851 gegebene Rechtfertigung der Straf- 
bestimmung auch g e geniiber dem Gutachten der 
wissenschaftlichen Deputation fiir wo h 1 b egr ii n d e t." 



Die hier herangezogenen Motive lauteten: „§ 152 halt die auf 
Sodomie und Paderastie im PreuiJischen Strafgesetzbuch (§ 143) ge- 
setzte Strafe aufrecht. Denn wenn auch der Wegfall der Strafbe- 
stimmung vom Standpunkte der Medizin, wie durch manche. Theories 
des Strafrechts entnommene Griinde gerechtfertigt werden kann, das 
RechtsbewuiJtsein im Volke beurteilt diese Handlungen nicht 
nur als Laster, sondern als Verbrechen, und der Gesetzgeoer wird 
billig Bedenken tragen miissen, dieser Rechtsanschauung ent^egen 
Hand]ungen fiir straffrei zu erklaren, die in der offentlichen Meinung 
gliicklicherweise als strafwurdig gelten. Die Verurteilung solcher Per- 
sonen, die in dieser Weise gegen das Naturgesetz gesiindigt haben, dem 
biirgerlichen Strafgesetze zu entziehen, una dem Moralgesetze anheim- 
zugeben, wiirde unzweifelhaft als gesetzgeberischer MiBgriff getadelt 
werden, und der Entwurf hat deshalb auch nicht geglaubt, dem Vor- 
gange anderer Gesetzgebungen hierbei folgen zu diirfen." 

Auch U 1 r i c h s hatte, wie nicht anders zu erwarten war, zu der 
Frage Stellung genommen und zwar in einem kurzgedrangten im Marz 
1870 an die Keichsversammlungen Norddeutschlands und Osterreichs 

fericbteten „A raxes, Ruf nach Befreiung der Urningsnatur von dem 
trafgesetz", der e 1 f t e n seiner Schriften, die in knapper PriLzisie- 
rung alle in den friiher veroffentlichten Schriften gewonnenen Resul- 
tate auf naturwissenschaftlicliem und juristischem Gebiete enthalt, 
sowie die nochmalige Auffiihrung seiner hauptsachlichsten Autori- 
taten, denen sich hier noch der bekannte Kulturhistoriker Otto 
Henne ten Rhyn anschlieBt. — Doch auch dieser Ruf sollte 
ergebnislos verhallen. Noch nicht war es der urnischen Natur be- 
schieden, die Ketten und Fesseln des Gesetzes zu zerbrechen, gegen 
die sie sich gleich dem in ferner Kaiikasusschlucht gegen das zwin- 
gende Briickenjoch tosenden A r a x e s aufbaumt. 

Im Gegenteil warden die Zeiten fiir die Homosexuellen eher 
trtiber. Denn statt daB bei der durch die Ereignisse von 1870/71 
herbeigeflihrten Grtindung des Deutschen Reiches und der durch 
sie bedingten legislatorischen Einigung der deutschen Staaten 
endlich nach dem Vorbilde des zweitgroflten deutschen Bundes- 
staat-es Bayeru diese mittelalterliche Strafrechtsbestimtnung be- 
seitigt ware, ging vielmehr das Strafgesetz des Norddeutschen. 
Bundcs, angeblich weil dasselbe unter alien deutschen Straf- 
gesetzbiichern das heaie Bei, mit seinem fiir die fortgeschritten© 
wissenflchaftliche Erkenntnis schon damals unhaltbar gewordenen 

61* 



Digitized by V:iOOQIC 



964 

§ 162 in das deutsche Reichsstrafgesetzbuch tiber, wo der Para- 
graph als der vielgenannte § 175 nun schon wieder iiber ein 
voiles Menschenalter sein unheilvoUes Dasein fristet. 

Der Nachhall der patriotischen Begeistening iiber das in deu 
Kriegsjahren Errungene lieB den Ruf der Minoritat nach Gerechtig- 
keit verstummen. Somit wurde im Jahre 1872 sowohl fiir Bayern die 
dort bald dreiviertel Jahrhundert unbeanstandet gebliebene Straffrei- 
heit, wic auch fiir Wiirttemberg und Baden, wo sie gleichfalls ein 
Menschenalter bestanden hatte, aufgehoben und der Paragraph, wenn 
auch sein gesetzliches, im iibrigen wohl nur hochst selten in praxi 
erkanntes Strafminimum auf einen Tag Gefangnis herabgesetzt wurde, 
erbielt als Wahrzeichen der Nichtachtung der Wissenschaft und als 
Ketzerparagraph in rebus sexualibus nunmehr fiir das Gesamtgebiet 
des Deutschen Reiches Geltung. Nach KLngerer Pause ergriff der be- 
reits im sechsten Lebensjahrzehnt stehende U 1 r i c h s darum noch 
einmal das Wort, um in seinen „Kritischen Pfeile n", der 
z w o 1 f t e n und letzten Schrif t, wiederum einer Denkschrift an die 
gesetzgebenden Korperschaften in Berlin und Wien, das Wesen und 
die Wirkung des Unheilsparagraphen im Lichte der Kritik zu zeigen. 
Nochmals beweist er die Nichtberechtigung des Paragraphen 
mangels jedes dolus criminalis seitens des Taters, seine Z w e c k - 
losigkeit, da er weder eine Besserung des Taters noch eine Ver- 
hiitung von Riickfallen bewirke, und seine Grausamkeit, da er 
von dem geborenen Urning lebenslangliche Enthaltsamkeit verlange. 

Seine elfte Schrift Araxes hatte Ulrichs am 24. Mai 1870 
beendet, genau stechs Jahre nach seiner ersten, dann trat eine neun- 
jahrige Pause ein, seine letzte Urningsschrift, die Kritischen Pfeile, 
vollendete er zu Stuttgart am 29. Marz 1879, die vier ersten Schrif ten 
hatte er in seiner hannoverschen Heimat verfaflt. Als die Ereignisse 
des Jahres 1866 kamen, gab es fiir ihn nur eine Uberlegung: In 
Hannover kein § 175, in PreuBen § 175. Er wurde enragierter Welfe 
und PreuBenfeind, hielt ziindende Reden als Welfenagitator und spielte 
einige Zeit eine politische Rolle. Er wurde von preuBisch-deutscher 
Seite aufgehoben, arretiert und zu einem Jahre Festung in Minden 
verurteilt. Damals ging durch die Zeitungen die Notiz, daC die Polizei 
seine Papiere beschlagnahmt hatte, aber anstatt, wie gehofft, poli- 
tisches Material zu finden, eine ausgedehnte urnische Korrespondenz 
bis in die hochsten Kreise reichend entdeckt habe. 

Um dem Urningsparagraphen aus dem Wege zu gehen, war Ul- 
richs von Hannover nach Wiirzbui^ in das straff reie Bayern ge- 
zogen, wo er die Schriften Ara spei bis Araxes schrieb, und siedelte 
dann in das ebenfalls straffreie Wiirttemberg iiber, wo er in Stutt- 
gart durch Schrlftstellerei und Ziichtung seltener Schmetterlingsraupen 
sein Leben fristete. 

Nach f iinfzehnjahrigem, anscheinend vergeblichem Ringen er- 

lahtnten hier Ulrichs' Krafte genau wie einst die HoBlis. 

In seiner ersten Schrif t^*) hatte er geschrieben : ,,Den beiden 

vorigen Jahrhunderten war es gegeben, die Verfolgung von 

Ketzerei und Hexerei abzuschaffen. Unserem Jahrhundert, ja 

hbffentlich unserem Jahrzehnt, wird es vorbehalten sein, die 

Verfolgung der mannmannlichen Liebe abzuschaffen.** Diese 

Siegeszuversicht, der groBe Optimismus, mit dem Ulrichs den 

Kampf aufgenomtnen hatte, wich mit den Jahren einer immer 

»*) Ulrichs, Vindex. p. 37. 



Digitized by VjOOQIC 



966 

starkeren Kiimmernis, je mehr er sich tiberzeugte, wie schwierig 
es war, dermaUen eingewurzelte Vorurteile aus der Welt zu 
schaffen. Am schmerzlichsten beriihrte es ihn, als der Aus- 
schuB der osterreichischen Abgeordnetenkammer den im Regie- 
rungsentwurf des Justizministers von Komer gestrichenen 
Urningsparagraphen als § 273 wieder hineinkorrigierte, und als 
vollends das neue deutsehe Reichsstrafgesetzbuch, trotz des gegen- 
teiligen Gutachtens der koniglieh preuBischen wissenschaftlichen 
Deputation flir das Medizinalwesen, die verhangnisvoUe Bestim- 
mung des § 175 akzeptierte. Als er immer deutlicher sah, wie 
wenig Widerhall seine Flugsehriften und Broschuren fanden, 
und wie geringe Untersttitzung und Forderung ihm von seinen 
Sehieksalsgenossen zuteil wurde, gab er das Rennen auf, ergriff 
den Wanderstab und ging (groflt^nteils zu FuB) iiber die Alpen 
nach Italien, dorthin, wo so viele deutsehe Uranier vor ihm eine 
Zufluchts- und Ruhestatte gefunden hatten. 

1880 traf er in Neapel ein und verweilte dort iiber zwei Jahre ; 
nachdem er daselbst von einem Hautleiden befallen wurde, glaiibte er, 
daC ihm die frische Hoheuluft der Abruzzen bekommlicher sein wiirde, 
als die heiBe Umgebung des Vesuv und begab sich nach Aquila, wo er 
dann noch iiber 12 Jahre fiir seine Landsleute und Leidensgenossen fast, 
verscbollen lebte. Mit der homosexuellen Frage beschaftigte er sich 
dort unten kaum noch, widmete vielmehr beinahe seine ga.nze Zeit 
der Herausgabe einer kleinen lateinischen Zeitschrift: „Alaudae" („Ler- 
chen"), deren klassische Gelehrsamkeit und Diktion ihm im Alter 
noch manchen Freund und Gonner verschaffte. Eine Vereinigung 
seiner beiden Spezialgebiete findet sich in seiner letzten Schrift: 
Lateinische Gedichte in memoriam Ludovici II. regis Bavariae „Cypres- 
senzweige auf Konig Ludwigs Grab*'34a). 

Als ich am 18. April 1909, einen lange gehegten Wunsch aus- 
fiihrend, nach Aquila kam, fiigte es ein gliicklicher Zufall, daB sein 
dortiger Macen, der alte Marchese Dott. N"iccol6 Persichetti, 
noch am Leben war und mir personlich alle Raume zeigen konnto, die 
„il professore tedesco" durch seine Anwesenhoit geweiht. Er berichtete 
mir noch viele interessante Einzelheiten aus seinen letzten Jahren, fast 
jede Erzahlung, selbst von Erinnerung iibermannt, mit den Worten 
endend, „oh, c'etait un homme extraordinaire, tre^s respectable, admi- 
rable, mais trop modeste". Ich will die Unterhaltung mit Persichetti 
wiedergeben, wie ich sie mir unmittelbar nach unserem Zusammensein 
aufzeichnete. Ich hatte zuerst im Senat von Rom von ihm gehort. 
Der Unterrichtsminister fragte mich : „Was ist denn das fiir ein Mann, 
der bei Ihnen in Aquila eine lateinische Zeitschrift erscheinen laCf 
Die Konigin Margherita liest sie und ist ganz entziickt davon." 
„Das muff ein Irrtum sein**, erwiderte Persichetti, „bei uns ist 
niemand, der das konnte.** Nach meiner Riickkehr, erzahlte sein 
Gonner weiter, erkundigte ich mich bei den Polizeibeamten, doch 
keiner wuBte davon. Endlicli sagte mir jemand: „Das wird vielleicht il 
vecchio tedesco, der alte Deutsche, sein, den man immer so eiligen 
Schrittes mit Biichern unter dem Arm ganz allein iiber die StraBe 
laufen sieht.** Ich suchte ihn auf — Persichetti zeigte mir 



^*a) „Cupressi. Carmina in memoriam Ludovici II. Regis Ba- 
variae. 13. Juni 1886. Von C ar 1 o A r r i g o U 1 r i c h s. Berlin 1887.** 



Digitized by VjOOQIC 



966 

das alte Eckhaus, wo er wohnte — imd fand ihn in heller Verzweif- 
lung. Grade die Nacht zuvor war Feuer in seiner Wohnung |ge- 
wesen, alle seine Biicher und Papiere, seine ganze Habe war verbrannt. 
Ich gab ihm Unterkunf t, f uhr Persichetti fort, in einem Hause, 
das ich von meinen Vorfahren ererbt hatte, da stand gerade cine Dach- 
wohnung mil herrlicher Aussicht auf den Gran Sasso d'ltalia leer. 
Sehen Sie — Persichetti fiihrte mich die dunklen Stiegen hinauf 
— bier oben schrieb er, hier stand sein Bett, dort am Fenster sein 
Arbeitstisch, von. dem er einen so weiten Ausblick hatte, hier hatte er 
seine Blumen stehen, die er so sehr liebte, und dort kochte er sich 
sein Essen selbst, was allerdings selten genug vorkara, denn er lebte 
fast ausschlieBlich von Brot, Kiise, Eiern, Milch iind Friichten, wozu 
er ausnahmsweise etwas Landwein trank. Ich will an dem Hause einc 
Gedenktafel anbringen lassen, sagte der Marchese, als wir die Treppen 
herabstiegen. Er kam oft zu uns. Sonntags aB ,.il professore" iramer 
an unserem Familientisch. Icli hatte ihm zu diesen Mahlzeiten Wein 
vom Bhein kommen lassen. Meine Kinder waren iramer um ihn herum. 
Man konnte ihn fragen, was man wollte, er wuBte alles. Ich habe nie 
ein solches Gedachtnis und nie solche Kenntnisse gesehen ; jede Miinze, 
jedes Bi]dchen, jedes Buch *war ihm bekannt, von allem wuBte er 
eine Geschichte. In Astronomic und Botanik, auf philologischem und 
philosophischem Gebiete war ihm nichts fremd. Einmal kam er zu uns, 
als mein Edoardo iiber einer mathematischen Aufgabe briitete, die 
er nicht zu losen vermochte. Er half ihm nicht nur auf den richtigeu 
Weg, sondern erzahlte gleich, wer diese Aufgabe zuerst aufgestellt 
hatte, wie die Personlichkeit dieses Mannes war. Seine Bediirfnis- 
losigkeit war erstaunlich. Meine Frau wollte ihm wiederholt neiie 
Kleider schenken, er lehnte es aber konstant ab. Er verkehrte in 
Aquila auiJer mit uns nur mit einer alten osterreichischen Dame; 
sonst lebten hier keine Deutschen. Seit er hierher gekommen, hat 
er den Ort und seine Umgebung — die Abruzzenberge — nie wieder 
verlassen. Er streifte viel in der Gegend umher, am liebsten waren 
ihm die Ka^tanienwalder, sie kamen ihm wie ein Stiick nach dem 
Siiden versetzten Deutschlands vor, sagte er mir. Als er einmal lan- 
gere Zeit ausgeblieben war, ging ich liin, um nach ihm zu sehen. 
Da lag er nun schon vier Tage ganz allein in seiner Dachkammer in 
groBten Schmerzen. Es war wohl ein Blascnleiden, denn er konnte 
kein Wasser lassen. Ich lieB den Arzt holen. Der sagte, er raiisse so- 
gleich in das ospedale civico. Er wollte sich aber nicht von seinen 
Biichern und Blumen trennen. Am Ende brachte ich ihn aber doch 
in unser Spital. Als ich ihn am andern Moi^gen in seinem hiibschen 
sauberen Krankenzimmer — Persichetti zeigte es mir — be- 
suchte, sagte er in seiner Bescheidenhcit strahlend: Ach, Marchese, 
ich fiihle mich hier so wohl, ich kann von meinem Bett aus Ihr Land- 
haus in den Bergen sehen, wo ich so oft mit Ihrer Familie gliick- 
lich war und denken Sie nur meine Freude, als ich gestern abend 
von den frommen Schwestern nebenan mein geliebtes Lateinisch sin- 
gen horte : ora. pro nobis und pater noster und ave Maria, da wurde 
mir ganz leicht. Als er am fiinflen Tage im Spital lag, brachte 
Persichetti ihm ein Diplom, das ihm die Universitat Neapel 
in Anerkennung seiner lateinischen Zeitschrift „Alaudae" geschickt 
hatte. Er war aber schon zu krank, um es selbst lesen zu konnen. 
Er lachclte nur zufrieden und starb bald darauf in den Armen P e r s i - 
c h e 1 1 i 8. Dieser hat das Diplom noch jetzt in Verwahrung, er besitzt 
auch samtliche lateinischen Veroffentliohungen Ulrichs', sowie seine 
Urningsschriften in der Originalausgabe ; auch ein Bild aus seinen 
letzten Jahren zeigte er mir, eine sehr kleine Photographic, die wir 
mit der Lupe besahen, ein alter graubartiger Mann mit schwarzem 
Kappchen im Kreise der Familie Persichetti. Von seinen anthro- 
pologischen Studien — sagte der Marchese und meinte damit die homo- 



Digitized by VjOOQIC 



967 

sexuelle Frage — aprach er hier in Aquila nur sehr selten. Sein ganzes 
Interesse gait der Pflege des Lateinischen. Seine Zeitschrift hatte 
begeisterte Verehrer in alien Kontinenten, auBer der Konigin von 
Italien war auch Konig O s k a r von Schwedfen ihr Abonnent. Oberst 
Young schrieb ihm taglich aus England einen lateinischen Brief. 
Die Menschen, fiir die er gekampft hatte, bekiimmerten sich aber nicht 
um ihn, schloB der alte Marchese Niccol6 Persichetti ^^), der 
ihn neben seiner Familiengruft beisetzen lieB, seinen Bericht. 

Als ich mich am Nachmittag dieses Tages auf dem etwa eine halbe 
Stunde von Aquila malerisch in einem Abnizzental gelegenen Campo 
Santo nach der Grabstatte von Carlo Arrigo Ulriohs erkun- 
digte, sagte mir der alte Friedhofswarter, ich sei in den vierzehn 
Jaihren nach seiner Bestattung der erste, der nach dem fremden Lands- 
mann gefragt hatte. 

Wir verweilten 'bei Ulriehfe etwas ausfiihrlicher, well er uns 
in dreifacher Hinsicht von Bedeutung ist: als Forscher iiber den 
Uranismus, als Kampfer flir ihn und nicht zuletzt als urnische 
Personlichkeit. 

Die auf unscheinbarem Papier, in kleiner Auflage ge- 
druckten und in Kommissionsverlag erschienenen Broschtiren 
von U 1 r i c h s hatten eine verhaltnismaBig nur geringe Ver- 
breitung gefunden; auf fruchtbarsten Boden fielen noch die 
vom Autor dedizierten Freiexemplare, und an einer Stelle war 
deren Wirkung so machtvoU, daB die hier aufkeimende Saat 
allein schon der Arbeit Mtihe verlohnte. Das war bei K r a f f t - 
E b i n g. 

U 1 r i c h 8 hatte bereits in einer seiner ersten Schriften aus 
dem Jahre 1864 ein langeres Zitat aus einem Aufsatze Krafft- 
K b i n g s gebracht, der in demselben Jahre in Friedreiohs Blat- 
tern fiir gerichtliche Medizin (X. Niirnberg 1864 p. 244) erschienen 
war. Dem VI. Kapitel dieser Schrift hatte er als Motto den folgeiiden 
Satz Krafft-Ebings vorangesetzt : „Die Gerechtigkeitspf lege soil 
nicht des Naturforschers Resultaten die Tiir verschlieBen, um als 
bloBer "Wiirgengel zu erscheinen, sondern diesen Resultaten ent- 
sprechen." Wie anderseits auf von Krafft-Ebing die ihm von 
Ulrichs iibersandten Schriften wirkten, zeigt der folgende Biief, 
den er ihm viele Jahre spater (29. 1. 1879) aus Graz schickte. Es heiCt 
da: „Das Studium Ihrer Schriften iiber mannmannliche Liebe hat mich 
in hohem MaCe interessiert. . . . Von dem Tage an, wo Sie mir — ich 
glaube es war 1866 — Ihre Schriften zusandten, habe ich meine voile 
Aufmerksamkeit der Erscheinung zugewendet, welche mir damals ebenso 
ratselhaft war wie interessant: und die Kenntnis Ihrer Schriften 
allein war es, was mich veranlaBte zum Studium in diesem hoch- 
wichtigen Gebiet und zur Niederlegung meiner Erfahrungen in dem 
Ihnen bekannten Aufsatz im (Berliner) ,Archiv fiir Psychiatrie*." 

Beide Gelehrte waren trotz aller inneren und auBeren Ver- 
schiedenheiten im Grunde kongeniale Naturen. War Ulrichs 
ein hervorragend medizinisch begabter Jurist, so war Krafft- 
Ebing ein hervorragend juristisch befahigter Mediziner. Viel- 

I 

'^) Cf. Nicolaus Persichetti: „In memoriam Caroli Henrici 
Ulrichs, Ephemeridis cui titulus „Alaudae" auctoris sylloge." Ex 
area Sancti Cassiani. Typis licinii capelli 1896, 



Digitized by VjOOQIC 



968 

leicht trug dazu bei, daU er miitterlicherseits ein Enkel des bc- 

rtihmten Strafrechtslehrers H. J. A. Mittermaier (1787 bis 

1867) war, welchem die deutsche Rechtspflege wichtige Reformen 

auf dem Gebiete des Gefangniswesens und audi sonst vielfachen 

Fortschritt verdankt. Krafft-Ebings Stellung zu der homo- 

sexuellen Frage driickte sich in dem Satze aus: ,,Das jedem 

Staatsblirger zustehende Recht der freien Meinui\gsau6erung 

wird zur Pflicht, wenn derselbe vermoge der Kenntnifi und 

Erfahrungen, welehe ihm sein Beruf vermittelt, im Stande ist, 

zur Beseitigung von Irrtlimern ibeizutragen." 

Als Krafft-Ebing, der 1840 in Mannheim geboren war, sich 
den sexuellen Problemen zuwandte, war er bereits einer der an- 
cesehensten Psychiater seiner Zeit ; erst auf dem Lehrstuhl von StraB- 
Durg, dann auf denen von Graz, Prag und Wien dozierend, reichte seine 
Stimme weit iiber das deutsche Sprachgebiet hinaus. Als er am 22. De- 
zember 1902 zu Graz verschied, betrug die Zahl seiner wisseaschaft- 
lichen Arbeiten nahezu 400 ; kein Gebiet der Psychiatrie und Nervenheil- 
kunde gibt es, wo er nicht fordernd und befruchtend eingewirkt hatte. 
Seine Lehrbiicher der Psychiatrie und der forensischen Psychopatho- 
logie waren Werke von immensem didaktischem Werte. Seine erste 
ausfiihrliche Arbeit iiber die „Contrare Sexualempfindung" war 1877 
erschienen^fi). Bald darauf publizierte er sein Hauptwerk ,,Die 
Psychopathia sexualis", das seinen Namen in vierzehn, den urspriing- 
lichen Umfang allmahlich auf das Doppelte steigernden Auflagen iiber 
die ganze Erde trug. Auch dem gelehrten und edlen Verfasser der 
,,Psychopathia sexualis" ist die Beschuldigung nicht erspart geblieben, 
daB er mit seinem Buche auf die sinnlichcn Interessen groOer Leser- 
kreise spekuliert habe. Er trug diesen ungerechten Vorwiirfen, unter 
denen er schwer litt, Rechnung, indem er auf das Titelblatt der XI. Auf- 
lage seines Werkes (1901 crschienen) die Worte setzen lieB: „Fiir 
Arzte und Juristen". 

In Wirklichkeit gibt es kaum ein zweites Buch in der Welt- 
liieratur, das so vielen Tausenden den inneren 
Seelenfrieden wie'dergegeben und durch seine Auf- 
klarung so unendlichen Segen gestiftet hat, wie dieses Werk, 
aus dem ebensoviel Wissen, wie Giite und Unerschrockenheit 
spricht. • 

Von Krafft-Ebings spateren Arbeiten sind zu nennen : a) Neue 
ForschuDgeu auf dem Gebiete der Psychopathia sexualis. 2. Auf- 
lage. Stuttgart 1891 ; b) Der Kontrarsexuelle vor dem Strafrichter. De 
sodomia ratione sexus punienda; de lege lata et de lege ferenda. Eine 
Denkschrift. Leipzig und Wien. 1894 ; c) Zur Atiologie der kontraren 
Sexualempfindung. Separatabdruck aus den Jahrbiichern fiir Psychia- 
trie. 12. Band, 3. Heft; d) Zur Erklarung der kontraren Sexualempfin- 
dung. Separatabdruck aus den Jahrbiichern fiir Psychiatrie und Ner- 
venh. 13. Band, 1. Heft; sowie endlich „Neue Studien auf dem Gebiete 
der Homosexualitat" im III. Bande des Jahrbuches fiir sexuelle Zwi- 



36) R. V. Krafft-Ebing: tlber gewisse Anomalien des Ge- 
schlecbtstriebes und die klinisch-forensische Verwertung desselben als 
eines wahrscheinlich funktionellen Degenerationszeichens des zentralen 
Nervensystems. Archiv fiir Psychiatrie und Nervenkrankheiten 7. Band, 
1877. p. 291 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



969 

schenstufen. Fiir das wissenschaftlich-humanitare Komitee bekundete 
Krafft-Ebing von Anfang an das lebhafteste Interesse. Er war 
einer der ersten unterzeichner der Petition, welche die Befreiung der 
Homosexuellen vom Strafjgesetz fordert. Hatte er doch schon in seiner 
Schrift „Der Kontrarsexuelle vor dem Strafrichter" den Aussprucb 
getan : „Es ware dies (namlich die Beibehaltung des Homosexualitats- 
paragraphen) ein Ungliick, denn der Paragraph entstammt irrigen Vdr- 
aussetzuugen, ist mit den Erfahrungen wissenschaftlicher Forschung 
unvereinbar, hat viel Unheil angerichtet, niitzliche und unbescholtene 
StaatsbiiiTger in Schande, Not und Tod gejagt, ohne dafiir einen erheb- 
lichen Nutzen zu schaffen." 

In seiner letzten, ein Jahr vor seinem Tode (1901) in 

unseren Jahrbtichern erschienenen Arbeit faiJte er das Resultat 

seiner reichen Erfahrungen in drei pragnanten Leitsatzen zu- 

sammen, die lauten: „1) Kontrare Sexualempfindung ist eine 

ganzlich unverschuldete, weil durch Storung des Waltens empi- 

rischer Naturgesetze begriindete, Erscheinung. 2) Sie verdient 

Mitleid, nicht aber Verachtung, gleieh jeder anderen Miflbil- 

dung oder Funktionsstorung. 3) Ihr Vorhandensein prajudiziert 

nicht die Annahme einer Getrtibtheit der seelischen Funktionen, 

ist mit normaler, geistiger Funktion vertraglich.** 

Noch vor Krafft-Ebing hatten sich zwei beriihmte Berliner 
Psychiater teils durch Casper, teils durch U 1 r i c h s angeregt zur 
homosexuellen Frage geauBert: Wilhelm Gr i e s i n ger •*^), der in 
dem Vortrage, mit dem er ,1869 die psychiatrische Klinik in Berlin 
eroffnete, auch auf den* Uranismus zu sprechen kam, und vor allem 
Carl Westphal ^s), der zuerst die Bezeichnung kontrare Sexual- 
empfindung gebrauchte, unter welchem Titel er in den Jahren 1870 und 
18T6 zwei sehr beachtenswerte und auch beachtete Arbeiten iiber die 
Homosexualitat des Mannes und Weibes, die er fiir einen angebore- 
n e n krankhaften Zustand hielt, veroffentlichte. Die erste dieser Ab- 
handlungen^^) schloB er mit den Worten: „Immerhin mogen die ge- 
schilderten Zustande haufiger sein als man weiB, und es ist, schon 
der forensischen Wichtigkeit der Sache wegen, Pflicht, die Aufmerk- 
keit dieser Sache zuzuwenden. Kommt es einmal zur Aufhebung des 
§ 143 des St.-G.-B. und tritt das Gespenst des Gefangnisses nicht mehr 
vor da^ Bekenntnis der perversen Neigung, dann werden die betreffen- 
den Falle gewiB in groBerer Mehrzahl zur Kognition der Arzte ge- 
laiigen, in deren Gebiet 5ie gehore n." 

Hauptsaehlich auf Krafft-Ebing und Westphal, von 
denen der eine in Osterreich, der andere in Deutschland eine 
flihrende Autoritat war, ist es zuriickzufuhren, daB von den sieb- 
ziger Jahren an durch zwei Jahrzehnte von arztlicher Seite 
eine umfangreiche Kasuistik — im ganzen 90 Aufsatze 

*^) W. G r i e s i n g e r : Vortrag zur Eroffnung der psychiatrischen 
Klinik. Archiv fiir Psychiatric und Nervenkrankheiten. 1. Band. Berlin 
1868/9. p. 651. Vergl. auch Wilhelm Griesingers Gesamraelte 
Abhandlungen. 1. Bd. Psychiatrische und nervenpathologische Ab- 
handlungen. Berlin 1872. p. 210. 

88) C Westphal, Die kontrare Sexualempfindung. Archiv fiir 
Ps3'chiatrie und Nervenkrankheiten. 2. Band. Berlin 1870. p. 73. 

8») L. C. p. 108. 



970 

in verschiedenen medizinischen Zeitschriften — liber die kontrare 
Sexualempfindung beigebracht wurde, wobei es unentschieden 
bleiben soil, ob es sich ftir die grundliche — auch anthropo- 
logische — Erforschung und Auffassung der Homosexualitat als 
vorteilhaft erwiesen hat, dali es zunachst fast nur Psychiater 
und Nerven§.rzte waren, die sie nach dem Vorbilde ihrer groBen 
Meister studierten. DaB sie in der wissenschaftlichen Erorterung 
der Frage den Bann gebrochen haben, ist jedenfalls 
ihr nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst. 

Von den achtziger bis Mitte der neunziger Jahre schlossen 
sich dieser ^asuistischen Materialsammlung und vor allem 
Krafft-Ebings Psychopathia sexualis in fast alien Kulturlandern 
mehr oder weniger zusammenfassende Monographien an, 
die die Homosexualitat teils selbstandig teils im Zusammen- 
hang mit anderen sexuellen Anomalien behandelten. Von deut- 
schen Autoren sind wahrend dieser Periode besonders zu er- 
wShnen: Albert Mo 11*^), Albert Freiherr von 
Schre n ck- No tz i n g*^) und Albert E ulenb ur g^-) ; von 

*<^) A. M o 1 1, Die kontrare Sexualempfindung. Mit Benutzung 
amtlichen Materials. Berlin 1891. — Untersuchungen iiber die Libido 
sexualis. I. Band, l.Teil; Berlin 1897. 2..Teil 1898. Spater: Probleme in 
der Homosexualitat. Zeitschr. f. Kriminalanthropologie, Gefangnis- 
wissenschaft und Prostitutionswesen. I. Bd.* Heft 2. — Sexuelle 
Zwischenstufen. Die Zukunft 1902. — Wann diirfen Homosexuelle hei- 
raten? Deutsche medizin. Presse. 1912. — Wie erkennen und verstan- 
digen sich die Homosexuellen untereinander? Arch. f. Kriminalanthro- 

Eoiogie und Kriminalistik. Bd. 9. 1902. — Sexuelle Zwischenstufen. 
eitschr. f. arztliche Fortbildung. Nr. 24. 1904. — Perverse Sexual- 
empfindung, psychische Impotenz und Ehe ; aus „Krankheiten und 
Ehe." Miinchen 1904. Herausgegeben von Senator und Kaminer. — 
Paragraph 176. Zukunft 1905. — Sexuelle Perversionen, Geisteskrajik- 
heit und Zurechnungsfahigkeit. Moderne arztliche Bibliothek von Dr. 
P. Karewski. Berlin 1905. — Die Suggestion von Verbrechen. Berliner 
Morgenpost Nr. 83. 8. IV. 1906. — Inwieweit ist die Agitation zur Ab- 
schaffung des § 175 berechtigt? Deutsche medizin. Wochenschrift 

1907. — Lehren des Hardenprozesses. Zeitschr. fiir arztl. Fortbildung. 

1908. — Beriihmte Homosexuelle. Wiesbaden 1910. — Die Behandlung 
sexueller Perversionen mit besonderer Beriicksichtigung der Assozia- 
tionstherapie. Zeitschr. f. Psychotherapie und mediz. Psvchologie. 
III. Bd., Heft 1. 1911. — 

*^) A. von S c h r e n c k - N o t z i n g. Die Suggestioustherapie bei 
krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes. Stuttgart 1892. — 
Uber Homosexualitat. Klinische Rundschau Nr. 15, 1890 und Nr. 26, 
1891. — Premier Congres de I'Hvpnotisra ; Comptes rendus publics 
sous la direction du Dr. Edgar Berillon 1889. S. 319—322. — Revue de 
I'Hypnotisme, 1. decembre 1891 und 1. juillet 1890. — Ein Beitrag zur 
Atiologie der kontraren Sexualempfindung. Wien 1895. — Beitrage zur 
forensischen Beurteilung von Sittlichkeitsvergehen. Archiv von GroB: 
Bd. I. — Literatur der Psychologic und Psychopathologie der yita 
sexualis. Zeitschr. f. Hypnose. Bd. VII und VIII. — Die Frage nach 
der verminderten Zurechnungsfahigkeit. GroB' Archiv. Bd. VlII. 

") A. Eulenburg. Sexuelle Neuropathie. Leipzig 1895. — §175. 



Digitized by VjOOQIC 



f ranzosischen: Che valier^^), Marc-Andre Raf- 
falovich^^) und Laupts^^); von englischen; Have- 
lock Ellis, J. A. Symonds*^) und Edward Car- 
penter^^a); von italienischen: Penta^"^) und Lorn- 
broso*^); von mssischen: T ar no wsky^^). Auch der 

Die Zukunft 1898. — Zusammenhang von Gesch,lechtsleben. und Nerven- 
system. Umschau 1907. — Homosexualitat. Deutsche Montagaaeitung. 
Berlin, 19. Dezember 1910. — 

*3) J. Chevalier, De rinversion de riiistinct sexuel au point 
de vue m6dico-16gal. Arch, de TAnthropologie criminelle et des sciences 
penales. Paris — Lyon 5 me tome 1890 et 6 me tome 1891. —^ tJne 
maJadio de la personality ; Tinversion sexuelle. Paris — Lyon 1893, 
Lamour homosexuel. Arch, d'anthropol. etc. 1910. 

**) Marc-Andr6 Raffalovich, L*uranisme, inversion sexu- 
elle congenitale. Observations et conseils. Paris 1895. — Annales de 
Tunisexualit^. 1897. — L*amour homosexuel. Arch. d*anthropologie cri- 
minelle. April 1910. — Urajiisme et unisexualite. Paris — Lyon 1896. 

— Chronique de I'unisexualit^. Arch. d*anthrop. crim. 1909. 

*^) L a u p t s , Perversion et pcrversit^s sexuelles. Une enqudte sur 
rinversion etc. Preface par Emile Zola. Paris 1896. -^ Betrachtungen 
fiber die Umkehrung des Geschlechtstriebes. Zeitschr. fiir Kriminal- 
anthropologie. Bd. I, 321. 1897. — Sur la pretendue degenerescence des 
peuples romanes et particulierement de la France. Archives d'anthro- 
poJogie criminelle etc. 1908. — Degenerescence ou plethore? Archives 
d'anthropol. criminelle etc. 1908. — Lettre au professeur Lacassage. 
Archives d'anthropol. 1909. — L*homosexualite et les types homo- 
sexuels. Paris 1910. — 

*^) H a V e 1 c k Ellis und J. A. S y m o n d s , Das kontrare Ge- 
schlechtsgefiihl ; deutsch von H. Kurella. Leipzig 1896. — Havelock 
Ellis, Sexual inversion with an analysis of 33 new cases. Bulletin of 
the psychological Section of the medico-legal society. Vol. VIII. 1895. 

— Die Theorie der kontraren Sexualempfindung. Zentralblatt fiir Ner- 
venheilkunde und Psychiatric. 1896. — Sexual inversion. The Alienist 
and the Neurologist. 1896. — Ebenda: A note on the treatment of 
sexual inversion. — Nota sulle facolta artistiche degli invertiti. Arch, 
delle psicopatie sessliali. Vol. I. 1896. — Verbrecher und Verbrechen. 
Leipzig 1894. — Mann und Weib. Leipzig 1894. — Studies in the 

Esychology of sexual inversion. Philadelphia 1901. — Die Gattenwahl 
eim Menschen; deutsch von H. Kurella. Wiirzburg 1905. — Die 
krankhaften Geschlechtsempf indungen auf dissoziativer Grundlage : 
deutsch von E. Jentsch. Wiirzburg 1907. — Geschlecht und Gesell- 
schaft. Wiirzburg 1910. — 

*6a) Edward Carpenter, Die homogene Liebe, Leipzig o. J. ; 
spater lolaeus, an anthology of friendship ; The intermediate sex 
fdeutsch Miinchen o. J.) ; Homosexuality and divination in ,,The 
American Journal of religious psychology", July 1911. Im Erscheinen 
begriffen : Intermediate types among primitive folk. 

*^) Pascale Penta, I pervertimenti sessuali nelPuomo e Vin- 
cenzo Verzeni strangulatore di donne. Studio biologico, Napoli 1839. 

— Caratteria generali, originese significatio dei pervertimenti sessuali. 
Archiv. delle psychop. sess. Bd. V, 1890. Roma. — Uber einen Fall 
sexueller Perversion. Rivista mensile di psichiatria forense. 1898. — 

*8)Cesare Lombroso, L'amore nel suicidio e nel delitto. 
Conferenze torinesi. Torino 1881. — Entartung und Genie. Leipzig 
1894. — Le neurosi in Dante e Michelangelo. Arch, di psych, science 
penal. Firense 1894. — Neue Entdeckungen zum Wahnsinn Leopardis, 
Tassos und Byrons. Deutsche Revue. 21. Jahrgang. 1896, — Der Ver- 



Digitized by VjOOQIC 



972 

d&nische Autor T a n d e m^^) mit seiner ausgezeichneten Ar- 
beit „Kontrar Seksualfornemmelse" ist zu nennen. — 

In der Haupteache schlossen sich alle diese Autoren ziem- 
lich eng an Krafft-Ebing an; einige, wie die deutschen, 
betrachteten anehr das Pathologische, der therapeutischen Be- 
handlun^ Zugangliche der Erscheinung, andere, wie die Eng- 
lander, mehr das Anthropologisch - biologische, manche, wie 
Raffalbvich, hielten ihre vollige Unterdriickung und Subli- 
niieriing ftir moglich und notwendig, andere 'fiir unausfiihrbar, 
einige erklarten eie fllr stets, andere fiir meist, wieder andere 
nur in der Minderzahl der Falle fiir angeboren, in einem Punkte 
aber waren alle einig, darin, dafi die bestehenden Strafver- 
folgungen der Homosexuellen mit der fortgeschrittenen wissen- 
schaftlichen Erkenntnis nicht mehr in Einklang zu bringen 
seien. Hatte doch schon 1879 der Berliner gerichtliche Sachver- 
standige Professor Liman erklart: ,,Die bestehenden strafge- 
setzlichen Bestimmungen des § 176 kann ich nur als voriiber- 
gehend ansehen. Ich halte den Zeitpunkt fiir nicht fern, wo 
sie aus unseren Gesetzblichern schwinden werden/* 



brecher. 1897. — Die Ursachen und die Bekampfung des Verbrechens. 
Deutscb von H. Kurella und E. Jentsch. Berlin 1902. — La psichio- 
logia di ima uxoricida tribadi. Arch, di psichiatria etc. 1903. — Homo- 
sexualitat und Verbrechen. Umschau 1906. 

*») B. T a rn o w s k y , Die krankhaften Erscheinungen des Ge- 
scblechtstriebs. Eine forensisch psychiatrische Studie. Berlin 1897. — 
De rinstinct sexuel, ses manifestations morbides au double point de 
vue de la jurisprudence et de la psychiatric. Paris 1901. — 

50) In Bibliothek for Laeger. 15. Maj. 1892. 4. Jabrgang. 



Digitized by VjOOQIC 



NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL. 

Die organisierte Bewegung gegen die Verfolgung der Homo- 
sexuellen. — Die geistigen Forderer des Befreiungskampfes. 

So etwa stand die Frage, als im Frlihjahr 1897 d,as W i s s e n - 
schaftlich-humanitare Komitee ins Leben trat. „Es 
setzto sich*', wie es in seiner Programmschrift heiBt: ,,zur Auf- 
gabe, auf Grand sichergestellter Forschungsergebnisse und der 
Selbsterfahrung vieler Tausender endlich Klarheit dartiber zu 
schaffen, daB es sich bei der Liebe zu Personen des gleichen Ge- 
schlechts, der sogenannten Homosexualitat, um kein Laster oder 
Verbrechen, sondern um eine vonNatur tief in einer Anzahl von 
Menschen wurzelnde Geftihlsrichtung handelt.*' Trotz des, wie 
wir sahen, bis dahin bereita ziemlich betrachtlichen Umf anges der 
Literatur liber die Homosexualitat konnte bis zu dieser Zeit 
von einer planmaOigen Bewegung, von einer organisierten 
Arbeit, keine Rede sein. Diese setzte erst mit der Eingabe an 
die gesetzgebenden Korperschaften des Deutschen Reiches ein, 
welche die Beseitigung der Strafbestimmungen forderte, die die 
homosexuell Empfindenden mit entehrenden Strafen bedrohte. 
DaB diese Petition tatsachlich einen Wendepunkt in der Ge- 
schichte der homosexuelien Befreiungs^bestrebungen bedeutete, 
kommt dadurch zum Ausdruck, daB, wahrend die Gesamtzahi 
aller diesen Gegenstand behandelnden wissenschaftiichen Ar- 
beiten bis zum Jahre 1897 kaum hundert betrug, in dem nun 
folgenden Jahrzehnt nicht weniger als tausend ver- 
schiedene Abhandlungen liber die homosexuelle Frage erschienen, 
darunter vom Jahre 1899 ab ein ^f^roBangelegtes periodisches 
Organ, die bereits in XIII abgeschlossenen Banden vorliegenden 
,,Jahrbucher ftir sexuelle Zwischenstufen**, welche die Homo- 
siexualitat des Mannes und des Weibes und verwandte Natur- 
erscheinungen nach alien Richtungen hin durchforschen soUten. 
Bald nachdem die genannte Petition den gesetzgebenden Korper- 
schaften zugegangen war, empfing der Chef des Reichsjusftilzr 



Digitized by VjOOQIC 



974 

amtes, Staatssekretar Nie herding, den Verf asser der Eingabe 
und dieses Werkes und sagte: ,,Bevor das Volk nicht weiB, daB 
es sich hier um ethische Forderungen handelt, nicht urn eine 
©exuellc Oder wissenschaftliche Marotte, kann die Regierung 
nichts in dieser Sache tun. Klaren Sie die offentliche 
Meinung auf, damit man weiB, worum es sich 
handelt, wenn die Regierung auf diesen Para- 
graph en verzichtet." 

In Ubereinstimmung mit diesem Ausspruch entfaltete das 
Wissenschaftlich-liumanitare Komitee eine metho- 
dische Aufklarungsarbeit groBen Stils. Es wurden in zehn- 
tausenden von Exemplarea Broschiireni) verbreitet, die in all- 

femeiuverstandlicher Weise das Wesen der Homosexualitat er- 
liirteu, es wurden ferner in verhaltnismaBig kurzer Zeit nicht 
weniger als 100 000 Aufkliirungsschriften auBer an den groCten Toil 
der Presse, an samtliche deutsche Justizministerien, Staatsanwalte, 
Richter, Anwaltskammern, Rechtsanwalte, Arzte, Universitataprofes- 
soren, an viele Geistliche und Lehrer und sehr oft auch auf Wunscb 
Homosexueller an deren Verwandte und Bekannte versandt. Des wei- 
teren wurdc in hunderten von Zusammenkiinften, teils regelmaCigeu 
Sitzuneen, teils offentlichen Versammlungen, die homosexuelle Frage 
in lebnafter Diskussion erortert. Ganz besonders verdient die offent- 
liche, am 18. Oktober 1907 in den Germaniasalen zu Berlin zwischen 
dem Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Fritsch und Dr. M. Hirschfeld 
stattgehabte Disputation fUr und gegen den § 175 genannt zu werden, 
an deren Ende Prof. Fritsch seine Resolution zugunsten derjenigen 
des Komiteeleiters zuriickzog, und sich beide Gegner, unter dem minu- 
tenlangen Beifall einer zweitausendkopfigen Menge, zum Zeichen der 
Verstandigung die Hande reichten^). 

Des weiteren wurden auf Veranlassung und Kosten des 

Komitees Umfragen und grundlegende Forschungen iiber das 

Wesen und die Verbreitung der Homosexualitat veranstaltet und 

wiehtige biologische, historische, ethnographische, biographische 

und bibliographische Untersuchungen angestellt, welche das 

homosexuelle Problem wesentlich vertieften. 

Man hat sich wiederholt gegen diese Verkniipfung von wissen- 
schaftlicher imd aufklarender Tatigkeit gewandt, namentlich Moll 
und V. Notthafft taten dies und v. B e r g m a n n , der ^chrieb, 
es sei zu bedauern, daB wissenschaftliche Forschungsergebnisse solche 



1) 1. ,,Was soil das Volk vom dritten Geschlecht wissen? Eine 
Aufklarungsschrift iiber gleichgeschlechtlich (homosexuell) empfindende 
Menschen.*' Herausgegeben vom Wissenschaftlich-humanitaren Komitee. 
34. — 50. Tausend. Mit Illustrationen. Leipzig 1911. (Preis 20 Pfennige.) 
2. „Gewichtige Stimmen iiber das Unrecht des § 175 unsers Reichs- 
strafgesetzbuchs (§ 250 des Vorentwurfes zu einem neuen Deutschen 
Reichsstrafgesetzbuch).'* Zusammengestellt und herausgegeben vom 
Wissf-nschaftlich-humanitaren Komitee. Berlin NW. 40. In den Zelten 19. 
Leipzig 1913. (Preis 20 Pfennige.) 3. „Tatigkeit und Zweck des Wissen- 
schaftlich-humanitaren Komitees." 

2) Genaue Schilderimg dieser Versammlung in den Monatsbe- 
richten des Wissenschaftlich-humanitaren Komitees, Nov. 1907. 



Digitized by VjOOQIC 



975 

Verwertung finden. Wir vertraten demgegeniiber stets den Stand- 
punkt, dafi wissenschaftliche Forschungsergebnisse 
koinen Zweck haben, wenn sie nicht praktisch 
verwertet werden. Sonst kommen wir zu Zustanden, die am 
richtigsten der Grazer Strafrechtslehrer Prof. Vargha geiBelte, ale 
er ausrief: „Da8 Weltbild, welches bei Juristen und Pontikerii und 
dasieni^e, welches in den Kopfen aufgeklarter Natnrf orscher vorherrscht, 
steilt sich so grundverschieden dar, als ob sie nicht Zeitgenossen, son- 
dern durch eine Eluft von Jahrhunderten von einander getrennt waren." 

Im Zusam'menhang mit der mehr nach auBen gerichteten 
Tatigkeit des Komi tees wurde, von Vertretern der Wissenschaft 
geflihrt, ein organisierter geistiger ZusammenschluU homo- 
sexueller M&nner und Frauen, sowie ihnen biologisteh verwandter 
Geschlechtevariet&ten in die Wege geleitet und dadurch eine Zen- 
trale, eine Zufluchtsstatte von hoher ethisdier Bedeutung, wie 
sie bisher ni© und nirgends in der Geschichte ihresgleichen hatte, 
gesehaffen, ein Halt und eine Sttitze ftir viele gequalte Herzen. 
Diese positive Tatsache, daB dasi Komitee auBerordentlich vielen 
Menschen das Selbstvertrauen und die Achtung vor sich selbst, 
die Zuneigung ihrer Angehorigen zuriickgegeben hat, daB es 
direkt und indirekt Tausende vor Selbstmord gerettet, vor G^- 
fangnis. Schande und Irrsinn bewahrt und aus Erpresserhanden 
befreit hat, diese unbestrittenen Tatbestande allein waren den 
Angriffen kurzsichtiger Gegner gegentiber immer wieder eine 
Mahnung, nicht nachzulassen in dem miihevollen, a'ber ge- 
rechten Kampfe. In diesem Sinne heiBt es in der Progranun- 
^chrift: „Das Komitee ist von der fasten, unwandelbaren Ober- 
zeugung getragen, daB der Kampf, den es ftihrt, eiui guter und 
notwendiger ist und daB das von ihm erstrcbte Befreiungswerk 
auf wahrhaft sittlicher Grundlage ruht.** 

Das Komitee ist so oiganisiert, daB an seiner Spitze ein L e i - 
t e r und sechs Vorstandsmitglieder stehen, die ihren VVohnsitz in 
Berlin haben. Mitglied des W.-h. E. kann ohne Biicksicht 
auf politische und religiose Anschauung, Beruf, Geschlecht und 
Veranlagung jede Person werden, welche die Ziele des 
Komitees billigt. Aus den Mitgliedern werden 70 Obmanner 
gewahlt, die moglichst viele Gegenden, Stande und Anschauungen 
vertreten ; nur der naturwissenschaf tlich - medizinischen und der 
juristischeii Fakultat soil ein gewisses Vorrecht zugebilligt wer- 
den. Gegenwartig befinden sich Obmanner und Vertrauensmanner des 
Komitees aufier in Deutschland in Danemark, Schweden, Norwe^en, 
England, Holland, Belgien, Frankreich, Spanien, Italien, Osterreich- 
Ungarn, Tiirkei, Nord- und Siidamerika, Siidafrika, RuBlaind, China, 
Japan u. a. 

Die Obmannschaft, in deren Kreise sich auch Frauen be- 
finden, wird von der Generalversammlung nach Vorschlag der vor- 
handenen Obmanner gewahlt und bildet ein Kollegium, das dem Leiter 
in alien wichtigen Fragen und Entscheidungen beratend und beschlie- 
Oend zur Seite steht. 



976 

Nach dem Muster dieser deutschen beginnen in den letzten Jahren 
sich ahnliche Organisationen in Holland, England, Osterreich und 
der Schweiz zu bilden. 

DaB eine Organisation wie das Wissenschaftlich'-humanitaro 
Komitee alien auBeren Stlirmen zum Trotz nun bereits in das 
achtzehnte Lebensjahr geht, beweist, daU das Fundament, auf 
dem es gebaut ist, ein solides und stabiles ist. Die Petition, 
welche den AnstoB zu der sich ausbreitenden Bewegung gab — 
so wie ein sich losender Stein eine Lawine insi RoUen bringt — , 
hatte folgenden Wortlaut: 

In Anbetracht, daB bereits im Jahre 1869 sowohl die osterreichi^che 
wie die deutsche oberste Sanftiitsbehorde, welcher Manner wie 
Langenbeck und V i r c h o w angehorten, ihr eingefordertes 
Gutachten dahin abgaben, daC die Strafandrohungen des 
gleichgeschlechtlichen Verkehrs aufzuheben 
5 e i e n , mit der Begriindung, die in Rede stehenden Handlungen 
unterschieden sich nicht von anderen, bisher nirgends mit Strafe 
bedrohten Handlungen, die am eigenen Korper oder von Frauen 
untereinander oder zwischen Mannern und Frauen vorgenommen 
wiirden ; 

In Erwagung, daC die Aufhebung ahnlicher Strafbestimmungen in 
Frankreich, Italien, Holland und zahlreichen anderen Landern 
durchaus k e i n e entsittlichenden oder sonst ungiinstigen F o 1 g e n 
gezeitigt hat; 

Im Hinblick darauf, daB die wissenschaftliche Forschung, die sicb 
namentlich auf deutschem, englischem und franzosischem Spr£icli- 
gebiet innerhalb der letzten zwanzig Jahre sehr eingehend mit 
der Frage der Homosexualitat (sinnlichen Liebe zu Personen des- 
selbeu Geschlechts) beschaftigte, ausnahmslos das bestatigt 
hat, was bereits die ersten Gelehrten, welche dem Gegenstande 
ihre Aufmerksamkeit zuwandten, aussprachen, daB es sich bei 
dieser 6 r 1 1 i c h und zeitlich so allgemein ausgebreiteteu 
Erscheinung ihrem AVesen nach um den Ausflufi einer tief inner- 
lichen konstitutionellen Anlage handeln miisse ; 

Unter Betonung, daB es gegenwartig als nahezu erwiescn anzusehen ist, 
daB die Ursachen dieser auf den ersten Blick so ratselhaf ten 
Erscheinung in Entwicklungsverhaltnissen belegen sind, 
welche mit der bisexuellen (zwittrigen) Uranlage des Menschen 
zusammenhangen, woraus folgt, daB Niemandem eine sittliche 
Schuld an einer solchen Gefiihlsanlage beizumessen ist; 

Mit Riicksicht darauf, daB diese gleichgeschlechtliche Anlage meist in 
ebenso hohem, oft in noch hoherem MaBe zur Betatigung 
drangt, als die normale ; 

In Anbetracht, dafi nach den Angaben samtlicher Sachverstandigen der 
coitus analis und oralis im kontrarscxuellen Verkehr verhaltnis- 
maBig selten, jedenfalls nicht verbreiteter ist als im 
normalgeschlechtlichen ; 

In Erwagung, daB unter denjenigen, die von derartigen Gefiihlen erfiillt 
waren, erwiesenermaBen nicht nur im klassischen Altertum, 
sondern bis in unsere Zeiten Manner und Frauen von hoohster 
geistiger Bedeutung gewesen sind ; 

In Hinblick darauf, daB das bestehende Gesetz noch keinen Kontrar- 
scxuellen von seinem Triebe befreit, wohl aber sehr viele brave, 
niitzliche Menschen, die von der Natur mehr als genug be- 
nachteiligt sind, ungerecht in Schande, Verzweiflung, ja 
I r r s i n n und Tod gejagt hat, selbst wenn nur ein Tag Ge- 



Digitized by VjOOQIC 



fangnis — im Deutschen Reiche das niedrigste StrafmaB fiir diese 
Handlung — festgesetzt, oder selbst wenn nur eine Vorunterauchung 
eingeleitet wurde; 
Unter Beriicksichtigung, daB diese Bestimmungen einem ausgedehnten 
Erpressertum (der Chantage) and einer hochst verwerf lichen 
mannlichen Prostitution groBten Vorschub geleistet 
haben, erklaren untenstehende Manner, deren Name fiir den Ernst 
nnd . die Lauterkeit ihrer Absichten biii^gen, beseelt von denj 
Streben fiir Wahrheit, Gerechtigkeit nnd Mensch- 
lichkeit, die jetzige Fassung des § 175 d. R.-Str.-G.-B. fiir 
unvereinbar mit der fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkennt- 
nis und fordem daher die Gesetzgebimg auf, diesen Paragraphen 
moglichst bald dahin abzuandern, daB, wie in den oben- 
genannten Landern, sexuelle Akte zwischen Personeq 
desselben Geschlechts ebenso wie solche zwischen 
Personen verschiedenen Geschlechts (homosexuelle 
wie heterosexuelle), nur dann zu bestrafen sind, 

wenn sie unter Anwendung von Gewalt, wenn sie an Per*- 
sonen unter 16 Jahren, oder wenn sie in einer „6ffentliches 
Argernis** erregenden Weise (d. h. verstoBend gegen den 
§ 183 d. R-Str.-G.-B.) 
vollzogen werden. 

Diese Petition wurde von mehr als 3000 deuts<;hen Arzten 
unter zeichnet, ferner von 750 Direktoren und Lqhrern 
hoherer Lehranstalten, von zahlreichen hervorragenden Juristen, 
unter denen die Professoren des Strafrechts und der 
Staatswissenschaf ten Geh. Eat L a 'b a n d , Professor M i 1 1 e r - 
meier, Franz von Liszt, F. F. Bruck- Breslau, G ti n - 
t h e r - GieBen, Kleinfelder- Kiel, A 1 1 f e 1 d - Erlangen, 
Or tloff- Weimar, Pier s tor ff- Jena besonders hervorgehoben 
seien ; endlich von den meisten groBen Dichtern, Schrif tstellern und 
Kiinstlern des zeitgenossisch'en Deutschlands, wie Ernst von 
Wildenbruch, Gerhart Hauptmann, Betlev von 
Liliencron, Hermann Bahr, Max Hal be, Georg 
Hirschifeld, Ernst von Wolzogen, Adolf Wil- 
brandt, Bruno Wille, Henry Mackay, Rich'ard 
Vofl, Kainer Maria Rilke, Karl Kautsky, Otto 
Erich Hartleben, Otto Julius Bierbaum, Ferdi- 
nand Avenarius, Karl Weiser, Liebermann, Lei*- 
stikow, Kaulbach, Stuck, Weingartner und sehr 
vielen anderen. 

Dabei ist zu bemerken, daB eine Reihe von Mannern, die den 
ho heron Justiz- und Medizinalbehorden angehorten, ihr 
vollstes Einverstandnis mit dem in der Eingabe zum Ausdruck gebrach- 
te-i Standpunkt erklarten, lediglich aber aus amtlichen Riicksichten von 
einer Unterzeichnung ilires Namens Abstand zu nehmcn sich veranlaBt 
saben. So auBerte sich Landgerichtsprasident L. : „Sehr ergebenst zuriick 
mit dem Erwidern, daB ich mich lediglich aus dem Grande nicht zur 
Unterzeichnung der Petition veranlaBt sehen kann, daB ich es nicht 
als Aufgabe der im aktiven Dienste stehenden richterlichen Beamten 
erachten kann, in eine Bewegung zur Anderung der bestehenden Ge- 
setze einzutreten. In der Sache selbst stehe ich aiif dem 
Hirschfeld, HomosexualitSlt. ^2 



Digitized by VjOOQIC 



978 

in der Petition zum Ausdruck gebrachten Stand- 
pun kte."; und Obermedizinalrat L. achreibt: ,.Thre verehrliche Zu- 
sohrift in Betreff der Abanderung von § 176 des R.-Str.-G.-B. beehre 
ich mich dahin zu beantworten, daO ich nicht in der Lage bin, deij 
Petition meine Unterschrift zu geben, obschon ich sowohl mit 
deren Inhalt, als mit den Motiven vollkommen ein- 
verstanden bin. Als aktives Mitglied einer Behorde, welche, 
wenn es sich um medizinische Fragen handelt, bei den Vorbereitungen 
zur Abanderung gehort zu werden pflegt, soil und darf ich mich im 
voraus nicht binden, meinem eventuell also amtlich zu gebenden Votum 
nichi; vorgreifen. Im gegebenen Falle werde ich, was in mir liegt, 
tun, Ihr gerechtes und den Fortschritten der Wissen- 
schaft vollauf entsprechendes Vorhaben an m einer 
St die zu unterstiitzee n." 

Spatere Auflagten der Petition enthielten noch einen Nachtrag*) 
in dem sich die namentlich von juristisoher Seite fur die Ab- 
Bchaffung des § 175 gel tend gemachten Griinde zusammengestellt 
finden, sowie einen A n h a n g , in dem durch einen dem wissenschaft- 
lich>humanitaren Komitee angehorenden katholischen Geistlichen die 
von theologischer Seite gegen die Petition erhobenen Einwande 
widerlegt sind. 

Aus dem theologischen Anhang seien folgende Stellen 
wiedergegeben : 

„In der Reichstagssitzung vom 19. Januar 1898 wurde von dem 
Reichstagsabgeordneten Herrn Pastor So hall gegen obige Eingabe 
als einziger Einwand geltend gemacht, sie stande mit den Anscnau- 
ungen aes Christentums in Widerspruch. Mehrere hervorragende 
Unterfertiger hatten dagegen dieselbe ,als echt menschlich und christ- 
lich* bezeichnet. Ein Geistlicher schrieb sogar : ,Wer die heilige Schrift zur 
Befurwortung solcher Gesetze anzieht, der kennt sie nicht.* Wer hat da 
recht? — Die richtigste Beantwortung der Frage, wie sich die Aufhebung 
des § 175 mit dem christlichen Standpunkt vereinigen laBt, scheint 
uns in folgenden Ausfiihrungen eines hervorra^enden Unterfertigers 
der Petition zu liegen: ,Die Forderungen des Christentums sind Jdeale, 
die, so unentbehrlich sie fiir imser privates und offentliches sitt- 
liches Leben sind, doch zugestandenermaBen nicht alle ohne weiteres 
zu staatlichen Gesetzen gemacht werden konnen. Ich erinnere z. B. 
daran, wie das alte Testament die Vorkehr gegen die Befruchtung 
Drandmarkt (1. Mos. 38, 4), sowie an das, was Christus iiber Be- 
leidigung (Matth. 5, 22: ... . wer zu seinem Bruder sagt du Narr, der 
ist des hoUischen Feuers schuldig*), iiber den Ehebruch (Matth. 5, 
32), iiber den Eid (Matth. 5, 37) sagt. Demgemai3 sind auch eine Menge 
von geschlechtlichen Handlungen, die das Christentum als verwerf- 
lich bezeichnet. und die alljremoin als sittlich verwerflich anerkannt 
sind, vor dem Gesetz nicht strafbar. Es ist inkonsequent und unhalt- 
bar, wie Bischof Dr. Paul Haffner von Mainz in ein em 
Briefe an dasWissenscliaftlich-humanitare Komitee 
ausfiihrt, die strengen Forderungen des Christentums nur auf eine 
einzelne Art von geschlechtlichen Handlungen zu beziehen, wahrend 
die gleichen Verhiiltnisse unter Weibern, die tatsachlich ebenso oft 
vorkcmmen und andere zilln Teil viel schlimmere Dinge, welche nicht 
der AusfluB konstitutioneljer oder krankhafter Anlage sind, z. B. die 
Weibcipadikation u. a., straffrei bleiben.* Zudem geht aus dem Wort- 
laut der biblischen Stellen (at/'tVrfc rhv fpvmxrjv /p^Jmy ry}c ^Xeia^ ver- 
lassen den natiirlichen Gebrauch des Wei bed) unwiderleglich hervor, daB 
die Jiaturwissenschaftliche Erkenntnis der damaligen Zeit das Pha- 

"0 Abgedruckt im Jhb. f. sex. Zw. Bd. I. p. 266 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



979 

nomen der umischen Individualitat noch nicht in seiner Wesenheit 
erlaJit hatie. . . . Gelehrte der katholis*chen Kirche haben sicb 
schon friiher wiederholt gegen die Bestrafung angeborener Homo- 
sexualitat ausgesprochen. Mogen doch die gesetzgebeuden Korper- 
schaften erkennen, daB es sich in der obigen Petition nicht etwa um, 
Propaganda fiir den UraJiisniua handelt, sondern ©inzig und allein 
um die Beendigungen von Verfolgungen, welche die Nachwelt zweifel- 
los einst in jenes tranrige Kapitel der Kulturgeschiehte einreihen wird, 
in welchem die iibrigen Verfolgungen andersglaubiger und andersge- 
arteter Menschen verzeichnet stehen." 

Viele Petitionsunterzeichner begleiteten ihre Unterschriften 
mit 5ehr bsmerkenswerten Zusatzen. Nur ganz wenige seieu 
wegen Raummangels aus der groBen Anzahl als Beispiele ftir 
viele angefiihrl. 

Ernst von Wildenbruch, der mit Krafft-Ebing, 
Franz von Liszt und August Bebel zu den vier ersten Man- 
nern gehorte, welche die Eingabe, die urspriinglich in Form einer Er- 
klarung abgefaBt war, unterzeichneten, schreibt u. a.: „Ich beeile 
mich die ernste Aufforderung zu beantworten, die Sie an mich rich- 
ten — eine ernste Aufforderung, denn ich glaube, dai3 die Unter- 
zeichner des Aufrufes zur Beseitigung genannter Strafbestimmungen 
sich der Gefahr aussetzen, von der Dummheit und der Boswilligkeit mit 
verlaumderischen Reden verfolgt zu werden; dennoch erscheint es mir 
unmoglich, den Aufruf nicht zu unterschreiben. Die Bestimmungen 
des Deutschen Strafgesetzbuches liber die vorliegende Frage erschei- 
nen mir innerlioh unhaltbar, weil sie sich auf den Standpunkt eines 
Moralkodex stellen, was ein Strafgesetzbuch nicht soil; sie erscheinen 
mir auBerlich ungerechtfertigt, weil sie die Vornahme gleicher Hand- 
lungen zwischen Frauen ungestraft lassen, also mit ungleichem MaCe 
messen etc." 

Max Halbe, der bekannte Dramatiker, aufierte sich: „Ich freue 
mich, dank Ihres Vertrauens auch meinen bescheidenen Teil zur For- 
derung einer Kulturtat mithelfen zu konnen." 

Der Wiirzburger Biologe Professor O. Schultze bemerkt : 
„Indem ich Ihnen fiir die Zusendung der Eingabe zur Beseitigung der 
betreffenden Strafbestimmung bestens danke, telle ich Ihnen gerne mit, 
daB ich mit der Eingabe vollkommen einverstanden bin. Die als straf- 
bar betrachteten Handlungen sind nicht nur bei Homo sapiens, sondern 
auch bei zahlreichen hoheren und niederen Tieren so haufig be- 
obachtet, daB man mit ihnen als mit — wenn auch unnatiirlich 
erscheinenden — so doch in der tierischen Natur tief begriindeten 
Tatsachen rechnen muB, deren gerichtliche Verfolgung den Natur- 
trieb niemals abandern kann, vielmehr, wie richtig hervorgehoben ist, 
mehr schaden als niitzen muB. Fiir mich als Biologen erscheint es 
geradezu komisch, wenn man mit Feder und Papier solche Naturanlage 
auszurotten oder auch nur in irgend einer nennenswerten Weise ein- 
zuschranken vermeint." 

Ein Philologe fiigte folgende AVorte hinzu: „Tch danke Ihnen, 
daB Sie mir es ermoglichen, an Ihrem ernsten und wichtigen Werke in 
bescheidener Weise mitzuarl)eiten. Seit Jahren bin ich mit Ihren Ge- 
danken und Griinden vertraut und werdc, was an mir liegt, zu ihrer 
Verbreitung beitragen." 

Ein Mediziner begleitet seine Unterschrift mit folgenden 
Satzen: „Eine ganze Welt von Stimmen des Einwandes gegen die Ab- 
anderung dieses verderblichen Gesetzes andert nichts an dem ehernen 
Tatbestande des Eingeborenseins homosexueller Triebe. Wer wollle 
auf Grund dieser wissenschaftlichen Errungenschaft sein Ilerz den 
leidenden ^Mitmenschen verschlieBen \md am Karapfe nicht teilnehmen V* 

62* 



Digitized by V:iOOQIC 



980 

Ein anderer Arzt: 5,Wer wie ich gesehen hat, welcbe ver- 
zweifelten Anstrengnngen von Urningen gemacht werden, um von 
dem unseligen Verhangnis loszukommen, welche seelischen Kampfe 
darchgefochten, welche materiellen Opfer zu diesem Zwecke ge- 
bracht werden, und welche geradezu bewundernswerte Energie von 
diesen Stiefkindern der Natur entwickelt wird, der wird alles 
daran wenden, um jenen unheilvollen Paragraphen des Strafgesetz- 
buches zu Falle zu bringen. Warum weisen sle nicht mit auf den 
Punkt hin, dafi jeder normal veranlagte Mensch das Ungliick haben 
kann, unter seinen eigenen Sohnen einen Urning heranwachsen zu 
sehen. . . . Der § 175 spricht jeglicher Kultur Hohn." 

Ein anderer: „Ich trete ganz entschieden fur Abschaffung des 
„ 175 ein, well der Urning Rechte dritter Pers'onen, ebensowenig wie eine 
Tribadie, verletzt, und somit nicht vor das Forum des Richters, sondern 
des Arztes gehort." 

Ein w e i t e r e r : „ Wenn man die homosexuellen Menschen als 
straiwiirdige Verbrecher verfolgt, so miifiten logischerweise auch die 
korperlichen Hermaphroditen fiir ihr korperliches Zwittertum bestraft 
werden. So wenig letzteres geschehen kann, so sehr ist auch die Be- 
strafung der seelischen Zwitter verfehlt. Denn ob man sie bisexuell 
Oder homosexuell nennt, sie sind nichts anderes als seelische Herma- 
phroditen. Sie verdanken dieses unheimliche Erbgut einer angeborenen 
Anlage, nicht einer falschen Erziehung. Sie sind niemals mit Strafe 
zu belegen. sondern allerhochst regelwidrig veranlagte Menschen." 

Geheimer Rat Jolly bemerkt: „Ich bin zwar mit Ihnen der An- 
sicht, daC die Bestimmungen des § 175 ungerecht und veraltet sind," 
meint dann aber es sei notig, ,, einen statistischen Nachweis "iiber die 
Haufigkeit der Falle von Verurteilung und Erpressung zu erbringen, 
da nur in dieser Weise die Nachteile der Gresetzesbestimmung wirk- 
sam vor Augen gefiihrt werden konnen." 

Geh. Sanitatsrat Bar, weil'. dirig. Arzt der Gefangenen-Ans talfc in 
Plotzensee, auBerte bei Unterzeichnung der Petition: .,Der Erklarung 
betr. Abschaffung des § 175 des D. Str. G. B. trete ich aus v oiler 
Oberzeugung bei. Aus meiner Erfahrung als vieljahriger Gefangnis- 
arzt weiB ich, welche Unbilligkeit und Harten diese gesetzlichen Straf- 
Destimmungen zm* Folge haben." 

Leubuscher, Professor der gerichtlichen Medizin in Jena, 
schrieb: „Mit Freude setze ich unter die mir zugegangene Petition 
meinen Namen. Bin ich auch nicht in alien Punkten mit den darip 
enthaltenen Ausfiihrungen einverstanden, so doch voll und ganz mit 
dem SchluJJsatz, der Notwendigkeit einer Anderung des § 175. In 
meinen Vorlesungen iiber gerichtliche Medizin habe ich stets diesen 
Standpunkt vertreten." 

Geh. Medizinalrat Professor Dr. Griinhagen in Konigsberg 
fiigto seiner Unterschrift die Worte hinzu: „Auch ich halte den § 175 
des Reichsstrafgesetzbuches ebenso sehr fiir einen moglichst rasch zu 
beseitigenden MiBgriff des Gesetzgebers, als fiir einen ganzlich un- 
gerechtfertigten Einjgriff des Staates in das personliche Gefiihlsleben, 
und trage daher nicht das geringste Bedenken, meine Unterschrift 
zugunsten der mitgeteilten Petition abzugeben." 

Professor Ritschel in Freiburg i. Br. sagt: ,,Ihrer Auf- 
fordei-ung, mich dem Antrage des Wissenschaftlich-humanitaren Komi- 
tees um Aufhebung des den homosexuellen Verkehr mit Strafe be- 
drohendeu Gesetzesparagraphen anzuschlieBen, komme ich gem nach, 
weil ich die Befriedigung eines solchen perversen Triebes, soweit 
ein zweites Individuiun dabei keinen Schaden leidet, als eine straf- 
rechtlich zu verfolgende Handlung nicht ansehen kann. In weit 
hoherem MaCe straffallig als einen derartigen Akt, mag er nun in 
der Konstitution begriindet sein oder nicht, halte ich eine auch nach 
dem neuen Strafgesetze voUig straflose Schwangerung eines Madchcns, 



Digitized by VjOOQIC 



981 

speziell nachdem ihr in leichtsinniger Weise die Ehe versprochen 
wurde/ 

Ein hoherer Jurist schreibt : „Der an die gesetzgebenden 
Korperschaften des deutschen Reiches behufs Abschaffung des § 176 
des R. Str. G. B. zu richtenden Eingabe schlieBe ich mich hiermit 
an nnd bedaure nur, daJJ, wenn Sie Ihr Ziel erreichen, damit das furcht- 
bare Unrecht, welches bisher auf Gnind des § 175 des R. St. G. B. 
seitens der Staatsgewalt an vielen der armsten Menschen veriibt wxirdei 
nicht wieder gut gemacht werden kann." 

Und ein anderer Richter: „Indeni ich Sie zu dem tapferen 
Vorgehen gegen den stets von mir in der Praxis mit dem grofiten 
Widerwillen angewendeten § 175 Str.-G.-B. begliickwiinsche, bitte ich, 
meinen Namen den Unterschriften beifiigen zu wollen." 

Notar Hau ber- Cassel* schrieb: „Bedaure nur, daB, wenn Sie 
Ihr Ziel erreichen, damit das furchtbare Unrecht, welches bisher auf 
Grund von § 175 R.-Str.-G.-B. seitens der Staatsgewalt an vielen der 
armsten Menschen veriibt wurde, nicht wieder gut gemacht werden 
kann." 

Notar W a 1 z - Pforzheim : „Beobachtungen des taglichen Lebens 
weisen mit gebieterischer Notwendigkeit auf die Abanderung des Para* 

fraphen. . . Die Harte des Gesetzes macht einen in einem solchei> 
'alie, wo iibermachtige Naturanlage in formlich diktatorischer Weise 
zum Widerspruch mit den Gesetzen zwingt, schaudern." 

Justizrat Dr. G a u p p schrieb : „DaB die Petition gerechtfertigt, 
wird keinem gebildeten Menschen ernstlich zweifelhaft seiii konnen." 

Rechtsanwalt Jeschke- StraBbuiig i. E. : „Es ist kaum zu be- 
greifen, daB dieser Paragraph noch immer am Leben ist." 

Und Rechtsanwalt Dr. von Pannwitz- MUnchen : „Ich habe 
in meiner umfangreichen Strafpraxis wiederholt Gelegenheit gehabt, die 
unseligen Folgen des § 175 kennen zu lernen. . . . werde gem Ver- 
anlassung nehmen, bei der seinerzeitigen Gerichtsverhandlung aucl> 
auf die im hochsten MaBe begrilBenswerte Bewegung des W.-h. K. hin- 
zu weisen." 

Geh. Justizrat Jachmann bemerkt : „Die Frage wird sich darauf 
zuspitzen, ob die Handlimgen der berechtigte AusiluB einer an picb 

fesunden, wenn auch anders als wir geartBten Natur sind oder nicht. 
n erstem Ealle und dieser Ansicht mochte ich mich nach meinen 
Erfahrungen anschlieBen, diirfte die Petition eine durchaus begriindete 
sein. Ist aber die Anlage eine krankhafte, durch ihren krankhaften 
Zustand die Willensfreiheit beeinflussende, so diirfte sich die Frage 
auf das allgemeine Gebiet der Willensfreiheit hiniiberspielen und die 
richterliche Priifung, inwieweit die Willensfreiheit als getriibt anzusehen 
sei, nicht vollstandig ausgeschlossen werden konnen. Indem ich Ihnen 
im librigen meinen Dank fiir die t' bersendung der mit auBerordentlichem 
Geschick abgefaBten, hochinteressanten Petition sage, bin ich usw." 
Professor Max M li 1 1 e r in Oxford antwortet dem Ver- 
fasser: „Ich bewundere Ihren Mut, und wahrlich Mut gehorte dazu 
fiir alle die vielen, welche, sei es drauBen im Leben, sei es drinnen 
in der Studierstube, die Ubefzeugung gewonnen hatten, daB es hier 
gilt, ein Unrecht gut zu machen, damit die Nachwelt von einem Para^ 
grapheu verschont bleibe, an dem mehr Leid, mehr Drangsal imd zer- 
schossene Gehirnmasse klebt, wie an irgendeinem anderen des Straf- 
gesetzbuches." 

Und der alte Bjornson schrieb : „Hochgeehrter Herr ! Seit 
mehr als 20 Jahren sehe ich die Sache so wie Sie und ware ich ein 
Deutscher, ich unterzeichnete. Ihr ergebener Bjornsterne Bjorn- 
son." 

Die Petition wurde "zum ersten Male im Dezember 1897 

den Mitgliedern des Reichstages und des Bundesrates liber* 



Digitized by VjOOQIC 



982 

reicht, und b.^reits am 13. Januar 1898 gelangt<^ der Gegenstand 
gelegentlich der ersten Beratung der sog. lex Heinze imi Plenum 
des Hauses zur Sprache. 

Es war der Abgeordnete B e b e 1 , der nach dem stenogi-aphischen 
Reichstagsbericht folgendes sprach: ,.Meine Herren, das ^^t^afgesetz- 
buch isi dazu da, daB es gehaltea wird, d. h. die Beliorden, die in 
erster Linie iiber die Innehaltung und Respektierung dieser Gesetze zu 
waoheu hal>en, miissea auch ihre pflichtgemafie Aufmerksamkeit darauf 
richteu und dementsprechend handeln. Es gibt aber Bestimmungeu 
in imserem Strafgesetzbuch, und die sind zum Teil mit in den An- 
trageu vorlianden, die una hier vorliegen, bei denen die Behorden, 
obgleich ihnen aufs genaueste bekannt ist, daB diese Bestimmungen 
von einer erheblichen Zahl von Menschen, sowohl Mannern als Frauen, 
systematisch verletzt werden, nur in den seltensten Fallen Versucbe 
machen, den Strafrichter zu Hilfe zu rufen. Ich babe bier insbeson- 
dere den Eingang der Bestimmungen des § 175 — er handelt von 
der widernatiirlicben ITnzucht — im Auge. Es wird notwendig sein, 
wenn die Kommission gewalilt wird — und ich stimme bei, daC eine 
solcbe gewahlt wird, weil meines Eracbtens dieser Gesetzentwurf ohne 
Kommissionsberatung nicht Gesetzeskraft erlangen kann — , daC als- 
dann besonders die preuBische Staatsregierung ersucht wird, ein ge- 
wisses Material, was ider hiesigen Berliner Sittenpolizei zur Ver- 
fiigung steht, uns vorzulegen, um auf Grund der Piiifung desselben una 
zu fragen, ob wir die Bestimmung des § 175 eingangs desselben auf- 
recht eriialten konnen und diirfen, und wenn sie aufrecht erhalten 
werden soil, ob wir sie dann nicht erweitern mussen. Mir ist aus 
bester Quelle bekannt, daB die hiesige Polizei die Namen von Mannern, 
die das im § 175 mit Zuchthaus bedrohte Verbrechen begehen, nicht 
etwa, sobald sie dies in Erfahrung bringt, dem Staatsanwalt nennt, 
sondem die Namen der betreffenden Personen zu den iibrigen Namen 
hinzufiigt, die aus dem gleichen Grunde bereits in ihren Registern vor- 
handen sind. .'(HortI horti links.) Die Zahl dieser Personen ist 
aber so groB und greift so in alle Gesellschaftskreise, von den untersten 
bis zu den hochsten ein, daB, wenn hier die Polizei pflichtgemaB ihre 
Schuldigkeit tate, der preuBische Staat sofort gezwungen ware, allein» 
um das Verbrechen gegen § 175, soweit es in Berlin l^egangen wird, 
zn suhnen, zwei neue Gefangnisanstalten zu bauen. (Bewegung. Hort ! 
hort!) — Das ist keine Ubertreibung ; es handelt sich,- Herr von Le- 
vetzow, um Tausende von Personen aus alien Gesellschaftskreisen. 
Es eixisteht aber auch welter die Frage, ob denn nicht auch die Bestim- 
mung im Eingang ides § 175 nicht bloB auf die Manner, sondem 
auch auf die Frauen auszudehnen sei, von deren Seite dasselbe Ver- 
brechen begangen wird. Was in dem einen Falle dem einen 
Geschlecht recht ist, ist dem anderen billig. Aber, 
meine Herren, eins sage ich Ihnen: wiirde auf diesem Gebiete die Ber- 
liner Polizei — ich will zunachst einmal von dieser reden — ihre voile 
Pflicht una Schuldigkeit tun, dann gabe es einen Skandal, gegen den 
der Panamaskandal, der DreyfuBskandal, der Liitzow-Leckert- und der 
Tausch-Normann-Schumann-Skandal das reine Kinderspiel sind. Viel- 
leiclit ist das einer der Griinde, weshalb mit so auBerordentlicher Lax- 
heit seitens der Polizei gerade dieses Verbrechen, das dieser Paragraph 
bestraft, behandelt wird. Meine Herren, der § 175 steht im Straf- 
gesetz, und weil er darin steht, muB er gehandhabt werden. Kann 
das Strafgesetz aber aus irgendwelchen Griinden 
nicht gehandhabt werden, w ird es nur ausnahms- 
weise gehandhabt, dann entsteht die Frage, ob die 
St raf bestimmung aufrecht erhalten werden kann. 
Ich will hinzufiigen, daB uns gerade in dieser Session — mancbe der 



Digitized by VjOOQIC 



983 

Herren habea das Vielleicht noch picUt; Iberiicksichtigt, — eine gedruckte 
Petition vorli^t, unterzeichruet u. a. aucb von meiner Person und 
von einer Anzahl Kollegen aus anderen Parte ien, ferner aus Schrift- 
steller- und Gelehrtenkreisen, von Juristen mit Namen besten Klanges, 
Psycho- und Pathologen, von Sachverstandigen ersten Ranges auf 
diesem Gebiete, die aus Griinden, die ich begreiflicherweise hier des 
naheren nicht auseinandersetzen will, die Meinung vertreten, dafi eine 
Anderung der Strafgesetzgebung auf diesem Gebiete in dem Sinne ein- 
zutreten habe, dafi die Beseitigung der betreffenden Bestimmung inj 
§ 17.^ herbeigefiihrt werden guiisse." 

B e b e 1 f olgte hier den Spuren Ferdinand Lassalles, 

der an den bekannten Sozialistenf iihrer Dr. B. v. Schweitzer, 

als dieser in Mannheim wegen homosexueller Beziehungen zu 

einem Maurer mit dem-Gesetz in Konflikt geraten war iind in- 

folgedessen allgemein gemieden wurde, schrieb: „Angenommen, 

daB das wahr gewesen sei, was damals die Zeitungen tlber 

den Grund Ihrer Verurteilung brachten, so weiU ich das Eine, 

daU jene bedauerliche und meinem Geschmack nicht begreifliche 

Liebhaberei, die man Ihnen iniputiert, zu jenen Vergehen ge- 

hort, die nicht im geringsten mit dem politischen Cha- 

rakter eines Mannes etwas zu tun haben. Ein seiches Auftreten 

einem Manne von Ihrem Charakter und Ihrer Intelligenz gegen- 

tiber beweist nur, wie verwirrt und philistros die politischen 

Begriffe unseres Volkes noch sind." 

Bei Fortsetzung der Beratung am 19. Januar 1898 auBerte zu 
demselben Gegenstand der Abgeordnete Pastor S c h a 1 1 laut Steno- 
gramm : „Der Abgeordnete B e b e 1 ist neulich zuerst auf den § 176 
des Strafgesetzbuches gekommen, der von der widernatiirlichen Un- 
zucht liandelt; er hat gesagt: ,Die Polizei verfolge die Praxis, die 
Namen der Manner, die dieses mit Zuchthaus bedrohte Verbrechen 
bogehen, einfach zu registrieren, es gehorten dazu Tausende von Per- 
sonen aus alien Gesellschaftskreisen.* Ich gestehe, daJ3 ich durch 
diese Mitteilung des Herrn Bebel geradezu erschreckt, in ge- 
wissem Sinne, kann ich sagen, konsterniert und aufs tiefste deprimiert 
worden bin. Ich habe auch die von Herrn Bebel mit angezogene 
Petition, die ja von Mannern mit beriihmten Namen aller Beruisschich^ 
ten unterschrieben ist, und von der Herr Bebel sagt, er habe sie 
selbst mit unterschrieben, bekommen, die eine Aufhebung dieses Para- 
irrapheu verlangt, und habe wie vor einem Ratsel gestanden, wie es 
iiberhaupt moglich ist, daB Manner von offentlicher Stellung und sitt- 
lichem Urteil eine ^olohe Petition einreichen konnen; denn, meine 
Herren, es handelt sich doch hier um ein Verbrechen, welches bereits 
der Apostel P a u 1 u s als eine der schlimmsten Versiindigungen und 
Laster dea alten Heidentums im Briefe an die Romer im ersten Kapitel 
hingestellt hat, dessentwegen das alte Heidentum dem verdienten 
Untergange verfallen sei. Es ist ja hier nicht der Ort und die Auf- 
gabe, aut diese Sache einzugehen. Ich glaube, es wird Sache der Kom- 
mission sein, die Herren Vertreter der Regierung zu bitten, uns in 
dieses, mir wenigstens bisher vollstandig verschlossene Ge^ 
biet einen Einblick zu verschaffen, damit, wenn wirklich solche Zustande 
(Jort vorhanden sind, wie sie von dem Herrn Abgeordneten B e b e 1 aus- 
gesagt wurden, wir alles tun, um auf dem Wege des Gesetzes diesen 
unnatiirlichen Lastern, Vergehen und Verbrechen entgegenzutreten durch 
solche ^traf€m, welche der Natur dieser Verbrechen nach christlich- 



Digitized by VjOOQIC 



984 

sittlichen Grundsatzen entsprechen und zueleich ihre voHe, ruck- 
sichtslose Durchfiihrung in der Praxis der rolizei und Bechtspflege 
ermoglichen und garantieren." 

Die Eingabe wurde darauf von der Petitionskommission der 
lex Heinze-Kommission tiberwiesen, wo sie zu lebhaften ein- 
gehcnden Erortsrungen Anlafl gab. AuBer den offiziellen Regie- 
rungsvertretern war auch der damalige Chef de^ Berliner 
Kriniinalpolizei, Graf Ptiekler, zu den Verhandlungen hin- 
zugezogen. Neben Bebel war es vor allem tier national- 
liberal e Reichstagsabgeordnete Sanitatsrat Dr. med. Kruse- 
Norderney, der als Sachverstandiger die Petitionsforderung aufs 
lebhafteste beflirwortete. Nach den Parlamentswahlen 1898 
wurde die Petition dann noch einmal unter hervorragenden Zeit- 
genossen (nicht in den breiten Kreisen der Bevolkerung) ver- 
breitet, und zwar mit dem Erfolge, daU die Zahl der Unter* 
schriften sich vervierfachte. 

Auch in der folgenden Legislaturperiode wurde die Frage 
des § 175 sogleich in der ersten Lesung der lex Heinze wiederum 
beriihrt, und zwar von konservativer, nationalliberaJer und sozial^ 
demokratischer Seite^). 

Zum letzten Male wurde iiber die Petition am 4. Dezember 1907 «) 
in der kurzen Zeit zwischen dem ProzeD des Reichskanzlers von B u - 
low gegeu den Schriftsteller Brand wegen verleumderischer Be- 
leidigung seiner Person und der auf Betreiben des Oberstaatsanwaltes 
1 8 e n b i e 1 veranlaCten zweiten Verhandlung gegen Harden, also 
zu einer Zeit beraten, wo in den breitesten Slassen die S t i m m u n g 
des Tages die Stimme der Vernunft bei weitem iibertonte. 
Auch dieses Mai war, wie drei Jahre vorher, ein Zentrumsabgeordneter 
Referent : Dr. B e 1 z e r , der an eifervoller, von Kenntnis ungetrtLbter 
Scharfe Dr. Thaler noch iibertraf. Der Moment zur Verhandlung 
war von ihm gut gewahlt, denn als der Berichterstatter sagte: „Der 
Vorwurf homosexueller Neigungen ist heute fast noch mehr als friiher 
geeignet, deQ Beschuldigten der offentlichen Verachtung preiszugeben 
— selbst gegeniiber den kranken Leuten, die mannmann- 
liche Neigungen liaben (und die diirften jedenfalls lange nicht so zahl- 
reich sein, wie die Petition es glauben machen will), besteht doch in 
dem gesunden Sinne unseres Volkes der unaus'losohll/che 
G 1 a u b e, daC derartige Menschen der Achtung nicht 
wert seie n," erhob sich keinerlei Widerspruch und ebensowenig, als 
er am Schlusse seiner Ausfiihrungen neben einer erheblichen Verschar- 
fung vorschlug, daB die Petitionskommission beantragen moge, der 

*) Genaue Berichte der Verhandlungen im Plenum und den Komrais- 
eioneu des Reichstages finden sich im Jahrbuch f. sex. Zw. Bd. I, 
S. 272 ff.; Bd. Ill, S. 558 ff. ; Bd. IV, S. 976 ff.; Bd. V, S. 12S2ff.; 
Bd. VI, S. 649 ff. Vgl. ebenda iiber die lebhafte Kommissionsberatung 
am 21. April 1904, an der teilnahmen die Abgeordneten Dr. Thaler, 
Braun, Thiele, Kardorff und M u g d a n , (Ergebnis : Ubergang 
aur Tagesordnung) : p. 668 ebenda am 11. Juni in pleno; und aucb 
Jahrb. VII. p. 1035 iiber die Debatte am 31. Mai 1905, an der sich 
beteiligten Thiele, Thaler, Kardorff, v. Damm, Gothein 
und V. V o 1 1 m a r. 

«) Cf. Zeitschrift fiir Sexualwissenschaft, 1908, p. 113. 



Digitized by VjOOQIC 



985 

Beicbstag solle beschlieBen: „die Zivil- und Militarbehorde ist anzu- 
weisen, den bestehenden Gesetzesvorschriften obne Ansehen der Person 
unnachsichtlich Geltung zu verschaf fen." 

Wie affektbetont jene Zeit war, zeigt recht anschaulich 

Hofrat Dr. L. Loewenfeld in seiner sehr bemerkenswerten 

Schrift „Homosexualitat und Strafrechf* (Wiesbaden 1908). 

Der einleitende Abschnitt dieser Schrift lautet: „Wenn wir die 
Geschichte der psychischen Epidemien, die in verflossenen Jahr- 
hunderten in Europa grassierten, durchgehen, finden wir unter den- 
selben eine Mehrzahl solcher, die sich mit Verfolg:ungen gewisser 
Klassen von Personen verkniipften. Gewohnlich waren es, dem Geiste 
jener Perioden entsprechend, Juden, Ketzer oder Hexen, gegen die sich, 
wie wir heute sagen wiirden, die offentliche Meinung kehrte, nnd 
wir wissen, daB dem Hexenwahn allein, der sich da und dort bis in 
die Mitte des 18. Jahrhunderts erhielt, etwa sieben Millionen Menschen 
in Europa zum Opfer fielen. Viele mogen nun wohl glauben, daB eine 
Wiederkehr derartiger Epidemien in Anbetracht unserer so viel ge- 
priesenen Aufklarimg und fortgeschrittenen Kultur bei uns ausge- 
schlossen erscheint ; es ist dies ein Irrtum, auf den ich schon in 
meinem Werke iiber Hypnotismus hingewiesen habe. Die Keime zu 
derartigen Epidemien sind tatsachlich noch fast iiberall in Europa 
vorhanden und durch jene Eigenschaft der Massen gegeben, die wir 
als Su^gestibilitat bezeichnen, eine Eigenschaft, welche sie psychischen 
Infektionen der verschiedensten Art zugan^lich macht. Die Ereignisse 
der jiingsten Zeit haben fiir die Richtigkeit dieser Ansicht neue, aber 
zugleich sehr traurige Belege gebracht. Es ist bei uns wieder zum Aus- 
bruch einer Verfolgungsepidemie gekommen, und diesmal sind 
es uicht, wie zu Zeiten des Hexenwahns, arme hysterische, melancholische 
Oder sonst geistesgestorte Weiber, gegen die sich die Leidenschaft der 
Massen richtet, sondem Manner, die das Ungliick haben, in bezug 
auf ihro sexuelle Triebrichtung anders veranlagt zu sein als ihre 
Geschlechtsgenossen. Man will sie zwar nicht dem Scheiterhaufen 
uberantworten, da wir in bezug auf das Verbrennen humaner und 
zurtickihaltender geworden sind, aber man mochte sie doch samt 
und senders hinter SchloB und Riegel bringen. Da aber auch dies 
in unserem Rechtsstaate nicht ohne weiteres angeht, so will man 
wenigstens eine moglichst groBe Zahl derselben durch Einsperren 
von der iibrigen Menschheit absondern und zur Einsicht ihrer Laster- 
haftigkeit bringen. Um dies zu erreichen, soil die ganze Scharfe des 
Gesetzes, das wie ein Damoklesschwert iiber ihnen schwebt, auf sie 
angewendet werden. Sie sollen statt der Erleichterung 
ihrer Lage, um die sie petitionieren, jede gesetz- 
lich mogliche Erschwerung derselben erfahren. Ob 
sich das mit unseren Ansichten von Humanitat, mit unserem liiodernen 
R€chts- und Billigkeitsgefiihl vertragt, danach wird nicht gefragt. Und 
was besonders bedauerlich ist, die gegenwartige Epidemic ist nicht von 
den untersten Volksschichten ausgegangen, die an den Segnungen 
der Aufklarung und der Kultur am wenigsten Anteil haben, sie hat 
sich in den Schichten der Gebildeten entwickelt, und ist auch in 
diesen am weitesten verbreitet. Auch hat sich keine der politischen 
Parteien gegen die hier in Betracht kommende Infektion mit wahn- 
haften Vorurteilen und Unduldsamkeit geniigend widerstandsfahig er- 
wiesen. Die Sozialisten haben ebenso in den Verdammungschorus 
gegen die Homosexuellen eingestimmt, wie Liberale, Konservative und 
Zentrum sangehor ige. 

„Die Aufgabe, welche der Wissenschaft 
diesem Stande der Dinge gegehtiber zufallt, ist 



Digitized by VjOOQIC 



986 

meines Erachtens klar vorgezeichnef. Die Wissen- 

schaft kann sich eelbstverstandlich durch die offentliche Meinung, 

in koiner Hinsicht beeinflussen lassen. Sie wird und 

nrmU das immer wieder verklinden, was durch ihre Forschung 

tiber die Homosexualitat festgestellt ist. Sie kann in ihrem 

Bestre-ben nicht nachlassen, veraltete und verhangnis voile Vor- 

urteile zu beseitigen und so durch Aufklarung eine Verbesserung^ 

der Rechtslage der Homosexuellen anzubahnen, wenn auch vor- 

erst all ihr Bemtihen den Charakter einer Sisyphusarbeit zu 

besitzen scheint,** Wurde doch damals von einer Berliner Kreis- 

synode an den Reichstag eine Petition gerichtet, man soUe gegen 

4ie zugunsten der Homosexuellen veranstaltete Agitation durch 

eine entsprechende Strafbestimmung vorgehen. 

Im Plenum wurden die Vorschlage B e 1 z e r s noch einmal am 
1. Februar 1908 ^) auf die Tagesordnung gesetzt, jedoch ohne Beratung 
und BeschluBfassung wieder abgesetzt, wohl mit Kiicksicht auf die 
mittlerweile im Reichs justizamt zusammengetretene KommissioD 
zur Bearbeitung eines „Vorentwurfes zu einem deutschen Strafgesetz- 
buch*\ Diese Kommission behielt in Anlehnung an das Votum der 
Reicbstagskommission nicht nur den geltenden § 175 als § 250 des 
Vorentwurfes bei, sonde rn verscharfte ihn wesentlich, indem erstens die 
bisherige Gefangnisstrafe auf den gleichgeschlechtlichen Verkehr unter 
F r a u e n ausgedehnt und zweitens f iir besondere Falle, namlich,. 
wenn „die Tat unter MiBbrauch eines durch Amts- oder Dienstgewalt 
Oder in ahnlicher Weise begriindetes Abhangigkeitsverhaltnis begangen 
ist, Zuchthaus bis zu 5 Jahren, bei mildernden Umstanden nicht 
unter 6 Monaten Gefangnis" vorgesehen wurde ; auch sollte dieselbe 
Strafe fiir denjenigen festgesetzt werden, „der aus dem Betriebe der 
widernatiirlichen Lnzucht ein Gewerbe macht". 

In der bsigegebenen Motivierung ftir diese Fassung betonen 
die Verfertiger des Vorentwurfes, daU sie die Beibehaltung des 
§ 175, „entgegen den mehrfachen Vorschlagen ihn ganz oder 
teilweise zu beseitigen und einer lebhaf ten auf dasselbe Ziel 
gerichteten Agitation im staatlichen Interesse fiir not- 
wendig halten.** „Wenn in der neuesten Zeit mehrfach die 
Auf fassung betont feei** — so heilJt es in der Begriindiun^ 
weiter — , „da6 es sich bei der gleichgeschlechtlichen Unzucht 
um einen unwiderstehlichen, krankhaften Naturtricb handle, 
der die strafrechtliche Zurechnungsfahigkeit aufhebe oder doch 
bedeutend vermindere, so lehnt der Entwurf diese Auf- 
fassung als unbewiesen und mit den Erfahrungen 
des praktischen Lebens im Widerspruch stehend 
ab". Ohne auch nur mit einem Worte auf die Beweisftihrung 
und das Tatsachenmaterial der Autoren einzugehen, welcho 
diese abweichende Auf fassung vertret«n bzw. sich gegen die Bei- 
behaltung des § 175 geauBert haben, ja ohne auch nur den 

^) Cf. Zeitschrift fiir Sexualwissenschaft 1908, p. 127. 



Digitized by VjOOQIC 



987 

Versuch zu machen, zu zeigen, weshalb deren Beweisgrtinde nicht 

nicht stichhaltig sind, fertigt der Vorentwurf mit diesem Satze 

die Ansichten so vieler Sachver^lLndiger ab. 

Mit Recht konnte dempegeniiber Professoi: Bruno Meyer*) 
schreiben: ,,Die Begriindung dieser Strafvorschrift ist von einer*Kin<^- 
lichkeit, die — an so ernster und wichtiger Stella angetroffen — jedem 
iioch nicht einmal zu wissenschaftlicher Methode erzogenen, sondern 
nur an einigermaiSen besounenes und vernunftgemaBes Denken ger 
wohnten Menschen die helle Schamrote ins Gesicht treibt." • De^* 
beriihmtc Strafrechtslehrer der Berliner Universitat, Geh. Justizrat 
Professor Dr. Joseph Kohler, fertigte die Verfasser des Vor- 
entwurfes in ahnlicher Weise ab, indem er schrieb: „Was in dieser 
Beziehung in den Motiven steht, ist ganzlich unzutreffend. So wird 
auf das lichtscheue Treiben der Paderasten hingewiesen, aber ich 
habe nie gehort, daC die Taten der Liebe, auch wenn sie voUig natiirlich 
sind, im hellen Sonnenlichte coram publico vor sich gehen, und daB 
durch solche Dinge der Friede der Ehe untergraben werden kann, ist. 
bei der ,widernatiirlichen* Unzucht nicht anders, als bei der natiir- 
lichen." Ebenso vernichtend lautete das Urteil des Professors de^ 
Strafrechts Mittermaier selbst, der schrieb^) : ,,Auch ich halte deu 
D. V. E. auf diesem Gebiete fiir absolut schlecht. ,Riickstandig* 
ist der mildeste Ausdruck. Vielleicht erreichen wir eine geringe Ab- 
schwachung der Mangel des § 250, aber ich glaub^ nicht an eine wahre 
Verbesserung, die am Ende doch nur in seiner totalen Beseiti- 
gung liegt." 

Dieser Vorentwurf wurde nun zunaehst 2 Jahre zur offent- 

lichen Kritik gestellt. Nach Ablauf dieser Zeit wurde eine neue 

„Konimission zur FeststisUung eines Entwurfs ftir ein deutsches 

Strafgesetzbuch** gebildet, um die laut gewordenen Stimmen und 

Urieilc zu prtifen und auf Grund derselben den eigentlichen Ge- 

setzentwurf auszuarbeiten, der dann den gesetzgebenden Korper- 

schaften zur endgtiltigen BeschluBfassung vorgelegt werden soil. 

Trotzdem sich nun fast alle kritischen AuBerungen gegen 

die Verscharfung aussprachen, hiielt auch diese Kommission, die 

vom 1. April 1911 bis 27. September 1913 in Tatigkeit war, a,n 

ihr fest, indem sie unter Vornahme verschiedener Anderungen, 

namentlich der Wiederaufhebung der vorgeschlagenen , Aus- 

dehnung auf das weibliche Geschlecht folgende Fassung annahm : 

„1. Bestraft werden, und zwar mit Gefangnis von einem Tage 
bis fiinf Jahren, Personen mannlichen Geschlechts, die miteinander 
beischlafsahnliche Handlungen vornehmen. 

2. Wie nach dem Vorentwurfe tritt Zuchthaus bis zu fiinf Jahren, 
bei mildernden Umstanden Gefangnis nicht unter sechs Monaten ein: 

a) wenn die Tat unter Mii3brauch eines durch Amts- oder Dienst- 
gewalt begriindeten Abhangigkeitsverhaltnisses oder gewerbsmaDig be- 
gangen war; 

b) (neu hinzugefiigt) : wenn ein Volljahriger unter Verfiihrung 
eines Minderjahrigen unter achtzehn Jahren die Tat begeht. 

3. Das Sichgewerbsmai3iganbieten oder -bereiterklaren zu der Tat 
wird mit Gefangnis bis zu 2 Jahren bestraft.** 

^) B r u n o Meyer, Homosexualitat und St raf recht. p. 256. 
») Cf. Vierteljahrsberichte des W.-h. K. Jahrg. XL p. 136. 



Digitized by VjOOQIC 



988 

Da dieser Entwurf des Strafgesetzbuches noch eine ganze 

Reihe von Instanzen zu passieren hat — zunachst das Reichs- 

justizamt, dann die Bnndesstaaten und den Bundesrat — ehe er 

an den Reichstag gelangb, voraussichtlich 1917, und auch hier 

wieder die einzusetzende Kommission das ganze Gesetzbuch 

grtindlich durchberaten wird, la^Jt sich heute noch nicht vor- 

aussagen, welches das schlieBliche Schicksal des so wechselvollen 

Urningsparagraphen sein wird. 

Ich selbst babe in einer Arbeit iin GroBschen Archiv^a) unter 
Zugrundelegung der Motive des Vorentwurfes nochmals alles eingehend 
eiuer Priif ung unterzogen, was f ii r und g e g e n den vorgesohlagenen 
^ 260 spricht und fafite das SchluOergebnis dieser Untersuchung wie 
f olgt zusammen : Gegen den § 250 spricht: 

I. Zunachst der Umstand, dafi die als strafbar vorgesohlagenen 
Akte, welche erwachsene M&nner und Frauen freiwillig unter sich ohne 
Zeugeu vornehmen, kein Rechtsgut irgend eines anderen Individuums 
Oder des Staates verletzen (es widerspricht den modernen 
Rochtsprinzipien, Handlungen nur darum zu bestrafen, well 
sie jjUnsittlich" sind). 

II. Die auBerordentlich schwierige Vollstreckbarkeit 
des Gesetzes. (Schon jetzt werden weniger als ein Hunderttausendstel 
der vorkommenden Handlungen geahndet; bei Ausdehnung auf die 
Frauen wiirde der Prozentsatz noch viel minimaler sein.) 

III. Die ungemein geringe Abschreckungskraft des 
Gesetzes (die Wahrscheinlicnkeit, daB die von zfwei erwachsenen Man- 
nern oder Frauen miteinander ohne Zeugen vorgenommenen sexucUen 
Handlungen zur Kenntnis der Behorden gelangen, ist zu gering, als 
daU sie die Betreffenden in der Betatigung eines heftigen Triebes 
nennenswert beeinflussen kann). 

IV. Die groBe Unbestimmtheit und Unbestinimbarkeit 
des strafbaren Tatbestandes ^die bei Frauen noch auf groBere Schwierig- 
keiten stoBen wird). 

V. Die Peinlichkeit der das intimste Privatleben durch- 
wuhlenden Untersuohungen (die ebenfalls Frauen gegeniiber noch scham- 
verletzender ist). 

VI. Die durch das Gesetz und die offentlichen Prozesse 
weit mehr als durch die geheimen Handlungen hervorgerufenen Skan- 
dale (die das Land kompromittieren, und die offentliche Erorterung die- 
ser heiklen Materie nicht zur Ruhe komraen lassen)^®). 

VII. Die Entwurzelung und Verbitterung zahlreicher sonst 
streng rechtlicher, geistig vielfach hochstehender und sozial nutz- 
licher Existenzen durch Aufdeckung der intimen Geheimnisse ihres 
Sexuallebens. 

VIII. Die iiberaus groBe Zahl der unmittelbar an das Gesetz 
sich anschlieBenden Erpressungen und Eigentumsvergehen, die 
aus Furcht vor dem Gesetz nicht zur Anzeige gelangen. 

IX. Die auBerordentlich groBe Zahl der durch den Paragrapheo 
bewirkten Selbstmorde, die sich bei der beabsichtigten Verschar- 
foDg noch steigem wird. 

»a) 1911 Bd. 38: „Kritik des § 250 und seiner Motive im Vor- 
entwurf zu einem Deutschen Stra%esetzbuch." 

10) Vgl. in dieser Hinsicht den Artikel von Dr. Eugen Wilhelm: 
„Die volkspsychologischen Unterschiede in der franzosischen und deut- 
schen Sitllichkeits-Gesetzgebung- und -Rechtsprechung" in ,.Sexual- 
Probleme**, Oktober 1911, besonders die Seiten 661—663. 



Digitized by VjOOQIC 



989 

X. Die durch das Gresetz direkt oder indirekt geforderte Ver- 
niehrung von ungliicklichen Ehen und Familienzusammen- 
briichen. 

F ii r den § 250 wird angefiihrt: 

Ini Grunde nur das angebliche Volksempfinden. Dieses wird aber 
ieils in seiner Ausdehnung iiberschatzt, teils beniht es a) auf falschen 
Voraussetzungen, b) auf den durch das Gesetz erst erzeugten Anschau- 
nngen, c) ware es, selbst wenn es in der angenommenen Weiser exi- 
stierte, kem ausreichendes Eechtsfundament. 

Die im iibrigen im Vorentwurf fur den § 260 angef iihrten Griinde 
sprechen teilweise mehr gegen den Paragraphen als fiir ihn, 
weil sie sicli auf Nachteile beziehen, die mehr eine Folge des Gesetzes als 
der strafbaren Handlung selbst sind; es sind dies beispielsweise die an- 

§eblich durch die homosexuelle Handlung, in Wirklichkeit aber erst 
urch deren Bestrafung, entstehende Schadigung der biirgerlichen Exi- 
stenz, des Charakters und des Familienlebens, ferner die Erpressungen 
und das „lichtscheue Treiben". Teilweise aber treffen die Motive wie 
die Verfiihrungsgefahr nur e i n i g e der unter Strafe gestellten Falle, 
so daB die Gerecntigkeit fordert, dafi darum auch nur die Falle bestraft 
werden, bei denen die in den Motiven genannten Voraussetzungen zu- 
treffen. Letzteres wiirde am ehesten erreicht, wenn in den Para- 
graphen des Strafgesetzbuches, in denen von Verfiihrung, AnwenduM 
von Gewalt usw. die Rede ist, namlich in den §§ 176, 177 und 182 
(im Vorentwurf 244, 243 und 2t7) der bisherige Ausdruck 
„Frauensperson" durch den Ausdruck „rerson" oder 
„Personen beiderlei Geschlechtes" ersetzt wurde. 
§ 182 wiirde beispielsweise lauten, anstatt wie jetzt: 

„Wer ein unbescholtenes Madchen, welche das sech- 
zehnte Lebensjahr nicht vollendet hat, zum Beischlaf verfiihrt, 
wird mit Gefangnis bis zu einem Jahre bestraft. Die Verfolgung 
tritt nur auf Antrag der Eltern oder des Vormundes der Ver- 
ftjhrten ein." 

In Zukunft: 

„Wer eine unbescholtene Person, welche das sech- 
zehnte Lebensjahr nicht vollendet hat, zum Beischlaf oder zur 
Pedikation verfiihrt, wird mit Gefangnis bis zu einem Jahre be- 
straft. Die Verfolgung tritt nur auf Antrag der Eltern oder des 
Vormundes der verfiihrten Person ein." 
Es wiirden dann bis zur ersten Altersgrenze von 14 Jahren, wie 
gegenwartig, alle unziichtigen Handlungen an Kindern beiderlei Ge- 
schlechts bestraft werden, von der ersten bis zur zweiten Alters- 
erenze aber nur die groberen Ausschreitungen, wie das bis jetzt nur in 
bezug auf Madchen der Fall ist. 

Die Schutzalterfrage ist in den letzten Jahren besonders 

lebhaft erortert werden. Wir sahen in unserer tabellarischen 

Obersicht liber die geselzliche Verfolgung der Homosexuellen, 

daO das Schutzalter in den verscKiedenen Landern in weiten 

Grenzen schwankt, von 12 Jahren in Japan bis 21 Jahren in 

Holland. Bald ist es das Alter der Geschlechtsreife, bald das der 

Strafmtindigkeit, bald das der Militarpflichtigkeit, bald das 

der biirgerlichen VoUjahrigkeit, bis zu dem man die Schutz- 

bedlirftigkeit ausgedehnt hat. In ahnlicher Weise variieren 

auch die Gesetzesvorschlage und -entwlirfe. 

So hat in dem von den Professoren D. Dr. W. Kahl, Dr. K. v. 
Lilienthal, Dr. F. v. Liszt und Dr. J. Goldschmidt ver- 



Digitized by VjOOQIC 



990 

fafiten „Gegeiieiitwurf zum Vorentwurf eines Deutschen Strafgesetz- 
buchs** der Homosexual itatsparEigraph, § 245 (§ 176 des geltenden 
St.-G.-B., § 260 des Vorentwurfs) folgende Fassung : „Widernaturliche 
Unzucht. Eine mannliche Person, die mit einer minderjahrigen 
Person desselben Geschlechts, oder die mit einer volljahrigen Person 
desselben Geschlechts unter Ausbeutung ihrer durch Amts- oder Dienst- 
verhaltnis oder in ahnlicher Weise begriindeten Abhangigkeit oder aus 
Gewinnsucht widematiirliche Unzucht begeht, wird mit Zuchthaus bis 
zu fiinf Jahren bestraft^^)." Auch Staatsanwalt Wulffen^^) ist der 
Meinung, „dafi der junge Mann bis zum vollendeten 21. Jahre ge- 
achUtzt werden muB". 

Ahnlich Professor Bruno Meyer ^^), wahrend v. N o 1 1 - 
haf ft^^a) sogar an Stelle des jetzigen § 175 folgenden .Wortlaut 
Yorschlagt: „Wer ein Individuum unter 25 Jahren zu gleichgeschlecht- 
licher Unzucht verleitet, wird mit Gefangnis bestraft." Er wiinscht 
diese Strafandrohung fur beide Geschlechter, indem er meint**): 
„Schonung wiirden die Urninden noch weniger ver- 
dieiien als die Urninge, denn sie verfiihren viel mehr junge 
Madchen, als die Urninge Knaben, sie machen viele Frauen schon 
vor der Ehe pervers, drangen sich aber unter der Freundin Maske noch 
spater in deren Heiligtum ein ; sie sind so das Ungliick vieler Ehen 
und die Ursache mancher Ehescheidungen, und sie sind eine viel gro- 
Bere sittliche Gefahr als die mannlichen Personen. Gleichwohl gelten 
auch fiir sie die obigen Uberlegungen, welche eine Bestrafung und Ver- 
folgung des Lasters (bei Erwachsenen) als untunlich erscheinen lassen." 
Z w a n z i g Jahre als Schutzgrenze beantragen die Vorentwurf e von der 
Schweiz und Danemark, wahrend der neue osterreichische Vorentwurf, der 
die Strafbarkeit jeder homosexuellen Betatigung bei beiden Geschlech- 
tern nur im StrafmaB (nicht unter einer Woche) herabsetzt, eine 
h 6 h e r e Strafe (Gefangnis nicht unter 3 Monaten) vorsieht, wenn 
der Akt mit einer Person im Alter von 14 — 18 Jahren begangen ist. In 
einem in der Schweiz. Zeitschr. f. Strafrecht (22. Jahrg., Heft 14) ver- 
offentlichten Aufsatz, betitelt : „Psychiatrische Bemerkungen zum neuen 
schweiz. Straf-G.-Entwurf*', mochte Dr. med. Hans Maier die Alters- 
grenze von 20 Jahren als zu hoch auf 18 Jahre herabgesetzt wissen, 
wahrend Oberarzt Dr. Otto Juliusburger in seinem Aufsatz 
„Die Homosexualitat im Vorentwurf zu einem deutschen Strafgesetz- 
Duch**") das 20., mindestens aber das 18. Jahr als Schutzgrenze fiir 

fegeben ansieht. Das 18. Jahr als das der „vollkommenen Strafmiindig- 
. eit" ist wiederholt als Schutzgrenze vorgeachlagen, so in dem von 
einem Richter stammenden Artikel zur Schutzalterfrage*^). Auch 
Moll i^a) wiinscht bei Aufhebung des § 175 „eine Erweiterung des 
Schutzalters auf das 18. bezw. 21. Jahr" (und zwar soil auch der 

1^) Beziiglich der „Motive" zu diesem § 245 des Gegenentwurfs cf. 
Vierteljahrsberichte des Wiss.-human. Komi tees, 1912, Heft 2, p. 131 ff. 

12) Zit. nach den Vierteljahrsber. d. W.-h. K., 1911, Heft 3, p. 246. 

13) Bruno Meyer, Homosexualitat u. Strafrecht, p. 294 f. 
isa) Zit. bei Kossmann u. Weiss, „Mann u. Weib, ihre Beziehungen 

zueinander u. zum Kulturleben der Gegenwart", 1908, Bd. II, p. 557. 
Cf. JMonatsber. d. W.-h. K., 1907, No. 4, p. 77. 

1*) Loc. cit., p. 556. 

1*) In der Allgem. JJeitschr. f. Psvchiatrie u. psychisch-gerichtl. 
Medizin, Bd. 68, Heft 5. 

i«) Cf. Vierteljahrsber. d. W.-h. K., 1912, Heft 3, p. 276 ff. 

i«a) Cf. „Zukunft" vom 27. Mai 1905 u. Zeitschrift „Europa", 
Heft 22 vom 15. Juni 1905, ferner Vortrag am 30. Mai 1905 im iirzt- 
lichen Standesverein der Konigsstadt iiber „Atiologie u. Therapie sexu- 
eller Perversionen" (cf. Vierteljahrsber. d. W.»h. K., 1905, No. 7, 
p. 13 ff.). 



Digitized by VjOOQIC 



991 

Scliutz der Madchen erhoht werden), wobei er von der Meinung aus- 
geht, die wir oben^^b) bereits als irrtiimlich zuriickwiesen. daC der 
jjUndifferenzierte Geschlechtstrieb" bis in die Mitte der zwanziger 
Jahre hinein f ortdauert. Aschaffenburg^^) bef iirwortet gleichfalld 
vom 18. Lebensjahr ab die Straflosigkeit gleichgeschlechtlichen Ver- 
kehrs. ( 

Ein anderer Richter, der Amtsrichter Dr. jur. Max Rud'plf 
Senf will in seinem bedeutenden Buche „Das Verbrechen .lis straf* 
Jrechtlich-psychologisches Problem" „die gleichgeschlechtliche Betati'^ 
gung mit Personen unter 17 Jahren bei Strafe verbieten", „denn wenn 
Jiiuglinge das 17. Lebensjahr vollendet haben, sind sie in sexueller 
Beziehung weder willenlos-unverniinftig'e, noch unreife Opfer und des- 
halb nicni mehr pchutzbediirftig". 

Diesen Autoren, die fiir das mannliche Geschlecht ein hoheres 
Scbutzalter als fiir das weibliche wiinschen, steht die iibergroBe 
Mehrzahl gegeniiber, die auch diese Frage fiir beide Geschlechter 
gleich geregelt wissen will, und zwar entsprechend dem geltenden Ilecht 
so, daB einmal nach § 176, 3 jeder strafbar ist, welcher sich an einer 
Person unter 14 Jahren, gleichvielwelchen Geschlechts, 
unziichtig vergreift, daB dann aber der § 182, der bisher bestimmt^ 
daB wer ein unbescholtenes Madchen, welches das 16. Lebensjahr noch 
nicht vollendet hat, zum Beischlaf verfiihrt, auf Antrag der Eltem 
Oder des Vormundes bestraft werden soil, auch auf mannliche Personen 
ausgedehnt wird. 

Die Befiirworter dieser gleichen Behandlung beider Ge- 
schlechter berufen sich einmal darauf, dafl es aus iBilligkeits- 
grunden nicht gerechtfertigt ist, das weibliche Geschlecht in 
geringerem Grade zu schtitzen als das selbstandigere mannliche, 
cine Erhohung des weiblichen Schutzalters iiber 16 Jahre hin- 
aus aber mit Recht von alien Gesetzgebungen verworfen werden 
ist. Es liegt kein durchschlagender Grund vor, das Schutz,- 
alter ftir beide Geschlechter verschieden zu bemessen; verlangt 
mail von dem sogenannten schwachen Geschlecht, daO es sich 
vom 16. Jahr ab seiner Haut wehrt, so kann man auch vom 
mannlichen Geschlecht in demselben Alter beanspruchen, daB es 
sich den von verschiedenen Seiten an dasselbe herantretenden 
Versuchungen gegeniiber selbst schlitzt, wobei freilich beiden 
Geschlechtern eine rechtzeitige, geeignete Aufklarung iiber die 
mit dem Geschlechtsleben verbundenen gesundheitlichen und 
sonstigen Gefahren gut zustatten kommen wiirde. Der Vor- 
entwurf des Reichsjustizamts zeigt in diesem Punkte eine merk- 
wiirdige Inkonsequenz. Er steht namlich auf dem Standpunkt, 
dafl das in dem § 176 des RStGB. (§ 244 des Vorentwurfs) 
unbescholtenen Frauen zugebilligte Grenzalter von 16 Jahren 
nicht auf mannliche Personen ausizudehnen sei. 



^') Aschaffenburg (CTiln), Die straf rechtliche Behandlung 
der Homosexualitat. Vortrag gelialten in der ordentlichen Versamm- 
lung des Psychiatrischen Vereins der Rheinprovinz am 15. Juni 1907, 
mit^eleilt in der Allgemeinen Zoitschrift fiir Psychiatric ii. psych.- 
gerichtlichc Medizin, Bd. 41, Heft 4. (Cf. Jahrb. f. sex. Zwischenst., 
Jahrg. IX, p. 441 f.) 



Digitized by VjOOQIC 



992 

Die Griinde, welche die Verfasser des Vorentwurfs hierfur bei* 
bringen, sind sehr beachtenswert, sie lauten wortlich (Seite 682 der 
Motive des Vorentwurfs) : „Die von Gem jetzigen Gesetz gezogene Grenze 
fallt zusammen mit dem regelmaBigen Aufhoren der Schulpflicht, dem 
Eintritt der groBen Mehrheit der Kinder in das biirgerliche Leben 
und bei den meisten von ihnen mit dem Eintritt einer gewissen 
Keuntnis der geschlechtlichen Dinge. Dies erscheint fiir die Knaben 
der richtige Zeitpunkt, mit dem der besondere strafrechtliche Jugend- 
flchutz fiir sie aufzuhoren hat. Allerdings bediirfen sie auch dann imd 
gerade in jenem gefahrlichsten ersten Jiinglingsalter noch in ver- 
schiedener Hinsicht der Bewahrung vor Verfiihrung zu sittlicher Ver- 
derbnis. Diese ist alsdann aber Aufjgabe der Seelsorge, der Familie, 
der gesellschaftlichen Einriohtungen mid der freien Liebestatigkeit, 
nicht melir Aufj^be des Strafrichters. Es wiirde zu praktisch un- 
annebmbaren Konsequenzen fiibren, wenn die Verleitung eines 15 
Oder IG Jahre alten Arbeiters oder Laufburschen zur Vornahme einer 
unziichtigen Handlung, z. B. zur Onanie, durch einen etwa Gleich- 
altrigen, oder wenn die Vornahme jeder unziichtigen Handlung unter 
solchen Burschen unter Kriminalstrafe gesteilt wiirde. Es ist daher 
nicht Unterschatzung der in neuester Zeit lebhaft auftretenden, an sicb 
berechtigten Bestrebungen nach einem wirksamen Schutze jugendlicher 
Personcn in sittlicher Beziehung, die den Entwurf veranlaBt, in die- 
sem Punkto von einer Veranderung und Verscharfung des bisherigen 
Rechts abzusehen, sondern die Oberzeugung, dafi hier das Bediirrnis 
nach einem solchen Schutze auf einem anderen als dem strafrechtlichen 
Gebiet befriediet werden muB.** 

Schon vorher gibt der Gesetzentwurf der Meinung Ausdruck, daB 
im Gegensatz zur Frau der Mann sich selbst schiitzen muB und kann. 
Der Geschlechtsschutz soil „wie bisher auf das weibliche Geschlecht 
beschrankt" bleiben. Es heiBt auf Seite 680 der Motive: 

„Die mehrfach in der Literatur angeregte Ausdehnung des 
Schutzes auf Manner ist nicht vorgenommen. Dieser bleibt vielmehr, 
wie bisher, auf das weibliche Geschlecht beschrankt. Zu einer solchen 
Ausdehuuiig besteht weder ein praktisches Bediirfnis, denn es sind 
einschlagige Falle nicht bekannt geworden, noch entspricht sie der 
deutschen Rechtsentwicklung und der deutschen Auffassung iiber die 
Stellung der beiden Geschlechter. Die Frau ist schwacher und 
widerstandsunfahigerals der ^Mann. Sie bedarf schon aus 
diesem Grunde fiir ihre Geschlechtsehre eines starkeren Schutzes. Die 
Vcrletzung der Geschlechtsehre einer Frau ist aber vor allem fiir diese 
in ethischer und wirtschaftlicher Hinsicht von viel 
schwererer Bedeutung wie fiir den Mann. Sie ist ge- 
eignet, ihre Existenz zu vernichten, wahrend ein gleicher Angriff fur 
den Mann nicht entfernt so erhebliche Folgen nach 
sich Ziehen kann. Dies gilt wenigstens fiir dem Kindesalter 
entwachsene mannliche Personen." 

Dieser richtigen Auffassung des V-E. gegentiber ware eine 
Erhchung des mannlichen Schufczalters tiber das weibliche kinaus 
allerdings mehr als sonderbar. Von anderer, namentlich auch 
homosexueller Seite selbst, ist weiter darauf hingewiesen, und 
viele Abschnitte dieses Werkes bestatigen dies, daB zu alien 
Zeiten des Menschengeschlechts gerade der heterosexuelle Jiing- 
ling — und bei homosexuellen Frauen auch die gleichaltrigo 
Jungfrau — , der Mensch also im dritten Septennium von Beginn 
bis zum Ende der Entwicklung, das hauptsachliche Liebesobjekt 
sehr vieler Homosexueller ist, und daU sich gerade in diesem 



Digitized by VjOOQIC 



99d 

Zeitraum die padagogische und nutzbringende Seite dieser Liebe 

zum Besten des Staates am vorteilhaftesten entfalten kann. 

In diesem Sinne schreibt der anonyme Verfasser eines von hohem 
sittb'chen Ernst getragenen Artikels^^) liber die Schutzalterfrage. „So 
viel ist sicher, daB es die hochste Lebensfreude des wahrhaft liebenden 
homosezuellen Mannes ist, den von ihm geliebten Jungling in ge- 
wissein Sinne zu erziehen, ihn innerlich von allem Zwang, aller Jugend- 
not frei zu machen. Er wunscht, daB der von ihm Geliebte ihm all* 
die kleinen leiblichen und seelischen Soigen, die er Eltern und Kamera- 
den gewohnlich nicht sagen kann, anvertraue ; er will ihm in seinen oft 
dumpfen und qualvollen Ubergangsjahren helfen, so gut er kann, 
er will seine Schwachen, seine bosen und schadlichen Neigungen nach 
Kraften ausrotten, er will ihn vor Faulheit, Leichtsinn, Liigenhaftig- 
keit, Gewohnheitsonanie usw. beschiitzen, will ihn fleiBig, crnst, wil- 
lensstark, wahrheitsliebend machen, er will ihm in seiner Arbeit, in 
seiner Berufswahl zur Seite stehen und ihm zuletzt alles „Sch6ne" 
dieser Welt — Natur, Kunst, Menschen, Freundschaft, Liebe — er- 
dieserWelt — Natur, Kunst, Menschen, Freundschaft, Liebe — erschlieiJen. 
Wenn derselbc Autor weiterhin sagt : — „Niemals wird erfahrungs^emaB 
ein normal veranlagter Junge von iiber 14 Jahren durch gelegentlichen, 
]a selbst auch haufigeren homosexuellen Verkehr oder gar durch eine 
ernstere physische Freundschaft mit einem Eameraden oder einem 
alteren homosexuellen Freund, der ihn liebt, selbst homosexuell. 
Das ist ausgesohlossen, — und wer das behauptet, der spricht entweder 
^laubig ein Marchen, eine Phrase nach, oder er sagt wissentlich teils 
m gehassiger, teils sogar in heuchlerischer Absicht die Unwahrheit," 
so deckt sich diese Erfahrungstatsache voU und ganz mit dem, was 
wissenschaftlich festgestellt werden konnte. 

Aus unserer obigen Statistik ergab sich, daB 42o/o samt- 

licher aus § 176 vtrurteilten Personen unter 21 Jahren, 680/0 

dartiber sind. Daraus kann man entnehmen, daB durch eine 

zn hoh? Herauf setzung des Schutzalters, die einer Entmlindigung 

der in diesem Alter befindlichen Personen nahezu gleichkommt, 

itir die Abnahme der Prozesse,. Skandale und Erpressungen auf 

homosexueller Grundlage nicht viel gewonnen sein wird. Nament- 

lich die Erpressungen werden eher zu- als abnehmen, zumal 

der jtingere Teilnehmer nach diesen Vorschlagen und Entwtirfen 

straflos bleiben soil. Wi© oft werden hier absichtliche Tau- 

schungen der Erpresser vorkommen, von denen schon jetzt nach 

unserer Statistik etwa die Halfte jtinger als 21 Jahre ist, denn 

unter 200 wegen Erpressungen an Homosexuellen Bestraften be- 

f anden sich 104 im Alter yon 21 Jahren und darunter. 

Zu welchen eigentumlichen Konsequenzen das Verbot des sexuollen 
Verkehrs eines Voiljahrigen mit einem Minderjahrigen fuhren kann, 
zeigt eine Geschichte, die nach Veroffentlichung des Schweizer Vor- 
entwurfs ein Ziiricher Urning, Schriftsteller von Beruf, entwarf. Er 
scbilderte, wie ein neunzehn- und siebzehnjahriger Jiingling in Liebe 
zueinandcr entbrannten. AIsj der altere zwanzig wird, nehmen sie tief 
bekiimmert voneinander Abschied, um sich zwei Jahre spater, am 
VoUjiihrigkeitstage des jiingeren, in alter Liebe aufs neue zu ver- 
biuden. 



^•^) Cf. Vierteljahrsberichte des W.-h. Komitees, III. Jahiig. p. 12 ff. 
Hirschfeld, Homosexualitlt. Q3 

Digitized by V:iOOQIC 



994 

Man hat verschiedentlich gemeint, dafl doch schon jetzt 
die Gesetze gegen die Homosexuellen so milde gehandhabt wer- 
den, daC es sich kaum verlohne, uin ihre Beseitigung so viel 
Aufhebens zu maehen. Wir sahen aber, dafl gerade im Parla- 
ment und anderswo auf die mangelnde VoUstreckung, um nicht 
zu sagen Unvollstreckbarkeit des Gesetzes der groBte 
Wert gelegt wurde, um seine Unhaltbarkeit zu beweisen. 
In der ersten Reichstagsrede, die in dieser Frage gehalten 
wurde, hieO es: ,,der § 175 steht im Strafgesetz, und well er 
darin steht, muB er gehandhabt werden. Kann das Strafgesetz 
aber aus irgendwelchen Grtinden nicht gehandhabt werden, 
wird es nur ausnahmsweise gehandhabt, dann entsteht die Frage, 
ob die Strafbestimtnung aufrecht erhalten werden kann.** Von 
der GroBe des hier bestehenden MiBverhaltnisses dlirfte sich 
kaum jemand eine Vorstellung maehen. Man kann ohne 
Schwierigkeit bcrechnen, daB von 1 944 000 n a c h § 175 
strafbaren Handlungen hochstens 394 bestraft 
werden, wahrend 1 943 606 straffrei bleiben. Dieser 
Bereehnung liegen folgende statistische Unterlagen zugrunde, 
die fiir die uns beschaftigende Frage so wichtig sind, daB ihre 
Darstcllung im Zusammenhange notwendig erscheint. 

Unsere Quelle ist die vom Kaiserlichen statistischen Reichsamt 
herausgegebene Kriminalstatistik fiir das Deutsche Reich. Bis 
zum Jahre 1902 konnten wir hier nur unv'ollkommene Unterlagen gewin- 
nen, weil in den Veroffentlichungen alle aus § 176 strafbaren Hand- 
lungen unter dem Titel „widernatiirliche Unzucht" zusammengefaBt 
wurden. Erst vom Jahre 1902 ab wurde unterschieden zwischen 
„strafbaren Handlungen zwischen Mannern" einerseits und „zwischen 
Mannern (oder Frauen) und Tieren" anderseits. Dadurch erhalt man 
ein viel klareres Bild uber die Bestrafung der Homosexuellen, als es 
vorher moglich war. Ich habe nun auf Grundlage der Kriminalstatistik 
der Jahre 1902—1910 die nach § 175 erfolgten Verurteilungen -zu- 
sammen^cstellt und erhielt dabei die folgenden Resultate : 

AVegen Vergehen gegen § 175 waren von 1902 — 1910 an- 
g e k 1 a g t : 7009 Personen, also durchsclmittlich jahrlich 778. Von die- 
sen waren der ,,Unzucht von Mannern mit Mannern" beschuldigt : 
3G81 ^-- 52,50/0 der iiberhaujit Angeklagten. Von diesen 3681 wurden 

verurteilt: 2876 = 78,1 o/o. 

freigesprochen: 799 = 21,7 o/o, 

Verfahren eingesteUt: 5= 0,13o/o. 

A' o r b e s t r a f t wegen desselben Vergehens waren : 

Imai 413 = 37,60/0 der Vorbestraften = 11,2 o/o der Angekl. 

2mal 186 = 16,90/0 „ „ = 6,1 o/o „ 

3-.)mal 2G6 = 24,2cvb „ „ = 7,2(V^ ,; ,, 

6 maJ 11. mebr 231 = 21,3o/o „ „ = G,3o'o „ 



also in Sa. : 1099 =29,8oo der Angek'i. 

^Google 



Digitized by^ 



996 

Von den 2876 Verurteilten waren begangen 3819 'strafbare 
Haudlungen ; hiervon wurden 

verurteilt: 3142 = 82,3o/o der strafb. Handl. 

freigesprochen: 672 = 17,6 o/o „ „ „ 

e i n g e s t e 1 1 1 e s V e r f. : 5 = 0,1 o/o „ „ „ 

Berechnen wir zum VeiiKleich auch die in demselben Paragraphen ent- 
lialt^nen Falle von Zoopnilie, so ergibt sich, daB in demselben Zeitraum 
wegen Unzucht mit Tieren 

angeklagt waren : 3328 = 47,5 o/o der iiberhaupt Angeklagten. 

Es wurden 
verurteilt: 2814 = 84,5 o/o der wegen Unz. mit T. Angekl. 

freigespr.: 514 = 15,5 o/o „ „ „ „ ,, „ 

Vorbestraft von diesen waren 

Imal 430 = 41,50/0 d. Vorbestr. = 12,8 o/o d. Angekl. 

2mal 201 = 19,50/0 „ „ = 6,Oo/o „ 

3— 5mai 236 = 22,8 o/o „ „ = 7,1 o/o „ 

6 mal u. mehr 166 = 16,2o;o „ „ = 5,Oo/o „ „ 

Sa. 1033 =30,90/0 d. Ai^ekl. 

Von den 2814 Verurteilten waren begangen 4255 strafbare 
Haudlungen : von diesen wurden 

verurteilt: 3543 = 83,4 o/o d. str. Handl. 

freigespr.: • 709 = 16,6 o/o „ „ „ 

eingestelltesVerf. : 3 = 0,07 o/o „ „ „ 

Die bisber mitgeteilten Zahlen beziehen sich auf da^ gesamte Deutsche 
Keich ; fiir Berlin liegen die Verhaltnisse ganz ahnlich. In den Jah- 
ren 1902 — 1910 wurden wegen Unzucht, begangen zwischen Mannern, 

angeklagt: 420 ; hiervon . 

verurteilt: 322 = 76,6 o/o der Angeklagten. 

freigespr.: 96 = 22,8oo „ „ 

eingestelltesVerf.: 2 = 0,5 o/o „ „ 

Wegeu desselben Vergehens waren schon vorbestraft: 
Imal 52 = 38,60/0 d. Vorbestr. = 12,4 o/o d. Angekl. 

2 mal 21 = 15,60/0 „ „ = 5,Oo/o „ 

3-5 mal 32 = 23,7 o/o „ „ = 7,6 o/o „ 

6 mal u. m ehr 30 = 2 2,1 o/o „ „ = 7,1 o/o „ „ 

Sa. 135 . . . . ^. =32,1 o/o d. Angekl., 
also war etwa der dritte Teil vorbestraft: 

Von den 322 Verurteilten waren begangen 441 strafbare 
Handlungen; hiervon wurden 

verurteilt: 348=79,Oo/o d. str. Handl. 

freigespr.: 91 = 20,5 o/o „ „ 

eingestelltes Verf. : 2= 0,5 o/o ,, „ „ 

Ein Vergleich dieser Berliner Zahlen mit der Reichsstatistik zeigt 
eine auffallende Ubereinstimmung beider. — Noch deutlicher wird dies 
zur Anschauung gebracht, wenn man die obigen Zahlen auf die ge- 
samte strafmiindige Bevolkerung berechnet. Diese war im lleich 
im Jahre 1907 45 893 SG5 ; darunter ca. 22,1 Millionen mannliche und 
ca. 23,8 Mill, weibliche Personen. — Fiir Berlin waren die entsprechen- 
den Zahlen bei einer Einwohnerzahl von insgesamt 2,8 Mill. 0,96 Mill, 
mannliche \md 1,04 Mill, weibliche strafmiindige Personen. 

63* 



Digitized by V:iOOQIC 



996 



Reichsstatistik. 



Jahr 



Von 1000 strafmiindigen Personen 

wurden bestraft 
aus § 176 ' wegen Unzucht mit 
iiberhaupt | M annern | Tieren 



1902 
1903 
1904 
1905 
1906 
1907 
1908 
1909 
1910 



|. 



0.015 
0.015 
0.014 
0.014 
0.015 
0.014 
0.015 
0.015 
0.016 



0.0068 
0.0066 
0.0062 
0.0067 
0.0071 
0.U070 
0.0080 
0.0085 
0.0 98 



Durchschnitt 



0.0148 



0.0074 



0.0082 
0.0084 
0.0078 
0.00/8 
0.0079 
0.0070 
0.0070 
0.0065 
0.0062 



Berliner Statist! k. 
Durchschnitt 11 0.026 I 0.0180 



0.0074 



0.0077 



der iiberhaupt aus § 175 Verurteilten war 
weiblich bei 8. 



Das Geschlecht 
im Reiche 1902—1910: 

mannlich bei 5682 
Dem Ehestande nach waren 
1 e d i g 4GM =- 81,6 o/o der Verurteilten. 

verheiratet 822 = 14,6o/o „ „ 

verwitwet oder gesch. 244 =-- 4,Oo/o „ „ 

Der besseren Ubersicht halber lasse ich die bereits oben im Kapitel 
„Verbreituiig" gestreiften Berechnungen nach Alter, Beruf and 
Religion folgen : 

Alter. Von den Verurteilten waren 

unter 16 Jahren: 198= 3, 5 o/o der Verurteilten. 
15—18 Jahre: 1144 == 20,1 o/o 
18-21 „ 1031 = 18,20/0 

21—26 „ 623 = 10,90/0 

26—30 „ 697 = 12,20/0 

30—40 „ 928 = 16,30/0 

40—60 „ 602 = 10,60/0 

50—60 „ 319= 6,10/0 

iiber 60 Jahre: 148= 2,6 o/o 

Mi thin betrug das Durchschnittsalter 
25 Jahre ; unter 21 waren 2373 = 



alt:* 3317 = 58,2. 



der Verurteilten 
41,82, iiber 21 



etwa 
Jahre 



Beruf 



Verurteilt \y^^. 



1. Land- u. Forstwirt. 

2. Industrie u. Bergb. 

3. Handel u. Verkehr 

4. Arbeit, u. Tagel. 

5. Ilausdienst 

6. Off. u. Hofdienst 

7. Ohne Berul 



1965 
2253 
809 
370 
30 
16a 
101 



84.5 
89.6 
14.2 
6.5 
0.6 
2.9 
1.8 



jAuf 100 000 Mannliche 
' des betr. Berufes 
I entfallen im Jahre 

4,13 
2 78 
8 53 
2.74 
45 
2.93 



Zugiunde gclegt wurden folgende Zahlen der Beruf sstatistik 
Band 211 der doutschen Reichsstatistik 1913: Mannliche Personen in 



Digitized by VjOOQIC 



997 

Gruppe 1. 5 284 071; 2. 9152 330; 3. 2 646 253; 4. 4149 823; 5. 74162; 
6. 618 335; 7. 22,1 MiU. (Volkszahlung vom 12. Juni 1907.) 

Religion. Nach der letzten Zahlung lebten in Deutschland 
39 991421 Evangelische, 23 821212 Katholiken, 615 021 Israeliten. 



1 




" 




Auf 100 000 Personen 


Religion 


Verurteilt 


0/0 


d.Verurt. 


des Bekenntnisses 
entfallen 


E vangelisch 


88 5 




58.8 


9.2 


Katholis ch 


2332 




4i.0 


109 


J u d e n 


84 




0.6 


6.2 


Unbekann t 


9 




0.1 


~ 



Vergleichen wir nun die Anzahl der bestraften und nicht 
bestraften Tater und Taten, so legen wir dieser Berechnung 
unsere Statistik zugrunde, nach der zirka 94.6 o/o der Bevolke- 
rung heterosexuell, 3.2 o/o bisexuell und 2.2o/o homosexuell sind. 
Auf die strafmlindige mannliche deutsche Bevolkerung von 
22.1 Millionen entfallen danach: 

486 000 Homosexuelle (2.2o/o) 
706000 Bisexuelle (3.2 o/o). 

Da nun im ganzen 2876 in 9 Jahren wegen gleichgeschleclit- 
licher Handlungen verurteilt wurden, so ergeben sich fiir den 
Jahresdurchschnitt 1902—1910: 

Yon 486000 strafmfindigen m&nnlichen Homosexnellen 
319 bestrafte, 
486 681 straffreie. 

Der Prozentsatz der Bestraften wird noch kleiner, wenn man 
berucksiehtigt, dafl zirka ein Drittel von ihnen schon ein oder 
mehrere Male vorbestraft waren; es ergibt sich dann, daJJ von 
10000 Homosexnellen nur etwa 4 wegen Vergehens gegen § 175 
bestraft wurden. 

Nimmt man von jedem strafmiindigen mannlichen Homo- 
sexnellen jahrlich nur vier sexuelle Handlungen an, eine Zahl, 
die ^m Verh&ltnis "zur Wirklichkeit zu niedrig gegriffen ist, 
so ergeben sich bei insgesamt 3543 Verurteilungen ftir den 
Jahresdurchschnitt 1902—1910: 

Yon 1944000 strafbaren homosexnellen Akten 
394 bestrafte, 
1943606 straffreie. 

Setzt man fiir diese schatzungsweise Annahme die aus vielen Hun- 
derteii von Anamnesen statistisch gewonnenen Zahlen ein, so ergibt 
sich folgendes: 

Auf die Frage: „Wie oft findet sexuelle Betatigung statt?" ant- 
worteteii von den mannlichen Homosexuellen 7,6 o/o mit „8ehr oft 
oder taglich"; 24,2o/o „ieden zweiten Tag"; 28o/o „ein- bis zweimal 



Digitized by VjOOQIC 



998 

wochentlich" ; 17,2o;o „eiii- bis zweimal im Monat** ; 3,2o/o .,alle Vierte-l- 
iahr** ; 15,2oo gaben an: ,,sehr selten, fast gar nicht oder nach Ge- 
legenheit"; 3,6 o/o schlieClich hatten nie scxuellen Verkehr gesucht. 
— Rechnet man die letzten 15,2 + 3,6 o'o als abstinent, so kommen 
wir zu folgendem SchluB: Etwa 18,8 o/o der mannlichen Homosexuellen 
geben an, sexuell vollstandig oder fast ganz abstinent zu sein ; die 
iibrigen 81,2o/o betatigen sich nach ihrer Angabe im Durchschnitt 
etwa 74mal im Jahre, also monatlich etwa sechsmal. Das ergilbe 
bei 486 000 strafmiindigen tnannlichen Homosexuellen jahrlich zirka 
36 Millionen sexiielle Handlungen. Rechnet man nun hiervon 10 ".. 
als mutuelle Onanie, die straff rei bleibt, ab, so ergibt sich fiir den 
Jahresdurchschnitt 1902—1910: 

Von zirka 24 000 000 strafbaren Handlungen wurden 
beistraft 394 = 0,0016 o/o ; blieben straff rei 2399960G = 
99,9984 0/0. 

Starker als durch diese Zahlen kann wohl das bestehende 
Keich^gesetz nicht ad absurdum geflihrt werden. Was wurden 
wir iiber ein Gesetz sagen, das die Onanie verbietet oder be- 
siraft? Es wurde allein schon infolge seiner Undurchfiihr- 
barkeit der Lacherlichkeit verfallen. Nicht viel anders ist es 
mit den Strafandrohungen gegentiber homosexuellen Akten, ftir 
die, sowohl hinsichtlich ihrer Verbreitung, als hinsichtlich ihrer 
Verborgenheit und UnfaBbarkeit ganz ahnliche Voraus- 
setzungen bestehen. 

Man hat sogar verschiedentlich der Meinung Ausdruck gegeben, 
daB die Strafandrohungen die Verbreitung homosexueller Akte fordern 
konnt^n. 

Wenn S te ing i e Ber i^) einmal schreibt: ,Jrgend welch ein Ein- 
fluB, auch der schwersten Strafen, auf die Haufigkeit der Pikierastie, 
liiBt sich durchaus nicht nachweisen, im Gegentcil," so denkt er viel- 
leicht bei den beiden letzten Worten an den alien Satz, daB ein Ver- 
bot nur zu leicht ein Verlangen anstachelt, ahnlich wie es in den 
Aufzeichnungen von Ewald Alienus -''^) heiBt : ,,Die Siinde lockt. Es 
ist unendlich verfiihrerisch, sich leichtsinnig in Gefahr zu begeben, zu 
wisseu, daB etwas auf dem Spiele steht, vielleicht das Leben. Das ist 
herrlich.** 

Sagte mir doch einmal ein osterreichischer Bisexueller: „Von 
dem Tagc ab, an dem der Straf paragraph gegen mannmannlichen Ver- 
kehr aufgehoben wird, gehe ich nur noch zu Frauen." Auf meine er- 
staunte uegenfrage erklarte mir der offenbar stark zum Masochismus 
neigende Herr, daB, wenn die Verfolgung aufhore, der Reiz des Aben- 
teuerlichen verloren gehen wiirde, der ihn gerade zu dieser Liebe zoge. 

Handelt es sich hier um extreme Ausnahmefalle, so be- 
anspruchen Carpenters Satze 21) allgemeinere Bedeutung : „In- 
dem man diese Menschen notigt, jede AuBerung ihres Gefiihles 
zuriickzuhalten, gibt man schlieBlich nur AnlaB zu einer um so gewalt- 
samereii Entladung der dadurch erzeugten inneren Spannung; und 
man darf wohl annehmen, daB das Britische Sittengesetz, das schon 
die geringsten AuBerungen einer Zuneigung zwischen Jiinglingen und 
Manneru verbietet, in Wahrheit seiner eigenen Absicht entgegenwirkt." 

^^) Ferdinand SteingieBer, „Sexuelle Irrwege** (zit. nach 
Leexow, 1. c. p. 7.) 

20) „Ewald Alienus, Briefe eines einsamen Kampfers" von W illy 
S a u e r , Leipzig, o. J. ; p. 132. 

21) Carpenter, Das Mittelgeschlecht ; p. 67. 



Digitized by V:iOOQIC 



999 

AUes in allem kann man sagen, daB die Strafverfolgung 
nicht die Quantitat, sondern nur die Qualitat homosexueller Be- 
ziehungen vermindert. 

Wie erklart sich nun aber iwohl diese ungeheure Kluft 
zwischen „Schiildigen*' und Bekls^^gten, zwischen begangenen und 
bestraften Handlungen? Da kommen im wesentlichen zwei 
G r ti n d e in Betracht. Der eine Grund ist der diskrete Cha- 
rakter sexueller Handlungen im allgemeinen und homosexueller 
im besonderen. Berucksichtigt man, daB beide Partner, die als 
Tater in Betracht kommen, die strafbare Tat an sich und unter 
fijich vornehmen, ohne Verletzung dritter Personen, daB die 
Tater mit ganz verschwindenden Ausnahmen die einzigen 
Zeugen ihrer Handlung sind, so ist es klar, daB! es nur ganz 
auBerordentliche Nebenumstande sein konnen, die unter vielen 
hunderttausenden Delikten eine einzige aus der Stille des Schlaf- 
zimmers vor das Forum des Gerichts, aus dem Dunkel der 
Nacht in die Helle des Tages ziehen. Man kann es danach be- 
greifen, daB Homosexuelle den Zufall, der sie den Gerichten 
zuftihrt, meist nur als einen Unfall empfinden, den sie zu 
erleiden haben, nicht etwa als Stihne oder Abschreckungsmittel ; 
sind sie sich doch nur zu genau daruber klar, daB sie sogleichl 
nach ihrer Entlassung dieeelbe Handlung, ftir die sie jetzt^ 
mehrere Monate hinter SchloB und Riegel saBen, periodisch 
wiederholen werden. 

Ich babe es erlebt, dali Urninge, die nach langerer UntersQchungs- 
haft zum erstenmal wieder Korper an Korper auf der Anklagebank 
saCen, sich wahrend der Verhandlung hinter der Barre durch iBe- 
tasten ad eiaculationem befriedigten. Die Richter merkten nicht s 
davon, wohl aber der Sachverstandige, dem die Angeklagten es nach 
dem Termin bestatigten. 

Die Zufalligkeiten, die zur Stfafverfolgung eines Uraings 
fiihren, sind hochst absonderliche. Vor einem bayrischen Ge- 
richt hatte ich vor einiger Zeit einen Schauspieler zu begut- 
achten, der wegen einer Tat sistiert war, die vier Jahre zuvor 
begangen sein sollte. Ein Zahntechniker hatte namlich in der Beichte 
einem Priester, als jdieser ihm die direkte Frage vorlegte, einge- 
standen, einmal mit einem Manne Unkeuschheit getrieben zu haben. 
Der Geistliche . woUte nur Absolution erteilen, wenn der Beiclitende, 
ein eben etabliorter Mann von 25 .Tahren, seinen ,,yerfiihrer" den 
weltlichen Gerichten anzeigen wiirde. Weder er noch der Zahntechniker 
wuBten, daB der passive Teil ebenfalls an^eklagt werden wiirde. Es 
ist namlich, namentlich bei der immissio m os, ein haufiger Irrtum, 
daC der Denunziant imeint, er sei selber straffrei, weil der andere 
sich ja nur an seinem membrum zu schaffen gemacht hatte, „er hatte 
seinerseits ja nichts getan". Dieser Irrtum wird von Polizei- oder 
Gerichtsbeamten in ihren Verhoren nicht selten sogar gefordert. In 
dem vorliegenden Fall erhielt der Schauspieler acht Monate Gefangnis, 
wobei man es ihm als besondere Verstocktheit anrechnete, dafi er 
behauptete, sich nicht mehr auf die Einzelheiten der Straftat besinnen 
zu konnen. Den Grund dafiir, daB er namlich seitdem Hunderte ahnlicher 



Digitized by VjOOQIC 



1000 

Handlungen begangen hatte, verschwieg er wohlweislich. Der fromme 
Zahntechniker kam mit 14 Tagen davon. 

Eine der hauf igsten Zufalligkeiten, durch welche 
Straftaten nach § 175 vor die Gerichtsschranken kommen, sind 
Schriftstticke oder Bilder (Ansichtskarten), die in die Hande 
dritter Personen gefallen sind, meist bei Nachforschungen, die 
aus ganz anderen Anlassen angestellt warden. Mehr als einmal 
ist so durch Brief e, Notizbiicher (mit Adressen), Tagebiicher 
oder Photographien eine Lawine ins Eollen gebracht worden, 
die erst aufhorte, als sie zu weit um sich griff, oder ins 
Stocken geriet, weil sie auf Personen stiefl, deren Schonung 
'wlinschenswert erschien. 

Der zweite Grund der so geringfugigen Bestrafungs- 

ziffern ist, wie dies im deutschen Reichstag richtig hervor- 

gehoben wurde, die relativ milde Praxis der Polizeibehorden. 

Vorbildlich ist in dieser Hinsicht Berlin. 

Hier wirkte bereits in den aohtziger Jahren^*) des vorigen Jahr- 
hiinderts ein hoherer Polizeibeamter Leopold v. Meersoheidt- 
Hiillessem, der, als ihm die „Paderastenabteilung** am Berliner 
Polizeiprasidiimi iibertragen wurde, iiber die „widernatiirliche Un- 
zucht" zunacbst dieselbe Ansicbt habte, wie sie damals gang und gabe 
war; er hielt sie filr eine durcb geschlechtlicbe Obersattigung hervor- 
gerufene Ausschweifung. „Er wm*de aber, (wie es in seinem Nachruf 
m unseren Jahrbiichern heiBt) stutzig, als er Gelegenheit hatte, zu 
beobachten, dafi viele der Angeschuldigten klardenkende, oft in hohen 
sozialen Stellungen, oder in allgemein geachteter Berulstatigkeit 
sti^hende Menschen waren, und dafi fast iiberall das elende Gezvicht der 
niedrigst-en Gelderpresser als Anklager auftrat. Einmal aufmerksam ge- 
worden, liei3 ihm die Sache keine Kuhe. Er ahnte ein psychologisches 
Motiv, dessen Erforschung ihn reizte. Zufallige Begegnungen iiihrten 
zu weiteren Forschungen, und da es nach und nach auch in urnischen 
Ivreisen bekannt wurde, dai3 der Kriminalinspektor von Meer- 
scheidt-Hiillessem kein prinzipieller Gegner des Urningtums sei, 
wendeten sich einzelne Hartbedrangte in ihrer Herzensangst an ihn." 
Von dem Zeitpunkte an, da sich ihm die merkwiirdige Tatsache offen- 
barte, daB die sogenannte paderastische Neigung durchaus keine laster- 
hafte An^^ewohnung, sondern ein in gewissen Individuen angeborenes 
Naturbediirfnis ist, war er unermiidlich bestrebt, sich selbst und dann 
auch die zustandige Behorde aufzuklaren, ja, in geeigneten Fallen selbst 
fiir die Bedrohten einzutreten und ihre Sache zu fiihren. 

Als er im Dezember 1900 unerwartet friih starb, fand* sich 

in seinem NachlaB ein voUstandiges Manuskript, eine Broschiire, 

die er ausdriicklich selbst fiir den Druck nach seinem Tode be- 

stimmt hatte. 

Welche hohe Bedeutung er diesen Aufzeichnungen selbst beilegte, 
geht aus einem Brief hervor, den er kurz vor seinem freiwilligen Tode 

22) Ubrigens s'chrieb schon 1860 Polizeidirektor Dr. Stieber- 
Berlin in seinem „Praktischen Lehrbuch der Criminalpolizei" (c. 19) : 
„Unter denen, die diesem traurigen Laster erlegen sind, gibt es sogar 
ganz geistreiche, talentvolle und hochgestellte Manner von gutmutigem, 
sogar edlem Charakter." 



Digitized by VjOOQIC 



1001 

an einen Freund tichtete, in welchem es u. a. heiBt: „Sie wissen, ich 
war mit Leib und Seele Kriminalist, aber im anstandigen Sinne keiner 
von denen, die ihre Freude daran finden, Menschen hineinzulegen. 
Mir erschien es schoner, wo ich es mit dem Amte vereinigen konnte, 
zu helfen. Fiir meinen Beruf als solchen im guten Sinne habe ich 
gelebt, fiir ihn tvill ich sterben. Die Stimme des Lebenden wird 
nichts erreichen, die des Toten wie Donnerschlag einschlagen, undalles 
vom Kaiser herab wird zu dem Voiigetragenen, mit dem sich dann die 
offentliche Meinung aller Kreise beschaftigen wird, Stellung nehmen 
und so die Kegierung zum Vorgehen zwingen." 

Er bestimmte dann, daB der Freund sich sogleich mit mir wegen 
Veroffentlichung des Manuskripts in Verbindung setzen sollte. Die 
hohere Behorde konnte sich jedoch nicht entschlieBen, uns das Ma- 
nuskript zur Verftaing zu stellen, weil in ihm „amtliches Material" 
verarbeitet sei. „Und somit bleibt," wie G. in seinem Nekrolog 
schreibt, „dies kostbare Vermachtnis, das der tapfere und klarblickende 
Mann alien denen, die der § 175 bedroht, hinterlassen hat, hinter 
SchloB und Riegel, wie es in der Geschichte der Mensohheit so 
haufig in ahnlicnen Fallen vorgekommen ist." 

,;Wir haben Gelegenheit gehabt," schreibt dieser Freund, an den 
er seine letzte Aufforderung gerichtet hatte, „schon zu Lebzeiten des 
Polizeidirektors von Meerscheidt-HiiUessem in das erwahnte Manuskript 
Einblick zu gewinnen und konnen versichern, daB es mit voller Klar- 
heit und Sachkenntnis, aber auch mit groBer Offenheit und Riick- 
sichtslosigkeit gehalten ist. Seiner polizeilich geschulten Einsicht war 
es besonders unertraglich, daB eine Anzahl verlotterter Subjekte sich den 
Gesetzesirrtum zunutze machen, und ein Ausbeutesystem gegen 
die Urninge anwenden, dem viele Ungliickliche zum Opfer geworden 
sind und noch immer werden. Aber er hatte auch Verstandnis fiir 
die andere Seite der Sache: fiir das innere Elend derjenigen Indi- 
viduen, die mit klarer Einsicht in die Sachlage dem urnischen Damon 
verfallen sind, ohne isich davon befreien zu konnen." 

G. fCigt hinzu: ^,Jeder personliche Zweck stand ihm fern; ihn 
interessierte die Sache an sich in geradezu leidenschaftlicher AVeise 
bis zu seinem Lebensende. Als gewesener Offizier war er stets bereit, 
die Initiative zu eigreifen, und er verlegte sich nicht gprn aufs 
Abwarten, So wurde es ihm schwer, auf die offentliche Darlegung 
seiner Ansichten verzichten zu miissen. Wahrlich, das .,amtliche Ma- 
terial" bot den geringsten Teil seiner Beobachtungen ; seine j)erson- 
Jichen Beziehungen und Erfahrungen iiberwogen bei weitem die in den 
Akten verzeichneten, oft von Furcht oder Irrtum diktierten Bekehnt- 
nisse der Opfer des unseligen § 175." ' 

Mit vollem Recht durf te sich Meerscheidt-HUlles- 
s e m in einem Brief e, den ich selbst etwa eine Woche vor seinem 
Hinscheiden erhielt, rtihmen, „dafl er in dieser Hinsicht Vor- 
kampfer ftir Licht und Recht gewesen und Hunderten« uneigenr 
nlitzig mit Rat und Tat zur Seite gestanden, viele vor Schande 
und ,Tod bewahrt hat.** 

Konnte auch seine echriftliche Hinterlassenschaft seinem 
letzten Willen entsprechend bisher nicht Verwendung finden, so 
blieb doch ein anderes Vermachtnis unvermindert bestehen: der 
humane und wissenschaftliche Geist, den er dem Dezernat fiir 
hiomosexuelle Angelegenheiten eingepflanzt hat, das seit ihm 
mit der Abteilung fiir das Erpresserwesen verbunden ist. Er 



Digitized by VjOOQIC 



1002 

libertrug diese Anschauungen auf seinen Mitarbeiter und Nach- 

folger, den jetzigen Kriminalinspektor Hans vonTresckow I, 

der von 1900 — 1910 •wie sein Vorganger Hunderte homosexueller 

Menschen vor Verzweiflung und Selbstmord errettete. Ihm zur 

Seite stand bereits langere Zeit der Kriminalkommissar Dr. 

Heinrich Kopp, als er am 1. Januar 1911 an seine Stelle 

rticlrbe und seitdem mit gleichem Verstandnis sein schwieriges 

Amt verwaltet. 

Dr. K o p p s Auffassung tritt in einem Vortrage zutage, den er am 
19. Juli 1911 in der juristischen Abteilung der Berliner freien Stu- 
dentenschaft hielt; er sagte hier: „Ich habe in meiner jahrelangen 
Praxis mit Tausenden von Homosexuellen zu tun gehabt. Es gibt 
nichts, von dem ich so fest iiberzeugt ware, als daB die Homosexualitat 
weit davon entfernt ist, ein Laster zu sein. DaB es eine angeborene 
Naturanlage ist, das sieht man greifbar vor sich, wenn man ein 
wenig die Augen aufmacht. Der einfachste Schutzmann, der neu in die 
Piiderastenpatrouille hineinkommt, kommt bald zu der tJberzeugung : 
diese Leute konnen ^ichts dafiir. Das ist schon oft gesagt, aber 
leider hat es noch nicht iiberall Boden gefaBt. Es gibt keinen Eman- 
zipationskampf, der solche Schwierigkeiten hat, wie der Emanzipations- 
kampf der Homosexuellen." Dr. Kopp laBt sich dann ausfiinrlicher 
iiber die an Homosexuellen veriibten Erpressungen aus und fahrt fort: 
„Sie wissen nicht, welche Summe von Menscnenleid und Menschen- 
qualen in solchen Erpressungen steckt. Die gerichtliche Verhandlung 
ist immer erst der AbschluB. Dann sitzt der Erpresser hinter SchloB 
und Riegel, und das Opfer atmet erleichtert auf. Aber was vorher- 
gegangen ist, bis der ErpreBte die Energie hatte, Anzeige zu erstatten, 
ist nicht zu beschreiben." 

Man wird es naeh dieser Schilderung der Stellung der 
Berliner Kriminalpolizei verstehen, daB das Wissenschaftlich'- 
humanitare Komitee seit seiner Begrtindung im Jahre 1897 
mit ihr in bestem Einvernehmen arbeitete, und dafl ich einmal 
schreiben durfte: ,,Sollte les einmal zu der Beseitigung des 
§ 175 kommen, so wtirde dies der verdienstvoUen praktischen 
Tatigkeit der Trias hervorragender Berliner Kriminalisten 
auf diesem Gebiete, v. Meerscheidt-Hiillessem, von 
Tresckow und Dr. Kopp nicht minder zu danken sein, wie 
denjenigen Mannern, die durch wissenschaftliche Arbeit und 
Aufklarung dieses Ziel zu erreichen bestrebt waren.** 

Stehen die auswartigen Polizeior^ane auch nicht auf so voriu-teils- 
loser kriminalwissenschaftlicher Hohe wie die Berliner. Be- 
horde, so befleiBigen sie sich doch auch vielfach den Homosexuellen 
gegeniiber einer verhaltnismiiBig weitgehenden Toleranz, und auch 
anderswo ist unter dem unmittelbaren Eindruck urnischer Personlich- 
keiten mehr als ein einsichtiger und nachdenklicher Beamter aus 
ejnem Saulus ein Paulus geworden. 

Auch die von den Polizeibehorden gefiihrlten „PaderastenIisten" 
— die Berliner Kartothek we ist allein 20—30 000 Namen auf — tragen 
nichtj wie von den Urningen vielfach angenommen wird, einen aggres- 
siven oder bedrohlichen, sondern nur einen informatorischen CJha- 
rakter, damit, wie Meerscheidt-Hullessem sagte, vorkommen- 
denfalls bei Verbrechen, die an oder von Homosexuellen begangen 



Digitized by VjOOQIC 



1003 

werden, die Behorde unterrichlet ist, {)b die Betrefiendeu im X'erdacht 
gleichgesclilechtlicher Neigungen standen. Dem Dezernenten fiir liomo- 
sexuelle Angelegenheiteii stehen in Berlin 10 Unterbeamte zur Seite, 
von denen drei im Innen-, sieben im AuBendienst beschaftigt sind. 

Von Homosexuellen und ihren Wortfiihrern (auch sclion 

von U 1 r i c h s) ist wiederholt angeregt worden, dafl die Urninge 

selbst ihre Namen als solche der Polizei bekannt geben 

soUten. An Ellis^^) schrieb eine Dame aus Amerika: ,, Inverse 

sollien den Mut und die Selbstandigkeit haben, sich als solche 

zu bekennen und eine Untersuchung fordern/* Auch das Wissen- 

schaftlich-humanitare Komitee hat sich wiederholt^*) mit An- 

tragen zu beschaftigen gehabt, die dringend eine Massen-Selbst- 

denunziation der Urninge forderten. 

Die „Leipziger Illustrierte Zeitung" vom 16. November 1905 25) 
meinte bei einer solchen Gelegenheit: „Der letzte Monatsbericht des 
.,Wissenschaftlich-humanitaren Komitees" hat sich mit einem kuriosen 
Antrag befafit, der jallerdings keine Zustimmung fand. Es sollten 
danach 1000 Homosexuelle sich selbst dem Staatsanwalt wegen Ver- 
gehens gegen § 175 denunzieren, aber gleichzeitig durch Verweigerung 
naherer Angaben iiber Partne^r, Zeit und Ort des Delikts eine Ver- 
urteilung unmoglich machen. Dadurch, meint der Antragsteller, werde 
das Gesetz ad absurdum gefiihrt ; denn entweder miisse ein non 
liquet Oder die Einstellung des Verfahrens die Folge sein. Der Autor 
des Antrag.s halt das von ihm empfohlene Vorgehen fiir mannhaft. 
Hiibsch ausgiedacht. Ich weiC aber noch einen hiibscheren Antrag. 
1000 nichthomosexuelle Freunde der Bewegung tun sich zusammen 
und denunzieren sich beim Staatsanwalt wegen Vergehens gegen § 175. 
Die Verlegenheit des Staatsanwalts ware dieselbe — die Sicherheit 
der Selbstdenunzianten aber erheblich groBer." 

In ernstere Erwagung zog K. K r a u s in Wien diesen Ge- 
danken, indem er meinte^^) : , Jch bin der Ansicht, daU nur dann 
ein Sieg iiber den menschenmorderischen Para^raphen in 
Deutschland und Osterreich zu erringen sein wird, wenn die 
namhaftesten Homosexuellen sich offentlich zu ihrem Verhangnis 
bekennen.'* Auch Dr. jur. Kurt Hiller^^) schlagt in seinem 
Aufsatz „Ethische Aufgaben der Homosexuellen*' eine Massen- 
Selbstdenunziation von Homosexuellen vor, um zu ihren Gunsten 
auf Gesetzgebung und offentliche Meinung einzuwirken. Sicher- 
lich ware es ein wirksames Kampfmittel, wenn mehrere Tausend 
Manner und Frauen von Rang und Stand ein solches Be- 
kenntnisopfer bringen wlirden. Der Vorschlag tibersieht 
aber eins: die Urningspsyche ; durch sie wird der Gedanke 
utopistisch und illusorisch. Denn die auBeren und inneren Henv 



w) H. Ellis, Sexual- Inversion, p. 213. 

^*) Cf. Monatsbericht des Wiss.-human. Komitees, 1906, Nr. 11 
12. 

»5) Cf. Mon.-Ber. des W.-h. Komitees, 1905, Nr. 12, p. 23. 

««) Cf. Mon.-Ber. d. W.-h. Komitees, 1906, p. 9. 

") Jahrb. f. sex. Zw., Jahrg. XIII, Heft 4, p. 406 ff. 



Digitized by VjOOQIC 



1004 

mungen sind viel zu stark, als daB eine nennenswerte Anzahl 

im sozialen Leben stehender Urninge es tiber sich gewinnen 

konnte, sich frei und offen als homosexuell zu bekennen. 

Hatte doch einer der eifrigsten Verfechter dieser Idee, als ihin 
einmal in der Offentlichkeit homosexuelle Neigungen nachgesagt wur- 
den, nichts Eiligeres zu tun, als den Zeitungen eine Berichtignng 
%\x ubersenden, in der er sich pegen diese Annahme verwahrte. Daher 
diirfte wohl der Verfasser der Enterbten*^) recht haben, wenn er schon 
vor Jahren schrieb: „Gesetzt den Fall, es wiirde zur Stunde, einem 
Ubereinkommen der Volker gemaB, plotzlich eine allgemeine Uraniden- 
Amnestie ausgerufen und jeder derselben aufgefordert, ungescheut 
seinen Namen in die aufliegenden Urning-Zahllisten einzutragen, um 
endlich zur Klarheit dariiTOr zu gelangen, ob der Prozentsatz der 
Menschheit an Homosexuellen itatsachlich eine umfassende Reform 
aller Lebensgesetze erheische — so wiirden ganz gewiiJ unter hundert 
Uraniern kaum d r e i es uber sich gewinnen, die mit ihrem Wesen bei- 
nahe festgewachsene Maske plotzlich fallen zu lassen." Man hat auch 
vorgeschlagen, daB sich Uranier wenigstens in ihrem Testamente als 
loiche bekennen mogen. Aber selbst dazu fehlt den meisten der Mut. 

AuBer den gesetzgebenlden Korperschaf ten sdnd es noch 
«wei weitere Faktoren, welchfe ftir die Befreiung der Homo- 
sexuellen von Bedeutung sind: die offentliche Meinuniff 
oder das sogenannte „VolksbewuBtsein** und die wis sen- 
schaftliclieForscliung. Alle drei stehen in einer gewissen 
Wechselwirkung zueinander. Jedoch sehen wir, daB die Gesetz- 
gebung sich in dieser Frage immer weniger auf die Wissenschaft 
als auf das Volksempfinden stiitzt und 'beruft, wahrend 
dieses hinwiederum in liohem MaBe von den Strafbestinmiungen 
selbst und den MaBnahlnen der Staatsanwaltscliaft beeinfluBt 
wird. 

Priifen wir dieses Motiv jedoch naher, so eigibt sich, dafi das 
Volksempfinden in Sachen der Homosexuellen zum groUen Teile 
auf der inlgen Voraussetzung beruht, daB ein bestimmter Akt (die immissio 
in anum) die iibliche Verkenrsart sei, und daB auch diese nur unter den 
Begriff der widernatiirlichen Unzucht falle. Legt man dem Volksempfinden 
eine so entscheidende Bedeutung bei, so sollte man dann wenigstens 
auch nur solche Akte strafen wollen, oder aber im Einzelfalle die 
Verf olgung von einem privaten Strafantrag abhangig niachen. 
A.uch meint das Volksempfinden, daB es sich um Personen handeli, 
die sich im Verkehr mit dem Weibe ubersattigt haben, wahrend in 
Wirklichkeil das Gegenteil der Fall iat. 

Die 1. Nr. 1906 des XI. Jahiiganges der ,„Deutschen Juristen- 
xeitung" (O. Liebmann-Berlin) enthalt eine beachtenswerte Abhandluii^ 
iiber „Die Rechtsprechung in Strafsachen und das allgemeine Rechts- 
bewuBtsein" aus der Feder des Reichsgerichts-S enatsprasidenten 
Dr. Freiherrn von Biilow, worin sich folgender bedeutsamer Passus 
befindet : „Es ist das ,allgemeine RechtsbewuBtsein* oft ein sehr 
unklares und sucht die Mangel und MiBstande an der verkehrten Stelle. 
Wer nicht durch jahrlange Ubung sich an griindliche und obiektive 
Priifung von Rechtsfragen gewohnt hat, ist leicht geneigt, sein Rechts- 
bewuBtsein, sein Rechtsgefiihl ohne weiteres fiir das allgemeine zu 



58) Loo. cit. p. 244. 



Digitized by VjOOQIC 



1006 

halten. Das s&eigt sich in vielen Fallen, 2. B. bei dem Versuch mit 
untauglichen Mitteln, bei der Beschimpfung kirchlioher Einrichtungen, 
dem § 175 R. - S t r. - G. - B., dem MiBbrauch des Koalitionsrechtes 
und den Ausschreitungen ausstandiger Arbeiter gegen Arbeitswillige, 
bei der Beleidigung una der Wahrnehmung ,berechtigter Interessen*." 

tJbrigens wird vielfach, namentlich von Homosexuellen 

selbst, behauptet, daB das Volksempfinden ilinen gegeniiber 

tiberhaupt nicht so rigoros sei^ wie angenommen werde ; daB das 

einfache Volk sie viel eher mit harmlosem Spott, als mit eifern- 

dem HaB und Hohn betrachte. Auch nach eigenen sehr umfang- 

reichen Ermittelungen in dieser Frage bin ich tiberzeugt, daB, 

wenn es die Gesetzgebung heute von einer Volksabsitimmung 

abhangig machen woUte, ob die Homosexuellen waiter bestraft 

werden soUen oder nicht, 90 0/0 der Bevolkerung nach Jfenntnis 

des wahren Sachverhaltes gegen die Bestraf ung votieren wtirde. 

Wie naiv man auch in hoheren Gesellschaftskreisen vielfach 
den gleichgeschlechtlich Empfindenden beurteilt, moge als Beispiel eine 
kleine Geschichte belegen, die mir kiirzlich ein Urning der Aristokratie 
ersiablte. Er unterhielt sich bei einem Empfang in einem unserer ersten 
Hotels mit einer ^ehr hochgestellten alteren Dame, die von seiner 
eigenen Veranlagung nichts wuBte, als ein kleinstaatlicher Prinz ein- 
trat, dessen Uranismus infolge seiner Ehescheidung allgemein bekannt 

feworden war. Da unterbrach sich die Dame \md sagte: „Ach, da 
ommt Prinz X., finden Sie nicht auch, die nettesten Leute sind doch 
die Herren vom Paragraphen, ich wenigstens habe das in 
meinem langen Leben oft bestatigt gefunden." 

In ahnlicher Weise wie diese Geschichte zeigen zahlreiche 

Scherze, denen man in Witzblattern und im Volke kursierend 

begegnet, dafl das wahre Volksempfinden, auf dessen angebliche 

Feindseligkeit sich der Vorentwurf sttitzt, viel mehr auf 

spott^nde Ironie als auf fanatischen Groll gestimmt und ein- 

gestellt ist. Aber selbst wenn dies bei vielen Personen dennoch 

der Fall ware, so konnten diese Gef tihle schon deshalb keinen 

ausschlaggebenden Rechtsgrund bilden, well es sich um .sexuelle 

Dinge handelt, in denen die Kontrainstinkte an und ftir sich sehr 

subjektiv sind. Die Erf ahrung zeigt, daB gerade im Geschlechts- 

leben dasjenige, was den eigenen Neigungen entgegengesetzt ist, 

meist instinktive Affekte des Ekels und der Unlust auslost, die 

man nur zu leicht zu verallgemeinern sucht, ganz abgesehen 

davon, dafl man sich von der Betati^ung der fremden, unver- 

standlichen Neigung die libertriebensten Vorstellungen macht. 

Auch der Strafrechtslehrer Mittermaier sagt : „Der Grund, 
dafJ die Handlun^en des § 175 das Volksgefuhl emporen, kann heute 
nicht mehr fiir die Strafbarkeit geniigen." Es sei endlich bemerkt, daB 
man sich doch auch bei anderen Gesetzesentwiirfen, etwa JFinanz- 
odor AVahlrechtsreformen, nicht auf die herrschende Volksanschau- 
ung beruf t, wie denn auch tatsachlich an k e i n e r anderen Stelle des 
Voreutwurfes zum Strafgesetzbuch dieses Motiv als maBgebend hervor- 
gohobeii ist. 



Digitized by V:iOOQIC 



1006 

Betrachtet man als Ausdruck der offentlichen Meinung die 

Press e, so zeigt sich, daB gerade diese ihre Anschauungen 

hinsichtlich der homosexuellen Frage wiederholt stark ge- 

wechselt hat. 

Es ist voiigekommen, und der Fall steht nicht vereinzelt da, daB 
eia und dieselbe Zeitung^s), welche anlaBlich des Falles K r u p p die 
Beseitigung des § 175 befiirwortete, „jenes in anderen Landern Langst 
au^ehobenen Paragraphen, der die sexuellen Abnormitaten des Man- 
nes nicht als krankhafte, sondern als strafwoirdige MiCstande jbe- 
trachtet, des Paragraphen, der in unsere moderne Kulturwelt hinein- 
paCt, wic die mittelalterliche Praxis, Geisteskranke als vom Teufel 
Besesseno zu bestrafen," daU diese Zeitung fiinf Jahre spater ge- 
legentlicli des Falles Eulenburg schrieb : „Paderastie ist ein Ruck- 
fall in die Barbarei ; Homosexualitat ist Hundemoral. Das muB derb 
und klar ausgesprochen werden. Der Erziehung fallt die Aufgabe 
zu, den Willen zu starken, dem Strafgesetz, don Willensschwachen zu 
isolieren, damit Krankheit und Sittenverderbnis einzelner nicht zu 
einer Volksseuche werden, die auf ihrem verheerenden Zuge die hcrr- 
lichsten Hoffnungen einer unvergleichlichen Kultur vernichten miiBte." 

Besonders kann man dieses Umschwenken bald nach der 

einen, bald nach der anderen Seite beobachten, wenn neue Pro- 

zesse Oder Katastrophen, die mit der Homosexualitat in direktem 

oder indirektem Zusamtnenhange stehen, die Offentlichkeit be- 

schaftigen. 

So war es beispielsweise in England nach dem Oscar Wilde- 
Skandal, in Deutschland friiher beim Fall Zastrow, in der Schweiz 
nach der Hinrichtung Desgouttes', und so ist es noch neute, wo 
Falle, die blitzartig grell das Schlachtfeld beleuchten, sich gehauft 
haben, nicht etwa weil die Homosexualitat als solche haufiger gewor- 
den ist, sondem weil ihre Publizitat zugenommen hat. Viele Falle, 
die friiher als Selbstmorde aus unbekannten Griinden, als Eheschei- 
dungen auf Grund uniiberwindlicher Abneigung, als Sonderlingstum 
und anderes rubriziert wurden, werden jetzt richtiger erkannt .und 
eingereiht. So waren die auCeren Anlasse der riicklaufigen Stromung 
des Jahres 1907 im Befreiungskampf der Homosexuellen ohne Zweifel 
die Sensationsprozesse gewesen, die im Oktober dieses Jahres ein- 
setzten. Hatte es sich dabei um unkompljziertere Prozesse 
aus § 175 gehandelt, so ware ihre Wirkung vermutlich keine ♦so 
verheerende gewesen; es waren jedoch Prozesse wegen MiBbrauchs der 
militarischen Dienstgewalt, wegen Meineids, wegen Verleumdung, die 
sich gegen Homosexuelle richtoten und die diese, trotzdem es durch- 
aus nicht etwa typische Falle waren, in einem besonders ungiiustigen 
Lichte erscheinen liei3en. Eine ganze Reihe von Yorkommnissen 
waren bereits diesen Ereignissen vorausgegangen, die wie Wetter- 
leuchteii das kommende Ungewittor verkiiudigten. 1902 starb Alfred 
K r u p p , weil man behauptete. er sei homosexuell. Ob es wahr 
war oder nicht, ob er eines natiirlichen Todes starb oder nicht, ma^ 
dahingestellt bleiben. Anerkannt ist von alien Seiten, daC er an der 
von der italienisclien in die deutsche Presse iiborgegangenen B o - 
hauptung der Homosexualitat zugrunde ging. Kurze Zeit darauf 
schofi an der Hedwigskirche in Berlin in furchtbarer Verzweiflung der 
Landgerichtsdirektor H. auf seinen Erpresscr, der ihn unter der 

-9) Cf. Hamburger Fremdenblatt vom 30. Nov. 1902 und 31. Okt, 
1907. 



Digitized by VjOOQIC 



1007 

t)rohung, seine Homosexualitat zu enthiillen, um sein ganzes Vermogen 
und Lebensgliick gebracht hatte. Und wieder ein JahJ spater stiirzte 
sicli der vielfache Berliner Millionar H. I. ins Wasser, weil ein Ver- 
fahreu wepen Meineids gegen ihn eingeleitet war, in dem die von 
eiuem Erpresser behauptete Homosexualitat eruiert werden sollte. Da- 
zwischen lagen zahlreiche andere Vorfalle, die zwar nicht so groBes 
Aufsehen erregten, aber doch in weitesten Kreisen besprochen warden, 
wie der tragische Tod des der Homosexualitat beschuldigten Freiherrn 
von F. bei der Heimkehr von seiner Hochzeitsreise, der furcht- 
bare Selbstmord des Gardehauptmannes von T., der sich am Mor- 
gen des Tages vergiftete, an dem er sich wegen der ihm von einem 
unteroffizier nachgesagten Homosexualitat verantworten sollte; der 
Verzicht des Prinzen F. H. auf die Herrenmeisterschaft im . . . orden 
wegen der Geriichte iiber seine gleichgeschlechtliche Anlage und noch 
eine sehr groBe Anzahl kleinerer Ereignisse, die alle das homosexuelle 
Problem beriihrten. Hatten alle diese Vorkommnisse die offentliche 
Meinung verbal tnismafiig nicht gerade zuungunsten der Homosexuellen 
beeinfluBt, so fiihrten die Prozesse gegen die Potsdamer Grafen H. und 
L. wegen MiCbrauchs der Dienstgewalt, gegen Brand wegen Ver- 
leumdung des Reichskanzlers B ii 1 o w , gegen Fiirst Eulenbarg 
wegen Meineids zu wahren Wutparoxysmen gegen die Homo- 
sexuellen, trotzdem man sich bei ruhiger Uberlegung hatte sagen miis- 
sen, daB diese Falle nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hatten. 
ob die Toleranzforderung der Homosexuellen, welcher sich so 
vieie juristische und medizinische Fachleute angeschlossen hatten, 
berechtigt oder unberechtigt seien. 

Ein zweiter Umstand, der viele flir die Befreiung der Homo- 
sexuellen schon gewonnene Freunde wieder abwendig machte, 
waren |tibertriebene Nebenstromungen, die das Be- 
streben zeigten, die Homosexualitat auf Kosten anderer Gefiihls- 
riehtungen in den Vordergrund zu drangen. Wie wohl jede sich 
starker entwickelnde Organisation, so hatte auch die Urnings- 
befreiung unter Schwarmgeistern zu leiden, deren An- 
schauungen und Temperament die ursprtinglich und hauptsach- 
lich vertretene Richtung nicht extrem genug war, und die nun 
dadurch, dafl sie liber das Ziel hinausstrebten, der Sache, mit der 
sie es an und flir sich gut ineinten, keinen guten Dienst crwiesen. 

Der Hauptfehler derartiger Stromungen ist gewohnlich, und so 
war es auch in diesem Falle, der, daB sie sich verba ngn is voUen 
Tiiuschungen iiber das Erreichte und Erreichbare hingeben. Es wurde 
immer und immer wieder versucht, besonders Reschah dies auch in 
der Bibliographic der Jahrbiicher durch Dr. jur. Numa PriLtorius, 
die Theorie und Taktik diescr Gruppen zu widerlegen. Man suchte 
ihnen klar zu machen, wie falsch und gefiihrlich es sei, in Prosa und 
Poesie die von der Norm abweichenden Persoiien als fiir die Gattung 
wertvoUere Exemplare der ispecies homo sapiens darzustellen, wie 
unklug es sei, wenn der Wortfiihrer der „Sezession** die wissenschaft- 
liche Arbeit des Komitees mit den Worten ablebnte: „Wir werden uns 
nicht bemiilien, durch den wissenschaftlichen Nachweis einer 
angeblichen Anomalie das Mitleid der Regieruug und der Volksvertre- 
tung zu erwecken, um auf diese unmannliche Weise die Aufhebung der 
uns bedrohenden Strafgesetze zu erreichen," wie geradezu verhangnis- 
voU die A>rmischung der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen 
niit aiitifeministischen und antikierikalen Tend(nizen wiirc, wodurcb 
nicht nur das Ziel verriickt, sondern auch seine Erreirhung unnotig er- 



Digitized by V:iOOQIC 



1008 

schwert wiirde. Hatte doch der Sezessionsftihrer noch im Juni 1908 
in seinen sieben Thesen zu der Frage der gleichgeschlechtlichen 
Liebe den Gnindsaiz aufgestellt: „Die erotische und soziale AnmaBung 
der W e i b e r let der Feind ; mit ihm verbinden sich oft noch die Kiinste 
einer Priester- oder sonstigen Betrugskaste, die den EinfluB des leicht- 
glaubigen Geschlechtes mit dem kleineren und einfacheren Gehirn 
schlau benutzt." HeiBt dais nicht in denselben Denkfehler verf alien, 
unter dem die Homosexuellen selbst so viel zu leiden batten? Wie 
die Heterosexuellen nach ihren eigenen Gefiihlen, Gedanken und Gut- 
diinken die Bisexuellen und Homosexuellen bcurteilt und behandelt 
zu sehen wiinschen, sollten nun diese mit jenen verfahren, nur mit 
dem Unterschiede, dai3 wahrend dort eine Mehrbeit eine Minderheit, 
hier die Minderheit die Mehrheit „majorisierte". Anstatt zufrieden 
zu sein, wenn man die Homosexuellen endlich in Ruhe laBt, woraus 
sich eine freie und imgestorte Entfaltung ihrer Erafte und Leistungs- 
moglichkeiten naturgemai3 mit der Zeit von selbst ergeben wurde, 
strebte man hier unter moglichster Zuriickdrangung des Frauenein- 
f lusses eine Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne einer „m a n n - 
lichen K u 1 1 u r" an. 

Befinden wir uns doch in einer Zeit, wo in alien Kultur- 

landern infolge des energischen Auftretens der Frau ftir ihre 

Rechtc die Entwicklung gerade nach der entgegengesetzten Seite 

tendiert, in der der Fraueneinfluli stetig wachst, Frauenemauzi- 

pation, Frauenstudium und Frauenstimmrecht immer zahl- 

reichere Anhanger gewinnen. Den Homosexuellenkann 

dieser Gang der Entwicklung nur recht sein. Je 

ungehemmter sich die Individuen nach ihrer Eigenart entfalten 

konnen, je mehr sich VoUmanner, VoUfrauen, Manner mit weib- 

lichen und Frauen mit mannlichen Einschlagen im freien Spiel 

der Krafte messen, um so deutlicher wird die psychologische 

und psychosexuelle Mischung aller Geschlechtscharaktere in 

ihrem vielartigen Endergebnis zutage treten, um so mehr mu6 

auch das Verstandnis fiir die Zwischenstufen und Homosexuellen 

verschiedenster Schattierung zunehmen. Nicht neue Unduldsam- 

keiten miissen geschaffen, die alten mtissen Uberwunden werden. 

Die nberspannung der Forderungen hatte sehr viele, die durch 
die wissenschaftliche Arbeit des Komitees schon gewonnen waren, 
stutzig gemacht und abgestoi3en; damals, als nach den groBen Pro- 
zessen alles Errungene wieder zusammenzustiirzen schien, erklarte mir 
ein hoherer Regierungsbeamter : „Fiir Toleranz der Homosexuellen 
waren wir zu haben gewesen, nicht aber fiir ihre gesellschaftliche 
Gleich- Oder gar Hoherwertung. Man hat von der heterosexuellen 
^lehrheit zu viel gefordert, deshalb gewahrt sie gar nichts." 

Alles in allem kann man wohl sagen, dafl die offentliche 
Meinung sich in der homosexuellen Frage im ganzen labil, un- 
sicher, ihrer selbst ungewiB gezeigt hat. Gerade dieser Zweifel 
der offentlichen Meinung macht es aber mehr als wahrscheinlich, 
daU es der wissenschaftlichen Forschung schlieBlich doch ge- 
lingen wird, sich in ihren Resultaten durchzusetzen. Aus den 
naturw's enschaf I'ch gebildek n Krcisen pflcgt eifahrungsgemaB 



Digitized by VjOOQIC 



lOOd 

die Erkenntnis nach und nach in breitere Schichten des Volkes zu 
sickern, und wenn auch in den letzten Jahren der eine odex 
andere Gelehrte dem Druck der Tagesstromtingen, wich, so kdnnen 
wir doch konstatieren, daB im wesentlichen der erreichte Be- 
sitzstand unverandert geblieben ist. 

Auch unabhangig von der Tatigkeit des Komitees traten 
nach der Wende des XIX. zumXX. Jahrhundert immer zahl- 
reichere Personlichkeiten von Bedeutung in Wort und Schrift ftir 
die endliche Beseitigung der Urningsverfolgung ein, 
namentlich als bekannt wurde, daB nach Einflihrung des neuen 
biirgerlichen Gesetzbuchs ein neues Strafgesetzbuch ftir das 
Deutsche Reich eingefuhrt werden soUte. 

So sagte der bedeutende Berliner Gerichtsarzt Geh. Med.-Rat Dr. 
Arthur Leppmann^^): „Bezuglich des § 175 mufl ich nicht nur vom 
psychiatrischen, sondern auch vom allgemeinen sozialen Standpunkt aus 
verlaiigen : Fort rait diesem ParagraphenI Die Straf justiz 
hat die Verpflichtung, Verbrechen gegen das Leben und das Eigen- 
tum zu bestrafen und die offentliche Sicherheit zu schiitzen, sie ist 
aber nicht Hiiter der privaten Moral. Wenn zwei Erwachsene, ohne den 
offentlichen Anstand zu verletzen und ohne Jugendliche noch nicht 
geschlechtsreifen Alters zu gefahrden, unter sich homosexuelle Hand- 
lungen begehen, so kiimmert das keinen Dritten. SchlieBlich hat 
doch jeder Mensch iiber seinen eigenen Korper das Selbstbestimmungs- 
recht.*' 

Ahnlich schloi3 Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Albert Eulenburgsi) 
eineu Aufsatz mit den Worten: „Weg mit § 175 — und noch weiter 
weg mit § 250 1" Und Professor Dr. med. K o c k s ^2) sagte : „LaBt die 
MtMischen in ihrem Privatleben in Ruhe I Gesetze werden doch darin 
nicht beachtet, und jsie schaffen kiinstliche Verbrechen, wo keine 
sind. Also fort mit den schlechten Gesetzen, die artifizielle Ver- 
brechen machen, statt tJbel zu verhiiten, weil sie gegen kiinstlich ge- 
schaffene, vermeintliche tTbel gerichtet sind! Weg mit § 176 . . . !** 

Prof. Dr. Robert Sommer schreibt in seiner „Enminal- 
psycholc.gie"33) : „Das Leiden der Homosexuellen entsteht lediglich 
durch eine Gesetzgebung, welche die AuJUenuig des angeborenen Triebes 
verbietet und diese Abart des Menschengeschlechtes achtet. Nicht 
durch generelle Erklarung dieser Zustande als Geisteskrankheit, sonderij 
nur durch Aufhebung der Strafbestimmung mit den Ein- 
schrauku^gen nach Analogic der Gesetzgebung iiber alle sexuellen Hand- 
lungen kann man den anthropologischen Tatsachen gerecht werden." 
Und F o r e P*) meint : 5,Die Gesetze sind viel zu streng und fassen 
die Sache von einem falschen Gesichtspunkte auf. Schliei31ich ist 
die homosexuelle Liebe, so lange sie sich nicht an Minderjahrigen oder 
Unzurechnungsfahigen vergreift, ziemlich harmlos, indem sie keine 
Nachkommen erzengt und dadurch sich selbst selektiv ausmerzt. Wenn 
beide Individuen einverstanden sind, ist sie nicht schlimmer, sogar 
entschieden weniger schlimm als die gesetzlich geschiitzte Prostitution. 

30) In der „Gesellschaft fiir soziale Medizin, Hygiene u. Medizinal- 
statistik", Nov. 1910. 

3^ In der „Deutschen Montags-Zeitung" v. 19. Dez. 19JL0. 

3n lu „Sexual-Probleme", 1912, Nov.-Nummer. 

33) Zitiert nach MeiBner. Loc. cit. p. 33. 

s*) Prof. August Forel: „Die sexuelle Frage", Miinchen 1906, 
p. 262. , 

Hirschfeld, Homosexualitit. ^ 



Digitized by VjOOQIC 



lOlO 

Wird ein normaler Mann von einem Urning belastigt, so fallt es ihm 
nicht schwer, denselben zurechtzuweisen ; es ist ihm dies sogar viel 
leichter, als einem von einem unziichtigen Manne verfolgten Madchen." 

Eingehend schildert Iwan Bloch in seinem Sexualleben (p. 577 
u. ff.) die Folgen der Urningsverfolgung. Er schreibt u. a. : (p. 578) 
„Die sclilimmste und traurigste Winoing des § 175 ist die dauernde 
Intamierung und soziale Achtung von Personen, die ohne iede Schuld 
zu ihrer von derjenigen der groBen Mehrzahl abweichenden Empfindimg 
gekommen sind.** und luft aus : (p. 580) „Abhilfe fiir alle diese 
rbelstande, die Selbstmorde sowohl wie die Erpressung, kann jiur 
durch Aufklarung des ganzen Volkes — das Aller- 
wichtigste — und durch bedingungslose Aufhebung des § 17;"? 
geschaffen werden." 

Der Professor der Geschichte der Medizin Julius Pagel auBerte 
sich in der „Deutschen Arzte-Zeitung" : „Die gerichtliche Bestrafung 
der Homosexuellen la0t sich nicht menr aufrecht erhalten. Denn nicht 
um strafwiirdige, sondern ,um in gewisser Beziehun^ ungliickliche 
Geschopfe handelt es sich, die die Aufmerksamkeit des Arztes und 
Menschenfreundes (und beides soil ja doch koinzidieren) verdiencn, 
nicht etwa bloi3 des Gerichtsarztes, sondern jedes Praktikers.** Und 
Prof. Dr. Freud schrieb^^): „Sowohl bei uns in Osterreich als nocb 
in weit groBerem Umfange in Deutschland ist eine machtige Bewegung 
im Zuge, den Paragraphen des Gesetzbuches, der sich gegen die Per- 
versen wendet, zu eliminieren. Der Bewegung haben sich y>edeutende 
Geiehrte angeschlossen, und sie wird immer groiJere Krcisc 
Ziehen, bis sie zu einem endgiiltigen Erfolg gelangen 
wird." I 

Der Oberarzt Dr. med. Kotscher in Hubertusburg sagt^^) : ,,Die 
Gerechtigkeit fordert also trotz alien asthetischen Widerwillens, den 
der Heterosexuelle gegen die Homo- und Bisexuellen empfinden mag, 
die Abschaffui^ des Paragraphen 175." 

Dr. F. H. K r o 1 1 e stellt in einem Aufsatz „Strafrechtsreform und 
Homosexualitat"87) folgende Uberlegung an: „Mit der Strafrechts- 
retorm, die zwar im Gange ist, wird es noch lange dauern. Aber es 
ist im hochsten Grade bedenklich, bei der allgemeinen Erkenntnis von 
der Un^erechtfertigkeit und Nutzlosigkeit eines Paragraphen denselben 
womoglich noch ein Dutzend Jahre lang aufrecht zu erhalten imd noch 
f^rndiifin jede Woche so und so viele faktisch Unschuldige zu Monaten 
von G«©ngnis zu verurteilen und in ihrer gesellschaftlichen Stellung 
zu minieren. Man muB verlangen, dafi hier bald Abhilfe geschaffen 
wird." 

Sta^tsanwalt Erich Wulf fen-Dresden meint^^): ,,Es han- 
delt sich bei der Homosexualitat ganz gewii3 mn eine natiirliche Spiel- 
art der Greschlechtlichkeit, der man deshalb innerhalb gewisser 
Gj*eiizen- Duldung widerfahren lassen muB und darf." 

Professor Gustav Aschaffenburg, Coin, schreibt in den „Ge- 
richtsatztlichen Wiinschen zur bevoratehenden Neubeaxbeitung der 
Strafgesetzgebung fiir das deutsche Reich**^^) : ^^Vom Standpunkte des 
Arztes besteht kein Bediirfnis nach einer strafrechtlichen verfolgung 
homosexueller Akte, soweit nicht Jugendliche dadurch betroffen wer- 
den," und Prof. Dr. jur. Heimberger, Bonn, schreibt ebendort : 

35) In dor .,Zeit", Okt. 1905. 

^S In den ,,Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens", 1907, 
Heft 52. 

37) In der „Polit.-Anthropol. Revue", Lpz., V. Jahrg., Nr. 6, 
Sept. 1906. 

3») In der „ Reform des Reichsstrafgesetzbuchs", herausg. v. Dr. 
P. F. Aschrott u. Dr. Franz v. Liszt. 

39) CL Jhb. f. sex. Zw. Bd. VII. S. 1047. 



Digitized by VjOOQIC 



1011 

„Ich fiir meine Person bin der Ansicht, die Offentlichkeit habe kein 
Interesae daran, dafi diese fiir normale Menschen schwer verstandliche 
Geschmacksverirrung kriminell geahndet werde." 

Selbst die Hauptstiitze der Anhanger des § 175, Prof. W a c h e n - 
feld, schrieb unterm 29. Juni 1901 an einen Leser seines Werkes 
„ Horn osexuali tat und Strafgesetz" : „. . . ich trete sehr entschieden fiir 
die Straflosigkeit der echten Urnin^e, welche ich als Kontrarsenielle 
bezeichne, ein und mochte nur diejenicen gestraft wissen, welche 
homosexuello Handlungen treiben, ohne kontrarsexuell zu sein." 

Pastor Ernst Baars in Vegesack bei Bremen auBerte sich*^) • 
„Es ist hohe Zeit, dafi iiber die Erscheinung der sogenannten gleichge- 
schlechtlichen Liebe, des Urningtnms, mit den Vorurteilen aufgeraumt 
wird, welche dariiber noch in weiten Kreisen herrsohen . . ." „E8 
hat niemand das Recht, sittliche Urteile iiber jene Ungliicklichen zu 
fallen, welche nicht aus eigener Schuld um Gliick und Liebe betrogen 
werden, der nicht eingehend sich mit der ims „Normalen" seltsamen 
und meinetwegen ekelhaften Erscheinung besfehaftigt hat." . . . Zum 
andern: „Es ist unmoralisch, Menschen fiir eine Naturanlage biiUen 
zu lassen und sie zu hindern, ihren Trieb zu befriedigen, wenn kein 
Dritter oder die Gesamtheit dadurch geschadigt wird. vererben konnen 
sie ihreii Trieb nur, wenn sie in eine Ehe hineingezwungen werden." 

Selbst von seiten der Frauen ist wiederholt energisch 
gegen die Strafverfolgung Homosexueller Stellung genommen. So 
nahm die Rechtskommission der 7. Generalversammlung des Bun- 
des deutscher Frauenvereine zu Niirnberg unter ihren 
Vorschlagen zur bevorstehenden Revision des Strafgesetzbuchs dep 
Leitsatz an: ^GeschlechtsverirrungeH ohne Schadigung von Rechts- 
giitern anderer Personen haben straflos zu bleiben (§ 175)." Der 
„Bund fiir Mutterschutz", Ortsgruppe Berlin, nahm nach 'einer Ver- 
sammlung am 10. Februar 1911, welche wegen zu starken Andrangs 
wiederholt werden moBte, eine Resolution an, in der es heiOt: „So- 
wohl juristische, als auch ethische Griinde lassen es in hohem MaBe 
bedenklich erscheinen, wenn der bisherige § 176, gegen den sich schon 
im Jahre 1869 /die oberste Medizinalbehorde PreuBens ausgesprochen hat, 
jetzt auch auf die Frauen ausgedehnt wiirde. Es wiirde dadurch nicht 
eine Ungleichheit beseitigt, sondern eine Ungerechtigkeit verdoppelt. 
Dem Denunzianten- und Erpressertum wiirde Tiir und Tor geoffnet und 
unverheiratete berufstatige Frauen, die mit Kolleginnen zusammenleben, 
wiirdeu in schamverletzendster Weise belastigt werden, ohne daB ein 
Rechtsgut geschiitzt wird. Zum mindesten erachtet es die Versammlung 
fiir unbedingt erforderlich, daB zur Beratung iiber diese Frage medi- 
zinische Sacnverstandige — vor allem Sexualforscher und Psychiater — 
sowie Frauen hinzugezogen werden." 

Sogar die wegen ihres strengen Standpunktes bekannte Frau 
Katharina Scheven- Dresden, Herausgeberin der Zeitschrift ,,Der 
Abolitionist'* sagt*^) : „Die Federation darf, wenn sie iiberhaupt als Ver- 
ein zu der Frage der Homosexualitat Stellung nehmen will, sich nicht 
darauf beschranken, die Straflosigkeit der weiblichen Homosexualitat 
allein zu fordern, sondern sie muB — selbstverstandlich mit den notigen 
Einscbrankungen — die Abschaffung des § 175 iiberhaupt fordern." 
Ahnlich auBerten sich im April 1912 nach einem Vortrag von Dr. 
Juliusburger in der Berliner Abolitionistischen Foderation „iiber den 

tl75 und seine geplante Ausdehnung auf das weibliche Geschlecht" 
ie bekannten Fuhrerinnen der Frauenbewegung Anna Pappritz, 
Frau Stadtschulrat Cauer und Helene Lange. Letztcre wies 
darauf bin, daB viele alleinstehende Frauen aus wirtschaftlichen Griin- 
den genotigt seien, mit anderen Frauen gemeinsamen Haushalt zu 

1:1 

*<*) In der Zeitschrift „Wissenschaftliche Rundschau", 1911. 
40 In „Der Abolitionist", XL Jahrg., Nr. 1 r. 1. Jan. 1912. 

64 



Digitized by 



Google 



1012 

fiihren. Nach ' Ausdehnung des § 175 auf die Frauen wiirde der bos- 
willigen Verleumdung Tiir und tor geoffnet werden. Dadurcb wiirden 
die sozial und wirtschaftlich mlnderbegiinstigten Frauen und auch die- 
jenigen, die ohne mannlichen Schutz dastehen, am meisten zu leiden 
haben. Oft wiirde Konkurrenzneid, oft auch die ihnen von Frauen 
zuteil gewordene Zuriickweisung ihrer Wiinsche die Manner zu Ver- 
leumdungen und Strafanzeigen veranlassen. Und obendrein wiirden 
diese Frauen beziiglich ihrer intimen Beziehuiigen noch von Mannern 
abgeurteilt werden. Dies sei geradezu ein schrccklicher Gedanke, gegen 
den die gesamte Frauenwelt sich nicht scharf genug zur Wehr setzen 
konne. (Sturmischer Beifall.)" 

Cberblicken wir diese AuBerungen gegen den § 175 
und den vorgeechlagenen § 250, die leicht verzehnfacht 
werden konnten, so werden wir es verstehen, wenn schon 1907 
die a,Politisch-Anthropolo2isehe Revue** schrieb: „Mit Genug- 
tuung kann konstatiert werden, dalJ auf der ganzen Linie, sowohl 
in juristischen als medizinisehen Kreisen, der Widerstand gegen 
Aufhebung des betreffenden Paragraphen verstummt ist**, und 
fiigte hinzu: ,,Es ist die Frage aufgeworfen werden, ob durch 
einen speziellen gesetzgeberischen Akt diese Anderung herbei- 
geflihrt werden konne, ohne die Vorstellung zu erwecken, dall 
nun das Laster von Staats wegen eine Sanktion fande. Wir 
sind sicher, daB die „Sittliclikeitsvereine** dagegen groBe Aktion 
entfalten werden — aber die Zustande sind unhaltbar geworden. 
Erlebten wir 3och klirzlich wieder im Anschlufl an eine Er- 
presseraffare den Selbstmord eines hochangesehenen, tlichtigen 
Landrichters in Dresden. Und wenn man sieht, daB dad Straf- 
gesetz Erpressungen und die Entstehung einer mannlichen 
JProstitution in hohem Grade begiinstigt, dann kann kein Be- 
denken gegentlber einer speziellen gesetzgebe- 
rischen Aktion aufkommen.** 

Den Mittelpunkt flir die Erforschung der Homosexuali- 
tat und verwandter Erscheinungen bildeten in den letzten 
15 Jahren mehrere vom Verfasser dieses Buches herausgegebene 
periodische Zeitschriften, in erster Linie die Jahrbiicher 
flir sexuelle Zwischenstufen (mit insgesamt 15 Banden 
und 8817 Seiten), sowie dieMonatsberichtedesWissen- 
«chaf tlich-humanitaren Komitees, daneben noch die 
Zeitschrift flir Sexualwissenschaft, die sich aller- 
dings nur ein Jahr halten konnte. Es ist fiir die Ausdehnung, 
welche diese Forschung angenommen hat, bezeichnend, daB, 
w&hrend bei dem Erscheinen des ersten Bandes der J a h r - 
biicher von Kritikern die Undenkbarkeit hervorgehoben wurde, 
Jahr fiir Jahr einen Band mit Materialen liber diesen Gegen- 
stand zu ftillen, in Wirklichkeit der Stoff bald so iiberreichlicli 



Digitized by VjOOQIC 



1013 

floB, daB wiederholt kaum zwei starke Bande geniigten, um ihn 
unterzubringen. 

Unter den an jdiesem Sammelwerk von Anbeginn an mit dem 
flerausgeber mitarbeitenden Autoren ist in erster Linie der ge- 
wissenbafte Verfasser der Bibliographie des Uranismus zu nennen, der 
sich in Anlehnung an Numa Numantius „N umaPratorius" nannte ; 
er steuerte aufier den bibliographischen wertvolle juristische, bio- 
graphische und ethnographische Arbeiten bei. 

Ihm schlieBt sich Prof. F. Karsch-Haak an, der in den Jahr- 
buchern nebcn biographischen ethnologische, kulturgeschichtliche und 
naturwissenschaftliche Studien iiber die Homosexualitat veroffentlichte. 
Die Arbeiten dieses Forschers sind so umfassend, daB er vor 
einiger Zeit ein groBes Sammelwerk fiir sich allein begonnen hat, be- 
titelt: Forschungen iiber gleichgeschlechtliche Liebe, von dem der 
erste Band: „Das gleichgeschlechtliche Leben der Naturvolker ** (Miin- 
chen 1911.) bereits erschienen ist. 

Einen teils naturwissenschaftlichen, teils historischen Charakter 
tragen die tiefgriindigen Untersuchungen des hollandischen Arztes 
Dr. L. S. A. M. von Rome r. 

Von weiteren medizinischen Arbeiten sind die von v. N e u g e - 
bauer hervorzuheben, welcher iiber die, den seelischen in mehr als 
einer Beziehung nahestehenden korperlichen Hermaphroditen grund- 
legende Arbeiten lieferte. 

I'erner sind die Auf satze des zu f riih verstorbenen Prof. Paul 
N a c k e zu nennen, der die Frage vor allem vom Standpunkte ides 
Psychiaters erorterte. 

Noch eine ganze Reihe anderer Mediziner von Ruf veroffentlichten • 
in den Jahrbiichern die Resultate ihrer Spezialstudien, in erster Linie 
Krafft-Ebing (Bd. III. „Neue Studien auf dem Gebiete der 
Homosexualitat"), der hier die SchluBgedankon seines Lebens- 
werkes zusammenfaBte ; ferner sein Wiener Schiiler Prof. Alfred 
F u c h s , der iiber die hypnotische Behandlung der Homosexualitat 
schrieb (Bd. IV). Moll, welcher ein ahnliches Thema behandelte 
(Bd. II) und Merzbach, ,, Homosexualitat und Beruf" (Bd. IV). 
Iwan Bloch trug wertvolle M itteilungen bei, u. a. „iiber die Homo- 
sexualitat am Ende des 15. Jahrhunderts" (Jahrb. VIII, 609 ff. u. 
Zeitschrift f. Sexualw.). Geheimrat Konrad Kiister beschaftigte 
sich unter dem Titel ,,Erworben oder angeboren?** mit der Atiologie 
der Homosexualitat, und Kind arbeitete iiber „Die Komplikationen der 
Homosexualitat mit anderen sexualen Anomalien" (Bd. IX.). 

Zu diesen Autoren gesellten sich in den letzten Jahren Freud 
und seine Schiiler. Freud selbst gab in der Zeitschrift fiir Sexual- 
wissenschaft seine Erfahrungen iiber „ Hysteric und Bisexualitat" wie- 
der, wahrend von seinen Schiilern Sadger zwei Abhandlungen iiber 
die psych oanalytische Behandlung der kontraren Sexualempfindung 
verfaBte (Bd. IX. u. Zeitschr. f. Sexualw.), und Abraham die 
„psycholqgischen Beziehungen zwischen Sexualitat und Alkoholis- 
mus*' einer wissenschaftlichen Betrachtung unterzog (Zeitschr. f. 
Sexualw.). 

Von biographischen Arbeiten sind auBer den schon erwahnten 
die Lebensbilaer zu nennen, welche die folgenden Autoren in den Jahr- 
biichern veroffentlichten : Albert Hansen iiber Andersen ; E d u - 
ard Bertz iiber Walt Whitman, Prof. L. Frey iiber Platen ; 
Elisar von Kupffer iiber Giovanni Antonio Bazzi, F r i e d r i c h 
K r a u 8 s iiber Eduard Kulke ; Georges Eekhoud iiber J6r6me 
Duquesnoy ; L. von Scheffler iiber Heliogabal ; N a c k e iiber 
Morike ; K i e f e r iiber Hadrian und Antinous sowie Plato und So- 
krates ; Hugo Friedlander iiber J. B. von Schweitzer ; F r e i - 
herr Carl von Levetzow iiber Louise Michel sowie Sophie 



Digitized by VjOOQIC 



1014 

Hxichfttetter iiber Christine von Schweden und Rosa von 
Braunschweig iiber Felicitas von Vestphali. 

Den biographischen schlieBen sich autobiographische an, 
von denen wir nur die Lebensbeschreibung des umischen Arbeiters 
Franz S. und Katies „Aus dem Leben eines Homosexuellen", sowie 
die Selbstbiographie einer Kontrarsexuellen und die Arbeit einer un- 
genannten Autorin „Wie ich es sehe" nennen wollen. 

Nicht minder wichtig wie die biographischen sind die e t h n o - 

traphischen Studien, wie die iiber die Kontrarsexualitat in Skan- 
inavien, die eingehenden Forschungen iiber die naannliche Homo- 
sexualitat in England von Pa via, in Japan von I way a, die Homo- 
sexualitat in der altesten deutschen Dichtung von Leonhardt, 
sowie die Arbe^ten von Paul Brandt und Stephanus iiber den 
paidon eros in der griechischen Dichtung und Herm. Michaelis 
„Aus den Briefen Elisabeth Charlottens von Orleans", in denen wert- 
voUes Material iiber Homosexualitat am Hofe Ludwigs XIV. gesam- 
melt ist. 

Von juristischen Arbeiten miissen auBer denen von Numa Pra- 
te r i u s die des R i c h t e r s Z. im II. Jahrbuch, sowie die von W e r t - 
hauer iiber forensische Sexualmedizin (Zeitschr. f. Sexualw.) an- 

fefiihrt werden ; von theologischen die von W i r z „Der Uranier vor 
Tirche und Schrift" (VI. Bd.), die eines katholischen Geistlichen 
(II. Bd.), denen sich die tief sinnige Arbeit Carpenters uber 
„Homo8exualitat und Prophetentum" (Vierteljb. II) anschlieBt. Von 
Spezialarbeiten seien nocn erwahnt : F r e y , Zur Charakteristik des 
Rupfertums, der Artikel vom fWeibmann auf der Biihne und der Auf- 
, satz der Freiin von Verschuer „I>ie Homosexuellen in Dantes 
Gottlicher Komodie" ; zwei weitere Mitarbeiterinnen sind Elisabeth 
Dauthendey: Die urnische Frage und die Frau. (Bd. VIII) und 
Anna Ruhling: Welches Interesse hat die Frauenbewegung an 
der Losung des homosexuellen Problems? (Bd. VII). Ahnlich wie die 
letztere hatte schon A r d u i n „die Frauenfrage und die sexuellen 
Zwisohenstufen** behandelt; dieser Autor, welcher auch unter dem 
Namen K a 1 1 e der Sexualwissenschaft wertvolle Bereicherungen ge- 
sohenkt hat, verdient noch mit zwei anderen Arbeiten erwahnt zu 
werden: „Der Daseinszweck der Homosexuellen" (Bd. IV) und „Die 
virilen Homosexuellen" (Bd. VII). — Endlich sollen noch drei Zoo- 
logen angefiihrt werden : zunachst Benedikt Friedlander C»I^i^ 
physiologische Freundschaft als normaler Grundtrieb des Men- 
sohen und als Grundlage der Soziabilitat" [Bd. VI], .,Entwurf 
zu einer reizphysiologischen Analyse der erotischen Anziehung unter 
Zugnmdelegung vorwiegend homosexuellen Materials" und „Scha- 
det die soziale Freigabe des homosexuellen Verkehrs der kriegerischen 
Tiichtigkeit der Basse?" [Bd. VII], ,„Kritik der neueren Vorschlage 
zur Abanderung des § 175'^ [Bd. VIII]); dann Gustav Jager, „EiD 
bisher ungedi-ucktes Kapitel iiber Homosexualitat aus der Entdeckung 
der Seele" (Bd. II); und als letzter, aber sicherlich nicht geringster 
Ernst Hackel, „Gonochorismus und Hermaphrodismus" (Bd. XIII). 

Diese noch nicht einmal erschopfende tlbersicht der in den 
Jahrblichern und ihren Adnexen niedergelegten Arbeiten zeigt, 
wie intensiv heute wissenschaftliche Krafte am Werke sind, 
ein Gebiet aufzudecken, das lange genug unter voreingenommener 
Unkenntnis verschlittet gelegen hat, ohne al'erdings seiner natur- 
bedingten Bedeutung flir das Ganze jemals verlustig zu gehen. 
— Die Verfasser des Vorentwurfs tuen freilich in ihren Motiven 
diese Forschungen und Funde, auf die sie als Deutsche alien 



Digitized by VjOOQIC 



i015 

Grund hatt^n, stolz zu sein, ihrer Verantwortung unbewuCt mit 
souveraner Geste ab, indem sie erklareu, die Resultate der 
Wissenschaft auf diesem Gebiet st^hen ,,mit den Erfahrungen 
des praktischen Lebens im Widerspruch". Alle diese gelehrten 
Manner von Virchow bis Hack el samt ihren auf positiven 
Forschungen baruhenden Urteilen wiegen in ihren Augen nichts 
gegentiber den Vorurteilen eines voUig vagen „Volksenipfindens*'. 

Nacli Besprechung der wissensehaftlichen Arbeiten noch 
einiges Wenige iiber die ktinstlerische Behandlung des Pro- 
blems. Die Knnst, vor allem die Dichtkunst, wlirde ihrer Auf- 
gabe das Leben wiederzuspiegeln nur teilweise gerecht ge- 
worden sein, wenn sie uns nicht auch gelegentlich dicLiebe zum 
gleiehen Geschleeht und ihre Trager vor Au^en geftihrt hatte. 
Die antike Kunst entsprach dieser Aufgabe in hohem MaBe. 
Nimmt doch in ihrer Poesie die gleichgesehlechtUche Liebe einen 
fast ebenso breiten Raum ein wie die zum anderen- Geschleeht. 
Dabei soil nicht unerwahnt bleiben, daB einseitige Schilderungen, 
wie die Zerrbilder des Spotters Aristophanes iiber homosexuelle- 
Betatiigungslarten, schon damals beitrugen, herrschenden Vor- 
urteilen Nahrung zu geben. Im allgemeinen aber hielt sich 
die Kunst der Alten und in ahnlicher Weise auch die orien- 
talischer Volker von allem Tendenziosen frei; sie stellte 
die Erscheinung dar, wie diese sie sah : als ein Sttick Leben 
mit Lich't und Schatten, von der Natur liber- 
kommen und von der Kultur tibernommen. 

Das verandierte sich mit einem Schlage, al=s die ersten harten 
Gesetzo erlasUen wurden, welche die Todesstrafe tiber die Ge- 
flihlsbetatjigung Ho mosexueller verhangten. Da hub das groBe 
Sehweigen an. Die Liebe war nicht tot, aber vor Schreck ver- 
stummt, gelahmt vor Entsetzen. Nur die ganz groBen iDichter, 
die das Lebenshild in seiner Gesamtheit empf ingen und 
wiedergaben, raumten ihr noch ein bescheidenes Platzchen ein: 
ein Dante, Michelangelo, Shakespheare und Goethe; oder 
ein einzelner genialer Lebensbeobachter beriihrte sie, wie 
Honore de Balzac*^^^ Jer jj^ de^ Tiefen der Verbrecherwelt 
auch denUrniing: den Galeerenstrafling Vautrin aufstoberte oder 
ein Plate n*^), der aus der Not seiner Seele in^razisierender oder 
orientalisierender Verkleidung von der Liebe zum Freunde sang. 
Aber das waren Ausnahtnen. Die meisten trauten sich nicht 
an das Problem heran. 



*-) Cf. Dr. Otto Frhr. v. Taube, .,Ein homosexueller Eoman- 
Jield bei Balzac," Jahrb. Bd. XIII. p. 174 ff. 

*') Cf. Prof. Ludwig Frcv, Aus dem Seplenlebon des Grafeu 
riateu. Jahrb. IV. 1904. 



Digitized by VjOOQIC 



1016 

Wir besitzen ftir das Totschweigen dieser Neigungen und 

Handlungen, deren bloBe Namensnennung ja, wie wir sahen, 

durch Jahrhunderte als Sunde gait, ein erklarendes Dokument, 

von dem Rudolf von Beulwitz sagt^*), dafl es nichts 

gibt, „was die furchtbare Macht und Starke des schier 

unausrottbar erscheinenden Vorurteils, das die Homosexuellen 

verfehmt, eindringlicher zum Ausdruck brachte/* Es ist der von 

Emile Zola an Dr. L a u p t s gerichtete Brief, der uns 

die^et. unemxtidlichen, unerschrockenen Kampfer ftir Wahrheit 

und Gerechtigkeit in sehweigender Angst vor einem Vorurteil 

zeigt. 

jjlch bin sehr gliicklich," schreibt er an Laupts, „daC Sie in 
Ihrer Eigenschaft aiis Gelehrter das .tun konnen, was ein einfacher 
ScLriftsteller wie ich nicht gewagt hat. Als ich vor Jahren dieses 
so merkwiirdige Dokument, den Roman eines Homosexuellen erhielt, 
hat das groBe Interesse, das es in psychologischer und sozialer Hin- 
sicht darbot, einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Seine absolute 
Aufrichtigkeit riihrte mich; man fiihlt in ihm die Glut, fast mochte 
ich sageu, die Beredsamkeit der Wahrheit . . ." Zola schildert dann, 
daB er sich lange mit dem Gedanken trug, von dem Manuskript 
Gebrauch zu macnen, es schlieUlich aber unterlieB, weil er die Kritik 
fiirchtcte, ,,was fiir ein Geheul, wenn ich mir zu sageu erlaubte, daB 
kein Gregenstand wichtiger und trauriger ist, daB es sich hier um 
eine Wunde handelt, die viel haufiger vorkommt und viel tiefer geht, 
als man zu glauben vorgibt, und daB das beste Mittel, um Wunden zu 
heilen, darin besteht, sie zu studieren, sie aufzuzeigen und zu be- 
handeln I" Er fahrt dann fort : v,, Aber der Zufall hat es so gewollt, 
mein lieber Doktor, daB, als wir eines Abends zusammen plauderten, wir 
auf jenes menschliche soziale Ubel^der sexuellen Perversion zu sprechen 
kamen. Und ich vertraute Ihnen das Dokument an, das in einer 
meiner Schubladen schlummerte, und so kam es, daB es endlich daa 
Tageslicht hat erblicken diirfen, und zwar in den Handen eines Arztes, 
eines Gelehrten, den man nicht beschuldigen wird, dem Skandal nach- 
zugeheu. Ich hoffe sehr, daB Sie damit einen entscheidenden Beitrag 
zu der schlechtgekannten und besonders ernsten Frage der i n v e r - 
tiert Geborenen lie fern werden. In einem anderen vertraulichen 
Briefe, den ich um dieselbe Zeit erhielt, und den ich uugliicklicherweise 
nicht wiedergefunden habe, hatte mir ein Ungliicklicher den herz- 
zerreiBendsten Schrei menschlicher Qual gesandt, den 
ichjemalsvernommen. Er wehrte sich dagegen, so schandlichen 
Liebesgeliisten nachzugehen, und er verlangte zu wissen, woher diese 
Verachtung aller stamme, woher diese .stete Bereitwilligkeit der Ge- 
richtshofe, ihn niederzuschmettern, wo er doch in seinem Fleisch und 
Blut den Ekel vor dem Weibe, die wahre Liebe zum Manne mit zur 
Welt gebracht habe. Niemals hat ein vom Damon Besessener, niemals 
hat ein dem unbekannten Verhangnis des Gesohlechtstriebes preis- 

gegebener armer Menschenleib so graBlich sein Elend herausgeheult. 
>ieser Brief, ich erinnere mich, hatte mich unendlich erscMttert ; 
und ist nicht der Fall im „Roman eines Homosexuellen" ein und 
derselbe, nur mit einer gliicklicheren UnbewuBtheit ? Hat man nicht 
hier einen wirklichen physiologischen Fall leibhaftig vor Augen, ein 
Herumtasten, einen halbeu Irrtum der Natur? Nichts ist tragischer, 
meiner Meinung nach, uud nichts verlangt mehr nach der Enqu^to 
und dem Heilmittel, falls es ein solches gibt." 

**) Cf. Jahrb. VII, Bd. 1, p. 371 ff. 



Digitized by V:iOOQIC 



1017 

So Zola. Mag man liber die Berechtigung der Schilderung 
eines ausschlieBlich oder tiberwiegend homosexuellen Stoffes ver- 
schiedener Meinung sein — letzten Endes durfte auch hier wie 
lib?rall in derKunst das Kunstlerische den Ausschlaggeben — ein 
L:T)enssch'lderer, der dem Homosexuellen auch als episodische Er- 
scheinung aus dem Wege geht, oder es nicht kennt, begeht eine 
Unterlassu^ig, — die gleichgeschlech tliche Liebe exi- 
stiertimLeben, darummuBsieauchinderLite- 
ratur ihren Platz einnehmen — sie greift vielfach 
tief in die Ereignisse hinein und ftihrt eine groBe Menge drama- 
tischer Konflikte her'bei. Wie oft ist beispielsweise der Vorwurf 
gegeben, daB ein Mann isich in eine Frau verliebt, die seine 
Liebe, jweil sie gleiehgeschlechtlich empfindet, nicht erwidern 
kann, Wie haufig: komint es vor^ daB sich eine Frau mit aller 
Leidenschaft, deren eie fahig ist, einem homosexuellen Manne 
zuwendet. Es resultiert daraus oft viel Heroisches im Ertragen 
und Entsagen. Meist sind es reife Frauen oft mit einem virilen 
Temperament, die an dem weichen Wesen des Urnings Gef alien 
finden, und umgekehrt Manner lAit weiblichen zum Passivismus 
neijgenden Zugen, die zum urnischen Weibe tendieren. 

Ich habe wiederholt gesehen, wie vielbegehrte und schone 
Fraueu sich in den Kopf setzten, einen Mann, den sie liebten. 
von der Homosexualitat zu erlosen, wie Manner mit groCcn 
korpeiiichen und geistigen Vorziigen glaubten, es miisse ihnen 
gelingen, ein Weib von ihrer Liebe zum Weibe zu befreien; 
ich habe Liebesgeschichten kennen gelernt, in denen homo- 
sexuelle Manner, die einen heterosexuellen Freund liebten, das Weib, 
nacli dem dieser verlangte, ihrerseits eroberten, damit es der Freund 
nicht besitze, und analoge, in denen homosexuelle Frauen die Liebe von 
Mannern auf sich abzulenken verstanden, welche sich anfangs den 
von ihnen geliebten Frauen zugewandt hatte. Oft geschieht alles dies 
aus eifersUchtigen Regungen, doch konnen auch andere Motive in 
Frage kommen. So geschah es in Berlin, daC einst ein junger Mann 
von 20 Jahren, ein Student, der noch nichts war, ein gleichaltrlges 
Madchen aus gutem Hause lieiB begehrte. Die gegenseitige Liebe 
beider war stark. An eine Eheschliefiung aber war vorlaufig nicht zu 
denken, ja es bestand die groBe Wahrscheinlichkeit, dafi ein dritter, 
der Erwahlte der Eltern, das Madchen heimfiihren wiirde. Da sprangi 
der homosexuelle Freimd, ein reicher Junggeselle, ein, verlobte und 
verheiratete sich mit dem Madchen und bewahrte sie dem Freunde auf, 
bis er nach acht Jahren — er war in dieser Zeit Richter geworden — 
da^ Madchen zu heiraten imstande war. AuBer den drei Beteiligten 
und mir, dem sich der Homosexuelle anvertraut hatte, kannte niemand 
den wahren Sachverhalt. 

Wie seltsam und kompliziert oft diese Verwickelungen sind, moge 
noch der folgende Fall zeigen, den zu verfolgen ich sechzehn Jahre lang 
Gelegenheit hatte. Ein ziemlich femininer aber sehr asthetischer Mann 
von etwa 24 Jahren fafite eine heftige Leidenschaft zu einem groBen 
Pianisten. Zunachst hiolt er das voUkommene Aufgehen in den 
Kiinstler fiir eine reine, von allem Erotischen weit entfernte Kunst- 
begeisterung. Er gab seine Stellung auf, widmete sich ganz imd gar 



Digitized by V:iOOQIC 



1018 

dem Meister, lebte nur fiir ihn, folgte ihm von Ort zu Ort und wiirde 
schlieBlich sein Impresario, der ihm auf einer glanzcnden Laufbahn 
das Geleit cab. Sein Schreibtisch, die Wande seines Zimmers waren 
dicht bedeckt von dutzenden Aufnahmen des Kxinstlers, nur ein ein- 
ziger Gedanke beherrschte ihn: des .Geliebten Wohl und Ruhm. Dieser 
nahm diese hingebende Liebe mit souveraner Selbstverstandlichkeit 
an, kaum, daB er sich geschmeichelt fiihlte. Er war Volhnann durch 
und durch, ein polygamer Don Juan, der sich nicht nur auf der Biihne, 
sondern auch im Leben, heute diese, morgen jene zu eigen machte. 
Nun verliebte sich ernes Tages erne hochgestellte Dame tast ebenso 
stark wie der Urning in den Kiinstler. Ihm war die Neigung dieser ihm 
geistig weit iiberlegenen Frau, die die DreiBig schon iiberschritten imd 
noch nie einem Manne angehort hatte, nicht sympathisch. Aber sie 
stellte ihm so intensiv nacn, daB, wenn er abends vom Theater heim- 
kehrte, er sie mit flehender Gebarde vor seinem Hause kauernd fand. 
Da ^ab er schlieBlich nach. Es fiigte sich aber, daB diese Dauoae 
seit langem der Gegenstand inniger Liebe eines feinsinnigen Madchens 
war. Was dem Urning der Kiinstler, war ihr dieses Weib, in deren 
Interessen sie vollkommen aufiging. Es begreift sich leicht, wie pein- 
lich den beiden homogen Empfindenden das Verhaltnis der beiden 
anderen war, das sie trotz a,ller Bemiihungen nicht hindern 
konnten. Beide fanden fsich in ihrer gemeinsamen Qual und Sorge 
zuerst im Meinungsaustausch, dann in immer Btarker werdender Freund- 
schaft. Es hatte nicht viel gefehlt, daB diese zu einer kameradschaft- 
lichen E h e gefiihrt hatte. 1st auch ein sich so vollkommen schlieBender 
Kreis nicht gerade haufig, so ist doch die starke Beeinflussung des 
Lebensablaufes Heterosexueller durch HQmosexuelle so haufig, daBihre 
literarische und kiinstlerische Ignorierung nicht das mangelnde Vor- 
handensein, sondern nur mangelnde Kenntnis der Lebensvorgange, 
oft kann man wohl auch sagen die Oberflachlichkeit oder Scheu der 
Lebensschilderer beweist. 

Es ist nicht zu verkennen, daB mit fortschreitender wissen- 
schaftlicher Erforschung des homosexuellen Seelenlebens auch die 
dichterische Behandlung der Liebe zum gleichen Geschlecht 
wieder haufiger geworden ist. Sie gilt wieder als LebensauBe- 
rung, die der Darsteller menschlicher Probleme nicht mehr 
angstlich umgehen zu miissen glaubt, mit der er sich vielmehr 
gestaltend auseinander setzen darf. So begegnen wir heute auf 
Schritt und Tritt Werken, die das Thema der Gleichgeschlecht- 
lichkeit streifen. Freilich^ um der Erscheinung die freie Be- 
handlung zu geben, die ihr ein griechischer Dichter geben konnte, 
fehlt uns ihr gegeniiber das Selbstverstandlichkeitsgefuhl, nach 
dem sie sich organisch dem allgemeinen Weltbild einfiigt. Den 
meisten Darstellern ist sie mehr ein psychologisches als ein 
reines Darstellungsproblem. Doch scheint es, als ob der Weg 
zu voUendeter Kunstgestaltung erst durch den Psychologen ge- 
ebnet wird. 

Wenn man eine genaue Bibliographic der belletristischen 
Werke der letzten fiinf Jahrzehnte geben wollte, die sich mit dem 
Thema der Homosexualitat bescha(ftigen, miiBte man Seite um Seite 
mit Titelaufzahlungen fiillen. 

Hier findet sich eine Szene, dort cine Gestalt, die Spuren 
der Glciohgeschlechtlichkeit zeigt. Da gibt es Internats- 



Digitized by VjOOQIC 



1019 

geschichten wie im Franzosischen den „Sebastian Koch"^^) 
von Octave Mir beau, im Englischen den vielgelesenen 
College-Roman ,,Tim"*6) von Julian Sturgess, im J>eutschen 
„Die Yerwirrungen des Zoglings Torless"*^) von Robert Musil; 
da gibt es Sittenschilderungen wie Mirbeaus „Tagebuch eines 
Kammermadchens"^^)^ Zolas „Nana"*9), Martens* „Roman aus der 
Decad6nce** und „Grafin Pia"^i) ; historische Romane wie die zahl- 
reichen von Alexander von Ungern Sternberg ^2) oder M e - 
reschkowskis „Leonardo da Vinci"^^)^ jn die das Gleicngeschlecht- 
liche irgendwie hineinspielt. Beyerlein schildert in „ Jena oder 
Sedan"54)^ Fritz von Unruh in dem Drama „Offiziere"55) 
eine Freundschaf t, die stark urnisch cefarbt ist. Paul Scher- 
b a r t malt in „Tarub, Bagdads beriihmte Kochin"^^) ein Opfer- 
fest in einem unterirdischen Tempel, das eine geheime Priester- 
sekte, welche die Freundesliebe zum religiosen Prinzip erhobcn, be- 
geht. Flaubert schildert in seinera Roman „Salamb6"^^) die Liebes- 
leidenschaf t unter den karthagischen Soldnern. Gerhart Haupt- 
m a n n berichtet in „Emmanuel Quint^^s) von Homosexuellen, die bei 
dem seltsamen Heilsbringer Trost fiir ihre Seelennote suchen. Auch die 
Kreon Szene in H. v. Hofmannsthals „Oedipus und die Sphinx*' ware 
zu erwahnen. Hanns Heinz Ewers schildert in den „Besesse- 
nen"^9) den Tod des homosexuellen Barons Jesus Maria von Friedell 
und in Jacobsens 5,Niels Lyhne" wirf t der Held die Fra^ge auf : 
„0b es unter alien GefiihlsVerhaltnissen des Lebens etwas gibt, das 
zarter, edler, inniger ist, als die leidenschaftliche und doch so schiich- 
terne Verliebtheit eines Knaben in einen andern?" Diese Liste lieBe 
sich unendlich verlangern, Zeugnis dafiir ablegend, dafi das von der 
Wissenschaft auf das Gebiet geworfene Licht iiberallhin reflektiert. 

Genannt sei in diesem Zusammenhang auch August Strind- 
berg, der in seinen jjSchwaxzen Fahnen''^^) mehrtach das Tlioma der 
Homosexualitat beriihrt. Er stellt die Gattin des Helden, unter der er 
seine eigene Frau, die Schauspielerin Harriet Bosse meint, als 
Tribade dar und den Dichter Zachris (Gustav af Geijerstam) 
nennt er einen Paderasten. Strindborgs Stellung zur Homosexu- 
alitat ist eine durchaus ablehnende. Paderast ist bei ihm das alte 
Schimpfwort, das er oft und ohne sich iiber seine Bedeutung Rechen- 
schaft zu geben, braucht. Die Verfolgungsgedanken, die ihn in den 
letzten Jahren offenbar ergriffen hatten, spiegeln ihm eine Verschwo- 
rung von Homosexuellen vor, der er sich wahrend des Scheidungs- 
prozesses mit seiner Frau ausgeliefert sieht. 

Einer der ersten, der das Problem der Gleichgeschlechtlichkeit 
mehr direkt als episodisch angriff, war Sacher-Masoch in seiner 
Novelle „Die Liebe des Plato^^i). Tiefer als er schiirften Adolf 
Wilbrandt in „Fridolins heimliche Ehe^'^s) m^^ A u r e 1 i u s in 
„Rubi"^3). Aber erst nach diesen setzt die Darstellung homosexucller 
Frobleme . starker ein. Aus Frankreich kommt Rachilde mit den Bii- 
ohern „Monsieur Venus", ,, Madame Adonis*'^*) und ,,Les hors nature'**^^) ; 
Georges Eekhoud schreibt die Romane ,,Escal Vigor"^^), „rautre 

*^) Deutsch Miinchen 1910. — *«) Engelhorns Romanbibliothek XI. 
19. (Stuttgart). — *0 Munchen 1907. — *«) Paris 1900. — 
*») Paris 1880. — ^^ Berlin. — ^2) Vgl. Jhb. IV, p. 458 ff. 
K a r s c h , Quellenmaterial zur Beurteilung angeblicher und wirk- 
licher Uranier. 2. ,,Freiherr A. v. Sternberg, der Romaii- 
schreiber.'* ~ ^3) Deutsch Miinchen 1910. — **) Vita, Berlin. — 
56) Berlin, E. Reiss. — 56) Leipzig, M. Spohr. — «7) Berlin 1911. — 
58) Berlii" 1906. — ^9) Miinchen u. Leipzig 1909. — 60) Miiller, Mun- 
chen. — 61) Leipzig 1907 zuletzt. — 62) Wien 1892. — 63) Berlin 1879. 
Neudrucic Leipzig 1906. — «*) Paris 1895. — 6*) Paris 1889 und 1900. 
— 6*^) Deutsch Leipzig o. J. 



Digitized by VjOOQIC 



1020 

vue*', die Novellen „Me8 coinmunions"^^), Joris Karl Huysmans 
„A rebours"^^) und Pierre Loti seine bretonischen Seemannsromane. 
Bedeutend sind auch „I>er Immoralist"*^) uad „Les nourritures ter- 
rest^s"^o) von Andr6 Gide, der auch ein homosexuelles Drama 
„Saur' verfaBte. Von deutschen Werken haben die Romane „Der 
Sonderling"^^), der eine Freundschaftstragodie der Renaissance schil- 
dert, und der „Eros*'^2) von Wilhelm Walloth, „ Anders als 
die Andern"^3) yon Bill Forster und „Ewald Alienus"^^) von 
Willy Sauer hoheren Wert. Ebenso die Biicher von P e r - 
nauhm^^). Gut gesehen ist in dem reichlich mit Anspiolnngcn 
auf Homosexualitat durchsetzten Roman „Prinz Kuckuck"'^) von 
Otto Julius Bierbaum der Vetter des Helden : Karl Kra- 
ker, der durchaus als homosexueller Reprasentant eines lebensfernen, 
schonheitsbegeisterten Asthetizismus gezeichnet ist. Wieder anders, 
doch ebenfalls mit groBer plastischer Kraft stellt Richard Voss 
im „Schonheitssucher" (dem spiiter ,, Richards Junge" betitelten Ro- 
man)' 7) die opferwillige Liebe des Mannes zum Jiinglinge dar. 

Aus der neueren englischen Literatur sind zu nennen 
von George Ives: Eros Throne^i) ; von Xavier Mayne, dem 
Verfasser von „The intersexes"*^) ; „Imre, a memorandum" ; von R u - 
dyard Kipling: „Stalky & Co."; von A. W. Clarke: „Jasper 
Tristram" (London 1899) ; von Forrest Reid: ,'The garden god, 
a tale of two boys" (London 1906); von Lefroy: „Echoe8 from 
Theocritus and other sonnets" (London 1895) und von Lord Alfred 
Bruce Douglas: „Poems" (London 1896). 

Mehr auf Erregung sentimentaler Affekte und Sensation zielen 
die homosexuellen Novellen von Achille Essebac: L'Elu'*), Luc^^), 
Ded^so). 

Zu hoherer Vollendung erheben sich zwei neuere Darstellungen der 
mannmannlichen Liebe: die Szenen zwischen Achill und Patroklos 
in "Wilhelm Schmidtbonns „Zorn des Achill", die fast antike 
GroBe haben, und die Novelle „Der Tod in Venedig^s) von Thomas 
Maun, in der mit f einer Kunst geschildert wird, wie die Leiden- 
schaft zu einem schonen Knaben in die Seele eines alternden Kiinst- 
lers einbricht, die letzte moralische Kraft des Erschopften aufzehrt 
und ihu dem inneren Zusammenbruch entgegentreibt. 

Alle di3se Werke bescjiaitigen sich mit der gleich£,'Ch 
schlechtlichen Liebe mehr als Gestaltungsproblem ; sie sind mehr 
beschreibender Art. Dagegen gibt es eine Anzahl anderer, in 
denen das Lebens- und Weltgeftihl der Homosexuellen nach Aus- 



«') Paris 1897. — ^8) Deutsch von M. Capsius, Berlin 1905. — 
69) Paris 1902: doutsch von Greve Minden 1904. — ''o) Paris 1904. — 
71) Leipzig 1901. — ^2) Leipzig 1906. — ^3) Berlin 1904. — 7^) „Ewald 
Alienus, Briefe eines einsamen Kampfers, Roman" Leipzig Xenien-Ver- 
lag, 1913. — ■'S) „Die Infamen", Leipzig 1906; „Der junge Kurt", Ber- 
lin 1904; „Ercole Tomei", Leipzig 1900. — 76) ,^Prinz Kuckuck, Leben, 
Taten, Meinungen und Hollenfahrt eines Wolliistlin^s." 3 Bande Miin- 
chen 1907—1908. — '7) Stuttgart, Cotta. — ^s) Paris 1902. — 79) Paris 
1902. — 80) Paris 1901. Deutsch von Greorg Herbert, Leipzig 1903. — 
81) London 1900. 

82) Der genaue Titel dieser leider nur als Privatdruck erschienenen 
croBten enghschen Monographic iiber den Gegenstand lautet: „The 
intersexes: a history of similisexualism as a problem in social 
life." (Privately printed, and all rights reserved.) Das Werk ist Krafft- 
Ebing gewidmet „without his suggestion and aid it would never have 
been begun nor carried on to its close." 

M) Berlin 1913. 



Digitized by VjOOQIC 



1021 

druck ringt. Selbst da, wo sie Gleichgeschlechiliches nicht 
darstellen, sind sie von einer besonderen Stimmung erftillt, die 
mit der Natur des Dichters in direktem Zusammenhange steht. 
Der Kenner ftihlt den Pulssehlag des Abseitigen auch dort, wo or 
sich zu verbergen sucht, so ist das ganze Maskenspiel Oscar 
Wildes, wie es sich vor allera in -jjDorian Gray*'^^) wider- 
spiegelt, nur aus seiner sexuellen Psyche verstandlich, aus 
der Situation, in der er sich mit seiner Besonderheit dem all- 
genieinen Dasein gegenliber sah. Der wirkliche Wilde trat 
erst hervor, als im Zuchthaus von Reading die Larve fallen 
muflte^^). 

So mufite der Tieferblickende auch bei Herman Bang sowohl 
an einzelnen Darstellungen, wie der der jurigen Artisten in den „Exzen- 
trischen Novellen", in ,,Michaer*, der Tragodie des einsamen Kiinst- 
lers, dem der geliebte Jiingling das Leben zerschlagt, in den 
„Vaterlandslosen**, dem Roman dessen, der keine Heimat unter den 
Menschen hat, die Spur der Homosexualitat wahrnehmen, ehe die Nach- 
richt von jenen hinterlassenen Aufzeichnungen kam, in denen er voij 
der Tragodie der homosexuellen Veranlagung spricht, und die der 
Offeutlichkeit torichterweise noch vorenthalten werden. Hans Land 
schrieb^^) iiber Herman Bang, als dieser auf einer Vortragsreise 
in Amerika plotzlich verstarb: ,,So kommt es, daii vor diesem 
Edolmenschen, vor dem Ordnungsphilister schaudernd sich bekreuztei) 
und nach dem Staatsanwalt riefen, wir anderen, wir Wissenden, una 
neigen, daB wir seiner hellen .Spur dankerfiillt nachtrauern, daB wir 
diesem zum Helferwerk nimmer Miiden das Evangelienwort sprechen, 
das tief ehrfiirchtige : „Ecce homo !** Um so unverstandlicher ist es, 
daB Johannes Schlaf vor einigen Jahren glaubte, die Ausfiih- 
rungen von B e r t z iiber Walt Whitmans offensicht?liche Homo- 
sexualitat bekampfen zu miissen^?). Kein Zweifel besteht auch iiber 
den starken homosexuellen Einschlag in der Natur Paul Verlaines, 
der sein Abenteuer mit dem jungen belgischen Dichter 'Arthur 
Rimbaud, el)enso wie sein Partner (dieser in „Une saison en enfer") 
besungen hat^^). 



6*) „The picture of Dorian Gray" Wien 1908. 

85) Literatur iiber den Fall Wilde : Numa Pratorius, in ,,Jahr- 
buch fiir sexuelle Zwischenstufen" Bd. Ill, S. 265 — 274 ; ferner Os. 
S e r „Der Fall Wilde und das Problem der Homosexualitat" Leipzig 
1896; Handl, „Der Wilde-ProzeB", in: Die Zeit, Wien, 15. Juni 1895 
Nr. 37 ; H. R e b e 1 1 „Defen3e d'Oscar Wilde" in : Mercure de France 
1895; Tybald in: £cho de Paris vom 29. Mai 1895; Paul Adam, 
„L'a6saut malicieux" in: Revue blanche vom 15. Mai 1895; Henri 
de R6gnier, ,, Souvenirs sur Oscar Wilde" in: Revue blanche vom 
16. Dezember 1895; W. F. Stead in der Review of Reviews vom 
15. Juni 1895, S. 491 — 492; Notiz in: Jahrbuch fur sexuelle Zwischen- 
stufen III. S. 550 u. 609; Bernstein in: Die neue Zeit 1895 Nr. 32 
und Nr. 34; Havelock E 1 li s a. a. O. S. 212. — Robert H. Sherard, 
Oscar Wilde. The story of an unhappy friendship. Popular edition, 
London 1908. 

6C) Cf. „Die Schaubiihne" 15. Februar 1912. 

87) Vgl. iiber diesen Streit ooen p. 672. 

88) Vgl. Charles D o n o s , Verlaine intime und Oscar P a n i z z a , 
Rimbaud, Wiener Rundschau 1900. 



Digitized by VjOOQIC 



1022 

Ganz und gar auf dem Grunde der Freundesliebe stdiii 

das Werk Stefan Georges, der liber den Asthetizismus des 

„Algabar* den Weg gefunden hat zu den hallenden Versen des 

„Siebenten Ringes** ; in ihm ist der mannliche Eros in einem 

Sinne schopferisch geworden, der tiber das Geschlechtlidie hinaus 

ganz anf das Geistige gerichtet ist. Am klarsten wird dies in 

den ,,M aximi n**-Gediehten, in denen die Gestalt des .schonen 

Jiinglings zum Erloser und Wegftthrer wird. Das Ideal der 

Freundschaft rtiokt hier wie in der Platonischen Gedankea- 

welt in die Bedeutung eines lebendigen geistigen Prinzipes. 

Stefan George verwahrt sich zwar gegen die homosexuelle 
Auslegung seiner Werke, indem er sagt^s): „Wir fragen nicht danach 
ob 5es Schillerschen Don Carlos Hingabe an Posa, des Goetheschen 
Ferdinand an Egmont, der leidenschaftliche Enthusiasmus des Jean 
Paulischen Emanuel fiir Viktor, Roquairols fiir Albano irgend etwas 
zu tun hat mit einem hexenhammerischen Gesetzesabschnitt oder einer 
iappischen medizinischen Einreihung: vielmehr haben wir immer ge- 
glaubt, in diesen Beziehungen ein wesentlich Bildendes der ganzen 
deutscheu Kultur zu finden. Ohne diesen Eros halten wir jede Er- 
ziehuDg fiir bloBes Geschaft oder Geschwatz und damit jeden Weg 
zu hoherer Kultur fiir versperrt." Wie sehr er aber im Grunde selbst 
den Kern des Problems empfindet zeigt sein Gedicht „Porta nigra", 
in dem er einen Lustknaben des romischen Trier den Menschen 
uuseres „verhirnlichten und verstofflichten Zeitalters" die Worte ent- 
gegenrufen laBt: 

„Was gelten alle Dinge, die ihr riihmet: 
Das Edelste ging eucn verloren: Blut . . 
Wir Schatten atmen kraftiger! Lebendige 
Gespensterl lacht der Knabe Manlius . . 
Er mochte iiber Euch kein Szepter schwingen, 
Der sich des niedrigsten Erwerbs beflissen, 
Den ihr zu nennen scheut — ich ging gesalbt 
Mit Perserdiiften um dies nachtige Tor 
Und gab mich preis den Soldnern des Casaren." 

Nicht 60 f r e i wie Georges Werk ragt das Werk eines 
Dichters auf, der sich ,,Sagitta** und seine Dichtungen „Die 
Biicher der namenlosen Liebe' nennt. Hebt George durch die 
ethischc Kraft seines geistigen Willens die Idee der Freundes- 
liebe aus seiner Zeit heraus, so bleibt Sagitta in der Stimmung 
des (von den Zeitibedingungen zerqualten Homosexuellen. Er 
gibt nicht das Ziel, sondern ist ganz von dem subjektiven Leid 
und der schmerzlichen Sehnsucht der Tiefe erfiillt. Als Motto 
setzt cr eeinem Gesamtwerke die Worte voran : 

,,Ich singe die Liebe, die ihr begraben, 
Die ihr in Acht getan und in Bann . . .'* 

bo wird er ein vollkommener Ausdruck der seelischen Ver- 
fassung des Urnings, die sich in den bangen AVorten zusammenpreCt : 

89) Im jjJahrbuch fiir die geistige Bewegung", herausgegeben von 
G u n d o 1 f und W o 1 1 e r s , Bd. 3. 



Digitized by VjOOQIC 



1023 

„Iii den Reichon derWelt, wolc^ies isl iinsor Reich?" Besonders hervor- 
zuheben sind die Gedichte „Der Frenide" und ,,Die Tiir", das halb- 
epischo „Wer sind wir?" und der Roman „Fenny Skaller"^^). Von wei- 
teren Namen waren hier zu nennen : E. v. Kupffer ^i), Otto von 
Taube»2), Karl v. Levetzow»3), Peter Haraecher^*), Josef 
Kitir^s)^ Adolf Brandt^**), der im „Eigenen" auch einc kiinst- 
ierische Zeitschrift fiir homosexuelle Dichtung zu schaffen unternahm. 
Sie erwies sich ebensowenig lebensfahig, wie (ein ahnliches Unternehmen 
in franzosischer Sprache, aer „Akad6mos"8') von A d e 1 s w a r d - F e r - 
sen, der namentlich im ,,TiOrd Lyllian"^^) selbst Bemerkenswertes 
auf diesem Gebiet leistete. 

Formvollendete JStrophen, in denen die Bewunderung fiir mann- 
liche Schonheit und Kraft durchschlagt, haben der Englander Alger- 
non Charles Swinburne und der Amerikaner George Syl- 
vester Viereck. Auf homosexueller Basis steht auch vieles ' im 
Schaffen des russischen Bichters Michail Kusmin^^) und des 
Schweden Viktor Rydber g^^o)^ sowie des Hollanders d e H a a ni^i), 
dessen Landsmann E x 1 e r ^^) neuerdings in „Levensleed" cinen tief- 
empfundenen urnischen Roman geschaffen hat. 

Fast ebenso haufig, in Frankreich sogar haufiger, als die dicli- 
terische Darstellung der mannmannlichen Neigung ist die moderne Schil- 
derung der homosexuellen Frauenlie-be. verlaine ^^3) und Bau- 
delaire I*'*) besingen sie ; Pierre L o u y s in den Liedern der Bili- 
tis^o*) und in Aphrodite^o*). Novellistisch behandeln sie u. a. M a u - 
passantio?)^ Henri de R6gnierio8), Oatulle Mend^sio^), 
Willy"o)^ Diderotiii), die Halbweltlerin Liancde Pougyiis)^ 
Morelii3), Faureii*), Rynerii^), L epage ii«), Vivien i^O^ de 
L y s *i8) und Neuville- Le m e r c i e r ns). Interessant ist das Pam- 
phlet Alfred de Mussets „Gamiani", das, auf George Sand 
gemiinzt, die Debauchen einer Tribadie zum Inhalt hat. Den Titel 
aieses Buches akzeptiert E. D. in „La Comtesse de Lesbos ou la nou- 
velle Gamiani"i20). Von deutschen Werken seien genannt: „Sind es 



90) Die Werke von Sagitta sind jetzt nur noch als Privatdruck 
aus Holland zu beziehen. — ^i) Lieblingminne und Freundesliebe in 
der Weltliteratur, Eberswalde 1899. — ^^ „Gedichte", rnsel-Verlag 
Leipzig. — 93) „Der Bogen des Philoktet", E. Reiss, Berlin. — 9*) „Ent- 
rechtet", Leipzig 1906: „Zwischen den Geschlechtern", Ziirich 1901. — 
95) „Insehi des Eros", Wilhelmshagen 1905. — »«) , Lyrische Radie- 
rungen", Wien 1898. — *?) Akad^mos, Revue mensuelle d'art libre et 
de critique. Herausgeber: Comte d'Adelsward-Fersen, Paris 1909, I. (ein- 
aiger) Jahrgang. — 98) Paris 1907. — 99) i>ie Novellen „Fliigel" und 
„Da5 Abenteuer des Aim6 Leboeuf" in , (Geschichten", deutsch Miin- 
chen 1912. Vgl. auch Kurt Hiller, Die Weisheit der Langenweile, 
Band I. p. 197 ff. — loo) „Romerska bilder (Romische Bilder), Stock- 
holm. — 101) „Pippelintjes". — 102) ,,Leveneleed. Psychologischer Ro- 
man, ' Een Boek voor Ouders" Door M. J. J. Exler, s 'Graven shage. ~ 
103) Cf. den Cyklus „ Amies", ferner „Parall^lement", ^,Paul Husson** in 
Nouvelle R6vue ind6pendante 1889. „La trilogie 6rotique", Paris 1907. 
Vgl. aucn Charles Donos, Verlaine intime und Oskar Panizza, Rimbaud, 
Wiener Rundschau 1900. — loi) i^ dem von George prachtvoll iiber- 
tragenen Gedichte „Lesbos". — los) Paris, Biblioth^ue moderne. — 
io«) Deutsch Budapest 1900. — i07) La femme de Paul.** — 108) L'amour 
et le plaisir." — 109) „M6phistoph61a", Paris 1900. -- "o) Der Roman- 
zyklus „Claudine" 3 Bde. Paris 1901—1903. — i") „La R^ligieuse*' 
und „Les bijoux indiscrets". — "2) u^e idylle saphique" 1900. — 
118) „Sapho de Lesbos" Paris 1903. — n*) „La dernidre journ^e de 
Sapho", Paris 1901. — n*) „La fille manqu6e", Paris 1903. — ns) „Les 
fausses vierges", Paris 1902. — "7) „Sapho", Paris 1903. — ns) „Les 
virages de Sodom" 1901. — ii9) ^^Die Freundinnen." — 120) Paris 1900. 



Digitized by VjOOQIC 



1024 

Frauen?"^2i) yon Due, die anonymen Romane, „Verbene Junkers 
lyiebe, eiu Roman dem toten Oscar AVilde gewidmet", „Ein Weib"^--) : 
„Die neue Eva" und „Mimikry"^23) von Maria Jan itschek, Ernst 
Stadlers „rreundinnen*'i24)^ Georg Kelms ,,Pariser Geschich- 
ten"i25^ und Bernhard Steiners „Sappho"i26)^ Sophie Hoch- 
s t e 1 1. e r s „Kapellendorf", „Das Leben der Renee von Catte"^27) von 
Els a von Bonin, Elisabeth Dauthendeys ,,Vom neuen Weib 
und seiner Liebe", Elisabeth Rodenbergs ,, Brief e an eine Freun- 
(Jin»'i28)^ sowie ,,Virages oder Hetaren** von Grafin von Revent- 
1 o w 129) xind „Die bronzene Tiir" von Siena ^^lagrodskaja ^*-a). 
Tribadische Episoden finden sich in Hofmannsthals „Elektra". 
in Wedekinds „Erdgeist", ,,Biichse der Pandora" (Gestalt der 
(■Jrafin Geschwitz) und „Minehaha". 

Wahrend es sich in alien diesen Werken um kiinstlerische Werfce. 
wenn auch von sehr verschiedener Hohe handelt, ist im AnschluB 
an den wissenschaftlichen Streit fiir und wider die Homosexuellen 
auch eine Literatur entstanden, die reine Tendenzzwecke verfolgt 
Typen dieser Gattung sind die Romane „Geschlechter der Menschen"^'^) 
von Bob; Daniel Daniela, ,,Aus dem Tagebuch eines Kreuztra- 
gers"^3i)^ ,,Der halbe Mensch, die Tragodie des dritten Geschlechtes^^^) 
von Claire Bernhardt, die Dramen ,,Jasminbliite"i*3) von Dils- 
n e r , ,,Fehler"^34) von H. Hirschberg, „Wahrheit"i35) von M o 1 d a u. 
Wie hier die f ii r die Homosexuellen, so tritt in Irma Goerin- 
gera „Schlingpflanzen"i36) xind Paul Forts „L'amour marin*' die 
g e g e n sie gerichtete Tendenz zu stark hervor, als daC nicht 
das Niveau der Werke als Kunstwerk sinken milBte. 

Von Anthologien, in denen homosexuelle Dichtungen aus der 
Gegenwart und Vergangenheit, besonders der Antike, von sachkundiger 
und sachverstandiger Hand gesammelt sind, seien noch angefiihrt 
Elisarv. Kupffers ,,Lieblingminne und Freundesliebe in derAVelt- 
literatur**i3') und Carpenters „ Jolaeus, an anthology of friend- 
ship"^^^), 

€berblicken wir diese Autorenliste, die keinen Anspruch auf Voll- 
standigkeit erhebt, so ergeben sich folgende Gruppen: Ein Teil stellt 
eigenstes Empfinden dar, wehrt sich aber gegen diese Annahme — nur 
wenige machen hier eine wiirdige Ausnahme, indem sie mehr oder weniger 
trei, oft ailerdings durch Tatsachen mehr oder weniger gezwungen, 
wie Oscar Wilde und Herman Bang — ihre Neigung bekennen. 
Die Autoren, die o h n e sich zu dekouvrieren, die homosexuelle Liebe 
in Wort und Bild schildern, sind innerlich unabhangiger als die, 
welche wohl unterrichtet iiber die subjektive und objektive Bedeutung 
der Homosexual itat, ihr Vorkommen geflissentlich mit tiefstem Schwei- 
gen iibergehen, well sonst moglicherweise jemand auf die Vermutung 
kommen konne, „sie waren auch so". Diesen Gruppen stehen besonders 
in den letzten Jahren recht zahlreiche Schriftsteller gegeniiber, 
die als rein objektive Beobachter homosexuelle Menschen und Dinge 
in den Kreis ihrer Lebensschilderungen und Dichtungen einbeziehen. 

Hat in der Auf fassung der Homosexualitat die Wissenschaft, 
aus dem Leben schopfend, der Dichtkunst vorgearbeitet, so be- 



1^^) Leipzig o. J. — ^22) Psychologisch biographische Studie iiber 
eine Kontrarsexuelle. Leipzig o. J. — ^^3) Leipzig. — ^24) „Ein lyrisches 
Spiel", Magazin fiir Literatur 1901. — 125) jena 1901. — i^e) jena l^vi. 

— 127) Berlin o. J., bei Fleischel & Co. — 128) Leipzig 1907. — 
^29) Ziirich 1900. — i29a) Wilh. Borngrabers Verlag Neues Leben, 
Berlin 1914. — i30) Leipzig 1901. — i3i) Berlin 1908. — i3S) Dres- 
den 1907. — 133) Berlin 1899. — i34) StraBburg 1906. — 135) Leipzig 
1907. — 1*6) Munchen 1908; konfi^ziert 1910. — "?) Eberswalde 1899. 

— 138) London 1896. 



Digitized by VjOOQIC 



1025 

einflulJt diese wiederum besanfti^nd das Leben. Alle drei aber — 
Leben, Wissensdbaft und Kunst — zeigen immer deutlicher, 
daU etwas, das nach' Raum und Zeit ewig i n der Natur war und 
ist, nicht wider die Natur sein kann, dalJ, wie so oft, auch 
hier der Mensch Gespenster und Gespinste sah, wo sich ihin 
bei klarerem, reinerem Schauen das Menschentum in ungleich 
freundlicherem Lichte geoffenbart haben wlirde. 

Dieses zu erweisen, war nicht derZweck dieses Buches. 
Es verfolgte keine andereA'bsicht, als die, eine einheitliche, 
zusammenf assende Darstellung der Homosexualitat des 
Mannes und des Weibes zu geben. Ob mir dieser Plan gelungen 
ist, mogen andere entscheiden. Vieles, was ich noch gem angef iihrt 
hatte, muCte ich mir versagen, um nicht die tibersichtlidhkeit 
des Werkes unter seiner Ausdehnung leiden zu lassen. Eine 
Frage flir sich ist, ob die wissenschaftliche Durchdringung 
des Gegenstandes nach alien Seiten uberhaupt schon so weit 
gefordert ist, dafl Abschlieflendes geboten werden konnte. Ich 
giaube dies bejahen zu dtirten. Es wird zwar auch in Zu- 
kuDft noch viel liber die mannliche und weibliche Homosexuali- 
tat geschrieben werden, und schwerlich ist anzunehmen, daft die 
Jahrbticher furs?xuelleZwischenstufen jemals an Stoffmangel zu- 
grunde gehen werden ; vor allem werden ethnographische 
Forschungen noch mancherlei Neues bringen, auch an wertvollen 
Einzelstudien tiber berlihmte homosexuePe Manner und Frauen 
wird es nicht fehlen, von beachtenswerten philologischen, biblio- 
graphischen und philosophischen Ai bei ten ganz abgesehen. Flir 
die Kasuislik des Uranismus mit alien seinen Unterabteilungen 
F^t/Chen gewilJ noch nennenswerte Beitrage zu erwarten, und 
endlich werden die rein biologischen Untersuchungen, von der 
Statistik der Einzelerseheinungen an bis zu dem Studium 
innersekretorischer Vorgange, teratologischei^ 
Keimdriisenbefunde-'^^) sowie serologisch nachweisbarer Ver- 
anderungen, Schlaglichter von Bedeutung auf diesen oder jenen 
Teil des umfangreichen Gebiets werfen — alles dies wird den 
Stoff noch erweitern und vertiefen; gleichwohl diirfte aber das 
Wesentlichste, was liber den Uranismus beider Geschlechter fest- 
gestellt werden konnte, als Massiv vor uns liegen. 



139) Vgl. die neuerdings nachgevviesenen Einsprengsel von Hoden- 
kanillcheii und Zwischenzellen in Eierstoeken (Klin. Therap. AVochen- 
schrift vom 10. u. 17. Nov. 1913, Vortrag von L. Pick); cf. auch Samin- 
lung von Modellen geschlechtlichcr rijergangFformen, herausgegehen von 
Prof. Dr. Benninghoven, nach Materialangaben von Dr. M. 
Hirschteld u. Dr. E. Burchard, Fall IV, Praematuritaa mas- 
culina et feminina. . 

Hlrschf eld, Homoscxualiiat. ck 

Digitized by VjOOQIC 



1026 

Welche Schluflfolgerungen a'ber konnen aus diesem Bande 
des Handbuchs der Sexualwissenschaft gezogen .werden? Da 
mtfssen wir unterscheiden, was aus ihm die Heterosexuellen 
und was die Homosexuellen entnehmen konnen. Die Hetero- 
sexuellen werden, wenn sie dieses Buch durehgelesen haben, 
soweit sie vorher noch in alten Anschauungen befangen waren, 
uonlernen und iwohl oder libel einsehen tntissen, daB an 
jedem Tage, an dem Staat und Gesellschaft, Familien und 
einzelne in ihren fruheren, auf Unkenntnis beruhenden Vor- 
urteilen gegen homosexuelle Manner und Frauen verharren, ein 
Dnrecht vermehrt wird, das in der Menschheitsgeschichte nur 
wenige seinesgleichen hat. Von den homosexuell empfindenden 
Mannern und Frauen selbst aber sollten, wenn sie die vor- 
stehenden Kapitel beendet haben, viele aufhoren, sich ungliick- 
lich zu fiihlen. Vor dem hochsten Richter — ihreml eigenen Ge- 
wissen — etehen sie um ihrer Homosexualitat willen schuldlos 
da, doppelt schuldlos, solange man sie fiir schuldig halt. Und 
auch ihr Gefiihl der Vereinsamung dtirfte schwinden, wenn sie 
Behen, wie unendlich viele Menschen aller Zeiten und Zonen 
das gleiche Schicksal trugen. Vor allem aber sollten sie nicht 
iibersehen, daB ihnen die gleichgeschlechtliche Liebe — recht 
verstanden — "wie jede andere, trotz aller Verkennung schon 
jetzt das reinste Gltick, im Beglucken anderer sich selbst zu be- 
gllicken, vermittelt und ihnen mit der starken Erhebung von 
Seele und Leib ein Lebensgut gewahrt, fiir das ein ^ut Teil 
Leiden in den Kauf zu nehmen sich wohl verlohnt. Bleiben 
doch auch dem Heterosexuellsten bittere Tropfen im Rausch- 
trunk der Liebe nicht erspart. 

Ergabe sich fiir viele heterosexuelle und homosexuelle 
Menschen ein solcher Umschwung ihrer Gesinnung a 1 s 
Folge, nicht als Zweck dieser Schrif t, so ware dies ein 
Erfolg meiner Arbeit, ,wie ich ihn mir schoner nicht denken 
kann. In dieser Hoffnung lege ich am Werkende die Feder bei- 
seite, nicht im BewuBtsein, mir ein Verdienst erworben, sondern 
meine Pflicht erfiillt zu haben. 



Digitized by VjOOQIC 



Namenregister. 



A. 

Abd-el-Koder 520. 
Abderhalden 378. 
Abraham, Karl i^S, 789, 

742, 1013. 
Aba Caiich 597. 
— No was 658. 
Accorso, Franz von 658. 
Achilleus 747, 750, 770, 

786. 
Actius Syncereus Sanna- 

zarius 658. 
Adam, Paul 1021. 
Adelsward-Fersen 1023. 
Adler, Otto 93, 94, 221. 
Adolf Fredrik 537. 
Adonis 641. 
Adriano 444. 
Aelian 652, 749,753,778. 
Aelius Verus 802. 
Aeschines 767, 768, 769, 

770, 771, 808, 818, 960. 
Aeschvlus 653, 752, 753. 
Affio ^662. 
Agatharchides 788. 
.\gathokles 30. 
.\^athon 652, 654. 655, 

753, 774, 775, 776, 777, 

816. 
d'Ageni, Leo 133. 
Agesiliaos 650, 657, 756. 
d'Agoult, iAlarie 181, 23 ). 
Agrippina 797. 
Aguilaniedo, J.jVf.L. 579. 
Ahab 743. 
Akusilaos 774. 
Alarich II. 830. 
Alberoni, Giulio 6.58. 
Albert! 534. 
Albius Tullius 795. 
Albrecht, Paul 131. 
Aldobrandini, Tegghiaio 

658. 
Aletrino 388, 389, 532. 



Alexander der GroBe 

650, 651, 65.5, 657, 743, 
782, 784. 

— I. 20, 537, 658, 661, 
783 

— VI. 206, 658. 

— Severus 29, 804. 
Alexandra 220. 
Alexis 655, 657, 795. 
Algotson, Benkt 535, 

536, 667. 
Alkaios 650, 748. 
Alkibiades 20, 323, 419, 

651, 655, 760, 761, 777, 
788. 

Alkiphron 807. 
Alkmaion 779. 
Allers 447, 658. 
Allfeld 977. 
Alphons X. 824. 
Ambrosius 742. 
Amenemhet I. 738. 

— IV. 739. 
Amenhotep IV. 739. 
Aminoff. Johann 663. 
Ammon-Ra 738, 739. 
Amos 826. 
Amyntas 782. 
Anakreon 509, 651, 655, 

749, 765, 944. 
Anastasius 705. 
Andersen, H. C, 132, 

188, 425, 509, 534, 658, 

666, 1013. 
Andokides 766, 769. 
Androtion 766. 
Anglesey, Marquis of 

658. 
Anna Leopoldowna von 

Braunschweig- Wolf en - 

buttel 658. 
Ansbach, Alexand( r von 

658. 
.Anteros 802. 



Antigonos 651, 743. 

— Gonatas 779. 
Antikles 770. 
Antinous 176, 536, (;52. 

801, 802, 808, 1013. 
Antiphon 766. 
Antomedon 805. 
Antoninus Pius 802. 
Antonio 444. 
Antonius 196, 792. 
Anytos 788. 
Aphrodite 7, 745, 776. 

— Pandemos 762. 

— Urania 762. 
Aphroditos 641, 741. 
Apion 816. 

Apollo 368, 595, 806. 
— , Kithairedos 763. 
— , Sauroktonos 763. 
Appius Claudius 789, 

792. 
Apulejus 36, 806. 
Aratos 786, 787. 
d'Arc, Jeanne 113. 
Arcangeli 673, 889. 
Archelaos 782, 788. 
Archenholtz, J. W. voii 

103, 347. 
Arduin 1014. 
Argentarius, M. 805. 
Argilius 654. 
Ariaios 661. 
Aristide 444. 
Aristides 651, 656, 657. 
Aristippos 756. 
Aristobulos IT. 743. 
Aristogeiton 652, 751. 

765, 770, 775, 782. 
Aristokles 651. 
Aristokrates 785. 
Ariston 651, 767, 772. 
Aristophanes 29, 289, 

349, 741, 753, 772, 774, 

775, 776, 1015. 



Digitized by VjOOQIC 



1028 



Namenregi^ ter. 



Aristoteles 143, 323, 

367, 368, 387, 600, 640, 

651, 654, 741,745,751, 

763, 764, 778, 779, 780, 

781, 782. 
Aristoxenos 788. 
Arkesilaos 779. 
Armfelt, Gustaf Mauritz 

537, 658, 663. 
Arndt 381. 
A mould, Sophie 659, 

669. 
Arrian 784. 
Artabazos 762. 
Artaxerxes 654, 740. 
Artemidoros 808. 
Artemis 763. 
Asa 742. 
Aschaffenburg, G. 263. 

301, 991, 1010. 
Aschrott, P. F. 1010. 
Ascyltos 799. 
Asiaticus 798. 
Asklepiades 651, 785. 
Asop 349. 
Asopichos 652. 
Aspasia 946. 
Assinanii 880. 
Astarte 741. 
Aster 655. 
Astyages 762. 
Aj-tytchos 770. 
Asurbanipal 740, 741. 
Athalarich 8r8. 
Athenaeus 135, ^63, 650, 

651, 652, 656, 749, 750. 

752, 753, 756. 
Athene 754. 
Attalos 782, 783. 
Attar 744. 
Attis 744. 
d'Avaray 667. 
Audlegh, Mervin 658. 
August der Gliickliclio 

659. 
Augustinus 659, 743, 830. 
Augustus 651, 658, 657, 

793. 
Aulus Gabinius 792. 

— Hiifus 793. 

— Vitellius 798. 
Anrelius V.ct. r705, 80?, 

817, 1019. 
Ausonius 36, 163, 797. 
Autobulos 805. 
Autolykos 761. 
Avenarius, Ferdinand 

977. 
.\ severed us 560. 



B. 

Baal 641. 

Baal-Berit 814. 

Baars, Ernst 1011. 

Baba 449. 

Bacchion 805. 

Bacchus 349, 368. 

Bacchvlidcs 651, 653. 

Bach '253. 

Back, Georg 436, 543. 

Bacon, Francis 659. 

Baechie, B. 939. 

Baert, Ph. 661. 

Bagoas 784. 

Bahr, Hermann 977. 

Balboa, Gomdra r87. 

Balz 21. 

Balzac, Honors de 1015. 

Bang, Herman 531, 659, 

im, 1024. 
Bar 980. 

Barbarigo, Marco 659. 
Barbarini Campanini 

663. 
Bardeleben 961, 962. 
Barneficlc', R'chard 659. 
Barreau, Paul 889. 
Bastian, Ad. 587, 609. 
Bathyllus 651, 655, 749. 
Batifol 667. 
Baudelaire 1023. 
Baumann, F. 559, 569, 

599, 708, 728. 
-, Oskar 289. 
Baumeister, A. 747. 
Baumstark 818. 
Bazaine 520. 
Bazalgette 672. 
Bazzi, Giovanni Antonio 

24, 508, 659, 1013. 
Beauharnais, Fugen 658. 
Beaumont, Francis 662. 
Bebel 314, 467, 979, 982, 

983, 984. 
Beccaria 942. 
Beckford, William 659. 
Beda 949. 
Been 840. 
Beer 389. 

Beethoven 253, 385. 
Behrisch 310. 
Bei, Achmet 696. 
Bellini 133. 
Belzer 984, 986. 
Bembo, Max 11,281,291, 

470, 580. 
Bencden, von 357. 
Benedikt 425, 515. 
— TX. 659. 



Benkert, Karl Maria 4, 

10. 
Benninghoven 1026. 
Benson 669. 
Bentinck 672. 
B^ranger 501. 
Berenike 406, 779, 800. 
Beresford 66. 
Berg, Leo 71, 74, 637. 
Bergfeld 10. 
Bergk 651, 653, 665, 666. 
Bergmann, von 974. 
BerHlon, E. 970. 
Berkusky, H. 730. 
Bern, Dietrich v. 254. 
— , F. 686. 
Berner 838. 
Bernhard, Sarah 232. 
Eernhardi, W. 126, 360, 

378. 
Bernhardt, Claire 1024. 
Bernhoft, F. 764. 
Bernstein 888, 1021. 
Berrichon 671. 
Bertz, Ed. 132, 181,551, 

640, 671, 672, 1013, 

1021. 
Bethe, Erich 18, 695, 

674, 761, 757, 769. 
Beulwitz, Rudolf von 

1016. 
Beyerlein 1019. 
Beza, Theodor 523. 
Bierbaum, Otto Julius 

977, 1020. 
Bilban, Vergilio 61,62. 
Binding 838. 
Binet 338, 345, 351. 
Binswanger 397, 428. 
Bion 651, 786. 
Birkmeyer 841. 
Birnbacher 168, 321. 
Birnbaum 945. 
Bischoff 366, 387. 
Bismarck, Otto von 228, 

677. 
Bjomson 981. 
Blank, SiiBkind 138, 

232, 291, 707. 
Blasemann 46. 
Blass 765. 
Blavatzk}', Helena Pe- 

trovna 669. 
Bleuler, E. 342, 433, 

541. 
Bloch, 21, 29, 33, 138, 

156, 176, 187, 200, 218, 

219, 220, 233, 276, 280, 

297, C08, 310, 326, 338, 

364, 371, 376, 377, 378, 



Digitized by VjOOQIC 



Namenregistcr. 



1029 



379, 390, 456, 458, 466, 

624, 530, 562, 579, 712, 

718, 730, 740, 745, 793, 

799, 801, 892, 948, 

1010, 1013. 
Bluher 130, 278, 297, 

646. 
Boccaccio 409. 
Bocklin 66. 
Bodea, Karl 506. 
Bodenstedt, F. v. 664. 
Bodlander 427. 
Boethos 805. 
Bogoras 623, 624. 
Bohmer, J. S. Fr. von 

24, 837. 
Bolle, Karl 659. 
Bolsche 632. 
Bolsec 825. 
Bonfadio 659. 
Bonheur, Rosa 508, 660. 
Bonhoeffer, C. 316, 317. 
Bonin, Elsa von 1023. 
Bonneval, Claude Alex. 

Graf von 659. 
Bonny, Anne 284. 
v. Bonstetten 668. 
Borel, Henri 612. 
Boretius 830. 
Borgia, Cesare 666. 
— , Peter Ludwig v. 834. 
Bosc, Jean 521. 
Bosse, Harriet 1019. 
Bofihard 507. 
Botrys 785. 
Bouillon, Kardinal von 

22, 660. 
Bourbourg, Brasseur de 

587. 
Bourget, Paul 47. 
Bouteiller, Jean 824. 
Boveri 357. 
Brabdt 660. 
Bracci, Cecchino 103. 
Brachet, J. L. 188. 
Braganza, Prinz v. 549. 
Brahe, Tycho de 669. 
Brahma 524, 601, 641. 
Bramante 665. 
Branciforte, von 660. 
Brand, Adolf 872, 984, 

1007, 1023. 
Brandt, P. 654, 748, 750, 

753, 785, 787, 805, 956, 

1014. 
— , M. von 614. 
Branitzka 666. 
Brant6me 33. 
Braun 984. 



Braunschweig 151, 296, 

332, 423, 506, 953. 
— Rosa V. 133, 160, 

672, 1014. 
Brazzoduro, Edoardo 61, 

62. 
Breastedt, I. H. 737, 

739. 
Brehm 631. 
Breitenstein, H. 707. 
Breitinger, Heinrich v. 

181. 
Bretonne, Retif de la 24. 
Breuer 61, 126, 882, 883, 

888, 889, 936. 
Bridgewater 660. 
Brigitta, Santa 535. 
Briseis 747. 
Brooke 608. 
Brosch, M. 668. 
Brown, Horatio F. 671. 
Bruck, F. F. 977. 
Brugsch, H. 738. 
Brunner 830. 
Bruno, Giordano 660. 
Bruns, Ivo 757. 
Brutus 36. 
Bucer 665. 

Buchbinder, Johanna 63. 
Biicheler, E. 764. 
Bucke 139. 
Buckingham 665. 
Buddha 524. 
Budge 191. 

Buffon, G. L. L. de 632. 
v. Billow 63, 984, 1004, 

1007. 
Bulthjaupt, Heinrich 660. 
Bumke 478, 479. 
Burchard 171, 206, 215, 

226, 234, 301, 302, 303, 

317, 381, 383, 585, 918, 

921, 926, 929, 931, 940, 

1025. 
Burgh, van der 560. 
Burghauser 373, 423. 
Burrough, John 132,146. 
Burton, Richard 25, 

560, 627, 658. 
Buschan 526. 
Busching 662. 
Byron 374, 659, 600, 

948. 
Bystrom 664. 



Cadmus 35. 

Caelius Aurelianus 757. 

— Rufus, M. 792. 



Caesar, C. Julius 204 
651, 654, 657, 792, 793, 
797. 

— Caligula 796, 797, 
805, 

Cagliostro, A. Graf v. 
660. 

Caius 466, 639, 953. 

Calixt III. 658. 

Cal vaster, Julius 196. 

Calvin, Johannes 523, 
825. 

Cambacer^s 660. 

Capellanus, R. C. 507. 

Capelhnann, C. 79, 394, 
420, 705. 

Capsius, M. 1020. 

Cara, La 366. 

earlier 563, 882. 

Carmenion 134, 138. 

Carpenter, Edward 10, 
29, 50, 69, 158, 184, 
379, 387, 390, 442, 477, 
507, 525, 550, 640, 641, 
648, 663, 668, 669, 671, 
674, 703, 812, 871, 971, 
998, 1014, 1024. 

Carpzow 816, 821, 824, 
837. 

C.arr, Robert 665. 

Carriere, Moriz 669. 

Cartesius 104. 

Casa, Giovanni della 060. 

Casas, de las 586. 

Casper, Johann Ludwig 
12, 78, 126, 337, 466, 
469, 629, 639, 938, 
952, 953, 954, 960, 
969. 

Cassiodor 830. 

Castaneda 586. 

Castel, Horace de Viol 
671. 

Castillo, de 585. 

Castlereagh, Robert 
Stewart 660. 

Catlin, C. 554. 

Catull 170, Oil, 051, 
744. 

Cauer 1011. 

Cauler 563, 

Cavalieri, Tommaso 103, 
104, 668. 

Cayrade, J. 188. 

Cedrenus 824. 

Ceionjus Commodus 802. 

Celesia 370, 500. 

Cella 824, 943. 

Cellini, Benvenuto 660. 
946. 



Digitized by VjOOQIC 



1030 



Xauienregister. 



Cesare 414. 
C'hanparnier, do GGO. 
('harcf)t 27. 
Chariton 652. 
Charles, PhilaWh GGG. 
Charlevoix, de 554. 
Charmides 761, 773, 777. 
Chattusar 744. 
Chauffours, Etienne 

Benjamin do 660. 
Chaussard 18. 
Chauveau 562, 824,943. 
Che-Scheng 612. 
Chevalier. Julian 27. 46, 

266, 296, 351, 353. 

666, 971. 
Chin 586. 
Chloris 945. 
Choiseul, von 662. 
Chopin 230, 253. 
Chouard 663. 
Choven, von der 600. 
Christ, W. 653, 656, 748, 

778, 786, 794, 807. 
Christian VII. 660. 
Christine von Schweden 

103, 104, 159, 165. 
375, 536, 661, 1014. 

Christodorus 349. 
Chrysippus 652, 748, 764. 
Chrvsostomos, Dio 156. 
Cicero 323, 748, 749, 
764, 792, 805, 947. 
Cinq-Mars 667. 
Ciszkay 592. 
giva 602, 641. 
Clairon, Louise 661,669. 
Clare, Lord 660. 
Claretie, Georges 373. 
Clarke, A. W. 47, 1020 
Claudius Aelianus 806. 

— Marcellus 789. 
Clavigero, Fr. Saverio 

587. 
Clodius Albinus 803. 

— Pollio 800. 
Closes 953. 
Coelius 792. 
Coffignon 27. 
Cohn 381. 
Cohn-Autenorid, W. 611, 

625. 
('olonna, Vittoria 103. 

104, 230, 668. 
Commines, Philippe de 

667. 
Commodus 203, 802. 
C^onde 374, 661. 
Conti, Louis Armand 

de, 22, 661. 



Cook 826. 

Cordol)a y Aguilar, G. 
Fern, de 661. 

Cornbury 661. 

Cornelia 36. 

Cornelius Nepos 20, 789. 

— , Peter 511. 

Corny 26. 

Correggio, Antonio da 
661. 

Cortez 585. 

Corval 427. 

Corydon 795. 

Coutagne 127. 

Cramer 194, 337, 469. 

Creed, J. M. 129. 

Cremer 194, 503, 519. 

Cr^qui 947. 

Cressol, Louis de 667. 

Crusen 841. 

Cumberland, Ernest 

Augustus 661. 
I Curio, C. 204, 792. 
ICursetta 206. 
iCurtius 784. 

Cvgnaeus, Fredrik 538, 
^661. 

Cvnthia 796. 

Cyrus 652, 654. 

D. 

Dailoehos 653. 
Dall, W. H. 625. 
Dallet, P. 622. 
Damm, von 984. 
Damon 614, 652, 788. 
Domoxenos 771. 
Dangers 9. 
Daniela, Daniel 1024. 
Dante 509, 663, 1015. 
Daphnis 786. 
Dareios 784. 
Darwin 362, 405, 550. 
Daskow 666. 
Daumer 958. 
Dauthendev, Elisabeth 

1014, 1024. 
David 743. 
Davis, Andrew Jackson 

507. 
Dawydow 626. 
Dedichen, Henri k 460. 
Defregger 66. 
Delitzsch, Fr. 741. 
Demetrius Phalereus 

135, 652. 
— Poliorketes 779. 
Demochares 779. 
Demokles 652. 
Demokrates 772. 



Demokritos 758. 
Demonassa 136. 
Demophon 656. 
Demosthenes 163, 765. 

766, 767, 960. 
Dennler, Viktoria 59, 60. 
Desgouttes, Franz 59, 

60, 416, 661, 949, 

969, 1006. 
Dessoir, Max 46, 364. 
Detring 616. 
Deussen, P. 602. 
Dexionikos 787. 
Diderot 949, 1023. 
Dido 35. 
Dieffenbach 171. 
Diels, Herm. 757. 
Dikaiarchos 660. 
Dilsner 1024. 
Dio Cassius 196, 349. 

792, 796, 797, 799, 800, 

801, 803, 806. 
— Chrvsostomos 806. 
Diodorus 563, 738, 740, 

766, 784, 806. 
Diogenes Laertius 778, 

779, 787, 788, 806. 
Diokles 751, 786, 786. 
Dion 666, 778. 
Dionysios 778, 788, 789, 

806. 
Diophandus 770. 
Dioskorides 785. 
Diotima 776. 
Dobson 808. 
Doebner, E. Ph. 633. 
Dolorosa 47. 
Domitian 196, 800, 801. 
Domitius 797. 
Don Carlos 947. 
Donos, Charles 1021. 
Doppet 193. 
Doriphorus 611, 620, 

705, 797, 798. 
Douglas, Alfred Bruce 

1020. 
Doyle, Peter 672. 
Dreyfus 662. 
Dreysen 752. 
Driesmanns, H. 763. 
Drusus 722, 796. 
Duauf 738. 
Dubois-Desaulle 38. 
Dubois, Guillaume 661. 
Due 1024. 

Dufour, Pierre 668, 743. 
Diihren 668, 659, 660, 

661, 662, 664, 666, 672, 

673, 677, 707, 826. 
Duncan, Isadora 679. 



Digitized by VjOOQIC 



Nainenregister. 



1031 



Dupouy 129. 

— , Edm. 129, 738. 

Duquesnoy, Jerome n08. 

569, 661, 834, 1013. 
Durieux, Tilla 254. 
Dyck, van 66. 
Dyssel, L. van 47. 

E. 

Eabani 740. 

Eberhard 832. 

Ebstein, Wilhelm 219, 
220. 

Eckermann 347, 668. 

Eckhard 191. 

Edward II. 477, 535, 661. 

Eekhoud 71, 533, 569, 
661, 834, 1013, 1019. 

Egells, Karl 4. 

Egmont 205. 

Ehlers, Otto 616. 

Ehrenberg, Friedr. 86. 

Ehrlich, Ottilie 137. 

Einem, von 283, 733. 

Eisler 385. 

Eken, Anne v. den 119, 
647, 673. 

Eliot, George 661. 

Elisal^eth Charlotte voii 
der Pfalz 160, 56:{. 
658, 661, 661, 665, 608, 
669, 670, 672, 1014. 

Ellis, Havelock 5, 6, 47, 
125, 193, 194, 269. 283, 
331, 334, 364, 372, 379, 
388, 389, 473, 501, 512, 
522, 547, 5.50, 609, 6.19, 
671, 707, 760, 840, 971, 
1003, 1021. 

Elohim 641. 

Empedokles 757, 775. 
788. 

Endymion 653. 

Engel 888. 

Enkolpius 705, 799. 

Enthydemos 760. 

Enyo 744. 

Epaminondas 652, 657. 

Epaulard 518. 

Ephoros 763, 788. 

Epichares 769. 

Epicharmos 786. 

Epikrates 765, 766. 

Epikuros 787. 

Episthenes 652, 756. 

Eric 535. 

Eriksson, Magnus 5o5. 

Erkelenz, van 407. 

Erman 624, 738, 739. 



Ernst 334. 

Eros 7, 8, 747, 751, 773, 

774, 776, 777, 785, 786, 

840. 
Ersch 589, 787, 952, 953. 
Erykios 805. 
Eryximachos 774, 775, 

776. 
Eschwege, von 589. 
Esra 814. 
Essebac, Achille 47, 

1020. 
d'Estoc 710, 712. 
d'Etrees 668. 
Eudoxos 778. 
Euenos 805. 
Eugen, Prinz 659, 662. 
Eulefeld, A. 634. 
Eulenberg, Herl)ert 673. 
Eulenburg, Albert 29, 97, 

209, 216, 221, 334,573, 

970, 1009. 
— , Fiirst 1006, 1007. 
— , Hermann 916. 
Paimenides 793. 
Eupolis 176. 
Enrich 830. 

Euripides 652, 654, 753. 
Euryalus 653. 
Eusebius 511. 
Euston, Earl of 662. 
Euthydemos 653, 777. 
Ewers, Hanns Heinz 

1019. 
Excipinus 784. 
Exler, M. J. J. 534, 

1023. 
Ezechiel 742, 813. 

F. 

Fabricius 656. 
Fahrenheid-Bevnuhnen, 

von 662. 
Falkner, Thom. 689. 
Falstaff 681. 
Farinos 800. 
Farnese, Pietro Luicri 

662. 
Faaire 1023. 
— , Prinz V. 834. 
Faustin 562, 943. 
Fei-tschang 613. 
Felton 891. 
Ferdinand I. 668. 
— III. 824, 831. 
F6re, Ch. 381, 382, 412, 

425, 426, 632. 
Ferenczi, S. 11, 28, 277. 
Ferhad Pascha 671. 



Fernau, Herm. 499, 561, 

664. 
Ferri-Pisani 47. 
Feuerbach, Anselm von 

445, 777, 828, 836, 959. 
Findlater, Earl of 662. 
, Fitzgerald, Edward 662. 
Fiyi-no-Ben 619. 
Fjelstrup, August 660. 
Fiatau, Theodor S. 134. 
Flaubert, Gustave 194, 

646, 1019. 
Flavianus 805. 
Flavigny 181. 
Flavins Arrianus 805. 
Fletcher, John 662. 
FlieB, Wilhelm 156, 198. 
Florenz, C. H. 614, 618, 

619, 621, 622. 
Florestan 511. 
Flvnt, Josiah 601. 
Foges 377. 
Foisset 668. 
Foley 610. 
Fontane 662, 664. 
Foote, Samuel 662. 
Forberg, Fr. 127, 289, 

661. 
Forel, August 62, 284, 

364, 365, 413, 429, 641, 

673, 1009. 
Forke, A. 613, 614,746. 
Forsmen, J. 538. 
Forster, Bill 47, 1020. 
Forstner, Karl 902. 
Fort, Paul 1024. 
Foumier 46. 
Franciscus Xaverius 618. 
Fran9ois Louis 661. 
Frankel 138, 232, 290, 

291, 707. 
Franz I. 668. 
Frapan, Use 914. 
Fredersdorf 663. 
Freimark, Hans 8, 73, 

335, 373, 507, 640, 641, 

659. 
Freud, Sigm. 86, 180, 

182, 199, 340, 341, 342, 

344, 345, 378, 379, 389, 

400, 427, 430, 431, 433, 

434, 530, 666, 916, 

1010, 1013. 
Freudenreich 9. 
Freusberg 188. 
Frev, L. 509, 668, 669, 

660, 661, 663, 665, 666, 

667, 669, 671, 673, 

1013, 1014, 1015. 
— , Ulrich 832. 



Digitized by VjOOQIC 



1032 



Namenregister. 



J^'reya 641. 
i<'reyer 662. 
J^'reytag 25. 
Friedliinder, Benedict b, 

16, 181, 185, 198, 199, 

293, 342, 365, 366, 639, 

640, 1014. 
— , Hugo 522, 523, 682, 

1013. 
Friedreich 158, 967. 
Friedricli 191. 

— der GroJJe 22, 90, 165, 
254, 385, 537, 637, 662, 
663, 664, 835, 942, 948. 

— I., Herzcjg von Oster- 
reich 662. 

— £., Konig von Wiirt- 
temberg 662. 

-^ Wilhelm I. 831, 833. 

IV. 953. 

von Brandenburg 

104. 
Friggd 641. 
Fritsch, Gust. 559, 597, 

974. 
Fryxell, Anders 666. 
Fuchs, Alfred 423. 1013. 

— Hanns 689, 731. 

— E. 745, 758, 759. 
Fugger 506. 
Fuhrmanu i^81. 
Fuller, Loie 658. 
Fiirbringer 46, 221. 

G. 

Gadara 785. 

Gagern, H. C. C. F. v. 

554. 
CJains borough 66. 
Gaiti 611. 
Galba 652. 
Galton 522. . 
Ganvmedes 27. 36, 747, 

750, 753, 764, 786. 
Garcia, Marcela 584. 
Gamier 78. 
Garr6 140. 

Gartringen, Hi Her v. 751. 
Gasio, Demetrius 939. 
Gaudin 888. 
Gaupp 981. 
Gaveston 661. 
Geibel 749. 

Geigel, Wilh. 423, 820. 
Geiger, Ludwig 206. 
Geiierstam 402, 429, 

1019. 
Geki 620. 
Gellius, A. 790. 



Genji 621. 

Geofg III. 661, 663. 

— , Prinz von PreuBen 
663. 

George, Stetan 1022. 
1023. 

Georgi 624. 

Germanicus 796, 797. 

Germanien 196. 

Germiny, Grat v. 663. 

Gei3ner, Johann Mat- 
thias 25, 294, 759. 

Giarda, Gottfredo 62. 

Gid&, Andr6 1020. 

Girand, Nicolo 660. 

Giton 705, 799. 

Glasenapp, O. ¥y. 181. 

Glaukon 773. 

Gleichen-RuBwurm, Ale- 
xander von 182, 186. 
442, 444. 

Gleim, J oh. Ludwig Wil- 
helm 663, 947. 

Gley 351. 

Gluck 159. 

Glykera 788. 

Gnosippos 788. 

Goehlert 486. 

Goeringer. Irnui 1024. 

Goethe 18, 65, 71, 87. 
186, 210, 253, 257, 326, 
347, 366, 411, 435, 660, 
663, 664, 668, 673,687, 
827, 942, 944, 945, 946, 
948, 957, 1015. 

Goldschmidt, J. 989. 

Goltdaumier 840, 845. 

Goltz, Fr. 188. 

Gomara, Ft. Lopez de 
686. 

Gordius 804. 

Gordon von Khartoum 
663. 

Goi*gias 653. 

Gorgippos 769. 

Goi31or, Adelheil v. 961. 

Gothein 984. 

Gotti 103. 

Gottschall, R. v. 153. 

Gotz, A. 191. 

Gounod 133. 

Goya 30. 

Grabowsky, Norbert 170, 
369, 418, 419, 443. 

Gracchus 36. 

Gratian 830. 

Gregor IX. 830. 

Gregorovius 669. 

Greve 1020. 

Qreverus, J. P. E. 596. 



Griebenow. H. 744. 
Gries, Johann Dietrich 

663. 
(iriesinger 469, 969. 
Grillparzer 98, 207, 460, 

663. 
(Jrinim, Hermann 104. 
Grolman, von 943. 
Groil, Hans 35, 70, 331, 

364, 373, 378, 389, 466, 

810. 
Grolie Kurfiirst 670. 
Grotius, Hugo 297. 
Gruber 589, 787, 952, 

953. 
Griinha^en 980. 
Gudden 64. 
Guevara, Thom. 589. 
Guidoguerra 663. 
Guinicelli 663. 
Gundolt 1022. 
Giinther 977. 
Giinz 877. 
Gurlitt, Ludwig 47. 
(Tusemihl 664. 
Gustav Adolt 166, 536, 

661, 663. 

— III. 636, 537, 663, 
664. 

— , Prinz von Schweden 
663. 

— Wilhelm von Meck- 
lenburg- Schwerin 664. 

Gutschmidt, Alfr. von 

741. 
Guttzeit 405. 
Gutzkow 200. 
Gyurkovechky, V. v. 221, 

369. 

H. 

Haan, Jakob de 633, 

1023. 
Hadrian 176, 636, 652, 

656, 667, 801, 802, 805, 

806, 808. 
Haeckel, Ernst 636, 1014, 

1016. 
Haffner, Paul 978. 
Hafis 697, 614, 664, 958. 
Hahn 696, 696. 
von Hahn 669. 
Haidecki 665. 
Halban 357, 377. 
Halbe, Max 977, 979. 
Halli 536. 
Hamecher, Peter 903. 

1023. 
Hamilkar 662, 741. 



Digitized by VjOOQIC 



Namen register. 



1033 



Hambt 159. 

Hammer. Wilh. 28, 34, 

99, 129, 137, 138, 158, 

194, 218, 329, 331, 332, 

501, 555, 560. 
Hammerstein, von 894. 
Hammond, William A. 

37, 221, 231, 340. 
Hammurabi 739, 740. 
Hamond, A. 660, 666. 
Handl 1021. 
Hanimon 620. 
Hanke 26. 
Han- Lee Hoa 612. 
Hannibal 652, 741. 
Hanno 741. 
Hansen, Albert 132, 658, 

666, 1013. 
Hans Jakob 423. 
Hapi 739. 

Hardeland, A. 608. 
Harden 630, 984. 
Harley, Robert 664. 
Harmodios 652, 754, 755, 

770, 775, 782. 
Hartleben, Otto Erich 

977. 
Hartmann, Eduard von 

32. 
Harun al Raschid 658. 
Hasdrubal 652, 741. 
Hatschepsut 739, 740. 
Hauber 981. 
Hauptmann, Gerhart 

977, 1019. 
Heckscher 630. 
Heffter 821. 
Hegar, A. 363. 
He^resandros 770. 
Hughts, Rf)ljert 556. 
Heimberger 1010. 
Heindl, Robert 520. 
Heine, Heinrich 23, 669. 
— , Thomas Theodor 771. 
Heinrich III. 22, 535, 

664, 665, 668, 703. 
— Vlir. 9, 548, 665. 
— , Prinz von PreuUen 

9, 91, 664. 
Heinroth, O. 633, 634. 
Heinse, Wilhelm 663, 

799, 943. 
Hektor 784. 
Helbig, Adolph H. 25. 
Hdlie, Faustin 943. 
Heliogabal 30, 128, 147, 

169, 290, 653, 657, 705, 

803, 804, 1013. 
Hellwald, j'riedrich von 

626. 



ffelpmann 654, 658. 

Helwig 220. 

HemmeXer, Daniel 59, 60, 

416, 661, 949. 
Hendrichs, H. 512, 637, 

664, 681. 
Henke 953. 

Hennepin, R. P. L. 554 
Henriette, Anna von Or- 
leans 664. 
Hentschel, W. 375. 
Hepburn, John Newhall 

833. 
Hephaistion 781. 
Hera 748. 
Herakles 368, 751, 754, 

786. 
Herbert, Georg 47. 
Herder 663, 945, 946. 
d'Herdy, Louis 47. 
Heriot, G. 554. 
Hermann, G. 366. 
Hermaphroditos 741. 
Hermeias 778. 
Hermes 806. 
Hermesilaos 752. 
Hermogenes 761. 
Herodes 743. 
Herodot 21, 231, 349, 

656, 739, 745, 746, 754, 

820. 
Herondas 289. 
Herrmann, Theo 599. 
Hertz 790. 

Hervey, John 664, 673. 
Hervez, Jean 677, 678. 
Herzberg 667. 
Hesekiei 23. 
Hesephius 20. 
Hesiod 774, 776. 
Hesse, Hermann 47. 
Hesse-Wartegg, E. vou 

623. 
Hessen, Robert 10. 
Hesychios 750. 
Hevmann, Arnold 131. 
— "Robert 471, 695. 
Hichens 694. 
Hideyoshi 619. 
Hierokies 705, 804. 
Hieron 653, 786. 
Hieronymos 753, 830. 
Hilkia 813. 

Hiller, Kurt 1003, 1023. 
Hinkel 906. 
Hipparchus 652, 755, 

782. 
Hippias 755. 
Hippokrates 231, 349, 

745, 758. 



' Hippothales 653, 772. 

Hippothoos 807. 

Hirschberg, H. 1024. 

Hirschfeld, Georg 977. 

— , Magnus 4, 25, 29, 32, 
47, 61, 169, 186, 226, 
235, 269, 299, 302, 310, 
325, 333, 334, 346, 364, 
371, 377, 402, 416, 421, 
423, 426, 435, 478, 479, 
480, 481, 490, 497, 529, 
543, 582, 625, 706, 753, 
805, 811, 886, 909,974, 
1025. 

Hobart 664. 

Hobein, H. 749. 

Hoche 46, 331, 469,478. 

Hochs tetter, yophie 165, 
661, 1014, 1024. 

Hock 764. 

Hoeitsong 612. 

Hoensbroech, von 24. 

Hofer 958. 

Hoffel 469. 

Hoffmann 940. 

Hofmann, A. W. 963. 

Hotmannsthal, H. v. 
1019, 1024. 

Holbein, Hans 671. 

Hoick 660. 

Holder, A. B. 555. 

Holm 625. 

Hohnar 948, 949. 

Holstein, f'ranz von 511, 
665. 

Holtei, Karl von 658. 

Holtzendorff. I^'ranz von 
960. 

Holtzmann 602, 743, 814. 

Homer 747, 770, 776. 

Hommel, Fritz 740. 

Horaz 4, 204, 444, 65:^, 
748, 795. 

Horn, Paul 597. 

— , W. von 962. 

Horus 738. 

HoBli, Heinrich 8, 59, 
350, 416, 540, 563, 661, 
664, 897, 949, 950, 951, 
958, 959, 964. 

Hoti 612. 

Housselle, C. 962. 
I Hou-tschou 613. 

Howard, Catharina 0, 
665. 

Howolls, W. D. 132. 

Hsiian-Tsung 614. 

Huenti 612. 

Humboldt, Alexander v. 
495, 500, 659, 666, 681. 



Digitized by VjOOQIC 



1034 



Namenregister. 



Hupe 608. 

Hustler, Everard 155. 
Hutten, Karl von 506. 
Huysman, Joris Karl 

1020. 
Hyan, Hans 423. 
Hylas 754, 786. 
Hymenaios 653. 
Hyperanthes 807. 
Hypnos 653. 

I. 

Ibykus 653, 749, 957. 

Iceius 798. 

Ida 602. 

If fland, August 512, 637, 
665, 681. 

Ihlfeld, Karl 389. 

Imola, Benyenuto da 
834. 

Ingegnieros 580. 

Ion 752. 

Irenaeus-Prime Steven- 
son, £i. 47. 

Isabella 160, 669. 

Isai 743. 

Isebel 743. 

Isenbiel 630, 984. 

Isis 641, 738. 

Ismenodora 805. 

Isokrates 765, 766, 779. 

rtsong 612. 

Ives, George 1020. 

Iwaya, Sujewo'21, 611, 
620, 622, 1014. 



Jachmann 981. 

Jacobi, Joh. Georg 602, 

663. 
Jacobs, Jul. 607, 652. 
Jacdbsen 1019. 
Jaffe 606. 
Jager, A. 583. 
— , Gustav 36, 147, 268, 

275, 336, 366, 376, 473, 

903, 1014. 
Jahve, 742, 813, 814. 
Jakoby 947. 
Jakubowski 170. 
James 1. 477, 659, 665. 
fanitschek, Maria 1024. 
Jao 612. 

Jarcke, C. E. 831. 
Jarric, Petrus 560. 
Jarves 1. 609. 
Jason 743. 
Jentsch, K 971, 972. 



Jeremia 813. 
Jeremias, Alfr. 740. 
Jeschke 981. 
Jesus 507. 
Joachim, Joseph 66. 
Jochelson 623, 624. 
Jodelle, Etienne 665. 
Johann Friedrich der 
GroBmiitige 665. 

— Wilhelm 666. 

— XIl. 666. 
Johnston, John 132. 
Jolaos 751. 

Jolly 980. 

Jonathan 743. 

Jopnon 656. 

Jordan, s. Katte 275, 
361. 

Josaphat 742. 

Joset II. 835, 942. 

Josephus 743, 805, 815. 

Josia 742, 813. 

Jousse 833. 

Joux, de 8, 30, 40, 84, 
133, 299, 375, 413, 428, 
473, 474, 500, 531, 614, 
658, 666, 668, 671, 677, 

Jovius, Paulus 666. 

Julia 36, 184. 

Julian Apostata 650. 

Julius II. 665. 

— III. 666. 

luliusburger 378, 990. 

Jungingen, Ulrich von 
647, 665. 

Jiingken 962. 

Juno 36. 

Jupiter 36. 

Justinian 629, 794^ 816, 
824, 829, 830. 

Justinus 783. 

Juvenal 19, 138, 148, 
156, 277, 791,798,802. 

K. 

Kaan, Heinrich 78. 
Kagemmi 738. 
Kahl, \V. 989. 
Kahlenberg, H. v. 193. 
Kalais 654. 
Kallenberg, Fr. 155. 
Kallias 761, 762. 
Kallfdamates 793. 
Kallifcratides 806, 807. 
Kallimachos 653, 786. 
Kamoscfi 814. 
Kamtz, L. F. 952. 
Kant 409, 649. 
Kaphengst 664. 



Kaphisodoros 652. 
Kardorft 984. 
Karewski, F. 970. 
Karl I. von Wiirttem- 
berg 665. 
- ii. 670. 

— 11. von Parma 665. 

— III. von Parma 665. 

— V. 660, 822, 831. 

— X. 374. 

— XII. 636, 666. 

— XV. 666. 

— der GroBe 661, 816, 
830. 

— Philipp 665. 

— von Wiirttemberg 535. 
Karoline Mathilde von 

England 660, 661. 

Karsch 16, 17, 31, 34, 
35, 69, 60, 129, 181, 
364, 623, 526, 528, 529, 
530, 559, 609, 611, 614, 
617, 618, 619, 621, 622, 
629, 669, 661, 664, 668, 
671, 950, 951, 1013, 
1019. 

Karst, Alexander 840. 

Karystios 650, 652. 

Kastor 806. 

Katbarina II. 666, 739. 

Kathi 98. 

Katte, Max 366, 388, 
390, 663, 1014. 

Kautmann, M. 796. 

Kaulbach 977. 

Kautsky, Karl 977. 

Kautzsch, E. 813. 

Kehrmann 879, 882. 

Keller-Soden, E. v. 61?,. 

Kelm, Georg 1024. 

Kephisodoros 770. 

Kepler 669. 

Kereval, P. 601. 

Kern, H. 73. 

Kertbeny 4, 268, 46G, 
468, 692, 658, 660, 664, 
665, 667, 668, 670, 673. 

Kerville, H. G. de 630. 

Kevserlingk 663. 

Kia-king 612. 

Kiefer 7, 759, 760, 772, 
778, 801, 802, 1013. 

Ki?rke^aa:d, Soren 649. 
666. 

Kiernan 351. 

Kiess, Jakob 832. 

Kinaithon 748. 

Kind, Alf. 28, 35, 289, 
300, 1013. 

Kipling. Kudvard 1U2U- 



Digitized by VjOOQIC 



Namenregister. 



1035 



Kirciihoft 660. 
Kisch 311. 
Kitir, Joset 102H. 
Kleagoras 770. 
Kleinfelder 977. 
Kleinias 761. 
Kleirias 651. 
Kleist 665. 
Kleobuloi 651, 719. 
Kieomachos 750. 
Kleomenes 653. 
Kleopatra 783. 
Klopper 891. 
Knapp *263. 
Kock, Tiieod. 771. 
Kocks 1009. 
Koerber 940. 
Kohler, Joset 637, 833, 
987. 

Kohlrausch 818. 

Komer, v. 965. 

Kong-tu-tse 614. 

Kono 767. 

Konstans 829. 

Konstantin 737, 804, 
816, 828, 829. 

Konstantiiios Kephalos 
785. 

Kopp, Heinr. 12, 876, 
892, 1002. 

Korte 663. 

Kolimann 413. 

Kotscher 354, 1010. 

Kracheninnikow 626. 

Krafft-Ebing, R. v. 5, 
6, 15, 28, 29, 30, 31, 
32, 35, 36, 73, 74, 79, 
»2, 95, 99, 112, 120, 
128, 130, 137, 140, 141, 
151, 156, 163, 176, 194, 
195, 197, 209, 212, 213, 
214, 222, 266, 268, 272, 
273, 295, 298, 320, 325, 
332, 334, 337, 352, 359, 
380, 385, 397, 398, 399^ 
400, 401, 402, 417, 418, 
423, 427, 428, 438, 440, 
469, 470, 543, 546, 671, 
701, 710, 942, 957,967, 
968, 969, 970, 972, 979, 
1013, 1020. 

Kragujevics 61, 596. 
Krantor 779. 
Krapelin 469. 
Krateros 784. 
Krates 779. 
Kratinos 138. 
Kraus, Karl 546, 611, 
1003. 



KrauB, Fr. 289, 620, 

666, 1013. 
Krehl, L. 376. 
V. Kremer 21. 
Kreutz 143. 
Krinagoras 805. 
Kritias 653, 756, 760, 

762. 773. 
Kritobulos 18, 760, 761. 
Kriton 770. 
Krolle, F. H. 1010. 
Kropotkin 591. 
Kruigt, 1. A. 607. 
Krupp 447, 1006. 
Kruse 984. 
Kruyt, A. C. 730. 
Ktesias 740. 
Knan-vi 614. 
Kuehn 746, 758, 759. 
Kulke, Eduard 666, 

1013. 
Kunst 512, 666. 
Kupffer, Elisar v. 24, 

185, 365, 442, 659, 660, 

663, 667, 671, 673, 748, 

807, 1013, 1023, 1024. 
Kurella, Hans 6, 104. 

334, 372, 760, 840, 971, 

972. 
Kurnig 369. 
KiirscSner 665. 
Kusmin, Michail 1023. 
Kiister, Konrad 1013. 
Kutusoft 666. 
Kybele 19, 744. 
Kvros 651, 656, 749, 

750, 762, 820. 



Laband 977. 
Labat 560. 
Lacassage 971. 
Lachel 882. 
La^fir, H. 72. 
Laertios 788. 
Lahontan, de 551. 
Laios 652, 748, 764. 
Lamballe 668. 
Lambrecht 673. 
Lammert 833. 
Lamorici^re, de 6C0, 666. 
Lampridius 147, 653, 

705, 706, 802, 803, 804. 
i.and, Hans 659, 1021. 
Landa, Diego de 587. 
I.ane 25. 
Lang, Karl Heinrich *v. 

506. 
— , Philipp 669. 
— , Wilhelm 104. 



i^ange, Helene 1011. 
Langenbeck, v. 481,961, 

962, 976. 
Langteldt 625. 
Langley 188. 
Lanz-Liebenfels 812. 
Laotse 639. 
Larochefoucauld, v. 666, 

677. 
Laronia 791. 
Lassalle, Ferdinand von 

522, 670, 983. 
Latamendi, de 376. 
Lati, Pierre 1020. 
Latini, Brunette 637, 638. 

666. 
i^aufer 617. 
Laupt, M. 28, 672. 
Laupts, G. 523. 561, 562, 

971, 1016. 
Laurent 339. 
Lea 167. 
Leaena 136. 
Leclercq, Theodore 666. 
Leexow, K. Frz. v. 231, 

517, 518, 647, 998. 
Letroy, Edward 666, 

1020. 
Lehien, H. 332. 
Leiimann 888. 
Lefinert, O. 962. 
Leighton, i^'rancis 667. 
Leistikow 977. 
Lenau 269. 
Lenzuolo, Rodrigo,* s. 

Alexander VI. 
Leo X. 666. 
Leocfiares 779. 
Leominier 667. 
Leon, Pedr. de Cieca 588. 
Leonhardt 3, 11, 961, 

962, 1014. 
Leonidas 805. 
Leonardo da Vinci 508, 

666. 
Leonora 578. 
Lepage, Francis 47, 1023. 
Lepidus Mnester 796. 
Leppmann, A. 887, 940, 

1009. 
Lepscb. 833. 
Lepsius, Ricb. 739. 
Lessing 201, 219, 672, 

946, 948. 
Leubuscher 980. 
Leukaspis 651. 
Levetzow, Karl v. 117, 

118, 133, 141, 668, 982. 

1013, 1023. 



Digitized by VjOOQIC 



1036 



Namenregister. 



Leyden 64. 

Lewes, G. H. 662. 

Libanios 650. 

Libermann, H. 726. 

Lichas 66. 

Licht, H. 747, 751, 

752, 754, 771, 806. 
Lichteastein, Ulrich v. 

630. 
Liebermann 977. 
Liebig 669. 
Liepmann 818. 
Liguori 24. 
Ligurinus 204. 
Likymnios 653. 
Liliencron, Det'ev von 

977. 
Lilienthal, von 818. 989. 
Liman 126, 960, 972. 
Lindau 705. 
Ling-Roth, H. 608. 
Lino-Ferriani, C. 47. 
Liselotte 95, 563. 
Lisianski, Urey 625. 
Liszkay, Stefan 889. 
Liszt, Franz V. 133, 230, 

838, 841, 977, 979, 989, 

1010. 
Litaipo 746. 
Li-Tai-Pu 614. 
Littr6 891. 
Livingstone 707. 
Livius 652, 741, 789, 

791. 
Lode 377. 
Loewenteld, L. 267, 339, 

340, 342, 379, 894, 985. 
Lohmann, W. 372. 
Loki 38. 
Lola 578. 
Jiombroso, Cesare 104, 

370, 384, 500, 576, 602, 

603, 971. 
Lompada 602, 603. 
Longos 807. 
Lorrain, Jcau 667. 
Lot 25, 598, 742. 
Lonise Ulrike 537. 
Louys, Fi'erre 1023. 
Lucius Antonius 793. 

— Sestius 795. 
LucuIXus 792. 
Liiders, H. 602. 
Ludwig IL 181, 407, 667, 

958. 

— XL 667. 

— XIIL 22, 667, 669. 

— XrV. 22, 27, 95, 563, 
668, 670, 1014. 

— XVXIL 667. 



Ludwig, Alfred 601. 

— der f romme 816. 

— von Orleans 672. 
Luise 637. 

Lukian 40, 129, 137, 148, 
653, 744, 756, 806, 807. 

Lusius, C. 790. 

Luther 18, 812. 

Luynes, de 667. 

Luzzato 742. 

Lycidas 795. 

Lydia 204. 

Lydston 388. 

Lykidas 651. 

Lykinos 807. 

Lykurgos 653, 752, 776. 

Lykus 651, 748. 

Lys,, Annine de 70, 1023. 

Lysander 788. 

Lysias 765, 766, 773, 
774, 779. 

Lysis 653, 767. 

M. 

Ma 744. 

Macdonald, 8ir H. 667. 
Machiavelli, Niccolo 667. 
Mack, William 860. 
Mackay, Henry 977. 
Madame 563. 
McMurtrie, Douglas C. 

553. 
Maecenas 653. 
Mageiros 770. 
Magnau, v. 27, 110, 317, 

338, 351, 38 J, 3dl, 383, 

384. 
Mahly 786. 
Maier, Hans 990. 
Maillard, Jean 667. 
Maimbourg 665. 
Maimo 805. 
Maintenon, de 668. 
Maitr§ya 603. 
Maltzahn, von 598. 
Malzan, von 953. 
Mann, Thomas 71, 1020. 
Mantegazza 127, 331, 

366, 367, 409, 412, 576. 
Manu 602, 605. 
Manuel 1. 667. 
Mara 664. 

Marathus 656, 795, 796. 
Marcelle 564. 
Marck, William 840. 
Marcus Antonius 793. 
Marcuse, Max 47, 332, 

335. 
Maxell 506. 



Mai^herita 965. 
Maria Adelaide von b'a- 
voyen 668. 

— Karolina 668. 

— Theresia 668, 832. 
Marie Antoinette 668. 
Marique, L. 939. 
Marius 790. 
Marlowe, Chris toplier 

668. 
Maron, Herm. 621. 
Marquette, J. 554. 
Mars 368. 

Martens 819, 1019. 
Martial 18, 22, 25, 30, 

33, 34, 36, 78, 134, 

138, 15L, 263, 272, 349, 

653, 705, 800, 802. 
Martin, E. 963. 
Martineau 78, 127. 
Marx, H. 129. 222, 271, 

350. 
Matignon, J. J. 611,615. 
Mattonet 882, 883, 889. 
Matzler, Anton 833. 
Maupassant, de 434, 435, 

1023. 
Maupm, de 9, 153, 668. 
Maximilian 661. 
— , Fn'nz von Wiirttem- 

berg 666. 
Maximus Tyrius 749. 
Mayne, Xavier 11, 1020. 
Mazarin, Jules 668. 
Medici, Cosimo di 668. 
— , Giovanni di 666. 
~, Lorenzo di 67, 666. 
Meerscheid t- HtLIXessem, 

Leopold von 36, 1000, 

1001, 1002. 
Megabathes 650, 757. 
Megilla 136. 
Megistes 651. 
Meier, M. H. E. 759, 

764, 777, 787, 952, 954. 
Memers, Christoph 944. 
MeiBner 102, 151, 333, 

375, 389, 443, 660, 665, 

670, 1009. 
Melarippos 652. 
Meleagros 74, 653, 785. 
Melzi 666. 
Memse, C. 608. 
Menander 176. 
Mendel, Kurt 131, 346. 
Mend^s, Oatulle 1023. 
Mendieta, G. de 586. 
Menexenos 772. 
Mengden, Juliana vou 

658. 



Digitized by VjOOQIC 



Namenregister. 



1037 



Menon 653, 766. 

Mentscfaikoft 669. 

Mercadante 133. 

Mereschkcwski 1019. 

Meribaal 743. 

M^rim6e 230. 

Merkur 368. 

Meron 651. 

Merzbacfi 364, 468, 477, 
504, 614, 521, 1013. 

Messalina 797. 

M^t^nier, Oscar 562, 585. 

Meunier 66. 

Meyer, Bruno 35, 64, 70, 
891, 987, 990. 

— , Eduard (:'30, 739, 744, 
745, 747, 748. 

Meynert 345. 

Micfaaelis, Herm. 21, 5(>3, 
661, 669, 670, 771, 814, 
819, 826, 829, 101?. 

Michelangelo 66, 69, 
103, 104, 151, 181, 230, 
267, 385, 425, 436, 508, 
597, 637, 665, 668, 
1015. 

Michel, Louise 117, 133, 
141, 150, 177, 409, 668. 
1013. 

Milanesi, G. 104. 

Milesios 770. 

Milkom 814. 

Mimbu-kyo 619. 

Mimnermos 748. 

Min 622. 

Minckwitz, J. von 754. 

Ming-Hcang 614. 

Minos 654. 

Mirabeau 22, 664. 

Mirbeau, Octave 193, 
868, 1019. 

MischLch 560. 

Mithras 641. 

Mitsunas', Ishida 619. 

Mittermaier 818, 822, 
841, 8r2, 968, 1;77, 987, 
1005. 

Mnesitheos 770. 

Mobius 110, 339, 346, 
364, 378, ^80, 381, 383, 
384, 385, 509. 

Moldau 1024. 

Molidre 374, 658. 

Moll, A. 6, 6, 27, 35, 
46, 99, 129, 154, 163, 
280, 287, 288, 296, 301, 
321, 333, 3^34, 338, 384, 
405, 412, 414, 427, 429, 
433, 434, 435, 470,471, 
474, 529, 530, 598, C06, 



640, 658, 663, 668, 6f 9, 

670, 671, 694, 703, 727, 

970, 974, 990, 101 :^. 
Molon 770. 
Mommsen 791, 819. 
Monaco, Graf in vonC64. 
Mondo 620. 
Monfort, Charles 47. 
Mongr6, Paul 408. 
Montesinos, Fern, de 

588. 
Montesquieu 349. 
Montmorency, von 668. 
Moore, Thomas 660. 
Moraglia 34. 
Morel 381, 1023. 
Morga, Ant. de 610. 
Morike 1013. 
Morny, de 710. 
Moschos 785. 
McsentLaf, {Salomon C68. 
Moses 813, 815. 
Mozart 436. 
Muell, Adolf J^redrik 

663. 
Mugdan 984. 
Miihler, Htinr.ch vuii 

961, 962. 
Mu-lan 614. 
Miiller 667, 783, 789. 
— , F. C. 707. 
— , Johannes von 337. 

347, 662, 6G8, 672, 945. 
— , Josef 526. 
— , L. R. 188. 
— , Max 739, 981. 
Mundy, R. 608. 
Muretus, Marc Antoine 

9, 668. 
Musil, Robert 1019. 
Musset, Alfred de 2;;0, 

1023. 
Myiskos 653. 
My rs ill OS 748. 



Nabarzanes 784. 

Nabokcff 841. 

Nacke 72, 73, 74, 120, 
269, 298, 364, 366, 370. 
379, 383, 389, 443, 468, 
470, 486, 491, 500, 606, 
507, 523, 524, 561, 576, 
595, 636, 682, 695, 705, 
1013. 

Namur, Blanche de 667. 

Nam. en, Frithjrf (25. 



Nanno 759. 

Napoleon I. 20, 159, 254, 

563, 651, 658, 660, 

836, 942. 
Nasse 191. 
NaudS-us 104. 
Naukleides 788. 
Navarre te 614. 
Nebukadnezar 813. 
Nepos 651, 652, 654,741, 

783 
Nero 203, 291, 654, 657, 

705, 796, 797, 798, 800, 

808. 
Ncr.a, M. Cocceius C54, 

800, 801. 
Nesselmann 597. 
Nestle, Wiih. 757. 
Nestroy 681. 
Neter, E'rnst 343, 374. 
Neugebaucr, JB'ranz von 

358, 364, 389, 1013. 
Neuhoff, Theodor von 

668. 
Neuviilc-Lemercitr 1(.2:^ 
Nezahualcojatl 58"^. 
Nieberding 974. 
Nietzsche, JBr. 122, 185, 

311, 398, 421. 
Nigrinus 802. 
Nikagoras 785. 
Nikias 761, 786. 
Nikolaus 1. 220. 
Nikomachos 780. 
Nikomedes 654. 
Nikostratos 756. 
Nilson 133. 
Ninon 310. 
Nobunaga, Oda 618. 
Norbert 663. 
Nordau 381. 
Nordberg, J. A. 666. 
Notthafft, V. 99, 16?, 413, 

525, 658, 660, 974, 990. 
Numa Numantius 4, 9i:5, 

956, 1013. 



O. 

Odysseus 753. 
Oefele, von 738. 
Oettingen 506. 
Oidipus 748. 
Oktavia 797. 
0-Kuni 620. 
Okura 620. 
Olai, Erichs 535. 
Oldenburg, Mimar von 
668. 



Digitized by VjOOQIC 



1038 



Namenregister. 



(31ivier 663. 
Olympias 783. 
Orest 786, 797. 
Origenes 820. 
Orpheus 322, 654, 944. 
Ortloff 977. 
Osiris 738, 739. 
Oskar 967. 
Osterlen 486. 
Ostwald, Hans 29, 137, 

151, 501, 727, 733. 
— , Wilhelm 355. 
Otho 654. 
Ottilie 205. 
Otto 1. 665. 
Ovid 603, 654, 796,944. 
Oviedo y Valdes, Gonz. 

f'ernand. de 587. 
Oxenstierua 10 1. 



P. 

Paganini 510. 
Pagel, Julius 1010. 
Packet, Henry Cvril 669. 
Palaiphatos 778*. 
Palinurus 793. 
Pallas Athene 763. 
Pan 786. 
Panizza, Oscar 689, 694, 

1021. 
Pannwitz, von 894, 981. 
Panormita, Antonius 3(k 

289. 
Pantaleon 770. 
Panteus 653. 
Pappritz, Anna 1011. 
Paradeda 167, 707. 
Parent-Ducfiat-fet 12"/ , 

824. 
Parlagreco, F. 104. 
Parmenides 349, 654. 

757, 774. 
Parmenio 784. 
Parthenios 807. 
Parvati 602. 
Pascalin 833. 
Pater, Walter 666, 669, 

673. 
Patroklos 747, 750, 770, 

786. 
Paul IL 669. 
— Xir. 662. 
Paullus 791. 
Paulus 6. 314, 507, 794, 

795, 822, 983. 
Pauly-Wissowa 741. 
Paulv. Auerust 40. 



Pausanias 7. 29, 654, 

655, 754. 774, 775, 776. 

782, 783, 788, 805, 817. 
Pau-schu 614. 
Pavia, J. L. 26, 47, 546. 

548, 646, 660, 662, 667, 

672, 679, 682, 688, 

1014. 
Peerz, C. v. 903. 
Peirithoos 786. 
Peislstratos 781. 
Peladan, Josepliin 677. 
Pelopidas 751. 
Pelops 655, 748, 750. 
Penelope 35. 
Penta, Pasquale 370, 576, 

971. 
Pepa, la 578. 
Perelaer, M. 1*. H. 608. 
Periander 782. • 
Perikleides 770. 
Perikles 655, 753, 761, 

947. 
Periktione 773. 
Pernauhm 1020. 
P^rsichetti. Niece lo 110, 

965, 966, 967. 
Persicus 802. 
Persius 138. 
Perzynski 47. 
Pesc«nnius 789. 
Peter III. 666. 
~ der GroBe 590, 669. 
Peters, E. -633. 
Petric, Flinders 738. 
Petronius 19, 30, 148, 

155, 620, 654, 705, 799. 
Petrucchio 160. 
Petsch 833. 
Pfennig. Richard 198. 
Pfister, Oskar 419, 673. 
Pfliiger 188. 
Phaiedon 759, 808. 
Phaedromus 793. 
Phadrus 19, 349, 674, 

765, 773, 771. 775.776. 

778, 960. 
Plia^^tusa 759. 
Phaidron 805. 
Phainarete 759. 
Plianokles 654. 
Pheidias 655. 770. 
Pherander 717. 
Phila^nis 22, 152. 
Philipp von Orleans 95, 

563, 664, 669. 
Philippos 655. 782, 783, 

784, 805, 817. 
Philipps 422, 481, 665. 
Philippus Arabs 804. 



I Philochoros 741. 
I Philokles 787. 

Philolaos 323, 757. 

Philon 815. 

Philos 23. 

Philostratos 655, 80o. 

Phintias 614, 652, 788. 

Phlegon 806. 

Photios 755. 

Phrynichos 752. 

Pic, Pierre 661, 669. 

Ficcolomini, Max 947. 

Pick, L. 1025. 

Piedrahita, L. T'ern. 588. 

Pierstorff 977. 

Pietschmann, Kich. 741. 

Pindar 653, 655, 657, 
749, 750. 

Pineda y Bascunan, Nu- 
nez de 589. 

Pinto, Mendez 618. 

Pisanus. Fraxi 562, 658, 
661, 6 3. 665,667,670. 

Pius VI. 669. 

Platen-Hallermund, A. 
Graf von 63, 70, 186, 
442, 447, 571, 669, 904, 
1013. 

Plater 127. 

Plato 7, 12, 17, 25, 29, 
104, 159, 177, 322, 349, 
368, 419, 421, 442,443, 
595, 619, 627, 638, 654, 
655, 657, 660, 674, 677. 
749, 753, 755, 756, 759, 
760, 765, 770, 772, 773, 
774, 777, 778, 779, 787, 
817, 946, 950, 951, 
1013. 

Piatt, Isaac Hull 132. 

Plautus 793. 

Plinius 784. , 

PloB-Bartels 559. 

Plutarch 650, 651, 652, 
653, 656, 748, 749, 750, 
751, 753, 756, 761, 784. 
789, 790, 792, 805, 806. 
820, 947. 

Poggio, Febo di 103. 

Polemagenes 770. 

Polemon 778, 779. 

Polignac 668. 

Poliziano 669. 

Pollard, A. J*. 665. 

Polv blades 788. 

Polybios 30, 790. 

Polyhymnia 10. 

Polyklet 66. 

Polykrates 651, 65.5, 749. 

Polyphemos 753. 



Digitized by VjOOQIC 



Namenregister. 



1039 



Pompejus 36. 

Pontoppidan, Knud 534. 

Pope 664. 

Poppaea, Sabina 797, 
798. 

Poppig 589. 

Portia 36. 

Posa 947. 

Poseidon 655, 750. 

Postumus 803. 

Pougv, Liane de 69, 70, 
J023. 

Pouillet 36. 

Powell 554. 

Prado, Alvey de 589. 

Praetorius, Numa 10, 
38, 61, 70, 74, 75, 103, 
104, 180, 181, 185, 200, 
218, 364, 366, 369, 370, 
389, 425, 468, 471, 472, 
476, 478, 479, 533, 534, 
543, 561, 569, 570, 571, 
598, 601, 627, 660,667, 
668, 672, 682, 694, 695, 
731, 763, 791, 793, 819, 
829, 833, 836, 838,841, 
928, 1007, 1013, 1014, 
1021. 

Prantl, K. 773. 

Praslin-Choiseul, von 
97. 

Praxiteles 66. 

Preston 549. 

PreiiC 21. 

Pr6vost, Marcel 556. 

Priapus 19, 786, 795. 

Prinz Heinrich 948. 

Priuli, Gir. 665. 

Prokopios 824. 

Prometheus 349, 960. 

Propertius 655, 824. 

Prudhomme 669. 

Priitz, H. 661. 

Pseudo-Phokvlides 743. 

Ptah 738. 

Ptahotep 738. 

Ptolemaios III. 785. 

— Philadelphos 785, 78 B. 

Piickler 984. 

Pudor, Heinrich 198, 
199. 

Pugnator 68. 

Puller, Richard von 
Hohenburg 833. 

Pvlades 786. 
Pythagoras 705, 798. 
Pvtheas 759. 
Pythia 652. 
Pvthokles 765, 779. 



Q. 

Quetzalcotl 586. 
Quinctilianus 790, 791, 

795. 
Quires, C. Bernaldo d*^ 

579. 



R. 

Rabe 357. 

Rachilde 1019. 

Radier, Dreux de 668. 

Raesfeld, I. v. 634. 

Raffael 104, 670, 947. 

Raffalovich, Marc Andre 
10, 11, 163, 194. 274, 
379, 418, 419, 510,513, 
670, 672, 971, 972. 

Ramdohr, Frhr. von 944. 

Ramien 351. 

Ramiro 947. 

Ramses II. 744. 

— III. 738. 

Ranke, Leopold v. 104, 
159, 181, 665. 

— H. 737. 
Ras, du 668. 
Rasmussen, Knud 625. 
Rau, Hans 663. 
Raucourt, Marie Antoi- 
nette 669. 

Read, Mary 284. 
Reaux, Tallemant des 

667. 
Rebell, H. 1021. 
Rebierre, Paul 194, 518. 
R^gnier, de 1021, 1023. 
Regout 533. 
Rehabeam 742. 
Rehnskold 666. 
Reichmann, Theodor 

637, 670. 
Reid, Forrest 193, 1020. 
Reinhold, Josef 878, 890. 
Reiske, I. J. 650. 
Reitzenstein, Hans 

Joachim von 47, 129. 
Remus 35. 
Remy 61. 
Renard 61. 
Renon 622. 

Repkow, Eyke von 831. 
Reventlow, Grafin von 

1024. 
Rhea 744. 
Rhianos 655, 787. 
Rhode 381. 
lUiodes. Cecil 670. 



Rhyn, Otto Henne ten 
963. 

Ribas. A. Perez de 586. 

Ribbeck 793, 795, 799. 

Ricarda, la 578. 

Riccio 103. 

Rieger 425. 

Ries, Karl 469. 

Rilke, Rainer Maria 977. 

Rimbaud, Jean- Arthur 
670, 671, 1021. 

Rishvasringa 602, 603. 

Ritschel 980. 

Ritter 887. 

Rivers, W. C. 672. 

Robert von der Norman- 
die 670, 

Roca, Sinchi 588. 

Roch, Sebastian 193. 

Rochas, V. de 610. 

Roche-Aymon, de la 664. 

Rochefort 177. 

Rochester, John Wilmot 
670. 

Rodenberg, Elisabeth 
1024. 

Rodes, Jean 47. 

Rodin 66. 

Roh6, George H. 63. 

Rohleder, H. 23, 33, 34, 
46, 127, 179, 235, 265, 
266, 269, 280, 287, 290, 
292, 293, 311, 332,333, 
364, 379, 380, 397, 402, 
405, 413, 426, 428, 436, 
496. 

Romano, Giulio 670. 

Romeo 159, 184. 

Romer, v. 10, 141, 280, 
281, 284, 285, 320, 389. 
390, 391, 392, 421, 474, 
485, 491, 532, 533, 625, 
642, 664, 668, 669, 703, 
902, 1013. 

Romulo 444. 

Roscher 741. 

Rose 888. 

Rosegger 137. 

Rosina-Patti 133. 

Rossini 133. 

Roth, H. 707. 

— , Ling 730. 

— , Walter 206. 

Rothstein 655. 

Rousseau, J. J. 46, 334. 

Roux 560. 

Rovera, Giulio della 665. 

Rudelsberger 617. 

Rudin, E. 393. 

Rudolf XL 669. 



Digitized by VjOOQIC 



1040 



Namenregister. 



Rufio 792. 

Ruling, Anna 497, 500, 

501, 1014. 
Runtze 481. 
Rutgers 332. 
Rydberg, Viktor 536, 

1023. 
Ryner, Hans 47, 1023. 

S. 
Sacher-Masoch 25, 1019. 
Sade, Marquis de 25, 

219, 660, 677. 
Sadger 163, 164, 327, 

342, 343, 344, 345, 374, 

399, 430, 431, 433, 

1013. 
Sadl 323, 597, 670. 
Sadler 486. 
Sagitta 1022. 
Sahagun, de 586. 
Saikwaku, Ihara 620. 
Saint Beuve 658. 
Salinger 340. 
Salisbury 66. 
Salmasius 104. 
Salomo 744. 
Salpius, V. 662. 
Salvius Julianus 802. 
— , Otho M. 798. 
Salzmann 46. 
Sambaules 820. 
Sammuramat 740. 
Sanchez, Carmen 584. 
Sand, George 230, 1023. 
Sandon 744. 
Sandrock 232. 
Sangoro, Hirata 620. 
Sanson, H. 660. 
Santa 602, 603. 
Sanzaburo, Nagoya G22. 
Sappho 22, 25, 70, 3L'5, 

509, 765, 952. 
Sardanapal 740. 
Sarmiento 219. 
Sarrazin, Gabriel 551. 
Satyros 788. 
Sauer, Willy 998, 1020. 
Saul 743. 
Sca(n)tinius Cap'to inus 

789. 
Schack, Fricdiich Graf 

von 658, 670. 
Schafer 345. 
Schall 314, 978, 983. 
Schamasch 740. 
Scharffenstein 947. 
Scheffler, Ludwig von 

29, 103, 104, 668. 669, 

804, 1013. 



Scheibe 29, 345. 
Scheleehow 625. 
Scherbait, Paul lOlP. 
Scherer 632. 
Scherr, J. 958. 
Scheube, B. 623, 625. 
Scheven, Katlaiira 

1011. 
Schidlof 647. 
Schiemann, W. 220. 
Schiller 186, 310, 652, 

663, 788, 935, 947, 948. 
Schimmelbusch-Hoch- 

dafal 332. 
Schirmacher, Kathe2r2 

330, roi. 

Schlaf, Joh. 180, 672, 

1021. 
Schlegel, August Wil- 

helm 230, 670. 
— , G. 614. 
Schmidt, Richard 601, 

604, 605, tJ06. 
Schmidtbonn, Wilhelm 

1020. 
Schneidemiihi 157. 
Schneidenberger 169. 
Schneider, Herm. 738, 

740. 
Schomberg, I'r. Armand 

von 670. 
Schonkopf 210. 
Schopenhauer 180, 218, 

219, 276, 322, 324, 367, 

369, 495, 954. 
Schorer, J. A. 389, 532. 
Schoutm 35, 623, 825. 
Schrader 795. 
Schrenck-Nctzing, A. v. 

5, HI, 189, 316, 332, 

337, 397, 398, 399, 402, 

413, 414, 428, 430, 433, 

970. 
"JchuItheB-Rcchberg, vcn 

507. 
Schultze, O. 979. 
SchuXz, O. Th. 802, 916. 
Schuize, R. 104. 
Schulze-Malkowski 743. 
Schumann, Clara 230. 
— , Robert 511. 
Schun 612. 
Schunti 612. 
Schiirmann, Anna Mavia 

159. 
Schwarzenoerg, Johann 

von 831. 
Schweitzer, J. B. v. 522, 

670, 983, 1013. 
Scipio .Afr'canu? 7rO. 



Sealsfield, Charles 4. 
Sebastian! 97. 
Sebeknefrure 739. 
Seemann, B. €09. 
Segalla 191. 
Seilenos 753. 
Selwyn, George 670, 672. 
Semirajnis 740. 
S3mons, Richard 375, 

376. 
Seneca, L. Annaeus 139. 

797. 
Senf, Max Rudolf ym. 
Senthes 766. 
Sequerius 560. 
S^ranne 153. 
Serlachius, Al?an 538. 
Sero, Os. 672, 1021. 
Servaes 6. 
Servus Sulpicius Galba 

798. 
Set 738. 
Sextus Empiricus 787, 

805. 

— Pompeius 793. 

— Propertius 796. 
Sforza, Ludovico 669. 
Shakespeare, Will 'am 9, 

71, 267, 597, 657, 6^9, 

681, 1016.. 
Sherard, Robert H. 112. 

1021. 
Shikibu, Murasaki C21. 
Shonagon, Sei 621. 
Simac 662. 
Simalos 661. 
Jimonides 663. 
Sixtus IV. 666, 670, 9ro. 
Skrzezka, C. 963. 
Smerdis 651, 749. 
Smikrines 656. 
Sodates 25. 
Sokrates 7, 18, 25. 205, 

294, 322, 323, 419, 522, 

695, 651, 655, 667, 757. 

769, 760, 761, 762, 765, 
766, 772, 773, 774, 775, 
776, 778, 788, 805, FOS, 
952, 1013. 

Soleime 670. 

Solon 349, 666, 748, 7G7, 

770, 776, 781. 
Somerset 665. 
Sommer, Paul f42. 

— , Robert 11, 277, lOOy. 
Sommerville 610. 
Sophie 407. 

— , Prinzessin von Alen- 
gon 667. 



Digitized by VjOOQIC 



Kamenreglster. 



1041 



Sophokles 656, 657, T52, 

753. 
Sophron 786. 
Sophroniskos 759. 
Sosius 743. 

Sparre, Ebba 103, 661. 
Spartianus 175, 652. 657, 

802. 
Spectator 576. 
Sper, A. 571. 
Sperling 660. 
Spithridates 757. 
Spitzeder, Adele 160. 
Spnrus 290, 651, 705, 

797, 798, 799. 808. 
Springer, Anton 104. 
Stabel 140. 
Stade 743, 813. 
Stadion, Emmerich Graf 

von 670, 671. 
Stadler, Ernst 1024. 
Stael, de 230. 
Stahel, Rudolf 507. 
Stahr, Adolf 796. 
Stark 6. 
Starling 377. 
Stead, W. F. 1021. 
Stegemann, Maria 133. 
Stein, Grat von 671. 
Steinach 377, 416. 
Steinbacher, J. 221. 
Steiner, Bernhard 1024. 
SteingieBer, J'erd. 998. 
Stekel 433. 
Stenbock 666. 
Stephanus 1014. 
Stern, Bernhard 598, 

658, 666. 
— , Daniel 230. 
Sterz 6. 
Stesichoros 656, 749. 

751. 
Stesileos 651, 656. 
Stieber 1000. 
Stier, Ewald 316, 317. 
Stilpon 788 
Stocker 468. 
Stolberg 947. 
StoU 289, 588. 
Storck, Karl .511. 
St. Priest 947. 
Strabe 563, 744, 805. 
StraBmann 469. 
Straton 656, 805. 
Strindberg 180, 218, 

1019. 
Stuart, T. P. Anderson 

129, 665. 
Stuck 977. 
Sturgess, Julian 1019. 



Sudyumna 602. 

Sueton 651, 652, 654, 
656, 657, 705, 792, 793, 
796, 797, 798, 800. 

Suidas 20. 

Suleiman 598. 

Sulla 792. 

Sullivan, Sir Arthur 671. 

Sulpicius, Gallus P. 790. 

Susemihl, Fr. 640. 

Susse, de la 671. 

Swift, Jonathan 671. 

Swineburnen Algern n 
Charles 671, 1023. 

Swoboda, H. 198. 

Symonds I. A. 6, 193, 
194, 283, 331, 372, 379, 
501, 628, 671, 760,840. 

Szilasi 592, 889. 



Tacitus 159, 654, 705, 

796, 797, 799. 818. 
Tamuz 814. 
Tandem 534, 972. 
Tardieu, Ambroise 78, 

126, 302, 495, 563, 722, 

892, 936, 953, 954. 
Tarnowsky, B. 34, 75, 

76, 114, 194, 214, 237, 

332, 335, 690, 971, 972. 
Taruffi, Caesare 669. 
Tasso 658. 
Taube, Otto Frhr. von 

1015, 1023. 
Taureas 773. 
Taxil, L. 663. 
Teje 739. 

Tennvson, Alfred 671. 
Teos " 805. 

Terentius Varro, M. 793. 
Teschpnberg, Hermann 

Frhr. von 271, 546, 

571. 
Tessmann, Giinther 560. 
Teuscher 569. 
Tewes 957, 958. 
Thaler 163, 423, 984. 
Thamyris 322. 
Tharypas 654, 756. 
Theile 563. 

Themistokles 651, 656. 
Theodektes 778. 
Theodoros 785. 
Theognis 652, 656, 749, 

751. 
Theokrit 651, 656, 751, 

785, 786, 787, 795, 957. 



Hirschfeld, HomosexualitMt. 



Theomedon 778. 
Theomnestos 806, 807. 
Theophrast 741. 
Theopompos 783, 789. 
Theoxenos 656, 760. 
Theramenes 766. 
Theseus 786. 
Thetis 747. 
Thevet, I. A. 686. 
Thiele 984. 
Thierry 668. 
Thode 180. 
Thomas, Dom. de Santo 

588. 
Thony, E. 771. 
Thor 38. 
Thrym 38. 
Thukydides 652, 764, 

766. 
Thutmosis 739. 
Thyia 945. 
Tiberius, Claudius 571, 

656, 796, 797, 799. 
Tibull 18, 666. 
Tigellinus 797. 
Tilley, Vesta 232. 
Tilly 180. 
Timaios 30. 
Timarchos 767, 769, 770, 

771, 808, 818. 
Timasitheos 770. 
Tittmann 943. 
Titus 667, 800. 
Tolstoi 386. 
Tours, Moreau de 127. 
Traianus, M. Ulpius 

667, 801. 
Traubel, Horace 132. 
Trebius 803. 
Trebonius 790. 
Treffies 682. 
Tresckow I, Hans von 

1002. 
Trevisano, Francesco 

669. 
Tribonian 794. 
Trimalchion 677. 
Tschaikowsky 610, 611, 

671. 
Tscharudatta 603. 
Tschionlung 612. 
Tschinghoa 612. 
Tschoangtsang 612. 
Tsunayoshi 619. 
Tullius Geminus 80ft. 
— Laurea 805. 
Tybald 1021. 
Tyrius, Wilhelmus 816. 
Tytler 666. 

66 



Digitized by V:iOOQIC 



1042 



iJamenregister. 



tJ. 

Udall, Nicholas 671. 

Ullrich, Fr. 787. 

Ulrichs, Karl Heinrich 
4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 
12, 26, 29, 35, 64, 73, 
95, 109, 110. 112, 117, 
118, 120, 132, 134, 139, 
140, 143, 152, 156, 170, 
175, 203, 204, 206, 222, 
273, 277, 308, 309, 313, 
332, 338, 350, 351, 352, 
353, 387, 390, 417, 423, 
447, 452, 469, 470, 471, 
506, 520, 529, 546, 547, 
563, 571, 592, 595, 598, 
609, 630, 658, 664, 668, 
671, 681, 687, 704, 705, 
707, 726, 827, 878, 879, 
881, 902, 906,952,954. 
955, 956, 957, 958, 959, 
963, 964, 965, 966, 967 
969, 1003. 

Ungern-Sternberg eSS, 
664, 665, 671, 1019. 

Uiiruh. Fritz von 517, 
1019. 

Duus, Walter 47. 

Urania 7, 10. 

Uranos 7. 

Urquhart 705. 

d^Urville, Dumont 609. 

Utamaro 621. 



Vacano, Emil M. 137, 

154, 670, 671. 
Valdez, Fernando 834. 
Valentinian 815, 817, 

829, 830. 
Valerius Catullus 796. 
— Maximus 789, 791. 

819, 947. 
Valette, La 947. 
Vandal 659. 
Vandoeuvre, Nicholas 

Bourbon de 671. 
Varee 833. 
Vargha 975. 
Varnhaffen, Rahel 230. 
Varro o4. 
Vasistus 695. 
Vatsyavana 601, 603. 

604, '605. 
Vautier 562. 
Vautrin 1015. 
Vay, Sand or 710. 
— , Sarolta 112, 120, 



130, 137, 141, 151, 154, 
158, 176, 321, 592, 710. 

Vega, Garci lasso de la 
588. 

Vehse 658, 662, 664. 

Venette, Nicolas 127. 

Venus 231, 796. 

— Kallipygos 37. 

— Urania 7. 
Vergilius, Maro P. 18, 

322, 444, 657, 796. 
Verlaine, Paul 670, 671, 

1021, 1023. 
V^ermandois 22. 
Verres, C. 792. 
Verschuer, Undine 

Freiin v. 658, 663, 666, 

1014. 
Vespasianus 800. 
Vestvali, Felicitas von 

133, 153, 159, 160, 512, 

671, 1014. 
Vibius Virrius 790. 
Vi^r?ck, George Syl- 
vester 1023. 
Viktor Amadeus 668. 
Villars, Marschall de 

672. 
Villeroi 668. 
Vinci, Leonardo da 508, 

666. 
Vinciola, Pietro 409. 
Virchow, Rudolf 387, 

481, 967, 963, 976. 
Virro 803. 
Visconti, Philipp Maria 

672. 
Vivien 1023. 
Vogt 586, 586. 
Vogu6, de 66. 
Voi^t, Moritz 791. 
Vollmar, von 984. . 
Voltaire 22, 25, 474, 662, 

727, 942, 948, 977. 
VoB, Richard 977, 1020. 
VoBmann 99. 
Vries, Hugo de 388. 

W. 

Wachenfeld 296, 329, 
345, 385, 466, 526, 561, 
817, 818, 819, 823, 824, 
836, 838. 841, 844,891, 
953, 1011. 

AVachholz, Leo 140. 

Wachter,. Carl Georg von 
958. 

— , Theodor von 311. 

Wachtmeister, Axel 666. 



Wagner, Cosima 181. 
— , Richard 176, 181, 

611, 646, 689, 701. 
Waldeyer 358. 
Wallenstein 947. 
Walloth, Wilhelm 1020. 
Walpole, Horace 672. 
Walter 833. 
Walz 981. 
Warda 339. 
Weber, O. 744. 
Webster 891. 
Wedekind, Frank 71, 

207, 1024. 
Weigand 595. 
Weingartner 977. 
Weininger 180, 198, 218, 

230, 276, 356, 388, 389. 
Weiser, Karl 977. 
We is man n, August 362. 
Weii3 99, 413. 
Welcker. Friedrich Gott- 
lieb 25, 747, 748, 752. 
Weller 624. 

Wellhausen, J. 743, 814. 
Weralach 832. 
Werthauer 1014. 
Wertheini- Salomonson 

633. 
Werther 310. 
Westermark 536, ^50, 

630, 812. 
Westphal 6, 6, 10, 13, 

64, 71, 110, 222, 232, 

339, 469, 960, 969. 
Wette, de 316. 
Wey 194. 

White, Thomas 833. 
Whitman, Walt 14, 70. 

132, 146, 180, 609,551, 

672, 1013, 1021. 
Wied, Prinz zu 655. 
Wiedemann, A. 738, 739. 
Wilbrandt, Adolf 20.5, 

465, 927, 1019. 
Wilda, Johannes 47. 
— , M. E. 818. 
Wilde, Gooswyn de 672. 

835. 
— , Oscar 26, 112, 373,. 

422, 425, 609, 512, 546. 

548, 549, 672, 694, 827,. 

836, 1008, 1021, 1024. 
Wildenbruch, Ernst von: 

977 979. 
Wilhehn IIL 9, 672. 
— , E. 376, 414, 426^. 

445, 988. 
— von Oranien 670. 
Wille, Bruno 977. 



Digitized by VjOOQIC 



Namenregister. 



1043 



William 1. 670. 

— II. 672. 

— III. 477. 

— Rufus 477. 
Williams, Thom. 609. 
Willy, Colette 710, 1023. 
Wilson, J. 357, 609. 
Winckelmann, Johann J. 

9, 65, 186, 337, 365, 

425, 447, 451, 571, 57G. 

638, 673, 889, 945, 940, 

948. 
Winckler 739. 
Windthorst 522. 
W^internitz 602. 
Wirz, Caspar 23, 314, 

541, 742, 1014. 
Withney 706. 
Witte, Heinrich 833. 
Wittgenstein, Fiir^t 677. 
Wittstein, Theodor 485. 
Wohrle, Oscar 194, 504. 
Wolf-Untereichen 289. 
Wolfl 882. 
Wollenberg 329. 
Wolter 1022. 
Woltmann, A. 671. 



Wolzogen, E. v. 30, 977. 
— , L. Freiherr v. 662. 
Wood, John 673, 706. 
Wortley - Montague, M. 

673. 
Woyte, C. 820. 
Wrangel, F. v. 623. 
Wrede, Friedrich Fiirst 

833 
Wulffen 364, 496, 990, 

1010. 
Wundt 385. 
Wiirm, W. 634. 
Wvzewa, Theodore de 

132. 

X. 

Xenares 653. 

Xenokrates 778. 

Xenophon 18, 323, 650, 
651, 652, 653, 654, 655, 
755, 756, 760, 761, 762. 
772, 807, 820. 

Y. 

Yakko, Sada 620. 
Yasodhara 604, 605. 
Yosbida-Daizo 619, 62:». 



Young 967. 
Yupanqui, Capac 588. 

Z. 

Zamora, Al. de 587. 
Zarathustra 40^. 
Za^trow, K. E. v. 9, 26, 

959, 960, 1006. 
Zedekias 813. 
Zelter 664. 

Zenon 654, 661, 757, 787. 
Zeus 7, 349, 368, 641, 

747, 748, 753, 764, 775. 
Ziehen, Tli. 29, 345, 346, 

456. 
Zilliacus, Emil 536. 
Zimmermann 663. 
Zinzendorf, Nik. Ludw. 

Graf V. 419, 673. 
Zitelmann, E. 764. 
Zola, Emile 28. 561,562, 

971, 1016, 1017, 1019. 
Zolling, Tfieophil 150. 
Zonaras 824. 
Zoyara, Ella 154. 
Zschokke, Heinrich €0, 

998, 999. 
Zunz 939. 



66 ♦ 



Digitized by VjOOQIC 



Lander- und Ortsregister. 



A. 

Aarau 949. 
Aargau 848. 
Abdera 758, 759. 
Adrianopel 766. 
Afrika 857. 
Agrigent 757. 
Aegypten 21, 24, 456, 

579, 599, 651, 737, 738, 

744, 801, 813, 856. 
Ajaccio 688. 
Alaska 625. 
Alabama 861. 
Albanien 524. 
Alexandria 653, 785, 792, 

805, 815. 
Algerien 564, 565, 567, 

569, 660. 
Algier 26, 520, 564, 565, 

566, 567, 568, 856. 
Ambrakia 782. 
Amerika 62, 159, 226, 

450, 501, 530, 550, 551, 

552, 553, 628, 861, 891, 

900, 910. 
Amoy 612. 
Amsterdam 448, 485, 597, 

679, 732, 834. 
Anacapri 901. 
Ancona 574, 575. 
Ancyra 828. 
Angola 560. • 
Antiochia 650, 785. 
Antwerpen 533. 
Appenzell 848. 
Aquila 452, 571, 671, 965, 

966, 967. 
Arabien 599, 744, 802. 
Aragonien 834. 
Argentinien 527, 581, 584, 

862, 901. 
Argos 655, 750. 
Argynnos 653. 
Ascension 858. 



Ascona 422. 

Asien 21, 323, 447, 590, 

599, 601, 603, 610, 

688, 819, 854, 855. 
Askalon 231, 745. 
Assos 778. 
Assuan 456. 
Assyrien 813. 
Atarneus 778. 
Athen 18, 651, 652, C53, 

655, 748, 759, 761, 765, 

775, 782, 817. 
Aethiopien 739. 
Atitlan-See 587. 
Atjeh 289, 606, 607. 
Augsburg 506, 832. 
Aurich 954. 
Australian 606, 866. 

B. 

Bab-ilu 740. 

Babylon 741, 744, 813. 

Back Bay 553. 

Baden 543, 906, 964. 

Bali 607. 

Balkan 705. 

Balten 539. 

Bamberg 506. 

Banka 610. 

Barbados 860. 

Barcelona 294, 452, 470, 

525, 577, 578, 580. 
Basel 540, 823, 833,848. 
Bastia 570. 
Batavia 610. 
Bayern 97, 823, 836, 837, 

902, 963, 9:4. 
Bayreuth 133, 504, 689. 
Belgien 506, 569, 570. 

834, 836, 842, 975. 
Belgrad 596, 676. 
Berat 595. 
Bergen 534, 825. 
Berlin 9, 16, 26, 30, 31, 



36, 133, 134, 160, 198, 
218, 238, 283, 296, 321, 
411, 422, 425, 448, 466, 
468, 471, 472, 474, 477, 
488, 498, 502, 505, 514, 
515, 532, 536, 540, 542, 
562, 564, 570, 582, 591, 
593, 596, 606, 611, 637, 
642, 677, 678, 679, 682, 
683, 685, 688, 689, 690, 
694, 696, 697, 699, 706, 
710, 717, 718, 722, 723, 
724, 726, 727, 728, 730, 
732, 733, 880, 886, 888, 
893, 897, 902, 905, 906, 
907, 909, 912, 913, 921, 
954, 961, 964, 969, 975, 
982, 995, 1000, 1003, 
1006, 1017. 

Bern 9, 470, 540, 661, 
848, 949. 

Bernau 502. 

Bethel-Bielefeld 263. 

Biarritz 564. 

Bilbilis 653. 

Biliton 610. 

Bithynien 654, 792, 801. 

Bogota 587. 

Bdhmen 832. 

Bolivia 862. 

Bologna 833, 834. 

Bombay 606. 

Bordeaux 564. 

Borneo 608, 609, 707, 
730, 855. 

Boston 149,550,551,553. 

Bozen 541. 

Brandenburg 478, 670. 

Brasilien 527, 581. 862. 

Braunschweig 470, 835. 

Bregenz 541. 

Breslau 210, 686, 696, 
707, 717, 911. 

Britannien 546. 
Britisch-Nordbornpo 854 



Digitized by V:iOOQIC 



Lander- und Ortsregister. 



1045 



Britisch-Ostafrika 858. 
Britisch-Ostindien 854. 
Brussa 698. 
Brussel 283, 569, 570, 

677, 726. 731, 888. 
Buch^ra 600. 
Budapest 206, 277, 544, 

593, 596, 674, 889. 
Buenos Aires 515, 580, 

581, 582, 584, 908. 
Bukowina 340. 
Bulgarian 21, 842. 
Burgdorf 954. ' 
Byzanz 449. 

C. 

Can 587. 

Capreae 798. 

Capri 170, 44,7, 448, 571, 

658, 901. 
Capua 790. 
Cap Catoche 587. 
Caracas 585. 
Careca 587. 
Carnarvon 661. 
Carolinen 868. 
Cassel 154. 
Celebes 608, 730. 
Celle 954. 
Ceylon 854. 
Claudiopolis 801. 
Chaironeia 784, 805. 
Chalkis 20, 750. 
Charlottenburg 98, 479, 

487, 488, 497, 504, 513, 

697 932 
Chicago 9, 471, 651, 552 
Chile 681, 589, 864, 900. 
China 21, 527, 531, 603, 

611, 613, 614, 615, 619, 

620, 622, 628, 725, 726. 

854, 975. 
Chincha 588. 
Chios 653, 656, 752, 789. 
Chorosan 21. 
Christiania 536. 
Christianslund 536. 
Cochinchina 85B. 
Colon 582. 
Colorado 551. 
Columbia 864. 
Connecticut 861. 
Constantino 5(:5. 568. 
Constanza 471. 
Cordoba 824. 
Coro 587. 
Cumae 799. 
Cumana 587. 
Curasao 610, 864. 
Cuxhaven 196, 528. 



Cuzco 725. 
Cypern 864. 



Dahomey 560. 

Danemark 527, 534, 535, 
734, 842, 902, 975, 990. 

Delphi 750. 

Denderah 738. 

Denver 149^ 551, 552. 

Der-el-bahari 739. 

Dessau 290. 

Detmold 954. 

Deutsche Schutzgobiete 
858. 

Deutschland 20, 22, 23, 
27, 28, 30, 133, 289, 313, 
320, 333, 424, 427, 448, 
449, 451, 457, 479, 485, 
486, 487, 493, 495, 509, 
502, 505, 526, 527, 530, 
531, 532, 534, 546, 547, 
561, 573, 582, 584, 627, 
659, 687, 690, 717, 822. 
827, 830, 837, 840, 842, 
886, 899, 900, 901, 913, 
969, 976, 977, 994, 995, 
997, 1003, 1006, 1009, 
1010. 

Dresden 230, 539, 717, 
883, 905, 913, 10! 2. 

Drontheim 535. 

Durban 556, 558. 

Dusseldorf 470, 679. 

£. 

Eberbach 506. 

Ecuador 588, 864. 

Edfu 738. 

Edinburgh 529. 

Eisenach 714. 

Ekbatana 740. 

Elbassan 595. 

Elberfeld 470. 

Elea 654. 

Elis 759, 944. 

ElsaU - Lothringen 563, 
833. 

Elvira 828. 

Emesa 653, 803. 

England 14, 26, 30, 37, 232, 
323, 333, 424, 450, 467, 
474, 500, 512, 514, 522, 
526, 527, 530, 532, 546, 
547, 548, 549, 550, 556, 
594, 643, 646, 659, 677, 
679, 689, 694, 707, 822, 
824, 827, 830, 836, 842, 
891, 895, 900, 901, 910, 



967, 975, 976, 1006, 
1014. 

Englisch-Indien 531. 

Englische Kolonien 858. 

Ephesos 806. 

Epirus 705, 783. 

Erech 740. 

Eretria 750. 

Estland 536, 539. 

Etrurien 571. 

Euboa 20. 

Europa 21, 159, 323, 387, 
447, 473, 479, 524, 626, 
666, 581, 601, 623, 656, 
688, 746, 822, 830, 832, 
842, 986. 



Falklandsinseln 8^'4. 

Ferrara 834. 

Fidschi-Inseln 609. 

Finnland 634, 635, 536, 
637, 538, 639, 848. 

Flensburg 470. 

Florenz 20, 159, 447, 649, 
571, 576, 833. 

Florida 654. 

Fokien 613. 

Frankfurt a. M. 502, 879, 
906, 955. 

Frankreich 20, 22, 26, 
27, 28, 38, 232, 323, 
427, 448, 606, 614, 621, 
527, 530, 635, 647, 555. 
561, 662, 563, 569, 6"/ 7, 
694, 824, 826, 827, 830, 
836, 844, 901, 910, 975, 
1023. 

Franzensbad 86. 

Freiburg 850, 980. 

Friesland 834, 835. 

G. 

Galata 726. 

Galisia 680. 

Gallien 792. 

Gambia 858. 

Gamo 651. 

Gardara 653. 

Gedrosien 784. 

Genf 540, 591, 836, 852. 

Gent 661. 

Genua 659. 

Georgia 861. 

Gibea 742. 

GieUen 906. 

Glarus 8, 59, 350, 540, 

823, 848, 949, 950. 
Goldkuste 868. 



Digitized by VjOOQIC 



104() 



Lander- und Ortsregistar. 



Gomorrha 23, 816. 
Gorlitz 470. 
Gortyn 764. 
Gottingen 954. 
Granada 579. 
Graubiinden 850. 
Graz 543, 987, 968. 
Griechenlaiid CO, 596. 

705, 712, 747, 797, 

798, 844, 950. 
Groningen 834. 
GroUbritannien 22. 
Guatemala 587, 832. 
Guyaquil 588. 

n. 

Haiti 869. 

Halberstadt 708. 

}Ialikarnas.s()s 751, 805. 

Hamburg 135, ICO, 452, 
470, 531, 679, 684, 689, 
695, 697, 717, 723, 724, 
827, 900, 902, 920. 

Hanau 502. 

Hannover 9, 563, 836, 
954, 958. 964. 

Havre 177. 

Hellas 388, 596, 620, 747. 
783, 815. 

Helsingfors 538, 539, 731. 

HerAt 597. 

Hildesheim 470. 

Himera 656. 

Hispanien 793. 

Hoffnungstal 502. 

Holland 30, 486, 530, 
532, 534, 824, 834, 83.% 
836, 844, 910, 975, 976, 
989. 

Hollandi^jch-lndion 613. 

Hongkong 611, 854. 

Hucivllas 588. 

Hubcrtu 1 urg 354, 383. 

Hyrkani-ii 781, 820. 

I. 

Idzumo 620. 
Illinois 861. 
Indiana 861. 

Indien 456, 601, 606, 740. 
Indochina 628. 
Indonesien 730. 
Innsbruck 541. 
lonien 754. 817. 
Iowa 860. 861. 
Irland 842. 
Island 534, 535. 
Istrien 451. 



Italien 22, 159, 387, 403, 
444, 452, 457, 502, 52G, 
527, 530, 539, 540, 5S9, 
570, 571, 572, 573, 576, 
579, 687, 727, 833, 836, 
844, 901, 902, 910, 9C6, 
975. 

J. 

Japan 22, 527, 531, 603, 
610, 611, 617, 620, 622, 
854, 975, 989, 1014. 

Java 608, 610, 613. 

Jena 909, 924, 980. 

Jersey 159. 

Jerusalem 813, 814, 816. 

Johannesburg 555, ri53, 
558. 

Judaa 814. 

K. 

Kadjak 625. 
Kagoshima 619. 
Kairo 528, 549. 696. 
Kalifornicn 388,555,861. 
Kamerun 858. 
Kamt^chatka 624. 
Kanada 880. 
Kanton 614. 
Kapkolonie 557. 
Kapland 858. 
Kappadokien 744. 
Kapstadt 556, 558. 
Karabagd che 728. 
Karthago 652, 741. 
Kassel 904. 
Kastilien 824. 
Kentucky 861. 
Keo3 651, 656. 
Kiel 61. 196, 521, 531, 

547, 717, 734, 893, 913 
Kittion 757, 787. 
Kiushiu 618. 

Kleinasien 628, 744, 817. 
Kleine Anti len 860. 
Knidos 778, 78S. 
Kollytos 772. 
Koln 135, 159, 422, 531, 

684, 687, 717, 718. 
Komana 744. 
Kongoland 560. 
Kongostaat 858. 
Konigsberg 531, 980. 
Konstantinopel 9, 448, 

597, 629, 679. 
Konstanz 531. 
Kopenhagen 528, 534, 

696, 697, 902. 
Korea 531, 618, 622, 623. 



Korinth 19, 764, 787. 

Koroneia 650. 

Korytsa 595. 

Kos 758, 771. 

Kreta 19, 20. 22, 654, 

656, 705, 747, 767, 764, 

788. 
Kuangtung 613. 
Kunaxa 651, 756. 
Kurhessen 204. 
Kurland 536, 589. 
Kyme 788. 
Kyoto 619. 620. 
Kypros 741. 
Kyrene 653, 743, 779. 
Kyushu 620. 
Kyzikos 805. 

L. 

La Boca 582. 

Labuan 854. 

LacedSraon 20. 

Lagos 858. 

Laguna d3 Terminos 687. 

Lappland 539. 

Larissa 756. 

Leipzig 153, 159, 160, 
468, 506, 684, 717, 838. 

Lemnos 779. 

Lesbos 22, 752, 807. 

Letten 539. 

Leuktra 652. 

Libau 539. 

Libyen 740. 

Liegnitz 838. 

Lille 564, 589. 

Lindau 833. 

Lissabon 726. 

Livland 535, 539. 

Loanda 560. 

Lombok 607. 

London 31, 159, 229, 287, 
425. 448, 515, 525, 528, 
532, 546, 547, 549, 555, 
556, 679. 687, 68^ 689, 
719, 731, 824, 830, 833. 

Lothringen 660. 

Louisiana 554, 880, 861. 

Luttich 569. 

Luxemburg 836, 844. 

Luzern 540, 848. 

Luzon 730. 

Lydien 744. 

Lyon 562, 564. 

M. 

Ma«hin 744. 
Madagascar 520, 858. 
Madras 606. 



Digitized by VjOOQIC 



Lander- und Ortsregist?!. 



1047 



Madrid 31, 376, 528, 577, 
578, 579, 580. 

Madura 608. 

Magdeburg 470. 

Magenta 520. 

Mahren 832. 

Mailand 159, 572, 666. 

Maine 553. 

Maintirano 560. 

Mainz 196. 

Malacca 854. 

Malaga 579. 

Malediven 864. 

Mandschurei 620. 

Mannheim 646, 968, 983. 

Mantinea 652, 776. 

Marianen 868. 

Marokko 858. 

Marschall-lnseln 868. 

Marseille 462, 562, 534, 
726. 

Maryland 861. 

Massa Carara 834. 

Massachusetts 552, 553, 
861. 

Mazedonien 655, 783. 

Medien 740. 

Megara 656, 749, 787. 

Afeiningen 499. 

MIekka 593, 597, 598. 

MTeran 541. 

Metz 688. 

Meudon 709. 

TSfexiko 159, 566, 581, 

686, 587, 860. 
Michigan 861. 
Minden 964. 
Missouri 861. 
Mitau 639. 
Mittelamerika 580, 585, 

586, 587. 
Monaco 836, 844. 
Montana 556, 861. 
Monte Carlo 504. 
Montenegro 846. 
Montesa 834. 
Moskau 677. 
Munehen* 9, 135, 321, 
470, 506, 660, 679, 687, 
696, 717, 724, 805, 902, 
933, 934. 
Myrlea 779. 
Mvrrhinus 773. 
Mysien 778. 
Mytilene 650, 748, 805. 

N. 

Natal 868. 

Neapel 159, 462, 671, 



572, 573, 575, 676, 699. 

726, 731, 888, 901, 96r, 

966. 
Neapolis-S'chem 816. 
Nemea 750. 
Nemequene 587. 
Neu-Guinea 609, 868. 
Neu-Kaledonien 520, 610. 
Neu-Mexiko 231. 
Neu-Seeland 868. 
Neu-Sud- Wales 836, 866. 
Neue Hebriden 610. 
Neuenburg 823, 860. 
New Hampshire 653. 
New York 159, 547, 650, 

661, 611, 690, 860. 
Ngambo 559. 
Nicaragua 686. 
Niederlande 633. 
Niederlandisch-Guayana 

864. 
Niederlandisch-Indien 

531, 608, 607. 
Niederlandisch-Neu- 

Guinea 607. 
Niederlandisch-Ostindien 

866. 
Ntmes 562. 
Nizza 450, 649, 664. 
Nola 789. 
Nordafrika 520, 527, 530, 

564, 565, 566, 569. 
Nordamerika 21, 527, 529, 

610, 975, 861. 
Norddeutschland 963. 
Nordeuropa 515. 
Nordfrankreich 581. 
North-Dakota 861. 
Norwegen 534, 536, 846, 

976. 
Nqyon 825. 
Niimidien 659. 
Nurnberg 532, 833, 1011 

O. 

Oberammergau 504. 

Oberbayern 527. 

Obero5terre:ch 542. 

Ohio 552, 860, 861. 

Okzident 532, 565. 

Olympia 655, 750. 

Olynth 652. 

Oran 503, 666. 

Oranje-Freistaat 858. 

Orient 20, 285, 388, 447, 
468, 607, 532, 536, .56.^, 
568, 656, 657, 688. 

Osaka 620. 

Osnabriick 880. 



Ostafrika 858. 

Oitasien 688. 

Ostende 604, 647, 569, 
570. 

Oesterreich 30, 502, 527, 
530, 541, 542, 545, 546, 
581, 690, 723, 822, 827, 
830, 840, 846, 902, 942, 
963, 969, 976, 976, 1C03, 
1010. 

Osteuropa 690. 

Ostseeprovinzen 527, 539. 

Ozeanien 867. 



Paderborn 196. 

Padua 833. 

Palastina 26. 

Palermo 451, 570, 572, 
726. 

Pali 606. 

P^nuco 686. 

Paraguay 589, 864. 

Paris 31, 97, 137, 159, 
425, 448, 452, 471, 528, 
539, 549, 561, 562, 663, 
564, 669, 596, 639, 679, 
683, 687, 688, 690, 707, 
708, 709, 710, 712, 717, 
718, 719, 726, 728, 731, 
830, 833, 888, 900. 

Parma 833. 

Pau 564. 

Ppking 611, 616, 616. 

PeUa 786. 

Pelusium 802. 

Pennsylvania 861. 

Pera 449, 726. 

Perak 854. 

Pergamon 785. 

Persien 597, 762, 819, 
856. 

Peru 588, 726, 864. 

Petersburg 9, 320, 731. 

Petschili 612. 

Phanostrate 766. 

Pharsalos 750. 

Phaselos 651, 778. 

Philadelphia 550, 551, 
909. 

Philippinen 610. 

Phonikien 741. 

Phrygien 744. 

Phyle 766. 

Piacenza 159. 

Pieria 654. 

Pietermaritzburg 566. 

Pinzgau 542. 

Plataa 654. 



Digitized by VjOOQIC 



1048 



Lander- und Ortsregister. 



Plotzensee 422, 723, 980. 
Plymouth 547. 
Pola 628. 
Pommern 478. 
Pongau 542. 
Poona 606. 
Pordenone 61. 
Portugal 527, 836, 846. 
Portugiesisch-Amerika 

589. 
Posen 478. 
Potchefstroom 556. 
Potidaia 773. 
Pot-sdara 833. 
Prag 543, 968. 
Pretoria 556, 557. 
Preufien 466, 526, 537, 

563, 823, 831, 837, 964. 
Provence 503. 
Punta Sa. Helena 588. 
Puteoli 798. 

Q. 

Queensland 206, 866. 
Quito 588. 



Rastenburg 518. 

Reading 827. 

Reate 793. 

Reggio 833. 

Reval 539. 

Rhamnus 770. 

Rhegium 653, 749. 

Rheims 830. 

Rheinprovinz 531. 

Rheinsberg 664. 

Rhodos 753. 

Riga 539, 540. 

Rio de Janeiro 167, 471, 
581. 

Rio Grande del Sul 581 

Rom;i9, 137, 165, 387, 388, 
452, 502, 503, 528, 571, 
572, 573, 574, 606, 651. 
652, 653, 654, 658, 677, 
679, 705, 712, 731, 797, 
804, 815, 817, 829, 833, 
945, 948, 957, 965. 

Rostock 238. 

Rotterdam 726. 

Rumanien 846. 

Rummelsburg 723. 

Russisch-Polen 591. 

RuBland 450, 457, 527, 
536, 537, 538, 590, 591, 
620, QSG, 688, 745, 822, 
827, 846, 900, 975. 



S. 

Saba 744. 

Sa. F6e 586. 

Sa. Marta 587. 

Sachsen 478, 767, 837, 

904. 
Saida 519. 
Sainen 632. 
Salamis 655, 656. 
Salzburg 542. 
Salzkammergut 542. 
Samarkand 600. 
Samoa 868. 

Samos 655, 749, 785, 947. 
Samosata 806. 
San Antonio 552. 
San Domingo 862. 
San Francisco 159, 551, 

552. 
San Remo 283. 
San Salvador 586. 
San Sebastian 528, 577, 

579. 
Sandwich-Inseln 609. 
Sansibar 289, 559. 

Santiago 581. 

Saoul 623. 

Saragossa 834. 

Sardes 651^ 656, 805. 

Schaffhausen 850. 

Schiras 664. 

Schlesien 226^ 478, 832. 

Schonen 535. 

Schottland 546, 836, 848. 

Schweden 527, 534;, 535, 
536, 537, 660, 661, 697, 
975. 

Schweiz 21, 318, 502, 
507, 530, 540, 546, 823, 
848, 901, 913, 976, 99?, 
1006. 

Schwyz 850. 

Sebastopol 520. 

Seckbach 906. 

Serajewo 596. 

Serbien 852. 

Sevilla 579, 580, 834. 

Shanghai 611, 613. 

Siam 856. 

Sibirien 387, 623, 822, 
827, 856. 

Sichem 814. 

Sidi Bel Abb6s 519. 

Sierra Leone 858. 

Singapore 694, 854. 

Sinope 766, 787. 

Siphnos 20. 

Sizilien 9, 503, 571. 

Skandinavien 530, 1014. 



Smyrna 597, 661. 
Sodom 22, 23, 349, 742, 

816. 
Sofia 594, 595. 
Solothurn 823, 850. 
Soncino 833. 
Southwark 549. 
Spaa 663. 
Spanien 22, 30, 387, 457, 

520, 627, 530, 569, 576, 

577, 578, 679, 580, 653, 

798, 824, 830, 834, 836, 

852, 975. 
Spanisch-Amerika 589. 
Sparta 17, 19, 620, 650, 

653, 664, 817. 
St. Gallen 848^ 950. 
St. Helena 549, 858. 
St. Pauli 689, 724. 
St. Petersburg 540. 
Stambul 448, 598, 726. 
Stendal 673. 
Stettin 127, 133, 159, 

532. 
Stockholm 165, 536, 731. 
Straits-Settlements 854. 
StraUburg 470, 697, 833, 

968. 
Stuttgart 233, 470, 502, 

964. 
Sudan 518, 858. 
Sudafrika 555, 558, 559, 

975. 
Sudamerika 285, 447, 515, 

527, 530, 680, 581, 582, 

685, 862, 975. 
Sudaustralien 866. 
Suddeutschland 12, 506, 

886. 
Sudeuropa 285, 597. 
Siidfrankreich 561. 
Sudseeinseln 628. 
Siidwestafrika 858. 
Sumatra 289, 606, 610, 

613. 
Surinam 864. 
Sutschan 613. 
Syrakus 671, 666, 782. 
Syrien 26, 650, 653, 744. 

T. 

Tabasco 587. 
Tagaste 659. 
Tahiti 609. 
Tanger 471. 
Tannenberg 647, 665. 
Taormina 447, 571. 
Tarent 788. 
Tarsos 805. 



Digitized by VjOOQIC 



Lander- und Ortsregister. 



1049 



Taschkent 600. 
Tasmania 86Q. 
Tauromenion 30. 
Tegel 723. 
Tel-Abib 813. 
Tenochtitlan 586. 
Teos 651, 749. 
Tessin 836, 852. 
Texas 501, 552, 860, 861. 
Tezcuco 586. 
Thasos 759. 
Theben 620, 655, 751. 
Thera 17, 18, 19, 595, 

751, 752. 
Thespiae 751. 
Thessalonike 805. 
Thrakien 654. 
Thurgau 850. 
Tibet 603. 
Tientsin 611, 613, 616, 

726. 
Tigilsk 624. 
Tirol 541, 695. 
Tobago 860. 
Togo 858. 

Tokio 471, 528, 611. 
Toledo 825. 
Tongking 520, 856. 
Torgau 291. 
Toribeno 619. 
Trallea 806. 
Transvaal 555, 858. 
Trier 126, 532, 936. 
Triest 470, 570, 571, 673. 

889. 
Trinidad 860. 



Trouville 321. 
Tsingtau 694. 
Tunesien 564, 565, 567. 
Tunis 564, 565, 566, 567, 

568, 569, 858. 
Turin 576. 
Tiirkei 527j 531, 597, 

726, 852, 856. 975. 
Turkestan 599, 600. 

U. 

Uchtspringe 383. 
Ungarn 226, 506, 531, 
592, 593, 594, 854, 975. 
Unterwalden 850. 
Uri 21. 
Qruguay 866. 

V. 

Valencia 658, 834. 
Vehrkana 820. 
Venedig 61. 

Venezuela 585, 587, 8o6. 
Verapraz 586. 
Vermont 861. 
Verona 651. 
Victoria 836, 86ii. 
Volendam 150. 
Voslau 543. 

W. 

Waadt 836, 852. 
Wales 661. 
Wallifi 836, 852. 
Wannsee 908. 
Warmbrunn 160. 
Warschau 20, 160, 358. 



Washington 553, 861. 

Weimar 277 470, 

Wellesly 854. 

Westasien 531. 

Westaustralien 868. 

Westerfeld 954. 

Westeuropa 449, 594. 

Westfalen 531. 

Westpreufien 896. 

Whitechapel 287. 

Wien 63, 135, 140, 160, 
387, 430, 431, 505, 528, 
543, 544, 547, 596, 637, 
666, 677, 690, 902, 964, 
968. 

Wiesbaden 294, 539. 

Wilhelmshaven 196, 521. 

Wilmersdorf 697, 719. 

Windward-Inseln 860. 

Winterthur 950. 

Wisconsin 860, 861. 

Worms 195. 

Wurttemberg ^35, 964. 

Wurzburg 964. 
Y. 

Yeddo 619, 621, 622. 

Yen 613. 

Yokohama 611. 

Yucatan 554, 587. 

Z. 

Zaragossa 578. 
Zentralamerika 861. 
Zentralasien 745. 
Zug 850. 
Zurich 540, 591, 833, 850. 



Digitized by VjOOQIC 



Sachregister. 



Wegen aller ortlichen Verbreitungeii , Gesetze und Eigentumlichkeiten 
vgl. das Lander- und Ortsregister. 



Abenteuerleben 159. 
Abenteuersucht 251. 
Aberrationen, qualitative 29. 
Abolitionismus 1011. 
Absclieti gegen Homosexuelle 347; 

s. a. Horror. 
Absolutes Weib 357. 
Abstammung 240, 385. 
Absteigequartiere 321, 692. 
Abstinenz 331 f., 419; s. a. Ent- 

haltsamkeit. 
— als Ursache der Homosexual i tat 

332. 
AbstoBung durch das eigene Ge- 

schlecht 42. 
4.damstochter 30. 
Adaequater Verkehr 292. 
Adaptionstherapie 439. 
A del 43. 
Admonitio generalis Karls des 

GroBen 830. 
Anderung der Triebrichtung 325. 
Angstlichkeit 483. 
Aquivalente 332. 
Argerniserregung 836, 943. 
Arzteeid des Hippokrates 758. 
ArztekongreB, internationaler, in 

London 550, 622. 
Asthetizismus 65. 
Atiologie 326, 327 ff., 340. 
Affekterregbarkeit 50, 175. 
Affekthandlungen 68 f. 
Affiektlebend. Homosexuellen 915. 
Affinitat 185. 
Ageusie 397. 
Ailonith 141. 
dfras* 18. 

Akte, homosexuelle 78. 
Aktive 264. 
Aktivisten 121. 



Aktivitat 286. 
Aktphotographien 67. 
Akrateia 780. 
Algolagnismus 300, 301. 
Alkoholismus 189, 209, 210, 263, 

298, 329, 382, 386, 422, 916. 
Alloiophile 284. 
Allosexuell 11. 
Alte Jungfern 102. 
Alter der Eltern 241. 
Alterosexuelle Einschlage 236. 
Altersklassen 494. 
Alter turn, Homosexualitat imklas- 

sischen 737ff. 
Altes Testament 816. 
Amazonen 660, 746. 
Ambierasten 16. 
amor lesbicus 22, 266, 609. 
— , im alten Indien 606. 
Amphiphile 284. 
Am t lie he 8 Material 1001. 
Anabasis 766. 
Anaathesie, sexuelle 96. 
Anakreontische Poesie 186. 
Analcoitus, heterosexueller 764; 

s. a. Sodomie. 
Analyse der homosexuelien ludivi- 

dualitat 947. 
dyavdgietg 745. 
Anamnese 239. 
Anandrynen, Sekte der 677. 
Anaphrodisie 221. 
Anorchie 229. 
Andinos 585, 
Andreion 763. 
Andrin 377, 416. 
Androglottie 31, 368. 
Androgynie 31, 229, 266, 273, 

319; bei Empedokles 776; der in- 

dischen Gotter 601 ; bei Plato 29. 
Andromastie 31, 368. 



Digitized by VjOOQIC 



Sachregister. 



1051 



Andxophile 280, 281. 
Androphobie 97. 
Androsphysie 358. 
Androtrichie 31, 273, 368. 
Angeborensein der Homosexuali- 
tat 42, 54, 308, 315, 325, 335, 
345; Grunde fur das 318 ff.; 
Griinde gegen das 325 ff. 
Angebot von Prostituierten 693; 

8. a. Prostitution. 
Angst 97, 162, 916, 932; Neurose 

455; Traume 243. 
Anilinctio 292. 

Ankniipfungs- und Treffpunkte 
Homosexueller 321, 528, 577, 593, 
690, 692, 696. 
— , Anschlagsaule 694. 
— , Badeanstalten 688, 690, 691. 
— , Bayreuth 689. 
— . Bediirfnisanstalten 696. 
— , Depeschensale 690. 
— , Kasperle theater 689. 
— , Kinematographentheater 689. 
— , Marionettentheater 689. 
— , StraBe 692. 
— , Tanzboden 688. 
~, Theater 688. 
— , Verkehrsmittel 618. 
Annoncen, homosexuelle 694. 
Anosmie 397. 

Anpaesungsfahigkeit 451. 
Anpassungstherapie 439 ff. 
Ansteckungsgefahr bei Prosti- 
tuierten 457. 
Anthologia Palatina 785. 
Antiaphrodisiaka 417. 
Antifeminismus 218 ff. 
Antifetischismus 217, 299, 304. 
Antwortkarten 480. 
Anzahl der Homosexuellen 467. 
Anziehung, chemotaktische 375. 
— des Gegensatzlichen 376. 
Aphrodisiaka 415-6, 440. 
Aphrodite bei Plato 7. 
Arabische Bezeichnung homosexu- 
eller Betatigungen 25. 
Arbeitstherapie 422, 452. 
Arbeit erst and, Verbreitung im 

514. 
Arbiter elegantiae 799. 
Ari thmomanie 383. 
Aristokratie, homosexuelle 501. 
Arm bander 148. 
Armbewegungen 151. 
Ariisten 512. 
Asexualitat 179, 268, 320. 
Aspermie 126. 
Asso'ziationstherapie 434. 
Atemtypus 140. 
Athletische Homosexuelle 294. 



Attraktionsgesetze, sexuelle 42, 

347. 
auparischtaka 599, 604, 606. 
Auslieferungsverfahren 901. 
Aussehen 244. 
Aussprache (Befreiende Wirkung 

der) 238, 439. 
Auswanderune; 447, 450ff. 
Ausweisung 901, 902. 
Autoerotismus 261, 269. 
Automonosexualismus 179, 235, 

259, 269. 
Autoonanie 402. 
Autosuggestion 335, 337. 
Azoospermie 126, 229. 

B. 

Badeanstalten, russische 590. 
Badediener als Kuppler in Un- 

gam 593. 
Badeprostitution in BuBland. 

591. 
Bader 561, .564. 
— , axabische 568. 
Balle 684 ff. 
Barbierstuben 567. 
Barda;ches 22. 
Bars 547. 
Bart 135, 136. 
Bartdamen 137. 
Basirs 608. 
Basmen 600. 
Batschenmadchen 600. 
Beamt'e 513. 
Beanlagung, geistige 115, 244, 

253. 
Becken und Figur 141. 
— , weibliches 355. 
Beckenbreite 143. 
Beckenlinie 141. 
Bediirfnisanstalten 471, 541; s. 

a. Ankniipfungspunkte. 
Befahigung, mathematische 11.5. 
Befreiungskampf der Homosexu- 
ellen 942, 973ff. 
Befreiungswerk 975. 
Begabung, geistige 115. 
Begattungsaversion bei Tieren 

631. 
Begleiterscheinungen der Ho- 

mosexualitat 940. 
Begrabnisstatten 571. 
Begutachtung, strafrechtliche u. 

zivilrechlliche 918, 960; s. a. Gut- 

achten. 
Behaarung 135, 364. 
Behaarungstypus 356. 
Behandlung der Homosexual! tat 

260, 318, 396, 415 ff., 417. 



Digitized by VjOOQIC 



1052 



Sachregister. 



Beherrschbarkeit d. Greschlechts- 

triebes 178. 258; s. a. Gutachten. 
Bei6chlafahnlichkeit 839. 
Beischlafahnliche Handlung 36, 

838. 
Beischlafdiebstahle 721. 
Beischlaf zwischen Personen ver- 

schiedener Konfession 24. 
Bekenntnisopfer 1003. 
Belaatung, erbliche 242. 
Beleidigung 872. 
Beliebtheit 254. 
Benjamitter 26. 
Berlinese 22. 
Berufsklassen, Verbreitung nach 

497 ff. 
Beschneidungsfeier auf den 

Sandwichsinseln 609. 
Bestialitat 23. 
Betatigung 258, 264, 936. 
— , homosexuelle, Heterosexueller 

47. 

— in Schulen 47. 
Betatigungsarten, Auffassung 

der 12. 

Betatigungsformen 17, 279, 285. 

Bettnassen 404. 

Beurteilung homosexueller Akte 
in foro 400. 

Bevolkerungsschichten, Ver- 
breitung in verschiedenen 494 ff. 

Bewegungen 148 ff. 

— beim Tanze 154. 
Bewegungsarten 153. 
Bewui3tsein d. Homosexualitat 68. 
Beziehungsvorstellungen 916. 
Biamanten 17. 
Bibelstellen 309, 313 ff., 327, 

813 ff. 
Bienfaiteur 36, 289. 
Bijoux 289. 
Bilder, Diagnostische Bedeutung 

68 ff. 
Bildersammlungen 66. 
Bildnisneigung 66. 
Bildungsanomalien 31. 
Bilians (Tempeldirnen) 608. 
Biplastizitat 376. 
Bisexualitat 42, 193, 196, 197ff., 

181, 212, 259, 261, 350, 352, 491. 
Bisexuelle Uranlage des Menschen 

198 f. 
BiBkuB 292. 
Blackmail 891. 
Blutsbriider, kaukasische 646. 
Blutsbriiderschaft bei den Ar- 

nauten 595. 
Blutsfreundscbaften 647. 
Blutsverwandtschaft 241. 
Bluttransfusion 416. 



Blutuntersuchunjgen 356, 378. 

Bonzen 612. 

Bordelle und Bordellwesen 577, 

679, 692, 726, 727. 
Boy Scouts 646. 
Brandmarkung 825. 
„Brasilianer" 21. 
Braut, mannliche 911. 
Brautstand 91. 
Brompraparate s. Behandlung. 
Brotophile 280. 
Bruderschaft-Trinken in Un- 

gam 593. 
Brunst, religiose 419. 
Brustdriisen 364. 
Brustverstummelung 746. 
buben (Zeitwort) 18. 
Buddhisxnus 21. 
buggery 21, 594. 
Buhiknaben 739. 
Biihnenkiinstler 637. 
Biilow-Kasino 564, 683. 
Biindnisformen 700 ff. 



Caf6s in Arabien 668; s. a. An- 

kniipfungspunkte. 
Canamitus 27. 
Cape boys 557. 
Capillati 19. 
Carolina 831. 
Carolinae, Soror- 831. 
— , Mater- 831. 
Catamites 615. 
Chatotage 27, 293, 546, 647, 591, 

889 f f . 
Chemismus 376. 
Cliemistische Theorie 377. 
Chevalier de la Manchette 694. 
Chigo-Monogatari 619. 
Ching-ping-mei 617. 
Choc fortuit 336, 338. 
Christentum 349, 638, 817. 
„Christuskopf" 137. 
Cisvestiten 169. 
Coitus interruptus 26. 
Colleges, englische 22. 
Condylome, s. Geschlechtskrank- 

heiten. 
Consolateur 289. 
Conspiration of silence 649. 
Crimen nefandum 37. 
Crimina ecclesiaslica 813. 
Cunnilinctio 20. 
Cunnilingus 34, 224. 
., — anal is" 35. 
Cunnus succedaneus 36. 



D. 



Daimyos 620. 



Digitized by VjOOQIC 



Sachregister. 



1053 



Damendarsteller, s. a. Damen- 

imitatoren 232, 270. 
Damenimitatoren 232, 686. 
Damnatissima libido. 37. 
Dampfbader 690 ff.; s. a. Bader. 
Darmlues 456. 
Das u re 695. 
Deckoff iziere 517. 
Decollete 145. 
Defemination 266. 
Definition der Homosexualitat 3. 
Degeneration 378, 381, 383, 389. 
Deklination, seelische 110. 
Dementia praecox 874. 
depilati 19. 

Depresssionen 97, 233, 402, 421. 
Derwiache 507. 
Descendenten 391 ff. 
Desertierung, s. a. Fahnenflucht 

879, 900. 
Detektives 593. 
Diadochenreich 785. 
Diagnose d. Homosexualitat 40 ff., 

80 ff., 108 ff., 125 ff., 148 ff. 
Dichotomic 375. 
Dichterische Darstellung der 

homosexuellen Liebe 69, 70. 

1018 ff. 
Didaskalophile 285. 
Diener, s. a. Verbreitung 522. 
Dienstbote.n, Homosexualitat 

unter, s. a. Verbreitung 601. 
Dienstgewalt, MiBbrauch der 818. 
Differentialdiagnose 179 ff., 

187 ff., 197 ff., 216 ff., 222 ff., 628. 
Digitatio 286. 
Dildo 36. 
Diletto 36. 
Dtmorphe 680. 
Diokleen 761. 
Dionysische Typen 207. 
Dipsomanie 320. 
Dirnenkrankenhaus 194. 
Disposition, ererbte 344. 
— , neurasthenische 346. 
— , neuropathische 42. 
— , psychoneuropathische 380. 
Disputation 974. 
Disziplinarverfolgung 868 ff. 
Do hie (Syn.) 30. 
Dokimasie 768. 
Doppelgeschlechtigkeit 348. 
Doppelleben 640. 
Dramenfragment, homosexuelles, 

Schillers 947. 
Drittes Geschlecht 29, 30; s. a. 

third sex. 
Droschkenfuhren 699. 
Dualismus, geschlechtlicher. im 

Tierreich 353. 



Dynamometer 356. 
Dyseros 786. 

B. 

„Edelmannsspier* 590. 
Edeluranier 294. 
Effemination 30, 266, 267, 291, 

414. 
Ehe 88, 402, 407, 583, 624, 701, 

707, 917, 928. 
Eheartige Biindnisse 700ff. 
Ehebruch 406. 
Ehegebrauche 601. 
Ehcliche Pflichten 88, 187. 
Ehelosigkeit 497. 
Eheprognose 412ff. 
Ehcscheidung 884, 928, 931. 
Ehetherapie398; s. a. B3handlung. 
Ehrenrettungen 181. 
Ehrgeiz 115. 
Ehrbegriffe 161. 
Eierstocke 354. 
Eifersucht 57, 595, 608, 609. 
Eigenstatus, sexueller 110. 
Einfiihlung 71. 
Einteilung 264 ff., 271 ff., 279 ff., 

296 ff., 305 ff. 
Einteilungsgrundsatze 307,364. 
Einteilungssystem 305. 
eigjTvrjXag 18. 

Ejaculatio praecox 93. 
Ejakulationszentrum 188, 191. 
Elastizitat des Nervensystems 177. 
.,Elster" 30; s. a. Rabe. 
Emanzipationskampf der Homo- 
sexuellen 1007. 
Embryo 363. 
Empfangnis 376. 
Empfindsamkeit, Zeitalter der 

186, 186. 
Empfindung 41. 
enfesser 34. 
Englische Konige 477. 
Entartung 369, 370 ff. 
— , Verhiitung der 369. 
Entartungshypothese 378. 
Entenarten, s. a. Verbreitung im 

Tierreich 633. 
Entgleisungen, sexuelle 760. 
Enthaarungstendenz 138 ff. 
Enthaltsamkeit 233, 331; s. a. 

Abstinenz. 
Entlobungen 91. 
Entmannung, s. a. Kastration 824. 
Entmiindigung 993. 
Entstehung der Homosexualitat 

2G5, 295,- 308 ff. 
Entwicklungsanomalien 127, 

236. 



Digitized by VjOOQIC 



1054 



Saohregister. 



Entwi cklungsgeschichte 371. 
Entwicklungsjahre 48. 
Entwicklungstendenz, mono- 

sexuale 352. 
Enqueten 465 ff., 479; s. a. Ver- 

breitung und Statistik. 
Enquete, hollandische, von Dr. v. 

Romer 491. 
Ephebophilie 280, 281. 
Ephebos 18. 

Epidemieen, psychische 834, 985. 
Epikonus 188. 
Epigramme 800. 
Epilepsie 214, 422, 940. 
Erasten 18, 775. 
Erektionszentnim 188. 
Eromenos 18. 
Eros, platonischer 7: 42 ff., 647, 

774. 
Eros pandemos 760. 
Erotik, doppelseitige 704. 
Erotomanie 304. 
Erpresser 386, 873ff. ; s. Erpres- 

snngen. 
— , Angst vor dem 895. 
— , bestrafte 895. 

Briefe 881. 

Dezernat 897. 

— , Gelegenheits- 877. 
— , Gewalttatigkeiten der 886. 
— , Handgreiflichkeiten der 887. 
— , Kuvert der 881. 

Konsortium 450. 

— , Notwehr gegen 893. 
— , Offensive gegen 893. 

— -Praktiken 876. 

— -Paragraph 253 Str.-G.-B. 894. 
— , passive Resistenz als Mittel 

gegen 893. 
— , Skruppllosigkeit der 893. 
Erpressung 449, 574, 692, 696, 

873 ff., 941. 
— , Ankiindigung von Zeitungsarti- 

keln bei 885. 
— , Dauer der 882, 892. 
— , Eh-ohung bei 885. 
— , einfache 889. 
— , Freiheitsberaubimg und 894. 
— , Fruchtabtreibung und 875. 
— , Hohe der 881. 
— , rauberische 16, 888. 
Erregungsversuche, erstmalige 

336. 
Erworbene Homosexualitat 209, 

265. 
Erythrophobie 147. 
Erziehung 75, 245, 336. 
fjxatOTjxtag 768. 
Eugenik 736. 
Eunuchen 604, 779, 820. 



Evangeliflchen, Verbreitung unter 

624. 
Evasohne 30. 
Eviration 266. 
Evolutionshemmungen 110, 372, 

940. 
Exhibitionismus 259, 299, 302, 

304. 



F. 



Facultas coeundi 200. 

Fahnenflucht, s. a. Desertierung 
900. 

Familienhomosexualitat 321 ff. 

Familiendisposition 41, 42, 43, 
321. 

Familiensinn 407. 

Farbenblindheit 373. 

Farbenhoren 372. 

Faschingsverkleidung 687. 

Feldmause 816. 

Fellatio 34. 

Fellatorismus 265. 

Feminasexuelle 11, 680. 

Feststellung des Nichtvorhanden- 
seins von Homosexualitat 925. 

Fexdinandea 831. 

FetischhaB 217. 

Fetischismus 259, 282, 299, 304. 

Fettverteilung 144.. 

Feuertod f. Homosexuelle 829u. ff. 

Filles galantes 27. 

Filles pierreuses 27. 

Filodelfos 281. 

Fistelstimme 134, 249, 934. 

Fixierung an die Mutter 104. 

— des Sensoriums 43. 

Flagitium contra naturam 37. 

Flagitium impurum 794. 

Flieger, Verbreitung unter 613. 

Formatrix 957. 

Forfl<3hungsraethodik 270. 

Fortpflanzung8m6glichkeit311. 

Fortpflanzungstrieb 311; s. a. 
Greschlechtstrieb. 

Fragebogen 239 ff. 

Frauen, Verbreitung der Homo- 
sexualitat unter 497 ff. 

Frauenbew'egung 647, 1008, 1012ff. 

Frauenduelle 729. 

Frauenlokale, homosexuelle 685. 

Frauentanze, obszone 609. 

Frauenvereine 1011. 

Freilichtgymnasien 636. 

Fremdenfiihrer 669. 

Fremdenlegion 194, 603, 518. 

Fremdenzentren 677. 

Fremdsuggestion 335. 

Freundespaare 677. 



Digitized by VjOOQIC 



Sachregister. 



1065 



Freundschaft 181; s. a. Differen- 
tial-Diagnose. 

— , physiologische 365. 

Freuiidschaften, erntische47,246 

Freiheitsstrafen fiir Homosexu- 
elle 827. 

Freunds-chaftsenthusiasmusSO, 
186. 

Friedlosigkeit 826; s. a. Verfol- 

Frictrices 33. 

Fricarelles 33. 

Frigiditat homosexueller Frauen 
96, 238, 301. 

Friseure 499. 

Frotteur (etymol.) 34. 

Fruchtabtreibung 875. 

Friihdiagnose 200. 

Friiherektionen 189. 

Fruktifizierung, soziale in Hel- 
las 19. 

Fiirsorgeerziehung 715. 

G. 

Ganse, homosexuelle 634. 
Gartnern, Verbreitung unter 515. 
Gastmahl des Trimalchio, s. Sym- 

posion 799. 
GedankenassozTationen 283. 
Gefiihlseindruck und -ausdruck 

175. 
Gefuhlsleben 162. 
Gefuhlsunterschiede 183. 
Gegenvorstellungen 190, 438. 
Geheimbiinde 675; s. a. Logen, 

Klubs, Vereine. 
Geheimsprache 723. 
Geisteskrafte 356. 
Geiistige Liebe 418. 
ixeistlichen, Verbreitung bei 606, 

909 f f . 
Geldstrafen 827. 
Gelehrsamkeit 159. 
Gemeinschaft der Eigenen 678. 
Gemiitsart 260. 
Gemiitseigenschaften 320. 
Genitalanomalien 329. 
Genitalapparat 125. 
Gentlemanverbrecher 878. 
Gerichtsreden 764. 
German custom 22. 
Gerontophilie 65, 280, 281. 
Geruch 176, 249. 
Gesangstimmen 133. 
Gesafiumfang 142. 
Geschaftsfahigkeit 928, 929; s. 

a. Begutachtung. ' 

Geschaftsreisendon, Verbreitung ' 

bei 504. i 



Geschichte der Homosexualitat 
737 ff. 

Geschlechts-Charaktere 125, 361, 
377, 457. 

Differenzierung 388. 

Instinkt 944. 

Krankheiten 293, 458, 460, 617. 

— -Orgjane 352. 

— -Reife 315, 246 ; s. a. Pubertiit. 

— -Substituierunff 86. 

— -Trieb 96, 255ff. ; s. a. Beherrsch- 
barkeit. 

Typus 152. 

tTbergange 30, 31, 41, 180, 187, 

231. 

Verkleidung 622. 

Verwandlun^sagen 602. 

Gesch macks differenzierung 

282. 

Ge sch mack seigentiim lie h- 
keiten 719. 

Geschmacksnerven 176. 

Geschmackstypus 279 ff. 

Geaellschaften 681; s. a. Vereine. 

Ge«etzbuch des Manu 605; s. a. 
Straftabelle. 

Gesichtsausdruck 249; s. a. Aus- 
sehen und Physiognomie. 

Gesichtshaut 146. 

Gesichtstypen 140ff. 

Gesten 151. 

Gewaltherrschaft 710. 

Geweihte 741. 

Gilgamesch (Nimrod)-Epo8 740. 

Girons 518 f. 

Gliedimitationen 36. 

Globetrotter 504, 527, 617. 

Godmich6 36, 289. 

Gonochorismus 636. 

Gonokokkenserum 459. 

Graophi^le 281. 

Graphologie 157. 

Greek-shops 558. 

Grettissaga 161. 

Griechische Liebe 20, 265. 

GroBe Mutter 560, 744. 

Grundtypen der Zwischenstufen 
360. 

Gruppenleben 674ff. ; s. a. Sym- 
biose. 

Gucklocher fiir Voyeurs 697. 

Gulathingsgesetz 827. 

Gutachten: Alkoholismus 209, Be- 
tatigungsart 987, Breuerprozel3895, 
Ehescheidung 93, 931, Frigidi- 
tat 216, Genital organe 126, Ge- 
richtsarztliche 545, Geschafts- 
fahigkeit 921, Horigkeit 940, In- 
fantilismus 303, der Medizinal- 



Digitized by V:iOOQIC 



1056 



Sacliregister. 



deputation 961. Meineidsprozei3 
12, Pseudohermaphrodit 223. 
Transvestit 233. Transvestitin, 
homosexuelle 171 ff., Verdacht, 
unbegriindeter 925, Verfiihrung 
921, Verfiigungsfahigkeit 929, 
Unterschlagungen infolge Er- 
pressuag 941. 

Gynacin 377, 416. 

Gynakerasten 16. 

Gvnakomastie 31, 139, 140, 273, 
'358. 

Gynakophile 281. 

Gynandrie 30, 31, 109, 229, 273. 

Gynandromorpliie 229. 

Gynoglottie 31. 

Gynosphysie 358. 

Gynotrichie 31. 

H. 

Haartracht, weibliche, der Scha- 

manen 623. 
Hande 146; s. a. Dia^ose. 
Hafenpromenaden 528. 
Halbkastraten 565. 
Halbprostituierte 718ff. 
Handarbeiten 161, 231. 
Handschrift 148 ff., 156, 248. 
Handschuhnummern 143. 
Hard labour; s. a. Verfolgung 649. 
Harem, Verkehr im 599. 
Harmoniegefiihl d. Griechen 767. 
Harnstottern 76. 
Haufigkeit des Vorkommens; s. 

Verbreitung. 
Hammals 668. 
Ham mam 8 667. 
Haushalt 676. 

Haut (Teint), s. a. Diagnose 248. 
He i land 504. 

He i lung der Homosexualitat 212 f. 
Heilungsbediirftigkeit 396ff. 
Helikophile 280. 
Hellenische Liebe 20. 
Hennebergische Landeaordnung 

831. 
Hemmungsbildung 370. 
Herbergen zur Heimat 502. 
H^r6tique 21. 
Hermaphrodi|tismus 31, 223, 

229 ff. 
— , partieller 364. 
Hermaphrodisie, psychische 266, 

267, 352. 
Heroinentypen 229. 
Herzneurosen 84. 
Hetairesis 768. 
Heterosexuelle Episoden bei Ho- 

mosexuellen 61. 



Hierodulen, mannliche 742; 9. a. 

Tempelprostitution. 
Hochzeitsfeste, urnische 706; s. 

a. Ehe. 
Hockergraber 686. 
hommes-^-femmes 666. 
Homo mollis 232, 290 f. 
Homoerotik 11. 
Homoiophile 284. 
Horigkeitsverhaltnisse 710. 
Horror feminae 93. 
Horror heterosexualis 3, 216ff., 

811. 
Hosenfetischismus 196. 
Hotels 692. 

HottentottenSchiirze 669. 
Hiiften; s. a. Diagnose 248. 
Huhnervogel 632. 
Hundemoral 630. 
Huris, mohammedanische 608. 
Hymen 128. 

Hypasthesie, sexuelle 306. 
Hyperaesthesia sexualis 304, 

346. 
Hypnose 397; s. a. Behandlung 

und Suggestion. 
Hypospadia peniscrotalis 226, 

Hysterie 84, 386 f., 940. 

I und J. 

Jagdwild, Homosexualitat bei 634. 
Jahrbiicher 1013 ff. 
Jahvismus 814. 
Janitscharen 624. 
Janusnaturen 649; s. a. Doppel- 

leben. 
Jargon der Hom osexuellen 296 ; a. a. 

C^heimsprache. 
Idealer Erotismus 61. 
Idiosynkrasien 171. 
Idvllenpoesie, bukolische 786. 
iegog Xoxog bei den Thebanem 627. 
Jesuiten 506, 689. 
ignominia 23. 
Imitation weibl. Geschlechtsteile 

36 ; 8. a. cunnus. 
Immissio in anum 821; s. pedi- 

catio. 

— in aurem 265. 

— in cavitatem oculi 266. 
Impotentia coeundi 80, 93, 94, 

191, 416. 

— generandi 191. 
Inadaequater Verkehr 292. 
Incas 6o8. 

Inclusa 956ff. 

Indifferenz gegen das andere Ge- 
schlecht 218. 



Digitized by VjOOQIC 



Sach register. 



2057 



Indifferenzperiode 46 ff. 
Infames, lea 38. 
in fames, corpore bei Tacitus 818. 
Infantile Sexualerlebnisse 340. 
Infantilismns 48, 281, 802, 940: 

s. Psychoanalyse. 
Ingenieure 513. 
Inklination, seelische 110. 
Ink ongruenzen, seelische 148ff. 
— , korperliche 124ff. 
— sexuelle 42, 125ff. 
Inkubisten 121. 
Innere Sekretion 376ff., 1025. 
Inquisition 834, 891. 
Inschriften von Thera 17, 18. 19. 

595, 761. 
Insekten 631. 
Insektenbiologie 632. 
Inserate 694; s. Annoncen. 
Interessen der Homosexuellen 65, 

161. 
Internatsschildernngen 46ff. 
Inter nierung in Irrenanstalten 

424 ff. 
Intersexes 11. 
Inversion 27 f., 379. 
Involution 940. 
Inzest 105. 
Inzestschranke 46. 
Isolationstherapie 422ff., s. a. 
Irrumatio 34, 288. 
Irresistibility 339. 
Jockeys 513, 544. 
— , weibliche 644. 
Josephina 835. 
Jours fixes 679, 
Juckreize 190. 
Judentum 817. 

Judikatur, osterreichische 545. 
— , ungarische 592. 
Jugenderinnerungen 113. 
Jugendliches Aussehen 151. 
Jugendapiele, s. a. Diagnose 211. 
Jungfern, alte 102. 
Jiinglingsvercinen, Vtrbreiturig 

in 644. 
Juristentag 968. 
Juris ten, Verbreitung bei 505. 

K. 

Kaffeegesellschaften 678; s. a. 

Gesellschaften. 
Kameradschaf ts-Ehen 407. 
Kadettenliebe 591. 
,,Kainszeichen" 151. 
kaldaunen 36. 
„Kaliberfrage" 69. 
xaloi als Kollektivbezeichnuiig 664. 

756. 

(y Hirschfeld, Homosexualitat. 



Kapuziner 581. 

Karneval, Geschlechtsverkleidung 

im 687. 
Kastration 129, 422, 425, 824. 
Kastrationstherapie 412, 422ff. 
Katorga 847. 
Katholiken 623. 
Katholische Beichte 472. 
Katholischen Klerus, Verbreitung 

im 581. 
Kaufmanns stand, Verbreitung im 

514. 
Kavallerieoffiziere 517. 
Kehlkopf 134, 249, 356, 364, s. a. 

Diagnose. 
Keimdriisenbefund 1025. 
Keisei-Kabuki (Dirnen-Tlieater) 

622. 
Kellnern, Verbreitung unter 499. 
Kettenringe 168. 
Ketzer, sodomitische 832. 
Ketzerei 21. 
Kinado 40. 
Kindesalter 364. 
Kinderspiele, s. a. Diagnose 117. 
Kinderphotographieen siehe 

Diagnose. 
Kind he it 108, 243 ff. 
Kindheitserinnerungen 44ff. 
Kirchenrecht des Gulathinge 534. 
Klatschsucht 541. 
Klasse-Jungeh 718. 
Klavierspieler in Kneipen 684. 
Klassiker, deutsche 944 ff. 
Klaijsif izierung 270ff. 
Kleidung 165, 168ff. 
xXsivog S. a. xaXog 764. 
xXtjvog 18. 
Klimakterium, mannliches 130, 

214. 
Klistiere als atiolog. Moment 327. 
Klitorismus 33, 127, 266, 102. 
Klubs Homosexueller 676, 678. 
Knabenbordelle 276, 616. 
Knabenmadchen 370. 
Knappe 18. 
Kochen 161. 
Koedukation 99. 
Kohabitationsversucho 80. 112. 
Koitus normalis 94. 
Kommandostimme 134. 
Kommissionsberatung 986ff. 
K () m i t e e , w'sscn- chaf Mic^li-humani- 

tares, s. Wisst'iisrliaftlicli- 

humanitai'es Komitoe. 
Komitet;, polizeiarztliches 563. 
Komodie, griechische 771. 
Komplikationen 910. 
Komponenten 209. 
Konstabler 593. 

67 



Digitized by VjOOQIC 



1058 



Sachregister. 



Konstitution, homosexuelle 395 

u. ff. 
Kontrasexuelle 296. 
Kontrarsexualismus (Etvmo- 

logie) 6. 
Kontrasttraume 74. 
Konvenienzheirat 408. 
Kopfbehaarung 136ff. 
Koprophagie 302, 373. 
Koran 667, 698. 
KoTophile 281. 
KoVperbau 143, 145, 247, 404. 
Korperbehaarung 120. 
Korperverletzungen 676. 
„Krampftoureii" 721. 
Krampfe 404. 

Kranichtanz der Aino 625. 
Krankenwartern, Verbreitiing 

unter 504. 
Kriegerinnen 614; s. a. Ama- 

zonen. 
Kriegskameradschaft 747; s. a. 

Kameradschaf t s - Ehen. 
Kriminalpsychologie 1009. 
Kriminalstatistik 994ff. 
Kriminalwissenschaft 1002. 
Kryptorchismus 126. 
Kuchenhandler 878. 
Kulis 611. 
Kiimmerlinge 198. 
Kunst als Aquivalent 443. 
Kiinstliche Geschlechtsteile 289; 

s. a. cunnua, dildo, merkin. 
Kunstreiter 613. 
Kunstwerke, bevorzugte 66. . 
Kup clei, homosexuelle 570. 
Kup'plerwesen 726f. 
Kufiaversion 95. 
KuBfetischiat 208. 
Kyniker 787. 
Kyropaideia 762. 

L. 

Labi li tat des Zentralnervensy stems 

42, 177, 388. 
Lachkrampfe 175. 
Lambitus 23, 287. 
L and p lag en bei Carpzovius 816. 
Landrecht, allgemeines preuBi- 

sches, 835. 
Land- und Stadtrechtsbuch 823. 
Larrio 289. 

Latent e Homosexualitat 295. 
Lazarettgehilfen, Verbreitung 

unter 6, 16. 
Lebensaltor 202, 495. 
Lebensfiihrung 158ff. 
LebensiiberdruB, s. a. Folgen der 

Verfolgung 318. 



Lehrerinnen, Verbreitung unter 

600. 
Leichenfledderei 195. 
Lex Heinze 982. 
Lex Heinze-Kommission 984. 
Lex Julia de adulteriis 793. 
Lex Romana Visigothorum 830. 
Lex scantinia 791. 
Lieblingsfarbe 176. 
Lie be zu Geschwistem 205. 
Liebfreundschaft 185. 
Liebesnachspiel 192. 
Lieblingsminne 807. 
Lieblingssklaven 738. 
Liebeszweck 310ff. 
Literaturfalschung 597. 
Logos erotikos 764. 
Logen (in Osterreich), s. Bediirf- 

nisajistalten lu Sammchtatten. 
— s. Vereine. 
Lokale, homosexuelle 682f. ; s. a. 

Klubs, Vereine. 
Liebesgesellschaften 677. 
Liebesraub 764. 
Liebeszwitter 32. 
Liebhabereien, fttischistische 

283 f. 
Lieblingsbeschaftigung 158ff. 
Linkshkndigkeit 166. 
L i s t e beriihmter Homosexueller 

649 ff. 
Literatur, belle tr is tische, uber 

Homosexualitat 1018 ff. 
Literatur, chinesische 67, 613, 

617, 620. 
— , griechische 19. 
— , schwedische 536. 
— , wissenschaftliche 1013ff. 
Lockspeise 877. 
Lockvogel 877. 
Liigenhaftigkeit 163. 
Lumbalsegment 188. 
Lustknaben 800, 819. 
Lustmord auf homosexueller Basis 

416. 
Lysis 772. . 



Madchenknaben 307. 
Maikaferpaare 630; s. a. Tier- 

reich. 
Mannerbordelle 449, 581. 
Mannerbiinde 607, 646. 
Mannerhauser, s. a. Schlafhauser. 
MannerhaB 180. 
Mannliche Ammen 738. 

— Kultur 1008. 

— Kypris 743. 
Mannweiber 272. 



Digitized by VjOOQIC 



Sachregister. 



1059 



Magier, Homosexuelle als, bei pri- 

mitiven Volkern 641. 
Mahhous 609. 
Mai d'Orient 20. 
^aXaxog 29, 175. 
Mamelucken 624, 738. 
Mandarine 617. 
Mange Ihafte Geschlcchtsempfin- 

dung 96. 
Manifestwerden cler Veranlagung 

326. 
Mannlinge 273. 
Manthanophile 285. 
Mannequin-Vorfiihrungen als 

Treffpunkte homosexuellerFrauen 

690. 
Maricones 30, 589. 
Mariendienst 165. 
Marine, Horn osexuali tat in der 520. 
„Marinelaster" (vice marin) 521. 
Mary- Ann 27; s. a. Schimpfnamen 

und Jargon. 
Masochismus 121, 229, 259, 261, 

300, 304, 431, 691. 
Masseure 567. 
Mastdarmtripper (Therapie) 456, 

469. 
Masturbation 33, 239; s.a. Onanae. 
Mater Carolinae 831. 
Medien 397. 
Medizinmanner 641. 
Megalomanie 456. 
Meinung, offeiitliche 1006, 1008; 

s. a. volksempfinden und Presse. 
Mellephebos 18. 
Membrum artificiale 36. 
Menstruation 120, 129. 
Menstruationsaquivalente 130. 
merkin 36; s. a. cunnus succe- 

daneus. 
Metallarbeiterenquete 493; s.a. 

Statistik und Verbreitung. 
Micaoperation 129. 
middle sex 29. 
Mignons 518, 703. 
Milchdriisen 139. 
Milieu 346. 

Militargarnisonen in China 614. 
Militarstrafrecht, romisches 790. 
Militartauglichkeit 516. 
Mimik 149. 
Mimikry, sexuelle 467, 528, 529, 

626. 
Mikromastle 139. 
Minder vvertigkeit, gcistige 391. 
Minimalzahlen 498. 
Mischgeschopfe 757. 
Misogynie 97. 
MiCbrauch der Dienstgewalt 818. 



Mittelgeschlecht 648. 
Mittlerstellung der Homosexu- 

ellen 640. 
Mixoskopie 301. 
Mneme 376. 
Mostellaria 793. 
Morde 592, 888, 959; s. a. Lust- 

morde. 
Morphinismus 212, 382, 422, 915. 
Monosexualismus 179, 268. 
Mons veneris 355. 
Montgomerysche Driisen 140. 
morbus gallicus 22. 
Movoa jiatdixf) 772. 
Miillersche Gauge 364. 
Mujelojstwo 590. 
Mujerados 37, 231, 555. 
Muiiebriores 273. 
Muliebritat 353. 
Musik, Verhaltnis der Homosexu- 

ellen zur 175, 253, 500, 509, 510. 
Muskulatur 144, 247. 
Muslim 524. 
Mutterkomplex 104; s. a. Fixie- 

nmg an die Mutter. 
Mutterliebe 13, 104ff. 
Mutterwunsch. 373. 



N. 

Nachkommenschaft homosexu- 
eller Eltern 39, 96; s. a. Ver- 
erbung. 

Nachttraume 71ff, 75. 

Nachweis des Nichtbestehens 
homosexueller Triebrichtung 931. 

Name Iff. 

Nameless crime 37. 

Namenstausch 609. 

Nan sliok, Paderastie in Japan 611, 
618. 

Narzissmus 269, 343. 

Naturvolker 21, 526 ff. ; s. a. Ver- 
breitung. 

Naturzweck 262. 

Naturwidrigkeit, s. Widematiir- 
lichkeit. 

Nebenstromungen 1007. 

Negatives Verhalten 80 ff., 236. 

Negativismus, tub jektiver 128. 

Neigungsheiraten 241. 

Nekrophilie 302. 

Neoterophile 280. 

Nervensystem 174ff., 177, 249. 

Nervina 440. 

Nervose Dyspepsien 84. 

— Storungen 242. 

Neugier 261. 

67* 



Digitized by VjOOQIC 



1060 



Sachregister. 



Neurasthenia sexualis 400, 455. 

— universalis 177, 345, 383, 400, 
440, 915. 

Neuropathische Disposition 298, 

386, 440, 874. 
Neurose 915. 
Nichtvorhandensein der Homo- 

sexualitat 925. 
NieBen 156; s. a. Diagnose. 
Xomenklatur, folkloristische 37; 

s. a. Name. 

— der Homosexual itat 20 ff. 
Nomoi 778. 
Normbegriff 121, 384. 
Nymphomanie 304. 

O. 

Obdachlosen-As3de 502. 
Objekthomosexuelle 28, 277. 
Objektivierung subjektiver Emp- 

findungen 98. 
Objektwahl 341. 
Obmannschaft 975. 
Obsessions 339. 
Offiziere, urnische 527, 643. 
Oidipodeia 748. 
Okama 618. 
Okitsu 618. 
Okkasioniisten 296. 
Olisbos 289. 
Onanie 25, 33, 111, 246, 296, 329, 

332, 998; s. a. Masturbation. 
Onanistische Praktiken und Straf- 

gesetz 839. 
Onled Nails 568. 
Onomatomanie 383. 
Operative Behandlung 189, 425. 
Option 563. 
Organisation 973. 
Orgasmus 93. 
Originare Anlage 111. 
Ornithologen-KongreB 633. 
„oscar, to" 26. 
Ovarien 75, 128. 



Padagogik und Horn osexuali tat 

639, 162. 
Paderastie, epileptische 214. 
Paderastenabteilung am Poli- 

zeiprasidium 1000. 
Paderastenliste 17, 1000. 
Paderastenpatrouille 17. 
Paderastie 7, 12, 16, 17, 33, 35, 

265. 
Paderastisclie Baals verehrung 

743. 
Padophile 281. 



jtaidsQaaiia 752. 815. 

jraiSixd 18, 820 bei Xenophou. 

jtatScov^Qfog 752, 765, 763, 764,766, 

809. 
Pais 18. 

Palm yr- Bar 664, 683. 
Papyri, egyptische 738. 
Paraffininjektionen 140. 
Paranoia 214, 456. 
naQaatdxrjg 18, 764. 
Par films 166, 176, 249. 
Parhedonien 29, 346, 456. 
parisexuell 11. 
Parsifal 689. 
Parthenophile 281. 
Partielle Attraktion 206f. 
Partialtranpvestiten 169. 
passatempo 36. 
Passionisten 296. 
Passive 264 ff. 
Passivismus 121, 286, 369. 
Paatoralmedizin 394, 420. 
Pathikus 265, 767. • 
Pathologische Assoziation 338. 
Pathologisches im Sexualleben 

361. 
peccatum sodomiticum 835. 
Pedicatio cum phallo 291. 
Pedikation 24, 265, 288, 293. 
Pedicones 281. 

Peinliche Grerichtsordnung 822. 
penilinctio 20, 717. 
Penis 126. 
Pensionate 337. 
Pensionierung liomosexu3ller Be- 

amter 454. 
jrejtaQvevfisvog 768. 
Periodische Bisexualitat 212. 
Personliche Eigenart 271. 
Per vers 28 (Definition). 
Perversion 33, 394. 
Perversitat 394. 
Petit d^faut 38. 
Petit-Jesus 27. 
Petition um Aufhebung des § 175. 

869 ff.., 973 ff., 976. 

— um Aufhebung des § 176, An- 
hang zur, 978. 

— um Aufhebung des § 175, Bera- 
tungen im Keichstag iiber die 
982 ff. 

— um Aufhebtmg des § 175, Nach- 
trag zur 978. 

— um Aufhebung des § 175, Unter- 
schriften fiir die 977. 

Petitionsunterzeichner, Zu- 

satze der 979 ff. 
Pfeifen, s. Diagnose 166, 247. 
Pflanzenreich, Homosexuali^t 

im 322, 353. 



Digitized by VjOOQIC 



Sachregister. 



1061 



PflichtkuB 203. 

Phallus 290. 

Phantasie 85, 115. 

Pharaone 739. 

Philippika 783. 

Phimose 126, 189. 

Phrenokardie 916 ff. 

qpva^Vf xara 770. 

(pvatv, Jtaga 770. 

Physiognomie 149; s. a. Aussehen 

und Gesichtsausdruck. 
Pisangfriichte 607. 
Plate n-Gresellschaft 678. 
Platonische Liebe 25, 33, 185. 
Platzfurclit 383. 
Poikilographen 866. 
Politeia 778. 

Politische Anschauuug 522. 
Polizei 1000 ff.. 
Polizeibeamte, iirnische 516. 
Polizei be horden, Praxis der lOOD. 
Polizeichef 684. 
Polizeiliste der Urninge 17. 
Pollutionen 71, 73, 239. 
Pollutionstraume 189, 227, 289, 

317. 
Polyhymnier 10. 
Polymastie 140. 
Polymathie 785. 
Polymorph pervers 304. 
Porneia 769. 

Postbeamte, umische 515. 
Potenz 238, 331. 
Potenzherabsetzung 417. 
Potenzsteigerungstherapie417. 
Pracordialangst 64, 455. 
Praliminarien 292. 
Praparatori'Sches Stadium 292. 
Prangerstehen 825; s. a. Strafen. 
Preller 547, 878; s. Erpresser. 
Prellerjargon 723. 
.,Prielltou/* 721. 
Presbyterophile 280. 
Presse, s. a. offentliche Moiuung. 
— als Vermittlerin homose^uelleii 

Verkehrs 694. 
Priapismus 415. 
P r i e s t e r , homosetxuelle 507. 
Priestergesetz 814. 
Priesterkaste 623. 
Priesterliche Sanktion ehoartiger 

Freundschaftsbiindnisse iintcr 

Mannern 609. 
Priesterschulen, mohammeda- 

nische 607. 
Privatgesellschaften Homo exu- 

eller 678 ; s. a. Klubs, Vereino, 

Gesellschaften. 
Proditio 791. 
Produktion 69. 



Professionisten 296. 
Proiektion der urnischen Psvche 

69. 
Procreationsuihilismus 369. 
Prophetentum 641. 
Prostata 356. 

Prostatahypertrophie 188 f. 
ProstituieVte u. Erpressungen 876. 

— Gelegenheits- 713. 
— , gewerbsmaBige 716. 
— , homos exuelle 601. 

— , mannliche 36, 97, 192, 296, 449, 

615, 804. 
Prostituierten-Jargon 723. 
Prostituierte, Vorliebe fiir 282. 
Prostituierten, Geschlechts- 

krankheiten bei 617. 
Prostituierte, weibliclie 36, 284, 

330. 
Prostitution 187, 579, 591, 591. 
— , mannliche 711, 733 ff. 
--, Prophylaxe der mannlichen 735. 
— , mannL, Veranlassiing zur, 713 ff. 
— , tribadische 712. 
Prostitutionsbekampfung 735. 
Proximale Eeize 186. 
Prozentsatz der Homosexuellen 

473 ; s. a. Verbreitung. 
Prozesse wegen unziicb tiger (ho- 

mosexueller) Schriften 569. 
Ps eudo-Anakreontea 805. 
Pseudoandrogyne 297. 
Pseudoformen 180. 
Pseudohermaphroditismus 31, 

223, 225, 297. 
Pseudoheterosexualitat 194f. 
Pseudohomosexualitat 187. 

209, 268, 297, 329, 689. 
Pseudoinvertierte 580. 
Pseudologia phantastica 164. 
Pseudotransvestitismus 297. 
Psyche 40. 
Psychische Behandluug 400; s. a. 

Sug^gestion und Hypnose. 
Psychoanalyse 164, 180, 199, 

261, 277, ' 283, 340, 400, 427, 

430, 433. 
Psycho biologisc her Frai?(0)ocren 

240 f f. 
Psycho path ische Entartuiig 339. 

— Konstitution 164, 345; s. a. 
Xeuropathische Konstitution. 

Psvchosexuellc Hermaphrodisie 

267. 
Pubertat 246, 316 f. 
P u be r ta t s ver lau f Homosexueller 

121. 
Pubertatsweihen junger Mad- 

clien 609. 
Pubes 358; s. a. Schambehaanmg. 



Digitized by VjOOQIC 



1062 



Sachregister. 



Puderbiichsen 168. 
puer praetextatus 794. 
Pygismus 36, 290. 
Pygmalionismiis 68, 302. 

Q. 

Qualifikationen 818. 



„Rabeii*' 30. 

Rachenschanker 458. 

Radikalkur 402. 

j.Ratsel*' der Homosexualitat 309 ff. 

Rauspern 156. 

„Raxen' 722. 

Rassenhygiene 391, 736. 

RechtsbewuBtsein im Volke 

961 ff. 
Rechtslage d. Homosexuellen 810. 
Reflexzentrum 187 ff. 
Re gel (Menses) 120. 
Reichsgericht, Entscheidung;;n 

des 837. 
Redseligkeit 163, 251. 
Regenerationshypothese o93ff. 
Rehabilitierung Homosexu:;lIer 

912, 942 ff. 
Reifezeit 108 ff; s. a. Pubertjit. 
,,Reise nach dem Orient" 20. 
Reizbarkeit, erogene 294. 
Reizhunger 331. 
Reizschuhe 719. 
Reizwasche 719. 

Religionen, Verbreitung nach 251. 
Religionstherapie 420. 
Religionszugehorigkeit der 

Homosexuellen 523. 
Religiositat, briinstige 419. 
Renaissance 666. 
Renifleurs 302. 
Renommiersucht 926. 
Renommierweiber 103. 
Renter 547. 

Revolverblatter, Titel der 885. 
Revolverjournalisten 887. 
Richtstatten f. Homosexuelle 833. 
Richtung des Triebes 54. 
Riechflaschchen 168. 
Ring wee lis el bei eheartigen Biind- 

nissen 711. 
Ritterorden 646. 4 

Rhamasan 568. 
Rhetorik 781. 
Risiko 997. 
Roman, griechischer 807; s. a. 

Literati! r. 
Romerbrief 313. 
Roues 330. 
Rumpfbewegungen 153. 



Rundfragen 479ff, 487; s. a. Sta- 

tistik. 
Rupfer 878. 
rupin 27. 
„Russischer Eros" 591. 

S. 

Sachverstandigentatigkeit vor 

Gericht 918-941; s. Gutachten. 
Sadismus 87, 97, 121, 259, 299. 
Sag en, altgermanische 38. 
Sagitta 1022. 
S abac at in Marokko (fricatrices") 

569. 
Sakralse^ment 188. 
Sammelplatze, s. Ankniipfiings- 

punkte. 
Sammelstatten Homosexueller 

675 ff.; s. a. Ankniipfungspunkte. 
Sanatoriumsaufenthalt 920. 
Sanctus paderasta 759. 
Sanskrit-Literatur 603. 
Sappliische Liebe 25. 
Saris 139, 141. 

Satisfaction consecutive 339. 
Satyriasis 304, 416. 
Satyrdrama 753. 
Schamgefiihl 75 u. ff. 
Schandung 791. 
Schatzungen (iiber Verbreitung) 

der Homosexualitat 474. 
Schamanismus 623 u. 624. 
Schamgefiihl 76, 257. 
Schambehaarung 135ff., 138, 

224; s. a. Pubes. 
Schauspieler 253, 512, 612. 
Schautrieb 299, 301. 
Scheu 483. 
Schimpfbilder fiir Homosexuelle 

825. 
Schimpfworte 589, 827. 
Schlachtfelder 620. 
Schlaflosigkeit 84, 97. 
Schlafhauser (in Niederl. -Indian") 

607 ; s. a. Mannerhauser. 
Schlepperwesen 725, 729. 
Schmahbriefe 69. 
Schmalhiiftigkeit 143. 
Schmerzempiindlichkeit 248. 
Schmucksachen 168. 
Schnecken 353. 
Schreckhaftigkeit 243.- 
Schriftgelehrtentum 814. 
Schriftziige 157, 248, 360; s. a. 

Handschxift. 
Schritt 154ff., 247. 
Schiilerfreundschaften 621. 
Schuhnummern 143. 
Schuldbewui3tsein 409. 



Digitized by VjOOQIC 



Sachregister. 



1063 



Schulterlinie 141, 248. 
Schulverweisung wegen homo- 

sexueller Vorgange 838. 
Schulzeit 116ff. 
Schutzalter 8i3ff., 989-993 ft. ; s. 

a. Straftabelle. 
Schutzleute 646. 
Schwabenspiegel 823. 
Schwane 634. 

Schwangerschaftshafi 408. 
Schwarmgeister 1007. 
SchweiBabsonderung 147. 
Schwester (Syn.) 30. 
Schwul, s. a. Schimpfworte und 

Jargon. 
Sedatti (in Niederlandisch Indien) 

606. 
Seelenzwitter 32. 
Sehnsucht 63ff., 912. 
Sekte der Anandrynen 677. 
Sekretion, innere 131 ff. 
Selbfltanzeige 897. 
Relbstbefriedigung 401; s. Ona- 

nie. 
SelbfitbewuBtsein 161. 
Selbstbiographien Homosexu- 

eller 911. 
Selbstbekenntnis 15, 1004. 
Selbstmorderbriefe 904. 
Selbstmorder, Todesarten der 914. 
Sel^bstmorde, Allgemeines 59. 242, 

386, 679. 
— , demonstrative 911. 
— , Doppel- 913. 
— , Eifersucht und 912. 
— , Erpressung und 907. 

— nach der Hochzeit 91. 

— aus Rucksicht fiir die Umgebung 
909. 

— , Statistik der 903. 
— , Strafvollzug und 907. 
— , Untersuchungshaft und 906. 
— , Urteilsverkundigung und 906. 
Selbatmordmanie 3§3. 
Selbstmordversuche 260, 902. 
Selbstdiagnose 203. 
Selbsttauschungen 926. 
Selbstvernichtung, s. a. Selbst- 

mord 912. 
Selektionsprinzip 435. 
Sellarii 19. 
Senectas 281. 
Sensationsprozesse 5C1, 1008; 

s. a. Skandale. 
Sensitivitat 64ff., 360. 
Sexualablehnung 99, 180. 
Sexualerregungen, unwillkiir- 

liche 76, Id. 
Sexualkonstitution 346. 
Sexualhormone 416, 



Sexualheuchelei 540. 
Sexualorgane 365. 
Sexualpersonlichkeit 195. 
Sexual transitions 622. 
Sexualtypus 121. 
Sexualvarianten 345. 
SexualverhS.ltnis 486. 
Sexualwissenschaft 1G2>. 
Sexuelle Horigkeit 929. 

— Inkongruenzen 125. 
Siau kon 617. 
Siderischer Pendel 155. 
Similisexuell 11. 
Simple life 421. 
Sing-sang Boys 616. 
Sinneseindriicke 175, 186. 
Sinnesorgane 174ff. 
Sinologie 613. 

Sissy men. 507. 
Sittenkodex, attischer 769. 
Sittlichkeitsvereine 644. 
Skandale 11, 592, 1006; s. a. 

Sensationsprozesse. 
Sodomie 23, 77. 

— als politisches Verbrechen 836. 

— (als Schimpfwort) 24. 
Sodomiter 588, 836. 
Sodomitische Ketzer 832. 
Sodoms Siinde 349. 
Sokratische Liebe 25. 
Soldatenfreier 282. 
Soldatenliebe 282, 731ff. 
Soldatenprostitution 581, 591, 

730; s. a. Prostitution. 
Solidaritatsgefiihl 675. 
Sophrosyne 73. 
Soror Carolinae 831. 
Sotadische Liebe 25. 

— Zone 628. 

Sous-brigade des p6d4rastes 

563. 
Souteneur 27. 
Soziabilitat 393. 
Sozialdemokratie 982ff. 
Soziale Bedeutung des Urning- 

tums 466. 

— Stellung 274. 
Soziologie 463ff. 
Spazierstocke 168. 
Speichellecker 302. 
Spermien 224, 357. 
Spermaabsonderungen beim 

Weibe 131. 
Spermaflecke 939. 
Spermanachweis 938ff. 
Spermasekretion 125. 
Spermatophagen 302. 
Spermatozoen 126, 224, 938. 
Sphincteren-Hypothese 331; s. 

a. Kaliberfra^e, 



Digitized by VjOOQIC 



1064 



Sachregister. 



SpieBrutenlaufen 825. 

Spionage 195. 

Spitznanien 722ff. 

— . weibliche, Homosexueller 111; s. 

a. Bundnisformen. 
Spintrii 19, 798. 
Sport als Aquivalent 143. 
Spottnamen 30; s. a. Biindnis- 

formen. 
Spracbfetischismus 283. 
Sprichworter GOO. 
Staupung 825. 

Stammbaum d. Homosexuellen 391 . 
Stammtische 682; s. a. Vereine, 

Klubs. 
Statistik 73, 88, 115, 135, 138, 

140. 145, 154, 156, 161, 169, 175, 

177; 232, 283, 288, 314, 316, 320, 

338; 343, 357, 465, 704, 879, 993, 

994. 
Steinigung fiir (passive) Pedi- 

kation 586. 
Stereotvpie 293. 
Sterilitat 408ff., 412, 438, 46Gff., 

475, 497, 500, 513, 530, 559. 
Stichproben 475ff. ; s. a. Statistik. 
Stiefelputzer als Prostit. 579. 
Stierkampfer 578. 
Stilistik 313. 

Stillungsunfahigkeit 139. 
Stimme 249; s. a. Fistelstimme, 

Kommandostimme. 
Stimmlage 135. 

StimmwechBel 119, 132, 133ff. 
Stimmhohe 133ff. 
Stimmung 161. 
Stimmungsschwankungen 212, 

388. 
Storungen d. Nervensystems 177, 

249. 
Strafanstalten, Homosexualitat 

in 520. 
Strafen 843ff. 
Straffreiheit 997. 
Strafgesetzgebung 841. 
Strafmiindigkeit 997. 
Strafrechtliche Begatachtung 

918 
Straftabelle 842ff. 
Straf versetiing in China 615. 
S trie he 528, 547, 551, 577, 593, 

616, 696, 716; s. a. Sammel- 

statten. 
Strichjnngen 30; s. a. mannliche 

Prostitution. 
iStudentenenqueto 480ff. ; s. a. 

Statistik und Verbreitnng. 
Student innen, Verbrcituug der 

Homosexualitat 116. 
Stumme Siinde 835. 



Sublimierung des Triebes 444. 

Succubisten 121. 

Suggestion 335-401; s. a. Behand- 

lung und Hypnose. 
Suggestionskraft und Literatur 

336, 337. 
Suggestionstherapie 428; a. a. 

Behandlung. 
Suggestiv-Fragen 139. 
Supervirilitat 275, 366. 
Surrogatakte 193, 285ff., 332.503, 

544. 
Symbiose der Homosexuellen 

636ff., 641ff., 673. 
Symposion 7, 42ff., 674, 774. 
Symptoraatologie 42ff. 
Symptomtrias 179. 
Syndrome 339. 
Synodalbeschlusse 830. 
Synoden, kirchliche 828. 
Synonyraa 29. 
Syphiiidophobie 455. 
Systematiflierung 305, 361. 
Szythenkrankheit 21, 37, 231. 

T. 

Tabola rotonda 573. 

Tactus genitalium 547. 

TagebiicheT 100. 

Tagtraume 70. 

„Taille" 141. 

,,Tante" (Syn.) 30; s. a. Jargon, 

Schimpfwbrte. 
Tanz 513, 554, 600, 684. 
Tanzjungen 606^. 
Tanz en unter Mannern 570. 
Tanze in Persien 600. 
Tardive Homosexualitat 209, 295. 
Tascheninhalt 168. 
Techniker 513. 
Tempelknaben 739. 
Tempelprostitution 813ff., 741. 
Tempelschander 231. 
Terminologie 32; s. a. Nomen- 

klatur. 
Testes, Diagnose (bei Pseudo- 

hermaphroditismus) 75. 
Theaterschiiler, chinesische 616. 
^rjXeta vovaog s. a. Szvthenkrank- 

heit 349, 745. 
^TjXvdQiat =^ Effeminierte 650. 
Theologen 506. 
Thesmophoriazusen 753. 
third sex 29. 
Tiefenreaktion 812. 
Tierhomosexualitat 779. 
Tierreich, Homosexualitat im 322. 
Timarchea 767. 
Tituskopfe 41. 



Digitized by VjOOQIC 



Sachregister. 



1065 



Todesarten der Selbstm order 914. 
Todesstrafe fiir Homosexuelle 821, 

836, 1016. 
Toilettenkiinste 147. 
Toleranz der deutschen Klassiker 

der Homosexualitat gegeniiber 

946 f f . 
Toreros 578; s. a. Stierkampfer. 
Totaltransvestiten 169. 
Toucheure 302. 
Touren 721 ff. 
„Touren, Solide" 721. 
Traume 71 ff., 75, 244, 267, 317, 

806, 955. 
Tramps 601. 

Transformationsgefiihl 213. 
Transgestismus 152. 
Transmutatio sexus 266. 
Transplantation v. Ovarien 377. 
Transvestitismns 31, 121, 169, 

171, 222, 232. 319, 360, 621. 
— , partieller 170. 
„Traumdeutungen" des Artemi- 

doros 806. 
Traumleben (Diagnose) 72 ff. 
Treffpunkte, s. Ankniipfungs- 

punkte. 
— , Internationale in London 547. 
— , s. Ankniipfungspunkte. 
Treuversprechungen 761. 
Tribadie 16, 21, 33, 34, 265 ff., 

644, 606, 607, 624, 629. 
Trieb 3, 54. 
Triebzentrum 187 ff. 
Triebrichtung 255, 264, 305. 
Triolismus ST. 
trtiya prakrtit 604. 
Troster 289. 
Turnen 144. 
turpitudo 23. 



Ubiquitat 346. 

ITferpromenaden 644. 

Uebergangsjahre 993. 

Uebersattigungstheorie 329, 
722. 

C7eberkompensation 812. 

Uebertragung 341. 

Ultravirilisten 275. 

Um frag en iiber die Verbreitung 
der Homosexualitat 974 ; s. a. 
Statistik. 

Umgebung der Homosexusll^n 65. 

„Umsatteln" 498. 

Umschreibungen 1-38. 

UnbeeinfluBbarkeit der Trieb- 
richtung 436. 

UnbewuBte Homosexualitat 14, 51. 



Unfruchtbarkeit, physische 637. 
LTngliickliche Liebe 63. 
tTniversitaten, Verbreitung auf 

552. 
CJnlustgefiihle 82, 83. 
Unterhautzellgewebe 146. 
Unterlagen fiir Gutachten 918, 

931; s. Gutachten. 
LTnterschlupf 725. 
CTnterschriften, gefalschte 883. 
Untersuchung, korperliche 228. 
Untersuchungsmethoden 237 ff. 
Unweibliches Wesen 158. 
Unwissenheitszustand 203. 
Unzurechnungsf^higkeit 941. 
Urania 776. 
Urania (Venus-) 7. 
Uraniaster 8. 
Uranisierung 8. 
Uranismus, absoluter 374. 

— genuinus 306. 

— spurius 306. 

— simplex 306. 

— complicatus 306. 

— (Wortbildung) 6, 646. 
Uranodionaismus 203. 
Urnenf unde in Peru 588. 
Urnierengange 363. 
Umingshochzeit 583. 
Urningsballe 271, 686. 
Urningsklub, mssischer 677. 
Urnindenehe 584. 
Urningskneipen 683. 
Urnische Familie 391. 
Ursachen der Homosexualitat 110, 

296, 309, 319. 
Uterus 128. 
Uterus bicornip 371. 



Vagabunden 501. 
Variationsbediirfuis 331. 
Varietatshypothese 384ff. 
Vari^t^kiinstler .512. 
Vegetarierkolonien 421. 
Venus aversa 803. 

— Urania 944. 
V^erantwortlichkeit 936. 
Verbannung nach Sibirien 822. 
Verbreitung unter Frauen 500. 

— nach Berufen 504. 

— in Italien 572. 

— in angelsachsischen Lardern 
526 ff. 

— in Asien 590 ff. 

— in Deutschland 631. 

— bei Israeliten 523. 

- in germanischon Landern 526 ff. 

— in Holland 632. 



Digitized by VjOOQIC 



1066 



Sachregister. 



— bei der indianischen Urbevolke- 
rung 654. 

— in Europa 590 ff. 

— in romanischen Landern 661 ff. 

— in RuBland 691. 

— in Skandinavien 534. 

— in Siidamerika 581 ff. 

— im Tierreich 629. 

— in Transvaal 558. 
Verdrangung 341. 

V^ereine, eingescbleclitliche 643, 
646; 8. a. Klubs, Geserscbaften. 
— , homosexuelle 676. 
Vererbung 362, 410. 
Verfolgung durch Cbanteure 873ff. 

— durch Erpresser 873 ff. 
— , Folgen der 899 ff. 

— durch Gesetz und Gesellschaft 
810 ff. 

— , Ursachen der 817. 
Verfolgungsideen 456. 
Verfolgungstyp 278. 
Verfolgungswabn 916. 
Verfiigungsfahigkeit 928. 
Verfiihrung 191, 260, 334 (aeti- 

ologisch), 921, 925. 
Verfiihrungsh vpotbese 481. 
Vergewaltigung 819, 938. 
Verhalten gegeniiber dem anderji 

Geschlecht 80 ff. 

— zum gleichen Geschlecht 4L 
Verheiratung Homosexueller 88. 
Verkehrsformen, Bezcichnungon 

nach Landern 20. 

Verlegenheitsbewegungen 155. 

Verlobungen 91, 706. 

Verlogenheit 1063. i 

Verschnittene 612, 744; s. a. Ka- 
stration und Eunuchen. : 

Verschollene unter den Homo- 
sexuellen 901. 

Verstandigungsmittel 693. 

Verstiimmelung homosexu?llerLi- 
teratur 597. 

Vertraumtheit 115. 

Verwandten, Verbreitung der Ho- 
mosexualitat unter 242. 

Verwechslung von Finger und Pe- 
nis 938. 

Verzartelungstheorie 343. 

Vice allemand 20, 22. 

Viraginitat 30, 273. 

Virago 225. 

Virastas 281. 

Virginitat 93. 

Viriliores 273. 

Virilitat 353, 614. 

Visionismus 299, 304. 

Volksabstimmung 1006. 



Volk8aufklarungsschriftc*n974. 
Volksempfinden 817, 1001; s. a. 

Offenthche Meinung, Presse. 
Volksepen, finnische 636. 
Vorbeugungshypothese 392ff. 
Vorentwurf t* .o ff. 

buche. 
— , Kritik des 987 f. 
— Motivierung zum 986. 
Vorliebe fiir schonge'stige Facher 

116. 
Vorsichtsmafiregeln 239. 
Vorspiel der Liebe 192. 
Vorsteherdriise 366. 
Vorstellungskomplexe 213. 
Vorkampfer des Befreiungskamp- 

fes 950 ff. 
Voyeurs 269, 302, 697. 
— , Gucklocher fur 697. 

Walsche Hochzeit 20. 
Waffenbriiderschaften 610, 616. 
Waffenbiindnisse 609. 
Wahnideen 180. 
Waisenhauser 48. 
Wahrsagerinnen 669. 
Wandervogelbewegung 646. 
Wandinschrif ten 471. 
Wandschmuck (Diagnose) 65. 
Wahlbevorzugung 630. 
Wahrscheinlichkeitfediagnose 

123. 
Warmer Bruder 146; s. a. Schimpf- 

wort und Jargon. 
Wasserfahrten 697. 
VVeiberfeinde 218. 
Weiberkrankheit d. Szythen 745. 
Weiberscheu 219. 
Weibliche Prostituierte 329, 333; 

8. a. Prostitution. 
Weiblinge 273. 
Weihnachtsfeste 681; s. a. Ge- 

sellschaften. 
Weinkrampfe 175. 
Wettkampfe, dichterische 621. 
— , gymIli!^clle 750. 
Wesensveranderung 66. 
Widerstaudsfahigkeit, psvcLi- 

Che 935. 
Widernatiirliche Unzucht 35, 38, 

842 ff. 
Willen 162, 252. 
Willensbestimmung, freie (§ 51) 

13, 936; s. a. Begafe,chtung. 
VVillenskraft 336. 
Willensschwache 330. 



* Digitized by Google 



Sachregister. 



10^7 



Wissenschaftlich-humanitare 
Gesellschaft 546. 

— -humanitares Komitee 841, 933. 

— Komitees, Arbeit des 976 ff. 

, Griindung des 973. 

Komitee in Holland 532. 

, Organisation des 975. 

Wohnung 165. 
Wiistlingstlieorie 330. 
Wumsbater 219. 



Yankee -Heiland 551. 
Young men's christian association 
552. 

Z. 

Zahnung 243. 
„Zastri€ren" 26. 
Zauberspriiche, indische 601. 
Zeichensprache 693. 
Zendavesta 819. 
Zentralnervensystem 42, 115, 

385. 
Zeugenaussagen 163. 
Zeugeneid 896. 
Zeugnisverweigerung 896. 
Zeugungsfahigkeit 96. 
Zimmereinricntung (Diagn.) 66. 



Zirkel, homosexuelle 678; s. a. 

Vereine, Klubs, Gesellschaften. 
Zirkumzision 300; s. a. Beschnei- 

dung*. 
Zivilisation und Entartung 384. 
Zolibat 418. 
Zolibatare 529. 
Zoologische Garten 634; s. a. 

Tierreich. 
Zoophilie 260, 961. 
Ziicntbarkeit der Homosexualitat 

335. 
Zunahme der Homosexuellen 525. 
ZungenkuC 292. 

Zuhalter 16, 725, 727; s. a. Pro- 
stitution. 
Zuhalterinnen weiblicher Prosti- 

tuierter 728. 
Zusammengehorigkeitsgefiihl 

108. 
Zusammenschlafen 245. • 
Zwangsarbeit 503. 
Zwangsideen homosexuellen In- 

halts 213. 
Zwangsneurose •431. 
ZwangsvoTstellungen 345. 
Zwangszustande 339. 
Zwischenstufentypen 30, 320, 

360. 
Zwischenstufentheorie 348ff. 
Zwittertum 32, 297. 



Digitized by VjOOQIC 



Louis Marcus Verlagsbudihandlung in Berlin SW. 61 

Tempelhofer Ufer 7 



In obigem Verlage sind nachfolgende Werke erschienen: 

Friedlander, Dr.Martm, Die Krank- 
heitendermannlichenHarn- 

Organe, mt so Abbildungen. 
Preis broschiert M. 6.—, gebunden M. 7.—. 



Joire, Prof. Dr. paai, HandbucH des 
Hypnotismus. """^S^^l^^ 

Dr. med. O. v. Boltenstern, Berlin. 
Mit 44 Demonstrations-Abbildungen. Erste und 
zweite Auflage. Preis broschiert M. 8.—, ge- 
bunden M. 9.50. 



Marcus, j. Amtsgenchtsrat, Dhs dcut" 
sche Testament, insbeson- 
dere das Privat- und Not- 

fpQfamPnf ^'* zahlreichen Zeichnungen, 
IColdlllClll, Beispielen und Mustem. 
3. Auflage. Preis gebunden M. 3.—. 



Mliller, Prof. Dr. Robert, SCXUalbiO- 

1 f\ry\ p Vergleichend - entwicklungsgeschicht- 
ILI^IC* liche Studien iiber das Oeschlechts- 
leben des Menschen und der hoheren Tiere. Preis 
broschiert M. 6.—, gebunden M. 7.20. 



Digitized by VjOOQIC 



Louis Marcus Verlagsbudihandlung in Berlin SW. 61 

Tempelhofer Ufer 7 



SexBiilpsvclifllflglsche BiMloM 

Herausgeber 

Dp. med. Iwan Bloch 



Bd. I Die Memoiren des Grafen von Tilly I 
Bd. II Die Memoiren des Grafen von Tilly 11 
Bd. Ill Prostitution und Verbrechertum in Madrid 
Bd. IV Yoshiwara. Die Liebesstadt der Japaner 
Bd. V Das verbrecherische Weib 
Bd. VI Das Ende einer Gesellschaft 

(Neue Formen der Korruption in Paris.) 



lollitiBdii li tedi eleiailei Uidei zii Prelie loi Nh. 30r 

Gesawit'Umfang Bber 2400 SeitenI 



Digitized by VjOOQIC 




Digitized by VjOOQIC 




Digitized by VjOOQIC 




Druck: Sichsische Maschinensatz-Druckerei, Q. m. b'. H., Werdau I. S. 



Digitized by 



Google V* 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC